Mitten im Kulturkampf


Unabhängig von der Sprache, die ein Computer zu sprechen gewöhnt ist (bei mir das Französische) wirft das Google-Suchwort „Kulturkampf“ immer dasselbe Ergebnis aus. Ganz oben steht (wie so häufig) der Verweis auf Wikipedia. Und dort findet man, was jeder einigermaßen Geschichtskundige auch erwartet hat: „Als Kulturkampf in Deutschland wird traditionell die Auseinandersetzung zwischen dem Königreich Preußen und später dem Deutschen Kaiserreich unter Reichskanzler Otto von Bismarck und der katholischen Kirche unter Papst Pius IX. bezeichnet“. Oder bei mir: „Le Kulturkampf, ou « combat pour la culture », est un conflit qui opposa le chancelier du Reich Otto von Bismarck à l’Église catholique et au Zentrum, le parti des catholiques allemands, entre 1871 et 1880“. „Kulturkampf“ ist also zu einem feststehenden Begriff geworden, der sogar von anderen Sprachen übernommen wurde. Er bezieht sich eindeutig auf eine ganz bestimmte Epoche, in der der „Eiserne Kanzler“ – als einziger Kanzler in der deutschen Geschichte – zumindest den Versuch unternahm, die Macht der katholischen Kirche zu begrenzen: „Beim Kulturkampf ging es sachlich um die Durchsetzung einer liberalen Politik, die eine Trennung von Kirche und Staat vorsah und entsprechend sich zum Beispiel für die Einführung der Zivilehe einsetzte. Dies rief den Widerstand religiöser Kräfte hervor, die überwiegend der katholischen Kirche angehörten. Diese setzten sich für den Einfluss des Religiösen in Öffentlichkeit und Politik sowie den Primat von Kirche und Religion über Staat und Wissenschaft ein.“ Man könnte bei Wikipedia anfügen. Sie versucht es bis auf den heutigen Tag mit unverminderter Brachialgewalt. Viel mehr als die „Zivilehe“ ist von den Bismarckschen Bemühungen nicht geblieben. Wo immer die katholische Kirche auch nur einen winzigen Fetzen an Terrain verliert, setzt sie umgehend alle Hebel in Bewegung, ihn sich zurückzuholen.

Und nun lese ich die Überschrift „Mitten im Kulturkampf“ in der katholischen Postille kath.net und gebe mich eine knappe Sekunde lang der Hoffnung hin, endlich sei einmal wieder ein Politiker vom Format eines Bismarck am Werk, dem Machthunger der Kirchen eine Grenze zu setzen. Es ist natürlich töricht, sich auch nur den Bruchteil einer Sekunde solchen Träumen hinzugeben – sie zerplatzen unmittelbar wie eine überspannte Seifenblase.

Dem Autor des Artikels, Christof Gaspari, Betreiber der klerikalen Seite Vision2000.at  geht es um etwas völlig anderes, den andauernden Kampf Roms gegen Demokratie und Menschenrechte. Nach einer ausführlichen Würdigung des Mittelalters lässt er bei Erreichen der Aufklärung endlich die Katze aus dem Sack.

Aus der berechtigten Kritik an Missständen war eine geistige Revolution geworden, die alles auf den Kopf stellte: An die Stelle Gottes als Gesetzgeber tritt der Mensch, von dem Jean Jacques Rousseau postuliert, er sei von Natur aus gut.

Er weiß selbstverständlich, dass er statt „Gott“ hätte sagen müssen: „An die Stelle der Priesterkaste als Gesetzgeber tritt der Mensch“, denn wo hätte ein Gott jemals ein Gesetz erlassen? Es hört sich nur sich so überzeugend an, und jedermann wäre auf Anhieb klar, worum es wirklich geht. Doch das Demokratie-Bashing nimmt nun ungebremst seinen Lauf:

In diesen wenigen Sätzen sind bereits die Weichen hin zu allen Totalitarismen der folgenden Jahrhunderte gestellt: der Mensch als höchste Instanz. Man ist an die Verheißungen des Widersachers im Paradies erinnert: Ihr werdet sein wie Gott.

Der Apfel der Erkenntnis kann solchen Kirchen-Apologeten natürlich nicht schmecken, weshalb auch gleich – als zweithöchste Autorität nach seinem Gott – der Herr Ratzinger zu Wort kommt: „Das implizite Ziel aller modernen Freiheitsbewegungen ist es, endlich wie ein Gott zu sein, von nichts und niemandem abhängig, durch keine fremde Freiheit in der eigenen beschränkt.“ Damit sei das Bild einer Göttlichkeit errichtet, die rein egoistisch ist, erklärt Ratzinger, „ein Götze, ja, das Bild dessen, was die christliche Überlieferung den Teufel – den Gegengott – nennen würde…“
Damit deklariert der apostolische Oberhirte, der nun im September vor Demokraten im Bundestag predigen darf, individuelle Freiheit, Menschenrechte und Demokratie explizit als Teufelswerk. Wundert es da noch irgendjemanden, dass der Heilige Stuhl sich beharrlich weigert, die entsprechenden Menschenrechtskonventionen zu unterzeichnen? Nur in Berlin scheint man solche Hetzreden des Herrn Papstes (in „Ohne Wurzeln – Der Relativismus und die Krise der europäischen Kultur“) nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen: „So hat in Europa einerseits das Christentum seine wirksamste Gestaltwerdung erlebt, aber zugleich ist in Europa eine Kultur gewachsen, die den radikalsten Widerspruch nicht nur gegen das Christentum, sondern gegen die religiösen und moralischen Traditionen der Menschheit überhaupt darstellt.“ Da ist sie wieder, die Moralkeule, für die die Kirche meint, einen Alleinvertretungsanspruch zu haben. Die Erklärung der OIC (Organisation of Islamic Countries) zu den Menschenrechten liest sich mit ihrem Scharia-Vorbehalt nicht anders. Auf den Punkt gebracht: Demokratie steht in krassem Gegensatz zum „göttlichen“ Gebot.

Lassen wir Jean Meslier (einen Priester im Dienst der französischen Revolution) zu Worte kommen: „Alles, was Euch Eure Priester und Eure Doktoren so beredsam über die Größe, das Vortreffliche und das Heilige der Mysterien predigen, … ist im Grund nichts als Illusionen, Lügen, Vorspiegelungen und Betrug, zuerst zu politischen Zwecken erfunden, dann von Verführern und Heuchlern fortgesetzt und von unwissenden, groben Völkern empfangen und blind geglaubt.“ Der Satz gilt auch heute noch, ohne den geringsten Abstrich vornehmen zu müssen.
Christof Gaspari, der Autor des Artikels lässt uns lange im Ungewissen, wo er denn nun – dem klassischen Beispiel des ersten deutschen Kanzlers folgend – so etwas wie einen „Kulturkampf“ ausmacht.

Wir stehen mitten in diesem Kulturkampf. Obwohl er nicht mit Waffen ausgefochten wird, nimmt er an Intensität zu, denn die Gottlosigkeit ist mittlerweile zur Staatsreligion geworden. Daher schreitet sie im öffentlichen Raum voran. Wesentliche, christlich geprägte Werte werden mit scheinbar menschenfreundlichen Gesetzen und im Namen der Menschenrechte unterlaufen: das Lebensrecht des ungeborenen Kindes wird dem Selbstbestimmungsrecht der Frau geopfert, die Gestalt der Familie dem Diskriminierungsverbot gegenüber Homosexuellen, das Erziehungsrecht der Eltern gesundheitspolitischen Verpflichtungen des Staates.

Ohne fixen, transzendenten Bezugspunkt erweisen sich die Menschenrechte als Blendwerke, die je nach Nützlichkeit so oder so zum Zuge kommen.
Man muss schon seltsam geformte Antennen haben, um ein Fortschreiten der Gottlosigkeit im öffentlichen Raum empfangen zu wollen. Das Gegenteil ist doch viel richtiger. In alles und jedes mischt sich Rom ein, selbst wenn es um so glaubensferne Bereiche wie die Atomkraft geht. Ich zitiere dazu aus einem Interview mit Alan Posner:

Man sieht es bei der Atomdiskussion: Was macht die Kanzlerin? Sie beruft eine Ethikkommission ein, in der prompt schon wieder zwei Vertreter der katholischen Kirche sitzen. Hallo! Was verstehen die denn von Ethik? Was verstehen die Knabenfummler – Entschuldigung, dass ich das jetzt mal so sage -, von Ethik? Wieso haben die einen besonderen Zugang zu Ethik? Die ganze Vorstellung, dass die Kirchen, egal, ob es der Islam ist, ob evangelische oder katholische Kirche, Hinduismus, Buddhismus, in besonderer Weise für irgendein Thema einen höheren ethischen Standard hätten, als irgendjemand der im Parlament sitzt, das ist eine Zumutung. Und in dieser Weise ist dieser Papst als Vertreter einer schlagkräftigen starken, international aufgestellten und durch ihn ideologisch vereinheitlichten Organisation, immer noch gefährlich, weil er die Demokratie innerhalb der katholischen Kirche weitgehend ausgeschaltet hat und nach wie vor Ambitionen auf Europa und die Veränderung der Verhältnisse hier hat. Er hat die Idee nicht aufgegeben, dass Europa neu missioniert werden könnte, im Gegenteil, er hat dafür extra ein neues Amt geschaffen.

Das ganze Interview ist im hpd-podcast 2011-04 zu hören. (34 Minuten).

Wenn man also überhaupt von Kulturkampf sprechen möchte, dann doch wohl in dem Sinne, dass der Säkularismus bekämpft und niedergemacht werden soll. In der Politik findet sich bedauerlicherweise niemand, der sich der in seiner Verdrehung von Tatsachen äußernden kirchlichen Niedertracht in den Weg stellen könnte.
Zornbebend kann man nur noch mit Voltaire sagen: „Ecrasez l’infâme!“ (Zerschmettert die Niederträchtige).

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Konsumsucht


FranzlDarüber schrieb am 4.12.2019 Jan Weber auf https://hpd.de/:

Chef des reichsten Weltkonzerns beschwert sich über "Konsumsucht"

Der Oberste Vorsitzende eines undemokratischen und wegen millionenfacher Missbrauchsfälle im Rampenlicht stehenden Unternehmens warnte dieser Tage vor zu viel Konsum. Das mutet seltsam an, hat der weltumspannende Konzern doch allein in Deutschland ein geschätztes Vermögen von mehr als 200 Milliarden Euro.

Der Herr Franziskus sprach laut Stern davon, dass die Unzufriedenheit, die Wut und der Hass vor allem dort steige, wo "der Konsumismus herrsche". Nun, man kann von einem Mann, der in einer längst vergangenen (doch leider noch nicht vergessenen) Welt lebt, nicht erwarten, dass er Zusammenhänge begreift. Aber nach allen wissenschaftlichen Erkenntnissen ist die Kriminalität dort am stärksten, wo auch die Armut am heftigsten ist. Also stimmt so ziemlich genau das Gegenteil von dem, was der Pontifex da von sich gab.

Für Herrn Franziskus sei das, was "das Herz betäubt": nämlich vom Konsum abhängig zu sein, die wahre Gefahr. Nicht die öffentlich gewordenen und die vertuschten Verbrechen seiner Mitarbeiter und Untergebenen an Kindern und anderen hilflosen Menschen, nicht die sinnfreien Heilsversprechungen seines eigenen Großkonzerns und schon gar nicht das Anhäufen von unermesslichem Reichtum für den eigenen Glaubenskonzern sei gefährlich. Gott bewahre! Nein! Selbstverständlich nicht!

Nur die "Konsumsucht in der Vorweihnachtszeit" sei die wahre Gefahr (und in seinem Denken vermutlich vom Teufel geleitet). Denn wisse: Geld, das man für Geschenke – ob sinnvoll oder nicht – ausgibt, kann man nicht mehr in den Klingelbeutel der ach so armen gebeutelten Kirche werfen.

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




Jesus ohne Kitsch


JesusWEIMAR. (fgw) Es war befürchtet worden, daß nach dem Verkauf des Tectum-Verlages durch Heinz-Werner Kubitza in diesem keine religions- bzw. kirchenkritischen Werke mehr erscheinen könnten. Mit dem aktuellen Buch aus Kubitzas Feder („Jesus ohne Kitsch“) werden die Zweifler jedoch eines Besseren belehrt.

 

Und wie lautet das Fazit dieses überaus gut zu lesenden und verständlichen Buches? Hier gleich zu Beginn Kubitzas abschließende und zusammenfassende Zeilen:

 

„Wir werden es vermutlich nie erfahren, und eigentlich ist es auch bedeutungslos, warum genau ein religiöser Phantast vor 2000 Jahren letztlich den Tod gefunden hat. Wichtig für uns heute ist es jedoch zu erkennen, daß man die naive Jesus-Verherrlichung, den ganzen religiösen und nichtreligiösen Jesuskitsch endlich als solchen erkennen sollte. Jesus hatte kein Wort für uns. Unsere modernen Werte wiegen mehr als die kruden Vorstellungen antiker Wanderprediger oder irgendwelche Verse in irgendwelchen heiligen Schriften. Die Welt braucht bessere Vorbilder als selbsternannte Propheten. Jesus ist die am meisten überschätzte Person der Weltgeschichte." (S. 248)

 

Wenn es denn diesen „Jesus" überhaupt gegeben hat! Und wenn, dann dürfte sein Name, als aramäisch-sprachiger Jude, wohl Jeschua gelautet haben. Seine angeblichen Taten und Sprüche dürften auch wohl nur den Wert haben, wie die des sprichwörtlichen Hodscha Nasreddin…

 

Kirchenkritiker Kubitza, der ja promovierter Theologe – und daher bibelfest – ist, unterstellt in all seinen Büchern, daß es einen „historischen" Jesus gegeben habe. Dieser habe allerdings mit dem „Jesus der Kirche" nichts gemein… Daher seine These vom Jesus-Kitsch der christlichen Kirchen.

 

Wie die vielen „liberalen" evangelischen Theologen, die als „Neutestamentler" bezeichnet werden, hat auch Kubitza die einzelnen Texte des sogenannten Neuen Testamentes zur Grundlage seiner kirchen- und religionskritischen Arbeiten genommen. Woraus aber beide Seiten schließen, daß trotz aller späteren Bearbeitungen doch etwa fünf bis zehn Prozent der Aussagen in den Evangelien originäre Jesus-Worte sein sollen, ergründet sich dem nüchternen Betrachter des Themas aber nicht.

 

Denn ein Jeschua resp. Jesus hat kein einziges schriftliches Zeugnis aus eigener Feder hinterlassen. Und die Texte, die von seinem angeblichen Wirken künden, sind erst Jahrzehnte nach dem behaupteten Anlaß niedergeschrieben worden. Aus der bewußten Zeit selbst gibt es kein einziges authentisches Dokument, daß irgendetwas von all dem zu belegen vermag. Und die späteren Evangelien können höchstens vom Hörensagen her verfaßt worden sein. Aber selbst aus heutiger Zeit ist ja bekannt, wie sich „Geschichten" (Gerüchte) durchs Weiterzählen in nur wenigen Tagen total wandeln können. Wie also können Zitate des Jesus (z.B. sogenannte Bergpredigt) authentisch sein, wenn niemand diese mitgeschrieben hat? Aber lassen wir Kubitza doch ruhig von solchen Prämissen wie die der rührigen, scheinbar kritischen, Neutestamentler ausgehen. Während diese nur retten wollen, was zu retten ist, geht es Kubitza aber um Aufklärung und Humanismus.

 

Kubitza ist zwar auch Theologe, aber in erster Linie dennoch ein akribisch wissenschaftlich arbeitender Publizist. Daher analysiert er alle Texte des „Neuen Testamentes" eingehend, stellt diese vergleichend einander gegenüber und kann allein schon dadurch -zig Ungereimtheiten und Widersprüche herausstellen. All seine Schlußfolgerungen, siehe oben stehendes Fazit, beruhen auf dieser Quellenanalyse. Und er stellt darüber hinaus – gerade das ist wichtig und notwendig – das behauptete biblische Geschehen der tatsächlich überlieferten Geschichte und den politisch-religiösen Verhältnissen in der römischen Provinz Palästina gegenüber.

 

Was gerade beim jüngsten Kubitza-Buch festzustellen ist: Es richtet sich weniger an „Gläubige" oder formale Noch-Mitglieder der Kirchen. Nein, es ist – wohl auch daher ist die Rede vom Jesus-Kitsch, an kirchenferne Mensche gerichtetn. An Menschen, die trotzdem den seit Jahrhunderten – insbesondere auch medial und politisch – propagierten „Kitsch" verinnerlicht haben. Und für die „Jesus" eine Lichtgestalt ohne Fehl und Tadel ist: Jesus als Pazifist, Jesus als erster Feminist und Tierrechtler, Jesus als DER Ethiker überhaupt und sogar Jesus als erster Sozialist…

 

Was stimmt von all den, insbesondere heute, in diese Figur hineininterpretierten Behauptungen oder ist wenigsten halbwegs stimmig? Welche seiner vorgeblichen Botschaften machen den Kern seiner Verkündigungen aus? Welche von diesen sind eingetroffen? Worin bestanden seine Irrtümer?

 

Kubitza wendet sich in diesem Buch sowohl den heutigen wohlfeilen „Interpretationen" als auch den oben gestellten Fragen zu, gegliedert in zehn unterschiedlich lange Kapitel. Auf alle diese kann hier leider nicht gleichermaßen ausführlich eingegangen werden. Wobei zumeist schon die Überschriften für deren Inhalt und Aussage sprechen.

 

 

Ein Gottesreich, das nie gekommen ist

Eigentlich ist in Kubitzas Vorwort bereits alles gesagt. Aber dieser Extrakt dürfte wohl die wenigsten Jesus-Verehrer aller Couleur überzeugen und noch nicht einmal zum Nachdenken anregen. Also geht der Autor danach ins Detail.

 

So schreibt er, mit Blick auf jene Jesus-Gläubigen und -Verklärer:

 

„Wenn man eine Umfrage machen würde, was denn die zentrale Lehre [des] Jesus gewesen sei, würden uns die meisten Menschen spontan die 'Liebe', die 'Nächstenliebe' oder die 'Feindesliebe' nennen. (…) Wie sollte also Jesus etwas anderes verkündet haben als die Liebe?

 

 

Doch hier ist man bereits einem klarem Irrtum aufgesessen. Der Hauptinhalt der Verkündung Jesus' war keineswegs die Liebe, sondern das 'Reich Gottes'" (S. 9)

 

Gemeint ist damit der seinerzeit in der jüdischen Welt grassierende Wahn vom bevorstehenden Ende der Welt und der Errichtung des Reiches Gottes bereits auf Erden. Jesus war aner nicht einmal der erste religiöse Eiferer, der von diesem Wahn besessen war und das kommende Ende der Welt bereits zu seinen Lebzeiten erwartete. Und so lebte und wirkte er in „Endzeitstimmung", wie so viele christliche Sekten sogar im Hier und Heute.

 

Heinz-Werner Kubitza faßt zusammen:

 

„Nun ist es für das Verständnis und die geistesgeschichtliche Einrodnung dieses Jesus aus Nazareth ungemein wichtig, sich klarzumachen, daß sich Jesus, dem die Kirche später u.a. Allwissenheit zuschreiben wird, sich schlicht und einfach geirrt hat. Kein Gott stieg vom Himmel herab, keine Feinde wurden vertrieben, kein Reich der Gerechtigkeit ausgerufen. Wie andere religiöse Phantasten ist auch Jesus einem damals weit verbreiteten Aberglauben aufgesessen, und offenbar war dieser Aberglaube bei ihm besonders stark ausgeprägt. (…)

 

 

Man muß Jesus wohl in erster Linie nicht als großen Menschenfreund, sondern als apokalyptischen Schwärmer verstehen." (S. 13)

 

Kurz geht Kubitza auch auf die Frage ein, ob ein solcher Jesus überhaupt gelebt habe, ob er nur eine literarische Figur späterer Autoren sei oder ob sich in diesem Jesus vielleicht sogar mehrere Endzeitprediger jener Zeit widerspiegeln könnten. Aber um diese Frage geht es Kubitza weniger, sondern darum, was „christliche" Kirchenväter aus „Jesus" gemacht haben.

