In eigener Sache: Humanismus als Forschungsobjekt


lemon-343957_1280Dies schreibt der wissenbloggt-Schreibknecht aus persönlicher Perspektive, und die ist leicht angesäuert (Bild: kalhh, pixabay). Wer anfangs dachte, Humanimus hat was mit "seid nett zueinander" zu tun, wird bald eines Schlechteren belehrt. Spätestens nach einigen Jahren in der Szene stellt sich das als Täuschung heraus. Die real existierende humanistische Szene ist einfach nicht so. Da geht alles mit Klein-klein und Gegeneinander statt Miteinander.

Die Szene sollte im fruchtbaren Zusammenschluss agieren, ist aber in Eifersüchteleien und Egoismen befangen. Das geht bis zur Reviermarkierung: "Hier darf keiner, nur wir." Das sieht man, wenn man sich zwecks Kooperation an die Vertreter wendet. Von vielen kriegt man eine Abfuhr: "Nett von Dir zu hören, aber wir machen unser Ding alleine, wir wollen uns ja nicht verzetteln."

Dabei ist das die Definition von Verzetteln, wenn jeder sein eigenes Ding macht, statt andere als Multiplikatoren zu nutzen. So wursteln die meisten vor sich hin, statt gemeinsam eine wahrnehmbare humanistische Position aufzubauen. Die Speerspitze der Humanisten hat es denn auch nicht geschafft, Publizität zu gewinnen. Es fehlt eine be- und anerkannte Galionsfigur. Ganz sicher können das keine abgehalfterten Politiker sein, die sich durch Versagen in Pfründenjobs hervorgetan haben und dabei Milliarden Steuergeld verbrannten.

Einige Protagonisten sind allerdings kooperativ, während andere bloß auf ihren Egoismus bedacht sind nach dem Motto: "Was Humanismus ist, bestimmen wir, andere haben da nicht mitzureden, das sind alles bloß Rassisten."

Humanistische Themen sind brandheiß, doch sie werden nicht publikumswirksam diskutiert. Eigentlich verfolgt Die Linke viele dieser Themen, nur hat sie durch innere Zerwürfnisse und Abkehr von der eigentlichen Klientel so viel Glaubwürdigkeit verloren, dass sie wenig bewegt. Um nur ein paar Punkte zu skizzieren:

  • die zunehmende Ungleichheit und Armut in Deutschland,
  • die Kriegstreiberei unserer Politik,
  • in der Zuwanderungsdebatte zwischen den Extrempositionen Pseudohumanismus und Barbarismus zu vermitteln.

Es ist praktisch eine humanistische Bringschuld, diese Themen aufzugreifen und argumentativ abzudecken. Wo sind die Autoren, die den humanistischen Aufbruch in Worte fassen? Hier bei wissenbloggt kriegen sie ein Forum geboten.

 

Wilfried Müller

 

Links dazu:




Rezension des Buches „Pfaffenspiegel“ von Otto von Corvin (geboren 1812) von Frank Sacco


PfaffenspiegelDer Pfaffenspiegel aus dem Jahr 1845 ist ein kirchenkritisches Buch des ostpreußischen Autors Otto von Corvin. Das "gepfeffert polemische Werk" beinhaltet eine oberflächliche Geschichtsklitterung, die von den Nationalsozialisten zu Hetzaktionen gegen die katholische Kirche genutzt wurde, schreibt wiki.
Frank Sacco, Doktor der Medizin, hat das Buch rezensiert, die „Religionstollheit“, die „Vizegötter“ (die Päpste), und wie der menschliche Geist „der Aufklärung möglichst unzugänglich“ gemacht werden soll. Die christliche Botschaft des auf ewig gegrillt Werdens (in der Hölle), ist verstörend, und dagegen geht Sacco vor (Bild: Willhelm01, Wikimedia Commons).

Rezension des Buches „Pfaffenspiegel“  von Otto von Corvin  (geboren 1812)  von Frank Sacco

Es ist ein berühmtes Buch mit einem millionenfachen Verkauf. Es ist in einer Zeit geschrieben, die man die Aufklärung nannte – und nicht die Postmoderne. Doch wenn man es liest, lernt man, dass es immer nur wenige sind, die in einer aufgeklärten Zeit aufgeklärt sind. Das gilt auch für die Jetztzeit. Corvin schreibt nun in einer Sprache, der der meinen doch sehr ähnelt. Und er hat die gleichen Ergebnisse über die christliche Religion vorgelegt. Er ist ein Glaubensbruder in Sachen Religionskritik. Die Kriminalgeschichte des Christentums nahm er vorweg. Eine Rezension kann nur einen sehr kleinen Überblick in die Fülle von Informationen geben, die uns der Autor liefert.

Die Welt sei schon oft mit einem „Narrenhause“ verglichen worden, so Corvin. Er findet überall Kennzeichen eines „Tollhauses“. Corvin: „Die Religionstollheit verdient schon eine genauere Betrachtung, denn sie ist über die ganze Erde verbreitet und hat unsägliches Elend über die Menschen gebracht.“ „Oh nein“, diese Krankheit sei „nicht heilbar“, schreibt er. Es gebe zwar Ärzte, die es ehrlich meinen würden. Aber die „Machthaber fesseln ihnen nicht allein die Arme, sondern versiegeln ihnen auch den Mund“. Das erinnert mich doch stark an die konzertierten Aktionen der Kirche, meiner Kammer, der Approbationsbehörde und der lieben Kollegen aus der Psychiatrie gegen mich. „Versklavt“ habe das Christentum die Bürger. Unter „Zittern und Zagen  würde von „Wahnsinnigen“ ein Rosenkranz gebetet und ständig fürchte man, „der Teufel möchte einen holen“. „Vizegötter“ nennt er die Päpste und zitiert gleich im Vorwort Papst Alexander  VI.: Das Papsttum, so der ehrliche Alexander,  könne „nur herrschen, wenn die Welt dumm ist“. Es ruhe auf dem „solidesten Fundament – auf der Dummheit der Menschen“. Hier will ich gleich dem Alexander widersprechen: Es ist kollektive Angst, die den Verstand ausschaltet – und nicht etwa primäre Debilität. Corvin bemerkt: Einigen zartbesaiteten Kritikern sei seine Sprache „hin und wieder zu offen und derb“. So etwas habe ich über meine Arbeiten auch schon vernommen.

Corvin erzählt von den Tricks des Klerus. Man bemächtige sich „der Erziehung der Jugend“.  Daran hat sich bis heute nichts geändert. Schon im Kindergarten kommt der Pastor wöchentlich. Nur so könne der menschliche Geist „der Aufklärung möglichst unzugänglich“ gemacht werden. Kleriker würden Mensch die  Furcht „vor entsetzlichen Gefahren“ einpflanzen, „gegen welche allein die Priester die Mittel“ hätten, zu vergeben.  Man bezeichne „den Glauben als das Heiligste und Unantastbarste“ und stelle schon „bloßen Zweifel“ als ein „Verbrechen“ dar, „welches die Götter als das schrecklichste von allen“ Verbrechen bestrafen. Sola fide, rief denn auch der Reaktionär Luther aus: Nur durch einen festen Glauben komme man nicht in die Hölle. Da er feste glaubte, fühlte er sich sicher, er, der zuvor durch schreckliche Angst am Wahnsinn litt und halluzinierte.

Corvin meint wie ich, Jesus sei ein Revolutionär gewesen, indem er sich gegen die herrschende Klasse der Römer und Pharisäer wandte. Auch in unserer Zeit hätte man ihn „wenn nicht gekreuzigt, so doch standrechtlich erschossen oder in ein Zuchthaus gesperrt“. Auch ich kann nicht auf einem rostigen Fahrrad nach Berlin radeln und dort behaupten, ich sei die neue Merkel. Darauf steht in der BRD „lebenslänglich“.  Erst Jahrhunderte nach Jesu Versterben  werde er als „Stifter der christlichen Religion“ genannt. 

Da Jesus gesagt habe, man solle als Gläubiger ihm gleich auch das Kreuz auf sich nehmen, um so durchs Nadelöhr zu kommen, entstand ein christlicher  Masochismus 1. Klasse. Corvon zitiert z. B. die Heilige Therese (1515- 1582). Selbstquälerei war in ihrem Kloster „an der Tagesordnung“. Thereses Nonnen „verbrauchten Unmasse von Ruten. Sie schliefen auf Dornen oder im Schnee, tranken aus Spucknäpfen, nahmen tote Mäuse und anderes ekelhaftes Zeug in den Mund, tranken Blut, tauchten ihr Brot in faule Eier und durchstachen sich die Zunge mit Nadeln, wenn sie das Schweigen gebrochen hatten“. Wir sehen hier bzw. an den Heiligen, wie massive Angst vor der Hölle die Menschen wahnsinnig, also krank  macht. Auch die anderen Heiligen kommen nicht gut bei Corvin weg. „Ärger konnten die Pfaffen die christliche Religion nicht verhöhnen als durch diesen Heiligendienst“, so Corvin.

Auch über den Reliquienbetrug schreibt er. Der Mönch Eiselin zog 1500  „mit einer Schwungfeder“ einher „aus dem Flügel des Engels Gabriel. Wer diese küsste, dem sollte die Pest nichts anhaben. Ein solcher Kuss wurde natürlich nicht umsonst gestattet“. „Splitter vom Kreuz gab es so viel, dass man aus dem verwendeten Holz ein Kriegsschiff hätte bauen können.“

„Der Ablass ist ein Kind des Fegefeuers und der Ohrenbeichte“, so der Autor. „Jeder begreift, welche ungeheure Gewalt die Priester durch diese Eirichtungen erlangten, denn abgesehen davon, dass sie von den Gläubigen die geheimsten Dinge erfuhren, die sie zu ihren Zwecken ausnutzen konnten, lag es auch ganz in ihrer Hand, den Beichtenden freizusprechen oder nicht… je nachdem der Sünder zahlte. Das Fegefeuer war eine Erfindung des römischen Bischofs Gregor des Großen (590-604)… eine Art Seelenwaschanstalt“ für Gläubige, die „zwischen Himmel und Hölle balancierten“. Hier, das bemerken wir, spricht der Autor nicht im Präsens. Er begreift – wie auch die Heutigen –  die eigene Zeit nicht. Er hält  sie für aufgeklärter, als sie es war.

„Die Kreuzzüge waren anfangs eigentlich weiter nichts als bewaffnete Wallfahren… der Päpste“, mit dem Ziel, „ihre Macht auf Asien ausdehnen zu können“. „Alle Sünden,…sie mochten noch so groß sein“, waren  vergeben, sobald der Krieger „sich das Kreuz auf den Rock geheftet“ hatte. Zitiert wird Tetzel, ein Dominikanermönch.  Der rief: „Sowie das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“ Das, so lehrte Tetzel, gelte auch für jemanden, der „die Mutter Gottes genotzüchtigt und geschwängert habe“. Das nennt Corvin mit Recht eine Frechheit.

Auch bezüglich der Sexualität ist Corvin  auf dem neuesten Stand: „Die Befriedigung des Geschlechtstriebes ist also eine Naturpflicht und an und für sich ebenso erlaubt und unschuldig, wie die Befriedigung des Durstes. Der gewaltsam unterdrückte Geschlechtstrieb macht Tiere toll und Menschen zu Narren.“ „Die Ehe, dieses heilig Sakrament, wurde den Geistlichen verboten, weil es sie verunreinige!“ So hat der Klerus bis heute die Sexualität vergiftet und zur Krankheit gemacht. Der Heilige Bernhard wird als einer der wenigen Vernünftigen zitiert: „Man muss ein Vieh sein, um nicht zu merken, dass man allen Lastern Tür und Tor öffnet, wenn man die rechtmäßige Ehe verdammt“.  Die Folgen sehen wir heute an den Skandalen unserer Priester in Sachen Pädophilie. Die klerikale Pädophilie ist eine Angstneurose. Die Vulva wird verteufelt und als „Eingang zur Hölle“ empfunden. Das schreibt uns der homosexuelle Einstein des Sex, Magnus Hirschfeld, der das  Aushängeschild der heutigen Berliner Homosexuellen ist. Er schreibt uns, Homosexualität, im Falle sie unbewusster Ersatz für kirchlich verbotenen Heterosex ist, könne zurückgehen, wenn es der Gesellschaft gelänge, die Kirchen in den Griff zu bekommen. Die Valesier, so Corvin, zwangen ihre Anhänger zur Kastration. Das ist nur logisch: Ohne Sex keine jenseitige Strafen für diesen Sex. Ein Priester wollte sich den Penis abschneiden, um nicht mehr onanieren zu könne. Sein logischer Gedanke: Besser ohne Pimmel im Himmel als mit Pimmel auf dem ewigen Grill. Diesen Grill schildert uns Bischof Nikolaus Schneider, ehemaliger Chef der EKD und Nachfolger Bischöfin Käßmanns,  als ein bestrafendes „ewiges Feuer Jesu“. Die Botschaft des auf ewig gegrillt Werdens sei „verstörend“, meint Schneider. Nein! Sie ist ein Verbrechen. Schneider ist ein Verbrecher. Ich habe ihn angezeigt.

Bis zum heutigen Tag macht diese Religion krank bis hin zum Wahnsinn. Die Psychiatrie hat bis heute nicht begriffen, welche Erkrankung sie auf ihren geschlossen Stationen hauptsächlich und eigentlich behandelt: Das Sacco Syndrom. Der Grund dieser Blindheit: Es ist die Erkrankung auch unserer Psychiater. Die Erkrankung Sigmund Freuds. Auch Psychiatrie-Chefarzt und Autor Manfred Lütz meint, es würden religiöse Traumata bei seinen Kollegen vorliegen. Denn man überweist Sacco-Kranke zum verursachen Klerus! Ein Kunstfehler! Doch wer so offensichtlich krank ist, sollte dann erst psychisch Kranke behandeln dürfen, wenn er eine spezifische Therapie durchlaufen hat. Ich bot und biete mich da gern meinen Kollegen als Therapeut an. Doch die lehnen strikt und entrüstet die Hilfe eines Internisten ab. Was wir verstehen können. Eine frühkindliche Kränkung in der Vorgeschichte macht das Akzeptieren eines solchen Angebotes in aller Regel nicht möglich (Bild: Sacco).

davOtto von Corvin, „Der Pfaffenspiegel“, Thalia, 2015, 978-3-8496-9507-1

Frank Sacco ist Autor von Das Sacco Syndrom und Autor der Bücher

Weitere Artikel von Frank Sacco




Philosophie: Was ist Emergenz?


flame-1486650_1280Emergenz hat ein bisschen was von dem Geist in der Flasche (Bild: Alexas_Fotos, pixabay): Bevor's rauskommt, weiß man nicht, was rauskommt. Es kann ganz verblüffend sein, ohne dass man angeben könnte, warum, wieso, weshalb.

Es hat auch was mit dem Zufall zu tun, bei dem es zwei Arten gibt, die in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen, und die sich wesentlich voneinander abheben.

Für diese Behauptungen will dieser Artikel Gründe liefern, die letztlich auf eine einfache Erklärung für das Phänomen der Emergenz hinauslaufen.

An dem Thema entzünden sich ja die Geister. Manche bestreiten, dass es Emergenz überhaupt gibt, andere kritisieren den Begriff als überflüssig. Hier soll auf dem Emergenz-Verständnis von Bunge aufgesetzt werden, nach dem Emergenz ein ontologischer Begriff ist und kein erkenntnistheoretischer. Emergenz hat etwas mit der realen Welt zu tun, und nicht mit dem Wissen über sie. Emergenz ist demnach eine Beschreibung, keine Erklärung (wb-Links unten).

Auf dieser Basis darf nun der Zufall diskutiert werden: Unsere Welt läuft beinahe deterministisch ab, aber nicht ganz. Die Quantenereignisse verhindern, dass alles auf ewig vorausbestimmt ist:

  1. Im Sprachgebrauch wird mit dem "Zufall" das klassische oder empirisch-pragmatische Konzept gemeint, wo der Zufall aus der menschlichen Unkenntnis über alle Eigenschaften des Systems resultiert – das ist sozusagen der deterministische Zufall. Was dabei rauskommt, mag aus Unkenntnis unvorhersehbar sein, prinzipiell ist es  jedoch festgelegt.
  2. Anders ist es beim echten oder objektiven oder Quanten-Zufall, dem intrinsischen, fundamentalen Zufall der Quanteneffekte, die prinzipiell nicht vorhersagbar sind (außer dass man ihre Statistik kennt) – dieser Zufall steht im klaren Gegensatz zum Determinismus.

Die Weltläufte werden von den Quantenereignissen gesteuert, weil die das einzige sind, was nicht deterministisch ist. Die Behauptung ist nun, dass Emergenz nicht in diese 2. Kategorie fällt, sondern in die 1.: Es geht nicht um einen intrinsischen, fundamental verborgenen Zusammenhang, sondern bloß darum, dass die Komplexität zu groß wird, um die Prozesse der Systeme zu verfolgen, zu verstehen, zu beschreiben.

Dazu soll auf Bunges emergentistischen, systemischen Materialismus abgehoben werden, der ja die wissenschaftskonforme Ontologie darstellt (wb-Links). Ein Materialismus ist es, weil Idealismus oder Naturalismus nicht wissenschaftskonform sind. Emergentistisch ist er, weil Bunge davon ausgeht, dass neue Systemeigenschaften durch spontane Selbstorganisation emergent entstehen. Über Bunges formale Definition davon wird unten referiert.

Hier in a nutshell seine Definition von System: Als Systeme werden komplexe Dinge bezeichnet, Zusammensetzungen von einzelnen Dingen oder Subsystemen. Das wird mit dem Begriff systemisch ausgedrückt, ebenso wie die Beschreibungsweise, dass die Welt sich in verschiedene System-Ebenen einteilen lässt: die physikalische, die chemische, die biologische, die mentale, die soziale, die technische.

Als Emergenz wird nun die Tatsache bezeichnet, dass Systeme neue Systemeigenschaften haben können, die ihre konstituierenden Subsysteme nicht haben. Z.B. flüssiges Wasser hat Eigenschaften, die seine Moleküle H2O, H3O+ , OH nicht haben. Ein Quecksilberatom ist auch nicht flüssig, dafür braucht es mindestens 15 davon. Ein Goldatom glänzt nicht goldig, sondern erst eine größere Zahl.

Wenn der Leser aufsteht, die Arme hochreckt und sich wieder hinsetzt, macht er Gymnastik. Wenn das zigtausend Leute im Stadium tun, entsteht La Ola, die Welle. Die Fähigkeit, La Ola zu machen, ist eine emergente Eigenschaft des Systems "Stadion voll Zuschauer". Das Stadion kann nicht La Ola machen, ein Zuschauer allein kann es nicht, aber alle zusammen können es.

Besonders markant ist der Übergang von der Physik zur Chemie, wo bei der Vereinigung von Atomen zu Molekülen neue Eigenschaften entstehen; der Übergang von der Chemie zur Biologie, wo bestimmte Molekül-Verbindungen die Eigenschaft "Leben" entwickeln; der Übergang von der Biologie zum Mentalen, wo das System "Hirn" geistige Eigenschaften entwickelt usw. Entlang der besonders markanten Übergänge sind die Systemebenen Physik, Chemie usw. definiert, es wären aber auch feiner aufgeteilte Definitionen möglich.

Was ist das nun, wenn diese neuen Eigenschaften emergieren?

Mit den neuen Systemen entstehen neue Systemeigenschaften und neue Systemprozesse, die neuen Gesetzen gehorchen. Die Behauptung ist nun die der schwachen Emergenz, d.h. diese Gesetze sind neu im Sinn von 1. oben: Prinzipiell ist das neue Gesetz durch die 4 Grundkräfte und die grundlegenden (physikalischen) Naturgesetze festgelegt. Es gibt aber so viele Interaktionen, dass die Komplexität überbordet, und daraus resultiert die menschliche Unkenntnis über die emergierenden Eigenschaften des Systems – man kennt sie erst, wenn sie da sind, und dann erforscht und definiert man die Gesetze, die sie beschreiben.

Nach Bunge sind das genaugenommen "Gesetzesaussagen", denn die Naturgesetze selber sind implizit definiert als die Abhängigkeiten zwischen den Eigenschaften von Dingen oder Systemen. Die Gesetze basieren auf den 4 Grundkräften, wenn auch in dermaßen hochagglomerierter Form, dass die einzelnen Interaktionen nicht zu überschauen sind.

Als Beispiel wird gern das alberne Balzverhalten von Truthähnen genannt. Das folgt Gesetzen, die emergent mit dem System "Truthahn" entstanden sind. Genaugenommen sind die Truthahngesetze natürlich Gesetzesaussagen.

Als Kern dieses Artikels wird nun die Behauptung verfochten, dass es gar kein summarisches Naturgesetz gibt, das zu solchen summarischen Gesetzesaussagen gehört, sondern bloß die Gesetze für die Interaktionen auf dem Basislevel. Die Natur kann das: Diese Gesetze myriadenweise gleichzeitig beachten, so dass am Ende das Gegockel des Puters rauskommt. Es wirken nur die Interaktionen zwischen den Partikeln, es gelten nur die Gesetze zwischen deren Eigenschaften. Es gibt keine neuen Kräfte zwischen Truthahn und Truthenne und keine neuen Gesetze für deren Interaktion. Es gibt nur neue Gesetzesaussagen, die das alles zusammenfassen.

Dem Prinzip der schwachen Emergenz folgend, läuft das auf die Behauptung hinaus, dass sich nicht analog zu 2. oben etwas intrinsisch Unbekanntes manifestiert, also neue Eigenschaften, die sich prinzipiell nicht aus den Eigenschaften der Systemkomponenten ableiten lassen. Dieses Prinzip nennt man Emergenz im starken Sinn, und es wird hier bestritten.

Belegen lässt sich das nicht – aber warum die komplizierte Erklärung nehmen statt der einfachen? Wenn bloß ein Komplexitätsproblem entsteht, ist Emergenz nur das Wort dafür, dass man's auf der unteren Systemebene nicht mehr durchschaut und deshalb eine neue Systemebene definiert, wo man die ganzen Details aus dem Weg hat. In feinerer Abstufung gilt das für jede neue Eigenschaft; die neuen Systemprozesse werden mit neuen Gesetzesaussagen beschrieben.

Vielfach wird über die Umkehrung davon diskutiert. Das nennt sich Reduktionismus und geht der Frage nach, lässt sich alles aus physikalischen Gesetzen erklären? Aus Sicht dieser Argumentation ist das wie eine Frage an Radio Eriwan, weil die Antwort so geht: Im Prinzip schon, aber in Wirklichkeit geht es nicht, weil die Komplexität viel zu groß ist.

Deshalb macht es auch keinen Sinn, einem Physikalismus zu folgen, der alles auf physikalischer Basis erklären will. Der Übergang zu den höheren Systemebenen Chemie, Biologie … hat schon seinen Sinn. Die Grundkräfte und die grundlegenden Naturgesetze bestimmen natürlich alles, und nicht irgendein Zauber. Mit wachsender Größe der Systeme gibt es enorm wachsende Komplexität der Interaktionen, und dabei entstehen die neuen Systemeigenschaften.

Das passiert allein durch die Grundkräfte. Trotzdem sind die neuen Beschreibungsebenen und die neuen Gesetzesaussagen sinnvoll und nötig. Man sollte nur nicht  Gesetzesaussagen mit Gesetzen verwechseln. Genaugenommen sind die Gesetzesaussagen ja alle falsch, sie handeln von punktförmigen Massen und reibungsfreien Bewegungen usw. Sie sind sehr wertvoll, aber eben Pauschalisierungen, Abstraktionen und Vereinfachungen.

Diese Sicht auf die Emergenz ist logisch und kommt ohne überflüssige Annahmen aus. Was man als emergierende neue Eigenschaften erkennt, entsteht durch das hochkomplexe Zusammenspiel der vielen Interaktionen. Die neuen Prozesse im System werden durch neue Gesetzesaussagen beschrieben, und dahinter stecken die grundlegenden Naturgesetze.

Bunges Emergenzbegriffe formal beschrieben

Es gibt gleich zwei Möglichkeiten zur Auswahl, die hier A) und B) heißen sollen. Bunges Herleitung ist zunächst für beide gleich. Dazu wird die Menge der Objekte (der allgemeinsten philosophischen Konzepte) aufgeteilt:

  1. die Eigenschaften, die auch relational sein können, und daher auch durch mehrstellige Prädikate repräsentiert werden. Die Menge aller Eigenschaften wird genannt,
  2. den Rest der Objekte, die "individuals" genannt werden. Die Übersetzung "Einzeldinge" trifft es nicht gut, denn gemeint sind Dinge und die davon abgeleiteten Zustände, Ereignisse, Prozesse, Fakten, Konstrukte usw. Diese Menge aller individuals wird genannt.

Wenn P in  ist (P) und q in (q ∈ ), besagt die Formel   Px   "x ist ein P" oder "individual x hat Eigenschaft P." Entsprechend bedeutet die Formel   Rxy   "die individuals x und y haben eine R-Beziehung."

Dass jedes Objekt entweder ein individual oder eine Eigenschaft ist, heißt in der formalen Definition  Ω =   " und umfassen alles." Dass kein Objekt beides ist, heißt als formales Axiom  = Ø  "Schnittmenge mit ist leer."

Dann wird das weitere Axiom postuliert, dass alle individuals mindestens eine Eigenschaft haben, formal ∀q∃P(q ∈ )(P)Pq "für alle individuals q existiert eine Eigenschaft P so dass q ein P ist."

Ein weiteres Axion ist das Duale dieses Postulats; es gibt keine losgelösten Eigenschaften, jede Eigenschaft gehört zu mindestens einem individual. Formal ∀P∃q(P & q ∈ )Pq "für alle Eigenschaften P existiert ein individual q so dass q ein P ist."

Nun muss noch das Axiom postuliert werden, dass jedes individual zu mindestens einem anderen individual in Beziehung steht, formal ∀q∃s(q, s ∈ )(R)[¬(q = s)&Rqs] "für alle individuals q gibt es ein individual s und eine Beziehung R zwischen den beiden, wobei q nicht s ist." Dann kann als letztes Axiom postuliert werden, dass jede Eigenschaft von einem individual in Beziehung zu mindestens einer anderen Eigenschaft dieses individuals steht ∀q∀P(q ∈ )(P,R){Pq ⇔ ∃R[¬(R = P)&Rq]} "für alle individuals q und alle Eigenschaften P gilt, wenn q ein P ist, gibt es ein R ungleich P und q ist ein R."

