Atheismus ist eine Religion


Religious Atheist or Agnostic on checkmark

Religious Atheist or Agnostic on checkmark

Hier zur in der Überschrift angeführten These zuerst Text aus einer drei Minuten langen You-Tube-Predigt:

Atheismus wird oft als eine wissenschaftliche Aussage über das "nicht glauben an ein göttliches Wesen" angegeben.

Bei genauem betrachten ist das nicht der Fall. Nur weil Materie, meine Haustiere, viele andere Lebewesen, der Rechte Fuß von Richard Dawkins nicht an einen Gott glauben macht das sie nicht automatisch zu Atheisten.

Ich glaube nicht an die Zahnfee aber ich nenne mich deswegen nicht "Azahnfeejaner" oder stelle mich so vor oder schreibe das auf mein Profil in diversen Netzwerken.

Regelmäßig begegne ich Menschen die sagen "ich bin Atheist" und sie teilen diese Inhalte auch medial auf ihren sozialen Plattformen. Es bildet damit einen Teil ihrer Identität.

Dazu kommt das atheistische Kirchen betrieben werden, mit Gesängen, Rednern, Gemeinschaft in der sie sich auf ihre atheistischen Werte besinnen und diese Praktiken sie eben voll und ganz zu einer Religion machen!

Religion ist immer ein von Menschen gebildetes Glaubenskonstrukt das auch hier ganz rein passt und sich in der Sonntagsversammlung oder der Sunday Assembly und Plattformen wie Atheist Republik zeigt.

Also was ist hier los? Der atheistische Glaube ist mehr als eine Aussage! Mehr als ein Teil der Identität. Es ist eine Religion!

Und gerade einer der atheistischen Ikonen, Christopher Hitchens sagt in einem Zitat : "Was ohne Beweis behauptet werden kann, kann auch ohne Beweis verworfen werden".

Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz! Wie gerne würde ich, ohne Atheisten zu nahe treten zu wollen, dass dieses Prinzip an ihrem Glaubenskonstrukt Anwendung findet. Und sie müssten es auch fairer weise tun!

Denn die Kriterien der Beweislast gelten nicht nur für den Glauben an einen Gott, sondern auch für den Glauben an keinem Gott!

Hier passen Jesus Worte aus dem Matthäusevangelium sehr gut:
Matthäus 7, 24 – 27
Jeder nun, der irgend diese meine Worte hört und sie tut, den werde ich einem klugen Manne vergleichen, der sein Haus auf den Felsen baute; und der Platzregen fiel hernieder, und die Ströme kamen, und die Winde wehten und stürmten wider jenes Haus; und es fiel nicht, denn es war auf den Felsen gegründet.
Und jeder, der diese meine Worte hört und sie nicht tut, der wird einem törichten Manne verglichen werden, der sein Haus auf den Sand baute; und der Platzregen fiel hernieder, und die Ströme kamen, und die Winde wehten und stießen an jenes Haus; und es fiel, und sein Fall war groß.

Prüfe und vergleiche dein Fundament mit dem was Jesus dir anbietet und beschreibt und sei kein "törichter Mensch".
Es ist nicht zu spät IHN dein Leben und Herz zu schenken!

Meinereiner hat dem Prediger eine Predigt zu diesem Thema geschickt:

Hab mir gerade deine Predigt auf YouTube angehört, wo du Atheisten quasi zu einer Glaubensgemeinschaft machst. Es gibt natürlich Atheistenvereine, die regelmäßig zusammensitzen. aber das ist allgemein üblich bei Menschen, die dieselbe Weltanschauung vertreten. Auch Vegetarier, die nicht an den Fleischkonsum glauben, treffen sich, ebenso Tierschützer, Fußballfans, Bergsteiger, politisch Gleichgesinnte sowieso, usw. Und das müssten dann nach deiner Denkweise auch lauter Gläubige sein. Aber es gibt eben die alltägliche säkulare Welt, in dieser gibt es eben diverse säkulare Ansichten, Meinungen, Interessen. Aber was hat das mit dem Glauben an Götter zu tun? Ganz einfach: NICHTS!

Natürlich kann man auch in säkularen Interessensbereichen was glauben. Ich glaube z.B., dass die klassische Rock’n’roll-Musik aus den 50er-Jahren die beste Musik aus dem populären Musikbereich war und ist, andere glauben an die Großartigkeit von Hip-Hop oder Countrymusik und dürfen das genauso glauben, ohne dass sie gesteinigt werden oder auf den Scheiterhaufen kommen oder Mitglieder in einer Glaubensgemeinschaft sind. Du glaubst an deinen Gott, andere glauben an andere Götter oder Wünschelruten oder die buddhistische Wiedergeburt und bekommen davon auch kein Kopfweh.

Du wertest deine Einbildung, dass es deinen Gott tatsächlich gibt, damit auf, dass du Leute, die nicht an Götter glauben und das öffentlich deklarieren, abwertest. Wobei du das recht ungeschickt machst, du niedrigst sie nämlich zu Gottesgläubigen herab, wertest damit also deine eigene Weltsicht auch ab.

Dass Götter ein bloßes Massenprodukt (siehe Götterliste) des menschlichen Denkens sind, das darauf beruht, dass man sich die Welt nicht erklären konnte, mit der eigenen Unzulänglichkeit Probleme hatte und darum fiktive Wesen schuf, die alles geschaffen hätten und alles zu vollbringen vermögen, die man deswegen um Hilfe bitten kann usw.

In der Welt von heute, wo man nimmer beten muss, wenn z.B. Kinder krank sind, weil man ja krankenversichert ist, werden Götter immer weniger benötigt. Denn die Einrichtungen des modernen Sozialstaates helfen den Menschen in den allermeisten Fällen wirklich, während Gebete nur scheinbar halfen: Wenn der Kranke gesund wurde, hatte Gott geholfen, wenn er nicht gesund wurde, prüfte der HErr oder strafte den Sünder.

Was ohne Beweis behauptet werden kann, kann auch ohne Beweis verworfen werden. Das ist klar! Kleinen Kindern wird vom Osterhasen erzählt, bewiesen kann der Osterhase nicht werden, aber man muss auch dessen Nichtexistenz nicht beweisen, wenn man Kindern vom Glauben an den Osterhasen befreit. Dabei kann man die Nichtexistenz des Osterhasen wissenschaftlich genauso nicht beweisen wie die Nichtexistenz von Göttern, weil man von Nichtexistierendem die Nichtexistenz praktisch nie beweisen kann. Ausnahmen wären möglich, man könnte zum Beispiel das Loch Ness leerpumpen und damit Gewissheit erlangen, dass es das Ungeheuer von Loch Ness nicht gibt. Aber die Nichtexistenz des Yeti, des berühmten Schneemenschen am Himalaya, lässt sich nicht beweisen. Seine Existenz ließe sich beweisen, wenn irgendwer irgendwo einen Yeti einfängt.

Bei Göttern funktioniert das nicht, weil der Jesus existiert real nur in der menschlichen Einbildung, auf der Straße ist er nicht zu sehen, der Jesus ist sozusagen der Osterhase für Erwachsene, denn Religionen sind nicht auf Sand oder Fels gebaut, sondern auf Luft und auf menschlichen Bedürfnissen, die Karl Marx als "Opium des Volkes" benannt hat: "Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes". Aber dank des Sozialstaates ging das Elend wesentlich zurück, das bedrängte Volk seufzt weniger, weil durch die Sozialrechte die Welt weniger herzlos wurde, die zunehmende Bildung milderte auch geistlose Zustände ab, darum wird Religion heutzutage schön langsam immer unwichtiger…

Atheismus ist daher keine Religion, sondern eine säkular-reale Weltanschauung

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




Gott und die Welt


petersdom-2e22df13-40f4-4bd9-a521-c8efabd84371„In Verantwortung vor Gott und den Menschen“ steht als Verpflichtung in der Präambel des deutschen Grundgesetzes. Angesichts der stark steigenden Zahlen derer, die sich in den letzten Jahrzehnten von den Kirchen befreit haben und der zusätzlichen großen Menge derer, die nur aus gesellschaftlichen oder familiären Gründen weiterhin im Schoß der Kirchen verbleiben, muss die Frage erlaubt sein, ob dieser Gottesbezug noch zeitgemäß ist, oder ob er nicht inzwischen einen regelrechten Affront gegenüber den Nicht- oder Andersgläubigen darstellt. Das Grundgesetz gilt immerhin für alle Deutschen, nicht nur für die verbliebenen Reste der aussterbenden Spezies homo religiosus. Jeglicher Vorstoß in Richtung Vernunft ist in den vergangenen Zeiten nach dem Kriege am erbitterten Widerstand der kirchlichen Lobby gescheitert. Man fragt sich unwillkürlich, was diese damit bezweckt, welche wahren Gründe sich hinter diesem besessenen Kampf verbergen.

Ginge es den Kirchen lediglich darum, ungestört ihre Riten befolgen zu dürfen, könnte es ihnen doch völlig egal sein, wie sich dieses weltliche Gebilde Staat organisiert und seine Gesetze demokratisch abgestimmt formuliert. Niemand will und wird ihnen das Recht auf Ausübung ihrer Religion nehmen. Es geht also nicht um die Verteidigung des religiösen Freiraums, sondern offensichtlich um die Meinungshoheit, um Dominanz, ja letztlich um die Disziplinierung aller Abtrünnigen oder Nie-Dort-Gewesenen. Es findet so zu sagen eine Fortsetzung der Inquisition mit anderen Mitteln statt. Zwar darf man Häretiker und Ketzer nicht mehr so ohne weiteres auf dem Scheiterhaufen von ihren Sünden befreien, aber das Beharren auf einer unsinnigen Formel zeigt jedermann eiskalt und gnadenlos: Wir sind noch da, warte nur ab, bis wir wieder die alleinige Bestimmungsgewalt haben, dann geht es Dir an den Kragen.

Auch in den nie zu einer gemeinsamen Verfassung geronnenen Lissabon-Prozess haben sich die Kirchenvertreter eifrig bemüht – unterstützt von den deutschen Vatikan-Parteien – ihre diskriminierenden Bestrebungen einzubringen. Es hat nicht gereicht, da selbst die überwiegende Mehrzahl der so genannten „katholischen“ Länder dem Begehren Widerstand entgegensetzte. Seitdem herrscht helle Verzweiflung bei den Katholiken, die so weit führte, dass katholischen Abgeordneten mit Exkommunikation gedroht wurde – ein wohlfeiles Machtmittel, das aber nicht mehr ganz so zieht wie noch in früheren Jahren, als von jeder Kanzel Wahlkampfpropaganda betrieben wurde.

Sie geben nicht auf. Im Rahmen der Kampagne, einen Gott in die europäische Verfassung (so sie irgendwann kommen sollte) einzuführen, veröffentlichte Kath.net nunmehr ganz brandaktuell ein Interview, das der kürzlich verstorbene Otto Habsburg der Organisation „Kirche in Not“ 2007 gab:

Papst Johannes Paul II. hat immer wieder davon gesprochen, Europa müsse auch eine Seele haben. Wie hat er das gemeint?
Der Kampf um die Seele Europas ist der Kampf um den Gottesbezug in der Verfassung. Wenn die Menschenrechte, die eines der wesentlichen Elemente Europas sind, einen Sinn und einen Inhalt haben sollen, muss es logischerweise einen Gott geben. Denn das Menschenrecht fußt schließlich auf dem Gedanken, dass der Mensch als von Gott erschaffenes Wesen eigene Rechte hat. Aus diesem Grund plädiere ich dafür, den Gottesbezug in die Europäische Verfassung einfließen zu lassen.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: ohne Gottesbezug ist die Seele Europas in Gefahr! Aber schlimmer noch: ausgerechnet die Menschenrechte, die der Vatikan neben Weißrussland nie unterzeichnet hat, dienen jetzt nachgerade als Gottesbeweis. Wusste dieser Mann zum Zeitpunkt des Interviews überhaupt noch, wovon er redete? Doch es geht bizarr weiter:

Die Gegenseite ist heute aktiver denn je. Der Teufel ist immer dort in der Nähe, wo der liebe Gott ist – weil er der Widersacher Gottes ist. Die antichristlichen und antireligiösen Kräfte sind gut vorbereitet, was von unserer Seite nicht behauptet werden kann. Hier gibt es für die Christen noch viel zu tun.
Reicht es denn nicht, wenn man einfach die Menschenrechte in die Verfassung schreibt und sich an diese vernünftigen Grundsätze hält?
Es reicht eben nicht! Hinter all dem muss eine höhere Autorität stehen. Das war der Grund, warum früher Gott in allen Dokumenten erwähnt wurde, jene höhere Autorität, die die Kontinuität der ganzen Sache verbürgt. Wir brauchen einen Gottesbezug in der Europäischen Verfassung, wobei dieser von allen Monotheisten getragen werden sollte.

Langsam schwant selbst dem kritischsten Leser, warum sich die Amtskirchen so herzhaft über die Präsenz des Islams in Europa freuen: Schützenhilfe für die erschlaffende Kraft des Christentums („alle Monotheisten“!). Und die Menschenrechte reichen natürlich nicht aus, denn denen fehlt die „höhere Autorität“.  Deutlicher kann man dem Scharia-Vorbehalt der OIC-Staaten nicht Beifall klatschen. Ob das allen Katholiken bewusst ist, die da immer noch meinen, vereint mit ihren Kirchen den Islam in Europa eindämmen zu können?

Wer an Gott glaubt, ist in dieser Frage unser Verbündeter. Auf anderen Gebieten mag es durchaus Differenzen zwischen den Religionen geben. Aber wenn wir die europaweite Perspektive sehen, müssen wir alle Kräfte sammeln und die Menschen vereinen, die an Gott glauben und für einen Gottesbezug in der Europäischen Verfassung eintreten.
Könnte es zu einer Re-Christianisierung oder zu einer Re-Vitalisierung des Christentums in Europa kommen?
Ich bin überzeugt, dass es dazu kommt. Ich sehe viele Zeichen, die das bestätigen. Wer, außer der katholischen Kirche, hätte weltweit solche Jugendtreffen zustande gebracht?
Wir leben in einer Zeit großer Veränderungen. Die Lebensbedingungen sind heutzutage ganz andere als früher. Die junge Generation hat das verstärkte Bedürfnis nach Halt, sie befindet sich auch wieder mehr auf der Suche nach Gott. Diese Chance gilt es zu nutzen.
Vor allem müssen junge, christliche Menschen in die Positionen kommen, wo Entscheidungen, auch für Europa, getroffen werden. Hier müssen sie für ihren Glauben

Wer sich die ganze Story zu Gemüte führen möchte, sei verwiesen auf http://www.kath.net/detail.php?id=32213

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Respektable Denkfehler


Dieser Artikel erschien zuerst bei unseren Freunden von Evidenz-basierte Ansichten:

Wenn jemand unangenehme Tatsachen leugnet, so hat er oft finstere oder egoistische Motive. Holocaust-Leugner möchten vielleicht die Schuld der Deutschen klein reden oder Zweifel an der Existenzberechtigung Israels säen. Leugner eines vom Menschen mitverursachten Klimawandels möchten vielleicht guten Gewissens das neue SUV-Auto kaufen oder dem eigenen Unternehmen Milliardenumsätze erhalten. Der Mörder leugnet seine Verantwortung für die Tat, um das Gericht in die Irre zu führen und um der Strafe zu entgehen.

Aber es gibt auch noble Motive für das Leugnen unangenehmer Tatsachen. Motive die unseren Respekt verdienen.

So leugnet vielleicht jemand den Holocaust, weil er nicht in einer Welt leben möchte, in der Menschen industriell ermordet werden. Er glaubt lieber, dass er in einer Welt lebt, in der so etwas nicht passiert. Oder jemand leugnet die Realität des Klimawandels, weil er nicht in einer Welt leben möchte, in der Menschen ihre eigenen vergleichsweise trivialen Interessen über die existenziellen Interessen zukünftiger Generationen stellen. Er glaubt lieber, dass er in einer Welt lebt, in der das nicht so ist. Oder ein Mörder leugnet die Tat ganz aufrichtig, weil er den Gedanken nicht ertragen kann, schuldig zu sein. Er glaubt lieber, dass er unschuldig ist.

Nun könnte jemand einwenden, dass es sich hier nicht um noble Motive handele, sondern um Realitätsverlust, um Wunschdenken. Was soll daran nobel sein, wenn jemand seine Überzeugungen nicht aufgrund belastbarer Fakten auswählt, sondern danach, ob sie ihm angenehm sind oder nicht? Respektabel? Doch wohl eher kindisch!

Ich nenne diese Motive aber deshalb nobel und respektabel, weil wir diese Einstellung de facto in der Gesellschaft vorfinden. Und zwar in der Regel dann, wenn es um religiöse Motive geht. Sie können überall in der Öffentlichkeit Sätze äußern wie

„Wenn Gott tot ist, dann ist alles erlaubt. Daher glaube ich, dass Gott lebt.“

„Wenn das Leben mit dem Tod endet, dann hat das Leben keinen Sinn. Daher glaube ich, dass das Leben nicht mit dem Tod endet.“

„Wenn es kein Jüngstes Gericht gibt, dann bleiben die meisten Verbrechen ungesühnt. Daher glaube ich, dass es ein Jüngstes Gericht gibt.“

Sie können damit im Fernsehen auftreten. Auch vor dem Bundestag. Sie können sogar ein gelehrtes moraltheologisches Seminar damit veranstalten:

http://www.youtube.com/watch?v=p_qlKKrocnk&feature=player_embedded

Wir respektieren diese Äußerungen. Wir behandeln sie in der Öffentlichkeit so, als ob sie vollkommen vernünftige Einstellungen zum Ausdruck brächten. Weist jemand darauf hin, dass es sich hier offenkundig um Wunschdenken handelt, so gilt dies als unhöflicher Affront. Aber wenn wir solche Äußerungen nicht beanstanden, dann ist das eine weiße Lüge. (Na und?) Es entspricht dem taktvollen Nichtansprechen der Tatsache, dass jemand viel zu dick ist. Das mag höflich sein, lässt aber auf mangelndes Interesse an seinem Wohlergehen schließen. Großes Übergewicht kann ernsthafte gesundheitliche Folgen haben. Wir gehen wohl davon aus, dass der Dicke das schon längst weiß. Wir müssen das nicht extra sagen.

In all den Äußerungen oben steckt das Schlussschema Modus tollens. Ein Konditionalsatz als erste Prämisse: „Wenn p, dann q.“ Die (stillschweigende) Zurückweisung der Folgerung „q“ als zweite Prämisse und die Schlussfolgerung: „Ich glaube nicht, dass p.“ Die zweite Prämisse müsste also lauten: „Ich glaube nicht, dass q.“ Wir könnten jetzt nachfragen. Warum glaubst Du nicht, dass „alles erlaubt ist“, dass „das Leben keinen Sinn hat“, dass „die meisten Verbrechen ungesühnt bleiben“? Die Antwort wird darauf hinauslaufen, dass Dir diese Sachverhalte unsympathisch sind. Aus dem „Ich glaube nicht, dass q“ wird so also ein ehrlicheres “Ich will nicht, dass q“ oder „Es soll nicht sein, dass q“.

In der scheinbaren Überzeugung steckt also ein Wunsch. Dies ist einfach die Umkehr des naturalistischen Fehlschlusses, nämlich der moralistische Fehlschluss. Sprichwörtlich geworden durch Christian Morgensterns Palmström:

„Und er kommt zu dem Ergebnis:

Nur ein Traum war das Erlebnis.

Weil, so schließt er messerscharf,

nicht sein kann, was nicht sein darf.“

Nun folgt aus unserem Wunsch aber leider nicht das Gewünschte. Fakten sind oft unsympathisch. Sie sind so penetrant wie unsensible späte Partygäste. Sie bleiben, auch wenn wir uns wünschen, sie sollen verschwinden. Die noble Haltung, die wir hier respektieren, ist einfach ein Denkfehler. Es ist im Grunde nicht Respekt, sondern mangelndes Interesse an der Person, was uns hier schweigen lässt. Denn ähnlich wie im Fall des Übergewichtigen zeigt unser Schweigen, dass wir uns nicht wirklich dafür interessieren, was unser Gegenüber denkt. Aber im Gegensatz zu jenem Fall können wir hier nicht davon ausgehen, dass jemand schon weiß, wenn etwas mit seinem Denken nicht in Ordnung ist. Dabei können auch respektable Denkfehler sehr ernste negative Folgen haben.

Aber wenn solche Denkfehler schon überall respektiert werden, kann ich mir hier ja auch mal einen solchen erlauben:

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der es zur unabänderlichen Natur des Menschen gehört, dass er dem moralistischen Fehlschluss aufsitzt, dass er systematisch Fakten ignorieren muss, die seinen vorgefertigten Meinungen widersprechen, dass er nicht in der Lage ist, Tatsachen zu akzeptieren, die ihm nicht gefallen. Daher glaube ich, dass Menschen sich in dieser Hinsicht ändern können. Insbesondere glaube ich, dass ein kleiner Artikel in einem unscheinbaren Blog am Rande des Internets etwas dazu beitragen kann, dass sie sich ändern.

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Esoterik ist die neue Weltreligion...


Woman Consulting The Stars - Zodiac Signs In The Sky - Contain Illustration And elements furnished by NASA

Woman Consulting The Stars – Zodiac Signs In The Sky – Contain Illustration And elements furnished by NASA

…und sie verblendet die Massen

Darüber ist seit 13.7.2019 auf https://www.watson.ch zu lesen,
es heißt dort einleitend:

"Esoterik der harten Sorte kann bedenkenlos als neue Weltreligion bezeichnet werden. Es ist zwar weder eine klar definierte Heilslehre noch eine geschlossene Glaubensgemeinschaft, doch die pseudospirituelle Lehre hat einen gemeinsamen Kern: Der Glaube an paranormale übersinnliche Phänomene, bei denen alles für wahr gehalten wird, was die Fantasie von überspannten Gurus und spirituellen Meistern ausspuckt."

Weiterlesen auf der Watson-Site!

Ja, die alten Religionen verlieren an Bedeutung, die Gläubigen werden zunehmend weniger! Aber das "Opium des Volkes" existiert weiter! In Form der Esoterik! Menschen die sich in diese Richtung orientieren sind ebenfalls Gläubige, man nennt sie allerdings "Abergläubische"!

Warum das passiert, ist nachvollziehbar! Früher als die traditionellen Religionen noch im Volke verankert waren, beinhalteten sie auch entsprechende esoterische Elemente: Zum Beispiel zogen Bauern in Prozessionen mit dem Pfarrer über ihre Felder, der Pfarrer besprengte diese mit Weihwasser und man betete um die Hilfe Gottes für gute Ernten. Und wenn man selber oder jemand in der jeweiligen Umgebung Unglück erlitten hatte, dann betete man selber zum HErrn um Hilfe und andere schlossen von Unglücken Betroffene in ihre Gebete ein. Wenn dann die Ernte gut war und das Unglück bewältigt werden konnte, hatte der Herrgott geholfen. Wenn es nicht geklappt hatte, dann war der Herrgott beleidigt worden, die Beter hatten vielleicht zuwenig gebetet oder zuviel gesündigt oder der Herrgott prüfte die Menschen oder seine Wege waren unerforschlich.

In der Esoterik ist das einfacher und zielgerichteter, die Gurus haben ihre Bereiche und ihre transzendenten Welterklärungen, die Käufer der Angebote erleben dasselbe wie Beter und Prozessionsteilnehmer, manchmal wird ein Problem gelöst, manchmal verschlechtert es sich wenigstens nicht, manchmal placebot etwas, man kann also durchaus subjektive Erfolgserlebnisse haben, denn Einbildung ist die Bildung der Abergläubischen! Klarerweise kann im wirklichen Ernstfall die Esoterik nicht helfen, aber dann hat man es wenigstens probiert…

Das Schöne dabei ist in jedem Fall, die Gurus strafen ihre Kunden direkt, esoterischer Aberglaube ist Dummheit, Dummheit tut normalerweise nicht weh, aber für diese Dummheit wird der Nutzer vom Anbieter sofort mit einer entsprechenden Geldstrafe belegt, die durchaus wehtun und dadurch Lernfähigkeit und Besserung bezüglich des Aberglaubens auslösen kann…

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




Quantum Dawn


ThoreThore D. Hansen (Mitglied der Initiative Humanismus) über seinen Wirtschaftsthriller „Quantum Dawn“.

Das Finanzsystem wird in einer der größten Blasen aller Zeiten in die Luft fliegen oder dahinsiechen. Beides keine guten Optionen, aber das unweigerliche Resultat eines entfesselten Raubtierkapitalismus und einer Politik, die nicht mehr dem Gemeinwohl dient! Griechenland und Spanien könnten der Anfang vom Ende eines Kapitalismus bedeuten, der seine unmenschliche Fratze nicht mehr verbergen kann.

Mitte 2013 entschied sich der Autor Thore D. Hansen die Hintergründe der Finanzkrise und des Geldsystems in einem Thriller zu verarbeiten. Nichts ahnend entwickelte sich durch die Recherchen ein Plot, der zwischen Januar und Februar 2014 durch eine unheimliche Serie von Selbstmorden unter Bankmanagern eine zusätzliche Steilvorlage bekam und nicht zuletzt durch die Entscheidung der Europäischen Zentralbank die Geldschleusen ins unermessliche zu öffnen, sowie die Offenlegung zahlreicher Interessenkonflikte, die in dem Thriller zur Sprache kommen.

In seinem Roman „Quantum Dawn“ spielt der Autor mit recherchierten Fakten und schickt seine Hauptfigur, die Scotland-Yard-Polizistin Rebecca Winter in einen Alptraum der international entfesselten Finanzgiganten. Zunächst sorgt ein Mord in der Finanzwelt für Unruhe in den geheimen Zirkeln des Geldsystems. Schnell entdeckt Rebecca Winter, dass ein geheimer Algorithmus die Ursache für eine einsetzende Mordserie ist: Den Börsen, durch ihre technische und globale Vernetzung angreifbar und manipulierbar wie nie zuvor, droht ein gigantischer Crash. Winter stößt auf einen Plan, der die uns bekannte Zivilisation bis ins tiefste Mark treffen wird. Hansen spielt in seinem Thriller mit realen Begebenheiten. Dass die großen Player wie die Deutsche Bank, Goldman Sachs & Co. die von ihnen entfesselten Kräfte der Finanzwelten schon lange nicht mehr kontrollieren können, ist mittlerweile jedem klar. Doch Thore D. Hansens Thriller entwirft ein kompaktes Schreckensszenario, das von Seite zu Seite beklemmender wird – weil das, was er erzählt, möglicherweise längst Wirklichkeit ist.

Der ungeklärte Tod des Investmentbankers führt die Scotland-Yard-Polizistin Rebecca Winter schließlich zu dem BND-Agenten und Kryptologen Erik Feg. Er entschlüsselt einen Code, der die automatischen Handelssysteme an den Börsen weltweit manipulieren könnte. Winter und Feg geraten mitten in den Kampf einer unbekannten Gruppe von Herren, die sich in Brüssel und an den Schaltstellen europäischer Politik eingenistet haben, um einen geheimen Plan umzusetzen. Was zunächst nach kriminellen Machenschaften einiger skrupelloser Banker aussieht, entpuppt sich schnell als Abgrund eines globalen Kampfes um die Vorherrschaft des Geldes. Doch aus den Eliten des Geldes scheint sich eine Opposition zu bilden, mit der keiner gerechnet hat. Fast 500 Seiten pure Spannung zu einem der brisantesten Themen unserer Epoche.

Interview mit Thore D. Hansen zu seinem Thriller „Quantum Dawn“

Herr Hansen, wie kam Ihnen die Idee, das brisante Thema Finanzcrash in einen Thriller zu verpacken?

Neben meiner Arbeit als Wirtschaftsjournalist habe ich während und nach dem Ausbruch der Finanzkrise zwei europäische Banken beraten. Die Weigerung des Managements, Verantwortung zu übernehmen, die Arroganz und die Gier, das fast sektenhafte Verhalten dort hatte auch Kontakt zu einem Hedgefonds-Manager, der durch die Krise mehr als 500 Millionen Dollar verloren hat und sich seither nach Vergeltung sehnt. Es gibt also auch wohlhabende Opfer der Manipulationen am Markt, und die Betroffenen geben gerne preis, was sie wissen. Täter und Opfer in dieser Liga der Finanzoligarchie vereint aber eines: die Ignoranz gegenüber dem Schicksal von Zehntausenden Kunden, denen diese Banken massiv geschadet haben und weiter schaden. Als dann im Januar 2014 mehr als 20 Bankmanager weltweit in kürzester Zeit Selbstmord begingen, hatte ich quasi die Steilvorlage, denn einige dieser Selbstmorde sind bis heute nicht aufgeklärt und geben Anlass zu wildesten Spekulationen.

Im Augenblick braut sich am Markt die größte Blase aller Zeiten zusammen. Welche konkreten Bedrohungen, die in Ihrem Roman eine Rolle spielen, sehen Sie derzeit für die Weltwirtschaft?

Hansen_Quantum_Dawn_72Es gelingt der Politik nicht, die entfesselte Gier zu bändigen. Wenn dem nicht Einhalt geboten wird, dann breitet sich in unseren Gesellschaften eine derartige soziale Unruhe aus, dass die Regierungen größte Mühe haben werden, ihre Länder noch zu regieren. Etliche prominente Sachbuchautoren prognostizieren ja bereits das Ende des Kapitalismus. Ich treibe das in »Quantum Dawn« auf die logische und unvermeidliche Spitze: Indem ich die technischen Gefahren, in der die Weltbörsen durch ihre Vernetzung schweben, mit den Möglichkeiten einer Panikreaktion durch die Manipulation der Medien und den realen Zahlen der Weltwirtschaft sowie den Hintergründen der Finanzkrise verknüpfe, entsteht ein Kaskadeneffekt, der jederzeit eintreten kann. Das ergeben nicht nur meine Recherchen, das haben mir auch Insider bestätigt. Die Verflechtung der internationalen Konzerne und Banken zu Finanzriesen wie Black Rock, KKR und anderen Playern, die uns mit Insiderwissen und Kumpanei an den Rand des Kollaps bringen, ist ein idealer Stoff für einen Thriller. Die Politik steht weiter hilflos da und bezeichnet alles als alternativlos. Das Ganze ist größtenteils in seinen Einzelheiten bekannt, aber wir leben in einer Traumblase, die jederzeit platzen kann.

Wo steht der Kapitalismus heute?