 

Deshalb vertieft er seine Jesus-Betrachtungen in einem weiteren Kapitel mit der Überschrift „Jesus als Schüler eines Extremisten" – gemeint ist damit „Johannes der Täufer". Das nächste Kapitel ist überschrieben mit „Ein ungebildeter Prophet".

 

In diesen heißt es u.a.:

 

„Konnte Jesus überhaupt lesen und schreiben? Allein die Frage mag für Gläubige eine Zumutung sein, wo ihr Herr doch quasi als verborgener Gott in der Welt unterwegs ist. (…) Etwas Schriftliches hat Jesus jedenfalls nicht hinterlassen." (S. 29)

 

Sollte es diesen Jesus tatsächlich gegeben haben, so sei er in „einem kleinen und unbedeutenden Dorf mit wohl weniger als 400 Einwohnern" aufgewachsen. „Gab es dort eine Schule", fragt Kubitza rhetorisch… Und als Bauhandwerker habe er noch nicht einmal zur „Mittelschicht" gehört.

 

Kubitza referiert weiter, daß dieser Jesus als Dorfkind nur einen galiläischen Dialekt gesprochen habe. Und daß dies wie auch seine Nichtbildung der Grund sei, warum Jesus so lange nur in ziehmlich unbedeutenden Gegenden umhergezogen wäre und lediglich vor analphabetischen Fischern, Hirten und Bauern gepredigt habe. Dank eines wohl vorhandenen rhetorischen Talentes habe er bei diesen aber, salopp gesagt, Eindruck schinden können.

 

Hier kommt dann auch Kubitzas kongeniales Vermögen, Argumentation mit Ironie zu verbinden, erstmals zum Tragen:

 

„Was würde man heute von einem Propheten halten, der seine Reden vom Reich Gottes gemütlich schwäbelnd oder gar in sächsischem Idiom hält? (…)

 

 

Und ein Gott, der solches täte, hätte sich zweifellos verlaufen. Weil Namen wie Kapernaum und Nazareth, anders als Glauchau und Langenweisbach, so fremd und geheimnisvoll klingen, ist der Bibelleser von ihnen fasziniert. Zeitgenossen Jesus' dürften aber schon damals die Nase gerümpft haben, als sie hörten, der Prophet oder Messias komme aus Nazareth (Langenweisbach). (S. 34-35)

 

Ein sehr langes Kapitel ist „Jesus und seine(n) Wunder(n)" gewidmet. Auf dieses kann hier wegen der Themen- und Faktenfülle leider nicht tiefer eingegangen werden.

 

Wundertäter habe es schon immer gegeben, betont Kubitza. Und im Laufe der Zeit und der Legendenbildungen seien solche Wundertaten, also Wunderheilungen, immer weiter ausgeschmückt und zahlenmäßig ins Unermäßliche gesteigert worden. Wenn aber an den Überlieferungen via Evangelien etwas dran sei, dann habe sich dieser Jesus primär als Exorzist verstanden und betätigt:

 

„Daß Jesus magische Praktiken bei seinen Heilungen und Exorzismen verwendet hat, scheint einigermaßen sicher. Seine hellseherischen Fähigkeiten sind ihm aber wohl erst durch die Überlieferung zugewachsen. (…) Seltsam nur (aber das fällt Gläubigen nicht auf), daß ein so weitsichtiger Gott nicht auch ein wenig mehr medizinisches Fachwissen zu bieten hat, sondern [höchst unappetitliche; SRK] Heilmethoden anwendet, die sich heute nicht einmal auf Esoterikmärkten finden." (S. 46-47)

 

In diesem Kapitel geht Kubitza auch tiefer auf den Gottesglauben jener Region und Zeit – aber eigentlich generell – ein, stellt Fragen zu dem Schweigen der Götter und ihren um so geschwätzigeren Propheten. Bereits vor dem eigentlichen Kapitel-Fazit schreibt Kubitza in seinem unnachahmlichen Stil:

 

„Nach Milliarden von Jahren der Entwicklung des Universums offenbart sich Gott endlich und ein einziges Mal, und dann sucht er sich dazu ausgerechnet eine trübe Gegend im Vorderen Orient aus? Warum nicht Rom, warum nicht Athen oder Korinth? [Warum nicht in Hochkulturen wie China, Indien oder bei den Maya, um dies mal global, universell zu betrachten? SKK] Wenn er seinen Sohn schon mit Rhetorik gesegnet hat, warum hat er ihn nicht auch ordentlich lesen und schreiben lernen lassen, damit er in der Lage ist, sein Wort, das ja später auch zu seinem eigenen erklärt wird, in Form und Inhalt tadellos rüberzubringen, wie sich das für einen Gott gehört? Warum hat er aus ihm nicht einen Philosophen gemacht? (…) Stattdessen muß der Sohn Gottes 28 von ca. 30 Jahren seines Lebens als Bauhandwerker arbeiten, um dann hoppla hopp umgebracht zu werden? Hätte man das nicht besser machen können? Hätte er seinem Sohn nicht ein paar Tipps mit auf den Weg geben können, damit dieser nicht ständig ein Reich ankündigt, das dann nicht kommen will? (…)

 

Angesichts dieser Mängel ist es auch für einen Gott besser, wenn er nicht existiert. Seine 'heilige Schrift' erklärt sich viel besser ohne ihn – er stünde dem Verständnis dessen, was Religionen sind und wollen, ohnehin nur im Weg." (S. 80-81)

 

 

Über Ethik und Moral des Jesus

Das zweite lange Kapitel beschäftigt sich mit der vorgeblichen Lichtgestalt des Jesus als Urheber von Ethik und Moral schlechthin – wie ja von christlichen Klerikern bis heute unverdrossen behauptet und unkritisch selbst von Menschen, die sich als aufgeklärt und/oder gar als Linke, als Sozialisten verstehen, nachgebetet.

 

Heinz-Werner Kubitza rät nicht nur, die Texte des sogenannten Neuen Testamentes selbst einmal genau(er) zu lesen und nicht bloß die wohlfeilen wenigen Stellen zur Kenntnis zu nehmen. Nein, er stellt gleich eingangs die eigentlich alles entscheidende Frage:

 

„Was würden Sie von einer Ethik halten, deren zentraler Satz lautet: 'Du sollst an Allah, den Allmächtigen glauben, und Du sollst Deine Mitmenschen lieben.' Sie wären irritiert, zumindest dann, wenn Sie kein Moslem sind. [Denn; SRK] Man kann doch nicht den Glauben an irgendeinen Gott zur Grundlage einer Ethik machen, meinen Sie? Doch genau das hat Jesus wie selbstverständlich getan." (S. 108)

 

Etwas später führt er aus:

 

„Religiöse Ethik ist deshalb immer provinzielle Ethik. Sie ist dadurch gänzlich ungeeignet für eine plurale und gobalisierte Welt. Die Ethik des Jesus ist (…) also in ihrem Kern eine rückständige Ethik. (…)

 

 

Revolutionär wäre es gewesen, hätte Jesus die Ethik von den Ketten der Religion befreit. Aber das hieße wohl zu zuviel zu erwarten von einem, der seinen Gott und dessen kommende Herrschaft ganz in den Mittelpunkt seines Denkens, oder besser Glaubens, gestellt hat. Jesus blieb ganz innerhalb der engen Mauern seiner religiösen [=jüdischen; SRK] Sozialisation. Die Welt kam ihm nicht wirklich in den Blick." (S. 109)

 

Hinzuzufügen wäre, daß das Weltbild eines Jesus, wie das seiner dortigen Zeitgenossen, nur einen winzigen Teil der Welt, also unseres Erdballes, ausmachte…

 

Kubitza geht im weiteren überaus detailliert auf die sogenannte „christliche Nächstenliebe" ein. Und auch darauf, was die diversen Christen-Menschen sich ganz nach individuellem Gusto aus diesem vorgeblichen Ethiker Jesus gemacht haben und immer noch machen. Wenn diese die biblischen Texte wirklich lesen würden, wären sie mehr als schockiert. Denn der sich darin widerspiegelnde Jesus stand weder für die Sklavenbefreiung oder die Emanzipation der Frau noch für Friedfertigkeit oder Toleranz und erst recht nicht für selbständiges Denken.

 

Er zieht eine Zwischenbilanz:

 

„Für Jesus war es offenbar schwer vorstellbar, daß man eine gute Tat nur um ihrer selbst willen vollbringt. Daß man anderen Menschen hilft, nur weil andere Menschen Hilfe brauchen. Ohne zu fragen, was man selbst denn davon hat. (…)

 

 

Die Ethik Jesus' kann man also keineswegs als altruistisch bezeichnen. Sie ist im Gegenteil durch einen Heilsegoismus gekennzeichnet. Das arme Gegenüber, der Kranke und Leidende, ist nur Mittel zum Zweck. Die Hilfe für ihn erfolgt nur vordergründig selbstlos, im Hintergrund aber aus Berechnung und Kalkül." (S. 137)

 

Heutzutage kann man solches Kalkül konkreter benennen: als steuersparendes PR-Instrument vor allem zugunsten des „Wohltätigen" selbst und damit gesellschaftlich auch alles so bleibt, wie es -gottgegeben- sei. Und als Gegensatz zum Solidaritätsprinzip.

 

Kubitza geht ferner auf die Verfluchungen, also das sippenhafte Bedrohen mit Tod und Feuer derjenigen ein, die dem Propheten Jesus nicht folgen wollen.

 

Und bedingt gelesen werden sollte der Abschnitt über „Jesus und die Frauen". Hierzu hat Kubitza u.a. dies notiert:

 

„Wie hat es Jesus mit den Frauen gehalten? Hier hat vor allem die sogenannte Feministische Theologie viel Kitsch ins Jesusbild hineingetragen. Sie hat Jesus als 'neuen Mann' gesehen, der die patriarchalischen Rollenmuster sprengt, als Frauenbefreier, ja geradezu als Feminist.

 

Der feministische Jesus ist ein schönes Beispiel dafür, wie ein gutgemeintes Wunschbild an die Evangelien herangetragen wird, wo man es, wenn man lange genug sucht, auch irgendwann findet.

 

Auf ähnliche Weise mußte Jesus in neuerer Zeit schon für die Friedensbewegung, die Befreiungstheologie oder die Ökologiebewegung herhalten…" (S. 153)

 

Frauen waren für diesen Jesus zweitrangig, siehe Eva als Ur-Sünderin. Sie waren aber immer gut genug, den vagabundierenden Wanderprediger und seine Meute (d.h. die allesamt männliche Jünger-Schar) beköstigend auszuhalten.

 

An anderer Stelle geht Kubitza dezidiert auf die angebliche urkommunistische Urgemeinde des Jesus ein, also auf Jesus als angeblich ersten Sozialisten. Aber Jesus und seine Jünger haben eben in keiner Weise gemeinsam und gleichberechtigt produziert und dieses untereinander verteilt. Nein, die haben angesichts des von ihnen schon bald erwarteten Weltuntergangs in religiöser Endzeitstimmung nur gemeinsam das verpraßt, was sie sich von Witwen und anderen manipulierten Menschen erschnorrt, ja ergaunert, hatten…

 

So hat Kubitza das nachstehende Kapitel auch folgerichtig mit „Jesus-Kitsch" überschrieben. Hier bringt er es voll auf den Punkt, wenn er betont:

 

„Es sind gerade die kitschigsten Stellen des Neuen Testaments, die für die Gläubigen die wertvollsten sind. (…) Denn aus ihnen holen sich fromme Christen die religiöse Wellness und das gute Gefühl, wie Esoteriker aus Räucherstäbchen und Ölmassagen. Religion scheint um so erfolgreicher zu sein, je kitschiger sie auftritt. (…) Gebildete Vertreter der Religion, zum Beispiel Professoren der Theologie oder Teile der kirchlichen Hierarchie, mögen es nicht so vulgär, sondern bemühen sich um ein 'vor der Welt vertretbares Gottesbild', das selbstverständlich auch 'interkulturell vermittelbar' sein sollte. (…) alles gerne vorgetragen in Verbindung mit theologischer Sprachakrobatik, meinen sie eine höhere Form der Religiosität erreicht zu haben, nun 'verantwortlich von Gott reden zu können'. (…) Sie waren weit besser als die biblischen Vorgaben, auf die sie sich aus Gründen der Tradition berufen müssen. Als wirklich phantasievolle Baumeister haben sie die morsche Hütte der biblischen Überlieferung mit prachtvollen Fassaden versehen. Dabei waren sie so geschickt, daß selbst kritische Zeitgenossen sich zuweilen überlegen, ob man nicht doch in diesen Bau einziehen sollte. Wer anders als Theologen kann schöner über Dinge reden, die es nicht gibt?" (S. 179)

 

Da hat Kubitza recht. Zu ergänzen wäre dies noch durch die Frage, warum diese „pantasievollen Theologen" genau das tun. Nun ja, ganz einfach: Um die Macht der Priesterkaste über Mensch, Gesellschaft und Staat zu erhalten, um ihr immenses Kirchenvermögen zu sichern. Und um erfolgreich oppositionelle Kräfte infiltrieren und „umdrehen" zu können. In den letzten Jahren sehr deutlich zu sehen bei der klerikalen Unterwanderung der Partei Die LINKE durch Theologen…

 

Informativ und argumentativ sind ebenfalls die weiteren kurzen Kapitel über die „Wahnideen Jesus' und der frühen Kirche' (wie z.B. den Geburtslegendenkitsch) und über den „Nachfolgewahn" seiner Jünger (wie z.B. beim Martyriumskitsch). Kubitza wendet sich ferner der Frage zu, ob dieser Jesus auch politisch gewesen sei – als Aufrührer gegen die römischen Besatzer.

 

Ja, dieses Buch sollte unbedingt in viele Hände kommen und aufmerksam gelesen werden. Am besten mit danebenliegender Bibel. Warum? Weil man dann selbst die von Kubitza zitierten und analysierten Stellen überprüfen kann.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Heinz-Werner Kubitza: Jesus ohne Kitsch. Irrtümer und Widersprüche eines Gottessohns. 262 S. Klappenbroschur. Tectum-Verlag. Baden-Baden 2019. 19,90 Euro. ISBN 978-3-8288-4339-4

 

http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/sachlich-argumentativ-und-mit-einem-guten-schuss-ironie/?fbclid=IwAR0tkw4I6Hcvw-itKhmEcHccyvvj5CPB24GqPtzmpPxi4NXDFtDsW-_wPoI


 
19.11.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 




Lafontaine meldet sich zu Wort


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Hier ein Text vom 2.12.2019 von der Homepage des Oskar Lafontaine:

"Die SPD muss jetzt mit dem Neoliberalismus brechen"
Oskar Lafontaine bei "Spiegel online" zur neuen Parteispitze der SPD

Oskar Lafontaine traut dem neuen Spitzenduo der SPD eine Rückkehr zu den sozialdemokratischen Wurzeln und eine Trendwende bei den Umfragen zu – allerdings nur ohne die Union.

Ein Interview von Kevin Hagen und Christian Teevs
SPIEGEL: Herr Lafontaine, die SPD rückt augenscheinlich nach links. Haben Sie 20 Jahre nach Ihrem Rückzug von der Parteispitze Ihr Ziel erreicht?
Oskar Lafontaine: Mein Ziel war es, das Abdriften der SPD in die neoliberale Pampa und ihren Absturz zu verhindern. Entscheidend ist jetzt, dass die SPD endlich die Konsequenzen daraus zieht, dass sie in den Umfragen nur noch bei 14 Prozent liegt. Sie muss jetzt mit dem Neoliberalismus brechen.

SPIEGEL: Was heißt das denn konkret? Was muss die neue Spitze aus Ihrer Sicht anders machen?
Lafontaine: Die Sozialdemokraten müssen den Sozialstaat wieder aufbauen, zur Friedenspolitik Willy Brandts zurückkehren und sich von der schwarzen Null verabschieden. Wegen letzterer hat Deutschland die Infrastruktur – Schulen, Krankenhäuser, Straßen und schnelle Netze – verrotten lassen.

SPIEGEL: Muss die SPD jetzt raus aus der Großen Koalition?
Lafontaine: Es geht nicht um die Große Koalition an sich. Aber die CDU will in den kommenden Jahren 35 Milliarden Euro mehr für das Militär ausgeben, Spitzenverdiener um weitere zehn Milliarden entlasten, die Unternehmenssteuern erneut senken und Annegret Kramp-Karrenbauer kündigt wieder Sozialabbau an, weil das soziale Sicherungssystem ihrer Ansicht nach "an die Grenzen des Machbaren und des Möglichen stößt". Wenn die SPD mit dieser Union noch länger zusammenarbeitet, wird sich ihr Niedergang fortsetzen.

SPIEGEL: Das Ergebnis ist knapp. Droht der SPD eine erneute Spaltung, diesmal von rechts?
Lafontaine: In der SPD gab es schon immer einen rechten und einen linken Flügel. Beide Seiten haben erklärt, dass sie zusammenarbeiten wollen. Das ist die einzige Möglichkeit, die Partei aus der Krise zu führen.

SPIEGEL: Wenn sich die SPD so verändert, wie Sie es sich wünschen, wozu braucht es dann noch die Linkspartei? Wäre es nicht am besten, wenn beide Parteien fusionierten?
Lafontaine: Das halte ich für wünschenswert. Leider gibt es in beiden Parteien dafür nicht die Voraussetzungen.

SPIEGEL: Warum nicht?
Lafontaine: Es fehlt an einem gemeinsamen Programm und am Willen der führenden Politiker, eine Vereinigung zu organisieren.

SPIEGEL: Haben Sie persönlich eine Rückkehr zur SPD für sich vollends ausgeschlossen?
Lafontaine: Wenn die beiden Parteien wieder zusammenfinden, hat sich diese Frage erledigt.

SPIEGEL: Aber klar ist doch: Ihr Abgang hat den linken Flügel in der SPD geschwächt. Haben Sie Ihre Entscheidung von damals je bereut?
Lafontaine: Natürlich habe ich mich immer wieder gefragt, ob die Entscheidung richtig war. Aber jetzt muss man in die Zukunft blicken, das gilt auch für die SPD. Es geht heute um neue Themen. Nach der Enteignung der Arbeitnehmer durch zu niedrige Löhne und Renten und durch Sozialabbau erleben wir heute zusätzlich die Enteignung des Privatlebens durch die großen US-Internetkonzerne. Dadurch werden die Menschen manipuliert. Eigenständiges Denken wird erschwert und die Demokratie ausgehöhlt.

SPIEGEL: Altkanzler und Ex-SPD-Chef Gerhard Schröder ist auf Distanz zum neuen Führungsduo gegangen. Wie beurteilen Sie das?
Lafontaine: Es ist klar, dass Gerhard Schröder die Wahl von Esken und Walter-Borjans ablehnt. Er steht für den Bruch der SPD mit der sozialdemokratischen Politik und für ihre Öffnung zum Neoliberalismus. Das Resultat sind Wahlniederlagen und der Absturz von 40,9 auf 14 Prozent.




