Gott sucht dich!


Papst_1130Das verkündete der Herr Papst bei der Generalaudienz am 20.3.2019, Vaticannews berichtete darüber:

Einleitend hieß es dort: "Das 'Vaterunser' ist ein 'mutiges, kämpferisches Gebet'. Das unterstrich an diesem Mittwoch Papst Franziskus bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz. Franziskus setzte die Katechesenreihe fort, die dem Gebet gewidmet ist, das Jesus seine Jünger gelehrt hat."

Der vatikanische Franz sagte zu diesem berühmtesten Christengebet: "Es ist das Gebet der Kinder, nicht der Sklaven, die das Herz ihres Vaters kennen und sich seines Heilsplans der Liebe sicher sind. Wehe uns, wenn wir bei diesen Worten mit den Schultern zucken als Zeichen der Kapitulation vor einem Schicksal, das uns abzustoßen scheint und von dem wir meinen, es nicht ändern zu können. Im Gegenteil, es ist ein Gebet voll glühenden Vertrauens in Gott, der Gutes, Leben und Erlösung für uns will."

Ja, der HErr hilft seinen Kindern! Zumindest bilden sich das gläubige Katholiken ein., warum vom Schicksal die Rede ist und dann vom glühenden Gottvertrauen, das ist der für Gottgläubige unlösbare Widerspruch: Denn der Gott, der alles weiß und alles kann, ohne dessen Willen laut Bibel nicht einmal ein Spatz vom Himmel fällt, der wäre ja auch fürs "Schicksal", also für Schicksalsschläge zuständig. Unglück kann jeden von uns treffen und trifft im Laufe des Lebens jeden von uns. Wenn der Gott "Gutes, Leben und Erlösung für uns will", dann müsste er ja vorbeugend das Unglück beiseite räumen. Manchmal passiert es, dass ein Unglück doch nicht so schlimm ist wie befürchtet oder dass es nur droht, aber nicht wirklich passiert. Dann hat den Gläubigen der liebe Gott geholfen! Und die Ungläubigen ham a Masn g'hobt. Und wenn das Unglück zuschlägt, dann werden die Gläubigen eben vom HErrn gestraft oder zumindest geprüft und die Ungläubigen ham a Pech g'hobt.

Aber das nur nebenbei, dem Herrn Papst geht's heute um den Herrn Gott, der Menschen sucht:

Suche nach Gott

Im "Vaterunser" erbitte man auch, dass die Suche nach Gott erfolgreich sei. Und dann fragte der Franz: "Hast du darüber nachgedacht, was es für Gott bedeutet, auf der Suche nach dir zu sein? Jeder von uns kann sagen: ,Aber, sucht Gott mich?´ – Ja! Er sucht nach dir! Er sucht nach mir. Nach jedem von uns. Denn er ist der große Gott! Ach, wie viel Liebe steckt dahinter."
Denn Gott klopfe mit seiner Liebe an die Tür der Herzen eines jeden Einzelnen. "Warum? Um uns anzuziehen, uns zu Ihm zu ziehen und uns auf dem Weg des Heils weiterzubringen. Gott ist jedem von uns mit seiner Liebe nahe, um uns an der Hand zur Erlösung zu führen", so der Papst.

Ja, die Bösen und die Ungläubigen ins ewige Höllenfeuer zu schmeißen, das darf heute der katholische Gott nimmer, irgendwie hat man auch im Vatikan gemerkt, dass es nicht gut ist, wenn ihr Gott gefährlicher und bösartiger als der denkbar bösartigste Mensch ist, jeder Massenmörder wäre da ja im Vergleich geradezu ein Humanist, weil kein Massenmörder foltert irgendwen ewig im Höllenfeuer! Und um das Ganze noch einfacher zu machen, brauchen jetzt die Leute nimmer Gott suchen, sondern Gott sucht die Leute, weil er sie aus Liebe alle erlösen möchte!

Damit wird natürlich die Gottesfurcht abgeschafft, die durch die Jahrhunderte auch Leute mit weniger Glauben und Zweifler im religiösen Bann hielt, denn die Pascalsche Wette wirkte:
>
Man glaubt an Gott, und Gott existiert – in diesem Fall wird man belohnt. (Himmel – Man hat gewonnen!)
> Man glaubt an Gott, und Gott existiert nicht – in diesem Fall gewinnt man nichts (verliert aber auch nichts).
> Man glaubt nicht an Gott, und Gott existiert nicht – in diesem Fall gewinnt man ebenfalls nichts (verliert aber auch nichts).
> Man glaubt nicht an Gott, und Gott existiert – in diesem Fall wird man bestraft. (Hölle – Man hat verloren!)

Aus dieser Analyse der Möglichkeiten folgerte Pascal, dass es besser sei, bedingungslos an Gott zu glauben.

Der voller Liebe alle suchende Gott legt den obigen Höllenpunkt still, alle kommen in den Himmel, auch wenn sie nicht brav sind!

Die Protestanten haben das schon vor längerer Zeit so gemacht, darum gehen dort noch weniger am Sonntag in die Kirche als bei den Katholiken und dafür treten mehr aus! Der Papst webt sich einen neuen Gutgott und den Leuten wird Religion immer egaler! Weil dieser gute Suchgott findet niemanden. Schließlich sind Götter bloß Fiktionen und Fiktionen können weder suchen noch finden und niemanden in den Himmel retten oder in die Hölle schmeißen…

Entnommen bei http://www.atheisten-info.at/infos/info4510.html

 




„Anthroposophie – Eine kurze Kritik“ von André Sebastiani


AntroposRezension von Udo Endruscheit.

Im Bewusstsein der Allgemeinheit wenig präsent, aber die größte, aktivste und auch wirkmächtigste Weltanschauungsgemeinschaft in Deutschland, darüber hinaus weltweit vertreten: Die Anthroposophen. Weltanschauungsgemeinschaft? Nun, das wäre nach Ansicht des Rezensenten schon zu viel der Ehre. Wer diese Sicht auf die Anthroposophie nach der Lehre des Rudolf Steiner bislang hatte (oder über noch gar keinen Bezug zum Thema verfügte), dem sei die Lektüre von André Sebastianis neu erschienenem Buch „Anthroposophie – Eine kleine Kritik“ dringend ans Herz gelegt, einem Buch, dessen Informationsgehalt im umgekehrt proportionalen Verhältnis zu seinem eher bescheidenen äußeren Umfang steht.

Es öffnet den Blick auf eine nichts weniger als esoterisch-okkulte Gemeinschaft, die durch ihre „Realpräsenzen“ – vor allem in der Pädagogik und der Medizin, aber auch mit der sogenannten biologisch-dynamischen Landwirtschaft – gesellschaftlich stark verankert ist. Das didaktisch außerordentlich gut gegliederte Buch stellt den thematischen Abschnitten „Thesen“ voran, die mal Behauptungen der Anthroposophen über sich und ihre Lehre, mal verbreitete Annahmen und (Vor-)Urteile über die Anthroposophie heranziehen und dann im Nachfolgenden behandeln.

Dabei schält sich nach und nach das für rational Denkende kaum fassbare Bild einer auf purem Okkultismus beruhenden Weltsicht heraus, die den Anspruch erhebt, über nur ihren eingeweihten Mitgliedern zugängliche Einsichten in eine übergeordnete, alles beeinflussende „geistige Welt“ zu verfügen. Die Anthroposophie stellt der realen Welt eine komplette zusätzliche „Geisteswelt“ (und auch ganz im Wortsinne auch eine „Geisterwelt“) an die Seite – oder ordnet sie dieser über – , die den Anthroposophen als „Folie“ für ihre Sicht auf die „normalen“ existenziellen Erscheinungsformen dient.

Sowohl die Grundlagen als auch die Ausformungen dieses esoterisch-okkulten („geheim-verborgenen“) Systems orientieren sich an den „Schauungen“ des „Herrn Doktors“ Rudolf Steiner, der unangefochtenen und unanfechtbaren Autorität der anthroposophischen Gemeinde. Steiner postulierte den Anspruch, mit der Anthroposophie die wahre, alles übergreifende „Geisteswissenschaft“ eingeführt zu haben, in einer völlig anderen Wortbedeutung als der üblicherweise im wissenschaftlichen Kontext verwendeten. „Geisteswissenschaft“ im Steinerschen Sinne bedeutet nämlich den Anspruch, alles Wahre und Wirkliche, die Sicht auf die „kosmische Evolution“ sei nur durch „geistige Schau“ zu gewinnen. Die anthroposophische „Geisteswissenschaft“ sollte nach Steiner nach und nach die „profanen“ Wissenschaften in sich aufnehmen – dies geschah ersichtlich nicht, der Anspruch aber ist unverändert und wirkt sich z.B. in der anthroposophischen Medizin auch aus.

Der Autor verdeutlicht insbesondere, dass die Anthroposophie durch die Rückführung auf die Person Rudolf Steiners und seiner nicht begründbaren Lehre ein autoritär-dominantes System ist, das von Glauben, Gehorsam und „Geführtwerden“ bestimmt ist und nicht durch Intersubjektivität, also die Fähigkeit, unabhängig von Lehrern und Autoritäten durch die Prüfung und Bewertung von Prämissen, Hypothesen und Belegen zu Ergebnissen zu kommen, die von anderen auf gleichem Wege mit gleichem Inhalt erreicht werden können. Anthroposophischer Jünger kann nur werden, wer die Autorität des „geistigen Führers“ anerkennt – der nahezu totalitäre Einschlag der Lehre ist offensichtlich. Hier, so verdeutlicht Sebastiani, liegt auch der Grund für das Verbot der führenden anthroposophischen Vereinigung im Dritten Reich. Nicht eine Gegnerschaft „der“ Anthroposophie oder auch nur einer wesentlichen Anzahl ihrer Anhänger war der Grund für die Missliebigkeit des Verbandes, wie Sebastiani schlüssig darlegt. Vielmehr konnte ein totalitäres System wie das der NS-Zeit kein anderes System neben sich dulden, das mit einem ganz ähnlich „begründeten“ Anspruch auf Leitung, Lenkung und Führerschaft antrat.

Neben erhellenden Einsichten in Person und Biografie Rudolf Steiners sind Schwerpunkte des Buches die realen Manifestationen der Anthroposophie in der heutigen Gesellschaft, vor allem die Pädagogik in der konkreten Ausformung der Waldorfschulen und die anthroposophische Medizin. Beide sind bestimmt von den Steinerschen Grundpostulaten des Durchmachens einer „kosmischen Evolution“, bei der der uralte Gedanke des „wie oben, so unten“, der kosmischen „Gleichheit“ von Mikro- und Makrokosmos einschließlich der menschlichen Existenz, in Kombination mit seiner „Entwicklungslehre“ eine zentrale Rolle spielt. Steiners Verbindung mit fernöstlich entlehnten Vorstellungen von Karma und Wiedergeburt prägen zudem seine Entwicklungslehren in der Pädagogik ebenso wie die Ansätze der anthroposophischen Medizin. Pure Esoterik unter Rückgriff auf die alten Lehren des Hermes Trismegistos, verbunden mit eklektizistisch umgeformten Anleihen bei fernöstlichen Lehren, vermengt mit dem Anspruch einer „seherischen“ Autorität zu einer letzten Endes bezugslos im reinen Raum der Vorstellung schwebenden, am eigenen Anspruch auf „Wissenschaftlichkeit“ kläglich scheiternden Prophetie.

Mit dem oft positiv besetzen Image dieser „Realmanifestationen“ der Anthroposophie räumt André Sebastiani sachlich, gründlich und gut nachvollziehbar auf.

So lässt das Buch den bislang vielleicht nur grob in der Sache orientierten Leser mit der Erkenntnis zurück, dass sich mit der Anthroposophie ein komplett okkult-esoterisches, auf Autorität beruhendes System gesellschaftlich, insbesondere in Pädagogik und Medizin, mit dem Ruf eines „ganzheitlich“ auf den Menschen orientiertes System durchaus etabliert hat, ohne mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und humanistischem Gedankengut kompatibel zu sein. Anthroposophie ist einflussreich – und hat Vertreter vielfach gerade in den höher gebildeten Schichten. Es sei daran erinnert, dass es eine anthroposophische Lobby war, die 1978 bei der Neufassung des Arzneimittelgesetzes eine Ausnahme von der wissenschaftlichen Fundierung der Arzneimittelzulassungen für ihre „Heilmittel“ durchsetzte (und für die Homöopathie gleich mit), ein Privileg, das bis heute besteht und mit allen Mitteln zu bewahrt werden soll.

„Anthroposophie“ von André Sebastiani, ein überfälliges und dringend notwendiges Buch, zudem gut lesbar und als Nachschlageband gut zu handhaben.

 

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Der Autor dieser Rezension hat sich selbst bereits mehrfach mit der anthroposophischen Medizin, insbesondere mit deren Haltung zu Infektionskrankheiten und zum Impfen, auseinandergesetzt. Unter anderem ist von ihm dazu ein Beitrag beim hpd unter dem Titel „Eigenverantwortliche Impfentscheidung – wirklich?“ erschienen: https://hpd.de/artikel/eigenverantwortliche-impfentscheidung-wirklich-15883




Die Unehrlichkeit einer säkularisierten Gesellschaft


FeiertagMehrheitliches „Ja“ zu kirchlichen Feiertagen…

 

Ausschlafen, Faulenzen, Nichtstun: Die Deutschen lieben ihre Feiertage aus den unterschiedlichsten Gründen. Und sie sind deshalb auch nicht bereit, auf sie zu verzichten. Wenngleich eine immer größer werdende Zahl an Bundesbürgern keiner Religionsgemeinschaft mehr angehört, wünschen sich über 60 Prozent von ihnen die Beibehaltung kirchlicher Feiertage. Das ergab eine Umfrage im Auftrag der Evangelischen Nachrichtenagentur „idea“, die das Markt- und Sozialforschungsinstitut INSA-Consulere durchführte. Nur knapp 20 Prozent der gut 2000 Befragten äußerten demnach die Bereitschaft, auf entsprechende Feiertage ersatzlos verzichten zu wollen.

 

Dabei war unter den jüngeren Menschen die Offenheit größer, kirchliche durch weltliche Feiertage zu ersetzen. Insgesamt schloss sich aber auch dieser Idee nur ein Drittel der Befragten an. Fast die Hälfte der Teilnehmer an der Umfrage betonte, dass das Begehen kirchlicher Feiertage wichtig sei, um die christlich-jüdische Tradition im Land aufrechtzuerhalten. Das verblüfft angesichts der ständig steigenden Zahl an Kirchenaustritten, verdeutlicht aber auch eine gewisse Unehrlichkeit der deutschen Gesellschaft, die sich generell noch immer schwer tut mit ihrer Distanz zur Obrigkeit: Der soziale Druck lässt Menschen, die sich innerlich schon lange von der Kirche verabschiedet haben, auch weiterhin an ihr festhalten.

 

Und so sind selbst die Ergebnisse der genannten Umfrage nicht wirklich verwunderlich: Die Deutschen bangen nicht nur um ihre freien Tage, sie sehen die Kirche auch noch immer als Instanz an, von der man nicht vollkommen ablassen möchte. Wenngleich viele Bürger nicht einmal genau wissen, warum die Gesellschaft Weihnachten, Ostern oder Pfingsten feiert, die willkommene Auszeit an den Feiertagen will kaum jemand aufgeben. Dabei gäbe es genügend weltliche Anlässe, zugunsten derer man einen Feiertag ausrufen könnte. In einer säkularisierten Gesellschaft sind es Werte wie Vernunft, Freiheit und Toleranz, die es zu würdigen gilt – dazu bedarf es weniger Glaubenskraft als einem „König in Windeln“ zu huldigen, dessen Lebensgeschichte zwar eindrücklich sein mag, der gleichsam aber mehr polarisiert, statt eint.

 

Kirchliche Feiertage, sie besitzen nur noch für eine Minderheit der Bevölkerung den Stellenwert, der nötig wäre, um sie weiterhin als allgemeinverbindlich zu rechtfertigen. Doch der politische Wille fehlt, sich an eine Neuorientierung zu wagen: Die Illusion, man benötige die Kirchen, um den eigenen Machteinfluss aufrecht zu erhalten, sie plagt die Parteien auch weiterhin. Deshalb ist nicht damit zu rechnen, dass auf absehbare Zeit einer der kirchlichen Feiertage fällt. Im Gegenteil: In den Köpfen vieler Politiker kreist die Hoffnung, dass die religiöse Rückbesinnung im Land doch endlich einsetzen möge. Immerhin hat man mit den Kirchen einen verlässlichen Partner gefunden, der dem Staat gerade im Sozialwesen merklich unter die Arme greift – wenngleich er sich seine Dienstleistungen ordentlich bezahlen lässt.

 

Die Kirchen zu brüskieren, das wäre das Letzte, was sich manch ein Abgeordneter in den Parlamenten vorstellen kann. Die staatsrechtlich hoch bedenkliche Partnerschaft zwischen Kirche und Staat, sie gedeiht in Deutschland prächtig. Insofern wird es auch weiterhin bei der Fokussierung auf kirchliche Feiertage bleiben. Die Bevölkerung scheint ohnehin keinen großen Handlungsbedarf zu sehen. Man nimmt die die Vorzüge der Freizeit einfach mit, ohne sich dabei Gedanken darüber zu machen, ob einem weltlich orientierten Gemeinwesen das Festhalten an religiösen Festivitäten überhaupt zuzumuten ist. Das Aufoktroyieren christlicher Traditionen dürfte dem Bürger gleichgültig sein, solange ihm aus dem Zwang, aus religiösen Beweggründen heraus einen Ruhetag einlegen zu müssen, keine Nachteile entstehen.

 

Dabei wäre es ein Zeichen fortschrittlicher Aufklärung, wenn Deutschland manch einen kirchlichen Feiertag auf den Prüfstand stellen würde. Die Auswahl an Alternativen ist riesig: Allein das Gedenken namhafter Persönlichkeiten, die sich für Demokratie, Gewaltenteilung und Menschenrechte eingesetzt haben, würde ausreichen, um von Fronleichnam bis zu Allerheiligen mehrere christliche Feiertage zu ersetzen. Die Gemütlichkeit der deutschen Bevölkerung, möglichst nichts am Bestehenden ändern zu wollen, sie zementiert das Festhalten an einem religiös angehauchten Staatswesen, welches nicht mehr repräsentativ für die tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse ist. An der Stellschraube der kirchlichen Feiertage zu drehen, es würde bedeuten, das Korsett christlicher Bevormundung zu lösen…

 

Dennis Riehle

Martin-Schleyer-Str. 27

78465 Konstanz

 

Webpräsenz:

www.Dennis-Riehle.de




Atheistenverbot in der SPD


EuleEin bitterböser Kommentar aus Sicht unseres kleinen Nachbarns:
Auf Bitte von Adrian Gillmann (SPD) verwende ich auch an dieser Stelle die mir so sympthatische Eule.

Das ist eigentlich keine neue Geschichte, sondern bloß eine Fortsetzung.
Schon im Oktober 2010 war versucht worden, in der SPD einen "Arbeitskreis Laizisten in der SPD" zu gründen, eine Weile wurde darüber debattiert, im Mai 2011 untersagte die Parteiführung diese Gründung, weil man die das "gute Verhältnis zu den Kirchen nicht belasten" wolle. Unter "Laizismus" versteht man die verfassungsmäßige Trennung von Staat und Kirche, wie sie etwa in Frankreich 1905 festgelegt wurde.

Diese Fragen in einem Arbeitskreis zu behandeln, war gut 100 Jahre später in der SPD nicht möglich, unter dem damaligen Parteichef Sigmar Gabriel lehnte der Parteivorstand dieses Ansinnen einstimmig ab, die Laizisten hatten u.a. darüber debattieren wollen, den Gottesbezug aus Grundgesetz und Landesverfassungen zu streichen, alle religiösen Symbole aus Gerichten, Parlamenten, Rathäusern, staatlichen Krankenhäusern zu entfernen, die Militärseelsorge und den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach abzuschaffen. Also eigentlich das zu tun, was sogar in der Bibel steht, Markus 12, 17: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und gebt Gott, was Gottes ist".

Die Bemühungen aus dem Kreis der konfessionslosen SPD-Mitglieder (das waren damals schon rund ein Drittel) gingen weiter, man formte keinen offiziellen Arbeitskreis, sondern einen  informellen Gesprächskreis. 2014 ging es dann in der SPD mit dem Versuch weiter, einen Arbeitskreis "HumanistInnen und Konfessionsfreie in der SPD" einzurichten.

Funktioniert hat es nicht, dafür gab's dann 2017 mit Andrea Nahles eine sehr stark religiöse Fraktionsvorsitzende und ab 2018 auch SPD-Vorsitzende, sie will Jesus nachfolgen, denn: "Mit keiner Person in der Geschichte habe ich mich so intensiv auseinandergesetzt wie mit Jesus Christus".

Einen säkularen Arbeitskreis gibt's in der SPD immer noch nicht, am 19.3.2029 schrieb die FAZ:
"Atheisten dürfen keinen Arbeitskreis gründen
– Die 'Säkularen Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen' wollen einen Arbeitskreis in der Partei gründen – so wie Christen, Muslime und jüdische Genossen jeweils einen haben. Aber die weltlich Gesinnten dürfen nicht. Mehr noch: Generalsekretär Lars Klingbeil verbietet ihnen mit Hinweis auf die Parteijustiziarin, sich als 'Sozialdemokraten' auszugeben. 'Das gilt auch für öffentliche Auftritte, zum Beispiel im Internet' schreibt Klingbeil in einem Brief an die Gruppe, welcher der F.A.Z. vorliegt." Der Parteivorstand ließ wissen: "Der SPD-Parteivorstand sieht derzeit keine Notwendigkeit, einen ,Arbeitskreis Säkularer SozialdemokratInnen‘ einzurichten".

Der aktuelle Parteivorstand der SPD richtet auch sonst nicht viel ein oder aus.
Hier der Screenshot mit einer Auflistung aktueller Umfragen auf der Site
https://de.pollofpolls.eu:

In Deutschland gibt es etwa 40 Millionen unselbstständig Erwerbstätige, die SPD hatte 2017 bei den Bundestagswahlen 9.538.367 Stimmen, das waren 20,5 %, in der Zeit von Willy Brandt und Helmut Schmidt hatte man über 40 %. Gerhard Schröder ist es dann mit seinen neoliberalen Reformen gelungen, die Partei ins Schrumpfen zu bringen.

Jetzt krebst man bei 15 bis 16 % herum, die Grünen haben die SPD überholt, die AfD liegt auch nicht weit dahinter. Dass man sich politisch mit den Problemen der arbeitenden Klassen beschäftigt, fällt derweilen nicht auf, dafür fällt auf, dass die SPD seit 1998 mehr als die Hälfte der Stimmen verloren hat. da muss man nun sich weiter bemühen, das möglichst noch zu steigern!

In der BRD gibt's über dreißig Millionen Konfessionslose. Da ist es klar, dass es hilfreich für die SPD ist, Säkulare und Konfessionslose zu diskriminieren! Weil damit kann man sicherstellen, im Stimmenbereich bei 15 bis 16 % verbleiben zu können! Es könnte sein, dass man in der SPD vermutet, man könne Wähler von CSU/CDU gewinnen, wenn man auch christlich auftritt. Funktionierte aber nicht! Weil das Problem ist es in erster Linie, dass sich die SPD nicht auf wahrnehmbare Weise um ihre Klientel kümmert! Wenn man dann noch glaubt, man müsse eine sehr große Minderheit in der Bevölkerung auch noch niedermachen, ja dann bleibt man eben dort wo man hingehören will! Im Kleinparteienbereich…

Es ist auch in Österreich politischer Usus, die Bedeutung der Kirchen zu überschätzen. Wenn die katholische Kirche über fünf Millionen Mitglieder hat, dann meinen die meisten Politiker, sie müssten auf katholisch machen. Sie sind auch nicht in der Lage, wahrzunehmen, dass ein sehr großer Teil der Kirchenmitglieder sich längst nimmer religiös betätigt, man ist aus Tradition Kirchenmitglied, bei der ersten Ehe heiratet man kirchlich, lässt meistens die Kinder taufen und sich schließlich kirchlich eingraben, dazwischen religiösiert man kaum noch, aber die Politiker meinen, sie müssten sich nach der Kirche richten, statt sich um das Wahlvolk und dessen Angelegenheiten zu kümmern. Die SPÖ hat es auf diese Weise geschafft, dass es seit zwanzig Jahren keine Reallohnerhöhungen mehr gibt und das auch so bleiben wird…

Der SPD kann man jedenfalls gratulieren! Sie ist zurzeit gut halb so stark wie die SPÖ! Und die Religionen sind ihr wichtiger als die säkulare Welt von heute, in der ihre möglichen Wähler leben. Und die Parteivorsitzende Nahles vertraut auf ihren Jesus und sieht in Säkularisten vermutlich Höllisches statt Heutiges. Säkulare Arbeitskreise bleiben in der SPD verboten – das ist ja schon seit 2010 Tradition!

Auf der FAZ-Site gibt's dazu entsprechend Leserkommentare, einige Beispiele:
Wer an die SPD glaubt, muss eben fest im Glauben sein, sonst können zu leicht Zweifel aufkommen.
Die SPD hat gerade Selbstmord "begonnen". Sie hat ihre Wurzeln wieder mal, nun entgültig verraten. Rassistischer geht es nimmer. Tschuess SPD, viel Spaß bei der Reise in den Abgrund. Mich habt ihr für immer verloren!
SPD? Oder eher CPD? Somit ist diese SPD für mich absolut unwählbar geworden! Schade drum, es war ja durchaus mal eine Alternative zu den christlichen Heuchlerparteien..
Liebe Atheisten, in dieser Partei habt ihr nichts mehr verloren. Das ist Unterdrückung pur. Und sowas nennt sich Sozialdemokratie. Eine Schande!
Mit diesem unfassbaren Schritt hat die SPD alle Weichen für ein Scheitern an der 5%-Klausel gestellt. Offensichtlich hat sie endlich begriffen, dass es nur eine Möglichkeit gibt, sich selbst für mindestens zwei Legislaturperioden aus dem politischen Verkehr zu ziehen.
Die SPD, die bei der Gestaltung ihres Programms regelmäßig Wunschdenken über die Realität stellt, ist also so konsequent, auch bei der Zulassung von Parteiorganisationen diejenigen Strömungen zu unterdrücken, die sich an der Ratio anstatt an Übersinnlichem ausrichten wollen. Vernunftbegabte Parteimitglieder wissen nun woran sie sind und werden sich wohl eine neue Heimat suchen müssen.

usw. usw.

Entnommen bei http://www.atheisten-info.at/infos/info4508.html

 




Austritt ohne Rückfahrkarte: Adieu, Kirche!


Riehle, Dennis_Bild6Etlichen unserer Leser auf Wissenbloggt sowie bei der Initiative Humanismus dürfte Dennis Riehle noch ein Begriff sein. Vor allem seine "reumütige" Rückkehr in den Schoss der Kirche hat viele verwundert hinterlassen. Doch nun lest selbst, wie Schicksale weitergehen und sich fortentwickeln:

Ich war ein Schaf. Nein, ich glaube nicht an frühere Leben. Und doch war ich wirklich ein Schaf – damals, im Krippenspiel, am Heiligabend, als kleines Kind. Es war mein erster bewusster Berührungspunkte mit der Kirche. Denn der Kindergottesdienst und die Aufführung zu Weihnachten, sie waren der Höhepunkt für manchen Spross, der sich damals noch nicht wirklich Gedanken darüber machte, weshalb man zum Christfest die Geburt eines Königs feierte, der in Windeln gelegen haben soll – und im Stroh zur Welt kam. Später habe ich mich hochgearbeitet – ich war Hirte, dann sogar einmal Josef. Und inmitten meiner Erziehung, die nun wahrlich keine explizit christliche Ausrichtung genommen hatte, manifestierte sich so langsam ein Interesse an dem, was da sonntags in der Kirche abging. Da spekulierte man, warum die Erwachsenen ihren eigenen Gottesdienst feierten – und wir als Kinder lediglich Lieder singen und Zeichnungen anfertigen durften.

 

Bis zur Konfirmation zeigte ich aber kein übergeordnetes Ansinnen, mich intensiver mit dem Glauben auseinanderzusetzen. Es machte mir Freude, im Religionsunterricht Bibelverse auswendig zu lernen – und gute Noten für eine ordentliche Heftführung zu bekommen. Doch dann folgte diese erste Prüfung. Sich konfirmieren zu lassen, so wurde uns erklärt, das war die Bestätigung der Taufe, zu der man als kleines Kind nicht „Ja“, nicht „Nein“ sagen durfte. Folglich war für mich klar: Ich musste mich nun mit etwas beschäftigen, was mir als Baby zunächst aufoktroyiert wurde. Mir ging es also nicht um die vielen Geschenke, die man mit der Konfirmation aus der Verwandtschaft zu erwarten hatte. Ich wollte tatsächlich mehr wissen über diesen Jesus, der von den Toten auferstanden sein sollte. Nachdem ich Neugier entwickelt hatte, wurde ich zum Streber unter den Konfirmanden. Und nicht nur das: Ich fand heraus, dass ich all dem, was man uns im Unterricht näherbringen wollte, zustimmen konnte: Ein bewusstes „Ja“ zu Jesu Geburt, Tod und Auferstehung, zur Dreieinigkeit Gottes, zu Altem und Neuem Testament.

 

Ein Hardliner des christlichen Glaubens

 

Nach der Konfirmation entschied ich mich gar, selbst in die Jugendarbeit einzutreten. Ich half fortan an mit, junge Menschen von dem Glauben zu überzeugen, für den ich mittlerweile brannte. Denn ich war mir sicher, Gott an meiner Seite zu haben. Die vielen biblischen Zusprüche, der Heilige Geist, der um uns wehen sollte, die Lichtgestalt Jesus, die Wunder vollbracht haben will und für unsere Sünden in den Tod gegangen war. Ich war sprichwörtlich zu einem „Hardliner“ unter den Gläubigen unserer Gemeinde geworden, glänzte mit meiner Unterstützung der Gemeindearbeit, durfte Andachten und Gottesdienste mitgestalten und war stolz darauf, einen Sinn gefunden zu haben, der sogar soweit reichte, letztendlich die Wunschvorstellung zu träumen, später einmal Pfarrer zu werden. Viele trauten mir das zu, ich selbst war bereits so weit gegangen, mich für die Sprachen Latein, Hebräisch und Griechisch zu interessieren, um dann einmal Theologie studieren zu können. Und wäre das nicht schon genug gewesen, hatten sich auch meine Moralvorstellungen verschärft: Konsequente Ablehnung der Abtreibung, ein kraftvolles Voraus für die Familie und Enthaltsamkeit bis zur Ehe.

 

Doch langsam bröckelte die Fassade: Zwar war ich innerlich weiter davon überzeugt, mit voller Inbrunst dem christlichen Glauben nachzueifern. Aber von außen her kratzten immer mehr Zweifel an dem, was dort auf der Kanzel gepredigt wurde. Spätestens, als ich psychisch krank wurde, fragte ich mich: „Wo ist er nun, der liebe Gott, wenn man ihn denn braucht?“. Auf die Fragen nach der Ungerechtigkeit in der Welt, auf die Theodizée-Frage, hatte ich noch immer eine Antwort gefunden. Doch nun ging es ans Eingemachte: Ich hatte eigene, tiefgreifende Probleme. Und aus meiner Umgebung der Mitchristen erfuhr ich kaum Unterstützung. Hinter vorgehaltener Hand hieß es, ich hätte wahrscheinlich zu wenig gebetet, ansonsten hätte mich solch eine Krankheit nicht heimgesucht. Und bezüglich meines Wunsches, Theologe zu werden, äußerte man sich ganz ungeniert: „Psychisch kranke Seelsorger braucht die Kirche nicht!“.