Für mich gleicht der Kapitalismus, der sich nach dem Ende der Sowjetunion entwickelt hat, heute einer feudalen Struktur. Nicht mehr der Staat ist für die Demokratie und Freiheit die größte Bedrohung, sondern Aktiengesellschaften, Technologie, das Internet und geheime Algorithmen. Aber auch die Menschen – die Konsumenten und ihre überwiegend stille Selbstzensur – sind das Problem. An diesem Verhalten droht auch eine meiner Hauptfiguren zu scheitern, während eine andere Figur diese Zeit durch ihren hedonistischen Lebensstil und Zynismus zu verarbeiten sucht. Das System produziert entweder Mitläufer oder gebrochene Biografien. Es braucht heute keine offene Diktatur mehr. Die Angst vor sozialem Abstieg ist so groß, dass jeder weitermacht, alle Selbstoptimierer,  bis zum bitteren Ende. Es war mir wichtig zu zeigen, wie sich die entkoppelten Mächte des Geldes auf uns auswirken und was es bedeutet, wenn wir uns diesen Tatsachen nicht zuwenden und auf ein »Es geht schon irgendwie weiter so!« setzen. Mich erinnert das an den Niedergang des Römischen Reiches. Wie schnell und atemlos unser System zusammenstürzen kann, wollte ich in einen Thriller packen, einen Thriller, den die Realität schreibt.

Halten Sie das Szenario Ihres Thrillers für realistisch?

Ich habe nicht umsonst in dem Buch alle relevanten Player beim Namen genannt, und zu 80 Prozent besteht dieser Thriller aus bereits veröffentlichten Fakten. Die Mischung aus Staatsschulden, fragiler Weltwirtschaft, überbewerteten Aktien und geschürten Krisen, die Angreifbarkeit von vernetzten Börsen durch Hacker und nicht zuletzt die Unfähigkeit der Verantwortlichen, sich das Primat der Politik zurückzuerobern, das alles ist ja keine Fiktion. Die Implosion ist jederzeit möglich, und mit der Meinung stehe ich weiß Gott nicht alleine da. Meine Aufgabe als Autor sah ich darin, daraus einen spannenden Lesestoff mit ebenso spannenden Figuren zu entwickeln.

Was ist die Ursache für diese düstere Prognose?

Sie ist nicht nur düster. Je mehr Menschen sich dessen bewusst werden, desto besser sind wir auf eine postkapitalistische Gesellschaft vorbereitet. Für die Figur Rebecca Winter, eine unverbesserliche Idealistin, wird die Begegnung mit dem BND-Agenten Erik Feg zu einer Reise in den Abgrund der globalen Machtverhältnisse, und sie wird gezwungen, ihr Rechtsverständnis infrage zu stellen, ja sogar Morde hinzunehmen, da sie erkennen muss, dass der Staat, dem sie dient, nicht die Interessen verfolgt, die sie selbst antreiben. Eine der Ursachen für den Niedergang des Kapitalismus liegt, so merkwürdig es sich zunächst anhört, eben gerade im Zusammenbruch des Kommunismus. Ab diesem Zeitpunkt hat man alles den freien Märkten überlassen, da man den Kapitalismus für das überlegene System hielt. Nun bekommen alle dafür die Quittung. Entweder es kommt 2015 oder 2016 zu einem schnellen großen Knall oder aber zu einem Dahinsiechen, indem immer mehr Menschen quasi schleichend enteignet werden und sich der Mittelstand zu einer neuen Art von Proletariat mit allerdings hohem Bildungsniveau entwickelt. Dieser Entwicklung stellt sich in »Quantum Dawn« ein geheimer Zirkel entgegen. Rund um die Welt wurden nach 1986 die Kontrollen gelockert, die Banker reich, und die Unternehmen schoben mithilfe der Banken 580 Billionen Dollar am Fiskus vorbei. Es wäre sinnvoller, die Armeen der Welt vor den Bahamas, den Cayman-Inseln und anderen Steueroasen aufmarschieren zu lassen und das Raubgut von Banken und Unternehmen zu konfiszieren, dann wären alle Staatsschulden getilgt, aber genau das will niemand. Solange die Wirtschaft auf Wachstum durch Verschuldung setzt und Institutionen wie die Weltbank und der IWF existieren, wird sich nichts ändern, und es kommt zum nächsten Crash, von dem wiederum wenige Auserwählte dank Insiderwissen profitieren. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass Goldman Sachs und andere Player von der Lehman-Pleite überrascht waren.

Sie haben mit Ihrem vorigen Thriller Silent Control teilweise den NSA-Skandal vorhergesehen. Haben Sie keine Angst, dass auch das aktuelle Szenario eintreten könnte?

Das ist mein Beruf: sich ein Jahr einzugraben und alles minutiös zu recherchieren und in ein denkbares Szenario zu verpacken, Figuren zu entwickeln, die unseren Zeitgeist widerspiegeln, und für Spannung zu sorgen. Was mich wirklich beunruhigt, ist, dass wir jetzt in einer Situation sind, wo alles in die Hände einer winzigen Minderheit geraten ist. Sie bilden eine abgehobene Super-Elite, die tun und lassen kann, was sie will.

Mehr zum Buch unter http://www.europa-verlag.com/Buecher/34/Quantum-Dawn.html

Der Krimitipp von 3Sat http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=49

Und: http://www.amazon.de/Quantum-Dawn-Thore-D-Hansen/dp/3944305795/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1423935064&sr=8-1&keywords=Quantum+Dawn

 




Wir beten. Für Österreich - Ein Schmankerl von E. Peterseil


Pray for AustriaUnter dem obigen Titel berichtete kath.press am 9.7.2019 über die Einrichtung einer Homepage, die dazu anregen soll, dass Christen für österreichische Politiker regelmäßig beten, es heißt dazu konkret: "Ab sofort gibt es in Österreich eine neue Online-Plattform, auf der man für politische Verantwortungsträger beten kann. Unter www.prayforaustria.at haben gläubige Christen die Möglichkeit, für einen von insgesamt 274 Politikern zu beten – für den Bundespräsidenten ebenso wie für Parteichefs, Landeshauptleute, Mitglieder des derzeit regierenden Expertenkabinetts oder Angehörige des National- oder Bundesrats. Wer für sie beten möchte, sucht sich gezielt jemanden aus oder bekommt eine Person per Zufallsprinzip zugelost. Zusätzlich deklariert der oder die Betende im Internet, ob einmal am Tag, einmal die Woche oder einmal im Monat gebetet werden soll."

Und was erwartet man sich davon? Dass Gott der HErr dann die Beter unterstützt und den jeweiligen Politkern Hilfe leistet? Auf der Homepage heißt es dazu: "In einer politisch turbulenten Zeit wollen wir für die Politiker und Politikerinnen Österreichs beten. Wir möchten das Vertrauen und die Hoffnung in Österreich stärken. Wir möchten Gott in die Politik unseres Landes einladen und uns unter seine Führung und seinen Segen stellen. Die großen Gebetsbewegungen der Geschichte Österreichs zeigen uns: Beten hilft!"

Leider wird kein Beispiel für die "großen Gebetsbewegungen" angeführt, die bekannteste Gebetsbewegung war der Betkreis für den Staatsvertrag, der Rosenkranz-Sühnekreuzzug rühmte sich seinerzeit durch Rosenkranzbeten den Staatsvertrag herbeigebetet zu haben: "Nach 81 Sühneandachten und mehreren Lichterprozessionen mit Zehntausenden durch die Wiener Innenstadt erfüllte sich 1955 das Gebetsanliegen um die Wiedererlangung der vollen Freiheit Österreichs."

Das Kuriose war allerdings, dass 1952 die Sowjetunion die Neutralität ins Gespräch brachte und die Westmächte das vorerst ablehnten, Gott müsste also die christlichen Westmächte dazu bekehrt haben, den Wünschen der gottlosen UdSSR zu folgen! Das neutrale Österreich trennte schließlich mit der anschließenden ebenfalls neutralen Schweiz die NATO-Front gegen die Oststaaten in zwei Teile!

Aber das nur nebenbei! Jetzt am 11.7.2019 um 12h05 beten schon 433 Leute für die österreichische Politik. Da muss ja der Kurz die Wahlen wieder gewinnen! Aber bei 37 und 38 % liegt die ÖVP ja schon seit der Ibiza-Geschichte der FPÖ! Und vorher hat niemand organisiert für die ÖVP gebetet, am 9.5.2017 lag sie umfragemäßig bei 21 %, am 19.5. bei 33 %. Da hatte auch kein Gott geholfen, sondern der damalige ÖVP-Chef Mitterlehner mit seinem Rücktritt und sein Nachfolger Sebastian Kurz, der mit der Balkankonferenz die Balkanroute für Migranten geschlossen und offenbar damit das in der Bevölkerung als größtes gesehene Problem gelöst hatte. Das brachte Proteststimmen gegen die SPÖ-ÖVP-Koalition von der FPÖ als Zustimmungsstimmen zur ÖVP.

Ob es auch Beter für die Rendi-Wagner gibt? Das wird auf der Beter-Site leider nicht angezeigt. Aber wenn die Rendi-Wagner Bundeskanzlerin würde, wäre das wahrlich ein göttliches Wunder! Das traut sich ein glaubensfreier Mensch wie meinereiner hier zu schreiben. Das zeigt nämlich an, wie gering meinereiner die Chancen dieser Kandidatin einschätzt! Zurzeit liegt sie bei den Kanzlerumfragen mit 18 % auf Platz drei hinter Norbert Hofer von der FPÖ!

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).

 




Evolutionäre Erklärungen des Geistigen II


II. Bad Science

Unter Geistigem wollen wir hier Charakterisierungen von Lebewesen als Personen verstehen und damit dasjenige, was wir bereitstellen wollen, wenn wir das intentionale Handeln des Lebewesens aus Gründen sprachlich zu erklären beanspruchen. Psychisches, Psychologisches und Mentales sind damit die Hauptanwendungsfälle von Geistigem und offenbar hat Geistiges die wesentliche Eigenschaft, nicht an raumzeitlichen Koordinaten lokalisiert und in diesem Sinne abstrakt zu sein. Die These, die wir hier widerlegen wollen, lautet, daß

(T) der Bestand oder die Abfolge oder die Änderung einiger geistigen Zustände eine evolutionäre Erklärung hat.

Solche Widerlegungen sind auf verschiedenen Wegen möglich. Der hier beschrittene Weg will zum einen das Ergebnis liefern, daß eine Übertragung der oben gefundenen Bedingungen (A1)-(A9) und (G1)-(G3) Unsinn liefert und zum anderen, daß die ganze Idee evolutionärer Erklärungen des Geistigen auf einen irreführenden Bild von Evolution beruht und letztlich einfach schlechte Wissenschaft ist. Letzteres wird uns zugleich ein Beispiel für die in der Literatur [z.B. Philosophical Foundations of Neuroscience von James R. Davis, Max R. Bennett und P. M. S. Hacker, 2003] im wesentlichen akzeptierte These an die Hand geben, daß die Schnittstelle zwischen Gehirn und Geist uns im Moment noch massive Rätsel aufgibt.

Wie kann man die  These (T) widerlegen?

Was kann bei der Übertragung des Konzeptes der Evolution von Biologischem auf Geistiges passieren? Da Geistiges verschiedener Spezies mangels raumzeitlicher Lokalisierung nicht direkt in einer Konkurrenz um überlebenswichtige Resourcen stehen kann, kann man nur die Körper der den Geist erzeugen Gehirne dafür heranziehen und wer immer eine Variante von evolutionärer Psychologie oder Soziobiologie – oder wie immer solche Richtungen heißen mögen – vertritt, muß daher angeben, wie Geistiges von Physischem abhängt. Meistens wird ein modulares Modell des Geistes vertreten [1], nach dem die  mentalen Fähigkeit sich auffassen lassen als eine Menge evolutionär entwickelter und interagierender Informationsverarbeitungssubsysteme, die Lösungen von historisch eingebetteten Optimierungsaufgaben beim Überleben in Konkurrenz zu anderen Spezies repräsentieren.

a). Ein möglicher Weg jeder Art EE von Geistigem das Wasser abzugraben, besteht darin, zu zeigen, daß selbst dann, wenn der Zusammenhang zwischen Physischem und Geistigen so schwach und lose wie möglich in der Theorie ausgelegt wird, er immer noch zu straff ist mit der Folge, daß sich Widersprüche innerhalb der Theorie konstruieren lassen. Hier ist das ausgeführt worden und obwohl meine Argumentation dort zweifellos verbesserungsbedürftig ist, halte ich die grundsätzliche Strategie nach wie vor für richtig.

b) Eine anderer Weg besteht darin, zu zeigen, daß evolutionäre Erklärungen von Geistigem es nicht vermeiden können, gegen (A9) zu verstoßen, weil die Kenntnis von Geistigem sich nicht auf die Kenntnis von zerebralen Zuständen reduzieren läßt. Diesen Weg habe ich ebenfalls hier beschritten und mir scheint diese Idee auch weiterhin einleuchtend zu sein.

c). Ein weiterer Weg, den wir in diesem post benutzen wollen, liegt in dem Nachweis, daß in evolutionionären Erklärungen von Geistigem (EEG) das in  (A1)-(A9) und (G1)-(G3) skizzierte Verständnis gar nicht benutzt wird. Wenn also in EEG ein Begriff der Evolution vorkommt, dann ist er sui generis und ich werde die These stark zu machen versuchen, daß dieses neue Evolutionskonzept höchstens jämmerlich zusammengeklempnert und letztlich unbrauchbar ist. Wenn das nachgewiesen werden kann, dann sind EEG ganz einfach ein Fall schlechter Wissenschaft, weil die Apologeten von EEG einfach das Konzept von Evolution nicht verstehen.

Probleme mit Repräsentationen

Um die letzte Strategie zu verfolgen, betrachten wir:

(P1) Wir können uns zum einen historische Umstände G ausmalen und aus ihnen künftige psychische Zustände M voraussagen.

(P2) Wir können uns interessierende psychischen Zustände auswählen und fragen, ob sie evolutionäre Quellen haben.

Die These (P1) leidet daran, schon seit längerem empirisch widerlegt zu sein: Ein Trend in den Neurowissenschaften geht dahin, bestimmten mentalen Fähigkeiten lokale Gebiete im Gehirn zuzuweisen. Wenn man nun z.B mittels PET die Gehirne von Personen beobachtet, die alle dieselben Aufgaben lösen, dann sieht man zwar, daß in lokal nahe beieinander liegenden Arealen ähnliche Aktivitätsmuster vorhanden sind, aber es sind nicht dieselben Muster an denselben Stellen. Zweitens ist bekannt, daß aufgrund der Plastizität des Gehirns nach Hirnläsionen andere Areale dieselben mentalen Fähigkeiten nach einer gewissen Zeit des Lernens übernehmen können. Auf der Mikroebene ist die Entkopplung mentaler von zerabralen Gehirnzuständen sogar essentiell, weil täglich Neuronen zugrunde gehen, ohne daß wir den Effekt auch täglich bemerken würden, weil andere Neuronengruppen die Aufgabe der ausgefallenen Neuronen übernehmen. Soziobiologen können der Beweiskraft dieser Befunde nur ausweichen, indem sie behaupten, nicht die physiologische Gehirnarchitektur, sondern die Funktionen dieser Architektur seien vererbt. Damit verabschieden sie sich aber von explizit von (A1), (A2), (A6), (A9), (G1), (G2), (G3) und lassen offen, wie sie (A3), (A4) und (A5) erfüllen wollen. Die Strategie aus (P1) dennoch zu verfolgen, bedeutet daher implizit den Begriff der Evolution zu redefinieren, ohne daß der Sinn und Nutzen der neuen Definition transparent diskutiert werden würde. Außerdem gehört zu diesen Funktionen auch die Abfolge mentaler Zustände und es ist einfach falsch, daß für alle eineiigen Zwillinge gilt, daß sie unter denselben Bedingungen immer dieselben Meinungen haben, daß sie von einer Stimmung S1 immer in S2 übergehen und aus denselben Überzeugungen auch dieselben Folgerungen ziehen – das alles stimmt einfach nicht: die Psychen von genetisch identischen Personen sind variabel und nicht Kopien voneinander.

Da Tote zweifellos keine mentalen Zustände mehr haben können, scheint die Behauptung von (P2), daß mentale Zustände auf zerebrale Zustände irgendwie zurückgeführt werden können, prima facie vernünftig zu sein. Man kann nun, wie hier geschehen, darüber nachdenken, ob sich mentale Zustände auch wirklich auf zerebrale reduzieren lassen. In diesem post werden wir uns dagegen fragen, ob man von einem mentalen Zustand wissen kann, daß er auf einen zerebralen reduziert werden kann. Denn das Vorgehen in (P2) verlangt klarerweise, daß, wenn wir uns in einem mentalen Zustand M befinden, wir auf eine nicht näher angegebene Weise mit Hilfe des nicht notwendigerweise sprachlich ausdrückbaren, aber M identifizierenden Inhalts p wissen, daß wir uns in einem zerebralen Zustand Z befinden, von dem wir hier einmal annehmen wollen, daß seine evolutionäre Entstehung in geeigneter Weise nachgewiesen wurde.Um den Zusammenhang von M und Z zu untersuchen, wollen wir nun folgendes definieren:

(D) Wir sagen, daß ein mentaler Zustand M irgendein x repräsentiert genau dann, wenn es entweder die Funktion von M ist, normalerweise Informationen von x zu übertragen bzw. von x verursacht zu werden, oder wenn M die Funktion hat, Informationen von x zu tragen, indem M von y verursacht wird. y ist dabei selbst kein mentaler Zustand.

(D) ist ein knifflige Sache, die sich aber gut an einem technischen Beispiel illustrieren läßt:

So wie der Zeigerstand eines Thermometers K die Außentemperatur T i.S.v. (D) repräsentiert, repräsentiert der vom Gehirn erzeugte mentale Zustand M den zerebralen Zustand Z. Daher entspricht der Zeigerstand von K dem Inhalt p von M und T dem Zustand Z.

Bei Thermometern leuchtet es uns unmittelbar sein, daß kein Zeigerstand von K den Repräsentationszustand R von K repräsentiert, nämlich z.B. die Tatsache, daß ein Zeigerstand von K eine Außentemperatur T repräsentiert. Denn nehmen wir einmal zusätzlich an, K sei mit einem Alarmsystem für niedrige Außentemperaturen gekoppelt. Dann ist klar, daß der Alarmzustand von K einen Inhalt über den Zustand von K, nichts aber über den Repräsentationszustand R von K beinhaltet, denn es wird mit dem Alarm ja nichts über T induziert: Das Thermometer könnte auch kaputt gewesen sein. Übertragen wir diese Struktur nun auf Personen und mentale Zustände, dann folgt: Eine Person kann wissen, daß sie sich in M befindet, ohne deshalb auch ihrem Repräsentationszustand R kennen zu müssen.

Gehen wir jetzt zurück zu K und nehmen wir an, das Thermometer hätte ein Bewußtsein, dann gilt weiter, daß K nicht selbst entscheiden kann, ob sein Zeigerstand auf eine äußere Ursache, z.B. Z zurückzuführen ist oder nicht. K kann die Wirklichkeitreue seines eigenen Zustandes nicht mit Hilfe seines eigenen Zeigerstandes allein verifizieren, denn K kann nicht ohne weitere äußere Anhaltspunkte entscheiden, ob es kaputt ist oder nicht. Daher  kann K so wenig die Wirklichkeitreue seines eigenen Zustandes überprüfen, wie eine Person die Wahrheit der Behauptungen einer Zeitung dadurch herausfinden kann, indem sie ihre Artikel zweimal ließt.

Übertragen wir diese Struktur von Repräsentation nun auf Personen und mentale Zustände, dann folgt insgesamt: In M zu sein, impliziert weder R zu kennen, noch erzählt R durch den Inhalt p von M, wie M via Z oder Z selbst zustandegekommen ist. Und daher kann (P2) niemals zu einer belastbaren evolutionären Erklärung führen. Selbst wenn wir demnach zugeben, daß es evolutionäre Einflüsse auf die Psyche des Menschen gibt – so unplausibel ist das ja gar nicht, wie Zwillingsstudien nahelegen – können wir nicht herausfinden, wo sie genau liegen: Die Intransparenz des Geistes für sich selbst als eine der tieferen Quellen für all die Schwierigkeiten an der Schnittstelle von Gehirn und Geist wird von Soziobiologen, evolutionären Psychologen und anderen einfach unterschätzt.

Natürlich können Soziobiologen diesem Argument ausweichen und behaupten, daß es die mentalen Zustände als Quellen unserer Handlungen seien, welche uns z.B. im Pleistozän das Überleben sicherten, und die daher als einzige einer impliziten Selektion unterlagen. Aber dann verabschiedet man sich erneut vom obigen Evolutionsbegriff, in dem man wieder (A1), (A2), (A6), (A9), (G1), (G2), (G3) fallen und offen läßt, wie (A3), (A4) und (A5) erfüllt werden sollen.

Fazit

Mein Fazit aus dieser Analyse lautet daher: Obwohl es vernünftige und sicher auch wahre evolutionäre Erklärungen z.B. für Anatomisches gibt, sind evolutionäre Erklärungen von Geistigem irreparabel unbrauchbar. Und wer dennoch ihre Richtigkeit beansprucht, demonstriert, daß er gar nicht merkt, von demjenigen dramatisch abzuweichen, was er vorgibt, angeblich so gut zu verstehen: der Evolutionstheorie.

[1] z.B. J. Barkow/ J.Tooby/ L. Cosmides: The Adapted Mind, Oxford 1992 ; J. Tooby / L. Cosmides: Evolutionary Psychology and the Generation of Culture, Part I, in: Ethology and Sociobiology, vol. 10, pp. 29-49 ; J. Tooby / L. Cosmides: Evolutionary Psychology and the Generation of Culture, Part II. Case Study: A Computational Theory of Social Exchange, in: Ethology and Sociobiology, vol. 10, pp. 51-97
 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Evolutionäre Erklärungen des Geistigen I


Gibt es eine evolutionär entstandene, psychische Natur der menschlichen Spezies? Ist es wahr, daß es Konsequenzen der evolutionären Entwicklung der Spezies Mensch gibt, die es nicht nur erlaubt, sondern vielleicht sogar von uns fordert, die semantischen Steinbrüche, aus denen sich diejenigen Konzeptualisierungen speisen, mit denen wir die sozialen Kooperationen unseres Lebens abstützen, mit bisher ungetesteten Spektralfarben auszuleuchten? Sind wir vielleicht sogar zu neuen normativen Standards für unsere Gesellschaft genötigt, die die evolutionäre Natur unserer Spezies respektiert und müssen wir daraus eventuell sogar politische Konsequenzen ziehen? Für die Human- und Sozialwissenschaften sind solche mit dem Aufschwung der Biowissenschaften in den letzten Jahrzehnten verbundenen Erklärungs- und Deutungsansprüche meist eine Bedrohung, vor der sie nicht selten hilflos zurückweichen. Ich werde in diesem post jedoch dafür argumentieren, daß alle o.g. Fragen endgültig verneint werden können.

                    
I. Gibt es gute evolutionäre Erklärungen?

Um zu verstehen, was evolutionäre Erklärungen akzeptabel macht, sehen wir uns am besten dafür ein Beispiel (E) an in einem Bereich, für den wir halbwegs zuverlässige Verfahren entwickelt haben, um gute von schlechten evolutionären Erklärungen zu unterscheiden: die Entwicklung eines biologischen Phänomens, des aufrechten Gangs beim Menschen. Was wir hier lernen können, werden wir dann auf den Fall der evolutionären Erklärung geistiger Phänomene zu übertragen versuchen.

Eine Beispiel für eine evolutionäre Erklärung

Nehmen wir nun einmal an, es wäre gesichert, daß unsere Vorfahren V in grauer Vorzeit einmal auf vier Beinen gelaufen sind. Dann können wir uns fragen, durch welche Umstände sich die – zweifellos genetisch determinierte – menschliche Anatonmie so veränderte, daß die Nachfolger N unserer Vorfahren zur Fortbewegung auf zwei Beinen übergingen und wir betrachten für die evolutionäre Entwicklung folgende Erklärung:

(E1) Nehmen wir dafür an, daß V zum Zeitpunkt t in einer Umgebung U lebt, für die seine genetische bedingten Merkmale Fähigkeiten und Eigenschaften bereitstellen derart, daß nur die Existenz seiner Freßfeinde für die Art von V einen ernstzunehmenden Überlebenskampf nach sich zieht und daß seine Reproduktionsrate die Ausfälle durch Unfälle, Krankheiten oder Freßfeinde etc. übersteigt.
                            
(E2) Nehmen wir weiter an, daß innerhalb der Art von V infolge der zufälligen Genomverklebung während der Meiose die Fähigkeit auf zwei Beinen zu gehen, zu einer Zeit vor t unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Sie folgt in U vor t irgendeiner Verteilung, ohne daß die Fähigkeit, auf zwei Beinen gehen zu können, zu t evolutionär ins Gewicht fallen würde, da die Reproduktionsrate der Spezies von V die typischen Ausfälle ja bereits übersteigt.

(E3) Stellen wir uns nun vor, daß es fossile Funde darauf hindeuten, daß es durch Schwankungen der Sonnenaktivität in einem Zeitintervall um t herum zu einem Klimawechsel in U gekommen ist, dessen Geschwindigkeit groß, aber ansonsten unwichtig ist. Als Folge davon wird in U für V zu t die Nahrung knapp und alle V müssen immer weitere Strecken zurücklegen, um genug Nahrung für sich und ihren Nachwuchs zu finden, wenn alle überleben wollen. Weiter nehmen wir an, daß andere fossile Funde darauf hindeuten, daß alle V nach t auf zwei Beinen gelaufen sind.

(E4) Weiter können wir festhalten, daß es bis heute eine in Expermenten nachweisbare Tatsache ist, daß, auf zwei Beinen zu gehen, im Vergleich zum vierbeinigen Gang für Primaten enorm energiesparend ist.

(E5) Die Folge dieser Energiesparmöglichkeit ist, daß auf vier Beinen gehende V bei Wanderungen schneller erschöpft sind, täglich mehr Nahrung brauchen und nur kleinere Gebiete nach Nahrung absuchen können. Sie können daher weniger Nachkommen versorgen, die zudem kleiner und schwächer sind und daher eine leichtere Beute für ihre Freßfeinde werden.Die Konsequenz aus (E1)-(E5) ist:

(E6) Dauert die Klimaveränderung in U nur lang genug an und ist U groß genug, damit V dem Klimawandel in U nicht entfliehen kann, dann hat nach ausreichend vielen Generationen der Klimawandel die auf 4 Beinen laufenden V verschwinden lassen, da ihre Reproduktionsrate nicht mehr größer war, als der Verlust an Artgenossen durch Unfälle, Krankheit, Freßfeinde, Verbrechen, Altersschwäche etc…

Ich bin nicht sicher, ob diese Erklärung für die Spezies Mensch auf der Erde wirklich wahr ist, aber wir wollen  für diesen post einmal annehmen, daß es sich um eine gute und wahre Erklärung handekt. Wir fragen uns jetzt, warum diese Erklärung eine gute Erklärung ist. Zugleich erinnere ich daran, daß ich hier bereits darüber berichtet hatte, daß nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaftstheorie eine allgemeine Theorie der Erklärung im Moment nicht zur Verfügung steht. Dennoch wird sich zeigen, daß man konkret begründen kann, was (E1)-(E6) zu einer guten und was sie zu einer adäquaten evolutionären Erklärung (kurz: EE) macht.

Adäquatheitsbedingungen für evolutionäre Erklärungen

Wie gewohnt muß man – um Zirkularität zu vermeiden – für Adäquatheitsbedingungen von (E) verschiedene Beispiele beibringen, die diese Bedingungen motivieren, erläutern und deren Nützlichkeit demonstrieren. Ferner sollte (E) alle diese Bedingungen erfüllen bzw. nicht gegen sie verstoßen.

(A1) Offenbar sollte keine evolutionäre Erklärung in dem Sinne ex post ablaufen, daß sie eine Geschichte erzählt, nach der die Lebewesen, auf eine Änderung ihrer Lebensumstände explizit reagieren. Denn natürlich stellt keine Spezies generationenübergreifende Überlegungen und Untersuchungen an, um eine quantitative Abschätzung ihrer Überlebenschance zu entwickeln mit dem Ziel, den eigenen Gendatensatz willentlich so zu verändern, daß die dadurch neu erworbenen Fähigkeiten ein Optimalsteuerungsproblem für eine Gruppe von Lebenwesen unter Sterberisiken verschiedener Provenienz für eine Folge künftiger Lebensumstände verbessern. Das ist schlicht unmöglich.In (E) ist die Erklärung richtigerweise aus der ex ante Perspektive vorgenommen worden.

Wenn man (A1) falsch macht, dann kann man z.B. die Geschichte erzählen, daß Menschen ihre Körperbehaarung verloren haben, weil sie in der heißen Savanne laufend sich schwitzend kühlen zu können und auf diese Weise leistungsfähiger wurden. Das ist jedoch insofern ein schlechte evolutionäre Erklärung, als dies zwar ex post einen Vorteil im Überlebenskampf darstellt mag, aber jeder Hinweis auf den zeitlichen und damit den kausalen Zusammenhang mit dem Schwitzens fehlt: Es gibt eben keinen Nachweis darüber, daß V deshalb seine Körperhaare verlor, gerade weil er in der Savanne lief. Denn andere Tiere tun das auch und haben dennoch ein Fell, so daß dem Umstand, in der heißen Savanne zu laufen, nicht das kausale Potential zugesprochen werden kann, zu Haarverlust zu führen. Eine ex ante erfolgende evolutionäre Erlärkung würde aber die kausalen Zusammenhänge und ihre Rolle innerhalb der zeitlichen Entwicklung der Evolution nachzeichnen. Daraus folgt direkt:

(A2) Nicht alles, was ex post einen Vorteil für V darstellt, ist auch das Produkt einer evolutionären Entwicklung zu t in U und damit evolutionär relevant, allein weil es ex post einen Vorteil für V darstellt. Das reicht einfach nicht aus.In (E) ist das beachtet worden.

(A2) ist gerade zu trivial: Es wäre ein Vorteil für den Menschen, wenn er z.B: am Hinterkopf Augen hätte. Aber offenbar reicht das für eine anatomische Anpassung nicht aus, denn wir würden Augen am Hinterkopf als Mißbildung betrachten.

(A3) Nicht alle mit einer Spezies zusammenhängenden Phänomene dürfen offenbar durch eine evolutionäre Erklärung erklärt werden: Blaue Augen z.B. – die ja auch einen erblichen Gendefekt zurückzuführen sind – haben sich gerade deshalb verbreitet, weil es sich um einen Freiheitsgrad innerhalb der Evolution handelt, dessen Ausprägung nichts mit irgendeinem Vor- oder Nachteil beim Überleben von V oder N zu tun hat. Die Augenfarbe hat keine kausalen Wechselwirkungen mit den physiologischen Fähigkeiten, zu überleben: Sehen kann man mit Augen jeder Pigmentierung gleich gut. In (E) gibt es hierfür den Punkt (E5).