Bittere Niederlage für Steuergerechtigkeit


EuropaAussendung von Sven Giegold vom 28.11.2019:

Deutschland verhindert im EU-Ministerrat Mehrheit für Steuertransparenz von Großunternehmen

Die Steuerzahlungen von Großunternehmen werden vorerst nicht transparenter. Die EU Mitgliedstaaten haben sich nach langem Ringen auch heute nicht auf einen gemeinsamen Standpunkt zur öffentlichen, länderbezogenen Steuerberichterstattung von Großunternehmen ("public country-by-country-reporting”) einigen können. Das Zustandekommen einer qualifizierten Mehrheit im EU-Ministerrat scheiterte an Deutschland, das wegen Uneinigkeit in der Bundesregierung sich als einziges großes Mitgliedsland bei der Abstimmung enthielt.

Als Antwort auf den Skandal um die Panama Papers hatte die EU-Kommission bereits im April 2016 den entsprechenden Gesetzesvorschlag eingebracht. Das Europäische Parlament hatte im Juli 2017 seine Position festgelegt. Ohne gemeinsamen Standpunkt des Rates der Mitgliedstaaten jedoch können die Verhandlungen um den finalen Gesetzestext nicht beginnen. Der Gesetzesvorschlag der EU-Kommission hängt damit weiter in der Schwebe.

Dazu erklärt Sven Giegold, Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Europäischen Parlament:
"Das ist ein ganz bitterer Tag für die Steuergerechtigkeit. Die Bundesregierung hat an der Seiten von Steueroasen mehr Steuergerechtigkeit in Europa verhindert. Peter Altmaier und die Union haben mit ihrer Blockade den Kampf gegen Steuervermeidung in ganz Europa ausgebremst. Mit Steuertransparenz pro Geschäftsland hätte Europa dem Verschieben von Gewinnen in Steueroasen faktisch einen Riegel vorgeschoben. Eines der wirksamsten Instrumente gegen Steuervermeidung wurde abgelehnt. Dass sich Deutschland als einziges großes Land enthalten hat, ist besonders blamabel. Die Union stellt sich gegen fairen Wettbewerb zwischen dem Mittelstand und Großunternehmen. Der Widerstand gegen Steuertransparenz von Großunternehmen untergräbt die soziale Marktwirtschaft. Durch die Steuervermeidung großer Unternehmen verlieren die europäischen Steuerzahler jedes Jahr Milliarden. Mit öffentlicher Steuertransparenz hätte das endlich aufhören können. Der Kampf von uns Grünen und vieler Aktivisten für mehr Steuergerechtigkeit wird nicht vergehen. Europa bleibt unser bester Hebel gegen globales Steuerdumping.”

Abstimmungsverhalten bei der Sitzung des Rates für Wettbewerbsfähigkeit
Dafür: Spanien, Dänemark, Italien, Niederlande, Rumänien, Belgien, Frankreich, Portugal, Griechenland, Litauen, Slowakei, Polen, Bulgarien
Enthaltung: Deutschland
Dagegen: Luxemburg, Lettland, Slowenien, Zypern, Irland, Estland, Österreich, Schweden, Tschechien, Ungarn, Malta, Kroatien

 




Wenn es IHN nicht gäbe…


– Gott zum Gruße, Merkwürden. Was spricht dafür, dass es ihn gibt?
– Alles, mein Sohn.
– Gewiss bin ich zweier Menschen Sohn, nichts spricht indes dafür, dass Ihr einer davon seid. Aber zur Sache: Eure Antwort scheint mir ein wenig allgemein. Ich könnte entgegnen: Wenn alles für seine Existenz spricht, spricht letztlich nichts dafür. Ich fürchte, so kommen wir nicht weiter.
– Du armseliger Wicht in deiner religiösen Unmusikalität verlangst nach Beispielen? Bitte sehr: Ohne Gott gäbe es keine Moral. Wir wüssten nicht, was Gut und Böse ist.
– Wissen wir das denn?
– Was für eine Zukunft hätte unsere Seele ohne Gott? Ohne die verheißene Unsterblichkeit verschwände sie mit dem Dahinscheiden unseres Körpers.
– Himmel oder Hölle – welch Alternative!
– Wo wäre unsere eigene Schöpferkraft ohne die Inspiration des Schöpfers? Woher käme die Kreativität eines Botticelli, eines Michelangelo, eines Beethoven, Mozart …
– … John Lennon …
– … meinetwegen auch dessen. Wir können sie nur als göttlichen Ursprungs erklären.
– Fehlt es mir deshalb an Talent?
– Ohne Gott hätte unser Leben doch gar keinen Sinn.
– Welchen hat es denn?
– Das Wahre und Gute, letztlich Gott selbst zu erkennen, diese Fähigkeit macht doch die wahre Natur des Menschen aus, wie es unser Heiliger Vater so trefflich formulierte.
– Der Mensch braucht Gott, um Gott zu erkennen? Sowas nenn ich Tautologie. Sagen wir’s einfacher: Der Mensch ist, dank seines fabelhaften Gehirns, als einziges Tier in der Lage, sich Götter auszudenken.
– Pfui Deibel. Dich sollte man …
– … auf den Scheiterhaufen?
– Geht ja leider nicht mehr. Aber du bist ein treffendes Beispiel: Wie sollte man die Menschen überhaupt lenken und leiten ohne den gemeinschafts- und sinnstiftenden Glauben an Gott!
– Bis zur Selbstaufgabe?
– Wenn jeder selber anfängt zu denken, wo kommen wir denn hin?!
– In die Selbstbestimmung?
– Verstehst du denn nicht, wir brauchen IHN einfach! Gäbe es IHN nicht …
… müsste man ihn glatt erfinden! Keine weiteren Fragen, Euer Merkwürden.

 

Original: http://dubiator.wordpress.com/2013/01/09/wenn-es-ihn-nicht-gabe/#more-1106

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Die künstlerische steht über der religiösen Freiheit


Eure GewaltRadio Prag international meldete am 20.11.2019:
"Das Nationaltheater Brno / Brünn und das Brünner Zentrum für Experimental-Theater (CED) müssen sich bei dem Prager Erzbischof Kardinal Dominik Duka wegen der Aufführung von zwei umstrittenen Stücken nicht entschuldigen. Dieses Urteil des Stadtgerichts Brünn wurde am Mittwoch vom Kreisgericht in Brno / Brünn bestätigt. Die Kläger kündigten an, beim Obersten Gericht in Berufung zu gehen. Kardinal Dominik Duka sieht seine religiösen Gefühle durch die Theaterstücke 'Der Fluch' und 'Eure Gewalt, unsere Gewalt' des kroatischen Regisseurs Oliver Frljić weiterhin verletzt.
'Unsere Gewalt, eure Gewalt' thematisiert unter anderem die Beziehung des Westens zum Nahen Osten. Gegen die Inszenierung hatten auch christliche Aktivisten protestiert, weil in einer Szene Jesus eine Muslimin vergewaltigt."

Am 22.11. hatte sich das christliche Medienmagazin PRO dazu gemeldet und dazu einleitend in ihrem Bericht geschrieben: "In seinem Stück 'Unsere Gewalt, eure Gewalt' vergewaltigt Jesus eine Muslima. Der Prager Kardinal Dominik Duka wollte das so nicht hinnehmen und klagte gegen die Inszenierung. Das Gericht urteilte, dass die künstlerische Freiheit über der Religionsfreiheit steht."

Die SÜDDEUTSCHE zitierte am 21.11. aus dem Urteil: "Wenn das das Potenzial hat, zur Debatte über Themen von öffentlichem Interesse beizutragen, ist es rechtlich zulässig; selbst wenn ein Teil der Gläubigen dafür ein gewisses Opfer bringen muss. Derlei muss in einer demokratischen Gesellschaft ertragen werden".

Am 25.11. kreisten dann diese Meldungen durchs Net, darum heute ein paar atheistische Zeilen dazu:

Als religionsfreiestes Land Europas spielen in Tschechien Religionen keine spezielle Rolle und haben darum auch keine rechtlichen Privilegien, ein Verbot für die Beleidigung religiöser Gefühle gibt's dort nicht.

In Österreich haben wir ja immer noch eine Art Inquisitionsparagraphen im Strafgesetzbuch, denn der §188 des Strafgesetzbuches lautet: "Herabwürdigung religiöser Lehren – Wer öffentlich eine Person oder eine Sache, die den Gegenstand der Verehrung einer im Inland bestehenden Kirche oder Religionsgesellschaft bildet, oder eine Glaubenslehre, einen gesetzlich zulässigen Brauch oder eine gesetzlich zulässige Einrichtung einer solchen Kirche oder Religionsgesellschaft unter Umständen herabwürdigt oder verspottet, unter denen sein Verhalten geeignet ist, berechtigtes Ärgernis zu erregen, ist mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen."

Für das oben angeführte Stück könnte man also in Österreich bis zu einem halben Jahr ins Häf'n wandern! Bis dieser Scheißparagraph abgeschafft wird, wie lange müssen wir da noch warten? Solange bis es – wie in Tschechien – auch in Österreich weniger als zehn Prozent Katholiken gibt? Das würde bei der jetzigen Rate des katholischen Mitgliederbestandsverlustes bis 2067 dauern!

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).

 




„Hitlers Mann im Vatikan – Bischof Alois Hudal“


Hitlers MannRezension von Gerfried Pongratz:

„Er träumte vom Großdeutschen Reich und widmete nach 1945 seine ganze ‚karitative Arbeit’ den früheren Anhängern des NS und Faschismus, besonders den ‚sogenannten Kriegsverbrechern’“. Der Historiker und Verlagslektor Johannes Sachslehner widmet sein neuestes Werk dem Leben und Wirken des „braunen Bischofs“ Alois Hudal und beleuchtet damit ein dunkles Kapitel in der Geschichte der katholischen Kirche, aber auch des generellen Umgangs mit der NS-Zeit in der Nachkriegsgeschichte.

 

Alois Hudal wurde als Kind slowenischer Eltern 1885 in Graz geboren. Er studierte Theologie und ging nach seiner Promotion und Priesterweihe an das deutsche Priesterkolleg Santa Maria dell’Anima in Rom, wo er eine zweite Promotion und eine Habilitation auf dem Gebiet des Alten Testaments erlangte. 1919 wurde er Professor für Altes Testament in Graz und ab 1923 Rektor des Priesterkollegs, das er zu einem geistigen Zentrum für deutsche Kleriker in Rom auszubauen suchte. Dabei lernte er Eugenio Pacelli kennen, den päpstlichen Nuntius für Deutschland und späteren Papst Pius XII, der ihn 1933 zum Bischof weihte. Neben zahlreichen anderen Ehrungen wurde Hudal vom Papst mit dem Ehrentitel „Päpstlicher Thronassistent“ ausgezeichnet; er starb 1963 in Rom, wo er begraben liegt.

 

Hudal war der „wahrscheinlich umstrittenste Würdenträger der modernen Kirchengeschichte“, von seinen Zeitgenossen wurde er als hochintelligenter, von ungeheurem Ehrgeiz getriebener, rastloser katholischer Aktivist, „Netzwerker“ und „karrieregeiler Außenseiter“ beschrieben. Er glaubte daran, „dass ein Volk (Anm.: das deutsche) in Europa dazu berufen ist, das geschichtliche, wirtschaftliche, politische und kulturelle Glück des Kontinents neu zu gestalten“. Seine manchmal auch offen zur Schau getragene Sehnsucht war, der Bewegung des „Führers“ anzugehören.

 

Der Autor beschreibt Hudals Werdegang, seine rhetorischen Talente, seine Ambitionen als junger Priesterpolitiker und – überaus prägend – seine Erfahrungen als Feldkurat im ersten Weltkrieg. Hudal entwickelte dabei eine „Theologie des Todes“; die Soldaten „stünden jetzt in der besonderen Nachfolge Christi, deswegen müssten sie bereit sein, ihr Leben für das Volk und Vaterland jederzeit hinzugeben“. „Wer den Tod am Schlachtfeld erleide, sterbe auch als Märtyrer des Glaubens – nach der Auferstehung sei der direkte Weg in den Himmel vorgegeben“.

 

Nach Kriegsende ereiferte sich Hudal über den „Schandfrieden“ und die „Bestialität“ der Sieger; sein besonderer Zorn galt der österreichischen Nachkriegsordnung, wobei er besonders über die „beiden böhmischen Juden bolschewistischer Prägung Dr. Bauer und Kautsky“ herzog. Aus dem Priester wurde ein antisemitischer Agitator, der die „Dolchstoß-Legende“ verbreitete und gegen „die vaterlandslosen Gesellen“ der Sozialdemokratie predigte; die junge Republik Österreich war für ihn ein von Juden und Bolschewiken gelenkter Staat, den er nicht als Heimat anerkennen wollte.

 

Als Rektor der „Anima“ in Rom kann Hudal am österreichischen Konkordatstext mitarbeiten, der ab 1934 mit Regelungen zur Schule und zum Eherecht der Kirche maßgeblichen Einfluss auf die Gesellschaft sichert. Nach der NS Machtergreifung in Deutschland und 1938 in Österreich ist es Hudals Bestreben, die Kirche als Partner für die Nazis hoffähig zu machen; sein Buch „Die Grundlagen des Nationalsozialismus“ enthält ein politisches Bekenntnis zu „Großdeutschland“ und soll dazu dienen, den Katholizismus mit dem Nationalsozialismus zu versöhnen. Als Vision schwebt ihm ein „christlicher Nationalsozialismus“ vor; ein Buchexemplar geht an Hitler mit der Widmung: „Dem Führer der großdeutschen Erhebung, dem Siegfried deutscher Hoffnung und Größe Adolf Hitler“. Hudal hofft, Hitler zu einer Änderung der repressiven NS-Kirchenpolitik zu bewegen; die Ablehnung des Buches durch die Machthaber, vor allem durch Goebbels, aber auch durch den Vatikan, trifft Hudal als „Enttäuschung seines Lebens“, was ihn aber nicht daran hindert, weiterhin für „Großdeutschland“ zu agieren und im Krieg für dessen Sieg zu beten.

 

Nach Kriegsende gelten Hudals Aktivitäten – er sieht sie als „Ausfluss der Gnade Gottes“ – vordringlich der Fluchthilfe von Nazi-Kriegsverbrechern, die er als „vielfach persönlich ganz schuldlos“ sieht. Von Pius XII geduldet, oder nicht zur Kenntnis genommen, organisiert er mit Mithelfern sogenannte „Rattenlinien“, auf denen mit von der UNO anerkannten Reise-Ersatzdokumenten des IRK und mit Hilfsgeldern – u.a. aus den USA, z.B. von der Catholic Welfare Conference – ehemalige „NS-Größen“ hauptsächlich nach Süd- und Nordamerika ausreisen können. Bis 1948 werden ca. 70.000 solche „Rote-Kreuz-Pässe“ ausgestellt, besonders prominente Namen unter den Flüchtigen sind Franz Stangl, Adolf Eichmann, Klaus Barbie, Walther Rauff, Reinhard Kopps, Erich Priebke, Eduard Roschmann. Die Schilderung der Fluchten mit den dazu notwendigen Aktivitäten, Tricks und Täuschungsmanövern ähneln Kriminalromanen. Hudal gelang es auch, das Vertrauen deutscher Regierungsstellen zu gewinnen; ab 1949 sah man ihn als einen verlässlichen Ansprechpartner und ließ ihm Honorare zukommen, z.B. für die Anwälte Walter Kapplers, des ehemaligen Kommandeurs der deutschen Sicherheitspolizei in Rom, der in Italien als Kriegsverbrecher im Gefängnis saß. Über seine Tätigkeiten schrieb Hudal (Zitat Wikipedia): „Alle diese Erfahrungen haben mich veranlaßt, nach 1945 meine ganze karitative Arbeit in erster Linie den früheren Angehörigen des Nationalsozialismus und Faschismus, besonders den sogenannten Kriegsverbrechern zu weihen, die von Kommunisten und ‚christlichen‘ Demokraten verfolgt wurden. … Hier zu helfen, manchen zu retten, ohne opportunistische und berechnende Rücksichten, selbstlos und tapfer, war in diesen Zeiten die selbstverständliche Forderung eines wahren Christentums, das keinen Talmudhaß, sondern nur Liebe, Güte und Verzeihung kennt …“

 

Auf Druck des Vatikans trat Hudal 1952 als Rektor des Priesterkollegs zurück (in einem Brief an Papst Pius XII. dokumentierte er Verbitterung), blieb danach aber nicht untätig, sondern verfasste „Erinnerungen“, intervenierte bei italienischen Behörden für eine Begnadigung des Kriegsverbrechers Walter Reder, konferierte mit Rolf Hochhuth zu dessen Theaterstück „Der Stellvertreter“ und meldete sich zum Zeitgeschehen zu Wort. In seiner Heimat Graz wurde er zu seinem 50-jährigen Priester- und 25jährigen Bischofsjubiläum mit einem großen Hochamt im Dom und einem Festakt unter Anwesenheit höchster kirchlicher und politischer Würdenträger geehrt; aus den Einkünften seiner Memoiren wurden bis 1978 Hudal-Stipendien an bedürftige Grazer Studenten vergeben.

 

„Hitlers Mann im Vatikan“ ist ein Buch, das Beklemmung und im Hinblick darauf, wie nach 1945 kirchliche Stellen und weltliche Behörden agierten, bzw. wegschauten, ungläubiges Staunen hervorruft. Der Autor versteht es, nicht nur die problematische Persönlichkeit Alois Hudal in vielen Facetten darzustellen, sondern auch die Zeitumstände plastisch zu schildern, wobei auch die Rolle der katholischen Kirche, insbesondere von Papst Pius XII, kritisch beleuchtet wird. Letzterer wusste von Judenverfolgungen, Deportationen und Massenmorden, erhob dagegen jedoch kaum, oder nur sehr vorsichtig die Stimme und zog es – z.B. bei der Massendeportation von Juden aus Rom nach Auschwitz – meist vor, zu schweigen. Mit zahlreichen Fotos, Faksimilien, Fußnoten und einem ausführlichen Quellennachweise ausgestattete, unter die Haut gehende Lektüre für Geschichteinteressierte!

Johannes Sachslehner: „Hitlers Mann im Vatikan – Bischof Alois Hudal“

© Molden Verlag, Wien – Graz, 2019, ISBN 978-3-222-15040-1, 287 Seiten

 

Gerfried Pongratz

Phytopathologe mit Wohnsitz in Osterwitz/Steiermark




Ethik ohne Gott


HVÖAussendung von Jakob Purkarthofer vom 22.11.2019

1. österreichischer Humanisten-Kongress

Österreichs Humanisten formieren sich, weil Österreich dringend mehr Ethik und weniger Religion benötigt
Österreich soll säkularer werden. Mit diesem Anspruch versammeln sich die Humanisten des Landes am 30.11.19 im Rahmen eines prominent besetzten Kongresses. Der Trend "raus aus der Religion" ist offensichtlich, denn die Mitgliedschaften bei den Glaubensgemeinschaften sind rückläufig. Andererseits erwacht auch eine konservative Gegenbewegung:  Durch die Einwanderung nach Österreich etablieren sich zunehmend mehr Religionen, welche die gleichen Privilegien einfordern wie die katholische Kirche in Österreich. Das behindert jedoch das Funktionieren des Gemeinwesens und wird auch demokratiepolitisch immer bedenklicher. Entsprechend fordern die Humanisten auch eine Festschreibung der Säkularität in der Verfassung, eine Äquidistanz vom Staat zu den Religionsgemeinschaften sowie die gleichen Rechte für Weltanschauungsgemeinschaften nach deutschem Vorbild.  