Eigenschaften kommen eher bündelweise vor als unabhängig voneinander. Das kommt daher, dass Eigenschaften Naturgesetzen gehorchen, und die meisten davon verknüpfen zwei oder mehr Eigenschaften. Zuletzt wird nun das relative Existenz-Prädikat definiert: Wenn C eine nicht-leere Untermenge von einer Menge X ist und χC die charakteristische Funktion von C, d.h. die Funktion χC: X→{0,1} so dass χC(x) = 1 genau dann wenn x in C ist und sonst χC(x) = 0. Das relative (oder kontextuelle) Existenz-Prädikat ist nun eine Funktion mit Statements als Werten:

EC : C → Die Menge der Statements die EC enthalten

so dass "EC(x)" genau dann wahr ist, wenn χC(x) = 1. Die Formel "EC(x)" besagt, "x existiert in C" und ist äquivalent zu χC(x) = 1.

Das angegebene Existenz-Prädikat ist nicht bezogen auf den Existenzquantor ∃, den Bunge lieber “particularizer” genannt haben möchte. Denn "∃xPx" besagt nur "einige individuals haben die Eigenschaft P." Über ihre Existenz ist damit nichts ausgesagt. Deshalb wird bei ontologischen Existenz-Aussagen stillschweigend E benutzt und nicht ∃.

Nun wird noch zwischen konkreten Objekten wie Ziffern (z.B. gedruckt oder figürlich) und ideellen Objekten wie Zahlen unterschieden. Dieser Unterschied wird eingeführt durch das algebraische System S =< ,⊕, 0, 1 >, mit einer Untermenge aus den individuals, der Verknüpfung ⊕ und den ausgezeichneten Elementen 0 und 1 von . Zwei Elemente x und y von können sich verbinden, um ein drittes Element  x ⊕ y von zu bilden (⊕ bezeichnet die mereologische Summation von x und y).

Das generelle Konzept des Objekts umfasst auch "simples", Objekte ohne Struktur. Manche Objekte wie Eigenschaften, Ereignisse und Konstrukte sind keine Dinge. Bunge definiert die Verknüpfung ⊕ als assoziativ und kommutativ und spendiert noch eine Teil-Ganzes-Relation ∠. Dann bedeutet x∠y dass x ein Teil von y ist, und zwar dann, wenn es ein z gibt mit x ⊕ z = y.

Im einfachsten Fall ist x elementar, also ohne Teile, z.B. bei Elektronen und Photonen. Diese Definition ist besser als schlichte "Simplizität", denn laut Quantentheorie sind Elektronen und Photonen reichlich komplex. Das System S bekommt noch das null-individual 0 und das Universum 1 als ausgezeichnete Elemente. Damit gilt 0 ⊕ x = x und 1 = (ιx)∀y(y ∈ &y∠x), mit dem definiten Deskriptor ι.

Auf dieser Basis kann das Gesetz der Emergenz auch formal definiert werden. Das sieht dann so aus

A): ∀x[PBx =df Px&¬∃y(y∠x&PBy)]

mit Gesamteigenschaft PB (bulk property = die emergent entstandene neue Eigenschaft des Ganzen). Verbal: "Für jedes individual x aus ist PB eine Gesamteigenschaft, wenn kein Teil y diese Eigenschaft PB hat." Beispiel: "Leben ist eine emergente Eigenschaft von Zellen, denn die leben, während ihre Bestandteile das nicht tun."

Alternativ wird nun das Konzept um die Relation "Abstammung" D erweitert. Man kann dafür nicht auf die Zeit zurückgreifen (vorher/nachher), weil sie hier nicht definiert ist. Deshalb wird D nun so definiert, mit x, y und z als Elementen von :

  1. irreflexibel (kann nicht von sich selbst abstammen): ¬Dxx,
  2. asymmetrisch (wenn y von x abstammt gilt nicht das Umgekehrte): Dxy⇒¬Dyx.
  3. transitiv (wenn y von x abstammt und z von y, dann auch z von x): Dxy & Dyz⇒Dxz.

Auf der Basis von diesem Konzept kann nun definiert werden

B): PNx = ∃y(Dxy&¬PNy),

"für jedes individual x in ist PN eine radikal neue Eigenschaft von x, wenn x von einem Vorgänger y abstammt, der PN nicht hat." Beispiel: "Alle Moleküle haben Atome als Vorgänger."

A) und B) sind zwei formal definierte Konzepte der Emergenz. Sie sind entfernte Verwandte des Supervenierens, und sie tauchen zunehmend in der Literatur auf.

Damit kann nun das Konzept der Systemebenen formal eingeführt werden. Eine Menge von Objekten konstituiert eine Ebene der Realität, wenn sie alle Gesamteigenschaften haben, die ihren Teilen fehlen. So kann man sagen, dass die soziale Ebene aus der biologischen (Lebens-)Ebene emergent hervorgegangen ist (A)), oder dass die Lebens-Ebene B Vorläufer der sozialen Ebene S ist (B)). Formal: B<S, d.h. die Teil-Ganzes-Relation ∠ erzeugt die Ebenen-Relation <.

 

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SBBS: Neue EU-Bestrafung für erfolgreiches Arbeiten in Arbeit


money-2846237_1280Das toxische Produkt (1.) heißt also nicht Eurobonds oder Eurobonds light, es heißt nicht Blue bond/Red bond oder Euro-Bill oder ESB (wb-Link) oder ESBie, nein, es heißt SBBS (2.). Das QE-Programm hieß ja auch mal OMT, dann PSPP, oder SMP, ANFA, EFSI, TLTRO oder Geldschwemme, und tatsächlich ist es Staatsfinanzierung (Kürzel, Bild: anaterate, pixabay).

EU und Eurozone sind groß im Verschleiern ihrer Absichten, und dazu denken sie sich immer neue Kürzel für immer dieselben Vorhaben aus. Die eigentlich verbotene monetäre Staatsfinanzierung wird von der EZB mit Billionen-Einsatz betrieben. Aus irgendeinem Grund möchte man die Staaten aber nicht mehr mit frisch geschöpftem Geld vollstopfen wie bei den QE-Programmen, sondern man möchte das Geld auf dem Markt einsammeln. Das macht Probleme:

  1. sind die EU-Staaten fast durchweg so hoch verschuldet, dass sie keine regulären Zinsen mehr für ihre aufgenommenen Gelder zahlen können. Griechenland kann das schon lange nicht mehr, es hängt am Tropf der Rettungsinstitutionen EFSF und ESM. Italien hängt an der Finanzierung durch die EZB, welche die allermeisten italienischen Staatsanleihen zum Dumpingkurs aufkauft (wb-Links Italien). Selbst Deutschland könnte keine 5% für seine 2 Billionen Staatsschulden bezahlen (100 Mrd. im Jahr).
  2. will der Markt sein Risiko bezahlt haben und wird kein Geld für Nullzins hergeben wie die EZB. Was also tun?

Dazu muss man wissen, dass die EU und die Eurozone es immer vorziehen, die Sache zu manipulieren und mit politischer Machtergreifung anzugehen. Sie wählen nie den geraden Weg, um das zu tun, was die ökonomischen Gesetze gebieten. In a nutshell wäre das (6.):

  • angemessene Preise in den Finanzmärkten (statt der EZB-manipulierten),
  • verantwortliche Politik der nationalen Regierungen mit stabilen Finanzen, welche die Sicherheit der Staatsanleihen gewährleisten.

Denn nur weniger Risiko macht das System sicherer – eine Binse, die im Europäischen immer wieder missachtet wird. Man wirft sich lieber auf innovative und aufregende Ideen des financial engineering (6.). Man missachtet die Regeln, die man selbst mal aufgestellt hat, z.B. bei den Stabilitätskriterien. Man kreiert dafür eine Art Staatsanleihen-Derivat, bei dem gute (deutsche …) und schlechte (italienische …) Risiken gemischt werden, die Rede war von 60% / 40%-Mischungen (5.) oder 70% / 30% (3.). Das Ergebnis soll dann die Probleme lösen, es soll 1. zinsgünstig sein und 2. dem Markt angedreht werden.

Aus der EU-Trickkiste: Der 70%-Anteil wird als der Anteil der "europäischen sicheren Anleihen" (Esbies, niedrig verzinst) verbrieft. Die Sicherheit soll daher kommen, dass die anderen 30% als "europäische Junioranleihen" (Ejbies, höher verzinst) verbrieft werden und einen Puffer für die "sicheren" Anleihen bilden – bei Zahlungsschwierigkeiten eines Eurostaates mit Ausfällen bis 30% wären ja nur die Junioranleihen betroffen.

Man muss kein Experte sein, um die Kritik z.B. vom Bundesfinanzministeriums-Chefökonomen (6.) vorwegzunehmen. Was da gemacht werden soll, ist so ähnlich wie bei den AAA-subprimes (Kürzel), mit denen die Finanzkrise von 2008 fabriziert wurde. Was man da macht, ist eine zweifache Optimierung:

  1. man mischt soviel schlechte Risiken mit guten Risiken zusammen, bis es so gerade noch fürs Top-Rating reicht, und
  2. man verbirgt das Riskio vor den Kunden, um ihnen das wunderbare neue Top-Produkt andrehen zu können.

Wenn sich dann die ökonomischen Parameter irgendwie verschlechtern, crasht so ein System. Für die AAA-subprimes ist das haarsträubende Ereignis in den wb-Links Bankenkrise beschrieben. Bei den Esbies muss nur die 30%-Grenze überschritten werden, und dann gibt's 100% Probleme. Das ist durchaus wahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie viele Hedgefonds ihren Reibach dadurch machen, dass sie mit CDS gegen Staatsanleihen wetten wb-Link Arbeitsprofite). Das wäre quasi eine Art Bonussystem für die Hedgefonds, dass sie die 70% als Bonus kriegen, wenn sie die 30%-Marke sprengen.

Was die windigen, sorry, Leutebescheißer mit den AAA-subprimes taten, versuchen die EU- und Euro-Verweser also mit den SBBS. Sie spielen den Abzockern in die Hände, bloß weil sie unbedingt ihre demokratisch nicht legitimierte EZB-Staatsfinanzierung durch eine demokratisch ebensowenig legitimierte Vergemeinschaftung der Staatsschulden ersetzen wollen. Dazu haben sie ein windiges Produkt ersonnen, mit dem sie den Markt und die Bevölkerung anschmieren wollen. Da kann sich wissenbloggt nur wiederholen wb-Link Europäische Klage:

Das kaum glaubliche an dem Vorgang ist, wie sehr die EU-Kommission den Willen der Bevölkerung missachtet. In der gegenwärtigen Situation richtet sich doch der Widerstand gegen die Bestrebungen zum europäischen Einheitsstaat. Um den nationalistischen Tendenzen zu wehren, müsste die EU-Politik doch mal Pause machen mit den demokratisch nicht abgedeckten Vergemeinschaftungsanstrengungen. Davon ist aber nichts zu merken.

Natürlich wünschen sich die finanziell schwächeren Länder der EU gemeinsame Schuldenpapiere, m.a.W. gemeinsame Haftung. Theoretisch schließen die Europäischen Verträge das aus, aber wer hält sich da noch dran? Die SBBS sind ein Versuch, den Schein zu wahren, eine Art Zauberversuch, das Resultat zu erlangen, ohne den Preis dafür zu zahlen. Das ist nicht realistisch:

  • Bisher taten sich EU und Eurozone doch durch das Gegenteil hervor, durch höchste Kosten ohne entsprechendes Resultat (z.B. Griechenlandrettung, Nullzinspolitik).
  • Bei den SBBS würden die privaten Investoren im Schadensfall wohl auch keine Verluste tragen. Obwohl seit 10 Jahren daran gearbeitet wird, sind bisher noch fast jedesmal Regierungen und EZB eingesprungen, um "Systemrelevante" zu retten.
  • Worauf es hinausläuft, ist noch mehr Verschuldung von Italien, Griechenland & Co., denn SBBS ist ein Anreiz zum easy Schuldenmachen und nicht zum seriösen Wirtschaften – Geldspritzen führen bei den Schuldenländern erwiesenermaßen zu einer Lähmung der Eigenanstrengungen zur Solidität.
  • Die Anstrengungen gehen vielmehr in die Richtung, die Schulden bei der EZB wegzudiskutieren oder kleinzurechnen (7.).

Eine Disziplinierung der schlecht wirtschaftenden EU-Länder durch hohe Zinsen findet nicht statt. Im Gegenzug heißt das Ziel, Deutschland und die paar anderen besser wirtschaftenden Länder mit unnötigen Lasten zu befrachten. Die EU bestraft erfolgreiches Arbeiten.

 

Verwendete Kürzel:

  • EZB: Europäische Zentralbank, gemeinsame Währungsbehörde der Mitgliedstaaten der Europäischen Währungsunion = bad bank
  • QE: quantitative easing, Ausweitung der Geldbasis mittels elektronischer Geldschöpfung = Geldschwemme
  • OMT: Outright Monetary Transactions, EZB-Ankäufe kurzfristiger Anleihen in unbeschränktem Ausmaß = verbotene monetäre Staatsfinanzierung
  • PSPP: Deckname für OMT-Programm = Betrugsaktion
  • Anfa: Agreement on the Net-Financial Assets, Erlabnis der EZB für nationale Zentralbanken zum Ankauf von Anleihen des eigenen Staates = verbotene monetäre Staatsfinanzierung
  • SMP: Securities Markets Programme, EZB-Programm zum Ankauf von Staatsanleihen und privaten Anleihen = verbotene monetäre Staatsfinanzierung
  • EFSI: Europäischer Fonds für strategische Investitionen = Juncker-Fonds
  • TLTRO: targeted longer-term refinancing operations, gezielte Langzeitkredittranchen mit Negativzins = Bankenbeglückung
  • EFSF: Europäische Finanzstabilisierungsfazilität, „Euro-Rettungsschirm 1“ = Bankenbeglückung
  • ESM: Europäischer Stabilitätsmechanismus, „Euro-Rettungsschirm 2“ = Bankenbeglückung
  • Eurobond: Staatsanleihen in der Europäischen Union oder der Eurozone = geplante verbotene monetäre Staatsfinanzierung
  • Blue Bond / Red Bond: vorgeschlagene Regierungs-Anleihen = ad acta gelegt
  • Euro-Bill: vorgeschlagene Regierungs-Anleihen = ad acta gelegt
  • ESB oder ESBie: European Safe Bonds = ad acta gelegt
  • SBBS: Sovereign Bond-Backed Securities, gemischte Wertpapiere, die mit nationalen Staatsanleihen der Euro-Staaten besichert sind = Betrugsversuch
  • AAA-subprimes: Wortschöpfung wb für dreiviertelfaule CDOs (=Verbriefungen) mit Top-Rating AAA

Medien-Links:

  1. Risikoreiche und risikoarme Anleihen – Schulden machen, aber richtig (Süddeutsche Zeitung 5.2.17): Euro-Staaten sollen sich finanzieren, ohne dass sie füreinander haften. Anleihen sollen in zwei Tranchen verkauft werden. … Toxisch.
  2. Euro-Anleihen – Heikler Vorschlag aus Brüssel (Süddeutsche Zeitung 14.5.): Die Länder der Euro-Zone sollen künftig ihre nationalen Staatsanleihen in einem neuen Wertpapier bündeln, schlägt die EU-Kommission vor. Ihrer Meinung nach läuft das nicht auf eine gemeinsame Schuldenhaftung hinaus. Kritiker warnen dagegen vor "Eurobonds durch die Hintertür".
  3. Pläne der EU-Kommission : Lässt Brüssel Eurobonds wiederaufleben? (Frankfurter Allgemeine Zeitung 14.5.): Die EU-Kommission macht ernst mit der Idee, sogenannte sichere europäische Staatsanleihen (Esbies) über eine neue EU-Rahmenregelung zu fördern.
  4. Schuldenkrise: Instrumente sind da, der Wille fehlt (Zeit Online 19.7.12, 43 Kommentare): Frühe Vorschläge, die Schulden teilweise zu vergemeinschaften, per Schuldentilgungsfonds oder "Blue bond/Red bond" oder Euro-Bills.
  5. Münchner Seminare – Der ideologische Blick (Süddeutsche Zeitung 17.1.): Die Kürzel ESBies oder SBBS stehen demnach für eine Bündelung europäischer Staatsanleihen in sichere und weniger sichere Tranchen: Die sicheren sollen künftig die gemeinsamen Schuldenpapiere sein. Die weniger sicheren dagegen sollten weiter separat ausgegeben werden. So werde der Eintritt in eine gemeinsame Haftung vermieden.
  6. No safe­ty with “Eu­ro­pean Safe Bonds” (Bundesfinanzministerium, Letter from the Chief Economist 23.11.17): Eurobonds through the back door! … The goals are right. But unfortunately, ESBies don’t bring us there. On the contrary, they drive us in the wrong direction, potentially increasing financial risks further. From a number of flaws that the ESBies concept has, we would like to highlight the three most severe ones:

    • ESBies are a fair-weather concept.
    • ESBies would also not increase the available volume of safe bonds.
    • ESBies would probably need to receive regulatory privileges over regular government bonds. This cannot be the intention.
      (The following) two elements sound almost trivial. At least they look much less exciting and innovative than new ideas for financial engineering. But they are the only effective way to achieve true stability and safety in European financial and debt markets:
    • First, we need adequate risk pricing in financial markets.
    • Second and most importantly, national governments are responsible for sound public finances that ensure the safety of their issued bonds. Only less risk will make the system safer.

    Italien will Schulden aller Euro-Staaten neu berechnen (Deutsche Wirtschafts Nachrichten 17.5.): Die während der Verhandlungen aufgetauchte Forderung, die 250 Milliarden Euro an Wertpapieren, die von der Europäischen Zentralbank im Zuge des QE gekauft wurden, zu streichen, wurde aufgegeben. Die im endgültigen Text verwendete Formel ist zurückhaltender: „Wir werden in Europa handeln, um vorzuschlagen, dass die Staatsanleihen aller Länder der Eurozone, die die EZB bereits mit der quantitativen Lockerung erworben hat, von der Berechnung der BIP-Schuldenratio ausgenommen werden.“

    Links von wissenbloggt:
     



Eigentor: türkische Integrationspanne


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2016football-727561_1280fak1911Man sollte es nicht so hoch hängen. Fußballspieler sind mittig aufgehängt, und darum kreisen sie (Bilder: fak1911/ pixel2013, pixabay)

Zwei eminente und eher rechtsdrehende Fußballer stellten sich nun mit dem türkischen Möchtegernsultan ins Bild, und dafür kriegten alle zusammen Schelte ab. Irgendwie dumm fand das die Zeit (1. Link unten), und es gibt ja auch Gründe für diese Meinung. Das Sündenregister des Sultans ist ellenlang (2., 5., 6., 10 wb-Links und ungezählte ungenannte Artikel). Wohin soll das überhaupt führen, wenn die Kicker sich demnächst mit dem russischen Präsi oder gar mit dem amerikanischen Präsi konterfeien lassen?

Nicht auszudenken, wo doch der Fußball seinem sauberen Image hinterhergaloppiert. "Say no to racism", sagt die UEFA (3.) und bezieht das auch auf Diskriminierung und Intoleranz – zwei Paradedisziplinen des Sultans. Aus dieser Sicht ist es allemal ein Eigentor, was die deutsch-türkischen Kicker fabrizierten. Die Botschaft "Erdogan gehört zur deutschen Nationalmannschaft" kam zurecht schlecht an.

2016football-2312762_1280Alexas_Fotos

2016soccer-1638365_1280keisner

Allerdings waren die Reaktionen übertrieben – Fußball kaputt oder demontiert (Bilder: Alexas_Fotos/ keisner, pixabay).

Dabei ist's bloß "eine Geste der Höflichkeit", wenn ein deutscher Kicker "seinem Präsidenten" ein Fanbild signiert. Naja, der deutsche Präsi heißt eigentlich Gauck, nein, Steinmeier, aber das kann ja nicht jeder wissen. Die Kicker sind laut Eigenauskunft so unwissend (4.), dass man ihnen solche Details eigentlich nicht abverlangen kann.

Deshalb sind die populistischen Forderungen der Fans auch abzuweisen. Erdogan-Unterstützer Özil und Gündogan raus aus der deutschen Nationalmannschaft? Und stattdessen womöglich den Sultan aufstellen? Nein danke, der spielt foul. Er regiert über seine 5. Kolonne Ditib nach Deutschland hinein wb-Links, und die Vorstellung, er betrachte Deutschland schon als türkische Kolonie (5.), ist nicht von der Hand zu weisen.

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2016soccer-1240465_1280monikabaechler

Es ist nun nicht so, dass ihm schon Hörner wachsen (Bild: Zero Hedge/ monikabaechler, pixabay).

Da müsste wohl die Hölle zufrieren. Aber was des Despoten Haupt da schückt, ist auch kein Heiligenschein. Den fabriziert sich der Selfmade-Sultan höchstens selber. Vielleicht kriegt er ja noch den Nobelpreis für seine interressanten Theorien vom "verdorbenen Blut" der deutsch-türkischen Bundestagsabgeordneten und wer weiß wem noch (6.).

Zum echten Türkentum des Sultans gehören nur echte Türken, wobei solches Gesocks wie Journalisten natürlich außen vor bleiben muss. Pardon, die bleiben innen drin, denn sie sind in den türkischen Gefängnissen eingesperrt und werden als Terroristen zu langjährigen Terrorstrafen verurteilt (7.). 2016football-735131_1280889083

2016football-1857130_1280pixel2013Ergo: Die deutsch-türkischen Mitmenschen sollten sich von dem Verbrecher Erdogan bitte distanzieren (Bilder: 889083/ pixel2013, pixabay).

 

Medien-Links:

  1. Mesut Özil und Ilkay Gündogan: Nicht besonders schlau (Zeit Online 14.5., 1100 Kommentare): Mesut Özil und İlkay Gündoğan haben sich mit dem türkischen Präsidenten fotografieren lassen. Irgendwie dumm.
  2. Kritik an Erdogan – Neue türkische Wahlreform ermöglicht Wahlbetrug (Frankfurter Rundschau 13.3.): Das türkische Parlament hat eine Wahlrechtsreform gebilligt, die nach Ansicht ihrer Kritiker Präsident Recep Tayyip Erdogan begünstigt und Wahlbetrug ermöglicht.
  3. Nein zu Rassismus (UEFA 2017): Der Kampf gegen Rassismus, Diskriminierung und Intoleranz im Fußball wurde in den letzten Jahren zu einem der Hauptanliegen der UEFA – „say no to racism“.
  4. Bundesliga-Profi Petersen "Ich verblöde seit zehn Jahren" (Spiegel Online 8.12.17): Nils Petersen vom SC Freiburg gab ein Interview zum Thema Intelligenz im Profifußball: "Ich habe nichts gelernt, keine Ausbildung gemacht, die anderen Leute können wahrscheinlich viel mehr als ich. Manchmal schäme ich mich, weil ich so wenig Wissen von der Welt besitze."
  5. Experte: "Erdogan betrachtet Deutschland vermutlich bereits als Kolonie" (Focus Online 27.7.16): "Deutschland ist zu lasch und lässt Erdogan über Ditib hierzulande Macht ausüben."
  6. Türkei – Erdogan für Bluttest bei türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten (Frankfurter Rundschau 6.6.16): Bereits am Samstag hatte Erdogan den türkischstämmigen Abgeordneten im Bundestag angegriffen. "Dort soll es elf Türken geben", sagte Erdogan. "Von wegen. Sie haben nichts mit Türkentum gemein. Ihr Blut ist schließlich verdorben."
  7. Pressefreiheit in der Türkei: Meşale, Serkan, Yakup – angeklagt wegen Journalismus (Zeit Online 26.4., 500 Kommentare): Ein Istanbuler Gericht hat das Ausreiseverbot gegen Meşale Tolu nicht aufgehoben. Zudem sind 154 Journalisten in türkischen Gefängnissen. Wir dokumentieren ihre Fälle. Ein Leserkommentar spricht für alle: Erdogan schaltet die kritische Presse aus, beschneidet Grundrechte und will die Legislative entmachten und bezeichnet UNS als Nazis.

Erdogan-Links von wissenbloggt:

Ditib-Links von wissenbloggt:

Fußball-Links von wissenbloggt:




Kontra dem alternativlosen Glauben


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Im europäischen Raum ist es gelungen, die christlichen Religionen durch Aufklärung und Emanzipation in die Schranken zu weisen. Die Europäer bekommen aber gerade vorgeführt, wie sich autoritäre Religionen gebärden können, wenn man sie lässt – und in Deutschland lässt man sie ganz besonders (Bild: geralt, pixabay).

Das soll jetzt nicht noch eine Kopftuchdiskussion werden, zumal ja nicht nur Muslime die Re-Reconquista der säkularen Zonen betreiben, sondern weil auch Stammesreligionen aus Afrika am neuen Gottesdämmer beteiligt sind. Hier geht es auch nicht um die Beteiligung reaktionärer Kräfte aus einem gewissen südlichen Bundesland, die dem fremden Gottesdämmer den eigenen entgegennageln wollen, mit neuen Kreuzen an der Wand.

Nein.

Es geht um alle Religionen, die eine alternativlose Hinwendung an ihren Gott verlangen. Bei den monotheistischen Religionen Christentum und Islam ist das Standard. Der einzig und alleinige Gott verdammt alle Andersgläubigen zu Ungläubigen. Beim Christentum hat sich das relativiert, beim Islam ist es dafür um so uriger ausgeprägt.

Beim Hinduismus scheint es nicht besser zu sein, gemessen an Kastensystem, Islam- und Frauenverachtung, bis hin zu Gruppenvergewaltigungen und -morden. Die Frauen werden als dermaßen minderwertig angesehen, dass kein Mann so tief fallen kann, um als Frau wiedergeboren zu werden. Dass die Indiras, Kalis und Sheelas sich solche Repression bieten lassen, ohne zu konvertieren oder der Religion adieu zu sagen, deutet auf Alternativlosigkeit hin: Wenn sie eine realistische Alternative hätten, würden sie sie ergreifen.

Bei den Buddhisten sieht es anscheinend besser aus als bei den anderen Weltreligionen. Der Buddhismus diskriminiert Frauen verhältnismäßig wenig, er zeigt aber durchaus patriarchale Züge. Das Wapperl "alternativloser Glaube" passt hier nicht. Deshalb läuft der Buddhismus bei unserer religiösen Gretchenfrage nur nebenbei mit. Die wissenbloggt-Gretchenfrage ist auch nicht die goethesche ("Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?").

