Ichbinhier - auch in eigener Sache


logo_ichbinhier_0Jeder weiß es – niemand tut etwas dagegen. Die Kommentarspalten der freien Presse werden regelrecht überschwemmt mit rechtslastigen Kommentaren. Manche nehmen das aber immer noch für bare Münze. Man schätzt, dass bis zu einem Drittel der Kommentare in dieser Richtung von Fake-Accounts oder von regelrechten Bots stammen. Ich habe den ehemaligen Herausgeber von Wissenbloggt, Dr. Wilfried Müller, immer wieder darauf hingewiesen, dass er sich nicht auf solche Fakes berufen sollte und ihm auch die entsprechenden Links dazu mitgeteilt. Aber er war  felsenfest davon überzeugt, dass sich dort „das Volk“, der „mündige Bürger“ äußere. Dies führte im Gefolge zu einem zunehmend stärker werden Abdriften in rechtspopulistische Argumentationsweisen, was sich mit meinen Auffassungen schließlich keinesfalls mehr vereinbaren ließ. Schließlich war mein Name als Gründer von WB immer noch eingebunden. Das ist auch einigen der Autoren, die trotzdem weiter hier schrieben, sehr unangenehm aufgefallen, da es sich immer weiter von humanistischen Grundüberzeugungen entfernte. So wurde mir jedenfalls berichtet.

Umso erfreuter bin ich zu sehen, das sich nun eine ganze Gruppe, ein Verein, gegen diese unsäglichen Verzerrungen sträubt und sich mit großem Engagement dagegen stemmt.

So gibt es nun einen Offenen Brief an Online-Redaktionen und Journalisten des Vereins Ichbinhier, auf den ich im Folgenden verlinke:

https://www.facebook.com/notes/ichbinhier-der-verein/offener-brief-an-online-redaktionen-und-journalisten/1130052927158458/




Dem Glauben Beine machen


fatima-pilger-1280x853Dieser Bericht, den ich 2011 schrieb, gelangt zu Schlussfolgerungen, die sich die weitgehend unorganisierten Glaubensfernen endlich zu eigen machen sollten, wenn sie denn nachhaltig Erfolg mit ihren Bemühungen haben wollen. Der Organisationsgrad ist bisher so gering, dass die Stimme der Vernunft weitgehend ungehört verhallt. Ich setze diesen Artikel deshalb noch einmal ein:

Mein Volkswagen-Konzessionär ist ein gemütlicher und freundlicher Mittvierziger. Ich kenne ihn seit acht Jahren und bin mit ihm, er heißt Elyes wie der Prophet, so vertraut, dass ich ihm auch auf den stetig weiter anschwellenden Leib klopfen darf, ohne dass er mir die Frage, ob seine Frau wieder zu gut gekocht hat, übel nimmt. Elyes ist ein Hadj, aber er weigert sich beharrlich, dies auch im Namen zu führen, so wie es die Orient-Experten von Hadschi Halef Omar kennen (ja, ja, Karl May bildet). Er ist normal geblieben und bildet sich nichts darauf ein, dass er – wie es eine der fünf Säulen des Islams vorschreibt – nach Mekka gepilgert ist. Er berichtet aber gern über seine Pilgerreise. Er ist dadurch sicher – nach eigener Aussage – kein besserer Moslem geworden, aber er fand es beeindruckend, dass so viele Leute dort waren, die einfach nur um den schwarzen Block kreisen wollten, dem Teufel Steine hinterherwerfen durften und schließlich auf dem Berg Arafat ein Schaf ins für sie vorgesehene Paradies verfrachtet haben. Da leuchten seine Augen!

Szenenwechsel: Während meiner Zeit als Pilot hatte ich mehrfach die Aufgabe, Pilgergruppen nach Lourdes in Frankreich und nach Fatima in Portugal zu fliegen. Schon aus reiner Neugier blieb ich nicht wie sonst üblich im Flughafenhotel, um auf die Rückkehr meiner Gäste zu warten, sondern ich begleitete sie, übernachtete mit Ihnen in einem einfachen Pilgerhotel und wanderte auch (etwas abseits – gebe ich zu) zu den Erscheinungsstätten. Glücklicherweise ist die fleißige Jungfrau ja immer zur angenehmen Jahreszeit erschienen (was auch dem Tourismus zuträglich ist). Das erleichtert die Bekleidungsfragen. Die Devotionalienläden, die die Strassen säumen, ließen mich eher kalt – obwohl ich zugeben muss, eine kitschige Kerze meiner damaligen Frau als Andenken mitgebracht zu haben. Da konnte ich nicht widerstehen! Was mich viel mehr faszinierte, waren die Pilger selbst, die dort aus aller Herren Länder zusammen kamen. Hingabe im Blick wäre zu schwach als Ausdruck, nein, in den leuchtenden Augen stand regelrechtes Entzücken, eine nicht zu bremsende Freude, der geliebten Jungfrau jetzt so nahe zu sein.

Und dieses Leuchten traf ich bei Elyes wieder: zwei Religionen, die gegensätzlicher nicht sein könnten – dasselbe Leuchten!

Die Frage muss erlaubt sein, was denn das alles mit dem Glauben zu tun habe. Erzbischof Ludwig Schick hat eine Antwort darauf:  „Katholisch von der Wiege bis zur Bahre nimmt rapide ab. Der christliche Glaube und die Kirchen prägen unsere Kultur immer weniger“, sagt er laut kath.net vom 4. Mai 2011. Eine erstaunliche Einsicht für einen Kirchenmann. Also muss etwas anderes her: „Glaube, Kirche und Volksfrömmigkeit äußern sich immer mehr im Event-Bereich, beispielsweise bei Wallfahrten, traditionellen, kulturellen und folkloristischen Festen, bei Taufen, der Erstkommunion, Firmung, Eheschließung bis hin zur Beerdigung“, so Schick. Eine regelmäßige Teilnahme an der Sonntagsmesse und der lebenslange Sakramentenempfang seien hingegen nicht mehr selbstverständlich. Ganz offensichtlich hat er richtig erkannt, was die Schäfchen wirklich bei der Stange hält, das gemeinsame Erlebnis von etwas Besonderem, mit anderen Worten: die Event-Kirche. Das sei die einzige Rettung in einer Zeit der „Säkularisation, die mit Agnostizismus und ‚schweigendem’ Atheismus oder Desinteresse für Religion“ einhergehe. Der Bamberger Erzbischof preist also „Wallfahrten als Ein-Übungen des Glaubens gegen den Säkularisierungstrend unserer Zeit“ und: „Eine der wichtigsten Ein-Übungen ist seit eh und je die Wallfahrt und der Besuch der Wallfahrtsorte. Wallfahren bedeutet dem Glauben Beine machen und den Glauben unter die Füße nehmen“, betont Schick. „Glaube muss getan werden“, so der Erzbischof. „Wir landen bei Gott, bei Jesus Christus, bei der Gottesmutter, bei den Heiligen, die an den Wallfahrtsorten verehrt werden“.

Woran glauben Christen denn überhaupt noch, wenn sie auf diese Art und Weise  bei Laune gehalten werden müssen? Eine Antwort darauf geben die Pfarrer der Aktion „golife“ in Sachsen. Die Zeit führte ein ausführliches Interview mit Ihnen, das ich als Lektüre wärmstens empfehle. Sie erwecken dabei den Eindruck, dass „Gottes Wort“, die Bibel, so weit von den Menschen entfernt ist, dass sie nicht einmal mehr darauf rekurrieren. „Panta rhei“ – alles fließt, da gehen Fundamente flöten, auf denen diese Kirche seit 2.000  Jahren so fest gebaut schien. Mit dem, was ich als junger Mensch in der Kirche mitgeteilt bekam, hat das alles nur noch näherungsweise zu tun.

Zu diesem Schluss kommen auch wissenschaftliche Untersuchungen, die in den Vereinigten Staaten  angestrengt wurden: „Gemeinschaftsgefühl ersetzt den Glauben“.

Wenn religiöse Menschen von sich behaupten, glücklicher und zufriedener zu sein, dann liegt das nicht an ihrer Nähe zu irgendeinem Gott oder einer spirituellen Erleuchtung, sondern erst mal daran, dass Religionsgemeinschaften vor allem letzteres sind – Gemeinschaften. Mitglieder finden hier Anschluss an Freunde, und das sei vor allem, was sie glücklich mache, erklärt Chaeyoon Lim von der University of Wisconsin, gemeinsam mit Robert Putnam (Harvard University) Co-Autor des Papers über "Religion, Social Networks, and Life Satisfaction".

Sie kommen zu folgendem, bemerkenswerten Schluss:

Mit anderen Worten: Religionsgemeinschaften (zumindest die christlichen und jüdischen, von denen sich genug Teilnehmer in der Umfrage fanden – für relevante Aussagen über Muslime und Buddhisten reichten die Daten nicht aus) sind offenbar ebenso hilfreich wie ein Hobbyclub, ein Sportverein – wie jede andere Gemeinschaft, in dem man Menschen treffen und Freunde finden kann. Und die Nähe zu Gott – oder was auch immer – macht nicht wirklich zufriedener. Zumindest nicht in diesem Leben …

Dem ist wenig oder nichts hinzuzufügen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Pupsglobuli – Köstliches von Udo Endruscheit.


Linda 17-09-13Paderborner Spezialitäten oder: Wie Absurdes in Absurdem verpackt werden kann.

Der Beitrag erschien ursprünglich auf der homöopathiekritischen Seite „Susannchen braucht keine Globuli“ (www.susannchen.info). Bei wissenbloggt wird er nun in erweiterter Form veröffentlicht.

Wie bekannt, balanciert die Homöopathie auf drei Grundsäulen. Die erste ist das Ähnlichkeitsprinzip, das sich in dem bekannten Satz similia similibus curentur ausdrückt, also der Annahme, ein Mittel, das beim Gesunden bestimmte Symptome auslöst, sei in der Lage, ähnliche Symptome beim Kranken zu heilen. Dies manifestiert sich in der zweiten Säule, der Arzneimittelprüfung am Gesunden. Symptome, die die Gabe einer Substanz beim Gesunden auszulösen scheint, sollen beim Kranken damit zum Verschwinden gebracht werden. Und dies mit tatkräftiger Unterstützung der dritten Säule: Dem Potenzierungsprinzip, wonach bei fortlaufender Verdünnung in Zehner- oder Hunderterschritten durch rituelles Schütteln und Schlagen der Lösungen auf einen federnden Untergrund zwar eine physikalische Verdünnung eintritt, aber angeblich eine „geistige Arzneikraft“ frei werde, die sich mit jedem Potenzierungsschritt auch noch steigere.

Nun ist nichts von alledem haltbar. Ein auf menschliche Belange bezogenes Ähnlichkeitsprinzip gibt es nicht, eine solche Annahme ist ein Relikt aus ebenso magischen wie anthropozentrischen Zeiten. Die aufgezeichneten „Ergebnisse“ von Arzneimittelprüfungen am Gesunden, von Homöopathen als therapeutischer Schatz gehütet, zeigen bei Licht nichts, was man als Kausalität von Substanzeinnahme und Symptomatikbetrachten dürfte – sie strotzen vor Unspezifität und Beliebigkeit. Und eine geistige Arzneikraft, die durch rituelles Schütteln und Schlagen aus jeder beliebigen Substanz „herauspotenziert“ wird, gibt es nicht. Zumal eine wie auch immer geartete substanzielle Zunahme von Irgendetwas (Veränderung des energetischen Zustandes) durch Schütteln nicht mit der Thermodynamik und einephysiologische Wirkung minimalster und meist gar nicht mehr vorhandener Mittelnicht mit dem Massenwirkungsgesetz vereinbar ist.

Ein nicht unbedingt aus der Luft gegriffenes Bonmot besagt, es gebe so viel Homöopathien, wie es Homöopathen gibt. In der Tat – etwas als „die Homöopathie“ Faßbares und Beschreibbares gibt es nicht. Bereits Hahnemanns Grundlehre krankte an inneren Widersprüchen, die Fantasie und Kunstfertigkeit seiner Exegeten haben daran wahrlich nichts verbessert. So ist es nicht ungewöhnlich, dass Homöopathen oft leicht mit ihren eigenen Grundannahmen widerlegt werden können.

Ein ganz besonders Beispiel hierfür soll uns heute interessieren. Der Autor schickt voraus, dass er für die Echtheit des Sachverhaltes garantiert und es sich nicht um Satire handelt.

Schon mal von "P-Globuli" gehört, den sogenannten "Pupsglobuli" oder, vollständig, "Paderborner Pupsglobuli", der „Spezialität“ einer Paderborner Apotheke, die sich viel auf ihre Homöopathie-Kompetenz zugute hält? Gibt’s schon länger, wurde vom früheren Eigentümer „entwickelt“ und heute offenbar voller Überzeugung weiter vertrieben von der Geschäftsnachfolgerin. Wie man hört, ein Präparat, das sich bei den jungen Muttis der Umgebung durchaus einer gewissen Beliebtheit erfreut. Dieses "Mittel" sogar den Weg in einen Artikel der „Neuen Westfälischen“ gefunden, der zwar eine Ahnung von Kritik spüren lässt, aber mehr eben auch nicht.

Jedoch: Ein näherer Blick lohnt sich trotz oder gerade wegen des spontanen Gefühls von Absurdität.

Es zeigt sich, dass es sich um – mäßig – homöopathisch verdünnte Stoffe wie Fenchel und Kümmel handelt, also um Stoffe, die bei Bauchschmerzproblemen von Säuglingen und Kleinkindern als Gaben von Tee oder Aufgüssen durchaus ihre Meriten haben. Ja und? Ist doch gut dann – oder?

Mitnichten. Man beachte: Mittel, die bei ihrer normalen Verabreichung die Beschwerden genauso lindern sollen wie in der homöopathischen Form!?

Wir erinnern uns: Das Simileprinzip in der Homöopathie beruht auf der Grundannahme, dass ein Stoff, der beim Gesunden eine Krankheit auslöst, diese bei einem Kranken zu heilen imstande sein soll. Nun, lösen Fenchel, Minze, Kümmel und Co. etwa Blähungen und Bauchschmerzen aus? Im Gegenteil! Und im Wissen darüber schreibt die homöopathische Logik eine klare Schlussfolgerung vor: Die Globuli mit diesen Mitteln müssen Blähungen auslösen! Gleiche Wirkung von Stoffen in allopathischer wie in homöopathischer Darreichung gibt es nicht, kann es nicht geben, denn das ist komplett unvereinbar mit der homöopathischen Lehre. Das hier ist – von der Verdünnung abgesehen – keine Homöopathie, sondern Allopathie reinsten Wassers (besser Zuckers), was Hahnemann aus tiefstem Herzen verdammte.

Hier wird die Verrücktheit Homöopathie mit einer weiteren Verrücktheit auf eine neue Stufe der Absurdität gehoben – und dazu gehört schon was. Dagegen könnten höchstens die sogenannten Placebo-Globuli ankommen, die ein Apotheker tatsächlich vertreibt. Und zwar zur Beruhigung gesunder Geschwisterkinder, die auf ihre kranken Brüderchen oder Schwesterchen wegen deren Globuli neidisch sind… (Auch das ist nicht aus den Fingern gesogen, sondern bittere Wahrheit und persönliche Erfahrung des Autors.) Aber im Grunde gehört die Trophäe des „Hohlen Globuli“ doch nach Paderborn…

Na, die Welt ist voller Absurditäten. Nicht mehr als ein Wochenendwitz zum Schmunzeln. Oder?

Was zeigt uns diese Geschichte? Sie zeigt, dass man den Menschen mit dem über Jahrzehnte geschickt aufgebauten Image der Homöopathie (sanft, natürlich, nebenwirkungsfrei, hochwirksam, der „Schulmedizin“ überlegen) jeden Mist andrehen kann und dieseMenschen sich dafür dann auch noch mit Lobeshymnen bedanken. Sie zeigt ferner, dass von gestandenem Apothekenpersonal mit wissenschaftlich-pharmazeutischer Ausbildung keineswegs erwartet werden kann, offen zutage liegende Widersprüche auszumachen. (Was die Frage nach Sinn und Unsinn homöopathischer „Beratung“ in Apotheken erneut aufwirft.) Diese Geschichte zeigt also, welche Folgen eine über Jahrzehnte mit allerlei Euphemismen, Des- und Fehlinformationen betriebene Imagekampagne pro Homöopathie in den Köpfen der Menschen anrichten kann. Man bedenke einmal, was für eine Chuzpe es von Seiten der Homöopathielobby bedeutet, erst dieses Image, diese Stimmung aufzubauen und dann -wie es derzeit allerorten geschieht – in einem klassischen Zirkelschluss eben aus diesem Image heraus die Existenz der Homöopathie rechtfertigen zu wollen. Und so sehen wir am Beispiel der P-Globuli aus Paderborn die ganze Problematik der Aufklärung über Homöopathie schlaglichtartig beleuchtet: Dem positiven Image, der "sozialen Reputation" der Homöopathie ist kaum beizukommen. Im Gegenteil. Image und Reputation reichen offenbar völlig aus, um den absurdesten Unsinn unter die Leute zu bringen, sogar solchen, der mit Homöopathie überhaupt nichts zu tun hat, Hauptsache, das Wort "Homöopathie" oder "Globuli" steht drauf und der Apothekenpflicht ist Genüge getan (übrigens teutonisch korrekt unter „P-Globuli“, „Pups-Globuli“ wäre unstatthaft, weil ein Vertrieb mit einer Indikationsangabe unzulässig ist) . Niemand aus der homöopathischen Szene wendet sich gegen diese Absurdität, weil alles, was positives Interesse weckt, unantastbar ist in Sachen Homöopathie. Das ist nicht weniger als eine Verhöhnung ernsthafter auf wissenschaftlicher Basis betriebener Medizin und ihrer Vertreter.




Zwischen Moschee und Moderne - Von Kantomas


Mein Vater und meine Mutter kamen Anfang der siebziger Jahre ins gelobte Land, genannt Deutschland, obwohl es ihnen in der Türkei nicht unbedingt schlecht ging. Ich weiß nicht, wie weit es stimmt, aber angeblich sollen sie mit Trompeten und Posaunen am Bahnhof empfangen worden sein.

Nachdem er einige Jahre bei BMW in München gearbeitet hatte, holte er mich, meinen Bruder und meine ältere Schwester 1978 nach. Ich war acht Jahre alt.

Fast zeitgleich zogen wir nach Hamburg, wo er einen Arbeitsplatz bei Mercedes bekam. Später machte er sich selbständig und machte einen Lebensmittelladen auf. Er war sehr fleißig. Ein Arbeitstier durch und durch. Ein religiöser Mensch, der fünf Mal am Tag betete, genauso wie meine Mutter auch.

Im Laufe der Jahre kamen noch zwei weitere Brüder auf die Welt. Mein Vater sorgte dafür, dass wir genug zu Essen hatten, und meine Mutter war vollauf mit uns beschäftigt. Es war nicht leicht für sie, fünf Kinder groß zu ziehen, zumal es ihr auch an Durchsetzungskraft fehlte. Mein Vater war da anders gestrickt. Eine sehr autoritäre Person. Hin und wieder gab es Prügel, wenn wir unartig waren. Ich denke, anders waren wir auch nicht wirklich in den Griff zu bekommen. Meine Mutter hat er nie geschlagen. Wer das Sagen im Haus hatte, war allerdings unumstritten. Ansonsten kamen sie gut miteinander aus. Es war eine klassische Rollenverteilung.

Wir mussten alle in die Koranschule. Eine Wahl gab es nicht. Wir konnten zwar unseren Unmut darüber ausdrücken, aber eine richtige Wahl gab es nie. Vater hatte im Notfall die "schlagenden" Argumente auf seiner Seite. Ich ging sehr ungern hin. Ich hätte lieber auf der Strasse Fußball gespielt. Die Koranschule war ein großes Kellergeschoss, und im Winter sehr schwer, warm zu halten. Man fror mit 50-100 Kindern stundenlang, und musste Koransuren in arabischer Schrift lesen und auswendig lernen. Man hat nicht verstanden, was man da gelesen hat. Nebenbei gab es auch theoretischen Unterricht.

Diskussionen waren eher die Ausnahme als die Regel. Man könnte in Kurzfassung eigentlich sagen: "Wenn du das und dies tust, kommst du in den Himmel. Wenn du aber dies und jenes tust, wirst du in der Hölle schmoren." Ich ging wirklich ungern hin, und ertrug es eher. Doch diese permanente Indoktrinierung wirkte nach einiger Zeit. Die Angst vor der Hölle, war bei mir größer als die Aussicht auf den Himmel, weil ich es sehr lästig fand, fünf mal am Tag zu beten. Prügel gab es auch zur Genüge, wenn man zu laut war.

Schließlich hatten die Lehrer (Imame) von den meisten Eltern einen Freifahrtschein bekommen. Ich kann mich noch erinnern, wie mein Vater, das erste Mal, als er mich zum Koranunterricht gebracht hatte, zum Hodscha sagte: "Sein Fleisch gehört dir, seine Knochen mir". Oder auf türkisch: "Eti senin, kemigi benim." Damit gibt man dem Hodscha sämtliche Vollmachten, alles zu tun, damit er Einem die Religion auch gut beibringt. Prügel mit einbezogen.

In der Moschee wurde nicht gegen Christen gehetzt. Man sah sie eher als Geschöpfe an, die vom wahren Weg abgekommen waren, weil ihr Buch im Laufe der Zeit von den Ungläubigen verfälscht wurde. Auch gegen Juden wurde nicht gehetzt. Das lag daran, dass die Moschee der Diyanet, der türkischen Religionsbehörde unterstand, und bestimmte Vorgaben hatte, was unterrichtet werden darf. Die "DITIP" untersteht heute der "Diyanet" – soweit ich das weiß. Sie vertritt türkische Interessen, ist aber verglichen mit anderen Vereinen, wie "Milli Görüs", doch sehr moderat, und sorgt dafür, dass sich keiner gegen den Staat stellt, weder den türkischen noch den deutschen. Jedenfalls war es damals so.

Die "Milli Görüs" betrachtete man sehr argwöhnisch. Auch Hadithen, die heute in islamkritischen Blogs auftauchen, wurden nicht gelehrt. Es ging viel mehr um das gute Wirken Mohammeds. Auch Geschehnisse, wie Kriege zur Zeit Mohammeds wurden historisch betrachtet und nicht als Anleitung für die heutige Zeit verstanden. Doch es ist nicht wirklich nötig, dass man gegen jemanden hetzt. Allein schon durch die Abgrenzung zu Ihnen, bekommt man das Gefühl, dass man selbst und sein Glaube etwas Besonderes ist, und man sieht den anderen eher von oben herab. Man bekommt ein Überlegenheitsgefühl, oder zumindest sieht man den anderen als ein Geschöpf, das Hilfe benötigt, um den richtigen Weg beschreiten zu können. Ich denke, dass passiert nicht nur, wenn man sich zu einer Religion oder Ideologie bekennt. Jede Art von Abgrenzung hat den gleichen Effekt. Zumindest bei den meisten.

Ich habe meinen Vater trotz allem sehr geliebt. Er gab mir immer das Gefühl, dass er mich liebt, und alles nur für mich tut. Das hat er wirklich gedacht. Er wusste es einfach nicht besser. Ansonsten hatte ich ein sehr gutes Verhältnis zu ihm. Ich habe ihn mein Leben lang bewundert. Wir mussten zwar alle in die Koranschule, um unsere Religion kennen zu lernen, aber er hat keinen von uns je genötigt, fünf mal am Tag zu beten. Er hätte es zwar gern gesehen, aber sogar meine  ältere Schwester musste kein Kopftuch tragen. Meine Mutter trug es freiwillig. Auch zum Fasten hat er keinen von uns gezwungen. Doch bei Schweinefleisch hätte er sicherlich auf den Putz gehauen. Da bin ich mir sicher. Das war jedoch nie ein Thema.

Übrigens esse ich selbst heute kein Schweinefleisch. Der anerzogene Ekel sitzt zu tief. Ich bekomme es nicht raus. Tut mir leid!  Also vermeide ich es. Abgesehen davon hat er uns alle durchgebracht, ohne Sozialhilfe zu kassieren. Fünf Kinder können sehr teuer sein. Er sagte mir mal: "Junge, Sozialhilfe ist nur für Menschen gedacht, die eine körperliche Behinderung haben und keiner Arbeit nachgehen können."

Meine Zweifel, die auch vorher schon da waren, nahmen als ich 19 Jahre alt war die Oberhand. Die Evolutionstheorie, die mich ziemlich überzeugte, drang immer mehr aus meinem Unterbewusstsein und forderte mich heraus. Ich versuchte zwar davor schon, mir Theorien auszudenken, wie ich meine Religion passend zur Evolutionstheorie zurechtzimmern konnte, doch ich wusste gleichzeitig, dass ich mir da etwas vormache, auch wenn ich es unterdrückt habe. Mit 19 klappte es nicht mehr.

Ich beschäftigte mich mit anderen Religionen, unter anderem dem Buddhismus, der mir eine Zeit lang ziemlich zusagte. Ich versuchte es mit Meditation und esoterischem Kram.

Da habe ich auch einige sehr interessante Erkenntnisse gewonnen. Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wie ein Mensch, der gewisse Erfahrungen macht, glauben kann, dass man mit Gott in Verbindung getreten ist. Und wenn er von Natur aus nicht ein Zweifler ist, oder sich ein bisschen mit Wissenschaft beschäftigt, könnte man nach diesen Erfahrungen wirklich versucht sein, eine Religion zu gründen, oder glauben, dass der Allmächtige sich einem gezeigt hat.

Doch im Grunde ist das alles totaler Blödsinn. Da werden bestimmte Botenstoffe und Synapsen durch die Medidationsübungen angeregt, und man deutet irgendwelche Halluzinationen als Gotteserfahrung. Die Wissenschaft hat diesen Vorgang zur Genüge geklärt. Im Grunde haben mir die Erfahrungen von damals meinen Weg zum Agnostizismus geebnet. Ich machte mich auf den Weg, Gott zu finden, und wurde endlich ein freier Mensch, ohne jegliche religiöse Vorstellungen und Dogmen, und von Gott war weit und breit nichts zu sehen.

Ich bezeichne mich heute als Agnostiker und bin der Meinung, dass man den "fundamentalen Islam" aus Deutschland unbedingt verdrängen muss. Die grösste Errungenschaft der westlichen Welt ist meines Erachtens die Demokratie. Sie muss verteidigt werden. Die Sharia hat in Deutschland nichts zu suchen. Allerdings distanziere ich mich dabei von jeder hetzerischen und menschenverachtenden Vorgehensweise. Ich hoffe, dass irgendwann Kulturmoslems – Hand in Hand mit den Einheimischen – den Kampf aufnehmen. Man darf dabei nicht verallgemeinern und muss unbedingt differenzieren. Normal Gläubige dürfen nicht als Angriffsziel gesehen werden.

Meine zweite Frau, die ich vor einigen Jahren kennen gelernt habe, könnte man auch als Agnostikerin bezeichnen. Wir fasten nicht, wir beten nicht. Wir essen allerdings beide kein Schweinefleisch. Unsere Tochter wird sehr frei erzogen werden. Sie wird im Mai drei Jahre alt und spricht nur Deutsch. Türkisch kann sie nur ein bisschen verstehen. Das liegt daran, dass wir zu Hause fast nur deutsch reden. Meine Frau beherrscht die deutsche Sprache ausgezeichnet. Mit der türkischen hapert es bei ihr ein bisschen. Ich kann beide Sprachen akzentfrei und einigermaßen gut.

Einer meiner Brüder könnte als Atheist durchgehen. Zwei andere bezeichnen sich als Moslems, würden aber als sehr moderat durchgehen. Sie fasten beide, essen kein Schweinefleisch, haben aber eine Moschee das letzte Mal vor 10 Jahren von innen gesehen. Ihre Frauen tragen kein Kopftuch und gebetet wird vielleicht nur dann, wenn man etwas von Gott will. Meine Schwester ist im Moment auf einem esoterischen Trip. Mit meinem Vater habe ich heute ein sehr gutes Verhältnis. Er hat akzeptiert, dass sein Sohn ein Ungläubiger ist. Es hat seine Zeit gedauert, bis ich mich durchgesetzt habe. Er betet manchmal für mich, damit mich Gott auf den rechten Weg bringt. 

Mit den meisten Gläubigen habe ich keine Probleme. Sie kennen meinen Standpunkt und ein Anschlag auf mich scheint derzeit nicht geplant zu sein, und gemieden werde ich auch nicht. Die meisten kommen sehr gut damit aus, wenn man sich nicht über sie lustig macht, oder überheblich rüberkommt. Ich muss jedoch dazu sagen, dass ich nicht grade in Kreisen verkehre, die man als fundamentalistisch bezeichnen könnte.

Eine schlechte Erfahrung, wenn man sie denn so bezeichnen kann, habe ich mit einem Gläubigen gemacht, den meine Frau und ich im Urlaub kennen gelernt haben. Das Paar kam zufälligerweise auch aus Hamburg. Die Frau war ziemlich modern und kleidete sich auch sehr freizügig. Wir haben uns alle sehr gut verstanden und es war ein schöner Urlaub. Die Chemie hat irgendwie gepasst und wir wollten uns in Hamburg öfters treffen. Am letzten Tag kam das Gespräch irgendwie auf Religionen. Ich habe meinen Standpunkt erklärt und gemerkt, dass der Mann ein Problem damit hatte. Die Ablehnung meines Standpunktes, nach dem ersten Schock seinerseits, konnte er im ersten Moment nicht unterdrücken und verhielt sich auch den Rest des Abends distanziert. Wir hatten zuvor fest abgemacht, dass wir uns öfters in Hamburg besuchen werden. Doch aus diesen Treffen wurde nichts.

Wirklich schlechte Erfahrungen mit tief religiösen Moslems habe ich im Internet gemacht. Ich empfand sie als sehr beschränkt und ich muss zugeben, dass ich teilweise bei deren Ansichten wirklich Ekel empfand. Sie sind für Argumente nicht zugänglich. Von einer kritischen Betrachtungsweise ihrer Religion keine Spur. Dasselbe kann ich allerdings auch über tief religiöse Christen und Juden behaupten. Sie schenken sich wirklich nichts, außer das sie teilweise gebildeter wirkten. Doch die Hasssoftware im Gehirn ist absolut identisch.

Ich entdeckte, dass der Agnostizismus mein Empfinden am besten beschreibt. Also bezeichne ich mich als Agnostiker. An ein persönlichen Gott oder irgendwelche Religionen kann ich auf keinen Fall glauben. Doch kann ich die Möglichkeit einer Energie, Macht, Intelligenz oder einem Wirken, das die Evolution in Gang gesetzt hat, nicht komplett ausschließen.

Es ist mir auch irgendwie egal geworden. Ich lebe mein Leben und wenn ich tot bin, sehe ich dann weiter, oder auch nicht. Ich denke, ich bin am Ende meiner Suche angekommen.

Und es fühlt sich gut an.

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

Das Titelbild (Bosporus-Brücke) ist Wikipedia entnommen. Die Moschee in Bagdad stammt aus der Sammlung von Roger McLassus (mit freundlicher Genehmigung). Die restlichen wurden im CERN aufgenommen.




Buddhas Lehre III


Der ewige Kreislauf der Wiedergeburten und seine kosmischen Dimensionen (1):

Fragt man nach den wesentlichen Inhalten der buddhistischen Weltanschauung, so gelangt man zu drei Elementen: der Lehre von der Wiedergeburt, dem Gedanken der Unbeständigkeit jeglicher erkennbarer Existenzform und der Möglichkeit einer endgültigen Erlösung vom Kreislauf des Daseins. Diese Denkweise ist nicht allein buddhistisch, sie entspricht dem indischen Kulturgeist schlechthin. Auch die Upanishaden-Philosophie der Hindus weist Gedanken auf, die dem Buddhismus sehr verwandt sind, wobei die Gedankenwelt der Upanishaden von der Existenz des „Selbst“, Âtman, ausgeht, welches mit dem unpersönlichen Brahman identisch ist. Zahlreiche westliche Autoren haben den Begriff âtman im Sinne einer „Seele“ aufgefaßt und das Brahman als „All-Seele“ verstanden und gelangten damit zu der Auffassung, daß der Buddhismus jegliche Art von Seele leugne, da im buddhistischen Denken vom „Nicht-Selbst“ (anattâ bzw. Skt: anâtman) die Rede ist.

Versteht man das buddhistische Denken in diesem Sinn, dann gewinnt man als logische Folge die Ansicht, daß die Lehre vom „Nicht-Selbst“ im Widerspruch zur Wiedergeburtslehre steht, und redet konsequenterweise „von der Schwierigkeit, ohne Seele zu wandern“[i]. Zweierlei Tatsachen sind aber zu berücksichtigen: Âtman ist keine Individualseele, und Brahman ist als „Sein“ aufzufassen, nicht aber als All-Seele. Damit aber ist die Wiedergeburtslehre, wie wir sie von den Upanishaden her kennen, keinesfalls leichter zugänglich als die buddhistische. Zum anderen wird häufig behauptet, daß der Buddha „nicht nur eine ewige Seele, sondern überhaupt irgendeine ewige Instanz abstritt …“[ii] Dies ist schlicht unzutreffend. Die Vorstellung des Ungeborenen, Unentstandenen etc. wird im Pâli-Kanon ausdrücklich genannt. Im Unterschied zu den Upanishaden enthält sich der Buddha diesbezüglich lediglich positiver Aussagen. So wird über die eigentliche, positive Qualität des Nirvâa meist geschwiegen. Dem Buddha lag entschieden an der Heilslehre und dem Gedanken der Erlösung, nicht aber an der Letzterklärung metaphysischer Zusammenhänge. Daher leugnete er nicht die Existenz irgendeiner Seele, sondern hob hervor, daß nichts von all dem, was man gewöhnlich als Seele oder als „Ich“ auffaßt, einer Substanz entspricht. Vom Nirvâa abgesehen, kennt der Buddhismus eine weitere „ewige Instanz“, nämlich das Karma-Gesetz. Was auch immer sich wandelt, das Gesetz, nach dem Entstehen und Vergehen ablaufen, ist als solches ewig, unabänderlich und den Kategorien von Raum und Zeit nicht unterworfen.

Wie aber spielt sich der Mechanismus der „Wiedergeburt“, der besser „Geburtenfolge“ heißen sollte, nach buddhistischer Vorstellung ab? Zunächst ist zu bedenken, daß der Buddhismus sehr wohl eine „Seele“ im Sinne eines Zusammenspiels verschiedener geistiger Elemente, die von der materiellen Erscheinung des Menschen unabhängig sind, kennt. Nach buddhistischer Auffassung sind es bekanntlich fünf Gruppen (khandhâ) von Faktoren, aus denen sich eine Persönlichkeit zusammensetzt. Die vier Gruppen von Daseinsfaktoren einer Person, die unter dem Begriff nâma zusammengefaßt werden, bilden dabei dasjenige, was man gewöhnlich unter „Seele“ versteht. Diese Faktoren aber sind, wie schon gesagt, dem Wandel von Entstehen und Vergehen unterworfen und daher bedingt bzw. „geschaffen“ (sankhata). Dabei ist für die Wiedergeburtslehre die vierte Gruppe als entscheidender Faktor in Betracht zu ziehen. Diese „Geistformationsgruppe“ (P: sankhâra-kkhandha) der „karmischen Gestaltungen“ umfaßt sämtliche inneren Regungen wie Zuneigung, Abneigung, Zorn, Angst, Trauer, Wollen oder Nicht-Wollen, wie auch die psychischen Ursachen für das personenspezifische Auftreten dieser Regungen, die uns selbst gewöhnlich nicht bewußt sind. Philosophen wie etwa Schopenhauer sprechen in diesem Zusammenhang vom „intelligiblen Charakter“. Wie wir wissen, sind diese nicht-bewußten Faktoren, die unser Handeln steuern, insofern bedingt, als daß sie von früheren Wirklichkeitserfahrungen abhängig sind. Ereignisse und Erfahrungen, die uns zutiefst bewegt haben, sei es durch Schmerz oder Trauer, wiederholen sich in unserem Geist geradezu zwanghaft, bis sie „verarbeitet“ sind und wir uns von ihnen gelöst – oder buddhistisch gesprochen: er-löst – haben. Ebenso drängen sich geistige Bilder von äußerst angenehmen Erlebnissen ständig auf und treiben zur Wiederholung der entsprechenden Erfahrung, z.B. des Rauchens. Negative Erfahrungen hinterlassen Ängste, Ablehnung etc., positive lassen Wünsche, Sehnsucht usw. entstehen. Die Zuneigungen und Abneigungen führen zu bestimmten Handlungen, aus denen wiederum neue innere Eindrücke entstehen. Auch wenn sich die charakterlichen Eigenheiten des einzelnen, die „karmischen Gestaltungskräfte“, die im Unterbewußtsein angesiedelt sind, verändern, so unterliegen diese Vorgänge des Entstehens, des sich Wandelns und Auflösens solcher psychischen Kräfte nicht den physikalischen Größen von Raum und Zeit, sondern Gestaltungsgesetzen, die selbst keineswegs physikalischer Natur sind. Wie lange und in welchem Ausmaß wir z.B. vor etwas Angst haben und wie lange wir uns für etwas interessieren, ob wir zu Genußmitteln oder zur Enthaltsamkeit neigen, sind bekanntlich keine Fragen meßbarer Größen. Im Unterschied zur westlichen Psychoanalyse läßt der Buddhismus die unbewußten Ursachen für Zuneigungen, Abneigungen, Ängste usw. nicht nur über die Grenzen von Leben und Tod hinaus bestehen, sie sind außerdem Kräfte, welche die Umstände einer Geburt steuern.