 

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“.

 

Solche Aussagen hatten gesessen. Zunehmend fühlte ich mich unwohl in der eigenen Gemeinde, hatte überdies den Eindruck, als nutze man von Seiten der Kirche mein gut gemeintes Ehrenamt nur aus. Und ob Jesus nun wirklich von den Toten auferstanden war, das interessierte mich zwischenzeitlich kaum noch. „Vielleicht war er gar nicht richtig tot, als man ihn vom Kreuz abnahm“ – so äußerte ich mich unter christlichen Freunden. Und bekam immer häufiger zu hören, dass man auf meine Bekanntschaft verzichten könnte, wenn ich meinen Glauben derart fundamental in Zweifel zöge. „Darf man nicht einmal mehr hinterfragen?“, war meine innerliche Reaktion, die mich hadern ließ. Und spätestens, als in meiner dörflichen Umgebung die Spekulation aufkam, dass ich schwul sein könnte, offenbarte sich die Falschheit einer ganzen Christenheit. Gemeindeglieder wechselten die Straßenseite, als sie mich sahen. Sie tuschelten und prangerten mich an. Von „Krankheit“ war die Rede, von „Irrweg“ und von der Tatsache, dass ich als potenziell Homosexueller kein Platz mehr unter den Schäfchen finden würde.

 

Ausgrenzung und Anfeindung statt Nächstenliebe und Hingabe. Wie sollte ein Gott das zulassen, dass von ihm erschaffene Kreaturen derart behandelt würden? An das Gebet und daran, dass ich auf meine Bittrufe eine Antwort von unserem Schöpfer erhalten würde, glaubte ich mittlerweile schon lange nicht mehr. Jungfrauengeburt und Himmelfahrt waren ohnehin passé. Und je kränker ich wurde, desto öfter fiel mir der Satz von den Lippen. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Doch auch auf diese Anprangerung reagierte er nicht. Und für mich wurde zunehmend klar: In dieser Kirche, in diesem Glauben würde ich nicht mehr glücklich werden. 2012 wagte ich dann den Schritt, den ich monatelang vor mir hergeschoben hatte. Ich ging zum Standesamt und trat aus der evangelischen Kirche aus. Ein Raunen ging durch die Gemeinde: „Der ehemalige Vorzeigechrist verlässt die Kirche!“. Ja, und es war gut so. Denn ich hatte gemerkt, dass ich es nicht mehr vor mir selbst rechtfertigen konnte, ein Glaubensbekenntnis zu sprechen, von dem ich nur noch Bruchteile als mögliche Wahrheit ansah – und eine Bibel zu lesen, die ich zwischenzeitlich eher für ein Märchenbuch hielt, aber nicht mehr für eine „Heilige Schrift“.

 

Religionskritik ja, Glaubensbashing nein

 

Doch was nun? Ich fühlte, dass der Theismus für mich keine Zukunft sein konnte. Also wandte ich mich denen zu, die von Gott überhaupt nichts wissen wollten. Am Bodensee gründete ich eine humanistische Initiative, in der ich anfangs vollkommen aufging. Werte wie Mitmenschlichkeit, Solidarität, Toleranz – das war das, was ich in der Kirche vermisst hatte. Plötzlich fiel es mir auch nicht mehr schwer, auf die Institution einzuprügeln, der ich über zwei Jahrzehnte angehört hatte. Viel mehr warf ich ihr das vor, was auch atheistische, freidenkerischer oder säkulare Organisationen kritisierten: Hierarchie, Scheinheiligkeit, Inhumanität. Aber was sollte die echte Alternative in der Frage des Sinns sein: War der Mensch wirklich der Mittelpunkt allen Seins? War der Glaube an mich selbst nicht eher ein schädlicher Narzissmus? Und wie war das nun mit der Erschaffung von Universum, Erde und Natur? Zwar war ich von der Evolutionstheorie überzeugt, ich merkte aber, dass der letzte Funke nicht vollkommen übersprang. Die Suche nach einem innerlichen Ziel ging weiter.

 

Als ich immer tiefer in die säkulare Szene Einblick nehmen konnte, erschrak ich zusehends: Ein bloßes Draufhauen auf die Gläubigen, das war nicht mein Ding. Ja, Kirche und Religion anzugreifen, das war in Ordnung. Aber der Glaube war und ist etwas Höchstpersönliches für mich. Und den dahinter stehenden Menschen gilt es zu respektieren, egal, welcher Weltanschauung er auch anhängt. Und dass man mit Witzfiguren wie dem „Fliegenden Spaghetti-Monster“ der Kirche Konkurrenz machen wollte, empfand ich nicht nur als einfallslos, sondern auch als lächerlich. Humanismus ja, Spott des Glaubens nein. So war meine Devise. Und immer öfter regte sich in mir der Wunsch, der Kirche doch noch einmal eine Chance zu geben. Hinzu kamen die teils guten Gespräche mit einer neuen Generation an Geistlichen, die Hoffnung machten: Würde mich Gottes Bodenpersonal wieder zum Glauben zurückführen können? In einer persönlichen Begegnung mit einem protestantischen Pfarrer arbeitete ich die Verwundungen auf, die das frühere Gemeindeleben in mir hinterlassen hatte. Gleichsam wurde ich aber auch nicht müde, meine großen Zweifel an der vollkommenen Bibeltreue zu äußern.

 

Naive Umkehr: Die Hoffnung blieb aus…

 

Doch all das schien nicht zu stören. Viel eher hatte ich den Eindruck gewonnen, als sei ich nun wieder willkommen in der Kirche, als hätten wir uns gegenseitig manchen Fehltritt verziehen. Vom Nachhinein aus gesehen hatte ich mich möglicherweise zu sehr unter Druck setzen lassen, war ich doch noch gar nicht bereit, all das wieder anzunehmen, was mir über Jahre hinweg Kopfzerbrechen bereitete. Zwar war Gott für mich wieder präsent, doch keinesfalls als dieses personifizierte Wesen, als das es die Christen sehen. Viel eher war ich einem Pantheismus zugewandt, einer Überzeugung, wonach sich das Göttliche in allem Natürlichen wiederfindet. Die Kirche dagegen, sie schien das nicht zu stören, dass auch ich mir mittlerweile meine eigene Wohlfühlreligion zu stricken versuchte. Sie lud mich viel eher ein, den Bogen zu unterschreiben, mit welchem meine Rückkehr in die Glaubensgemeinschaft besiegelt sein sollte. Und zweifelsohne: Der Wiedereintritt in die Kirche fiel zunächst vielversprechend aus. Ich wurde herzlich begrüßt, fand nichts mehr von der Distanz wieder, die noch fünf Jahre zuvor an der Tagesordnung war. Letztlich, so kann ich heute nur attestieren, kämpft die Kirche um jedes einzelne Mitglied – und nimmt es dabei offenbar auch nicht so genau mit der Frage, inwieweit sich ihre Anhänger tatsächlich noch mit dem Glauben identifizieren, der vielerorts zur reinen Makulatur verkommen ist.

 

Heute ärgere ich mich über mich selbst, denn ich habe mich eher überredet, nicht wirklich überzeugt gefühlt, was die Umkehr zurück in die Kirche anging. Vielleicht war es auch die Angst, als Konfessionsfreier in der Luft zu hängen, keinen Anschluss zu finden und allein auf das Menschgemachte vertrauen zu müssen – ohne Verheißung, ohne Vertröstung, ohne Perspektive auf das Ewige. Konnte Religion wirklich süchtig machen, war sie tatsächlich das Opium für das Volk, von dem man sich nur schwerlich zu befreien vermochte? In meinem Falle schien das zunächst wirklich der Fall zu sein, denn relativ naiv begab ich mich zurück in den Schoß der Mutter Kirche, hatte die Hoffnung gehabt, dass mit eigenem Zureden der Glaube schon wiederkehren möge. Doch das Liebenswürdige, das Empathische, das Vertraute, es kam nicht zurück. Im Gegenteil: Ich tat mir schwer mit meiner eigenen Heimatgemeinde, die sich zusehends gewandelt hatte. Ausgegrenzt fühlte ich mich weiterhin. Und die Sache mit dem lieben Gott, sie war keinesfalls geklärt: Heute bin ich mir sicherer denn je, dass wir für die Erklärung der Welt weder einen schöpferischen, noch einen eingreifenden Gott brauchen. Die Entwicklung der Menschheit, sie ist ähnlich faszinierend wie die Entstehung des Weltraums. Doch sie lässt sich durch die Erkenntnisse der Wissenschaft weitaus plausibler nachzeichnen als durch einen biblischen Schöpfungsbericht, der auf seine Art eine Gedankenstütze sein mag – für den fragenden Bürger aber mehr Unklarheiten als Antworten hinterlasse dürfte.

 

Glaubensferne: Prüfstein für unsere Demokratie

 

Mittlerweile habe ich für mich einen Schlussstrich unter das Kapitel „Kirche“ gezogen. Ich bin endgültig ausgetreten – dieses Mal also ohne Rückfahrschein. Denn heute kann ich dem Atheismus viel Positives abgewinnen, in seiner bejahenden Variante des Humanismus reicht er völlig aus, um glücklich zu sein. Dass man im Umgang mit Glaube und Gott etwas gelassener sein darf, das habe ich verstanden. Und so empfinde auch ich die vielfältige Auseinandersetzung der säkularen Szene mit Kirche und Religion heute nicht mehr als übergriffig, sondern viel eher als künstlerisch gelungen, im besten freidenkerischen Sinne legitim und unter dem Aspekt der universellen Menschenrechte als notwendig, um die Vermächtnisse der Aufklärung fortzuentwickeln. Es gehört zu den höchsten Gütern unseres Verfassungsstaates, ganz bewusst „Nein“ zum Glauben sagen zu dürfen. Die Freiheit von religiöser Theorie und Praxis, sie stellt einen wesentlichen Prüfstein für unsere Demokratie dar. Und gerade die sich oftmals in ihrem Selbstbewusstsein eigens überhöhende Institution der Kirche muss sich daran messen lassen, wie viel Kritik sie erträgt. Gerade in Zeiten, in denen sich der Klerus immer neuen Vorwürfen ausgesetzt sieht, müssen die Botschaften der Außenstehenden eindeutig sein.

 

Doch nicht nur das: Es geht nicht allein um die Schadenfreude gegenüber den Religionsgemeinschaften. Viel eher muss sich der Gottesglaube an sich zahlreiche Fragen stellen lassen. Die für mich entscheidende bleibt die des Leidens. Je größer meine gesundheitlichen Einschränkungen dieser Tage werden, desto vehementer muss ich die Überzeugung an eine himmlische Kraft über Bord werfen. Denn nicht nur die Erschaffung von Raum und Zeit lässt sich durch die Naturgesetze viel besser erklären als durch einen deistischen Schöpfergeist; auch der Umstand, dass Krankheit zum evolutionär bedingten Leben dazugehört, ist für mich weitaus leichter zu ertragen als das gedankliche Konstrukt des theistischen Gottes, der den Menschen in Freiheitsliebe immer wieder fallen und aufstehen lässt – nur, um damit seine Allmacht unter Beweis stellen zu können. Wenn wir genügend Vertrauen in uns selbst legen, dann ist es einfacher, natürliches und menschgemachtes Leid zumindest annehmen zu können, gleichsam aber nicht akzeptieren zu müssen. Als Humanisten unterliegen wir nicht dem Zwang, Tiefschläge mit einem dahintersteckenden Sinn zu verstehen. Aber wir können mit unseren sensiblen Fertigkeiten, Trost, Ermutigung und Zuversicht zu spenden, daran arbeiten, die Schäden aus Katastrophen und selbst produziertem Unheil so gering wie möglich zu halten. Mit der Hoffnung auf transhumanistische Fähigkeiten wird zudem die Perspektive gesät, eines Tages Schmerz und Pein überwinden zu können – ohne sich dabei ständig die Frage des „Warums“ stellen zu müssen.

 

Neue Chance im Humanismus

 

Die Sache mit dem Glauben, sie lässt uns wie kaum eine andere Frage hadern und zetern. Das wundert niemanden – denn geht es in Wahrheit doch um das Existenzielle, um die Suche danach, woher wir kommen und wohin wir gehen. Ohne einen Gott sind wir als Menschen sehr viel stärker gefordert, Antworten selbst erarbeiten zu müssen. Der Humanismus krönt uns mit der Fähigkeit, die Welt auch ohne religiöse Überzeugung durchdenken zu können. Moralisch gesehen müssen wir uns von keiner Instanz Vorgaben setzen lassen, sondern sind allein der Ethik der Mitmenschlichkeit verpflichtet. Wer den evolutionären Humanismus als Option verstanden hat, Religion als abhängig machende Fixierung im Gerüst göttlicher Bevormundung gegen die Freiheit des Selbstdenkens einzutauschen, der hat einen Prozess um die Vorherrschaft der Ideologien gewonnen, welcher nicht nur zermürbend, sondern für viele Menschen auch sozial existenziell bedrohlich sein kann.

 

Ich selbst kann nur hoffen, dass mir die unabhängigen und organisatorisch gebundenen Humanisten dieses Landes die erneute Chance geben, mich in ihren Reihen zu engagieren. Denn das Wissen, sich im Miteinander der realen Vernunft für die Gesellschaft einbringen zu können, sie lässt mich ebenso frohlocken wie die Aussicht darauf, mit gläubigen Menschen fortan in einen harten, aber fairen Diskurs über ihre Religion einzutreten. Aus einer atheistischen Weltsicht erwächst gleichsam die Chance, Lebenssinn alternativ zu gestalten – die ständige Anbetung eines möglicherweise vom Menschen selbst erfundenen Gottes, sie raubt dagegen Kraft und Freude, die wir viel besser dafür einsetzen können, das Hier und Jetzt zu genießen. Mir wird es deshalb künftig eine ganz besondere Aufgabe sein, mich für eine fröhlich werbende Verbreitung humanistischen Denkens einzusetzen, die dabei auch auf Grenzwertiges im Geschmack der Religiösen setzen wird. Daneben bin ich fest gewillt, auch mein politisches Handeln in Zukunft an den Maßstäben humanistischen Daseins zu orientieren.

 

Wenngleich es lange Zeit dauerte, bis ich mich am richtigen Platz sah, so war die mehrfache Reflexion meines Glaubens ein notwendiger und wichtiger Schritt, den Humanismus nicht aus einer Momentaufnahme heraus als Weltanschauung zu übernehmen. Viel eher sollte auch er sich ständig neu kritisch überprüfen lassen – diese Mindestanforderung gilt für die religiöse Weltanschauung ebenso wie für das säkulare Gedankengut. Wie viele Menschen verharren aus banalen Beweggründen bis heute in den Kirchen, ohne sich ernstlich darüber im Klaren zu werden, ob sie Leitbild und Vereinssatzung noch mittragen. Ehrlichkeit mit sich selbst, das scheint gerade im Glauben nötiger denn je. Entsprechend ermutige ich jeden, allfälligen Zweifeln an der eigenen Religion mit Behutsamkeit und Nachsicht zu begegnen. Verbände und Organisationen der säkularen Szene stehen bereit, auch – und gerade – denjenigen aufzufangen, der nach dem Kirchenaustritt in ein emotionales Loch des Alleinseins abzurutschen droht. Die Entscheidung, sich von Kirche, Glaube und Religion abzuwenden, sie muss reifen. Dafür ist der Schritt zu groß, um ihn im Zweifel zwischen Tür und Angel zu erledigen. Und nicht zuletzt sei versichert: Atheisten befinden sich schon heute in guter Gesellschaft – kein Grund also, aus Angst vor dem sozialen Abstieg die Freiheit zu verschmähen…   

 

 

Dennis Riehle

Martin-Schleyer-Str. 27

78465 Konstanz

 

Webpräsenz:

www.Dennis-Riehle.de




Weltanschauliche Wörterkunde


WörterEin Beitrag von Jan M. Kurz (Initiative Humanismus, Partei der Humanisten).

Als Freund von sprachlicher Präzision pflegen ich und eine Vielzahl weiterer Menschen in Diskussionen und Erörterungen, egal ob auf schriftliche oder sprachliche Weise, auch in weltanschaulichen oder philosophischen Themengebieten gerne eindeutige Fachformulierungen zu verwenden. Da die allermeisten dezidierten Humanisten mit diesem Vokabular vertraut sind, stellt das auch in aller Regel kein Problem dar und ist allgemein für die inhaltliche Klarheit von Vorteil. Hin und wieder kommt es jedoch vor, dass diese semantische Vorgehensweise als zu theoretisch wahrgenommen wird und einige Diskussionspartner, die mit religionskritischer und philosophischer Literatur nicht so eng vertraut sind, darin gar eine Art der Verwirrungstaktik ausmachen wollen. Das ist auch alles andere als unverständlich, denn die Vielfalt charakterisierender Begrifflichkeiten und weltanschaulicher Definitionen ist groß und nicht immer leicht zu durchschauen. Zudem klingen die Wörter recht ähnlich und unterscheiden sich sowohl inhaltlich, als auch schriftlich nur in Nuancen. Ein kompakter Überblick über weltanschauliche Definitionen und Charakteristika ist daher gewiss hilfreich.

Spektrum der Glaubensintensität

In seinem berühmten Werk „Der Gotteswahn“, herausgegeben im Jahre 2006, liefert der international bekannte Biologieprofessor, Religionskritiker und Aufklärer Clinton Richard Dawkins die Formulierung einer theistischen Glaubensskala in 7 absteigend angeordneten Punkten. Sie reichen vom fundamentalistischen Glauben an übernatürliche Wesen oder Welten bis zum solide begründeten Atheismus. Besondere Begrifflichkeiten werden dort für die einzelnen Abstufungen nicht verwendet, stattdessen erklärt ein einzelner Satz die jeweilige Stufe der Intensität genauer. Im Sprachgebrauch bietet es sich aber besser an genaue Begriffe an Stelle von Zahlen zu verwenden, die außerdem ausgiebiger definiert sind. Abgestuft von stark gläubig nach in keiner Weise gläubig sind das die folgenden:

1.) Theismus/Der Theist: Unter Theismus (Götterverehrung) versteht man den Glauben an eindeutig und fest definierte übernatürliche, man kann auch sagen „magische“ Kreaturen, Wesenheiten oder jenseitige Welten. Ihre Definition erhalten diese übernatürlichen Dinge bei organisierten Religionen in der Regel in „heiligen“ Büchern oder besonderen Regelwerken (Evangelien, Katechismen), oder im Falle anderer Phantasievorstellungen durch einfache Niederschrift oder kulturelle/rituelle Übereinkunft. Der Begriff leitet sich vom griechischen Theos (dt.: Gott) ab und bezeichnet ursprünglich nur die Verehrung von einer oder mehrerer Gottheiten. Man spricht entsprechender Weise dann von Polytheismus oder Monotheismus. Die abrahamitischen Religionen Islam, Christentum und Judentum sind monotheistisch, der Glaube der antiken Ägypter, Griechen und Römer, sowie der Hinduismus sind polytheistisch. Von einem wissenschaftsphilosophischen Gesichtspunkt aus fällt in die Kategorie des Theismus aber auch der Glaube an andere definierte und unbewiesene „Dinge“, wie Einhörner, Feen, Elfen, Trolle, Kobolde, Orks, Zwerge und Russels schwebende Teekanne, sowie der Weihnachtsmann und das fliegende Spaghettimonster. Sogar der Glaube an eine Seele, einen metaphysischen freien Willen, das Leben nach dem Tod, Himmel und Hölle oder ähnliches ist auch für sich allein genommen ohne die zusätzliche Annahme eines oder mehrerer in die Naturgesetze und das Leben der Menschen eingreifender Götter ein Teil des Theismus.

2.) Deismus/Der Deist: Dem gegenüber ist der Deismus (Gottgläubigkeit) bereits ein großer Fortschritt an Rationalität. Ein Deist geht keineswegs davon aus, dass Götter oder andere Zauberwesen in die Naturgesetze eingreifen würden oder sich in irgendeiner Art und Weise für die Menschheit oder gar einzelne Individuen dieser interessierten. Bekannte Vorstellungen der Offenbarungsreligionen hegt er überhaupt nicht. Im Deismus gibt es keine Charaktergötter oder andere übernatürliche „Spezies“ wie eierversteckende Osterhasen oder die Zahnfee. Dennoch spielt der inflationär gebrauchte Begriff „Gott“ eine wichtige Rolle im nicht vollständig wissenschaftlichen Weltbild des einfach Gottgläubigen, nämlich beim so gedachten Schöpfungsprozess. Gott ist an dieser Stelle also eine handelnde Entität, die das Universum erzeugt hat und danach keine weitere Rolle mehr spielt. Ein Deist glaubt folglich auch an eine Form von Metawelt, innerhalb oder außerhalb des Universums, wo dieses Wesen seither heimisch (und arbeitslos oder tot?) ist.

3.) Panentheismus/Der Panentheist: Eine noch stärker abgespeckte Form des Glaubens ist der Panentheismus (alles in Gott). Dieser Begriff wird wegen seiner eng umgrenzten Zwischenrolle im Gegensatz zu den anderen hier genannten so gut wie nie benutzt. Der Panentheist glaubt schlicht und einfach an irgendetwas völlig undefiniertes „Höheres“ im Kosmos, das sich angeblich dem menschlichen Verstand auf alle Ewigkeit entziehe und über das mittels der wissenschaftlichen Methode prinzipiell niemals Gewissheit erlangt werden könne. In Anlehnung an ein geflügeltes Wort des deutschen Mediziners Emil Du Bois-Reymond aus dem 19. Jahrhundert kann man den Panentheismus daher auch als Ignorabimus-Glaube („Wir werden nicht wissen!“) bezeichnen. Ein historisches Beispiel für eine panentheistische Vorstellung wären die Annahmen sogenannter Vitalisten von einer unergründlichen Lebenskraft (Vis vitalis) oder der Glaube an eine freie Energie der Anhänger von Nikola Tesla. Auch viele moderne esoterische Gespinste und allgemein pseudowissenschaftliche Annahmen könnte man als panentheistisch (oft aber auch deistisch) einordnen.

Widerlegbar oder nicht?

Bekannt ist sicher, dass viele Religionskritiker und Naturwissenschaftler freimütig zugeben, dass man religiöse Vorstellungen beziehungsweise die physikalische Existenz von Gottheiten nicht widerlegen könne. Das ist aber ein wenig missverständlich formuliert. Was stimmt, ist der Sachverhalt, dass sich theistische, deistische und panentheistische Vorstellungen nicht durch empirischen Erkenntniserwerb widerlegen lassen, was – wie an dieser Stelle stets umgehend hinzugefügt wird – gemäß der Regeln des Wissenserwerbs auch nicht notwendig ist. Denn derjenige, der eine Behauptung (eine Hypothese) formuliert, ist in der Pflicht sie zu beweisen, nicht umgekehrt. Was ohne Beweise behauptet werden kann, kann auch ohne Beweise verworfen werden (Hitchens Razor Prinzip). Der unkompliziertesten Erklärung eines Sachverhalts ist stets Vorzug zu geben (Occam´s Razor Prinzip).

Innerhalb der Erkenntnistheorie ist der Wissenserwerb über ein Subjekt gemäß dem Fallibilismus allerdings erst der zweite Schritt der Untersuchung. Wenn ein Untersuchungsobjekt bereits an logischer Konsistenz scheitert, braucht man sich um empirische Untersuchungen keine Gedanken mehr zu machen. Denn während nur ein Bruchteil der logisch konsistenten Dinge auch real existent ist, ist die Existenz eines logisch unmöglichen Dings real unmittelbar ausgeschlossen. Gegen die präzise definierten Konzepte des Theismus und Deismus lassen sich mit Leichtigkeit Widerspruchsbeweise durch Logik führen (Reductio ad absurdum), was alle weiteren Überlegungen überflüssig macht. Bei Panentheismus funktioniert das allerdings aufgrund zu schwammiger und absichtlich diffuser Vorstellungen häufig nicht. „Irgendwas Höheres“ ist kein Begriff, mit dem man vernünftig arbeiten könnte. Widerlegen lässt sich dieser Minimalglaube (und nur dieser!) daher nicht.

4.) Pantheismus/Der Pantheist: Ein Pantheist wiederum ist etwas gänzlich anderes als ein „Irgendwas-Gläubiger“. Oft bezeichnet man diese bereits vollständig naturalistische Auffassung der Welt auch nach ihrem berühmtesten Vertreter als Einstein-Glaube, oder kosmische Spiritualität. Einen transzendenten Gott gibt es in dieser Weltsicht nicht, weder als Erlöser, oder einfache Schöpferfigur, noch als geisterhafte Unergründlichkeit. Auch alle anderen übernatürlichen Erfindungen fallen damit weg. Pantheismus ist eine vollständig atheistische und damit naturalistische Weltanschauung, innerhalb derer der Begriff „Gott“ hin und wieder als bloße Metapher für die Gesamtheit der Naturgesetze, das Universum oder die Welt beziehungsweise die belebte Natur gebraucht wird. Richard Dawkins beschreibt den Pantheismus daher auch als aufgepeppten Atheismus. Viele Naturwissenschaftler und Philosophen bemühen sich besonders intensiv um eine poetische und ästhetisch ausgeschmückte Artikulationsform wissenschaftlicher Erkenntnisse, die dadurch für die Allgemeinheit manchmal leichter verständlich wird und nennen sich nicht zuletzt im Zuge dessen Pantheist.

5.) Atheismus/Der Atheist: Eine Person die sich stattdessen lieber als Atheist bezeichnet wird auf solch für viele gläubige Menschen sehr missverständliche Formulierungen lieber ganz verzichten und sich schlicht Atheist (ohne Gott) nennen. Insbesondere Theisten haben nämlich die Angewohnheit Pantheisten unredlicherweise als religiöse Personen zu deklarieren. Atheismus bezeichnet die Nichtannahme, respektive Verwerfung jeder logikwidrigen oder empirisch mutwilligen Hypothese über die physikalische Existenz einer supernaturalistischen Entität oder Metawelt. Eine Person die zwar nicht an einen Offenbarungsgott glaubt, dafür aber an die Existenz der Zahnfee, ein Leben nach dem Tod oder die Wirksamkeit von Zauberwasser lässt sich kaum als Atheist bezeichnen.

Bright oder Super?

Nach einer Nomenklatur des britischen Philosophen Daniel Dennet lassen sich die ersten drei Definitionen dem Supernaturalismus zurechnen, da in Theismus, Deismus und Panentheismus Elemente des Übernatürlichen in verschieden starker Ausprägung zu Geltung kommen. Menschen die in ihrer Weltsicht auf logikwidrige oder gänzlich unbelegte Vorstellungen zurückgreifen müssen, werden demnach oft unter der Bezeichnung Supernaturalisten zusammengefasst. Pantheisten und Atheisten, deren Weltbild hingegen einzig und allein auf der wissenschaftlichen Erkenntnismethode und rationalen Überlegungen fußt gelten im Gegensatz dazu als Naturalisten. Mit Ökologie oder Umweltschutz hat dieser Begriff nichts zu tun und um Verwirrungen vorzubeugen schlug Dennet darum die Alternativbeschreibung Bright (hell, klar, schlau) vor, die sich allerdings bislang nicht wirklich durchgesetzt hat (vermutlich weil sie als zu selbstgefällig wahrgenommen wird). Da Wissen niemals Endgültigkeit beanspruchen kann und stets im Zuwachs begriffen ist, ändern sich mit der Zeit die Kriterien und Anforderungen, nach denen sich ein Mensch als Naturalist bezeichnen lässt. Ein weit verbreiteter Kenntnisstand kann beispielsweise ohne weiteres vor 10 Jahren hochaktuell und wissenschaftlich bestens abgesichert gewesen sein, in der Gegenwart jedoch vollendet als Widerlegt und daher falsch gelten. Ein weiteres Festhalten daran wider besseres Wissen würde je nach der weltanschaulichen Relevanz des Themas eine Definition als Naturalist erschweren. Bei einer solch engen Begriffsverwendung wären jedoch weltweit immer nur wenige führende Naturwissenschaftler und Universalgelehrte überhaupt in der Lage sich dieser Kategorie zuzuordnen, was die Einteilung wenig sinnvoll machen würde. Man muss an dieser Stelle schlicht akzeptieren, dass eine Person die sich als Pantheist oder Atheist bezeichnet auch dann noch als Naturalist gilt, wenn sie stellenweise veraltete Elemente in ihrer Weltanschauung führt, solange diese nur eine Nebenrolle spielen und (ganz wichtig!) Korrektur- und Fortbildungsbereitschaft besteht.

Humanismus/Der Humanist

Atheismus und Pantheismus als Gattungsformen des Naturalismus sind beide naturphilosophisch isolierten Positionen. Wie die Vorsilbe A- (weg, ab, ohne) bereits verdeutlicht handelt es sich insbesondere beim Atheismus um eine reine Verneinungsform, aus der im Gegensatz zu institutionellen Glaubenssystemen keinerlei weitere Ansprüche oder Ansichten außer der Ablehnung des Supernaturalismus erkenntlich werden, auch nicht in ethischer Hinsicht. Das macht diese Personengruppe ausgesprochen heterogen in ihrer Beurteilung aller nicht-metaphysischen Themen und sonstigen philosophischen und politischen Positionen. Ein Humanist ist daher in Abgrenzung dazu ein Atheist oder Pantheist mit einer spezifischen ethischen Agenda, welcher die historisch von der Antike über die Renaissance hin zur Neuzeit entwickelten und mühsam gegen den Supernaturalismus erkämpften Werte der Aufklärung vertritt. Dazu zählen unter anderem Demokratie (Bürgerrechte und Beteiligung an der politischen Willensfindung), Rechtsstaatlichkeit (Gleichheit vor dem Gesetz) und Individualrechte (Menschenrechte und Meinungsfreiheit), sowie eine utilitaristische Ethikkonzeption ohne metaphysische Bezugspunkte (Gut und Böse) und der allgemeine Einsatz der wissenschaftlichen Erkenntnismethode in Technologie und Gesellschaft. Der moderne Humanismus des 21. Jahrhunderts basiert dabei mittlerweile nur noch in Minderheitsanteilen auf den Ideen und Konzepten der Antike und Renaissance und hat sich derer stellenweise veralteten Ansichten entledigt. In seiner heutigen Form ist der moderne Humanismus ein evolutionärer Humanismus, der gemeinsam mit dem später entwickelten Transhumanismus auf die Agenda des Biologieprofessors Julian S. Huxley, dem ersten Generaldirektor der UNESCO zurückgeht und insbesondere in Deutschland durch den HVD, die Giordano-Bruno-Stiftung und die Partei der Humanisten vertreten wird.

 

J.M.K.,   22.12.14

 




Neue Waffe gegen Klimawandel?