Das führt uns direkt zu:

(A4) Nicht jedes biologische Phänomen wurzelt auch in einer biologischen Funktion, was bedeutet, daß nicht jedes biologische Phänomen zulässig ist für eine evolutionäre Erklärung. In (E) schützt uns davor (E6).        

Und das Beispiel der blauen Augen demonstriert noch eine weitere Adäquatheitsbedingung für evolutionäre Erklärungen: Die Augenfarbe ist kein erbliches Merkmal, denn die Augenfarbe der Kinder und Enkel hängt von den jeweiligen Partnern ab und ist selbst dann nicht sicher vorhersagbar, wenn die Augenfarbe der Partner der Kinder und Enkel bekannt ist. Daher gibt es viele Merkmale, wie z.B. nicht Einparken zu können oder sexuell untreu zu sein, die grundsätzlich keiner evolutionären Erklärung zugänglich sind. Wir fassen dies zusammen in

(A5) Was in der Geschichte einer Spezies über Generationen präsent ist, muß nicht das Ergebnis einer Anpassung sein, sondern kann auch das Ergebnis evolutionärer Irrelevanz sein unabhängig davon, ob das biologische Phänomen erblich ist oder nicht. In (E) wird die Anpassung mit dem zeitlichen Zusammenfallen von Klimawechsel und Umstelllung auf den aufrechten Gang begründet.

Obwohl damit genetische Einflüsse alles andere als offensichtlich und damit auch im mentalen Bereich nicht auf der Hand liegen müssen wie man am Beispiel der  Intersexualität sieht, kann man das beobachtete und zu erklärende Phänomen anthropozentristisch auswählen. Ein Beispiel dafür wäre Promiskuität beim Menschen:

Gelegentlich wird in der Popkultur behauptet, daß Promiskuität seine Quelle in dem unbewußten Wunsch habe, die eigenen Gene zu verbreiten. Denn genau das geschehe ja mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schließlich dabei und deshalb sei es evolutionär relevant. Tatsächlich prägen aber über einhundert vom Menschen verschiedene Spezies Homosexualität aus. Das zeigt nicht nur, daß die Verachtung von Homosexualität unnatürlich ist, sondern auch daß sie evolutionär offenbar nicht wirklich ins Gewicht fällt: Denn wenn die Nichtverbreitung der eigenen Genen durch Zeugung von Nachwuchs nicht evolutionär relevant ist, dann ist es die Verbreitung der eigenen Gene auch nicht – vom sog. Gründereffekt einmal abgesehen. Zusammen mit (A5) kann man das zuspitzen zu

(A6) Wenn es biologische Phänomene gibt, die evolutionär irrelevant sind, dann kann man dessen evolutionäre Funktion nicht an seiner biologischen Funktion ablesen – wenn wir denn einmal annehmen wollen, daß es eine solche gibt. Also ist nicht jedes biologische Phänomen, daß eine biologische Funktion ausübt, auch evolutionär relevant und damit zulässig für eine evolutionäre Erklärung. In (E) wird die evolutionäre Relevanz des aufrechten Ganges explizit in (E4) dargelegt.

Was hingegen im letzten Beispiel der Popkultur evolutionär relevant ist, ist die Zeugung von Nachkommen. Daß es hingegen auch die eigenen Nachkommen sind, ist offenbar evolutionär irrelevant. Diese Tatsache exemplifiziert die Adäquatheitsbedingung

(A7) Höchstens biologische Massenphänemene sind evolutionär erklärbar.

Zwar kann man nicht abstreiten, daß uns z.B. die Epigenetik Gründe an die Hand gibt, zu glauben, daß auch einzelne Gene evolutionären Prozessen unterworfen sind. Aber ich persönlich kenne keine populationsgenetischen Rechnungen, die zeigen, ob und wie sich das auf eine ganze Spezies auswirkt. Bleiben wir also vorerst bei (A7).

Die Tatsache, daß einige Gene z.B. meine Gene sind, ist trivialerweise kein Massenphänomen. Aber in (E) geht es gerade um ein Massenphänomen. Im übrigen weiß jeder Mensch sehr gut, daß er es auch dann tun will, wenn er genau weiß, daß er sich dabei nicht vermehren kann: Es gibt folglich eben nur einen für den Fortbestand der Spezies völlig ausreichenden Geschlechtstrieb, einen Vermehrungstrieb gibt es hingegen nicht: Begeisterte Samenspender, die offen für ihr Hobby Werbung machen, sind schlicht die Ausnahme. Mit anderen Worten:

(A8) Nicht immer ist es das erfolgreiche Resultat eines Verhaltens, das das Resultat einer evolutionären Entwicklung ist.

Betrachten wir jetzt die letzte, ebenfalls auf der Hand liegende Adäquatheitsbedingung:

(A9) Adäquate evolutionäre Erklärungen betreffen nur die Wechselwirkungen natürlicher Abläufe mit den erblichen Merkmalen jedes Lebewesens einzeln in einer lokalen Umgebung U in gleicher Weise und sie sind unabhängig davon, daß für das Erbringen der Erklärungsleistung von einen Kollektiv intentional erbrachte Kulturleistungen derselben oder anderer Spezies in der evolutionären Erklärung erwähnt werden. In (E) wird das klarerweise eingehalten.

Diese Bedingung schränkt die Menge der erklärbaren Phänomene auf andere Art und Weise ein, als (A2) das tut.Macht man sie falsch, dann kann man das z.B. dadurch machen, daß man den Begriff der Evolution von der Intuition einer Sterbewahrscheinlichkeit entkoppelt, deren Quelle das die eigenen erblichen Fähigkeiten und das Verhalten anderer Arten in einer gemeinsam geteilten Umgebung U sind und betrachtet statt der o.g. bedingten die nicht auf diese Weise bedingte Sterbewahrscheinlichkeit, indem man lebensverlängernde Maßnahmen wie z.B. die Gesundheitsvorsorge oder moralische Einstellungen wie z.B. möglichst viele Nachkommen zu zeugen, einer Spezies auf die nicht-bedingte Sterbewahrscheinlichkeit derselben Spezies anrechnet. Ein Beispiel, wo das systematisch falsch gemacht wird, ist der SciLogs-blog Natur des Glaubens von Michael Blume.

Qualitätskriterien für evolutionäre Erklärungen

Neben solchen Adäquatheitsbedingungen können wir noch Qualitätskriterien für EE aufschreiben:

EE sind die ultima ratio bei der Erklärung biologischer Phänomene: Der Gund dafür ist der, daß EE in mindestens einem Punkt immer spektulativ bleiben. Machen wir uns das an (E) klar: Selbst wenn wir wissen, daß Klimawandel und Entwicklung des aufrechten Ganges zeitlich zusammenfallen, so können wir doch nicht sicher sein, daß es keinen weiteren, bisher unbekannten Grund x für die Umstellung der Fortbewegungsart von V gab, der einen alternativen Kausalverlauf zum betrachteten oder einem späteren Zeitpunkt initiierte. Gäbe es diesen tatsächlich dominanten alternativen Kausalverlauf und wüßten wir von ihm, dann würden wir sagen: “Auch der simultane Klimawandel zu t in U hätte den aufrechten Gang sich in der Evolution durchsetzen lassen. Tatsächlich aber war es x.”. Hypothetisch, weil in der Vergangenheit liegend, wird in EE immer die Aussage sein, daß es kein solches x gab. Wir formulieren also als Bedingung einer guten EE:

(G1) Eine EE ist gut höchstens dann, wenn jede alternative Erklärung des biologischen Phänomens unabhängig von EE einen Mangel hat, der sie inakzeptabel macht und EE keine dieser Mängel aufweist.

Diese Bedingung für die Güte einer EE ist natürlich denkbar schwach. Ob sie (E) erfüllt, kann ich leider nicht angeben, da ich die Menge aller konkurrierenden Erklärungen nicht kenne. Zum Glück finden wir noch stärkere, weil spezifischere Anforderungen:

Man kann nicht abstreiten, daß viele Merkmale z.B. der menschlichen Physiologie wie etwa Stoffwechselparameter oder Körperlänge einer Verteilung genügen. Andere, wie etwa die Anzahl der Finger, tun es nicht. Damit stellen sich klarerweise zwei Probleme: Wenn man evolutionäre Erklärungen für verteilte Merkmale in Anschlag bringt, muß die (Nicht-) Existenz der Verteilung selbst Gegenstand der Erklärung sind. Und deterministische wie Zufallsphänomene als Produkt derselben Evolution auszuweisen, ist natürlich schon nicht so leicht. Zugleich muß bei verteilten Phänomenen ein Unterschied gemacht werden können zwischen einer falschen und einer richtigen EE. Mit anderen Worten:

(G2) Wenn eine EE eine gute EE eines biologischen Phänomens mit biologischer Funktion sein will, dann muß die Variation selbst Teil der biologischen Funktion sein, deren Entstehung durch einen evolutionären Prozeß behauptet wird. Zweitens muß wegen (A5) die Art der Abweichung in der biologischen Funktion unterschieden werden können von der Falschheit der Erklärung selbst in einem der Ausprägungsfälle des biologischen Phänomens. (E) erfüllt dies dadurch, daß der aufrechte Gang in so gut wie jeder Variation dem Gang auf 4 Beinen in Punkto Enegiesparen wenigstens ein wenig überlegen ist.

Evolution stellen wir uns manchmal so vor, als würde ein in einer black box verborgener Prozeß an einem Lebewesen über längere Zeiträume hinweg ein Merkmal hervorbringen. Abgesehen davon, daß die Epigenetik massive Zweifel an der Langfristigkeit dieses Bildes erzeugt, ist es grundfalsch: Richtig ist allein, daß der Einfluß der Kombination aller Merkmale auf das Verhältnis von Aussterbewahrscheinlichkeit zu Geburtenrate relevant ist und selbst das reicht nicht aus: So kann ein Lebewesen, daß in seinem biologischen Eigenschaften z.B. seinen Nahrungskonkurrenten im Pleistozän in so gut wie jeder Hinsicht unterlegen ist, doch seine biologischen Merkmale konservieren, wenn ein Merkmal z.B. die Intelligenz, die Nachteile der anderen Merkmale im Vergleich zu den Eigenschaften der konkurrierenden Spezies kompensiert: Evolutionäre Rechtfertigungen von Merkmalen gibt es im Grunde nicht, da ihre Konsequenzen auf das Verhältnis von Aussterbewahrscheinlichkeit zu Geburtenrate immer von den Eigenschaften der konkurrierenden Lebewesen abhängt.Daher kann man auch niemals davon reden, daß durch Evolution so etwas wie Konvergenz einer Spezies in Bezug auf eines ihrer Merkmale auf ein Optimum hin stattfindet: Evolution verbessert nichts auf lange Sicht, sie gleicht höchstens aus relativ zu einem zeitabhängigen setting. Und was zu t optimiert wurde kann zu T>t schon evlutionär irrelevant sein. Das kann man auch so formulieren:
    
(G3) Eine EE ist gut höchstens dann, wenn sie den resultierenden Einfluß einer Kombination erblicher Faktoren auf das Verhältnis von Aussterbewahrscheinlichkeit zu Geburtenrate in U zu t unter Einbeziehung des Einflußes der zu t konkurrierenden Spezies betrachtet. Diese Struktur bildet (E) offenbar isomorph nach. Auch (G3) wird im SciLogs-blog  Natur des Glaubens von Michael Blume in den meisten posts nicht erfüllt.

Evolutionäre Anpassung sind daher statistische, d.h. höchstens im Mittel dominante, relative, graduelle und immer kollektive Effekte und es ist ausgenommen schwer, ein einzelnes Merkmals als Produkt einer evolutionären Optimierung auszuweisen. Keinesfalls darf eine EE darauf bestehen, daß das evolutionäre Resultat die Verbesserung einer biologischen Eigenschaft einer Spezies ist.
                    
Zusammenfassung

Wenn wir die gefundenen Unterscheidungen einmal zusammenfassen wollen, dann erhalten wir die folgende Liste:

1. Evolutionäre Erklärungen biologischer Phänomene sind höchstens dann adäquat, wenn sie ex ante den historischen Vorgang der kausalen Selektion eines erblichen, biologischen Phänomens mit biologischer Funktion empirisch belegen, dessen Effekt für die Bilanz von Aussterbewahrscheinlichkeit und Geburtenrate in einer statistischen, zeit- und ortsabhängigen und kulturunabhängigen Erklärung belegen.

2. Evolutionäre Erklärungen biologischer Phänomene sind höchstens dann gut, wenn sie die Mängel konkurriereder Theorien vermeiden und nicht nur die evolutionäre Rolle der biologischen Funktion betrachteten biologischen Phänomens, sondern auch dessen Verteilung aus seiner biologischen Funktion erklären auf eine Weise, daß das Auftreten der Verteilung die ganze Erklärung nicht trivialerweise wahr macht. Zusätzlich sollte sie die zeitabhängigen Wechselwirkungen der Merkmalskombination der betrachteten Spezies mit der Umgebung und dem historischen Verhalten konkurrierender Spezies betrachten und benutzen, um das Resultat der genetischen Veränderung der Spezies verständlich zu machen.

Wir wollen all diese Resultate für evolutionäre Erklärungen biologischer Phänomene im Kopf behalten, wenn wir uns nun überlegen, ob es evolutionäre Erklärungen geistiger Phänomene geben kann. Denn (A1)-(A9) und (G1)-(G3) liefern natürlich die Skizze eines bewährten Verständnisses des Begriffs der Evolution, dessen Übertragbarkeit auf geistige Phänomene hier gerade geprüft werden soll.

 

Informationen zum Autor finden sich hier. Der zweite Teil “Bad Science” folgt demnächst.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Denk-Schrift III: Deutsche Politiker


Ausreden und Entschuldigungen:

Natürlich wird dieser knappen Darstellung der feindlichen Haltung der christlichen Kirche zur überlieferten Kultur als erstes Einseitigkeit vorgeworfen. Auch die Killerphrase "Rundumschlag“ ist beliebt. Das ist die übliche Antwort, wenn man sich einer näheren Beschäftigung mit den aufgeworfenen Fragen entziehen möchte. Nun, Einseitigkeit kann der Analyse nur dann vorgeworfen werden, wenn man den Untaten eine vergleichbare Liste guter Taten entgegen stellen könnte, die den angerichteten Schäden qualitativ und quantitativ entspräche. Aber wie sollte das gelingen? Wie sollte fast zweitausend Jahre Verfolgung Andersdenkender kompensiert werden? Wie sollte die Vernichtung ganzer Kulturen vom antiken Rom bis zum enthaupteten Aztekenkult gegen die Suppenküchen der Caritas und Diakonie aufgewogen werden? Wie sollten tausend Jahre physische und verbale Gewalt, Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennung und Indices verbotener Bücher gegen irgend etwas verrechnet werden? Es gibt Vergleiche, die verbieten sich, weil alle  Vergleichsmaßstäbe gesprengt, alle Zeitdimensionen unvorstellbar werden. 1700 Jahre staatlich verordneter, kirchlich geforderter Glaubenstotalitarismus ist ein solcher Vergleich.

1700 Jahre! Wissen wir eigentlich noch, wovon wir sprechen? Dennoch werden bis heute die massenhaft betriebenen Verstöße gegen die Menschlichkeit mit überheblicher Geste fortgewischt, letztlich, im Jahre 2011, durch den katholichen Kirchenhistoriker Klueting: „Man komme mir nicht mit Religionskriegen, Schwertmission, Judenmassaker, Ketzerverfolgung oder Hexenverbrennung. Das alles ist mir als Historiker bestens vertraut. Aber das sind antichristliche Verunstaltungen des Christlichen". So einfach entledigt sich ein Theologe, Professor dazu, der Vergangenheit: Eine im Wesen „reine“ Kirche muß bedauerlicherweise eine Unmenge antichristlicher Elemente in ihren Reihen beherbergen. Dann wäre noch als Entschuldigung das „finstere Mittelalter“ zu erwähnen, das der mildtätigen Kirche seinen grausamen Stempel aufgedrückt habe. Aber das Mittelalter ist nicht „finster“ geworden, weil die Menschen die Düsternis lieben, sondern weil eine übermächtige Kirche die Jahrhunderte mit finsteren Kirchenedikten überflutet und alle Werte neu definiert. Es sind Jahrhunderte, in denen die Frage „Was sagt Gott dazu?“ die einzige Frage aller Stände wird. In denen die Pracht, die Größe und die Überzahl der Kirchen den bescheidenen Hütten der Menschen das Sonnenlicht rauben wird. In denen in kollektiver, sonntäglich vertiefter Furcht vor Gottes Strafen gelebt und wie kaum eine andere Zeit das Grausame, Vulgäre und Rohe gepflegt wird. In denen unvorstellbare Obszönitäten, das Vierteilen, Blenden, Hände-, Brüste- und Hodenabhacken, das Zunge-, Lider- und Fingernägelausreissen, das Zerpflügen eingegrabener Menschen empfohlen werden. In denen Priester dumpfe Seelenqualen schüren, verstörte Geister in der Magie Halt suchen und kosmische Zeichen, Vorhersagen vom "Jüngsten Gericht", apokalyptische Verzerrungen und Visionen grotesker Tiere die Menschen verängstigen.

Da gibt es nichts „aus der Zeit heraus“ zu entschuldigen. Das „finstere“ Mittelalter ist kein Schicksal und die Verbrechen sind keine bedauerlichen „Verfehlungen“ einer ansonsten geheiligten Kirche. Ebenso wenig wie die bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts erfolgte Entwürdigung junger Frauen in den Wäschereien katholisch-irischer Magdalenenstiften [3] oder der tausendfache Mißbrauch junger Knaben in den Händen zölibatärer Priester. Das „finstere Mittelalter“ ist kein unabwendbares Ereignis gewesen, sondern zwangsläufige Folge einer unmenschlichen Kirchenlehre.

Epilog: „Das Christentum hat unsere Kultur geprägt“

Das Christentum hat unsere Kultur geprägt, das ist wahr, wenngleich seine kulturelle und menschliche Gesamtbilanz verheerend ausfällt und die neue Weltsicht keinen Vergleich mit der bekämpften antiken, arabischen oder maurisch-spanischen Kultur aushalten kann.

Diesen „Sieg“ des erstickenden Dogmas über freie, intellektuelle Hochspannung, diesen Triumph der unheiligen Allianz aus Kreuz und Schwert über eine beispiellose Hochkultur, deren gigantischer geistiger Fundus noch heute Philosophie, Kunst, Wissenschaft, Architektur und Poesie beflügelt, diesen Pyrrhus-Sieg der Staatskirche mit nachfolgender Analphabetisierung eines halben Kontinentes und wirtschaftlicher Verödung Europas als Ausgangspunkt einer neuen, angeblich der Antike überlegenen christlich-abendländischen Kultur feiern zu wollen, gar in Verkennung der philosophischer Werke und Ideen antiker Denker und unter Verleugnung unangenehmer biblisch-testamentarischer Texte und der historischen Tatsachen „die ursprünglichen Besitzverhältnisse“ der Kirche (H. Bielefeldt, 2011) über Würde und Menschenrechte glauben anmahnen zu müssen, kommt einer Satire auf unsere geschichtliche Kenntnis gleich und offenbart einen beschämenden Mangel an Bildung der classe politique.

Die Wahrheit ist, dass die katholische Kirchenführung mit den Menschenrechten wenig anzufangen weiß. Menschenrechte stellen sich aus kirchlicher Sicht vor allem als eine Kombination protestantischer und revolutionärer Auffassungen dar. So verwarf Leo XIII. im Jahre 1888 in der Enzyklika Libertas praestantissimum donum die Idee der Menschenrechte mit den Worten: „Die uneingeschränkte Freiheit des Denkens und die öffentliche Bekanntmachung der Gedanken eines Menschen gehören nicht zu den Rechten der Bürger“, es sei völlig ungerechtfertigt, die unbegrenzte Freiheit des Denkens, der Rede, des Schreibens oder des Gottesdienstes zu fordern.

Rund 120 Jahre später behauptet Papst Benedikt XVI. anläßlich seines Deutschlandbesuches im September 2011 in einer nebulösen, erkenntnistheoretisch wie rechtsphilosopisch [4] angreifbaren, sprachlich verschwurbelten Rede vor dem Deutschen Bundestag, die Idee der Menschenwürde und -rechte sei von der Überzeugung eines Schöpfergottes, von der „Gottesebenbildlichkeit“, abzuleiten und ordnet damit die auch von Buddhisten und Muslimen getragene UN-Menschenrechtserklärung auf die katholische Linie ein. Dieser christlich-kirchliche Gottesbezug der Menschenrechte, weder durch empirische oder wissenschaftliche Erkenntnisse nachweisbar, noch durch politische oder logische Argumente belegbar, eine Behauptung also aus dem luftleeren Raum, animierte die Konrad-Adenauer-Stiftung zum öffentlichen Nachdenken unter Leitung des CDU-Politikers Bernhard Vogel: Der Gottesbezug trage „dazu bei, dass der Mensch unreduziert wahrgenommen“ werde. Andere Menschenbilder seien „defizitär“, die „mit Sicherheit auch defizitäre ethische und politische Entscheidungen nach sich“ zögen („Menschenwürde“, 2006).

Dieser von der Bundesregierung finanzierte, zopfige Text gegen den Weltbürger, der alle bisherigen feindlichen Menschenbilder der Kirche, insbesondere die antijüdischen, antihäretischen, antireformatorischen und antimodernistischen, schlicht negiert, wurde als Handreichung für den Bundestag von einer Handvoll deutscher Theologen ausgetüftelt, die „Menschenwürde“ unter sich auszumachen versuchten. Philosophen und Kulturwissenschaftler waren unerwünscht.

Nur am Rande sei noch erwähnt, dass die ominöse Gottesebenbildlichkeits-Debatte durch die Evolutionsforschung (Darwin) als hoffnungslos antiquiert ausgewiesen ist. Denn falls die Gottesebenbildlichkeit zuträfe, hätte sich Gottes Wesen mit dem Wandel des Menschen vom lustarmen Einzeller zum erotisch-raffinierten homo sapiens ständig verändert, hätte Gott vor 100.000 Jahren körperlich wie wesenshaft dem homo erectus geglichen. Da Gott aber ewig ist, kann eine solche Veränderung ausgeschlossen werden. Im übrigen handelt es sich um eine auch theologisch unsinnige Gespensterdebatte. Denn sie unterstellt, dass Gott erkennbar ist (Spiegelbild des Menschen), was seine Göttlichkeit erneut grundsätzlich in Frage stellt. Die Ebenbildlichkeits-Debatte ist also Phraseologie in Reinstform, die wichtige Zukunftsthemen wie Praeimplantationsdiagnostik und Gen-Technologie zum Schaden der Menschen mit irrationalen Luftargumenten belastet und lediglich geeignet ist, eine ernsthafte, tiefer gehende Werte- und Würdediskussion zu umgehen und diese stattdessen in kirchlich-archaische Denkweisen einzumauern.

Gleichermaßen geheimnisvoll bleibt, was Papst Benedikt XVI. überhaupt unter „Menschenrechten“ versteht. Um die Freiheit des Denkens oder um Bürgerrechte jedenfalls kann es sich kaum handeln, da Libertas praestantissimum donum diese ausdrücklich ablehnt. Und dass die katholische Kirche Frauen den Zugang zu allen mit der Weihe verbundenen Ämtern und Funktionen verweigert und damit gegen das europäische Diskriminierungsverbot verstößt, ist ebenfalls bekannt.

Was Europa im innersten zusammenhält

Die gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung, die christliche Idee von der Gottebenbildlichkeit des Menschen habe die Menschenrechte begründet und es sei ein Verdienst des Christentums, die Formel von der Menschenwürde gefördert zu haben, ist also nachweisbar falsch. Und angesichts dessen, was die Kirche in diesem Namen getrieben hat, bemerkenswert dreist. In Wahrheit ist die Redensart von einer durch die christliche Lehre generierten „Menschenwürde“ voll bitterer Ironie. Denn was die Lehre von der Erbsünde anthropologisch bedeutet, liegt auf der Hand: Sie ist menschenverachtend. Der Mensch ist verderbt, ein Wurm und Opfer seiner Sinne. Gott macht mit ihm, was er will. Der Mensch solle zu Staube kriechen und sich blind in sein jenseitiges Schicksal ergeben. Selbst der Gottessohn wird entwürdigt. Gegeißelt und mit Dornen gekrönt wird er seit Jahrhunderten den Menschen zur Schau gestellt. Keine Mutter würde nach dem Tode ihres Sohnes derart Schauerliches und Pietätloses zulassen.

Was Europa im innersten zusammenhält, was Europa ausmacht, ist also nicht der billige Rekurs auf die Bergpredigt, ist nicht ein angeblich „liebender Gott“, der die Menschen nach Belieben tötet und foltert. Was Europa zusammenhält, ihm ein unverwechselbares Gesicht gibt, ist das griechisch-römische Erbe, die mühevoll gegen die Staatskirche errungenen Bürgerrechte, die der klerikalen und weltlichen Willkür ein Ende setzen, die Freiheit des Denkens, die Gleichberechtigung und all das, was im Grundgesetz, in den Artikeln 2-18 steht. Europas Basis ist nicht die Bibel, sondern die Petition of Rights (1628), die Habeas-Corpus-Akte (1679), die Bill of Rights (1689) und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (1789). Diese Texte ergänzen die philosophischen Schriften von David Hume bis Kant, die als Texte der Befreiung zu verstehen sind. „Liberté, Égalité, Fraternité“, das ist es, was Europa ausmacht. Die monotheistische Theologie dagegen hebt die Freiheit auf. Sie lebt vom Zwang „Du sollst“ und von der Züchtigungsrute im Falle des Ungehorsams.

Es geht nicht um Gott

Zu guter Schluß und um nicht mißverstanden zu werden: Es geht nicht um Religion oder Glauben, sondern um einen hierarchischbürokratischen Komplex namens Amtskirche mit Bischöfen, die wie Fürsten behandelt und wie Generale besoldet werden. Es geht um Priester, die in heilloser Überforderung eine verquere gottferne Dogmatik an erste Stelle setzen, Gott die Unendlichkeit rauben, mit jedem neuen Attribut die Authentizitätsprobleme steigern und die chronischen Inkompatibilitäten ins Uferlose vermehren. Es geht um eine Kirche, die ihre 1700-jährige, unerbittlich grausame Geschichte als Staatskirche hintertreibt und stattdessen von der „Religion der Liebe“ schwadroniert. Die in völliger Verkehrung der Lehre und ihrer eigenen Historizität einen „liebenden Gott“ als Kronzeugen anführt, der die Erde verwüstet, die Menschheit vernichtet, brutale Fressketten einrichtet, die abscheulichsten Strafen androht und Auschwitz und Hiroshima zuläßt. Die, kurz gesagt, Gott zur Marionette eines unsäglichen Religionsschauspieles macht.

Und: Es geht um einen Staat, der dies alles nach Kräften fördert, gar in Verfassungen zur Furcht vor dieser Religion auffordert und Juden, Muslime und Nicht-Konfessionelle zwingt, mit ihren Steuern die satten Gehälter christlich-kirchlicher Würdenträger zu bezahlen. Es geht um eine Gesellschaft, in der der Bürger sich dagegen verwahrt, bei der Gestaltung des Politischen von nicht gewählten Meistern der Wahrheit bevormundet zu werden, die nach Wahrheitsregeln, die schon vor 2000 Jahren nicht mehr auf der Höhe der Zeit waren, an Problemen wie Praeimplantationsdiagnostik und Kernenergieausstieg herumdoktern. Es geht um selbsternannte Werte-Gurus, die weder die erforderliche Expertise in existenziellen Sachfragen nachweisen können, noch demokratisch legitimiert sind, die wenig mehr als Schlagworte zum Begriff „Ethik“ beisteuern und dennoch unangemessenen Einfluß auf die Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse besitzen. Das hat es in Deutschland noch nicht gegeben: Bischöfe befinden darüber, ob Kernenergie und erhöhter CO2-Ausstoß aus konventionellen Kraftwerken gesellschaftlich vertretbar sind. Ihre Entscheidungsgrundlage ist ein Buch aus der Zeit der babylonischen Gefangenschaft der Juden.

Es geht auch um Würde

Und es geht auch um Würde. Als Republikaner schämt man sich, dass die Bundeskanzlerin als Gastgeberin an den Berliner Sitz der Deutschen Bischofskonferenz eilt, um dort vom Gast, einem umstrittenen Kirchenführer, empfangen zu werden. Betreten schaut man zu, dass Bundesverfassungsrichter, zu strikter religionspolitischer Neutralität verpflichtet, in ein Freiburger Priesterseminar pilgern, um einem Religionsführer ihre Aufwartung zu machen. Das soll uns mal einer nachmachen! Bundeskanzlerin, Bundestagspräsidium und oberstes Verfassungsgericht werfen sich im eigenen Land dem Repräsentanten einer Organisation zu Füßen, die im Laufe ihrer 2000jährigen Geschichte mehr Phantasie aufgewendet hat, Andersdenkende mit Streckbänken und Daumenschrauben zum Gehorsam zu zwingen, als jede andere Diktatur. Ungläubig beobachtet man, dass die Mehrheit der Volksvertreter einem Bundestagspräsidenten folgt, der auf Kosten der katholischbischöflichen Cusanus-Gesellschaft studiert und kürzlich eine Vater-Unser-Interpretation publiziert hat, der vom Papst in Privataudienz empfangen worden ist und im Gegenzug die Volksvertretung für die eigene religiöse Überzeugung strapaziert, indem er initiativ den Papst zu einer Rede vor dem Parlament, der Volkskammer aller Deutschen, einlädt. Nicht als Staatsmann hat Benedikt gesprochen, wie beschönigend behauptet wurde, sondern als Kirchenführer. Denn diesen Zahn zog der Papst den Politikern bei seiner Antrittsrede höchstpersönlich: Er sei als Papst und nicht als Staatenlenker gekommen.

Diese provokante Einladung Norbert Lammerts (samt der Fraktionsführer), die die Verfilzung von Staat und Kirche, von Politik und Religion öffentlich dokumentierte, die zum Auszug von einhundert Parlamentariern führte, deren vakanten Sitze horribile dictu mit Claqueuren gefüllt wurden, die Zehntausende auf die Berliner Straßen trieb, dieses instinktlose Unterfangen, das die 2000-jährige offene Feindschaft der Päpste gegen die Juden tatsächlich ebenso entschuldete wie die erbitterte Verfolgung von Häretikern und Ketzern durch die katholische Kirche, dieser staatskirchenpolitische Winkelzug, überflüssig wie ein Kropf, der dem innenpolitischen Frieden dauerhaft geschadet, die Diskussion um die Trennung von Staat und Kirche erst richtig angeheizt, alte Gräben vertieft und neue aufgerissen hat, ist ein böser Schlag ins Gesicht all derer gewesen, die meinen, Staatsreligionen hätten schon genug Unheil angerichtet, nun sei es genug mit heiligen Kriegen und Bush-Kreuzzügen, mit Salafisten, Pius-Brüdern und Scientologen, mit Bekehrten und Offenbarten, mit Verfluchen und Verstoßen, mit tönernen Friedensbekundungen und realer Unfriedensstiftung.