Wenn drei sich vereinigen, kommt eine Empfängnis zustande. Vereinigen sich Mutter und Vater, aber die Mutter hat nicht ihre Zeit, und der Engel (das zur Wiedergeburt kommende Wesen) steht nicht bereit, so kommt keine Empfängnis zustande. Wenn aber Mutter und Vater sich vereinigen, die Mutter ihre Zeit hat und der Engel bereitsteht, so kommt durch das Zusammentreffen dieser drei eine Empfängnis zustande. Ihn hegt die Mutter im Mutterleib, und wenn er geboren ist, nährt sie ihn mit Muttermilch. Dieser Knabe wächst nun heran und entwickelt seine Fähigkeiten. Wenn er dann weiter wächst und seine Fähigkeiten entwickelt, beteiligt er sich an den fünf Arten der Sinnenfreuden, wenn er etwas sieht, hört, riecht, schmeckt oder tastet, wird er von dem Angenehmen angezogen und von dem Unangenehmen abgestoßen. Er übt nicht die Körperbetrachtung, und sein Geist bleibt beschränkt, er weiß nichts von Geistesbefreiung durch Weisheit, weiß nicht, wie er schlechte, unheilsame Regungen überwinden kann. So erfährt er Lust und Unlust, und jedes Gefühl, sei es ein Lustgefühl, ein Unlustgefühl oder ein gleichgültiges Gefühl, hegt er. Dadurch fühlt er sich befriedigt. Was die Befriedigung über die Gefühle ist, das ist Ergreifen und Anhaften. Aus dem Ergreifen und Anhaften entsteht Leben; wo Leben ist, da ist Geburt; auf die Geburt folgen Altern und Sterben, Kummer und Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung. So kommt diese ganze Masse der Übel zustande. [iii]

Zur Wiedergeburt gehören nicht nur die karmischen Ursachen derjenigen Person, der ein Lebenslauf bevorsteht, sondern auch die entsprechenden Bedingungen, die durch die zukünftigen Eltern geschaffen wurden. Diese Bedingungen sind nicht nur äußerlicher Art. Es ist nicht nur das soziale Umfeld, in das wir hineingeboren werden, zugleich stehen wir durch die Vererbung verschiedener Eigenschaften in engster Beziehung zu unseren Eltern.

Heute wissen wir, daß die genetischen Anlagen, die ein Mensch durch seine Eltern erbt, für den Verlauf seines Lebens eine bedeutende Rolle spielen, ebenso die Erfahrungen, die der Mensch besonders in frühester Kindheit macht. Vor dem Hintergrund der Wiedergeburtslehre läßt sich fragen, ob nicht die individuelle genetische Anlage in ihrer Entstehung bedingt ist durch karmische Gestaltungskräfte. Immerhin wissen wir aus der Perspektive der Genforschung nicht, warum der oder die einzelne exakt diejenigen Anlagen in sich trägt, mit denen er oder sie lebt. Theoretisch könnte die Anlage trotz derselben Eltern eine völlig andere sein. Wissenschaftlich gesehen, ist die individuelle genetische Anlage ein Produkt des Zufalls. Das aber bedeutet nichts anderes, als daß die wirkenden Gestaltungszusammenhänge der Forschung bisweilen noch nicht bekannt sind.

Die Frage, die die Wurzel unseres Daseins berührt, lautet: Was hat möglicherweise ein Lebenslauf, der vielleicht vor einem oder mehreren Jahrhunderten einmal irgendwo in einem beliebigen Erdteil endete, mit dem Geschlechtsakt eines Paares, der heute am anderen Ende der Welt stattfindet, zu tun? Welche Zusammenhänge sollen hier wirken, und wie ist zu verstehen, daß wir es global gesehen mit einem drastischen Bevölkerungswachstum zu tun haben? Von diesen Fragen ist die letzte aus buddhistischer Sicht am einfachsten zu beantworten. Der Buddhismus macht zwischen Menschen und anderen Wesen keine substantielle, sondern lediglich eine graduelle Unterscheidung. Bei der Annahme, daß es zahllose Welten gibt, und der Annahme, daß auch Wesen, die zuvor als Tier lebten, die Möglichkeit haben, als Mensch die Arena des irdischen Daseins neu zu betreten, ist das Bevölkerungswachstum kein Argument gegen die Wiedergeburt. Immerhin, so ließe sich argumentieren, weisen die Menschen ein großes Spektrum völlig unterschiedlicher Entwicklungsgrade auf. Den zahllosen simplen Geistern steht die vergleichsweise geringe Minderheit der Größen wie Lao-Tse, Gotama Buddha oder Sokrates und weniger anderer gegenüber. Daß der Buddha die „Unwissenheit“ (P: avijjâ), im Sinne geistiger Blindheit, als eine der hauptsächlichen Triebfedern des Weltwerdens angesehen hat, ist vor diesem Hintergrund verständlich.

Sehr viel schwieriger ist die Beantwortung des ersten Teils der Frage. Aus buddhistischer (sowie jainistischer und hinduistischer) Sicht ist es von den karmischen Gestaltungskräften abhängig, unter welchen Lebensbedingungen ein Mensch geboren wird. Demnach ist ein einzelner Mensch Teil eines gesamten Geschehens, wobei geistige Dimensionen ebenso einen Bestandteil der umfassenden Wirklichkeit bilden wie materielle. Die Größen von Zeit und Raum gelten somit nicht als absolute Bedingungen für die Existenz, sondern sind lediglich ein Teil dessen, was sich insgesamt vollzieht. Ein solches Weltbild anerkennt neben den physikalischen Dimensionen des Raumes und der Zeit weitere Dimensionen des Zusammenwirkens von Kräften geistiger oder seelischer Art. Schon der „Buddhaist“ Schopenhauer hatte sich seinerzeit derartigen Gedanken gewidmet.

Alle Ereignisse im Leben eines Menschen ständen demnach in zwei grundverschiedenen Arten des Zusammenhangs: erstlich, im objektiven, kausalen Zusammenhange des Naturlaufs; zweitens, in einem subjektiven Zusammenhange, der nur in Beziehung auf das sie erlebende Individuum vorhanden und so subjektiv wie dessen eigene Träume ist, in welchem jedoch ihre Succession und Inhalt ebenfalls nothwendig bestimmt ist. [iv]

Die Unterscheidung von objektiv und subjektiv ist an dieser Stelle insofern treffend, als daß der nicht-physikalische Zusammenhang des Weltgeschehens, d.h. buddhistisch gesprochen die karmischen Gestaltungskräfte, als im Menschen wirkende Kräfte angesehen werden. Im Sinne einer Naturwissenschaft objektiv beweisbar sind diese Kräfte nicht, da die naturwissenschaftliche Forschungsmethode sich ausdrücklich auf die Eigenschaften der sichtbaren Welt beschränkt. Dies aber heißt auch, daß die buddhistische Denkweise sich wissenschaftlich ebensowenig widerlegen läßt. Die Wirkung der karmischen Gestaltungskräfte äußert sich in dem, was gewöhnlich als Schicksal oder Zufall bezeichnet wird. Was aber bedeutet Zufall?

Zufällig bedeutet das Zusammentreffen in der Zeit des kausal nicht Verbundenen. Nun ist aber nichts absolut zufällig, sondern auch das Zufälligste ist nur ein auf entfernterem Wege herangekommenes Nothwendiges; indem entschiedene, in der Kausalkette hoch herauf liegende Ursachen schon längst bestimmt haben, daß es gerade jetzt, und daher mit jenem Andern gleichzeitig eintreten mußte. […] Versinnlichen wir uns jetzt jene einzelnen Kausalketten durch Meridiane, die in der Richtung der Zeit lägen; so kann überall das Gleichzeitige und eben deshalb nicht in direktem Kausalzusammenhange Stehende durch Parallelkreise angedeutet werden. [v]

Was hier angedeutet wird, ist eine Dimension, deren Inhalte nicht nach einer zeitlichen Aufeinanderfolge angeordnet sind, sondern nach Analogien und symbolischen Bedeutungen. Sehr viel genauer hat der Psychoanalytiker C.G. Jung diese Thematik in seiner „Synchronizitätstheorie“ auseinandergesetzt. In seinem Werk „Synchronizität, Akausalität und Okkultismus“ behandelt er diese Thematik ausführlich. Demnach herrscht in unserem Leben eine Art Magnetismus oder Sympathie des Gleichbedeutenden, die über die Kategorien von Raum und Zeit hinweg wirkt. Gleichbedeutendes zieht sich gegenseitig an, so daß die Fäden des Schicksals einer Gesetzmäßigkeit folgen, nach der Positives Positives auf sich zieht und Negatives das Negative und nach der sich gleiche seelische und geistige Eigenschaften anziehen.

Wenn […] eine mit Nichtwissen [im Sinne der buddhistischen Lehre] begabte menschliche Persönlichkeit Gestaltungen hervorbringt, die verdienstlich sind, dann ist das Bewußtsein mit Verdienst ausgestattet. Wenn sie Gestaltungen hervorbringt, die nicht verdienstlich sind, dann ist das Bewußtsein mit Nichtverdienst ausgestattet. Wenn sie Gestaltungen hervorbringt, wo Gleichgewicht besteht, dann ist das Bewußtsein mit Gleichgewicht ausgestattet. [vi]

Auch wenn die Karma-Lehre nicht exakt dem entspricht, was in der Synchronizitätstheorie beschrieben wird, da sie wesentlich umfangreicher ist, so ist die Dimension, in der die Gestaltungsmechanismen wirken, in beiden Fällen gleichermaßen überzeitlicher Natur und bedeutungsorientiert. Rational erklären läßt sich dieser Gestaltungsmechanismus nicht. Wie sollte auch die Vernunft einen solchen rationalen Zusammenhang jenseits von Raum und Zeit herstellen?

Man kann mit C.G. Jung von einem kollektiven Unbewußten sprechen, in welchem wir verwurzelt sind. Setzt man ein solches einmal voraus, dann lassen sich die „karmischen Gestaltungen“ nicht nur als Raum und Zeit übergreifende, sondern auch als personenübergreifende Kräfte auffassen. Für die buddhistische Lehre der Geburtenfolge bedeutet dies, daß nicht eine in sich geschlossene Seele „wandert“, sondern daß die vorhandenen, durch Taten und Tatabsichten gelegten Keime eine neue, adäquate Daseinsform aufbauen. „Als durch frühere Tat ist der Körper zu verstehen, durch Tun hervorgebracht, durch Denken hervorgebracht, durch Empfinden hervorgebracht.“ (S 12, 37) Die buddhistische Lehre ist streng genommen überhaupt keine Wiedergeburtslehre im engeren Sinne des Wortes, da nicht eine verstorbene Person in ihrer alten Erscheinungsweise wieder-geboren wird, sondern da wir es mit einer bedingten Entstehung zu tun haben, setzt sich lediglich der Werdeprozeß der Geburtenfolge fort. Ein Brahmane hat einmal mit dem Buddha folgendes Gespräch geführt:

– Steht es wohl so, Herr Gotama, daß der nämliche es ist, der die Handlung ausführt und der die Folgen empfindet?

– Behauptet man, „der nämliche ist es, der die Handlung ausführt und der die Folgen empfindet“, so ist das, o Brahmane, das eine Ende.

– Steht es aber so, Herr Gotama, daß ein anderer es ist, der die Handlung ausführt, und ein anderer, der die Folgen empfindet?

– Behauptet man, „ein anderer ist es, der die Handlung ausführt, und ein anderer, der die Folgen empfindet“, so ist dies, o Brahmane, das andere Ende. Diese beiden Enden vermeidend, o Brahmane, verkündet in der Mitte der Tathâgata die wahre Lehre:

Aus dem Nichtwissen als Ursache entstehen die Gestaltungen; aus den Gestaltungen […] das Bewußtsein [usw . . .]. [vii]

Wir ersehen daraus, daß der Werdeprozeß der „Wiedergeburt“ (uppatti-bhava) weder als Seelenwanderung noch als Wiederkehr oder komplette Neuentstehung zu sehen ist, die keinen Bezug zu Vergangenem aufweist. Nach dem buddhistischen Denken wandeln sich auch die karmischen Keime, aber dieser Wandel unterliegt, wie gesagt, nicht dem materiellen Leben und Tod des Individuums, sondern er steuert das irdische Werden und Vergehen. Als karmisch bindend werden Absichten und Handlungen angesehen, die von starker Begierde (lobha) oder negativen Affekten wie Haß (dosa) oder Verblendung (moha) geleitet sind. Werden aber, und das ist der buddhistische Erlösungsgedanke, solche Affekte abgebaut, so kommen keine neuen karmischen Bindungen mehr zustande. Dadurch verbrauchen sich alle bisherigen Kräfte, die eine Person aufgebaut haben, und die Notwendigkeit einer erneuten Geburt ist aufgehoben, denn Taten, die ohne die Affekte von Begierde, Haß und Verblendung ausgeführt werden, erzeugen keine weiteren bindenden Wirkungen, heißt es in A III, 33, 2. Da der Buddhismus die Möglichkeit einer selbstgewählten Erlösung als ausdrückliches Ziel verfolgt, betrachtet er die Willensentscheidungen des einzelnen als frei wählbar, räumt aber zugleich ein, daß die karmischen Gestaltungen bestimmend wirken.

Bhikkhus, dies sind jene schwer zu ergründenden, schwer zu erschauenden und aus­zudenkenden Dinge, die ruhevoll und erhaben sind, bloßem logischem Denken unerreichbar, sublim und nur von Weisen zu begreifen, die der Tathâgata kraft eigenen Erkennens und Verwirklichens predigt und um derentwillen man den Tathâgata mit Fug und Recht rühmen könnte. [viii]

Häufig ist über den Buddhismus zu lesen, die Darstellung der karmischen Gesetzmäßigkeit bedeute „Lohn“ oder „Strafe“ für gute oder schlechte Taten und Tatabsichten bedeute. Tatsächlich aber ist diese Gesetzmäßigkeit, die man in der buddhistischen Kultur gern als Mittel zur Rechtfertigung bestimmter moralischer Wertvorstellungen herangezogen hat, als ein reiner Mechanismus an sich wertneutral. Die Begriffe „Gut“ und „Böse“ sind untrennbar mit den Kategorien „Wohl und Wehe“ verbunden. Gesetzt einmal, es gäbe nur Wesen, die Glück und Schmerz überhaupt nicht wahrnähmen, so würden sie weder Heil noch Unheil kennen und somit auch nichts Gutes oder Böses.

 

[i] Siehe Lehmann 1980, S. 106.

 

 

[ii] Ebd.

 

 

[iii] M 38, Schmidt 1961, S. 129f (gerafft).

 

 

[iv] Schopenhauer, „Über die anscheinende Absicht im Schicksale des Einzelnen“, Züricher Ausg. Bd. VII, S. 242.

 

 

[v] Ebd., S. 236f.

 

 

[vi] S 12, 51, 12, Geiger 1925, S. 117.

 

 

[vii] S 12, 46, 4-5, Geiger 1925, S. 108f.

 

 

[viii] D I, 1, 37, Franke 1913, S. 25.

 

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Franz Josef Wetz - Eine neue Kultur des Abschieds. Wo ist sie? Rezension von Siegfried R. Krebs


Tot ohne GWEIMAR. (fgw) Franz Josef Wetz, geb. 1958 und seines Zeichens Professor für Philosophie und Ethik in Schwäbisch Gmünd, will nach eigenem Bekunden in seinem neuesten Buch „Tot ohne Gott – Eine neue Kultur des Abschieds“ die Facetten „unserer Endlichkeit“ reflektieren.

Doch leider verspricht der Titel mehr als es der lange Text zu halten vermag. Diesen hat er in fünf Hauptabschnitte unterteilt, überschrieben mit „Endlichkeit"; „Gibt es ein Leben nach dem Tod?"; „Wer stirbt schon gerne?"; „Metaphysik und Metastasen" sowie „Wie ist Trost möglich?".

Seine betrachtete Welt ist fast ausschließlich die des hellenistisch-römischen und später christlichen Europas. Ihm fehlt bei aller konstatierten Globalisierung jedoch die universelle Weltsicht, so daß er stets nur von „Gott" – aber ohne Anführungszeichen – spricht und die Abertausende Götter anderer Religionen negiert.

Vor allem aber vermißt man eigene Gedanken, Erkenntnisse und konkrete Vorschläge. Wetz referiert dafür in epischer Breite gelesene Texte Dritter aus Literatur, Philosophie und Naturwissenschaften. Seine Eloquenz ist auch daher in starkem Maße gepaart mit Geschwätzigkeit und geistiger Begrenztheit bürgerlicher Wissenschaftler. Denn dem Leser werden lediglich das Leben gehobener akademischer Mittelschichten Mittel- und Westeuropas sowie Nordamerikas und deren Probleme/Befindlichkeiten offeriert. Wie aber sieht es mit Leben und Sterben in den „Unterschichten" und vor allem in der sogenannten Dritten Welt aus? Das bleibt weitestgehend ausgeblendet.

Und für Deutschland vermißt man mit wachsendem Unbehagen, ja mit Ärger, Aussagen zu diversen freigeistigen und humanistischen Organisationen, insbesondere zu deren vielfältigen Angeboten in Sachen Sterbe- und Trauerkultur. Der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) und die Deutsche Gesellschaft für humanes Sterben (DGHS) kommen bei Wetz einfach nicht vor. Das vermißt man gerade bei seinen Auslassungen zum Thema „Freitod" (S. 161-163; 197-198).

Für eine „neue" Kultur des Abschieds haben doch seit Ende des 19. Jahrhunderts freigeistige Vereine viele praktische Erfahrungen gesammelt und diese in gedruckter Form verallgemeinert. Man denke da nur an das Wirken des Deutschen Freidenker-Verbandes schon in den 1920er Jahren. Oder die Publikationen der Humanistischen Akademien in den vergangenen Jahren. Aber auch das alles kommt bei Wetz nicht vor. Nur knappe allgemeine, eigentlich nichtssagende, Phrasen. Schade!

Siegfried R. Krebs

Link zum Artikel http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/franz-josef-wetz-eine-neue-kultur-des-abschieds/

 

Franz Josef Wetz: Tot ohne Gott. Eine neue Kultur des Abschlieds. 312 S. Klappenbroschur. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2018. 20 Euro. ISBN 978-3-86569-249-8

 




Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit und Fehlverhalten - von Eckhardt Kiwitt


Kiwitt

Es ist in der Geschichte keine Seltenheit, dass Menschen allein wegen ihrer Herkunft, ihrer Abstammung oder ihrer Religionszugehörigkeit bzw. wegen ihrer Weltanschauung, manchmal auch wegen körperlicher Merkmale kritisiert, ausgegrenzt oder gar angegriffen werden. Dazu ist es gar nicht notwendig, dass sie ein Fehlverhalten an den Tag gelegt hätten — Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung, oder auch körperliche Merkmale, können bereits als vermeintliches Fehlverhalten oder Makel und damit als Begründung für Kritik oder Ausgrenzung herhalten. Bis zur Sündenbockprojektion, manchmal auch zur Sippenhaftung, ist es von dort bisweilen nur ein kleiner Schritt. In Diktaturen, Despotien und Tyranneien werden derlei Feindbilder regelmäßig konstruiert, manchmal werden Angehörige eines Beschuldigten oder eines mutmaßlichen Täters ebenfalls in Haft genommen, obwohl sie sich nichts haben zuschulden kommen lassen (zu unterscheiden ist dies von der bloßen Zeugenbefragung oder einem polizeilichen Verhör).

Ein frühes Beispiel für Sippenhaftung findet sich im Dekalog, den Zehn Geboten des Alten Testaments, wo es — ungeachtet, was man in die Worte hineininterpretieren mag das dort gar nicht geschrieben steht — u.a. heißt

Bei denen, die mir feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; …

In anderen „heiligen“ Büchern kann man Sätze lesen, die ebenfalls für Sippenhaftung ungeachtet persönlicher Schuld stehen:

Wahrlich, jene, die ungläubig sind unter dem Volk der Schrift und die Götzendiener werden im Feuer der Dschahannam sein; ewig werden sie darin bleiben; diese sind die schlechtesten der Geschöpfe. (Koran, Sure 98:6).

Andererseits kommt es vor, dass sich Menschen von sich aus allein wegen ihrer Herkunft, ihrer Abstammung oder ihrer Religionszugehörigkeit bzw. wegen ihrer Weltanschauung selbst ausgrenzen oder für sich eine Herausgehobenheit beanspruchen (was mit Arroganz einhergehen kann, aber nicht muss; ein Beispiel für Arroganz ist der Nationalismus, jene mit Verklärung (Stichwort „Stolz“) einhergehende Überhöhung der eigenen Nation über andere, obwohl kein Mensch dazu, dass er einem Staat oder einem Volk anghört in das er zufällig hineingeboren wurde, einen eigenen Beitrag geleistet hat):

Ihr seid die beste Gemeinde, die für die Menschen entstand. Ihr gebietet das, was Rechtens ist, und ihr verbietet das Unrecht, und ihr glaubt an Allah. (Koran, Sure 3:110)

Auf ein anderes Beispiel von Selbstausgrenzung bzw. Herausgehobenheit bin ich im Beitrag «„Göttlich“ — ungültig» eingegangen:

… von irgendeinem Gott für was auch immer „auserwählt“; den zugehörigen Gott hat jemand vor mehr als zweitausend Jahren erfunden, um sich und sein Volk anschließend als ein von diesem von ihm selbst erfundenen Gott auserwählt zu erklären.

Die Wikipedia schreibt dazu:

[…] Nach der Ankunft der aus Ägypten befreiten Israeliten am Berg Sinai beansprucht JHWH sie als sein erwähltes Bundesvolk, worauf sie Mose versprechen, alle Gebote Gottes zu erfüllen. […]

Solche Texte gelten heutzutage als historisiert. Sie wurden nicht von heute lebenden Menschen verfasst, weshalb man diese dafür nicht zur Rechenschaft ziehen oder ihnen dafür irgendeine Verantwortung geben kann.

Für ein heutiges Beispiel der Selbstausgrenzung halte ich es, wenn jemand während der Berufsausübung die in unserer Verfassung garantierte Freiheit des Glaubens und des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sowie des Rechts der ungestörten Religionsausübung (GG Artikel 4, Sätze 1 und 2) dahingehend überdehnt, dass, entgegen z.B. einer Anzugsordnung / Dienstbekleidung während der Berufsausübung oder der in einigen Berufen gebotenen weltanschaulichen Neutralität (als Repräsentant des Staates), auf das Zurschaustellen der eigenen Religion mittels Kleidungsstücken nicht verzichtet werden will (siehe den Beitrag «Missverstandene Religionsfreiheit»).

Ein anderes Beispiel der Selbstausgrenzung ist die Institutionalisierung einer Opferrolle, wie wir sie in Deutschland u.a. bei manchen in Vereinen organisierten Vertriebenen erlebt haben, die bis in die 1990er Jahre hinein darauf beharrt haben, dass ihre einstige Heimat, aus der sie nach dem von Deutschland angezettelten und verlorenen Zweiten Weltkrieg fliehen mussten, ihnen gehöre. In einem in den 1990er Jahren in einer Zeitung oder Zeitschrift veröffentlichten Leserbrief wurde dies mit den Worten persifliert „Der Verband der Ostgoten verkündet: Die Ukraine bleibt unser!“
Ich halte jede Institutionalisierung einer Opferrolle für kontraproduktiv, weil man damit Ressentiments gegen sich hervorruft, über die man sich dann beklagt, was weitere Ressentiments hervorruft, über die man sich beklagt. Damit zieht man zwar eine stete Aufmerksamkeit auf sich, worin man einen vermeintlichen Vorteil für sich sehen kann, man verfestigt jedoch seine Opferrolle und schreibt diese fort. In einem Beitrag in der Wochenzeitung Die Zeit schreibt Heinrich Wefing u.a.

Für den demokratischen Diskurs aber ist die Opferrolle ebenso fatal wie die Rebellenpose von Linken und Rechten.

In einer leicht modifizierten Fassung des Rassismus-Begriffs des französisch-tunesischen Schriftstellers und Soziologen Albert Memmi heißt es:

Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.

Ein wenig anders formuliert, kann man zwischen positivem und negativem Rassismus unterscheiden, also der Zuschreibung bestimmter Eigenschaften aufgrund von Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit …, wenn diese Eigenschaften positiv oder negativ gedeutet werden. Beide Formen des Rassismus kann man in vielen Gesellschaften und politischen Lagern beobachten.

Die Nationalsozialisten des Dritten Reichs haben unschuldige Menschen einst allein aufgrund ihrer Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit … in KZs eingesperrt und / oder ermordet. In anderen Diktaturen war und ist dies nicht wesentlich anders. Die historische Verantwortung für diese Verbrechen wird uns noch lange begleiten, auch wenn wir heute dafür keine persönliche Schuld mehr haben. Manche Verschwörungstheoretiker bezweifeln zwar, dass die deutschen Nationalsozialisten tatsächlich z.B. sechs Millionen Juden ermordet hätten. Doch selbst wenn sie nur einen einzigen Juden, einen Sinto, Roma, … wegen dessen Herkunft, Abstammung oder Religionszugehörigkeit ermordet hätten, wäre dies nicht entschuldbar — denn Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit, … sind kein Fehlverhalten. Jemanden wegen Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit … auch nur auszugrenzen, ihn positiv oder negativ zu diskriminieren, ist nicht hinnehmbar.
Lediglich das Befolgen z.B. religiöser Vorschriften oder Gesetze kann in bestimmmten Fällen zu persönlichem Fehlverhalten führen, was man dann auch kritisieren darf. Ihn deshalb zu bestrafen, halte ich (in den meisten Fällen) für unangemessen. Sinnvoller finde ich es immer, ihm sein Fehlverhalten mit sachlichen, sachbezogenen Argumenten (z.B. Grundrechtekatalog unserer Verfassung, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte) zu erläutern und ihm damit die Möglichkeit einzuräumen, das Fehlverhalten als solches zu erkennen. Einen Menschen deshalb zu ermorden oder ihn mit dem Tode zu „bestrafen“ kann jedoch nicht gerechtfertigt sein, zumal die Todesstrafe gar keine Strafe ist, sondern immer ein Racheakt.

Der erste Schritt hin zur Integration ist nach meiner Erfahrung, sich nicht selbst auszugrenzen.

Link zum Original:

https://islamprinzip.wordpress.com/2019/01/12/herkunft-abstammung-religionszugehoerigkeit-fehlverhalten/




Buddhas Lehre II


Die Edle Wahrheit vom Leiden

Die buddhistische Formel Leben = Leiden (dukkha) wirkt auf den Betrachter zunächst einmal grundsätzlich pessimistisch und erscheint vielen Europäern eher etwas befremdend. Wir führen möglicherweise ein glückliches Dasein, und das soll Leiden sein? Man muß sich, um diesem Begriff gerecht zu werden, vergegenwärtigen, daß Leiden einerseits nicht im engeren Sinne des Wortes zu verstehen ist und daß wir es andererseits mit einem Begriff zu tun haben, der Zustände beschreibt, deren Intensität sehr unterschiedlich sein kann. An verschiedenen Stellen des Kanons (siehe z.B. A III, 62, A IV, 63, M 28, D XXII, Mvg I, 6, 19) stoßen wir auf die grundlegende Leidensdefinition des Buddhismus:

Geburt ist Leiden, Altern ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Sterben ist Leiden.

Sorge, Jammer, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung sind Leiden.

Mit Unlieben vereint sein bedeutet Leiden; von Lieben getrennt sein bedeutet Leiden.

Nicht zu bekommen, was man begehrt, ist Leiden.

Kurz gesagt: Die fünf Anhaftungsgruppen (pañcupâdânakkhandhâ) sind Leiden.

Aus dieser fundamentalen Definition des Leidensbegriffs läßt sich eine gedankliche Dreiteilung erkennen. Geburt, Alter, Krankheit und Tod als körperliche Aspekte des Leidens; Sorgen, Jammer, Schmerzen, Trübsal und Verzweiflung bilden, soweit man Schmerz hier als seelischen auffaßt, die seelische Komponente; und das Nicht-Erreichen dessen, was man will, entspricht dem geistigen Aspekt des Leidensbegriffs. Geburt, Alterung und Tod sind unausweichliche Eigenheiten des individuellen Daseins. Damit ist nicht gesagt, daß das Altern und Sterben notwendig direktes Leiden bedeutet, immerhin kann man glücklich alt werden und friedlich dahinscheiden. Vielmehr besagt Dukkha hier, daß wir der Endlichkeit unausweichlich ausgesetzt sind.

Der Buddha sprach einmal von „vier Verkehrtheiten“, die Leiden verursachen:

Vergängliches für unvergänglich halten: das, ihr Mönche, ist eine Verkehrtheit in der Wahrnehmung, den Gedanken und den Ansichten.

Leiden für Glück halten . . .

Was ichlos ist, für ein Ich halten . . .

Was widerlich ist, für lieblich halten . . . (A IV, 49)

Wie sehr jemand im Laufe seines Lebens unter Sorgen, Jammer, Kummer, Verzweiflung etc. leidet, ist abhängig von der inneren Einstellung, die der oder die Einzelne den Gegebenheiten des Daseins gegenüber einnimmt. Je intensiver ein Mensch sich bindet oder sich mit seiner äußeren Umwelt identifiziert, um so größer ist der Schmerz der unausweichlichen Trennung. Soweit etwas, das man gewöhnlich als „Glück“ bezeichnet, von äußeren Faktoren abhängt, etwa eine Liebesbeziehung, ist dieses Glück lediglich temporär, denn der Gesetzmäßigkeit, daß alles, was entsteht, vergänglich (anicca) ist, kann kein derartiges Glück entkommen. Daher ist im buddhistischen Denken auch ein aufgrund äußerer Anlässe empfundener Glückszustand Dukkha. Leiden ist gehemmtes Wollen. Passen wir aber den Willen den Gegebenheiten an, so ändert sich das Maß der Hemmnis des Willens und damit das Leiden oder die Unzufriedenheit, Enttäuschung usw. Aus den Kerngedanken der „Edlen Wahrheit vom Leiden“ wird deutlich, daß der Begriff „dukkha“ in enger Beziehung mit „Endlichkeit“ und „Vergänglichkeit“ steht, also wesentlich weiter gefaßt ist als der deutsche Begriff des Leidens. Aus dem Gedanken, daß Endlichkeit und Vergänglichkeit mit Leiden im weitesten Sinne verbunden sind, folgt, daß die „fünf Aneignungsgruppen“, aus denen sich entsprechend der buddhistischen Darstellung eine empirische Person zusammensetzt, insgesamt „Leiden“ sind. Die Einteilung einer empirischen Person ist folgende:

1) Körperlichkeits-Gruppe (rûpa-kkhandha, Skt: rûpa-skandha)

„Körperlichkeit besteht aus den vier Elementen, dem Festen oder Erdelement, dem Flüssigen oder Wasserelement, dem Feurigen oder Feuerelement, dem Flüchtigen oder Luftelement. […]

Was sich am eigenen Körper hart und fest anfühlt, wie Kopfhaare, Körperhaare, Nägel, Zähne, Haut, Fleisch, Sehnen, Knochen, Mark, Niere, Herz […] und was sich sonst noch am eigenen Körper hart und fest anfühlt, das nennt man das Feste oder Erdelement am eigenen Körper […].

Was sich am eigenen Körper flüssig oder wäßrig anfühlt, wie Galle, Schleim, Eiter, Blut, Schweiß, Lymphe, Tränen […] und was sich sonst noch am eigenen Körper flüssig oder wäßrig anfühlt, das nennt man das Flüssige oder Wasserelement am eigenen Körper […].

Was sich am eigenen Körper warm oder heiß anfühlt, wie das, wodurch man sich erhitzt, wodurch man verdaut, wodurch man sich erwärmt, wodurch Speise und Trank sich verwandeln, und was sich sonst noch am eigenen Körper warm oder heiß anfühlt, das nennt man Feuriges oder Feuerelement am eigenen Körper […].

Was sich am eigenen Körper flüchtig oder luftartig anfühlt, wie aufsteigende oder absteigende Winde, […] die Einatmung und die Ausatmung, und was sich sonst noch am eigenen Körper flüchtig oder luftartig anfühlt, das nennt man das Flüchtige oder Luftelement am eigenen Körper.“[i]

Die Elemente bilden die Qualitäten der Materie, aus denen der Körper besteht. 

2) Die Gruppe der Gefühle und Empfindungen (vedanâ-kkhandha, Skt: vedanâ-skandha) Hierher gehören die Gefühle, die von Lust über Gleichgültigkeit bis hin zu Unlust reichen (siehe S 36, 1).

3) Die Wahrnehmungsgruppe (saññâ-kkhandha, Skt: sanjnâ-skandha) besteht aus der Wahrnehmung von Formen, Tönen, Gerüchen, Geschmack, Berührungen und der Wahrnehmung von Gedanken und Vorstellungen (siehe S 22, 56).

4) Die Gruppe der Geistformationen (sankhâra-khandha, Skt: sanskâra-skandha) Zu dieser Gruppe gehören vordergründig der Wille (cetanâ), die Triebregungen, Sehnsüchte und Absichten, aber auch unbewußte Tätigkeiten (M 28).

5) Das Bewußtsein (von etwas) (viññâa-kkhandha, Skt: vijnâna-skandha) Das Bewußtsein (von etwas) besteht aus der Bewußtheit des Hörens, Sehens, Riechens, Schmeckens sowie aus der Bewußtheit körperlicher und geistiger Eindrücke der Gedanken und Vorstellungen (siehe S 22, 53).

Das gesamte Zusammenspiel dieser fünf Gruppen wird als nâma-rûpa bezeichnet. Wörtlich bedeutet das soviel wie „Name und Körper“. Der Gruppe der Körperlichkeit rûpa-kkhandha werden die übrigen vier als nâma gegenübergestellt. Unter nâma werden also die immateriellen Komponenten einer Person zusammengefaßt.

Für das Bewußtsein von bestimmten Eindrücken viññâa ist entscheidend, daß es durch die Wahrnehmungstätigkeit bedingt entsteht, diese wiederum ist bedingt durch die Tätigkeit entsprechender Sinne, welche wiederum vom Willen gesteuert werden.

Was einer denkt, ihr Bhikkhus, und was er beabsichtigt, und wobei er verharrt, damit entsteht eine Grundlage für den Bestand des Bewußtseins. Wenn eine Grundlage vorhanden ist, so tritt Fortdauer des Bewußtseins ein. Wenn das Bewußtsein fortdauert und zunimmt, so tritt für die Zukunft Wiedergeburt und Neuerstehung ein. Wenn für die Zukunft Wiedergeburt und Neuerstehung vorhanden ist, so entsteht für die Zukunft Geburt, Alter und Tod […]. Auf solche Art kommt der Ursprung der ganzen Masse des Leidens zustande. [ii]

Kurzum: Die Komponenten, aus denen sich eine Person zusammensetzt, stehen in einer konditionalen Beziehung zueinander und bedingen sich gegenseitig, davon ist auch das uns gegenwärtige (Selbst-)Bewußtsein nicht ausgeschlossen. Die Gesetzmäßigkeit der bedingten Entstehung gilt also gleichermaßen für alle Faktoren, die eine empirische Person bilden. Nach A III, 134 zeichnen sich all diese Faktoren dadurch aus, daß sie vergänglich (anicca) sind und dem Leiden (dukkha) unterliegen und daß in keinem Faktor oder in keiner der Gruppen, die eine empirische Person bilden, ein beständiges „Ich“ zu finden ist. Somit gilt, buddhistisch gesprochen, für alle Gruppen, daß sie mit dem Attribut „nicht-ich“ (anattâ bzw. anâtman) zu bezeichnen sind. Für die gesamte wahrnehmbare Person ist daher zu sagen: „Das ist nicht mein, ich bin das nicht, dies ist nicht mein Ich“ (M 28). Nichts von dem, was in irgendeiner Weise als Objekt für ein Subjekt wahrnehmbar ist, kann als beständig betrachtet werden. Daher existiert auch in dem, was wir gewöhnlich als Person auffassen, kein tatsächliches „Ich“ oder „Mein“, denn alles, was wir als „Ich“ oder „Mein“ bezeichnen könnten, ist erstens durch irgend etwas bedingt und zweitens veränderlich. So ist beispielsweise unser Bewußtsein während eines Traumes ein völlig anderes als zur Tagzeit.

Der „Nicht-Ich“-Gedanke mag vielleicht ein wenig ungewohnt klingen, aber wenn wir einmal, um ein Beispiel zu nennen, die Person eines kleinen Kindes und eines alten Mannes vergleichen, dann wird leicht erkennbar, daß der alte Mann durch die Jahrzehnte hindurch insgesamt zu einer völlig anderen Person geworden ist als derjenigen, die er als Kind einmal war. Alles, was ihn als Kind einmal bewegt, erfreut, geängstigt und sein Gemüt bewegt und gefesselt hat, ist mittlerweile in weite Ferne gerückt und unwiederbringlich Vergangen-heit. So aber wird einst alles, was unser Gemüt bindet, Vergangenheit sein. Andererseits ist sein Geist gereift, und sein Bewußtsein hat einen weiteren Horizont erhalten. Aufgrund zahlreicher Erfahrungen handelt er entschieden gelöster und bedachter, als es in seiner Kindheit der Fall war. Zur Veranschaulichung des „Nicht-Ich“-Gedankens vergleicht der Buddhismus das Leben mit der Flamme einer Kerze. Sie erscheint zwar als Einheit, doch in Wirklichkeit ist die Flamme ein Verbrennungsprozeß, der erlischt, wenn das Wachs verbraucht ist.

Das Dasein ist also aus buddhistischer Sicht zeitlich leidvoll, da der physische Verfall von allem Körperlichen ein Naturgesetz ist, welches alle Bindungen zerbricht; es ist räumlich leidvoll, weil physikalische Nähe und Ferne unserem inneren Empfinden von Nähe und Ferne zu dem, was wir wünschen oder ablehnen, nicht entsprechen. Es ist insgesamt leidvoll, weil es unbeständig ist. Aus dem Grunde ist Dukkha aus buddhistischer Perspektive der grundsätzliche Seinszustand alles Existierenden. Man muß sich dabei grundsätzlich vergegenwärtigen, daß Dukkha nicht ausschließlich Leiden im eigentlichen Sinne bedeutet. Ein relatives Wohlbehagen, ein Zustand lustvollen Daseins ist nicht Leiden im eigentlichen Sinne, aber dennoch Dukkha, weil er selbst bedingt ist, nur vorübergehend vorhanden ist und ohne seine zugrundeliegenden Bedingungen endet und verschwindet.