FlorencePläne zur Beeinflussung der Erdatmosphäre als Waffe gegen Klimawandel werden konkreter

Ein Blick auf den Hurrican "Florence" aus der Internationalen Raumstation ISS (14. September 2018) – Quelle: www.globallookpress.com

In Kenia tagt gegenwärtig die UN-Umweltkonferenz. Dort wird diskutiert, ob und wie sich der Klimawandel mit Geoengineering-Technologien aufhalten ließe. Harvard-Forscher setzen auf eine Beeinflussung der Erdatmosphäre zur Reduzierung des Treibhauseffekts.

Spätestens seit den allwöchentlichen Schülerprotesten ist das Thema Klimawandel in aller Munde. Angesichts einer drohenden Entgleisung der Biosphäre bis zum Jahr 2060, die der Focus am Dienstag etwas fehlgeleitet als "Biosphären-Bombe" bezeichnete, scheint der Handlungsbedarf zur Eindämmung des Klimawandels drängender denn je. Daher richten immer mehr Wissenschaftler ihr Augenmerk auch auf mögliches "Geoengineering", also auf technische Eingriffe in die geochemischen oder biogeochemischen Kreisläufe der Erde.

Die dabei debattierten Lösungsansätze fallen mitunter radikal und verstörend aus. Dazu zählt etwa die Idee, in der Erdatmosphäre großflächig feine Schwebeteilchen (sogenannte Aerosole) auszusetzen, die einen Teil der Sonneneinstrahlung reflektieren und somit die Erderwärmung verlangsamen sollen. Das käme einer Imitation eines Vulkanausbruchs gleich, bei dem massenhaft Partikel, beispielsweise Staub und Schwefel, ausgestoßen werden, wodurch die Erdoberfläche gegen Sonneneinstrahlung abgeschirmt wird.

UN debattiert derzeit Geoengineering-Technologien

Noch bis zum 15.3. tagt in Kenias Hauptstadt Nairobi die 4. UN-Umweltkonferenz, die sich mit der Frage des Geoengineerings beschäftigt – insbesondere mit der künstlichen Reduzierung der Sonnenstrahlung, die die Erdoberfläche erreicht. Dabei soll ein Vorschlag der Schweiz diskutiert werden, um Geoengineering-Technologien auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen.

"Das Verständnis neuer Technologien und ihr potentieller Nutzen zum Wohle der Menschheit ist eine der entscheidenden Fragen unserer Zeit", erklärte am Montag der ehemalige UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon. "Zukünftige Generationen werden es uns nicht verzeihen, wenn wir keine überzeugende Antwort finden."
"Aber derzeit haben wir keine Ahnung, welche unvorhergesehenen und unbeabsichtigten Folgen der Einsatz dieser neuen Technologien haben könnte. Die unbekannten Unwägbarkeiten – insbesondere beim solaren Geoengineering – könnten genauso schlimme Folgen haben wie der Klimawandel", so Ban Ki-Moon.

Franz Xaver Perrez, Umweltbotschafter und Leiter der schweizerischen Delegation in Nairobi, sagte gegenüber Reuters, sein Land habe Bedenken, dass insbesondere das "Dimmen" des Sonnenlichts "enorme negative Auswirkungen" haben könnte. "Dennoch sollten wir uns nicht von Sorgen leiten lassen, sondern zuerst ein besseres Verständnis der Situation haben", so Perrez, der zudem betont, dass "wir möglicherweise eine multilaterale Kontrolle dieser Technologien benötigen".

"Dosis macht das Gift": Harvard-Forscher mit neuer Risikoanalyse

Im November veröffentlichen Forscher der Harvard-Universität in den USA eine Studie, laut der die "Impfung" der Erdatmosphäre mit Aerosolen technisch machbar und kostengünstig umsetzbar wäre. Kritiker warnen allerdings vor den unabsehbaren Nebenwirkungen, etwa auf die globalen Zirkulationspfade von Stürmen und Niederschlägen, wodurch manche Regionen überflutet, andere zur Wüste werden könnten. Zudem bemängeln sie, dass solche Maßnahmen nicht auf die Reduzierung von Treibhausgasen setzen, sondern auf die Bekämpfung ihrer Auswirkungen.

Laut einer neuen Harvard-Studie sind solche Befürchtungen allerdings übertrieben. Demnach sei das Versprühen von Partikeln in die Atmosphäre zwar kein Allheilmittel, mit dem der Temperaturanstieg des Planeten vollständig aufgehalten werden könne. Würde man eine solche Methode aber behutsam mit dem Ziel einsetzen, den globalen Temperaturanstieg lediglich zu halbieren, dann würde diese Technik ohne größere Nebenwirkungen funktionieren.

"Einige der in früheren Studien identifizierten Probleme, bei denen solares Geoengineering die gesamte Erwärmung ausgleicht, sind Beispiele für das alte Sprichwort, dass die Dosis das Gift macht", so der Harvard-Physiker David Keith. Laut ihm bestünden weiterhin "große Unsicherheiten", aber Klimamodelle deuteten darauf hin, dass Geoengineering "überraschend einheitliche Vorteile ermöglichen" könnte.
Ich sage nicht, dass wir wissen, dass es funktioniert und wir es jetzt machen sollten. Tatsächlich würde ich mich absolut gegen den Einsatz zum jetzigen Zeitpunkt aussprechen. (…) Es gibt viel Ungewissheiten", sagte der Physiker gegenüber dem Guardian.

Keith betont zudem, dass solares Geoengineering mit der Reduzierung von Treibhausgasen einhergehen müsse und keinesfalls als Vorwand dienen dürfe, diese dann unbekümmert weiter zu produzieren.

Feldexperiment soll empirische Daten liefern

Zur Frage der Reduzierung der Sonneneinstrahlung existieren bereits Dutzende Studien. Sie basieren aber alle auf Computermodellen und -simulationen. Die Harvard-Wissenschaftler wollen das ändern und ihr Modell anhand eines Feldexperiments mit empirischen Daten füttern. Zu diesem Zweck wollen sie noch in diesem Jahr im Rahmen des Projekts "Stratospheric Controlled Perturbation Experiment" (SCoPEx) einen Ballon in 20 Kilometer Höhe in die Stratosphäre steigen lassen, der dann eine kleine Wolke aus Kalziumkarbonat-Aerosolen freilassen soll.

Anschließend soll gemessen werden, wie sich die Partikel verhalten und in der Luft verteilen. Gerechnet wird mit einem Korridor von einem Kilometer Länge und einigen hundert Metern Breite, der von den Partikeln abgedeckt wird. Laut den umstrittenen Thesen von Anhängern sogenannter Chemtrail-Theorien wäre dieses Feldexperiment jedoch überflüssig, da sie überzeugt sind, dass solche Programme zur gezielten Manipulation der Atmosphäre bereits seit Jahren insgeheim durchgeführt werden.

Mehr zum Thema – "Leugnen unmöglich": Klare Anzeichen für menschengemachte globale Erwärmung

Entnommen bei  http://www.atheisten-info.at/infos/info4501.html

 

 




Schwul in Istanbul


„Na und“ würden wir zu diesem Titel mit Recht sagen. Jeder soll schließlich so leben, wie es ihm gefällt. Und das ganze „Gender-Getue“ ist schlicht unnötig wie ein Kropf am Hals. In dieser Beziehung ist West-Europa schon längst aufgeklärt. Ausnahmen finden sich allenfalls in den hinlänglich bekannten Publikationen wie z. B. dem „Schwarzen Kanal“ (Politically Incorrect), in denen häufig primitivstes Homo-Bashing betrieben wird.

In diesem Beitrag möchte ich über ein lesbisches Paar in Istanbul erzählen und mich überhaupt über die Situation der Homosexuellen dort auslassen. Wer Istanbul das erste Mal sieht, ist begeistert und auch erstaunt über die vielen Gesichter der Stadt. Eine uralte Megapoli, vormals Byzanz / Konstantinopel, die Griechen bezeichnen heute noch Istanbul „Konstantinopoli“. Der Name Istanbul kommt von Islam bol und erinnert an die Bemerkung von Fatih Sultan, dem Eroberer, das Byzanz nicht mehr christlich sei, sondern voll der Religion des Propheten, also wörtlich übersetzt: „voll Islam“.

Die Knabenliebe war bei den alten Griechen und auch bei den nachfolgenden Sultanen am Hof, ein sehr beliebter Zeitvertreib. Man sollte nicht vergessen, dass der jüngere Bruder des späteren Fürsten Vlad III., bekannter unter dem Namen Fürst Dracula, zusammen mit seinem Bruder am türkischen Hof des Sultans als Geisel lebten. Der jüngere Bruder hieß Radu der Schöne und war einer der Lieblinge des Sultans. Wie man an diesem historischen Beispiel sieht, war dies im Serail keine „exotische Lustbarkeit“ sondern gang und gäbe.

Mit der Geschichte von meinem unglücklichen Paar möchte ich daran erinnern, dass in der heutigen Türkei,  verschlimmert durch den in den letzten Jahren leider erstarkten religiösen Fanatismus und Nationalismus, das Leben der Minderheiten, egal ob es ethnische, religiöse oder auch Menschen, die in ihrer sexuellen Orientierung eben anders sind, das Leben zunehmend zur Hölle gemacht wird.

Man wird es nicht glauben. Die Türkei war in den 60er, den 70er und den 80er Jahren wesentlich liberaler und prowestlicher ausgerichtet als heute. Diese fatale Entwicklung haben wir unter anderem der Fetullah-Gülen-Bewegung zu verdanken. Die Auswirkungen der dauernden Indoktrination sind leider zu sehen, wie das negative Beispiel von Sibel Üresin zeigt. Man kann darüber nur den Kopf schütteln.

Meine beiden Ladies, dessen Identität ich natürlich nicht preisgeben werde, stehen stellvertretend mit ihrem Leben für hunderte anderer Pärchen: Wie kommen sie zurecht?

Ganz einfach, sie verstecken ihre Neigung so gut es geht. Außerdem gibt es in der türkischen Gesellschaft so eine Art, ja wie kann man es am besten bezeichnen, ich nenne es mal „schizoides Verhalten“, das eine heimliche Beziehung von 2 Frauen akzeptiert, natürlich verspottet, aber diesen Frauen nichts antut. Die Beziehung von zwei Männern ist dagegen etwas anderes. Verrückt, nicht wahr? Diese Homo-Beziehung wird sanktioniert und auch gesellschaftlich geächtet, dass den betroffenen Männern sogar der Ehrenmord droht. Es ist absolut zum Haare ausraufen.

Ich muss ganz ehrlich sagen, mir geht das nicht in den Kopf und ich will es eigentlich gar nicht verstehen.

Das Leben dieser beiden Frauen ist geprägt von Notlügen und Versteck spielen. Wenn sie ihre Familien besuchen, dann wissen nur die engsten Familienangehörigen oder auch nur ganz enge Freunde von ihrer Neigung. Sie leben zusammen und wenn die Nachbarn mal neugierig nach ihrem Leben oder ihrer Sulale / Familie fragen, dann antworten sie: Ja sie haben Familie und die eine davon war schon mal verheiratet aber es wird verheimlicht, dass sie von ihrem Mann geschieden wurde. Die andere hatte gar nicht geheiratet. So leben nun diese beiden Frauen in einer Art Schicksalsgemeinschaft zusammen und hoffen jeden Tag und beten deswegen auch fleißig zu „Allah“, dass sie ihr Leben in Ruhe fortsetzen können. Es ist tragisch. Bei großen Familienfesten erscheinen beide nur getrennt in ihren Familien. Es soll ja nichts an die Öffentlichkeit kommen. Der  Nachbarschaft erzählt man dann, dass man in enger Freundschaft und wie Geschwister zusammenlebt und sich deswegen gegenseitig hilft. Zwei Frauen sind schließlich keine Gefahr, vor allem, wenn sie schon älter sind und nicht mehr so jung und knusprig.

Die beiden Frauen kämen auch gar nicht auf die Idee, sich einem Imam anzuvertrauen, schließlich würde dieser Würdenträger die Frauen sofort ermahnen und ihnen bei Strafandrohung der Dschehenna, die Rückkehr zu einem „normalen Leben“ befehlen. Dieser Kerl hätte absolut kein Verständnis, geschweige denn den Intellekt dazu.

Bei Männern ist die Lage noch wesentlich schwieriger. Manche vertrauen sich dem Imam an und sind tatsächlich verzweifelt über ihre Neigung, weswegen es auch zu Suiziden kommt. Ich habe mich mal mit einem Betroffenen unterhalten: er hatte sich auch dem Imam anvertraut. Der Imam sagte ihm, er solle auch einen Psychiater und Nervenarzt aufsuchen und sich behandeln lassen. Zusätzlich solle er den Koran studieren und seine 5maligen Gebete besonders inbrünstig ausführen. Wenn er dies befolge, dann helfe ihm Allah hundertprozentig. Auf die Idee wie die katholischen Ärzte in Deutschland, Homosexuelle durch Homöopathie zu heilen (siehe Homohomöopathie), sind die Imame allerdings noch nicht gekommen. Außerdem solle er so schnell wie möglich heiraten und eine Familie gründen. Das, so meinte der Imam zusätzlich, könne ihm auf den richtigen Weg helfen.

Das Tragische an dieser Geschichte ist aber folgendes: Dieser junge Mann hatte geheiratet und eine Familie gegründet, hatte sämtliche Ratschläge des Imam befolgt, aber es hat nur eine kurze Zeit lang genützt und die eigentliche Neigung kam eruptiv durch. Er ließ sich scheiden und verließ seine Familie. Wo er heute lebt, weiß niemand.

In der großen Schwulen-Szene in Istanbul leben viele der Betroffenen sehr gefährlich. Sie sind Freiwild für die türkische Macho-Gesellschaft und etliche bezahlen immer wieder mit ihrem Leben. Die Polizei macht keinen Hehl aus ihrer Verachtung für die Leute und dementsprechend sind ihre so genannten „kriminologischen Untersuchungen“ sehr schlampig. Aber wenn dann einer von den Schwulen zu einem großen Künstler aufsteigt, dann wird er verehrt. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an Bülent Ersoy oder an den ebenso unvergessenen, aber leider verstorbenen Zeki Mürren. Diese Frauen/Männer sind und waren großartige Sänger und Musiker. Ihre Schauspiel-Karriere war ein bisschen, na ja, drollig. Aber als Musiker waren sie unvergleichlich. Bei Bülent Ersoy war der Weg auch recht steinig. Er hatte schon als Mann ein sehr feminines Aussehen und hat sich dann Jahre später in London zu einer Frau umwandeln lassen. Dass er dies öffentlich gemacht hatte, ist schon klasse und mutig an sich. Die Türkei hat ihm sogar nach der Geschlechtsumwandlung eine Zeitlang die Einreise verweigert, die dann später natürlich wieder zurückgenommen wurde.

Eine kleine Anmerkung am Schluss:

Meine persönliche Erfahrung und Meinung ist die, dass die Türkei sich sehr weit entfernt hat was Fortschritt und Toleranz angeht. Ich befürchte sogar, dass es in Richtung einer Theokratie hinausläuft wie im Iran. Es wäre gut, wenn meine Befürchtungen nicht einträten, aber die Erfahrung zeigt mir keine Alternative. Auch wenn Istanbul noch Boomtown ist: Wer weiß wie lange, und was kommt danach? Inshallah das Beste…..

Es gibt aber auch immer wieder Türken, die mit hohem persönlichen Einsatz für die Rechte der Homosexuellen in der Türkei eintreten: „Wir haben die Eier, es laut zu sagen“ berichtet das Magazin Café Babel und weiter:

Die Homophobie in der Türkei habe Fälle physischer und sexueller Gewalt zur Folge. Die Morde an mehreren Transsexuellen und Transvestiten seien beunruhigende Entwicklungen, stellt der Bericht der EU-Kommission von 2009 über die Erweiterung und den Beitritt der Türkei fest. Trotzdem gibt sich die Schwulenszene in Istanbul zunehmend offener. An der Gay Pride 2010 nahmen in diesem Jahr 5.000 Leute teil; die erste Transgender-Parade fand im Juni statt. Wir haben zum ersten Geburtstag der Schwulenbar mit einem der Gründer des Frappé Istanbul gesprochen: … 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.




Scheinheiliges aus Erfurt zum Erhalt einer vorgeblichen Steuer


RamelowWEIMAR. (fgw) Durch die mitteldeutschen Medien geistert es wieder einmal. Urheber ist, wie kann es wohl anders sein, der LINKE Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow. Seinen Überlegungen zufolge soll eine „allgemeine Kultursteuer wie in Italien“ die bundesdeutsche sogenannte Kirchensteuer ablösen. Der Mann gibt sich darin modern, reformerisch und dem Gleichheitsgrundsatz verpflichtet. Auf gut Deutsch könnte man auch sagen: da wabert Demagogie…

Was ist der Hintergrund für solche „Überlegungen"? In Artikel 137 der Deutschen Reichsverfassung aus dem Jahre 1919 – dieser Artikel ist durch Artikel 140 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland in dieses inkorporiert worden und damit nach wie vor geltendes Recht – heißt es u.a.:

 „Religionsgemeinschaften, welche Körperschaften des öffentlichen Rechtes sind, sind berechtigt, auf Grund der bürgerlichen Steuerlisten nach Maßgabe der landesrechtlichen Bestimmungen Steuern zu erheben.

Den Religionsgemeinschaften werden die Vereinigungen gleichgestellt, die sich die gemeinschaftliche Pflege einer Weltanschauung zur Aufgabe machen."

  Was heißt das auf gut Deutsch? Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften dürfen „Steuern" erheben. Von ihren jeweiligen Mitgliedern. Diese so genannte Kirchensteuer ist also keine allgemeine staatliche Steuer. Diese „Kirchensteuer" ist also nichts anderes als ein Mitgliedsbeitrag, den die jeweiligen Kirchen von ihren Mitgliedern einfordern. Allerdings ziehen diese ihn nicht direkt ein – das war lediglich in der verblichenen DDR der Fall, sondern bedienen sich des Zwangseinzuges über Arbeitgeber und staatliche Finanzämter.

  Nein, nicht alle Kirchen tun dies, vor allem nur die Großen unter ihnen: die evangelischen Landeskirchen und die katholischen Bistümer. Viele kleine christliche Kirchen, andersgläubige Religionsgemeinschaften und erst recht die Weltanschauungsgemeinschaften tun dies aber nicht, sondern wenden sich direkt an ihre jeweiligen Mitglieder zwecks der Entrichtung von Beiträgen oder Spenden. Im Übrigen, die Höhe der Kirchensteuer legt auch nicht der Staat fest, sondern dies geschieht ausschließlich durch die Zahlungsempfänger selbst.

  Das alles wird in der öffentlichen Debatte um Kirchensteuern (und auch die sogenannten Staatsleistungen) wohlweislich von den Kirchenfürsten, den ihnen hörigen oder bloß gutgläubigen Politikern und Journalisten verschwiegen.

 Kirchenaustritt__Karikatur__Jaques_Tilly_Kirchenaustrittsjahr Und Bodo Ramelow wäre nicht Bodo Ramelow, würde er sich nicht der Rabulistik bedienen. Seiner kruden Logik zufolge werden durch die Kirchensteuerzahlung doch die Kirchenmitglieder benachteiligt. Denn nur diese müßten diese Steuer entrichten. Was ja dem Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes widersprechen würde.

  Einwurf: Ich muß keine Kfz.-Steuer bezahlen, da ich kein Kraftfahrzeug besitze. Hoffentlich kommt nun nicht der Verkehrminister auf die Idee, eine allgemeine Verkehrssteuer einzuführen. Bei der der Steuerzahler ja entscheiden könne, ob sie den Autobahnen, dem ÖPNV oder der Bahn zugute kommen solle.

  Man lasse sich nun Ramelows „Argumentation", die via Evangelischem Pressedienst (epd) unters Volk streute, mal auf der Zunge zergehen:

  „Die italienische Kultursteuer wird von jedem Steuerzahler gezahlt. Sie ist zwar deutlich niedriger als der Kirchensteueranteil bekennender Christen hierzulande – sie macht nur etwa ein Zehntel aus. Aber: Jeder zahlt, und die Steuer ist für alle gleich hoch."

  Achja, (gendern wir hier mal) jede und jeder würde zahlen und jede und jeder gleich hohe Summen. Wie famos! Da kann man doch nur jubeln.

  Aber, was wenn nun die Gewerkschaften oder beispielsweise der Deutsche Olympische Sportbund auch auf die Idee kämen, nicht mehr bloß von ihren Mitgliedern Beiträge zu erheben, sondern dies als allgemeinverbindlich ansehen würden? Per Zwangseinzug über den Staat…

  Nebenbei, ich bin Mitglied einer der Weltanschauungsgemeinschaften, die den Religionsgemeinschaften gleichgestellt sind. Und mein HVD (Humanistischer Verband Deutschlands) bekommt meinen Mitgliedsbeitrag ohne Umwege direkt. Außerdem, diese Gemeinschaft kommt auch nicht auf die Idee eine Mitgliedschaft automatisch durch das Besprenkeln mit kaltem Wasser im Säuglingsalter zu begründen. Nein, der Mitgliedschaft liegt eine schriftliche Beitrittserklärung zugrunde, die man nur selbst mit Erreichen der sogenannten Religionsmündigkeit im Alter von 14 Jahren abgeben darf.

 Ramelows Demagogie kennt aber keine Grenzen, wenn der dem epd gegenüber weiters bekundet:

 Entgegennehmen würde diese Steuer der Staat. So könne den Kirchen nicht mehr vorgeworfen werden, sie stellten einen Sonderfall dar, weil der Staat für sie die Kirchensteuer über die Finanzämter einziehe. „Und jeder einzelne Steuerbürger könnte festlegen, wer sein Geld bekommen soll." Das könnten die Amtskirche sein oder Freikirchen, Synagogengemeinden, Moscheevereine ebenso wie Freidenker oder der Humanistische Verband.

 Haha, selten so gelacht. Denn meinen Mitgliedsbeitrag bekommt der Humanistische Verband ja schon seit Beginn meiner Mitgliedschaft.

 Auf die weiteren Auslassungen des derzeitigen Herrn in der Kurmainzischen Statthalterei zu Erfurt (so heißt das Gebäude, in welchem er residiert, seit altersher) soll nicht weiter eingegangen werden.

  Nur soviel, über den Hebel der Unmöglichkeit einer Moscheesteuer will der Mann einfach nur den großen Kirchen den mühelosen Einzug von Mitgliedsbeiträgen auf ewig erhalten. Ramelow weiß ja, daß andere Religionsgemeinschaften, wie Moslems, Buddhisten, Hindus u.a. im Gegensatz zu den christlichen Kirchen ihre Gläubigen nicht per Namensverzeichnis registrieren.

  An dieser Stelle muß der Kommentator ausnahmsweise seinen Hut vor beiden „Amtskirchen" und der Thüringer CDU ziehen. Diese sehen in Sachen Religions- und/oder Kultursteuer klarer als Ramelow. Denn der Vorschlag einer Kultursteuer bedeute, so deren maßgebliches Personal, zwei Dritteln der Thüringer eine neue Abgabe zuzumuten, die sie bislang nicht zahlen müßten. Das wäre niemandem vermittelbar.

  Und würde möglicherweise sogar zu Massenprotesten führen – das wurde allerdings so deutlich nicht resümiert.

  Ja, denn es geht diesen Organisationen um den ungefährdeten Erhalt ihrer ureigenen „Kirchensteuer". Ja, was wäre denn, wenn die bisher zwangsabkassierten Schäfchen künftig ihr Geld an einen Kultur-, Sozial- oder Sportverein überweisen würden??? Stichwort Kultursteuer, deren Empfänger ja allein vom Zahlungspflichtigen festgelegt werden würde.

  Deutlich wurde in der Frage dann doch die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands. Lt. dieser wäre eine unabhängige Finanzierung muslimischer Gemeinden über eine Steuer zwar gut. Aber die Abschaffung der Kirchensteuer sei dafür ein untaugliches Instrument. Im Thüringer Landtag habe man sich auch bereits mit dem Thema Kultursteuer befaßt. Wie es dazu vom epd heißt, habe ein Sprecher der CDU-Fraktion erklärt: „Das bewährte System der Kirchensteuer würde beseitigt, die Finanzierung der christlichen Kirchen gefährdet und als Ersatz müßten die Thüringer insgesamt mehr Steuern zahlen."

Soso, die Finanzierung der christlichen Kirchen wäre also gefährdet… So gläubig und kirchenverbunden können die nominellen Kirchenmitglieder also doch nicht sein, wenn eine freiwillige und direkte Beitragszahlung die Kirchen in ihrer Existenz gefährden würde.

  Aber so weit denken bigotte Politiker aus anderen Fraktionen wohl nicht und schießen daher mit demagogischen Vordenkereien weit übers Ziel hinaus. Und erreichen damit das Gegenteil bei eigenen Wählern und den anders Wählenden.

   

Siegfried R. Krebs

  
14.03.2019
Von: Siegfried R. Krebs
 

Aus : http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/scheinheiliges-zum-erhalt-einer-vorgeblichen-steuer/?fbclid=IwAR3s36l4VBKxzvsMnAdhyLFCWsvPmf-FlxswfXOedhbw5exkfoBsdzpCH8A




Das Kapitalozän (Das Zeitalter des Kapitals)


KapitalozänAlles begann vor 2000 Jahren

Eine Philosophie kam in die Welt.  Später wird man diese Philosophie „Christentum“ nennen. Nach dreihundert Jahren erkennen die Herrscher des Römischen Reiches, dass sich mit der Unterwürfigkeit dieser Philosophie ihr Volk leichter lenken lässt. Deshalb wird sie am 01.01.300 zur Staatsreligion erhoben. Startkapital: Ein symbolischer EURO. Die Unterwürfigkeit ist auch die Garantie dafür, dass es in Folge niemand wagen wird, dieses in Zukunft ständig wachsende Kapital anzurühren. Gegen die Ungläubigen wird mittels Rüstungsindustrie aufgerüstet. Bis heute. Heute mehr denn je. Der Rest der Welt rüstet ebenfalls auf. Notwehr ist das bei denen.

Das Christentum als Staatsreligion des "Römischen Reiches"
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Und dann geht das Römische Reich unter. Aber nur das Reich geht unter, nicht aber das Kapital seiner Staatsreligion. Dieses Kapital bleibt erhalten. Später übernimmt das „Heilige Römische Reich“, dass sich als Nachfolger des Römischen Reiches sieht, dieses Kapital. Doch auch dieses Reich geht unter. Das Kapital bleibt jedoch weiterhin erhalten, bis heute. Und es ist bis heute gewachsen. Manchmal einfach nur durch Urkundenfälschung (Konstantinische Schenkung)

Wie hoch ist dieses Kapital heute?
 

Symbolisches Startkapital am 01.01.300 = 1 EURO
Jährlich erhöht es sich aufgrund ihrer Aktivitäten um 3 %        
Der Zinssatz des verzinsten Kapitals beträgt jährlich 3 %
Alle 100 Jahre halbiert sich das jeweils angehäufte Kapital auf die Hälfte durch Kriege gegen Ungläubige, Abspaltungen, Revolutionen und politischen Umstürzen.
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Frage an einen Mathematiker:
Das Kapital hat am 01.01.300 mit 1 EURO begonnen.
Wie hoch ist das Kapital bis zum 01.01.2000 angewachsen?

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Antwort:
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EURO 79 884 224 558 037 038 468 658 553 235 113 547 783,–
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Das sind ungefähr:    79.884 Milliarden-Quadrillionen EURO

 

Eigentlich könnte man diese Summe so gar nicht rechnen, denn der überwiegende Teil von diesem Kapital steckt in den internationalen Börsen als virtuelles Kapital (es werden gewaltig mehr Summen gehandelt, als Realität vorhanden ist). Und man holt auch noch das Kapital der zukünftigen Generationen mittels Futures ins Jetzt. Es gibt aber einen sehr guten Grund, auch dieses virtuelle Kapital in der Gesamtsumme mit hinein zu rechnen: Weil nämlich dieses virtuelle Kapital noch wesentlich zerstörerischer ist als das reale Kapital. Die Katholische Kirche ist der größte Börsenspekulant der Welt (Quelle: Wall Street Journal). Setzen die Akteure dabei ein Kapital ein, das ihnen gar nicht gehört?
 

Wem gehört dieser Kelch?

kelch007Nehmen wir einmal an, dieser Kelch gehört mir. Ich werde ihn verkaufen und ein Drittel des Erlöses im Kasino verspielen. Ein Drittel vertue ich mit Wein, Weib und Gesang. Mit dem Rest kaufe ich mir einen Holzhaufen und zünde ihn an. Kann irgendjemand etwas dagegen haben? Nein, niemand kann mich daran hindern, das zu tun, denn dieser Kelch gehört mir. Oder, angenommen, dieser Kelch gehört einer GmbH. Können die Gesellschafter dieser GmbH beschließen, diesen Kelch zu verkaufen und den Erlös an die Gesellschafter (abzüglich der Steuern) auszuschütten und irgendwer die Gesellschafter daran hindern, mit dem Geld dasselbe zu tun wie ich? Nein, niemand kann das verhindern. Sie handeln vollkommen korrekt. Alle können dasselbe machen wie ich. Dasselbe gilt auch für alle anderen Gesellschaftsformen.        

Aber nehmen wir an, dass dieser Kelch der Kirche gehört. Gibt es einen Menschen in der Kirche, der dasselbe machen könnte wie ich oder die Gesellschafter einer Gesellschaft? Den Kelch verkaufen und den Erlös für sich selbst verwenden? Nein, so einen Menschen gibt es nicht, denn das Kapital der Kirche gehört keinem Menschen, es gehört einzig und alleine sich selbst. Die Kirche kann den Kelch natürlich verkaufen, der Erlös bleibt jedoch wieder in der Kirche. Auch kann sie den Kelch gegen etwas anderes eintauschen, aber das eingetauschte bleibt ebenso in der Kirche. Die Kirche verwaltet nur das Kapital, gehören tut es ihr nicht. Es gehört sich selbst. So ist es Tradition. Die Menschen in der Kirche blieben deshalb immer genauso arm wie ihre Kirchenmaus. Bis auf wenige Ausnahmen oben in der Hierarchie. Doch auch diese sind nicht wirklich reich.

Das Kapital, das sich selbst, seiner eigenen Tradition, gehört

Die größte Glaubensgemeinschaft der Welt ist nur der Verwalter des größten Kapitals aller Zeiten. Gehören tut es ihr nicht. Dieses Kapital ist fast zweitausend Jahre exponentiell gewachsen und zerstörte alles, was sich ihm in den Weg stellt. Es gehört keine Menschen, es gehört sich selbst, seiner eigenen Tradition. Und es schiebt gnadenlos an. Leblos und daher gewissenloser als je zuvor. Aus der Missionierung kam die Globalisierung hervor. Kein Leben ist daran beteiligt, nur die traditionellen Handlungen. Es ist so, weil es schon immer so war. Das leblose Kapital wird immer mehr und mehr, heute so ungefähr 79.884 Milliarden-Quadrillionen EURO (ein paar Hunderttausend-Milliarden EURO mehr oder weniger ist bei so einer Summe auch schon Wurst). Und die Lebenden werden immer ärmer und ihr Lebensraum immer bedrohter. Auch bei denen, die sich innerhalb der Kirche befinden. Die sitzen genauso in demselben Boot. Alle sitzen in diesem Boot. Niemand kann es verlassen. Wir haben keine zweite Erde

 
Mensch, Tier und Natur haben einen gemeinsamen Feind

Dieser Feind besteht nicht aus Fleisch und Blut, sondern er besteht aus historisch gewachsener Tradition. Und diese schiebt mit ihrem wahnwitzigsten Kapital aller Zeiten gnadenlos an den internationalen Börsen die Global-Player vor sich her und treibt die gesamte Menschheit in den Abgrund. Ständig neue künstliche Bedürfnisse werden extra dafür geschaffen, um daraus Kapital zu schlagen. Kein Mensch steckt dahinter, lediglich die Tradition. Neue Völker, Länder und ganze Kontinente waren Jahrhundertelang Nahrung für das Kapital. Doch jetzt lässt sich keine neue Nahrung mehr auf unserem Planeten auftreiben. Das System auf andere Planeten auszuweiten, greift nicht, denn andere Planeten sind in naher Zukunft nicht erreichbar. Ohne neuer Nahrung greift das Kapital die eigene Bevölkerung an. Alle sind davon betroffen. Alle sitzen in demselben Boot. Niemand kann es verlassen. Wir haben keine zweite Erde.