Nein, die geht anders; sie ist weniger Faust als Faust aufs Auge. … Wenn Sie

  • Christ sind, stellen Sie sich vor, Sie wären vor Christus geboren …
  • Muslim sind, stellen Sie sich vor, Sie wären vor Mohammed geboren …
  • Hinduist sind, stellen Sie sich vor, Sie wären in der vorvedischen Zeit geboren …
  • Buddhist sind, stellen Sie sich vor, Sie wären vor Buddha geboren …

religionfranzoesisch… was würden Sie dann glauben?

An den einzigen und alleinigen christlichen Gott könnten Sie nicht glauben, denn von dem wüssten Sie ja noch nix. Auf dem Markt waren damals nur der jüdische Jahwe und das römische Götter-Sortiment.

Das ist das logische Ex und Hopp für den alternativlosen Gott, auch wenn er Allah oder sonstwie heißt.

Man braucht ihn doch auch nicht. Der französische Text im Bild rechts besagt:
Sie brauchen keine Religion, um eine Moral zu haben. Wenn Sie das Gute nicht vom Bösen unterscheiden können, heißt das bloß, Sie sind blöd, und nicht, dass Sie konvertieren müssen.

Das gleiche gilt für den Sinn des Lebens. Der wurde nicht vor 2000 Jahren vom Himmel herabgesandt. Den gab und gibt sich jeder selber, entweder direkt oder indirekt durch Wahl einer Religion.

Im Licht dieser Argumentation ist der Glaube bloß Zufall, der dadurch bestimmt wird, wann wer wo von wem geboren wurde. Der zynische Spruch dazu: Wie schön Gott es eingerichtet hat, dass die Leute in meiner Heimat meinen Glauben teilen.

Naja, ganz so schön hat er es denn doch nicht eingerichtet. Überall grassieren Ketzertum, Atheismus, Häresie, und dazu kommt eine unchristliche Einwanderungsbewegung. Dem trägt das Bild unten Rechnung. Die viereinhalb deutschen Götter sind durchgekreuzt, weil sie ihr Verfallsdatum überschritten haben, und weil es schließlich um ein Kontra dem alternativlosen Glauben geht.

Wo bleibt der Gott, der rekontriert?

(Gott, Jesus, Heiliger Geist, Jungfrau Maria so halb & Allah, Bild: Wikimedialimages, oscardavid19gt, TheDigitalArtist, Jo-B & werner22brigitte, alle pixabay, Bearbeitung wb).

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Götter-Links von wissenbloggt:




Philosophie: Panpsychismus als Bewusstseinstheorie


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Der emergentistische Materialismus durfte hier breiten Raum einnehmen (wb-Links Bunge), und jetzt kommt eine Sichtweise dran, für die der Altmeister  Mario Bunge wohl nur Spott übrig hätte:

Der Panpsychismus möchte allen existenten Objekten geistige Eigenschaften zuschreiben. Das Sandkorn denkt, der Wassertropfen hat Geist, die Welle hat Bewusstsein (Bild: sciencefreak, pixabay).

Modern ausgedrückt heißt das Integrated Information Theory IIT. Diese Theorie versucht zu erklären, was das Bewusstsein ist und warum es mit bestimmten physikalischen Systemen assoziiert sein könnte. Nach dem IIT-Erfinder Giulio Tononi bePhi-iit-symbol.svgzeichnet der Phi-Wert Φ in der Kybernetik die Bewusstheit bzw. das Bewusstsein eines Systems (Bild: Wmayner, Wikimedia Commons).

Damit befasst sich ein Conversation-Artikel von (EPSRC Research Fellow in Complexity Science, University of Sussex, 1. Link unten, Why we need to figure out a theory of consciousness). Demnach wird eine neue Theorie des Bewusstseins gebraucht, und das könnte IIT sein. Die Bewusstseinsfrage wird von einigen als letzte Grenze der Wissenschaft (2.) angesehen. In der letzten Dekade haben die Bewusstseins-Wissenschaftler interessante Information über den Unterschied zwischen bewusster und unbewusster Hirnaktivität herausgefunden. Strittig ist nur, ob es eine valide Theorie gibt, die erklärt, was das Spezielle an der Hirnmaterie ist.

Bei einigen eminenten Neurowissenschaftlern gewinnt die IIT zunehmende Beachtung (3.) und Unterstützung (4.). Ihr Wesen ist, dass absolut jedem physikalischen Objekt ein wie gering auch immer ausfallender Level von Bewusstsein anhaftet. Einige behaupten (5.) sogar, sie hätten eine mathematische Formel zur Messung des Bewusstseins von allem, iPhones eingeschlossen.

Die Behauptungen sind widersprüchlich und unterminieren den möglichen Fortschritt, der von diesen Ideen kommen könnte. Um das zu belegen, widmet der Autor der IIT einige Erklärungen. Sie beginnt mit zwei grundlegenden Beobachtungen über die Natur und unsere bewussten Erfahrungen als Menschen:

  1. Alles, was wir erfahren, ist nur eine Auswahl der immensen Möglichkeiten.
  2. Alle Bestandteile unserer Wahrnehmungen (Farbe, Textur, Vordergrund, Hintergrund) werden simultan erfahren.

Aufbauend auf diesen Beobachtungen besagt die Theorie, dass die mit dem Bewusstsein assoziierte Hirnaktivität sich ständig ändern muss; sie muss aus vielen verschiedenen Mustern bestehen und eine Menge Kommunikation zwischen den Hirnarealen beinhalten.

Das wäre ein solider Ausgangspunkt. Bis zu einem gewissen Maß ist er sogar testbar. Z.B. mit einer Magnetspule auf dem Schädel, die sehr kurze magnetische Impulse emittiert und dem Hirn Reaktionen entringt (6.transkranielle Magnetstimulation). Die Reaktionen werden mittels Elektroden überall auf dem Kopf aufgezeichnet. Im Wachzustand der Testperson breitet sich die Reaktion auf die magnetische Stimulation in komplexen Mustern aus.

Wenn sich die Testpersonen im Tiefschlaf befinden oder betäubt sind, breitet sich die Reaktion nicht weit aus, und die Riffelmuster sind einfacher. Diese Beobachtung stützt die Theorie angeblich. Sie zeigt, dass jede Hirnregion im wachen Zustand etwas anderes tut und alles miteinander kommuniziert.

Soweit, so gut, doch weitergehende Erkenntnisse wären schön. Deshalb die Suche nach einer Formel, die einen präzisen Level des Bewusstseins aus den Daten errechnet – und genau an diesem Punkt beginnen sich die Gelehrten zu streiten.

Die IIT behauptet, dass die endgültige Formel irgendwie die Information quantifiziert, die in irgendwas steckt. In dem Zusammenhang soll Information bedeuten, wieviel man durch Analyse der Gegenwart über Vergangenheit und Zukunft des betrachteten Objekts herausfinden kann.

Die Messgrundlage können Spannungen von Neuronenbündeln sein, und auf Basis der Spannungsmessungen sollen die vorherigen und die folgenden Messwerte gefolgert werden. Wenn man gute Ergebnisse von allen Neuronen und schlechte ein einigen wenigen feststellt, ist man dem Ziel nah.

Die Probleme auf dem Weg dahin sind zahlreich, theoretisch (7.) und praktisch. Die bisher gefundenen Formeln funktionieren nicht (8.). Das führt einige Leute dazu, dass sie das mathematische Abenteuer lieber auf Eis legen möchten (9.). Immerhin geht es bei der experimetiellen Erforschung des Bewusstseins voran, also warum sich nicht darauf konzentrieren? Aber Faktensammeln reicht nicht, so Barrett, man braucht auch eine Theorie, um die Fakten zu verstehen. Und die IIT verspricht Erfolg in der Hinsicht.

Kann denn die panpsychistische Position ernstgenommen werden? Die Ansicht, dass alles bewusst ist? Man sollte sorgfältig damit umgehen, was man das ausdrückt – die Rede von der bewussten Welle ist nicht hilfreich (10.).

Gäbe es eine Menge widerstreitende plausible mathematische Beschreibungen des Bewusstseins, und keine wäre testbar, dann läge kein Nutzen darin, noch eine von der Sorte zu erfinden. Doch bis jetzt gibt es null davon, da ist die Lage anders.

Barrett zieht den Vergleich mit Einsteins Relativitätstheorie, die war auch sehr überzeugend, noch ehe sie getestet wurde (Anmerkung wb: die etablierte Physik fand sie gar nicht überzeugend). Die IIT ist noch nicht überzeugend für den informierten Mathematiker, aber sie ist die vielversprechendste Grundlage (11.), auf der man die Wurzeln des Bewusstseins angehen kann. Und Fortschritt an dieser letzten Grenze ist schon ein wenig mehr bewusste Anstrengung wert.

Soweit der Artikel. Offen bleibt dabei, wie das gehen soll, dass das Bewusstsein beim Schlaf abgeschaltet ist. Ist dann die Materie nicht mehr bewusst? Für eine kritische Sicht sei die Lektüre der u.a. Texte empfohlen, die aus dem Artikel gesammelt wurden. Der Löffel-Artikel (10.) widerspricht der Ansicht aus diesem Artikel (1.) sogar.

 

Medien-Links:

  1. Why we need to figure out a theory of consciousness (The Conversation 11.5.): Understanding the biology behind consciousness (or self-awareness) is considered by some to be the final frontier of science. And over the last decade, a fledgling community of “consciousness scientists” have gathered some interesting information about the differences between conscious and unconscious brain activity.
  2. Consciousness: The Final Frontier (Psycology Today 4/16): Why does being a brain feel like something instead of nothing? (Über Qualia und Solipsismus und IIT.)
  3. A Theory of Consciousness Can Help Build a Theory of Everything – Neuroscience is weighing in on physics’ biggest questions (Nautilus 4.5.17): Physicists, in other words, face the same hard problem of consciousness as neuroscientists do: the problem of bridging objective description and subjective experience. To relate fundamental theory to what we actually observe in the world, they must explain what it means “to observe”—to become conscious of.
  4. ROCK CONSCIOUSNESS -The idea that everything from spoons to stones is conscious is gaining academic credibility (Quartz 27.1.): Consciousness permeates reality. Rather than being just a unique feature of human subjective experience, it’s the foundation of the universe, present in every particle and all physical matter. Der Artikel nennt das "easily-dismissible bunkum", aber weil die traditionellen Erklärungsversuche scheitern, hat diese panpsychische Sicht immer mehr Fürsprecher.
  5. Can We Quantify Machine Consciousness? ( 25.5.17): Artificial intelligence might endow some computers with self-awareness. Here’s how we’d know. (Über Deep machine learning, Spracherkennung usw. und die persönlichen Assistenten Alexa (Amazon), Siri (Apple), Now (Google) und Cortana. (Microsoft).)
  6. Consciousness – A Theoretically Based Index of Consciousness Independent of Sensory Processing and Behavior (Science 14.8.13): We introduce and test a theory-driven index of the level of consciousness called the perturbational complexity index (PCI).
  7. A comment on Tononi & Koch (2015) ‘Consciousness: here, there and everywhere?’ (The Royal Society 4.1.16): It is a beautiful idea that consciousness could in some sense be identified with intrinsic integrated information, and it is fascinating to contemplate a theory of consciousness that has the potential to explain the relationship between physical structure and conscious phenomenology. However, strong assertions that existing ‘Φ’ measures have even come close to successfully capturing intrinsic integrated information overstate how well-developed integrated information theory (IIT) is.
  8. From the Phenomenology to the Mechanisms of Consciousness: Integrated Information Theory 3.0 (Plos Computational Biology 8.5.14): The postulates are used to define intrinsic information as “differences that make a difference” within a system, and integrated information as information specified by a whole that cannot be reduced to that specified by its parts.
  9. how to make IIT (& other theories of consciousness) more respectable (In Conciousness We Trust 10.8.17): Although I’m not exactly a fan of the theory, I find the basic ideas of IIT intriguing and intuitively interesting.
  10. Conscious spoons, really? Pushing back against panpsychism (Neurobanter.com 1.2.): If you come to the primary academic meeting on consciousness science … you’ll find a wealth of work like this and very little – almost nothing – on panpsychism. You’ll find debates on the best way to test whether prefrontal cortex is involved in visual metacognition – but you won’t find any experiments on whether stones are aware.
  11. An integration of integrated information theory with fundamental physics (frontiers in Psychology 4.2.14): Here I hypothesize that consciousness arises from information intrinsic to fundamental fields. This hypothesis unites fundamental physics with what we know empirically about the neuroscience underlying consciousness, and it bypasses the need to consider quantum effects.
  12. Why is Conciousness so Baffling (Guilio Toroni)

Links von wissenbloggt dazu:




Sozialbetrug toleriert, aber nur bei Ausländern


volunteers-2729723_1280Wie so oft bei heraufdämmernden Skandalen, wusste man es schon lange. Das aktuelle Schlagwort heißt "Kindergeldbanden", und es wird sogar von der Welt in den Mund genommen (1. Link unten). Aber nur das Schlagwort ist neu, die einschlägige Kriminalität gibt es schon seit Jahren (Bild: geralt, pixabay, Montage: wb).

Eine Anleitung für das aktuelle Geschäftsmodell entnimmt man den Leserkommentaren des Welt-Artikels (1.). Begleitet wird es von der Aussage, das  Vorgehen sei seit langem bekannt, getan würde dagegen – Nichts:

  1. Die Organisatoren werben Landsleute aus ihrer Heimat in Osteuropa an und bringen sie nach Deutschland.
  2. Dort melden sich die Familien in verschiedenen Bundesländern mit Scheinadressen an.
  3. Die Organisatoren helfen bei Behördengängen und Kontoeröffnungen.
  4. Die Organisatoren fälschen wichtige Unterlagen wie Mietvertrag und Freizügigkeits-Bescheinigung.
  5. Anschließend stellen die Familien Kindergeldanträge bei den jeweiligen Familienkassen. Die 16 Familienkassen (je eine pro Bundesland) kümmern sich um die Auszahlung der Gelder.
  6. Danach schicken die Organisatoren die Familien in die Heimatländer zurück.
  7. Wenn die Behörden eine Meldeaufforderung schicken, reisen die Familien nach Deutschland, stellen sich vor und reisen wieder zurück.
  8. Das Kindergeld kassieren die Organisatoren. Sie behalten die Bankkarten oder lassen sich eine Vollmacht ausstellen, oder sie lassen die Familien das Konto der Organisatoren für die Auszahlung angeben.

Nun ist es nicht so, dass der Staat nichts davon weiß. Aber wer sich nicht am Betrug mit Ausweisdokumenten und an Falschaussagen bei den Alters- und Herkunftsangaben stört (4.), der nimmt auch das easy. Vor zwei bis drei Jahren gab es einen halbherzigen Anlauf dazu, den "Sozialtourismus" auszubremsen. Für EU-Ausländer auf Arbeitssuche sollte es nach Vorschlag der SPD und mit Zustimmung der CDU keine Sozialhilfe und kein Arbeitslosengeld II mehr geben (8.).

Dem stehen aber die Brüsseler Sozialkommission (2.) und andere Widerstände entgegen, und so wurde eben eine Kompromissregelung gefunden. Vorher reichte 1 Tag Arbeit für die Berechtigung zum Leistungsbezug, was dazu führte, dass 2016 42% der EU-Ausländer, die Arbeitslosengeld bezogen, weniger als drei Monate gearbeitet hatten. Der 1 Tag wurde auf 3 Monate erhöht, um die vollen Ansprüche aus der Sozialversicherung zu erwerben (5. – 8.). Inwieweit das Erfolg hatte, ist aus den Medien nicht zu entnehmen.

Auch nicht, inwieweit die Geschäftsmodelle mit Schrotthäusern und – natürlich – Kindergeld damit zurechtkommen (beschrieben in den wb-Artikeln zu den Parallelgesellschaften). Naheliegend ist natürlich ein bei weiteres Geschäftsmodell, um die unklare Identität der Immigranten beim Familiennachzug auszunutzen. Er kann ja irgendwelche Leute als seine Familie ausgeben. DNA-Tests dürfen wegen Brüsseler Diskriminierungsängsten nicht gemacht werden, und falsche Papiere sind wohlfeil.

Einige EU Länder und EU-Kandidaten stehen auf dem Weltkorruptionsindex noch hinter manchen afrikanischen Ländern (Bulgarien Platz 71, Serbien 77, Kosovo 85, Mazedonien 107). Dort kann man sich bei den Behörden alle Arten von Dokumenten für kleines Geld auf orginalem Amtspapier mit originalen Stempeln besorgen, und das geht sogar via Online-Shopping. Die kriminellen Banden versorgen EU-Ausländer im großen Stil mit fingierten Geburts- und Schulbescheinigungen. Das Geld landet dabei nicht bei den Antragstellern, sondern bei den Drahtziehern (1.).

Wenn das Geschäftsmodell auf den Nahen Osten und Afrika ausgeweitet wird sind natürlich Syrien (Platz 178) und Somalia (letzter Platz 180) heiße Kandidaten. Aber auch die Türkei (Platz 81) ist gut im Rennen, wie die Welt-Foristen berichten. 

Demnach ist es unter anatolischen Bürgermeistern seit 50 Jahren nicht ungewöhnlich, urlaubenden Deutschtürken Kinder zu bescheinigen, die sie gar nicht haben, zwecks Kindergeld. Das sieht man nicht so eng, auch nicht auf der deutschen Seite. Schließlich gibt es seit 1964 das "Deutsch-türkische Sozialversicherungsabkommen", das die in der Türkei lebenden Angehörigen von hier lebenden krankenversicherten Türken kostenlos mitversichert. Kein Deutscher kann seine Eltern mitversichern, nur die hier arbeitenden Türken können das für ihre Familien in der Heimat tun.

Und die Arbeitenden aus Bosnien, Herzegowina, Serbien und Montenegro, denn diese Länder sind dem Abkommen beigetreten (deutsch-jugoslawisches Abkommen von 1968). Am schönsten ist: Wer zu den Verwandten gehört, bestimmt die türkische Regierung, und die sagt, auch die Eltern gehören dazu.

Das Thema wurde 2011 diskutiert, mit der Argumentation, das Abkommen sei ja als Lockangebot konzipiert und außerdem wären die Ausgaben für die Krankenkassen viel höher, wenn die Familienangehörigen nicht in ihren Heimatstaaten bleiben, sondern von ihrem Recht Gebrauch machen, nach Deutschland nachzuziehen (9.). Zwei unkommentierte Merkwürdigkeiten:

  1. Eltern von Volljährigen dürfen nachziehen?
  2. Und in dem Fall war es möglich, unterschiedliche Tarife in der Türkei und in Deutschland einzurichten, aber nicht beim Kindergeld?

Damit ist dieser Artikel beim Eigentlichen angelangt, bei der Ungleichbehandlung:

  • auf der einen Seite grenzenloses laisser faire und Bewilligungen auf Eigenauskunft und Fake-Dokumente hin (weil man ja nicht vor Ort recherchieren kann und keine Handys auslesen darf),
  • auf deutscher Seite penibelste Prüfung bis zur mehrmaligen Dokumenten-Nachforderung bei Minimalbeträgen.

Der Datenschutz verhindert den Abgleich der verschiedenen Datenbestände und eröffnet dem Missbrauch viele Möglichkeiten. In den Ämtern wird herumgeheimnist, wo man für die Auszahlung von Sozialleistungen zuständig ist. Nicht mal innerhalb eines Amtes darf jeder Zugriff auf Daten nehmen, weil ein Fallmanager nicht die Daten kennen darf, die der Sachbearbeiter aus der Leistungsabteilung hat –  geschweige denn, dass es Zugriff auf Daten anderer Ämter gäbe.

Auf der anderen Seite ist vor der GEZ nichts geheim, die kann an alle Daten dran, um die TV-Zwangsgebühren einzuziehen. So ist es auch, wenn jemand einen Bankkredit aufnehmen will, der muss sich nackig machen – wieder so eine Ungleichheit und Ungereimtheit.

Zudem ist das Vorgehen gegen Säumnis völlig unterschiedlich. Deutschen droht ganz schnell der Prozess, während bei Immigranten sehr permissiv vorgegangen wird, wenn sie sich nicht an die Regeln halten (Beipiel der Togoer, der mühsamst abgeschoben wurde und gleich wieder einreiste, um erneut Asyl zu beantragen).

Auch ist es anscheinend so, dass solche gehäuften Probleme mit dem Kontrollverlust speziell in Deutschland gibt. Andere EU-Länder sind da besser organisiert und aufgestellt. Und noch eine Anmerkung aus dem Welt-Forum (1.): Wie fließen diese vielen Betrugsfälle in die Kriminalstatistik ein? Wetten, gar nicht?

Am meisten regen sich die Leute über die staatliche Schlampigkeit auf, wenn man nach dem Welt-Forum gehen darf. Zitat aus dem Artikel: "Wir beobachten diesen organisierten Kindergeldbetrug seit ein, zwei Jahren."

  1. Der Kindergeldbetrug hat längst sein 50. Jubiläum gefeiert (s.o.), Der entsprechende wb-Artikel ist von 2016 (s.u.).
  2. Und wieso wird das 1, 2 Jahre beobachtet, ohne dass was dagegen getan wird!?

Deutschland gibt etwa 200 Mrd. Euros für mehr als 150 familienpolitische Leistungen aus. Die finanziellen Folgen sind auf derart viele Töpfe verteilt, daß genaue Zahlen nicht zu erhalten sind. Das durchschaut einfach keiner mehr, und das erleichtert Missbrauch. Anscheinend sehen manche Verantwortlichen das Abpumpen von Steuermitteln als eine Art sekundärer Entwicklungshilfe, könnte man ketzern. Die betroffenen Steuerzahlern finden es allerdings nicht lustig, dass das Geld so leicht abzuzocken ist. Noch ein ähnliches Geschäftsmodell ist im Angebot:

  1. Der Organisator hat eine Firma in Deutschland und stellt dort auf dem Papier z.B. einen Rumänen ein. Als EU-Bürger hat der "Beschäftigte" Anspruch auf Kindergeld.
  2. Als Gehalt erhält der "Beschäftigte" den Mindestlohn für eine Halbtagsbeschäftigung. Die Firma führt den Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteil für Krankenversicherung, Rente, Arbeitslosenversicherung und die Steuer ordnungsgemäß ab, das sind 330 Euros pro Monat.
  3. Der "Beschäftigte" muss in Deutschland eine Meldeadresse haben, muss dort aber nicht erscheinen. Er muss nur nachweisen, z.B. 8 Kinder zu haben, was für den ländlichen Raum in Rumänien kein Problem darstellt.
  4. Kindergeld dafür ist 1712 Euros. Minus den gezahlten 330 Euros ergibt das einen positiven Saldo von 1382 Euros.
  5. Wenn der "Beschäftigte" davon die Hälfte erhält, entspricht das ca. 150% vom Mindestlohn in Rumänien. Er hat eine Krankenversicherung, und er kann dort noch wirklich arbeiten.
  6. Dem Organisator bleiben nach allen Kosten knapp 700 Euros pro "Mitarbeiter", bei z.B. 30 "Mitarbeitern" ein schönes Geschäft.

Und es ist nicht so, dass die Leute nach solchen Möglichkeiten suchen müssen. Laut Welt-Foristen stehen die Organisatoren an den Zobs und empfangen ihre Kunden mit ausgefüllten Formularen für Sozialleistungen und mit exakten Anweisungen. Verwunderlich ist eigentlich nur der Schadensbetrag von 100+ Millionen (1.) – ob der wirklich so niedrig ist?

Was da schiefläuft, ist auch die Brüsseler Sperre gegen angepasste Leistungen je nach Lebenshaltungskosten der Herkunftsländer, was das Problem sehr entschärfen würde. Aber sowas gilt als Diskriminierung, obwohl es bei den krankenversicherten Türken geht (s.o.), und obwohl die EU bei den Gehältern ihrer Beamten die gleiche Anpassung vornimmt (2.).

In der EU-Kommission hat die Arbeitnehmerfreizügigkeit oberste Priorität. Damit ermöglicht sie organisierten Banden die oben erwähnten Geschäftsmodelle, die nicht nur für Rumänen, sondern für viele andere Menschen aus Südosteuropa funktionieren. Mit Hilfe der Organisatoren bekommen sie als Arbeitslose oder auch als (Schein-)Selbstständige dieselben Ansprüche wie jemand, der nach 35 Jahren Beitragszahlung arbeitslos wird.

Online gibt es sogar Leitfäden, wie man mit Minijobs Zahlungen als "Aufstocker" erhält, und einige von den mittlerweile 400.000 dürften wohl auf der Basis eingerichtet sein. Die professionelle Ausbeutung der Sozialsysteme ist in Gang, und die Politik kriegt das nicht kontrolliert. Kontrollen wären ja auch "gewaltförmig", wie das neuste Schlagwort heißt.

Ein bisschen Gehirnzellenbetätigung wäre angebracht. Die Leute, die "unsere Renten und unser Sozialsystem retten werden" (2015-Slogan) sind erstmal am Abgreifen interessiert, und wenn es ihnen dermaßen leicht gemacht wird, kann man ihnen kaum einen Vorwurf machen. Der Vorwurf geht an die Politik, die uns solches eingebrockt hat.

Und an die Wähler (Welt-Foristenstimmen): Das ist schon irgendwie witzig, dass die meisten, die gegen die Politik schimpfen, diese auch gewählt haben. Und die fundamentale Weishheit: Den allermeisten Wählern scheint nicht klar zu sein, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Kreuz auf dem Wahlzettel und der sich daraus ergebenden Politik gibt.

Oder auf wissenbloggt diktiert, wer Merkelschulz wählt, kriegt Merkelscholz.