Gerade so, ihr Bhikkhus, wie wenn da eine Trinkschale wäre, (der Inhalt wäre) schön von Farbe, duftend und wohlschmeckend, aber mit Gift vermengt. Und es käme da ein Mann herbei, von Hitze gequält, von Hitze erschöpft, ermüdet, lechzend und durstig. Und man spräche zu ihm also: „Hier, lieber Mann, ist eine Trinkschale, (der Inhalt ist) schön von Farbe, duftend und wohlschmeckend, aber mit Gift vermengt. Wenn du wünschest, so trinke; wenn du trinkst, wird es dir munden durch seine schöne Farbe, seinen Duft und seinen Wohlgeschmack. Hast du aber getrunken, so wirst du infolge davon den Tod erleiden oder Schmerz, der zum Tode führt.“ Und es tränke der Mann von der Trinkschale ungestüm und ohne zu überlegen und wiese sie nicht zurück, und er erlitte infolge davon den Tod oder Schmerz, der zum Tode führt. [iii]

Die Ursachen des Leidens

In einer Welt, in der alles, was entsteht, bedingt ist, ist auch das Leiden bedingt. Worin also liegen die Ursachen des Leidens, das verschiedene Grade an Intensität kennt? In modernen Worten ausgedrückt, ist es das Streben nach Lust und Befriedigung, das zum Leiden führt, um nicht zu sagen, der Egoismus. Der Durst (tahâ) nach Leben, der je nach Umständen eine mehr oder weniger große Befriedigung findet, gilt als hauptsächliche Triebfeder des Leidens. Es ist der Durst nach Lust, Werden und Vernichtung, der, so heißt es beispielsweise in Mvg I, 6, 20, die (Wieder-)Geburt bewirkt. Der Durst aber ist selbst durch zahlreiche andere Faktoren bedingt. Der Zusammenhang dieser Faktoren wird in der buddhistischen Lehre als eine aus zwölf Gliedern bestehende Kette der „bedingten Entstehung“ dargestellt. Man kann darüber streiten, ob dieses Modell direkt auf den Buddha selber zurückzuführen ist, oder ob es von seinen Anhängern als ein Ergebnis seiner Lehre formuliert wurde.

1) Die Unwissenheit (avijjâ) hinsichtlich der drei Eigenschaften des Daseins, vergänglich (anicca), leidvoll (dukkha) und substanzlos (anattâ), erzeugt diese oder jene Handlungsabsichten und Hand­lungen, die Karmaformationen.

2) Die Karmaformationen (sankhâra) ihrerseits bewirken eine neue Geburt entsprechend ihrer jeweiligen Beschaffenheit. Abhängig von diesen Formationen ist das individuelle Bewußtsein.

3) Das Bewußtsein (viññâna), das man hier am besten als Wiedergeburts- oder Selbstbewußtsein versteht, bedingt wiederum „Name“ (im Sinne des geistigen bzw. seelischen Gefüges) und Körperlichkeit.

4) Name und Körperlichkeit (nâma-rûpa) legen wieder in einem neuen Dasein die Grundlage für die Wahrnehmungen durch die fünf körperlichen Sinne und das Denken.

5) Die sechs Grundlagen (sa-âyatana), die Sinne des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens, Tastens und Denkens gehen einher mit den Bewußtseinseindrücken, den „Berührungen“.

6) Die  Bewußtseinseindrücke (phassa) lassen Empfindungen entstehen.

7) Die Empfindungen (vedanâ) von Lust, Gleichgültigkeit und Unlust bewirken, daß Lustvolles erwünscht und Unlust Erzeugendes abgelehnt wird. Die Empfindungen verursachen daher den Durst bzw. das Begehren oder die Gier.

Bei den Sinnenfreuden besteht das Verlockende darin, daß sichtbare Gestalten für das Auge, Töne für das Ohr, Düfte für die Nase, Säfte für die Zunge, tastbare Dinge für den Leib erwünscht, angenehm, lieblich, lusterregend und erfreulich erscheinen. Dies sind die fünf Sinnenfreuden, und das Wohlbehagen und Vergnügen, das aus diesen fünf Sinnenfreuden erwächst, ist das Verlockende dabei.[iv]

8)  Der Durst (tahâ) ist der Hauptfaktor, welcher der Erlösung entgegenwirkt. Der Buddhismus spricht an dieser Stelle vom „dreifachen Begehren“:

sinnliches Begehren (kâma-tahâ),

Daseins-Begehren oder Begehren des Werdens (bhava-tahâ),

Begehren des Nicht-Werdens (vibhava-tahâ), der Wille, Ungewolltes aufzulösen, zu zerstören oder zu vernichten.

Der Durst nach Lust, Dasein und Zerstörung wiederum führt zu Neigungen, was bedeutet, daß ein Anhaften an etwas stattfindet.

09) Das Anhaften (upâdâna) seinerseits hält den Werdeprozeß der karmisch bedeutsamen Handlungen und Handlungsabsichten aufrecht.

10) Das Werden (bhava), womit hier der Karmaprozeß gemeint ist, nötigt zu (Wieder-)Geburten.

11) Die Geburt (jâti) führt aber selbst wieder unweigerlich zu Alter und Tod.

12) Alter und Tod (jarâ-maraa) sind dabei nur Teilaspekte des Kreislaufs der Geburtenkette, die mit Jammer, Trübsal, Kummer usw. behaftet ist. „So kommt diese ganze Masse der Übel zustande“, heißt es etwa in M 38.

Ein umfassendes Werk theoretischer Philosophie ist dieses überaus stark vereinfachte Modell freilich nicht, und das will es auch nicht sein. Entscheidend ist einzig seine Zweckmäßigkeit. Es veranschaulicht, daß das Dasein des einzelnen bedingt ist und daß der Wille zur Lust und zum Dasein in Verbindung mit der „Unwissenheit“ den Werdeprozeß stets aufrechterhält. In dieser Kette der „bedingten Entstehung“ (paicca-samuppâda) steht die Unwissenheit sogar an erster Stelle, während der Durst erst an neunter Stelle folgt. Dabei ist die Unwissenheit natürlich selbst auch bedingt . . .

Nicht läßt sich […] ein erster Anfang der Unwissenheit derart erkennen, als ob Unwissenheit vordem nicht dagewesen und erst später entstanden wäre. Wohl aber läßt sich erkennen, daß die Unwissenheit eine bestimmte Bedingung hat. […] Nicht läßt sich […] ein erster Anfang des Daseinsdurstes erkennen […]. [v]

Die einzelnen Glieder dieser Kette sind, da sie sich alle gegenseitig bedingen, quasi austauschbar. Unwissenheit ist hier nicht zu verstehen als ein Nichtwissen im herkömmlichen Sinn, sondern als ein Mangel an Bewußtsein darüber, daß alle Lust und Unlust bereitenden Faktoren des Daseins nur vorübergehender Natur sind und somit auch die angenehmen Gefühle, die mit diesen Faktoren verbunden sind. Die Unwissenheit steht hier also für die Identifikation mit temporären Äußerlichkeiten und die Auffassung, es mit einer beständigen Realität zu tun zu haben, die auf ein „Ich“ einwirkt. Unwissenheit ist sozusagen das Verhaftetsein im Hier und Jetzt. Da der Wille oder das Begehren häufig durch Wille und Begehren anderer durchkreuzt werden,

streiten Könige mit Königen, Adlige mit Adligen, Brahmanen mit Brahmanen, Bürger mit Bürgern, die Mutter mit ihrem Sohn, […] der Sohn mit seinem Vater, der Bruder mit seinem Bruder […], der Freund mit seinem Freunde. Auch dies ist eine Anhäufung von Übeln im gegenwärtigen Leben, die durch das Verlangen nach Sinnenfreuden verursacht wird. [vi]

Die Wurzel des Übels läßt sich schlicht in zwei Worten ausdrücken: „Ich will.“ Das klingt sehr abstrakt, aber das buddhistische Denken ist gerade in der Begründung des Leidens überaus lebensnah. „Wir sind Wesen, die Wohlsein begehren und Wehe verabscheuen“, hat Georg Grimm einmal formuliert ¾ und was antwortet Mâra, der Geist der Welt, in der wir leben?

Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
Mein eigentliches Element. (Goethe, Faust)

Letztlich kann jeder die Mechanismen von Lust und Unlust in sich selbst als mehr oder weniger intensiv wirkende Kräfte feststellen, aber Lust, Seligkeit usw. einerseits und Endlichkeit andererseits sind unvereinbar. Nur zu häufig läßt sich beobachten, wie Menschen einen unheilvollen Werdeprozeß in Gang setzen, indem sie sich hier oder da Macht, einen Erfolg, Glück usw. versprechen, und zwar nicht selten zu Lasten anderer, die unter diesen oder jenen Handlungsweisen zu leiden haben. Die buddhistische Konditionalkette läßt den Verlauf der Ereignisse entsprechend den Gegebenheiten unseres Daseins mit dem Verweis auf Alter und Tod enden.

Für das indische Denken, welches den Prozeß des Anhaftens und der Verstrickung über Weltenzeitalter hinweg in Form von zahllosen Wiedergeburten im Daseinskreislauf (sasâra) bestehen läßt, ist diese Vorstellung des stetigen Werdens und Vergehens, die Vorstellung der niemals zu befriedigenden Wünsche und Sehnsüchte nicht nur ein beängstigender Gedanke, es ist vielmehr ein Gedanke, der denjenigen, der sich der Vergänglichkeit des Seienden bewußt wird, zum Streben nach einer endgültigen Erlösung führt.

 

[i] M 28, Schmidt 1961, S. 98ff. Dies sind die überlieferten Worte Sâriputtas.

 

 

 

 

 

[ii] S 12, 38, 2, Geiger 1925, S. 93.

 

 

 

 

 

[iii] S 12, 66, 23, ebd., S. 152f.

 

 

 

 

 

[iv] M 13, Schmidt 1961, S. 53.

 

 

 

 

 

[v] A X, 61-62, Nyânatiloka 1969, Bd. V, S. 54f.

 

 

 

 

 

[vi] M 13, Schmidt 1961, S. 53.

 

 

 

 

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




® الديمقراطية والا الاسلام


Die unverstandene Dichotomie:

Nach Auflösung des West-Ost-Gegensatzes trat ein Konflikt ins Licht, der jahrzehntelang fast völlig überdeckt von anderen Problemen dahingeschlummert hatte. Eine kulturelle Auseinandersetzung (Huntington: „clash of civilisations“), die das 21. Jahrhundert in erheblichem Ausmaß beschäftigen wird, die Dichotomie zwischen demokratischer und islamischer Weltauffassung. Das lässt sich auch ohne größere prophetische Gaben leicht vorhersehen. Nein, besser: wir sehen uns bereits in vollem Umfang mit diesem Konflikt beschäftigt. Das aus dieser Erkenntnis einsetzende Sendungsbewusstsein vor allem amerikanischer Politiker ist bekannt – der Ausgang der begonnenen Experimente in Irak und Afghanistan aber noch durchaus ungewiss. Manche gehen bereits davon aus, dass sie gescheitert sind, manche hoffen immer noch, dass sich westliche Demokratie in islamischen Ländern notfalls auch mit Waffengewalt einführen ließe.  

Bei dieser Auseinandersetzung ist den meisten offensichtlich nicht klar, wo denn nun genau die eigentlichen Konfliktlinien verlaufen. Es lohnt sich also, einen näheren Blick auf die Besonderheiten dieser Dichotomie zu werfen.

„Religion“ heißt auf Arabisch دين  (spricht sich etwa wie [di:n]). Islam (الاسلام ), Christentum, Judentum sind also دين. Außer als Lehnwörter (siehe oben  الديمقراطية, sprich: dimokratiyya) kennt das Arabische (ebenso wie die europäischen Sprachen außer dem Griechischen) keine eigenen Begriffe für Demokratie, Diktatur oder ähnlichem. Fragt man näher nach, wie man denn zum Beispiel ein Gesellschaftssystem wie „Demokratie“ am besten auf Arabisch wiedergibt, bekommt man eine überraschende Antwort: Auch „Demokratie“ ist  دين. Wenn sich die erste Verblüffung gelegt hat, wird einem schnell klar, woran das liegt.

Demokratie ist ein Gesellschafts- und Politikmodell, das als Voraussetzung eines aufgeklärten, laizistischen Staates bedarf, in dem Gewaltenteilung, Menschenrechte, Meinungs- und Bekenntnisfreiheit sowie Minderheitenschutz wenigstens näherungsweise verwirklicht sind. Sie sagt nichts darüber aus, an was ihre Bürger – falls überhaupt – zu glauben haben – sieht man einmal von dem höchst umstrittenen Gottesbezug in der Präambel zum deutschen Grundgesetz ab.

Islam ist klassisch gesehen eine Religion und gleichzeitig ein Gesellschafts- und Politikmodell. Wie genau dies aussieht, wie es sich in der Geschichte entwickelt hat und wie es heute angewandt wird, dazu unten mehr.

Zunächst aber: Wie kann ein Dialog aussehen? Wer kann die Diskussion führen? Politiker? Religionsvertreter? Wie können Demokratie, Religionsvielfalt  und Islam in Einklang gebracht werden?

Wenn Kirchenvertreter – wie zuletzt der „deutsche“ Papst bei seiner Nahost-Visite – zum interreligiösen Dialog der drei monotheistischen Weltreligionen aufrufen, sind sie sich wohl nicht darüber im Klaren, dass damit nur ein kleiner Teilaspekt des Problems abgedeckt wird. Von rein religiöser Warte aus betrachtet stellt sich die Angelegenheit relativ simpel dar: man hat einen angeblich gemeinsamen Gott, der sich in verschiedener Weise offenbart haben soll, die Riten- und Regelbefolgungen sind unterschiedlich. Aber immerhin rekurriert man weitgehend und vordergründig auf dasselbe Personal: Abraham (Ibrahim), Moses (Moëz), Jesus (Isa Ben Maryam) und viele der alttestamentarischen Propheten. Eine optimistische Vorstellung: man konzentriert sich auf das Verbindende, lässt unterschiedliche Riten zu – und schon hat man weit mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung hinter sich: eine allumfassende Ökumene.

Gehen wir einmal davon aus, dieser interreligiöse Dialog könne zu irgendeinem Erfolg  führen. Was wäre damit gewonnen? Was würde das für einen Vorteil für die Gesellschaft bringen? Im Idealfall ein wenig mehr Toleranz und Respekt für den jeweils Andersgläubigen – das wäre schon ein Gewinn. Doch was geschieht mit denen, die sich keiner der drei Religionen anzuschließen vermögen – in Deutschland immerhin ein gutes Drittel der Bevölkerung? Peter Scholl-Latour, der so genannte Nahostexperte, versteigt sich sogar zu der nach unserer Sichtweise, aber z.B. bei PI vertretenen, völlig unsinnigen Forderung, der Westen müsse wohl nach amerikanischem Zuschnitt eben wieder etwas christlicher werden, damit er von den Moslems als Gesprächspartner ernst genommen werden könne. „Atheisten sind in den Augen der Moslems nichts, sie sind weniger als Schweine“ (Scholl-Latour). Dann wäre man in der Tat einem positiven Ergebnis des Dialogs der Religionen ein Stück näher – doch um welchen Preis? Der große Vorteil unserer pluralistischen Gesellschaft liegt doch unter anderem auch darin, dass auch solche, die neben der physikalischen und biologischen Welt keine metaphysischen oder transzendentalen Elemente anerkennen können, ihre Lebensberechtigung haben und ihre Meinung frei vertreten können ohne als Ketzer oder Häretiker angeprangert oder gar physisch vernichtet zu werden.

Religiöse Gesellschaften in der Praxis

Die „einzige echte Demokratie“ des Nahen Ostens, das „jüdische“ Israel, ist stolz auf seine gesellschaftspolitischen Errungenschaften, die sie von der arabischen Umwelt absetzen. Das demokratische Verständnis der Gründergeneration (von extremen Zionisten einmal abgesehen) steht dabei wohl außer Frage, doch heute? Welche Rechte haben Moslems, Christen und religionsfreie Humanisten im „Gelobten Land“? Schaut man genau hin, so erkennt man, dass modernere politische Regungen wie z.B. Israel Beitenu des Außenministers Liebermann statt von demokratisch gebotener Vielfalt eher von einer jüdischen Ethnokratie basierend auf Thora und Halacha träumen. Noch haben sie nicht die Mehrheit und es gibt weiterhin moslemische Abgeordnete in der Knesseth und arabische Bürgermeister – doch wie lange noch? Bevor unsere jüdischen Freunde im Blog protestieren: ich sehe die Gefahr nicht reell, sondern allenfalls als latente Bedrohung für die Demokratiefähigkeit Israels.

Das ur-katholische Verständnis von Staat und Religion lässt sich deutlich am Vatikan ablesen: Demokratie? Fehlanzeige! Der gesetzgeberische Souverän ist Gott mit seiner Offenbarung, sein Stellvertreter ist weltliches und geistliches Oberhaupt dieses international weitgehend anerkannten „Staates“, einer Theokratie von Mussolinis Gnaden mitten im aufgeklärten Europa. Es bleibt abzuwarten, was der Chef dieser Theokratie den Demokraten des Bundestages bei seinem Besuch im September des Wir-sind-Papst-Jahres zu berichten haben wird.

Was macht aber das Besondere am Islam aus? Der Grund ist historischer Natur. Von Beginn an in Medina und später in Mekka gab es im Islam keinen Widerspruch zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Offenbartes Recht (qur’an und sunna = schari’a) war Basis des Zusammenlebens. Anders als Moslems waren Christen nicht von vornherein im Besitz weltlicher Macht. Sie waren gezwungen, ihre eigene Organisation abseits weltlicher Staatsstrukturen zu formieren. So entwickelte die katholische Kirche beispielsweise sogar ihr eigenes Rechtssystem (canones), das unabhängig von staatlichen Institutionen funktionierte, und das sie nur allzu häufig missliebiger weltlicher Macht aufzudrücken versuchte. Ansonsten arrangierten sich aber die Kirchen – so vor allem auch später Luther – mit den weltlichen Machtverhältnissen, die sie gerade vorfanden, egal ob demokratisch, monarchisch oder totalitär.

Solche Arrangements hatte der Islam bisher nie nötig. Deshalb hat er auch keine vom Staat unabhängige Organisationsstruktur. Man könnte überspitzt sagen: Islam organisiert sich als Staat oder ihm fehlen jedwede Merkmale einer eigenständigen, religionsgebundenen Struktur. Man sieht hier bereits einen wesentlichen Grund, warum die moslemischen Organisationen wie der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) oder Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) sich so schwer tun.

Der ideale Staat hat nach moslemischer Auffassung nur einen Souverän: Allah. Sein Wille offenbart sich direkt im Koran, indirekt in der Sunna (Hadithe), also den aufgezeichneten Äußerungen Mohameds zu Lebzeiten. Zusammengefasst ergibt das die Scharia, über die im Westen teilweise völlig falsche Vorstellungen herrschen aufgrund von medialen Horrorberichten. Alle Nachfolger des Propheten gelten als Stellvertreter Gottes (khalifa), die das Gesetz umzusetzen haben und allenfalls Ausführungsbestimmungen (qanun = canones) erlassen, um alles, was in der Scharia nicht geregelt ist, mit Leben zu füllen. Dem Kalifen, der im Idealfall ein gütiger Richter und Philosoph, aber auch ein guter Kämpfer sein soll, steht ein Beratergremium zur Seite (die Schura). Das gemeine Volk (die Umma) hat ohne zu hinterfragen den Weisungen des Kalifen zu folgen. Unklar bleibt, wie das Beratergremium zusammengesetzt sein soll und von wem es gewählt wird, oder was zu tun ist, falls der Kalif den definierten Anforderungen nicht entspricht. Die Parallelen zum Vatikanstaat (bis auf die Kämpferqualitäten) sind verblüffend.

Bis zum vierten Kalifat in der Nachfolge Mohameds hat das auch alles ganz gut funktioniert. Danach wurde die Situation immer verworrener und zerrissener, bis sich schließlich die Philosophen daranmachten, die offensichtlichen Mängel des Systems zu analysieren und damit eventuell zu beseitigen. Zu nennen ist hier vor allem Ibn Rushd (Averroës), der aus einer einflussreichen Richterfamilie stammte, selbst Recht, Philosophie und Medizin studierte, und als qadi (Richter) eine einflussreiche Stellung in der nordafrikanisch-andalusischen Almohaden-Dynastie einnahm. Unter seinen wohl insgesamt 84 Werken sind 55 noch bekannt, vor allem sein Kommentar zu Platons politeia ist im westlichen Kulturkreis von großem Einfluss  gewesen.

Wie Platon unterscheidet er zwischen der Elite und der Masse eines Volkes. Als unzulänglich bei Platon empfindet er, dass nur die Gebildeten letztlich Glückseligkeit erlangen können, nicht aber die Masse des Volkes. Im islamischen Idealstaat sei dies aufgrund der religiösen Basis auch für die einfachen Leute möglich, nicht nur im Diesseits, sondern vor allem auch im Jenseits. Zudem ist Platons Staat auf reine Vernunft gegründet, es mangelt ihm sozusagen die geistliche Überhöhung, Allahs Offenbarung, die weit über aller Vernunft anzusiedeln ist. Gleichwohl misst er der Vernunft (außer bei der Staatsräson) einen so hohen Stellenwert zu (duplex veritas?), dass er letztlich von orthodoxen Geistlichen geächtet und verbannt wurde, seine Werke wurden verbrannt. Bei den möglichen Staatsformen geht er mit Platon allerdings weitestgehend konform – vor allem in seiner Ablehnung der Demokratie, die als irrende Vorform der Tyrannei zu betrachten sei. (Zur weitergehenden Information sei empfohlen: Michael Jainzik, „Zwischen nomos und schari’a“, Concilium medii aevi 5 (2002), 143ff)

Islam in der Demokratie?

Seit der Abschaffung des letzten Kalifats 1924 nach Untergang des Osmanischen Reiches gibt es heute keinen modernen islamischen Staat mehr, der nach dem geschilderten Grundprinzip aufgebaut wäre. Fast alle geben sich einen demokratischen Anstrich, der allerdings Mühe hat, die polizeistaatlichen, diktatorischen und nepotistischen Strukturen zu übertünchen. Neben dem Problem, dass den Menschen grundlegende bürgerliche Rechte vorenthalten werden, ergibt sich ein unangenehmes psychologisches Element: Man ist ja nun einmal Demokratie, was der Bevölkerung auch immer wieder eingehämmert wird, also werden im Empfinden der Bevölkerung auch alle Mängel, die sich überall zeigen, der Demokratie angelastet. Da kann sich demokratisches Bewusstsein in unserem Sinne nicht oder nur sehr schwer entwickeln. Wie ernst dieser demokratische Scheinmantel genommen wird musste ich am eigenen Leib erfahren, als ich wegen meiner Äußerung, man lebe doch wohl in einer „Demokratur“, von „guten“ Freunden denunziert wurde – zum Glück ohne Folgen.

Einen Sonderfall stellt zweifellos die Türkei dar. Als einziges moslemisches Land der Welt hat sie den Laizismus zur Grundlage des Staatsverständnisses gemacht neben Nationalismus, Etatismus und Republikanismus – mithin finden wir hier eine eindeutige Trennung zwischen Religion und Staat, auch wenn man von außen gesehen nicht den Eindruck hat, dass die handelnden Akteure (wie beispielsweise die Adalet ve Kalkınma Partisi, kurz AKP, zu deutsch: Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) dies immer und vollständig verinnerlicht haben. Auch dürfte sich in ländlichen Gebieten, in denen noch immer archaische Strukturen tribalen Ursprungs die Oberhand haben, bis heute kaum festgesetzt haben, dass man in einer Demokratie lebt. (Vertiefend: Patricia Foertsch, „Islam und Demokratie“, Almanya Infodienst N° 3 der Konrad Adenauer Stiftung).

Extremistische Strömungen im Islam (und ich meine nicht einmal nur die militanten) vertreten die Ansicht, der Kampf gegen den Okzident müsse so lange weitergehen, bis die ganze Welt nach der Scharia lebt. Dann erst ist Allahs Wille erfüllt. Wie sähe solch ein Leben aus? Als Beispiel wird immer wieder die moslemische Herrschaft über Andalusien angeführt, die angeblich von so viel Toleranz gegenüber Andersgläubigen getragen war. Immerhin: es hat praktisch keine Zwangsbekehrungen gegeben. Individuelle Mission war anders als im Christentum nicht vordringlicher Zweck der Islamisierung. Jedoch mussten die „Schriftgläubigen“ (Juden und Christen) erheblich erhöhte Steuern entrichten und waren von weiten Teilen des öffentlichen und politischen Lebens ausgeschlossen. Auch Zwangsdeportationen von Juden nach Marokko sind geschichtlich belegt (weil sie ihre Tracht nicht ablegen wollten). Für Christen und Juden sicherlich keine angenehme Vorstellung, unter der Scharia leben zu müssen – und was wäre zudem mit all denen, die die Präponderanz der Metaphysik gegenüber dem Realen nicht anerkennen können? Hierfür gibt es keine geschichtlichen Beispiele, doch wenn man bedenkt, was die Scharia zum Apostatentum sagt, schwant dem Leser sicherlich nichts Gutes! Glaubensabtrünnige und damit wohl auch Atheisten sind mit dem Tode zu bestrafen.

Dieses islamische religiös-politische Sendungsbewusstsein steht damit auf einer Stufe mit dem westlich-demokratischen Sendungsbewusstsein. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass Demokratie mit all seinen bürgerlich-weltlichen Freiheiten für „echte“ Moslems ein ebenso rotes Tuch darstellt wie für uns die Vorstellung, unter der Scharia leben zu müssen.

La révolution des Jasmins

Und nun erleben wir, direkt vor unserer Haustür, dass sich ein islamisches Land, Tunesien, mit großer Entschlossenheit von innen heraus daranmacht, eine Demokratie zu entwickeln mit allen dazugehörigen Strukturen wie Rede- und Bekenntnisfreiheit, unabhängiger Presse, unabhängiger Justiz und politischen Parteien. Natürlich stellt sich angesichts der bisherigen Erfahrungen die Frage, ob ein solches Experiment überhaupt Chancen der Realisierung hat.

Man sollte wissen, von wem die Revolution, der man inzwischen den Namen „Jasmin-Revolution“ gegeben hat, in ihrer politischen Dimension wirklich initiiert wurde. Dazu hat ein angesehener Bankier im tunesischen Fernsehen (unter Tränen) eine bemerkenswerte Aussage gemacht. Wann immer er nach Hause kam fand er seinen Sohn vor dem Computer mit Facebook, Twitter und Ähnlichem beschäftigt. Er hielt all dies für Spielkram, dem er allenfalls lächelnde Nicht-Beachtung schenkte, gelegentlich verbunden mit der Ermahnung, sich doch lieber mit etwas Sinnvollerem zu beschäftigten. Als er am Freitag (14. Januar 2011) nach Hause kam, war sein Sohn nicht da. Als er den Fernseher einschaltete sah er die Menge der jungen Demonstranten, die zusammen mit den streikenden Richtern und Rechtsanwälten viereinhalb Stunden lang das Innenministerium belagerten. In der Menge entdeckte er durch Zufall seinen Sohn in den vordersten Reihen. Stolz und Trauer überkamen ihn gleichzeitig. Stolz, weil er erkannte, was sein Sohn all diese Zeit vor dem Computer wirklich gemacht hatte, und für das er nun mit dem Mut der Jugend vor aller Augen eintrat. Trauer, weil er schlagartig sah, was seine Generation, karrierebewusst und mit dem System arrangiert, versäumt hatte, was längst hätte geschehen müssen.

Die Jugend lehrt die Eltern, was Demokratie heißt.

Da ich einige dieser jungen Leute aus der Blogger-Szene kenne, weiß ich ungefähr, wie sie „ticken“. Nicht ein einziger von ihnen ist Moslem in dem Sinn, der auf islamkritischen Blogs häufig pauschal als „der Moslem“ dargestellt wird. Kurz: sie haben mit Religion nichts am Hut! Mein zwanzigjähriger Neffe, Student der BWL, ist ein typisches Beispiel dafür. Er lebt wie seine Altersgenossen im Westen ein freies und ungebundenes Leben, besucht nie eine Moschee, aber er würde von sich immer behaupten, Moslem zu sein. Ich bezeichne diese hier weit verbreitete Art von Moslems als „Kulturmoslems“ und vergleiche sie mit den vielen Deutschen, die nie eine Kirche von innen sehen, aber trotzdem an Weihnachten einen „Christbaum“ aufstellen, und damit ihr Eingebettetsein in die hiesige Kultur demonstrieren.

Islamische Scharfmacher haben bei diesen jungen Leuten (und ihren Eltern!) nicht die geringste Chance. Die im Titel gestellte Frage „Demokratie oder Islam“ ist hier nicht virulent, sie muss umformuliert werden in Demokratie und ein in den privaten Bereich verschobener Islam. Ich vertraue darauf, dass sich diese Idee hier durchsetzt, sonst hätte ein weiteres Verbleiben in diesem Land für meine Frau und mich keinen Sinn.

(Das Original des Fotos im Banner stammt von Götz Burggraf und Sie können es hier bestaunen.)

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Plädoyer für Vernunft in unvernünftigen Zeiten


Dawkins

Richard Dawkins: „Forscher aus Leidenschaft“,© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin, 2018, ISBN 978-3-550-05026-8, 524 Seiten. Rezension von Gerfried Pongratz

Es gibt in der Welt eine objektive Wahrheit, und unsere Aufgabe ist es, sie zu finden(S. 17) – mit diesen Worten beschreibt einer der wichtigsten Denker unserer Zeit die Ziele seines Lebens. Der 1941 geborene britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins gehört zu den bekanntesten Verfechtern von Wissenschaft und Aufklärung; seine zahlreichen Bücher, Aufsätze, Vorträge etc. finden weltweit ein begeistertes Publikum, stoßen wegen ihrer z.T. atheistischen und religionskritischen Inhalte aber auch auf heftige Ablehnung. Das vorliegende Buch enthält 41 – davon 20 bislang unveröffentlichte – Beispiele aus Dawkins Essays, Vorträgen und journalistischen Schriften der letzten drei Jahrzehnte, die er zusammen mit der Herausgeberin Gillian Somerscales ausgewählt, thematisch gruppiert und mit hilfreichen Kommentaren und aktualisierenden Nachworten versehen, präsentiert.

 

Die Beiträge behandeln neben naturwissenschaftlichen Themen Überlegungen zum Wert von Wissenschaft, Ausführungen zur Geschichte und Rolle der Wissenschaft sowie übergreifende Themen der Philosophie, Religion und Politik; oftmals mit Humor und feiner Ironie, aber auch mit persönlicher Betroffenheit gewürzt. Alle Abschnitte beginnen mit informativen Einleitungen durch Gillian Somerscales, die die Hintergründe der Texte und Denkweisen des Autors offen legen:

„Richard Dawkins ist nicht nur ein Prophet der Vernunft, er ist auch ihr unermüdlicher Wächter, seine Prinzipien sind dabei durch und durch von Mitgefühl, Großzügigkeit und Freundlichkeit durchtränkt…. Er will komplexe Wissenschaft nicht nur zugänglich, sondern begreiflich machen, und das ohne „verdummende Vereinfachung“. Immer besteht er auf Klarheit und Richtigkeit, und dabei dient ihm die Sprache als Präzisionswerkzeug, als chirurgisches Instrument“ (S. 23ff).

Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem sprengen, auf alle, oder auch nur auf viele der behandelten Themen einzugehen. Acht große Teilbereiche mit 41 Unterkapiteln, ergänzt durch einen umfangreichen Anmerkungsteil mit Quellen- und Literaturverzeichnis, vermitteln ein weit umfassendes Panorama an Wissen mit tiefgründigen weiterführenden Gedanken und Analysen; hervorzuheben ist dabei auch die (hervorragend übersetzte) klare und schöne Prosa der Texte (die laut Somerscales alle 13 Bücher und Schriften Dawkins auszeichnet).

Wie kann man das Buch lesen? In einem Zug, oder wie ein Nachschlagewerk, Kapitel für Kapitel, mal vorne, mal hinten: So hat es sich dem Rezensenten erschlossen, der noch oft und mit Begeisterung darin „schmökern“ wird. Aus der Vielzahl der ihm besonders bemerkenswert erscheinenden Themen sei – ohne inhaltliche Gewichtung – eine kleine Auswahl vorgestellt:

 

  • S. 78ff: Ein offener Brief (mit interessantem Nachwort) an Prinz Charles, in dem er dessen Wissenschaftsfeindlichkeit und Sammelsurium widersprüchlicher Alternativen beklagt: „Am meisten betrübt mich, Sir, dass Ihnen so Vieles entgeht, wenn Sie der Wissenschaft den Rücken kehren“.
  • S 231ff: Gedanken zu Seele-1 (der spirituelle Teil des Menschen, von dem man glaubt, dass er nach dem Tod weiterlebt), die von der Wissenschaft zerstört wird und zu Seele-2, als „Erschaudern vor dem Schönen, als intellektuelle oder spirituelle Kraft“, wie sie von Einstein, Carl Sagan und Dawkins selbst („Der entzauberte Regenbogen“) beschrieben wird.
  • Teil IV: „Denkverbote, dummes Zeug und Durcheinander“:
    Sieben Kapitel bieten u.a. eine brillante Widerlegung des Kreationismus und untersuchen nüchtern, umfassend, nachdenklich das Phänomen Religion sowie das „Warum“ von Glauben und Glaubenspraxis.

    Eine der Kernfragen dazu lautet: „Welchen Überlebenswert hatte in der Vergangenheit unserer wilden Vorfahren ein Gehirn, dessen Disposition sich in der kulturellen Gegenwart als Religion manifestiert?“ Eine von mehreren Antworten liegt in der natürlichen Selektion von Kindergehirnen zur Neigung, alles zu glauben, was Eltern und Stammesälteste sagen (S. 290/291).
    Ein Unterkapitel führt die Behauptung, „Glaube“ an die Naturwissenschaft sei selbst eine Form von Religion, ad absurdum: „Zwischen einem Glauben, den man verteidigen kann, indem man sich auf Belege und Logik beruft, und einem Glauben, der durch nichts anderes gestützt wird als durch Tradition, Autorität oder Offenbarung, liegen Welten“ (S. 305).

  • Teil V, „Leben in der Wirklichkeit“ widmet sich in mehreren Unterkapiteln dem Engagement und nüchternen Zutrauen zur Fähigkeit der objektiven Vernunft, „vielleicht nicht immer Lösungen, stets aber positive Wege in die Wirklichkeit aufzuzeigen“.
    In „Die tote Hand Platons“ beschreibt Dawkins die „Tyrannei des diskontinuierlichen Geistes“: Platons „Essentialismus“ ist „eine der heimtückischsten Ideen der gesamten Geistesgeschichte“ (S. 321).
    Eine Abrechnung mit dem Lamarckismus und Plädoyers gegen Gläubigkeit an Übernatürliches sowie für Engagement zu Vernunft, Logik, Wissenschaft und evidenzbasierter Wahrheit bilden weitere Ausführungen, denen auch ein leidenschaftlicher Aufruf gegen oft verdrängtes Tierleid beigeschlossen ist.
  • Teil VI, „Die heilige Wahrheit der Natur“ und Teil VII, „Lachen über lebende Drachen“ erläutern einerseits die „Arbeitsweise“ „natürlicher Evolutionswerkstätten“ (Galapagos Inseln) am Beispiel der komplexen Evolution von Riesenschildkröten und ironisieren, persiflieren andererseits religiöse Ansichten zur Abstammung des Menschen. Dawkins versteht sich dabei auf geistreiches Spotten und widerlegt damit einmal mehr die Behauptung, er sei ein humorloser Atheist.
  • Teil VIII, „Der Mensch ist keine Insel“, ist als letzter Teil Menschen gewidmet, die Dawkins besonders schätzt und verehrt. Neben Lies und Niko Tinbergen sowie seinem Vater John Dawkins und Onkel A.F. „Bill“ Dawkins ist es vor allem Christopher Hitchens, den er würdigend in eine Reihe mit Bertrand Russel, Robert Ingersoll, Thomas Paine und David Hume stellt: „Sein (Anm.: Hitchens) Charakter selbst ist zu einem herausragenden, unverkennbaren Symbol für die Ehrlichkeit und Würde des Atheismus geworden, aber auch für den Wert und die Würde des Menschen, der nicht durch das infantile Geplapper der Religion herabgewürdigt wird“ (S.459).

    Die Herausgeberin Gillian Somerscales vermerkt zu dieser Rede Dawkins anläßlich einer Preisverleihung an Hitchens: „Es ist eine eigenartige, aber durchaus passende Ironie des Schicksals, dass vieles von dem Lob, das er (Anm.: Dawkins) Hitchens zollt, mit ebenso großer Rechtfertigung auch ihm selbst gezollt werden könnte: „der führende Kopf und Gelehrte unserer atheistisch/säkularen Bewegung“, ein „sanft ermutigender Freund der Jungen, der Zaghaften“, gleichermaßen fähig zu „durchdringender Logik“, „schneidendem Witz“ und „Mutig-Unkonventionellem“. Kein Wunder, dass sie Seelenverwandte waren“ (S. 433/434).

Ein Buch, aus dem nicht nur Dawkins-Anhänger, sondern alle unvoreingenommen einschlägig Interessierten Gewinn ziehen werden. Es bietet reichen Erkenntnisgewinn bei hohem Lesegenuss und wird dem Anliegen, „das Absperrseil zwischen begründeter Phantasie und unbegründeter Spekulation aufzuspannen, das Undenkbare zu denken und es damit denkbar zu machen“ (S. 202), voll gerecht. Uneingeschränkte Leseempfehlung!

 

Gerfried Pongratz 1/2019




Antisemitismus in der Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“ – Eine Untersuchung von Anneliese Pongratz


Civilta

Seit 165 Jahren erscheint alle zwei Wochen – weltweit verbreitet und in viele Sprachen übersetzt – die 1850 von Jesuiten in Neapel gegründete Zeitschrift „La Civiltà Cattolica“ (CC), deren Hauptaufgabe darin besteht, die Ansichten der katholischen Kirche zu zeitgenössischen Themen zu verbreiten. Das Autorenkollegium steht dabei in enger Verbindung zum Papst, bzw. dem Apostolischen Stuhl, bis Mitte des 20. Jahrhunderts musste der Inhalt der Zeitschrift vom jeweiligen Direktor dem Papst und dem Kardinalstaatssekretär persönlich vorgelegt werden.

Seit ihrer Gründung beschäftigte sich die CC immer wieder auch mit dem Thema Judentum, in der Zeitschrift meist als „Judenfrage“ bezeichnet, wobei sich der Ton antijüdischer Kampagnen und Artikel ab 1880 bis zum 2. Weltkrieg laufend verschärfte; erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 kam es diesbezüglich zu einem Kurswechsel (11, S.13).