Also, wehret den Anfängen. Zum Beispiel bei der Frage, ob noch mehr Religionsunterricht an die ohnehin schon polyethnisch und multireligös überfrachteten öffentlichen Schulen gebracht werden soll. Diesmal geht es darum, dass Politiker die Schulen für islamischen Religionsunterricht öffnen wollen. Vorgeblich um fundamentalistische Auswüchse zu begrenzen. Als wäre es jemals möglich gewesen, Religionsradikalinskis durch freiwilligen, wöchentlichen Unterricht an staatlichen Einrichtungen zu bändigen. Mit solchen Maßnahmen erfährt lediglich der Zwist zwischen Konfessionsfreien, Protestanten, Katholiken, Freikirchlern und Muslimen eine neue Dimension. Statt Religion konsequent in die private Sphäre zu verschieben („Sonntagsschulen“), statt sie von den Hochschulen zu verbannen, werden die öffentlichen Schulen verstärkt in das grausame Geschacher um Glaubenswahrheiten hineingezogen.

Dabei deuten alle Daten deuten darauf hin, dass das Großkirchen-Christentum in der modernen Welt sein tatsächliches Ende bereits hinter sich hat. Denn die Welt rückt zusammen und die Kirchen sind nicht zufällig leer. Sie leeren sich, weil die Priester die Fragen des 21. Jahrhunderts unter Heranziehung 2000 Jahre alter Folianten dechiffrieren wollen, weil sie Urknall, Evolution, Apparatemedizin und Ausschwitz theologisch nicht mehr beherrschen. Wer angesichts des anthropozentrischen Größenwahns, des ungebremsten, katastrophalen Bevölkerungswachstums und in Gegenwart perverser Tier- und Ressourcenausbeutung weiterhin von „gottgewollter Herrrschaft des Menschen über die Natur“, von „Krone der Schöpfung“ und „macht Euch die Erde untertan“ meditiert, wer im Zeitalter der Globalisierung der Weltanschauungen immer noch behauptet, die ewige Wahrheit zu vertreten, der sollte von der öffentlichen Bühne abtreten. Der sollte dem grenzüberschreitendem Humanismus den Vortritt lassen.

[3] Im Irland der 60er und 70er Jahre verschwinden junge Frauen, oft mit dem Segen ihrer Familien, hinter den Mauern der Magdalenenstifte, die gefallenen Mädchen Zucht und Ordnung beibringen sollen. Vgl. dazu den preisgekrönten Film „Die unbarmherzigen Schwestern“ von Peter Mullan, 2002.

[4] Vgl. „Hier irrte der Papst“, FAZ v. 03.11.2011.

Rolf Bergmeier, M.A.

Althistoriker und Philosoph; Forschung mit Schwerpunkt im Grenzbereich von Spätantike, frühes Mittelalter und Kirchengeschichte.

Veröffentlichungen seit 2010 (Monographien):

· Kaiser Konstantin und die wilden Jahre des Christentums. Die Legende vom ersten christlichen Kaiser, 2010.

· Schatten über Europa. Der Untergang der antiken Kultur, Dezember 2011

 

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Denk-Schrift II: Deutsche Politiker


Gottgegeben: Die katholische Kirche als Lehrmeister:

Natürlich wird in den Werken Augustins auch der Vorrang der katholischen Kirche begründet. Diese, so vertraut er uns an, vertritt als „Tempel Gottes“ den dreifachen Gott. Und zwar seit Anbeginn des Universums, wie wir aus dem von Papst Benedikt zu verantwortenden katholischen Katechismus des Jahres 1993 erfahren dürfen: Gott, so sagt uns der damalige Kardinal Ratzinger durch den Mund des Katechismus, Gott habe die heilige katholische Kirche „schon seit dem Ursprung der Welt vorausgestaltet“. Das ist stark! Katholische Kirche seit dem Ursprung der Welt! Diese „Vorausgestaltung“ ist nicht in tastender, unschlüssiger göttlicher Planung erfolgt, „mal schauen, was aus dem Andromeda-Nebel wird“, nein fix und fertig ist sie gewesen, die katholische Kirche, „vorausgestaltet“ eben, vor Milliarden Jahren, mit Papst Benedikt, Bischöfen und Frauen in dienenden Berufen.

Die Protestanten spielen im vorkosmischen Plan Gottes übrigens keine richtige Rolle. Sie können leider „nicht gerettet werden“, so der heutige Papst Benedikt in seiner Heilsbotschaft Dominus Jesus aus dem Jahre 2000, da sie „um die katholische Kirche wissen, in sie aber nicht eintreten“. Warum sich die Protestanten bei einer solchen Diffamierung nicht zu Worte melden, wenn Benedikt als bisher einziger Religionsführer zu einer Rede vor dem Bundestag eingeladen wird, warum sie sich wie provinzielle Bittsteller nach Erfurt zur Audienz beim Papst bemühen, um dort noch die Stiefel zu küssen, die sie Jahrhunderte lang getreten haben, bleibt einigermaßen schleierhaft. Es sei denn, sie würden, o sancta simplicitas, tatsächlich immer noch daran glauben, dass es eine Ökumene gibt, die nicht katholisch ist.

Damit Papst und Bischöfe bei diesem kräftezehrenden Bekehrungsritual nicht verunsichert werden, wird ihnen der Besitz der Wahrheit ausdrücklich bestätigt: Die Wahrheit würde ihnen in der Erleuchtung des Geistes durch Gott zuteil. Der göttliche Geist strahle diese Ideen und Regeln direkt in den menschlichen Geist ein. Natürlich nicht in jeden Menschen, also nicht in den Geist von Philosophen, Agnostikern, Atheisten, Kommunisten, Häretikern, Kritikastern und seit dem Jahre 1 leider auch nicht mehr in die Köpfe der Juden. Letztere tragen ohnehin ein unentschuldbares Übermaß an Schuld mit sich herum, so dass der „heilige“ Augustinus sie in seiner Kampfschrift „Gegen die Juden“ als Mörder, aufgerührter Schmutz, triefäugige Schar, Wahnsinnige, Wölfe zu denunzieren gezwungen ist. Und auch hier gilt, dass die Juden wahrhaftig Grund gehabt hätten, sich gegen die Papstrede zu verwahren.

„Religion der Liebe“ als Begründung des moralischen Führungsanspruchs

Mit dem Begriff der „Nächstenliebe“ läuft die theologische Wortdrescherei zu großer Form auf. Zwar hat man noch nie davon gehört, dass die steinreiche Kirche Grundstücke oder bischöfliche Barockresidenzen verkauft hat, um der vorweihnachtlichen Aufforderung, „den Armen zu spenden“ beispielhaftes Gewicht zu geben. Zwar wissen die Gewerkschaften zu berichten, dass Arbeitnehmer in den kirchlichen Großeinrichtungen Diakonie und Caritas in niedrige Lohngruppen abgedrängt und nahezu mit Hungerlöhnen abgespeist werden. Zwar werden Geschiedene ausgegrenzt, des Arbeitsplatzes beraubt und Homosexuelle gedemütigt. Auch pfeifen alle Spatzen die in der Menschheitsgeschichte einzigartigen Verbrechen bei der Verfolgung Andersdenkender von den Zinnen der Kathedralen, aber nichts, auch rein gar nichts hält die kirchliche Klientel, die beileibe nicht nur aus Pastören besteht, davon ab, das Christentum als „Religion der Liebe“ in Positur zu bringen.

Ausgangspunkt ist natürlich der „himmlische Vater“. Dieser liebe alle Menschen, behauptet die Kirche. Ein Unsinnsspruch, denn Gottes Zorn ist stadtbekannt. Er ist so schlecht auf die Menschen zu sprechen, dass er sie mehrfach aufs böseste bestraft: Erstens mit dem Tod und zweitens mit der Erbsünde. Kurz danach räumt der „liebe Gott“ in einer Sintflut alles Leben beiseite, auch das der Fische, die sich doch eigentlich in dem vielen Wasser pudelwohl fühlen müßten, weil er sich immer noch über die Sünder ärgert. Dann, nachdem sich das Leben auf Erden wieder erholt hat, verlangt er, dass sein eigener Sohn ans Kreuz genagelt wird, als „Sühne für die verdorbene Menschheit“. Aber von den angedrohten wüsten Höllenstrafen nimmt Gott dennoch keine einzige zurück. Trotz Kreuzigung. Stattdessen gestattet er "Stellvertretern" tausend Jahre lang die Menschen zu drangsalieren und greift trotz „Allmächtigkeit“ nicht mit Blitz und Donner ein, um Hiroshima oder Auschwitz zu verhindern. Zu guter Letzt schickt dieser Kirchengott seine ungehorsamen Kinder auf ewig in das Feuer der Hölle, wenn sie nicht die katholischen Bedingungen für das ,,Seelenheil" erfüllen.

Dieses rigide Strafszenario, vor 2000 Jahren von untergangsgläubigen Jenseitsbeseelten im pathologischen Deutungswahn entworfen und seither zum Nutzen und Frommen der Kirche angewendet, diese furchtbare Höllensage, meilenweit von den religiösen Vorstellungen der Antike entfernt, [1] führte dazu, dass die meisten christfrommen Menschen mehr als 1500 Jahre in einer pseudoheilsamen Angststarre verharrten, weil sie fürchteten, direkt in den Kochtöpfen des schwarzen Hinkefußes zu landen. Und noch heute diktiert Angst vor dem „richtenden“ Gott das kirchliche Gottesszenario. Dennoch haben Priester die Stirn und Gläubige die Biederkeit, vom „liebenden Gott“ zu sprechen.

Dieser Gott hat einen Sohn. 400 Jahre lang sind beide innerhalb der christlichen Gemeinden heftig umstritten. Der römische Kaiser Konstantin ist es schließlich, der auf dem Konzil von Nicäa (325) den jüdischen Alleingott zum „wesensgleichen“ Zweifach-Gott transformiert. Der „Vater“ erhält einen göttlichen Sohn, der aber kein Sohn sein darf, da er ja „von Anbeginn“ schon existiert. Er ist also eher ein Bruder, aber auch wieder nicht, da er – zwar wesensgleich mit Gottvater – vom göttlichen Vater gezeugt sein soll, (Kath. Katech. 254). Er scheint also eher ein Klon zu sein, gezeugt und wesensgleich. Aber so ganz genau weiß das niemand, zumal nicht Gottvater, sondern der „Heilige Geist“ Maria geschwängert haben soll, irgendwie metaphysisch, wie sich versteht.

Josef spielt übrigens keine Rolle. Er akzeptiert achselzuckend die Fremdschwangerschaft seiner Frau und hütet Ochs und Schaf. Jesus, ein tiefgläubiger Jude, verkündet menschenfreundliche, altjüdische Botschaften. Seine Jünger und Apostel, rund 50 Männer und Frauen, und die römischen und jüdischen Zeitgenossen wissen allerdings rein gar nichts von ihm zu berichten. Was in einer Zeit, in der die Bibliotheken mit Hunderttausenden von Büchern zu bersten drohen, völlig lebensfremd ist und zwei Schlußfolgerungen zuläßt: Entweder ist Jesus eine rein literarische Figur, die erst mit den Paulusbriefen zu leben begann. Oder Jesus war weder aufsehenerregend noch konnte er über Wasser gehen. Er war ein Prophet. Und von denen gab es damals viele. Dieser „Gottessohn“ also, bis tief in das 4. Jahrhundert innerhalb der christlichen Gemeinden hoch umstritten, logisch und theologisch das Widersinnigste, was Religionen je erfunden haben, diesen Gottessohn also expedieren die Priester auf die Erde. Dort, im Leib einer Irdischen, habe er gewartet, neun lange Monate, bevor er das Licht der Erde erblickt, ohne Geburt. Die „Gottesmutter“ Maria ist daher unberührt, unbefleckt, himmlisch schön und so heilig, dass sie per Dekret von Papst Pius XII. aus dem Jahre 1950 körperlich in den Himmel auffährt. Wie man sich das vorzustellen hat, ist nicht bekannt. Aber Benedikt XVI. ist der Auffassung, dass dieser nicht nur wegen Marias Himmelfahrt hoch umstrittene Papst in den Pantheon der Heiligen aufgenommen werden sollte.

30 Jahre also lebt dieser Gottessohn auf Erden und stirbt in den Fängen jüdischer Häscher und römischer Söldner. Nicht in edler Haltung, sondern in erniedrigenster Pose, Mitleid heischend und den Menschen zur Besichtigung am Kreuz freigegeben, ohne dass der Allmächtige mit Donnerschlägen dazwischen fährt. Das habe ER so gewollt!, ruft die Kirche. Sein Wille sei gewesen, seinen Sohn stellvertretend für die Menschen büßen zu lassen. Man bedenke: ER läßt seinen Sohn ans Kreuz nageln, weil ER seine eigene Strafe nicht aufheben will! Wer denkt sich eine solche Vater-Sohn-Beziehung aus?

So also stellt sich die christliche Kirche den liebenden Gott vor. Daraus also leiten die Priester das Nächstenliebe-Gebot ab, ohne dessen Wirken wir angeblich unsere Werte und Würde, kurz unseren Halt, verlieren. Aber historisch betrachtet ist das Nächstenliebe-Gebot jüdisch: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3 Moses 19,18). Im übrigen dürften vermutlich alle Kulturen den Wert der "Nächstenliebe", wenn auch unter verschiedenen Namen, hervorheben, ohne sich deshalb ständig an die Brust zu klopfen. Bereits die Philosophie Zarathustras (vor 500 v.u.Z.) basiert auf den drei Grundsätzen "Gut Denken, gut Reden und gut Handeln" und auf seinem Credo "Ich bin Zarathustra, wahrhaftiger Gegner der Lügner, und ich werde sie bis zu meiner letzten Kraft bekämpfen. Aber mit meiner ganzen Kraft werde ich den Aufrechten und Rechtschaffenen beistehen" (43/8). Wenig später läßt Sophokles um 450 v.u.Z. seine Antigone rezitieren: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich geschaffen“. Und Aristoteles erkennt um 330 v.u.Z. in seiner „Nikomachischen Ethik“, das Wesen der Freundschaft sei, mehr Liebe zu geben als zu nehmen. Der römische Philosoph Seneca schreibt ein ganzes Buch über die Wohltaten, „De beneficiis“, und erkennt in seinem Werk „Vom glückseligen Leben", das höchste Gut sei „ein ruhiges Handeln, reich an Menschenliebe und Rücksicht für die, mit denen man lebt". Cicero, ebenfalls ein „Heide“ des 1. vorchristlichen Jahrhunderts, wird diesen altruistischen Gedanken aufgreifen und von einer natürlichen „Wohlgeneigtheit zwischen allen Menschen“ sprechen. Keiner ist bisher auf den Gedanken gekommen, die Lehren Zarathustras, Sophokles` oder Senecas mit dem Epitheton „Philosophie der Liebe" zu versehen, obwohl ihnen dieses Markenzeichen wahrlich zustände. Im übrigen ist dieses überstrapazierte Liebesgebot als „Altruismus“, als Teil des natürlichen Verhaltens des Menschen, bekannt. Die Soziobiologie weist bereits Mitte des 20. Jahrhunderts die genetischen Grundlagen des Altruismus nach.

Neu scheint lediglich das Gebot der „Feindesliebe“ zu sein (Mt 5,43-48), das eine Radikalisierung des Nächstenliebe-Gebotes darstellt und vermutlich nur in Zusammenhang mit der damaligen unmittelbaren Erwartung einer neuen (himmlischen) Welt zu verstehen ist. In der kirchlichen Praxis ist das Feindesliebe-Gebot bis heute ohne Bedeutung. Die Kirche segnete Waffen und die Soldaten haben bis in die jüngste Zeit „für Gott und Vaterland“ die Gegner massakriert. „Feindesliebe“ bleibt damit als realitätsferne, unerfüllbare Forderung eine Wort-Tapete, genauso sinnvoll wie die Forderung „Reichtum für alle“. So bleibt es also völlig nebulös, welche spezifisch christlichen Werte die Kirchenführung eigentlich anzubieten hat.

So schlecht hat es noch keine Epoche mit dem Menschen gemeint

Man wird zugeben müssen, dass dieser „liebende Gott“, der in Wahrheit ein ziemlicher Wüterich zu sein scheint, unmöglich den wahren Gott repräsentieren kann. Ritterlichkeit, Fairness und Gerechtigkeit sind keine Vokabeln, die im Sprachschatz dieses Kirchengottes auftauchen. „Fürchte Gott“ mahnt daher sein Apologet Johannes (Offenbarung 14,7) und folgerichtig fordert die Landesverfassung Rheinland-Pfalz auch nicht, die Jugend in Gottesliebe zu erziehen, sondern in blanker Furcht: „Die Schule hat die Jugend zur Gottesfurcht […] zu erziehen” (Art. 33). Ein Spruch, der angesichts der heterogenen Religionslandschaft und des sehr realen Anteils von rund 30 Millionen Konfessionsfreien wie eine Botschaft aus dem 18. Jahrhundert anmutet. 2

Diese misanthropische Lehre mit ihren dominanten Eckpunkten, Erbsünde und göttliches Strafgericht, ist eine deprimierende Kriegserklärung an den Menschen. Von der Zeugung an mit einer übergroßen Schuld beladen, ist die Menschheit eine sündhafte Elendsmasse, mit der Gott machen kann, was er will. So schlecht hat es noch niemand mit den Menschen gemeint. So finster wurde noch niemals die Zukunft ausgemalt. Nie in der Menschheitsgeschichte wurde das Denken mit derart sinnlosen und wahnwitzigen Sünden- und Höllenapokalypsen kontaminiert, nie hat es einen radikaleren Wandel des Menschenbildes gegeben, nie eine bedrohlichere Lehre, nie eine größere Entmutigung, nie eine dreistere Tarnung mit Sprüchen vom „liebenden Gott“ und von der „Religion der Liebe“. Eine „chinesische“ Kulturrevolution, umfassender, grausamer, länger dauernd als jemals eine Kulturrevolution in der Menschheitsgeschichte, wird sie die Zeit verändern. Jenseitsorientierung, Diesseitsabgewandtheit, Schuldvorwürfe, Selbsterniedrigung und Angst vor Hölle und Vorhölle werden endgültig die entscheidenden und bestimmenden Faktoren im Leben der Menschen. Wir ahnen, dass die Wolfszeit anbricht. Das alles ist weder rational noch theologisch zu begreifen. Erst der Blick in die Religionsgeschichte öffnet den Zugang zum Verständnis. Eingeklemmt zwischen einer turmhoch überlegenen römisch-griechischen Kultur mit weit fortgeschrittener Wertediskussion auf der einen Seite und der noch älteren, ehrwürdigen jüdischen Bibel auf der anderen, steht die christliche Lehre als Klassen-Neuling von Beginn an unter Zugzwang. Diese neue Religion muß überhaupt erst noch ihren Platz finden, muß extravaganter und radikaler als alle anderen Religionen sein, muß die Mystifikation ins Unendliche steigern, muß die Juden enteignen, ihnen die Vergangenheit entwenden, muß die uralte Lehre zur Ankündigungsplattform ihrer neuen Religion degradieren, muß alle Andersdenkenden bekämpfen, um überhaupt Platz zwischen jüdischem Monotheismus, polytheistischer Duldsamkeit, senecaischen „Tue Gutes“-Gedanken und neuplatonischer Religionsphilosophie finden zu können.

Und so verrennen sich die christlichen Priester in immer abenteuerlichere Konstruktionen, die mit Augustinus` Sündenlehre und der Zwei-Naturen-Lehre des Jahres 451 ihre widergöttlichen Referenzpunkte finden. Gott, so erkennen wir, wird von den Priestern in schlimmster Weise geschmäht. Man müßte die Erfinder und Apologeten dieser Lehre wegen „Gotteslästerung“ (§166 StGB) vor Gericht stellen, ihnen wenigstens die Berechtigung absprechen, über Gott zu sprechen. Unabhängig davon, dass sie wegen der Paradoxie, über Unendliches sprechen zu wollen, aus dem Kreis der Gebildeten ausgeschlossen werden müßten. Die Kirche aber wird es nie verwinden, dass ihr Religionsgründer Jude war, der nicht im Traum daran dachte, eine bürokratischhierarchische Kirche mit einem Stellvertreter Gottes an der Spitze zu gründen. Sie wird Jesus vereinnahmen und die lästige jüdische Konkurrenz auf das bitterste verfolgen.

1 "Winter und Sommer sänftigen sie [die Götter] mit dem Eintreten eines milderen Hauches, das Irren strauchelnder Seelen ertragen sie sanftmütig und gnädig" (Seneca, De beneficiis).

2 Im „Vorspruch“ heißt es gar: „Im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott, dem Urgrund des Rechts und Schöpfer aller menschlichen Gemeinschaft …“. Baden-Württemberg fordert in der Landesverfassung Art. 12 Eltern und Lehrer auf: „Die Jugend ist in Ehrfurcht vor Gott, im Geiste der christlichen Nächstenliebe …“ zu erziehen. Bayerische Landesverfassung, Art. 131, Abs. 2: “Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott …“. Von 16 Bundesländern haben acht den Gottesbezug in der Präambel und fünf christliche Erziehungsziele in der Landesverfassung erwähnt.

 

 

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Denk-Schrift I: Deutsche Politiker


Redaktion: Ich freue mich ganz besonders, dass mir Rolf Bergmeier die Genehmigung zum Abdruck seiner Denkschrift erteilt hat. Dies geschieht fast zeitgleich mit der Vorstellung seines neuen Buches „Schatten über Europa“, das am 12. Dezember 2011 im Humanistischen Pressedienst begleitet von einem Interview vorgestellt wurde.

Vor und während des Besuches Papst Benedikts XVI. ist viel über „christliche Werte“, „Leitkultur“ und vom Christentum als „Fundament europäischer Kultur“ gesprochen worden. Was führende Politiker zu diesen grundlegenden und die herausgehobene Stellung der christlichen Kirche im deutschen Staatswesen begründenden Thesen bisher haben verlauten lassen, ist mehr von religiösem Engagement als von Kenntnis über historische und kirchengeschichtliche Zusammenhänge geprägt. Die folgende Denk-Schrift will der vorherrschenden weltanschaulichen Betrachtung einen lesbaren, wissenschaftlich orientierten Text an die Seite stellen. Dem Wesen einer Denk-Schrift entsprechend ist der Umfang des Textes knapp bemessen. Interessierte Leser werden gebeten, sich mit Hilfe der auf der letzten Seite zitierten Literaturwerke zu informieren.

„Wer unser christliches Weltbild nicht akzeptiert, ist fehl am Platze“

Für die meisten Politiker scheint die Sache klar zu sein: Deutschlands  „Werte“ sind christlich und weil sie göttlich sind, sind sie auch ewig. Ohne diese christlichen Werte werde der Gesellschaft der Boden unter den Füßen weggezogen. 47 Seiten hat die CDU-Wertekommission unter Leitung des damaligen rheinlandpfälzischen CDU-Chefs Christoph Böhr im Dezember 2001 zusammengeschrieben. Das Programm unter dem Titel „Die neue Aktualität des christlichen Menschenbildes“ wurde vom damaligen Generalsekretär der CDU, Laurenz Meyer, mit den Worten vorgestellt: „Unsere Werte, die Fundamente, auf denen unsere Gesellschaft gebaut ist, sind heute und in Zukunft […] dieselben wie zuvor“.

Die CDU-Vorsitzende, Angelika Merkel, erklärte im Oktober 2010 auf einer Regionalkonferenz in Berlin-Brandenburg die spezifischen CDU-Werte: “Wir fühlen uns dem christlichen Menschenbild verbunden, das ist das, was uns ausmacht.” Wer das nicht akzeptiere, so meinte sie, der sei „bei uns fehl am Platz“ (Tagesspiegel, 15.10.2010). Damit setzt die CDU-Vorsitzende, die gerade Thilo Sarrazin wegen angeblich integrationsfeindlicher Tendenzen gerügt hatte, nicht auf kulturelle und politische Versöhnung, sondern auf religiöse Konfrontation. Wer nicht Christ ist, fliegt raus.

Ob das der CDU angesichts wachsender Kirchenaustritte und der hohen Zahl von Immigranten aus unterschiedlichsten Kulturkreisen bekommt, mag dahingestellt bleiben. Dem innenpolitischen Frieden dient dieses Programm sicherlich nicht. Und der Freiheit des Denkens noch weniger, das ohnehin unter dem Bombardement von Schlagworten („alternativlos“, „scheitert der Euro, dann scheitert Europa“) und dem überfallartigen Wechsel politischer Positionen bedenklich gelitten zu haben scheint.

Gerne vereinnahmen christliche Politiker auch die jüdische Kultur. Im Bemühen, eine gemeinsame Abwehrfront gegen den angeblich zerstörerischen Islam aufzubauen, wird die „christlich-jüdische“ Kultur zitiert, die es zu verteidigen gelte. Ein etwas eigenartiges Kulturkonglomerat, das da aus dem Hut gezaubert wird. Denn die Christen haben sich zweitausend Jahre lang eifrig bemüht, der jüdischen Religion und Kultur den Garaus zu machen. Und so wird dieser Versuch einer Vereinnahmung von den Juden auch strikt abgelehnt.

Die wenigen Beispiele zeigen bereits auf den ersten Blick einen religionstypischen Mangel an Nachdenklichkeit, eine bemerkenswerte Naivität der Argumentation und eine fahrlässige Verkürzung der Belegführung. Sehen wir uns also die Erklärungen an und beginnen mit der Prüfung der Behauptung, das Christentum sei der eigentliche Kulturträger des Abendlandes, sei „Europas Leitkultur“, bevor wir uns mit den „christlichen Werten“ beschäftigen.

Vom Fundament europäischer Kultur

"Das Christentum hat nahezu alles, was uns heute umgibt, geprägt" erinnert Bundeskanzlerin Merkel die Parteigenossen auf der besagten Regionalkonferenz. Sie spricht damit aus, was viele denken, aber das sagt wenig. Denn es gibt auch eine negative Prägung.

Hitler und der Nationalsozialismus haben Deutschland auch geprägt, ohne dass wir uns dieser Zeit gerne erinnern. Es versteht sich, dass Frau Merkel in ihrem Bemühen, allem Christlichem eine positive Wirkung abzugewinnen, nicht die Leidensgeschichte Hunderttausender und die unverkennbar negative Wirkung des Christentums auf Wissenschaft und Forschung diagnostizieren mag. Noch weniger scheint die Physikerin die Bedeutung nicht-christlicher Kulturkreise für das „Abendland“ und deren wertebildenden Traditionen zu kennen.

Da wäre an erster Stelle die griechisch-römische Kultur zu erwähnen, der Europa fast alles verdankt, was tief und schön ist. Gleich ob die Antigone im Theater, der Codex Justinianum im Rechtswesen, der Lehrsatz des Pythagoras oder die Säulenarchitektur in der Baukunst, wir benutzen ein Erbe, das vor mehr als 2000 Jahren geschaffen und bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert von „heidnischen“ Künstlern, Technikern und Wissenschaftlern fortentwickelt worden ist. Überall gab es damals beheizte Bäder, Brunnen, Fischteiche, Kanäle und Gärten. Aquädukte und Tunnel führten das Wasser über elf Fernleitungen in die Stadt Rom und alleine diese Stadt hatte damals 28 öffentliche Bibliotheken und Dutzende von Musikhallen. Nahezu jedes Städtchen verfügte über Schulen, der gebildete Römer sprach zwei Sprachen und etwa die Hälfte der Bevölkerung konnte lesen und schreiben.

Dann aber versandet ab dem 5. Jahrhundert dieser Strom des Wissens und der Kultur. Innerhalb von wenig mehr als einem Jahrhundert verwahrlosen fast alle Erbstücke, die Griechen und Römer in Italien und Gallien, Spanien und Syrien, Schottland und Nordafrika hinterlassen haben. Verfügten die antiken Bibliotheken in Rom, Marseille, Alexandria oder Konstantinopel noch über jeweils mehrere hunderttausend Bücher, so quälen sich wenig später Reste von einigen hundert Büchern in das Mittelalter der Klosterbibliotheken hinein. Die Wasserleitungen verfallen, die öffentlichen Schulen bleiben leer, Medizin und Naturwissenschaften veröden, die Theater sind geschlossen, die Menschen verlernen das Schreiben und brauchen Übersetzer, wenn sie kommunale Verordnungen lesen wollen. Über das Abendland senkt sich das "finstere Mittelalter" herab.

Die Kirche zerstört die antike Kultur

Schuld an diesem Desaster sind nicht die Germanen, ist nicht die Dekadenz der Römer, wie man immer wieder hört. Sie tragen lediglich zur Heimsuchung bei, sind aber nicht die Hauptverantwortlichen. Die Trostlosigkeit hat einen anderen Namen: Christentum. Die tausendjährige antike Kultur ist untergegangen, weil christliches Alleingott-Denken die heidnische Toleranz gegenüber allen Göttern ablöst, weil die christliche Kirche mit den griechisch-römischen Göttern zugleich auch die antike Kultur des Imperium Romanum bekämpft, weil eine rational nicht nachvollziehbare Diktatur der Wahrheit jedes alternative Denken zerstört, weil das jenseitszentrierte Himmel-Hölle-Bild diesseitiges Bemühen zum Tand erklärt und weil religiöse Fanatiker jegliches Denken außerhalb der Bibel als verwerflich denunzieren.

Das Unheil beginnt im Jahre 380 mit Kaiser Theodosius. Dieses Jahr ist ein Schicksalsjahr für Europa: Staat und Kirche verbünden sich in einer unheiligen Allianz zur Staatskirche, die die Macht erhält, ihre radikalen, diesseits- und menschenfeindlichen Vorstellungen in Politik umzusetzen. Die bisher heillos zerstrittenen Christen werden mit Hilfe von sechzig kaiserlichen Erlassen zu einer katholischen „Einheitspartei“ geordnet und bekommen damit die Möglichkeit, den Lehrsatz religiöser und geistiger Intoleranz zum Staatsziel zu erklären: Du mußt an den christlichen Gott glauben.