Ethische Schule, religionsfreie Flüchtlingshilfe
Im Rahmen des Kongresses wird Michael Bauer über seine Erfahrungen beim Aufbau der humanistischen Organisation in Deutschland berichten. Mittlerweile umfasst der HVB rund 30 Kindergärten und eine Schule sowie soziale Dienstleistungsbetriebe. Die Pädagogin Ulrike von Chossy wird über ihre Erfahrungen mit dem Aufbau einer humanistischen Schule in Bayern berichten und die aus dem Iran stammende Mahsa Abdolzadeh spricht über ihren Wiener religionsneutralen Kindergarten "Philokids". Die iran-stämmige Mina Ahadi betreut die "säkulare Flüchtlingshilfe" für Ex-Muslime. Sie ist als junge Frau aus dem Iran geflohen und beschreibt ihren Wandel von der religiös erzogenen jungen Frau, die alles brav mitgemacht hat, bis zu ihrem Austritt aus dem Islam.
www.humanismus.de – atheist-refugees.com – www.philokids.at

Prominente Säkularisten
Am Nachmittag spricht Bernhard Heinzlmaier über Sakularität im politischen Alltag und Alois Schöpf über kultiviertes und selbstbestimmtes Sterben abseits von High-Tech-Medizin und Pflegeindustrie. Schließlich spricht Gerhard Engelmayer über Ethikunterricht in Schulen und die bekannte Philosophin Lisz Hirn über das neue gesellschaftliche Biedermeier, das Männer und Frauen in alte Rollenbilder drängt, unsere offene Gesellschaft in Frage stellt und liefert auch Ideen, was man dagegen tun kann.  Den Eröffnungsvortrag hält Niko Alm, Geschäftsführer der Rechercheplattform Addendum, Gründer der Laizismus-Initiative, ehem. Abgeordneter z. NR. Wien. Autor des Buches "Ohne Bekenntnis".
www.aloisschoepf.at – www.liszhirn.at

Über den HVÖ:
Der Humanistische Verband Österreich wurde 1887 als Freidenkerbund gegründet. 1933 zählte der Verband bereits 65.000 Mitglieder und wurde im katholischen Austrofaschismus durch eine Notverordnung verboten, sein Vereinsvermögen wurde beschlagnahmt und eine spätere Restitution verweigert. Der Verband kämpft für konfessionsfreie, humanistische Ethik. Aufklärung, Humanismus und evidenzbasierte Politik und Wissenschaft sind zentrale Anliegen. Der HVÖ spricht sich gegen eine staatliche Privilegierung von Religionsgemeinschaften aus und fordert eine Beendigung des Einflusses insbesondere der röm.-kath. Kirche auf staatliche Einrichtungen und den ORF. In ganz Europa gibt es über 60 solche Organisationen, die in der Europäischen Humanistischen Föderation (EHF) und in der Weltdachorganisation der "Humanists International" vernetzt sind.
www.humanisten.at  

Samstag 30.11.19, Aula am Campus der Universität Wien, Altes AKH, 1090 Wien, Spitalgasse 4; 9.00-19.00, www.humanisten.at/programm

 




Gotteskrise


GottKathpress-Meldung vom 19.11.2019 – am 20.11. wurden dazu atheistische Anmerkungen eingefügt!

Theologe: Missbrauch zeugt von tiefer liegender "Gotteskrise"

kath.press: Der Skandal des sexuellen Missbrauchs durch Priester zeugt nicht nur von einer "Kirchenkrise", sondern reicht weitaus tiefer und kann als "Gotteskrise" bezeichnet werden. Das hat der Wiener Theologe Wolfgang Treitler bei einem Vortrag am Montagabend an der Universität Wien betont. "Die Krise um Gott ist fundamental, ein kirchliches Erzeugnis durch den Missbrauch", so Treitler. Der Missbrauch lenke schließlich den Blick nicht nur auf einzelne Missbrauchstäter, sondern auf eine Theologie, in der ein "billiges, dogmatisch aufgeblasenes und Gott und Mensch missbrauchendes Gerede von einem Gott, der die Geschichte der Satten und Zufriedenen zur Heilgeschichte gemacht hat", aufleuchte. Eine solche Theologie, die ihre Wurzeln im Platonismus habe, sei letztlich unbiblisch und blasphemisch.
Atheistische Anmerkungen: Es ist ja schließlich nicht so einfach, über nichtexistierende Götter Gotteslehren zu entwickeln, weil das Gerede von einem Gott geht nur durch Aufblasen leerer Luft. Die Theologie kann aber wohl nix für den Missbrauch, daran ist der Umstand schuldig, dass man angeborene menschliche Triebe nicht durch Verbote stilllegen kann. Zwecks Vermeidung der Entwicklung von innerkirchlichen Feudalstrukturen samt feudalen Erbschaften an erstgeborene Knaben von Kirchenfunktionären wurden den Priestern legale Nachkommen untersagt. Dabei hatte doch der Jesus ganz klar verkündet (Mt 19,12), dass Ehelosigkeit nur für Kastrierte zulässig sei!

kath.press: Treitler referierte im Rahmen der von ihm initiierten Ringvorlesung "Sexueller Missbrauch von Minderjährigen: Verbrechen und Verantwortung". (…) Es habe sich in der Theologie eine "platonisierende Denkweise" eingeschrieben, die sich in der fatalen Unterscheidung von körperlicher Existenz auf der einen Seite und hehrem geistlichen Leben auf der anderen Seite zeige. Dieser Dualismus habe schließlich dazu geführt, dass das vermeintlich hehre das vermeintlich unwürdige leibliche Leben unterwarf und damit auch Tür und Tor für den Missbrauch öffnete, führte Treitler weiter aus. "So wurde und wird katholisches Christentum zur systematischen Kollaboration mit Missbrauchsverbrechen, dogmatisch abgesichert".
Atheistische Anmerkungen: Ja, da hat der Treitler völlig recht, das leibliche Leben zu entwürdigen verhindert klarerweise keine leiblichen Bedürfnisse! Und das ganze Leben lang nur zu wichsen, das schaffen eben längst nicht alle Priester!

kath.press: Kritik übte der Theologe in dem Zusammenhang auch an dem zuletzt unter dem Titel "Ja, es gibt Sünde in der Kirche" publizierten Text von Benedikt XVI. über die Quellen sexuellen Missbrauchs. Der emeritierte Papst hatte darin u.a. die 68er-Bewegung als Ursprung einer Krise ausgemacht, in deren Folge Missbrauch begünstigt wurde und sich ein Niedergang priesterlichen Lebens vollzog. Die Argumentation Benedikts sei letztlich ein "Missbrauch Gottes aufgrund kirchenpolitischer und dogmatischer Interessen", so Treitler.
Atheistische Anmerkungen: Auch da hat der Treitler recht, seit es den Zölibat gibt, gibt es eben auch den Missbrauch in allen Formen! Z.B. die kirchlicherseits mit dem Wort "Solizitation" bezeichnete sexuelle Bedrängung von Frauen bei der Beichte! Dazu bedurfte es keiner 68er-Bewgung, dafür genügte die Zölibatsvorschrift völlig! Auch da sieht Treitler die Sache richtig!

kath.press: Die von Treitler attestierte "Gotteskrise" sei indiziert worden durch die Peiniger selbst und durch deren Kalkül im Umgang mit den "Unterworfenen". Indem sie sich in herausgehobener Position und in Vertretung Gottes Handelnde mit einem exklusiven Heilszugang empfänden und ihre Opfer durch geistliche Einschüchterung, durch Denunziation und Isolation gefügig machten, werde der sexuelle Missbrauch an Minderjährigen "theologisch gesehen Blasphemie im religiösen Erziehungs- und Betreuungsraum". Treitler: "Das Unfassliche dieses Gottesspiels liegt also im Erfolg, mit dem der Missbrauchstäter alle theologischen Bestände eines handelnden und rettenden Gottes liquidiert und damit, selbst auf lange Sicht, recht hat: Der Unterworfene blieb ohne Gott, und er blieb hilflos ausgeliefert."
Atheistische Anmerkungen: Im Judentum hatten die Priester verheiratet zu sein, ein Rabbi hatte Frau und Familie zu haben! Und zur Gottesbetrachtung Treitlers lässt sich sagen: es gibt einen Sexualtrieb, der sich nicht abschalten lässt, einen Gottestrieb gibt es nicht und kein Gott greift handelnd und rettend ins Geschehen ein, weil es eben nicht einen Gott, sondern keinen Gott gibt! Und durch die Jahrhunderte haben die geistlichen Hirten ihre Allmacht eben auch sexuell ausgenutzt, die Schafe mussten sich fügen, wenn der Hirte sie bespringen wollte! Meine Mutter hat mir die Geschichte des Pfarrers in ihrer Volksschulzeit in den 1920er-Jahren erzählt, der geschlechtsreife Mädchen beim Beichtgespräch gefügig machte, die ganze Pfarre wusste darüber Bescheid und die längste Zeit traute sich niemand dagegen was zu unternehmen. Bis schließlich die Tochter eines größeren Bauern ihrem Vater ihr Leid klagte und der Vater es wagte, zum Bischof zu gehen. Und was passierte? Der Pfarrer wurde weit weg in eine andere Pfarre versetzt, Verfahren oder gar eine Strafe gab es für den hochwürdigen Herrn Kinderschänder nicht!

kath.press: So gesehen gehöre es zu den "Perversionen christlicher Überlieferung, dass sie das tabuisierte Kindesopfer reaktiviert und darüber hinaus im Zwang zur Überbietung alles Jüdischen dieses zu einem göttlichen Vorgang der Erlösung macht: Der Untergang Jesu am Kreuz wird zum zentralen Motiv der Rettung". Wolle man also der durch den Missbrauchsskandal augenscheinlich gewordenen "Gotteskrise" theologisch etwas entgegensetzen, brauche es theologische Basis-Arbeit und eine Erneuerung der dogmatischen Christologie: "Weg mit der Hybris von dogmatischen Sätzen, die der Bevormundung durch antike Denker in einer darüber längst hinausgekommenen, auch innerkirchlichen Bildungsgesellschaft sich ergeben". Der "mentale Missbrauch" bereite schließlich den Boden für den körperlichen Missbrauch.
Atheistische Anmerkungen: Die Perversion liegt im Zölibat! Warum sagt das der Treitler nicht, er hat doch sonst die Realität des Missbrauchs gut im Blick! Wenn der Sexualtrieb normal gelebt werden kann, dann werden Missbrauchsfälle wohl nicht zu 100 % verschwinden, aber zum großen Teil! Und es gibt ja im Priesterleben nicht nur den Missbrauch von Kindern, sondern sicherlich viel häufiger ein Undercoverliebesleben das nicht strafbar ist! Dazu ein alter Witz: Ein Mann möchte in die Kirche gehen. Die Kirchtür ist verriegelt. Enttäuscht dreht er um und sieht durch ein Fenster des Pfarrhofs den Pfarrer, wie er gerade mit seiner Haushälterin vögelt. Da klopft der Mann ans Fenster bis es der Pfarrer öffnet. "Entschuldigung", sagt der Pfarrer, "ich hatte gerade ein Nickerchen gemacht". "Ja", sagte der Mann, "ich habe es durchs Nensterchen gesehen".

kath.press: Zu einer solchen theologischen Kehrtwende bedürfe es jedoch eines starken "Willens und Mutes zur grundlegenden Negation", so Treitler. Die Theologie müsse ihre Rede von Gott wieder stärker an das jüdische Erbe rückbinden und vor diesem Hintergrund auch reinigen. Es gehe um eine Theologie, die von "Gott im Nichts" rede – also nicht affirmativ und selbstsicher, sondern tastend und "am Abgrund": "Wer weiß, wer oder was Gott ist, weiß zu viel und weiß das Verkehrte, weil damit Identifikationen totalitären Charakters geschaffen werden." Es gebe Zeiten, "in denen die affirmative Gottesrede falsch ist. Solche Zeiten durchleben wir angesichts des realisierten Kalküls der Sexualverbrecher an Minderjährigen."
Atheistische Anmerkungen: Ja, da hat er recht, der Treitler, eine stärkere Rückbindung an das jüdische Erbe ist sehr zu empfehlen! Eine wichtige Norm der jüdischen Religion ist das biblische Gebot "seid fruchtbar und mehret euch". Von einem Rabbiner wird erwartet, dass er Frau und Kinder hat! Und ein Priester, der Frau und Kinder hat, wird normalerweise auch ein normales Sexualleben führen! So einfach ist das! Keine Gotteskrise, sondern eine Zölibatskrise!

PS: Die Gotteskrise gibt's natürlich trotzdem! Weil in der heutigen Zeit in den entwickelten Staaten Religion eine rückläufige Rolle spielt, man braucht sie im Alltag kaum noch…

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




"Glauben Sie an Gott?" Das ist die Frage


Betendes KindAm 18.11.2019 CF auf https://fowid.de/ – Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland

Der Aspekt, dass die Art der Fragestellung auch das Ergebnis der Antworten beeinflusst, ist in der Sozialforschung hinlänglich bekannt. Insofern ist es wichtig, sich das immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, so wie es das Gallup-Institute es jetzt am Beispiel des Gottesglaubens publiziert hat. Das gleiche gilt generell, auch für Deutschland.

"Obwohl eine Gallup-Umfrage von 2018 ergab, dass die formale Mitgliedschaft in den US-Kirchen ein Allzeittief von 50 Prozent erreicht hat und sich jeder fünfte Amerikaner nicht mit einer Religion identifiziert, drückt der größte Teil des Landes immer noch den Glauben an Gott aus. Wie groß diese Mehrheit ist, hängt jedoch davon ab, wie differenziert die Antwortoptionen sind. Gallup hat diese Frage in den letzten Jahren auf drei verschiedene Arten gestellt, wobei der Glaube zwischen 87 und 64 Prozent variierte."

Zu dieser methodischen Betrachtung schreibt das Gallup-Institute: "Die höchste Glaubensstufe (87 Prozent) ergibt sich aus einer einfachen Ja/Nein-Frage, "Glaubst du an Gott", die Gallup zuletzt 2017 stellte.

Der Glaube an Gott sinkt auf 79 Prozent, wenn den Befragten drei Optionen angeboten werden, wobei eine davon Gott ist, an die sie glauben. Der Rest ist sich entweder nicht sicher, ob sie an Gott glauben oder sagen eindeutig, dass sie nicht an Gott glauben.

Der Glaube an Gott erscheint noch geringer, wenn man nur diejenigen von der fünfteiligen Frage betrachtet, die sagen, dass sie "überzeugt" sind, dass Gott existiert, 64 Prozent. Während alle drei Glaubensbekenntnisse einen Rückgang aufweisen, war der Rückgang in dieser Gruppe am stärksten.
 
Glaube an Gott

Das gilt generell und in der "Gottesfrage" auch in Deutschland. Stellt man nur die Frage Typ A: "Glauben Sie an (einen) Gott", so bewegen sich die "Ja"-Antworten im Bereich der 50-60 Prozent.
Tabelle 1
Die Tendenz der allgemeinen Verringerung, diese unspezifische Frage mit "Ja" zu beantworten ist deutlich (66-58-55 Prozent). Die Verringerung tritt vor allem in West-Deutschland zutage. Bei den römischen Katholiken ist diese stetige Verringerung signifikant. Bei den EKD-Evangelischen zeigt sich – als Hypothese – der Trend, dass diejenigen, die (bisher) nicht aus der Kirche ausgetreten sind, entsprechend die Gläubigeren sind.

Bei einer genaueren Frage zum Gottesglauben, um welche Überzeugung es sich dabei handele, sind die jeweils größte Gruppe unter den EKD-Evangelischen und den römischen Katholiken nicht mehr – wie im Glaubensbekenntnis vorgesehen – die Kirchenmitglieder, die an einen Persönlichen Gott glauben, sondern diejenigen, denen die Auffassung: "irgendein höheres Wesen oder eine geistige Macht" am nächsten ist.

tabelle 2
Auch in dieser Fragestellung ist die Veränderung bei den römischen Katholiken (Glaube an einen "persönlichen Gott") signifikant, von 36 auf 29 Prozent.

Die Verteilungen in der Tabelle 2 verweisen darauf, dass unter dem Dach der unspezifischen Frage: "Glauben Sie an (einen) Gott" sich mehrheitlich Befragte befinden, die – genau genommen – nicht an einen abrahamitischen Gott glauben, sondern an "irgendein höheres Wesen oder eine geistige Macht" – was immer das sein mag.

Nachbemerkung atheisten-info: In Österreich sind diese Zahlen zum Teil besser, wie einer Umfrage vom April 2019 zu entnehmen war: Nur 42 Prozent der Österreicher sagen: 'Ja, ich glaube an Gott'. 35 Prozent glauben nicht an Gott, sondern an ein nicht näher definiertes 'höheres Wesen', 23 Prozent bezeichnen sich als Atheisten. Auch bei jenen Befragten, die sich als Katholiken deklarieren, ist der Anteil der Gottgläubigen eher gering. 51 Prozent mit römisch-katholischem Bekenntnis glauben an einen Gott, 35 Prozent an ein 'höheres Wesen' und 14 Prozent sind Atheisten. Bei den Protestanten glauben 48 Prozent an Gott."

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




My People! My People!


Der unseren Lesern seit langem bekannte furchtlose Kämpfer gegen die Hexenverfolgungen in Afrika, mein langjähriger Freund Leo Igwe (Nigeria), hat erneut eine Pfingstkirche ausfindig gemacht, die offen zum Mord an "Hexen" aufruft. Leo hat derzeit einen Forschungsauftrag zum Thema an der Universität Bayreuth, publiziert aber weiterhin zur Sache, hier in saharareporters.

The potentially dangerous activities of a new local church in Cross River-Akwa Ibom states axis of the country should be of concern to all people of conscience in Nigeria and beyond. This church, which habitually starts the themes of its crusade with “My Father! My Father!!…”appears to be on a fast track to causing a new wave of witchcraft related abuse, torture and killings in the region.

 This church is owned and led by a boyish upstart pastor who addresses himself as ‘God’s Prophet’ and as ‘Prophet of signs and wonders’. It is not clear when and how he came about these titles, but like others in the business of penticostalism, these appellations have become the trade mark of this evangelical entrepreneur. From an apartment in Calabar, Cross River State, where it started, the church has grown so rich that it now organizes its meetings in some of the most expensive hotels in the region. But the issue is not whether this ‘My Father Church’ holds its events in cheap or expensive venues but what these programs are all about.

Recently, the prophetic ministry joined the vanguard of witch hunting churches that are fueling witchcraft related abuse in the region.

In what appears to be a clear and targeted attempt to undermine the progress which government and non-governmental agencies have made in the fight against witch hunting in Akwa Ibom, the church organized in March a crusade tagged ‘Uyo Festival of Fire’ at Ibom Hall in Uyo, the state capital.
The theme of the crusade was ‘My Father! My Father!! That Witch Must Die’.

Anyone who knows the Bible could easily notice a connection between the theme of the crusade and the biblical verse-Ex 22:18- which says ‘Suffer not a Witch to live’. What is particularly disturbing is that the church staged the event at a time the state government is frantically battling to address this tragic situation. The crusade was a literal declaration of war against alleged witches and an unequivocal endorsement of witch hunting in the state.

Belief in witchcraft is very strong in the region. Witchcraft accusation is very common and witch hunting often erupts in this part of the country. Belief in witchcraft has caused many people to attack, abuse, torture, or kill their children or parents or grandparents whom they blamed for their misfortune.

In 2008, the government of Akwa Ibom came under international pressure following a documentary on the problem which was broadcast worldwide. The government hastily passed into law a bill that criminalized child witch stigmatization and took some measures to address the problem. Some non-governmental organizations embarked on programs and projects to rescue victims and enlighten the people. In the past two years, significant progress has been made in persuading the local population from engaging in witchcraft related abuses.

At a time the efforts of government and non-governmental organizations appear to be yielding positive results, the Uyo Festival of Fire which literally sanctioned the execution of alleged witches, could re-ignite these horrific abuses, erode the gains that have been made so far and roll back the wheel of progress.