Welchen Stellenwert die Zeitschrift für die Katholische Kirche auch heute noch besitzt, zeigt eine Ansprache, die Papst Franziskus, selbst Jesuit, am 14. Juni 2013 im Saal der Päpste hielt:

„Die Jesuiten von »La Civiltà Cattolica« gehen seit 1850 einer Arbeit nach, die in besonderer Verbindung zum Papst und zum Apostolischen Stuhl steht(1).

In Bezug auf den Inhalt meinte Papst Franziskus:

„Anfangs waren die Haltung und der Stil von »La Civiltà Cattolica« kämpferisch und oft auch erbittert polemisch, wie es der allgemeinen Atmosphäre der Zeit entsprach. Wenn man an die 163 Jahre des Bestehens der Zeitschrift zurückdenkt, zeigt sich eine reiche Vielfalt an Positionen, die sowohl der Veränderung der geschichtlichen Umstände als auch der Persönlichkeit der einzelnen Autoren geschuldet sind“ (1).

Positionen der Civiltà Cattolica im Umgang mit jüdischen Mitbürgern von 1880 bis 1938

Im Dezember 1880 startet die Zeitschrift eine Kampagne mit 36 scharf formulierten Artikeln von Pater Giuseppe Oreglia di Santo Stefano, „ Sondergesetze für eine Rasse einzuführen, die in so außergewöhnlicher Weise durch und durch verdorben ist“. Die von der französischen Revolution geforderte Gleichberechtigung aller Bürger sieht man im Hinblick auf Juden als Bedrohung der sozialen Ordnung; man unterstellt ihnen eine Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft und, wie Papst Leo XIII. befürchtet, die Absicht zur Zerstörung der katholischen Kirche. Auch konvertierte Juden erregen Misstrauen, denn als geborene Juden würden sie ja doch immer noch Juden bleiben: „Sie sind Juden auch und besonders aufgrund ihrer Rasse“. Die aufgehobene Trennung von Christen und Juden durch jüdische Ghettos werden von der Kirche als Gefahr bewertet (11, S. 181 ff); Juden mussten im Herrschaftsgebiet des Papstes bis ins 19.Jhdt. ein gelbes Abzeichen tragen und in den wenigen Städten leben, wo es Ghettos gab (11, S 15).

Im Jahr 1881 greift Pater Oreglia auch das Thema der sogenannten „Ritualmorde“ wieder auf; in den darauffolgenden Jahren werden oftmals Darstellungen mit detailreichen Schilderungen schrecklicher angeblicher Taten publiziert, wobei immer wieder auch ausgeführt wird, dass der Talmud vorschreibe, „Christen das Blut auszusaugen“ (11, S. 214 ff).

1890 erscheint eine Artikelserie unter dem Titel Die Judenfrage in Europa, in der man von einer „Gefährdung der christlichen Kultur und Moral“ durch die „jüdische Rasse“ berichtet (und dabei Überlegungen diskutiert, die wie Handlungsanweisungen für die spätere NS-Zeit klingen):

„Das 19. Jahrhundert wird in Europa zu Ende gehen und es in den Zwängen eines sehr traurigen Problems zurücklassen, aus dem sich im 20. Jahrhundert möglicherweise derart erbärmliche Konsequenzen ergeben werden, die Europa dazu veranlassen werden, diesem durch eine endgültige Lösung ein Ende zu setzen. Wir spielen auf die unglückliche semitische Frage an, die man richtiger die jüdische nennt…“ (2) (CC, Die Ursachen, I., 1890, eigene Übersetzung).

„Noch einmal müssen wir das Beispiel Österreich-Ungarn aufzeigen, vom Judentum zerfressen, schlechter als ein Weinberg, der einer Reblaus zum Opfer gefallen ist.“ (2) (CC, Die Wirkungen, III., 1890, eigene Übersetzung).

„Nun berichten wir von Vorschlägen von Autoren, die noch nicht von den Ideen des Sozialismus verdorben und blind gegenüber den Reichtümern der Hebräer sind, die sich mit Eifer für die Religion und das Vaterland einsetzen.

Es gibt in Deutschland, in Österreich-Ungarn und Frankreich eine Denkschule, die Hilfsmittel zur Befreiung von der jüdischen Pest vorschlägt. Das radikalste Instrument aber entspricht nicht dem Geist des Christentums und ist gegenwärtig nicht durchführbar. Sie legen viele Beweise vor, dass die Hebräer eine Plage für die christliche Gesellschaft sind, dass sie eine Geißel für die Kirche Christi sind. Daraus leiten sie das Recht ab, diesen Feinden offen den Krieg zu erklären. Da man sich nicht einig ist, ob man das Blutvergießen riskieren soll, werden zwei Ziele angestrebt: Die Juden sollen alles, was sie geraubt haben, den Christen zurückgeben; und sie sollen von unserem Boden verwiesen werden.“ (CC, Die Abhilfen, III., 1890), (5, S. 244).

„In der Geschichte gibt es viele Beispiele, wo die Juden aus Königreichen und Staaten vertrieben worden sind; das geschah auf gesetzliche Weise, weil die Vertreibung von der staatlichen Autorität angeordnet wurde. Nun ist die Frage, ob das in zivilisierten Ländern möglich ist und wohin man acht Millionen Juden ansiedeln soll, die sich überall einnisten.“ (CC, Die Abhilfen, IV, 1890), (5, S 246 f).

„Denn es könnte ein Sturm ausbrechen, den sie mit ihrer Überheblichkeit provozieren, dass sie in einen Abgrund stürzen, den die Geschichte bisher noch nicht gesehen hat.“ (CC, Die Abhilfen, V, 1890), (5, S. 249 f).

„Nun so möge der neue Attila losgelassen werden über ihre Republiken und Monarchien, ihre Institutionen und Börsen, ihre Theater, Werkstätten und Vergnügungsorte, er möge sie und die Juden in die Vernichtung treiben. Denn beide haben Christus verleugnet, so sollen sich beide wie Barabbas freuen.“ (CC, Die Abhilfen, VII, 1890), (5, S. 253).

Der Rundumschlag trifft auch Freimaurer und das Bürgertum als Mitträger der französischen Revolution, denn „erst durch Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit habe sich ein Abgrund aufgetan“ (5, S. 249), der zur Zerstörung des Glaubens und der Kultur mit dem Ziel der Errichtung eines gottlosen Staates aufrufe. Die Hauptschuld an der französischen Revolution trage allerdings „die jüdische Pest“, „Plage“ (5, S. 244), „Geißel“ (5, S.246), „der Käfig mit wilden Tieren, der sich aufgetan hat“ (5, S. 246), kurzum das Volk, das mit dem „Fluch des Gottesmordes“ (5, S. 247) behaftet ist und sich daher auch nicht assimilieren soll.

Das „Gift der Freiheit“ (5, S. 252), „die allgemeinen Menschenrechte“ (5, S. 243), „das Spielchen mit der Gleichheit“ (5, S. 248), haben „diesen gefräßigen Polypen“ (5, S. 251) in eine selbst verschuldete Situation gebracht, die die Retter des Christentums zur Notwehr zwinge. Enteignung, Vertreibung und Blutvergießen – wenn „riskiert“ (5, S. 244) – werden diskutiert, gemäßigte Lösungen dabei als „schwer verwirklichbar“ (5, S. 247) eingeschätzt und „das radikalste Instrument gegenwärtig“(!) als „nicht durchführbar“ (5, S. 244) eingestuft. Dabei bringt der Autor alle diskutierten „Lösungen der Judenfrage“ mit christlicher Nächstenliebe und Gerechtigkeit in Verbindung und begründet den „göttlichen Willen“ mit zwei Bibelzitaten („…Beseitigt das treulose Volk…“, „…sein Blut komme über uns…“ 5, S. 247).

Um die eigene antisemitische Position zu untermauern, werden auch antisemitische Beobachtungen und Vorschläge aus anderen Ländern breit diskutiert, an manchen Stellen mit der abschwächenden Bemerkung, dass manches wohl nicht ganz dem christlichen Geist entspräche. (Anmerkung: Der Autor des obigen zitierten Artikels ist sich bewusst, dass der Klerus nicht zum Mord aufrufen kann, daher baut er Konstrukte wie Gottes Wille, Schuld des Opfers, Notwehr der Mörder in seine Texte ein.)

Der Philosoph und Religionswissenschaftler Anton Grabner-Haider schreibt in seinem Buch „Hitlers mythische Religion“, aus dem einige der Zitate stammen, dass sowohl nationalsozialistische (Der Stürmer) wie auch faschistische Zeitungen in Italien (Il Regime fascista), dieses Gedankengut übernommen und damit im „Neuen Attila“ Mussolini, bzw. Hitler, vorweggenommen hatten (5, S. 113/114, vgl. 8, S. 64). Der amerikanische Historiker David Kertzer zitiert in diesem Zusammenhang ein Mitglied des faschistischen Großrates – Roberto Farinacci -, der 1939 in einem Vortrag festgestellt hatte, dass die Verfassung des Jesuitenordens noch strenger als der deutsche Rassismus sei: „Jesuiten benötigen einen nichtjüdischen Nachweis bis in die 5. Generation und seien stetige Vorläufer und Meister in der jüdischen Frage“ (11, S. 376 f).

Obwohl zwischen der CC und dem NS-Hetzblatt Der Stürmer, der in seiner Primitivität, Verlogenheit und Brutalität nicht seinesgleichen hat, keine Vergleichbarkeit gegeben ist, erstaunt doch, wie sehr sich manche antisemitische Aussagen ähneln (16); der Verdacht liegt nahe, dass sich Julius Streicher früherer Aussagen der CC – z.B. im Hinblick auf „Beweise“ zu „Ritualmorden“ – bediente (17). Das Sonderheft Nr. 1 des Stürmers im Mai 1934 bringt unter der Zusammenstellung „jüdischer Ritualmorde“ aus der Zeit von Christus bis 1932 auch ein direktes Zitat aus der CC vom Dezember 1881 (3). Auch im Stil und in manchen Formulierungen ähneln sich CC und Stürmer; in einer Ausgabe der CC aus dem Jahr 1914 heißt es beispielsweise, dass „der Judaismus die Juden lehre, das Blut von christlichen Kindern so zu betrachten, als wäre es ein Getränk wie Milch“(14) – sehr ähnliche Formulierungen findet man auch mehrmals im Stürmer. In Abhandlungen zur „jüdischen Weltherrschaft“, zu „Ritualmördern“, zur Gleichsetzung von Juden mit Freimaurern, Sozialisten und Kommunisten sowie zu Talmuddiskussionen usw. ähneln sich Der Stürmer und die CC in der Wortwahl ebenfalls sehr stark, auch wenn Der Stürmer Quellen nicht zitiert; in Ausgabe 15 von 1936 fügt Der Stürmer allerdings zum Thema „Sowjetjuden vergasen Russen“ eine Passage aus der katholischen Zeitung „Schönere Zukunft“ ein (12).

In Artikelserien der CC in den 1920er und 1930er Jahren verwendet der Chefredakteur (und Jesuit) Enrico Rosa viele weitere antisemitische Formulierungen; z.B. zu den Themen „Die Weltrevolution und die Juden“, 1922 (9), und „Die jüdische Frage“, 1938 (10). Unter dem späteren Chefredakteur und Jesuiten Felice Rinaldi ist es Pater Mario Barbera, der in den Jahren 1937/38 in Artikelserien wie z.B. „Die Judenfrage und der Zionismus“, „Die Judenfrage und die Konversionen“, „Die Judenfrage und das katholische Apostolat“, zur Eliminierung oder Absonderung der Juden aufruft (4), (5, S. 133/114), (7, S. 150), (11, S. 368 ff).

Enrico Rosa, 1922: „Die Welt ist krank… Der Wolf bleibt immer Wolf: Alte Schläge nähren neuen Verdacht und eine Wunde, die an den Rand gedrängt ist, aber nie heilt… Auf jeden Fall halten wir gegen ihre Festigkeit des Versteckens das Recht zu stöbern und das ans Licht der Sonne zu ziehen, was uns angeht…“ (9, eigene Übersetzung)

Rosa spricht auch von der starken „Kasse ihres Wuchers und Egoismus“ und, „dass sich diese Rasse… als Herren aufspielt“. (9, eigene Übersetzung)

In mehreren Artikeln betont die CC, dass die Juden selbst daran schuld seien, wenn es zu Pogromen komme. Diesen „bösen“ Antisemitismus müsse man vom „gesunden“ Antijudaismus unterscheiden, demzufolge die Bekämpfung des Judaismus ja nicht die Bekämpfung der Juden selbst bedeute, sondern nur die Bekämpfung dessen, was die Werte der christlichen Gemeinschaft, die es zu schützen gelte, bedrohe.

Zu dem o.a. Artikel von Pater Mario Barbera aus 1937, in dem die Trennung („segregazione“) von Juden und Christen wie vor der frz. Revolution empfohlen wird, meint Rosa, dass die Absonderung in christlicher Nächstenliebe zu erfolgen habe (5, S. 113 ff. und 7, S. 147/150).

Im Herbst 1938 berichtet die CC von den neuen italienischen Rassengesetzen und verweist dabei auf ihre Artikel aus 1890, die das faschistische Regime für seine Rassengesetze als Rechtfertigung benütze. Enrico Rosa spricht sich hier – bei gleichzeitig massiven Angriffen gegen Juden – vehement dafür aus, dass die katholische und die faschistische Sicht in der jüdischen Frage klar voneinander zu trennen seien (11, S. 380 f, 7, S. 154).

Enrico Rosa, 1. 10. 1938: „… Sicher ist, dass der Liberalismus, wie vom Judaismus und den Freimaurern entstellt und protegiert, sich selbst bestrafen wird, mit den gleichen tristen Auswirkungen… Und darüber können wir das sagen, was über Letzteres unser Kollege 1890 schrieb, gut vorausahnend was sich dann zu entwickeln begann und dem wir aufs Lebhafteste in der letzten Zeit begegnen können: Er (Anm.: „der Jude“) hört schon von Ferne das Gewitter jener gesellschaftlichen Revolution rumoren, die er zum Großteil ausgelöst hat und es scheint, er müsse sich selbst auslöschen und die Renegaten, die mit ihm im Bund sind… Die Worte sind hart, aber härter ist der Ausgang, der sie bis jetzt ankündigte und in der Gegenwart schon in verschiedenen Ländern bewahrheitet sieht, während man in anderen leider schon darangeht, sie zu verwirklichen.“ (10, eigene Übersetzung)

Italienische Faschisten und deutsche Nationalsozialisten stützten sich zur eigenen Rechtfertigung immer wieder auch auf Aussagen der CC. Dies wurde von den Autoren der Zeitschrift öfters ablehnend diskutiert, da man Wert darauf lege, „nicht für Rassismus missbraucht“ zu werden. Rassisch biologische Gründe würde die CC in ihrem Kampf gegen Juden vermeiden, sie wolle „nur“ die Gesellschaft vor einem „verdorbenen und gefährlichen Volk“ schützen.

Wenige Tage nach dem Erlass der Rassengesetze in Italien heißt es in der CC (Pater Rosa), der Kampf müsse “als ein Kampf verstanden werden, der allein in der Notwendigkeit der legitimen Verteidigung der Christenheit gegen eine in den Nationen, in denen sie lebt, fremde Nation und den geschworenen Feind ihres Wohlergehens begründet ist. Daraus folge die Notwendigkeit von Maßnahmen, die dieses Volk unschädlich machen.“ (11, S. 381).

Schlussbemerkung:

Die heute zugänglichen Quellen aus der Civiltà Cattolica zeigen, dass diese – im katholischen Umfeld sehr wichtige – Zeitschrift an der Entstehung des modernen Antisemitismus maßgeblich beteiligt war und an der Dämonisierung der jüdischen Bevölkerung starken Anteil hatte. Die auch heute noch als Rechtfertigung vorgebrachte Behauptung, es hätte sich bei den Artikeln der CC nicht um Antisemitismus, sondern „nur“ um Antijudaismus gehandelt, mag jeder Interessierte anhand der im Internet, oder als E-Books abrufbaren Ausgaben der CC selbst beurteilen; auf der italienischen Webseite von CathopediaL`Enciclopedia Cattolica – heißt es auch heute noch, Pater Enrico Rosa habe im Kampf gegen die Irrtümer des Modernismus, Liberalismus und Sozialismus die Wahrheit verteidigt (3).

Papst Franziskus rühmte in seiner eingangs zitierten Ansprache von 2013 auch das Expertentum der Jesuiten im Herausfinden der Wahrheit:

„… Der Jesuit ist ein Experte der Unterscheidung der Geister, auf dem Gebiet Gottes ebenso wie auf dem Gebiet des Teufels. Man darf keine Angst haben, die geistliche Unterscheidung fortzusetzen, um die Wahrheit zu finden…“ (1).

Nachbemerkung:

Im Jahr 2001 wurde „Die Judenfrage in Europa“, zitiert aus der CC 1890, vom Pro Fide Catholica Verlag (Anton A. Schmid) erneut publiziert, die Artikel liegen in deutscher Übersetzung und im italienischen Originaltext vor (6).

Am 28. 2. 2002 widersprach der Jesuitenpater Giovanni Sale S.I. im Corriere della Sera einem kritischen Artikel des Historikers David Kertzer und behauptete, dass die Jesuiten nie Antisemiten gewesen seien, sie hätten nur „die These eines jüdisch-freimaurerisch-bolschewistischen Komplotts gegen die christliche Gesellschaft unterstützt“, Schuld am modernen Antisemitismus träfe die Kirche nicht (13).

 

Literatur:

1: Ansprache von Papst Benedikt XVI. an die Teilnehmer der 35. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu, 21. Februar 2008; in O.R. dt., Nr. 10, 7.3.2013, S. 6.

2: La Civiltà Cattolica, 1890, Google Books

(Della questione giudaica in Europa, I-VII, serie XIV, vol. 7, fasc. 961, 23 ottobre 1890 (Ursachen), I-X, serie XIV, vol. 8, fasc. 970, 4 novembre 1890 (Wirkungen), I-VII, serie XIV, vol. VIII, fasc. 972, 9 dicembre 1890, anno quarantesimo primo, (Abhilfen). Die gesammelte Ausgabe der Artikel in Ursachen, Wirkungen, Abhilfen erfolgte in den Folgejahren.

3: Der Stürmer, Sondernummer 1, Nürnberg, im Mai 1934, 12. Jahr.

4: La Civiltà Cattolica, 1937: La questione giudaica e il Sionismo, in La Civiltà Cattolica, Bd. II, quad. 2087, 28. Mai 1937, S. 418-431; La questione giudaica e le conversioni, Bd. II, quad. 2088, 11. Juni 1937, S. 497-510; La questione giudaica e l‘apostolato càttolico, Bd. III, quad. 2089, 23. Juni 1937, S. 27-39, in: Passelecq/Suchecky, Die unterschlagene Enzyklika, München, Wien, 1997, Fußnote 54, S. 308).

5: Anton Grabner Haider, Hitlers mythische Religion, Theologische Denklinien und NS-Ideologie, Anhang S. 241-253: „Über die Judenfrage in Europa“, Die Abhilfen, La Civiltà Cattolica, Rom 1890, S. 641-655 (in dt. Übersetzung), Böhlau Verlag, 2007.

6: Johannes Rothkranz, Die jüdische Frage in Europa, Eine Artikelserie aus der römischen Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“ aus dem Jahre 1890, Pro Fide Catholica Verlag (Anton A. Schmid), 2001. (Deutscher und italienischer Text)

7: G. Passelecq/B. Suchecky, Die unterschlagene Enzyklika, Der Vatikan und die Judenverfolgung, Kap.: Die Civiltà Cattolica, die Juden und der Antisemitismus S. 147-160, (aus dem Französischen F. M. Sedlaczek), Carl Hanser Verlag, München, Wien 1997.

8: Anton Grabner Haider, Hitlers Theologie des Todes, topos 682, 2009.

9: Enrico Rosa, Die Weltrevolution und die Juden in: La Civiltà Cattolica, Roma, 12 ottobre 1922, LXXIII, vol. IV, quad. 1736, pp. 111-121, La rivoluzione mondiale e gli ebrei. http://www.cdec.it/dsca/vaticano/CC1736.html

10: Enrico Rosa, Die jüdische Frage in: La Civiltà Cattolica, Roma, anno 89 – Vol. IV, 1 ottobre 1938, quad. 2119, La questione giudaica. http://www.cdec.it/dsca/vaticano/CC2119.htm

11: David I. Kertzer, Die Päpste gegen die Juden, Der Vatikan und die Entstehung des modernen Antisemitismus, s. Kap.: Die katholische Presse, S. 179 – 203, Jüdische Vampire, S. 204 – 223, Auf der Schwelle zum Holocaust, S. 350 – 349, dt. Klaus-Dieter Schmidt, List Verlag 2004, München. (Originalausgabe: The Popes agaist the Jews, 2001, New York, Alfred A. Knopf).

12: Der Stürmer, Julius Streicher, Nürnberg, Nr. 15, 1936, 14. Jahr.

13: „Corriere della Sera“ del 28 febbraio 2002, Altro che „leggenda nera“, i gesuiti non furono mai antisemiti di P. Giovanni Sale S.I.

14: „Corriere della Sera“ del 26 febbraio 2002, La Chiesa e la trappola del “sano antisemitismo” di David I. Kertzer.

15: http://it.cathopedia.org/wiki/Enrico_Rosa

16: Six Million Crucifixions, How Christian Teachings About Jews Paved the Road to the Holocaust, Gabriel Wilensky, Quenty Publishers, San Diego, U.S.A., 2010, S. 271-274.

17: Wiley Feinstein, The Civilization of the Holocaust in Italy, Associate University Presses, NY, 2003, S. 143.

 

Dr. Anneliese Pongratz, Osterwitz, Österreich




„ISLAMISIERUNG“ II


islam-1484535_1280Im ersten Teil wurde abgehandelt, inwieweit für eine Islamisierung im klassischen Sinne überhaupt Erfolgsaussichten bestehen (siehe „ISLAMISIERUNG“ I, Bild: bykst, pixabay). Es zeigte sich, dass die Chancen dafür außerordentlich gering sind.

In diesem zweiten Teil folgt nun eine Zusammenstellung, was gemeinhin (entfernt von der klassischen Definition) ebenfalls unter „Islamisierung“ verstanden wird.

 

ISLAMISIERUNG über die Aneignung bestehender kirchlicher Privilegien

In vielen Bundesländern streben moslemische Vereinigungen danach, als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt zu werden und nicht selten erfüllen sie auch die Voraussetzungen, die der Gesetzgeber definiert hat. Sie erringen damit eine Gleichstellung mit den christlichen Kirchen und einigen Sekten. Die Folgen sind absehbar und die ersten Schritte sind bereits getätigt worden. Herausragend sind dabei wohl die Einrichtung islamisch-theologischer Lehrstühle und die Ausbreitung von islamischem Religionsunterricht an den Schulen. Die Segregation innerhalb der Schulen wird damit auf eine neue, höhere Stufe getrieben – und alles das finanziert aus allgemeinen Steuermitteln. Fundamental-christliche Rechtspopulisten behaupten an dieser Stelle nun gern, eine Gleichbehandlung der Moslems mit Christen sei nicht erforderlich (oder verbiete sich gar), da es sich beim Islam nicht um eine Religion, sondern um eine politische Ideologie handele, die sich nur das Mäntelchen einer Religion umgelegt habe. Dieses Argument verkennt aber, dass auch die Kirchen (vor allem die RKK) eigene Rechtssysteme haben, die sie nicht nur in der Vergangenheit, sondern bis auf den heutigen Tag der Politik und der Gesellschaft aufdrücken. Aus Gründen der rechtlichen Gleichbehandlung kann dem Islam nicht verboten werden, dieselben Begehrlichkeiten zu entwickeln. Es bleibt wohl also einstweilen bei der staatlich finanzierten religiösen Indoktrination von Kindern.

Die nächsten Schritte sind bereits in Vorbereitung oder Planung: Übernahme von Trägerschaften von Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern sowie die Gründung von karitativen Organisationen vergleichbar der Diakonie oder der Caritas.

Die beiden Quasi-Staatskirchen fördern solche Bestrebungen mit großem Eifer und der Staat hat aufgrund der Rechtslage (selbst wenn er anderes im Sinn hätte, was nicht der Fall ist) keine Möglichkeiten, dies zu unterbinden. Ebenso stellt sich die Lage dar, wenn es um den Einzug von Imamen in Fernsehräte oder „Ethik“kommissionen geht. Es wird nicht aufzuhalten sein, wenn nicht endlich das Problem an der Wurzel gepackt wird. Die Trennung von Staat und Religion rückt mit solchen Erweiterungen religiösen Einflusses in immer weitere Ferne. Die Säkularisierung (von Laisierung ganz zu schweigen) hinkt nicht nur, sie geht inzwischen an Krücken. Die einzige Abhilfe hat Uwe Lehnert in aller Klarheit und Deutlichkeit zusammengestellt, weshalb ich an dieser Stelle darauf verweisen kann „Trennung von Staat und Religion“ http://www.wissenbloggt.de/?p=16244.

Man darf festhalten, dass die genannten Punkte kein Spezifikum des Islams darstellen (was den Begriff der „Islamisierung“ rechtfertigten könnte), sondern dem allgemeinen Trend zur immer stärker werdenden Religionisierung unserer Gesellschaft folgen. Dabei spielt es auch keine entscheidende Rolle, im Namen welchen Gottes nun gerade der Gesellschaft Regeln aufoktroyiert werden sollen. Den meisten ist ja nicht einmal bewusst, mit welcher Intensität der Krake Religion sich in das tägliche Leben frisst. Ein „schönes“ Beispiel findet sich hier: http://www.wissenbloggt.de/?p=27001. Beim nächsten Mal werden es dann wohl auch Qur’ane sein.

 

ISLAMISIERUNG in Ballungsräumen (Ghettobildung, Parallelgesellschaft)

Ich zitiere ein typisches Fundstück (sprachlich belassen) aus einem rechtspopulistischen Blog, aus dem das Unbehagen hervorgeht, um das es in diesem Punkt unter anderem geht: „Islamisierung bedeutet für mich, eine Stunde lang durch Hamborn/ Marxloh/ Obermarxloh/Hochfeld zu gehen und 3-5 deutschstämmige Bürger zu begegnen. Dieses Erlebnis ist nicht auf einen bestimmten Tag und/oder eine gewisse Uhrzeit reduziert, das ist reproduzierbar wiederholbar!“

Ein solches „Urteil“ bleibt natürlich völlig an der Oberfläche hängen und beschreibt allenfalls ein dumpfes Gefühl angesichts fremdartiger Gesichtszüge oder Bekleidungen. Es ist schlicht ausländerfeindlich und geht daher gar nicht auf die wirkliche Problematik ein, die sich in solchen Ballungsräumen entwickelt hat.

Doch was spielt sich nun tatsächlich in solchen Ghettos wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ab? Wären es nur die Gesichter und die Kopftücher, würde ein Humanist wohl nicht sehr viele Worte darüber verlieren. Doch wie bereits Buschkowsky, der inzwischen zurückgetretene Bürgermeister von Neukölln feststellte, gerät hier unser Rechtsstaat aus den Fugen. Das staatliche Gewaltmonopol ist zumindest teilweise außer Kraft gesetzt, wenn sich die Polizei nur noch zur Aufklärung von Schwerstkriminalität in diese Gebiete wagt, bei Alltagsdelikten aber die Ahndung „islamischen Schiedsgerichten“ überlässt, da der Aufwand viel zu groß wäre und sie außerdem regelmäßig vor eine Schweigewand stößt.

Zu Buschkowskys Erstaunen zeigt sich in solchen Ghettos gleichzeitig eine zunehmende Hinwendung zum islamischen Glauben bis hin zur Radikalisierung. Offensichtlich kennt er sich nicht mit Diaspora-Situationen aus, in denen der Gruppendruck mit zunehmender Abschottung zunimmt. Das ist weitestgehend erforscht anhand zum Beispiel der Amish-People in Pennsylvania oder der Mennoniten in Nord-Mexiko, die archaischen Versionen ihres Glaubens anhängen und wenig Neigung zur Anpassung an ihr sonstiges Umfeld zeigen. An diesen Realitäten werden wohl auch alle gutgemeinten Versuche mit Hilfe der Sozialpädagogik scheitern.

Was aber ist zu tun um dieser unerfreulichen Situation Herr zu werden? Den Bulldozer anrücken zu lassen und die „Insassen“ des Ghettos anderweitig „verstreut“ anzusiedeln, dürfte kaum zu unserem Rechtsverständnis passen. Also Aussitzen in der Hoffnung, dass sich das Problem von allein erledigt wie man es zum Beispiel in Little Italy (New York) oder Chinatown (San Francisco) beobachten lässt? Ein zwischen beiden Extremen liegendes Allheilmittel ist offensichtlich noch nicht zur Hand. Es muss aber erarbeitet werden.

In jedem Fall trifft hier der Begriff der Islamisierung lokal begrenzt durchaus zu.

 

ISLAMISIERUNG über Forderungen an die Aufnahmegesellschaft

Googelt man den Satz „Mazyek fordert“, so erhält man auf Anhieb 30.200 Ergebnisse. Nicht zuletzt deshalb wird der Vorsitzende des ZMD (Zentralrat der Moslems in Deutschland), der einen syrischen Migrationshintergrund hat, von vielen als „Forderasiate“ bezeichnet. Er ist natürlich Deutscher – aber das muss ich hier wohl kaum erklären.

Angesichts der Fülle der Forderungen, die Mazyek und seine Funktionärskollegen beständig an die Mehrheitsgesellschaft stellen, kann ich hier nur einige typische Beispiele herausgreifen.

Die Einführung von islamischen Feiertagen (im Tausch gegen christliche Feiertage?) ist dabei ein vordringliches Ziel, das die Anerkennung dieser Religion in der Öffentlichkeit deutlicher machen soll. Für Humanisten geht es dabei um eine generelle Fragestellung. Inwieweit sollte ein Staat überhaupt religiöse Feiertage als staatliche Feiertage anerkennen, und diese auch noch z.T. als „stille“ Feiertage deklarieren, damit eine Minderheit nicht durch das Verhalten einer Mehrheit in ihren religiösen „Gefühlen“ beeinträchtigt wird? Das ist unsinnig und gehört eh eingegrenzt. Mit Ausnahme des heidnischen Weihnacht- und Hasenfests sollte eine sukzessive Abschaffung solcher Tage erfolgen. Sie gehören dem allgemeinen Urlaubsanspruch hinzugerechnet, wobei die Inanspruchnahme dem Katholiken am Karfreitag oder dem Moslem an Aïd al-kebir freisteht. Dem Humanisten dann aber bitte gleichberechtigt am Welthumanistentag oder einem einzurichtenden Darwintag. Dann hat es jeder in der Hand, was unserer individualistischen Lebensauffassung natürlich am nächsten kommt.

Die Berücksichtigung islamischer Speisevorschriften in Kantinen wird bereits eifrig propagiert und lokal durchaus mit Erfolg umgesetzt. Und wie steht es dann mit jüdischen oder vegetarisch/veganen Vorgaben bei der Essenswahl? Die meisten zumindest der kleineren Kantinen dürften mit der Fülle solcher Forderungen recht schnell an ihre Belastungsgrenzen kommen.

Rücksichtnahmen während des Ramadan, Nichtteilnahme von Mädchen am Sportunterricht, Einführung von Badezeiten in öffentlichen Schwimmbädern für muslimische Frauen und vieles andere mehr steht in den Katalogen.

Insgesamt muss sich eine freie Gesellschaft irgendwann entscheiden, wie viel Toleranz sie solchen Wünschen gegenüber aufzubringen bereit ist. Letztlich würde ein unbegrenztes Eingehen auf die Forderungen eine selbst herbeigeführte Islamisierung der Gesellschaft bedeuten.

 

ISLAMISIERUNG durch den Bau von Gotteshäusern

Dieser Punkt wird offenbar nur von Extremisten in der Rubrik „Islamisierung“ geführt. Eine Gesellschaft, in der ganz selbstverständlich ein jeder das Recht hat, eine Religion seiner Wahl auszuüben, kann und darf den Bau von religiösen Kultstätten nicht verbieten. In diese Rubrik fällt auch das unsägliche generelle Minarettverbot in der Schweiz.

Eine ganz andere Frage ist dabei, dass sicherlich die jeweils  geltenden baurechtlichen Vorschriften eingehalten werden müssen. Eine Moschee mitten in einer historischen Altstadt verbietet sich bereits aus diesem Grunde. Ebenso gilt es (ähnlich wie beim Läuten von Kirchenglocken) darauf zu achten, dass der Lärmschutz zumindest angenähert gewahrt bleibt. So wäre in jedem Fall ein Muezzinruf morgens um 5 Uhr inakzeptabel.

Allerdings hat sich das Bild unserer Städte in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Es spricht also nichts dagegen, wenn in diesen neuen Gebieten die eine oder andere Moschee entsteht.

Dieser Punkt kann also in unserem Zusammenhang ersatzlos gestrichen werden. Er kennzeichnet keine Islamisierung.

 

ISLAMISIERUNG durch Einschüchterung

Nicht erst nach den Morden an den Charlie Hebdo Redakteuren stellt sich die Frage, welcher tiefere Sinn solchen Anschlägen zuzumessen ist. „Bestrafung“ oder Rache wegen angeblicher Beleidigung des Propheten kann es ja allein nicht sein. Außerdem böte das keine Erklärung für die Twin Towers oder Madrid und London, wo jeweils wahllos gemordet wurde.

Man will sich ganz offensichtlich „Respekt“ verschaffen. „Seht her, ihr dekadenten Westler, akzeptiert unsere andere Art zu leben und zu denken, sonst werden wir euch immer und immer wieder bestrafen“. Es sind also ganz offensichtlich Machtdemonstrationen, um Leute einzuschüchtern. Das Signal richtet sich aber auch an die eigenen (viel zu laschen) Glaubensbrüder. Doch scheint diese Botschaft nur in geringem Umfang zu wirken. Die erwünschte Radikalisierung nimmt nur am ohnehin schon vorhandenen extremen Rand zu, die große Mehrheit der Moslems wendet sich mit Schaudern ab. Mit Einschüchterung eine Islamisierung erreichen zu wollen gehört daher wohl eher in die Kategorie von 1001 Nacht.

 

Frank Berghaus

(Dieser Artikel wurde zuerst am 14.2.15 publiziert)

Link zu Islamisierung-Artikeln




„ISLAMISIERUNG“ I


islamisierung_nein_dan7tydSpätestens seit dem Aufkommen von AfD und Pegida (Alternative für Deutschland und Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) wird die angebliche Islamisierung Deutschlands (worauf ich mich hier beschränken möchte) ausgesprochen kontrovers diskutiert. Es lohnt sich also, einmal einen unvoreingenommenen Blick darauf zu werfen, was sich hinter der Begrifflichkeit verbirgt und was von verschiedenen Seiten darunter verstanden wird.

 

ISLAMISIERUNG in der historischen Betrachtung

Klassisch betrachtet versteht man unter Islamisierung die Übernahme des Islams als Staatsreligion und die Anpassung der allgemeinen Gesetze im Zivil- und Strafrecht an die Vorschriften soweit sie in der Shari’ah niedergelegt (nicht kodifiziert) sind. Dies ist in der frühen Ausdehnungsphase des Islams in den ersten Jahrhunderten seines Bestehens in einer ganzen Reihe von Ländern eingetreten – in einigen (wie Spanien) auch wieder rückgängig gemacht worden.

Viele Rechtspopulisten sind nun der Meinung, dass diese Form von Islamisierung auch zwangsläufig in Deutschland eintreten werde, da ja die Moslems in Bälde die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen würden. In ihren einschlägigen Blogs liest sich das dann so: „Sobald Moslems in der Mehrheit sind, haben sie nichts anderes im Sinn, als die Shari’ah als grundlegendes Gesetz einzuführen“. Das Mittel zum Erreichen dieser Mehrheit seien der „Geburten-Jihad“ und eine zügellose Einwanderung von Moslems. In der Folge dürften die Anhänger der anderen „Buchreligionen“ nur noch ein Dasein als „Dhimmis“ fristen mit stark eingeschränkten Bürgerrechten. Was mit den echten Ungläubigen zu geschehen habe könne man sich vorstellen, wenn man sich die Aussagen des Qur’ans zum Apostatentum anschaue.

Betrachtet man allerdings die Fakten so sieht man leicht, dass diese Befürchtung gänzlich unbegründet ist – und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht. Rund gerechnet haben wir in Deutschland einen Moslemanteil von ca. 5% an der Gesamtbevölkerung – überwiegend mit türkischem Migrationshintergrund. Der Wanderungssaldo ist seit Jahren negativ, d.h. es wandern mehr Türken ab als neue hereinkommen. Die Geburtenrate deutsch-türkischer Frauen gleicht sich beständig an die der deutschen an und liegt nach neuesten Erhebungen nur noch bei 1.7 gegenüber 1.3. Ein (selbst relatives) Anwachsen ist also aus diesem  Teil der Bevölkerung nur in homöopathischen Dosen zu erwarten. Bleibt die Zuwanderung: Nach den Zahlen des BAMF kommt der weit überwiegende Teil der Zuwanderer aus ost- und südeuropäischen Ländern (über 77%), die zumeist orthodoxe oder katholische Christen sind. Es böte sich hier sogar an, von einer christlich geprägten Ostisierung oder Südisierung zu reden (man verzeihe mir die Neologismen). Einwanderer aus Afrika – soweit sie aus dem Bereich der Subsahara kommen – sind ebenfalls überwiegend christlich geprägt. Bleibt also ein Rest von Nordafrikanern, die in Europa versuchen, ihre Lebensumstände zu verbessern. Das sind Moslems, über deren Ansichten aber im Einzelnen noch nicht viel erhoben werden konnte (alles konzentriert sich im Wesentlichen auf die türkische Gemeinde). Gänzlich außen vor lassen muss man wohl die aus den Kriegsgebieten wie Syrien und Irak stammenden echten Asylsuchenden, die einen rechtlichen Anspruch auf Schutz und Sicherheit haben. Wie viele von ihnen nach Beendigung der Feindseligkeiten tatsächlich im Lande verbleiben werden ist noch unklar und darf unsere Überlegungen nicht beeinflussen.