 
Mensch, Tier und Natur     
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beherrscht von einer Jahrtausend Jahre alten Tradition
mit ihrem wahnwitzigsten Kapital aller Zeiten

.
Etwas Lebloses herrscht über die Lebenden!
 

Frage an einen Bauer mit einigen ha Ackerland:     
„Warum verseuchst du deinen Ackerboden mit immer mehr Kunstdünger?“          
„Ich könnte weinen, wenn ich sehe, wie ich meinen eigenen Boden zugrunde richte“, so der Bauer, „aber an den Getreidebörsen dieser Welt wird immer mehr und mehr von meiner Ernte abgeschöpft. Ich muss es tun, sonst kann ich nicht überleben" (so ein Zufall, auch Kunstdünger wird ebenfalls an den Weltbörsen gehandelt).        

Das größte Kapital aller Zeiten gehört keine Lebenden,
es gehört sich selbst, seiner eigenen Tradition.  

.
An den Börsen dieser Welt zwingt etwas Lebloses den Bauer,
sein Ackerland zu töten

Wie krank ist denn das?


rheit ist fürchterlich, wie manche sagen,
dreckig, stinkig und kaum zu ertragen.  
Alles ist nur ein Klischee und trotzdem,        
die Wahrheit ist so weiß wie der Schnee.  
.
(Wolfgang Ambros)

 

 

 

                                                                                                     
     Offenes Copyright

Jeder kann den gesamten Text kopieren,
sooft er will, bis auf eine Ausnahme:

Kein Wort darf aus seinem Zusammenhang
gerissen werden.

.

mensch      

 

Das Kapitalozän
 (Das Zeitalter des Kapitals)
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Wissenschaft und Technik


Happy_HumanGrundlage unseres Wohlstands

Die Arbeitsgruppe um Eckhard Behrend und Lothar Bendig legt hiermit eine überarbeitete Fassung vor, die die bisherigen Anmerkungen berücksichtigt. Der Text wurde aufgrund der Diskussion noch einmal geändert, ohne dass ich die Numerierung angepasst hätte:

Die Wissenschaften, insbesondere Natur- und Ingenieurwissenschaften, bilden die Lebensgrundlage des heutigen Menschen. Innovationen erhöhen die Lebensqualität.  So haben z.B. die rasanten Fortschritte in der Medizin dazu beigetragen, viele Krankheiten zu heilen und menschliches Leben zu verlängern. Auch Sozial- und Geisteswissenschaften leisten einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft. Die Nutzung  der Erkenntnisse aus der Wissenschaft, der Wissens- und  Technologietransfer in die Praxis und die Schaffung von innovativen Produkten und Dienstleistungen sind die Quelle von Wohlstand. Aber es sind nicht allein die Produkte der Technik, die Wissenschaft wertvoll machen, es ist auch der Prozess des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns.

Freiheit der Wissenschaft

Die  Freiheit der Wissenschaft ist ein fundamentales Gut europäischer Zivilisation. Wissenschaft muss, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden, sowohl frei von staatlicher Instrumentalisierung als auch von übermäßigen ökonomischen Zwängen sein. Auch Grundlagenforschung, die zunächst keinen direkten, kurzfristigen ökonomischen Nutzen verspricht, muss gefördert werden. 

Das wissenschaftliche Weltbild

Das wissenschaftliche Weltbild beruht auf einigen fundamentalen Annahmen. Dazu gehört die Erkenntnis, dass alle Aspekte der Welt grundsätzlich verstehbar und einer wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich sind. Gleichzeit aber auch die Tatsache, dass wissenschaftliche Erkenntnisse immer nur bedingt als gültig angesehen, durch neues Wissen ersetzt werden können Erkenntnis niemals vollständig ist. Jede Entdeckung wirft potentiell neue Fragen auf. Wissenschaftliche Erkenntnis stützt sich auf falsifizierbare Fakten. Auch ethisch-moralische Werte befinden sich in einem evolutionären Prozess, der sich neuen Erkenntnissen öffnet und sich veränderten gesellschaftlichen Begebenheiten anpasst. 

Die Wissenschaft kann nicht alles erklären, aber die Religionen erklären gar nichts.

Religionen und ihre Institutionen liefern weder nützliche Beiträge zur Erkenntnis der Welt noch hilfreiche zu ihrer ethischen Bewertung. Im Gegensatz zum wissenschaftlichen Ansatz berufen sich Religionen auf vermeintlich ewige und letzte Wahrheiten, die für unantastbar erklärt werden. Religiöse Vorgaben und religiöses Denken sind jedoch starr und erlauben keine den Problemen angemessenen Anpassungen an veränderte Lebensbedingungen. Auch die kritische Reflexion von Glaubenssätzen wird nicht geduldet. Obwohl ihnen jede begründbare Legitimation fehlt, beanspruchen Religionen und ihre Institutionen als vorgeblich ethisch-moralische Instanz die Mitsprache bei der Bewertung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Ergebnisse. Mythen wie die direkte göttliche Erschaffung von Pflanzen, Tieren und Menschen stehen im Widerspruch zur beobachtbaren Welt und ignorieren jahrhundertelange wissenschaftliche Erkenntnis. Die notwendige Trennung zwischen Staat und Religion umfasst daher auch die Trennung  zwischen Wissenschaft und Religion. Beide Bereiche lassen sich nicht  auf einen Nenner bringen. In der Religion geht es um Glauben, innere Überzeugungen, persönliche Visionen, basierend meist auf alten, historisch nicht abgesicherten Überlieferungen. Wissenschaft dagegen arbeitet nach standardisierten, erprobten Methoden, mit deren Hilfe plausible, nachvollziehbare Theorien aufgestellt und durch wiederholbare Experimente bestätigt werden können.  Die wissenschaftliche Methode schließt die Forderung ein, Theorien jederzeit zu widerrufen, wenn sie aufgrund neuer Erkenntnisse als falsch angesehen werden müssen. Diese Anpassungsbereitschaft kennen religiöse Dogmen nicht.

Bildung und Wissenschaft

Im  Bildungsbereich muss sichergestellt werden, dass ein wissenschaftlich-kritisches und demokratischen Prinzipien genügendes Weltbild vermittelt wird und keine religiösen Lehren, die insbesondere naturwissenschaftliche Erkenntnisse leugnen. Gesicherte wissenschaftliche  Erkenntnisse über unsere Welt müssen deshalb die religiösen Legenden ablösen, die leider immer noch in den Lehrplänen  unserer Kindergärten und Schulen zu finden sind. Insbesondere ist allen Versuchen entgegenzutreten, Glaubenselemente als wissenschaftliches Wissen darzustellen.

Technik und Verantwortung

Wir sind uns aber auch bewusst, dass die Technisierung unseres Planeten nicht nur  geistige Folgen, sondern auch handfeste physische Beeinträchtigungen der Umwelt des Menschen zur Folge haben. Dazu zählen die Ausrottung von  Tier- und Pflanzenarten, die Auswirkungen der industrialisierten Intensiv-Landwirtschaft, die Beeinträchtigung und teilweise Zerstörung  der natürlichen Lebensräume und die Vergiftung von Boden, Wasser und  Luft bis hin zur globalen Veränderung des Klimas und der Zerstörung der  die Erde schützenden Ozonschicht. Diese Probleme verursacht nicht die Wissenschaft, sondern deren Anwendung. Deshalb ist die Technikfolgenabschätzung sehr wichtig. Die Probleme, die eine z.T. verantwortungslose Anwendung der Technik verursacht hat, können jedoch wiederum nur mithilfe der Wissenschaft gelöst werden. Die ethischen Fragen, die durch neue Technologien aufgeworfen werden, exemplarisch seien hier Methoden der Molekularbiologie und ihre Anwendung auf den Menschen (künstliche Befruchtung  (IVF), die Präimplantationsdiagnostik (PID) und die  Klonierungstechniken) genannt, müssen verantwortungsvoll und undogmatisch diskutiert werden.

Wir treten deshalb ein für: 

1.  Die Trennung von Wissenschaft und Religion

Glaubensgemeinschaften dürfen keinen Einfluss auf Lehre und Forschung haben. Die wissenschaftliche Methode  schließt die  Forderung ein, Hypothesen jederzeit zu widerrufen, wenn sie durch neue Erkenntnisse widerlegt werden. Das gilt für religiöse Dogmen in keiner Weise. 

2. Die Abschaffung von Religion als Lehr- und Theologie als Studienfach

Beide sind konsequenterweise an staatlichen Schulen und wissenschaftlichen Einrichtungen zu streichen und durch ein weltanschaulich neutrales Fach Ethik-Unterricht an Schulen und Religionswissenschaft an wissenschaftlichen Einrichtungen zu ersetzen,  

3. Die Vermittlung eines naturalistisch-wissenschaftlichen Weltbildes 

An allen Schulen der Bundesrepublik Deutschland wird in den naturwissenschaftlichen Fächern ausschließlich wissenschaftlich begründeter Lehrstoff vermittelt. Über die in Religionen enthaltenen Mythen, wie z.B. die Schöpfungslehre, wird entsprechend wissenschaftlicher Erkenntnisse aufgeklärt..

4.  Die Freiheit von Wissenschaft und Forschung 

Die Freiheit der Wissenschaft darf niemals eingeschränkt werden.

Dies beinhaltet die Förderung des verantwortungsvollen und effektiven Einsatzes wissenschaftlicher Erkenntnisse durch eine säkulare und religionsneutrale Politik, die objektiven Wissenszuwachs und Nutzen für die Menschheit als Ziel  hat. 

5. Innovationen zum Wohle der Gesellschaft

Diese müssen allen Menschen unabhängig von deren Geschlecht, Herkunft oder anderer Merkmale zugutekommen. Das menschliche Wohl ist nach diesseitigen Kriterien zu verstehen, nicht nach jenseitigen, religiösen Heilsversprechen. 

6.  Technik-Folgen-Abschätzung

In jeder Phase des Innovationsprozesses (von der Idee bis zum Markt) sind mögliche Konsequenzen für Natur und Gesellschaft zu bewerten, um Nachhaltigkeit und den Schutz der Umwelt zu gewährleisten. 

7.  Bessere Kommunikation zwischen Wissenschaft, Technik und Bevölkerung

Wissenschaftliche Erkenntnisse und ihre erkennbaren und potenziellen Einflüsse auf die Gesellschaft müssen durch eine allgemeinverständliche und sachliche Darstellung und Diskussion in den Medien und der Öffentlichkeit möglichst breiten Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht werden. 

8. Transparenz von Wissenschaft und Forschung 

Die wissenschaftliche Methode macht es notwendig, dass wissenschaftliche Ergebnisse so veröffentlicht werden, dass eine unabhängige Überprüfung möglich ist. In der Finanzierung der Wissenschaft ist Transparenz nötig, um potentielle  Interessenskonflikte und Einflussnahmen erkennen zu können. Wissenschaftliche Studien, die als Grundlage für politische Entscheidungen dienen, müssen öffentlich unter Angabe von Auftrags- und Finanzgeber zugänglich sein.

Fortschritte in Wissenschaft und Technik sind nur auf der Basis des stetigen Austausches  von Erkenntnissen möglich. Alle rechtlichen Hürden dieses freien wissenschaftlichen Austausches sind so weit wie möglich unter Wahrung der geistigen Eigentumsrechte der Urheber abzubauen. Forschungsergebnisse, die durch öffentliche Institutionen finanziert wurden, müssen für die Öffentlichkeit frei zugänglich sein. 

Weitere Arbeiten zum Thema zum Thema der geplanten Partei "Die Humanisten" siehe hier.

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Der Papst hat die Braut Christi in flagranti erwischt!


FranzlDas war am 7.2.2019 auf katholische.de zu lesen!


"Braut Christi" ist ein Synonym für die katholische Kirche und dort gab's Sünden!

Der Papst hatte beim traditionellen Bußgottesdienst zum Beginn der Fastenzeit u.a. gesagt. dass der Missbrauchsskandal zu einem Reinigungsprozess geführt habe, "die Kirche als Braut Christi ist in flagranti beim Ehebruch erwischt worden!" Und weiter heißt es: "Doch wir lassen uns nicht entmutigen, der Herr reinigt seine Braut, er bekehrt uns alle zu sich", Gott lasse die Kirche "die Prüfung erfahren, damit wir begreifen, dass wir ohne ihn Staub sind".

Und den wirklichen Täter hat der vatikanische Franz laut katholisch.de auch aufgespürt: Der "Geist des Bösen" wolle sich als Herr der Welt aufspielen – das zeigt sich laut Papst Franziskus auch in den vielen Fällen von Missbrauch durch Priester. Doch der Papst ist sich sicher: Die Kirche wird durch Christus gereinigt aus den Skandalen hervorgehen.

Was hat der Christus eigentlich die ganzen Jahrhunderte gemacht, seit die katholische Kirche vor 1000 Jahren aus Angst vor der Ausbildung feudaler Strukturen in der Kirchenhierarchie den Zölibat angeordnet und erzwungen hat? Sexualsünden und Sexualstraftaten hat es doch durch diese ganzen tausend Jahre ständig gegeben! Aber die weltliche Allmacht der heiligen r.k. Kirche konnte dies fast bis ins 21. Jahrhundert vertuschen! In Österreich gab's dann 1995 schließlich den enttarnten Kinderschänder Groër, der blieb unvertuscht und die Braut Christi wurde in flagranti erwischt! In den USA gab's damals auch zahllose Gerichtsverfahren gegen priesterliche Päderasten und das teuflische Lügen-und-Heuchel-System brach zusammen.

Christus wird die Kirche nicht reinigen können! Er hat ja den Zölibat nicht angeordnet, sondern nur verkündet, dass Ehelosigkeit (heute würde man sagen "Sexuallosigkeit") nur für Kastrierte möglich sei! Man sollte daher den Christus wirklich die katholische Kirche reinigen lassen: indem man dieses Jesusstatement gemäß Mt 19,12 ernstnimmt: "Denn es sind etliche verschnitten, die sind aus Mutterleibe also geboren; und sind etliche verschnitten, die von Menschen verschnitten sind; und sind etliche verschnitten, die sich selbst verschnitten haben um des Himmelreiches willen. Wer es fassen kann, der fasse es!"

Also diese Wahlmöglichkeit für Geistliche einführen: Kein Zölibat oder kastrieren! Weil das hat der Jesus gelehrt! Meinereiner erwischt die katholische Kirche ständig in flagranti bei ihrer Bibelignoranz, ihrer Scheinheiligkeit und Heuchelei und ich bin bestimmt kein Teufel oder Jesus!

Entnommen von Erwin Peterseil auf http://www.atheisten-info.at/infos/info4495.html

 




Kreation vs. Evolution


land-iguana-894478_1280Video von Prof. Dr. Walter Veith – eine Kritik von Klaus Steiner:


Walter Veith, geb. 1949, ist ein südafrikanischer Zoologe. Nach seinem Beitritt zur Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten verwarf er die Evolutionstheorie zu Gunsten eines Kreationismus und musste den Lehrstuhl für Zoologie an der Universität Kapstadt aufgeben. In Vorträgen, Videos und Büchern stellt er weltweit kreationistische und adventistische Überzeugungen sowie Verschwörungstheorien dar.

Video: Prof. Dr. Walter Veith – Kreation vs. Evolution

Zitate aus dem Video sind teilweise im Wortlaut verändert oder gekürzt, da Herrn Veiths Deutsch etwas unbeholfen ist, was er zu Anfang des Videos selbst anmerkt. Nachstehend sind Herrn Veiths Behauptungen durch Kursivstellung mit Minutenangaben in Klammern kenntlich gemacht.

Es gäbe heute angeblich viele Wissenschaftler, die an eine „höhere Hand“ glaubten, sie würden es nicht Gott nennen wollen (1:55).

Diese Aussage ist verzerrt, denn 2009 kam eine Studie des „Pew Research Center for the People and the Press“ zu dem Ergebnis, dass lediglich 18% der Wissenschaftler an einen „universalen Geist“ oder an eine „höhere Macht“ glauben, 33% glauben an Gott. Nun kommt der springende Punkt: 41% glauben weder an eine höhere Macht oder an einen Gott. Und was Herr Veith unterschlägt: Nur ein verschwindend kleiner Teil der Naturwissenschaftler vertritt kreationistische Ideen, glaubt also an einzelne Schöpfungsakte (Quelle 1).

Lamarck hätte behauptet, wenn man Giraffen betrachte, wäre da ein Streben um „höher und höher“ in den Bäumen gewesen, womit der Hals länger geworden wäre (5:56).

Hier verwechselt Herr Veith jedoch den Lamarckismus mit der Standard-Evolutionstheorie – deren Erklärung ist recht simpel: Giraffen mit einem längeren Hals hatten einen Überlebensvorteil und somit bessere Fortpflanzungschancen (7:06).

Dies ist zwar zutreffend, tatsächlich sind die Verhältnisse jedoch komplizierter: Giraffen fressen die Akazienblätter der Kronen nur während der Regenzeit (wenn die Blätter proteinreich und in großen Mengen vorhanden sind); hier trifft die „klassische Erklärung“ also zu. Während der Trockenzeit, wenn die Konkurrenz um die Nahrung mit verschiedenen Antilopen am härtesten ist, weiden die Giraffen jedoch üblicherweise die Sträucher unterhalb einer Höhe von zwei Metern ab, in der Reichweite auch einiger anderer Tiere. Die Giraffe verbringt mehr als 50 Prozent der Zeit damit, Nahrung in ihrer Schulterhöhe oder noch niedriger abzuweiden. Genauer gesagt: So machen es die Giraffenweibchen und die rangniedrigen Männchen, während die dominanten Giraffenbullen aus den afrikanischen Savannen herausragen. Weibchen fressen am häufigsten in 1,5-2,5 Metern Höhe, Männchen in Männchengruppen in der Höhe von etwa drei Metern, Männchen in Männchengruppen in der Höhe von etwa drei Metern, Männchen in Weibchengruppen in der Höhe von fünf Metern.

Neben der ökologischen Komponente symbolisiert der lange Giraffenhals Dominanz, ist also das Produkt der sexuellen Selektion. Tatsächlich nutzen Giraffenbullen ihre Hälse für eine Form des Dominanzkampfes, der unter Säugetieren ganz einzigartig ist. Weil die Energie des Halsschlags mit der Kopfmasse und der Länge und Stärke des Halses wächst, kann man erwarten, dass Männchen mit langen, massiven Hälsen siegen werden. Kein Wunder also, dass die Hälse der Männchen im Verhältnis länger und mächtiger sind als die der Weibchen. Und es ist ebenso kein Wunder, dass die dominanten Männchen gerade die mit den längsten und dicksten Hälsen sind. Dass es sich um ein sexuell selektiertes, dem Pfauenrad nicht unähnliches Merkmal handelt, zeigt auch die Tatsache, dass ein gut entwickelter Hals seinen Träger im Normalleben eher behindert. Obwohl die Giraffenbullen etwa um die Hälfte schwerer sind als die Weibchen, fallen sie fast zweimal häufiger Löwen zum Opfer. In Giraffenpopulationen überwiegen die Weibchen, was ebenfalls den Verdacht nährt, dass die Männchen eine höhere Sterblichkeit haben (Quelle 2, S. 294 f.).

Darwin wäre der Gedanke gekommen, dass die Vielfalt der verschiedenen Formen der Finkenschnäbel auf eine Entwicklung zurückgehe, womit die Evolutionslehre entstanden sei (9:13).

Lediglich ergänzend sei hier darüber aufklärt, dass die Evolution der verschiedenen Schnabelformen auf dem Gründereffekt in einer isolierten Population beruht, wodurch letztlich auch Arten entstehen können (Quelle 2, S. 59).

Dann fragt sich Herr Veith, wie die Moleküle, die die Bausteine des Lebens darstellen, entstanden seien, ohne Enzyme, um diese Moleküle zu zeugen (16:48). Das wäre noch nie in einem Labor zustande gekommen.

Herr Veith weiß offensichtlich nicht (oder verschweigt es), dass Carl Woese, Francis Crick und Leslie Orgel bereits in den 60er Jahren die Theorie einer primordialen RNA-Welt entwickelten, da RNA sowohl die Fähigkeit zur Informationsspeicherung als auch zur enzymatischen Aktivität (darunter Polymerase-Aktivität) hat. Da DNA und RNA in der Entstehung voneinander abhängig sind, wird mit der zuletzt genannten Theorie das Henne-Ei-Paradox gelöst (Quelle 3)!

Nicht alles in unserem Genotyp komme zum Ausdruck (in der äußerlichen Erscheinung), aber im Phänotypus (20:32).

Hier hätte Herr Veith – im Zuge einer umfassenden Aufklärung – auf Pseudogene verweisen können, die früher mal eine nützliche Funktion hatten, jetzt aber an den Rand gedrängt und somit nicht mehr transkribiert oder translatiert werden (Quelle 4).

Dann wird zwischen einem starken, langen Menschen und einem kleinen, dicken Menschen verglichen (Phänotypen) (21:37). Herr Veith stellt die Frage, welcher mit höherer Wahrscheinlichkeit dem Löwen, der beide jagte, zum Opfer fällt (22:03).

Dieses Beispiel mag zwar anschaulich erscheinen, ist aber völlig falsch. Die Anlage zur Fettleibigkeit gab es schon seit Jahrmillionen als Anpassung an Nahrungsmangel: Wer sich in guten Zeiten ein Reservepolster „anfuttern“ konnte, war im Vorteil. Fettleibigkeit gibt es jedoch erst in unserer Überflussgesellschaft! Und da die Evolution nicht vorausdenkt oder -plant, kann sich nicht „ahnen“, unter welchen späteren Umständen eine positive selektierte Eigenschaft negative Folgen zeitigen mag.

Die natürliche Auslese bevorzuge den starken, schlanken, der kleine dicke würde von ihr entfernt (22:41).

Später heißt es dann, durch das „survival of the fittest“ überlebe der Fittere. Hat die natürliche Auslese „mehr“ oder „weniger“ gezeugt? Herr Veith bringt ein mathematisches Beispiel, was offenbar das Aussterben verdeutlichen soll: 2-1=1. Laut Herrn Veit hätte die natürliche Auslese weniger „gemacht“ (47:07). Jährlich würden wir zigtausende Tierarten verlieren. Würde die natürliche Auslese so weiter machen, würde nichts mehr übrigbleiben (49:00).

In Bezug auf Aussterbeereignisse offenbart Herr Veith seine völlige ökologische und paläontologische Unkenntnis. In der Tat sterben regelmäßig Arten aus; der Fossilbericht dokumentiert sogar 5 große Aussterbe-Ereignisse. Demgegenüber steht eine stetige Artbildung und -differenzierung, die den Verlust durch Aussterben entgegenwirkt.

Zum Thema „survival of the fittest“ – was ist mit diesem Fachausdruck gemeint? Selektion (Auslese) beruht auf dem unterschiedlichen Fortpflanzungserfolg (Fitness) von selektierten Einheiten (Individuen bzw. Allelen). Üblicherweise vererben die Bestangepassten ihre Allele in höherer Rate an die Folgegeneration als schlechter Angepasste – und sind damit die Fittesten. Selektion bedeutet also eine ungleichmäßige Vererbungsrate der von verschiedenen Individuen stammenden Allele in den Genpool der nächsten Generation, und damit im Laufe der Zeit eine systematische, z. T. sogar vorhersagbare, nichtzufällige Änderung der Allelfrequenzen in der Population (Quelle 2, vgl. S. 12). Die Selektion ist einer der wesentlichen Motoren der Reproduktionsdynamik (Quelle 2, vgl. S. 51).

Welche Faktoren sind für das Aussterben von Arten verantwortlich? Hier sind v.a. zu nennen: Zu schnelle Änderungen der Umweltbedingungen, Dominoeffekt, (natürliche) Einwanderung/ (anthropogen) Einführung neuer Arten und die (natürliche und anthropogen) Zerstörung der natürlichen Lebensräume (Quelle 5, vgl. S. 448 f.).

Was ist mit dem „Dominoeffekt“ gemeint? Jede Art ist auf andere Arten angewiesen, als Nahrungsquelle oder zur Schaffung ihres Lebensraums. Somit stehen alle Arten in einem Beziehungsgeflecht, das man mit sich verzweigenden Ketten von Dominosteinen vergleichen kann. So, wie das Umkippen eines Dominosteins in einer Kette auch andere zu Fall bringt, kann die Ausrottung einer Art andere mit ins Verderben reißen, die wieder andere mitreißen und so weiter (Quelle 5, S. 447 f.).

Es ist also eine völlig falsche Sicht zu sagen: „Würde die natürliche Auslese so weiter machen, würde nichts mehr übrigbleiben“. Selektion und Aussterben sind die eine Seite der Medaille, Selektion und Artenentstehung sowie -differenzierung die andere.

Kurz darauf wird die Biogenetische Grundregel von E. Haeckel angesprochen, wonach Organismen (richtig müsste es „Wirbeltiere“ heißen) eine ähnliche Entwicklung durchliefen und damit einen gemeinsamen Ursprung hätten (37:53). Diese ganze Theorie würde heute nicht mehr gelehrt werden (38:06).

Mit „diese ganze Theorie“ ist offenbar das „biogenetische Grundgesetz“ gemeint – Haeckels Rekapitulationsprinzip wird heute nicht mehr als "Gesetz", wohl aber als biogenetische Regel bezeichnet, die Abweichungen und Ausnahmen vom Embryonengrundbauplan zulässt. Übrigens: Das „Gesetz der Embryonenähnlichkeit“ wurde 38 Jahre vor Haeckels „biogenetischem Grundgesetz“ von dem Kreationisten Karl Ernst von Baer formuliert – ein Faktum, das von Kreationisten allzu gerne verschwiegen wird. Haeckel hat diese Beobachtung lediglich in einem phylogenetischen Kontext gestellt. Beim genauen Hinsehen können bei der Entwicklung von z. B. Huhn, Maus oder Mensch durchaus Unterschiede auftreten, gleichwohl sind die frühen Stadien erstaunlich ähnlich. Dieses Stadium wird phylotypisches Stadium genannt. Evolutive Altertümlichkeiten sind von der Evolution nicht „aus purer Traditionsliebe“ konserviert worden, sondern haben immer noch wichtige Funktionen in der Frühentwicklung zu erfüllen – das ist der Grund, warum Haeckel Regel (immer noch!) gilt. Im Laufe der Evolution entstandene und bewährte Lösungen können nicht einfach durch andere ersetzt werden, man nennt diese „constraints“ (entwicklungsphysiologische Zwänge). So manches passt nicht in das Bild einer getreuen Rekapitulation, denn hierbei treten z. B. auch Heterochronien auf (relative zeitliche Verschiebungen in der Anlage von Organen, bei Vorgängen des Wachstums oder beim Eintreten der Sexualreife).

Das Ziel der neuen Disziplin der Evolutionären Entwicklungsbiologie (Evo-Devo) ist die Entschlüsselung von Entwicklungsprozessen und die Ergründung der Entstehung von Körper-Bauplänen. Hox-Gene legen die positionelle Identität der Zellen entlang der Körperachse fest. Die Homologie der Hox-Gen-Cluster bei Menschen, Mäusen und Fliegen belegt, dass der von Ernst Haeckel initiierte Ansatz Früchte getragen hat. Somit ist die (molekulare) Analyse der Ontogenese (Individualentwicklung) ein Schlüssel zum Verständnis der Phylogenese (Stammesentwicklung) geworden (Quelle 3).

Hat die Raupe die Gene für den Schmetterling (42:16)?

Eine mehr als merkwürdige Frage – selbstverständlich hat sie diese! Ein und dasselbe Genom kann eine Raupe, eine Puppe und einen Schmetterling herausbilden. Verschiedene Entwicklungsstadien sind Beispiele für einen altersabhängigen Polymorphismus (Vielgestaltigkeit) (Quelle 2, vgl. S. 227 f.).

Es mag Herrn Veiths Geheimnis bleiben, wieso dies nicht evolutionsbiologisch erklärbar sein soll.

Daraufhin geht es um Birkenspanner. Es würde behauptet, es gäbe helle und schwarze Variationen, während die hellen auf hellem und die schwarzen auf schwarzem Hintergrund einen Vorteil hätte. Dabei handle es sich „nur“ um ein Modell, man hätte die Varianten auf einen schwarzen Hintergrund gesteckt, um das zu erklären. In Wirklichkeit wäre es nie so passiert, diese Varianten würden einfach existieren (47:49).

Am Beispiel des Industriemelanismus – dieser Fachbegriff bleibt von Herrn Veith unerwähnt – wird der Selektionsdruck sehr schön deutlich. Herr Veith liegt richtig, es gab bereits eine Mutante, die dunkel gefärbt und deshalb für Vögel ein leichteres Opfer war (Quelle 6, S. 97).

Dass es sich bei den Experimenten von Kettlewell „nur um ein Modell“ handle, ist falsch. Es wurden diesbezüglich Freilandexperimente durchgeführt.

Evolutionsgegner wollen dieses Beispiel für Selektion insofern entkräften, indem sie einwenden, dass Birkenspanner sich für gewöhnlich nicht auf Baumstämmen aufhalten würden. Es ist richtig, dass Majerus und andere Forscher die freiliegenden Baumstämme nicht zur üblichen Ruheposition der Birkenspanner rechnen. Experten stellen fest, dass in luftverschmutzten Gegenden nicht nur die Baumstämme, sondern auch die abgeschatteten Äste und Blätter durch Ruß kontaminiert werden. Die Hypothese, dass Vögel auch in schattigen Bereichen nach den Faltern suchen und in umweltbelasteten Regionen bevorzugt die weiß gefärbten Birkenspanner herauspicken, gilt allgemein als empirisch hinreichend belegt.

Dass ein Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und der Häufigkeit dunkler Faltervarietäten besteht, deutet allein schon auf den Einfluss der Selektion hin. Insofern ist die Detailfrage, wo genau sich die Falter aufhalten, nicht von Bedeutung (Quelle 7).

Nun wird auf das Gezanke zwischen Taxonomen eingegangen. Warum zanken sie sich? Es gäbe zwei Gruppen von Taxonomen, die im Englischen „Lumper“ und „Splitter“ genannt würden (51:39). Ein Splitter würde sagen, er hätte eine neue Art entdeckt. Ein Lumper würde sagen, es wäre nur eine Variation. Und dann würden sie sich schon streiten (52:37).