 

Medien-Links:

  1. Erfundener Nachwuchs – Kindergeldbanden sorgen für Schaden von mehr als 100 Millionen (Welt 6.5., 800 Kommentare): Organisierte Banden betrügen die Familienkassen, indem sie sich von diesen Kindergeld auszahlen lassen – für Kinder, die entweder nicht existieren oder die nicht in Deutschland leben.
  2. Migrationspolitik – Wie viel Naivität darf sich ein Land leisten? (Cicero 10.5.): Versuche, Leistungen an die Lebenshaltung der Herkunftsländer zu koppeln, wie sie jetzt auch die Regierung in Österreich ankündigt, sind bislang am Widerstand der Brüsseler Sozialkommissarin Marianne Thyssen gescheitert. Die belgische Christdemokratin wittert Diskriminierung, wenn Familienleistungen nach Nationalität gestaffelt werden – obwohl die EU bei den Gehältern ihrer Beamten genau so verfährt.
  3. Westbalkan: Eine neue Sprache für eine neue EU (Zeit Online 6.2.18, 700 Kommentare): Die EU will ab 2025 sechs Westbalkanstaaten aufnehmen. Ein schlechter Scherz? Eher: eine klare Botschaft an potenzielle Neubürger und geopolitische Konkurrenten.
  4. Sozialstaat Die Sozialkosten explodieren – und niemand handelt (WirtschaftsWoche 5.4.17): Der enorme Anstieg der deutschen Sozialausgaben aufgrund der Zuwanderung führt nicht etwa zu Sparanstrengungen, sondern zum Gegenteil. … Über den Betrug mit Ausweisdokumenten wird ebenso großzügig hinweggesehen, wie über Falschaussagen bei den Alters- und Herkunftsangaben.
  5. EU-Kommission – So will Brüssel jetzt den Sozialmissbrauch bekämpfen (Welt 12.12.16): EU-Bürger sollen im EU-Ausland erst dann Arbeitslosengeld beziehen können, wenn sie zuvor drei Monate gearbeitet haben. Bisher können EU-Ausländer Arbeitslosenunterstützung beziehen, auch wenn sie im Zielland nur einen Tag gearbeitet haben. (2016 hatten 42% der EU-Ausländer, die Arbeitslosengeld bezogen, weniger als drei Monate gearbeitet, das lief dann unter Sozialtourismus.)
  6. EU-Ausländer: Kein Hartz IV und keine Sozialhilfe ohne vorherige Arbeit – Neues Gesetz kommt nächste Woche (Epoch Times 7.10.16): EU-Bürger sollen nach einem neuen Gesetz künftig grundsätzlich von Hartz IV und Sozialhilfe ausgeschlossen sein, wenn sie nicht in Deutschland arbeiten oder durch vorherige Arbeit Ansprüche aus der Sozialversicherung erworben haben. Das Gesetz wurde bereits Ende 2015 angekündigt, da Innenminister de Maizière schärfere Regeln wollte, dauerte die Abstimmung so lange.
  7. EU-Ausländer sollen künftig weniger Sozialhilfe erhalten (Junge Freiheit 7.10.16): EU-Ausländer (sollen) künftig frühestens nach fünf Jahren Hartz IV oder Sozialhilfe erhalten können. … Damit soll eine Einwanderung, vor allem aus Osteuropa, ins deutsche Sozialsystem verhindert werden.
  8. Zuwanderung – SPD und Union wollen Sozialhilfe für EU-Ausländer einschränken (Süddeutsche Zeitung 30.12.15): Für EU-Ausländer auf Arbeitssuche soll es nach einem Vorschlag von Arbeitsministerin Nahles (SPD) keine Sozialhilfe und kein Arbeitslosengeld II mehr geben. Der sozialpolitische Sprecher der Unionsfraktion begrüßt den Vorschlag. Nach Schätzungen wären 130.000 Menschen betroffen.
  9. Streit über Krankenversicherung – Anti-türkische Petition nervt den Bundestag (Spiegel Online 16.2.11): Bevorzugt das deutsche Gesundheitswesen türkische Arbeitnehmer? Die NPD behauptet das – und mit ihr Tausende Bürger. Es gab eine Petition an den Bundestag, damit das Sozialversicherungsabkommen mit der Türkei von 1964 aufgekündigt wird – aber es der Fall sei eine Farce.

Links von wissenbloggt:




® Arbeitsprofite für alle


Europaeische-Zentralbank-Logo-Zockerbude-EZB-qpress

Der Titel könnte auch heißen Geldpumpen falsch gepolt, denn es geht um die Geldströme, die überall in der falschen Richtung fließen:
weg von der Allgemeinheit, hin zum unverdienten Reichtum.

Als Aushängeschild dafür könnten tropische Oasen oder heimische Baustellen dienen, Bankenfassaden oder Börsencomputer, Paragraphenwerke oder bonipralle Geldsäcke – aber ein geborgtes Euro-Emblem tut's auch (Bild: EZB & qpress).

In der Steuerdiskussion wird über alle möglichen Abgaben gestritten. Geredet wurde von der Erbschaftssteuer, die durch unglaubliche Subventionen überkompensiert wird; die Finanztransaktionssteuer wurde vielfach diskutiert, und sogar von einer Reichensteuer wurde vielstimmig gejodelt (Punkt 11. unten). Die Regierungspolitiker fordern stets gern Steuererleichterungen, und dann liefern sie nichts ab. Oder noch schlimmer: eine weitere Bevorzugung der oberen Einkommensschichten zulasten der unteren. An der ungerechten Verteilung der Steuerlast ändert sich nur, dass sie noch ungerechter wird. Ähnlich wirksam sind die Maßnahmen gegen die Steuerflucht: Da haben wir eine schwarze Null.

Dabei zeigt sich ein typisches Politikverhalten: Erst wird ein Schlamassel angerichtet, wie etwa durch die Degregulierung (siehe letzten wb-Link). Wenn in der Folge Missbrauch und Ungerechtigkeit offenkundig werden, wird aber nicht wieder zurückreguliert, sondern es wird versucht, woanders dran zu schrauben. Daraufhin gibt es ein Flickwerk von Verschlimmbesserungen, ohne das eigentliche Problem zu bewältigen.

Statt solchen Patchworks müsste die Politik nur die Probleme anschauen, die man z.B. bei wissenbloggt nachlesen kann. In dreizehn Punkten wird hier aufgelistet, wo die Geldflüsse verkehrt herum laufen, was alles im argen liegt, und wie Arbeitsprofite für alle erreichbar sind (der Leser möge die geballte Anhäufung von wb-Links verzeihen, aber das ist nun mal das Ergebnis von Jahren der Kapitalismuskritik):

  1. EZB – die Politik der Europäischen Zentralbank bestand zuächst darin, die Banken mit dem Geld der Allgemeinheit vollzustopfen und ihnen die Risiken abzunehmen, für die sie kassierten. Dann schwenkte die EZB um auf Staatsfinanzierung: Sie kaufte Staatsanleihen auf, z.T. für Negativzins, womit sie Anreize zur Staatsverschuldung schuf. Die EZB ist ein Hauptinstrument zur Umverteilung von unten nach oben, wie es diverse wb-Artikel beschreiben (wb-Links).
  2. Hochfrequenzhandel und sonstiger Börsenmissbrauch – anstatt das Flash-Trading per Finanztransaktionssteuer auszubremsen, darf diese Pervertierung der Anlageidee weiter betrieben werden. Das blitzschnelle Kaufen und Stornieren der Kaufaufträge ist im Grunde legalisierter Insiderhandel. Auf diese Art schaffen sich die Flash Boys quasi Insiderinformationen, was man mit Insiderhandel 2.0 tituliert hat. Es wirkt wie eine Steuer, aber verkehrtrum, von der Allgemeinheit zu den Abzockern. Der Hochfrequenzhandel ist ein wesentlicher Bestandteil des Börsenmissbrauchs. Dazu gehört aber auch das Überschwemmen der Börsen mit Börsen-Spam, mit Derivaten, von denen nur ein paar Prozent der Realwirtschaft dienen und der Rest allein dem Zocken (wb-Links).
  3. Derivate – beim Bankencrash 2008 waren 95% des Börsenhandels Derivate, die nicht der Realwirtschaft dienten, sondern nur dem Zocken. Besonders perfid sind die "Credit Default Swaps" (CDS, Ausfallversicherungen), mit denen man Wetten auf den Ausfall von Unternehmens- und Staatskrediten abschließen kann, auch wenn man gar keine Kredite hält. Damit haben Hedgefonds gegen die Eurozone spekuliert, und Banken sogar auf die Pleite ihrer eigenen Kunden – und an der Pleite mehr verdient als am regulären Geschäft. Mit "Collaterated Debt Obligations" (CDO, Verbriefungen) wurden großmaßstäblich faule US-Immo-Verbriefungen so verpackt, dass sie als solide Anlage um die Welt verkauft werden konnten. In der deutschen Staatsschuld schlug sich das mit 300 Mrd. Schulden nieder. In der Bilanz vom Bundesland Bayern z.B. sind es 10 Mrd., mit tatsächlich gezahlter Tilgung und gezahlten Zinsen im Mrd.-Bereich (wb-Links).
  4. Bankenkriminalität – die Betrügereien und Durchstechereien bringen viel Geld in die Kasse der Privilegierten. Stichworte Steuerhinterziehung, AAA-subprimes, Libor- und Tibor-Manipulation, Isdafix-Manipulationen, Devisenkurs-Manipulationen, Goldpreisfixing, Cum-Ex-Betrug, Karussellbetrug mit zyklischen Umsatzssteuer-Erstattungs-Geschäften, Betrügereien beim Emissionshandel. Die Banken werden aber nur in Grenzen zur Wiedergutmachung herangezogen. Allein durch die faulen US-Immo-Verbriefungen wurde Schaden in Billionenhöhe angerichtet, die Verurteilungen blieben im 100-Mrd.-Bereich (wb-Links).
  5. Boni – viele von den Prämien gehen nahtlos in Diebstahl über, Beispiel Deutsche Bank und VW. In beiden Firmen hat das Management die Karre an die Wand gefahren, und dafür kassieren die Manager Sonderprämien. Tatsache ist, dass cleverer Betrug (DB) bzw. dummdreister Betrug (VW) Milliardenverluste einbringt. Dafür Boni zu zahlen, ist dummdreister Diebstahl. Vielfach sind die Boni bloß zur Selbstbedienung der Manager da. Was da passiert, ist schlicht plündern (wb-Links).
  6. Schattenbanken – 1/3 des Finanzmarkts ist bereits in den Schatten abgetaucht. Dort entzieht er sich der Regulierung und Besteuerung. Beim Derivatehandel, der sich von der Realwirtschaft weitgehend entkoppelt hat, sind es sogar 9/10 (wb-Links).
  7. Steuerflucht – die Steueroasen sind ein aktuelles Thema, nur werden sie seit zig Jahren nicht zugemacht. Stattdessen kommt es raus, dass Staaten in den USA und in der EU selber Steueroasen sind, im Grunde sogar Deutschland. Wie immer ist die Steuerfluchtindustrie der Politik weit voraus (wb-Links).
  8. Nahrungsmittelspekulation – an den Nahrungsmittel- und Rohstoffbörsen dürfen auch Leute spekulieren, die gar nicht einkaufen wollen, sondern nur zocken. So wird jeder Sack Zucker oder Kaffee im Schnitt 75-mal verkauft, bevor er in den Handel kommt. Logischerweise gehen die Profite der Zocker zu Lasten der Verbraucher (wb-Links).
  9. Gemeindebetrug und ÖPP – was Staat und Ländern die CDS' und CDOs waren, das waren den Gemeinden andere Finanzprodukte, mit denen sie reingelegt wurden. Als Beispiel kann die Stadt Pforzheim mit ihrem Derivate-Debakel dienen. JP Morgan, die Deutsche Bank u.a. drehten den Stadtkämmerern undurchsichtige "Zins-Swaps" fürs Schuldenmanagement an, also Zins- und Steuer-Tricksereien, die dann teuer wurden. Bei den Öffentlich-Privaten Partnerschaften ÖPP wie z.B. beim Ausverkauf von Autobahnen, von Sozialwohnungen, von öffentlichen Versorgungsunternehmen zahlt der Bürger auch drauf (wb-Links).
  10.  Mieten – noch eine Ausbeutungsmethode, zumindest in den Ballungsgebieten. Früher wurde der Bodenpreis durch Amigogeschäfte hochgetrieben, und nun sorgt der Ausverkauf der Sozialwohnungen und die EZB-gemachte Vermögenspreisinflation für den Lohnraub über die Mieten. Erst die Immigrantenwelle brachte die Politik auf die Idee, wieder in bezahlbaren Wohnraum zu investieren (wb-Links).
  11. Erbschaftssteuer und weitere Steuern – die deutsche Erbschaftssteuer ist ein Subventionssystem für reiche Erben. Dass die reichsten 10% über 60% des Vermögens besitzen, ist u.a. durch die mangelhafte Besteuerung verursacht: Jährlich werden 5 Mrd. Erbschaftssteuer erhoben und 8 Mrd. Subventionen draufgezahlt. Die Zahlungen gehen an Firmenerben, damit die "das Unternehmen weiterführen können". Die Vermögenssteuer wird seit 1997 nicht mehr erhoben, obwohl das Vermögensteuergesetz weiterhin in Kraft ist, die Börsenumsatzsteuer ist seit 1991 abgeschafft, die Finanztransaktionssteuer kommt genausowenig wie eine echte Reichensteuer (wb-Links).
  12. Sozialmissbrauch – die professionelle Ausbeutung unserer Sozialsysteme reicht von "Kindergeldbanden", die für erfundene Kinder kassieren, über Sozialbetrugsbanden bis zur Asylindustrie und zum Asylbetrug. Die Ämter sind vom Datenschutz, der personellen Ausdünnung und der politisch gewollten Blindheit dermaßen gehandicapt,  dass es geradezu eine Einladung zum Missbrauch darstellt (wb-Links).
  13. Sonstige Belastungen – in Stichworten (wb-Links):

    • EEG – die Umlage subventioniert Besitzende,
    • GEZ – diese Zwangsabgabe ist eine Quasisteuer,
    • Diesel-Bohei – die Wirkung ist eine Vernichtung von Milliardenwerten. Alte Diesel-Autos sind unverkäuflich, obwohl sie immer noch sauberer fahren als Elektroautos,
    • Abmahner-Unwesen – legalisierte Abzocke,
    • Patenthaie – Erpressung mit Patenten,
    • Internetkriminalität: erpresst Gelder online,
    • Preisdiskriminierung – automatisierte Abzocke durch benutzerspezifische Preise,
    • Überreglementierung und Inkompetenz am Bau – Dämmwahn, Brandschutz-Hype,
    • Handelsverträge mit Schiedsgerichten – CETA, TTIP oder Toll Collect.

Selbst damit ist die Liste der falschgepolten Geldpumpen nicht vollständig. Überreglementierung und Inkompetenz gibt es nicht nur am Bau. Unverdienter Reichtum wird auch sonstwo generiert. Pfründe tun sich allerorten auf.

Angesichts dieser Mißstände ist die Steuer- und Gerechtigkeitsdiskussion eigentlich obsolet. Um Arbeitsprofite für alle zu gewährleisten, würde es schon reichen, die falschgepolten Geldpumpen stillzulegen. Damit würde endlich mehr Gerechtigkeit einkehren. Die Reform der Besteuerung muss dann nur noch die Feinabstimmung besorgen.

 

(Dieser Artikel wurde am 18.6.16 publiziert, am 27.11.16 geändert und am 9.5.18 überarbeitet.):

Links von wissenbloggt zur EZB:

Links von wissenbloggt zu Hochfrequenzhandel und Börsenmissbrauch:

Links von wissenbloggt zu Derivate:

Links von wissenbloggt zu Bankenkriminalität:

Links von wissenbloggt zu Boni:

Links von wissenbloggt zu Schattenbanken:

Links von wissenbloggt zu Steuerflucht:

Links von wissenbloggt zu Nahrungsmittelspekulation:

Links von wissenbloggt zu Gemeindebetrug und ÖPP:

Links von wissenbloggt zu Mieten:

Links von wissenbloggt zu Erbschaftssteuer:

Links von wissenbloggt zu Sozialmissbrauch:

Links von wissenbloggt zu Sonstige Belastungen:

Links von wissenbloggt zu den weiteren Arbeit-Artikeln:

Allgemeine Links von wissenbloggt:




® Freiheitsmissbrauch


statue-of-liberty-1082444__480Freiheitsmissbrauch ist ein komplexes Problem. Was allein bei wiki zur Freiheit aufgeführt ist, erstreckt sich über viele Aspekte von Wollen und Handeln (bis hin zum versagenden Deo der Freiheitsstatue, das der Achselschatten im Bild von skeeze, pixabay, andeutet). Interessanterweise gehört auch die Kopftuchdebatte zu diesem Bereich, ohne dass es allzuvielen klar wäre.

Ganz allgemein spielen Werturteile eine große Rolle dabei, die Grenzen der Freiheit zu fassen. So richtig objektiv geht das nicht mal bis zum Mill-Limit: „dass der einzige Grund, aus dem die Menschheit, einzeln oder vereint, sich in die Handlungsfreiheit eines ihrer Mitglieder einzumischen befugt ist: sich selbst zu schützen. Dass der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gesellschaft rechtmäßig ausüben darf: die Schädigung anderer zu verhüten.“

Wo endet die Belästigung, wo beginnt die Schädigung? Klarer sind die Definitionen von Bunge/Mahner, welche die Werte so kategorisieren (wb-link unten):

  • primäre Werte gelten den lebensnotwendigen Bedürfnissen,
  • sekundäre Werte gelten den gesundheitsnotwendigen Bedürfnissen,
  • tertiäre Werte gelten den legitimen Interessen, d.h. solchen, die nicht die primären und sekundären Bedürfnisse anderer beeinträchtigen.

Das schafft saubere Prioritäten zwischen den Kategorien. Innerhalb der (hoffentlich nur tertiären) Kategorie ist dann abzuwägen. Da gilt Hobbes' Satz: "Dein Recht ist meine Pflicht, und deine Pflicht ist mein Recht."

In diesem Text soll das Thema Freiheitsmissbrauch speziell unter dem Gesichtspunkt angegangen werden, der in der Diskussion letzthin öfter vorkam: Können wir im Namen der Freiheit Kopftuchtragen verbieten? Oder allgemein: Indem wir Maßnahmen zur Verteidigung unserer Freiheit ergreifen, beeinträchtigen wir dann nicht die Freiheit, die wir verteidigen?

So paradox muss das Problem noch nicht mal auftreten. Es reicht schon, wenn sich in einer freiheitlichen Gesellschaft Clans, Sippen, Sekten und Religionen etablieren. Die können die allgemeine Freiheit nutzen und in verschiedenen Gebieten – Orten, Branchen, Bereichen, Verhaltensmustern – Fuß fassen. Wenn sie dann kungeln, um die eigenen Leute in Position zu bringen und andere draußenzuhalten, wenn sie Privilegien für ihre Partikularinteressen erwirken, wenn sie eigene Autoritäten aufbauen, um sie über die Staatsautorität zu stellen, wenn sie Frauen zu freilaufenden Sexobjekten erklären und ihnen ein Trümmerfrauen-Outfit vorschreiben – dann schaffen sie die Freiheit ab.

Die Freiheit des Einzelnen wird dann ersetzt durch die Freiheit des Clanchefs oder Sektenführers oder Obermuftis, der allen anderen vorschreibt, was sie zu tun haben. Die Mitglieder von Clan, Sippe, Sekte und Religion sind dann nicht mehr frei, sondern willkürlichen Regeln unterworfen. Bei den deutschen Kirchen spiegelt sich das im Kirchenrecht, das der Religion einige Werte vom Grundgesetz opfert.

Bei Clans kann es so aussehen, wie es ein Artikel der Süddeutschen Zeitung von 2015 beschreibt (11. Link unten), Eine Studie zeige zwar, dass die Öffentlichkeit die Bedeutung muslimischer "Friedensrichter" in Berlin überschätze. Allerdings breiten sich kriminelle Clans in der Hauptstadt aus, die teilweise eine Paralleljustiz etabliert haben. Dabei ist die Verbindung zur organisierten Kriminalität wichtiger als die Religion, schreiben die Autoren der Studie.

Über das kriminelle Element wird auch bei den Ahmadiyya berichtet, 2014 in der Welt (12.). Demnach soll die muslimische Ahmadiyya-Gemeinde mit Glaubensbrüdern Geschäfte gemacht haben. Im Gegenzug für Spenden soll sie positive Bescheinigungen für Asylverfahren ausgestellt haben.

Die Jesiden genießen in Deutschland Bleiberecht, sie können daher  Persilscheine verkaufen, indem sie anderen Personen bescheinigen, Jesiden zu sein. Diese kurdische Gruppe ist mehr muslimisch als christlich, mit inoffiziellem Vielweibersystem und Clan-Regeln, zu denen Ehrenmorde und Zwangsheiraten innerhalb des Clans gehören, mit entsprechenden Inzest-Problemen.

Und unter deutschen Muslimen greift das Kopftuchtragen um sich (1., 2., 3., 5.). Nur bei weiblichen Muslimen, versteht sich, und gegen den deutschen Mehrheitswillen (6.), z.T. beginnend mit Sechsjährigen (7.),

Von der Freiheit des Einzelnen bleibt da nicht viel übrig. Der konventionelle islamische Freiheitsbegriff unterscheidet sich ja auch stark von dem der Menschenrechte. Er geht noch auf die Epochen zurück, wo die ganze Sippe zusammenhalten musste, um zu überleben. Persönliche Freiheit und Selbstverwirklichung waren unter solchen Umständen ein Vergehen gegen den Gemeinschaftsgeist. Wo jeder in der ihm zugewiesenen Rolle funktionieren musste, und ansonsten drohte allen der Untergang, galten andere Prioritäten. So kam es, dass die persönliche Freiheit beim Islam ein Schimpfwort ist. In der Moderne ist das allerdings unzeitgemäß und verfehlt.

Die Frage ist, wie hält man es bei der Immigration damit?

  • Integration ist, wenn die persönliche Freiheit beim Einzelnen ankommt, und zwar nicht nur beim Sultan, Clan- oder Familienoberhaupt, sondern bei allen, Frauen inclusive.
  • Freiheitsmissbrauch ist, wenn Frauen und Kinder indoktriniert werden und nicht in den Genuss der Freiheitsrechte kommen.
  • Die Freiheit wird aber auch eingeschränkt, wenn Staaten ihre Grenzen dichtmachen, um die Immigration von Menschen zu verhindern. Sie beschränken damit die Freizügigkeit iher Bevölkerung.

Manche Stimmen nennen auch das letztere Freiheitsmissbrauch, weil sie allen Menschen die Freiheit zugestehen möchten, überall hinzukommen und ihre unfreie Kultur dorthin mitzunehmen. Das folgt der Logik, wer hilfesuchend einwandern will, dessen Gebräuche müssen wir respektieren, auch wenn wir sie als Zumutung empfinden.

Nur dass diese Einstellung die Dinge verkehrt. Richtigrum geht es so: Wer reinkommt, muss unsere Gebräuche respektieren, auch wenn er sie als Zumutung empfindet.

Wie man's auch dreht, man landet bei dem Paradox von der Freiheit, die sich durch ihre Anwendung selber eliminiert. Wo die Unfreiheit in die Freiheit einwandert, kann man nur hoffen, sie löst sich von alleine auf, assimiliert sich und integriert sich. Sonst breitet sie sich aus, so oder so:

  • wo sie akzeptiert wird, wird die Unfreiheit direkt gefördert,
  • wo sie abgelehnt wird, schafft die Ablehnung Restriktionen und damit neue Unfreiheit.

Letztlich ist dann jede Unfreiheit Freiheitsmissbrauch. Die Freiheit ist nicht dazu da, um anderen etwas vorzuschreiben oder sie zu diesem Zweck zu missionieren. In den Zeit-Foren gibt es eine gute Übersicht über die vorherrschenden Standpunkte, unten sieht man eine schöne Auswahl (1., 2., 3., 5. und 7.). Da fehlt eigentlich nur Helgas Argument: Sie tragen Kopftuch, damit sie sich die Haare nicht so oft waschen müssen.

Aber Spaß beiseite – wie krass der Missbraucher-Standpunkt vertreten werden kann, zeigt der Spruch von der aggressiven Assimilationspolitik, um den Muslimen die säkular-liberale Kultur aufzuzwingen (4.). Unterstützt wird das von ebenso rigiden Fatwas (8.), die durchaus eine Grundlage im Koran haben. Dabei heißt es immer, der Koran würde nichts über das Kopftuch aussagen; aber das stimmt nicht, wie die Links zeigen (9., 10.).

Deshalb sei ein Wort an die Freiheitsmissbraucher gestattet: Wenn Deine Freiheitsausübung die Freiheit von anderen so einschränkt, dass Du sie zu Untergebenen unter was auch immer machst, dann missbrauchst Du die Freiheit.

Oder ganz kurz: Freiheit ist ein hohes Gut, und zwar die Freiheit jedes Einzelnen.

 

(Dieser Artikel wurde am 16.12.16 publiziert, am 28.6.17 geändert und am 10.5.18 überarbeitet.)

Medien-Links:

  1. Kopftuch: »Heutzutage gelten wir als Terroristen« (Zeit Online 9.5., 250 Kommentare). Argumente pro und contra aus den Kommentaren:
    ○ Das Kopftuch sei die Hinwendung zu Gott, es stehe für Liebe und Toleranz. Eine gute Schwester verhülle sich, zeige ihre Reize nur Gott und nicht den Lüsternen,
    ○ das Kopftuch sei keine Hinwendung zu Gott, sondern ein unübersehbares Zeichen, dass die Frau genügend Hirnwäsche hinter sich hat, um den Unfug zu glauben,
    ○ unsere Gesellschaft sei bunter und islamischer geworden und damit toleranter, offener und bunter,
    ○ ach so, dadurch, dass eine intolerante, verschlossene und gleichförmige Ideologie an Raum gewinne?
    ○ "es geht Sie nichts an, wie andere Menschen sich kleiden,"
    ○ "dann fragen Sie bitte einen muslimischen Mann, ob es Ihn etwas angeht, wie sich muslimische Frauen in seiner Community kleiden,"
    ○ "Bannerträgerinnen einer rückwärtsgewandten Lebenseinstellung, von der sich unsere Gesellschaft mühsam über Jahrzehnte befreit hat,"
    ○ das Kopftuch sei ein Zeichen islamischer Tradition, es symbolisiere die Minderwertigkeit der Frau gegenüber dem Mann. Kopftuchträgerinnen unterstützen diese Tradition öffentlich,
    ○ die übersensible Reaktion auf derartige Symbole sei Folge des überbordenden Ausländeranteils. Früher waren Ausländer eine Bereicherung, heute seien sie eine Last.
     
  2. Arbeitsgericht Berlin: Kopftuchverbot für Grundschullehrerin ist zulässig (Zeit Online 9.5., 500 Kommentare): Das Neutralitätsgesetz verstößt nicht gegen die Verfassung, urteilt das Berliner Arbeitsgericht. In vielen Bundesländern ist die Rechtslage anders. Argumente aus den Kommentaren:
    ○ Das Verwaltungsgericht Kassel hat vor ein paar Monaten genau das Gegenteil geurteilt: Religionsfreiheit sei höher zu bewerten als das Neutralitaetsgesetz,
    ○ daher müsse nun jeder Einzelfall einzeln geprüft werden, was, gerade bei unterschiedlichen Beamtengesetzen der Bundesländer, zu einem bunten Strauß verschiedenster Enscheidungen führe.s,
    ○ sie könne unsere Werte – Gleichberechtigung von Mann und Frau, Selbstbestimmung der Frau etc.- nicht transportieren, da sie sie selber nicht lebe.