Es steht also außer Frage, dass es eine solche „klassische“ Islamisierung nicht, oder jedenfalls nicht in überschaubaren Zeiträumen geben wird. Doch gehen wir einmal als Hypothese davon aus, dass irgendwann Moslems tatsächlich eine Mehrheit in Deutschland hätten. Wäre die Einführung von Islam als Staatsreligion und Etablierung der Shari’ah als Rechtssystem wirklich die unabwendbare Folge? Schon ergäbe sich die Frage, welche Version des Islams denn dann wohl eingeführt würde. Die bei uns lebenden türkischstämmigen Moslems hängen in knapper Mehrheit der Hanafiyyah an, Aleviten (immerhin 800.000 in Deutschland) haben der Shari’ah endgültig abgeschworen und setzen sich für eine Trennung von Staat und Religion ein wie wir Humanisten auch. Kurden wiederum (bei uns statistisch immer den Türken zugerechnet!) können mit beidem nichts anfangen und die Nordafrikaner ebenso. Ähnlich wie die Aleviten argumentieren auch die noch kleinen aber beständig wachsenden Gemeinden der liberalen Muslime. Es bliebe also der „harte Kern“ der von den orthodoxen muslimischen Verbänden Repräsentierten (ca. 10-15% der Moslems in D., aber sehr lautstark). Wie soll da EIN Islam als Staatsreligion überhaupt möglich sein? Das gibt es aus den genannten Gründen auch in anderen zu über 90% moslemischen Ländern nicht, wie der Irak mit dem Nebeneinander von Sunna und Shia eindrücklich zeigt. Doch selbst wenn ein homogener Islam beherrschend ist wie zum Beispiel in Tunesien (mit stark sufistischen Einschlägen), so heißt dies noch lange nicht, dass nun archaisch-religiöses Recht (wie etwa in Saudi Arabien) etabliert werden könnte. Die nach den ersten freien Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung dominierende Ennahdha hat es in Teilen versucht, zumindest Elemente der Shari’ah in der Verfassung unterzubringen. Sie sind weitestgehend gescheitert. Ein Beispiel: Ennahdha schlug vor, die Formulierung „Die Frau ist die Gefährtin des Mannes“ verbindlich zu machen und damit die bereits vor langer Zeit erkämpften Frauenrechte quasi auszuhebeln. Am nächsten Tag lernten sie dann die geballte Frauen-Power kennen, als sich ein riesiger Demonstrationszug von Frauen (und Männern) über die Ave. Habib Bourguiba zog um lauthals gegen diesen Affront zu protestieren. Der Vorschlag blieb daher kläglich stecken und markierte eine der größeren Niederlagen dieser extremistischen Partei.

Nun ist Tunesien zugegenermaßen ein absoluter Sonderfall, der aufgrund einer breiten in den letzten Jahrzehnten gewachsenen Bildungs- und Mittelschicht nicht so ohne weiteres mit anderen Ländern der Region verglichen werden darf. Aber immerhin zeigt Tunesien als „Leuchtturm“ an, wohin auch die Fahrt anderer Länder eines Tages gehen könnte. Die Ansätze dazu gab es bereits selbst im Nachbarland Libyen, wo allerdings die demokratischen Versuche von marodierenden Islamisten-Banden zusammenkartätscht wurden mit dem Erfolg, dass wir es hier im Moment mit einem „failed state“ zu tun haben. Sehr viel besser sieht es derzeit in Algerien aus, unserem westlichen Nachbarn. Seit dort die Religionsfreiheit eingeführt wurde (und Autonomie für die Rif-Kabylen) geht es beständig voran. Man zählt immerhin über 100.000 Konvertierungen zum Christentum. Man kann nur hoffen, dass nach dem absehbaren Abgang des greisen Präsidenten Bouteflika dieser Prozess fortgesetzt werden kann und nicht etwa die Terrororganisation Al Qaida du Maghreb Islamique Oberwasser bekommt. Auch in Marokko stehen die Zeichen nicht schlecht. Der junge König, dem aufgrund seiner Ausbildung in England eine konstitutionelle Monarchie vorschwebt, arbeitet beständig daran, dem konservativen Klerus winzige Zugeständnisse abzuringen. Er war extra drei Tage in Tunesien zu Besuch um sich vor Ort zu informieren, was da alles so machbar ist.

Wer nun sagt, dass noch nichts gewonnen sei, dem muss man natürlich Recht geben – alles steht noch auf sehr wackeligen Beinen. Aber immerhin ist ein Anfang gemacht und mit einigem gesunden Optimismus kann man sich eine bessere Zukunft auch für die islamischen moderaten Staaten durchaus vorstellen. Gestützt werden solche Bemühungen durch eine ganze Reibe arabischer und islamischer Philosophen und Denker, die in letzter Zeit vermehrt in diese Richtung publizieren und auch gelesen werden. Selbst von der konservativen Universität Al-Azhar kommen schon gelegentlich moderate Töne, auf die sich auch der Islam-Reformer Mouhanad Khorchide in Deutschland beruft. Es ist nicht ausgeschlossen, dass diese Bewegungen auch in Europa einen immer größeren Einfluss bekommen werden. Je mehr die fundamentalischen Versionen (wie sie sich in Saudi-Arabien oder im Islamischen Staat präsentieren) ins Blickfeld auch der (entsetzten) muslimischen Öffentlichkeit geraten, umso besser stehen die Chancen auf eine Zunahme der gemäßigten (oder weichgespülten) Varianten des Islams auch in Deutschland.

Sollte ich Unrecht haben und alles kollabiert eines Tages in Richtung Fundamentalismus, dann könnte mein Optimismus sich natürlich wie eine Fatwa Morgana in der heißen Wüstensonne erweisen.

 

Frank Berghaus

(Dieser Artikel wurde zuerst am 3.2.15 publiziert. Er stellt den Stand von 2015 dar. Diesem ersten Teil des Kapitels Islamisierung folgt morgen, 1.10., ein zweiter, in dem Frank Berghaus sich mit den anderen Facetten des Begriffs der „schleichenden Islamisierung“ beschäftigt. Zusätzlich folgt ein weiterer Islamisierungs-Artikel von Wilfried Müller, in dem die aktuellen Zahlen vorgerechnet und extrapoliert werden, und der im Ergebnis eine andere Einschätzung abliefert.)

Link zu Islamisierung-Artikeln

 




Salafisten vs. Sufisten


Solidaritaetskundgebung fuer Aegypten und TunesienIch stelle diesen Artikel aus 2012 noch einmal ein, da er nichts an Aktualität verloren hat, aber einigen die Augen öffnen könnte, die meinen, "der" Islam sei so etwas wie ein monolithischer Block.

Eine unscheinbare Gasse irgendwo im Zentrum von Tunis, eine große hölzerne Tür, die nichts Besonderes zu versprechen scheint: wir treten ein und befinden uns in dem, was man hier ein Mausoleum nennt. Im Vorraum verkaufen zwei Frauen Devotionalien und allerlei Heilmittel, sie sind freundlich und liebenswert. Sie fragen meine Frau, wie lange sie sich denn schon ein Kind wünsche und ob ich der Ehemann sei (angesichts des erkennbaren Altersunterschieds eine berechtigte Frage). Im Mausoleum selbst, der Grabstätte einer als „heilig“ verehrten Frau, die zu Lebzeiten werdenden Müttern (oder solchen, die es werden wollten) sehr geholfen haben soll, riecht es nach Weihrauch und einigen anderen für mich unidentifizierbaren Düften. Es ist kühl und still. Hier kann man – in der Nähe der „spirituellen Mutter“ – sein Gebet verrichten und Gott seine Wünsche darlegen. Anders als im Katholizismus wird dabei nicht die „Heilige“ angebetet, sondern es geht direkt zu Gott, aber in unmittelbarer Nachbarschaft der Verstorbenen.

Als wir – herzlich verabschiedet von den beiden Frauen – wieder ins Freie treten, muss wohl ein Schmunzeln auf meinem Gesicht liegen, das von meiner Frau etwas unwillig quittiert wird. Sie wusste ja vorher, dass ich die Geschichte nicht ernst nehmen würde, wollte deshalb diese Stätte auch ursprünglich allein aufsuchen und war nur meiner von Neugier getriebenen Bitte gefolgt, doch mitgehen zu dürfen.

Von diesen Mausoleen gibt es Tausende in Tunesien. Sie bilden das Rückgrat dessen, was man Sufismus nennt. Hier wird ein volkstümlicher Islam gelebt, der weit entfernt ist von den Schriften wie Qur’an oder den Ahadith. Für den Außenstehenden ist dies alles purer Aberglauben, vergleichbar mit Stätten wie Lourdes oder Fatima. Die große Mehrheit der Moslems in Tunesien kann man wohl zu Recht dem Sufismus zurechnen. Sufismus missioniert zwar, aber diese Mission artet nicht in Jihad aus wie bei den strenggläubigen Sunniten. Für diese ist der Sufismus ein wahrer Horror, weil er sich so weit den Büchern entfernt hat – für Salafisten ist Sufismus die reinste Häresie.

Vor diesem Hintergrund – neben den vielfältigen politischen Aspekten – darf man die derzeitigen  unfriedlichen Auseinandersetzungen in Tunesien betrachten. So schreibt etwa Detlef Urban (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/einewelt/2112324/): „Extremisten bekämpfen den liberalen Volksislam“. Diese Einschätzung trifft den Kern der Dinge und auch der Rest des Artikels ist lesenswert, besonders für alle diejenigen, die nicht sehen wollen, wie viele unterschiedliche Strömungen und Schulen es in diesem angeblich so monolithischen Block „Islam“ gibt. Urban weiter:

Der Sufismus verbreitete sich in Tunesien und im Maghreb ab dem 12. Jahrhundert. Es ist der religiös-kulturelle Humus, auf dem sich ein liberaler Volksislam in Tunesien bilden konnte. Scheich Ibrahim Riahi, ein Nachkomme des hier verehrten Sidi Ibrahim, war bis zu seiner Pensionierung Geschäftsführer einer großen Geschäftsbank. Er hat wie viele Sufisten ein asketisches Aussehen, ist fromm, doch äußerst weltgewandt.

"Der Sufismus in Tunesien ist ein guter Gegenpol zum religiösen Extremismus. Ganz allgemein gibt es gegenwärtig eine Tendenz in der islamischen Welt zur Intoleranz und zum religiösen Extremismus. Der Sufismus aber ist von seinem Wesen her Nächstenliebe, wie auch Liebe zu Gott und zu den Propheten."

Die Sufi-Bruderschaften waren stets auch soziale Anlaufpunkte und Schiedsstellen, besonders im ländlichen Bereich. Sie organisierten Armenhilfe, waren ein Netzwerk, das sich aber nicht parteipolitisch organisierte. Trotzdem wurde den Bruderschaften die finanzielle Unterstützung in Zeiten der Diktatur entzogen.

Ich empfehle allen die Lektüre des gesamten Artikels (siehe den oben angegebenen Link).

PS aus der Rückschau: Dass sich bei meine Frau trotz ihrer absoluten Säkularität gleichsam automatisch durch Erziehung und Umfeld einige stereotypische Aberglaubensinhalte nicht verflüchtigt haben, berichtete ich ja bereits an anderer Stelle. Im Jahr des Besuchs bei der "Heiligen" tat sich noch nichts mit dem gewünschten Nachwuchs. Aber im Jahr 2012 besuchten wir Fatima in Portugal, was meine Frau sehr beeindruckt hat (Gläubige, die auf Knien in Richtung Madonna rutschten, der ganze Kerzenzinnober, uvam.). Kurz nach unserem Besuch dort wurde sie tatsächlich schwanger (das Ergebnis kann man gelegentlich in meiner Chronik besichtigen) und ist nicht richtig, aber irgendwie doch davon überzeugt, dass die Jungfrau geholfen habe :D Sie verdrängt dabei nur zu gerne, dass ihr neuer, junger, gerade aus den USA heimgekehrter Gynäkologe einen kleinen minimalinvasiven Eingriff bei ihr vornehm (Video habe ich), der ihrem Anliegen zum Durchbruch verhalf.




Meine Sterbegeschichte - von Olaf Sander


1. Teil: Der Suizid

Sander Mutter mit OlafDiese Sterbegeschichte ist die Geschichte des Suizids meiner Mutter Ingrid Sander aus Erfurt. Sie hat ihren Freitod selbst und selbstbestimmt, also weitestgehend nach ihren Vorstellungen, gestaltet. Ich habe ihr bei der Vorbereitung zum Suizid geholfen und sie dabei begleitet.

Der Suizid meiner Mutter war nichts, was sie gerne getan hat. Sie war nicht lebensmüde. Aber sie war leidensmüde. Die schweren Folgen einer Kinderlähmung (Poliomyelitis), haben sie beinahe ihr ganzes Leben lang begleitet. Genau so lange hat sie auch gegen diese Folgen des Post-Polio-Syndroms angekämpft. Nie hat sie den oft überbordenden Schmerzen und körperlichen Behinderungen mehr Raum gegeben als den, den sich die Krankheit nahm. Nie hat sie deshalb gejammert, nur selten hat sie darüber geklagt. Gleichwohl stand immer fest, dass die Polio am Ende meine Mutter besiegen würde.

Diesen Sieg der Polio, der für meine Mutter nicht nur sehr schmerzhaft und qualvoll geworden wäre, sondern ihr in der Folge auch die ihr so wichtige Selbstbestimmung genommen hätte, wollte meine Mutter nicht erleben. Für ihr Recht auf Selbstbestimmung, vor allem auch am Lebensende, hat sie viele Jahre gegen alle möglichen Widerstände gekämpft.

I Sander Mutterngrid Sander, meine Mutter geb. 15.07.1938, gest. 10.12.2016

Meine Mutter hat gewonnen. Auf ganzer Linie. Mich erfüllt das mit großem Stolz.

Die Sterbebegleitung bei meiner Mutter war nichts, was ich mir selber aussuchen konnte. Ich hatte nur die Wahl zwischen Ablehnung oder Hilfe. Ablehnung aber kam für mich nie in Frage. Weil man in meiner Welt in einer Familie zusammen hält und füreinander einsteht, egal wie mies oder schwierig die Umstände auch sein mögen. So hat mich meine Mutter erzogen. So will ich es leben.

Meine Sterbebegleitung bei meiner Mutter war nichts, worin ich auch nur im Entferntesten irgendeine Kompetenz besessen hätte, außer die, der Sohn zu sein, der seine Mutter beim Sterben nicht alleine lässt. Ich habe außer meinem Ersthelfer keinerlei medizinisches Wissen. Von Pharmakologie ahne ich nichts. Und auch juristisch bin ich ohne fremde Hilfe aufgeschmissen. Kurz gesagt lagen meine Kompetenzen bei der Sterbebegleitung meiner Mutter auf dem Niveau des “Händehaltens” und “für sie da sein”. Das ist sehr viel für einen Angehörigen. Nicht jeder kann das und man kann es auch nicht von jedem verlangen.

Unser Plan für das selbstbestimmte humane Sterben meiner Mutter war ein anderer. Denn nicht ich, sondern ein Arzt, also jemand mit den richtigen Kompetenzen, sollte meiner Mutter beim Suizid helfen. Dies hat der Gesetzgeber ab dem 10. Dezember 2015 mit einer Verschärfung des § 217 StGB verhindert. Stattdessen beschlossen die PolitikerInnen, ausgerechnet mir, dem Sohn, als einzigen Menschen auf diesem Planeten, diese äußerst verantwortungsvolle, weil existentielle Aufgabe straffrei zu übertragen. Das macht sehr einsam. Und unglaublich hilflos.


§ 217

Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung 

(1) Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht geschäftsmäßig handelt und entweder Angehöriger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht.

Quelle: dejure.org


Die Hilfe beim Sterben birgt viel Verantwortung. Die ist zu viel für einen Angehörigen. Sie ist zu viel Last, weil sie viel zu persönlich ist und man viel zu tief involviert wird. Professioneller Abstand ist nicht möglich. Und schon gar nicht, wenn man vom Sterben auf der gesamten Palette keine Ahnung hat.

Diese Erfahrung absoluter Hilflosigkeit gegenüber einer Aufgabe, die unmöglich auszuführen ist, wenn man kein Arzt oder Apotheker ist, kann ich nur schwer beschreiben. Dass der Freitod meiner Mutter dennoch glückte und ihr Sterben, wie von ihr gewünscht, würdevoll und human ablief, war einzig und allein meiner Mutter selbst geschuldet. Sie hat sich schon lange vorher mit hartnäckiger Ausdauer und einer ordentlichen Portion Chuzpe um diese Angelegenheit gekümmert. Andernfalls hätte ich ihr nicht helfen können. Mit allen Konsequenzen.

Mit Glück und durch Zufall wurde die ARD, genauer eine Redaktion des SWR, auf meine Mutter aufmerksam. Daraus entstand die Reportage ”Frau S. will sterben –  Wer hilft am Lebensende”, die im Oktober 2017 im Rahmen eines Themenabends zur Sterbehilfe ausgestrahlt wurde.

Ich lade Sie ein, sich eine halbe Stunde Zeit zu nehmen und sich diesen, wie ich finde, äußerst gelungenen Film anzuschauen. Außerdem können Sie hier meine Mutter, diese großartige, wunderbare, starke und selbstbewusste Frau, nochmal ein klein wenig kennenlernen.

Glauben Sie mir, es lohnt sich!

Frau S. will sterben – Wer hilft am Lebensende?“
Hier die Youtube-Fassung (ca. 30 Minuten):

https://www.youtube.com/watch?v=7oBohUs_9hs&feature=youtu.be&fbclid=IwAR3KX8Q-vqQ4CcwdPLUH8Vd3Q0I782QbZhQgXQgC6-HL0HBuJg4jUJoU6ts

Die letzten Bilder meiner Mutter im Film sind die, in denen wir uns in den Arm nehmen. Das war auch der Zeitpunkt, an dem die Dokumentarfilmer die Wohnung verließen. Weiter durften sie aus rechtlichen Gründen nicht gehen, wobei ich mir gewünscht hätte, dass sie geblieben wären. Aber nicht nur, um die Geschichte bis zum tatsächlichen Ende erzählt zu haben. Sondern auch, damit ich mit meiner Mutter nicht so furchtbar alleine gewesen wäre. Tatsächlich fühlte ich mich nämlich verlassen. Und irgendwie auch verkauft und ausgeliefert.

Nach der Einnahme der Substanzen begann sich der Körper meiner Mutter sichtbar zu entspannen. Ihre Augenlieder hingen tief, das Sprechen fiel ihr schwer. Das war ungefähr so, als wenn sie hundemüde und leicht beschwippst, aber nicht albern, von einem Fest gekommen wäre. Sie sah zufrieden aus.

Früher, als eine mögliche Freitodbegleitung meinerseits für mich nur eine theoretische Möglichkeit war, glaubte ich, dieser letzte Augenblick im Leben würde mit vielen Worten gefüllt sein. Ich nahm an, dass es immer etwas Unausgesprochenes gibt, was noch gesagt werden muss, dass man sich beeilen muss um es noch los zu werden. Aber so war es nicht. Das Wissen, dass sich meine Mutter nun bald frei und willig das Leben nehmen wird, hat uns im Vorfeld die Möglichkeit gegeben über so etwas zu sprechen. In langen Gesprächen. In guten Gesprächen. Wir nutzten die Chance unsere Beziehung aufzuräumen. Was blieb war Verständnis füreinander sowie Liebe, Achtung und Respekt vor dem Handeln des jeweils Anderen. Es gab nichts zu verzeihen und zu vergeben. Viel reden brauchten wir nicht mehr, alles war gesagt. Es war ein kurzer Augenblick tiefen, zwischenmenschlichen Vertrauens und großer Zufriedenheit.

Noch bevor sie ihr Bewusstsein verlor, nach meinem Gefühl auf der Mitte des Weges hin zur Bewusstlosigkeit, sagte sie mir:

So Olaf, Du gehst jetzt, damit Du keinen Ärger bekommst. Die meisten Leute sterben allein, dann kann ich das auch.

Wir haben uns dann noch mal ewig lange und viel zu kurz fest gedrückt. Dann bin ich gegangen.

Das musste ich tun. So war die Abmachung. Gehen, bevor sie ihr Bewusstsein verliert. Denn es gab zwei Prämissen zu ihrem Suizid: dass sie so human und friedlich sterben konnte wie nur möglich und dass derjenige, der ihr hilft, keine Probleme mit den Ermittlungsbehörden bekommt.

Jedes Mal, wenn ich das erzähle, sagen Leute zu mir, dass ich doch hätte bleiben können, weil ich als Angehöriger straffrei bliebe. Das habe ich auch gedacht, bis ich verschiedene Anwälte konsultierte. In der Zahl waren es fünf. Und genau so viele unterschiedliche Antworten bekam ich auf die gleiche Frage. Muss ich, wenn ich bleibe, erste Hilfe leisten oder zumindest Hilfe rufen? Ich weiß es bis heute nicht hundertprozentig. Genau deshalb bin ich gegangen. Und genau deshalb wurde meiner Mutter und mir ein wirklich wichtiger und einmaliger Moment im Leben genommen, um nicht zu sagen geraubt. Nämlich der, wirklich bis zum Schluss für sie dagewesen zu sein.

Ich nahm also meine Jacke und wollte die Wohnung verlassen, als mir meine Mutter das letzte Geschenk ihres Lebens machte. Sie schenkte mir ein Lachen und tat das mit ihren letzten Worten.

Lass bitte das Licht an, damit ich mich nicht im Dunkeln fürchte!

Das passte zu ihr, das war so typisch meine Mutter. Selbst in diesem auch für sie so schweren Moment im Leben verstand sie es noch, mir über ein unerwartetes Lachen ihr Sterben und mein Leben leichter zu machen. Gleichwohl mir vollkommen klar ist, dass dieser Abschied in der Realität ein Abschied für immer war, wirkt er des Lachens wegen bis heute nicht so auf mich.

2. Teil: Das Danach

Ich verließ die Wohnung, setzte mich in mein Auto und fuhr direkt in die nächste mir bekannte Spielothek. Ich hasse Spielotheken. Aber ich wollte zum Zeitpunkt des Todes meiner Mutter an einem anderen Ort sein und es beweisen können. So wollten wir die Unklarheit zur Pflicht zur ersten Hilfe umgehen. Knapp drei Stunden, zwölf ekelhafte Kaffees, ungezählte Zigaretten und 50 verlorene Euro später, fuhr ich zurück zu ihr nach Hause.

Ich parkte das Auto. Zu ihr reingehen konnte ich aber noch nicht. War die Zeit, die ich weg war, ausreichend? Was, wenn doch noch Leben in ihr ist? Was, wenn es Komplikationen gab, sie sich übergeben musste und niemand da war, um ihr wenigstens die Atemwege frei zu machen?

Ich konnte noch nicht zu ihr rein. Im Auto sitzen und warten konnte ich aber auch nicht. Zuviel Energie. Zu viel Ungewissheit. Zu viel Angst.

Laufen! Laufen hilft. Einfach losgehen, den Beinen den Takt überlassen, damit sich das Hirn kalibrieren und die Gedanken sortieren kann. Bewusst ein- und ausatmen, überlegen und konzentrieren auf das, was als nächstes kommt. Und keinesfalls anfangen zu trauern oder gar zu heulen. Also Kopf hoch, Bauch rein, Brust raus und unter allen Umständen die Würde bewahren.

Wieder am Haus angekommen ging ich rein. Ich öffnete die Tür und noch immer krakelte das alte CD-Radio in ihrer Küche die fröhliche Musik von Johann Strauß. Meine Mutter saß in ihrem Rollstuhl, das Kinn auf die Brust gelegt, die Hände in ihrem Schoß. Sie sah nicht aus wie tot. Sie sah aus, als ob sie schlief. Mein letztes inneres Bild von ihr ist schön.

Ich fühlte ihren Puls und hob dazu ihren Arm etwas in die Höhe. Der war unerwartet schwer und vollständig entspannt. Den Puls konnte ich nicht finden, Atemtätigkeit nicht feststellen. Auf der Haut ihrer Hände und Arme hatte sie Flecken, die, wie ich später erfuhr, deutlich die Vergiftung anzeigten.

Ich ließ alles unberührt und das CD-Radio in der Küche weiter die Musik von Strauß wiederholen, als ich die Wohnung zum zweiten Mal verließ. Dieses Mal aber hatte ich die Gewissheit, dass der erste Teil unserer Planes funktioniert hat. Meine Mutter ist friedlich gestorben. Sie hatte geschafft, was sie sich vorgenommen hatte. Und endlich keine Schmerzen mehr.

Jetzt musste ich nur noch die Polizei und den Staatsanwalt überstehen. Doch vor denen hatte ich am meisten Angst. Wieder fühlte ich mich verlassen, verkauft und ausgeliefert. Draußen, vor dem Haus, zündete ich mir eine Zigarette an und rief die Polizei. Ich hatte noch nicht aufgeraucht, als die Beamten kamen.

Der Rest ist schnell erzählt. Die Polizei war nicht begeistert, dass ich von Anfang an und gebetsmühlenartig nur immer wiederholt habe, dass ich von meinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch mache. Offenbar kennen sie ein solches Verhalten nicht so oft aus ihrem Arbeitsalltag. Dennoch haben die Beamten ihre Arbeit gemacht und mich, den Umständen entsprechend, gut und korrekt behandelt. Nur der Notarzt hat mich ein wenig irritiert, als er während oder nach der Leichenschau aus der Wohnung stürmte, sich vor mir aufbaute, an mir hoch schaute und mich anschrie,

“Was war da los! Die Frau ist keines natürlichen Todes gestorben! Jetzt erzählen Sie doch mal!”

Im Fernsehen macht sowas nur die Polizei. Notärzte sind immer lieb.

Die Beamten haben dann den Anwalt meiner Wahl für mich angerufen, der auch gleich kam und sich schützend vor mich stellte. Endlich, endlich war jemand da, der auf mich aufpasste. Und das war, wie sich noch herausstellen sollte, hochnotwendig.

Mit jeder Minute länger am “Tatort” wurde die Polizei entspannter. Die haben sicher recht schnell verstanden, was ungefähr passiert sein muss. Die Wohnung war voll mit Literatur, Zeitungsartikeln, Aphorismen und noch mehr Material über die Sterbehilfe. Auf dem Tisch lagen alle notwendigen Dokumente. Die Patientenverfügung, die Erklärung des Willens meiner Mutter und noch viel mehr. Unter anderem auch ein Blatt Papier mit verschiedenen Aphorismen und eine von ihr dazu geschriebene philosophische Weisheit, die deutlich auf ihren freien Willen hinweisen.

Sander Zettel

Zettel auf dem Tisch.

Ich musste dann natürlich mit aufs Revier zur erkennungsdienstlichen Behandlung, die auch für den Tatortabgleich von Bedeutung ist. Und da erlebte ich eine Situation, die ich nie für möglich gehalten hätte. Der Beamte, der bei mir die Fingerabdrücke, DNA usw. abnahm, musste auch alles in den Computer eingeben. Das ging soweit auch ganz gut, bis er an die Stelle im System kam, wo er den für den Fall entsprechenden Straftatbestand auswählen musste. In meinem Fall § 217 StGB.

Das Problem: Der § 217 StGB konnte nicht ausgewählt werden, weil er, auf den Tag genau ein Jahr nach Inkrafttreten des Paragraphen, noch nicht in das System der Polizei eingepflegt war. Peinlich berührter O-Ton des Beamten:

Ich wähle jetzt Paragraph 216 StGB, sonst komme ich hier nicht weiter.

Mir ging es durch Mark und Bein. Wieder fühlte ich mich verkauft und ausgeliefert, wusste ich doch um das durchaus hohe Strafmaß des § 216 StGB.


§ 216

Tötung auf Verlangen

(1) Ist jemand durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten zur Tötung bestimmt worden, so ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu erkennen.

(2) Der Versuch ist strafbar.

Quelle: dejure.org


Allerdings war ich dieses Mal nicht allein und mein Anwalt intervenierte sofort.

“Das ist nicht richtig!”.

Daraufhin wurde wohl irgendwo irgendwas vermerkt, aber daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Ich war zu sehr damit beschäftigt, das alles irgendwie einzuordnen.

Ob ich das alleine und ohne Anwalt auch geschafft hätte? Ich glaube nicht. Sicher ist, dass mich dann die Polizei da behalten hätte. Wenn dann noch ein faktisch falscher Paragraph im System die Wahrheit verändert, weil das System nicht an die Realität angepasst ist, dann kann es ganz schnell existenzgefährdend werden. Denn bis sich der Staatsanwalt die Akte genauer anschaut und (hoffentlich!) feststellt, dass dieser Straftatbestand offensichtlich falsch ist, kann etwas Zeit vergehen. So lange bleibt man dann auch bei denen sitzen, vor allem wenn man so wie ich, keine ladungsfähige Adresse in Deutschland hat. Da fragt man sich dann schon, wie viele Wochen Untersuchungshaft die kleine Existenz eines stinknormalen Angestellten aushält, bevor sie zerbröselt?

3. Teil: Das Heute

Das Verfahren läuft noch immer gegen Unbekannt. Ich habe den Status des Zeugen. Es wäre mir lieb, wenn das Verfahren endlich eingestellt würde, auch wenn ich nichts zu befürchten habe. Aber es geht auch ein wenig um den juristischen Abschluss. Andererseits wird mir das mehr und mehr egal.

Im März 2018 hatte ich das große Vergnügen, auf zwei Veranstaltungen des HVD zum Thema eingeladen worden zu sein. Einmal im wunderschönen Marburg und einmal in der Urania Berlin. Vielen Dank dafür an die OrganisatorInnen!

Das Video der Diskussionsveranstaltung in der Urania finden Sie hier.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und

seien Sie mir gegrüßt!

Olaf Sander, im April 2018

Link zum Originalartikel: http://sterbegeschichten.de/meine-sterbegeschichte/?fbclid=IwAR1gLYNKX9GAxc3P2ZpL84UhctQdTNRKSnjGEpks7r9HxBBix1Y8gg3_eL0




Gibt es Gott? - Warum sollte es?


GottWie an anderer Stelle  gezeigt wurde, enthält der christlich-monotheistische Gottesbegriff innere logische Widersprüche, die zur Folge haben, daß es einen so beschaffenen Gott nicht geben kann. Ein in geeigneter Weise veränderter Gott, bei dem diese Widersprüche nicht mehr auftreten, könnte zwar theoretisch existieren, ist aber, wie der vorliegende Aufsatz darlegen wird, alles andere als wahrscheinlich.

Im Folgenden werden in zwangloser Reihenfolge Betrachtungen angestellt, die auf die erwähnten Widersprüche nicht Bezug nehmen, dennoch aber Gottes Plausibilität untergraben. Außerdem werden einige Argumente entkräftet, die häufig zugunsten Gottes ins Treffen geführt werden.

Zur Unwiderlegbarkeit Gottes

Wenn Theisten mit Atheisten diskutieren, hört man von ersteren immer wieder das Argument, daß man Gott nicht widerlegen kann. Wenn man die erwähnten Widersprüche – die sich ja durch entsprechende Änderungen in seinen Eigenschaften auch vermeiden lassen – außer Acht läßt, dann stimmt das auch, denn ein solcherart bereinigter Gott ist tatsächlich nicht streng widerlegbar. Es könnte ihn also auch geben.

Denen, die so argumentieren, fällt üblicherweise jedoch selbst nicht auf, wie erbärmlich schwach ihr Argument ist. Nicht widerlegbar zu sein, ist nämlich überhaupt nichts Besonderes.

Zeus und Poseidon, Rübezahl und Schneewittchen, der Osterhase und der Weihnachtsmann sowie das Spaghetti-Monster sind alle nicht streng widerlegbar, was ihre Existenz aber nicht viel plausibler macht. Unwiderlegbare Phantasie-Objekte kann sich jeder mühelos in beliebiger Anzahl ausdenken.

Aus diesem Grund gilt die Regel, daß die Beweislast bei Existenz-Behauptungen grundsätzlich bei denjenigen liegt, die diese Behauptung aufstellen, und nicht bei jenen, die keinen Grund sehen, sie für wahr zu halten. Somit kann man die Gottes-Behauptung so lange ignorieren, bis plausible Gründe vorgebracht werden, warum es Gott geben sollte.

Damit ist der Atheismus aber kein "Glaube, daß es Gott nicht gibt", wie oft fälschlich behauptet wird, sondern die standardmäßige Null-Hypothese. Bis sich an der Argumentationslage zugunsten Gottes etwas ändert, gibt es also keinen Grund, seine Existenz zu vermuten oder in irgendeinem Zusammenhang zu berücksichtigen.

Gott ist aber nicht nur nicht widerlegbar, was, wie gesagt, eine banale Eigenschaft ist, sondern er ist auch nicht widerlegungsfähig – und das ist ein gravierender Fehler der Gottes-Idee.

Die ist nämlich so beschaffen, daß kein Ereignis oder Sachverhalt denkbar wäre, aus dem man, falls es Gott wirklich nicht gibt, seine Nichtexistenz folgern könnte.

Was auch immer wir beobachten, was auch immer die Wissenschaft an neuen Erkenntnissen gewinnt – immer kann man sagen: "Das ist so, weil Gott das so geschaffen hat". Alles kann man auf diese Weise mit Gott in Einklang bringen oder wie manche Menschen sagen würden "erklären". Doch was alles "erklärt", erklärt nichts. Die Erklärungskraft Gottes für die Welt ist genau null.

Gott ist eben eine nicht-falsifizierbare Annahme. Eine solche darf in der Wissenschaft nicht gemacht werden, weshalb dort auch der so genannte "methodische Atheismus" gilt: Egal wie gläubig ein Wissenschaftler auch privat als Mensch sein mag, er dürfte dennoch niemals eine Theorie aufstellen, in der Gott vorkommt, denn die stünde damit automatisch außerhalb dessen, was man Wissenschaft nennt.

Für Philosophie und Alltag gilt dieser methodische Atheismus zwar nicht, aber auch hier ist nicht einzusehen, welchen Sinn eine solche Gottes-Annahme haben könnte. Es lassen sich aus ihr ja keinerlei brauchbaren Informationen ableiten. Sie wäre nur eine mutwillige Komplikation des Weltbildes aus irrationalen Gründen – und somit verzichtbar.

Das Ergebnis eines Denkfehlers: Der Schöpfer-Gott

Für viele naive Menschen ist der Gedanke naheliegend, ja zwingend, daß alles, was existiert und was ihnen schön oder zweckgerichtet erscheint, von irgendeinem lebenden Wesen geschaffen wurde.

Von selbst entsteht so etwas ja nicht. Man kann die Atome, aus denen eine Uhr besteht, noch so lange in einer Box schütteln, es wird nie eine Uhr daraus. Die kann es nur geben, wenn ein Uhrmacher sie mit Verstand und Geschick herstellt. Philosophisch formuliert: Alles Komplexe braucht einen noch komplexeren Urheber, der es geschaffen hat.

Für die Uhr trifft das natürlich auch zu, nur ist die eben ein sehr schlechter Vergleich für das, was wir in der Natur vorfinden: Sonne, Mond und Sterne, die Erde mit Gebirgen und Meeren, Tiere, Pflanzen und schließlich den Menschen.

Auch diese Dinge entstehen natürlich nicht aus Zufall, wohl aber durch das kombinierte Wirken des Zufalls und der Naturgesetze. Wie das im einzelnen vonstatten geht, das zu erforschen ist Aufgabe der Wissenschaft, die dabei bisher schon sehr große Erfolge erzielt hat. Vieles ist freilich auch heute noch nicht oder nicht genau geklärt, aber es besteht keinerlei Anlaß daran zu zweifeln, daß Zufall und Gesetzmäßigkeit auch die Erklärung für alles das sind, was wir erst in Zukunft verstehen werden.

Demgegenüber ist der Schluß auf einen Schöpfer-Gott, der das alles gemacht hat, nicht nur unnötig, sondern auch mit einem Denkfehler behaftet. Wäre es nämlich wahr, daß alles Komplexe eines noch komplexeren Schöpfers bedarf (so wie der Uhrmacher ja viel komplexer ist als die von ihm gefertigte Uhr), dann müßte das ja für Gott auch gelten. Wenn schon die uns vertrauten Dinge nicht von selbst entstehen können, weil sie dafür zu großartig sind, so wäre das von dem noch viel großartigeren Gott erst recht nicht anzunehmen. Welcher Über-Schöpfer hat also Gott geschaffen?

Nimmt man einen solchen an, dann müßte auch der wiederum das Geschöpf eines Über-Über-Schöpfers sein und so weiter ad infinitum. Da diese Kette nicht abreißt und es somit keinen höchsten gibt, ist auch derjenige nicht darunter, den die christliche Theologie Gott nennt.

Auf den käme man nur, wenn man diese Kette abreißen läßt und sagt: "Alles muß geschaffen worden sein und wurde auch geschaffen und zwar von Gott. Gott aber wurde nicht geschaffen, der ist eine Ausnahme von der Regel und war immer schon da." Damit aber wird zugegeben, daß die Regel nicht streng gilt und somit auch keine sicheren Schlußfolgerungen erlaubt. Statt Gott könnte ja beispielsweise auch die Welt schon immer ungeschaffen vorhanden gewesen sein. Wo man die Kette abreißen läßt, ist ja beliebig.

Die Regel, wonach alles von einem Schöpfer stammen muß, führt also zu einer unendlichen Kette von Personen, die alle nicht Gott sind. Um den postulieren zu können, muß man diese Regel im Verlauf der Argumentation wieder zurücknehmen, wodurch sie aber hinfällig wird. Als Argument für Gott ist sie somit völlig ungeeignet.

Der überflüssige Jenseits-Gott

Die Frage, ob der Mensch eine unsterbliche Seele hat, die seinen körperlichen Tod überlebt, oder nicht, wird nicht nur seit Jahrtausenden von Philosophen erörtert, sondern wohl auch von jedem Menschen im Laufe seines Lebens bisweilen nachdenklich erwogen. Es ist eine Frage, die viele beschäftigt und die kaum jemand unerheblich findet, egal welche Antwort darauf er für die richtige hält. Hinge die Antwort vom Willen des Menschen ab, so würden sicherlich die meisten zugunsten des Weiterlebens optieren. Aus diesem Grund werden Religionen, die genau das versprechen, von ihren Anhängern durchwegs als tröstlich empfunden.