In diesem „Streit“ sieht Herr Veith einen Beleg für die Willkürlichkeit und Unwissenschaftlichkeit „der Evolutionstheorie“. Herr Veith bleibt jedoch eine Erklärung schuldig, warum man sich „zankt“.

Die Evolutionssystematik (Systematik = Taxonomie) ist bestrebt, die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den Organismen zu rekonstruieren. Bei der Systemerstellung berücksichtigt sie neben der Kladogenese (Arten-Aufspaltung) auch die Anagenese (Weiterentwicklung), d. h. die Diversifizierung der Merkmale. Wenn irgendeine phylogenetische Linie eine bedeutende Veränderung der phänotypischen Eigenschaften (Erscheinungsbild) aufweist (sich also eine wichtige Innovation evolvierte), halten es die Evolutionssystematiker für sinnvoll, diese Linie gegenüber anderen Linien in ein selbständidges Taxon auszugliedern. Der größte Nachteil dieser Methode beruht darin, dass die Auswahl der Kriterien, nach denen der erreichte Grad der Anagenese beurteilt wird, nicht objektivierbar und die Abgrenzung einzelner Taxa somit subjektiv ist (Quelle 2, S. 166)!

Anders gesagt: Der Evolututionsprozess ist kleinschrittig, und es gibt niemals einen „Knall“, bei dem eine neue Art entsteht. Ergo ist es kein Wunder, dass es für Taxonomen immer eine Herausforderung ist, graduelle Prozesse in starre Kategorien wie Art, Gattung etc. einzuteilen.

Im Anschluss bringt Herr Veith ein Beispiel von einem Maikäfer, den Wissenschaftler früher als unterschiedliche Art bezeichnet hätten. Man stellte fest, dass sie zu bestimmten Jahreszeiten (wenn sie entschlüpfen) einen schwarzen oder einen schwarz-roten Phänotyp haben, der durch Gene an- oder ausgeschalten wird (55:32).

Es handelt sich bei den abgebildeten Käfern nicht um Maikäfer, sondern um Asiatische Marienkäfer (Harmonia axyridis) (Quelle 8).

Herr Veith fragt sich, wie Männchen und Weibchen entstanden sind (57:59). Genetisch durch Zufall (58:17). Dann findet er folgende Antwort: Laut der Bibel hätte er (Gott) sie als Mann und Frau geschaffen. Die Wissenschaft müsse sagen, Mann und Frau kamen durch Zufall (59:53).

Es ist nicht klar, warum es überhaupt zur sexuellen Fortpflanzung kam (Quelle 9, S. 14). Vermutlich begann die sexuelle Fortpflanzung damit, dass zwei ähnlich große Einzeller miteinander verschmolzen und dann Tochterzellen bildeten (Quelle 9, S. 19).

Alternativ muss man fragen, worin der Vorteil von zwei Geschlechtern und von Sex liegt.

Der Vorteil der sexuellen Fortpflanzung ist die Erhöhung der genetischen Variabilität des Individuums. Beim Menschen mit seinen 23 Chromosomen in den Keimzellen sind 223 Kombinationen möglich, was theoretisch bedeutet, dass jeder Mensch mehr als acht Millionen genetisch unterschiedlich kombinierter Keimzellen bilden kann. Bei der Meiose kommt es außerdem zu einem Vorgang, der sich „Crossover“ nennt (intrachromosomale Rekombination). Dabei legen sich die jeweils homologen Chromosomen von Vater und Mutter kreuzweise übereinander und tauschen kleinere oder größere Abschnitte untereinander aus: Gene aus der mütterlichen und väterlichen Entwicklungslinie werden neu kombiniert und nach dem Zufallsprinzip auf die Chromosomen der Keimzellen verteilt.

Axel Meyer sagte einmal: „Durch sexuelle Fortpflanzung erzeugte genetische Variation hilft Organismen, unsichere Umweltbedingungen zu überstehen (Quelle 10).“

Nach einer anderen Vorstellung dient die Sexualität der Elimination von „schlechten“ rezessiven Genen (Quelle 2, S. 67).

Die Kosten der sexuellen Fortpflanzung sind die scheinbar „unökonomische“ Verteilung der Geschlechter, sowie die Kosten der Partnersuche (sie kostet Zeit, Energie und ist mit Gefahren der Ansteckung durch Krankheitserreger verbunden) (Quelle 2, vgl. S. 66). Die Rote-Königin-Hypothese betont die zeitlichen Veränderungen und betrachtet die Sexualität als eine adaptive Strategie im Kampf gegen Parasiten (Quelle 2, S. 67).

Im Gegensatz zur geschlechtlichen Fortpflanzung hat die ungeschlechtliche Fortpflanzung durchaus auch Vorteile:

Sie spart Energie, und ihr Ergebnis sind identische Nachkommen, die an die aktuellen, vorherrschenden Umweltbedingungen gleich gut angepasst sind. Wenn sich die Umwelt verändert, können Organismen, die sich ungeschlechtlich fortpflanzen und demzufolge nur eine geringe genetische Variabilität aufweisen, jedoch ins Hintertreffen geraten (Quelle 10).

Ein von Herrn Veith beschriebener Höhlenfisch habe keine Pigmente und keine Augen. Das sei ein Beweis der Evolution. Darauf fragt sich Herr Veith, ob hier etwas neues vorhanden sei, oder ob etwas abwesend sei. Herr Veith erklärt die fehlenden Pigmente und Augen nicht durch Evolution, sondern durch das Ausschalten von Genen (1:01:11).

Sicherlich handelt es sich bei diesem Beispiel um Evolution, speziell um „Mikroevolution“. Das An- bzw. Ausschalten der Gene wird durch die Epigenetik beschrieben. Epigenetik bezeichnet die Weitergabe bestimmter Eigenschaften an die Nachkommen, die nicht auf Abweichungen der DNA-Sequenz beruhen (wie es bei einer Mutation der Fall wäre), sonder auf einer vererbbaren Änderung der Genregulation und Genexpression. Welche Segmente der DNA in RNA transkribiert und welche RNA-Moleküle in Proteine übersetzt werden, entscheidet der gesamte Molekularapparat der Zelle (Quelle 2, S. 124).

Die Einteilung der Evolution in Mikro- und Makroevolution ist eine beliebte Taktik der Kreationisten, die dann zwar die Möglichkeit einer Mikroevolution einräumen, doch mit der Idee der Makroevolution polemisieren und hier die Rolle des Schöpfers ansiedeln. Mikroevolution fasst die Evolutionsprozesse zusammen, die über eine graduelle Akkumulation kleiner Mutationen ablaufen und sich auf der Populationsebene (also der intraspezifischen Ebene) abspielen. Mikroevolution kann man in der Natur auch in kleinen Zeiträumen beobachten und erforschen. Unter Makroevolution werden dann die Entstehung und Entwicklung von Taxa der Arten (Gattungen, Familien, Ordnungen, Stämmen) verstanden, d. h. die höhere Kladogenese. Makroevolutionsereignisse bedürfen langer Zeitperioden, gehören der Vergangenheit an, sind damit nicht wiederholbar und lassen sich auch nicht experimentell verfolgen. Hier spielt der Zufall eine stärkere Rolle (auf den Zufall wird in dem Vortrag mehrmals eingegangen, z. B. 17:58, 24:57). Makroevolution beruht vor allem auf Mutationen (z. B. in den Genen, die die Morphogenese steuern) in kleinen isolierten Populationen. Unter den Biologen gibt es keinen Konsens in der Frage, welchen Anteil die Mikro- und die Makroevolution jeweils an der Entstehung neuer Arten und Formen haben. Darwinisten und Neodarwinisten gehen davon aus, dass die Vorgänge der Makroevolution nach den gleichen Prinzipien wie die der Mikroevolution ablaufen. Die Unterscheidung zwischen Mikro- und Makroevolution ist somit eher methodisch-semantischer Natur (Quelle 2, S. 433).

Herr Veit hat nichts dagegen, wenn jemand sagen würde: „Ich glaube an die Naturwissenschaft“, aber es sei ein Glaube (1:15:01).

Herr Veith weiß nicht, wie Naturwissenschaft „funktioniert“. Theorien können zwar nicht „bewiesen“ werden, wohl aber nach wohldefinierten Kriterien beurteilt, bewertet und miteinander verglichen werden. Auch haben die Naturwissenschaften einen hohen Grad an Zuverlässigkeit erreicht, und die Verwendung wissenschaftlicher Theorien ist rational. Empirische Wissenschaft kann also auf keinen Fall dogmatisch sein, weil sie sonst die Mindestbedingung für Rationalität (Kritisierbarkeit) nicht erfüllen würde. Man kann die Lehre ziehen, dass es kein „sicheres Wissen“ (im Sinne mathematischer Beweisbarkeit) gibt. Das Ziel der Wissenschaft ist, sich durch die Elimination des Falschen der Wahrheit zu nähern, gleichsam empor zu irren. Die von religiösen Systemen angestrebte Wahrheit ist hingegen eine absolute. Der Fallibilismus (= Kritisierbarkeit, Widerlegbarkeit) wird in der Religion keine Rolle spielen: Ziel ist schließlich Glaubensgewissheit. Was immer Wissenschaftler privat glauben, sie müssen alle nichtnaturalistischen Ideen bei ihrer theoretischen wie praktischen Arbeit außen vorlassen, weil ihre Daten und Erklärungen bei Annahme supranaturalistischer Entitäten oder Manipulation wertlos wären (Quelle 11).

Quellen:

Quelle 1: Pew Research Center: Scientists and Belief
Quelle 2: Evolution Ein Lese- Lehrbuch, J. Zrzavy, D. Storch, S. Mihulka, 2009
Quelle 3: Kritische Studie zur Evolutionstheorie
Quelle 4: Amazon Rezension zu R. Dawkins: Die Schöpfungslüge
Quelle 5: Der dritte Schimpanse, Jared Diamond, 2012
Quelle 6: Evolution, Das große Buch vom Ursprung des Lebens bis zur modernen Gentechnologie, Rosemarie Benke-Bursian, 2009
Quelle 7: http://www.martin-neukamm.de/loennig_kritik2.html
Quelle 8: Researchgate – Der Asiatische Marienkäfer
Quelle 9: Alles begann mit Sex. Neue Fragestellungen zur Evolutionsbiologie des Menschen, Robert D. Martin, 2015
Quelle 10: Warum es zwei Geschlechter gibt, Michael Wink
Quelle 11: Gott im Fadenkreuz

Hier geht's zum Originalartikel…




Auch Percy Bysshe Shelley wußte es: „There Is No God!“


shelleypHeiner Jestrabek (Hrsg.): Percy Bysshe Shelley: „There Is No God!". Religions- und Herrschaftskritik. 172 S. m. Abb. Klappenbroschur. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2019. 14,00 Euro. ISBN 978-3-922589-71-6.

Rezension von Siegfried R. Krebs:

WEIMAR. (fgw) Percy Bysshe Shelley war noch nicht einmal 30 Jahre alt, als er am 8. Juli 1822 im Meer bei Viareggio an der Toskanaküste ertrank. Ein kurzes Leben, dennoch hinterließ er ein bedeutendes Werk. An eben dieses zum Teil abenteuerliche Leben, Wirken und Werk will Heiner Jestrabek mit seiner neuesten Publikation erinnern.

Denn, so Jestrabek in seiner Einführung, Shelley erlangte Berühmtheit nicht nur als einer der bedeutendsten Dichter der englischen Romantik – zusammen mit Byron und Keats – er war auch Philosoph und kämpferischer Atheist, politischer Pamphletist und Aktivist, Abenteurer, Frauenschwarm und sogar Frauenrechtler, Vorkämpfer für freie Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen.

Das vorgelegte Buch führt knapp und übersichtlich in Leben und Werk des am 4. August 1792 als Sohn eines Baronets geborenen Dichters ein. Der Lebensbeschreibung hat Herausgeber Jestrabek eine kleine Auswahl von Shelleys radikalen religions- und herrschaftskritischen Schriften beigefügt.

Bereits der junge Shelley habe an den Vesten gerüttelt, die die feudale, bürgerliche und achso christliche Ordnung stützten: „In der Universität in Oxford, ab 1810, schloss Percy eine lebenslange Freundschaft mit Thomas Jefferson Hogg (1792-1862). Mit Hogg gemeinsam entstand auch die Idee zu dem Pamphlet 'The Necessity of Atheism' („Die Notwendigkeit des Atheismus") 1810/1811, eine philosophische Streitschrift in der Tradition der radikalen Aufklärung. Shelley und Hogg wurden wegen dieser Schrift und auch wegen ihrer rebellischen Haltung gegenüber der Collegeleitung der Universität Oxford verwiesen." (S. 9)

Auch seine Familie verstieß ihn und so mußte Shelley lange Jahren in prekären Verhältnissen leben. Dennoch ließ er sich nicht entmutigen und schuf ungeachtet dessen – und angesichts der ökonomischen und politischen Verhältnisse in Großbritannien – ein umfangreiches publizistisches Werk.

„Queen Mab" war das erste große Poem des Dichters. Diese allegorisch-utopische Verserzählung nach mythologischen Vorbildern wurde 1811 geschrieben und 1813 veröffentlicht; nunmehr unter dem Titel „Queen Mab. Philosophical Poem with Notes." Die hinzugefügten umfangreichen 'Notes' – historische und philosophische Annotationen – erweiterten das Werk zusätzlich zu einem eigenen philosophischen Manifest. Darin enthalten waren u.a. der erweiterte Wiederabdruck von „The Necessity of Atheism". Poem und Notes als ein Buch, erlangten so den Ruf einer „Bibel" der Bewegung der Chartisten, so schätzte es später Georg Bernhard Shaw (1856-1950) ein. Jestrabek schreibt seinerseits dazu: „Shelley gestaltete in seinem Poem 'Queen Mab' als eine dichterische Vision von der Zukunft der Menschheit (…) und als Perspektive zur Überwindung von Monarchie und Priestertum hin zu einer freien Gesellschaft." (S. 11)

„1814 folgt die Publikation von 'A Refutation of Deism' („Eine Widerlegung des Deismus"). Shelley grenzte sich darin eindeutig von einem 'Deismus' ab, dem damals viele Aufklärungsphilosophen anhingen, zugunsten eines konsequenten Atheismus. Er zeigte dessen Inkonsequenzen auf und widerlegte, in Form eines Dialogs zwischen den Gesprächspartnern Eusebes und Theosophus, derartige Argumente und Scheinbeweise der Kreationisten, Sophisten und aller Religiösen." (S. 15)

Jestrabek geht dann auf Shelleys Freunde und Mitstreiter, wie William Godwin (1756-1836), Lord George Gordon Byron (1788-1824) oder John Keats (1795-1821) ein. Ausführlicher wird über Shelleys zwei Ehen, und die in beiden gezeugten Kinder, berichtet. Die erste Ehe schloß er auf abenteuerliche Weise mit der damals erst 15jährigen Kaffeehausbesitzer-Tochter Harriet Westbrook. Die zweite mit Mary Godwin (1797-1851). Dazu heißt es im vorliegenden Buch:

„Durch die Flucht mit Mary war es zu einem Zerwürfnis mit Godwin gekommen, da Shelley zu diesem Zeitpunkt noch verheiratet war. Erst nach dem Tod Harriets und der Heirat mit Mary am 30. Dezember 1816 kam es zu einer Aussöhnung zwischen Percy und Mary mit William Godwin. Mary Shelley, geb. Godwin, sollte später selbst eine berühmte Schriftstellerin werden und die literarische Nachlassverwalterin Percys." (S. 19) Mary Shelley ist heutzutage vor allem bekannt durch ihren Roman „Frankenstein, or, The Modern Prometheus", erstmalig 1818 in London veröffentlicht.

Percy Shelley war nicht nur Literat. Denn, so heißt es bei Jestrabek:

„Der Kampf um politische Reformen wurde unterstützt, Anteil genommen an den infolge von Arbeitslosigkeit, Hunger und Unterdrückung entstandenen revolutionären Unruhen. Shelley veröffentlichte das Traktat 'Proposal for Putting Reform to the Vote' („Vorschlag für eine Reform des Wahlrechts"), 'An Address to the People on the Death of the Princess Charlotte' („Eine Botschaft an das Volk anlässlich des Todes von Prinzessin Charlotte"), den gemeinsam mit Mary geschriebenen Reisebericht 'History of a Six Weeks' Tour' („Geschichte einer sechswöchigen Reise"), die Verserzählung 'Laon and Cythna' wird gedruckt (und erst nach Umarbeitung als 'The Revolt of Islam') im nächsten Jahr veröffentlicht. Hierin wurden Ziele und Ideale der Französischen Revolution verteidigt und als folgerichtige Reaktion auf die vorherigen sozialen Missstände und politische Unterdrückung dargestellt. Die Handlung verlegte Shelley in den Orient und verknüpfte diese mit einer Liebesgeschichte von Geschwistern." (S. 21)

Heiner Jestrabek würdigt aber nicht nur Percy Shelley, sondern er äußert sich auch deutlich zu Mary Shelleys Verdiensten um das geistige Erbe ihres Mannes:

„Große Verdienste um die Edition seiner Werke erwarb sich seine Witwe Mary Shelley. Sie musste sich in prekären Verhältnissen durchschlagen und gegen Schikanen des Schwiegervaters wehren, der dem Werk seines verstorbenen Sohnes ablehnend gegenüberstand. Die erste durch sie besorgte zuverlässige vierbändige Ausgabe der Gedichte von Percy Bysshe Shelley mit ihren Anmerkungen erschien daher erst im Jahr 1839. (…) Mary Shelley blieb bis an ihr Lebensende politisch radikal und den Ideen von Emanzipation und Aufklärung verbunden. Sie starb am 1. Februar 1851 in London, vermutlich an einem Gehirntumor, im 54. Lebensjahr." (S. 27-28)

Zu Percy Shelley und der bis heute andauernden Mißachtung seines Werkes schreibt Jestrabek:

„Ohne Zweifel trug sein kompromissloser und öffentlich vorgetragener Atheismus dazu bei: Shelley definierte sich selbst mit einer griechisch verfassten Inschrift in einer Hütte in den Schweizer Alpen: 'Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Percy B. Shelley.' Shelley verband seine Gesellschaftskritik mit einem tief empfundenen Humanismus und Pazifismus." (S. 30-31)

Und der Herausgeber läßt Shelley diesbezüglich selbst weiter zu Wort kommen; mit einem Zitat aus dem Vorwort zu dessen letztem Drama:

„Dies ist das Zeitalter des Krieges der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, und jene Rädelsführer der privilegierten Mörder- und Gaunerbanden, Landesherren genannt, sehen sich untereinander nach Hilfe um gegen den gemeinsamen Feind und stellen die Feindseligkeiten gegeneinander nur ein angesichts einer mächtigeren Furcht. Alle Despoten dieser Erde sind im Grunde Mitglieder dieser Heiligen Allianz. Der Kampf gegen die Hypothese 'Gott', gegen den 'gnädigen und rachevollen Gott', welcher, 'ein Urbild menschlicher Tyrannenherrschaft', als metaphysische Projektion der Monarchie erfunden wurde – dieser kämpferische Atheismus ist die Voraussetzung für die Unschädlichmachung jenes Hauptinstruments jahrhundertelanger Gewaltherrschaft, dessen Name Christentum lautet." (S. 31)

Nach der doch etwas längeren Einführung durch den Herausgeber folgen nun einige Schriften aus Shelleys Feder. Zunächst – und erstmals vollständig in deutscher Sprache – „The Necessity of Atheism – Die Notwendigkeit des Atheismus" aus dem Jahre 1811 auf den Seiten 33 bis 47.

Bemerkenswert, wie Shelley sich hier mit der christlichen Behauptung von einem Leben nach dem Tode auseinandersetzt! Er fragt nicht, ob es ein Leben nach dem Tode gäbe, sondern ob es schon ein Leben vor dem Tode gegeben habe. Mit solchem Argument sollte man heute ebenfalls pfäffische Sprüche kontern.

Shelley wörtlich: „Haben wir vor der Geburt existiert? Es ist schwierig, diese Möglichkeit sich vorzustellen. Im generativen Prinzip jedes Tiers und jeder Pflanze gibt es eine Kraft, die die Substanzen homogen mit sich selbst verändern. (…) Wenn wir vor der Geburt nicht existiert haben; wenn in der Periode, in der die Teile unserer Natur, von denen Gedanke und Leben abhängen, untereinander verwoben scheinen; wenn es keinen Grund gibt anzunehmen, wir hätten vor dieser Zeit existiert, in der offenbar unsere Existenz beginnt, dann gibt es keinen Grund anzunehmen, dass wir nach unserer Existenz weiter existieren werden. Soweit es Gedanke und Leben angeht, wird das gleiche mit uns geschehen individuell gesehen nach unserem Tod wie vor unserer Geburt. (…) Es wird gesagt, wir könnten weiter auf eine Weise existieren, die gegenwärtig für uns unvorstellbar ist. Das ist eine höchst unvernünftige Annahme…" (S. 47)

Als weiteres Werk Shelleys wird dann auf den Seiten 48 bis 132 sein Poem „Queen Mab. Philosopical Poem With Notes" („Feenkönigin Mab. Philosophisches Poem mit Anmerkungen") aus dem Jahre 1813 im englischen Original und in deutscher Übersetzung vorgestellt. Diese Schrift in Versform dürfte allerdings für heutige Leser nur schwer zu lesen (und somit zu verstehen) sein. Nicht so aber die „Anmerkungen" I bis XVI. Diese sind überwiegend in Prosa geschrieben und geben nicht nur Aufschluß darüber, welch beachtliche naturwissenschaftliche Erkenntnisse damals schon – unter Gebildeten – vorhanden waren. Da kann man als Heutiger nur staunen.

Und nicht zuletzt machen gerade diese Anmerkungen den philosophischen und religionskritischen Wert von Shelleys Schaffen aus. Hier sei nur auf die Anmerkungen IX, XII und XV verwiesen.

Unter „IX" heißt es bei Shelley u.a.. „Der Zustand der Gesellschaft, in welchem wir uns befinden, ist ein Gemisch feudaler Wildheit und unvollkommener Zivilisation. Die beschränkte und unaufgeklärte Moral der christlichen Religion verstärkt noch diese Übel." (S. 140)

Und an anderer Stelle schreibt er mit Bezug auf freie Liebe und Partnerwahl: „Ich glaube mit Bestimmtheit, dass aus der Abschaffung der Ehe das richtige und naturgemäße Verhältnis des geschlechtlichen Verkehrs hervorgehen würde. Ich sage keineswegs, dass dieser Verkehr ein häufig wechselnder sein würde; es scheint sich im Gegenteil aus dem Verhältnis der Eltern zum Kinde zu ergeben, dass eine solche Verbindung in der Regel von langer Dauer sein und sich vor allen andern durch Großmut und Hingebung auszeichnen würde. Aber vielleicht ist es noch zu früh, diesen Gegenstand zu besprechen. Was immer aus der Abschaffung der Ehe entspringen mag, wird naturgemäß und recht sein, weil Wahl und Wechsel vom Zwange befreit sein werden.

In der Tat bilden Religion und Moral, wie sie gegenwärtig beschaffen sind, ein praktisches Gesetzbuch des Elends und der Knechtschaft; der Genius des menschlichen Glückes muss jedes Blatt aus dem verruchten Gottesbuche reißen, bevor der Mensch die Schrift in seinem Herzen lesen kann." (S. 142-143)

In Anmerkung XII konstatiert Shelley u.a. dies: „Es ist wahrscheinlich, dass das Wort 'Gott' ursprünglich nur ein Ausdruck war, der die unbekannte Ursache der bekannten Ereignisse bezeichnete, welche die Menschen im Weltall wahrnahmen. Durch die gewöhnliche Verwechselung einer Metapher mit einem wirklichen Wesen, eines Wortes mit einer Sache, ward ein Mensch daraus, mit menschlichen Eigenschaften begabt und das Weltall lenkend, wie ein irdischer König sein Reich regiert. Die Anreden an dies imaginäre Wesen klingen in der Tat ähnlich, wie die Anreden der Untertanen an einen König…" (S. 147)

Das wird von Shelley unter „XV" noch weiter ausgeführt: „Während vieler Jahrhunderte des Elends und der Finsternis fand diese Geschichte unbedingten Glauben; allein endlich standen Männer auf, welche argwöhnten, dass sie Fabel und Betrug sei, und dass Jesus Christus, weit entfernt, ein Gott zu sein, nur ein Mensch, gleich ihnen selbst, gewesen. Aber eine zahlreiche Menschenklasse, welche enormen Gewinnst aus jener Meinung, in der Gestalt eines bei dem Volk herrschenden Glaubens, zog und immer noch zieht, sagte der Menge, wenn sie nicht an die Bibel glaube, werde sie ewiglich verdammt werden, und verbrannte, verhaftete und vergiftete alle vorurteilsfreien und vereinzelten Forscher, welche gelegentlich aufstanden. Sie unterdrückt dieselben noch immer, soweit das Volk, welches jetzt aufgeklärter geworden ist, solches gestatten will. (…) Dieselben Mittel, welche jeden anderen volkstümlichen Glauben gestützt haben, haben das Christentum gestützt. Krieg, Einkerkerung, Meuchelmord und Lüge; Taten beispielloser und unvergleichlicher Rohheit haben es zu dem gemacht, was es ist. Das Blut, welches die Bekenner des Gottes der Barmherzigkeit und des Friedens seit der Einführung seiner Religion vergossen haben, würde wahrscheinlich genügen, um die Anhänger aller anderen Sekten, die jetzt auf der Erdkugel wohnen, zu ersäufen." (S. 151-152)

Deutlicher kann Religions- und insbesondere Kirchenkritik nicht sein. Und 200 Jahre NACH Shelley haben seine Worte leider immer noch Gültigkeit hier in diesem unseren Lande und nicht nur in dieser „Kirchenrepublik"…

Als drittes Werk Shelleys wird auf den Seiten 159 bis 169 das Poem „The Mask of Anarchy. Occasion of the Massacre of Manchester" („Die Maske der Anarchie. Über das Massaker von Manchester") aus dem Jahre 1819 in englischer Sprache und in deutscher Übersetzung vorgestellt.

Eine Bibliographie sowie ein Überblick über weiterführende Literatur runden diese informative und zum Nachdenken anregende Publikation ab.

Und erneut muß dem rührigen humanistischen und libertären Freidenker Heiner Jestrabek dafür Dank gesagt werden, daß er uns Heutigen wieder einmal einen mehr oder weniger vergessenen Vordenker ins Bewußtsein gerufen hat.

  Entnommen bei http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/auch-percy-bysshe-shelley-wusste-es-there-is-no-god/?fbclid=IwAR0tkDnqGAM8-0IbZa_JrbajDmgD90Nd9loNxNAE0Lf3dn2OHlTIHU0KbOE

 

Siegfried R. Krebs

 

 




Michael Schmidt-Salomon: „Entspannt euch!“


Entspannt euchRezension von Gerfried Pongratz:

Kleines Buch – großer Inhalt! Wer Michael Schmidt-Salomons Vorträge, Bücher und sonstigen Publikationen kennt, weiß, was ihn erwartet: Übersichtliche Themenaufbereitung, geradlinige Aussagen, stringente Gedankenführung – in klarer, humor- und poesievoller Sprache. Vieles am Inhalt des vorliegenden Buches ist Lesern seiner Schriften bekannt und doch unterscheidet es sich grundlegend von seinen anderen Veröffentlichungen. Es bietet als „Philosophie der Gelassenheit“ die Aufbereitung und Zusammenfassung aller Themen, die unser Menschsein, unser Selbstverständnis, unsere Verortung im Leben (und Sterben) betreffen. Es vermittelt tiefgründiges Wissen über unser „Sosein“ und bildet ein Vademecum für alle Lebenslagen mit Anregungen, Argumenten und Hinweisen zum Hinterfragen eigener Standpunkte und Verhaltensweisen. Wer sich darauf einläßt, gelangt zu einer „neuen Leichtigkeit des Seins“.

„Wie findet man zu einem sinnerfüllten, glücklichen Leben?“ steht am Einband, wobei die dazugehörende Überschrift „Ein Weisheitsbuch für das 21. Jahrhundert“ verspricht. Das weckt apriori Mißtrauen, allerdings zu Unrecht: Der Inhalt des Buches ist von esoterischem Anflug so weit entfernt, wie Donald Trump vom Gedanken, er könnte nicht der Größte sein („Perspektiven“ S. 44 ff.); der Text vermittelt pure Rationalität und modernes Wissen, er kann als Manifest antiesoterischer Aufklärung verstanden werden.

Der Inhalt des Buches richtet sich in direkter Ansprache an die Leser, den roten Faden bilden die Perspektive und Gedanken Albert Einsteins; sie beschäftigen Schmidt-Salomon seit 35 Jahren und haben ihn wohl auch geprägt. Die Ausführungen gliedern sich in acht „Lektionen“, wovon jede besondere Aspekte des Ziels „rational zu denken, Angst vor dem Versagen zu verlieren, die Welt entspannter, gelassener und humorvoller wahrzunehmen, den Sinn des Lebens sinnlich zu erfahren, statt ihn übersinnlich herbeizuhalluzinieren“ mit den daraus zu ziehenden Schlüssen ausführlich behandelt.

Zitate (z.T. gekürzt, bzw. leicht verändert):

Wir sollten begreifen, dass jeder von uns nur der sein kann, der er aufgrund seiner Anlagen und Erfahrungen sein muss (S. 20). Das bedeutet mitnichten, dass wir keine Verantwortung für unser Handeln übernehmen sollten (ganz im Gegenteil), aber ich rate dringend, den moralischen Schleier abzunehmen, der den Blick auf die Realität trübt (S. 135).

Es (kommt) im Leben weniger darauf an, mit welchen Anlagen man geboren wurde, als darauf, was man aus ihnen macht (S. 21).

Das Leben ist ein Glücksspiel, eine Lotterie, bei der einige von uns ein Traumlos ziehen, während es andere übel trifft (S. 23).

Sei dankbar!

Lerne, dir selbst und anderen zu vergeben!

Frei zu sein bedeutet, tun zu können, was man will – es bedeutet nicht, zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas anderes wollen zu können als das, was man will (S. 32).

Der Abschied von der Idee des ursachenfreien Willens ist keineswegs mit einer Einschränkung deiner Freiheit verbunden (S. 40).

Albert Einstein betrachtete die Einsicht in die ursächliche Bedingtheit unseres Denkens und Handelns als eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz (S. 57). Sie hilft, moralische Übel als ursächlich bedingt zu begreifen und sich mit den Ursachen zu beschäftigen, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen (S. 61). Daraus resultiertet die „Kunst des Vergebens“.

Die Einsteinsche Sichtweise verlangt nicht weniger als einen Abschied von unseren Moralvorstellungen, ja, mehr noch: einen Abschied vom moralischen Denken überhaupt (S. 72).

Fragen von „Gut und Böse“, „Ethik und Moral“ münden in die Aussage:
„Aus ethischer Perspektive darfst du tun, was du willst, solange du die Rechte anderer nicht verletzt“ (S. 90).

Die traditionellen Dualismen von Subjekt und Objekt, von Körper und Geist, Natur und Kultur, Mensch und Tier (wurden) in fundamentaler Weise aufgehoben. Das Mystische ist rational geworden und das Rationale mystisch (S.99)

Wer von seinem Selbst lassen kann, entwickelt ein gelassenes Selbst (S. 103).