Diesem Missionierungsgedanken fallen fortan alle Kulturen von der antiken über die maurisch-spanische bis zu den Indio-Kulturen in Nord-, Mittel- und Südamerika zum Opfer. Wo immer das Christentum auftritt, es tauscht die bestehenden Kulturen gegen eine schmale, rein religiös orientierte Kirchenkultur aus. Während das römische Imperium die griechische Kultur aufsaugt und zur weltberühmten griechisch-römischen Kultur erweitert, während das islamische Bagdad und das maurische Spanien alle erreichbaren Kulturen von Indien bis zur jüdischen zu einer traumhaften Höchstkultur vereinen, gefällt sich das benachbarte Christentum zur gleichen Zeit in der Zerstörung aller nichtchristlichen Kulturen.

Dass die zerstörten Kulturen häufig, insbesondere im Falle der griechisch-römischen, der arabischen und der maurisch-spanischen der neuen christlichen Ideologie künstlerisch und wissenschaftlich weit überlegen sind, wird im frommen Trommelwirbel gerne überhört. Und es ist die überragende muslimische Kultur in Toledo, Sevilla und Cordoba, die zwischen 800 und 1200 als Parallelkultur auf die bedrückenden Defizite der christlich-mittelalterlichen Kultur hinweist. Sie wird in den Stürmen der christlichen Reconquista 1492 untergehen. Die verstoßenen Wissenschaftler und Künstler aber wandern aus und werden in Mitteleuropa das „finstere“ Mittelalter beleben. Ihr Wissen und ihre Bücher werden die Wiedererweckung der Antike einleiten, die Renaissance. Aber die Freiheit bleibt kanalisiert, das Verbot, frei zu denken und ungebunden zu forschen, bleibt bei Todesdrohung weiterhin bestehen.

An Belegen für die kulturfeindliche Haltung der christlichen Kirche fehlt es nicht. Der bekannte christliche Schriftsteller Tertullian meint, „es sei besser, unwissend zu sein, um nicht kennen zu lernen, was man nicht soll“. Tertullians Zeitgenosse, Tatian, lehnt in einer zügellosen Rede „An die Hellenen“ die gesamte griechische Bildung als unnütz und unmoralisch ab. Die antiken Philosophen seien Lärmer, Geschwätz und Rabengekrächze kennzeichne ihre Reden. Die Akademien seien "Schwalbenzwitscherschulen" und die Arzneikunde käme aus einer „Schwindlerwerkstatt“.

Es folgen weitere Kirchenführer, die gegen das „Philosophenvieh“ wettern. Trächtige Säue“ seien sie, „Hunde, die zu ihren Auswürfen zurückkehren“, Dummköpfe, Fälscher, Giftspeier, Betrüger, Verrückte und Strauchdiebe. Einen schlechten Ruf bei Christen haben auch Mathematiker. Augustinus wendet in seinem „Gottesstaat“ ein ganzes Kapitel auf, um den Nachweis zu führen, dass die Mathematiker eine gegenstandslose Wissenschaft betreiben. Die systematische Erforschung naturwissenschaftlicher Phänomene wird als überflüssig betrachtet, da alle Naturereignisse, vom Erdbeben bis zum Blitzschlag, Gottes Wirken zugeschrieben werden. Naturereignisse seien Folgen seiner Pflicht, die Menschen zu strafen oder zu loben. Mit Geschichte brauche sich der Christ nicht zu beschäftigen, da das ganze Geschichts-Schriftentum durch die Heiligen Schriften widerlegt sei, die einen Zeitraum von 6000 Jahren Menschheitsgeschichte berechnet hätten. Selbst die Medizin wird abgelehnt, da die Kraft der Heiligen besser helfe. Von Baukunst, Staatslehre und Landwirtschaft brauche der Christ nichts zu wissen, es sei denn, um die betreffenden Stellen der Heiligen Schrift besser zu verstehen.

Parallel zur Vernichtung der Wissenschaften geht es der Kunst und den Schauspielen an den Kragen. Letztere seien Teil der weltlichen Irrtümer, verkündet Tertullian. Der „heilige“ Augustinus wettert gegen die Theater: „Schaustellungen von Schändlichkeiten und Freistätten der Nichtswürdigkeit“ seien sie, „Fäulnis und Pest der Seelen“, „Unzucht“, „wollüstiger Aberwitz“. So schafft es die christliche Kirche, die großen Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides und alle Komödien von den Bühnen verschwinden zu lassen. Statt „Ödipus“ und „Antigone“ sind nunmehr Jesus und Maria Magdalena Gipfelpunkte der Dramatik.

Am verheerendsten aber wirkt sich die Austrocknung und Schließung der öffentlichen Schulen aus. Im 6. Jahrhundert sind alle öffentlichen Schulen geschlossen. Eine ganze Region von den Pyrenäen bis zum Bosporus, von Friesland bis Sizilien verlernt das Lesen und Schreiben. Während im Imperium Romanum mehr als die Hälfte der Bevölkerung lesen und schreiben kann, wartet das Mittelalter mit neunzig Prozent Analphabeten auf.

Erst ab dem 13. Jahrhundert wird sich das „finstere“ Mittelalter langsam wandeln, vorsichtig, weil es sich niemand erlauben kann, mit der Kirche zu verderben. Die Gründe für die vorsichtige Neuorientierung liegen außerhalb des Christentums (Byzanz, Spanien, Sizilien), auch wird der Wandel durch eine dramatisch verschärfte Gehirnwäsche (Inquisition) begleitet. Aber das ist ein anderes Thema.

Das neue christliche Welt- und Menschenbild

Drei radikale Lehrmeinungen bewirken das Desaster, das „finsteres Mittelalter“ genannt wird:  Neben dem Missionsbefehl „Geht hinaus in alle Welt“, der, meist von wenig Gebildeten umgesetzt, selten auf Dialog als vielmehr auf die geistige Bevormundung „Verstockter“ (Exodus 7,13) bis hin zur Zwangstaufe setzt, sind das Dogma vom Menschen als einem „verlorenen Sünder“ und die Theorie vom Gericht Gottes, dessen unbarmherzige Strafen in düstersten Farben ausgemalt werden, Basis eines völlig neuen Weltbildes, das zum eigentlichen Ausgangspunkt des Kultureinbruchs wird.

Geburtshelfer sind zwei Männer: Paulus und Augustinus. Der erste aus dem ersten Jahrhundert, der zweite aus dem vierten/fünften Jahrhundert. Ihre teils grotesken Lehren beherrschen bis heute das Christentum.

Paulus, kurz nach dem Tode Jesu von göttlich-greller Erleuchtung getroffen, „ein Licht warf mich auf den Boden“, wird über Nacht vom christenverfolgenden Saulus zum bekennenden Paulus. Diese paulinische „Erleuchtung“ ist in der Medizin nicht unbekannt. Eine solche sprunghafte Reaktion wird als Symptom einer Übersteigerungen normalen Erlebens diagnostiziert, verbunden mit Wahnbildung und optischen oder akustischen Halluzinationen. Gelegentlich kommt der Betroffene zu dem Schluss, von Außerirdischen oder Geistern aus dem Jenseits beobachtet zu werden. Im Falle eines krankhaften Verlaufes besteht für den Betroffenen eine unerschütterliche Gewissheit, dass das wahnhaft Erlebte tatsächlich geschehen ist. Diese Symptome faßt die moderne Medizin unter dem Begriff der Schizophrenie zusammen. Paulus also hört Stimmen aus dem Universum „warum verfolgst Du mich?“, geht in die Wüste, erkennt das Jenseits und gilt bei Nietzsche daher als Erfinder des Christentums. Dieser Paulus klagt die Menschheit an: Der Glaube an sich selbst sei böse, ebenso das Freiheitsgefühl. Stolz sei die größte Sünde. Im übrigen sei den Armen im Geiste das Himmelreich.

Jahrhunderte später macht Augustinus, der nach einer gleichermaßen geheimnisvollen „Bekehrung“ zunächst Frau und Kind in die Wüste schickt, sich dann eine Konkubine zulegt, dem Menschen endgültig seine antike Würde streitig. Der nordafrikanische Bischof legt mit seinen Schriften ein spekulatives, teils anspruchsvolles, teils kindliches Palaver über Glaube, Liebe, Hoffnung, Schuld und Sühne vor. Seine philisterhaften Streitschriften gegen den freien, schöpferischen Menschen sind in ihrer nihilistischen Abwertung allen menschlichen Bemühens und in der entwürdigenden Selbsterniedrigung des Menschen in der Weltliteratur einzigartig. Unter Umgehung sämtlicher Einwände hinsichtlich der Erkennbarkeit des Unendlichen torkelt Augustinus trunken durch eine rabenschwarze, selbst inszenierte Scheinwelt und berichtet Seltsames über die Architektur des Himmels, über Fegefeuer und Hölle, Auferstehung und Qualen.

Sein wohl berühmtestes Werk, der Gottesstaat, ein Brocken von 22 Bänden, entwirft ein zutiefst pessimistisches Bild vom Leben, das mehr einem Sterben gleicht als dem Leben. Thematisch und chronologisch wild hin- und herspringend zwischen römischer Geschichte, schändlichen Schauspielen, Sittenverderbnis, Beschimpfung antiker Philosophen und Zitaten aus dem Alten Testament, verblüfft Augustinus den Leser mit einem Bacchanal fabelhafter Einsichten in das Jenseits. Von dieser Himmelsschau haben sicherlich seine Betrachtungen über Adam und Eva, deren Ursünde, der daraus abzuleitenden Sündhaftigkeit der Menschen und der Übertragung der Erbsünde durch die Sexualität den größten Unterhaltungswert, aber auch die weitreichendste Bedeutung. Denn Sexualität ist selbstredend abzulehnen. Sie ist offensichtlich dem Tierischen zuzuordnen. Dies äußere sich darin, daß die Zeugung nicht ohne ein gewisses Maß an tierischer Bewegung erfolge. Da die Sünde Adams durch die Libido übertragen werde, sei diese der Grund für die Übertragung der Ursünde. Folglich sei Sex mit Lust verwerflich. Lediglich unter drei Voraussetzungen toleriere Gott die Geschlechtlichkeit als fahrlässige Sünde: Der Geschlechtsakt müsse erstens innerhalb der Ehe, zweitens ohne Lust und drittens mit der Absicht der Kinderzeugung erfolgen. Am nahesten bei Gott seien jedoch die Männer und Frauen, die sich dem anderen Geschlecht verweigerten.

Augustinus weiß auch zu berichten, wie es nach dem Tode zugeht: Es gebe zwei Auferstehungen, eine der Seelen und eine der Körper. Frauen behielten nach der Auferstehung zwar ihre Geschlechtlichkeit bei, das sei aber kein Problem, denn die weibliche Geschlechtlichkeit“ sei fortan „über Beilager und Geburt“ erhaben. Geschnittenen Haare und Nägel würden dem Auferstehenden nicht verloren gehen, es sei denn, sie wirkten entstellend. Nebenher sichtet er die menschlichen Laster, ordnet sie in einer Stufenfolge, analysiert die Bedeutung des siebten Tages für Gott und widmet sich den „aetherischen und durchsichtigen“ Engeln, die Gott von Angesicht zu Angesicht schauen können. Von Elfen und Trollen weiß Augustinus allerdings nichts zu berichten.

Warum Augustinus den Ehrentitel „größter Philosoph“ erhalten hat, warum die zentrale Würzburger Augustinforschung in den Rang eines universitären „An“-Institutes erhoben worden ist, bleibt völlig undurchsichtig. Augustins Lehrsatz „Der Glaube geht der Erkenntnis voraus“ öffnet den irrsinnigsten Spekulationen alle Scheunentore. Mit Philosophie hat das ebenso wenig zu tun, wie der wolkige Unsinn von Papst Gregor I., der die augustinische Sicht in das ferne himmlische Geschehen damit erklärt, dass es einigen Seelen zuweilen gestattet sei, den Körper zu verlassen und unter Führung eines Engels das Jenseits zu besuchen, um anschließend wieder in den irdischen Körper zurückzukehren und den übrigen Erdenbewohnern von der anderen Welt zu erzählen.

Fortsetzung folgt…

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Mustafa


438px-Mumienmaske_2_Slg_EbnötherVon Edith Bettinger, Freidenkerbund Österreich (Bild: Helvetiker, Wikimedia Commons).

Bericht I:

M. ist 21 Jahre alt, studiert Englisch und Musik und ist bekennender Atheist. Was ist daran so erwähnenswert?, werden Sie fragen. Nun, M. ist Ägypter und zahlt einen hohen Preis für seine Gesinnung.

Mustafa, so heißt mein Freund, hasst seinen Namen, denn wenn er ihn nennt, denkt sein Gegenüber sofort, dass er Moslem ist. Er möchte nicht als solcher wahrgenommen werden, er ist Atheist und Humanist, darauf legt er großen Wert. In Ägypten kann das mitunter lebensgefährlich sein, zumal wenn man wie Mustafa mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält.

Zusammengeschlagen wurde er schon einmal, weil er in einem Gespräch mit Muslimen geäußert hat, dass der Koran ein lächerliches Buch ist. Bedroht wird er fast täglich.

Mustafa hat grosse Pläne für die Zukunft: er möchte in einem Land leben, wo er nicht 5mal am Tag den Muezzin hören muss, wo es erlaubt ist, philosophische Diskurse ohne den Koran führen zu können, ohne dabei jedesmal befürchten zu müssen, dass Schläger auf ihn angesetzt werden („Sittenpolizei“).

Er möchte mit seiner Freundin Hand in Hand auf der Straße spazieren können und sie küssen, wenn ihm danach ist und nicht, wenn es niemand sieht. Er möchte auch nicht, so wie es ihm sein Vater geraten hat, eine dumme Frau heiraten, „denn die sind leichter zu führen“! Mustafa will eine kluge Frau, eine Frau, die selbstbewusst und emanzipiert ist, denn nur so sieht er gewährleistet, dass er kluge Kinder hat, die so wie er alles sehr kritisch hinterfragen.

Es schmerzt ihn, wenn er verhüllte Frauen sieht, er möchte Aufklärung und Humanismus in die Köpfe seiner weiblichen Landsleute tragen, denn, wie er sagt, „die Frauen sind unsere Zukunft, nur wenn der Staat sie gut und umfassend ausbildet, ist gewährleistet, dass dieses Land eine Zukunft ohne religiöse Gehirnwäsche hat“!

Er ist zutiefst davon überzeugt, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben müssen, dass es ein Verbrechen ist, Frauen nur auf Gebären und Gehorchen zu reduzieren.

Mustafa träumt von einem Ägypten, in dem es in Schulen keinen Koranunterricht gibt sondern Ethikunterricht (diese Debatte führen wir sogar in Österreich noch), in denen der Koran als eines von vielen Büchern vorgestellt wird und nicht als DAS Buch, in denen vom Menschen berichtet wird als Teil der Evolution und nicht als Gottes Geschöpf, von Schulen, in denen Sexualität und Verhütung den jungen Menschen nicht als Teufelszeug vorgelegt wird und in denen Mädchen und Jungen wie selbstverständlich nebeneinander unterrichtet werden.

Mustafa hat auch kreative Ideen zur Verwertung der Moscheen, die ja dann obsolet wären: Coffeeshops, Bars, Diskothequen, Bordelle…

Letztendlich will mein Freund aber nur eines: nämlich offen über alles reden dürfen, ein würdiges Leben in Freiheit ohne Religion!

Anmerkung : Mustafa ist keine Fiktion, es gibt ihn wirklich. Ein wunderbarer junger Mann mit erstaunlichen Ansichten in einem Land, das zu 90% muslimisch ist!

 

Bericht II:

Es ist schon schwierig, genug mit Katholiken zu debattieren, aber wer schon einmal versucht hat,

Moslems argumentativ zu überzeugen, dass sie ihr ganzes Leben einer Märchenfigur unterwerfen, weiß,was Kampf der Worte bedeuten kann.

Mustafa aus dem Norden Ägyptens macht das täglich und ich bewundere ihn dafür. Er hat verschiedene Ansätze, um seinen Verwandten und Bekannten die Unsinnigkeit ihrer „Unterwerfung unter Gott“ (die eigentliche Bedeutung des Wortes Islam) vor Augen zu führen.

Heute hat er mir eines dieser Gespräche übermittelt – ich erlaube mir, es Ihnen in deutscher Übersetzung nahe zu bringen.

Übersetzung! höre ich schon die Einwände, aber dieses Glaubwürdigkeitsproblem hat schon die Bibel, Sie müssen mir einfach vertrauen, schließlich habe ich ja nicht vor, eine Religion gründen zu wollen! ;-)

In geselliger Runde, unter „I am proud to be a muslim“-Landsleuten, stellte er folgende Frage:

Stellt euch vor, ihr findet ein hilfloses Kind am Straßenrand. Niemand kümmert sich um ihn (es muss natürlich ein Junge sein) und er weint herzzerreißend. Ihr könnt das nicht ertragen und nehmt ihn mit nachhause. Ohne Probleme wird er in die Familie aufgenommen, eure Frau und die Kinder lieben ihn und so wächst er heran. Es gibt keinen Grund zur Sorge, ihr investiert natürlich auch Geld in ihn (was wichtig ist für den weiteren Verlauf der Geschichte) und alles scheint perfekt. Inshallah!.

Eines Tages steht der Junge vom Tisch auf, verabschiedet sich und macht sich auf den Weg.

Ihr werdet ihn nie mehr wiedersehen, es ist ein Abschied für immer.

Wie werdet ihr reagieren? Was würdet ihr denken und sagen?

Die Antworten waren unterschiedlich: „Ich werde weinen, er hat mein Herz gebrochen“,

„Ich werde ihn verfluchen auf Lebenszeit“, „Ich werde traurig sein, aber es ist seine Wahl“…

Jeder der Anwesenden hatte eine andere Antwort und dann sagte Mustafa: „Seht ihr, jeder von euch hat seine Art, mit dieser Enttäuschung umzugehen, aber keiner würde ihn verbrennen, wie es Allah für solche Abtrünnige in der Hölle vorgesehen hat! So einem rachsüchtigen Gott ordnet ihr euer Leben unter? Habt ihr darüber schon mal nachgedacht?“

Auf diese Fragen bekam Mustafa keine Antwort. Um die Lage nicht zum Kippen zu bringen, begann man wieder mit männlichem smalltalk und das Thema war vom Tisch. Al hamdullilah,

diesmal hat er seine „Provokationen“ ohne körperliche Gewalt überstanden .

Das ist nur eine von vielen Geschichten meines ägyptischen Freundes , und es werden täglich mehr, fast könnte man sagen ,alf leila we leila‘ (1001 Nacht) für Aufklärer und Hobbyphilosophen!

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Medjugorje lebt weiter - auch bei Erwin Peterseil


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So titelte ein gewisser Guido Horst einen Artikel über den Pilgerort Medjugorje unlängst auf der Site www.vatican-magazin.de – Datum steht keines dabei, aber der Artikel stand am 4.7.2019 in der Sparte "aktuell", denn er stammt anscheinend aus der gedruckten Ausgabe des Magazins mit der Nummer 6/7-2019.

Medjugorje ist seit 1981 ein angeblicher Erscheinungsort der Gottesmutter Maria. Das katholische Problem dabei ist es, dass es den angeblichen Zeugen dieser angeblichen Erscheinungen an der nötigen Glaubwürdigkeit mangelt, bzw. umgekehrt, dass im säkularen Heute der Glaube an solche Sachen ziemlich weggeschrumpft ist.

Der Vatikan ist seit Jahren deswegen in der Bredouille, einerseits traut man sich nicht, ein vatikanisch-päpstliches JA zu den erzählten gottesmütterlichen Auftritten zu verkünden, andererseits kann man ja auch den seit vielen Jahren strömenden Pilgerzügen kein NEIN entgegenstellen. Die Lösung schaut darum wohl so aus, wie es Guido Horst im vatikanischen Magazin schildert:

"Fragezeichen werden Medjugorje auch weiterhin anhängen. Zum einen ist es ein Wallfahrtsort, zu dem jährlich Millionen pilgern. Wo sich Menschen bekehren, beichten, ihre Berufung finden. Von dem ein Impuls ausgegangen ist, der zur Gründung junger geistlicher Gemeinschaft führte, die heute segensreich wirken. Zum anderen ein Heiligtum Mariens, bei dem man nicht weiß, ob die von den sechs Sehern bezeugten Erscheinungen und Botschaften der Gottesmutter wirklich echt und glaubwürdig sind. Diese Zweideutigkeit hat die Weisung des Papstes, ganz offizielle Wallfahrten von Diözesen und Pfarreien in den bosnischen Wallfahrtsort zuzulassen, ohne dass damit die Anerkennung der Authentizität der Visionen verbunden ist, auf unabsehbare Zeit verfestigt. Diese Entscheidung von Franziskus haben der Apostolische Visitator für Medjugorje, der polnische Erzbischof Henryk Hoser, und der Apostolische Nuntius in Bosnien-Herzegowina, Erzbischof Luigi Pezzuto, bei einer Messfeier in dem Wallfahrtsort bekannt geben. Dabei handelt es sich nicht um eine Anerkennung der Echtheit der Marienerscheinungen, mit denen Medjugorje ab 1981 bekannt und zu einem Magnet für Pilgernde und Marienverehrer aus aller Welt geworden ist, sondern um eine pastorale Entscheidung, die eine bessere Begleitung der Besucher des Heiligtums ermöglichen soll."

Es gilt also beides: Es gibt keine anerkannten Marienwunder, aber die Wallfahrten zu einem nicht anerkannten Wallfahrtsort werden anerkannt! Medjugorje ist die aktuelle Widerspiegelung der esoterisch-religiösen Einfalt unter den um die 280 Millionen Katholiken in Europa, denn es sollen angeblich jedes Jahr bis zu einer Million Pilger dorthin reisen. Es sind sicherlich weniger geworden, der österr. Medjugorje-Pilgerdienst fährt das nächste Mal heuer im September. Solange die Pilgernachfrage besteht, wird die kath. Kirche das natürlich ausnutzen, weil dass Gläubige irgendwo zuhauf strömen, kommt ja nicht so oft vor…

Weiter im Text von Guido Horst: "Die Pilgerfahrt nach Medjugorje ist damit päpstlich approbiert, ohne dass der eigentliche Kern der Wallfahrten, die Erscheinungen der 'Gospa', das kirchliche Gütesiegel der Echtheit erhalten hätte, wie es etwa für Lourdes, Fatima oder Guadalupe gilt. Die von Benedikt XVI. im Jahr 2010 eingesetzte Untersuchungskommission unter Leitung des italienischen Kardinals Camillo Ruino war 2014 zu dem Ergebnis gekommen, dass bei den Erscheinungen Mariens zu unterscheiden ist. Die ersten sieben vom 24. Juni bis 3. Juli 1981 könnten echt sein. Dafür sprachen sich dreizehn Kommissionsmitglieder aus, bei einer Gegenstimme und einer Enthaltung, was die Medien erst 2017 enthüllten. Wesentlich skeptischer war man, was alle folgenden Erscheinungen angeht, als die Seher und die Marienerscheinungen in den harten Konflikt zwischen dem Ortsbischof und den Franziskanern hineingezogen wurden, die die Pfarrei von Medjugorje betreuten. Allerdings sprach sich die Ruini-Kommission mit großer Mehrheit dafür aus, das Verbot offizieller Wallfahrten nach Medjugorje aufzuheben – eine Empfehlung, der Franziskus jetzt gefolgt ist."

Eine Wallfahrt darf ja nur zu einem vom Vatikan dafür bestimmten Ort erfolgen, irgendwohin pilgern darf natürlich jeder Katholik. Jetzt ist man eben offiziell in der verzwickten Lage, dass Medjugorje kein anerkannter Wallfahrtsort ist, aber die Wallfahrten als solche sind erlaubt! Weil wenn Katholiken wallfahren, dann tun sie ja was, was Katholiken tun soll…

Weiter im Text von Guido Horst: Auch wenn Zweifel an der Echtheit der bis heute anhaltenden Erscheinungen und Botschaften der Gottesmutter bestehen, auch wenn es dort Skandale gegeben hat – immerhin wurde ein früher geistlicher Begleiter der Seher laisiert und verließ den Franzsikanerorden -, auch wenn die Ortsbischöfe stets strikte Gegner der Echtheit der Erscheinungen waren: Wer guten Willens ist und beste Absichten hat, darf also gerne nach Medjugorje fahren, jetzt auch über den Weg kirchlich ganz offiziell organisierter Wallfahrten – und das Heiligtum so erleben, wie es der überwiegenden Mehrzahl von Millionen von Pilgern nun bald vierzig Jahre lang in Erinnerung geblieben ist: als Ort der Gnade, der Umkehr, der eucharistischen Anbetung und der Beichte.

Dass die Sache auch für den Vatikan selber höchst dubios ist, macht nix, wenn die Wallfahrer ernsthafte Wallfahrer sind! Woher der Glaube kommt, ist egal, ob aus der Tradition oder aus der Einbildung, wenn wer mit besten Absichten dorthin fährt, wo die Maria auch schon gewesen sein könnte, dann ist das in Ordnung! Denn Medjugorje ist zwar wohl kein Ort von Marienerscheinungen, aber ein Ort der Gnade, der Umkehr, der eucharistischen Anbetung und der Beichte. Und das geht auch ohne Maria!

Weiter im Text von Guido Horst: Das im Siechtum begriffene Christentum in Europa hat nur noch wenige geistliche Brennkammern. Medjugorje ist eine davon – und nicht wie Notre Dame als Abglanz einer großartigen katholischen Vergangenheit, sondern als lebendiges Zentrum des Glaubens. Franziskus hat pragmatisch entschieden. Und Medjugorje vor dem Aus bewahrt.

Ja, so ist es, das katholische Feuer brennt nimmer so richtig, der katholische Glaube ist siech geworden! Den meisten Kirchenmitgliedern ist die Religion längst ziemlich wurscht geworden, aber wenn es noch welche gibt, die aus eigenem Antrieb katholizieren wollen, dann müssen die zensurfreie Fahrt nach überallhin haben! Gerade schau ich aus dem Fenster! Und da seh ich wie die Maria am Nachbarhaus auf dem Kamin sitzt und den Jesus stiehlt, äh stillt! Wahrlich und wahrhaftig! Das ist so wahr wie die wahren Marienerscheinungen in Medjugorje war wahren! Oder so irgendwie…

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).

 




Eine Frau allein gehört allen!


Ein provokanter Titel, ok, aber mal sehen, was dies bedeutet. Dieser Ausspruch ist im Orient gang und gäbe. In meinem Erlebnisbericht will ich die Alltagssituationen schildern, die ich mit den Frauen dort selbst erfahren habe. Wir kennen alle die Szenen auf der Straße, Frauen mit Kopftüchern oder sonstiger Verschleierung und immer in Gruppen. Für mich persönlich, man soll mich ruhig steinigen und von mir aus auch böse angiften,  kein fremdes oder ungewöhnliches Bild, da ich weiß, wie ein Großteil dieser Frauen lebt. Wer wie ich jahrelang im Ausland,  vor allem im Orient war, der weiß, was Sache ist.

Es fängt schon in der Kindheit an. Die Erziehung der Mädchen ist wesentlich restriktiver als die der Jungen. Das heißt aber nicht, dass die orientalischen Väter ihre Töchter nicht liebten. Ich habe auch im Laufe der Jahre sehr viele gute und herzliche Menschen kennen und lieben gelernt,  mit denen ich heute noch in engem Kontakt bin. So schön wie die Länder und die ganze Atmosphäre dort unten sind, so schwierig sind die Lebensbedingungen der einfachen Bevölkerung, besonders der Frauen. Die gebildete Oberschicht ist da anders und passt sich sehr der westlichen Lebensweise an und verinnerlicht sie auch. Dies hat zum Glück auch Auswirkungen auf die Erziehung der Mädchen.  Außerdem ist es in der Oberschicht nicht ungewöhnlich, dass ausländische Ehepartner gewählt werden.

Die einfache Bevölkerung hat da weniger Möglichkeiten sich zu entfalten. Der  Familienzusammenhalt ist zwar im Allgemeinen sehr stark und ausgeprägt, aber dies erfordern die schweren Lebensbedingungen zwangsläufig. Wenn kein Geld für Essen und Medikamente usw. da ist, wer springt dann in die Bresche? Die Familie, sprich die Verwandtschaft.

Die Grund- und Hauptschule dauert in den meisten Ländern des Orients nur knapp 5 Jahre. Wer dann weiterhin seine Kinder in die Schule schicken will, benötigt Geld und zwar nicht wenig, das die meisten nicht haben. Sie sind froh, wenn sie genug zum Essen auf dem Tisch haben. Da liegt natürlich auch der Hase im Pfeffer, wie man bei uns so schön sagt. Die Bildung fehlt. Es gibt auch rühmliche Ausnahmen im orientalischen Sprachraum. Das ist Tunesien und man sollte das auch erwähnen. Israel ist ebenfalls eine rühmliche Ausnahme. Ich will mich aber mehr auf den muslimisch orientierten Kulturkreis beschränken.

Wenn die Familien kein Geld haben, um alle ihre Kinder auf die Schule zu schicken, dann wird es folgendermaßen gehandhabt: Der älteste Sohn darf weiterhin auf die Schule gehen und die Töchter bleiben dann bis zu ihrer Verheiratung zuhause. Die Ehe wird natürlich von den Eltern arrangiert. Zum großen Teil wird in der eigenen Verwandtschaft nach einem passenden Partner gesucht, weil, so das Argument, man kennt sich schließlich und ist angeblich vor bösen Überraschungen sicher. Tja, was sollte ich als Ausländerin da schon sagen. Die linguistische Variante ist da schon interessanter. Wenn jemand, wie gesagt, einen Partner für seine Kinder sucht, sollte er aus der „Sulale“, also aus der Verwandtschaft kommen.

Wenn eine Frau geschieden wird oder verwitwet ist, geht sie meistens in ihre Ursprungsfamilie zurück. Eine verwitwete Frau wird bedauert, aber bei einer geschiedenen Frau hält sich das Mitleid in Grenzen. Wer weiß, wie schlecht sie war, weil der Mann sich hat scheiden lassen müssen. Es ist eine Doppelmoral, die mir oft die Haare zu Berge stehen ließen.

Ein Beispiel aus dem Türkischen: Dul Kadin = Witwe, Bosanmis Kadin = Geschiedene.

Diese beiden Frauen haben eines gemeinsam. Na klar, keinen Mann! Insofern heißen sie auf türkisch auch, man staune: Sahibsiz Kadinlar, also „Herrenlose Frauen“, ich habe mich damals weggeschmissen vor Lachen, aber nicht weil es so lustig war. Es war die pure Ironie. Ich konnte es nicht fassen. Bei dem Begriff herrenlos, denke ich automatisch an streunende Hunde und Katzen. Dass dieser Begriff auch auf allein stehende Frauen angewandt wird, war für mich einfach nicht zu verstehen.