Welche der beiden logisch möglichen Antworten die richtige ist, soll hier keiner Klärung nähergebracht werden. Das ist ein anderes Thema. Hier geht es allein um die Rolle, die Gott dabei spielt.

Streng genommen gibt es allerdings keinen Grund, warum er dabei überhaupt irgendeine Rolle spielen sollte, denn die Jenseits-Frage ist von der Gottes-Frage logisch völlig unabhängig. Alle vier Kombinationen sind denkbar: Gott und Jenseits, weder Gott noch Jenseits, Gott aber kein Jenseits und Jenseits aber kein Gott.

Damit ist das Thema aber noch nicht abgehakt, denn Menschen, die an Gott glauben, weil sie an ein Jenseits glauben wollen, das sie sich ohne Gott nicht vorstellen können, sind alles andere als selten. Was bringt sie zu dieser Einstellung?

Ein wichtiger Punkt ist sicherlich, daß etliche bedeutende Religionen (wie etwa die christliche) beides lehren. Wer keinen Grund sieht oder außerstande ist, da zu differenzieren, nimmt einfach die im Kombi-Pack angebotene weltanschauliche Ware aus dem religiösen Supermarkt-Regal und konsumiert sie ohne sich viele Gedanken zu machen. Bei echten Gläubigen macht das auch keinen Unterschied, denn die würden auch beides separat kaufen zusammen mit allem anderen, was auf dem für ihre Konfession bestimmten Regal steht.

Zum Problem wird das erst, wenn atheistische Argumente beginnen, Einfluß auf einen Theisten zu nehmen. Nach und nach wird ihm immer klarer, daß Gott überaus unwahrscheinlich ist und es keinen vernünftigen Grund gibt, an seiner Existenz festzuhalten. Aber die Angst, damit auch das Jenseits zu verlieren und beim Tod einfach ausgelöscht zu werden, führt zu einer Denk-Blockade.

Solche Menschen sagen dann beispielsweise am Ende einer Diskussion, wohl wissend, daß sie keine Argumente mehr haben: "Laß mir meinen Glauben an Gott, mir graut vor der Alternative". Dabei geht es in Wirklichkeit fast immer um das Jenseits und nicht um Gott, dessen Verlust man viel leichter verschmerzen könnte, weil er, mag es ihn nun geben oder nicht, ganz offensichtlich ohnedies nicht in Erscheinung tritt.

Würde den Menschen allen klar, daß der Atheismus über die Jenseits-Frage überhaupt keine Aussage macht, dann gäbe es wohl viel mehr Atheisten.

 Die "Gottlosigkeit"

Das Wort "gottlos" ist von seiner Denotation her eigentlich ein ganz neutraler Ausdruck. Es besagt soviel wie "nicht mit Gott im Zusammenhang stehend". Jede Formel aus Mathematik, Physik oder Chemie beispielsweise ist gottlos, denn Gott kommt in ihr nicht vor.

Allerdings hat dieses Wort "gottlos" auch eine Konnotation. Für viele Menschen (auch solche, die gar nicht an Gott glauben) ist es gleichbedeutend mit bösartig, unmoralisch, verwerflich oder ähnlichem. Um das zu bewerkstelligen, haben die Religionen lange und erfolgreich Propaganda und Verleumdung betrieben.

Sachlich ist diese Konnotation nämlich überhaupt nicht berechtigt. Auch wenn bezüglich mancher Details keine Einigkeit darüber besteht, was genau alles gut oder böse ist, gibt es doch im großen und ganzen einen sehr weitgehenden Konsens zwischen den meisten Menschen. Und dabei zeigt sich, daß das Wissen, ob jemand Theist oder Atheist ist, keinerlei Vorhersage darüber erlaubt, in welchem Ausmaß sein Handeln von seinen Mitmenschen als gut oder böse einzustufen wäre.

Das kann auch nicht verwundern. Die menschliche Moral ist – wenn man von zufallsbedingter statistischer Streuung absieht – primär biologisch und kulturell bedingt. Viele religiöse Verhaltens-Gebote sind deshalb gar keine zusätzlichen, sondern bloß solche, die es auch ohne diese Religion gäbe. Zusätzlich ist nur ihre religiöse Begründung.

Daß Gott im alten Testament beispielsweise das Stehlen verboten hat, kümmerte alle jene Kulturen, die davon gar nichts wußten, nicht im Mindesten. Trotzdem galt das Stehlen auch in diesen durchwegs als unmoralisch.

All die Greuel, die im Laufe der Geschichte im Namen irgendeines Gottes begangen wurden, brauchen hier gar nicht erwähnt zu werden. Auch wenn es die nie gegeben hätte, wäre die Behauptung, daß der Mensch einen Gott braucht um sich moralisch zu verhalten, eine pure Anmaßung.

Der beste Job – leider schon vergeben

Menschen und Tiere haben ein mühsames und oft unerfreuliches Dasein. Sie müssen immer wieder leiden und schließlich sogar sterben.

Für Gott trifft das nicht zu. Ihn kann weder Leid noch Tod treffen und zudem hat er noch Eigenschaften, die so großartig sind, daß wir Menschen sie uns kaum vorstellen können. Er weiß und kann so viel, daß Theologen gerne die Wörter "Allmacht" und "Allwissenheit" verwenden. Auch sein moralischer Leumund ist makellos und alle Wesen auf der Welt sind von ihm geschaffen worden und müssen ihm dafür dankbar sein.

Wahrlich, Gott zu sein ist ein höchst erstrebenswerter Umstand, der aber keinem außer diesem einen zuteil wird. Dazu kommt noch, daß Gott diese grandiose Position schon seit Ewigkeit innehat. Niemand hat ihm dazu verholfen, deshalb schuldet er auch keinem Dank dafür. Er braucht sie auch mit niemandem zu teilen. Er allein ist der absolut Höchste und unvergleichlich großartig.

Wenn man das alles bedenkt, so drängt sich allerdings die Frage auf, was Gott denn geleistet hat, um sich all das zu verdienen. Die Antwort ist klar: Er hat nichts dafür geleistet und konnte auch nichts dafür leisten, da er ja immer schon Gott war.

Andere Wesen hingegen können sich noch so sehr mühen und plagen, sie haben dennoch nicht die mindeste Chance, an Stelle des gegenwärtigen Inhabers diese Gottes-Position zu übernehmen oder auch nur eine gleichwertige Funktion neben ihm zu erhalten. Das ist für alle Ewigkeit ausgeschlossen.

Zwar deutet nichts darauf hin, daß es Gott tatsächlich gibt, aber eines ist klar: Gäbe es ihn, dann wäre das die größte nur vorstellbare Ungerechtigkeit. 

 

Die Meinung des Gastautors Argutus erschien zuerst im Juni 2011. Er muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

 

 




Buddhas Lehre I


Buddhas Lehre – eine Philosophie?

Sobald man über den Buddhismus spricht, steht man vor dem Problem, sich einen der Begriffe Religion, Lehre oder Philosophie auswählen zu müssen. Betrachtet man den Buddhismus als eine Philosophie, so gilt dies nur unter einem gewissen Vorbehalt: Philosophie im Sinne des Wortes, namentlich „Liebe zur Weisheit“, hätte der Buddha selber als eine treffende Bezeichnung erachtet, aber Philosophie im Sinne eines reinen gedanklichen Konstrukts, welches das Weltgeschehen dadurch zu „erklären“ versucht, daß der Philosoph einen rationalen Zusammenhang herstellt und dementsprechend die Welt auf diese oder jene Art beschaffen sein läßt, mal idealistisch, mal materialistisch, mit oder ohne Dialektik, transzendentaler Kritik oder was auch immer, hätte der Buddha entschieden abgelehnt. Das Denken steht somit unter der Kritik seiner Zweckmäßigkeit. Pragmatische Aspekte standen ihm eindeutig im Vordergrund. Aus buddhistischer Sicht stellt sich die Frage, welchen Wert ein welterklärendes Gebilde denn überhaupt haben soll. Gotama Buddhas Stellungnahme zu den zahlreichen (unnötigen) Theorien ist eindeutig:

Da weiß ein […] Weltling nicht, über welche Dinge man nachdenken soll und über welche nicht. […] Unweise denkt man: War ich in früherer Zeit, oder war ich nicht? […] Werde ich künftig sein, oder werde ich künftig nicht sein? […] Oder es steigen ihm Zweifel über die Gegenwart auf, und er denkt: Bin ich denn, oder bin ich nicht? […] Wer so unweise nachdenkt, verfällt auf eine dieser sechs Theorien: […] „Mein Ich ist“ oder „Mein Ich ist nicht“ oder die Theorie „Mit dem Ich erkenne ich das Ich“ oder die Theorie „Mit dem Ich erkenne ich das Nicht-ich“, oder die Theorie „Mit dem Nicht-Ich erkenne ich das Ich“, oder es bildet sich bei ihm folgende Theorie: „Dieses mein Ich ist […] unvergänglich, dauernd, immerwährend“ […]. Dies nennt man Theorien-Gestrüpp, Theorien-Gaukelei, Theorien-Sport, Theorien-Fessel. Mit einer Theorien-Fessel gefesselt kann ein unkundiger Weltling nicht frei werden von Geborenwerden, Altern und Sterben, von Sorge, Jammer […] und Verzweiflung; nicht wird er frei vom Übel, sage ich. [i]

Die Ursache für das „Theorien-Gestrüpp“ drückt der Buddhismus in einem bekannten Gleichnis aus: Ein König habe einmal alle Blindgeborenen aus Sâvatthi zusammenführen lassen und ihnen einen Elefanten gezeigt. Die Blinden betasteten das Tier und sollten dem König daraufhin schildern, wie ein Elefant aussehe. Die einen beschrieben den Kopf, andere die Füße und wieder andere Rüssel und Ohren. Wegen der abweichenden Meinungen darüber, wie denn das Tier letztlich aussehe, gerieten die Blindgeborenen in Streit, und es kam sogar zu Handgreiflichkeiten. Die Streitereien waren nichts anderes als das Ergebnis der eigentlichen Unkenntnis des gesamten Elefanten (Ud VI, 4).

Einst kam ein Brahmane, der zur Lokâyatika-Schule gehörte ¾ einer Richtung, die man als „Sophistik“ bezeichnen kann ¾ zum Buddha und stellte ihm einige Fragen, die ihm der Samaa aus dem Land der Sakiya sofort beantwortete:

– Steht es wohl so, Herr Gotama, daß alles ist?

– Behauptet man „alles ist“, so ist das, Brahmane die erste Sophistik.

– Steht es aber so, Herr Gotama, daß alles nicht ist?

– Behauptet man „alles ist nicht“, so ist das, Brahmane, die zweite Sophistik.

– Steht es wohl so, Herr Gotama, daß alles Einheit ist?

– Behauptet man, „alles ist Einheit“, so ist das Brahmane die dritte Sophistik.

– Steht es aber so, Herr Gotama, daß alles Vielheit ist?

– Behauptet man, „alles ist Vielheit“, so ist das die vierte Sophistik. Diese beiden Enden [daß alles ist oder nicht ist] vermeidend, Brahmane, verkündet in der Mitte der Tathâgata die wahre Lehre:

Aus dem Nichtwissen als Ursache entstehen die Gestaltungen; aus den Gestaltungen als Ursache entsteht das Bewußtsein […]. Auf solche Art kommt die ganze Masse des Leidens zustande. Aus dem restlosen Verschwinden aber und der Aufhebung der Gestaltungen folgt Aufhebung des Bewußtseins [von etwas …] Auf solche Art kommt die Aufhebung der ganzen Masse des Leidens zustande. [ii]

Die Worte Buddhas vermitteln in aller Deutlichkeit, daß der Sinn einer Lehre darin besteht, zu einem nützlichen Ziel zu führen. Die Frage aber nach der allgemeingültigen „Wahrheit“ oder dem eigentlichen Zustand der Welt, dem „Ding an sich“ etc., ist aus dieser Perspektive heraus gänzlich unwesentlich.

Nimm an, ein Mensch sei von einem vergifteten Pfeil getroffen worden, und seine Freunde und Verwandten holten einen tüchtigen Wundarzt, der Verwundete aber sagte: Nicht eher will ich den Pfeil herausziehen lassen, als bis ich weiß, ob der Mensch, der mich verwundet hat, ein Adliger oder ein Brahmane oder ein Bürger […] ist, wie er mit Vor- und Familiennamen heißt, ob er groß oder klein […] ist, aus welchem Dorf oder aus welcher Stadt er stammt, ob er einen Bogen oder eine Armbrust benutzt hat, woraus die Bogensehne bestand, welcher Art der Pfeil ist, ob die Pfeilfedern von einem Geier oder […] einem anderen Vogel stammen, ob die Sehne von einem Rind oder von einem Büffel […] oder einem anderen Tier stammt, wie die Pfeilspitze beschaffen ist. Dieser Mensch würde sterben, bevor er alles dies erfahren hat. […]

Darum, […] lasset das, was ich nicht erklärt habe, unerklärt sein und haltet euch an das, was ich erklärt habe. Nicht erklärt habe ich, ob die Welt ewig oder nicht ewig, begrenzt oder unbegrenzt ist, ob Seele und Leib dasselbe oder Verschiedenes ist, ob ein Vollendeter nach dem Tode lebt oder nicht lebt. Ich habe es deshalb nicht erklärt, weil es nicht zum Heile beiträgt […]. [iii]

„Inwieweit wären wir wohl in unserer Kultur bereit, anzunehmen, daß ein Mann, der den Beruf eines Philosophen ergreift, in den Besitz geheimnisvoller Kräfte gelange?“, hat Heinrich Zimmer einmal gefragt.[iv] Um ehrlich zu sein ¾ gar nicht. Die Gründe hierfür sind einfach zu benennen: Die Philosophie beansprucht, eine Wissenschaft zu sein und daher für die „Forschung“ allgemein nachvollziehbar. Somit wird ein X zu einem Gegenstand, der in einem rationalen Darstellungssystem mittels Theorien dargelegt wird. Dieser Gegenstand wird folglich aus einer gewissen Außenperspektive erfaßt und verarbeitet. Je nach Perspektive haben wir es mit einer bestimmten philosophischen Richtung zu tun. Warum aber der Idealist mittels Denktätigkeit zum Idealismus, der Materialist zum Materialismus und der Pessimist zum Pessimismus gelangt, ist eine Frage, die wesentlich eher eine psychologische ist.

Dabei aber ist die Philosophie heute ein reiner Selbstzweck, denn keine der gegenwärtigen Richtungen universitärer Philosophien verfolgt etwa „Weisheit“ oder einen Heilszweck. Das heißt, daß die Lebensweise und Person eines Philosophen völlig unabhängig ist von seinem Beruf. In der indischen Tradition hingegen sind Theorien nichts anderes als Beiwerk zum Zweck der Erlösung. Somit ist die Lebensweise von der jeweiligen Lehre nicht zu trennen. Dabei spielen die Praktiken, wie wir sie aus dem Yoga oder anderen Meditationsrichtungen kennen, eine entscheidende Rolle. Steht also die Person selbst im Mittelpunkt des Geschehens und greift auf derartige Methoden zurück, so kann man nicht länger von wissenschaftlicher Objektivität im westlichen Sinne sprechen, deren Resultate jedermann zugänglich sind. Die Qualität möglicher Erkenntnisse ist somit nicht zu sehen als ein Allgemeingut.

Ein Mann namens Sunakhatta hatte einmal die Lehre Buddhas verworfen mit dem Argument, sie sei ein reines Verstandesprodukt. In Vesâli hatte er verkündet:

Der Asket Gotama besitzt nicht den höchsten von Menschen erreichbaren Zustand, den Bereich der völligen Erkenntnis edlen Wissens. Der Asket Gotama predigt eine seinem Denken entsprungene Lehre, die durch seine Überlegung gewonnen ist, die aus seinem Verstande herrührt. Die Lehre, die er eben darum verkündet, führt nicht zur Befreiung von allem Übel bei dem, der nach ihr handelt. [v]

Nicht nur, daß hieraus die in Indien weit verbreitete Ernsthaftigkeit des Anliegens der Einheit zwischen Leben und Lehre hervorgeht, Gotama erklärte daraufhin, daß seine Einsichten und Erkenntnisse sehr wohl keine reinen Verstandesprodukte seien. Man sollte also, wenn man die Grundgedanken der buddhistischen Lehre betrachtet, bedenken, daß wir es nicht mit spekulativen Theorien, sondern vordergründig mit dem Resultat jahrelanger meditativer Praxis zu tun haben. Man kann dem Buddha als westlicher Philosoph glauben oder nicht, man kann diese Eigenheit des Buddhismus etwa mit Freud „erklären“ oder mit Kant wegerklären, aber kompetente Urteile dürften nur von demjenigen zu erwarten sein, der diese Praktiken selbst jahrelang angewandt hat, und dies tun unsere Philosophen und Psychologen nicht. Gotama hatte sich Letzterklärungen, wie wir sie etwa bei Hegel finden, konsequent enthalten, und zwar aus der vernünftigen Einsicht, daß sie nicht möglich sind und zu nichts Verwertbarem führen. So ist kaum eine Gedankenrichtung in dem Maße praktisch und heilsspezifisch ausgelegt wie der Buddhismus.

Werden in der Lehre Buddhas Erklärungen oder Darstellungen metaphysischer Zusammenhänge gegeben, dann jeweils unter dem Aspekt ihrer Zweckdienlichkeit. Die Lehre des Buddha ist somit eher „Liebe zur Weisheit“ als Philosophie, dabei ist sie freilich ebenso perspektivischer Natur wie jede andere Weltanschauung. Der Buddhismus ist eine auf Erlösung angelegte Interpretation des Daseins. Daß sich die Welt auch auf andere Weise interpretieren läßt, ist damit nicht ausgeschlossen.

Die buddhistische Lehre in kurzen Worten

Die Grundgedanken der buddhistischen Weltanschauung lassen sich schon allein aufgrund ihres pragmatischen Charakters in recht wenigen Sätzen, den „Vier Edlen Wahrheiten“, umreißen.

1) Das Leiden: Das Dasein ist als solches mit Leiden verbunden und unterliegt dem Entstehen und Vergehen, daher ist die Endlichkeit notwendiger Bestandteil des Lebens.

2) Die Ursache des Leidens: Das Leben vollzieht sich in einem Kreislauf der Wiedergeburten, die durch das unabänderliche Gesetz des Ausgleichs bestimmt ist. Taten und Tatabsichten bedingen die Daseinsformen ihrer Qualität entsprechend. Sowohl negative als auch positive Handlungen und Absichten fallen auf den Urheber zurück. Ursache für diesen mit Leiden verbundenen Mechanismus des Daseinskreislaufs sind der Lebensdurst und die Affekte des Begehrens und Hassens des Vergänglichen, als Ergebnis der Unwissenheit über den vergänglichen Charakter desjenigen, was eine Person liebt oder haßt. Aus der Unwis­senheit und den Affekten folgt das Haften am Dasein, welches notwendigerweise wieder zu einer Geburt und zu neuem Leiden führt.

3) Die Möglichkeit der Überwindung des Leidens: Die Unwissenheit läßt sich aufheben, die Leidenschaften und der Lebensdurst können überwunden werden, und der Kreislauf der Geburten kann beendet werden, indem die Grundlagen, die zu einer weiteren Geburt führen können, aufgelöstwerden. Die Erlösung ist damit realisiert.

4) Der Pfad zur Erlösung: Der Weg, der zur Erlösung führt, ist der achtteilige Pfad, der die drei Gebiete des Wissen, der Sittlichkeit und der Meditation umfaßt.

Daß wir es hier im wahrsten Sinne des Wortes mit einem „Heilsweg“ oder mit einer Heilmethode zu tun haben, zeigt sich an der Analogie zur damals in Indien verbreiteten Heilmethode der Medizin. Die nämlich diagnostizierte erst die Krankheit, fragte anschließend nach deren Ursache, suchte dann nach der Möglichkeit, die Krankheit zu behandeln, und bediente sich zuletzt des geeigneten Heilmittels.

 

[i] M 2, Schmidt 1961, S. 17.

[ii] S 12, 48, 3-7, nach der Übersetzung Geiger 1925, S. 111 (Hervorhebungen von mir. Der zweite Teil des Textes, Aus dem restlosen . . . ist S 12, 46, 5.).

 

 

 

 

[iii] M 63, Schmidt 1961, S. 193.

 

 

 

 

[iv] Zimmer 1992, S. 69.

 

 

 

 

[v] Jât 94, Dutoit 1908, Jât. Bd. I, S. 395f.

 

 

 

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 




Gläubigkeit im Lichte der Evolution. Über die evolutionären Wurzeln religiösen (und esoterischen) Glaubens


Religion EvolutionOb Religion oder Esoterik, die meisten Menschen hängen einem Glauben an, selbst Atheisten sind nicht selten von der Kraft der Homöopathie, der Macht der Astrologie oder von alternativen Heilmethoden in Form diverser „Wunderkuren“ überzeugt. Kann es sein, dass wir Menschen, wie manche Evolutionsbiologen und Erkenntnistheoretiker meinen, zum Glauben programmiert (verdammt) sind?

Woher rührt das Bedürfnis nach einem religiösen Weltbild, warum ist es so tief in der menschlichen Psyche verankert? Nach den Kriterien der evolutionären Selektion haben sich nur Eigenschaften durchgesetzt, die von Nutzen sind – was nützt Homo sapiens der Glaube an das Unbeweisbare, das oftmals völlig Absurde und warum hat die Evolution ein so kostspieliges Phänomen wie Religion überhaupt hervorgebracht und am Leben erhalten? Rätsel, die die Wissenschaft im Zusammenhang mit Glauben seit langem beschäftigen; dazu auch die Frage, ob Religiosität und bestimmte Formen von Esoterik genetisch bedingt sind, oder auf religiösen Memen (Ideen), die sich erfolgreich vermehrt haben, beruhen.

Der Begriff „Glaube“ ist mehrdeutig; im Alltagsgebrauch und auch in der Wissenschaft verstehen wir darunter Wahrscheinlichkeitsannahmen, bzw. Theorien, die grundsätzlich falsifizierbar sind. Religiöser Glaube unterscheidet sich davon durch die Postulierung absoluter, nicht falsifizierbarer „Wahrheiten“, die durch Offenbarungen, „heilige“ Bücher oder auch „besondere“ Menschen kundgetan wurden. Esoteriken verstehen sich als elitäre – intuitive – „Vernunftmodelle“ für Auserwählte, die „das Wahre“ schauen können; sie bilden zudem einen Sammelbegriff für Praktiken, Techniken und "Denkrichtungen“, die weder empirisch noch rational überprüfbar sind.

Die Erforschung von Glaubensvorstellungen mit wissenschaftlichen Methoden (Anthropologie, Erkenntnistheorie, Evolutions- und Hirnforschung, Psychologie, Ethnologie usw.) richtet sich auf Gründe und Bedingungen religiöser Glaubensentstehung sowie auf deren Erscheinungsformen und Ausprägungen. Die Grenzen zwischen Religionen und esoterischen Praktiken sind dabei fließend, Religionen beinhalten meist staatlich anerkannte und geförderte, Esoterik dagegen staatlich nicht anerkannte, nicht geförderte, Glaubensvorstellungen (wenn eine esoterische Lehre genügend Anhänger findet, kann daraus sehr leicht eine Religion entstehen – siehe Scientology).

Die Frage nach den Gründen für die Entstehung von Religionen beschäftigte Denker von der Antike bis zur Neuzeit, die (säkulare) Antwort bestand bis vor wenigen Jahren überwiegend darin, dass es sich bei religiöser Gläubigkeit um ein kulturell bedingtes Phänomen handle. Der Mensch sei, als sich Selbstwahrnehmung und Bewusstsein hinreichend entwickelt hatten, aus der Erkenntnis seines Ausgeliefertseins, seiner Sterblichkeit und im Hinblick auf die ihn umgebenden unzähligen – oftmals bedrohlichen – Rätsel und Notlagen seiner Existenz zur Erkenntnis gelangt, dass es „höhere Mächte“ geben müsse, die man ansprechen könne und um deren Wohlwollen man sich bemühen muss. Die zu dieser Annahme noch hinzukommenden unbezweifelbaren Vorteile – z.B. in Bezug auf Gruppenbildung mit gruppenspezifischer Kooperation – haben zusätzlich beigetragen, Religionen zu entwickeln: Als soziale Systeme, deren Mitglieder sich zum Glauben an übernatürliche Akteure bekennen und ihre Anhänger mit Symbolen, Werten, Ritualen und geistigen, oftmals auch weltlichen, Führern versorgen.

Neben diesen zweifellos richtigen und wichtigen Gründen für die Entwicklung von Religiosität vermitteln neuere Erkenntnisse einschlägiger Forschung, dass die evolutionären Wurzeln für religiöses (und esoterisches) Denken stammesgeschichtlich wesentlich tiefer liegen; entsprechende Untersuchungen zeigen, dass sie sogar bei höher entwickelten Tieren ansatzweise zu finden sind. Die nachstehenden Ausführungen versuchen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – den derzeitigen Erkenntnisstand darzulegen:

Evolutionäre Wurzeln für die Entwicklung religiöser (esoterischer) Gläubigkeit:

Vorbemerkung: Kausalität, als Bedingtheit des menschlichen Denkens und Fühlens in „Ursache und Wirkung“ sowie Zufall, als kausal nicht erklärbares Ergebnis einer bestimmten Ausgangssituation, prägen unsere Weltsicht. Die Idee des Zufalls ist jedoch evolutionär sehr jung und bei Naturvölkern auch heute noch nicht zu finden: Alle Ereignisse und Erscheinungen besitzen für sie Bedeutung, allen werden Verursacher zugeschrieben (die Wahrnehmung von Zufall bedingt eine Grundfähigkeit zur Wahrscheinlichkeitseinschätzung, wobei die Entdeckung des Zufalls eine größere Menschenzahl erfordert, die bei Frühmenschen, die in kleinen Gruppen auf großen Flächen lebten, noch nicht vorhanden war).

Akteurschaftsannahmen:
Menschen wie Tiere unterliegen einem leicht auslösbaren – evolutionär fürs Überleben in einer gefährlichen Umwelt notwendigen – Instinkt, allem, was sich bewegt, was Geräusche hervorruft, was kompliziert ist, einen Akteur mit ganz bestimmten Absichten (in Form von Annahmen, Wünschen und psychischen Zuständen) zuzuschreiben; die Annahme, es geschehe etwas ohne besonderen Grund, widerstrebt unserer Natur zutiefst. (Selbsttest: Nachtwanderung in einem unbekannten dichten Wald mit vielerlei unbekannten Geräuschen).

Intentionalitätsannahmen:
Die den unbekannten/unsichtbaren „Akteuren“ zugeschriebenen Absichten muss man zu erkennen versuchen, um dafür oder dagegen rationale Verhaltensweisen (Listen, Gegenlisten, Finten usw.) entwickeln zu können. Intentionalitätsannahmen entstanden, bzw. entstehen auf verschiedenen Kognitionsstufen: Zuunterst im Bemühen um Erkenntnis und Befriedigung eigener Bedürfnisse (bei allen höher entwickelten Säugetieren) bis zum (auf einer höheren Kognitionsstufe liegenden) Wunsch, die Bedürfnisse und Absichten anderer Wesen (auch von Ahnen, Geistern und Göttern) zu verstehen – eine „Theory of Mind“ zu entwickeln – und dabei zu versuchen, diese zu beeinflussen. In den noch höher entwickelten Kognitionsstufen („ich denke, dass du denkst, dass ich denke, dass du denkst…“) entsteht der Wille, auch göttliche Absichten zu erkennen und zu beeinflussen, wobei für diesen Zweck u.a. Rituale geschaffen werden. Die höchste Stufe der Intentionalitätsannahme kreiert komplexe Sozialsysteme und Strukturen und ist in religiöser Hinsicht vom Wunsch bestimmt, den Willen der Götter mit menschlichen Bedürfnissen und Wünschen zu versöhnen.

Alle höher entwickelten Lebewesen leben permanent mit intentionalen Annahmen, wobei die Hirnforschung zeigt, dass das Gehirnvolumen mit dem Intentionalitätsannahmevermögen korreliert; nichtintentionales, bzw. nichtteleologisches Denken fällt sehr schwer.

Filter und Voreinstellungen im Nervensystem:

Unser Gehirn besitzt aus guten Gründen Vorlieben für Anomalien, Ausnahmen und Rätselhaftes. Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut, eine selektive Wahrnehmung ist deshalb für unser geistiges Aufnahme- und Erinnerungsvermögen überlebenswichtig.

Hypothesenbildung und Mustererkennung:

Gehirnforscher bezeichnen das menschliche Gehirn als Fiktionserzeugungsapparat. Akteurs- und Intentionalitätsannahmen gemeinsam mit der Vorliebe unseres Gehirns für Anomalien und Rätselhaftes führen zu Hypothesen, wobei es nahe liegt – und entwicklungsgeschichtlich sinnvoll war – alle Rätsel unsichtbaren Kräften zuzuschreiben. Gleichzeitig produziert das Gehirn auch automatisch Wiederholungen seiner Zuschreibungen und Vorlieben, wodurch die Wirkung von Annahmen und bestimmten Eindrücken ganz wesentlich verstärkt wird.

Zusätzlich sind Menschen und Tiere – evolutionär sehr wichtig – darauf programmiert, Muster zu erkennen und in diesen Regelmäßigkeiten zu entdecken. Das menschliche Lernen, bei Kleinkindern z.B. auch der Spracherwerb, erfolgt hauptsächlich über Mustererkennung. Der Wunsch, bzw. Zwang, Muster zu erkennen, verleitet aber auch dazu, Muster dort zu sehen, wo keine vorhanden sind. Die Entdeckung von Mustern und Regelmäßigkeiten – tatsächlich oder vermeintlich – wird mit Verminderung von Angst vor Unvorhersehbarkeit und Unkontrollierbarkeit sich selbst zur Belohnung (Versuchspersonen mit starkem Glauben an Übersinnliches „entdecken“, wie in Hirnscans nachgewiesen wurde, wesentlich stärker als Skeptiker auch dort verborgene Muster und Zusammenhänge, wo es keine gibt).

Autoritätsgläubigkeit
bildet ein wichtiges Selektionsmerkmal für Kindergehirne und ist in frühen Entwicklungsstufen für das Überleben des Kindes mitentscheidend. Die uns angeborene Autoritätsgläubigkeit macht uns für frühkindliche religiöse Prägungen besonders empfänglich und sensibilisiert (verleitet) uns u.U. ein Leben lang zur Imagination omnipotenter höherer Wesen. Frühkindliche Prägungen und Vorstellungen sind im Erwachsenenalter nur schwer überwindbar und, wie die Menschheitsgeschichte zeigt, von überragender Bedeutung. Verstärkend dazu wirkt, dass Autoritätsgläubigkeit durch die Verminderung eigener Entscheidungsverantwortung nicht unwesentlich zum persönlichen Wohlbefinden beiträgt.

Neigung zu Zirkelschlüssen:

Das menschliche Gehirn neigt zu Zirkelschlüssen. Durch Selbstbestätigungen (z.B. durch „Gebetserhörungen“) werden diese zu Selbstbelohnungen und immunisieren gleichzeitig gegen innere Zweifel und Kritik von außen.

Beispiel eines Zirkelschlusses: Die Bibel ist Gottes Wort, denn es steht geschrieben „alle Schrift ist von Gott eingegeben“ (Neues Testament, Paulus Brief an Timotheus).

Religionsentwicklung verläuft in mehreren Stufen:

Aus stammesgeschichtlich erfolgreichen Erkenntnisformen und Verhaltensweisen entwickelten sich nach und nach religiöse Vorstellungen und Praktiken (wobei die Frage offen bleibt, ob diese ein Ziel der Evolution, oder eher ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt – einen Zufall der menschlichen Entwicklungsgeschichte – darstellen).

Im Animismus werden unsichtbare Akteure durch Opfer gewogen gemacht, die Zuschreibungen von Intentionen auf sich bewegende Dinge (Akteure) liefern strategische Informationen und bewirken „religiöse“ Verhaltensweisen (bereits seit ca. 120.000 Jahren gibt es rituelle Totenbestattungen mit Grabbeigaben, die ein Weiterleben nach dem Tode, bzw. die Wirkung von Verstorbenen als übernatürliche Akteure, als Grundannahme vermuten lassen).

Aus animistischen Religionen entwickeln sich Volksreligionen, die noch ohne Schrift und ohne Hierarchien, aber mit Vermittlern (Schamanen), religiöse Rituale vollziehen. Durch permanente Wiederholungen werden u.a. starke Zugehörigkeitsgefühle entwickelt, Weissagungstechniken sowie Immunisierungsstrategien (Mysterien) verstärken und vertiefen sie.

In höher entwickelten organisierten Religionen erhalten religiöse Meme Verwalter in Form von Priestern und Theologen. Die Religionsinhalte werden ausgefeilter, heilige (göttliche) Schriften sowie Initiationsriten (Taufe, Firmung etc.) und Totenkulte stärken die Gruppensolidarität. Organisierte Religionen durchdringen und beherrschen nach und nach alle Lebensbereiche (Erziehung, Kultur, Kunst, Politik), Götter werden zu Tauschpartnern, die man um etwas bitten kann, bzw. bitten muss, göttliche Gegenspieler (Teufel, Dämonen) bekommen große Bedeutung (Gott ohne Teufel wäre ein instabiles Konzept).

Die Vorteile religiöser Gläubigkeit liegen vor allem in der Vermittlung psychosozialer Geborgenheit; sie spendet Trost, angenehme Gefühle und positive Erwartungen. Gebete – als Gesprächstherapie – verstärken Selbstvertrauen und Gruppenzugehörigkeit, vermindern gleichzeitig Ängste und schenken Motivationsgewinn. Auch haben, wie religionsdemographische Studien zeigen, religiöse Menschen mehr Kinder und besitzen zudem meist auch stärkere Gruppenbindungen.

Esoterischer Glaube kann, wie Religionen auch, als Auslösemechanismus für positive Immunreaktionen und Selbstheilungsvorgänge dienen und vermittelt zusätzlich ebenfalls psychosoziale Geborgenheit.

Religiöser wie auch z.T. esoterischer Glaube bieten Orientierung im Dasein und können über Placeboeffekte positive Wirkungen entfalten, manchmal aber auch Noceboeffekte auslösen.

Neben den Vorteilen sind auch die Nachteile religiöser (und esoterischer) Gläubigkeit, die sich unter Berufung auf Offenbarungen und heilige Schriften im vermeintlichen Besitz absoluter Wahrheit wähnt, unübersehbar: Sie verleiten zu Absolutheitsansprüchen und Fundamentalismus sowie in weiterer Folge zu Intoleranz, Lernbehinderung, Wissenschaftsfeindlichkeit und Ablehnung von Andersdenkenden. Auch führt das in manchen Religionen vorherrschende negative Menschenbild der eigenen „Sündigkeit“ zu Rückschrittlichkeit, sexueller Bedrängt- und damit persönlicher Unsicherheit mit vielerlei Ängsten (z.B. vor Verdammnis). Wie die Menschheitsgeschichte zeigt, erweisen sich auf religiösem Glauben basierende Macht- und Herrschaftsstrukturen (Theokratien) oftmals als besonders kriegerisch, brutal und unmenschlich und brachten/bringen unendlich viel Leid über die Menschheit.

Religiöser (esoterischer) Glaube – genetisch und/oder kulturell verankert?

Diese Frage ist nicht völlig geklärt, die Erforschung von Gehirnaktivitäten im Zusammenhang mit religiös/spirituell gedeuteten Bewusstseinsänderungen (Meditation, Trance, Hypnose, Nahtoderfahrungen etc.) lässt jedoch eine hohe Wahrscheinlichkeit erkennen, dass die Neigung zu religiösen Gefühlen (zur Selbsttranszendenz) im Erbgut und die jeweilige Ausprägung des Glaubens kulturell verankert ist. Studien an eineiigen Zwillingen, durch Neurotransmittergaben, mit Elektrodenstimulation des Gehirns, wie auch Erkenntnisse zur Schläfenlappen-Herdepilepsie (die bei Paulus, Mohammed, Jeanne d‘Arc, Joseph Smith, Dostojewski, diversen Schamanen etc. mit hoher Wahrscheinlichkeit post mortem oder real festgestellt wurde) verstärken diese Annahme, wobei allerdings auch einige Untersuchungen, beispielsweise zum vermuteten Vorhandensein eines „Gottes-Gens“ in unserem Erbgut oder eines „Gottes-Moduls“ in unserem Gehirn, sich bis jetzt als nicht stichhaltig erwiesen haben. Trotzdem deutet nicht zuletzt die Hartnäckigkeit, mit der sich religiöse Überzeugungen (bzw. manche esoterischen Praktiken) in allen Kulturen der Welt halten, nach Meinung namhafter Biologen und Evolutionsforscher auf eine genetische Grundlage hin. Der Grazer Philosoph Gerhard Schurz meint dazu: „Wäre Religion nur ein Mem im Sinn von Dawkins, so hätte sie in gewissen Kulturen auch aussterben müssen und dort nicht spontan wieder entstehen dürfen“, der britische Entwicklungsbiologe Lewis Wolpert vertritt die Überzeugung, dass wir Menschen mit einer „Glaubensmaschine“, programmiert von unseren Genen, ausgestattet seien und der deutsche Religionswissenschaftler und Neurotheologe Michael Blume formuliert sogar: „Mit Hilfe unserer Kultur und unseres Verstandes können wir unsere religiöse Grundgläubigkeit so wenig überwinden wie unsere Musikalität“!

Auch wenn man dieser Aussage Michael Blumes nicht zustimmen mag, bleibt doch unbestreitbar, dass uns die Evolution eine gewisse Grundgestimmtheit, bzw. Grunddisposition, zu Gläubigkeit in die Wiege gelegt hat und dass Menschen eher zum Glauben als zum Nichtglauben neigen (Vernunft und Logik kommen selbst gegen abstruseste Glaubensinhalte meist nicht an – credo quia absurdum est).

Zusammenfassung und Schlussbetrachtung:

Als Summe aller bisher vorliegenden Erkenntnisse kann mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass religiöse (und z.T. esoterische) Gläubigkeit ein durch Evolution entstandenes, genetisch bedingtes, natürliches menschliches Phänomen darstellt, das sich in kultureller Evolution memetisch weiterentwickelt und verfestigt hat! Es setzt sich aus Ereignissen, Objekten und Strukturen zusammen, die den Gesetzen der Naturwissenschaften gehorchen und keine übernatürlichen Elemente enthalten!