  3. Diskriminierung: Religionsfreiheit muss für alle gelten (Zeit Online 20.4., 1750 Kommentare). Argumente aus den Kommentaren:
    ○ Menschen, die mir die Hand nicht geben, weil ich "unrein" sei, grenzen sich selber aus,
    ○ wenn das Kopftuch von Frauen und Männern getragen wird, sei es ein akzaptables Zeichen der Religionszugehörigkeit. Als Maßnahme, ehrbare von nicht ehrbaren Frauen zu unterscheiden, sei es sexistisch und unakzeptabel.

  4. Realität Islam (YouTube 19.4.): "Trotz der aggressiven Assimilationspolitik, halten wir an unseren Werten fest und sagen, dass wir nicht damit einverstanden sind, wie Deutschland versucht uns Muslimen die säkular-liberale Kultur aufzuzwingen. Wir Muslime sprechen uns für unsere islamische Identität aus und sagen: Uns gibt es nicht ohne das Kopftuch!":
     
  5. Integrationsbeauftragte gegen Kopftuchverbot für Mädchen (Zeit Online 10.4., 1100 Kommentare). Argumente aus den Kommentaren:
    ○ Das Kopftuch sei das Symbol für bewusst gelebte Nichtanpassung,
    ○ alle Minderjährigen sollten vor einer religiösen Kennzeichnung geschützt werden, dazu gehöre auch die Beschneidung,
    ○ vor dem Hintergrund … der kritischen Hinterfragung der Geschlechterrollen bei den Gender Studies sei es geradezu skandalös, dass junge Mädchen mit Kopftüchern in Schulen erscheinen,
    ○ wohl eher müsse man diese Rollenspiele und Sitten mit einer frühkindlichen Gehirnwäsche gleichsetzen,
    ○ das führe dazu, dass die Zahl der Suizide unter muslimischen Mädchen fünfmal höher ist als bei der selben Altersgruppe nichtmuslimischer Mädchen. Zum Kopftuch gehören auch Ehrenmorde, Zwangs- und Kinderehen und Mehrfachehe.
     
  6. Religionsfreiheit – Mehrheit der Deutschen will Kopftuchverbot an Schulen (Süddeutsche Zeitung 2.5.16): An deutschen Schulen dürfen Schülerinnen generell aus religiösen Gründen Kopftuch tragen. Die Mehrheit der Deutschen sieht das kritisch und würde das Kopftuch im Unterricht gern kategorisch verbieten.
     
  7. Kopftuch: Wie freiwillig ist die Entscheidung? (Zeit Online 5.4., 1400 Kommentare). Argumente aus den Kommentaren:
    ○ Diejenigen Frauen, welche freiwillig in Deutschland das Kopftuch anlegen, machen es denjenigen, welche es anlegen müssen, schwerer sich zu befreien,
    ○ es sei nicht mehr chic, sich am Westen zu orientieren, wenn dieser nach und nach seine neokapitalistisch-egoistische Fratze zeigt,
    ○ das größte Problem sei, dass man einer Kopftuchträgerin nicht ansieht, ob sie es freiwillig oder gezwungenermaßen trägt.
     
  8. Fatwa über Make-up für Muslimas (Institut für Islamfragen 29.8.06): Schminken ist Sünde und muss vergeben werden (vom Rechtsgutachtergremium der al-Azhar Moschee in Kairo/Ägypten).
    Frage: „Wie ist es aus islamischer Sicht zu beurteilen, wenn eine Muslima sich verschleiert, aber auch schminkt? Sind ihr Beten und Fasten gültig?“
    Antwort: „Die Verschleierung ist eine vorgeschriebene Pflicht. Er (der Schleier) muss den ganzen Körper bedecken und darf nicht durchsichtig sein. Das Gesicht darf unverschleiert bleiben, wenn es nicht hübsch und anziehend ist. Ansonsten muss das Gesicht ebenfalls verschleiert werden. Die Hände dürfen unverschleiert bleiben … . Das Gesicht darf nicht geschminkt werden.“
     
  9. Sure 24: an-Nur, Aya 31 (islam.de): "Und sag zu den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten, ihren Schmuck nicht offen zeigen, außer dem, was (sonst) sichtbar ist. Und sie sollen ihre Kopftücher auf den Brustschlitz ihres Gewandes schlagen und ihren Schmuck nicht offen zeigen, …":
     
  10. Sure 33: al-Ahzab, Ayat 59 (islam.de): "O Prophet, sag deinen Gattinnen und deinen Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen etwas von ihrem Überwurf über sich herunterziehen. Das ist eher geeignet, daß sie erkannt und so nicht belästigt werden. …"
     
  11. Studie über Berlin – Wenn Clan-Oberhäupter Recht sprechen (Süddeutsche Zeitung 9.12.15): Eine Studie zeigt, dass die Öffentlichkeit die Bedeutung muslimischer "Friedensrichter" in Berlin überschätzt. Allerdings breiten sich kriminelle Clans in der Hauptstadt aus, die teilweise eine Paralleljustiz etabliert haben. Dabei ist die Verbindung zur organisierten Kriminalität wichtiger als die Religion, schreiben die Autoren der Studie.
     
  12. Spenden als Eintritt zum Asylverfahren (DIE WELT 24.11.14): Die Bescheinigungen, die in Asylverfahren benötigt werden, würden oft nur gegen hohe Spendenzahlungen ausgegeben, heißt es unter Berufung auf Mitglieder der islamischen Reformbewegung. Wer die Spenden nicht leiste, erhalte keine positive Bescheinigung.

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EU als Aufstocker & Kriegstreiber


more-687241_1280Bei wissenbloggt wurde sich darüber mokiert, dass die EU eine Chance verpasste, sich mehr Geld zu verschaffen (wb-Links unten). Das war, bevor der "neue, moderne mehrjährige Finanzrahmen für eine Europäische Union, die ihre Prioritäten nach 2020 effizient erfüllt" vorgestellt wurde – auf eine Kurzformel gebracht: mehr und mehr (Bild: geralt, pixabay).

Es war schon klar, dass die EU auf Betteltour ist und den Brexit-bedingten Beitragsschwund überkompensieren möchte (14,1% mehr, nach anderer Rechnung 18% mehr, statt 7% weniger). Mit welcher List und Tücke dabei vorgegangen wird, zeigt sich dem Publikum aber erst jetzt. In einer MITTEILUNG DER KOMMISSION AN DAS EUROPÄISCHE PARLAMENT, DEN EUROPÄISCHEN RAT UND DEN RAT (1. Link unten) haben die Europäer ihre Vorstellungen dargelegt; es ist eine Wunschliste, die sich eher wie ein Rezept zur Machtergreifung liest (alle Beträge auf 7 Jahre bezogen) – die interessantesten Punkte sind:

  • Die Gesamtzahlen fehlen. Nirgends steht, dass das EU-Budget für die Jahre 2021 bis 2027 auf 1.279 Mrd. Euros erhöht werden soll (im vorherigen 7-Jahres-Zeitraum waren es incl. Großbritannien 1.087 Mrd.)
  • Die immensen Sparmöglichkeiten Agrar (-60…-120 Mrd.) und Regionalförderung ("Kohäsionspolitik" -90…-124 Mrd.) werden in die neuen Forderungen reingemischt, anstatt sie als Sparpotential zu bilanzieren.
  • Wie immer fehlt beim Agrarbereich jede zukunftsweisende Unterstützung für die Entwicklung von beyond meat und anderen Produkten zur Ablösung der Massenviehhaltung (wb-Link unten).
  • Anstatt die nicht abgerufenen Gelder als schöne Sparmöglichkeit zu bilanzieren (-21…-28 Mrd.), soll ein euphemistisch benannter "Garantiefonds" eingerichtet werden, Motto: Alles muss raus.
  • Wie gewohnt werden die Schulden nicht erwähnt, welche die EU anhäuft, durch Pensionsverpflichtungen für mehr als 45.000 EU-Beamten, "offene Zahlungsermächtigungen", Fonds für regionale Entwicklung, Sozialfonds, Kohäsionsfonds, Fonds für ländliche Entwicklung / Fischerei, das Copernicus-Programm, grenzüberschreitende Infrastrukturprojekte, der Juncker-Investitionsfonds, Fonds für Entwicklungshilfe und Migration, dazu Kredite und Kreditgarantien (wb-Link unten).
  • Bei den Geldquellen möchte sich die EU klarerweise von den Subsidien der Beitragsländer unabhängig machen, wo störende Parlamente das Aufblähen des Etats verhindern können. Sie wünscht dazu neue "Eigenmittel":

    • aus dem Emissionshandelssystem (7…105 Mrd.)
    • aus der Mehrwertsteuer (105…140 Mrd.)
    • aus der Körperschaftssteuer (21…140 Mrd.)
    • aus Seigniorage (Einkünfte EZB 10,5…56 Mrd.)

Eine Diskussion über das Sparen schenkt sich das EU-Papier. Dafür wird der Leser mit EU-Prosa beglückt: Ein "europäischer Mehrwert" soll erzielt werden. Dazu gibt es eine ominöse Statistik, bei der Deutschalnds "reale Einkommen" gegenüber 2014 um 117 Mrd. Euros gesteigert wurden, auf Platz 2 Frankreich mit 62 Mrd.

Die Behauptung von den realen Einkommensteigerungen findet sich immer mal wieder, nur hält sie keiner Überprüfung stand, Stichworte Steuerprogression, Abgabenerhöhungen, Minderung der Staatsleistungen. Dafür steigen die Ausgaben ständig, Stichworte Mieten, Staatsschulden (25.000 pro Person), implizite Schulden (noch höher), Infrastrukturverfall (noch mehr), Ausverkauf öffentlichen Vermögens (unbekannt), Euro-Risiken (5.000), Target-2-Kredite an die EZB (10.000).

Es gibt bloß spekulative Belege dafür, dass die EU irgendwelche Einkommenssteigerungen verursachte, aber auch die werden nicht benannt. Aussagekräftig ist allerdings das Bild der jährlichen Netto-Zahlungen in der EU (Bild: EU-Kommission), das durch die Darstellung vom "europäischen Mehrwert" quasi entschärft werden sollte:
EU-HaushaltssaldenZwei Artikel weisen auf weitere Tücken hin (2. und 3.). Eine davon ist platterdings eine Machtergreifung, die andere ist Kriegstreiberei:

  • Die Konzeption sieht erstmals vor, EU-Staaten bei politisch missliebigem Verhalten mit Mittelkürzungen zu bestrafen. Diese Selbsterhebung der EU-Kommision zur Über-Regierung wird feinsinnig als "Disziplinierung der Peripherie" bezeichnet (2.).
  • Und mehr Geld für Militär, Rüstung und Grenzabschottung; es soll de facto einen EU-Rüstungshaushalt geben, sowie eine "Europäische Friedensfazilität" außerhalb des EU-Budgets, um bislang existierende rechtliche Beschränkungen für die Finanzierung militärischer Vorhaben noch weiter zu umgehen (3.).

Zu diesem Thema hat die junge Welt allerhand zu sagen. Demnach war es bislang nur unter größten Mühen möglich, das EU-Budget für Militärausgaben zu nutzen. Der Artikel 41(2) des Lissabon-Vertrags verbiete es eigentlich, Ausgaben der "Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik" mit "militärischen oder verteidigungspolitischen Bezügen" aus dem EU-Haushalt zu bezahlen, solange es der Europäische Rat nicht einstimmig anders beschließt. Großbritannien setzte eine strikte Auslegung dieses Artikels durch, doch mit dem Brexit scheinen nun "rechtliche und finanzielle Dämme" zu brechen (3.). Die Gelder für die Rüstungsentwicklung wurden demnach kurzerhand auf die Rechtsgrundlage von Artikel 173 des "Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union" in Maßnahmen zur Wettbewerbsförderung umdeklariert. Die dürfen nämlich im Gegensatz zu militärischen Vorhaben der "Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik" aus dem EU-Haushalt bezahlt werden (zur "Verteidigungsunion" siehe auch den wb-Link Kriegstreiberei unten und 4.).

Eine Liste der Positionen mit den obigen Einsparungen (1…3) und Einnahmen (4…7) und den weiteren Ausgaben aus dem Paper (8…21, Beträge wieder auf 7 Jahre bezogen und gemittelt):

  Etat Mrd.
1 Agrar -90
2 Kohäsion -107
3 nicht abgerufen Garantiefonds -+24
4 Emissionshandelssystem +56
5 Mehrwertsteuer +122
6 Körperschaftssteuer +80
7 Seigniorage +33
8 innere Sicherheit +4
9 Grenz- und Küstenwache1 +8
10 Grenz- und Küstenwache2 +22
11 EU-Grenzmanagementsystem3 +150
12 Verteidigungsforschung +4
13 industrielle Entwicklung im Verteidigungsbereich +35
14 verteidigungspolitischer Finanzierungsmechanismus4 +10
15 Jugendförderung +60
16 Digitales +53
17 Forschung und Innovation +120
18 Konvergenzfazilität5 +24
19 Stabilisierungsfunktion +?
20 Entwicklungshilfe  +37
21 Investitionsförderinstrument +40

1 "umfassende" Grenz- und Küstenwache
2 "verbesserte" Europäische Grenz- und Küstenwache
3 "vollständig integriertes" EU-Grenzmanagementsystem
4 "separat" sonst "aufgrund der Beschränkungen der Verträge" nicht abzudecken (!)
5 euphemistisch für Wirtschafts- und Währungsunion

Den rund 200 zu sparenden Mrd. stehen rund 850 gewünschte neue Mrd. gegenüber. Die Begründung für solche Gier fällt schwach aus bzw. ganz weg. Überhaupt macht das alles nicht den Eindruck, wie ihn ein demokratischer Dienstleister machen sollte. Das mieft viel mehr nach einem besserwisserischen Herrschaftsanspruch.

Zur Aufrüstung heißt es: Der im Juni 2017 ins Leben gerufene Europäische Verteidigungsfonds wird schrittweise aufgebaut (also den haben sie gemacht ohne irgendwen zu fragen, und wo er nun mal da ist, muss er gefälligst gepäppelt werden). Der Europäische Verteidigungsfonds hat das Potenzial, die strategische Autonomie der EU und die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen  Verteidigungsindustrie erheblich zu stärken (!)

Also darum geht es. Tja, da müssen nur noch passende Angreifer herangezogen werden. Schwierig, nachdem Russland seinen Militäretat senkt, der ohnehin nur einen einstelligen Prozentwert vom Nato-Etat ausmacht (Russland 2017: 66 Mrd. / Nato 2017: 900 Mrd. ≈ 7%, 5.).

 

Medien-Links:

  1. MITTEILUNG DER KOMMISSION AN DAS EUROPÄISCHE PARLAMENT, DEN EUROPÄISCHEN RAT UND DEN RAT (Europäische Kommission 14.2.):
    Ein neuer, moderner mehrjähriger Finanzrahmen für eine Europäische Union, die ihre Prioritäten nach 2020 effizient erfüllt.
  2. Der Weltmacht-Etat  (German-Foreign-Policy.com 3.5.): … mehr Geld für Militär, Rüstung und Grenzabschottung … Ergänzend sieht Oettingers Konzeption erstmals vor, EU-Staaten bei politisch missliebigem Verhalten mit Mittelkürzungen zu bestrafen.
  3. Kreative Aufrüstung (junge Welt 8.5.): Der jüngst vorgestellte EU-Haushaltsentwurf für die Jahre 2021 bis 2027 sieht steigende Ausgaben für Rüstung und militärische Infrastruktur vor. Dazu werden geschickt bestehende Regularien umgangen.
  4. Aktionsplan zur militärischen Mobilität: EU unternimmt Schritte in Richtung einer Verteidigungsunion (Europäische Kommission Pressemitteilung 28.3.): Die Förderung des Friedens und die Gewährleistung der Sicherheit unserer Bürgerinnen und Bürger haben für die Europäische Union oberste Priorität. Durch die Erleichterung der militärischen Mobilität innerhalb der EU können wir Krisen besser vorbeugen, unsere Missionen effizienter einleiten und bei auftretenden Problemen rascher reagieren.
  5. Ranking der 15 Länder mit den weltweit höchsten Militärausgaben im Jahr 2017 (in Milliarden US-Dollar, statista).
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Rezension E.R. Dodds: „Heiden und Christen in einem Zeitalter der Angst“ von Frank Sacco


41pTVy-9gaL._AC_US327_QL65_Die masochistische kirchenbedingte Depression ist die schwerste und schrecklichste psychische Erkrankung, die wir Psychotherapeuten kennen, schreibt Frank Sacco, Doktor der Medizin. Je größer die Gottangst und je größer die verdrängte Sünde dem Klienten erscheint, umso stärker muss das Opfer ausfallen, das einen Deal mit der jeweiligen Gottheit bedeutet. Und auf den Klerus gemünzt: Sadismus ist Sexersatz.

Rezension E.R. Dodds: „Heiden und Christen in einem Zeitalter der Angst“ von Frank Sacco

Dodds schreibt, „selbst auferlegte Qualen“, also Masochismus, charakterisiere sowohl das Heiden- wie auch das Christentum (Seite 48). Dodds weiter: „Die Preisgabe körperlicher oder geistiger Gesundheit ist für die Menschen die endlose Sühne für eine unbewusste Schuld.“ Kennzeichnend sei der „Zwang, einem vorgestellten bedrohlichen Übel (gemeint ist irdische und / oder Höllenstrafe, der Verf.) dadurch zu entgehen, dass man es in harmloser, symbolischer Form vorwegnimmt“. Hier verharmlost Dodds als Nichtarzt das Ausmaß, das ein solcher Masochismus annehmen kann. Immerhin stach Ödipus sich aus Gottangst heraus die Augen aus – als ein Opfer an Zeus. Die „Sünde“ des Ödipus: wiederholter Sex mit der Frau Mama. So was tut man auch nicht.

Die masochistische kirchenbedingte Depression ist die schwerste und schrecklichste psychische Erkrankung, die wir Psychotherapeuten kennen. Je größer die Gottangst und je größer die verdrängte Sünde dem Klienten erscheint, umso stärker muss das Opfer ausfallen, das einen Deal mit der jeweiligen Gottheit bedeutet. Die oft unbewusste Vermutung eines Christen, eine Sünde wider den Heiligen Geist begangen zu haben, zieht oft eine jahrlange depressive Qual nach sich. Denn diese „Sünde“, so der sadistische Klerus,  werde weder hier noch im Jenseits von Jesus vergeben werden. Tausende, weiß Eugen Drewermann, sind deswegen in den Psychiatrien über Monate hinweg untergebracht, zumal die ärztlichen Therapeuten aufgrund eigener religiöser Ängste und „Erfahrungen“, so Manfred Lütz,  das Thema Religionsschaden nicht aufgreifen, sondern die Betroffenen zum verursachenden Klerus schicken – zur „Behandlung“. Das ist vergleichbar mit einem Internisten, der seine Alkoholkranken zur „Behandlung“ in die Schnapsfabrik schickt. Der dann „behandelnde“ Klerus wiederum ist dem Höllendogma von höchster Stelle verpflichtet. Wer dieses Dogma anzweifeln würde, der versündige sich „gegen den Heiligen Geist“, so der frühere Papst Benedikt in einer Schrift. Dabei ist der Heilige Geist eine üble, sadistische Erfindung. Es gibt keine Geister. Warum ist der Klerus nur so sadistisch? Früher, als er noch durfte,  verbrannte er ja gern Rothaarige und Hexen. Fragen wir Sigmund Freud: Sadismus ist Sexersatz. Katholische Priester sollte der Staat zum regelmäßigen Nachweis sexueller Aktivitäten verpflichten – aber bitte nicht mit Kindern!

Über die Angst resultiert die bekannte Drehtürpsychiatrie. Hat der masochistisch Erkranke genug gelitten, fühlt er sich besser und kann entlassen werden. Geht es ihm dann ambulant wieder (zu) gut, benötigt er wieder einen masochistischen Schub zum Ausgleich seines seelischen Gleichgewichtes bzw. zur Angstreduktion. Meinem  ersten Patienten war die „Sünde“ zwar bewusst, er wusste aber nicht mehr das Wo und Wie seiner „Versündigung“. Er war ein oft eingewiesener Dauergast und erhielt Insulinschocks. Mir klagte er seine Angst vor einem ewigen Feuer. Ich sagte ihm, Gott sei doch kein Nazi. Das zeigte Wirkung. Wie alt war ich da? Ich glaube 23. Es ist eine Ewigkeit her (Bild: RobertCheaib, pixabay).

dead-end-2336508_1280RobertCheaibDodds, Eric R., „Heiden und Christen in einem Zeitalter der Angst“, Frankfurt am Main; Suhrkamp; 1985; 3-518-57733-6 (Amazon)

Frank Sacco ist Autor von Das Sacco Syndrom und Autor der Bücher

Weitere Artikel von Frank Sacco




Marx & Medien


facebook-2387089_1280Eigentlich sollte es bei wissenbloggt keinen Marx-Artikel geben, und dessen 200. Geburtstag sollte mit einem Kommentar abgebügelt sein. Nun gibt es aber doch einen aktuellen Bezug, der recht unverhofft kommt – eine Verbindung zwischen dem Uralt-Sozialisten und den modernen sozialen Medien wird plötzlich hergestellt (Bild: Mediamodifier, pixabay).

1844 hat Marx von der Religion als Opium des Volks geschrieben (1. Link unten). Jetzt sprechen 2 Artikel von den Sozialen Medien als Opium des Volks (2. und 3.). Forscher haben beunruhigende Parallelen zwischen süchtigmachenden Drogen und den Sozialen Medien gefunden, so wie dunnemals Marx Parallelen zwischen der Religion und den Drogen fand: Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks (1.).

Die heutige Schelte an den sozialen Medien liest sich weitaus prosaischer. Ja, wie tief sie in die Privatsphäre eingreifen, wird wohl erst in Jahren gänzlich klarwerden. Ein Zeitalter geht zuende, wo Menschen physisch zusammenkamen und persönliche Netzwerke unterhielten. Nun können die Leute ihren Klatsch und Tratsch übers Internet austauschen – die Sozialen Medien haben die Bedeutung des menschlichen Lebens verändert.

Sie haben auch einen Multimilliarden-Markt geschaffen, der von Firmen wie Facebook Inc., Snap Inc. und Twitter Inc. dominiert wird (wb-Links unten). Und dabei sind ihre Leistungen meistens umsonst. Angesichts der Zeit, welche die Benutzer an den Bildschirmen verbringen, wären sie vielleicht sogar bereit, den Anbietern etwas zu zahlen. Im Mittel verbrachten sie weltweit täglich so viel Zeit mit den Sozialen Medien:

2013: 95 min, 2014: 101 min, 2015: 109 min, 2016: 126 min, 2017: 135 min (2.).

Aber es breitet sich ein Unbehagen aus. Die Sorge um die Privatsphäre ist schon schlimm genug. Die ganzen Porno-Links sind gespeichert, die Mails mit Hetze, die kessen Bilder – eine üble Vorstellung, dass das irgendwann gegen einen benutzt werden könnte, von Hackern, von Erpressern, von Datenfuzzies. Man kann seine Files downloaden, und dann kriegt ein gestandener Facebook-Nutzer schon mal 400 Seiten Material, das er lieber vernichtet sähe (3.).

Das ist nicht alles, was Unbehagen schafft. Dazu gibt's die potentielle Wahlbeeinflussung und den sonstigen Online-Missbrauch, und die Abhängigkeit, die sich beim intensiven Gebrauch einstellen kann. Das trägt die Züge von Drogensucht.

Inzwischen gibt es das klinische Bild der Sozialen-Medien-Sucht. Es gibt Studien, die Korrelationen zwischen dem Gebrauch der Online-Medien und der abnehmenden sozialen Interaktion feststellen (4.). Neue Studien sprechen von Social media addiction als Abart der Internetsucht (5.). Und Smartphone-Entzug ist für viele so schrecklich wie Drogenentzug (6.).

Es betrifft nicht alle, klar. Nicht jeder ist ein Junkie, der seine Zeit bei Facebook & Co. verplempert. Nur die Intensivtäter sind gefährdet, aber ein Viertel der US-Amerikaner sind ständig online. Dazu das bonmot:

Früher bot das Internet ein Entkommen aus der Realwelt – jetzt bietet die Realwelt eine dringend benötigtes Entkommen aus der Internet-Welt (2.).

Aber man muss relativieren. Was für einige schädlich ist, muss nicht die ganze Gesellschaft schädigen. Es gilt den Nutzen abzuwägen. Autos töten Zehntausende pro Jahr, und doch will sie niemand verbannen. Auch können süchtigmachende Drogen ihre Vorteile haben, z.B. Kaffee. Das sollte man beachten, wenn man vom Bann der Sozialen Medien spricht.

Aber man muss aufpassen mit der Sucht. Wer nicht raucht, weiß nicht, wie schwer es ist aufzuhören. Wer das Suchtpotential des Internets nicht kennt, kann sich unversehens in Abhängigkeiten verstricken. Aber ob es so weit geht wie bei Zigaretten und Heroin? Wären die Leute bereit, jeden Preis für eine Internet-Session zu zahlen? Zur Aufklärung braucht es mehr Forschung, z.B. um die Sozialen Medien endgültig auf dem Level von Tabak einzustufen und nicht auf dem von Heroin. Immerhin geht es um erhebliche Teile der gesellschaftlichen Ressourcen, die in drogenähnlichen Kanälen vergeudet werden – und das ist wirklich beunruhigend. Ob der moderne Kapitalismus damit wirklich was besseres erfunden hat als die alte Religion?

Soziale Medien generieren nicht nur negative Produktivität (7.), sie fügen einer ganzen Generation psychische Schäden zu. Wenn die 15-Jährigen ihre Zeit mit Instagram-Fotos verballern, schaffen sie sich nur Depressionen an, weil sie nie die beste Trophäe vorzeigen können (die dünnsten Beine, den komischsten Mund, was eben gerade angesagt ist).

In der US-Kultur zählt das Geld noch mehr als die Depris, und auch da lesiten die Sozialen Medien ihren Teil. Eine Fake-Nachricht auf Twitter brachte 2013 einen kurzfristigen Absturz vom Dow-Jones-Index von 14.700 runter auf 14.550, entsprechend 90 Mrd. $ Verlust (8.). Dazu wäre allerdings anzumerken, dass die heutigen Twitter-Meldungen keine Fakes sind, wenn sie vom US-Präsi kommen …

Trotzdem sieht der Artikel (3.) das Schicksal der Demokratie von spam,  clickbait und fake news abhängen (clickbait sind Köder, auf die man klicken soll). Dort warnt man auch vor noch mehr Gefahren, vor einem Rückschlag (blowback, 9.). Wir würden in einer neofeudalen Gesellschaft enden, wo die Privilegierten (Protected Few) auf Kosten der machtlosen Ausgebeuteten leben. Deshalb sollten die Besitzenden nicht nur auf die Gewinne (blow-out earnings) von Facebook und Amazon achten, sondern auf den Rückschlag gegen die technischen Supermächte (Facebook, Amazon, Google=Alphabet).