Ein anderes Erlebnis war  auf einer Busfahrt in Istanbul mit meinen Leuten. Der Bus war wie immer rappelvoll und die Hitze und Ausdünstungen ließen die Stimmung im Bus auf den Nullpunkt sinken. Es ist tatsächlich eine komische Marotte in vollen Bussen in Istanbul, den Frauen einfach fest in den Hintern zu kneifen. Ich wurde, bevor wir in den Bus einstiegen, extra von meinen Leuten darauf aufmerksam gemacht. Dies ist halt so, wurde mir gesagt. Ok dachte ich mir, lass mal den Poppeskneifer an mich herantreten, dann gibt’s Zoffff…

Wir stiegen in den Bus und ich konnte tatsächlich beobachten, wie andere Schnurrbartträger die Weibsen vor uns in den Vollmond kniffen. Mir und meinen Leuten liefen die Tränen vor Lachen herunter und ich musste mich so zusammenreißen, um nicht laut loszuprusten. Auf einmal spürte ich ein Kneifen in meinem Sitzpolster und der Kerl grinste mich an und sagte: Hallo du schöne blonde Frau. Ich drehte mich abrupt um und packte den Schnurrbart an der Gurgel. Ich sagte dann auf Türkisch zu ihm, dass ich ihn zur Frau machen werde. Der ganze Bus tobte und alle gackerten wie Hühner wild durcheinander. Es war einfach herrlich – Satire pur. Der arme Busfahrer kam sofort und entschuldigte sich bei mir und schmiss den Mann raus. Ich sagte ihm, dass dies natürlich nicht seine Schuld war und solche Deppen überall anzutreffen sind. Aber ich denke, ich habe einiges bewirkt. Bei der Weiterfahrt kamen wir ins Gespräch mit den anderen betroffenen Frauen und die gaben mir Recht und sagten zu mir: „Sen Aslan gibi Kadinsin.“ Das bedeutet, du bist eine Frau, wie ein Löwe. Der Schnurri hat mit Sicherheit an diesem Tag keine Frau mehr in ihren Vollmond gezwickt. Aber es ist schon bezeichnend, dass die Frauen nicht gekniffen wurden, die einen männlichen Begleiter bei sich hatten.


Moderne Frauen in Tunesien

In Tunesien war das nächste lustige Erlebnis, lieber Wim*. Es war wieder zum Brüllen. Wir waren in Hammamet. Eine tolle Küsten- und Piratenstadt mit einer ummauerten Medina. Meine Freundin und ich schlenderten am Abend die Küstenstraße entlang und wollten noch einen Pfefferminztee trinken und evtl. eine Shisha rauchen. Na ja, wie es so ist in diesen Touristenstädten, eine Menge heißblütiger junger und nicht mehr ganz so taufrischer „Kobolde“ lauerten auf weibliche Beute. Etliche habe ich ganz cool und lässig abweisen können, nur 2 besonders hartnäckige, die wichen zum Henker uns nicht von der Seite. Sie bezirzten und beschleimten uns über eine Stunde. Wie sind wir doch so schön und wir wären wie die Blumen der Nacht. Das Augenrollen ging bei meiner Freundin hin und her. Dann hatte ich eine Idee und gab meiner Freundin ein Zeichen, dass ich den Burschen ein wenig Dampf machen würde.

Ich habe nach dem ganzen Geschleime dann eine todernste Miene gemacht und den Kobolden sagte  ich: „Hört mal her Jungs. Ich muss euch was sagen.“ Die Kobolde waren ganz Ohr. Ich sagte zu ihnen, dass meine Freundin eine echte Frau sei, aber ich in Wirklichkeit ein Transvestit. Auf einmal trafen mich alle möglichen Beschimpfungen auf Arabisch und die Kobolde liefen schnurstracks davon. Wir lachten uns schlapp und tranken dann weiter unseren Tee und genossen die Shisha. Der Wirt fragte uns dann freundlich, warum wir so lachten. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte und versicherte ihm, dass ich aber in Wirklichkeit doch eine echte Frau sei. Der Mann lachte sich kaputt und sagte dann zu uns, dass dies eine sehr gute Idee von mir war, um diese Strolche loszuwerden. Er würde sich das merken und diesen Tipp an andere Touristen weitergeben, damit die ihre Ruhe hätten.

Ich bereiste auch Algerien und Marokko. Marokko gefiel mir sehr gut, Algerien war auch teilweise sehr schön, aber die politische Situation damals zwang mich, das Land schleunigst wieder zu verlassen. Es war einfach traurig.

Im Großen und Ganzen muss ich sagen, die Situation der Frauen ist nach der Jasmin-Revolution in Tunesien vielleicht, und dies sage ich mit leiser Hoffnung, besser geworden. Aber in den anderen orientalischen Ländern eben nicht. Die Türkei wird fundamentalistisch werden, mit einem verurteilten Volksverhetzer und Islamisten als Staatspräsident, kein Wunder. In Syrien geht der Punk ab. Im Libanon ist die Hizbollah die starke Kraft. Wenn ich an diese beiden Länder denke, bin ich betrübt. Damaskus ist eine tolle Stadt und der Libanon ein herrliches Land mit einer sehr gebildeten Französisch sprechenden meist christlichen Elite. Jordanien sitzt auf dem Pulverfass und Israel genauso. Von der arabischen Halbinsel möchte ich gar nicht erst reden.

Ägypten wird seine Muslimbrüder bekommen. In Libyen tobt der Irre immer noch umher.

Und in diesen Ländern sind die Frauen diejenigen, die die Hauptlast in der Familie tragen.

Der Ausspruch: Eine Frau allein gehört allen, existiert tatsächlich. Er besagt, dass eine Frau ohne Mann oder männlichen Schutz ein Nichts ist, mit der man machen kann, was man will.

Die Frauen dort definieren sich nur dann als vollwertige Frau, wenn sie mindestens ein Kind geboren haben, wenn möglich, einen Sohn. Im Nahen Osten wird die Frau immer mit dem Vornamen ihres ältesten Sohnes angesprochen – es ist eine Form der Ehrerbietung. Wie z. B.: Die Frau von Hassan xy hat einen Sohn mit Namen Abdul, dann heißt die Frau nicht Frau  xy sondern Umm Abdul, also Mutter des Abdul.

In der Familie hat die Frau zu dienen, auf türkisch vazife. Erst dem Ehemann, dann den Schwiegereltern vor allem der Schwiegermutter, dann den Schwestern des Mannes und den Brüdern also der ganzen Sippschaft des Ehemannes. Sie muss den ganzen Haushalt schmeißen, denn dazu ist sie da. Dafür hat sie den lebenslangen Schutz ihrer Sippe. Wehe sie verliert ihn, dann ist sie verloren und wird von der Gesellschaft geächtet. Jeder kann also mit ihr machen was er will. Viele Frauen sind deswegen in die Prostitution hineingeraten aufgrund dieser patriarchalischen Familienstruktur, die keine Gnade kennt. Nur Ehre, lebenslanger Dienst an der Familie und Gehorsam. In den Moscheen wird das immer wieder gepredigt. Die gehorsamen Frauen behaltet und beschützt sie, aber die Widerborstigen, jagt sie davon!

Ich habe viele traurige Gesichter im Nachtleben von Istanbul gesehen und konnte darin lesen wie in einem Buch. Mit vielen bin ich ins Gespräch gekommen und mit einigen bin ich noch heute eng befreundet. Ich denke, es wird noch lange dauern, bis die Türkei und auch der Orient den Humanismus und Laizismus als selbstverständlich annehmen wird. Die jetzige Entwicklung sagt nichts Gutes voraus.

Einen lieben Gruß an Kantomas-Kardesim. Istanbulu dinliyorum, Gözlerim kapali.

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

Titelillustration von Azrail

  *Wim ist die liebevolle Abkürzung meines damaligen Spitznamens "Wissen ist Macht, unter dem ich anfangs auch noch auf WB schrieb (Frank Berghaus).




Wahlumfrage - Die Situation beim Nachbarn


800px-Flag_of_Austria.svgWie ja zu vermuten war, liegt bei den Wahlumfragen die ÖVP weiterhin mit Riesenabstand in Führung, der FPÖ geht's ein bisschen besser und der SPÖ schlechter. Hier das Wikipedia-Bild zu einer am vom Institut Hajek am 28.6.2019 veröffentlichten Umfrage:

Die SPÖ ist auf dem Wege nach unter 20 %, die aktuell erfragten 20 % sind der niedrigste Umfragesatz, den die SPÖ je hatte. Man hat sich das aber sozusagen selber "erkämpft". Die FPÖ hat ebenfalls 20 %, sie erholte sich als vom Ibiza-Skandal langsam. Zurzeit wäre eine SP-FP-Koalition nicht möglich, da die beiden Parteien miteinander nur 74 Mandate hätten, die ÖVP könnte jetzt alleine fast so viele Mandate erwarten wie SP und FP zusammen, eine Koalition ÖVP & Grüne ging sich schon knapp aus!

Im Vergleich zu 2017 würde die SPÖ 15 Sitze verlieren, die FPÖ 14, die Neos könnten 7 dazugewinnen und die Grünen wären mit 21 Sitzen wieder im Parlament. Die ÖVP gewänne aktuell neun Mandate dazu. Der abgesägte Kanzler Kurz dürfte der SPÖ und der FPÖ dankbar für seinen Sturz sein, denn er wird, wenn's so bleibt, wie es jetzt ausschaut, eine schöne kanzlerische Wiederauferstehung zuwege bringen können…

UmFr28062019

 




Hingerichtet (2)


Es hat wahrscheinlich niemals in der Geschichte der Menschheit eine Zeit gegeben, in der nicht Menschen Menschen Böses antaten. Im Überlebenskampf der Spezies Mensch muss Verbrechen eine der möglichen Strategien sein, die zum Erfolg führt, sonst gäbe es keine Verbrechen. Keine Zivilisation, keine Kultur und auch keine Religion haben jemals etwas daran ändern können: Verbrechen gab es schon immer und vermutlich wird es immer Verbrechen geben. Gewandelt hat sich die Art und Weise, wie die Gesellschaft auf Verbrechen reagiert.

Ein großer Unterschied zu früher liegt bereits in der heutigen medialen Konfrontation mit dem Verbrechen, die es damals noch nicht in diesem Umfang gab. Grosse Untaten wie die des Massenmörders Hamann wurden auch ehemals schon breit in der Presse ausgewalzt, damit dem Publikum ein heiliger Schauer über den Rücken fuhr. Heute jedoch, im Zeitalter der schnelllebigen Informationsverkaufs tickert es sofort um die ganze Welt, wenn irgendetwas irgendwo passiert und sei es die geringste Nebensächlichkeit.  Pardon, wenn ich es so ausdrücke: selbst wenn ein Waschbär in Kassel furzt und dann ein Eichhörnchen gekillt wird, oder wenn es noch so unsinnige und unwichtige Nachrichten sind. Es wird über alles berichtet und auch mächtig übertrieben.

Wenn dann wirklich furchtbare und grausame Verbrechen geschehen, dann wird dies wochenlang in den Weltmedien aufgebauscht, dass es einen graust.

Wir verfügen heute über ein Informationsspektrum, wie wir es noch nie in unserer Geschichte hatten.

Doch zurück zur Reaktion der Gesellschaft auf kapitale Verbrechen. Was sind das für Menschen, die in den Todestrakten z. B. der USA sitzen? Es stimmt, die meisten haben gemordet oder waren an einem Mord beteiligt. Manche von ihnen haben mehrere Menschen auf dem Gewissen. Man muss auch erwähnen, dass manche Verbrechen so grausam sind, dass man sich zu Recht fragt: Wie soll man so einen Schwerverbrecher überhaupt in der menschlichen Gemeinschaft belassen? Falls so ein Unhold wieder frei kommt, besteht da nicht Rückfall- und Wiederholungsgefahr? Wie kann sich die Gesellschaft am besten nachhaltig vor solchen Unmenschen schützen, ohne selbst unmenschlich zu werden? Ist es inhuman, ihnen das Leben zu nehmen?

Was soll man tun?

Es ist zweifellos ein großer Fortschritt für den  Humanismus, dass die Körperstrafen wie Folter und Züchtigung abgeschafft wurden. An vorderster Front kämpften die Humanisten für Menschlichkeit. Nicht aber die Kirche. Sie stellt lieber die Gefängnispfarrer, die sich um das „Seelenheil“ des Delinquenten kümmern, wenn es zum Galgen geht. Dies zeigt, dass sich Kirche nie vollständig vom Mittelalter gelöst hat.

Einer der wichtigsten Gründe für die Abschaffung der Todesstrafe war nicht nur die mögliche Grausamkeit der Strafe als solche, sondern auch, um die Folgen von Fehlurteilen zu vermeiden.

Es muss erwähnt werden, dass es immer wieder zur Hinrichtung von Unschuldigen kam. Auch nutz(t)en skrupellose Machthaber die Todesstrafe dazu, um unliebsame Gegner auszuschalten. Die Todesstrafe ist also auch ein furchtbares Machtinstrument und Druckmittel, um Angst und Schrecken in der Bevölkerung zu verbreiten. Beispiele gab es in der Vergangenheit und es gibt sie auch heute noch immer wieder.

Es kommt häufig zu leidenschaftlichen Diskussionen und Auseinandersetzungen um dieses Thema, dass immer wieder aufflammt und kein Ende findet, solange es die Todesstrafe auf der Welt gibt.

Andererseits muss man auch die Seite des Opfers und seiner Hinterbliebenen betrachten, die auch ein Recht auf Sühne haben. Wie furchtbar ist es z. B. für eine Mutter oder einen Vater, wenn sie entweder eines ihrer Kinder oder ihr einziges Kind verlieren. Der Schmerz ist unerträglich, nicht auszuhalten.

Da war doch dieser spektakuläre Fall der Marianne Bachmeier, dessen kleine achtjährige Tochter ermordet wurde. Der Mörder berichtete grinsend, wohlgemerkt grinsend, dem Richter den Tathergang und lachte dabei auch noch. Dass der Mutter und einigen im Gerichtssaal die Galle überlief, das war sehr wohl verständlich. Das Ende der Geschichte kennen wir alle. Die Mutter erschoss diesen Kerl. Sie genoss große Sympathien in der Bevölkerung. Sie hat es aber niemals verwunden. Frau Bachmeier wurde nach ein paar Jahren vom damaligen Bundespräsidenten von Weizsäcker begnadigt und verließ Deutschland. Nach einiger Zeit erkrankte sie an Krebs und starb daran.

Wenn ich mir unsere Rechtsprechung anschaue, dann muss ich leider auch des Öfteren kotzen. Sorry für diesen Ausdruck. Aber leider ist es so. Man gewinnt den Eindruck, dass weder Gesetzgeber noch Richter in der Lage sind, Gerechtigkeit herbeizuführen. Wenn ein Dieb härter bestraft wird als ein Totschläger oder Vergewaltiger, dann frage ich mich: Habt ihr Richter noch alle Tassen im Schrank?

Oder eine durchgeknallte Sozialpädagogin oder Psycho-Tante macht gemeinsame Sache mit einem gefährlichen Mehrfach-Killer. Noch dazu steht in der Zeitung dann die groß aufgemachte Story, dass sich diese Knall-Charge in den Killermops verliebt hat, weil er so schöne Kuschelaugen hatte und eine soooo schwere Kindheit durchlitt. So frei nach dem Motto: Der Hamster war aufsässig und die Katze war hochschwanger im Sozius Motorrad gefahren. So witzig wie das klingt, ich möchte da nur aufzeigen, dass diese Brüder um keine noch so blöde Ausrede verlegen sind, und diese Psycho-Knaller glauben diesen Leuten jeden Mist.

Außerdem frage ich mich. Was zieht Frauen an solchen Typen an? Ist es der Effekt: Die „Schöne“ und das wilde Biest? Ich weiß es nicht. Bleibt mir ein Rätsel und im Grunde genommen auch egal.

Ich sage mir nur: Gleich und Gleich gesellt sich gern.

Nachtrag:

Die Todesstrafe wurde in der BRD am 20. Januar 1951 abgeschafft und in der ehemaligen DDR am 17. Juli 1987.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 




Karlsruhe läßt hoffen, so titelt die aktuelle DGHS-Zeitschrift


dghsWEIMAR. (fgw) Wiederum pünktlich zum Quartalsbeginn liegt auch diese aktuelle Ausgabe der DGHS-Vierteljahreszeitschrift „Humanes Leben – Humanes Sterben“ (HLS) vor. Die DGHS – das heißt ausgeschrieben Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben e.V. – versteht sich als Menschenrechts- und Patientenschutz-Organisation sowie als Bürgerrechtsbewegung. Schwerpunktmäßig geht es in Heft-Ausgabe 2019-3 um die Anhörungen zu § 217 StGB beim Bundesverfassungsgericht.

 

 

Insgesamt kann sogar eingeschätzt werden, daß Rechtliches dieses Heft dominiert, beginnend mit dem Editorial des DGHS-Präsidenten Prof. Dr. Dr. Dieter Birnbacher. Er schreibt darin u.a.:

 

„…gegenwärtig beschäftigt das Thema Organspende erneut die Politik. Ärzteverbände fordern seit längerem den Wechsel zu einer Widerspruchslösung, nach der eine Nicht-Erklärung als Zustimmung zur Organspende gilt. (…) Eine Frage, die viele unserer Mitglieder beschäftigt, ist, wie weit die Vorsorge für das Lebensende mithilfe einer Patientenverfügung mit einer Organspende vereinbar ist: Kann man in seiner Patientenverfügung eine Intensivbehandlung am Lebensende ausschließen und sich zugleich als Organspender erklären? Vielen Menschen ist nicht klar, dass sie nicht beides zugleich haben können. (…) Allerdings würde dem Selbstbestimmungsrecht noch besser entsprochen, wenn der Patient selbst die Entscheidung darüber trifft, was im Konfliktfall Vorrang haben soll und dies bereits in der Patientenverfügung festlegt. Eine solche Wahlmöglichkeit sieht die Patientenverfügung der DGHS vor." (S. 3)

 

Das Editorial leitet damit direkt über zum Artikel der DGHS-Geschäftsführerin Claudia Wiedenmann, in dem sie die überarbeitete Patientenschutz- und Vorsorgemappe des Vereins detaillierter vorstellt:

 

„Neu ist auch, dass viele Formulare Wahlmöglichkeiten zwischen „Ja" und „Nein" beim Ankreuzen anbieten. Das bietet den Vorteil, dass man nicht quasi automatisch einfach seine Kreuzchen macht, sondern sich jedes Mal neu überlegen muss, ob „Ja" oder „Nein", was wiederum eine größere Auseinandersetzung mit den Formularen belegt (die von vielen Experten gefordert wird). Im Bereich der Vorsorgevollmachten gibt es nur noch zwei Formulare: die Vorsorgevollmacht zur Gesundheitsfürsorge und eine Generalvollmacht, die neben dem gesundheitlichen Bereich auch den vermögensrechtlichen und den der persönlichen Angelegenheiten umfasst." (S. 4)

 

Muß man deshalb jetzt also unbedingt neue Formulare ausfüllen? Das verneint die Geschäftsführerin:

 

„Wer also nach 2011 Formulare angefordert und ausgefüllt hatte, braucht jetzt nicht tätig zu werden. Alle diejenigen aber, die noch ältere Patientenverfügungen besitzen, sollten sich eine Erneuerung ihrer Formulare dringend überlegen. Grundsätzlich gilt: Eine Patientenverfügung verliert als einseitige Willenserklärung nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch niemals ihre Gültigkeit, es sei denn, sie wird widerrufen oder vernichtet." (S. 4)

 

Auf den Seiten 6 bis 9 berichten DGHS-Pressesprecherin Wega Wetzel und Vizepräsident Rechtsanwalt Prof. Robert Roßbruch unter der Überschrift „Karlsruhe läßt hoffen" über ihre Beobachtungen bzw. Ausführungen bei der Anhörung vor dem Bundesverfassungsgericht. Aus Roßbruchs Sicht ergeben sich aus den beiden Verhandlungstagen drei reale Optionen. Der DGHS-Vizepräsident übt sich an der Stelle in Optimusmus, wenn er hofft:

 

„Es bleibt daher nur die Option, § 217 StGB für verfassungswidrig und damit für ungültig zu erklären. Dies kann entweder ohne Auflagen erfolgen oder aber das Bundesverfassungsgericht gibt dem Gesetzgeber auf, bis zu einer bestimmten Frist eine andere gesetzliche Regelung des assistierten Suizids zu verabschieden. Für die letzte Variante spricht der Umstand, dass das BVerfG immer wieder die Vertreter des Gesetzgebers befragt hat, warum diese keine andere rechtliche Regelung außerhalb des Strafrechts in Erwägung gezogen haben." (S. 9)

 

Es bleibt zu hoffen, daß Roßbruchs Hoffnung keine trügerische ist. Denn man sollte sich in Bezug auf Entscheidungen dieses (sehr kirchenloyalen) Gerichts keinen Illusionen hingeben!

 

Zum Titelthema muß auch die Würdigung des nur wenige Tage vor der Karlsruher Verhandlung aus dem Leben geschiedenen Arztes und Sterbehelfers Uwe-Christian Arnold gerechnet werden: Zum durch Roßbruchs Vortrag vor dem Gericht, zum anderen durch einen Nachruf aus der Feder von Dr. Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) aus den Seiten 10 und 11.

 

Rechtlich geht es weiter mit den Beiträgen von Manuela Hauptmann („Mit den Enkeln in den Urlaub", S. 12 – 13) und Rechtsanwalt Dr. Oliver Kautz „Immobilienbesitz und Pflegekosten", S. 14 – 15). Letzterer geht der Frage nach, ob zur Deckung von Pflegekosten vorhandene Immobilien des zu Pflegenden veräußert oder belastet werden können, wenn nur eine privatschriftliche Vorsorgevollmacht vorliegt.

 

Robert Roßbruch meldet sich auf den Seiten 31 und 32 nochmals zu Wort mit seiner Entscheidungsanalyse zu einem Urteil des Bundesgerichtshofes („Zur Haftung wegen Lebenserhaltung durch künstliche Ernährung"):

 

„Am 2.4.2019 hat der Sechste Zivilsenat des Bundesgerichtshofs ein grundlegendes, jedoch stark umstrittenes Urteil zu der Rechtsfrage gefällt, ob sich aufgrund eines durch lebenserhaltende Maßnahmen ermöglichtes Weiterleben eines Patienten ein Anspruch auf Zahlung von Schmerzensgeld herleiten lässt. (…)

 

 

Obwohl die Entscheidung des Bundesgerichthofs im Hinblick auf die Thematik Patientenverfügung zu Irritationen führen kann, ergibt sich jedoch für den genauen Leser, dass letztlich nur eine Patientenverfügung vor übergriffigen und damit rechtswidrigen Behandlungsmaßnahmen eines/einer überforderten, paternalistischen oder allzu selbstherrlich handelnden Arztes/Ärztin schützt. Denn auch der Sechste Senat des Bundesgerichtshofs kommt zu der Feststellung, dass bei einem Verstoß gegen den Patientenwillen eine Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts infrage kommt."

 

Nicht fehlen dürfen in jeder HLS-Ausgabe die ständigen Rubriken, wie „Leserbriefe", „Blick in die Medien" bzw. Blick über die Grenzen (mit Nachrichten aus China, Frankreich, Österreich, der Schweiz und den USA). Besonders informativ ist jedesmal die Rubrik „Aus dem Vereinsleben". Hier wird heuer über Veranstaltungen in den Regionen Berlin, Bremen, Gießen, Lüneburg, Nürnberg und Potsdam berichtet. Und nicht zuletzt gibt es die Rubrik „Für Sie gelesen" mit drei Rezensionen aus der Feder von Siegfried R. Krebs und Renate Lürssen.

 

Unbedingt gelesen werden sollte die dritte Umschlagseite dieses Heftes, auf der Oliver Kirpal auf die ab dem15. Juli freigeschaltete neue (und benutzerfreundlichere) Webseite der DGHS hinweist.

 

 

Mehr Informationen zur DGHS und ihrer Zeitschrift sind auf deren Webseite zu finden.

 

Siegfried R. Krebs

 

Entnommen bei http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/karlsruhe-laesst-hoffen-so-titelt-die-dghs-zeitschrift/

 
30.06.2019

Von: Siegfried R. Krebs




Hingerichtet (1)


Grausam und blutrünstig ist die Geschichte der Henker, wenn man ihren Spuren durch die Geschichte folgt. Deshalb wurde auch in der Geschichtsschreibung nicht viel Aufhebens um sie gemacht, und für gewöhnlich bedeckt man diesen Beruf mit dem Mantel des Schweigens.

Ursprünglich wurde die Todesstrafe durch Angehörige des Opfers vollstreckt und damit war die Sache erledigt. Aber bei den Römern gab es schon berufsmäßige „Vollstrecker“. Dieser wirklich schreckliche Beruf wurde meistens von ehemaligen Sträflingen oder anderen Ausgestoßenen der Gesellschaft ausgeübt.

Später dann im Hochmittelalter und noch bis in die Neuzeit hinein, wurde diese Tätigkeit von sogenannten Angehörigen der ehrlosen Berufe ausgeübt. Die Angehörigen der „ehrbaren Berufe und der Stände“, wollten mit dieser Klientel absolut nichts zu tun haben. Ein kleines Beispiel: Angehörige der ehrbaren Berufe waren z. B. Bäcker, Schmiede, Tuchhändler, Kaufleute etc. Die Angehörigen der Ehrlosen waren z. B.: Abdecker, Bader, Anisölbrenner, Aschenbrenner, Arzt (Feldscher, Wundarzt) und auf der untersten Stufe die Henker und die Prostituierten. Auch mussten der Henker und seine Familie außerhalb der Stadtmauern wohnen, oder wie in Nürnberg z. B. auf der Pegnitzinsel. Der Richtplatz war auch meistens vor den Toren der Stadt und nicht immer am Marktplatz.

Vor den Toren der Stadt waren auch die Henkersgehilfen (die sogenannten Abdecker) mit ihrem Chef, dem Henker, mit einer anderen Tätigkeit beschäftigt: dem Abdecken und Verarbeiten von verendetem Vieh. Eine ekelhafte und stinkende Tätigkeit, die noch dazu gesundheitlich sehr gefährlich war. Etliche Henker und ihre Gehilfen haben sich durch diese scheußliche Tätigkeit den Milzbrand zugezogen und verstarben elendig daran. Das Herrichten und Abdecken des Viehs wurde auf dafür vorgesehenen Wiesen vor der Stadt gemacht. Diese Abdeckerorte wurden Wasen genannt. Heutzutage findet man dieses Wort Wasen in vielen Ortsnamen, wie z. B. Eichwasen, Cannstatter Wasen usw. usf.

Eine andere unappetitliche Tätigkeit, die der Henker und seine Gehilfen verrichten mussten, war die Reinigung der Kanalgruben. Man kann sich vorstellen, wie gut der „Odeur“ der Personen war, die dies machen mussten, 4711 war nichts dagegen. Mit einem Wort: Es stank entsetzlich.

Eine weniger unangenehme Aufgabe war, die Aufsicht über die sogenannten Frauenhäuser sprich Bordelle. Der Henker hatte dort Hausrecht und jede der Hübschlerinnen oder Freudenmädchen, musste einen Teil ihres Lohnes an den Henker bezahlen.

Immer wieder hört man auch den Begriff „Scharfrichter“. Die Erklärung ist die: Der Henker richtete noch vor langer Zeit „trocken“ also mit dem Seil und der Scharfrichter richtete „nass“, also blutig mit dem Schwert. Später hat man diese Bezeichnung nicht mehr getrennt, sondern der Henker musste auch die „nasse“ Hinrichtung beherrschen.

Die Henkers- und Abdeckerfamilien vererbten ihre Tätigkeit meistens vom Vater auf den Sohn. Geheiratet wurde auch in andere Henkersfamilien hinein. Keiner, von den Angehörigen der ehrbaren Berufe,  wollte schließlich ein Mitglied dieser Sippe in seiner Familie haben. So entstanden ganze Henkerdynastien, vor allem im Süden von Deutschland und bis in die Schweiz und Österreich hinein. Eine ganz berühmte Familie war die Sippe der Hamberger, dessen Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel ein alter Schulkumpel von mir war.

Die Angehörigen des Henkers mussten sich auch dementsprechend auffällig kleiden, am besten in den Farben Grün und Rot. Oder sie mussten an den Ärmeln ihrer Bekleidung einen aus Stoff gefertigten Galgen anhängen und Glöckchen tragen, damit man nicht nur visuell sondern auch akustisch die Sippe bemerkt.

Eine Anmerkung zu der Bedeutung der Farben: Rot und Grün. Rot steht für das Blut und Grün für die Erde (der Arme beißt im wahrsten Sinne des Wortes ins Gras).

In der Kirche mussten der Henker und seine Familie hinten abseits sitzen. Auf dem Friedhof wurden er und seine Sippe abseits begraben und durften nicht mit verstorbenen Angehörigen der Ehrbaren in Berührung kommen. Ein richtiges Paria-Dasein. Ausgestoßen und verfemt von der Gesellschaft.

Das Verrückte an der Sache war aber: Der Henker und seine Sippe standen auch in dem Ruf, besonders begabt in Heilungsangelegenheiten zu sein. Was den Aberglauben und die Zauberei anging, da ging man nachts klammheimlich zum Henkerhaus und besorgte sich die entsprechenden Utensilien. Zum Beispiel so makabre Sachen wie abgehackte Gliedmaßen zum Schutz vor Diebstahl etc. Bäh!

Oder ein ganz widerlicher Brauch war, das Blut von Enthaupteten aufzufangen und den Blutbecher den Epileptikern zum Trinken zu geben. Der Aberglaube sagte, dass dieses Blut die Epilepsie nicht nur lindern sondern auch heilen kann – was für ein Graus!

Man fragt sich natürlich, ob diese Zunft so was wie eine Ausbildung genoss. Dies war tatsächlich der Fall. Der zukünftige Henker musste bei seinem Meister regelrecht in die „Lehre“ gehen. Es dauerte so 2 bis 3 Jahre, bis der Henkerslehrling zum Gesellen wurde. Geübt wurde an Tieren. Die Leichen der Hingerichteten dienten als Anschauungs- und Anatomieobjekt. Die Henker hatten im Mittelalter viel bessere anatomische Kenntnisse als die Ärzte, verbot doch die Kirche bei Todesstrafe das Obduzieren des Leichnams. Seine Gesellenprüfung bestand der zukünftige Henker dadurch, dass er eine Enthauptung sauber und schnell durchführen konnte. Es war damals keine Seltenheit, so makaber es klingen mag, eine Enthauptung in mehreren Schritten durchzuführen, was ohne Zweifel grauenhaft für den bedauernswerten Delinquenten war.

Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Hinrichtung der berühmtesten Königin der Schotten, an Maria Stuart.

Der Henker war bei ihr so stümperhaft, dass er erst beim sechsten Schlag ihren Kopf abhacken konnte.