We must note that similar witch hunting crusades and revivals by self-styled prophets, evangelists and apostles in the past decades turned the region into a killing and abusing field.
 Sadly, the government of Akwa Ibom, as in the past, stood by and allowed this campaign of hate and violence to be staged in the state.

Local authorities should as a matter of urgency start monitoring the activities of pastors, prophets, and evangelists in the region and ensure that their so called deliverance sessions, revivals and festivals are not used to incite hatred and violence against innocent citizens, particularly women, children and the elderly, in the name of witchcraft. State governments should not see this as interfering with the freedom of religion of these persons. In fact, freedom of religion does not include inciting hatred and violence against persons in the name of one’s religious belief or inflicting torture, inhuman and degrading treatment on others in the name of religion. Freedom of religion is a human right and should be promoted, protected, defended and guaranteed. But inciting abuses or inflicting harm on people in the name of religion is a crime, and perpetrators should be punished.

For instance the government of Akwa Ibom should not have allowed the organization of the Festival of Fire. Even now the program is over, the authorities could still arrest and prosecute the organizers for inciting hatred and violence or for aiding and abetting witchcraft accusation and child witch stigmatization. Local authorities should ensure that those who engage in witch hunting or those who fuel these savage crimes are made to face the full wrath of the law. Akwa Ibom and Cross River states have a long history of witch hunting. The authorities should be aware of this, and remain vigilant. They should do everything they can to ensure that the wave of witchcraft related violence and abuses that swept through the region in the past decades does not reoccur.
 

In conclusion, I say to the government and people in Akwa Ibom, Cross River and the entire Niger Delta: My People! My People!! This Witch Hunting Must Stop! My People! My People!! Those witch hunters must be arrested and brought to justice without delay.

For the sake of our women, children and elderly persons.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Ist Antikapitalismus verboten?


KPÖEine Meinung von Erwin Peterseil aus atheisten-info.at:

Es gibt in Österreich – abgesehen von der KPÖ-Steiermark – keine linke Partei mit Massenwirksamkeit – hier eine Aussendung einer Gruppe von kleineren linken Organisationen:

Gemeinsame Stellungnahme der Organisatoren der Veranstaltungsreihe zu 70 Jahre DDR-Gründung, Wien/Linz/Innsbruck am 14. November 2019

Nach zwei Veranstaltungen in Wien und Linz am 8. und 11. November sollte am 13. November 2019 auch in Innsbruck eine gemeinsame Veranstaltung des Kommunistischen StudentInnenverbandes (KSV), der Kommunistischen Jugend (KJÖ) und der Partei der Arbeit Österreichs (PdA) stattfinden. Das Thema lautete: "70 Jahre Gründung der DDR" und ihr Ziel war es – so der Ankündigungstext -, "über die Verdienste, die Erfolge, aber natürlich auch über die fehlerhaften Entwicklungen der Deutschen Demokratischen Republik [zu] diskutieren" – und um Schlüsse zu ziehen, wie ein zukünftiger Sozialismus besser zu gestalten wäre. Als Vortragender und Diskussionspartner wurde seitens der Veranstalter ein Zeitzeuge, der deutsche Jurist und Anwalt Dr. Hans Bauer, ehemaliger stellvertretender Generalstaatsanwalt der DDR, eingeladen. Es steht außer Frage, dass es sich dabei um eine komplexe und widersprüchliche Materie handelt, die im öffentlichen Diskurs naturgemäß zu unterschiedlichen, gegensätzlichen Einschätzungen und Meinungen führt, wovon manche recht unreflektiert erscheinen. Doch dies ist nun mal Teil einer offenen Diskussion, der sich die Veranstalter keineswegs zu verschließen gedachten.

Während die Veranstaltung in Wien mit gut 80 Besuchern erfolgreich und für alle Beteiligten informativ über die Bühne ging, fingen in Linz die Probleme an: Die vom ÖGB zugesagten Räumlichkeiten wurden nach einer medialen Diffamierungskampagne der ÖVP verweigert, die Stadt Linz sprang jedoch ein und stellte für den Termin einen Saal im Volksheim Pichling zur Verfügung. Über 40 Interessierte kamen zur Veranstaltung und beteiligten sich an der Diskussion. Dass hierbei allerdings auch zwei Mitarbeiter des Verfassungsschutzes sowie ein Provokateur des ÖVP-"Volksblattes" zugegen waren, sei am Rande erwähnt.

Anders in Innsbruck: Auch hier wurde zunächst die lange vereinbarte Räumlichkeit storniert – dabei handelte es sich um den "Begegnungsbogen" des Integrationsbüros Innsbruck, das von der Stadtgemeinde und vom Land Tirol gefördert wird – damit das so bleibt, musste die Veranstaltung wohl abgesagt werden. Daher kam es zur ersten Verlegung: Der KSV als gewählte ÖH-Fraktion wollte die Veranstaltung an der Universität Innsbruck durchführen. Doch das Rektorat untersagte dies mit fadenscheinigen Begründungen zwei Tage vor dem Termin. Daraufhin kam es zur zweiten Verlegung, nämlich in die Räumlichkeiten des Alevitischen Kulturvereins im Volkshaus Reichenau. Und dies wurde sodann mit unfassbaren Mitteln unterbunden: Dem türkisch-kurdischen ImmigrantInnen-Verein wurde noch am Tag des Termins vom Vermieter angedroht, den Mietvertrag zu kündigen und die AlevitInnen auf die Straße zu setzen, sollte die Veranstaltung mit Dr. Bauer dort durchgeführt werden – Verwalter des Volkshauses ist der SPÖ-nahe ASKÖ, eigentlicher Eigentümer der Liegenschaft ist die Stadtgemeinde Innsbruck. Doch das war noch nicht Drohung genug: Zur "Sicherheit" schickte man noch eine Polizeistreife zum Alevitischen Verein, was natürlich als zusätzliche Drohgebärde und Einschüchterungsmaßnahme gegenüber dem ImmigrantInnen-Verein gedacht war. Den Verantwortlichen blieb nichts Anderes übrig, als abermals den Veranstaltungsort zu wechseln – zum insgesamt dritten Mal. Dessen Adresse wurde nun nicht mehr öffentlich bekanntgegeben, sondern nur interessierten Teilnehmern auf Anfrage mitgeteilt – nur auf diese Weise war es möglich, die Veranstaltung in Innsbruck im Rahmen einer geschlossenen Gesellschaft doch noch durchzuführen.

Diese Ereignisse in Innsbruck werfen doch einige Fragen auf. Ist es tatsächlich nicht mehr erlaubt, über Alternativen zum Kapitalismus zu sprechen? Ist Antikapitalismus neuerdings illegal? Sind wir in unserem Land tatsächlich wieder so weit, dass eine Diskussion über den Sozialismus nur mehr im "Untergrund", im Geheimen durchführbar ist? Ist es für die politische Elite tatsächlich nicht mehr möglich, ihr politisches und Wirtschaftssystem zu rechtfertigen, ohne KritikerInnen und Andersdenkende zum Schweigen zu bringen? Ist es wirklich die Politik einer grünen Stadtführung, ImmigrantInnen einzuschüchtern und willkürliche polizeiliche Repression und Verfolgung anzudrohen?

Offensichtlich ist: Die bloße Diskussion über Alternativen zum Kapitalismus und Imperialismus sollte verhindert, ja verboten werden, noch bevor nur ein Wort gesprochen wurde. Es zeugt von einer gewissen absurden Ignoranz, wenn man mit Verweisen auf ein "Unrechtsregime" der DDR ohne ‘Meinungsfreiheit‘ versucht, genau das durchzusetzen: Bei den Vorgängen in Innsbruck handelt es sich nämlich um nichts Anderes als einen unverblümten Angriff auf die Meinungs- und Versammlungsfreiheit, der einem demokratischen, liberalen Rechtsstaat, wie es Österreich sein soll, kein gutes Zeugnis ausstellt. Diese Botschaft der vorherrschenden Politik, dass Kapitalismuskritik unerwünscht ist und keinesfalls geduldet wird, dass die öffentliche Äußerung abweichender Meinungen mit allen Mitteln unterbunden werden muss, ist beschämend für die verantwortlichen Parteien der Stadtgemeinde und die Entscheidungsträger der Universität Innsbruck – und ein guter Grund, um über Alternativen zum Kapitalismus und seiner bürgerlichen Herrschaftsform nachzudenken und zu diskutieren. Das werden wir daher auch weiterhin tun, gerne auch in der Auseinandersetzung mit gegenteiligen Meinungen.

Die Ansicht aber, dass es eine bessere Gesellschaft und eine bessere Welt geben kann und wird als die des Kapitalismus und Imperialismus mitsamt Unterdrückung, Ausbeutung und Krieg, lässt sich nicht verbieten.

Partei der Arbeit Österreichs
Kommunistischer StudentInnenverband Innsbruck
Kommunistische Jugend Tirol
Kommunistischer StudentInnenverband Linz
Kommunistische Jugend Oberösterreich

 




Zur UN-Bevölkerungskonferenz in Nairobi


BevoelkerungsexplosionAussendung vom Hartmut Krauss vom 12.11.2019

Das Wachstum der Weltbevölkerung von ca. 3 Milliarden 1960 auf aktuell ca. 7,5 Milliarden und knapp 10 Milliarden 2050 ist das eigentlich zentrale globale Problem mit folgenden wesentlichen Auswirkungsdimensionen: Umweltbelastung; sozialökonomische Belastung: Verknappung positioneller Güter (Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze, Wohnungen, Zugang zum Gesundheitswesen etc.); Soziokulturelle Belastung: Zunahme unaufgeklärter, religiös-patriarchalischer Herrschaftskulturen; Migrationsdruck mit umfassenden negativen Folgen für die Aufnahmeländer.

Zu Recht werden christlich-reaktionäre Kreise angeprangert, die Geburtenkontrolle, Empfängnisverhütung, legale Abtreibungsmöglichkeiten in den bevölkerungsexplosiven Ländern verteufeln. "In Afrika, wie im stark christlich geprägten Kenia, ist Abtreibung zum Hassthema geworden, mit dem die Kirchen Sturm laufen – wie auch gegen Schwule und Lesben. Lokale Politiker gießen weiter Öl ins Feuer. Unterstützung kommt aber auch aus den USA, die mit dem UN-Fond seit Donald Trumps Amtsantritt über Kreuz liegen – wegen genau dieser Themen."

Stark unterbelichtet bleibt aber in der deutschen Berichterstattung der hervorstechende Verantwortungsanteil der islamisch-patriarchalischen Herrschaftskultur für das multiproblematische Bevölkerungswachstum. So fokussiert das  Discussion paper des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung  zwar zutreffend die reaktionär-repressive Familien- und Sexualmoral des Vatikans sowie die Blockade-Politik der Trump-Administration, lässt andererseits aber das islamische Bollwerk gegen moderne Geschlechterbeziehungen, Gleichberechtigung, Frauenrechte etc. weitgehend ungeschoren davonkommen. Unbeachtet bleibt in diesem Zusammen zumeist der Umstand, dass die islamisch-patriarchalisch unterworfene Frau durch erwiesene Fruchtbarkeit, also durch die Geburt vieler Kinder (vor allem Söhne) im Rahmen ihrer repressiven Fremdbestimmtheit die Möglichkeit erhält, einen Zuwachs an Ehre und Anerkennung zu erzielen.

So hieß es bereits bei dem bedeutenden islamischen Gelehrten Al-Gahzali: "Eine Matte in einem Winkel des Hauses ist besser als eine Frau, die nicht gebiert. (oder) Die Beste unter euren Frauen ist jene, die viele Kinder gebiert (al-walid) und dem Manne viel Liebe bezeigt (al-wadud)" (Akashe-Böhme 2006, S. 72)

https://www.tagesschau.de/weltbevoelkerungsgipfel-101.html
Vertiefend zur Thematik siehe auch: "Ein verdrängtes Kardinalproblem"

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




Gott würfelt nicht


Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schien die Physik weitgehend an ihre Grenzen gestoßen zu sein. Was sollte es noch Neues im „realen Dasein“ zu erforschen geben? Planeten zogen ihre Bahnen nach Newtons Gesetzen, Mechanik, Thermodynamik, Elektro-Magnetismus, Wellenlehre und vieles anderes boten kaum noch Chancen für nachwachsende Physiker, sich zu profilieren, Ruhm und Ehre einzuheimsen. Vielfach wurde davon abgeraten, dieses Fachgebiet überhaupt als Studienanfänger in Erwägung zu ziehen.

Doch dann kam alles ganz anders. Das beginnende zwanzigste Jahrhundert wurde Zeuge des Beginns einer beispiellosen Wissensexplosion, an deren Ursprung ein Name nicht wegzudenken ist: Albert Einstein. Untrennbar mit ihm verbunden bleiben für die Öffentlichkeit seine spezielle und allgemeine Relativitätstheorie. Die Arbeiten hierzu haben ihn zu einem internationalen Popstar der Physik gemacht und ein Medieninteresse wie niemals vorher und wohl nur selten nachher entfacht. Jedes Kind weltweit kannte und kennt seinen Namen – seine Theorien und die weit reichenden Folgerungen daraus haben allerdings nur die wenigsten verstanden. Außerhalb von Fachkreisen ist dabei noch weniger bekannt, dass Einstein auch Mit-Vater der zweiten großen physikalischen Umwälzung des zwanzigsten Jahrhunderts ist: der Quantenphysik.

Seine Arbeit zur Deutung des photoelektrischen Effekts mit Hilfe der Lichtquantenhypothese brachte ihm schließlich 1921 den Physik-Nobelpreis, nachdem er seit 1910 bereits mehrfach für den Nobelpreis wegen der Relativitätstheorie vorgeschlagen worden war. Obwohl die britische Sonnenfinsternis-Expedition von 1919 eindeutige Belege für die Richtigkeit der Relativitätstheorie erbracht hatte, konnte sich das Nobelpreiskomitee wegen immer noch bestehender Vorbehalte nicht dazu durchringen, ihm hierfür den Preis zu verleihen. Für das allgemeine Publikum verstärkte sich dadurch die Meinung, das Komitee habe eine „Notlösung“ einer eindeutigen Stellungnahme vorgezogen, vor allem auch weil Einstein seinen Vortrag vor der Akademie zudem nicht zur Quantenphysik hielt, sondern zur Relativitätstheorie.

Die weitere physikalische Forschung wurde bis auf den heutigen Tag dabei in weitaus größerem Maße von der Quantenmechanik bestimmt als von den Lehren der Relativität. Einstein selbst bekannte, dass er sich in seiner wissenschaftlichen Laufbahn wohl zehnmal mehr mit den Quanten als mit dem Raum-Zeit-Kontinuum beschäftigt hat. Weitere spektakuläre Erfolge blieben dem Genie allerdings versagt. Seine Suche nach der Weltformel aus Gravitation und Elektromagnetismus scheiterte kläglich, musste schlicht schon deshalb versagen, weil ihm weder die schwache noch die starke Kernkraft bekannt waren, das heißt, bereits sein Ansatz war zu verengt. Sein Kampf gegen die neuen Protagonisten der Quantenphysik wie etwa Born, Pauli oder Heisenberg war vergeblich – er wurde immer wieder in allen Punkten widerlegt. Besonders zu schaffen machte ihm die von Heisenberg formulierte Unschärferelation.

Die Nichtbestimmbarkeit von Ort und Impuls eines Teilchens zur gleichen Zeit stieß auf seinen erbitterten Widerspruch, der in dem Ausspruch gipfelte: „Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der nicht würfelt“ (so in einem Brief an Max Born aus dem Jahr 1926). Journalisten, von Berufs wegen auf der Suche nach griffigen Formulierungen, machten flugs daraus: „Gott würfelt nicht“. Einsteins Haltung zur Quantenphysik findet sich knapp und verständlich dargestellt in “Einstein und die Quantentheorie”.

Die Affinitäten zwischen Religion und Physik

Vor allem Physiker legen eine Neigung an den Tag, sich zu Gott und Religion zu äußern, die auf den ersten Blick verwundert, da sie sich ja eher mit dem Rationalen dieser Welt als mit dem irrationalen Transzendenten beschäftigen. Ihre Feststellungen die Religion betreffend sind dazu meist in hohem Maße missverständlich. Sie führen dazu, dass Physiker nicht selten von den Religionen gleich welcher Couleur als „die Ihren“ vereinnahmt werden. Andere Wissenschaftler wie zum Beispiel Biologen entgehen solcher Inanspruchnahme durch klare Opposition. Der Mythos der Genesis ist schlicht nicht in Einklang zu bringen mit den Fakten der Evolutionslehre. Und solange die Theologie ihre aus dem damaligen Zeitgeist heraus geborenen Fabeln nicht als solche benennt, wird das auch so bleiben. Biblische Exegese ist in diesem Punkt allerdings schon erheblich weiter als fundamentalistische Interpretationen der Schriften durch Evangelikale oder Moslems. Sind Physiker etwa gläubiger als Biologen? Werden sie zu Recht als Zeugen für transzendentale Vorstellungen vereinnahmt?

Betrachtet man die Umstände der Zeugennahme genauer, so stellt man fest, dass es eher um ein Spiel mit Begriffen als um wahre Sachverhalte geht. Da werden die Dinge gedreht und gewendet, bis sie in die eigenen Vorgaben passen. So sagt der Kreationismus-Apologet Adnan Oktar (Harun Yahya) „[laut] Albert Einstein, der als bedeutendster Wissenschaftler des 20sten Jahrhundert gilt, „ist Wissenschaft ohne Religion lahm“, was soviel bedeutet wie, dass die Wissenschaft ohne die Führung der Religion nicht korrekt fortschreiten wird, sondern er [?] eine Verschwendung von Zeit darstellt, bis bestimmte Ergebnisse erzielt werden, und schlimmer noch, diese oftmals ergebnislos ist [?]“. Einstein befindet sich bei Adnan Oktar in einer langen Liste von Wissenschaftlern, deren angebliche Religiosität gegen die weitverbreitete Annahme spricht, alle Forscher seien materialistische Darwinisten und verdammenswerte Atheisten.

Da nicht sein kann, was nicht sein darf, wird alles ins Schema der eigenen religiösen Vorstellungen gepresst: „Der Quran zeigt der Wissenschaft den Weg“. Und: „Wissenschaft bietet eine Methode an, durch die das Universum und alles darin Enthaltene untersucht werden kann, um die Kunst in Gottes Schöpfung zu entdecken, und der Menschheit dadurch erkennbar zu machen“. Für Oktar ist klar, wenn ein Wissenschaftler das Wort „Gott“ oder „Religion“ in den Mund nimmt, dass er dann notwendigerweise darunter das gleiche verstehen müsse wie Oktar selbst. Jeder Physiker von Rang würde es sich wohl verbitten, als Auftragsforscher im Namen des Korans gekennzeichnet zu werden.

Doch was meinte Einstein nun wirklich, als er sagte, Wissenschaft ohne Religion sei lahm, oder als er „den Alten“ keinesfalls beim Würfelspiel sehen wollte? Wir dürfen mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass Einstein kein Moslem war, und dass er weit davon entfernt gewesen wäre, in das krude Weltbild eines Adnan Oktar zu passen. Über Einsteins religiöse Vorstellungen ist viel geschrieben und viel gerätselt worden. Dabei kann es gar nicht klarer ausgedrückt werden als er es selbst gesagt hat. Für ihn waren die Inhalte der drei abrahamitischen Religionen „kindischer Aberglaube“ und noch stärker in Abgrenzung der über ihn in dieser Frage herrschenden Vorurteile: „Es war natürlich eine Lüge, was Sie über meine religiösen Überzeugungen gelesen haben, eine Lüge, die systematisch wiederholt wird. Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott und ich habe dies niemals geleugnet, sondern habe es deutlich ausgesprochen. Falls es in mir etwas gibt, das man religiös nennen könnte, so ist es eine unbegrenzte Bewunderung der Struktur der Welt, so weit sie unsere Wissenschaft enthüllen kann.”  Punkt. Klar gesagt.