Der Mut zur „bedingungslosen Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber“ verlangt, die Endgültigkeit des Todes ohne weitere Ausflüchte zu akzeptieren“ (S. 109).

Um Leben Sinn zu geben erweisen sich drei Strategien als erfolgreich:

1 Hedonismus (genieße das Leben mit allen Sinnen).

2. Selbstverwirklichung (arbeite daran, die eigenen Talente zu entfalten).

3. Altruismus (engagiere dich für Dinge, die nicht nur für dich selbst, sondern auch für andere von Bedeutung sind).

Für uns Menschen, als geborene Teamplayer, liegt die größte Erfüllung des Eigennutzes in seiner Ausdehnung auf andere (S. 119).

Wir sollten uns bemühen, eine möglichst realistische, rationale und faktenbasierte Sicht der Welt zu entwickeln und über sie zu einer positiven Lebenseinstellung zu gelangen (S. 127).

Rechne mit dem Schlimmsten, aber hoffe auf das Beste! Ertrage, was du nicht verändern kannst, aber verändere, was du nicht ertragen mußt (S. 128).

Ars moriendi besteht darin, ohne Schuldgefühle von der Welt abzutreten. Denn wenn du das Gesetz der Kausalität verinnerlicht hast, wirst du am Ende deiner Tage wissen, dass du nur das Leben führen konntest, dass du unter den gegebenen Bedingungen führen mußtest (S. 130).

Der Tod ist und bleibt der ultimative Ausweg in jeder noch so ausweglos erscheinenden Situation. Niemand auf der Welt darf dir abverlangen, Unerträgliches zu ertragen! (S. 132).

Übe Nachsicht mit dir selbst! Immerhin weißt du ja, dass du nicht besser sein kannst, als du bist (S. 138).

Je mehr zu lernst, von deinem eigenen Selbst zu lassen, desto eher wirst du ein gelassenes Selbst entwickeln! (S. 139).

 

Die Quintessenz des Buches könnte aus der (Stoiker-)Sicht des Rezensenten so lauten:

Verbinde heutiges rationales Denken und Wissen mit stoischen Werten, wie Besonnenheit, Gelassenheit, Mäßigung und strebe nach Glück, das ohne Glaube an Götter und Dämonen aus kritischer Vernunft und einem klaren Verstand erwächst.

Brennende Geduld wirst du benötigen, wenn du die in diesem Buch geschilderte Einsteinsche Perspektive in deinem Alltag umsetzen willst. Denn dabei wirst du immer wieder Rückschläge erleben (S 137).

Michael Schmidt-Salomon: „Entspannt euch!“

© Piper Verlag GmbH, München 2019, ISBN 978-3-492-05950-3, 159 Seiten.

Uneingeschränkte Leseempfehlung, verbunden mit der Ermunterung, das kleine Buch als ständigen Begleiter, als Vademecum, zu benutzen!

 

Gerfried Pongratz 3/2019




Lea Rieck: Sag dem Abenteuer, ich komme


Sag dem AbenteuerRezension von Gerfried Pongratz:

Abenteuerreisen sind „in“ – mit herkömmlichen und/oder ungewöhnlichen Verkehrsmitteln rund um den Globus. Vieles ist möglich und über fast alles wird berichtet; in Internetmedien und Büchern (bei Amazon werden für das 1. Halbjahr 2019 unter „Abenteuerreisen“ sechzig deutschsprachige Neuerscheinungen angekündigt). Die Qualität mancher Berichte und Druckerzeugnisse ist bescheiden, die Qualität des vorliegenden Werks ist es nicht. Es gehört zu den Spitzenprodukten des Genres Reiseliteratur, es ist eines der seltenen Bücher, das man nach den ersten Seiten nicht mehr aus der Hand legen mag. „Sag dem Abenteuer, ich komme“ nimmt mit zu hochemotionalen, spannenden Erlebnissen und außerordentlichen Begegnungen, vermittelt breitgefächertes Wissen zu Land und Leuten, lässt intellektuell und emotionell in fremde Kulturen eintauchen: humorvoll-locker, oft nachdenklich, manchmal leise ironisch, nie voyeuristisch, stets mit Respekt und einem gehörigen Maß Demut.

An einem Dezember-Büronachmittag in München beschließt eine beruflich und privat sehr erfolgreiche 30-jährige Frau: „Dies ist meine Zeit. Ohne ein Wenn und tausend Aber. Ich mache eine Weltreise auf dem Motorrad“ (S. 16) – BE THERE OR BE SQUARE!

Es folgen monatelange Vorbereitungen, bis es im April 2016 so weit ist: LEA RIECK auf „CLEO“, der Triumph Tiger Maschine, ruft dem Abenteuer „ICH KOMME“ entgegen.

Die große Freiheit beginnt! Über Österreich und mehrere Balkanländer führt die erste Etappe nach Istanbul, wo die Autorin Zeugin des gerade ausbrechenden Militärputsches wird. Über die Türkei, Rußland, Tadschikistan, Kirgistan, China, Pakistan, Indien, Nepal, Myanmar, Thailand geht es nach Australien und Tasmanien. Es folgen Argentinien, Feuerland, Patagonien, Chile, Peru, Panama, USA, Kanada, Marokko, Westsahara und Europa: 90.000 Kilometer in 516 Tagen auf dem Motorrad!

In 8 Haupt- und zahlreichen Unterkapiteln erzählt Lea Rieck die Geschichte von „Eine Frau/Eine Welt/Eine Reise“. Mit literarisch bunten Bildern in stimmungsvollen Nuancen, mit einfühlsamen Beschreibungen, treffenden Metaphern, mit Lebensfreude, Liebes- und Leiderfahrungen.

Der Leser/die Leserin begleitet die Autorin zu Orten herausragender Schönheit, reist mit durch großartige Landschaften („man spürt das Leuchten der Sonne, das Vibrieren der Maschine“), kämpft sich über waghalsige Strassen und gefährliche Pässe mit hoch in schneebedeckte Gebirge, fühlt mit die Einsamkeit endlos scheinender Wüsten und die Strapazen auf langen öden Strassen im Nirgendwo.

Neben der Beschreibung von unglaublich Schönem und Erhabenem werden auch Plätze abgrundtiefer Häßlichkeit, brutalster Gemeinheit (z.B. das Rotlichtviertel in Bangkok) nicht ausgeblendet und unangenehme Erfahrungen, persönliche Krisen, Zweifel und Mutlosigkeit nicht verschwiegen.

Lea Riecks Buch berichtet von Kameradschaft und gegenseitiger Hilfe, von wunderbaren Begegnungen mit Einheimischen und deren, trotz Armut, fast unglaublicher Großzügigkeit, von gemeinsamen Fahrten mit anderen Motorradreisenden, die zu tiefen Freundschaften und Liebe führen. Auch komische Situationen kommen nicht zu kurz; in Nepal z.B. verfängt sich Leas Kleid im Hinterrad des Motorrades und sie sitzt plötzlich, von umherstehenden Straßenarbeitern höchst erstaunt betrachtet, nackt auf der Maschine.

Als junge Frau auf einem Motorrad, allein rund um die Welt, erlebt sie nicht nur schöne und erfreuliche Dinge; oftmals gilt es auch, dramatische Vorkommnisse zu bewältigen und kritische Perioden durchzustehen: z.B. einen Sturz mit Gehirnerschütterung, Lebensmittelvergiftung, Durchfallerkrankungen, eine gefährliche Augenverbrennung. Die Autorin berichtet dabei von schweren Stunden tiefster Niedergeschlagenheit, von Depressionen und Tränenausbrüchen; die Offenheit ihrer Erzählungen berührt den Leser und zieht ihn mitten ins Geschehen.

Lea Rieck versteht es, einfühlsam zu erzählen und Spannung aufzubauen; immer wieder stellt sie kritische Fragen an die Welt, an sich selbst und indirekt auch an ihre Leser, die zum Nachdenken anregen und nicht leicht zu gebende Antworten suchen. Einschübe mit Reflexionen zur eigenen Jugend als Leistungsschwimmerin in München sowie Gedanken zum liebevollen Aufwachsen in ihrer Familie, zum Werdegang der Eltern, zu Prägungserfahrungen durch den 8 Jahre älteren Bruder, erleichtern das Verständnis ihrer Intentionen und Herangehensweisen.

Die Inhaltsfülle des Buches lässt sich in gebotener Kürze nicht abbilden, einige Zitate der Autorin verdeutlichen ihr Denken und Fühlen:

  • Zur oftmals zu hörenden Phrase, Abenteuerreisende suchen sich selbst:
    Man kann auch einfach losziehen um des Losziehens willen und nicht, weil man etwas sucht. So ist es bei mir. Ich reise, weil ich Lust darauf habe. Weil ich mich als Reisende lebendig fühle“ (S. 150/151).
  • Zu allgegenwärtigen Werbeaufschriften:
    …„(so) kommt mir die Welt gleich weniger abenteuerlich vor: Überall wo ich hinfahre, war Coca-Cola schon lange“ (S. 170).
  • In einem Luxushotel in Bangkok:
    „Nicht Bangkok berührt mich, verändert mich und macht mich glücklich, sondern der Weg hierhin“.

    Luxus ist, „dass ich Zeit habe, die ich mit den Dingen füllen kann, die ich möchte. Dass ich einen Pass besitze, mit dem ich fast in jedes Land reisen kann. Dass ich leben kann, wo ich will und wie ich will. Und lieben kann, wen ich will“ (S. 177).

  • Unter einem Foto, auf dem das Motorrad im Schlamm liegt und viele Menschen sie umringen:
    „Platte Reifen, Stürze im Schlamm, zerrissene Kleider und andere Mißgeschicke – je schlechter die Straßen und je größer mein Pech, desto freundlicher die Menschen in Indien und Nepal (S. 192).
  • Nach der Begegnung mit einem kleinen Mädchen in Panama, das zur Retterin aus einer gefährlichen Situation (Überfall) wurde:
    „Ich habe erst auf dieser Reise zu verstehen begonnen, was es wirklich bedeutet, den Ernst des Lebens kennenzulernen – und wie glücklich wir uns schätzen können, wenn wir ihm nie begegnen müssen“.
  • Auf die Feststellung eines Bekannten „…du bist jetzt sicher eine andere als vorher“:
    „Bin ich das? Ich habe Freundschaften geschlossen mit Menschen, die eine gemeinsame Sprache sprechen – und zum ersten Mal auch mit Menschen, die das nicht taten. Ich bin gestürzt, habe mich verletzt, bin wieder aufgestanden. Ich habe gezweifelt, vertraut, gelernt. Ich habe geliebt, geweint, alles Glück der Erde gesehen und ihr Leid. Ich bin krank gewesen, aber die meiste Zeit gesund. Ich habe mir helfen lassen und mir selbst geholfen. Ich bin älter geworden, habe Falten vom Wind und der Sonne… Mein Herz ist jünger, verspielter, leichter geworden. Ich bin lebendig“ (S. 358).

    „Ich bin noch dieselbe, aber mein Blick hat sich geändert. Das Fremde ist zum Vertrauten geworden – und auf das Vertraute habe ich einen neuen Blick gewonnen“ (S. 359).

Sag dem Abenteuer, ich komme“ ist ein Buch, das alle Kriterien des Genres „Abenteuerliteratur“ in höchstem Maße erfüllt und darüber hinaus wache Blicke nach außen, kritische Innenschau und kluge Lebensbilanz bietet. Obwohl die Autorin die Platitüde einer „Reise zu sich selbst“ ablehnt, gewinnt man als Leser den Eindruck, dass auch solche Erfahrungen gewonnen wurden. Texte voll Heiterkeit, Empathie und Poesie, zeitweise auch voll Melancholie und Trauer, beschreiben Situationen des Loslassens und Wiederfindens – als Ergebnis eines großen Abenteuers, das das eigene Leben prägt und fremdes besser verstehen läßt. Zahlreiche aussagekräftige Fotos erweitern die Freude am Lesen!

 

 Lea Rieck: Sag dem Abenteuer, ich komme

© Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2019, ISBN 978-3-462-05224-4, 374 Seiten.

 

Gerfried Pongratz 3/2019

 




Bildungspolitik


Happy_HumanGrundgedanken zusammengestellt vom Leiter der Arbeitsgruppe Dieter Fischbach.

Bildung und Ausbildung sind die Grundlage für das Zusammenleben in einer modernen, zukunftsorientierten, humanistischen Gesellschaft.

Dabei formt die humanistische Grundbildung die Basis, ohne die eine erfolgreiche Ausbildung, egal, ob akademisch oder eine Ausbildung oder jedem anderen Berufsfeld, nicht erfolgreich möglich sein kann.

Beide Prozesse, Bildung ebenso wie Ausbildung, haben zum Ziel, junge Menschen in die Lage zu versetzen, sich einen Platz in der Mitte der Gesellschaft zu sichern, damit sie im Rahmen ihrer intellektuellen und produktiven Fähigkeiten im Widerstreit der Argumente ihren Beitrag zur Evolution der Gesellschaft zu leisten vermögen.

Dies sind im Besonderen die Achtung der Menschenwürde, sowie die Einhaltung der Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie

Da der Bereich Ausbildung stark an den ökonomischen Anforderungen des jeweiligen künftigen Arbeitsplatzes orientiert ist, führt dies dazu, den Blick auf die Basis, also die humanistische Grundbildung, zu fokussieren.

Es erhebt sich sogleich mit Recht die Frage, was diese humanistische Basis ausmacht, die jedem Individuum einen erfolgreichen Start in die Gesellschaft ermöglichen soll.

Aus humanistischer Sicht ergeben sich drei Bereiche, in denen ein junger Mensch grundlegendes Wissen und Fertigkeiten erwerben muss, damit er sich möglichst frei von ideologischen Zwängen und Dogmen entwickeln kann, um zu einer innovativen Persönlichkeit zu reifen, die im besten Sinne eine Bereicherung für die Gesellschaft sein kann.

Bereich 1:

Dieser Bereich lässt sich durch die Fähigkeit charakterisieren, sich logisch-rational und kritisch mit seiner Umwelt auseinander zu setzen.

Um diesen kritischen Diskurs führen zu können, sind fundierte Kenntnisse und Fertigkeiten in den Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Philosophie unerlässlich, da sie, wie sonst keine Disziplinen dem Individuum die logisch-rationale Auseinandersetzung mit seiner Umwelt ermöglichen.

Bereich 2:

Dieser Bereich kann mit „fundierter Sprachkompetenz“ beschrieben werden.

Sprache stellt ohne Zweifel das zentrale und Kultur tragende Medium der Kommunikation in der Gesellschaft dar.

Um einen fruchtbaren Diskurs in allen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu gewährleisten, ist daher eine solide Ausbildung im Gebrauch der Landessprache, in unserem Fall der Deutschen Sprache, unerlässlich und zwingend erforderlich.

Zusätzlich muss aber auch den Anforderungen einer globalisierten Welt Rechnung getragen werden. Nach dem Erwerb der Grundlagen der Landessprache ist daher der Spracherwerb in mindestens einer international bedeutenden Fremdsprache (i.d.R. der Englische Sprache) vorzusehen.

Entwickelt sich der junge Mensch in Richtung auf eine akademische Ausbildung, so ist für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit allen Bereichen wie auch den Wurzeln unserer abendländischen Kultur, zusätzlich das Studium alter Sprachen (zumindest der Lateinischen Sprache) von Nöten.

Die Wurzeln von Philosophie und Naturwissenschaft reichen tief in die antiken abendländischen Kulturen und eine umfassende Auseinandersetzung mit diesen kann ohne Kenntnisse der zugehörigen Sprachen nur eingeschränkt gelingen.

Bereich 3:

Neben umfassenden sprachlichen Fertigkeiten und der Fähigkeit zum kritisch-logischen Diskurs benötigt das Individuum ausreichende Kenntnisse über die Struktur gesellschaftlicher Interaktion.

Dieser dritte Bereich rundet die humanistische Grundbildung ab.

Die benötigten Kenntnisse werden über die Disziplinen, Geschichte, Politik, Geographie ebenso wie durch einen signifikanten Einblick in die kulturellen Bereiche von Musik, Kunst und Literatur erworben. Wer sich nicht aktiv mit der Kultur der Gesellschaft in der er lebt auseinandersetzt, kann schwerlich einen positiven Beitrag zu ihrer Evolution liefern.

Kenntnisse und Erfahrungen aus anderen Kulturkreisen können dabei zusätzlich von Vorteil sein. Eine humanistische Gesellschaft ist stets offen gegenüber Einflüssen, die ihre Entwicklung zum Positiven begünstigen.

Säkularität des Bildungssystems:

Aus der Forderung, dass sich ein junger Mensch zu einem selbstbestimmten, kritischen und kreativen Mitglied der Gesellschaft entwickeln soll (Teil 1),  ergibt sich unmittelbar, bereits für die schulische Ausbildung, die Forderung nach Säkularität , die das Lehren von Religion als staatlichen Auftrag gleichsam ausschließt, da die doktrinären Sichtweisen einer Religion im Allgemeinen der Entwicklung zu einem selbständigen Individuum entgegenstehen.

Gleichwohl ist das Wissen über Religion im Rahmen der Bildung einer kulturellen Identität erforderlich, da Religionen in der Evolution unserer Gesellschaft eine gewichtige Rolle gespielt haben und zum Teil auch noch spielen.

Das Bildungssystem im Überblick:

Werfen wir abschließend einen Blick auf ein humanistisch geprägtes Bildungssystem.

Für alle jungen Menschen in unserer Gesellschaft muss, vor dem Eintritt in die Berufsausbildung die Möglichkeit zum Erwerb einer umfassenden humanistischen Grundbildung gegeben sein.

Der Primarbereich:

Dies ist zunächst die Aufgabe des primären Bildungssystems (bis zum Alter von etwa 10 Jahren). Der vorhandenen vierjährigen Grundschule fällt diese Aufgabe mit den Fächern Deutsch, Mathematik, Sachkunde, Musik, Kunst und Sport zu.

Durch die Präferenz einer soliden Grundbildung in diesen Bereichen, insbesondere im Gebrauch der Landessprache, stellt der Unterricht in einer Fremdsprache eine unnötige zusätzliche Belastung für die Schüler dar.

Religiöse Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens sollen integrativer Bestandteil in allen Fächern sein. Ein separater Religionsunterricht ist, wie bereits dargestellt, entbehrlich.

Der Sekundarbereich:

Ein sechsjähriger Unterricht in einer weiterführenden Schule (Sekundarstufe I) erweitert und vertieft das in der Primarstufe erarbeitete Fundament in den Fächern Deutsch, Mathematik, Geschichte, Philosophie, Physik, Chemie, Politik, Geographie, Biologie, Musik, Kunst und Sport. Zusätzlich erfolgt eine grundlegende Ausbildung in (mindestens) einer international bedeutenden Fremdsprache (i.d.R. Englisch).

Religiöse Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens sollen auch hier integrativer Bestandteil in allen Fächern sein. Dies gilt besonders für die Fächer Philosophie, Geschichte, Politik und Geographie. Ein separater Religionsunterricht ist hier ebenfalls entbehrlich.

Eine, wie heute vielfach verbreitet, gezielte Vorausbildung im Hinblick auf eine spätere Berufswahl unterbleibt, da es ein zentrales Ziel humanistischer Bildung ist, junge Menschen dazu zu befähigen, sich im Rahmen einer Berufsausbildung, in möglichst viele Bereiche entwickeln zu können. Bildungseinrichtungen sollen über Praktika Impulse für die Berufswahl vermitteln. Die wesentliche Beratungs- und Führungsrolle fällt in diesem Bereich dem Elternhaus zu.

Das Gymnasium:

Für eine leistungsorientierte Wissenschafts- und Industriegesellschaft ist es essentiell, Begabungen möglichst früh zu erkennen, zu fördern und zu entwickeln.

Diese jungen Menschen müssen, im Sinne einer positiven gesellschaftlichen Evolution, die Möglichkeit erhalten, sich so früh wie möglich in Richtung einer akademischen Ausbildung entwickeln zu können.

Das bewährte Instrument zur optimalen Entwicklung dieser jungen Menschen und ihrer Potentiale ist das Gymnasium.

Hier wird diesen jungen Menschen eine vertiefte humanistische Bildung zuteil.

Da diese Schulform auf das Einschlagen einer akademischen Laufbahn abzielt, ist die Ausbildung in (mindestens) einer Basissprache der abendländischen Kultur (i.d.R. Latein) vorzusehen.

Fazit:

Ich bin überzeugt davon, dass der zur Zeit vorherrschende, ökonomisch ausgerichtete, Bildungsprozess, an deren Ende Abschlusszeugnisse gleichsam als Statussymbole vergeben werden, den falschen Weg darstellt.

Er engt den Entwicklungsprozess des jungen Menschen unnötig ein und behindert diesen in der Möglichkeit zur optimalen Entfaltung seiner Potentiale.

Am Ende dieses „permanenten Beratungsprozesses“ kann schwerlich ein selbstständiges, kritisches und kreatives Individuum stehen.

Auch die aktuellen Übergangsquoten eines Grundschuljahrgangs an die Gymnasien von bis zu 60 lassen nicht den Schluss zu, dass dort noch „intellektueller Leistungssport“ betrieben werden kann.

Der stete Rückgang der Leistungsfähigkeit unserer jungen Erwachsenen wird zusehends von den Universitäten, wie auch von den Arbeitgebern im Allgemeinen, beklagt.

Er ist der sukzessiven Aushöhlung des humanistischen Bildungsideals in den letzten 40 Jahren geschuldet.

Die politische Unfähigkeit zur Erkenntnis und das Nicht-Eingestehen bildungspolitischer Fehler führt unser Bildungssystem aktuell geraden Weges in die Einheitsschule mit Individualbetreuung.

Dem gilt es, sich entschlossen entgegen zu stellen, da dieser Weg unweigerlich zum Verlust der gerade noch vorhandenen internationalen Leistungsfähigkeit führen wird und man damit gleichzeitig die Axt an die Wurzel unserer Gesellschaft legt.

12. März 2013, Dieter Fischbach

 

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Wirtschaft und Soziales


Happy_HumanDas Folgende wurde unter der Leitung von Bernd Scherf  erarbeitet:

1.) Die Humanisten sehen in der Marktwirtschaft die einzige Form vernünftigen Wirtschaftens. Die Marktwirtschaft ist die einzige Wirtschaftsordnung, die mit individueller Freiheit vereinbar ist. Gleichzeitig hat die Marktwirtschaft immer wieder deutlich gemacht, dass nur sie allgemeinen Wohlstand begründen kann.

2.) Eine konsequente Ausrichtung an der Marktwirtschaft bedeutet nicht, den Interessen der Mächtigen der Wirtschaft zu Diensten zu sein. Vielmehr ist die Marktorientierung das Eintreten für den Wettbewerb und das Zurückdrängen von Monopolisierung und Kartellbildung. Es gilt heute mehr denn je die Aussage von Walter Eucken: „Die Wirtschaftspolitik der Wettbewerbsordnung unterscheidet sich  von einer Politik der Freien Wirtschaft mehr, als sich die Wirtschaftspolitik der Freien Wirtschaft von der Zentralverwaltungswirtschaft in den letzten Jahrzehnten unterschied“.  Ziel marktwirtschaftlicher Politik ist nicht die Pflege der oligopolistischen Marktordnung, sondern der Einsatz für eine Marktwirtschaft, die sowohl von staatlicher Willkür wie von privater Wirtschaftsmacht frei ist.    

3.) Die Marktwirtschaft ist die Wirtschaftsordnung, die ein Maximum an Wohlstand generieren kann. Zweifelsfrei hat die Entwicklung der Wirtschaft in den letzten zweihundert Jahren auch soziale Verhältnisse hervorgebracht, die zu Recht Kritik und den Wunsch nach Verbesserung laut werden ließen. Die Notlage der Arbeiter, die Marx eindringlich und richtig schilderte, ist von ihm unrichtig erklärt worden. Der große Irrtum in der Analyse von Marx ist die Tatsache, dass er die Marktformen ignorierte. Nicht die Trennung der Menschen in Eigentümer von Produktionsmittel und arbeitsuchenden Menschen ist die Ursache, sondern dass die Arbeitgeber, denen die Maschinen gehörten, in monopolistischen Marktformen nachfragten.

4.) Häufig wird die ungleiche Einkommensentwicklung der letzten Jahre beklagt. Es ist deshalb zu beachten, dass zwischen Leistungsentgelt und der wirtschaftlichen Aktivität eine positive Korrelation besteht. Bei einer sehr gleichmäßigen Einkommensverteilung würde das Volkseinkommen geringer sein als bei einer ungleichmäßigeren, sofern sich die Ungleichmäßigkeit in jenen Grenzen hält, die von der Leistungsmotivation gedeckt sind. Eine hohe Wachstumsrate ist nur um den Preis einer ungleichmäßigeren Einkommensverteilung zu haben, eine gleichmäßigere kostet Wachstum (Soziale Gleichheit gibt es nur im Elend!.) Ökonomische Ungleichheit ist unter einer Bedingung zu akzeptieren: Sie muss sich zum größtmöglichen Vorteil für die am wenigsten begünstigten Gesellschaftsmitglieder auswirken. (Vgl. John Rawls, Differenzprinzip).   Die Förderung der sozial Benachteiligten muss absolut gesehen werden und nicht relativ.

5.) Im Sinne der sozialen Gerechtigkeit  ist eine Steuerprogression zu begrüßen. Sie soll den Verteilungsprozess im Rahmen der Wettbewerbsorientierung korrigieren. Um die Wettbewerbsordnung zu erhalten, ist es nötig, die Progression zu begrenzen. So notwendig die Progression unter sozialem Gesichtspunkt ist, so notwendig ist es zugleich, durch die Progression nicht die Leistungsbereitschaft zu gefährden.

6.) Für die Humanisten sind Vollbeschäftigung und solide Staatsfinanzen grundlegende Ziele. Deshalb ist mittelfristig eine deutliche Senkung der Staatsverschuldung anzustreben. Die Schuldenbremse ist hierzu ein bedeutsamer Anfang. Dass kurzfristige mit Schulden finanzierte Konjunkturprogramme keineswegs für eine nachhaltige Verbesserung der Vollbeschäftigung sorgen, sondern vielmehr langfristig zu einer Strangulation des Staates führen, hat die Schuldenkrise in der EU überdeutlich gezeigt. Die Humanisten versprechen sich durch eine vitale Marktwirtschaft eine bessere Wirkung für die Erwerbsquote.

7.) Die Humanisten begrüßen im Grundsatz Arbeitnehmerschutzrechte. Es ist aber im Einzelfall zu überprüfen, inwieweit diese einen Beschäftigung hemmenden Effekt erzielen. (in Spanien hat das Schutzrecht für junge Arbeitnehmer dafür gesorgt, dass Spanien die höchste Jugendarbeitslosigkeit in der EU hat)

8.) Die Humanisten fordern ein klares und vereinfachtes Steuerrecht. Das gegenwärtige Steuerrecht ist wegen der Kompliziertheit nicht mehr zumutbar. Diese Kompliziertheit führt dazu, dass für gleiche Steuertatbestände von den Steuerberatern und den Finanzämtern verschiedene Lösungen ermittelt werden. Steuerberater dürfen nicht mehr Steuerrater sein. Es ist auch auf dem Gebiet des Steuerrechts Rechtssicherheit zu gewährleisten.

9.) Die Bilanzierung hat sich wieder verstärkt dem alten Grundsatz der Vorsicht zuzuwenden. Diese konservative Bilanzierung schafft stille Reserven und bietet einen gewissen Schutz gegen zu hohe Entnahmen. Sie schafft  Reserven in den Unternehmen und dient somit der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit.

10.) Es sind Vorkehrungen zu treffen, dass inflationsbedingte Einkommenserhöhungen nicht mehr zu automatisch von höheren Tarifen erfasst werden. Die sogenannte „kalte Progression“ ist eine stille und automatische Steuererhöhung. Sie ist wirksam zu begrenzen.

11.) Voraussetzung der Marktwirtschaft ist der Wettbewerb. Es sind Maßnahmen zu ergreifen, die den Wettbewerb sicherstellen bzw. für mehr Wettbewerb sorgen. Einer „vermachteten Wirtschaftsstruktur“ (Walter Eucken) ist entgegenzuwirken. Hierzu gehört auch die Förderung von Existenzgründungen.

12.) In der Marktwirtschaft sind Insolvenzen ein natürlicher Sachverhalt. Es ist durch ein entsprechendes Insolvenzrecht sicherzustellen, dass auch Großbanken in der Insolvenzverwaltung ihren systemnotwendigen Verpflichtungen nachkommen können.

13.) Aufgrund der demografischen Situation ist eine längere Lebensarbeitszeit nicht zu vermeiden. Es sind deshalb Anstrengungen zu unternehmen, um Arbeitnehmer länger in der Erwerbstätigkeit zu halten. Ein späterer Renteneintritt bei einem gleichzeitigen Verdrängen der älteren Arbeitnehmer durch ihre Arbeitgeber ist nicht länger hinzunehmen.

14.) Die Humanisten sind im Grundsatz gegen staatliche Beteiligungen an Großunternehmen. Aber im Gegensatz zur FDP ist dies kein unerschütterliches Dogma. Ein staatliches Engagement an einem Unternehmen kann im Sinne der Marktwirtschaft sein, wenn dieses Unternehmen nach einer Übernahme mit dem übernehmenden Unternehmen zu einem Monopol wird. Die Verhinderung von Monopolstrukturen ist im Interesse des marktwirtschaftlichen Systems wichtiger als die Herkunft des Eigenkapitals. Solange staatliche Unternehmen sich in Wettbewerbsmärkte einordnen und die Preisbildung auf den Märkten nicht durch staatliche Subventionen gestört ist, sind sie in der Wettbewerbsordnung erträglich.  

15.) Das Patentrecht ist zu reformieren. Es war Absicht, mit Patentrecht die technische Entwicklung zu fördern und den Erfinder zu schützen. Die Geschichte hat gezeigt, dass das Patentrecht eine starke Tendenz zur Monopolbildung und zur Konzentration ausgelöst hat. Patentinhaber sollten verpflichtet sein, die Benutzung einer Erfindung gegen eine angemessene Lizenzgebühr jedem ernsthaften Interessenten zu gestatten. In Bezug auf lebenswichtige Medikamente in ärmeren Ländern hat sich eine internationale Debatte über den Patentschutz entwickelt. So kämpft die „Treatment Action Campaign“ (TAC) in Südafrika für mehr Wettbewerb auf dem Pharmamarkt. Sie fordert, dass die Märkte durch die Abschaffung des Patentschutzes für Anti-Aids-Medikamente für kleinere Pharmahersteller geöffnet werden. Tausende von Menschen sind in den letzten Jahren an Krankheiten wie Aids oder Malaria gestorben, weil die Oligopolgewinne die lebenswichtigen Medikamente unbezahlbar gemacht haben. Die Versorgung der Kranken würde besser aussehen, wenn auf dem Pharmamarkt ein echter Wettbewerb herrschte.

16.) Tausende von unabhängigen Saatgutunternehmen sind in den letzten Jahrzehnten verschwunden. Millionen von Landwirten wird das Recht genommen, ihr eigenes Saatgut weiter zu vermehren und damit Vielfalt zu sichern. Immer weniger Oligopole entscheiden über Ernährungsgrundlagen, von denen die Menschheit abhängt. Es ist zu prüfen, ob hier eine Reform des Sortenschutzrechtes Abhilfe schaffen könnte.