Diese Stümperei bei Enthauptungen, hatte erst ein Ende, als Dr. Joseph Ignace Guillotin am 10. Oktober 1789, einen – wir würden heute sagen – Bauplan vorführte von einer Maschine, die anatomisch gerecht schnell den Menschen um einen Kopf kürzer machte. Die Ironie der Geschichte war, dass damals Ludwig XVI., diese Maschine als sehr human erachtete für zukünftige Hinrichtungen und er erlaubte auch mit Billigung des obersten Henkers von Paris, Charles Henri Sanson, der übrigens ein sehr gebildeter und kultivierter Mann war mit Medizinstudium in Leiden, den Bau dieser Maschine, die dann am 20. März 1792 in Auftrag gegeben wurde. Mit dieser Maschine wurden auch der König und die Königin später hingerichtet. In der Französischen Revolution hatte sie nicht nur ihre Premiere, sondern wurde auch  massenhaft eingesetzt. Später wurde das sogenannte Fallbeil in fast ganz Europa verwendet. Außerdem schaffte Frankreich erst 1969 die Todesstrafe offiziell ab. Bis dahin war das Fallbeil immer wieder im Einsatz.

Die Todesstrafe im geteilten Deutschland hatte ihr Ende mit der Alliiertenregierung der 3 Westmächte nach dem 2. Weltkrieg. Im damaligen Ostteil von good old Germany war die Todesstrafe noch vorhanden. Dies nur beiläufig erwähnt.

Wie bereits erwähnt, die Henker mussten eine regelrechte Lehre machen, um nicht nur sauber und schnell eine Hinrichtung zu vollziehen, sondern auch in den Foltermethoden wurden sie unterwiesen.

Auch die Henker hatten so eine Art Ehrenkodex: Dem Delinquenten so wenig wie möglich Schmerz, weder bei der Hinrichtung, noch bei der Folter zuzufügen. Bei der Folter war es bei einem „gut ausgebildeten Henker“ Brauch, den Gepeinigten nicht zu Tode zu foltern. Er wurde auch deswegen in der Wundheilung unterwiesen. Es war paradox, aber dies war tatsächlich der Fall.

Soweit ein kleiner Überblick über das Leben und die Arbeit des Henkers.

Heutzutage sollte man nicht vergessen, dass es in vielen Ländern auf der Welt die Todesstrafe immer noch gibt und zwar in 64 Ländern, sowie in vielen Bundesstaaten der USA, wird die Todesstrafe immer noch vollstreckt.

Der Henker heißt heutzutage „Justizvollzugsbeamter“, reine Wortkosmetik und ist genauso lächerlich wie „Bodenmasseuse“ für Putzfrau.

Die Hinrichtungsmethoden sind nur in den Golfstaaten genauso blutig und archaisch wie im Mittelalter. Dort werden die Delinquenten öffentlich in einer Sandarena hingerichtet und zwar mit dem Schwert. Der Henker dort ist hochangesehen und verkündet öffentlich, dass er den Willen „Allahs“ vollstreckt.

In den USA werden die Hinrichtungen noch zusätzlich von dem Gefängnisarzt durchgeführt. Er setzt die Nadel für die Venüle des Giftcocktails, der dann per Knopfdruck von dem Justizvogel-Beamten ausgeführt wird. Ende der Fahnenstange. Danach wird der Leichnam untersucht und im Knastfriedhof beigesetzt. 

In den anderen Ländern wird erschossen und aufgeknüpft, entweder klassisch mit Galgen oder am Baukran wie im Iran.

Wie man sieht, haben sich die Methoden ein wenig geändert und sind z. T. nicht mehr so blutig. Aber sie sind nicht weniger grausam.

Allen Delinquenten ist gemeinsam: Die Angst vor dem Sterben, was ja verständlich ist.

Im zweiten Teil meines Artikels soll das Für und Wider der Todesstrafe erörtert werden.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 




Europäische Ratingagentur


Ein Rating ist im Finanzwesen eine Einschätzung der Bonität des Schuldners. Die Beurteilung der Bonität von Schuldnern oder Wertpapieren erfolgt in der Regel durch Ratingagenturen1. Ratingbeurteilungen gibt es – speziell in den USA – schon seit Jahrzehnten. Aber insbesondere mit dem Inkrafttreten von Basel II Anfang 2006 und den Ratingherabstufungen ganzer Länder seit dem Beginn der Schuldenkrise im Sommer 2007 ist Rating nicht nur ein Thema der Wirtschaftsliteratur, sondern Teil der öffentlichen Debatte.

Bereits um die Jahrtausendwende wurde das Unternehmensrating ein unverzichtbarer Bestandteil der betriebwirtschaftlichen Lehrbücher2 oder wurde selbst zu einem Hauptgegenstand der Betriebswirtschaftslehre3. Vielfältig sind auch die Publikationen, die einführend speziell die Probleme für den Mittelstand erörtern4.

Neben dem Controlling und der Existenzgründungsberatung ist heute auch in der Sanierungsliteratur Rating ein nicht mehr zu ignorierender Sachverhalt5.

Mit den Beurteilungen der volkswirtschaftlichen Bonität6 in der Folge der Schuldenkrise sind das Rating und die handelnden Akteure für die politische Klasse und eine breite Öffentlichkeit Gegenstand heftiger Diskussionen und auch zum Teil unberechtigter Schuldzuweisungen. Zurzeit beherrschen drei Agenturen den weltweiten Markt für die Kreditwürdigkeit von Staaten. Stufen sie die Bonität herab, kann dies dramatische Folgen für die Staatsfinanzen haben, denn eine schlechtere Kreditwürdigkeit bedeutet, dass höhere Zinsen für die Aufnahme von Krediten zu zahlen sind. Man kann im Grundsatz trefflich darüber streiten, ob diese Feststellungen lediglich Sachverhalte deutlich machen oder ob durch diese Festlegung ein grundsätzlich neuer Sachverhalt entsteht. Ist das Ratingurteil lediglich ein Zustandsbericht, so dient es zweifelsfrei den Interessen der Gläubiger. Verursacht aber ein Ratingurteil durch eine höhere Zinsbelastung erst die Zahlungsunfähigkeit des Schuldners ist keiner Seite geholfen.

Unabhängig von dieser Problematik ist jedoch die Tatsache, dass Ratings eine disziplinierende Wirkung auf Fiskalpolitiker ausüben. Andererseits bleibt die Kritik an der mangelnden Transparenz der Agenturen. So stellt sich die Frage nach der weltweiten Akzeptanz der großen drei Agenturen. Wahrscheinlich vertrauen hier die Märkte auf die jahrzehntelange Erfahrung. Will die Politik ein Gegengewicht zu den Agenturen, so darf eine zu planende Institution kein Imitat sein, sondern eine Alternative. Neben den großen Drei sind noch beispielhaft zu nennen: Dagong Global Credit Rating (China), Dominion Bond Rating Service (Kanada), SR Rating (Brasilien),  Credit Analysis & Research (Indien) und Feri EuroRatings Services (Deutschland). Bei globaler Betrachtung sind die Anbieter von Ratings ein Teiloligopol7.

In den letzten Monaten wuchs die Kritik an den großen Drei der Ratingbranche. Eine Kritik aus der Politik und großen Teile der Medien. Man machte sie verantwortlich für die Schuldenkrise, man warf ihnen fehlerhafte Bewertungen vor und kritisierte die mangelnde Transparenz ihrer Methodik. Politiker – unter ihnen EU-Kommissionspräsident Juan Mario Barroso – sprachen sich für eine europäische Ratingagentur aus, um der Macht der US-amerikanischen Unternehmen ein Gegengewicht entgegen setzen zu können. Vorschläge gipfelten in der Forderung, Ratingurteile grundsätzlich zu verbieten. Ein Vorschlag, der mit dem Recht der freien Meinungsäußerung keineswegs zu vereinbaren ist.

Die Verantwortung an der Schuldenkrise bei den Agenturen zu suchen, kann nur zu einem geringen Teil zutreffend sein. Tatsächlich ist die Ahnungslosigkeit der Agenturen um die Gefahren der US-Subprime-Papiere in den Jahren vor 2007 feststellbar, aber die Ursachen liegen tiefer. Hier muss man einen generellen Mentalitätswandel in den westlichen Ländern feststellen, der zu einem verstärkten Kurzfristdenken und zu mangelnder Sensibilität gegenüber der Verschuldung geführt hat. Dieser Mentalitätswandel ergriff sowohl die großen Akteure der Finanzmärkte als auch eine Vielzahl von Durchschnittsbürgern, die in eine Privatinsolvenz gerieten8. Daneben sind auch die Fiskalpolitiker nicht von ihrer Verantwortung freizusprechen. In einem unkritischen Vertrauen auf die segensreiche Wirkung Keynes´scher Verschuldungspolitik haben sie in Jahrzehnten die Staatsverschuldung an die Grenzen getrieben. Und in diesem Zusammenhang muss man auch die Zinssenkung der amerikanischen Notenbank im Jahr 2006 auf ein historisches Tief sehen. Eine Maßnahme mit einer volkswirtschaftlichen Fehlallokation als Folge.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Macht der Agenturen. Insbesondere Politiker neigen dazu diese zu überschätzen. Niemand zwingt die EZB, die Hinterlegung von Sicherheiten für Bargeld vom Rating US-amerikanischer Unternehmen abhängig zu machen. und die Akteure am Anleihe- und Devisenmarkt haben gelernt mit mehr Gelassenheit zu reagieren. Der Euro ist nicht abgestürzt und die Kurse der Anleihen europäischer Problemländer purzelten bereits vor den Herabstufungen der Agenturen9. Mag die Macht der Agenturen vielen Zeitgenossen auch unermesslich sein, so erscheinen ihre Urteile über die Bonität ganzer Länder dem neutralen Beobachter mehr oder weniger nachvollziehbar.

Die Ratingagenturen sind aber nicht von jeder Kritik freizusprechen. Es ist die mangelnde Transparenz ihrer Methodik. Ein exaktes und detailgenaues Nachvollziehen ihrer Ergebnisse würde sie aus dem Schussfeld der Kritik bringen. Aber die Währung der Ratingagenturen ist gegenwärtig das Vertrauen, welches in Jahrzehnten erarbeitet wurde. 

Die Kritik an den Agenturen bei der Beurteilung der Bonität der Länder veranlasst nun verstärkt Politiker auf nationaler und europäischer Ebene den Einfluss der US-amerikanischen Unternehmen zu begrenzen und den Aufbau einer europäischen Ratingagentur in Angriff zu nehmen. Mit strengen Vorschlägen reagiert die Europäische Kommission auf Urteile der Agenturen. Die Vorschläge der Kommission für eine Richtlinie und eine Verordnung verfolgen vier Hauptziele: Es soll sichergestellt werden, dass sich die Finanzinstitute bei ihrer Anlagetätigkeit nicht blind ausschließlich auf Ratings stützen. Länderratings sollen transparenter durchgeführt und häufiger überprüft werden. Größere Vielfalt und strikte Unabhängigkeit der Ratingagenturen soll zur Vermeidung von Interessenkonflikten beitragen. Stärkere Haftung der Agenturen für die erstellten Ratings soll dafür sorgen, dass Ratinganalysten ihrer Verantwortung besser gerecht werden10. Weiterführende Überlegungen kreisen um die Etablierung einer europäischen Ratingagentur.

Die Etablierung einer solchen Agentur kann nur den politisch gewünschten Sinn haben, dem Einfluss der amerikanischen Unternehmen ein Gegengewicht entgegenzusetzen. Und natürlich soll der amerikanischen Perspektive nicht nur eine europäische Sicht der Dinge zur Seite gestellt werden, sondern vielmehr eine staatsnahe Orientierung gegenüber privatwirtschaftlichen Wertvorstellungen.

Sollte eine europäische Ratingagentur, gegründet mit Geld der EU, ein privatwirtschaftliches und gewinnorientiertes Unternehmen sein, sind die Erfolgsaussichten mehr als nur zweifelhaft. Hier fehlt die jahrzehntelange Erfahrung, die für die Akzeptanz der Märkte unverzichtbar ist. Und sofort dürfte der berechtigte Einwand oder das Vorurteil entstehen, dass diese Agentur ausschließlich den Zweck verfolgt, strauchelnde Länder etwas weniger schlecht aussehen zu lassen.

Aber auch die Etablierung einer staatlichen (staatlich bedeutet hier auch eine Institution der EU) Einrichtung ist denkbar. Hier würden Beamte und Staatsangestellte mit überwiegend juristischer Ausbildung Ratings nach einem gesetzlich normierten Verfahren erstellen. Eine EU-Richtlinie mit den nötigen Richtlinien, Durchführungsverordnungen und sonstigen Handlungsanweisungen wäre unvermeidbar. Dies wäre ein Verfahren, welches der Rechtssicherheit dient, die Überprüfbarkeit im Grundsatz gewährleistet und die Vergleichbarkeit der verschiedenen Ratings sicherstellt. Dem stehen aber gravierende Nachteile entgegen. Innerhalb weniger Jahre dürfte das Verfahren immer komplexer und damit immer unverständlicher werden. Außerdem dürften die Ergebnisse sich immer mehr von der Wirklichkeit entfernen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass eine Rating-Richtlinie von diesem „Schicksal“ verschont bliebe11. Als abschreckendes Beispiel muss man hier auf das deutsche Bewertungsrecht hinweisen. Das Bewertungsgesetz (BewG) trat am 16.10.1934 in Kraft und erfuhr am 14.12.2011 seine letzte Änderung. Ergänzend hierzu das Gesetz zur Reform des Erbschaftssteuer- und Bewertungsrechts (ErbStRG) mit einer Vielzahl von Anlagen. Das Bewertungsrecht wurde niemals grundsätzlich reformiert, sondern ununterbrochen mit Änderungen und Ergänzungen versehen, was zur Folge hat, dass es nur noch von wenigen Spezialisten vollkommen verstanden wird. Insbesondere der Gebrauch von einer Vielzahl von Vervielfältigern soll eine ungefähr (!) richtige Ermittlung ermöglichen. Die Situation ist gegenwärtig so verfahren, dass auch Versuche zu einer Totalreform gescheitert sind. Man denke z. B. auch an die Bedarfswerte im Rahmen der Grunderwerbsteuer und die Bewertung der Betriebsgrundstücke12. Und man denke in diesem Zusammenhang an die Hinzurechnungen und Kürzungen im Rahmen der Gewerbesteuer, dessen Zweck nur als unverständlich bezeichnet werden kann und als Ausfluss sinnloser Regelungswut zu verstehen ist13

 Man steht also vor einem Dilemma: Bei einer unternehmensorientierten Lösung ist Transparenz und Nachvollziehbarkeit nicht gegeben und der Willkür ist Tür und Tor geöffnet und bei einer staatsnahen Lösung ist die Nachvollziehbarkeit im Prinzip gegeben, aber die Ergebnisse haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun. 

Da die Ermittlung von Ratingurteilen gleichbedeutend mit der Generierung von Wissen ist, sollte eine vollkommen andere Perspektive in die Diskussion einbezogen werden. Die grundsätzliche Überlegung ist, dass Fehler durch umfassende Kritik weitgehend ausgeschaltet werden können und dass Wissen nicht konzentriert, sondern verteilt vorliegt.

Da Vernunft und Wissen fehlbar sind, müssen Aussagen immer wieder der Kritik unterzogen werden. Keine Aussage ist zweifelsfrei und für immer absolut richtig. Man kann nach Richtigkeit oder Wahrheit streben. Es darf aber nicht bedeuten, dass man im Bewusstsein der eigenen Fehlbarkeit, die Wahrheitssuche aufgibt und in einen Relativismus verfällt. Vielmehr müssen Aussagen ständig kritisiert werden und so gestaltet sein, dass sie einer ständigen Überprüfung zugänglich sind. Ein Ergebnis, welches dadurch entstanden ist, dass Kritik eine Vielzahl von Unwahrheiten oder falschen Schlussfolgerungen ausgeschaltet hat, kann man als überwiegend richtig anerkennen. Es ist viel erreicht, wenn Ergebnisse brauchbar, gegen weitere Kritik nicht immunisiert sind und einen hohen Wahrheitsgehalt haben und damit eine Alternative zu Dogmatismus und Relativismus darstellen14.

Der Ökonom Friedrich August von Hayek entwickelte die Theorie von der Verteilung von Wissen. Ursprünglich und in Anlehnung an Ludwig von Mises15  legte er dar, dass eine Zentralverwaltungswirtschaft nicht in der Lage sei über das zur Planung erforderliche Wissen zu verfügen. Dieses Wissen ist auf die verschiedensten Individuen verteilt und könne in seiner Gesamtheit nur in einer marktwirtschaftlichen Ordnung zur Entfaltung kommen. Später erweiterte er diese Auffassung auf die gesamte Gesellschaft und beeinflusste stark die Evolutionsökonomie. Wenn Bürger freiwillig, spontan und ungesteuert miteinander interagieren, also Handel treiben, Verträge schließen, Artikel schreiben oder Veranstaltungen besuchen wird „lokales“, privates Wissen weitergegeben. In dieser Interaktion wird nicht nur Wissen zusammengefügt, sondern durch diese Kommunikation entsteht sogar neues Wissen16. Dieses Entdeckungsverfahren nennt Hayek „spontane Ordnung“.

Auch mit der weltweiten Verbreitung des Internets bestätigt sich diese Auffassung. Jimmy Wales wurde durch die Gedanken von Hayek zur Gründung von Wikipedia veranlasst17. Die Besonderheit von Wikipedia, im Gegensatz zu anderen Lexika, ist die offene Form der Artikel. Sie werden ständig aktualisiert und sind gegenüber kritischen Auffassungen nicht immunisiert. So ist es auch naheliegend, dass Ratings grundsätzlich in der Form der Offenheit, Transparenz und gegenseitigen Kritik zu erstellen sind. Es ist deshalb wichtig zu beobachten, wie sich die Idee der Wiki-Ratings weiterentwickelt. Auch im Bereich der Betriebssysteme hat der Gedanke des offenen und dezentralisierten Wissens Eingang gehalten. Für die Verantwortlichen von GNU-Linux ist freie Software eine Frage der Freiheit. D. h. Freiheit des Nutzers, Software zu kopieren, zu verbreiten, zu untersuchen, zu ändern und zu verbessern. Dazu gehört auch der Zugriff auf den Quellcode. Auch Microsoft als rein erwerbswirtschaftlich orientiertes Unternehmen kann sich der Fehlereliminierung durch vielfältige Kritik nicht entziehen. So stellte Microsoft kürzlich die „Consumer Preview“ genannte Beta-Version von Windows 8 zum kostenlosen Download als Massentest bereit.

Soll ein Land einem Rating unterzogen werden, so ist ein glaubwürdiges Ergebnis nur zu erwarten, wenn unterschiedliches Wissen und vielfältige und permanente Kritik zur Fehlereliminierung zusammenwirken. Und wenn dieses Ergebnis lückenlos nachvollziehbar ist. Zu den Wissensträgern könnten Banken, Unternehmensberatungsgesellschaften, volkswirtschaftliche Fachbereiche der Hochschulen, Vereine (z. B. BdRA), natürliche Personen, Statistikämter, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Ministerien aus möglichst vielen Ländern der EU gehören. Reine Interessenvereinigungen sind nicht auszuschließen, da sie um gute Argumente bemüht sind. Ein Mitwirken und möglicherweise einen dominierenden Einfluss auf das Ergebnis könnten die Unternehmen durchaus als Marketing in eigener Sache verwenden.

Da die Nachteile einer erwerbswirtschaftlich orientierten Ratingagentur als auch eine EU-Behörde offensichtlich sind und eine der dezentralen Wissensgenerierung verpflichtete Organisation nur schwer zu realisieren erscheint, bleibt wahrscheinlich nur der massive Eingriff in die Arbeit der gegenwärtig tätigen Ratingunternehmen.  Vollständige Auskunftspflichten, umfassende Prüfungsmöglichkeiten, stärkere Haftung und eine Verpflichtung zur schnelleren Aktualisierung der Länderratings werden wahrscheinlich die Hauptbestandteile der zukünftigen Debatten darstellen. Aufgrund der Begrenzung auf den EU-Raum stellen Ansprüche an global agierende Ratingagenturen keine bedeutsame Beschränkung dar, wenn nicht in anderen Regionen ähnliche Einschränkungen existieren. Somit beschränkt sich die Vorgabe auf die ausschließlich in der EU ansässigen Agenturen. Dies trifft die kleinen Unternehmen, die neben den großen Teiloligopolisten am Markt tätig sind. Dies wäre nicht nur die Ausschaltung potenzieller Konkurrenz, sondern auch, und diese Frage muss gestattet sein, Eingriffe in die Wirtschaft, die möglicherweise mit einen Verständnis für eine freie Gesellschaft nicht zu vereinbaren ist.          

1.Vgl. Schneck, Ottmar,  Lexikon der Betriebswirtschaft, 6. Aufl., München 2005, S. 851.

2.Vgl. Küting, Karlheinz/Weber, Claus-Peter, Die Bilanzanalyse, 7. Aufl.. Stuttgart 2004

3.  einen guten und umfassenden Überblick gibt: Achleitner, Ann-Kristin/Everling, Oliver (Hrsg.), Handbuch Ratingpraxis, Wiesbaden 2004

4. als Beispiele sind zu nennen Hückmann, Carolin, Kreditrating der Mittel- und Kleinbetriebe, 2. Aufl. Berlin 2003 sowie Heim, Gerhard, Rating-Handbuch für die Praxis, Basel II als Chance für Mittel- und Kleinbetriebe, Berlin 2006

5. Vgl. Hohberger, Stefan/Damlachi, Hellmut, Sanierung im Mittelstand, 2. Aufl. Marburg 2010

6. Vgl. zu Länderrisiken, Braun, Christian, Verfahren der Länderrisikobewertung. Eine empirisch gestützte vergleichende Beurteilung, Hamburg 2006

7.Vgl. Eucken, Walter, Die Grundlagen der Nationalökonomie, 9. Aufl., Berlin, Heidelberg, New York 1989, S. 101-111

8. Vgl. Dahrendorf, Ralf, Nach der Krise: Zurück zur protestantischen Ethik? Sechs Anmerkungen, Merkur, Nr. 720, 2009

9. Vgl. Financial Times Deutschland, 06.12.2011

10. Vgl. Everling, Oliver, Noch mehr Regulierungen in 2012, in: Kredit und Rating Praxis, 6/2011

11. Zum Verständnis der Bürokratie auch heute noch unverzichtbar: Weber, Max, Wirtschaft und Gesellschaft,

5. Aufl. Tübingen 1976

12. Vgl.Rössler/Troll, Bewertungsgesetz, Loseblatt-Kommentar, München

13. Eine Einführung in das Recht der Gewerbesteuer gibt: Spangemacher, G./Spangemacher, K., Gewerbesteuer, Grüne Reihe, Steuerrecht für Studium und Beruf, Bd. 5, letzte Aufl., Achim bei Bremen

14. zum Verständnis des Kritischen Rationalismus vgl. Albert, Hans, Traktat über kritische Vernunft,

5. Aufl., Tübingen 1991, insbesondere zum „Münchhausentrilemma“ S.13-18

15. Vgl. Mises, Ludwig von, Die Gemeinwirtschaft, Untersuchungen über den Sozialismus, Jena 1922

16. Vgl. Hayek, Friedrich August von, Die Anmaßung von Wissen, in: ORDO, Bd. 26, 1973, S. 12-21

17. Vgl. Katherine Mangu-Ward, Wikipedia and Beyond, Jimmy Wales´ sprawling vision, Reason Magazine, June 2007                           

 

 

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Gespräch mit Moslems


MarsaAlam_Wüste_RotesMeerEin ganz normaler Abend in Ägypten mit meinen moslemischen Freunden Ahmed, Hany, Mohammed et al. – Von Edith Bettinger

Ich: Verdammt heiß ist es heute, wir haben erst Anfang Mai und es ist windig!

Ja schon. Aber der Wind kommt aus der Wüste.

Aber aus der Wüste Saudi Arabiens, der Windrichtung nach zu urteilen ;-)
Nein, du hast keine Ahnung, Saudi Arabien ist dort (zeigt nach Westen)

A propos Saudi Arabien : Ahmed, hast du schon für deinen Freund gebetet?
(Anmerkung : dieser Freund wartet in Alexandria im Spital auf eine Magen-OP)

Gut, dass du mich erinnerst, ich gehe sofort hinein und bete für ihn.

Frage: Wo ist denn Mekka, nur damit du nichts falsch machst?

Na dort! (zeigt wieder nach Westen)

Habibi, muß ich als Nichtmoslem dir sagen, wo Osten ist?

Nein, man kann nichts falsch machen, mit dem Meer im Rücken liegt man da immer richtig.

Das ist aber dann blöd, wenn man an der Mittelmeerküste wohnt, da wird’s dann trickreich, außerdem sitzen wir hier an einer Lagune, da hast du theoretisch 3 Möglichkeiten dafür. Hast du auf deinem Iphone keine Mekka-App installiert?

(Anmerkung: das „Beten mit dem Meer im Rücken„ habe ich schon oft gehört, es ist daher keine Wiederholung einer etwas älteren Satire von mir, sondern wieder einmal tatsächlich so ausgesprochen)

Du hast keine Ahnung, ich gehe jetzt jedenfalls beten!

Nach 2 Minuten: Fertig! Möge Allah mein Gebet erhören und Waleed beistehen! Es wird alles gut inshallah!

Möge der Chirurg ihm beistehen, aber egal, jedenfalls alles Gute für deinen Freund. Ich werde ihn in mein Abendgebet mit einschließen.

Hhhh? Du betest? Bist du also doch gläubig!

Das war ironisch, liebe Freunde, ich bin und bleibe bei den kuffar.

Kuffar ???

Atheistin!

????? Was ist das?

Ich bin frei von Gott und froh darüber!

Du glaubst nicht an Allah? Unmöglich, jeder muss an ihn glauben.

Ich glaube zum Beispiel im Moment nur, dass es morgen noch heißer wird.

Nein, an Allah musst du glauben! Er hat alles geschaffen, auch dich!

Geschafft haben es eine Eizelle meiner Mutter und ein Spermium meines Vaters.

Betretenes Schweigen, ein durchaus gewollter Tabubruch: diese Worte in der Öffentlichkeit auszusprechen, haram und schockierend.

Aber das Spermium, wer hat das geschaffen? Das ist so perfekt ! (Mohammed und Hany zeigen unbewusst (?) auf ihren Schritt)

Abgesehen davon, dass die weibliche Eizelle mindestens genauso perfekt ist, sind Spermien ein Produkt der Evolution, nichts Besonderes, haben alle Säugetiere.

Säugetiere ???

(es folgt ein Exkurs in Biologie, Zyto- und Ontogenese, Embryonalentwicklung, Genetik bis hin zu den Menschenaffen, so weit ich das auf Englisch und Arabisch vermitteln konnte)

Du hast Schimpansen erwähnt, bist du etwa auch so ein Anhänger von diesem Darwin? (Ahmed lacht abfällig)

Wenn du so willst ja, ich bin grundsätzlich eine Anhängerin von Wissenschaft und Menschenrechten, besonders der Aspekt, dass Frauen gleichberechtigt sein sollen, was beim besten Willen nicht aus eurem „heiligen“ Buch ab zu lesen ist.
Mein ganz besonderer Liebling ist ja Sure 2, Vers 223 (Eure Frauen sind euch ein Saatfeld. …..) Frauen sind eure Äcker? Na danke, darum seid ihr auch so Machos!

Hany ganz aufgeregt: Das stimmt nicht, das steht nicht im Koran!!

Lies es nach, du hast doch sicher einen bei dir.

Nein, ich trage doch nicht den Koran spazieren!

Ahmed zückt sein Handy: ich habe es sicher gespeichert!
(sucht lange und spielt dann die Rezitation der Sure vor)

Offenbar kenne ich den Koran besser als ihr, lest es nach, wenn ihr zu Hause seid.

Mohammed ziemlich sauer: Du kennst dich da nicht aus und kannst da nicht mitreden, du bist kein Moslem!

Blödes Argument! Dann kannst du auch nicht beurteilen, wie sich eine Frau schicklich anzuziehen hat, du bist ja keine Frau.

Al hamdullillah, ich bin keine Frau, aber das ist etwas anderes, das eine ist DIE Religion, das andere ist eine Frau!

Ach ja, verstehe, leuchtet ein, tolle Erklärung :-(

Hören wir auf über Religion zu reden, das ist zu privat.

Mabruk habibi, du hast es erfasst, Religion ist in der Tat Privatsache, das hat sich nur bei euch noch nicht so herumgesprochen.

Schon wieder, höre jetzt auf, sonst werde ich wirklich böse.

Ok, ok, will ja mit euch noch einen netten Abend verbringen, lassen wir es bleiben. Nur eins noch: Es gibt keine Götter, auch euren Allah nicht.

Ahmed beschwichtigend: ist deine Meinung. Lass uns wetten: wenn ich Recht habe, treffen wir uns nach dem Tod wieder, wenn du Recht hast, treffen wir uns nicht mehr.

Handschlag, die Wette gilt.
Treffen werden wir uns aber auf keinen Fall wieder, denn ich komme sicher in die Hölle, Frau und ungläubig noch dazu.

Zustimmendes Gelächter, der Abend dauerte auch ohne Gespräche über Religion und Gott noch lange, über Frauen lässt sich ja bekanntlich auch vortrefflich debattieren.

© by Edith Bettinger, Mai 2013

 

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Bischofskonferenz führt Parteiengespräch mit FPÖ-Spitze


Bischöfe FPÖDarüber berichtete am 25.6.2019 kathpress, honorarfreie Pressefotos ebenfalls von kathpress. Das ist wieder einmal eine Gelegenheit, atheistische Kommentare einzufügen!

Kathpress: Die von der Österreichischen Bischofskonferenz begonnenen Parteiengespräche sind mit der FPÖ fortgesetzt worden. Kardinal Christoph Schönborn und mehrere Bischöfe haben am Dienstag an einer schon länger vereinbarten Unterredung mit dem designierten FPÖ-Bundesparteivorsitzenden Norbert Hofer und Vertretern der Freiheitlichen im Wiener Erzbischöflichen Palais teilgenommen. Ziel der politischen Gesprächsreihe der Bischofskonferenz, die Anfang September mit einem Treffen mit der ÖVP eröffnet und im Dezember mit der SPÖ fortgesetzt wurde, ist das wechselseitige Kennenlernen der Verantwortungsträger. Im Vordergrund steht dabei ein grundsätzlicher Austausch über Themen, die für Kirche, Politik und Gesellschaft gleichermaßen relevant sind.
Atheistischer Kommentar: Die Kirche bemüht sich also, parteipolitisch mitzuplaudern. Die Parteipolitik ist der Bereich, wo immer noch die Meinung vorherrscht, fünf Millionen katholischer Kirchenmitglieder hätten eine gesellschaftspolitische Bedeutung. Den Widerspruch zwischen kirchlicher und säkularer Sicht der Welt, wird politisch nach wie vor viel zuwenig wahrgenommen, auch Katholiken leben mit großer Mehrheit in der säkularen Alltagsgesellschaft und nicht in den Kirchenwelten!