Institutionalisierte Religionen, die ihren verängstigten Anhängern Riten abverlangen, um sie zu disziplinieren und vor der Hölle zu bewahren, waren Einstein ein Graus. Er unterschied klar in drei Gruppen: primitive „Furcht-Religionen“, so genannte „Moral-Religionen“ und seine eigene Kennzeichnung einer „kosmischen Religiosität“, die zu keiner Theologie, sondern zu Wissenschaft und Kunst führe. Die Missverständnisse waren ihm dabei recht egal: „Es schert mich einen Teufel, wenn die Pfaffen daraus Kapital schlagen. Dagegen ist kein Kraut gewachsen“.

Si comprehendis, non est deus

Ist es also pure Koketterie, wenn Physiker mit den Begriffen „Gott“ und „Religion“ zu spielen scheinen? Oder gibt es gar einen inneren Zusammenhang? Das Gemeinsame an Quantenphysik und Theologie ist, dass sie beide ein Realismusproblem haben.

Die Welt der Quanten entzieht sich anders als die Mechanik vollständig unserer sinnlichen Vorstellungskraft. Sie lässt sich hervorragend in der Sprache der Mathematik erfassen, doch sobald sich Physiker an eine Übersetzung der Erkenntnisse in die Sprache der makroskopischen Erfahrungswelt herantrauen, wird es unendlich schwierig. So geht es auch der wohl berühmtesten Übertragung mikroskopischer Vorgänge in die Alltagssprache: Schrödingers Katze, die gleichzeitig tot und lebendig ist. Um das Gedankenexperiment Schrödingers wirklich zu verstehen muss man sich – vertrackte Logik – in der Quantenphysik zumindest ein wenig auskennen.

Wir begegnen dem Problem der positiven Darstellung nicht wirklich begreifbar darstellbarer Phänomene. Und hier genau an dieser Stelle treffen sich moderne Physik und die klassischen Religionen. Die prinzipielle Unübersetzbarkeit quantenmechanischer Vorgänge hat ihren Widerpart in der affirmativen Theologie. Beide Seiten sind gezwungen, zu Bildern zu greifen, um verständlich zu erscheinen. Verstehen Sie die Unschärferelation in Relation zur Unmöglichkeit positiver Aussagen über Impuls und Ort? Verstehen Sie das Wesen Gottes in seiner Unbeschreibbarkeit als Wirkung für den Menschen?

Falsche Bilder schaffen dabei falsche Eindrücke. Sie führen bei „Gott“ im Zweifel zum gütigen Vater mit Rauschebart, in der Physik zur untoten Katze. Geholfen ist mit solchen Bildern niemandem. Im Gegenteil wird der Eindruck erweckt, ein Bild vermittele eine anerkannte Wahrheit über das Wesen der Dinge. Solche „positiven“ Darstellungen finden sich in allen Religionen, zum Beispiel die 99 Benennungen für „Allah“ im Koran, jede einzelne soll ein Wesensmerkmal dieses Wesens wiedergeben. Das führt im Zweifel zu der völlig falschen Vorstellung, „Gott“ sei tatsächlich so wie beschrieben. Doch kann genau so gut das jeweilige Gegenteil der Fall sein.

„Wenn Du meinst zu verstehen – ist es nicht Gott“, sagte bereits der Kirchenvater Augustin und begründete im christlichen Bereich das, was man unter „negativer Theologie“ versteht. Ein heutiger Protagonist dieser Gedankenrichtung ist der Theologe Andreas Benk: „Gott ist nicht gut und nicht gerecht, nicht vollkommen und nicht allmächtig, Gott ist nicht Vater und nicht Mutter, nicht Geist und nicht Person. Eine solche Feststellung ist für viele Christinnen und Christen verstörend – und doch ist es jüdische, christliche und muslimische Einsicht. Es geht nicht um eine esoterische Lehre und nicht um eine theologische Spitzfindigkeit. Es geht um die Unangemessenheit jeder Rede von Gott: Gott entzieht sich unvermeidlich all unseren Vorstellungen und all unseren Versuchen, ihn zu begreifen“.

Diesem eigentlich selbstverständlichen theologischen Ansatz entzieht sich aber die offizielle Kirche mit aller Macht. Bei einem Papst, der gemeinhin als „intellektuell“ angesehen ist, erstaunt dies ganz besonders. Doch statt das Unbegreifliche als solches zu benennen wie es die negative Theologie versucht, ergießt sich Benedikt XVI. gleich in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ (Gott ist die Liebe) von 2005 ins genaue Gegenteil. Diese selektive Wahrnehmung des Gottesbildes in der affirmativen Theologie mag zwar die eigenen Schäfchen beruhigen, für einen Unvoreingenommenen stellt es aber geradezu einen Anschlag auf die Intelligenz dar. „Deus caritas est“ gibt vor, etwas von Gott zu verstehen, dass so nicht existiert, und leicht konterkariert werden könnte mit dem Bild des eifersüchtigen und zornigen Jahwe, der ganz Sodom und Gomorrha wegen der Sünden einzelner vom Erdboden vertilgt inklusive aller unschuldigen Kinder. Caritas? Oder betrachten wir diesen persönlichen Gott (Einstein: „kindischer Aberglaube“), der angeblich in jeder Sekunde bei jedem Individuum anwesend ist, in seinen Werken und Gedanken.

Ist ein solches Kontrollmonstrum, schlimmer als Big Brother, überhaupt denkbar? Wenn an dieser Stelle der Atheismus auch ohne die geringsten Beimengungen von Agnostizismus ein klares Nein entgegensetzt, so hat er ohne Zweifel Recht, auch ohne selbst Religion zu sein. Bischof Walter Mixa – falls er denn diese Zeilen liest – kann sich beruhigt zurücklehnen: er muss sich keine Sorgen machen, dass jenes höhere Wesen ihn nach allem sonstigen auch noch dabei überwacht, ob er sich wenigstens beim Toilettengang gottgefällig den Hintern abwischt.

Konklusion

Physik und Religion machen einen entscheidenden Fehler, wenn sie versuchen, die Grenzen des Beschreibbaren formulatorisch zu überwinden. Es mutet an, als wollten sie ein altes Buch mit unsichtbarer Schrift (siehe Abb.) in eine moderne Sprache übersetzen. Sie werden dadurch nicht wie erhofft glaubwürdiger. Einstein hat dies gut erkannt, aber er gibt dem Unbeschreibbaren einen Namen: „Gott“. Und setzt also alles, was wir nicht wissen, vielleicht niemals wissen können, dem gleich, was auch die Religionen so bezeichnen. Das ist klug und gefährlich zugleich. Klug ist es, weil es kennzeichnet, dass wir gewisse Erfahrungen wie das eigentliche Wesen der Singularität des Urknalls wahrscheinlich niemals werden beschreiben können, ja, in diesem speziellen Fall nicht einmal in mathematische Formeln kleiden können (zu viele „Unendlich“).

Wir wissen nicht einmal, ob es wirklich der Urknall war, auf den Johannes-Paul II. 1992 so gerne aufgesprungen ist, oder ob es statt des Big Bang nicht eher einen sich wieder und wieder erneuernden Big Bounce gegeben hat, wie es etwa Bojowald mit seiner Schleifen-Quantengravitation (gequanteltes Raum-Zeit-Kontinuum) anspricht. Gefährlich ist es, weil diese Kennzeichnung, wie die Geschichte zeigt, eine Vereinnahmung durch die Offenbarungsreligionen mit ihrer dogmatischen und affirmativen Interpretationen des Wesens Gottes nicht hinreichend ausschließt.

Negative Theologie eines Augustinus und eines Andreas Benk könnte sich dagegen gut mit den Ansichten der Physiker treffen, dass bestimmte Dinge sich niemals werden formulieren oder mathematisch umschreiben lassen. Hier liegt ein wesentlicher Wert der „kosmischen Religiosität“ eines Einstein, dem sich auch der hartgesottenste Atheist nicht verschließen könnte, wenn er nicht in ein quasi-religiöses Dogmenschema verfallen möchte: er würde angesichts dieses „Scio nescio“ zu den letzten Fragen unweigerlich zum Agnostiker.




Die Befreiung des Kapitals


GlobusMit der Öffnung des Ostens wurde die Konkurrenz der Standorte global.

Stephan Kaufmann  am 9.11.2019 auf https://www.neues-deutschland.de/

Der Fall der Mauer vor 30 Jahren ebnete nicht nur den Menschen des Ostblocks den Weg in den Westen. Der 9. November 1989 war auch der Startschuss für den großen Zug des Kapitals gen Osten. Mit der Mauer fielen schrittweise die geografischen Schranken der Marktwirtschaft, und aus Millionen realsozialistischer Werktätiger wurden abhängig Beschäftigte privater Unternehmen. Durch die Öffnung erst Osteuropas, dann Chinas und Indiens verdoppelte sich die global verfügbare Arbeitsbevölkerung, errechnete der Internationale Währungsfonds (IWF). Gegenüber 1980 hatte sie sich damit vervierfacht. Es war ein »massiver exogener Schock«, der Machtverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit dauerhaft verschoben hat.

Bei ihrer Ankunft auf dem Weltmarkt brachten die östlichen Staaten Millionen Arbeitskräfte mit, aber wenig Kapital. Denn der Übergang zur Marktwirtschaft bedeutete gerade für Osteuropa eine massive Deindustrialisierung. Ganze Branchen erwiesen sich als unprofitabel und gingen unter. Als Mittel des Wachstums setzten Regierungen von Warschau bis Wladiwostok daher auf Investitionen der erfolgreichen Konzerne aus dem Westen. »Das führte dazu, dass weltweit mehr Arbeitnehmer darum konkurrierten, mit dem vorhandenen Kapital zu arbeiten«, erklärte der US-Ökonom Richard Freeman.

Multinationalen Konzernen eröffnete sich damit eine ganze Welt neuer Zulieferer, Absatzmärkte und billiger Arbeitskräfte, die zum Teil gut ausgebildet waren. Laut IWF stieg das Angebot an qualifizierter Arbeit um 50 Prozent. Die Unternehmen begannen, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern und globale Wertschöpfungsketten zu knüpfen. So errichteten die deutschen Autobauer Werke erst in Osteuropa, später in China. »Deutschland: Exportweltmeister (von Arbeitsplätzen)«, titelte der »Spiegel« 2004.

Unterstützt wurden die Unternehmen dabei von der Politik, die Güter- und Kapitalverkehr liberalisierte und Zollschranken abbaute. Ergebnis: Zwischen den achtziger und den neunziger Jahren verdoppelten sich global die grenzüberschreitenden Direktinvestitionen und verdoppelten sich ein weiteres Mal zwischen 2000 und 2007. Angetrieben wurden die Unternehmen dabei von ihren Geldgebern, die immer größere Erträge verlangten: »Der wachsende Druck von den Finanzmärkten«, so der IWF, »führte zu einer Verschiebung der Überschüsse großer Unternehmen zu den Investoren.«

Der globalisierte Standortwettbewerb um Investitionen unterminierte die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer in den alten Industriestaaten. Denn das Kapital erwies sich als wesentlich mobiler als sie, auch dank technologischer Entwicklungen wie Containerschifffahrt oder Internet. Die Unternehmen wanderten nicht nur in Billiglohnregionen ab. Sie konnten zudem gegenüber ihren heimischen Belegschaften »glaubhaft drohen, Produktion und Arbeitsplätze nach Osteuropa zu verlegen«, erklärte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Gleichzeitig verschärften die Einfuhren aus den neuen Niedriglohn-Regionen die Konkurrenz auch für jene Firmen, die nicht gen Osten expandierten.

Als Reaktion bauten viele Staaten des Westens Arbeitnehmer-Schutzrechte ab, um ihrerseits die Lohnkosten zu drücken. »Die Politik der Arbeitsmarkt-Deregulierung markiert einen grundlegenden Bruch mit der Nachkriegsentwicklung und repräsentiert eine Stärkung der Kapitaleigentümer gegenüber der organisierten Arbeit in Nordamerika und Europa«, schrieb John Peters von der Laurentian University in Ontario 2008.

All dies verschärfte eine große Umverteilung, die bereits in den frühen achtziger Jahren begonnen hatte: »Die finanzielle Globalisierung führte zu einer Absenkung des Anteils der Löhne an der Wirtschaftsleistung«, stellt die Internationale Arbeitsorganisation ILO fest. Die Lohnquote schrumpfte in den Industrieländern von knapp 75 Prozent Mitte der Siebziger auf 64 Prozent, errechnet der niederländische Entwicklungsökonom Rolph van der Hoeven. Die Produktivität der Arbeitnehmer in den Staaten des Industrieländerclubs OECD legte allein seit 1996 um 35 Prozent zu, ihr realer Lohn dagegen nicht einmal halb so stark. Im Gegenzug akkumulierten sich immer größere Anteile der Erträge bei den Unternehmen.

Teilweise kompensiert und überkompensiert wurden die relativen Lohneinbußen der Arbeitnehmer durch die Verbilligung der Produktion, die auch die Güter des täglichen Lebens preiswerter machte. Laut französischer Bank Société Générale sind seit 1995 die Preise insbesondere für Bekleidung, Haushaltsgeräte und Unterhaltungselektronik deutlich gesunken. »Diese Verbilligung geschah parallel zur Einbindung von Produktionslinien aus Niedrig-Lohn-Regionen, insbesondere Osteuropa und China.«

Zum einen veränderte sich also die Aufteilung des Reichtums zwischen Kapital und Arbeit – der Anteil der Unternehmensgewinne an der Wirtschaftsleistung ist stark gestiegen. Zum anderen verschoben sich auch die Verhältnisse zwischen den Arbeitnehmern. Die größten Einbußen durch den Globalisierungsschock erlitten gering qualifizierte Beschäftigte. Auf der anderen Seite standen jene gut Ausgebildeten, die für die Globalisierungsgewinner arbeiteten. Laut ILO liegen in den Industrieländern die Durchschnittslöhne in den vorderen zehn Prozent der Unternehmen doppelt bis fünf Mal so hoch wie in den untersten zehn Prozent. Ergebnis: Die Schere zwischen Gut- und Geringverdienern öffnete sich weit.

Und auch zwischen den Ländern kam es zu Verschiebungen: Die Schwellenländer holten gegenüber den Industriestaaten massiv auf. In den USA dagegen schrumpfte die Zahl der Industriebeschäftigten von 17 Millionen 1992 auf zuletzt etwa zwölf Millionen. In der gesamten OECD-Staatengruppe ist seit 1998 der Anteil der Industriebeschäftigten um ein Fünftel gesunken, in Frankreich sogar um ein Viertel. Viele Industriearbeiter wechselten notgedrungen in den Dienstleistungssektor – allerdings wird dort tendenziell schlechter gezahlt. Das Lohnniveau der Dienstleister in der OECD liegt etwa ein Fünftel niedriger als im verarbeitenden Gewerbe. Auch diese Entwicklung erhöhte die Ungleichheit.

Als großer Gewinner der Globalisierung erwies sich die deutsche Industrie. Zwar führte der »Aufstieg des Ostens« auch hierzulande zu »substanziellen Job-Verlusten in jenen Regionen, die besonderer Konkurrenz durch Importe ausgesetzt waren«, so eine Untersuchung der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Diese Verluste wurden aber überkompensiert durch Gewinne exportorientierter Branchen und Regionen.

Ganz anders in Südeuropa: Die Billigkonkurrenz aus dem Osten, insbesondere aus China, trieb zum Beispiel in Portugal viele Textilproduzenten in die Pleite. Denn Portugal war wie andere Länder der EU-Peripherie ein Exporteur von Zwischengütern mit relativ niedrigen Lohnkosten und konkurrierte daher direkt mit China. In Deutschland dagegen waren Textil- und Elektronikindustrie bereits zuvor geschrumpft. Von der Öffnung des Ostens profitierten die deutschen Unternehmen zum einen, indem sie Importe aus Südeuropa schlicht durch billigere Lieferungen aus dem Osten ersetzten. Zum anderen eröffnete sich der hiesigen Industrie ein gigantischer Absatzmarkt: Die Autobauer lassen heute vornehmlich im Ausland produzieren, China ist der größte Absatzmarkt von VW, Daimler und BMW. Der deutsche Maschinenbau exportiert fast 80 Prozent seiner Produktion.

Die Öffnung des Ostens war also »ein Wendepunkt in der Wirtschaftsgeschichte«, so US-Ökonom Freeman. Sie entfesselte die globale Konkurrenz zwischen Standorten, Unternehmen und Beschäftigten. Ökonomen bewerten das als Erfolgsgeschichte, schließlich ist die globale Wirtschaftsleistung massiv gestiegen. Der Reichtum ist größer geworden, aber auch prekärer, was sich in den Industrieländern in der Zunahme von Stress, Zukunftssorgen und »psychischen Krankheiten« ausdrückt. Die wachsende Ungleichheit hat zu einem neuen Verteilungskampf auf dem Weltmarkt geführt, der sich langsam zu einem »neuen kalten Krieg« zwischen den USA, China und Europa auswächst, so das Peterson Institute in Washington. Die Kontrahenten von heute trennt keine Mauer mehr.

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




Bei Verbraucherschutz und Finanzkriminalität endlich durchgreifen


BaFinDas verlangt in der BRD der Verein "Finanzwende" von der "Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht" (BaFin), dazu hier eine Aussendung von Sven Giegold vom 8.11.2029:

In einem umfassenden Bericht hat die Bürgerbewegung Finanzwende e.V. die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) analysiert und stellt der Behörde in vielen Aufsichtsbereichen ein schlechtes Zeugnis aus. Der Bericht von Finanzwende ist die erste kritische, umfassende Auseinandersetzung mit der Tätigkeit der BaFin und macht auch konkrete Verbesserungsvorschläge.
Die Autoren der Studie kritisieren, dass die BaFin beim Verbraucherschutz nicht entschieden durchgreift und der Öffentlichkeit ihre Arbeit nicht ausreichend transparent macht. Bei der Bekämpfung von Geldwäsche und Steuerbetrug wie durch CumEx-Geschäfte nutzt die BaFin ihre Auskunftsrechte und Sanktionsmöglichkeiten zu wenig aus.
Angesichts der Summe der Betrugsfälle und Skandale muss man von Aufsichtsversagen sprechen. Es ist ein Armutszeugnis für den Verbraucherschutz, dass die BaFin bei vielen betrügerischen Aktivitäten nur zusieht und ihren prall gefüllten Instrumentenkasten nicht voll ausschöpft.
Vor allem bei der Geldwäsche muss die BaFin endlich durchgreifen. In der Anhörung des Sonderausschusses TAX im Europäischen Parlament zu der Rolle der Deutschen Bank in Geldwäsche und Steuerhinterziehung rettete sich die BaFin in schwammige Ausflüchte. Bis heute blieb die BaFin eine Erklärung schuldig, warum sie die großen Geldwäscheskandale der letzten Jahre nicht aufgedeckt hat. Auch im Danske Bank-Skandal stimmte die Bafin im obersten Entscheidungsgremium der EBA im Namen Deutschlands gegen die Feststellung von Rechtsverstößen durch die dänische und estnische Finanzaufsicht. Eine starke europäische Finanzaufsicht funktioniert nicht, wenn die nationalen Aufseher sich gegenseitig exkulpieren.
Die BaFin kommt ihren Aufgaben in nahezu allen Zuständigkeitsbereichen nur halbherzig nach. In anderen Ländern wie selbst Großbritannien stehen die Aufsichtsbehörden deutlich stärker auf der Seite der Verbraucher und greifen bei kriminellen Akteuren an den Finanzmärkten härter durch. Olaf Scholz hat als Bundesfinanzminister die Aufsicht über die BaFin und muss dafür sorgen, dass die Behörde ihre Aufgaben entschlossen angeht.