Diese Technik hat nicht den gleichen Jobmultiplikator wie früher die Autoindustrie. Da gab's Tankstellen, Reifenhändler, Reparaturwerkstätten, Smoginspektoren, Farbdesigner. Bei den Sozialen Medien gibt's die Werbetreibenden, die ihren junk über diese Plattformen vertreiben können. Ansonsten tun sich die technischen Supermächte bloß dadurch hervor, dass sie bei der Künstlichen Intelligenz ganz vorn mitmischen. Das finanzieren sie mit ihren Werbe-Erlösen im Hinblick darauf, dass sie später ganz vorn dabei sind, wenn die KI den Menschen ersetzt.

Das hat auf zweierlei Weise was mit Marx zu tun:

  • einmal das Suchtverhalten mit der Parallele Religion ist Opium fürs Volk / Soziale Medien sind Opium fürs Volk,
  • und das Ausbeutungsverhalten, bei dem die technischen Supermächte (Facebook, Amazon, Alphabet) Grundbausteine der kapitalistischen Wirtschaft sind.

Man muss das auf marxistisch sagen, nicht nur in den USA grassiert die Ausbeutung. In Deutschland tut sie es auch. Die Löhne werden gedrückt, die Arbeitsbedingungen prekarisiert, die Lasten auf Arbeitnehmer und Sozialkassen abgewälzt. Jobs im sozialen Bereich, im Servicebereich, im Bereich von Sub- und Unterfirmen werden standardmäßig unterbezahlt. Um so mehr unverdienter Reichtum entsteht, bei Leuten, die beliebig viel Schaden anrichten, solange sie nur davon profitieren.

Karl Marx formulierte die Losung: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Es läuft genau andersrum, als ob es hieße: Ausbeuter aller Länder, vereinigt euch!

 

Medien-Links:

  1. Religion als Opium des Volkes (Karl Marx 1844, Religionskritik der Aufklärung): Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.
  2. Social Media Looks Like the New Opiate of the Masses (Bloomberg 4.4.): Researchers have found some troubling parallels with addictive drugs.
  3. Social Media, Not Religion, Is The Opium Of The People (Global Macro Monitor 5.5.): Social media is becoming the new whipping boy and poster child for all that ills our culture and contributing to its decline.
  4. Online Social Networking and Addiction—A Review of the Psychological Literature (PMC, Daria J. Kuss and Mark D. Griffiths 29.8.11): Negative correlates of [social media] usage include the decrease in real life social community participation and academic achievement, as well as relationship problems, each of which may be indicative of potential addiction.
  5. The Predictive Level of Social Media Addiction for Life Satisfaction: A Study on
    University Students
    (TOJET: The Turkish Online Journal of Educational Technology, Cengiz ŞAHIN, 10/17): Social media addiction is considered as a sort of Internet addiction. Individuals who spend too much time on social media have a desire to be notified of anything immediately, which can cause virtual tolerance, virtual communication and virtual problems.
  6. Surviving a Day Without Smartphones (MITSloan Management Review 29.11.17): For young adults accustomed to continually checking their cellphones, even a single day without access to them can be anxiety-producing. What are the implications for executives about managing this constantly connected generation?  … 15% of Americans between ages 18 and 29 were “heavily dependent” on their smartphones for online access.
  7. Why Google Is A Short (Global Macro Monitor 24.4.): Many of our largest companies are in the social media space, such as Google and Facebook. What exactly do they produce? … They have strange business models as they are not directly compensated for their product, but indirectly are paid for the content or platform they provide for advertisers and mind benders. Then there is selling your, what you thought was private, data to the highest bidder.
  8. 'Bogus' AP tweet about explosion at the White House wipes billions off US markets (The Telegraph 23.4.13): The FBI and SEC are to launch investigations after more than £90bn was temporarily wiped off the US stock market when hackers broke into the Twitter account of the Associated Press and announced that two bombs had exploded at the White House, injuring Barack Obama.
  9. The Blowback Against Facebook, Google and Amazon Is Just Beginning (of two minds.com 26.4.): This is how we end up with a neofeudal society that benefits the Protected Few at the expense of the powerless, exploited Many. Blow-out earnings from Facebook and Amazon have cheered Wall Street, but institutional owners might want to focus not just on blow-out earnings but rising blowback against the tech superpowers (Facebook, Google and Amazon).
  10. Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung (Karl Marx 1843) (Nochmal das Opium)
  11. Manifest der Kommunistischen Partei (Karl Marx / Friedrich Engels 1848 mit Vorwort von atheisten-info.at)

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® Grundeinkommen für alle


euro-871021_960_720Dieser Artikel gehört als Nummer 9 in die wissenbloggt-Reihe Arbeit für alle. Es gibt aktuelle Entwicklungen, deshalb wurde er überarbeitet und ergänzt. Grundeinkommen ist eigentlich ein Einkommen ohne Grund, und das wird hier begründet.

Das Bild von geralt, pixabay zeigt die Geschenkpackung von n * 500 €. Aber die 500-€-Noten werden abgeschafft oder auch nicht (1. Link unten). Und das Grundeinkommen wird gar nicht erst eingeführt. Es scheiterte in der Schweiz (2016,, 2.), in Finnland (2018 3. und 4.). In Kuba, Kenia und anderen Ländern wird es getestet, und in Alaska ist es tatsächlich eingeführt.

Bei wiki firmiert das bedingungslose Grundeinkommen (= Gundeinkommen ohne Grund) auch als negative Einkommensteuer oder als Dividende für alle. Die Idee, jedes Gesellschaftsmitglied an den Gesamteinnahmen dieser Gesellschaft ohne Bedürftigkeit zu beteiligen, wird weltweit diskutiert.

Inzwischen gibt es Erkenntnisse aus Finnland, die eher skeptisch stimmen (3. und 4.). Menschen einfach Geld zu schenken und zu hoffen, dass es auf alle einen guten Effekt hat, reicht demnach nicht. Schließlich seien Menschen sehr unterschiedlich: Manche können mit dem geschenkten Geld nicht umgehen, die kaufen bloß Alkohol und schließen sich zu Hause ein. Weiterhin gebe es in Finnland eine große Gruppe von jungen, sozial benachteiligten Männern, über welche die Forscher sehr wenig wissen, heißt es. Worüber nicht gesprochen wird, ist die Frage, inwieweit sich diese Gruppe mit den Immigranten deckt.

Fazit: Man braucht ein bedingungsloses Grundeinkommen, das an Bedingungen geknüpft ist. Sozusagen ein Gundeinkommen mit Grund. Vielleicht ist das dann nicht mehr der totale Kommunismus, an den mache bei diesem Thema denken. Noch ein Punkt dazu: So ein Einkommen ist ein Recht, aber wo bleibt die Pflicht, die dem gegenübersteht?

  • Wird die nur den Besserverdienenden als Zahlern auferlegt?
  • Oder auch den Robotern, Computern, Automaten?
  • Und wie steht es mit Pflichten für die Empfänger, z.B. das Geld nicht zu vertrinken, oder gar Sozialarbeit zu leisten?

Eckpunkte

Grund genug für wissenbloggt, eine kleine Reise durch die weiteren Argumente anzugehen, zu der auch die Deformationen gehören, denen die Menschen ohne Grundeinkommen ausgesetzt sind. Ein paar Stichworte umreißen die Eckpunkte:

  • Wir brauchen ein universales Grundeinkommen für den sozialen Frieden weltweit, sonst verwandeln die Roboter alle werktätigen Menschen in Almosenempfänger.
  • Es ist auch nicht teurer als Arbeitslosengeld, Hartz IV, Sozialhilfe, plus Kosten durch Unruhen und Umstürze, zumindest auf Deutschland bezogen.
  • Die Kontrollbürokratie für Hartz IV wird auf einen 2stelligen Milliardenbetrag geschätzt, und wenn die Restriktionen wegen der Bedingungslosigkeit wegfallen, entfällt theoretisch auch der Bürokratieaufwand.
  • Wegen derselben Bedingungslosigkeit ist mit einem Ansturm von Immigrationswilligen aus aller Welt zu rechnen – also anderer Organisationsaufwand, um sie draußenzuhalten bzw. eine 2-Klassengesellschaft aufrechtzuerhalten, aber wer will das?
  • Wenn es nur eine Umverteilung von dem ist, was derzeit für die Allgemeinheit verfügbar ist, wird es viel Widerstand geben, weil den einen genommen werden muss, was den anderen gegeben wird – und das, wo der Kuchen insgesamt kleiner wird.
  • An der Rück-Umverteilung von Reich zu Arm scheitern derzeit alle. Aber wenn die nicht gelingt, arbeiten die Roboter für die Besitzenden und nicht für die Allgemeinheit, und das Grundeinkommen kann nur minimal sein.
  • Das Grundeinkommen kann neue Probleme schaffen, weil die Preise für Miete und Nahrung hochgehen können. Es kann aber auch Probleme lösen. Wenn es funktioniert, ist weniger staatliche Regelung nötig, weil keiner mehr erpressbar ist und schlechte Jobs annehmen muss. Diese Jobs sind dann nicht mehr bezahlbar und wandern aus.
  • Die Parteien könnten sich bei ihren Wahlversprechen zum Grundeinkommen überbieten und Schulden dafür aufnehmen.

Pervertierung

Eine pervertierte Vorstellung des Grundeinkommens verdanken wir der EU (5.). Der verlinkte Artikel spricht den Glauben aus, das Helikoptergeld komme bald. Perfiderweise geht es nicht um die Rettung der Menschen, sondern um die Rettung der Wirtschaft. Also wenn die Wirtschaft so zusammengerichtet ist, dass sie Geldfluten braucht, ist das kein Problem. Nur wenn die Menschen Geld brauchen, dann geht das gar nicht.

Selbstbestimmung

Zur Vertiefung ein etwas anspruchsvollerer Text (6.):  Neu am bedingungslosen Grundeinkommen ist demnach nicht das Grundeinkommen selber, sondern die Bedingungslosigkeit. Die Auswirkungen der Bedingungslosigkeit entscheiden nach dieser Quelle über das Gelingen des Grundeinkommens. Das bedingungslose Grundeinkommen ermöglicht also, Arbeit nicht zu fetischisieren, sondern zu individualisieren.

Sozial sei nicht, was Arbeit schafft, sozial sei, was sie abschafft. Und sozial sei nicht, was andere beschäftigt, sozial sei, was sie freisetzt. Wer frei ist, könne besser sehen, was für andere gut ist, und besser ergreifen, was zu tun ist. Wer selbstbestimmt handele, sei auf der Höhe der Zeit. Selbstbestimmung sei die Macht von morgen.

Der Begriff Freizeit tauche dort auf, wo Arbeit und Leben entzweit werden, wo wir uns um die Work-Life-Balance bemühen müssen. Das Grundeinkommen ist demnach eine über sich selbst hinausweisende Idee, die uns ohne Rücksicht auf ihre Realisierung die richtigen Fragen stellen lässt: Was würden wir tun, wenn alle anderen für uns arbeiten? Wer bestimmt, wenn jeder selbst bestimmt? Wie frei sind wir, wenn wir niemanden mehr zwingen? Aus dieser Sicht werden wir umso besser miteinander umgehen, je besser wir diese Fragen "bewegen".

Alaska

Ein Futurism-Schaubild (7.) zeigt: Die Robot-pro-Arbeiter-Relation steigt in den Fabriken der ganzen Welt rapide. In 2016 begann die Top 10 mit Korea, Japan, Deutschland, … In 2018 starten die Top 10 der am meisten automatisierten Länder der Welt mit Südkorea, Singapur, Deutschland, … (8.). Gefährdete Jobs: etwa dieselben Zahlen wie beim wb-Link 6. Arbeitsfrüchte für alle. Frage dazu: How will we take care of our workers when there's no work? (7.)

Dazu wird das UBI erklärt, das Universal Basic Income. In Alaska gibt es das schon seit 1982. Es heißt Permanent Fund Dividend PFD, und es verteilt die Einkünfte des Alasca Permanent Fund APF. Weil die Erträge variieren, schwankt die Ausschüttung zwischen 850 und 2050 $ pro Jahr.

equality

Arbeitslöhne

Ein zorniger Text lehrt die Wirtschaftswissenschaften, wo das Geld hingehen muss, um Wirkung zu entfalten. Es muss kein Grundeinkommen sein, höhere Löhne reichen schon. Das besagt der nächste Artikel von Jeff Nielson (9.): Viel von der verbreiteten ökonomischen Theorie ist Nonsense ("gibberish"). Es ist Propaganda, die nur zu dem Zweck in die Hirne der Eierköpfe getrichtert wird, um den status quo zu erhalten. Die Interessen der Superreichen sollen über die aller anderen Gesellschaftsmitglieder gestellt bleiben. Was als ökonomische Doktrin gilt, gilt deshalb, weil es kaum mehr als ein wenig Artithmetik und gesunden Menschenverstand beansprucht.

Hinter dem ökonomischen Prinzip, das als marginale Konsumneigung bekannt ist ("Marginal Propensity to Consume"), steckt auch nicht mehr. Wenn eine arme Person ein paar Dollars in die Hand gedrückt kriegt, wird sie sie ausgeben und der Wirtschaft damit die maximale Wirkung bescheren. Das ist keine Theorie, das ist eine grundlegende Tatsache.

Wenn eine Person aus der (wegerodierenden) Mittelklasse die Dollars kriegt, wird sie das meiste davon ausgeben und einen kleinen Teil sparen. Auch das ist keine Theorie, sondern eine grundlegende Tatsache.

Aber wenn eine reiche Person die Dollars kriegt, wird sie den größten Teil davon horten. Je reicher die Person ist, desto größer der gehortete Prozentsatz.

In den USA horten die oberen 0,1% so viel Vermögen wie die unteren 90%. Grob gesehen, können sie das nicht regulär verdient haben –  sie haben's gestohlen, so der Artikel. Am besten korrigiert man das durch Besteuerung.

Vor allem aber Jobs für alle schaffen, anstatt >20% der Bevölkerung von der Arbeit fernzuhalten (hier kommt aber kein Vorschlag zum 6-std-Tag). Und faire Löhne zahlen, dann kommt die Kaufkraft der Wirtschaft zugute.

Schuldturm

Was passiert, wenn die Normalverbraucher immer weniger Geld kriegen, wird im letzten Artikel besprochen. In den USA ist man so weit, den Schuldturm wieder einzuführen. Das beschreibt Nicholas Kristof in der New York Times und der Süddeutschen Zeitung (10.):

Eigentlich hat man die Schuldgefängnisse in den 1830ern zugemacht. Die Einsicht setzte sich durch, dass das Verfahren barbarisch und dumm ist: Indem man sie einsperrt, verhindert man am sichersten, dass die Betroffenen ihre Schulden abarbeiten können.

Im 21. Jhd. haben die USA ein umfassendes neues System von Schuldgefängnissen eingerichtet, mit der Wirkung, dass Armut als Verbrechen behandelt wird. Nicholas Kristof überzeugte sich persönlich im Landesgefängnis von Tulsa, Oklahoma. Dort besuchte er 23 Menschen, die dafür eingesperrt wurden, dass sie amtliche Strafen und Rechnungen nicht bezahlen konnten, u.a. eine Frau, deren Verfehlung darin bestand, dass sie das Bußgeld für ein fehlendes Nummernschild nicht aufbringen konnte.

Wer einmal drin sitzt, für den wird es immer schwerer, die Strafen zu bezahlen. Nicht nur, weil Strafgefangene nichts verdienen, sondern weil die Gebühren und Strafen sich von selbst vermehren. Keine Rede davon, dass die wehrlosen Inhaftieren sich gegen die Anwälte und Ämter verwahren könnten, auch wenn sie mit ungerechtfertigten Forderungen überzogen werden.

Die Entwicklung kann dann so aussehen, dass das originale Vergehen im Bereich von 100 $ lag, und mit den ganzen Gebühren und Anwaltsrechnungen sind's dann 1.200 $ – obwohl die betreffende Person 8 Jahre lang Zahlungen abgestottert hat.

Die Betroffenen sind dann Kunden für die amtlichen food stamps – Nahrungsmittelkarten für die Ärmsten -, für Zeug aus Kleidersammlungen und für Freundschaftshilfe. Dabei arbeiten sie und verdienen geringfügige Löhne. Ihnen bleibt so gut wie nichts davon übrig.

Auch andere Stimmen bestätigen den Zustand, dass im Jahr 2016 die Schuldgefängnisse de facto wieder eingeführt sind. Ein Strafgefangener verdient nichts und kostet 64 $ pro Tag, und dieses System wurde in den letzten 25 Jahren flächendeckend eingeführt. Die Bundesstaaten und Gemeinden wälzen die Kosten aber auf die Straffälligen ab, garniert mit einer "Explosion" von speziellen Gebühren und Zuschlägen.

In Oklahoma werden den Betroffenen 66 verschiedene Arten von Gebühren auferlegt. Das geht von der “courthouse security fee” über die “sheriff’s fee for pursuing fugitive from justice” bis zur Antragsgebühr für Pflichtverteidiger für verarmte Personen. Wenn sie die Gebühr nicht zahlen können, wird ein Haftbefehl ausgestellt.

Das ist ein dysfunktionales System und eine lächerliche Methode, die Bürokosten zu finanzieren. Und sie wird in ganz Amerika angewandt. Dabei haben verarmte Angeklagte nichts zu geben. In der Konsequenz wirkt sich das als Ungleichbehandlung für Arme und Minderheiten aus, die so mit Schulden eingedeckt werden, denen sie niemals mehr entkommen können.

Der oberste Gerichtshof hat geurteilt, dass Menschen nur dann eingesperrt werden dürfen, wenn sie sich weigern zu zahlen, und nicht, wenn sie nicht zahlen können. In der Theorie werden die Armen von Schutzklauseln vor dem schlimmsten bewahrt. In der Praxis wirken die Schutzklauseln nicht, und die Armen werden routinemäßig dafür eingesperrt, dass sie arm sind.

Um da rauszukommen, müssen die Gebühren runtergeschraubt werden. Die privaten Geldeintreibergesellschaften dürfen nicht mehr Zuschläge auf die Rechnungen draufsatteln, wie es ihnen passt. Und der Schuldendienst muss auf einen bestimmten Prozentsatz des Einkommens begrenzt werden, so dass die Betroffenen nicht vor der Alternative stehen, Nahrung zu bezahlen oder die Stromrechnung. Oder ihre Schuldenrate, und wenn nicht, gehen sie ins Gefängnis.

Nur dann kann vermieden werden, dass die geschuldeten Beträge trotz Zahlungen immer größer werden – ein grotesker, kafkaesker Zustand, in dem viele schon gelandet sind. Da herauszukommen ist fast unmöglich. Die Schuldenfalle hält die Menschen fest, und sie stehen oft vor der perversen Wahl Nahrung/Strom/Schulden zahlen.

Gerade mit Kindern schafft jede Einkerkerung Aufruhr, auch wenn es nur für ein paar Tage ist. Und es gefährdet natürlich den Job. Die modernen Schuldgefängnisse sind Strafmaßnahmen, deren grundlegende Motivation die Stigmatisierung und Abstrafung der Armen ist. Sie richten maximalen Schaden an, ohne Sicherheit zu schaffen.

Das abschließende Statement unterstellt einen Hass auf die Armen. Aber es ist wohl eher Geschäftemacherei, denn an den endlosen Schuldenzahlungen verdienen ja eine Menge Leute eine Menge Geld. Der Artikel kann als Plädoyer für das Grundeinkommen gelesen werden, oder zumindest für ausreichende Sozialhilfe.

 

(Dieser Artikel wurde am 30.6.16 veröffentlicht und am 2.7.16 korrigiert. Am 6.5.18 wurde er überarbeitet und aktualisiert.)

Medien-Links:

  1. Der 500er soll bleiben (Zeit Online 17.12.17): Mit der Abschaffung des 500-Euro-Scheins will die Europäische Zentralbank Terrorfinanzierung und Schwarzarbeit erschweren. Die Bundesbank hält nicht viel davon.
    Der 500er wurde 2014 zum letzten Mal produziert. Möglicherweise wird in einigen Jahren ein neuer 500-Euro-Schein aufgelegt.
  2. dm-Gründer fordert 1.000 Euro monatlich für jeden – seine Begründung ist verdammt gut (Business Insider 10.6.16): In der Schweiz zunächst einmal ohne durchschlagenden Erfolg: 78 Prozent der Schweizer stimmten dagegen, nur 22 Prozent dafür.
  3. Pilotprojekt: Finnland lässt Grundeinkommen auslaufen (Zeit Online 24.4., 750 Kommentare): Als erstes Land in Europa hat Finnland die Einführung eines Grundeinkommens getestet. Nun hat die Regierung entschieden, das Pilotprojekt nicht fortzuführen.
  4.  Das Experiment zum Grundeinkommen ist nicht gescheitert (Zeit Online 24.4., 250 Kommentare): Noch ist der finnische Versuch zum Grundeinkommen nicht ausgewertet. Aber Experten empfehlen bereits, Geld an Bedingungen zu knüpfen.
  5. It Begins: Members Of European Parliament Beg Draghi To Unleash Helicopter Money (Zero Hedge 17.6.16): In an open letter to ECB president Mario Draghi, 18 members of the European Parliament's social democrat, leftwing and green groups recommended that the ECB look into the use of helicopter money and buying bonds from the European Investment Bank "as possible solutions to enhance economic development through direct spending into the real economy".
  6. SWR2 Aula – Macht Geld faul? Das bedingungslose Grundeinkommen (Philip Kovce beim SRW2 1.5.16): Jeder Bürger erhält demnach regelmäßig einen fixen Betrag, eine Art Rente,und zwar ohne Gegenleistung.
  7. Universal Basic Income – The Answer to Automation? (Futurism Schaubild 2016).
  8. Roboterdichte steigt weltweit auf neuen Rekord (International Federation of Robotics 8.2.): Die Automation der Volkswirtschaften läuft weltweit auf Hochtouren: Mit einer durchschnittlichen Roboterdichte von 74 Einheiten pro 10.000 Mitarbeiter hat der globale Durchschnitt in der Fertigungsindustrie einen neuen Rekord erreicht (2015: 66 Einheiten). … Die Top 10 der am meisten automatisierten Länder der Welt sind: Südkorea, Singapur, Deutschland, …
  9. Higher Wages For The Workers Help EVERYONE (Jeff Nielson, Sprott MoneyZero Hedge 30.5.16): Much of what is known as “economic theory” is gibberish. It is propaganda, implanted into the minds of academics for one reason: to preserve the status quo of always favoring the (very) wealthy over all other members of the population.
  10. Is It a Crime to Be Poor? (New York Times 11.6.16 und mt dem Titel Where Poverty Is a Crime in der SZ am 17.6.16): IN the 1830s, the civilized world began to close debtors’ prisons, recognizing them as barbaric and also silly: The one way to ensure that citizens cannot repay debts is to lock them up.In the 21st century, the United States has reinstated a broad system of debtors’ prisons, in effect making it a crime to be poor.

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Fakes, Lügen, Bullshit: postfaktische Verlogenheitsbewältigung


wrong-2729712_1280Was als richtig dargestellt wird, kann beliebig falsch sein. Das wird uns von berufener Seite beigebogen. Leider zählen zu den Berufenen staatliche Institutionen ebenso wie private Gerüchtestreuer. Für truthiness, Lügenmaschinen (social bots) & bullshit ist eigentlich die Kultur eines fernen großen Landes zuständig, aber die alternativen Fakten aus heimischer Produktion können allemal dagegen anstinken. In die Rubrik der nicht stubenreinen Fälle summiert sich eine ganze Reihe von Gegebenheiten. Das Schlimme ist, die Liste könnte beliebig verlängert werden, global, europäisch, national und regional:

Russiagate

Der Vorwurf der Russland-Verschwörung wurde längst stillschweigend begraben. Trotzdem geht die Hexenjagd mit wöchentlichen Schlagzeilen ohne jedwede Evidenz weiter. Verschwörungstheoretiker sind längst auf den Trichter gekommen, dass die Schlammschlacht ums Russiagate bloß die Leute von den wirklichen Problemen ablenken soll. Oder einfach den Präsi des fernen großen Landes anpinkeln (wb-Link Nie prawda).

Normalerweise ist es doch so, dass man von einer Straftat ausgehend den Täter sucht. Bei dem Präsi (und anderen vor ihm) hat man den Täter schon und sucht nur noch eine passende Straftat dazu.

MeToo-Rufmordkampagne

Das ist auch eine Hexenjagd, aber auf viele Männer – doch nicht auf alle. Betroffen sind nur ganz bestimmte. Unbehelligt gelassen werden die tatsächlichen "Sexisten", nämlich die reaktionären Muslime auch hier in Deutschland. Angeprangert werden dafür solche Männer, bei denen was zu holen ist. Nicht vor Gericht, denn es ist so gut wie nichts beweisbar, und das Ganze geht auf Basis von Hörensagen, so dass es kaum eine Verurteilung geben würde. Aber die Abzocke läuft über öffentliche Anprangerungen und Prozessdrohungen mit anschließenden außergerichtlichen Vergleichen. Das alles läuft aufgrund falscher Gesinnung der Betroffenen, aus Rache für andere Sachen oder einfach deshalb, weil die Betroffenen exponiert und leicht erpressbar sind (wb-Link MeToo).

Der Feminismus sucht nach neuen Feindbildern, weil ihm die eigentlichen Themen längst abhanden gekommen sind; und je überflüssiger eine Institution oder Organisation geworden ist, desto penetranter agiert sie: Wer nicht bereit ist, jeden angeblichen Sexisten vorbehaltlos zu verunglimpfen, ist selber einer. Letztlich geht es dabei um die Stellung und die finanzielle Basis der Organisationen. Sie müssen bedrohliche Mißstände vorweisen, und wenn sie nicht genug davon finden, müssen sie eben welche erfinden. Dabei haben sie kaum Widerspruch zu erwarten, weil sie selbsternannte Experten auf einem Gebiet sind, auf dem es meist keine Experten gibt. 

Na dann dürfen wir uns darauf gefasst machen, dass demnächst 1000 Groupies von Mick Jagger antanzen, die rape! schreien.

Arbeitslosenzahlen-Betrug

Um schöne Zahlen vorlegen zu können, wird getäuscht, getrixt und manipuliert. Was die deutsche Agentur für Arbeit kann, können andere auch, z.B. jenes ferne große Land – der Betrug ist international (1. Link unten und wb-Link Arbeitslosenzahlen).