Kathpress: Die Bischöfe besprachen mit der drittgrößten Parlamentsfraktion Fragen im Zusammenhang mit Pflege, Klimaschutz, Wohnen, Lebensschutz und Bildung. Das erklärte der Generalsekretär der Bischofskonferenz, Peter Schipka, nach der rund eineinhalbstündigen Unterredung gegenüber "Kathpress". Die erstmalige Begegnung in dieser Zusammensetzung sei "freundlich, offen und sachorientiert" gewesen. Ein besonderes Anliegen seien den Bischöfen dabei Schulfragen rund um den Religions- und möglichen Ethikunterricht gewesen.
Atheistischer Kommentar: Die FPÖ war ja in der Anfangszeit der Strache-Zeit sehr christlich gewesen, Strache lief mit einem Kruzifix in der Hand durch die Gegend und die Partei plakatierte "Abendland in Christenhand". Das war damals als Gegenpol zum Islam gemeint gewesen, aber bei der Wahl wo diese christliche Methode im Vordergrund stand, verlor die FPÖ deutlich Stimmen, in die Christenhand wollten offenbar FPÖ-Wähler nicht unbedingt gelangen. Aber in Sachen des von der Kirche angestrebten zwangsweisen Ethikunterricht für alle am staatlichen Religionsunterricht nicht Teilnehmenden, wird man wohl die FPÖ als Verbündeten sehen…

Kathpress: Die Bischofskonferenz war neben ihrem Vorsitzenden sowie ihrem Generalsekretär durch drei weitere Bischöfe repräsentiert. Gesprächsteilnehmer waren der St. Pöltner Bischof Alois Schwarz, Militärbischof Werner Freistetter und der Bischof von Graz-Seckau, Wilhelm Krautwaschl. Der FPÖ-Klubobmann wurde u.a. begleitet vom Nationalratsabgeordneten Christian Ragger.
Erst in der vergangenen Woche hatte die Bischofskonferenz bei ihrer Vollversammlung einen fairen Wahlkampf eingemahnt und grundsätzlich festgehalten, dass die Parteien mit ihren Programmen und ihrer Praxis selbst die Nähe bzw. Distanz zur katholischen Kirche bestimmen. Dazu brauche es den regelmäßigen Dialog auf verschiedenen Ebenen. Ausdruck davon seien etwa die Gespräche der Bischofskonferenz mit politischen Parteien. "Damit wollen die Bischöfe dazu beitragen, dass eine Kultur des konstruktiven Dialogs und wechselseitigen Respekts in der Gesellschaft gestärkt wird", hieß es in der Erklärung der Bischofskonferenz.

Atheistischer Kommentar: Aha, die Kirche ist schlau! Denn kirchenkritisch werden Politiker aus der schon oben geschilderten falschen Sicht der gesellschaftlichen Realität nicht auftreten, also kann die Kirche von Parteigesprächen nur profitieren, die Parteien als beste Kirchenfreunde, die Kirchen als politische Durchbringer ihrer gesellschaftlichen Bedürfnisse. Auch wenn die Religionen den Leuten von Jahr zu Jahr unwichtiger werden, die Kirchen werden vehement versuchen, sich mit politischer Parteienhilfe weiterhin wichtig zu machen. Dabei ist es egal, mit welcher Partei jeweils konferenziert wird, den Nutzen werden immer die Kirchen haben…

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).

 




Gelebter Islam in Ägypten


Nach jahrzehntelanger schmerzvoller Suche habe ich jetzt endlich den wahren Sinn meines Lebens gefunden! Niemand geringerer als Allah hat mir  den richtigen Weg gewiesen, den Islam! Welch größere Erfüllung kann es für eine Frau geben als eine treue, gottgefällige Muslima zu sein.

Ich hatte das große Glück, in den letzten Tagen des heiligen Ramadan in Ägypten zu sein, und da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren –  DAS ist wahre Lebensfreude! Was kann es Erfüllenderes geben, als 12 Stunden lang weder Nahrung noch Getränke zu sich zu nehmen, das ganze bei ca. 40 Grad im Schatten – DAS ist wahrer Glauben! Raucher unter Euch wissen, wie schwer es ist, einen halben Tag nichts Nikotinöses zu sich zu nehmen. Man hat dann Entzugserscheinungen, die Zunge klebt trocken am Gaumen, der Magen spricht zu einem, die Laune fällt in den Keller – das ist nichts gegen die Erfüllung, Allahs Geboten gehorcht zu haben. Nur wer Entbehrung kennt, weiß Überfluss zu schätzen! Welch ein orgiastisches Fest ist es, wenn die Minute des Fastenbrechens herannaht, und man endlich all das tun darf, was vorher verboten war. Wobei diese Minute nicht vorhersehbar ist, das macht das ganze noch mystischer. Ich dachte bisher, dass dieser Moment dann eintritt wenn, wie es im heiligen Koran steht, ein schwarzer Faden nicht von einen weißen unterschieden werden kann – also NACH Sonnenuntergang bei Dunkelheit!

Weit gefehlt, es ist viel komplizierter: Ein Islamgeleerter (kein Druckfehler!) im Fernsehen gibt die Zeit vor – meistens so ca. 17:15 Uhr, wobei es da  aber noch nicht dunkel war! Wie konnte ich nur glauben, dass Allah von uns einfache Regeln fordert, da muss schon ein Wissender den Moslem instruieren, wäre ja noch schöner!

Nun also darf gevöllert werden, esstechnisch alles, was Mutter Natur so hergibt, es gibt auch einiges aufzuholen und für den nächsten Tag Speicher anzulegen. Da darf es dann auch mal Bier sein und Haschisch, Allah hat es gegeben und nimmt es auch wieder! Spätestens da wusste ich, dass man den Koran nicht so wörtlich nehmen darf. Bier ist KEIN Alkohol und Haschisch KEIN Suchtmittel, pflanzliche Nahrung eben. Wenn es doch nicht regelkonform sein sollte – das macht der einfache Gläubige mit Allah ganz persönlich aus. Wer sind wir schon, dass wir den Willen Allahs verstehen können?

Natürlich ist es auch weise und sinnvoll, so viel Geld im Ramadan für die nächtlichen Orgien auszugeben, dass für den Rest des Jahres der durchschnittliche Moslem so was von pleite ist – wen kümmert es; wenn Allah will, dass wir arm sind, sind wir arm – Inshallah!!!

Dieses Inshallah ist überhaupt sehr praktisch, es lebt sich viel unbeschwerter , wenn man sich über nichts Gedanken machen muss – es ist völlig sinnlos, etwas anders oder gar besser machen zu wollen – Allah will, dass es so ist, also ist es so. Punkt. Ende der Diskussion. Wir haben kein Geld? No problem, wenn Allah will, wird er uns Geld schicken! Wie schön doch das Leben ist!

Autofahren in Ägypten ist ebenfalls von dieser Philosophie durchdrungen: Licht bei Nacht – nur was für westliche Weicheier. Angurten – ditto – wenn Allah will, dass wir sterben, dann sterben wir! Ach, wie schön ist doch das Leben – wir hängen nur nicht besonders daran! Das ist eine Lebenseinstellung, von der wir noch was lernen können!

Außerdem sehr praktisch: als Moslem muss man nichts wissen! Wissenschaft ist ebenfalls nur was für westliche ungläubige Warmduscher – lies den Koran, da steht alles drin – sogar der Urknall – angeblich. Die genaue Stelle habe ich leider nicht erfahren, dazu müsste ich den Koran schon im Original auf Arabisch lesen, und das kann ich leider nicht. Und Übersetzungen verzerren halt die wahre Aussage, schließlich ist keine Sprache so reich wie die arabische!

Das leuchtet ein! Ergo genügt ein einziges Buch im Haushalt, das spart doch Platz und Geld. Bücherregale sind nicht nötig! Guter Nebeneffekt – die Frau muss weniger abstauben! Also wer Ägypten als emerging new market sieht – mit dem Verkauf von Billy Regalen wird er pleite gehen!

Falls ihr euch wundern solltet, dass ich das politisch korrekte man/frau nicht verwende: wundert euch nicht – das ist auch sehr angenehm in einer islamischen Gesellschaft: kein Mensch gendert da herum, es ist de facto alles männlich, außer DIE Frau und DIE Tochter. Nachdem ja die arabische Sprache nicht nur in Aussprache und Schrift, sondern auch grammatikalisch sehr schwierig ist, muss man sich doch bei Allah nicht auch noch mit allzu viel weiblichen Formen herumschlagen, das werdet ihr ja verstehen. Natürlich werden Verben auch im Feminin konjugiert, aber nachdem ja Frauen im öffentlichen Leben kaum bis gar nicht vorkommen, reicht es völlig, z.B. für „bitte“ (minfadlak) nur das maskulinum zu lernen! Man wird nicht in die Verlegenheit kommen, eine Dienstleistung von einer Frau zu erbitten!

Apropos Frau: Von wegen Rolle der Frau: da gibt’s nichts zu diskutieren, es ist von der Natur so vorgegeben, dass die Frau Kinder bekommt, oder seht Ihr das anders?  Auch da haben die Ägypter recht: wenn die Frauen dasselbe leisten könnten wie Männer – wieso gibt es dann so wenig Frauen in Politik und Wissenschaft?

Ebenfalls ein netter Punkt : Ehe auf Zeit! Das haben ja eigentlich die schiitischen Iraner erfunden, aber die Praktikabilität dieses Konstrukts hat sich natürlich auch unter sunnitischen Arabern schnell herumgesprochen: In Ägypten gibt’s dafür sogar eigene Formulare – die Pharaonen  haben schließlich die Bürokratie erfunden – diese Form des Zusammenlebens nennt sich „Urfi-Ehe“. Mittlerweile gibt es fast so viele Urfi-Ehen wie gesetzlich geschlossene – man spricht von ca. 400.000 / Jahr!

Kann ich gut verstehen, warum das so ist – die demografische Entwicklung in Ägypten ist ja völlig gegenläufig zu unserer: eine sehr junge Gesellschaft, und diese jungen Menschen wollen nicht nur arbeiten (das ist bei 40% Arbeitslosigkeit auch nicht so einfach), sondern auch ihre sexuelle Lust ausleben.

Nun ist das im Islam vor- und außerehelich streng verboten (wie ja auch bei den Katholen –   mit dem Unterschied, dass die Moslems das noch ernst nehmen). Laut Gesetz ist es einem Mann und einer Frau nicht gestattet, sich in einem Raum aufzuhalten, wenn Sie nicht verheiratet sind. Dieses Gesetz wird zwar nicht eingehalten – außer im ländlichen Raum – aber exekutiert wird es: so hat die security wenigstens etwas zu tun!

Also muss eine islamische Hintertür her, das ist dann dieses Formular, von einem Anwalt abgestempelt und von 2 Zeugen mit Unterschrift beglaubigt, wobei diese 2 Zeugen nicht unbedingt physisch anwesend sein müssen. Die Namen und Unterschriften von Anwalt und Bräutigam gefälscht tun es auch. Allah ist Zeuge, das sollte reichen! Braut und Bräutigam unterschreiben ebenfalls (die sollten das wirklich tun) und schon ist man verheiratet!

Vorteile für den Mann: Er kann ohne schlechtes Gewissen Sex haben, er behält den Vertrag, er braucht seiner „Ehefrau“ weder Wohnung, Hausrat oder Gold zu kaufen, er kann die Ehe jederzeit ohne Angabe von Gründen beenden (Vertrag zerreissen genügt) – eine eindeutige win/win – Situation. Vorteile für die Frau: Sie ist verheiratet – das war´s aber dann auch schon, Rechte entstehen keine aus dieser Form des Zusammenlebens.

Urfi-Ehen sind  genau genommen sogar verboten – aber wen interessiert das im Moment der Eheschließung, wenn man wie eine nach Wasser lechzende Gazelle das Paradies der fleischlichen Lust so nahe vor Augen hat.

Blöd wird’s nur dann für die Frau, wenn der Mann sich scheiden lässt! Dann hat Sie weder Anspruch auf eventuell vorhandene Kinder, geschweige denn auf finanzielle Unterstützung. Außerdem ist Sie gesellschaftlich gebrandmarkt, weil urfi-verheiratet und daher eine Hure!

Der Mann kann so viele derartige Konstrukte eingehen wie er möchte. Die religiös von Ihm geforderten Normen sehen ja nur keinen Sex VOR der Ehe vor – das hat er ja erfüllt.

Man muss sich eigentlich nur an Geboten und Verboten orientieren , eine verheiratete Frau sein und fruchtbar, natürlich, dann wird Frauen der Himmel auf Erden geboten. Ägypter wissen nämlich noch, wie man Frauen erobert und verehrt: die Frau ist ein Kristall, ein Edelstein, die Sonne, der Mond, das Meer, eine Rose, das Augenlicht usw. … das klingt auf Arabisch natürlich viel besser. Außerdem hat der Mann zu Hause eh nix zu melden, in der Öffentlichkeit kann er ja dann ruhig bei einer Shisha in der Männerrunde sein Testosteron spielen lassen!

Ein paar Kleinigkeiten konnte ich leider trotz intensiver Recherche nicht klären:

Unter welchen Umständen genau muss das strenge Fasten im Ramadan NICHT eingehalten werden? Zu dieser Frage hatte  jeder eine andere Antwort, der Koran ist da auch keine Hilfe, da z.B. harte Arbeit wirklich jeder anders definiert!

Muss das 5malige Beten am Tag wirklich in Richtung Mekka, also in Ägypten eher gen Osten gerichtet, praktiziert werden? Oder doch „mit dem Meer im Rücken“, was dann, je nach Landesteil, auch mal Richtung Westen bedeuten würde? Wo kommen die vielen bunten Glühbirnen her, die im Ramadan die Moscheen schmücken, so dass jeder Christbaum dagegen ein altersschwaches Glühwürmchen ist?

Fragen über Fragen, auf die es bis dato keine Antwort gibt!

Die Frustration darob lässt mich jetzt zum Schluss meiner Suada kommen, durchaus in Weltschmerz und tiefster Verzweiflung, oder, wie die Ägypter sagen würden : Das Leben ist ein Jammertal!

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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Abendland – jüdisch-christlich?


Sie erleben eine Renaissance: die „christlichen Werte“, das „christliche Abendland“ und, in der Steigerung, sogar unsere „jüdisch-christliche Kultur“. Das klingt prima und man kann das vor allem als Abgrenzung gegenüber dem „islamischen Kulturkreis“ verwenden – der weder über diese Werte noch über diese Kultur verfügt. Nur, was genau ist das jeweils? Beim Islam ist das relativ einfach: ein islamischer Gottesstaat richtet sich nach dem Koran und da der Koran von Atomphysik, Buddhisten, Sufisten, Evolution, Fußball und schwulen Außenministern nichts weiß, werden die entsprechenden Regeln nach Gusto interpoliert, bis es passt. Das nennt man dann ein „Rechtsgutachten“. Das ist so ähnlich wie die Moslems, die ihren Raki mit vorgehaltener Hand oder unter dem Tisch trinken, weil dann Allah nicht zuguckt: erlaubt ist, was praktisch ist und gerade ins Konzept passt. Bei der Definition von Ge- und Verboten ist man flexibel.

Soweit, so stereotyp. Nun die andere Seite: das christliche Abendland.

Da wird’s etwas schwieriger. Schon das Abendland ist ja nicht mehr als „Westen“  – also westlich des eisernen Vorhanges – zu definieren, da es die rostigen Gardinen ja nicht mehr gibt und etwa Tunesien – wer hätte es gewusst- westlich von Berlin liegt. Gänzlich ins Schleudern kommt man aber, wenn man nun das Adjektiv „christlich“ definieren will.

Christen sind Anhänger dieses jüdischen Wanderpredigers namens Jesus, der vor 2000 Jahren in der Gegend von Jerusalem gesichtet wurde. Nun hat dieser Jesus aber nichts Schriftliches hinterlassen, so dass sich seine Anhänger auf die Aussagen von Leuten verlassen, die ihn auch nur vom Hörensagen kennen. Von entsprechender Qualität sind die Aussagen dieser frühen Anhänger: widersprüchlich, fantastisch und öfter hat man den Eindruck, dass da der eine oder andere Chronist eine ungesunde Menge Drogen konsumiert hat, bzw. über die Auswirkungen eines solchen Konsums berichtet.

Nachdem dieser Jesus im Wesentlichen den bevorstehenden Weltuntergang gepredigt hat – und folgerichtig klarstellte, dass es an der Zeit wäre, seine Konten zu leeren und die Kohle unters Volk zu bringen – hielt sich die Anhängerschaft in Grenzen. Der Weltuntergang war nichts Neues, der war schon öfter ausgeblieben aber anscheinend war Jesus eine Art „Top Act“ in der damaligen Zeit, die relativ arm an harmlosen Attraktionen war. Als er dann aber den lokalen Kaufleuten – die ihm das mit dem Weltuntergang nicht abkauften – das Geschäft verderben wollte, bekam er richtigen Ärger, eventuell stießen sich auch ein paar verlassene Ehemänner daran, dass Jesus und seine Kumpels einen ganzen Tross an Frauen mitschleppten – aber keiner heiraten wollte. Wie auch immer, die Sache endete für Jesus nicht gut, und man streitet sich darüber, ob er das Kreuz überlebt hat, oder nicht. Ersteres ist wahrscheinlicher und so besuchte er seine Kumpels, löste die Versammlung auf und suchte sich einen anderen Wirkungskreis.

Was hat aber nun dieser erfolglose jüdische Wanderprediger mit der Kultur in Deutschland zu tun? Nicht wirklich viel. Ein paar Schreiberlinge bekamen Wind von der Sache, strickten um die Story vom Gekreuzigten und Auferstandenen eine Geburtslegende und ein paar Wunder, um die Sache glaubhafter zu machen, und hatten nun eine neue, spannende Religion, die Potenzial hatte. Die römischen Götter waren unbeliebt, Jude konnte man so ohne weiteres nicht werden und die ganzen restlichen Götter stellten teils erhebliche Ansprüche. Der Christengott hatte ein Paradies zu bieten und wenn man Märtyrer wurde, landete man sofort dort und wenn einem das nicht reichte, die Auferstehung war ja bereits in Sicht –  bis der Jüngste Tag anbrach, konnte es sich ja nur noch um ein paar Jahre handeln.

Doch irgendwas ging schief – die Welt weigerte sich, unterzugehen. Die Christen mussten einsehen, dass sie mit dem „In-den-Tag-Hineinleben“ auf Dauer nicht hinkamen. Strukturen mussten her und wie das mit Strukturen ist – sie verselbständigten sich. Die heidnischen, römischen Intellektuellen hatten sich langsam angeekelt aus der Politik zurückgezogen, es entstand ein philosophisches Vakuum, in das die Christen hineinstoßen konnten. Innerhalb weniger Jahrzehnte übernahmen sie den römischen Staat und fuhren ihn an die Wand.  Der Rest ist – blutige – Kirchengeschichte. Die nächsten 1600 Jahre war die christliche Kirche damit beschäftigt, weltweit alles abzumurksen, was nicht bei drei das Vaterunser betete. Dabei beschäftigte sie sich eher wenig mit dem technischen Fortschritt sondern eher mit kriegerischen Unternehmungen. Wissen der Griechen und Römer wurde je nach Gusto wahlweise verbrannt oder abgeschrieben. Die Rechtsordnung wurde von den Römern übernommen und bisweilen mit lokalen Stammestraditionen vermengt – natürlich immer mit einem Religionsvorbehalt versehen, damit den Christen nicht das gleiche passierte, wie seinerzeit den Römern. Wer aufmuckte, wurde umgebracht, Päpste hielten sich Lustknaben und Frauenklöster waren gern besuchte Bordelle.

Irgendwann kam dann Jan Hus daher, der der Meinung war, dass das der Christus doch mal anders gemeint hatte.  Die auf seine Ermordung folgenden Hussitenkriege legten ganze Landstriche in Schutt und Asche. Luther hielt sich seinerzeit aus den von ihm mit angezettelten Bauernkriegen intelligenterweise heraus und den 30jährigen Krieg bekam er gar nicht mehr mit. Auch die Hexenverbrennungen und Judenpogrome zählten zur christlichen Kultur, ebenso wie ernsthafte Diskussionen noch im 19. Jahrhundert, ob denn nun Frauen eine unsterbliche Seele hätten, oder nicht.

Eines ist klar: Massenmorde, religiöse Verbohrtheit und Bigotterie sind jetzt nicht das, was man gemeinhin unter der „christlichen Kultur“ versteht. Was versteht man darunter? „Nächstenliebe“? Das gab es tatsächlich im Mittelalter. Reiche Stifter bauten Altenheime und Kirchen – gar nicht aus monetären Gesichtspunkten, sondern für ihr eigenes Seelenheil. Almosen für Arme waren Christenpflicht – man gab, weil man damit seine Chancen auf das Paradies erhöhte.

Gibt es diese Kultur heute noch? Nein. Es gibt Spenden – aber wohl keiner spendet, um damit Gott zu bestechen.

„Toleranz gegenüber Andersdenkenden?“ Ein wunderbarer Wert – nur absolut nicht christlich. Schon Christus schlug laut Bibel vor, Ungläubige zu erschlagen, was dann in der Folgezeit auch reichlich praktiziert wurde.

„Gnade, Vergebung“? Ein sehr christlicher Wert – nur leider war dafür Gott zuständig. Nicht die Menschen. Der 30jährige Krieg – ein „Religionskrieg“ ist bis heute der blutigste Krieg, von dem wir wissen. Er löschte ein Drittel der europäischen Bevölkerung aus.

Was bleibt vom Christentum? Die Heiligenverehrung? Mit Verlaub, was hat das mit Jesus zu tun? Kirchen und Kunstwerke? Wunderschön – auch die Akropolis ist schön und Stonehenge hat auch was. Hätte es das Christentum dafür gebraucht? Wäre die Kunst nicht längst viel weiter ohne?

Vollends absurd wird es, wenn vom „jüdisch-christlichen Abendland“ gesprochen wird. 2000 Jahre lang haben Christen nichts unversucht gelassen, um den Einflus der Juden auf die Kultur auf Null zu drücken. Sie bekamen nur dann Einfluss, wenn man sie mal wieder ausplünderte und Hitler hat den letzten Rest dann noch in Rauch und Flammen aufgehen lassen. Und jetzt soll das Abendland auf einmal jüdisch geprägt sein? Juden haben zu unserer Kultur ungeheueres beigetragen – aber nicht in ihrer Eigenschaft als Juden, sondern als Kunstmäzene, Künstler und Wissenschaftler. Genauso wie Christen unsere heutige Kultur geprägt haben – aber auch diese nicht in ihrer Eigenschaft als Christen. Im Gegensatz dazu ist unsere Kultur von Agnostikern, Atheisten und Humanisten maßgeblich beeinflusst worden – und zwar genau in ihrer diesbezüglichen Eigenschaft. 

Nein. Die Kultur des Abendlandes ist so wenig christlich wie jüdisch. Unsere heutige Kultur ist säkular-humanistisch. Der Mensch ist individueller Mensch, weil er als Mensch geboren wurde – und nicht, weil ihn irgendein Gott erst rechtfertigen muss.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.




Was humanistisch ist


Was humanistisch ist, ist weltlich, ergreifbar, und faktenbezogener Humanismus ist die Antwort auf der langen Suche nach einer Begründung der Moral und des menschlichen Handelns.

Es ist eine Antwort auf die von den Menschen gestellten Fragen, von dem Menschen, dem denkenden Tier dieses Planeten.

Er ist grundlegend existenziell und gleichzeitig diesseitig. Säkularer Humanismus ist die praktische Umsetzung all der Werte der grenzüberschreitenden humanistischen Aufklärung.

Er ist evolutionär und zugleich revolutionär. Humanismus ist also der Ausgang des Menschen aus seinem selbstverursachten und selbstverschuldeten Nicht-Denken.

Er ist zugleich ein gerechtes Nein zu der aus seit Jahrhunderten bestehenden Irrationalität und dem (Aber)Glauben. Säkularer Humanismus ist den alten Hirten der Religionen und der massenpopulistischen Politik ein neues Gespenst, das  diesmal nicht nur über dem europäischen Kontinent, sondern über den gesamten Globus fliegt und die von den Irrationalitäten besessenen Menschen nicht nur erschreckt, sondern ihnen durch das wahre Erschrecken ihre Augen öffnet und aus dem tausendjährigen religiösen, inhumanen und wie Pest seelenfressenden Wahnschlaf aufweckt.

Säkularer Humanismus ist dem postmodernen Menschen der Schlüssel zu seinen Freiheiten. Der Schlüssel zur Bekämpfung all der neuartigen, aber auch seit unweiten Ewigkeiten schon vorhandenen Gesellschaft-zerstörenden und menschenrechtsverletzenden Gedanken der an ihrem Profitdenkenden, der Unfreien.

Der säkulare Humanismus ist das Gegenmittel jeglicher islamischen Fatwa. Er ist das Anti-Blasphemie-Gesetz an sich.

Der Inbegriff der Umwertung aller scheinheiligen Werte in einem Begriff wie eine Salbe gegen die von den Irrationalitäten, Engstirnigkeit, Dogmen, Aberglauben, Diktatoren und im Allgemeinen den Menschenrechtsverletzungen den Menschen zugefügten Leiden.

Er ist des Menschen Selbstverwirklichung als ein Individuum in der Kollektivität seiner Mitmenschen zugrundeliegend und der kollektiven Einheit einer Gesellschaft, bestehend aus endlich vielen Individuen, dem Pluralismus verbunden und der Demokratie treubleibend.

Der Humanismus sei als ein menschliches Universum der menschlichen Subjektivität zu erfassen, erklärte Jean Paul Sartre schon einige Male.

Die Nicht-Erforderlichkeit im Sinne der Nicht-Notwendigkeit des auf unbewiesenen Annahmen basierten Glaubens in der heutigen Welt ist mit der Verflechtung der eigenen menschlichen Unmündigkeit, dem Nicht-Vorhanden-Sein eigenen Mutes zum selbstständigen Denken durch existent basierten Fakten verbunden.

Nichtsdestotrotz wird das Recht auf Glauben in keinem Wege von säkularen Humanisten bestritten. Jeder wird seinem Glauben überlassen! Die Auswirkung der Religion auf die Gesellschaft und die Machtansprüche und angenommenen Wahrheitsansprüche jeglicher Glaubensrichtungen sind aber die unbestrittenen Fakten in unserer globalen Gemeinschaft. Darauf kann man sich nicht mehr in subjektiver Weise einlassen, die religiösen Wahrheitsansprüche beinhalten objektiv keine Wahrheit, keine wirkliche Begebenheit, und deren Moral-Askese ist einem fesselnden Gurt ähnlicher als befreiende Flügel für einen Gefangenen, gespannt und gestrickt um das Hirn des denkenden Tiers, es bietet keine Lösungen, sondern es verleugnet gerade das, was besteht. Religionen wirken als Barriere zuerst gegen menschliches Denken.
Die Ausübung der Religionskritik und im allgemeinen der Kritik an bestehender Irrationalität sind der erste Schritt zur Erweiterung der Grenzen eines beschränkten Gebietes der menschlichen Freiheiten. Der Rand dieses Gebietes besteht aus unbewiesenen Annahmen, die nur in dem Gehirn der Menschen existieren und wofür weder explizite noch implizite Belege vorhanden sind, dass sie in der Wirklichkeit auch gelten könnten. Aus dieser Sicht zeigt der Grad der Religiosität eines Menschen gerade den Grad seiner Unwissenheit über das, was er für sich als eine wahre Aussage annimmt, ohne dass die Wahrheit solcher Annahmen überhaupt bewiesen werden kann. In diesem Sinne ist dann der Mensch unfrei gegenüber seiner eigenen möglichen Denkentfaltungen.

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Jo Eckardts Lese-Schreib-Buch für die Trauerbewältigung


Kummer SeeleWEIMAR. (fgw) Sterben, Tod, Verlust, Trauer berühren insbesondere sehr nahe Hinterbliebene auf unterschiedliche Weise. Wie man mit solchen Situationen und Emotionen umgehen könnte, dafür gibt es kein Patentrezept. Diese Bewältigung erfolgt stets höchst individuell.

Vielen hilft es, wenn sie sich ihre Gefühle und Befindlichkeiten von der Seele schreiben (können). Aber auch das erfolgt wiederum sehr individuell. Nun hat die Psychotherapeutin und Traumaberaterin Jo Eckardt ein modellhaftes Trauerbegleitbuch vorgelegt. Denn sie meint nicht nur „Schreiben heilt die Seele". Sie ist vielmehr der Ansicht, daß dieses spezielle Schreiben einer klaren Struktur und Zielrichtung bedarf. Desweiteren ist die Autorin der Meinung, daß solch wöchentliches festes Schreibritual ergänzt durch praktische Übungen den Trauernden zurück in einen Alltag führen vermag, der für sie wieder lebensfroh wird.

 

Mit ihrem Buch zum Lesen und zum Hineinschreiben will sie Hinterbliebenen Anregungen für die Bewältigung des ersten Trauerjahres geben. Und zwar in Form eines Wochenkalenders mit wiederkehrenden Fragen, Überlegungen und Wertungen. Sie selbst führt in jede Woche mit einem kurzen Text ein, in dem sie Themen der Trauer aufgreift. Beides soll helfen, sich durch gezielte Gedankenführung selbst zu helfen.

Ihren Ratgeberkalender hat Jo Eckardt zweigeteilt. So in einen Komplex „Selbstfürsorge" jeweils für die ungeraden Wochen und in einen Komplex „Trauerbewältigung" für die geraden Wochen.

Und hier setzt die Kritik an: Sind die Empfehlungen für die Selbstfürsorge durchaus lebensnah nachvollziehbar, so kranken diejenigen zur Trauerbewältigung an einem zu großen Hauch Christentum und sogar Esoterik. Letzteres ist für die doch große Zahl säkularer Menschen hierzulande durchaus eine Zumutung, die nicht hätte sein müssen.

Entnommen bei http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/jo-eckardts-lese-schreib-buch-fuer-die-trauerbewaeltigung/

Siegfried R. Krebs

 

Jo Eckardt: Den Kummer von der Seele schreiben. Mein persönliches Trauerbegleitbuch. 344 S. Pappband. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh 2019. 20,00 Euro. ISBN 978-3-579-07316-3


 
20.06.2019

Von: Siegfried R. Krebs