Wie wir mit dieser Erkenntnis umgehen, bzw. ob wir die Disposition zu religiöser und/oder esoterischer Grundgläubigkeit überwinden können, hängt nicht zuletzt davon ab, wie stark wir frühkindlich diesbezüglich geprägt wurden und wie unsere daran anschließende Sozialisation erfolgte. Etwas überspitzt könnte man es so formulieren:

Wir neigen zu Gläubigkeit, wir müssen und sollten aber beileibe nicht alles glauben: Vor allem nicht Aussagen und Antworten mit Absolutheitsanspruch sowie Aussagen und Forderungen, die den Erkenntnissen von Aufklärung, Humanismus, Wissenschaft und kritischem Rationalismus widersprechen! Durch Erziehung, Bildung und Wissenschaft können wir unsere inhärente Gläubigkeit zum Teil überwinden, zum Teil kanalisieren und dadurch zur Vermeidung gravierend negativer Auswirkungen religiöser und esoterischer Glaubensvorstellungen beitragen!

 

Dr. Gerfried Pongratz, Osterwitz, Österreich




Wenn die Realität mit der Wirklichkeit kollidiert… Gedanken von Udo Endruscheit


Wasser-zu-WeinUns allen ist der Spruch des „Was nicht sein kann, das nicht sein darf“ aus dem Munde des Herrn Palmström und der Feder des unvergänglichen Christian Morgenstern geläufig. Eine Alltagsweisheit – aber wussten Sie schon, dass es die menschliche Neigung zu verrückten Konstellationen fertigbringen kann, dass es auch zu einem „Was nicht sein darf, das nicht sein kann“ kommt? Es verwundert nicht, dass ein Beispiel hiervon uns ausgerechnet aus dem Bereich der Pseudomedizin auf die Füße fällt.

Bekanntlich hat der Gesetzgeber die Pseudomethode Homöopathie (mit zwei anderen Bereichen) mit dem Arzneimittelgesetz von 1978 in den Adelsstand einer sogenannten „besonderen Therapierichtung“ erhoben, die gegenüber echten pharmakologischen Arzneimitteln besondere gesetzlich verankerte Privilegien genießt. Diese Privilegien kulminieren darin, dass an die Stelle einer wissenschaftlich fundierten Prüfung eines Wirkungsnachweises, wie er nach strengen Regeln für jegliches pharmazeutische Mittel vorgeschrieben ist, das als Arzneimittel einen Marktzugang begehrt, der sogenannte „Binnenkonsens“ tritt. Der Binnenkonsens ist nichts anderes als die Regelung, dass es für die Marktzulassung und die Arzneimitteleigenschaft von Homöopathika lediglich notwendig ist, dass Angehörige der Therapierichtung Homöopathie (also nur „eigene Experten“) die Mittel als wirksam ansehen. Was beispielsweise ja dann genauso für eine Expertengruppe denkbar wäre, die sich über die Existenz fliegender Teppiche einig ist und der die offizielle Deutungshoheit über dieses Phänomen vom Gesetzgeber zuerkannt wird.

Um auch institutionell diese höchst erstaunliche Regelung abzusichern, wurde beim Gemeinsamen Bundesausschuss, dem obersten Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, die besondere „Kommission D“ eingerichtet, die im eigenen Kreis, geschützt und gefeit vor der wissenschaftlichen Kritik an der Homöopathie durch die gesetzliche Garantie einer nahezu unanstastbaren Deutungshoheit, nach eigenem Dafürhalten den Segen über Homöopathika sprechen kann.

Und so ist durchaus erwartbar, dass die Realität des wirklichen Lebens irgendwann mit der Wirklichkeit innerhalb der Kommission D kollidiert. Es gab vor einiger Zeit einen Rechtsstreit eines Herstellers, der ein Mittel mit homöopathisch hergestellten Bestandteilen als „Medizinprodukt“ auf den Markt bringen wollte. Der Ausgang soll uns hier gar nicht weiter interessieren, wohl aber der Umstand, dass dieser Rechtsstreit sich auf den Begriff der „pharmakologischen Wirksamkeit“ zuspitzte. Die im wissenschaftlichen Sinne zweifellos -und das wissen auch die Richter- für Homöopathika durchweg zu verneinen ist. Aaaaber…

Was sollen die Richter tun? Sich nach den wissenschaftlichen Fakten richten? Oder danach, dass eine Gesetzeslage besteht, die eben diese wissenschaftlichen Fakten ersichtlich nicht interessiert, ja beiseite schiebt? Richter sind an das Gesetz gebunden… Man vernehme, wie hier entschieden wurde:

Die Richter argumentierten, dass „der Rechtsbegriff über die naturwissenschaftliche Begriffsbestimmung der ‚pharmakologischen Wirkung‘ hinaus unter den rechtlichen Wertungen des Gesetzgebers auszulegen sei. „Homöopathika sind also Arzneimittel kraft gesetzlicher Erstreckung“, erklärten sie. „Erstreckt der Gesetzgeber den Arzneimittelbegriff auf diese Präparate, so ist auch der Begriff der pharmakologischen Wirkung in rechtlicher Hinsicht auf diese zu erstrecken.“

Da gab es doch mal so eine Geschichte, wo jemand Wasser in Wein verwandelt hat. Das ist ja nun gar nichts gegen die Leistung des Gesetzgebers, per Dekret Zuckerkugeln in pharmakologisch wirksame Arzneimittel verwandelt zu haben.

Schon schwierig, wenn die Realität Probleme mit der Wirklichkeit bekommt. Was nicht sein darf, das nicht sein kann, wie eingangs erwähnt. Es ist nicht nur ein Skandal, dass ein Schutzraum für unwirksame Mittel im Gesundheitswesen existiert, es ist eine Groteske. Schluss damit!




„Göttlich“ — ungültig. Von Eckhardt Kiwitt


ghost_300rgb-slimgreenVielen unserer Leser wird der Autor Eckhardt Kiwitt noch bekannt sein.Ich kene ihn nunmehr seit zehn Jahren, als er als reiner Islamkritiker in Erscheinung trat. Inzwischen ist auch er zu einem generellen Religionskritiker und Humanisten gereift, obwohl ihm Auswüchse des Islam nach wie vor am Herzen liegen.

Als er erfuhr, dass ich Wissenbloggt wieder in eigener Regie fortführen muss, hat er sich spontan bereit erklärt, mir bei dieser nicht ganz leichten Aufgabe behilflich zu sein. Als erste Frucht dieses Angebots lege ich heute seinen Aufsatz "Göttlich" – ungültig vor:

Anmerkungen zu einem Interview [mit einem Religionsgelehrten]

***

1.:_Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Religionen
2.:_Menschliche Gesetze und göttliche Moral
3.:_Einschränkungen religiösen Lebens

***

«Gott ist todt» meinte, unterschiedlich gedeutet, einst der Philologe und Philosoph Friedrich Nietzsche in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“.
«Nur ein bißchen» könnte man entgegnen, oder «Nein, es hat ihn nie gegeben».
Als Idee in den Köpfen von Menschen hingegen mag man etwas, das wir Gott nennen — oder Göttin — akzeptieren. Wechselwirkungen gibt es aber zwischen diesem „Gott“ und dessen Umgebung keine, weshalb man es von etwas, das nicht existiert, nicht unterscheiden kann. Wechselwirkungen gibt es zwischen den Menschen, die eine Idee von Gott — z.B. als einem Instrument zur Legitimierung von gesellschaftlicher und politischer Macht, als Tröster in der Not oder zwecks Bevormundung — haben, und anderen Menschen.

Am 3. Dezember 2018 veröffentlichte eine Berliner Tageszeitung auf ihrer Website ein Gespräch, das einer ihrer Redakteure mit einem Religionsgelehrten geführt hat.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Religionen

In diesem Interview rechtfertigt der Religionsgelehrte, dass einige Mitglieder seiner wie auch anderer Religionsgemeinschaften Frauen zur Begrüßung den Handschlag verweigern und meint, man solle diese Verweigerung respektieren.[*] Der von dem Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer geprägte Begriff der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit klammert zwar die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts lt. einem in der Wikipedia veröffentlichten Artikel für diesen Fall aus, doch bin ich der Meinung, dass die Verweigerung des Handschlags (zur Begrüßung) gegenüber Frauen, nur weil sie Frauen sind, in diese Kategorie gehört — zumal unsere Verfassung, das Grundgesetz, in Artikel 3 Satz 3 festhält: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“

Menschliche Gesetze und göttliche Moral

Die Frage, ob Gottes Wort über den von Menschen gemachten Gesetzen stehe, kontert der Religionsgelehrte mit den Worten, dass „jedes menschliche Gesetz eine göttliche Stärke“ erhalte, wenn es ein moralisches Gesetz sei. Den Begriff der Moral erläutert er nicht näher, und dass die „göttliche Stärke“ nicht auf einen Gott oder eine Göttin zurückgeht, sondern auf Menschen, lässt er außer acht. Mit welcher Moral er die im vorigen Absatz erwähnte Diskriminierung von Frauen, nur weil sie Frauen sind, rechtfertigt, erfährt der Leser des Interviews nicht.

Einschränkungen religiösen Lebens

Der von der Berliner Tageszeitung interviewte Religionsgelehrte sagt, dass christliche, jüdische und muslimische Geistliche verstanden hätten, dass ein Verbot der Knabenbeschneidung „Anschläge auf die Religionsfreiheit“ seien. Ich bin der Meinung, dass das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung eine Straftat ist. Entsprechend lässt sich z.B. jeder Chirurg vor einer Operation eine Einverständniserklärung seines Patienten unterschreiben. Der Religionsgelehrte sowie diejenigen, die seine Position unterstützen, beanspruchen aus meiner Sicht also (für sich) das vermeintliche „Recht“, im Rahmen der Religionsausübung Straftaten begehen zu dürfen. Die Religionsfreiheit der Grundgesetz-Artikel 4 und 140 legitimiert das Begehen von Straftaten und anderes Unrecht jedoch nicht.
Die Zirkumzision mag in Einzelfällen aus medizinischen Gründen geboten sein, aber: Wenn ich jemandem auf der Straße begegne, sehe ich ihm gar nicht an, ob er beschnitten ist oder nicht, kann seine mögliche Religionszugehörigkeit an diesem Merkmal folglich nicht erkennen — und habe auch nicht das Bedürfnis, dies näher zu untersuchen.
Falls das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung – entgegen der Aussage in unserem Strafgesetzbuch – keine Straftat sein sollte, was ist es dann? Oder ist Körperverletzung nur dann keine Straftat, wenn sie „religiös“ intendiert ist? Soll also das Begehen von Straftaten dann legitimiert sein, wenn dies als zur „ungestörten Religionsausübung“ gehörend deklariert wird? Das könnte einen beträchtlichen Interpretations- und Handlungsspielraum eröffnen (siehe dazu auch «Angst», Punkt 5, vom 20. Oktober 2012 auf dieser Website).
Der Gesetzestext sowie die juristischen Erläuterungen zum § 1631d des Bürgerlichen Gesetzbuches [BGB] (Beschneidung des männlichen Kindes) überzeugen mich insofern nicht, als für mich nicht ersichtlich ist, warum Eltern bzw. Erziehungsberechtigte (Stichworte „Personensorge“ sowie „Elterliche Sorge“) darin einwilligen dürfen, dass sich jemand ohne medizinische Notwendigkeit an ihrem Kind vergeht und ihm eine erhebliche Körperverletzung zufügt — siehe oben in diesem Abschnitt.
Ein «Bund mit Gott», wie bisweilen behauptet, wird mit der Beschneidung ohnehin nicht geschlossen, da es den dafür erforderlichen Gott allenfalls als Idee in den Köpfen von Menschen gibt. Auch wurde bislang kein Volk und keine sonstige soziale Gruppe von irgendeinem Gott für was auch immer „auserwählt“; den zugehörigen Gott hat jemand vor mehr als zweitausend Jahren erfunden, um sich und sein Volk anschließend als ein von diesem von ihm selbst erfundenen Gott auserwählt zu erklären.

Damit, dass der Religionsgelehrte in einem Verbot der Knabenbeschneidung „Anschläge auf die Religionsfreiheit“ sieht, konstruiert er einen Opferstatus. Eine Sonderrolle oder Sonderrechte aus religiösen oder sonstigen Gründen für sich zu beanspruchen oder einzufordern löst oft jedoch erst die Reaktionen aus, über die man sich anschließend beklagt. So institutionalisiert man einen Opferstatus, den man ewig fortschreiben kann. Das halte ich für unredlich.[**]

Moral und Recht haben sich im Laufe der Geschichte manchmal gewandelt. Was in früheren Zeiten oder in anderen Kulturkreisen moralisch geboten schien und als rechtlich abgesichert galt oder noch immer gilt, wird heute oder andernorts teils ganz anders bewertet. Dieser Prozess ist ständig im fluss.

Lieber Rabbi Goldschmidt, meine Ausführungen sollen weder antisemitisch noch antijüdisch sein, ich kritisiere jedoch Menschenrechtsverletzungen, ungeachtet, wer diese verübt.
Falls es — bezogen auf die jeweilige Religion oder sonstige Ideologie, nicht auf die Menschen — jedoch antisemitisch (judentumsfeindlich) oder was-auch-immer-feindlich wäre, Menschenrechtsverletzungen sowie anderes Unrecht zu kritisieren: Was bedeutete dies dann im Umkehrschluss?
Wie willst Du mit Menschenrechtsverletzungen und mit Kritik an Menschenrechtsverletzungen umgehen?

Ein wenig Selbstkritik wird weder Dir noch Deinen Glaubensbrüdern einen Identitätsverlust bescheren oder einen Imageschaden zufügen — im Gegenteil. Selbstkritikphobie hingegen hilft nicht weiter.
Zum Verständnis: ich habe in den Jahren 2008-2012 — leider ! — ein paar Gastbeiträge für eine vorgeblich islamkritische Website geschrieben, deren seinerzeitiger (und auch noch jetziger?) Betreiber ein aus meiner Sicht rechtsreaktionärer Psychopath ist, was ich seinerzeit nicht erkennen wollte, der auf seiner Website u.a. damit wirbt, dass er „proisraelisch“ sei. Er ist es m.E. jedoch nicht, sondern täuscht dies nur vor. Insofern stimme ich mit Dir, Rabbi Goldschmidt, überein, wenn Du gegen Ende des Interviews sagst, dass „extrem rechte Parteien versuchen, jüdische Gemeinden zu erobern – aber nicht, weil sie Juden mögen, sondern weil sie sich davon einen Koscherstempel für ihre Ideologien erhoffen“.

Das vollständige Interview, das Malte Lehming mit Rabbiner Pinchas Goldschmidt geführt hat, finden Sie, nebst 69 Leserkommentaren (von mir ist keiner dabei), auf der Website des Berliner TAGESSPIEGEL unter „Wir wehren uns gegen Anschläge auf die Religionsfreiheit“.

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[*] Zwar formuliert unsere Verfassung Rechtsbeziehungen zwischen Bürger und Staat, nicht zwischen Bürgern untereinander. Dennoch finde ich es seltsam, dass jemand, der sich auf ein Verfassungsrecht beruft, speziell auf die Religionsfreiheit, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im persönlichen Umgang derart einstuft.

[**] Zum Verständnis siehe meine Schlussworte (in kleinerer Schrift) im Beitrag Begriffsverwirrung: Diskriminierung, Islamfeindlichkeit, Rassismus


Link zum Originalartikel: https://islamprinzip.wordpress.com/2018/12/09/goettlich-ungueltig/




Ich bin der Ich-bin - Die Suche nach "Gott"


JahweDurch das Wort «Ich bin der Ich-Bin» (hebr. אֶֽהְיֶ֖ה אֲשֶׁ֣ר אֶֽהְיֶ֑ה eh'jeh asher eh'jeh) gab sich JahveElohim auf dem Berg Horeb im brennenden Dornbusch dem Moses kund als der Ich-Bin (griech. ἐγώ εἰμί ego eimi), der Ich-Seiende, der Bringer des Ichs, der in seinem wahren Wesen der Christus ist, das Welten-Ich, der aus der Sonnensphäre auf die Erde herabsteigt.

Zeuge: Moses, Aufschreibender: wer auch immer. Hat es jemand verstanden? Wir kommen darauf zurück.

Eine der ältesten Karten der Welt zeigt einen Erdenkreis mit einem himmelan strebenden Babylon in der Mitte, und je näher man sich der Peripherie nähert um so „unordentlicher“, chaotischer, ja anarchischer wird diese Welt. Dass man die Kapitale ins Zentrum setzt, ist dabei eher gewöhnlich in dieser Zeit. Ungewöhnlich, aber vielsagend, ist hierbei die indirekte Aussage: Nur in der Mitte akkumuliert sich alles Wissen dieser Welt, ein Wissen, das identisch ist mit dem Glauben an einen „Gott“, der irgendwo darüber thront. Jede Entfernung von dieser Zentralerkenntnis ist damit gleichsam gegen Wissen und Glauben gerichtet.

Dies war nicht immer so. Zu den Blütezeiten der Naturreligionen lebten die Dämonen, Geister und Götter im unmittelbaren Umfeld. Sie waren direkt verantwortlich für das konkrete Wohlergehen oder alle nur erdenklichen Schicksalsschläge, die die Menschen trafen. Also versuchte man, sie mit Opfergaben (meist Tiere) versöhnlich zu stimmen. Als man nun daranging, das nähere Umfeld abzusuchen, fand man die Geister nicht, allenfalls wilde Tiere, deren Gefährlichkeit aber nicht mit irgendwelchem „göttlichen“ Einfluss in Verbindung gebracht wurde. Also wurden die Götter auf Berge versetzt – der berühmteste wohl der Olymp. Als auch diese erforscht waren, mussten halt die inzwischen entdeckten Planeten („Wandelsterne“) als Sitz der Götter dienen – Venus, Mars und Jupiter zeugen noch heute davon. Schließlich kam man – übrigens an verschiedenen Orten unabhängig voneinander – auf die Idee, alle vorher sauber getrennten Eigenschaften einem einzigen „Gott“ zuzuschreiben, der damit zu einem Monsterwesen aufgebläht wurde mit den bekannten Zuschreibungen wie All-Macht, All-Wissen und anderen All-Bernheiten. Wir bewegen uns nunmehr im Bereich der Monotheismen, die derzeit weltweit dominant sind (Hinduismus und Buddhismus spielen dagegen eine nur untergeordnete Rolle).

Halt! werden nun Juden, Christen und Muslime gemeinsam rufen. Sooo einfach ist es ja nun nicht, schließlich handelt es sich bei der Basis unserer Religionen um Offenbarungen, also gleichsam von „Gott“ selbst vorgegebenen Fakten.

Doch kann nichts über die Tatsache hinwegtäuschen, dass alles, was man über „Gott“ zu wissen glaubt, Niederschriften vom Hörensagen sind. An keiner einzigen Stelle „spricht“ ein „Gott“ selbst zu seinen Fans. Alles über diesen „Gott“ Gesagte kann daher ebenso gut falsch wie richtig sein. Zu dieser Erkenntnis gelangten bereits die Kirchenväter, angefangen bei Augustinus (Si comprehendis non est deus = wenn du es verstehst, ist es nicht Gott) bis hin zu Thomas Cusanus – mithin den Begründern der klassischen negativen Theologie. Wenn also Papst Ratzinger sine erste Enzyklika “Gott ist Barmherzigkeit“ nennt, hätte er mit derselben Berechtigung behaupten können, dass „Gott“ unbarmherzig ist. Die moderne negative Theologie hätte ihm zugestimmt. Also wäre es wohl besser gewesen, sich jeder qualitativen Aussage zu enthalten. Er wäre es den Kirchenvätern schuldig gewesen. Dasselbe, was hier über das Christentum gesagt wird, trifft natürlich auf den Islam ebenso zu. Islamische Theologen wissen das und monieren es auch angesichts des optimistischen Werks von Mouhanad Khorchide „Islam ist Barmherzigkeit“. Bei beiden ist wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens als präzise theologische Überlegung. Ergänzend sei noch angemerkt, wie der große Philosoph der arabischen Hochzeit, Ibn Rushd, die Dinge sah. Er ging wohl im Gefolge von Aristoteles von einer „duplex veritas“ aus, also einem möglichen Auseinanderklaffen von Glaubenssatz und tatsächlichen weltbezogenen Anwendungen. Leider sind genau diese Werke nach Wiedererstarken des Islam, der Hochzeit ein abruptes Ende setzend, in einem frühen Autodafé verbrannt worden. Es lässt sich nur noch aus dem verbliebenen Rest erschließen.

Genau an dieser Stelle scheiden sich nun die Geister. Eine große Mehrheit der Religiösen ist eher geneigt, den orthodoxen Exegesen (im Arabischen entsprechend „tafsîr“) Folge zu leisten und keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen. Man glaubt weitgehend kritiklos, was – im Laufe der Zeit angereichert um zahllose Dogmen oder fatwat – vorgesetzt wird. Durch die allen Religionen eigene frühkindliche Indoktrination wird der klare Blick auf Tatsachen empfindlich gestört. Ein solcher Glaube, da schwer von außen beeinflussbar – sollte deshalb auch nicht angefeindet werden. Man hat ihn als Tatsache hinzunehmen. Nur wenigen gelingt es, über Zweifel allmählich zu anderen Erkenntnissen zu gelangen, die wegen der relativen Starrheit der Religionen dann natürlich schnell im Atheismus landen. Man hat eben keine wirkliche Wahl zwischen orthodoxen und liberal-säkularen Näherungen an die Religion.

Der „gesunde“ Menschenverstand spielt hier eine entscheidende und gleichzeitig tragische Rolle. Abgesehen einmal davon, dass bereits die Etikettierung eine schlichte Unverschämtheit ist (was ist bitteschön ein „ungesunder“ Menschenverstand?), liegt hier im Grunde nichts anderes vor als eine Ansammlung von Vorurteilen, die sich bis zum 18. Lebensjahr verfestigen (das geht meines Wissens auf Dirac zurück, aber ich kann als „Nicht-Gott“ irren).

Wir sehen also, dass für manche ein „Gott“, extrahiert als alten Büchern, existiert, für andere wiederum nicht. Bei dieser Erkenntnis könnte man es belassen, aber ich möchte es noch einmal auf eine andere Art der Erklärung versuchen.

Das mit der damaligen Wissenschaft weitgehend kongruente Ideengebäude des Katholizismus wurde im 16. Jahrhundert gleich von zwei Seiten attackiert. Neben der Reformation Luthers war es die aufstrebende Wissenschaft, die alte Gedankengebäude zum Einsturz brachte. Das heliozentrische Weltbild mit auf Ellipsen (nicht einmal „göttlichen“ Zirkeln) um das Zentralgestirn kreisenden Planeten, die dazu auch noch rotierten, brachte die mittelalterliche christliche Vorstellung von „Oben“ und „Unten“ – mithin Himmel und Hölle – in ärgste Bedrängnis. Wir können uns das heute nur noch sehr schwer vorstellen, was damals an Umwälzungen tatsächlich passierte. Luther war gemessen daran sicher noch das kleinere Übel.

Seitdem haben sich die Wissenschaften mit zunehmender Geschwindigkeit von dem entfernt, was einmal fest begründeter Glaubenssatz war (siehe oben: Babylon). Die Diskrepanz wurde immer größer und bald schien es keinerlei Übereinstimmungen zwischen wissenschaftlichem und religiösem Weltbild mehr zu geben. „Gott“ trat nur noch als Lückenbüßer auf mit immer kleiner werdendem Einflussbereich. Doch stimmt das wirklich?

Betrachten wir einmal kurz die beiden „Außenbereiche“ heutiger Naturwissenschaft: Die Kosmologie einerseits und im Mikrokosmos die Quantenmechanik. Dem Laien sind beide Bereiche gleichermaßen verstandesmäßig unzugänglich. Sie enden in Formelwelten, die nur noch der Mathematik zugänglich sind. Und nicht einmal alle Mathematiker sind noch in der Lage, jeder Wendung in der Quantenmechanik zu folgen. Doch was passiert, wenn Physiker uns diese Welt zugänglich machen wollen?

Gleichungen werden zu Gleichnissen: es wird uns eine untote Katze präsentiert (Schrödinger), die man nur versteht, wenn man zumindest eine kleine Ahnung von der zugrunde liegenden Mechanik des Unbestimmten hat. Kleinstteilchen werden mit Farben versehen, so als ob sie dadurch erklärbarer würden. Und dabei ist man immer auf der Suche nach der „Urkraft“ (GUT, Konsolidierung der Gravitation mit den anderen bekannten Kräften), die man vielleicht niemals finden wird, auch wenn Hawkings felsenfest davon überzeugt ist. Und im Großen? Auch da ist der Erfindungsreichtum der Physiker erstaunlich groß. Ein „Urknall“, den es vielleicht niemals gegeben hat (obwohl Johannes-Paul II enthusiastisch darauf einging) hatte sicherlich keine Klangkomponente und die „Schwarzen Löcher“ rufen im französischen Sprachbereich (trou noir) eher sexuelle Konnotationen hervor, als dass sie etwas zur Sacherklärung beitrügen. Man hätte ein schwarzes Loch auch durchaus als „Kollapsator“ oder ähnlich bezeichnen können.

Der Islam ist übrigens noch weit davon entfernt, ähnliche Aussagen wie die von Johannes Paul II zu akzeptieren. Man behauptet immer, der Islam habe die Aufklärung versäumt und komme deshalb nicht voran. Es ist viel simpler: der Islam ist weitestgehend wissenschaftsfeindlich eingestellt, befindet sich also noch auf der Stufe der mittelalterlichen Catholica.

Warum all dies?

Heute äußern sich zumeist Naturwissenschaftler zu philosophischen Fragen. Die klassische Philosophie stirbt aus. Sie gibt uns nichts mehr, wandert allenfalls ab in soziologische Überlegungen, manche sagen: Spielereien. Und Naturwissenschaftler sind immer nah bei „Gott“, wie immer fern er auch sein mag. Sie können ihn nicht erklären und sie wollen das auch gar nicht. Aber ihrer Materie liegt es eben nahe, bisher Unerklärtes in eine Ecke zu schieben, die irgendwo und irgendwie „Gott“ ist.

Es macht fast den Eindruck, als ob auch Naturwissenschaftler sich nicht vollständig vom Transzendenten lösen könnten. Das klassische – und später bereute – Beispiel ist die Einsteinsche Konstante, mit der er sich ein gravitätisches, also quasi göttliches statisches Universum erhalten wollte, obwohl alle seine Formeln dagegen sprachen.

Reste von Religiosität oder das krampfhafte Bemühen, Dinge erklärbar zu halten? Ich weiß es nicht. Doch genau an dieser Stelle endet Wissenschaft, wenn sie sich nicht mit den psychologischen Grundproblemen der Menschen befasst.

Betrachten wir Religion doch einmal wissenschaftlich. Da die Theologie keine Wissenschaft ist, können wir das natürlich nur von außen betrachten. Dazu sollten wir uns mit dem Phänomen der Meme vertraut machen. Jeder Mensch unterliegt der genetischen Evolution – das darf als Allgemeinwissen vorausgesetzt werden. Dies ist ein höchst langwieriger Prozess, der sich in den überschaubaren Generationen so gut wie nicht bemerkbar macht und daher auch von überzeugten Kreationisten, die in kürzeren Zeiträumen denken, nicht wahrgenommen werden will.

Anders sieht es mit den Memen aus, die man auch als kulturelle Imitationen bezeichnen kann. Sie evolutionieren in aller Regel schnell, sind nachvollziehbar und greifbar. Ein solches Mem kann zum Beispiel ein Musikstück sein, das sich als Ohrwurm für eine Weile festsetzt, bis es irgendwann durch anderes ersetzt wird und verschwindet. Es kann sich aber auch als ein begleitendes Mem in einem größeren Mem-Komplex dokumentieren, wie beispielsweise die ehrfurchtgebietenden Sakralbauten der Religionen, oder die Riten, die mit Religion verbunden sind wie Eucharistie oder dem Zwang zu fünf Gebeten pro Tag. Das hat zwar alles nicht direkt mit dem jeweiligen Mem-Komplex Religion zu tun, unterstützt es aber nach Kräften. Dieser Zusammenhang ist den meisten Religiösen völlig unbekannt.

Unabhängig von den Kern-Memen folgen sie allem, was sich sonst noch so darum im Laufe der Zeit geschart hat – weil sie es nie gelernt haben zwischen primär und sekundär zu unterscheiden. Es ist ja auch für die Protagonisten der Religionen, die schließlich ihr Geld damit verdienen, viel leichter und vorteilhafter, sie in diesem Unglauben zu belassen.

Ich bin der Ich-Bin, obwohl nie von einem der Götter geäußert, erhält damit eine neue Dimension, wenn man es genau betrachtet. Es ist letztlich die Aussage, dass sich ein „Gott“ wie auch immer er beschaffen sein mag, jeder Erkenntnis entziehen wird, so sehr auch seine jeweiligen Fans sich bemühen werden, das Gegenteil zu behaupten. Weder die Physik und schon gar nicht die Religion werden jemals in der Lage sein, begründete Anlässe für seine Existenz zu geben.

So sagt denn auch ein jüdisches Sprichwort so treffend: „Der Mensch denkt und G‘tt lacht.“




Zeuge Jonathan


Vor einigen Tagen erhielt ich per Email einen Artikel (Abschied vom Wachtturm), in dem 3 Frauen ihre Geschichte bei der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas erzählten. Als ich dann kurz darauf den gleichen Artikel verlinkt in der Facebookgruppe „Initiative Humanismus“ las, ergab sich ein recht langes Gespräch, in dem ich mehr oder weniger ausführlich diverse Fragen zu den Zeugen Jehovas und meiner Zeit dort beantwortete.

Als mich Frank Berghaus daraufhin fragte, ob ich nicht Lust hätte, die ganzen Infos zusammenzuschreiben und in einen zusammenhängenden Text umzuformulieren, sagte ich zu und sitze also nun am Samstag Abend vor meinem PC und versuche, dieser Bitte nachzukommen.

Vorab wäre mir jedoch etwas besonders wichtig: Alles, was ich aufschreibe, schreibe ich mit bestem Wissen und Gewissen. Mir ist absolut bewusst, dass die Erfahrungen bei den Zeugen Jehovas extrem unterschiedlich sind. Falls ich Dinge anders erlebte als andere, heißt das somit nicht, der eine lügt oder habe keine Ahnung – es ist einfach oftmals so, dass die vorgegebenen Richtlinien unterschiedlich angenommen und umgesetzt wurden. Falls dennoch Lust zur Kritik besteht – dafür bin ich immer offen, solange sie vernünftig und belegt ist.

Eine weitere Anmerkung ist, dass es schwer ist, von „den Zeugen Jehovas“ zu reden. Wenn ich also diese Formulierung benutze, möchte ich damit nicht jeden einzelnen Zeugen Jehovas meinen, sondern eher die Allgemeinheit, wie ich sie erlebte und wie sie sich durch die Richtilinien zu verhalten hat.

Zu guter letzt noch ein Wort an all jene, die eine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema Zeugen Jehovas erhoffen – ich muss leider enttäuschen. Weder ist mein Aufsatz wissenschaftlich, noch ist er eine sachliche Abarbeitung der Fakten. Es ist eine Aufarbeitung meiner Erfahrungen, gespickt mit Informationen. Sicherlich sagt das nicht jedem zu, und ganz bestimmt ist so ein Aufsatz für nicht wenige gähnend langweilig. Aber zum Glück sind die Geschmäcker unterschiedlich.

Tja, meine Gedanken zu Zeugen Jehovas… Wo soll ich anfangen? Vielleicht ganz am Anfang.

Vor einigen Jahren, 1987, erblickte ich das Licht der Welt. Und dieses Licht wurde immer heller, denn ich wurde in die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas hineingeboren. Eine christliche Ausrichtung, man mag sie fundamentalistisch nennen. Von den Großkirchen unterscheiden sie sich besonders durch einige Lehren. Zum Beispiel hat ihrer Ansicht nach Jesus nicht am Kreuz gelitten, sondern an einem Stamm. Aber wenn ich ehrlich bin, diese Unterschiede in den Lehren sind mir schnuppe. Ich halte allgemein wenig von monotheistischen Lehren, da sie im Kern immer wieder anti-ethisch, irrational und inhuman sind. Darum werde ich diese Unterschiede weitgehend außen vor lassen.

Wie dem auch sei, ich wuchs also bei den Zeugen Jehovas auf. Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit. Die regelmäßigen Gottesdienste, 3x pro Woche und anfangs 1x, später 2x pro Woche den ‚Haus zu Haus Dienst‘ durchführen, Großveranstaltungen in Fußballstadien, sogenannte ‚Kongresse‘ (ich kann behaupten, in fast allen großen deutschen Fußballstadien gewesen zu sein, ohne auch nur ein einziges Spiel gesehen zu haben). Oh, da wäre ich ja schon an der den Zeugen eigenen Sprache angelangt, aber dazu später mehr. 

Die Tätigkeiten machten mir als Kind Spaß. Schließlich freuten sich die anderen Mitglieder darüber, wenn Kinder sich ‚engagierten‘, Lob und Anerkennung ist nunmal ein großer Ansporn. Jedoch wurde ich älter, die Pubertät schlug mit ihrer ganzen Härte zu, und um mir meinen Freiraum zu erkämpfen (naja, ich gebe zu, pubertäre Rebellion gegen die Eltern war mir auch sehr wichtig mit meinen damals 14 Jahren), gab ich bei den ‚Ältesten‘, geistliche Führer einer jeweiligen Gemeinde, an, dass ich nicht mehr dabei sein wolle. Nachdem diese versuchten, mit mir ein ernstes Gespräch über die Sachlage zu führen, wurde mir resigniert mitgeteilt, ich sei nun ‚von der Liste gestrichen‘. Diese Formulierung werde ich nie vergessen, weil sie für mich einen der wichtigsten Schritte meines Lebens einleitete. Großartige Folgen hatte dieses von der Liste gestrichen sein‘ für mich nicht. Immerhin hatte ich nur den Rang eines sogenannten ungetauften Verkündigers, das heißt, ich war kein vollwertiges Mitglied. Im Falle der Taufe wären die Konsequenzen extremer gewesen. Laut den Richtlinien soll der Kontakt zu ‚Abtrünnigen‘, wie die ‚Ausgeschlossenen‘ auch genannt werden, nämlich so weit wie möglich reduziert werden. Für Betroffene bedeutet das, unter Umständen ihr gesamtes (und ich meine es!) soziales Umfeld zu verlieren. Denn tiefe, freundschaftliche Kontakte sollen bitte möglichst innerhalb der Gemeinschaft geschlossen werden. Verliert man diese, ist man verlassen. Zweierlei wird dadurch erreicht:

Erstens, die Person bereut eventuell. Sie spürt den Schmerz und kehrt zurück und die Wärme des Gemeinschaftsnestes (die perverse Logik, Heuchelei und Unmenschlichkeit, Liebesentzug so zu begründen, ist mehr als eindeutig… Hinzu kommt die arrogante Anmaßung, ein jeder Aussteiger habe keine vernünftigen Gründe, denn diese Handhabe setzt sich nicht mit den Gründen auseinander, sondern soll jeden Fall gleich aburteilen. Demnach setzt das „Bereuen“ voraus, man habe „gesündigt“. Das schließt vernünftige Gründe direkt aus, denn das ist nichts, was man zu bereuen habe. Solche psychologischen bzw. psychopathischen Gedankenspiele sind in dieser Gemeinschaft leider keine Seltenheit.). Zweitens wird ein Dorn entfernt. Ein Ausgeschlossener verließ vielleicht aus gutem Grund diese Gemeinschaft. Und SOWAS gehört entfernt. Jegliche Kritik muss im Keim erstickt werden. Mehr noch, man muss davor fliehen. Und nein, diese Formulierung ist keine Übertreibung meinerseits, sondern ein geistiger Erguss der Zeugen Jehovas. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich vor einigen Jahren einen Zeugen fragte, wie Gottes Liebe mit den Qualen auf der Erde in Einklang zu bringen sei. Der kritikwitternde Zeuge verzog sein Gesicht zu einer wirklich hasserfüllten Visage und machte mir deutlich, dass er darüber nicht mit mir zu reden habe. Ich machte in Bezug auf dieses Thema zwar auch sehr, sehr viele positive Erfahrungen, jedoch war die Reaktion des erwähnten Zeugen alles in allem vorbildlich.

Aber gut, zurück zu meinem Ausstieg… Ich war jung, wollte Dinge erleben. Nichts Großes, eigentlich eher Stinknormales. Das erste Bier genießen (lustigerweise machte ich meine ersten Erfahrungen mit Alkohol Jahre vorher bei Feiern der Zeugen Jehovas. Die ‚Coolen‘ tranken um die Wette, wer bei denen sitzen wollte, musste trinkfest sein – ich war es mit 13 nicht, auch nicht, nachdem sie mich sanft zwangen.), Mädchen, vielleicht mal an einem Joint ziehen? Erfahrungen sammeln. ‚Weltlich‘ sein. Mein enger Zeitplan, den ich am Ende meiner Mitgliedschaft erfüllte, lies mir das nicht zu.

Montags – Buchstudium, Besprechung eines bibelerklärenden Buches der Zeugen Jehovas. Dienstags – Buchstudium mit einem ‚Interessierten‘, Mittwochs – Vorbereitung auf Donnerstag, an welchem ein Gottesdienst mit diversen kleinen Vorträgen stattfand (mit 9 oder 10 stand ich das erste Mal selbst vor der Gemeinde und las aus der Bibel), Freitags sowie Samstags stand dann der Haus zu Haus Dienst an und schließlich gab es am Sonntag nochmal einen Gottesdienst, d. h. einen langen Vortrag plus ‚Wachtturmstudium‘.

Aber da ist sie schon wieder, die Zeugensprache. Vielleicht sollte ich kurz einen Abstecher machen: Zeugen Jehovas besitzen eine eigene Terminologie. Meiner Ansicht nach ist das einfach ein Mittel, um sich abzugrenzen, sich elitär zu zeigen (und so wie ich das sehe, ist auch das mit ein Grund für viele Lehren, die vom allgemeinen christlichen Verständnis der Bibel abweichen, so z. B. das Thema um das Kreuz/den Stamm).