Was das deutsche Arbeitsamt alles nicht mitzählt, ist frappant: Unterbeschäftigte, Aufstocker, Ein-Euro-Jobber, offiziell keine Arbeit Suchende, an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen Teilnehmende (z.B. für Integration deutsch lernen), über 58 Jahre Alte, Langzeitarbeitslose (innerhalb eines Jahres kein Jobangebot), am Tag der Erfassung Krankgeschriebene, in Ausbildung Befindliche, Angehörige Pflegende, Kinder Erziehende, Vorruheständler, Vermittelte (Arbeitslose, die über "Vermittlungsgutscheine" an private Jobvermittler übergeben werden), viele unter 25 Jahre Alte (seit 2006 müssen die von den Eltern alimentiert werden, wodurch viele den Sozialleistungsanspruch verlieren und sich nicht mehr arbeitslos melden), Arbeistlose jeden Alters, die sich ebenfalls nicht mehr arbeitslos melden, weil sie ihren Sozialleistungsanspruch verloren haben (durch verschärfte Anrechnung von Erspartem und Familieneinkommen).

"Arbeitssuchende" sind noch lange nicht "Arbeitslose". Da wird ganz fein unterschieden, damit man nur die halbe Zahl vorzeigen muss.

Kriminalitätszahlen-Mauschelei

Die Kriminalität ist runtergegangen (2.)! Nein sie ist raufgegangen (3.)! Für beides finden sich Belege, nur kann die Öffentlichkeit sich selber kein Bild machen, denn die Polizeiliche Kriminalstatistik 2017 wurde nur den Medien vorgezeigt, aber dem Publikum nicht zugänglich gemacht (4.).

Trotzdem darf man getrost davon ausgehen, dass auch hier gemauschelt wird. In welche Rubrik wird ein Fall eingetragen? Welcher fällt aus der Statistik raus? Wird er überhaupt erfasst? Das ist nicht der Fall, wenn er nicht gemeldet wird; und wenn die Aufklärungsquote so marginal ist wie beim Fahrradklau, warum sollte man ihn dann melden? (wb-Link Kriminalität)

Besonders scharf wird um die nichtdeutschen Tatverdächigen gestritten. Ihr Anteil ist von 20% in 2008 auf 38% in 2015 gestiegen. In 2017 ist die Zahl der tatverdächtigen Zuwanderer (nicht der ganzen Nichtdeutschen) um 7.000 gesunken, und zwar dadurch, dass alle mit anerkanntem Asylantrag nicht mehr als Zuwanderer erfasst werden. So werden sinkende Zahlen zurechtgetrixt. Dahinter steht oft bloß Staatsversagen (5.).

Sie können es nicht ändern und schönen dann eben die Zahlen (noch ein Beispiel im wb-Link Lehrer-Belästigung).

Steuer-Trixerei

Wirklich kriminell werden die Zahlen bei den Steuern. Das politische Vorzeigeprodukt "Schwarze Null" ist eine Betrugsnummer. Dafür wurden die Gemeindekassen und die Sozialkassen geplündert, und die Schulden wurden in Öffentlich-Privaten-Partnerschaften (ÖPP) versteckt (wb-Links ÖPP-Kritik). Gar nicht zu reden von den impliziten Schulden, die locker die offizielle Staatsschuld übertreffen. Und der Infrastruktur-Verfall wird wahrscheinlich noch teurer.

Als ob es zuviel Geld gäbe, werden unzählige Subventions- und Klientelprogramme finanziert (6.). Steuerentlastungen gibt es nicht, jedenfalls nicht für die Normalverdiener. Firmen und Großverdiener können die Steuervermeidungsindustrie in Anspruch nehmen, um sich ihre eigenen Steuerentlastungen zu stricken.

Für die Normalverdiener wird es um so teurer. Bei Steuern und Sozialabgaben nimmt Deutschland einen Spitzenplatz ein (7.). Über die Zahlen wird diskutiert, real sind es etwa 60-70% Abgaben incl. Arbeitgeberanteil, Mehrwehrtsteuer, Mineralölsteuer, Sektsteuer, Tabaksteuer, KFZ-Steuer, Ökosteuer, kommunalen Steuern, GEZ-Zwangsgebühren, EEG-Umlage und Pflichtversicherungen. Schwer zu kalkulieren und schwer mit anderen Ländern zu vergleichen. Wo weniger Abgaben kassiert werden, sind meistens die Leistungen des Staates geringer. Leider werden die des deutschen Staates auch immer geringer, jedenfalls für die deutsche Bevölkerung.

Das reiche Deutschland?

An dieser Legende wird auch munter gestrickt. Wir profitieren vom Export-Überschuss? Mitnichten, das ist ein Importdefizit und mithin ein Konsumverzicht. Zudem wird die Hälfte der Target-2-Kredite (offiziell "positiver Saldo" von 923.466.081.285,58 Euros) zur Bezahlung unserer Exporte genutzt. Was da passiert, ist kurios (wb-Link Export-Überschüsse):

Die Deutschen erarbeiten einen Überschuss, für den sie nicht angemessen bezahlt werden, und dann müssen sie noch für die Schulden bezahlen, die die anderen gemacht haben, um den deutschen Überschuss zu konsumieren. Wunder was, wenn die Deutschen fast das kleinste Vermögen und den geringsten Immobilienbesitz innerhalb der EU haben. Trotzdem ist Deutschland der unangefochtene Zahlmeister der EU und der Eurozone und der Migrantenszene.

Durch die Staatsfinanzierungs-Politik der EZB werden die Sparer (Nullzins) und die Mieter (Immobilienpreis-Inflation) abgezockt. Dafür spült die Geldschwemmen-/Nullzinspolitik dem Staat Geld in die Tasche. Weil er für seine Schulden kaum noch Zinsen zahlen muss, wird er praktisch zum Schuldenmachen animiert. Deutschland tut das nicht, aber Italien tut das, so wie früher Griechenland, und ist deshalb so pleite wie Griechenland, und muss deshalb bald von uns gerettet werden wie Griechenland (wb-Links Euro).

Wohnungsbau-Legende

Wir fördern den Wohnungsbau, heißt es gern. Tatsächlich werden Sozialwohnungen zigtausendweise an Privat verkauft, und mit dem Bauen ist es so eine Sache. Die EZB-Politik treibt die Immobilienpreise in die Höhe. Die Zuwanderungspolitik treibt die Mieten in die Höhe. Die ganz normale deutsche Politik sowieso: Es gibt 16 Landesbaubehörden, die alles 16-fach regeln, es gibt den Dämmwahn (wb-Link Dämmwahn) und die überzogene Reglementierung für alles und jedes. Leerstehende Büros in Wohnungen umzuwandeln, ist kaum statthaft. Auf teuren Grundstücken hoch zu bauen nutzt auch nichts, weil der geforderte Gebäudeabstand den Vorteil zunichtemacht. In den Boomstädten wie Berlin, München, Hamburg herrscht Wohnungsnot (8.).

Geburtenzahl-Manipulation

Wer keine auskömmliche Lebensperspektive hat, wer zum Billiglohn in befristeter Stellung arbeiten muss, wer hohe Abgaben zahlt, wer sich kein Haus bauen kann und nicht mal eine passende Mietwohnung findet – der setzt bei uns keine Kinder in die Welt. Generell gilt hier der Konsens, dass man für den Lebensunterhalt seiner Familie selbst aufkommt. Wenn man das bei zwei Erwachsenen schon nicht kann, setzt man erst recht keine Kinder in die Welt.

Andere kennen solche Hemmnisse nicht, und so ist eine verdrehte Situation entstanden: Millionen Menschen incl. Familiennachzug für Abgelehnte reisen aus der halben Welt zu, werden aus deutschen Kassen voll alimentiert und kriegen viele Kinder. Flüchtlinge (und ALGII-Empfänger) bekommen alles geschenkt, und zwar von Arbeitenden, die sich selbst vielfach keine Kinder leisten können, weil das extrem teuer kommt, wenn man sein Geld selber verdient.

Die vielen Flüchtlingskinder werden dann als positive Entwicklung der deutschen Geburtenrate gefeiert (wb-Links Geburten). Während die Geburtenzahlen der Deutschen incl. Doppelpassdeutschen stagnieren oder allenfalls minimal zunehmen, steigen die der ausländischen Mütter stark an, 2016 hatten sie fast 1/4 der Geburten bei 1/8 Bevölkerungsanteil. Der gefeierte deutsche Geburtenanstieg ist zum allergrößten Teil ein Produkt der Immigration.

Migrationszahlen-Betrug

Bei den Migrationszahlen geht es genauso zu wie bei den Arbeitslosenzahlen. Nach den Millionen Türken und Russlanddeutschen zogen noch Hunderttausende von EU-Osteuropäern zu, aber die Zahlenwirrnis ging erst mit den Immigranten aus Nahost, Mittelost, Arabien und Afrika los. Haben wir 5 Millionen Muslime in Deutschland? 6 Millionen? Oder sind es schon 7 Millionen? Den offiziellen Angaben mag man nicht mehr trauen, weil sie politisch frisiert sind.

Die Zahlen werden nicht jahrgangsweise präsentiert, damit man nicht sieht, wie stark die Fremdenanteile in den jungen Altersgruppen sind. Stattdessen werden sie kleingerechnet und auseinanderdividiert. Sie werden fein säuberlich unterteilt in Asylanten, Genfer-Konvention-Geschützte, subsidiär Geschützte, Geduldete, Kontingentflüchtlinge, Schutzbedürftige auf Basis Relocation oder Resettlement, Personen mit Abschiebungsaussetzung bzw. aus Ländern mit Abschiebungsverbot, Personen mit Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen sowie Ausreisepflichtige. 

Familiennachzügler fallen ganz aus der Statistik raus (wb-Links Manipulation & Zahlen), und von Einwanderern ist offiziell gar nicht die Rede. Dabei sind das die meisten, wenn man realistische Kriterien anlegt statt der politisch gewollten. Hier wurde wieder eine verdrehte Situation geschaffen, bei der das deutsche Recht ausgesetzt wird, wenn die Menschen kommen. Man legt ihnen zwar hinterrücks Steine in den Weg – aber wenn sie es hierher schaffen, dürfen sie ihren Pass wegschmeißen und die Grenze illegal überqueren.

Sobald sie da sind, kommt das Recht wieder zur Geltung, und zwar dürfen sie Rechte gegen den deutschen Staat in Anspruch nehmen. Sie werden am besten in der Welt alimentiert und dürfen auf noch mehr klagen. Dabei ist das Asylverfahren ohnehin eine Farce, denn es kann jeder gegen die Ablehnung klagen, und am Ende wird sowieso jeder Abgelehnte geduldet. Selbst Straftäter können kaum abgeschoben werden.

Solche Privilegierung ist in sich schon rechtswidrig. Dazu kommt die Benachteiligung der Deutschen, die z.B. einen ausländischen Ehegatten nachholen wollen. Anders als bei den Flüchtlingen müssen diese Nachgeholten Sprachkenntnisse vorweisen, und der Nachholer muss belegen, dass er für den Unterhalt aufkommen kann.

Bundeswehr-Bohei

Die Bundeswehr wird seit vielen Jahren schlecht gemanaged. Sie wartet ihr Gerät nicht richtig, deshalb sind viele Panzer, Jets, Hubschrauber und U-Boote nicht einsatzfähig. Bei einem kompetenten Verteidigungsminister wäre das nicht passiert. Wir haben aber eine Möchtegern-Kriegsministerin, die auch ohne militärische Bedrohungslage mehr Geld für die Rüstung ausgeben will.

Weil sie nämlich gern in allen Ländern der Welt "Verantwortung übernehmen" möchte. Daher die Geldknappheit, denn für die kostspieligen Auslandseinsätze in Mali, Afghanistan usw. wurde bei den Standorten daheim am Nötigsten gespart. Dazu kam die teure Beschaffung von nicht funktionierenden High-Tech-Waffen. Aber nun wird alles gut: Die Bundeswehr soll in Zukunft das machen, was sie laut deutschem Grundgesetz machen soll (9. und wb-Link Kriegstreiberei).

Diesel-Bohei

Der Dieselmotor ist lange nicht so schlecht, wie er gemacht wird. Dahinter steckt Lobbyismus, und hinter den geplanten Fahrverboten steckt Nonsens-Politik. Die NOx (angeblich 7.000 Tote pro Jahr) sind lange nicht so schädlich wie Rauchen (140.000 Tote). Ein Rätsel bleibt, wieso bis vor kurzem nur bei VW abgegriffen wurde, aber nicht bei all den anderen, die dasselbe tun.

Die Wirkung des Boheis ist eine Vernichtung von Milliardenwerten. Alte Diesel-Autos sind unverkäuflich, obwohl sie immer noch sauberer fahren als Elektroautos (wb-Links Diesel).

Euro-Zahlen

… heißt Zahlen für den Euro, und damit soll dieser Punkt sein Bewenden haben (wb-Link EU). Wie doll die Deutschen vom Euro usw. profitieren, wurde ja oben schon dargelegt.

Fachkräfte-Märchen

Es sind 2 Märchen:

  1. Fachkräfte fehlen – damit wäre es sofort vorbei, wenn keine Dumpinglöhne und prekären Jobs angeboten würden (falls die Jobs überhaupt existieren und die  Stellenausschreibungen nicht bloß Propaganda & Markttests sind). Wenn die Konditionen nicht so schlecht wären, würden auch nicht Hunderttausende Fachkräfte abwandern.
  2. Fachkräfte flüchten her – man muss nicht mehr diskutieren, dass sich das als Lüge entpuppt hat. Sogar die "Fachkräfte"-Schreier haben die Flüchtlinge stillschweigend als potentielle Arbeitskräfte abgeschrieben.

Was wirklich fehlt, sind Fachkräfte in unserer Regierung (Argumente aus den Kommentaren von 10.).

Fazit

Manipulation, Betrug, Mauschelei, Trixerei, Verschleierung, Lüge, Heuchelei, Irreführung – das alles wird uns ständig kredenzt. Es nutzt gar nichts, wenn etwas davon auffliegt. Dann wird dreist weitergelogen und nicht die Konsequenz gezogen. Was dabei verlorengeht, sind Anstand und Redlichkeit, Fairness und Respekt,  Rechtlichkeit und Transparenz, Sparsamkeit und Effizienz.

Stattdessen gibt es einen Kontrollverlust auf vielen Gebieten. Es gibt ihn schon lange, wie man an zig Jahren Steuerflucht sieht, an der entfesselten Finanzwelt, am Missbrauch der Börsen als Zockerbuden, an den Datenkraken. Besonders auffällig wird er auf dem Gebiet der Einwanderungspolitik. Die Szenen, die sich in Ellwangen abspielten (11.), gab es vorher auch schon woanders, in Donauwörth, in Italien, Frankreich, Griechenland (12.). Die Information wurde uns bloß vorenthalten.

Das Vertuschen und Verschweigen und Verniedlichen kann aber nicht die Lösung sein. Die Frage nach politischer Verantwortung ist nun endgültig aufgeworfen. Speziell im Einwanderungsbereich wurde sie ja seit 2015 in jeder nur erdenklichen Form und Verrenkung gemieden und weggeschrieben.

Es darf nun nicht so kommen wie z.B. bei der Steuerflucht. Für dieses Problem sind jetzt die EU-Kommission und das EU-Parlament zuständig, die beide viel Papier bedrucken und praktisch keine Änderung bewirken.

Das kann doch nicht die Lösung sein. Erst müssen die Hausaufgaben gemacht werden, die Fehler bereinigt werden, die Mißstände ausgeräumt werden – dann kann überhaupt erst von weitergehenden Maßnahmen die Rede sein.

So ist es auch auf anderen Gebieten. Die Bundeswehr darf nicht einfach mehr Geld kriegen, sie muss erst mal zeigen, dass sie es sinnvoll einsetzt. Bei der Migrationspolitik liegt auch viel im Argen. Das muss doch erst bereinigt werden, ehe weitere Menschen hereingeholt werden. Und wenn sie gesetzesmäßig nur vorübergehend aufgenommen werden, aber immer neue Gründe finden, warum sie nicht zurückkehren, dann kann das doch nicht stillschweigend gutgeheißen werden? Und mit dem Aufnehmen von Pseudoflüchtlingen weitergemacht werden?

Die Diskussion ist überfällig, wieso unsere Hilfe so ungerecht sein darf und die Privilegierten belohnt, die es hierher schaffen (wb-Link Hilfe vor Ort). Und ob autoritär geprägte  Menschen, wie es Jugendliche aus Arabien und Afrika gewöhnlich sind, nicht ganz anders behandelt werden müssten. Auch wenn es bei den staatlichen Zahlenlieferandos null Informationen dazu gibt und sich diese Annahme nur aus Einzelberichten speist, darf man unter ihnen viele Schwerstintegrierbare annehmen.

Bei dieser Klientel wird Toleranz als Schwäche angesehen, unsere permissive Bereitschaft zum Ausgenutztwerden fordert Hohn und Spott heraus. Die Nichtverfolgung von Verstößen wird mit Verachtung registriert und mit noch mehr Verstößen beantwortet. Dazu volle Alimentierung ohne Arbeit und ohne Zwang zur Integration – dann halten die uns zurecht für doofe Weicheier (wb-Link Autorität).

Daher wurde bei wb mehrfach die Forderung erhoben, sie nachdrücklichst auf unsere Werte einzuschwören und nur mit entsprechender Unterschrift reinzulassen. Nötig wäre ein Pflichtenkatalog für Migrationswillige, der den Rechtekatalog ergänzt, damit Integration gelingen kann. Schön wäre auch eine Dankbarkeitskultur als Pendant zur Willkommenskultur. Und für die Steuerflüchtlinge eine Wiedergutmachungskultur.

 

Medien-Links:

  1.  Viewing Employment Without Rose-Colored Glasses (Zero Hedge ): Aus der work force werden viele rausgerechnet. Es sind eher 9% Arbeitslose als die offiziellen 4,1%.
  2. Polizeiliche Kriminalstatistik: 8,5 Prozent aller Straftatverdächtigen sind Zuwanderer (Zeit Online 28.4., 1500 Kommentare): Asylbewerber, Geduldete und Flüchtlinge machen einem Bericht zufolge zwei Prozent der Bevölkerung, aber 8,5 Prozent aller Verdächtigen aus. Viele sind junge Männer.
  3. Berlin Vergewaltigungen: plus 44,2 Prozent (The European 3.5.): Junge Männer begehen nun mal mehr Straftaten, ächzen entzückt unsere Einwandererkriminalitätsrelativierer – aber warum lässt man sie dann ins Land? … Wenn die Zahl der Straftaten insgesamt abnimmt, bedeutet das lediglich, dass die Zahl der von Deutschen verübten Straftaten schneller sinkt, als die Zahl der von Hereingeschneiten begangenen Straftaten steigt.
  4. Polizeiliche Kriminalstatistik und Fallzahlen Politisch Motivierte Kriminalität 2016 vorgestellt (Pressemitteilung 24.4.17 – die PKS von 2017 ist immer noch nicht publiziert).
  5. Rechtssystem in Berlin zusammengebrochen (Tichys Einblick 20.10.17): Das Rechtssystem in Berlin ist zusammengebrochen. Richter und Staatsanwälte schlagen Alarm. Doch die rot-rot-grüne Regierung beschäftigt sich lieber mit Problemen von „Transmenschen“.
  6. Staat hortet Milliarden (junge Welt 3.5.): Streit um Geld für Arbeitsmarktpolitik. Kritik am Bundeshaushalt 2018.
  7. Steuerzahler: Deutschland belastet Arbeitseinkommen besonders stark (Zeit Online 26.4.): Laut einer OECD-Untersuchung zahlen vor allem Alleinstehende ohne Kinder in Deutschland hohe Abgaben. Auch die Abzüge für Alleinerziehende sind im Vergleich hoch.
  8. Wohnungslosigkeit: 860.000 Menschen in Deutschland haben keine Wohnung (Zeit Online 14.11.17): Die Zahl der Wohnungslosen hat sich seit 2014 mehr als verdoppelt. Ein Grund ist die Zuwanderung. Doch die Ursachen reichen tiefer.
  9. Von der Leyen plant Umbau der Bundeswehr (Zeit Online 4.5., 350 Kommentare): Die Ministerin will die Truppe nicht mehr vor allem im Ausland einsetzen, sondern auch für die Landesverteidigung. Das kostet mehr Geld, das die SPD nicht ausgeben will.
  10. Scheele fordert ein Fachkräftezuwanderungsgesetz (Zeit Online 6.5., 200 Kommentare): Der Chef der Bundesagentur für Arbeit will dem Arbeitskräftemangel in Deutschland entgegenwirken. Ein Gesetz müsse möglichst bald die Einwanderung von Fachkräften regeln.
  11. Asylverfahren: Rechtsanwalt des Togoers nennt Verhaftung rechtswidrig (Zeit Online 4.5., 500 Kommentare): Da Deutschland für den in Ellwangen in Abschiebehaft genommenen Togoer zuständig sei, sei eine Abschiebung rechtswidrig, sagt sein Anwalt. Das Gericht widerspricht.
  12. Migration – Abschiebe-Drama von Ellwangen war kein Einzelfall (Philosophia Perennis 3.5.). Die rechtslastige Site berichtet von ähnlichen Fällen in Donauwörth und zeigt Videos. Ein Kommentatorsagt, diese Videos seien nichts gegen die Videos aus Italien, Frankreich, Griechenland, wo randalierende Afrikaner auf die Straße gehen.

Beispiel-Links von wissenbloggt:

Weitere Beispiele von wissenbloggt:

Allgemeine Links dazu:




Rezension Bunge Matter and Mind V


978-90-481-9224-3_Cover_PrintPDF.inddIn den ersten vier Teilen der Rezension ging es um die Philosophie als Weltsicht, um die physikalischen Grundlagen, um Naturalismus, Materialismus und speziell um Bunges emergentistischen systemischen Materialismus und um die geistigen Ebenen mit den diversen Funktionen des Hirns bis hin zum Sozialen. Im fünften und letzten Teil kommen Bewusstsein und Freier Wille dran, die Computer und das wahre und falsche Wissen, und noch Anmerkungen zu Objekten und Wahrheiten. Interessant ist, dass Bunges Position zum Freien Willen anders ist als die früher vertretene.

Wo der Rezensent nicht folgen mag, ist die Einschätzung Bunges, was Computer können oder nicht – auf dem Gebiet geht die Entwicklung stürmisch weiter. Ansonsten sei Bunge die Kritik überlassen – er kann das besser. Und loben auch: "Er ist der gelehrteste, brillanteste und redlichste von uns," sagt er in seiner Widmmung über den US-Philosophen Nicholas Rescher, der  theoretische und analytische Philosophie, Moral- und Sozialphilosophie lehrte und ein illustrer Vertreter der Kohärenztheorie der Wahrheit sowie der Prozessphilosophie ist.

Das Lob des Rezensenten gilt Bunge, der mit Matter and Mind ein wegweisendes Buch vorgelegt hat. Wer wissenschaftskonform ausgerichtet ist und humanistisch denkt, findet hier einen riesigen Themenbereich abgedeckt und vernunftorientiert abgehandelt. Damit zum letzten Teil des Referats über Matter and Mind, erneut mit der vorgegebenen Kapiteleinteilung und einer freien Wiedergabe der -ismen sowie der wichtigsten Punkte.

Kognition, Bewusstsein und Freier Wille

Kognition ist das Erlangen von Wissen. Das geht schon mal damit los, dass alles Wissen ein Wissen über etwas ist – es gibt kein Wissen als solches. Man kann nur Fakten und Theorien wissen. Deshalb sollte die Ontologie vor der Epistomologie kommen. Das Wissen von etwas ist ein geistiger Zustand, der darüber hinaus nicht vom Glauben abhängt. Denn um etwas zu glauben oder nicht, muss man es erstmal wissen.

Bunge unterscheidet Wissen von Information, denn einige Informations-Bruchstücke enthalten kein Wissen, wie z.B. Fragen, Befehle und Absurditäten. Und Computer verarbeiten Informationen, aber weil sie keinen Geist haben, schreibt Bunge ihnen auch keinerlei Wissen zu. Nur das Gehirn kann wahrnehmen, begreifen, planen, beurteilen und sich selbst erkennen – das sind sie Hauptarten der Kognition.

Ohne ein wissendes Objekt gibt es kein Wissen, weder auf die Art von Platon, Hegel, Bolzano oder Popper. Das "Objekt" muss nach Bunge ein plastisches Hirn haben und ein neuronales System, oder Psychonen (Teil IV). Das kann schon bei Tieren der Fall sein. Die Psychonen sind in Supersystemen wie der Amygdala zusammengefasst – und jedes Tier mit solchen Psychonen kann neue Funktionen erlernen.

Nach der Hebbschen Lernregel folgt das Lernen einer hyperbolischen Funktion, die eine Gerade durch den Nullpunkt annähert: L dL/dt = a P dP/dt, integriert L2 = a P2 + b mit L für Lernen und P für Plastizität, den Kurvenparametern a und b und dem Zeitdifferential dt.

Definiert werden nun Gedanke (Hirnprozess), Proposition (Satzinhalt) und Satz. Eine Proposition bezeichnet eine Anzahl von Sätzen und konzipiert eine Anzahl von Gedanken. Die Gedanken repräsentieren ein Faktum, das ebenso durch die Sätze ausgedrückt werden kann. Das führt zu der Darstellung

                                                   bezeichnen

                              1 Proposition     →     n Sätze

           konzipieren          ↓                               ↓      ausdrücken

                              m Gedanken     →      1 Faktum

                                              repräsentieren

Nun kommt der "Heilige Gral", das Bewusstsein dran. Es kann als spezielle Form der Kognition angesehen werden, als Selbsterkennung. Bewusstsein beinhaltet Kognition, aber nicht umgekehrt. Wir wissen vieles unbewusst, das Bewusstsein kann ab- und angeschaltet werden, z.B. beim Schlafen.

Das Bewusstsein ist sehr wertvoll, sollte aber nicht überschätzt werden. Bis jetzt gibt es noch kein komplettes Verständnis davon, nur ein partielles. Zur Wissenschaft des Bewusstseins haben Phänomenologen wie Husserl und Existentialisten wie Sartre nur Schulden (IOUs) und okkultistische Sätze (hermetic sentences) beigesteuert, weil sie es intuitiv verstehen wollten.