Bericht "Die Akte BaFin” der Bürgerbewegung Finanzwende

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




Menschen brauchen Gott, um moralisch zu handeln


Man looking like Jesus Christ reaches a sunshine

Man looking like Jesus Christ reaches a sunshine

Dass Kirchen diese Meinung vertreten, ist wohl klar. dass das auch manche deklarierte Atheisten tun, überrascht immer wieder!

Auf atheisten-info war in den vergangenen Jahren einigemale zu lesen, dass der vermeintliche Linke Gregor Gysi meint, ohne Religionen, ohne Gott würden die Menschen glauben, alles machen zu dürfen, am 28.2.2018 hieß es dazu auf der evangelikalen Site idea.de: "Ohne das Christentum gäbe es kein Nachdenken über Barmherzigkeit, Nächsten- und Feindesliebe. Davon ist der Bundestagsabgeordnete Gregor Gysi (Die Linke) überzeugt. (..). Gysi zufolge gäbe es ohne Gott keine allgemeinverbindliche Moral. Er fürchte deshalb eine gottlose Gesellschaft. Die 'Linke' habe nicht die Stärke, Moral allgemeinverbindlich zu machen. Diese Kraft hätten nur die Kirchen. Es sei kein Zufall, dass die Menschen zu Weihnachten achtmal so viel spendeten wie sonst im Jahr. Der christliche Glaube sei auch dann wichtig, wenn man nicht an Gott glaube." Weiterlesen auf Info 3990.

Und nun hat auch Richard Dawkins, Verfasser des Buches "Der Gotteswahn" ähnliche religiöse Wahnvorstellungen wie Gysi, worüber Hartmut Krauss am 6.11.2019 eine Aussendung verfasste:

Überraschende Wende bei Vertretern des ‚Neuen Atheismus’. Richard Dawkins warnt vor einer Abschaffung des Christentums, weil sonst die Gefahr bestehe, dass die Menschen keine Hemmungen mehr hätten, Böses zu tun.

Noch vor wenigen Jahren hätten führende Atheisten wie Richard Dawkins die Ansicht vertreten, die westliche Gesellschaft könne nur profitieren, wenn die Religionen verschwinden würden. Heute würden sie das anders sehen, schreibt Jonathon Van Maren in seinem Blog auf LifeSitenews.

Optimistische Atheisten hätten geglaubt, dass wir endlich wie Erwachsene leben würden und das utopische Projekt einer Gesellschaft auf Grundlage eines Glaubens an uns selber umsetzen könnten, sobald der Glaube abgeschafft sei. Leider seien diese Skeptiker gegenüber allem skeptisch gewesen, nur nicht gegenüber ihrer Überzeugung, dass die Menschheit gut sei – obwohl sie weder eine metaphysische noch eine evolutionstheoretische Grundlage für diese Annahme hätten. Der kanadische Psychologe Jordan Peterson sei unter anderem deshalb populär, weil er zur Kenntnis nehme, dass die Menschen nicht grundsätzlich gut seien, was Millionen von Toten des letzten Jahrhundert zur Genüge beweisen würden, stellt Van Maren fest.

2015 habe Richard Dawkins, Autor des Buches "Der Gotteswahn", verlangt, Kinder vor der Weitergabe des Glaubens durch ihre Eltern zu "schützen". 2018 warnte er davor, dass die "freundliche christliche Religion" durch etwas weniger Freundliches ersetzt werden könnte. Andere Vertreter des "Neuen Atheismus" wie der Fernsehmoderator Bill Maher oder Ayaan Hirsi Ali hätten ähnliche Überlegungen geäußert.

Im Oktober 2019 habe Dawkins gegenüber der Zeitung The Times davor gewarnt, das Christentum abzuschaffen, weil die Menschen dann zu dem Schluss kommen könnten, dass alles erlaubt sei. Sie könnten eher Böses tun, weil sie nicht mehr davon überzeugt seien, dass Gott sie sehe. Aus ähnlichen Gründen würden Videokameras installiert, um Ladendiebstähle zu verhindern.

Dawkins ist mit dieser Feststellung nicht glücklich. "Ich hasse diese Vorstellung. Ich möchte glauben, dass die Menschen besser sind", schreibt er in seinem neuesten Buch "Outgrowing God". Die Wende von Dawkins sei verblüffend, schreibt Van Maren. Der britische Wissenschaftler sei bis vor kurzem einer der "intolerantesten Fundamentalisten des Säkularismus" gewesen.

Dawkins als naturalistischer Atheist und prominentester Vertreter des evolutionären Humanismus hat immer schon die komplexen Pfade der philosophischen und gesellschaftswissenschaftlichen Religionskritik (als wesentliche Abteilung der Ideologiekritik) unzureichend reflektiert. So ist sein Rückfall hinter Bayle, Meslier, Holbach u.a. nicht wirklich überraschend. Stattdessen hat er die zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen abstrakt unlösbare  Frage nach der Existenz Gottes fokussiert. Diese Diskussion zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen ist aber völlig unproduktiv. (Hier gilt es  Kants Unterscheidung der kognitiven Modi des Glaubens, des Meinens und des Wissens zu beachten. Der Gottgläubige und der wissensorientierte Nichtgläubige finden letztlich keine gemeinsame weltanschauliche Basis und vermögen bestenfalls – unter modern- säkularen Bedingungen – friedlich zu koexistieren; reziproke Toleranz vorausgesetzt bzw. durch die Trennung von Religion/Staat/Recht/Privatsphäre gesellschaftlich-normativ erzwungen.)

Diderot z. B schiebt die Frage nach der Existenz Gottes einfach beiseite und richtet sein Augenmerk auf die Gestaltung/Optimierung unserer irdischen Existenz in ihrer Endlichkeit. Dazu gehört dann freilich die Zurückweisung von absolutistisch-allgemeinverbindlichen (fundamentalistischen bzw. totalitären) Vorschriftenkatalogen, die auf irrationalen religiösen Setzungen beruhen und letztlich eine irdische Herrschaftsordnung vorschreiben wollen. Genau hier ist der Einsatzort emanzipatorischer Religionskritik.  Dieser geht es nicht vordergründig um die Abschaffung, sondern um die Entverabsolutierung und Entmachtung  religiöser Weltanschauungen als  dominante Deutungs- und Normierungsinstanzen im Kontext der Reproduktion zwischenmenschlicher Herrschaftssysteme.

Siehe hierzu näher: http://www.gam-online.de/text-emanzip-human.html und http://www.gam-online.de/text-emanzip-human.html#wiederum

Notabene: Nicht "Religion" (als phasenspezifisch dominantes Modell), sondern das Bedürfnis nach Welterklärung/Weltanschauung als tätigkeitsrelevantes Orientierungssystem und Mittel der Realitätskontrolle ist eine anthropologische Konstante.


Soweit die Aussendung von Hartmut Krauss –
dazu Anmerkungen von atheisten-info:

Es ist bemerkenswert, dass nicht nur viele Politiker religionsbezüglich solche irreale Vorstellungen haben, sondern dass auch manchmal deklarierte Religionsfreie religiöse Vorstellungen so irreal bewerten. Glauben der Gysi und der Dawkins, dass zum Beispiel Menschen aus Gottesfurcht keine Straftaten begehen? Oder wird es nicht sein, dass diesbezüglich das Strafgesetzbuch gefürchtet wird? Oder dass die meisten Nichtstraftäter einfach keine Schereien haben wollen? Und keine schlechte Nachrede? Und man das nicht tut, was man selber nicht angetan haben will? Und warum werden dann etwa die katholischen Sexualregeln nahezu 100%ig ignoriert, wenn Moral von Gott kommt? Kennt jemand jemanden, der sich daran hält, dass Geschlechtsverkehr nur mit katholischem Trauschein gestattet ist? Die Weltfremdheit vermeintlicher Linker ist ja inzwischen so hoch entwickelt, dass in diesen Bereichen nimmer die Wirklichkeit des Daseins der bestimmende und formende Faktor ist, sondern bloß noch das selbstausgedachte Moralische. Und dadurch glauben dann manche Atheisten, Menschen bräuchten Gott, um moralisch zu handeln, weil sie selber nimmer vernünftig und realitätsgeformt denken können…

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).

 




مولد النبي


Morgen, am 9. November 2019 (nach unserer Zeitrechnung), feiert ein Teil der islamischen Welt ein Fest zu Ehren der Geburt des Religionsgründers Mohammed. Dieser Tag wird in den unterschiedlichen islamischen Ländern nicht nur recht unterschiedlich benannt (zum Beispiel Türkei: Mevlid, Tunesien: Mouled, Pakistan und Indien: Milad Unn Nabi, etc.) sondern auch höchst unterschiedlich begangen. In den asiatischen Ländern finden Massenumzüge mit grünen Fahnen statt (siehe Titelfoto einer Demonstration in Bhadohi, Indien), im Maghreb ist es zwar ein offizieller Feiertag, doch mehr als eine kurze Ansprache und ein Gebet im Fernsehen vom Mufti gibt es in aller Regel nicht. In solchen Reden wird heutzutage zumeist auf das „vorbildliche Leben“ des Propheten hingewiesen und seine besondere gesellschaftliche und soziale Rolle in den Vordergrund gerückt.

Solche Feste sind erst seit dem Mittelalter überliefert und auch heute noch gibt es Länder, in denen keinerlei Feierlichkeiten stattfinden, so ausgerechnet im Geburtsland des Propheten, Saudi-Arabien. Auf den ersten Blick mag dies verwundern, doch macht es im Sinne der Strenggläubigen durchaus Sinn.

So schreibt etwa die Wikipedia: „Von dogmatischen Muslimen wie den Wahhabiten, den Ahl-i Hadîth oder strengen Sunniten wie den Deobandi wird diese Feier als unzulässige Neuerung (Bid'a) und als verbotene Vergötterung Mohammeds abgelehnt. Die Gegner des Mawlid an-Nabi argumentieren zusätzlich damit, dass es eine Nachahmung des christlichen Weihnachtsfestes sei. Andere Muslime sagen, Mohammed selbst und seine Gefährten hätten bereits seinen Geburtstag besonders begangen, allerdings mit Fasten, nicht mit Festlichkeit.“

Wir freuen uns jedenfalls über den freien Tag (ganz so wie auch die Masse der Tunesier) und werden ihn dazu nutzen, einen ausgedehnten Einkaufsbummel zu machen, da trotz des Feiertags alle Geschäfte geöffnet sind.

http://de.wikipedia.org/wiki/Mawlid_an-Nabi

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Schönborn über verheiratete und zölibatäre Priester


SchönbornAuf der Homepage der Wiener Diözese wurde am 3.11.2019 ein Text online gestellt, der sich mit der nach der Amazonien-Synode mit ihrem Eintreten für verheiratete Geistliche ausgelösten möglichen Folgen befasst, der Text bezieht sich auf den Auftritt  Schönborns in der Zeit-im-Bild-2-Sendung, es heißt dort:

Kardinal Schönborn: Grundform des priesterlichen Dienstes bleibt zölibatär

Text der Diözese: "Nach den Worten von Kardinal Christoph Schönborn wird die Grundform des priesterlichen Dienstes in der katholischen Kirche die ehelose Lebensform bleiben. Wie der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz als Studiogast in der ZIB 2 am Sonntag, 3. November 2019 zur vor einer Woche zu Ende gegangenen Amazonien-Synode erklärte, halte er parallel dazu verheiratete Priester für sinnvoll und wünschenswert, der Weg der ehelosen Nachfolge Jesu bleibe jedoch der Normalfall. Die Synodalen hatten sich bei ihrer Zusammenkunft in Rom für die Weihe bewährter verheirateter Männer zu Priestern ausgesprochen – als Ausnahme in der pastoral unterversorgten Region Amazonien. Er selbst habe für diesen Vorschlag im Schlussdokument votiert, berichtete Kardinal Schönborn."
Atheistische Anmerkung: Der Zölibat war eine Folge der Entwicklungen in des im ersten Jahrtausend sich verbreitet entwickelnden Feudalsystem, die Kirche fürchtete wohl, dass sich feudale Erbfolgen auch im Kirchenapparat festsetzen könnten, also der Sohn des Pfarrers die Pfarre erbt, der Sohn des Bischofs das Bistum und der Sohn des Papstes der nächste Papst wird, darum wurden vor 1000 Jahren den Priestern legale Nachkommen verboten. Dass der Jesus nicht verheiratetet war, ist ja schließlich schon 1000 Jahre vor dem Zölibat bekannt gewesen, der Zölibat kann kein Jesusauftrag gewesen sein, hat dieser doch die Ehelosigkeit nur als Status von Kastrierten akzeptiert. Immerhin: der Schönborn ist für verheiratete Priester, 2017 hatte die katholische Kirche 712 geweihte Diakone, die stehen eine Weihestufe tiefer als Priester und dürfen verheiratet sein, jetzt könnten sie auch Priester werden dürfen und Schönborn kalkuliert diese Möglichkeit schon ein…

Weiter im Text der Diözese: "Der Kardinal wandte sich gegen einen verkürzten Blick auf die Synode, deren zentrale Botschaft die Bedrohung einer für das Weltklima entscheidenden Weltgegend gewesen sei. Dieses Problem sei 'viel ernster' als die Frage der priesterlichen Lebensform. Schönborn kritisierte in diesem Zusammenhang auch den Wiener Pastoraltheologen Paul Zulehner, der in einem vor dem Interview eingespielten Beitrag Amazonien mit dem ebenfalls seelsorglich unterversorgten Waldviertel verglich. Das sei 'an den Haaren herbeigezogen', so der Vorsitzende der Bischofskonferenz; Amazonien umfasse ein Gebiet, das so groß wie Europa bis zum russischen Ural sei."
Atheistische Anmerkung: In Brasilien hat die katholische Kirche große Probleme, nicht nur viel zuwenig Priester, sondern auch einen massiven Verlust an Katholiken, die charismatische Bewegung der Pfingstler hat großen Zulauf, die einst mit über 90 % dominierende katholische Kirche liegt inzwischen nur noch bei 60 %. Dass das Weltklima bei der Synode in Amazonien auch eine wichtige Rolle spielte, stimmt, aber der Beschluss zur Alternative in Sachen Zölibatspflicht ist ein grundsätzlicher Eingriff ins katholische Klima!

Weiter im Text der Diözese: "Auf die Frage, ob der Priesterzölibat Missbrauchsfälle in der Kirche begünstigt habe, reagierte der Wiener Erzbischof skeptisch: Der weitaus größte Teil an Übergriffen geschehe im familiären Umfeld – durch Täter, die verheiratet sind. Zudem seien die kirchlichen Missbrauchsfälle in den letzten Jahren, seit viel strengere Maßstäbe bei der Ausbildung und beim Umgang mit Missbrauch angelegt würden, stark zurückgegangen. Nicht der Zölibat begünstige Missbrauch, sondern eine Lebenseinstellung, die von der getroffenen Entscheidung für den priesterlichen  Dienst abweiche, sagte der Kardinal. Niemand werde zur Ehelosigkeit gezwungen, auch er selbst habe sich frei dafür entschieden, fügte Kardinal Schönborn hinzu."
Atheistische Anmerkung: Ja, der Schönborn heuchelt sich immer noch weg von der Tatsache, dass sich der Sexualtrieb nicht mittels Verbot stilllegen lässt, sein Jesus hat das noch gewusst und in der Bibel auch völlig klar verkündet: In Mt 19,12 spricht der Herr Jesus über die Zulässigkeit der Ehelosigkeit so: 'Denn es sind etliche verschnitten, die sind aus Mutterleibe also geboren; und sind etliche verschnitten, die von Menschen verschnitten sind und sind etliche verschnitten, die sich selbst verschnitten haben um des Himmelreiches willen. Wer es fassen kann, der fasse es!'
Und zuverlässig wirklich fassen kann es nur ein Verschnittener! Wie weit sich Schönborn frei entschieden hat, ist der Öffentlichkeit nicht bekannt, ist er homo? Hat er keine Eier? Wichste er sich durchs Priesterleben? Hatte er intime Freunde oder -innen? Oder erlebte er nur die sündenfreien nächtlichen Ergüsse, wenn die Samenblase voll war? Nix Genaues weiß niemand…

Weiter im Text der Diözese: Auf die Frage nach seinem Rücktritt als Wiener Erzbischof nach der Vollendung des 75. Lebensjahres (mit diesem Alter müssen Diözesanbischöfe laut Kirchenrecht ihren Rücktritt anbieten) bestätigte Kardinal Schönborn, er habe Papst Franziskus um Entbindung von seiner Aufgabe ersucht. 75 sei ein Alter, in dem man ein so gewichtiges Amt zurücklegen sollte, meinte der am 22. Januar 1945 geborene Kardinal. Ob der Papst sein Gesuch zeitnah annehmen wird, wisse er allerdings nicht.
Atheistische Anmerkung: Ja, die katholische Kirche hat ein Pensionsrecht wie es wohl auch manche christliche Parteien gerne allgemein für alle hätten, wenn das bischöfliche Pensionsrecht wenigstens so datumsmäßig funktionieren täte wie das weltliche, dann könnte Bischof Schönborn ab 1. Februar 2020 schon im Ruhestand sein…

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




SPÖ unter zwanzig Prozent - die Situation beim Nachbarn


SPÖDas Blatt "Österreich" veranstaltet ja regelmäßig Wahlumfragen und veröffentlicht die dann in der Sonntagsausgabe. Am 3.11.2019 lautete das Umfrageergebnis so: ÖVP 38 %, SPÖ 19 %, Grüne 16 %, FPÖ 15 %, Neos 9 %.

Hochgerechnet auf Sitze im Parlament wären das (in Klammer die Sitze seit der Wahl im September): ÖVP 72 (71), SPÖ 36 (40), Grüne 30 (26), FPÖ 28 (31), NEOS 17 (15), Wahlverlierer wären also die SPÖ und die FPÖ. Die Kanzlerfrage wurde auch gestellt, Kurz hatte mit 41 % um sechs Prozent mehr als Hofer (19 %) und Rendi-Wagner (nur noch 16 %) zusammen. Die Koalitionsvorlieben sahen so aus: 32 % ÖVP&Grün, 26 % ÖVP&FPÖ, nur 14 % ÖVP&SPÖ.

Ebenfalls veröffentlicht wurde eine Umfrage zur am 24.11. stattfindenden Landtagswahl in der Steiermark, hier die Umfrageergebnisse und in Klammer das jeweilige Plus/Minus zur letzten LTW: ÖVP 36 % (+7,5 %), SPÖ 21 % (-8,3 %), FPÖ 21 % (-5,8 %), Grüne 13 % (+6,3 %), Neos 5 % (+2,4 %), KPÖ 4 % (- 0,2 %).

Die SPÖ ist auch hier der große Verlierer, der FPÖ hat der neue Skandal mit einem zum passenden Zeitpunkt in der Steiermark entdeckten Liederbuch bei einem FPÖ-Funktionär weniger geschadet. Es ist dazu interessant, dass kein Medium die Frage stellt, woher das so zeitgenau vor der Wahl bekannt wurde, dass wieder einmal ein FPÖler ein Buch mit gestrigem Zeitgeist besitzt.