Worte wie „Wahrheit“ (= Die Lehre der Zeugen Jehovas), die „Welt“ (= alle Nichtzeugen), das „System der Dinge“ (= Die momentane Weltordnung unter der angeblichen Herrschaft des Satan). Aber auch „Haus zu Haus Dienst“ (= Das regelmäßige Missionieren), das „Bibelstudium“ (= Lesen und verstehen der Bibel unter alleiniger (!) Anleitung der Publikationen, welche für diesen Zweck von den Zeugen Jehovas herausgegeben wurden), „Feinde der Wahrheit“ (=Aufklärer, Kritiker) und so weiter, und so fort, all das ist sind in der ‚Zeugenwelt‘ normale Begrifflichkeiten. So wie man bei Scientology vom Thetan und Auditing redet und es normal ist, gibt es ebenso eigene Begriffe bei den Zeugen Jehovas. Gern Begriffe aus dem Alltag, die dann komplett umgedeutet werden, wie das Beispiel von der „Wahrheit“ zeigt. Natürlich könnte man nun noch auf die psychologie Wirkung dessen eingehen, aber ich muss ehrlich sagen, dass mir das nun doch zu weit führen würde.

Also das war nun mein Wechsel von der „Wahrheit“ in die „Welt“, welche mir als schlechter Ort ohne Freundschaft, ohne Liebe, ohne wahre Mitmenschen vermittelt wurde. Aber mein Wechsel war nur rein körperlich. Mein Verstand, mein Denken hing noch weiterhin dort, wo er die letzten eineinhalb Jahrzehnte verbrachte – im Gedankengut der Zeugen Jehovas. Ich teilte die Menschen weiterhin auf in die, die gerettet werden und die, die in Harmagedon, Gottes Strafgericht an der Menschheit, sterben würden.  Eben ganz so, wie ich es nun einmal lernte. In meiner Kindheit erlebte ich den ‚lustigen‘ Brauch noch, den einige wenige, vor allem alte, Zeugen aufrechterhielten: Verhielt sich jemand im Haus zu Haus Dienst ablehnend gegenüber den Zeugen, notierte man ihn sich als „Bock“. Als jemand, der in Harmagedon keine guten Karten hat. Aber das war nichts Offizielles, ein kleiner, unverbindlicher ‚Spaß‘.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit 17, knapp 18 in der Wohnung meines Bruders (der zu dem Zeitpunkt zu den „Untätigen“ zählte (= Zeugen Jehovas, die nicht ausgeschlossen sind, jedoch kaum mehr die Gottesdienste besuchen)) stand und wir beide uns sicher waren, dass WENN jemand richtig liegt, DANN seien es die Zeugen Jehovas.

Jedoch schlug mein Verstand meinem Willen ein Schnippchen, dachte sich seinen Weg durch die Hirnverrenkungen um 144000 Auserwählte für den Himmel (ja, auch das ist eine Zeugenlehre), landete im Garten Eden während des Sündenfalls, wich kurz der zupackenden Hand eines Jehovas aus, machte Halt vor dem Sündenbock Satan, tanzte eine Weile um das goldene Kalb und landete schließlich, nach jahrelangem Hin und Her, Diskutieren, Streiten, Verletzen und verletzt werden da, wo er heute ist – im Humanismus.

Wenn ich mit Menschen, die nie vorher von dieser Gemeinschaft hörten über die Zeugen rede, denken sie sofort an die Senioren mit mürrischem Blick in der Fußgängerpassage, die Zeitschriften mit den doofen Namen „Wachtturm“ und „Erwachet“ in der Hand halten. Die lieben Alten, die man belächelt. Nun ja, das ist die eine Seite. Die andere ist die interne.

Manipulation, Indoktrination, seelische Folter, genaue Kontrolle der Mitglieder, in früheren Jahren systematische Kindesmisshandlung, das sind Dinge, die leider Realität sind.

Vor kurzem las ich Hamed Abdel-Samads Prognose über die islamische Welt, in welcher er ein islamisches Kinderlehrbuch zitierte, das einbläuen sollte, Ungläubige kämen in die Hölle.

Nun, ich wuchs mit der Lehre auf, dass alle meine weltlichen Freunde in Harmagedon sicherlich verenden werden. Durch nette Illustrationen von schreienden Menschen, brennenden Häusern und zermalmten Tieren in den Publikationen wurde dieser Eindruck verstärkt.  Wo ist der Unterschied? In meinem Bücherregal steht ein Kinderbuch der Zeugen Jehovas (ein Mahnmal), welches Kindern nahelegt, Dämonen würden sich freuen, spielten sich die Kleinen an Penis und Scheide (Nur ums klarzustellen – wir reden hier von sogenannten Doktorspielen und dem vollkommen normalen Entdecken des eigenen Körpers).  Dieses Kinderbuch ist aktuell, es hat den Titel „Lerne von dem großen Lehrer“.

Beispiele dieser Art finden sich zuhauf in der zeugeneigenen Literatur. Ich persönlich wuchs noch mit der Lehre auf, dass das Schlagen von Kindern notwendig sei, um sie auf dem „Pfad der Rechtschaffenheit wandeln zu lassen“.  Wo ist der Unterschied zu einer Gesellschaft, die ihre Kinder vor „Ungläubigen“ warnt und diese verdammt? Natürlich gibt es inhaltliche Unterschiede, aber die geistige Vergewaltigung, die gesellschaftsfeindlichen Inhalte und die Indoktrination sind vom gleichen Kaliber.

Ich werde nie vergessen, wie ein „Kreisaufseher“ (ein von Gemeinde zu Gemeinde reisender Zeuge mit besonderem Ansehen) in einem seiner Vorträge glücklich jauchzend davon schwärmte, wie Kinder zu schlagen seien, sogar Witze darüber machte. Er lachte damit Kinder aus, die weinend verprügelt wurden. Es gibt eine „Sage“, eine Story, die bei Aussteigern und Mitgliedern gleichermaßen die Runde macht. Die kleine Geschichte vom Jungen, der während des Gottesdienstes nicht still sitzen will. Also nimmt ihn sein Vater an die Hand und führt ihn in den hinteren Bereich, um ihm den Hintern zu versohlen, wortwörtlich. Die Gemeinde weiß, was dem Jungen droht, der Junge ebenso. Er weint: „Jehova, hilf mir!“.

In der Gemeinde löste diese Story früher Gelächter aus, wie naiv der Junge sei.

Mir kommen beim Schreiben fast die Tränen, wenn ich darüber nachdenke.

Als ich vor kurzem 2 Zeugen Jehovas die mich besuchten eben darauf ansprach, gaben sie sich sehr überrascht, als hörten sie zum ersten Mal davon. Nachdem ich ihnen eindeutige Stellen in ihrer eigenen Publikation zeigte, welche glasklar aussagten, dass das Versäumen der Prügelstrafe ein Mangel an Glauben, ein Fehlverhalten sei, für das man sich vor Gott zu rechtfertigen habe, fühlten sie sich sichtlich unwohl. Natürlich ist es richtig, dass vor gar nicht allzu langer Zeit die Prügelstrafe allgemein einfach ganz normal war. Mein Vater wuchs mit seinen 5 Geschwistern mit dem Gehstock zu Hause und dem Rohrstock in der Schule auf. Jedoch war es sicherlich nicht normal, Kindesmisshandlung als göttliches „Edikt“ anzusehen, es anzupreisen, zu fördern und zu fordern. Aber das Licht wurde heller (die offizielle Bezeichnung für das Eingeständnis, sich in der Vergangenheit getäuscht zu haben und nun eine Änderung der Lehre vorzunehmen), diese Lehre verschwand aus ihren Schriften und seit dem Jahr 2000 wird man Schwierigkeiten haben, das Anpreisen der Kindesmisshandlung in seiner alten Härte zu finden, eher im Gegenteil.

Besonders auffällig ist das ‚heller werdende Licht‘ auch im Punkt Bluttransfusionen, die dem Leser, der bis hierhin durchhielt, sicherlich schon durch den Kopf gingen, schließlich gibt es kaum ein Thema, für das Zeugen Jehovas so sehr bekannt sind. Waren in der Vergangenheit Bluttransfusionen absolut verboten (basierend auf dem biblischen Gebot, sich des Blutes zu enthalten), sind sie mittlerweile eine Gewissensentscheidung. Oh, wieder ein Zeugenbegriff. Eine Gewissensentscheidung beschreibt eine Sachlage, die zwar nicht offiziell verboten ist, jedoch auch nicht direkt gewünscht ist. Ob Eltern ihre Kinder mit auf weltliche Klassenfahrten gehen lassen, ob Zeugen einen Job annehmen, der ihnen weniger Zeit zum Missionieren lässt, oder ob man eine Bluttransfusion annimmt, das alles sind Gewissensentscheidungen.

Während meines Studiums schrieb ich in der Lerneinheit „Journalistisches Schreiben“ einen Artikel über eine junge Zeugin Jehovas, die aufgrund ihrer Verweigerung der Transfusion starb.  Natürlich wird hier in antrainierter Zeugenmanier erwidert, dass sie ja vielleicht trotzdem gestorben sei. Das ist sogar richtig. Aber unerhört heuchlerisch. Denn die Überlebenschance steht hierbei nicht im Mittelpunkt. Weniger noch, die zählt nicht die Bohne. Sondern einzig und allein das als göttlicher Wille betrachtete Gebot. Selbst wenn Transfusionen den Krebs oder Aids heilen könnten, Zeugen Jehovas müßten darauf verzichten, denn es ist ein biblisches Gebot, zumindest ihrer Auffassung nach. Der Versuch, die angeblichen Risiken von Bluttransfusionen als Grund vorzuschieben, diese zu verweigern, ist entweder Unwissenheit um den eigentlichen Sinn des Verbotes oder aber ganz direkt pure Heuchelei. Jedoch würde im Fall der Bluttransfusionen als 100%iges Heilungsmittel für diverse Krankheiten sicherlich das Licht schlagartig heller werden. So funktioniert nun einmal göttliche Inspiration. Halte so lange an der wirren Lehre fest, bis überhaupt rein gar nichts mehr geht und sage dann, Gott erleuchte dich mit neuem Licht. Er wird schon richtig liegen…

Wobei diese Sachlage mir half, mich zu lösen, mich zu befreien von diesem Glauben. Nie werde ich vergessen, wie ich als junger Teenager weinend im Bett saß, fest zu meinem Gott betend, er möge mir sagen, zeigen was richtig ist. Gar nicht so lange später kam erst der körperliche, später der geistige Ausstieg.

Für mich war später glasklar, ich brauche den klaren Cut. Ich muss mich deutlich von dieser Sache distanzieren. Blame my Rechtsempfinden. Meine Erfahrung war jedoch, dass viele diesen Cut nicht brauchen. Sie können den Spagat wagen und entweder auf die Schnauze fliegen oder aber es hinkriegen. Miterlebt habe ich beides. Wer damit glücklich wird, der soll es ruhig tun.

Vor einigen Jahren las ich ein Interview mit einem Lokalpolitiker, der mehrere Jahrzehnte in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas verbrachte. Er sagte etwas, das ich sehr interessant finde. Er als Mensch sei mit diesem Glauben einfach nicht kompatibel. Diese Worte sind die kurze Beschreibung, mehr noch, die Erklärung für etwas, dass ich sehr lange fühlte und bei anderen Menschen der Szene nie verstand.

Ich bin mit diesem Glauben einfach nicht kompatibel. Meine ethischen Grundlagen und mein Verstand können so nicht funktionieren.  Für andere Menschen klappt es wunderbar, sie passen in diese Form. Oder werden geformt.

Ich bin froh, dass es bei mir anders kam. Jedoch bin ich auch froh, meine Kindheit so verbracht zu haben, wie ich sie verbrachte.

Mehr als froh bin ich jedoch dankbar dafür, die Erfahrungen gemacht haben zu dürfen(und ich schließe all die unschönen Erfahrungen mit ein…), die mich schließlich zu dem Menschen machten, der ich heute bin. Kein anderer will ich sein außer ich selbst.

 

Ich bin mir sicher, viele sehr wichtige Dinge fehlen in meinem bisherigen Aufsatz. Und ich weiß auch, dass es sehr viele Dinge gibt, die bestimmt viel eingehender bearbeitet werden müßten und könnten, auch von mir. Eine Aufarbeitung in dieser Form fand bei mir jedoch schon seit einiger Zeit nicht mehr statt, darum bin ich wahrscheinlich ein wenig ungeübt im Abwägen dessen, was wichtig ist und was nicht. Gesetzt den Fall, dass es positive Rückmeldung geben sollte und falls es gewünscht wird, kann ich sehr gerne noch auf weitere Inhalte oder Fragen eingehen. Gespannt bin ich aber erst einmal, ob jemand bis hierher durchhält.

Die Uhr sagt 21.00 Uhr, seit mehreren Stunden sitze ich hier schon und schreibe, lösche, schreibe, lösche. Grad springt mein Winamp auf die Nummer 5323 meiner Playlist, Michael Jackson – Beat it. Die perfekt Musik für einen Abschluß.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Die Gottes-Antinomien


 LogikDie "Reductio ad absurdum" 

In der Logik gibt es ein sehr mächtiges Hilfsmittel um von Dingen, über die man sonst nur wenig zu wissen braucht, dennoch eines mit absoluter Sicherheit sagen zu können: daß es sie nämlich nicht gibt. Man nennt das die Reductio ad absurdum (also die Zurückführung auf das Unsinnige). Dabei werden aus der Existenz-Behauptung eines Objekts Schlüsse gezogen, die aufzeigen, daß die Eigenschaften dieses Objekts entweder miteinander oder aber mit anerkannten Fakten in unauflösbarem Widerspruch stehen. Die Nicht-Existenz des besagten Objekts ist dann gesichert und steht deshalb fortan außer Frage.

In der Mathematik macht man davon reichlichen Gebrauch. Das berühmteste Beispiel dafür ist die Erkenntnis, daß es unendlich viele Primzahlen gibt. Dabei ist eine Primzahl eine natürliche Zahl (1, 2, 3 …) mit folgenden Eigenschaften: Sie muß größer sein als 1 und sie darf durch keine natürliche Zahl ohne Rest teilbar sein ausgenommen durch 1 und durch sich selbst. Die Reihe der Primahlen beginnt also mit 2, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19 etc. Es gibt unendlich viele davon (das besagt der Satz von Euklid). Aber wieso weiß man das?

Dazu bedient man sich eben dieser Reductio ad absurdum, die in der Mathematik "indirekter Beweis" genannt wird. Zu diesem Zweck nimmt man einmal an, es gäbe nicht unendlich sondern nur endlich viele Primzahlen. Ausgehend von diesen endlichen Anzahl von Primzahlen läßt sich aber auf wenigstens eine weitere schließen, von der man beweisen kann, daß sie sowohl größer als die "größte Primzahl" als auch ebenfalls eine Primzahl ist.

Somit ergibt sich: Aus der Annahme, daß es eine größte Primzahl gibt, folgt logisch, daß es eine noch größere gibt. Das ist ein Widerspruch und deshalb ist klar: es gibt keine größte Primzahl. Man könnte auch sagen, daß der Begriff "größte Primzahl" einen inneren Widerspruch enthält, der zwar bei flüchtiger Betrachtung nicht auffällt, aber dennoch besteht, und das damit Gemeinte unmöglich macht.

Ebenso berühmt aber unter Nicht-Mathematikern viel weniger bekannt ist die Russellsche Antinomie. Bertrand Russell entdeckte zu Beginn des 20. Jahrhunderts, daß die Basis der damaligen naiven Mengenlehre falsch sein mußte. Das ergab sich zwingend daraus, daß es in ihr möglich war, eine Menge mit widersprüchlichen Eigenschaften zu konstruieren, weshalb eine völlige Revision dieses Zweigs der Mathematik nötig wurde.

Für jene, die es interessiert, sei diese sogenannte Russellsche Menge kurz vorgestellt: Sie ist definiert als die Menge aller jener Mengen, die sich selbst nicht als Element enthalten. (Manche Mengen tun das, beispielsweise ist die Menge aller Begriffe selbst ein Begriff etc.) Es läßt sich nun ohne Mathematik bloß mit den Mitteln der Logik zeigen, daß die Russellsche Menge genau dann sich selbst als Element enthält, wenn sie es nicht tut, und umgekehrt.

In der Mathematik können selbstverständlich nur innere Widersprüche in indirekten Beweisen auftreten, aber in den empirischen Wissenschaften sind Widersprüche zu gesicherten Fakten ebenfalls zu berücksichtigen. Auch hier gibt es ein berühmtes und sehr einfaches Beispiel: das Olbers-Paradoxon in der Astronomie.

Der deutsche Arzt und Amateur-Astronom Heinrich Wilhelm Olbers führte 1826 den Nachweis, daß ein Universum von der Art, wie man es sich damals vielfach vorstellte (nämlich unendlich groß, unendlich alt, durchsichtig und gleichmäßig mit Sternen angefüllt) nicht existieren kann. In diesem Fall dürfte es nämlich keine nächtliche Finsternis geben, sondern der Himmel wäre Tag und Nacht an jeder Stelle so hell wie die Sonnenscheibe. Da das ganz offensichtlich nicht zutrifft, war ein solcherart beschaffenes Universum somit abgehakt und man mußte nach anderen Modellen suchen.

Die Reductio ad absurdum, deren Nutzen für die Mathematik und die Naturwissenschaft ich nun kurz skizziert habe, ist aber universell gültig und somit auch auf Philosophie und Theologie anwendbar.

Der Widerspruch von Gottes Allmacht und Allwissenheit

Unter "Gott" soll im Folgenden das verstanden werden, was die christliche Theologie mit diesem Begriff bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine Person (also ein Wesen mit Bewußtsein und Willen), das seit Ewigkeit besteht und alles Existierende erschaffen hat. Gott ist die höchste Form des Seins und hat die Eigenschaften der Allmacht und der Allwissenheit. Außerdem ist er im moralischen Sinn unendlich gut.

Unter dem Begriff der "Allwissenheit" versteht man, daß es keinen Sachverhalt gibt (sei er vergangen, gegenwärtig oder zukünftig), der dem Allwissenden nicht mit vollkommener Genauigkeit bekannt ist. Das hat eine wichtige Konsequenz, die zwar noch keinen Widerspruch enthält, aber viele Menschen doch befremden dürfte: die totale Determiniertheit der gesamten Zukunft.

Ein zukünftiges Faktum, das gewußt werden kann (egal ob von Gott oder von sonst jemandem) muß sicher sein. Hätte es nämlich einen freien Spielraum, dann wäre kein Wissen möglich, sondern bloß eine Wahrscheinlichkeits-Abschätzung. Weiß Gott beispielsweise, daß es am 6. Juni des Jahres 2500 in Rom regnen wird, dann muß es an diesem Tag dort auch tatsächlich regnen, denn sonst hätte er entweder etwas Falsches "gewußt" oder gar nichts, sondern bloß etwas vermutet. Mit einem allwissenden Gott wäre die Welt also von vornherein bis ins kleinste Detail festgelegt. Unsicherheit könnte nur subjektiv eintreten, wenn man die Fakten nicht kennt. Der allwissende Gott aber müßte sie kennen.

Allerdings – und hier setzt der Widerspruch ein – könnte er daran nichts mehr ändern. Nicht nur Allmacht wäre unmöglich, sondern jedwede Macht. Wenn es einen allwissenden Gott gäbe, dann wäre dieser Gott (und jede andere Person ebenso) vollkommen unfähig, irgendetwas willentlich zu beeinflussen. Der Lauf der Welt würde sich abspulen wie ein Film, an dem nichts mehr zu ändern ist.

Fazit: Einen Gott, der sowohl allmächtig als auch allwissend ist, kann es nicht geben.

Die Widersprüchlichkeit des bloßen Allmachts-Begriffs

Jeder kennt wohl die alte Scherzfrage: "Kann Gott einen Stein erschaffen, der so schwer ist, daß er ihn selbst nicht heben kann?". Bei näherer Betrachtung steckt darin eine Menge philosophischer Sprengstoff.

Es kann darauf nur zwei Antworten geben – ja oder nein. Ich habe mit Menschen diskutiert, die entschieden die erste Alternative vertraten: Ja, Gott kann diesen Stein schaffen, weil Gott allmächtig ist. Und anschließend kann er ihn aus dem gleichen Grund auch heben. Der darin enthaltene logische Widerspruch kümmert Gott nicht, denn er steht über der Logik.

Diese Argumentation ist aber nichts weiter als ein sprachlich camoufliertes Eingeständnis der Unmöglichkeit. Was "über der Logik" steht, ist eben unlogisch und deshalb mit den Mitteln der Reductio ad absurdum widerlegbar. Einen in diesem Sinne allmächtigen Gott kann es somit nicht geben.

Das wissen mittlerweile auch die Theologen, weshalb sie die obige Frage verneinen. Ein Stein, den Gott nicht heben könnte, wäre ein Widerspruch zu seiner Allmacht und somit eine Unmöglichkeit. Etwas Unmögliches aber, so sagen sie, kann Gott auch nicht tun.

Das ist eine in zweierlei Hinsicht interessante Position. Erstens macht sie definitiv Abstriche vom semantischen Inhalt des Wortes "allmächtig". Darunter versteht man eine durch nichts eingeschränkte Macht. Wird sie aber durch Logik eingeschränkt, dann ist sie eben keine "All"-Macht im eigentlichen Sinn des Wortes mehr. Das hat übrigens auch nichts mit der Übersetzung zu tun. Was für das deutsche Adjektiv "allmächtig" gilt, trifft gleichermaßen auch auf das lateinische "omnipotens" und das griechische "pankrates" zu. Die Beschneidung der Allmacht zur Vermeidung des logischen Widerspruchs ist somit ein echter Rückzieher.

Allerdings ist das nur der kleinere der beiden Nachteile, die mit der negativen Antwort verbunden sind. Es stellt sich nämlich die Frage, wo die Logik herkommt, an die sich Gott halten muß, und die er nicht verletzen kann. Seine Schöpfung kann sie nicht sein, denn sonst würde sie ja seinem Willen unterliegen und hätte für ihn keine Zwingkraft. Er muß sie also schon vorgefunden haben (und das vor aller Ewigkeit!), denn sie steckt den Rahmen ab, innerhalb dessen er sich auswirken kann. Das absolut Höchste ist ein Gott dieser Art also nicht. Wird er dennoch so definiert, dann liegt ein Widerspruch vor. Einen eingeschränkt "allmächtigen" Gott, der dennoch die höchste Form des Seins ist, kann es somit nicht geben.

Das Theodizee-Problem

Von Gott heißt es, daß er unendlich gut ist, und obwohl dieses Adjektiv "gut" nicht mit gleicher inhaltlicher Strenge gefaßt werden kann wie andere ihm zuerkannte Eigenschaften, treten dennoch gerade hier so massive Widersprüche zur Realität auf, daß darüber in Philosophie und Theologie seit Jahrtausenden gerätselt wird.

Trivialerweise gibt es auf der Welt Dinge, die nicht gut sind, weil sie dazu führen, daß unschuldige Menschen leiden. Warum verhindert das Gott nicht? Will er nicht? Nein, das widerspräche seiner (noch dazu unendlichen) Güte. Oder kann er nicht? Nein, das stünde ja im Widerspruch zu seiner Allmacht. Warum also läßt er so etwas zu?

Die übliche theologische Antwort darauf lautet, daß das eine Folge der menschlichen Willensfreiheit ist. Das ist aber nicht schlüssig, denn viel Leid entsteht aus Ursachen, auf die der Mensch willentlich gar nicht Einfluß nehmen kann (wie beispielsweise ein Erdbeben).

Außerdem ist eine freie Willensentscheidung des Menschen nicht logisch zwingend mit deren kausalen Folgen verbunden. Auch wenn Gott beispielsweise einem bösen Menschen die Freiheit läßt, auf einen Unschuldigen zu schießen, könnte er immer noch die Kugel in ihrem Lauf ablenken, um trotz dieser Freiheit das Opfer vor Schaden zu bewahren. Das tut er aber nicht.

Eine weitere Antwort lautet, daß die Welt eben so beschaffen ist, daß die Freiheit der einen zum Leid der anderen führen kann. Nun, das ist sie offensichtlich, aber wenn Gott diese Welt geschaffen hat, dann ist er auch für ihre Eigenschaften verantwortlich. Er hätte ja auch eine bessere erschaffen können.

Im Gegensatz dazu nahm Leibnitz an, daß unsere Welt bereits die beste alle möglichen ist. Dem ist aber entgegenzuhalten, daß Menschen kein Problem damit haben, sich eine bessere Welt vorzustellen. Eine solche ist somit keineswegs denkunmöglich. Ein allmächtiger Gott könnte also mit Leichtigkeit eine bessere geschaffen haben, auch wenn er den Gesetzen der Logik unterworfen ist.

Eine weitere Antwort auf das Theodizee-Problem ist die Behauptung, daß alles Schlechte doch letztlich zu etwas Gutem führen wird. Aber abgesehen davon, daß das unschwer als Ausflucht zu erkennen ist, hat es auch keine argumentative Kraft. Einem allmächtigen Gott müßte es sicherlich möglich sein, Gutes auch ohne den Umweg über entsetzliches Leid zu erreichen, wenn er das nur wollte.

Das letzte Verzweiflungs-Argument der Theologie ist der Hinweis, daß das Wort "gut" für Gott eine ganz andere Bedeutung haben kann als für uns. Folgt man dieser Argumentation, dann würde es aber sinnlos, den Menschen zu sagen, daß Gott gut ist, weil der semantische Inhalt dieses Adjektivs für uns Menschen verloren ginge. Da könnte man ebensogut ein anderes nichtssagendes Wort verwenden und beispielsweise behaupten "Gott ist unendlich babig". Das wäre sogar noch besser, weil dann keine durch Synonymie hervorgerufene Irreführung mehr einträte.

Die Antwort der Theologie

Werden Gläubige mit den in diesem Artikel vorgebrachten logischen Einwänden so lange konfrontiert, bis ihnen klar wird, daß sie keine Chance mehr haben, sie zu zerstreuen, dann tritt üblicherweise eine charakteristische Reaktion ein: Sie versuchen, der ihnen lästig gewordenen Diskussion auf eine nicht-argumentative (und somit irrationale) Weise zu entfliehen. Kinder und einfache Menschen, die so reagieren, verwenden dabei gerne den Ausdruck "aber trotzdem!".

Theologen käme das wohl zu ungebildet vor, weshalb sie ein lateinisches Äquivalent vorziehen: "Est mysterium fidei" – das ist ein Geheimnis des Glaubens. Will man das auf die Spitze treiben, dann kann man sich noch eines weiteren berühmten lateinischen Satzes bedienen: "Credo, quia absurdum est" – gerade, weil es absurd ist, glaube ich. Na ja, dem ist dann wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Resümee

Der monotheistische Gott der christlichen Theologie hat dogmatisch festgelegte Eigenschaften, die zu logischen und faktischen Widersprüchen führen. Es ist somit sicher, daß es einen so beschaffenen Gott nicht geben kann. Zwar ist es möglich, den Gottesbegriff so abzuwandeln, daß alle hier beschriebenen Antinomien nicht mehr eintreten, aber das wäre dann eben ein anderer Gott und nicht mehr der hier besprochene christlich-monotheistische. Im Hinblick auf diesen jedenfalls ist die Gültigkeit des Atheismus beweisbar. 

 

Die Meinung des Gastautors Argutus muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

An dieser Stelle sei verwiesen auf den Folgebeitrag des Autors:
Gibt es Gott – Warum sollte es?

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Über die Selbstbestimmung und die Würde des Menschen


dghsEine Rezension von Siegfried R. Krebs (Freigeist Weimar):  

WEIMAR. (fgw) Noch vor dem 1. Januar ist dieser Tage die erste Ausgabe der DGHS- Vierteljahreszeitschrift „Humanes Leben – Humanes Sterben“ (HLS) für das Jahr 2019 erschienen. Die DGHS – das heißt ausgeschrieben Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben e.V. – versteht sich als Menschenrechts- und Patientenschutz-Organisation sowie als Bürgerrechtsbewegung. In dieser Heft-Ausgabe gibt es kein eigentliches Schwerpunktthema.

Dafür aber eine Wortmeldung per Abschiedsbrief einer promovierten Frau aus Deutschland, die im Oktober 2018 mit Hilfe der Schweizer Organisation „lifecircle" durch Freitodbegleitung in der Schweiz selbstbestimmt gestorben ist. Ihre Hinterbliebenen erklärten sich mit dem Abdruck des Schreibens ausdrücklich einverstanden, heißt es dazu von der Redaktion, ergänzt durch diese Information: Im November gab es Medienberichte, dass „lifecircle" wegen zu hoher Nachfrage aus Deutschland Fälle ablehnen muß.

Unter der Überschrift „Über die Selbstbestimmung und die Würde des Menschen" stellt dieser Abschiedsbrief aus der Warte einer Betroffenen ein entschiedenes Plädoyer für eine kontrollierte Sterbehilfe dar.

Sie schreibt zunächst über ihre Krankheit, deren medikamentöse Behandlung mit gravierenden Nebenwirkungen und benennt auch die Kosten. Allein die Tabletten hätten pro Tag 300 Euro gekostet, hinzu kämen noch die Arzt- und Pflegekosten.

Und sie stellt Fragen:

„Wem also nützt eine solche Behandlung? Sie verlängert das Leiden mit der Gewissheit, das Ende steht nahe vor der Tür. Der Betroffene kann einige Tage länger leben, aber mit welcher Lebensqualität und wofür soll er sein Leiden verlängern? Er soll die Errungenschaften der Wissenschaften genießen. Zeitgewinn! Wofür und unter welchen Bedingungen? Wem nützt es wirklich? Der Industrie, der Ärzteschaft, dem Pflegepersonal. Welches Leidn kommt über die Angehörigen, die nicht helfen können. Sie müssen das Leiden mit ertragen und können doch bei allem Einsatz nicht das Ende aufhalten.

Warum darf nun der betroffene Kranke nicht den Wunsch äußern und um Hilfe bitten, sein Elend zu beenden? Unsere landläufige Meinung ist, nur Gott darf es. Der Mensch darf nicht selbst Hand anlegen. Stimmt das? Wer hat mit Gott sprechen können? Wem hat er das gesagt? Die Menschen haben sich diese Antworten gegeben. (…)

Mit welchem Recht schwingen sich Menschen auf über andere zu richten, was ihr freier Wille ist und wie weit man diesen nutzen darf? (…) Die Kirche leider hat ihr Versagen in den moralischen Fragen unter Beweis gestellt. Sie deckt den Mantel des Schweigens über die Vergangenheit und will weiter Hüter der Moral sein? Was ist mit der freien Willensentscheidung und der Würde eines jeden Menschen,garantiert in vielen Verfassungen vieler Länder? Es schwingen sich Menschen zu Moralaposteln auf, die nur einen Moralanspruch an andere haben.Welch‘ ein Trauerspiel! Wer glaubt,die Entscheidung,aus dem Leben zu treten, sei leicht, der irrt. Es erfordert viel innere Kraft, aber auch Demut und Dankbarkeit für das, was man erlebendurfte, was man bewältigt hat."

In dem Brief wird selbstverständlich auch auf den Vorwurf eingegangen, Sterbehilfeorganisationen würden sich bereichern und sie antwortet:

„Die Frage ist, kann man von Bereicherung sprechen, wenn jemand einem bei einem selbstbestimmten Sterben hilft? Das vergleichsweise kleine Entgelt, was ein Sterbehelfer und die Verwaltung erhalten, ist für eine Dienstleistung wie jede andere. Das einträgliche Geschäft mit der Lebensverlängerung fällt da weit größer aus.

Typisch für unsere Gesellschaft, den kleinen Gelderwerb anprangern und amoralisch darstellen, damit das eigene, weit größere Handeln vertuscht werden kann. Wie steht es mit der Würde des Menschen? Sie wird auf dem Altar des Geldmarktes geopfert mit dem Alibi der Moral." (S. 33-34)

Aus diesem Abschiedsbrief ist hier mit Absicht sehr ausführlich zitiert worden, berühren doch die Worte seiner Verfasserin die Fragen, Ängste, Hoffnungen vieler Menschen, nicht nur die der DGHS-Mitglieder!

Um solche Fragen geht es letztlich ebenfalls im Editorial des DGHS-Präsidenten Prof.Dr.Dr. Dieter Birnbacher auf S. 3. Darin heißt es:

„…zunehmend werden Herzpatienten zur Vermeidung von Tod oder gesundheitlichen Schäden durch Herzrhythmusstörungen streichholzschachtelgroße Impulsgeber unter die Haut implantiert. Diese sogenannten ICDs (implantierbare Cardioverter-Defibrillatoren) sind für die Patienten regelmäßig segensreich. (…) Im Vorfeld des Sterbens erweisen sich diese Implantate allerdings häufig als Belastung. (…) Sie zögern den Vorgang des Sterbens sinnlos hinaus und verhindern ein friedliches Verdämmern. Technisch ist das Abstellen eines solchen Geräts kein Problem. (…) Auch ethisch und rechtlich ist ein Abstellen unproblematisch, solange der Patient einwilligt oder durch eine Patientenverfügung (…) eingewilligt hat. Da das Ausschalten zwar ein aktives Tun ist, aber lediglich den Abbruch einer Behandlung darstellt, zählt sie als 'Sterbenlassen` zu dem der Arzt, sofern es vom Patienten verlangt wird, nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet ist. (…)

Die Neufassung der Patientenverfügung der DGHS (erhältlich ab Frühsommer 2019/die bisherigen Formulare bleiben aber gültig!) sieht eine entsprechende Verfügung ausdrücklich vor."

Gar nicht so breiten Raum nimmt die Berichterstattung über die ordentliche Delegiertenkonferenz der DGHS im November ein und ist dennoch überaus informativ. Verfasserin Claudia Wiedenmann zeigt damit, daß man über Vereinsformalien durchaus lesbar und lesenswert schreiben kann: „The same procedere as every year?" (S. 4-5)

„Der Leisten geht von Bord", so hat Wega Wetzel die Verabschiedung des bisherigen DGHS-Vizepräsidenten Volker Leisten getitelt und sie nimmt darin eine beeindruckende Würdigung des langjährigen ehrenamtlichen Engagements der „rheinischen Frohnatur" Leisten vor. (S. 6-7)

Und wer Volker Leisten kennt, der nimmt mit großem Bedauern zur Kenntnis, daß mit ihm die DGHS einen wirklich strategischen Denker und tatkräftigen Macher in Sachen Organisationsentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing als Präsiden verloren hat und der wohl auf sehr lange Sicht nicht zu ersetzen sein dürfte.

Wega Wetzel informiert dann noch über eine Performance des Entertainers Beppo Küster am Abend nach dem ersten Beratungstag. (S. 7)

Um die Öffentlichkeitsarbeit der DGHS geht es in einem weiteren Beitrag von Wega Wetzel über eine überaus gut besuchte und von dem TV-Urgestein Franz Alt moderierte Podiumsdiskussion in Baden-Baden, die Aspekte des Sterbens beleuchtete: „Leiden aushaltbar machen oder Freiheit behaupten?" (S. 8-9)

„Als Au-pair-Oma ins Ausland, wie geht denn das?", darauf antwortet Manuela Hauptmann in ihrem Artikel „Mit 60 Jahren um die Welt". Ja, wer hätte denn gedacht, daß es so etwas tatsächlich gibt?! Was dafür aber bedacht werden muß und was so alles erforderlich ist, das wird auf den Seiten 12-13 eingehend beschrieben.

Natürlich darf auch Juristisches in der DGHS-Zeitschrift nicht fehlen. Heuer geht Rechtsanwalt Oliver Kautz auf den S. 14-15 auf Besonderheiten im Erbrecht ein, die sogenannte Patchwork-Familien unbedingt beachten sollten.

Sehr umfangreich fallen in dieser Ausgabe Berichte aus dem Vereinsleben in den Regionen aus. Leider kann man sich – als ständiger HLS-Konsument – mitunter des Eindrucks der Peinlichkeit nicht erwehren, wenn man da gleich zwei ellenlange Beiträge aus Bremen zur Kenntnis nehmen muß; siehe S. 1-11 und 24-25. All das hätte durchaus kürzer formuliert werden können, also im Kurzberichtsformat gehalten sein können. An die dafür eigentlich üblichen Formate halten sich dagegen die nicht minder aussagekräftigen Meldungen aus Bonn, Leipzig, Nürnberg, Osnabrück, Weimar und Würzburg.

Nicht fehlen dürfen die verschiedenen ständigen Rubriken, wie der vierteljährliche Veranstaltungskalender, der „Dialog unter Mitgliedern", die Leserbriefe, Ausstellungs-Tips, der „Blick in die Medien" und der „Blick über die Grenzen" mit Nachrichten aus Frankkreich, Italien, den Niederlanden und Österreich sowie aus der Schweiz und aus Spanien.

Wie immer runden mehrere Rezensionen das Lektüre-Angebot ab, und das eigentlich im doppelten Wortsinne: Besprochen werden eine DVD über einen Freitod in der Schweiz (von Red.), zwei Bücher über Fragen von Sterben und Tod (von Red. und Siegfried R. Krebs) sowie über den Zauber in den kleinen Dingen des Alltags (von Manuela Hauptmann).

Mehr Informationen zur DGHS und ihrer Zeitschrift sind auf deren Webseite zu finden.

Link zum Original: http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/ueber-die-selbstbestimmung-und-die-wuerde-des-menschen/

Siegfried R. Krebs

 

 




Änderungen


Katze NeujahrLeider ist hier einiges in der letzten Zeit nicht so gelaufen wie gewollt und verabredet. Ich habe mich deshalb entschlossen, die Zahlungen für die Seite bis auf weiteres aufrecht zu erhalten bis ich eine vernünftige Anschlusslösung gefunden habe. Es wäre schade, wenn die Artikel nicht der Nachwelt erhalten blieben.

Ich bitte die Leser und Freunde der Seite um Verständnis für die Massnahme, für die ich nach der Weigerung von Dr. Wilfried Müller, WB weiterzuführen, keine Alternative sah.

Es kann jetzt durchaus ein paar Tage lang hier ruhig sein, bis ich mit der notgedrungen wiederaufgenommenen Verpflichtung in die Reihe komme. Ein Neustart ist aber in Sicht sobald die Katze wieder bei Sinnen ist :D

In jedem Fall wird es eine Rückkehr zu den humanistischen Wurzeln dieser Seite geben: HUMANISMIS HIC HABITAT.