17.) Keine Zwangsmitgliedschaft in der IHK

18.). Keine Verschwendungen in den öffentlichen Verwaltungen. (PCs müssen nicht jedes Jahr ausgetauscht  werden)

 

Das möchte ich noch anmerken, passt aber nicht genau in den Wirtschaftsteil.

1.) Die Humanisten stehen zu Europa. Für sie ist Europa ein Projekt zur Sicherung des Friedens, zum kulturellen Austausch und zur gemeinsamen Sicherung von Freiheit, Demokratie und Wohlstand. Sie sehen mit Besorgnis, dass die Bürokratie alle Lebensbereiche überwuchert. Hier ist Europa auf jene Position zurückzuführen, die es sich einst selbst verordnete. Die rhetorische Forderung nach Subsidiarität muss endlich ernst genommen werden. Es ist darauf zu dringen, dass nur jene Verordnungen umgesetzt werden, die nur überstaatlich geregelt werden können. Und die demokratische Selbstverständlichkeit, dass jede Bürokratie demokratisch zu legitimieren ist, muss auch für Europa gelten. Das europäische Parlament muss befähigt sein, eine gesamteuropäische Verwaltung oder Exekutive zu entlassen.

 




Katholische Kirchenaustrittserforschung


BrandmüllerAls atheistischer Kommentator fungiert Erwin Peterseil in http://www.atheisten-info.at/downloads/Kirchenaustrittserforschung.pdf.
Eine solche Kirchenaustrittserforschung war am 28.2.2019 auf kath.net zu finden, ein neunzigjähriger Kardinal wurde dazu von Armin Schwi-bach befragt. Das ist endlich wieder einmal ein Anlass, katholische Aussagen atheistisch zu kommentieren, der Text erschien untern dem Titel "Als Rebe im Weinstock bleiben" und begann mit einer entsprechenden Einleitung:

Fluctuat nec mergitur… Austritt aus der Kirche? Der eigentliche Ausstieg aus der Kirche geschieht im Ab-fall vom katholischen Glauben. Ein Gespräch mit Walter Kardinal Brandmüller. Rom (kath.net/as) Fünfundzwanzig Prozent mehr Kirchenaustritte: in Bayern verließen im Jahr 2018 rund ein Viertel mehr Katholiken und Protestanten ihre Kirchen, als dies im Vorjahr der Fall war. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm wollten sich zu diesen Zahlen, die aus 57 bayerischen Städten mit je mindestens 20.000 Einwohnern vorliegen, nicht äußern.

Der Kirchenaustritt hinkt in der BRD deutlich hinter dem österreichischen her, es ist schon längst Zeit, dass sich das endlich bessert!

Fünfundzwanzig Prozent weniger Christen mit "offizieller" Bindung an ihre Kirchen: trotz des auf der Welt ein-zigartigen deutschen Kirchensteuersystems und den damit verbundenen Widersprüchen erschreckende Zahlen. Und natürlich beginnt erneut die Suche nach "Gründen" für ein Phänomen, das in Deutschland in besonderer Wei-se empirisch messbar ist, denn: gewiss schwindet auch anderswo im Westen die Kirchenbindung, doch dies ist nur in Deutschland (und in Österreich und der Schweiz) mit steuerlich belegbaren Zahlen zu verfolgen. Denn nir-gendwo anders kann man aus der Kirche "austreten".

Ja, das staatliche organisierte Kirchenbeitragssystem gibt's tatsächlich nur in den drei angeführten Staaten, es gibt mehrere Möglichkeiten der Kirchenfinanzierung: die staatliche, die mittels einer allgemeinen Kultursteuer, mittels freiwilliger Beiträge, durch eigene Einkünfte, durch ausländische Hilfe, auf dieser Site wurde das schon vor länge-rer Zeit einmal zusammenfassend dargestellt, siehe "Kirchenfinanzierungsmethoden"1!

Besorgte Hirten und Ideologen: beide sind sie schnell bei der Hand, wenn es um die Darstellung von Gründen geht. Alte Themen wie Zölibat, Morallehre und Anspruch auf Wahrheit in einem universalen und absoluten Sinn: gern werden "Ursachen" in diesen zumeist politisch interessierten Bereichen verortet. Aber die Thematik bedarf einer breiter angelegten Herangehensweise, worüber wir mit dem Kirchenhistoriker Walter Kardinal Brandmüller gesprochen haben.

Das stimmt wohl, dass das kritische Verhältnis eines Großteils der Kirchenmitglieder zu diversen Lehrsätzen und Traditionen nicht unmittelbar zum Austritt führt, aber es führt zuerst einmal auf Distanz. Dazu kommt noch, dass die früher so weit verbreitete innerfamiliäre Glaubensweitergabe faktisch aufgehört hat, die berühmte Großmutter, die schon Kleinkinder gehirnwaschend katholizierte, gibt's kaum noch.

Eminenz, jenseits der Fragen nach den "Gründen" für den vor den deutschen Steuerbehörden vollzogenen "Aus-tritt" aus der Kirche stellt sich in erster Linie eine andere Frage: wer sind die Menschen, die diesen Schritt ge-hen? Und um dies zu verstehen drängt sich angesichts der neuen "apokalyptischen" Zahlen eine weitere Frage auf: wer sind die Menschen, die NICHT austreten? Brandmüller: Nun, das ist viel auf einmal gefragt! Sehen wir es der Reihe nach an! Zunächst: Wer sind die "Ausgetretenen"? Da sind nicht wenige, die nie zuvor im Leben eine bewusste Glaubens-entscheidung getroffen haben, die sich einfach vom einstmals katholischen Mainstream haben mittragen lassen. Nun vollziehen sie unter dem Eindruck kirchlicher Skandale nur öffentlich, was sie ohnehin längst praktiziert ha-ben, indem sie kaum am Leben der Kirche – Gebet, Sakramente, Sonntagsmesse – teilgenommen haben. Nun, da alle Welt von Skandalen in der Kirche redet, erklären sie vor dem Standesamt2 ihren Kirchenaustritt. In manchen Fällen führen Auseinandersetzungen rechtlicher, finanzieller Art, auch persönliche Ressentiments, Konflikte mit "dem Pfarrer" etc. zu diesem Entschluss.

Das ist richtig beobachtet, die Kindstaufe ist immer noch verbreitete Tradition, aber die religiöse Erziehung nimmer! Die Oma, die sonntags mit den Enkeln in die Kirche geht, ist eine Ausnahmeerscheinung. Das traditionelle religiö-se Leben beinhaltet heute Taufe, Erstkommunion, Firmung, Eheschließung, Begräbnis. Hingegen sind Gebet, Sa-kramente, Sonntagsmesse eher gelegentlich auftretende Sonderfälle. Konflikte mit dem Pfarrer werden Ausnahmefälle für Kirchenaustritte sein, der Austritt wegen der Kirchensteuer wird bei Herangewachsenen wahrscheinlich des öfteren die Geschäftsbeziehungen beenden.

In den Ländern deutscher Zunge ist es zudem die Kirchensteuer – deren Problematik wir hier aussparen – die, als odios empfunden, als Austrittsmotiv dient. Hinzu kommt religiöse Unkenntnis, geistige Orientierungslosigkeit, die es nicht wenigen unmöglich macht, kirchliche Verhältnisse zutreffend zu beurteilen. Durch den Kirchenaustritt wird nun amtlich festgestellt, was längst Lebenswirklichkeit ist.

"Odios" ist ein selten gebrauchtes Fremdwort und bedeutet "widerwärtig". Religiöse Unkenntnis kann's sein, aber im Sinne von "ist mir egal", Orientierungslosigkeit wird's wohl nicht sein, sondern Orientierung nach der Wirklich-keit, also Götter gibt's nicht. Und die Beurteilung kirchlicher Verhältnisse wird wohl im Austrittsfall eher richtig als falsch sein. Der letzte obige Satz trifft aber zu! Austritt und Lebenswirklichkeit hängen zusammen!

Der scharfe Wind, der derzeit durch den Baum "Kirche" fährt, fegt nur die längst verwelkten dürren Blätter hin-weg. Die Äste werden kahl. Wenn nur etwa 5% bis 10% der kirchensteuerzahlenden Katholiken am Sonntag den Weg zur Kirche finden, dann ist klar, wie viele von ihnen wirklich glauben und ihren Glauben leben.

Ja, die kirchliche Wirklichkeit mit Bäumen mit 90 bis 95 % verdorrten Blättern zu vergleichen, passt! Der 2. Satz müsste darum richtig so lauten: "Wenn nur etwa 5% bis 10% der kirchensteuerzahlenden Katholiken am Sonntag den Weg zur Kirche finden, dann ist klar, wie wenige von ihnen wirklich glauben und ihren Glauben leben".

Nun aber gibt es unter den "Ausgetretenen" gar manche, die ihren Kirchenaustritt aus ganz entgegengesetzten Mo-tiven vollziehen: es ist ihr Protest gegen einen in bürokratischen Strukturen verkrusteten Apparat, für dessen Funktionäre Glaubenswahrheit, sittliche Normen des Evangeliums, Sakramente und Anbetung Gottes, wenn über-haupt, sodann eine Nebenrolle spielen. Diese "Ausgetretenen" sind Menschen, die am Sonntag lieber eine Stunde mit dem Auto fahren, um eine würdig gefeierte heilige Messe zu erleben. Damit sind wohl im Wesentlichen die Austrittsmotive genannt.

Na, diese Art von Ausgetretenen werden wohl eine leicht abzählbare Menge sein. Warum sollten sie überhaupt austreten? In eine andere Kirche mit einem anderen Pfarrer zu fahren, um eine "würdig gefeierte heilige Messe zu erleben", das braucht doch keinen Kirchenaustritt!

Was kann man unter "Austritt" verstehen, das heißt: welche Art von Willenserklärung? Zweifellos: die Gläubigen werden immer weniger, die Kirchen immer reicher mit immer größeren Einnahmen. Ist nicht letztlich auch das ein Grund für eine verkehrte Wahrnehmung der Kirche? Und dann: Wie würden sie das Kirchenverständnis dessen beschreiben, der sich zu einem "Austritt" entschließt? Ist es möglich, hier etwas zu verallgemeinern? Woran scheiterte die Kirche in den vergangenen 60 Jahren bei der Vermittlung des Kirche-Seins? Brandmüller: Im Grunde geht es hier um die Frage "Was ist Kirche?". Im landläufigen Verständnis eine Art NGO mit religiös-folkloristisch-caritativen Programm? Keine Frage: Wenn mir an einer solchen NGO etwas nicht passt, dann gehe ich eben. Aber Kirche ist doch etwas ganz anderes! In eindrucksvoller Weise beschreibt die Konstitution des II. Vatikani-schen Konzils "Lumen Gentium" die Kirche als "Hausgemeinschaft" Gottes, "Volk Gottes", "Leib Christi" – kurz-um: nicht ein Gebilde von Menschenhand, sondern Werk und Werkzeug Jesu Christi zur Erlösung der Menschheit, des Universums. Schiff des Fischers Petrus ist sie auch, um den stürmischen See zu überqueren. Natürlich kann einer da aussteigen…

Auf die Feststellung in der Frage, die r.k. Kirchen verliert Gläubige, wird aber immer reicher, sagt der Herr Kardinal gar nichts. Das ist eben auch eines der Grundprobleme: ständig von Nächstenliebe zu reden, aber keine wahr-nehmbaren eigene Gelder dafür beisteuern. Und heucheln: da werden dann kirchliche Spitäler oder Pflegestätten zu christlichen Nächstenliebeeinrichtungen, obwohl sie mit öffentlichen Geldern und Geldern der Nutzer finanziert werden. Und die angeführten Selbstdefinitionen der r.k. Kirche als göttliches Gebilde zur Erlösung des Universums sind ja schon länger immer weniger wahr, weil immer mehr Menschen das Ganze als das wahrnehmen, was es ist: als Tand von Menschenhand! 

Überdies: Der eigentliche Ausstieg aus der Kirche geschieht im Abfall vom katholischen Glauben. Das aber hat dann nichts mehr mit dem Kirchensteueramt zu tun, sondern mit dem lebendigen Gott. Natürlich kann einer diesen Schritt tun. Aber mit welchen Konsequenzen! Jesus sagt – so das Johannesevangelium Kapitel 15 – "Ich bin der wahre Weinstock, ihr seid die Reben…" Nur wenn sie mit dem Weinstock verbunden ist, kann aber die Rebe Frucht bringen. Wenn sie aber vom Weinstock getrennt wird, verdorrt sie und wird verbrannt Und nun meint der heilige Augustinus: "Eines von beiden kommt der Rebe zu, entweder der Weinstock oder das Feuer. Wenn sie nicht im Weinstock ist, muss sie im Feuer sein; damit sie also nicht im Feuer sei, möge sie im Weinstock sein…" Verstehen Sie jetzt, dass ich gar nichts anderes kann als in der Kirche, als Rebe im Weinstock zu bleiben? Und das allen Skandalen zum Trotz.

Der Beitritt zur Kirche erfolgt in aller Regel nicht durch eine freie Entscheidung, sondern durch die Taufe als Baby. Ob den Heranwachsenden dann der Glaube tatsächlich eingeredet werden kann, wird von Fall zu Fall verschieden sein, in der heutigen Welt wird das immer schwieriger, weil die berühmten Motiven für religiösen Glauben, die Karl Marx aufgezählt hat, immer weniger werden, das religiöse Elend ist in unseren Breiten durch die Verbesserung der Lebensumstände immer weniger der Ausdruck wirklichen Elends, Religion ist nimmer der Seufzer der bedrängten Kreatur und in den Sozialstaaten mit sozialen Rechten nimmer das Gemüt einer herzlosen Welt, die geistlosen Zu-stände haben sich durch die Entwicklung des Wissens stark reduziert, die Religion ist nimmer das Opium des Vol-kes, da zudem ja auch die Esoterik diesbezügliche Kunden wegschnappt. Der Abfall vom katholischen Glauben durch Kirchenaustritt entsteht darum zuerst einmal aus dem Mangel an diesem Glauben und dann aus der fehlen-den Verbundenheit mit dem organisierten Glauben, lebendige Götter und lebendige Weinstöcke sind eben heutzu-tage Angebote mit ansteigend sinkender Nachfrage. Dass ein alter Kardinal nicht aus der Kirche austritt, sondern im Weinstock bleibt, ist allerdings nachvollziehbar, ein Beamter im Ruhestand kündigt schließlich auch nicht…

Eminenz, vor kurzem konnten Sie Ihren 90. Geburtstag feiern und auf ein reiches und bewegtes Leben als Pries-ter, Professor, Historiker im Dienst des Heiligen Stuhls, als Bischof und Kardinal zurückblicken, dem unerwartet in einem Alter noch besondere Verantwortung zuteil wurde, in dem andere einfach ihr Pension genießen. Gerade der Historiker jedoch zeichnet sich durch einen breit angelegten Blick aus, der sich von Relativitäten des Moments nicht so leicht beeindrucken lässt. Was sagt uns der Historiker zur aktuellen Wirklichkeit und zu den notwendigen Reinigungsprozessen und Prozessen der Umkehr?

Wenn man nicht nur Kirchengeschichte studiert, sondern auch zwanzig Jahre im Zentrum des Geschehens gelebt und Verantwortung getragen hat, dann hat man nicht nur viel selbstlosen Dienst, Frömmigkeit und Glaubenstreue erlebt, sondern auch viel Schlimmes. Da hat man gelernt, in, an und mit der Kirche zu leiden. Aber "austreten"? Das hieße existentiell ins Nichts zu fallen – und das, im Augenblick des Todes für ewig…

Ein Kardinal müsste eigentlich auch an die katholische Drohbotschaft von der ewigen Verdammnis glauben. Kardi-nal Brandmüller hat jedoch offenbar vorsichtshalber diese Verdammnis bereits abgeschafft, er fiele als vom Glau-ben Abgefallener bloß existentiell ins Nichts und nimmer ins ewige Höllenfeuer. Aber das tun wir ja alle, wenn wir tot sind, dann geht es uns so wie vor unserer Geburt: wir existieren nicht. Aber nachdem uns die Nichtexistenz vor unserer Geburt egal war, wird uns auch die Nichtexistenz nach unserem Tod egal sein, wir haben damals nichts davon gewusst und werden auch als Tote nichts davon wissen. Gutes und Schlimmes erleben wir nur im Leben.

Was mich – nebst nicht wenig anderem – dennoch mit Zuversicht erfüllt, ist die wachsende Schar junger Leute, die in voller Kenntnis der gegenwärtigen Skandale und Probleme entschlossen sind der Kirche, dem Herrn als Priester oder im Ordensstand zu dienen. Sie wissen oft aus Erfahrung, dass der kirchliche Apparat sie mit Misstrauen, ja Abneigung betrachtet. Sie haben erlebt, dass aus dem Priesterseminar entlassen wurde, wer den Rosenkranz betete etc. So sind in den letzten Jahrzehnten geistliche Gemeinschaften entstanden, besonders in Frankreich, die in entschie-dener Treue zum Glauben der Kirche dienen wollen. Der Heilige Geist ist am Werk – auch heute. Das Wappen der Stadt Paris zeigt ein Schiff auf hochgehenden Wogen der Seine. Dahinter die Devise: Fluctuat nec mergitur – von den Wogen hin und hergeworfen – das Schiff geht nicht unter! Wie viel mehr gilt das von der Kirche!

Aha, der Herr Kardinal hat Wundererscheinungen, eine wachsende Schar junger Leute, die Priester oder Ordens-leute werden wollen! Es verteilt sich unterschiedlich, während es in den Gebieten mit funktionierenden Sozialsys-temen sinkende Priesterzahlen gibt, steigen die Priesterzahlen dort, wo noch Nachfrage nach dem Opium des Vol-kes besteht. Insgesamt steigt allerdings die Zahl der Katholiken pro Priester. Wer sind die Rosenkranzbeter, die aus dem Priesterseminar entlassen werden? Googeln wir einmal danach! War nix zu finden! Also weiter mit der Schlusspointe! "Fluctuare" heißt "schwanken", aber auch "dahintreiben", "mergere" heißt "versenken", aber auch "eintauchen", "versinken", "ertrinken". Somit: die r.k. Kirche schwankt und treibt dahin, sie versinkt aber vorläufig noch nicht. Wird wohl noch ein Weilchen dauern! In Österreich waren 1951 noch 89 % der Einwohner Mitglieder der katholischen Kirche, 1991 waren es noch 78 %, 2001 noch 73,6 %, 2011 noch 64,3 % und 2018 nur noch 57 %. Die Verlustrate lag bis 1991 bei 0,275 % pro Jahr, bis 2001 bei 0,44 %, 2011 bei 0,93 % und liegt aktuell bei ei-nem Prozent. In der BRD war der Rückgang des Bevölkerungsanteils von 1950 bis 1990 von 46,1 auf 42.2 %, also pro Jahr um nur knapp 0,01 %, ab 1991 gab's die neue BRD samt DDR, da lag der katholische Bevölkerungsanteil wegen der Religionsstruktur in der DDR bei nur noch 35,1 %, 2001 waren es 32,4 %, also ein jährlicher Rückgang von 0,27 %, 2011 lag der Bestand bei 29,9 %, das ist ein jährliches Minus von 0,25 %, aktuell sind es pro Jahr 0,3 %. Die BRD hat somit immer noch großen Aufholbedarf, das anfangs geschilderten Plus von 25 % in Bayern, ergäbe ins-gesamt ja auch nur einen Anstieg des Jahresminus auf 0,375 %, da liegt Österreich beim Versenken des katholi-schen Kirchenschiffes fast dreimal besser! 2016 wird weniger als Hälfte der Bevölkerung katholisch sein, um 2050 wird der Anteil unter 25 % liegen. Die BRD wird sich bis dahin wohl auch außerhalb des ehemaligen Staatsgebie-tes der DDR säkular verbessert haben. Durch die niedrigen Zahlen im DDR-Gebiet liegt die Summe der Mitglieder bei den beiden christlichen Großkirchen zurzeit bei etwa 54 %, also niedriger als in Österreich, da ist diese Summe immer noch im 60%-Bereich… Warum es diese Entwicklung gibt, kann natürlich ein Kardinal nicht ermitteln, er glaubt ja vermutlich wirklich an sei-nen dreifaltigen Gott. Die wachende Säkularisierung in den europäischen Ländern kann durch die Religionsge-meinschaften nicht mehr abgestoppt werden, denn das läuft nicht einmal mehr gegen die Religionsgemeinschaf-ten, sondern neben ihnen! Kurz gesagt: die Religionen werden den Leuten einfach zunehmend wurschter und da-gegen helfen keine religiösen Verkündigungen!

1https://www.atheisten-info.at/downloads/kfm.pdf

2 in der BRD machen die Standesämter das, was in Österreich die Bezirkshauptmannschaften und Magistrate tun




Ben Rhodes: „IM WEISSEN HAUS – Die Jahre mit Barack Obama“


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Rezension von Gerfried Pongratz:

Im Mai 2007 erreicht den 29jährigen schreib- und redebegabten „Master of Creative Writing“ Ben Rhodes das Angebot, in Barack Obamas Wahlkampfteam als Redenschreiber anzuheuern. Und damit beginnt für den ambitionierten jungen Mann ein intellektuelles und persönliches Abenteuer, das ihn ins Zentrum der US-Macht katapultiert, in komplexe politische Vorgänge und schwierigste Entscheidungsfindungen einbindet und ihm später als Sicherheitsberater sowie engem Mitarbeiter und Vertrauten von Barack Obama hohe Verantwortung überträgt.

Kaum ein anderer kann die Welt so sehr mit meinen Augen sehen wie Ben…“ (Barack Obama).

Acht Jahre sah und erlebte Ben Rhodes in Spitzenpositionen hautnah mit, wie nationale und internationale US-Politik funktioniert und was in Obamas Präsidentschaft gut gelang, oder katastrophal misslang. Das Buch bietet tiefe Einblicke in die administrativen Vorgänge hinter den Kulissen und in die Abläufe politischer und wirtschaftlicher Prozesse der Regierungsarbeit; es vermittelt Insider-Hintergrundwissen und verdeutlicht dabei auch die Grenzen der Machbarkeit im politischen Geschehen.

Ein Buch, das anregt, aufregt und gleichzeitig deprimiert. Es beschreibt, wie ein hochintelligenter, charismatischer junger Präsident, auf dem die Hoffnungen der Welt ruhen, aus „Sachzwängen“ sein Ziel, eine gerechtere, friedvollere Welt zu ermöglichen, immer mehr aus den Augen verliert. Den Großteil seiner Zeit muss er damit verbringen, unzählige Blockaden und Hindernisse zu überwinden, täglich neu auftretende politische und/oder wirtschaftliche Krisen zu meistern und dabei Entscheidungen treffen, die seiner politischen Agenda entgegenstehen und seinem Naturell widerstreben. Die Notwendigkeit, verschiedenste gleichzeitig ablaufende Vorgänge im Auge zu behalten, dazu auch immer wieder auftauchende Absurditäten des politischen Alltags zu bewältigen und die häufige Erfordernis, Maßnahmen mit oftmals dramatischen Auswirkungen kurzfristig in die Wege zu leiten, führen zu ungeheurem Druck, der ständig auf dem Präsidenten und seinen engsten Mitarbeitern lastet – Ben Rhodes Bericht lässt ihn einfühlsam erahnen.

Barack Obamas Präsidentschaft war von Anfang an damit belastet, bzw. beschäftigt, den innen- und außenpolitischen Scherbenhaufen seines Vorgängers George W. Bush aufzuräumen, auf „ererbte“ Krisen und Fehlentwicklungen (Irak, Afghanistan, al-Qaida, IS etc.) angemessen zu reagieren und gleichzeitig auch die 2008 ausgebrochene globale Wirtschaftskrise zu bewältigen. Das Buch bietet ein buntes Kaleidoskop aller bedeutsamen Vorgänge in Obamas Regierungszeit. Es gliedert sich in vier große Teile, die markante Abschnitte der beiden Amtsperioden Obamas beschreiben und dabei auch die zahlreichen Widersprüchlichkeiten, Fehlentscheidungen, Versäumnisse und Fehlschläge nicht ausklammern. Oft ging es nur darum, Fehlentwicklungen zu beenden, Schäden zu begrenzen, wobei von Obama geplante, großangelegte Reformen von der Opposition und diversen Medien mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln (Intrige, Häme, Verleumdung, Unwahrheiten) wütend bekämpft, bzw. – siehe Gesundheitsreform – behindert wurden.

Zusätzlich zum politischen Geschehen vermittelt das Buch gute Einblicke in die Werkstatt von Redenschreibern, speziell in die Arbeit von Ben Rhodes. Große, wichtige Reden werden über Monate vorbereitet und erfordern ausgedehnte Recherchen sowie komplizierte Feinabstimmungen mit verschiedenen politischen Institutionen und politischen Akteuren; jedes Wort muss auf implizite Inhalte und mögliche Fehlinterpretationen geprüft werden. Ben Rhodes verfasste nahezu alle großen Reden Obamas; sie wurden im Ausland überwiegend positiv bis begeistert aufgenommen, zu Hause aber scharf kritisiert und negativ bewertet. Obamas Regierungszeit war davon gekennzeichnet, dass ihm von Anfang an eine gnadenlose, extrem gehässige Opposition gegenüberstand, die auch nicht davor zurückschreckte, ihn mit Hilfe feindlich gesinnter Massenmedien (z.B. Fox News) persönlich zu diffamieren, zu verleumden („er ist kein Amerikaner“) und als entscheidungsunfähig darzustellen. Gleichzeitig unternahm sie alles erdenkbar Mögliche, seine Pläne und Vorhaben mit populistischer Propaganda zu verunglimpfen und mittels juristischer und politischer Blockaden zu verhindern, bzw. zu verzögern.

Ben Rhodes, der darunter litt, Monate fern seiner Familie leben und ständig – rund um die Uhr – erreichbar sein zu müssen, wurde nach und nach ebenfalls zur Zielscheibe oppositioneller Angriffe und bösartiger Unterstellungen. Als „Obamas Schmierfink“ und „Lügenverbreiter“ wurde er in Hasskampagnen attackiert und in absurde Verschwörungstheorien mit einbezogen, was den Verlust von Lebensfreude zur Folge hatte und negative persönliche Veränderungen auslöste („Ich zog mich in mich selbst zurück, entfernte mich von Freunden und Kollegen… konnte nicht einschlafen… trug tiefen Groll mit mir herum…“ S. 334). Er dachte mehrmals daran, den Job zu quittieren; nur das Vertrauen Obamas („Sie sind nicht nur ein Berater, Sie sind ein Freund“ S. 273) und die stark empfundene Verpflichtung, ihm, und damit auch dem Land zu dienen, ließen ihn ausharren und selbstausbeuterisch weiterarbeiten.

Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem sprengen, auch nur ansatzweise alle im Buch beschriebenen Vorgänge in und um Obamas Regierungszeit darzustellen. Der auf Obama ständig ausgeübte Druck von Partnern und Verbündeten, in diverse Krisen militärisch einzugreifen und die von ihm selbst gefühlte Verpflichtung, kriegerischen Entwicklungen, bis hin zur Verhinderung von Genoziden, militärisch zu begegnen, bestimmten seine außenpolitische Agenda. Die dabei erlittenen Niederlagen sowie auch die zahlreichen vergeblichen Versuche, Eskalationen (z.B. in Syrien) zu befrieden und militärische Einsätze zu vermeiden, bzw. zu beenden, führten zu großen persönlichen Enttäuschungen (und negativen Reaktionen der Bevölkerung), die seine Amtszeit mehr und mehr überschatteten (und ihn einsam werden ließen) – von vielen politischen Beobachtern, in vielen Kommentaren und Beurteilungen, wird die Regierungszeit Obamas, gemessen an seinen Ankündigungen und Vorhaben, zwiespältig bis negativ gesehen. (Anmerkung des Rezensenten: Im Hinblick auf das Agieren seines Nachfolgers könnte er aber als „Lichtgestalt“ gelten).

Das Buch liest sich flüssig, auch unterhaltsam. Die Beschreibung bedeutsamer Begebenheiten und dramatischer Vorfälle, aber auch von kritischen Reflexionen zur eigenen Rolle im oft desillusionierenden Geschehen besitzt literarisches Niveau. Leider verliert sich der Text manchmal in Details und Nebenschauplätze, eine deutliche Kürzung und Beschränkung auf die allerwichtigsten Ereignisse und Akteure hätte ihm gut getan. Trotz dieses Vorbehalts bietet das Buch zeitgeschichtlich und politikwissenschaftlich Interessierten sehr informative Lektüre mit einer großen Fülle an Einsichten, Hintergrundinformationen und einem – aus „Obama naher“ Sicht – spannenden Blick auf die Welt.

 

Ben Rhodes: „IM WEISSEN HAUS – Die Jahre mit Barack Obama“

© Verlag C.H.Beck, München, 2019, ISBN 978-3-406-73507-3, 576 Seiten.

 

Dr. Gerfried Pongratz 2/2019




Die letzte Ausfahrt II


Im ersten Teil dieses Beitrags (Das Individuum als selbst bestimmtes Wesen) wurde die Frage abgehandelt, welche Einschränkungen aus humanistischer Sicht für die Freiheit des Individuums akzeptabel sind und welche nicht. Freitod ist nicht strafbewehrt, den Kandidaten, die bei ihrem Versuch scheitern, wird allenfalls eine psychiatrische Behandlung angeboten, verbindlich ist sie nicht. Die katholische Klassifizierung (Selbstmord ist Sünde) kommt bereits deshalb nicht in Betracht, da der Begriff „Sünde“ für einen Humanisten eine inhaltsleere Floskel darstellt, die allenfalls der Disziplinierung richtungsloser Schäfchen dient. Somit gehört der Freitod zum Selbstbestimmungsrecht des Menschen ebenso wie die Entscheidung, ihn zu unterlassen. Moralisch gesehen ist beides gleichwertig.

Die Fragestellung kompliziert sich allerdings, wenn sich der Kandidat aus psychischen oder physischen Gründen nicht in der Lage sieht, seinen Entschluss in die Tat umzusetzen – wenn er mithin Hilfe benötigt. Das Thema der Sterbehilfe schwelt seit vielen Jahren unter der Oberfläche der öffentlichen Meinung dahin und kommt allenfalls an die Oberfläche, wenn es gilt, über einen spektakulären Fall zu berichten, oder wenn – wie gerade in der Schweiz – über die Zulässigkeit vom Wähler abgestimmt wird.

Unbestritten scheint heute in aufgeklärten Teilen der Bevölkerung zu sein, dass es möglich sein muss, ein humanes Sterben zu ermöglichen, es sei denn man akzeptiert Schmerzen und Pein als Strafe eines Gottes. Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS, siehe „Freunde“) bemüht sich seit vielen Jahren mit großem Einsatz, Verbesserungen zu erwirken. Dazu gehört unter anderem die so genannte Patientenverfügung, die es ermöglichen soll, exakte Instruktionen zum Beispiel für die Abschaltung von Apparaturen in der Intensivmedizin zu geben, damit der Sterbeprozess nicht unnötig hinausgezögert wird. Ebenso macht sich die DGHS aber auch mit zunehmenden Erfolgen für einen weiteren Ausbau der in Deutschland noch unterentwickelten Palliativmedizin stark. Beide Initiativen werden in der Öffentlichkeit inzwischen weitgehend unterstützt, allerdings noch nicht sonderlich mit Spendengeldern bedacht. Offensichtlich spenden die Bürger noch immer lieber für Flutopfer in Pakistan, als dass sie ihrer eigenen Zukunft etwas Gutes tun.