Hier drei Screenshots davon:
Antisemitisch:

Mit "Heil Hitler" – laut ORF aber ein aus katholischen Kreisen stammendes Spottlied

Bundeshymne als eine Art Satire

Der FPÖ haben die ganzen Sachen seit Ibiza natürlich deutlich geschadet. Von der Wahl 2017 bis zur obigen Umfrage hat die FPÖ 11 % verloren, die SPÖ knapp 8 %. Die SPÖ braucht keine solche Aufdeckungen wie die FPÖ, die schadet sich freihändig selber, indem sie schon seit vielen Jahren die Parteiführung in Managerhände legt, die zum ursprünglichen Zweck der Partei keinen Draht mehr haben, sie managen die Partei wie eine Firma und nicht wie die Partei, welche die Interessen der arbeitenden Menschen vertreten soll, aber seit 20 Jahren z.B. keine Reallohnerhöhungen mehr erkämpft, man probiert es gar nicht wirklich, siehe Metallerabschluss!. Die von der SPÖ deswegen frustrierten Wähler geben jetzt wahrscheinlich weniger Proteststimmen an die FPÖ ab und wählen lieber gar nicht…

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




Begräbnis ohne Gott


 

Trauerrednerin Stefanie Kiefer auf dem Friedhof in Beckingen. Foto: Oliver Dietze

Trauerrednerin Stefanie Kiefer auf dem Friedhof in Beckingen. Foto: Oliver Dietze

Bild: Trauerrednerin Stefanie Kiefer (Foto Oliver Dietze).

"Humanistischer Verband Österreich" (vormals: "Freidenkerbund"),
Aussendung vom 31.10.2019:

Humanistischer Verband will konfessionsfreie Trauerredner ausbilden

Ein Begräbnis, das sich ausschließlich dem Verstorbenen widmet, ohne störenden Gottes- oder Kirchenbezug – das will der Humanistische Verband Österreichs anbieten. Trauerredner sollen in Zukunft in ganz Österreich konfessionsfreie Begräbniszeremonien gestalten.

"In den letzten Jahren hat sich der weltliche Sektor der Trauerzeremonien stark erweitert. In ganz Westeuropa werden solche Rituale von speziell geschulten weltlichen Zeremonienmeistern, diplomierten humanistischen Trauerrednern abgehalten. In den nordischen Staaten sind diese mittlerweile sogar die Norm”, erklärt Gerhard Engelmayer, Präsident des Humanistischen Verbands Österreichs (HVÖ).  Beispielsweise gibt es in Schottland, einem ehemals streng katholischen Land, heute mehr "humanistische Bestattungen" als katholische. Auch in Österreich soll man bald beim HVÖ einen Kurs zum "humanistische  Zelebranten" belegen können.

Würdige weltliche Bestattung
Die weltliche Bestattung befasst sich ausschließlich mit dem Verstorbenen, seinem Leben, seinen Vorzügen, allem, wofür man den Menschen geliebt hat. Ein Fest der Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit, keine Referenz auf ein spekulatives Wiedersehen im Jenseits. Besonders wenn der Verstorbene ein kritisches Verhältnis zur Kirche hatte oder wenn sich die Familie eine Feier wünscht, die intensiver auf das Leben und die Eigenheiten des Verstorbenen eingeht, sind konfessionsfreie Trauerredner die Zelebranten erster Wahl. Wer sich also ein würdiges und respektvolles Begräbnis ohne klerikale Einmischung auf der Höhe der Zeit wünscht, lässt sich beim HVÖ beraten.

Immer weniger kirchliche Begräbnisse
Die Religiosität der Österreicher nimmt ab, ebenso die Anzahl der kirchlichen Begräbnisse. Wurden 2003 noch 76,6% aller Verstorbenen kirchlich begraben so waren es 2017 nur mehr 64,7%, Tendenz fallend. Ähnlich bei den Taufen: Während 2003 noch gut 70% der Neugeboren katholisch getauft wurden waren es 2017 nur mehr knapp 56%. Trotzdem möchten viele Menschen wichtige Ereignisse des Lebens (Geburt, Hochzeit, Tod) festlich begehen. Daher möchte der HVÖ in Zukunft Zeremoniengestalter für alle Gelegenheiten ausbilden.

Über den HVÖ:
Der Humanistische Verband Österreich wurde 1887 als Freidenkerbund gegründet. 1933 zählte der Verband bereits 65.000 Mitglieder und wurde im katholischen Austrofaschismus durch eine Notverordnung verboten, sein Vereinsvermögen wurde beschlagnahmt und eine spätere Restitution verweigert. Der Verband kämpft für eine konfessionsfreie, humanistische Ethik. Aufklärung, Humanismus und  evidenzbasierte Politik und Wissenschaft sind zentrale Anliegen. Der HVÖ spricht sich gegen eine staatliche Privilegierung von Religionsgemeinschaften aus und fordert eine Beendigung des Einflusses insbesondere der röm.-kath. Kirche auf staatliche Einrichtungen und den ORF. In ganz Europa gibt es über 60 solche  Organisationen, die in der Europäischen Humanistischen Föderation (EHF) und in der Weltdachorganisation der "Humanists International" vernetzt sind.

www.humanisten.at

Siehe dazu auch den ORF-Bericht!

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at (Erwin Peterseil).




Das wollte ich Ihnen noch sagen – Ein Jahrhundert im Gespräch


GroenewoudRezension von Gerfried Pongratz:

Zeitzeugen verkörpern die Narben der Geschichte, wir bekommen durch sie eine Aura der Authentizität“ (Mary Fulbrook, Historikerin). Der Journalist André Groenewoud stellt sich der Aufgabe, mittels Interviews besonderer Zeitzeugen, deren Schicksale mit dem Weltgeschehen verknüpft sind, Geschichte authentisch zu vermitteln. „André Groenewouds einfühlsame Gespräche ergeben in Summe ein sehr dichtes, zwar subjektives, aber zutiefst menschliches Bild des Erlebens im 20. Jahrhundert“, urteilt der Historiker Guido Knopp im Vorwort des Buches.

André Groenewoud hat im Laufe seiner Karriere zahlreiche Interviews mit Ministerpräsidenten, Bundeskanzlern, Bundespräsidenten, Premierministern, Staatschefs, Königen und Kaisern geführt. Sein neues Buch widmet sich, gegliedert nach Jahrzehnten, Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts, wobei, abgesehen von Helmut Schmidt, Hans–Dietrich Genscher, Farah Diba-Pahlavi, Lech Walesa und Imelda Marcos, überwiegend Persönlichkeiten mit Biografien abseits der Politik, oder nur indirekt mit Politik verbunden, zu Wort kommen. So z.B. Franz Künstler, der letzte überlebende Veteran des ersten Weltkrieges, Millvina Dean, die letzte Titanic-Überlebende, Brunhilde Pomsel, Goebbels-Sekretärin, Siegfried Lessey, ein Stalingrad-Überlebender, Tavi Nussbaum, der durch sein Foto mit erhobenen Händen vor SS Männern berühmt gewordene Warschauer Getto-Junge, gegenübergestellt Adolf Czech, dem durch ein Foto mit Hitler, der ihm die Wange tätschelt, bekannt gewordenen Hitlerjungen. Ted van Kirk, der Navigator des Flugzeuges, das die Atombombe auf Hiroshima geworfen hat, berichtet ebenso über sein Leben und Erinnern, wie Francoise Gilot, die Lebensgefährtin Picassos von ihrer Zeit mit dem Ausnahmekünstler. Der Auschwitz-Befreier Anatoly Shapiro und Jürgen Vietor, der Co-Pilot der Landshut, wie auch Bruce Reynolds, der Boss der Posträuberbande in England sowie die Verpackungskünstler Christo & Jeanne-Claude erlauben Einblicke in ihr Denken. Insgesamt kommen 19 Persönlichkeiten zu Wort, jede repräsentiert ein besonderes Schicksal, oder Ereignis, oder eine besondere Epoche des vergangenen Jahrhunderts. Gescheitere Interviewbemühungen mit Brigitte Bardot, Ingvar Kamprad (IKEA) und Doris Day ergänzen – „shit happens“ – die Ausführungen.

Leser erwarten von Interviews, auf möglichst unterhaltsame Art nicht nur Wissen und Meinungen, sondern auch die Denkweisen der befragten Personen authentisch vermittelt zu erhalten. André Groenewoud versteht es hervorragend, klug und einfühlsam zu fragen und damit auch ehrliche, meist bewegende Antworten und Einblicke zu bekommen. Das Buch beschränkt sich nicht nur auf Fragen und Antworten, direkt und indirekt gestellt bzw. widergegeben; mittels Hintergrundinformationen zeichnet der Autor gleichzeitig aussagekräftige Porträts der befragten Personen unter Einbindung ihres Status, ihrer Lebensläufe und – reportageartig – der jeweiligen Zeitumstände und Nebenschauplätze der Handlungen. Ergänzend dazu schildert er die manchmal schwierigen, lange währenden Bemühungen, zu den gewünschten Personen zu gelangen und beschreibt die dazu notwendigen Wege und Vorbereitungen. Humorvolle Anekdoten, z.B. zum „Jahrhundert-Philantropen“ David Rockefeller, zu Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher, Farah Diba-Pahlavi, Jeanne Claude etc., die auch die kleinen Schwächen großer Männer und bedeutender Frauen sichtbar werden lassen, vertiefen die Einsichten und erhöhen das Lesevergnügen.

 

„Das wollte ich Ihnen noch sagen“ vermittelt Einblicke in das Leben und Schicksal besonderer Persönlichkeiten, verbunden mit dem Gefühl, indirekt mitzuerleben, was ihnen widerfahren ist, wie sie bestimmte Ereignisse sehen, verarbeitet haben und was sie im Rückblick darüber denken. Das Buch bietet spannend erzähltes historisches Wissen und hohen Lesegenuss für an Geschichte, aber auch an Menschlichem und Allzumenschlichem interessierte Leserinnen und Leser.

André Groenewoud: „Das wollte ich Ihnen noch sagen – Ein Jahrhundert im Gespräch

© Topicus Verlag, 2019, ISBN 978-2-91980-881-6, 254 Seiten

 

 




Sterbebegleitung der Eltern: Keine 100 Tage bis zum Tod


Hundert TageWEIMAR. (fgw) Was macht man, wenn man vom Arzt hören muß, daß ein Angehöriger nur noch wenige Monate oder gar nur Wochen zu leben hat? Wenn da nur noch die Frage steht: Sterben zu Hause oder Sterben in einem Hospiz? Und: Wer kümmert sich, wer kann sich in der Sterbephase um diesen Angehörigen kümmern?

 

Michael Schacht beschreibt in seinem (Tage-)Buch, wie er das Sterben seines Vaters begleitet hat. Schacht ist ein sogenannter Boulevard-Journalist und schreibt normalerweise locker über das oberflächliche Leben von „Stars" und „Möchtegern-Stars". In seinem Buch zeigt er aber, was in ihm steckt: Er kann überaus feinfühlig und voller Empathie beschreiben, wie es ihm, seiner Mutter und vor allem seinem Vater in dessen letzten Lebenswochen geht. Man kann lesen, wie sich Sohn und Vater wieder annähern, welche Gespräche sie führen. Und was dem Vater als Kettenraucher (mit Krebs im Endstadium) auch im Hospiz noch wichtig ist. Die Ärzte hatten dem fast 80jährigen bescheinigt, daß er vielleicht noch 100 Tage zu leben habe. Die ersten Wochen wird Schachts Vater zu Hause gepflegt, doch dann bleibt für alle nur noch das Hospiz als beste Lösung. Nein, 100 Tage Leben werden es nicht mehr.

Dieses Buch ist aber nicht bloß eine journalistisch-literarische Auseinandersetzung mit dem Sterben und dem Tod. Weit mehr setzt der Autor sich mit dem Leben seiner Familie, den Eltern-Kind-Beziehungen auseinander.

Bei Schacht stehen nicht sogenannte letzte Fragen im Mittelpunkt, wie von klerikaler Seite immer wieder behauptet und ausgedrängt. Seinem Vater, wie auch ihm, ist dies wichtig:

„Besiegen konnte der Krebs bislang noch nicht seine Würde und seinen Stolz." (S. 9)

Diese Aussage gilt hier tatsächlich bis zum letzten Atemzug des Vaters. Menschenwürde und Selbstbestimmung gelten in dieser Familie viel. Daher wird der Vater erst auf eigenen Wunsch hin ins Hospiz verlegt und nicht etwa dahin abgeschoben. Gemeinsam stellt man zuvor sogar Überlegungen zum ärztlich assistierten Suizid an. Doch eine Reise in die Schweiz kommt für alle nicht in Frage.

Kurz wird vom Sohn noch etwas über Kirche ausgesagt. Die Familie war/ist kirchlich nicht gebunden. Als aber der junge Michael seinerzeit in Hamburg in einen Kindergarten gehen sollte, war das schier unmöglich. Erst als die Mutter in die Kirche eintrat und ihren Sohn taufen ließ, gab es für ihn in der Hansestadt einen freien Krippenplatz. Soviel nebenbei noch zur behaupteten Wiederkehr der Religion in Deutschland. Und sei es nur auf dem Sterbebett.

Was dieses Buch besonders wertvoll macht: Michael Schacht überläßt es jedem seiner Leser, eigene Schlußfolgerungen für sich selbst zu ziehen, falls auch diese einmal in eine solche Situation kommen sollten.

Noch einmal schwimmenGanz anders geht Monika Keck, eine Sozial-Pädagogin, an dieses Thema heran. Ihre Mutter wird ebenfalls an Krebs sterben, auch sie ist als Begleiterin in deren letzten Lebenswochen anwesend. Anders aber als Schacht schreibt sie aus katholischer Sicht. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, daß sie zwar auf die Wichtigkeit einer Patientenverfügung hinweist, dann aber konsequent die DGHS verschweigt. Als Hilfseinrichtungen bzw. Beratungsstellen kommen bei Frau Keck daher auch nur kirchliche vor.

Und im Gegensatz zu Schacht macht sie aus ihrer persönlichen Sterbegleitung gewissermaßen noch ein Geschäft. Hat sie ihr Buch doch als quasi verbindlichen Ratgeber angelegt. Aber jedes Sterben, jede Sterbebegleitung ist doch immer sehr individuell.

 

Siegfried R. Krebs

Michael Schacht: 100 Tage. Das Sterben meines Vaters. 224 S. geb.m.Schutzumschl. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh 2018. 20,00 Euro. ISBN 978-3-578-08704-7

Monika Keck: Noch einmal schwimmen. Sterbegleitung meiner krebskranken Mutter. 148 S. Taschenbuch. Ernst-Reinhardt-Verlag. München 2017. 16,90 Euro. ISBN 978-3-497-02671-5


 
27.10.2019

Von: Siegfried R. Krebs




Keine Steuertransparenz bei Großunternehmen


GiegoldDas ist einer Aussendung von Sven Giegold vom 25.10.2019 zu entnehmen:

Stunde der Wahrheit:
Bundesregierung macht gemeinsame Sache mit EU-Steueroasen und verhindert Steuertransparenz von Großunternehmen

Die EU-Mitgliedstaaten blockieren weiter öffentliche Steuertransparenz von Großunternehmen. Beim heutigen Treffen der entsprechenden Ratsarbeitsgruppe "Gesellschaftsrecht" konnten sich die Vertreter der nationalen Regierungen wieder nicht auf eine gemeinsame Position zum Kommissionsvorschlag für die sogenannte öffentliche länderbezogene Steuerberichterstattung von multinationalen Unternehmen ("country-by-country-reporting") einigen.

Zypern, Malta, Österreich, Ungarn, Estland, Luxemburg, Lettland, Irland, Polen, Schweden, Tschechische Republik, Slowenien, Portugal und Kroatien bezweifeln allesamt die Rechtsgrundlage des Kommissionsvorschlags und wollen ihn lieber in der Ratsarbeitsgruppe "Steuern" verhandeln, wo statt qualifizierter Mehrheit Einstimmigkeit unter den Mitgliedstaaten erforderlich wäre. Damit wäre die Steuertransparenz für Großunternehmen mit Sicherheit versenkt. Das Zünglein an der Waage bleibt Deutschland, das zusammen mit Litauen seinen Prüfvorbehalt aufrecht erhält. Die Federführung in der Bundesregierung hat Christine Lambrecht (SPD) für das Bundesministerium der Justiz. An der Ressortabstimmung beteiligt sind der Finanzminister Olaf Scholz (SPD) sowie Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).

Frankreich, Spanien, Belgien, Dänemark, die Niederlande, Italien, Rumänien, Bulgarien, Griechenland und die Slowakei dagegen sehen öffentliche Steuertransparenz als Maßnahme unternehmerischer Berichterstattung und befürworten eine Befassung in der Ratsarbeitsgruppe Gesellschaftsrecht. Die finnische Ratspräsidentschaft selbst hat keine klare Haltung, da innerhalb der finnischen Regierung Uneinigkeit zwischen den beteiligten Ministerien herrscht.

Erst gestern forderten die Abgeordneten des Europäischen Parlaments in einer parteiübergreifenden Resolution die EU-Regierungen auf, ihre Blockade öffentlicher Steuertransparenz aufzugeben.

Dazu erklärt Sven Giegold, Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Europäischen Parlament:
"Mit ihrer Blockade der Steuertransparenz von Großunternehmen verspielen die europäischen Regierungen Vertrauen der Bürger in die Europäische Union. Die Bekämpfung von Steuerdumping multinationaler Konzerne wäre möglich durch gemeinsames Handeln der europäischen Mitgliedsländer. Mit Steuertransparenz pro Geschäftsland würde dem Verschieben von Gewinnen in Steueroasen faktisch ein Riegel vorgeschoben. Die EU-Regierungen pochen offensichtlich lieber auf ihre Souveränität in Steuerfragen, anstatt Steuergerechtigkeit für Bürger sowie kleine und mittlere Unternehmen herzustellen. Es ist ein europapolitisches Trauerspiel, wie sich die Bundesregierung schon wieder gegen Frankreich gestellt hat, das Europa auch hier stärken wollte.
Innerhalb der Bundesregierung tragen die SPD-Minister eine besondere Verantwortung für den Stillstand auf europäischer Ebene. Das Verstecken hinter einem Prüfvorbehalt der Rechtsgrundlage ist nichts anderes als Feigheit, klar Stellung zu beziehen. Lambrecht und Scholz müssen bei der Steuertransparenz genauso den Konflikt mit der Union suchen wie bei der Grundrente. Erst dann wird die Kehrtwende von Olaf Scholz in Sachen Steuertransparenz glaubwürdig. Im Koalitionsvertrag bekennt sich auch die Union eindeutig zum Kampf gegen Steuerbetrug und aggressive Steuervermeidung. Daran müssen die Sozialdemokraten den CDU-Wirtschaftsminister Altmaier erinnern. Gerade die Unionsparteien sollten für fairen Wettbewerb zwischen dem Mittelstand und Großunternehmen eintreten. Ihr Widerstand gegen Steuertransparenz von Großunternehmen untergräbt die soziale Marktwirtschaft wie auch die Steuergerechtigkeit.
Die juristischen Bedenken sind vorgeschoben. Für die Großbanken hat die EU bereits länderbezogene Steuertransparenz im Mehrheitsverfahren eingeführt. Das funktioniert seit Jahren und hat zu keinerlei juristischen Problemen geführt. Ebenso vorgeschoben sind die Befürchtungen von Sanktionen von Drittländern. Die schon existierenden Regeln für Großbanken sind international akzeptiert worden. Gerade die USA haben in den letzten Jahren weitreichende Steuerreformen mit Auswirkungung auf Drittländer beschlossen. Auch hier gab es keine negativen Reaktionen der anderen Staaten. Europa sollte seine Souveränität ausüben, indem es fairen Wettbewerb und Steuergerechtigkeit verteidigt. Hasenfüßigkeit ist für Europa ein schlechter Berater."

Parteiübergreifende Resolution des Europäischen Parlaments, um die Mitgliedsländer aufzufordern, endlich ihre Verhandlungspause zu beenden!
Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD für die 19. Legislaturperiode!

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).