Die Tätigkeiten der DGHS gehören eindeutig nicht in den Bereich der aktiven Sterbehilfe. An dieser Stelle muss außerdem genauestens zwischen „aktiv“ und „passiv“ unterschieden werden. Aktive Sterbehilfe gehört in den Bereich „Tötung auf Verlangen“ und diese wird strafrechtlich geahndet. Als gutes Beispiel für die Handhabung können wir die Schweiz heranziehen.

Gerade wurde in Zürich am 15. Mai über 2 Initiativen abgestimmt, die mit diesem Thema zu tun haben. Es geht um Menschen, die keinen Sinn mehr im Weiterleben erkennen und nur noch einen Ausweg sehen: Nämlich physische Leiden, Angst vor Leiden oder einer Krankheit, die die Selbstbestimmung und die Würde des Menschseins ausmacht, nicht zu akzeptieren. Im Kanton Zürich hatten nunmehr zwei Parteien EDU (Eidgenössische Demokratische Union) und EVP (Evangelische Volkspartei) aus religiösen Erwägungen zwei Initiativen gestartet:

Der Text dazu: "Jede Art von Verleitung oder Beihilfe zum Selbstmord soll in der ganzen Schweiz verboten werden". Dazu schreibt der Tagesanzeiger nach der Abstimmung: "Die beiden Vorlagen gegen die Sterbehilfe im Kanton Zürich waren chancenlos. Bei beiden Vorlagen erlitten die EDU und EVP Schiffbruch“. Ein EDU-Kantonsrat zeigte sich enttäuscht über dieses Resultat, „weil sich nicht mehr Zürcher für die Werte der Bibel und Gottes Wort ausgesprochen hätten". Die Kommentare zur abgelehnten Initiative dringen natürlich auch in entsprechend orientierte Publikationen in Deutschland und Österreich vor. So lässt kath.net den italienischen Kardinal Sgreccia zu Wort kommen: „Töten ist kein Recht, sondern ein Verbrechen“. Offensichtlich ist ihm der Unterschied zwischen passiver und aktiver Sterbehilfe unbekannt geblieben.

Zu den obgenannten zwei Initiativen darf man Folgendes wissen. Simbo berichtet: Wir haben in der Schweiz zwei Vereine, "Exit" und "Dignitas". Beide setzen sich für Sterbehilfe ein und sind bereit, sterbewillige Menschen bei diesem Schritt zu begleiten. Allerdings ist zwischen den beiden Vereinen ein frappierender Unterschied festzustellen:

Bei Exit (ca. 55.000 Mitglieder schweizweit) muss man Mitglied und in der Schweiz wohnhaft sein, um in den Freitod begleitet zu werden. Der Wunsch des Patienten ist dort oberste Priorität. Das Mitglied kann verlangen, Vorbereitungen für eine Freitodbegleitung einzuleiten. Ab diesem Moment kann die sterbewillige Person selbst bestimmen, ob und wann sie eine Freitodbegleitung in Anspruch nehmen will. Die Inanspruchnahme von Freitodhilfe ist in der Schweiz erlaubt und legal. Der sterbewillige Mensch muss aber den letzten Schritt "Trinken des Barbituratgemischs" oder "Öffnen des Infusionshahns" selber vornehmen können. Und: der Sterbewillige kann den Vorgang jederzeit abbrechen (es ist zu beachten, dass aktive Sterbehilfe auch in der Schweiz verboten ist). Das Motto des Vereins stammt von  Hermann Hesse: "Was den freiwilligen Tod betrifft: ich sehe in ihm weder eine Sünde noch eine Feigheit. Aber ich halte den Gedanken, dass dieser Ausweg uns offen steht, für eine gute Hilfe im Bestehen des Lebens und all seiner Bedrängnisse".

Der zweite Verein (der Name Dignitas will nicht so recht passen, jedenfalls für mich nicht, sagt Simbo) wurde in der Schweiz vor allem "berüchtigt" dadurch, dass hier so genannter "Sterbetourismus" betrieben wird, d.h. es kommen viele Menschen aus anderen Ländern, um sich hier helfen zu lassen, um zu "sterben". Dem Chef, Herrn Ludwig Minelli (Jurist kein Arzt), wird oft vorgeworfen, sich zu bereichern (bei Exit ist das z.B. nicht der Fall). Doch vor allem die "Methoden" bei diesem Verein sind zum Teil höchst umstritten. So bietet Dignitas auch Helium + Plastiksäcke an, falls sie kein Rezept für Barbiturate erhalten. Da stülpen sich also Menschen Plastiksäcke über den Kopf und drehen den Hahn zur Helium-Flasche auf. Auch dass er Menschen auf Parkplätzen sterben ließ, weil kein entsprechendes Lokal oder eine Wohnung vorhanden waren, stößt bei vielen auf Unverständnis. Und es war sogar die Rede davon, dass in diesem Verein sogar psychisch kranken Menschen zum Suizid verholfen wurde, oder gar Druck ausgeübt wird, falls sich ein Mensch im letzten Moment doch nicht für die Selbsttötung entschließen konnte.

Man sieht, dass es selbst im Bereich der passiven Sterbehilfe erhebliche Auffassungsunterschiede zu notieren gilt, vor allem wenn in die Grauzone zur „Tötung auf Verlangen“ vorgestoßen wird. Auf Yahoo Clever gibt ein Kommentator eine Erklärung zum Thema ab, die ich hier wiedergebe:

Selbstmord und Beihilfe zum Selbstmord sind nicht strafbar. Dagegen wird die Tötung auf Verlangen nach § 216 StGB mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.
Die Abgrenzung zwischen Beihilfe zum Selbstmord und Tötung auf Verlangen richtet sich nach der "Tatherrschaft". Flößt der Partner dem Lebensmüden die Tabletten ein oder verabreicht er ihm die erlösende Spritze, hat der Partner die Tatherrschaft, er wird dann wegen Tötung auf Verlangen bestraft. Nimmt dagegen der Lebensmüde die von dem Partner besorgten Tabletten selbst ein, hat der Lebensmüde die Tatherrschaft und der Partner bleibt straflos.
Das gilt aber nur, wenn der Lebensmüde geistig gesund ist und frei verantwortlich handelt. Ist er dazu z.B. aufgrund von Depressionen nicht mehr in der Lage, hat der andere die Tatherrschaft, selbst wenn er nur die Tabletten besorgt hat.
Unabhängig davon hat der Bundesgerichtshof bisher angenommen, dass die Tatherrschaft in dem Augenblick auf den anderen übergeht, in dem der Lebensmüde bewusstlos wird. Das gilt nach der bisherigen Rechtsprechung als Unglücksfall, bei dem jedermann helfen muss. Leiten hinzukommende Fremde keine Rettungsmaßnahmen ein, werden sie wegen unterlassener Hilfeleistung nach § 323c StGB mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. Unterlassen die Partner oder der behandelnde Arzt Rettungsmaßnahmen, werden sie – je nachdem, ob der Lebensmüde eigenverantwortlich gehandelt hat oder nicht – wegen Tötung auf Verlangen oder wegen Totschlags, jeweils begangen durch Unterlassen, bestraft. Man muss deshalb mit Problemen rechnen, wenn bekannt wird, dass man während des Sterbevorgangs anwesend war.
Inzwischen hat aber der Bundesgerichtshof in einem neuen Urteil zum Unterbleiben bzw. zum Abbruch lebenserhaltender oder -verlängernder Maßnahmen anerkannt, dass die von einem Patienten früher erklärte Behandlungsverweigerung auch dann noch zu respektieren ist, wenn er zu eigenverantwortlichem Entscheiden nicht mehr in der Lage ist. Danach ist die frühere Rechtsprechung zur Tatherrschaft bei bewusstlosen Lebensmüden wohl überholt.

Man sieht, dass Thema nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich kompliziert ist, und von daher eine eindeutige gesetzliche Regelung im Umfeld der Sterbehilfe wünschenswert wäre. Vor allem die Position des Helfers bedarf einer dringenden Klärung. Man informiere sich hierzu auch in dem ausgezeichneten Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Was riskiert der Helfer?.

Simbo und ich haben keine allgemein verbindliche Lösung anzubieten, weshalb wir das Thema in die Hände unserer Leser und Kommentatoren übergeben.  





Die letzte Ausfahrt I


Der Anlass zu diesem Thema ist zwar schon eine Weile her, aber das Problem ist weiterhin hochaktuell. Anlässlich des Freitods von Gunter Sachs hat Wissen Bloggt den Artikel "Gunter Sachs und die Menschenwürde" veröffentlicht, der zu einigen kontroversen Diskussionen führte. Allein schon die Bezeichnungen für den Suizid, Freitod versus Selbstmord, lassen ahnen, welche Beurteilungen in der Öffentlichkeit vorherrschen. Spiegelt „Freitod“ die freie Willensentscheidung des Individuums wider, sein Leben – und damit auch notwendigerweise dessen mögliches Ende – selbst bestimmt zu regeln, impliziert „Selbstmord“ bereits eine Art kriminellen Akt, der möglicherweise gar strafwürdig ist. Doch wie will man einen Toten bestrafen? Darum kann es also wohl weniger gehen als vielmehr um „moralische“ Ächtung und Diskreditierung der Selbsttötung.

Das führt unmittelbar zur logischen Folgefrage, inwieweit und aus welchen Gründen die individuelle Selbstbestimmung eingegrenzt werden kann oder muss. Unter humanistischen Gesichtspunkten darf dabei wohl als unbestritten gelten, dass die Selbstbestimmung dort endet, wo ein Dritter geschädigt oder in seiner Freiheit beeinträchtigt werden könnte. Aus gutem Grund haben wir das in unseren „Regeln“ eindeutig deklariert:

Quod tibi fieri non vis, alteri ne feceris

oder

Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu

Das ist eine Selbstbeschränkung, die auch unmittelbar – sofern sich alle daran halten – dem eigenen Vorteil dient. Leider kann nicht davon ausgegangen werden, dass sich bereits jeder auf dieser humanistischen Erkenntnisstufe befindet. Gaunereien und Verbrechen jeglicher Art, die tagtäglich stattfinden, sprechen eine eindeutige Sprache. Also müssen gesetzliche Regelungen her, die die Zahl solcher Verstöße durch Abschreckung und Bestrafung minimieren, nicht immer mit dem gewünschten Erfolg, da wohl jeder Gauner glaubt, ausgerechnet er würde nie erwischt. Ich möchte an dieser Stelle aber keine Diskussion entfachen darüber, inwieweit bestehende Gesetze verschärft oder konsequenter angewendet werden müssten, um die Effizienz der Strafvereitelung zu erhöhen. Das ist ein anderes Thema. Doch auch eine mehrheitlich konsensuelle Gesetzgebung sollte stets darauf achten, ob nicht etwa Rechte und Freiheiten von Minderheiten in unzulässiger Weise beeinträchtigt werden.

Vor allem dann, wenn „moralische“ Prinzipien für die Begründung rechtlicher Eingriffe ins Feld geführt werden, sollten beim aufmerksamen Bürger sämtliche Alarmglocken schrillen. Denn diese „Moral“ wird eindeutig dominiert von den quasi-ideologischen Lobby-Gruppen, die sich in die Gesetzgebung in einem so unerhörten Ausmaß infiltriert haben, dass es den meisten inzwischen schon gar nicht mehr bewusst ist. Der in dieser „Moral“ geforderte „Respekt“ ist nichts als eine schlichte Einbahnstraße. Mit welcher Selbstverständlichkeit hier Minderheiten einer Mehrheit Regeln aufzwängen, wurde an anderer Stelle bereits deutlich gemacht (siehe den Artikel Karfreitag): „Karfreitag steht exemplarisch dafür, wie kirchliche Pressionsgruppen Besitz vom Staat ergreifen ohne sich auch nur im Geringsten darum zu kümmern, dass sie eine schwindende Minderheit repräsentieren und der Mehrheit auf dem Kopf herumtanzen. So ist es ihnen gelungen, unter Berufung auf die „schützenswerte“ Stille dieses Tages den Staat dazu zu verleiten, alle Festivitäten, die diese Andacht stören könnte, schlicht und ergreifend zu verbieten“. Doch selbst wenn es sich um eine Mehrheit der Bevölkerung handelte: mit welchem Recht will sie dem Düsseldorfer Theater verbieten, in geschlossenen Räumen eine harmlose Komödie aufzuführen? Mit Bezug auf Herrn Moses, der seinen Gott sprechen ließ: „Du sollst den Feiertag heiligen“? Was interessiert das einen Humanisten?

Ein typisches Beispiel im islamischen Raum ist der Ramadan. Auch hier wird „Respekt“ eingefordert. Wer am Ramadan nicht teilnimmt (ca. 50% der Bevölkerung in Tunesien), wird mit mehr oder weniger Druck darauf hingewiesen, doch bitte in der Öffentlichkeit tagsüber nicht zu rauchen, zu essen oder zu trinken. Statt eindeutige Begründungen zu geben hört man allenfalls ein (aus alten Erziehungstagen nur zu bekanntes) „Das gehört sich nicht“. Wenn auch das nichts nutzt, wird die Regel halt in Gesetzesform gegossen wie zum Beispiel in Marokko. Dort wurde eine Gruppe Jugendlicher im letztjährigen Ramadan verhaftet, weil sie in einem öffentlichen Park ganz bewusst und provokativ mit Sandwiches bewaffnet gegen diese Diskriminierung protestierte.

Geradezu schizophren wirkt allerdings die Reaktion der so genannten Islamkritiker auf die beiden absolut vergleichbaren Vorgänge (ich gebe keinen Link, da er ohnehin bekannt ist). Die Verhaftung der jugendlichen Marokkaner wird in Grund und Boden verdammt und als islamistische Pression bezeichnet, aber gleichzeitig werden diejenigen, die bei uns die Aufhebung der speziellen Karfreitag-Gesetzgebung fordern, als kommunistische Unholde gebrandmarkt, die nur ihrem „Christenhass“ frönen. Was stimmt denn nun?

Es wird deutlich, wie schwierig die Situation sich gestaltet, wenn „moralische“ Kriterien zur Basis der Regelung gesellschaftlicher Normen des Zusammenlebens gemacht werden. Der Absolutheitsanspruch der Religionen und Ideologien – der sich in Christentum und Islam gleichermaßen äußert – ist dabei das größte Hindernis für eine freiheitliche selbst bestimmte Lebensführung.

Doch zurück zum Freitod. Entscheidungen kann nur ein Lebender treffen, ein Toter ist schwerlich dazu in der Lage. Mithin gehört auch die Frage, wie ich mein Leben beenden möchte, eindeutig zur selbst bestimmten Lebensführung. Entscheidung heißt in diesem Zusammenhang ja auch nicht Zwang zum Suizid. Natürlich kann man sich Situationen vorstellen, in denen der Kandidat sich etwa durch Erben „moralisch“ genötigt fühlen könnte, vorzeitig sein Leben zu verlassen, doch das ist wohl kaum der Normalfall – und wäre übrigens eine verachtenswerte Einstellung der lauernden Verwandtschaft. Aber ganz natürlich ist die Entscheidung, sein Leben bis hin zum (möglicherweise schweren) Ende durchzuhalten, moralisch gleichwertig mit der Entscheidung, diesen Weg abzukürzen. Daran gibt es nichts zu deuteln, es sei denn, man wolle die angeblichen Gesetze irgendeines Gottes auf den Fall applizieren.

Schwieriger und völlig anders wird die Frage zu stellen sein, wenn dem zum Suizid Entschlossenen die Möglichkeiten oder der Mumm fehlen, sich eigenhändig zu entleiben, und er sich daher in die Obhut von so genannten „Sterbehelfern“ begibt. Doch darum werde ich mich im zweiten Teil kümmern.

Teil II: Die Crux mit der Sterbehilfe

 

Katholische Reaktionen auf den Freitod von Gunter Sachs kann man hier nachlesen:

Warum Selbstmord eine Sünde ist: http://www.kath.net/detail.php?id=31406

Gunter Sachs ist kein Held:http://www.kath.net/detail.php?id=31397




Die drei Betrüger - Roman von Ursula Janßen


Die drei BetrügerKurzbesprechung:
 
Der historische Roman „Die drei Betrüger“ von Ursula Janßen handelt von der Geschichte des atheistischen „Traktats von den drei Betrügern“. Viel wurde über dieses legendäre Werk spekuliert; seit dem 13. Jahrhundert suchten Gelehrte in ganz Europa danach. Es gab kaum einen Freidenker des Mittelalters oder der Renaissance, dem die Autorenschaft nicht zugeschrieben wurde. Über den Inhalt war nur soviel bekannt, dass es die drei Begründer der monotheistischen Religionen – Moses, Jesus und Mohammed – als Betrüger bezeichnete. 
Der Roman ist auf zwei Ebenen angelegt: Die Rahmenhandlung spielt im Hamburg des späten 17. Jahrhunderts und spiegelt den Konflikt zwischen radikalem Beharren am vermeintlich Alten und der Frühaufklärung wider.
 
Die Haupthandlung findet etwa vierzig Jahre zuvor statt und handelt von der Suche nach dem legendären Manuskript, die den den jungen Gelehrten Hieronymus Bender am Ende des Dreißigjährigen Kriegs quer durch Europa führt. Bender, der seine Bildung selber dem Jesuitenorden verdankt, kommt im Laufe seiner Forschungsreise vermehrt mit religionskritischen Schriften und Gedanken in Kontakt, gleichzeitig erfährt er die Auswirkungen des Dreißigjährigen Kriegs am eigenen Leibe und zweifelt immer mehr an dem, was er bisher als selbstverständlich angesehen hatte. Er trifft auf eine Anzahl berühmter Persönlichkeiten seiner Zeit, die alle ebenfalls ein Interesse an dem Buch zu haben scheinen und von denen einige offenbar nicht vor Raub und Plünderung zurückschrecken, um an das geheimnisvolle Buch zu gelangen. Schließlich laufen alle Fäden in Rom zusammen, das von Korruption und Machtspielen zerrissen wird.
 
 
"Die drei Betrüger“ ist ein spannender und solide recherchierter Roman voller authentischer Fakten und ein Kuriositätenkabinett illustrer historischer Persönlichkeiten. 
 
 
„Die drei Betrüger" hat 245 Seiten und ist als Taschenbuch oder EBook erhältlich.



Josef Schiller: Deutschböhmischer Arbeiter und Freidenker


Schiller SeffWeimar. (fgw) Der humanistische Freidenker und Verleger Heiner Jestrabek hat erneut eine leider zu Unrecht vergessene Persönlichkeit wiederentdeckt und stellt diese – es handelt sich um den deutschböhmischen proletarischen Freigeist, Dichter und Aktiven der jungen Sozialdemokratie Österreichs Josef Schiller – in einer bemerkenswerten Publikation vor.

Josef Schiller, genannt Schiller Seff, wurde am 29. Juni 1846 in Reichenberg/Liberec als Sohn armer Weber geboren und starb in der Emigration am 17. August 1897 in den USA – im Städtchen Germany (!), Pennsylvania.

Bereits als Kind mußte er nach dem frühen Tod des Vaters seinen Lebensunterhalt selbst als Fabrikarbeiter verdienen. Schiller, der erst im Alter von zwölf Jahren Lesen und Schreiben lernte, begann aber bereits mit 18 zu dichten. Und – früh politisch engagiert – wurde er bald zum beliebtesten Redner von Arbeiterversammlungen in Reichenberg und Umgebung. 1868/69 wurde Schiller Anhänger der ersten sozialdemokratischen Organisationen in Böhmen und trug hier eigene Gedichte vor. Fortan engagierte er sich neben seinem Broterwerb bzw. in Zeiten der Arbeitslosigkeit als politischer Agitator, Organisator und Journalist.

Diese künstlerische und politische Entwicklung beschreibt Jestrabek in der Einleitung der Schiller würdigenden Publikation sehr anschaulich. Man staunt noch heute, welche Talente in diesem Arbeiterjungen gesteckt haben müssen. Jestrabek hebt zusammenfassend u.a. dies hervor:

„Er wurde [ab 1879/80; SRK] zum populärsten Arbeiterdichter seiner Zeit, geriet aber zunehmend in Widerspruch zur Parteibürokratie und ständige Querelen mit der Parteiführung blieben nicht aus. In dieser Zeit gab er auch seinen ersten Gedichtband im Selbstverlag heraus." (S. 8 )

 „Im Jahr 1890 erfolgte die Gründung des „Freigeist", dem Organ der nordböhmischen Arbeiterbewegung. Dieses Blatt wurde u.a. von Schiller herausgegeben. (…) 1896, nach einem offenen Konflikt mit der Parteiführung, blieb dem mittellosen Schiller nur noch die Möglichkeit der Auswanderung in die USA und der Versuch, dort eine neue Existenz aufzubauen. (…)

 

Josef Schiller gestaltete seine Dichtung ohne sich auf fundierte Bildung stützen zu können und nach langer kräftezehrender harter körperlicher Arbeit und langen Arbeitstagen. Sein Publikum, das einfache Volk dieser Zeit, war ebenfalls schlecht ernährt und gebildet, früh gewohnt an harte körperliche Arbeit und lange Arbeitstage, ohne hohe Lebenserwartung und Reizüberflutung.

Seine äußerst populären Gedichte waren aufrüttelnd-kämpferisch, mit kraftvoller Sprache und teilweise mit balladenhaften Zügen. Sie schilderten das Elend des Arbeiterlebens in realistischen Bildern.

Schwermütige Gedichte voll Todessehnsucht wechselten ab mit kräftig derbem Humor. Schiller trug seine Dichtungen selbst vor und bereiste damit die deutschsprachigen Gebiete Böhmens. (…)

Als Sozialist war Schiller wahrhaft libertär und blieb immer der radikale ehrliche Proletarier. Kein Funktionärsposten oder Parlamentssitz konnte ihn korrumpieren. Diese Parteibürokraten, die nicht mehr „für die Bewegung", sondern „von der Bewegung" lebten, waren für ihn ein rotes Tuch.

Er geißelte sie schonungslos schon in seinen politischen Polemiken in „Der Radikale", aber noch wirkungsvoller in seinen Satiren." (S. 8-11)

Für Jestrabek ist aber auch diese Seite Schillers von besonderer Bedeutung:

Die frühe sozialistische Arbeiterbewegung war noch selbstverständlich verbunden mit der Freidenkerbewegung und der Religions- und Kirchenkritik: „Als Freidenker kämpfte er mit seinen philosophischen Gedichten und seinen Satiren gegen den volksverdummenden Klerus." (S. 11)

Das zeigt sich vor allem in den Gedichten „Der Konfessionslose" (1870), „Die Buße" (1872), „Die Christnacht", „Der Geist der Geschichte" und „Der Kampf der Wahrheit mit Lüge und Unverstand" (alle 1880) sowie „Weihnachtsabend" (1873) wie auch im Festspiel „Selbstbefreiung" (ebenfalls 1883).

Jestrabek stellt diese Gedichte, dazu etliche Gedichte über das harte Arbeiterleben, aber auch autobiographische Texte und politische Zeitungsartikel im Wortlaut vor. Und damit erleben Schillers Werke nach genau 80 Jahren eine Neuauflage.

Zum besseren Verständnis Schillers wie auch der seinerzeitigen Verhältnisse in der Monarchie Österreich-Ungarn, insbesondere im tschechischen Landesteil (Böhmen), hat Jestrabek noch ein ausführliches Nachwort „Zum deutsch-tschechischen Verhältnis" verfaßt. Böhmen und die 1918 gegründete Tschechoslowakische Republik (CSR) waren Vielvölkerstaaten. Bis zum Ende des II. Weltkrieges lebten dort auch etwa drei Millionen Deutsche.

Der Autor beleuchtet die verschiedenen Aspekte des nicht immer friedlichen Zusammenlebens: tschechischer Nationalismus, deutsch-nationaler („sudetendeutscher") Chauvinismus, klerikale Destabilisierungspolitik (insbesondere in der Slowakei), Münchner Diktat, deutsche Okkupation, antifaschistischer Widerstandskampf, die von den Alliierten beschlossene Aussiedlung der Deutschen nach 1945, die aber zu oft in wilde, inhumane Vertreibungen ausartete, bis heute lebender sudetendeutscher Vetriebenen-Revanchismus, aber auch die deutsch-tschechische Aussöhnung.

Für die sogenannte Zwischenkriegszeit führt Jestrabek hierzulande wenig Bekanntes an, das aber für heutige religionsfreie Menschen durchaus von großem Interesse sein dürfte:

Er beginnt diesen Abschnitt mit der Wiedergabe der „Unabhängigkeitserklärung des tschechoslowakischen Volkes" vom 18. Oktober 1918, in der es bereits ganz weit vorne heißt: „Die Kirche wird vom Staate getrennt werden." Im weiteren führt er dazu in der vorliegenden Publikation im Abschnitt „Freidenkerbewegung" aus:

 „…erlebte die Freidenkerbewegung in der Tschechoslowakischen Republik einen ungeheuren Aufschwung. In den Jahren der ersten Republik 1918-1938 traten fast 1,5 Millionen Katholiken aus der Kirche aus, darunter jeder zweite tschechische Lehrer.

Schon in Zeiten der Donaumonarchie hatte seit 1887 ein Verein der Konfessionslosen bestanden, der seit 1899 das Blatt „Der Freidenker" herausgab. In Nordböhmen unterstützten Sozialdemokraten wie Ferdinand Schwarz und Josef Schiller eifrig das Freidenkertum. 1893 gründete sich in Reichenberg ein Verein der Freidenker mit dem Obmann Josef Beranek, der die Monatsschrift „Zeitschwingen" herausgab.

1906 gründete sich in Gablonz/Jablonec ein Freidenkerbund für Böhmen. Julius Reckziegel und Emil Schöler, bekannte Männer der Arbeiterbewegung, waren die Initiatoren. Im Jahr 1914 waren es die Freidenker in Böhmen, die kompromisslos gegen den imperialistischen Krieg auftraten und deshalb von den k.u.k.-Behörden verboten wurden.

In der neu entstandenen CSR wurde wiederum 1919 in Gablonz/Jablonec die Gründung des Freidenkerbundes für die Tschechoslowakische Republik und die Herausgabe des Organs „Freier Gedanke" beschlossen. Prag wurde zum Sitz des Bundes und Prof. Ludwig Wahrmund (1860-1932) zum ersten Obmann gewählt.

Durch starken Einfluss der sozialistischen Arbeiterbewegung entstand 1923 der Bund proletarischer Freidenker und der Anstoß zur Gründung der Internationale proletarischer Freidenker in Teplitz/Teplice zu Pfingsten 1925, deren erster Vorsitzender Prof. Theodor Hartwig (1872-1954) aus Brno wurde. Im tschechischsprachigen Teil der CSR bestand der mitgliederstarke Verband der Konfessionslosen/Svaz proletarskych bezvercu." (S. 160-61)

Heiner Jestrabeks Fazit lautet:

 „Die Turbulenzen im Verhältnis unserer Nachbarvölker und die Katastrophen, verursacht aus blindem Nationalismus, lassen nur die Lehre zu: Es darf nie wieder Nationalismus, Rassismus, Faschismus und Krieg geben. Gewaltverzicht, Absage an Revanchismus, dafür Völkerverständigung und friedliches Zusammenleben muss das Ziel aller sein. Gerade die böhmischen Literaten gaben hierfür ein gutes Beispiel der gegenseitigen Befruchtung. Die Politik hat für die Rahmenbedingungen zu sorgen: Soziale Gerechtigkeit und Laizismus sind unabdingbar." (S. 167-168)

 

Siegfried R. Krebs

Heiner Jestrabek (Hrsg.): Schiller Seff. Gedichte und Texte von Josef Schiller, nordböhmischer Arbeiterdichter, Freidenker und libertärer Sozialist. Mit einem Nachwort „Zum deutsch-tschechischen Verhältnis". 174 S. mit Abb. Klappenbroschur. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2018. 14,00 Euro. ISBN 978-3-922589-70-9

Bestellungen können direkt beim Verlag per eMail ed.spinoza(at)-online.de erfolgen.

25.12.2018
Von: Siegfried R. Krebs

http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/josef-schiller-deutschboehmischer-arbeiter-und-freidenker/




Verstaatlichung der religiösen Feiertage!


KarfreitagDas forderte am 21.2.2019 die Initiative gegen Kirchenprivilegien:

Die "Verstaatlichung der religiösen Feiertage" fordert die Initiative gegen Kirchenprivilegien im Rahmen der aktuellen Karfreitagsdebatte. Denn es ist ja bereits jetzt so, dass die Feiertage in Österreich nicht kirchlich, sondern schlichtweg gesetzlich sind. Auch wenn sie religiösen Hintergrund haben, gelten sie derzeit für alle arbeitenden Menschen, unabhängig von der Weltanschauung. Eine Ausweitung von religiösen Feiertagen könnte zu einem Fass ohne Boden werden und langfristig das Land handlungsunfähig machen. Denn neue Ansprüche weiterer religiöser Gruppierungen wären damit absehbar. Nicht zuletzt könnten auch die Pastafaris einen Tag zur Anbetung ihres  "Gottes" erheben – was durch das Diskriminierungsverbotes wohl auch durchsetzbar wäre. Im Zuge der "Karfreitags-Reparatur" sollten also nicht nur die religiösen Feiertage verweltlicht werden, es könnte gleich das Kärntner Veranstaltungsverbot für den Karfreitag mit aufgehoben werden. "Dies wäre ein wichtiger Schritt zur längst überfälligen Trennung von Staat und Kirche und ein erster Beitrag gegen die laufende Diskriminierung konfessionsfreier Menschen" erklärt Christian Fiala, Sprecher der Initiative gegen Kirchenprivilegien.

Soweit die Aussendung. Die eingezogenen kirchlichen Feiertage jeweils durch Extra-Urlaubstage zu ersetzen, könnte dann allen helfen! Denn Feiertage wie Ostern und Weihnachten, die als Jahreszeitenfeste schon längst in vorchristlichen Zeiten gefeiert wurden, hatten ja gar keine christlichen Hintergründe, sondern wurden bloß christlich okkupiert und brauchten darum nicht abgeschafft zu werden. Und die direkten christlichen Feiertage könnten von den paar noch das ganze Jahr christlich agierenden Restchristen durch die zusätzlichen Urlaubstage begangen werden – und alle Religiösen anderer Konfessionen könnten die dort gebräuchlichen Feste an den jeweils vorgesehenen Tagen feiern. Und die breite Masse des religiös wenig oder gar nicht interessierten Volkes müsste nicht am Dreikönigstag, am Pfingstmontag, Fronleichnam, Christi Himmelfahrt oder Maria Himmelfahrt datumsmäßig vorgeschriebene freie Tage konsumieren, sondern könnte diese freien Tage selber beliebig platzieren!

Religiöse Feiertage verstaatlichen und als persönliche Urlaubstage privatisieren! Das würde alle Feiertagsprobleme lösen!

Entnommen bei http://www.atheisten-info.at/infos/info4475.html