Bis jetzt gibt es noch keinen Konsens, was Bewusstsein ist. Weder den Kognitionswissenschaftlern noch den Philosophen ist der große Wurf gelungen. Bei seiner Kritik spricht Bunge von "Wortspielen, die als philosophische Tiefe firmierten". Manche Philosophen gingen soweit, die Vorstellung vom Bewusstsein als Wahn anzusehen, genannt werden Watson, Skinner, Ryle, Dennett. Die "Leugner" wurden von ihrer eigenen positivistischen Philosophie getäuscht, nach der es nur Phänomene, also Erscheinungen gibt (in dem Fall wohl Verhaltensweisen). Bunge unterscheidet

Sich eines geistigen Prozesses bewusst zu sein heißt, sich in einem geistigen Zustand zu befinden, d.h. das Hirn befindet sich in einem bestimmten Zustand (bzw. durchläuft Prozesse einer bestimmten Art). Deshalb ist das Bewusstsein nicht als Entität zu sehen, sondern als eine Menge von Gehirnzuständen.

Der Grad des Bewusstseins (Level) steigt mit der Schwierigkeit der Aufgabe, mit der man sich befasst. Meist handelt man am Bewusstsein vorbei. Aber bei unerwarteten Neuheiten und Nicht-Routine-Problemen steigt der Level an: Bewusstsein emergiert unter Aufmerksamkeit.

Fast alle Philosophen sehen zwei Rollen des Bewusstseins: das Verfolgen (monitoring) der geistigen Prozesse und die Kontrolle der geistigen und motorischen Aktivitäten, als Formel N, mit dem Subsystem N und seinem Bewusstsein C. Damit soll die duale Rolle des Bewusstseins beschrieben werden, es wirkt als Anzeige N → C (dashboard) und als Steuerung C → N (steering wheel).

Die interessante Frage, ob eine Maschine bewusst sein könnte, wird nicht ganz abgelehnt, bis zu einem gewissen Punkt sei das möglich. Viele Maschinen sind mit Sensoren, Messeinrichtungen und Kontrollen versehen, die als Analogie zum Selbst-Bewusstsein gesehen werden können. Aber den Maschinen fehlen Spontaneität und die Freiheit, welche das menschliche Bewusstsein charakterisieren. Sie arbeiten bloß ihr Programm ab, ohne zu verstehen, was sie da tun. Sie können nichts selber entscheiden, sie können nur das tun, wozu sie gebaut wurden. Kurz: man kann Maschinen mit Selbst-Bewusstheit konstruieren, aber keine mit richtigem Bewusstsein.

Beim Menschen steckt das Bewusstsein im präfrontalen Kortex, der immerhin 29% vom Neokortex einnimmt. Ohne Zweifel ist das nur ein grobes Modell, aber es kann perfektioniert werden, wenn man mehr über den Kortex weiß. Das meiste Geschehen im Hirn ist außerdem unbewusst – die klassische Psychologie befasste sich trotzdem nur mit dem Bewussten. Pawlow führte erstmals Experimente über Automatismen aus, während Freud zugleich amüsante, aber haarsträubende Geschichten über "das" Unbewusste verbreitete.

Das Bewusstsein wird meist mit dem Selbst identifiziert. Aber das ist zu eng gefasst, weil es Babys, Senilen und Primaten das Selbst abspricht. Deshalb zieht Bunge die Definition einer Person vor: Eine Person ist ein Tier mit einem Geist, das also fähig ist, geistige Prozesse zu haben. Und seine systemische Sicht auf das menschliche soziale Verhalten schematisiert er so:

                                                        soziale Bindungen
                                                                   ↓↑           
                                            Selbstkontrolle → soziales Verhalten
                                                                   ↓↑           
                                                                Triebe

Damit ist der Text beim Freien Willen angelangt. Der Kollege Rescher wird zitiert mit: "Das Emergieren des Freien Willens war eine der Sternstunden der Evolution." Das ist als Befreiung zu sehen: weniger Abhängigkeit von der Umwelt, wachsende Fähigkeit selbst zu entscheiden und gestalten, durch zunehmende Hirnfähigkeiten und kulturellen Fortschritt. Der Freie Wille ist erlebbar – wenn Bunge seine Bücher schreibt, ist er das, der sich dazu entscheidet, er kann's tun oder bleiben lassen.

Mögen die Naturalisten oder Behaviouristen den Freien Willen auch als Illusion betrachten und den Menschen als Sklaven seiner Umgebung. In Wirklichkeit ist das Hirn aber in vielen seiner Aktivitäten spontan und selbstgetriggert (self generated) und folgt nicht nur äußeren Stimuli. Es nutzt ja auch nur einen kleinen Teil seines Energiebudgets zur Kommunikation mit der Außenwelt.

Natürich kann die Freiheit nicht grenzenlos sein, weil die Umgebung immerzu auf uns einwirkt. Also keine negative Freiheit (Freiheit von allen Schranken), aber positive Freiheit (Freiheit zu) ist möglich und verträgt sich mit dem Determinismus – das läuft unter Kompatibilismus.

Die These vom Freien Willen wird zunehmend durch empirisch testbare Hypothesen gestärkt. Tatsächlich kann man im Hirn schon herumpfuschen, durch Streßsituationen, durch elektrische Stimulation, alles ohne Telekinese (Hebb). Wenn der Freie Wille etabliert ist, hat das ethische Auswikungen. Jemand sollte verantwortlich sein, wenn er einen Freien Willen hat, wenn er die Kompetenz für seine Handlungen besitzt, wenn er dafür unterschreibt. Deshalb wird man keine kleinen Kinder mit Verantwortung befrachten. Jeder weiß das, und das zeigt, wie sehr der Freie Wille für gegeben genommen wird (zu Bunges früherer Ansicht über den Freien Willen dieser Link zur Rezension und zur Kritik des Rezensenten).

Es gibt nicht nur die ethischen Implikationen. Während die Naturwissenschaften Fakten durch Kausalität erklären, können soziale Fakten nur durch Gründe erklärt werden. Es gibt aber keine Gründe als solche, genausowenig wie es Aktionen ohne Akteure gibt. Das sollte Einfluss auf die Handlungstheorie haben, die noch in der Entwicklung steckt.

Hirn und Computer, der Hardware/Software-Dualismus

Nach dem langen Kapitel über Bewusstsein und Freien Willen nun ein kurzes über Computer. Die Idee der Ultra-Rationalisten, das Hirn als Computer aufzufassen, heißt Computationalismus. Aber geistige Prozesse wie Wünsche, Hoffnungen, Ängste, Bilder usw. sind nach Bunge keine Berechnungen (computations). Und Computer sind zu beschränkt. Aber weil sich das schnell ändert, wird hier nicht allzu tief auf Bunges Ausführungen eingegangen.

Bunge geht auch selber auf das Argument der Änderung ein, aber skeptischer. Was immer programmierbar ist, sei bloß trivial. Er sieht das Erfinden eines radikal neuen Computerprogramms als Aufgabe ähnlich dem Finden des Heiligen Grals an. Ein Einwand vom Rezensenten: Mit den Lern-Lernprogrammen der Künstlichen Intelligenz hat man aber genau das geschafft.

Es kommt auch wieder und wieder der Einwand vom vorigen Kapitel, das Hirn sei ja spontan und kreativ, doch der Computer nicht. Als langjähriger Programmierer hat der Rezensent aber eine Menge Spontaneität vom Computer erlebt. Deshalb ist ihm völlig klar, dass man Programme durch Einbau von Zufallselementen beliebig spontan und kreativ machen kann. Deshalb lehnt er auch Bunges Argument ab, Algorithmen zum Entwerfen von Algorithmen könne es nicht geben, denn sie müssen erfunden und nicht entdeckt werden; genauso wie es keine Regeln für das Entwerfen von originalen Kunstwerken geben könne.

Das wars aber auch mit der Bunge-Kritik. In dem Punkt, wo nach Logik von Sejnowski "die Algorithmen entdeckt werden sollen, die das Hirn verwendet", herrscht wieder Übereinstimmung. Die Planeten berechnen ihre Umlaufbahn ja auch nicht, so Bunges Argument, und das Hirn folgt biologischen Gesetzen. Das Wort von den "neuralen Berechnungen" kann sowieso angezweifelt werden, weil man keine solchen kennt.

Zustimmung auch zu der Aussage, die Hardware-Software-Trennung gelte nicht beim Hirn, weil sich die geistigen Prozesse nicht vom Hirn trennen lassen, wo sie passieren. Von daher der Satz "Software ist ganz schön hart". Bunge kritisiert das Hardware-Software-Konzept von Hirn und Geist auch deshalb, weil die Software ein materielles Substrat braucht, auf dem sie steht. Software entsteht und kann sich selber dann nicht mehr verändern, während die Hardware wächst und vergeht (Das hat mal gestimmt, aber bei Computern wird es fragwürdig. Da wächst die Hardware nicht, die Software dagegen schon. Heute ändern sich Programme mindestens in dem Sinn, dass sie ihre Konfigurationsdaten anpassen und sich selbst dadurch immer besser machen; die Selbstkonfiguration ist ein drittes Element neben Hard- und Software).

Bunge vertritt die These, dass Maschinen keine Hirne ersetzen können, sondern sie nur unterstützen können. Nur Routineaufgaben können übernommen werden. Aber die Wirkmacht der Kommunikationstechniken sieht Bunge durchaus. Das heißt bloß nicht, dass er dem Wort von der Informations-Gesellschaft zustimmt.

Nein, wir lassen keine Bits wachsen, wir essen sie nicht und verprügeln sie nicht. Ohne Materie keine Information, hieß es schon im Kapitel zur Materie (Teil II). "Its from bits" stimmt nicht, es muss heißen "bits from its". Wir sind eher eine Kommunikations-Gesellschaft und sind das immer gewesen.

Wissen: Echt und falsch

Viele Scheinwissenschaften kann man sofort als solche erkennen, Alchimie, Astrologie, Handlesen, Homöopathie, Scientology und Phänomenologie. Die Phänomenologen halten ihr Metier für rigorose Wissenschaft, aber sie haben noch nie etwas anderes hervorgebracht als Phänomenologie selber, also warum sollte man den wissenschaftlichen Anspruch ernstnehmen?

Hier folgt nochmal die Schelte von Leuten, die Wissenschaft mit Scheinwissenschaften verquickten, die Phytagoreer (Mathematiker & Mystiker), Aristoteles (Top-Logiker & Physik- und Astronomie-Pfuscher), Kant (Ethiker & subjektivistischer Pysiker und aprioristischer Psychologe und Wegbereiter der absurden Naturphilosophie von Hegel und Schelling), Marx (Ökonom und Historiker & Hegel-Anhänger), Freud (Mediziner & Spekulant über Gefühle, Sexualität, Unbewusstes). Intellektuelles Gold ist oft mit Mist (muck) gemischt.

Pseudowissenschaftler sind nicht dafür zu kritisieren, dass sie ihre Vorstellungskraft bemühen, sondern dafür, dass sie sie vom Zügel lassen. Bunge ist hilfsbereit, er beschreibt einen Formalismus für wissenschaftliche Untersuchungen. Die Methode befasst sich auch mit zwei semantischen Schlüsselbegriffen: Bedeutung und Wahrheit. Dazu gehört auch die Moral, denn Wissenschaft kann nicht in einem moralischen Vakuum betrieben werden. Weitere Eigenschaften:

  1. nichts ist festgelegt, alles muss untersucht werden (changeability),
  2. es muss dazupassen (compatibility),
  3. es muss sich mit mindestens einer anderen Wissenschaft überlappen (partial overlap),
  4. es muss durch die wissenschaftliche Community kontrolliert werden (control).

Daraus gewinnt Bunge die "philosophische Matrix des wissenschaftlichen Fortschritts", wo um die Wissenschaft (statt Aberglaube) die folgenden Begriffe kreisen:

Bunge spricht dem Szientizismus das Wort, der da sagt: Alles Erforschbare wird am besten wissenschaftlich studiert, Geist, Gesellschaft und Moral sind erforschbar, also werden Geist, Gesellschaft und Moral am besten wissenschaftlich studiert.

Der Szientizismus widerspricht dem reaktionären Dogma, das zuerst von Kant geäußert wurde und dann von der verstehenden Soziologie, nämlich dass diese Dinge außerhalb des Bereichs der Wissenschaft lägen – die gehören in dieselbe (allerunterste) Liga wie die Naturphilosophie von Hegel und Schelling.

Und nochmal ein Seitenhieb auf die Missinterpretation der modernen Quantentheorie: Bohr, Heisenberg, Born und Pauli folgten der positivistischen Linie, indem sie die autonome (objektive) Existenz just derjenigen Entitäten leugneten, die sie erfolgreich beschrieben (Teil II). Sogar Newton unterlief es, dass er in seinen Principia eine philosophische Verteidigung des Induktivismus' brachte.

Aber auch das Umgekehrte ist möglich, dass gute Philosophie schlechte Wissenschaft macht. Zum Beispiel die psychoneural identity hypothesis half den Ärzten nicht, Experimente zu machen oder Modelle von Hirnfunktionen zu entwerfen, weil fast alle Ärzte Empiriker waren.

Unter dem Stichwort Pseudowissenschaft subsumiert Bunge die Verschleppung durch Außerirdische, Telekinese, egoistische Gene, angeborene Ideen, hirnunabhängige Gedanken, Meme, Rohrschachtests, Traumdeutung, Parapsychologie, Kurpfuscherei, Charakterologie, christliche Wissenschaft, selbstregulierende Märkte und Psychoanalyse. Letzteres ist nach Lacan bloß "l'art du bavardage" ("die Kunst des Schwatzens"). Bunge findet auch die Bayessche Statistik pseudowissenschaftlich und die induktive Logik pseudoexakt. Die Pseudowissenschaftler wollen nicht Wahrheit suchen, sondern sie postulieren Ankunft ohne Abfahrt und ohne Reise.

Am Ende kehrt das Thema zu den Anfängen zurück: Was der Immaterialismus zu Materie sagt. Was Materie ist, wurde schon in Teil I und II diskutiert und kann hier übersprungen werden. Bunge argumentiert gar zu gern über die Kopenhagener Deutung und spekulative Raumzeittheorien, mit denen der "materialistische Drachen" geschlachtet werden soll ("slaying the materialist dragon"). Z.B. über Wheelers Geometrodynamik (Masse aus Geometrie). Dann vom selben Wissenschaftler der Ansatz, dass Physik "die Manifestation von Logik" sei. Dann nochmal Wheeler mit der These, das Bit sei die elementare Komponente des Universums.

Alle 3 "quixotischen" Ansätze funktionierten nicht, keiner davon hat ein physikalisches Problem gelöst, keiner hat dem "Drachen" ein Haar gekrümmt. Ähnlich beliebt als Opfer Bunges der Kritik ist Freud, der angebliche Entdecker des Unbewussten. Dabei haben die Menschen seit undenklichen Zeitden davon geredet, etwas "ohne zu denken" zu tun. Als Freud 13 Jahre alt war, publizierte Hartmann seinen Bestseller "Das Unbewusste", und auch James und Pawlow schrieben darüber.

Wo nun die Pseudowissenschaft fast fertig abgewatscht ist, kommen auch Darwins Nachfolger dran. Dessen Evolutionstheorie wurde von Anfang an verfälscht, von Spencer ("survival of the fittest"), von den Sozialdarwinisten ("gutes und schlechtes Erbmaterial"), Dawkins ("Gene reproduzieren sich selbst"), Dennett ("Evolution ist von Algorithmen gesteuert"). Und der letzte Bastard der Evolutionsbiologie ist die Evolutionspsychologie.

Eigentlich ein sinnvolles Unterfangen, aber die Idee ist, dass die heutigen Menschen seit dem Pleistozän unverändert sind, so dass sie praktisch lebende Fossilien sind, an denen man die Vorstufen studieren kann. Dazu werden 5 Grundannahmen getroffen:

  1. Sex steuert alles – nur Freud und der Papst teilen diese Obsession; Angst, Hunger und Durst sind stärker.
  2. Der Geist ist ein Computer mit angeborenen Programmen – das wurde schon durch die Entwicklungsbiologie widerlegt.
  3. Der Geist ist aus unabhängigen Modulen (Mikrocomputern) zusammengesetzt – die Neusowissenschaft sagt, sie sind alle verknüpft.
  4. Der menschliche Geist wurde evolutionär für die Jäger-/Sammler-Umgebung vor Mio. Jahren "designed" – das ignoriert die modernen Features Rationalität und Abstraktion, außerdem kommt heute kaum einer mehr im Dschungel zurecht.
  5. Alle sind egoistisch, Altruismus ist smarter Egoismus – das ignoriert die sozialen Emotionen wie Empathie.

Die Pseudowissenschaften sind damit am Ende, aber es gibt ja noch die Proto- und Halbwissenschaften. Dazu werden die Stringtheorien erwähnt, aber weil die mehr als 4 Dimensionen der Raumzeit postulieren, die unbeobachtbar sind, gemahnen sie an Science Fiction.

Das abgehakt, ist die Connection Pseudowissenschaft – Politik erreicht. Wenn eine Wissenschaft sich einer rückständigen politischen Ideologie anbiedert, ist sie vermutlich eine Pseudowissenschaft. Eugenik ist so etwas, sozusagen die Hilfswissenschaft der Nazis. Bunge nennt auch die Finanzkrise von 2008 als Beispiel für die schädliche Wirkung von falscher Ökonomie-Wissenschaft. Grundlage war z.B. die unüberprüfte Doktrin des Individualismus': "Es gibt nur Individuen" – in Wirklichkeit ist das isolierte Individuum fiktiv, und alle sind in die Gesellschaft eingebunden.

Was Bunge dann liefert ist Kapitalismuskritik, auch wenn er es nicht so nennt. Er kritisiert den Merkantilismus, der für Geld quasi alles verrät und verkauft, von zuckerüberladener Babynahrung über Zigaretten bis zu Phosgen.

Kurzgefasst ("in a nutshell") Bunges gewünschte philosophische Basis der Wissenschaft: Das soll die ehrliche Suche nach echtem Wissen über die reale Welt und ihre Gesetze sein, mit Hilfe von theoretischen und praktischen Mitteln, speziell der wissenschaftlichen Methode. Und jeder Teil der wissenschaftlichen Kenntnis soll logisch konsistent sein und rational diskutiert werden – und die zuständige Disziplin zur  Erhellung und Systematisierung der Konzepte ist die Philosophie.

Was nicht dazu taugt, sind beispielsweise diese 4 populären philosophischen Schulen:

  1. Marxismus – seine Ontologie ist beschädigt durch die romantischen Unklarheiten der Dialektik, seine Epistomologie ist der naive Realismus, er glorifiziert die Gesellschaft zulasten legitimer Interessen der Individuen – nach der Kapitalismuskritik nun die Kommunismusschelte.
  2. Existenzialismus – die Fehler des Marxismus' sind noch Vorzüge im Verhältnis zu den Absurditäten des Existenzialismus'. Diese hermetische Doktrin weist Logik und meist auch Rationalität zurück. Nochmal der Verweis auf Heidegger mit seinen versponnenen Sätzen von der Weltlichkeit der Welt (“The world worlds”) usw. – das ist Pseudophilosophie.
  3. Logischer Positivismus – er sagt "Bedeutung gleich Testbarkeit" (Kategorienfehler), er sagt "es gibt nur Erscheinungen", er missinterpretiert die Quantenphysik mit dem "Beobachtereinfluss", er ist scheintot, aber immerhin ist er wissenschaftlich.
  4. Popperianismus – Popper killte den Logischen Positivismus, aber er setzte die Theorie über Beobachtung, Messung und Experiment, er missbrauchte das Wort Nein (Bunge: "Logischer Negativismus").

Stattdessen verlangt Bunge von jeder Philosophie, die Wissenschaft unterstützt:

  1. Logik (Konsistenz und Regeln der Deduktion einhalten),
  2. Semantik (Entsprechung der Propositionen mit den Fakten),
  3. Ontologie (emergentistisch systemisch materialistisch),
  4. Epistomologie (wissenschaftlicher Realismus, moderater Empirizismus, moderater Rationalismus, Szientismus, ethischer säkularer Humanimus, epistemischer – nicht marxistischer – Sozialismus).

Zum Schluss kriegt auch die Religion ihre Kritik verabreicht. Sie ist mit den Pseudowissenschaften verschwistert, bis zu dem Punkt, dass sich einige davon als Religionssurrogat einsetzen lassen. Der Grund: Sie teilen den philosophischen Idealismus und die nicht-humanistische Ethik. Beides postuliert immaterielle Entitäten, paranormale Wahrnehmungen und fremdbestimmte Ethik. Zusammen ergibt sich das Gegenbild zur "philosophischen Matrix des wissenschaftlichen Fortschritts" (oben), nämlich "die ideologische Matrix der Pseudowissenschaften", um die die folgenden Begriffe kreisen:

Ein schöner Abschluss für das Kapitel: Wissenschaftliche Kenntnisse sind public domain, sie zu zu faken, zu missbrauchen, für privaten Profit zu verkaufen, ist praktisch Diebstahl. Auch das gefälschte Wissen sollte unter Beobachtung stehen, weil es ablenkt und täuscht. Das heißt nach Bunge allerdings nicht, Ideen zu verdammen, bloß weil sie ausgefallen sind.

Objekte und Wahrheiten

In zwei Anhängen diskutiert Bunge Objekte, konkrete oder abstrakte, und Wahrheiten. Objekte sind Elektronen oder Nationen, Steine oder Geister, Individuen oder Gruppen, Eigenschaften oder Ereignisse, Fakten oder Fiktionen. Das macht das Objekt zum allgemeinsten philosophischen Objekt, pardon, Konzept. Bis jetzt gibt es noch keine allgemein akzeptierte Theorie des Objekts. Bunge schlägt einen gruppentheoretischen Ansatz dafür vor.

Eigentlich sollte die Mereologie die Lücke füllen, sie ist aber extrem kompliziert, nutzt eine ungeschickte Notation und erreicht nicht viel, ebenso wie andere Ansätze. Bunges Ansatz macht einen viel besseren Eindruck. Er teilt die Objekte in zwei Bereiche,

  1. die Eigenschaften, die auch relational sein können, und daher auch durch mehrstellige Prädikate repräsentiert werden,
  2. den Rest der Objekte, die "individuals" genannt werden. Die Übersetzung "Einzeldinge" trifft es nicht gut, denn gemeint sind Dinge und die davon abgeleiteten Zustände, Ereignisse, Prozesse, Fakten usw.

Zum Beispiel besagt die Formel Px "x ist ein P" oder "individual x hat Eigenschaft P". Entsprechend bedeutet die Formel Rxy "die individuals x und y haben eine R-Beziehung" (Bunge definiert alles formal, was hier verbal wiedergegeben wird).

Nach Bunges Definition ist jedes Objekt entweder ein individual oder eine Eigenschaft, und kein Objekt ist beides. Alle individuals haben mindestens eine Eigenschaft, und es gibt keine losgelösten Eigenschaften. Außerdem steht jedes individual zu mindestens einem anderen individual in Beziehung (es gibt eine Relation dazwischen), und jede Eigenschaft von einem individual steht in Beziehung zu mindestens einer anderen Eigenschaft des individuals.

Eigenschaften kommen eher bündelweise vor als unabhängig voneinander. Das kommt daher, dass Eigenschaften Naturgesetzen gehorchen, und die meisten davon verknüpfen zwei oder mehr Eigenschaften. Zuletzt wird nun das relative Existenz-Prädikat eingeführt. Das angegebene Existenz-Prädikat ist nicht bezogen auf den Existenzquantor ∃, den Bunge lieber “particularizer” genannt haben möchte. Denn “∃xPx” sagt nur, dass einige Einzeldinge die Eigenschaft P haben. Über ihre Existenz ist damit nichts ausgesagt. Deshalb wird bei ontologischen Existenz-Aussagen stillschweigend E benutzt und nicht ∃.

Nun wird noch zwischen konkreten Objekten wie Ziffern (z.B. gedruckt oder figürlich) und ideellen Objekten wie Zahlen unterschieden. Dieser Unterschied wird eingeführt durch das algebraische System S =< ,⊕, 0, 1 >, mit einer Untermenge aus den individuals, der Verknüpfung ⊕ und den ausgezeichneten Elementen 0 und 1 von . Zwei Elemente x und y von können sich verbinden, um ein drittes Element  x ⊕ y von zu bilden (⊕ bezeichnet die mereologische Summation von x und y).

Das generelle Konzept des Objekts umfasst auch "simples", Objekte ohne Struktur. Manche Objekte wie Eigenschaften, Ereignisse und Konstrukte sind keine Dinge. Bunge definiert die Verknüpfung ⊕ als assoziativ und kommutativ und spendiert noch eine Teil-Ganzes-Relation ∠. Dann bedeutet x∠y dass x ein Teil von y ist, und zwar dann, wenn es ein z gibt mit x ⊕ z = y.

Im einfachsten Fall ist x elementar, also ohne Teile, z.B. bei Elektronen und Photonen. Diese Definition ist besser als schlichte "Simplizität", denn laut Quantentheorie sind Elektronen und Photonen reichlich komplex. Das System S bekommt noch das null-individual 0 und das Universum 1 als ausgezeichnete Elemente. Damit gilt 0 ⊕ x = x und 1 = (ιx)∀y(y ∈ &y∠x), mit dem definiten Deskriptor ι.

Auf dieser Basis kann das Gesetz der Emergenz auch formal definiert werden. Das sieht dann so aus A): ∀x[PBx =df Px&¬∃y(y∠x&PBy)] mit der Gesamteigenschaft PB (bulk property = die emergent entstandene neue Eigenschaft des Ganzen). Verbal: "Für jedes individual x aus ist PB eine Gesamteigenschaft, wenn kein Teil y diese Eigenschaft PB hat."

Alternativ wird nun das Konzept um die Relation "Abstammung" D erweitert. Man kann dafür nicht auf die Zeit zurückgreifen (vorher/nachher), weil sie hier nicht definiert ist. Das kann nun so definiert werden, mit x, y und z als Elementen von :

  1. irreflexibel (kann nicht von sich selbst abstammen): ¬Dxx,
  2. asymmetrisch (wenn y von x abstammt gilt nicht das Umgekehrte): Dxy⇒¬Dyx.
  3. transitiv (wenn y von x abstammt und z von y, dann auch z von x): Dxy & Dyz⇒Dxz.

Auf der Basis von diesem Konzept kann nun definiert werden B): PNx = ∃y(Dxy&¬PNy), "für jedes individual x in ist PN eine radikal neue Eigenschaft von x, wenn x von einem Vorgänger y abstammt, der PN nicht hat."

A) und B) sind zwei formal definierte Konzepte der Emergenz. Sie sind entfernte Verwandte des Supervenierens, und sie tauchen zunehmend in der Literatur auf. Leben ist eine emergente Eigenschaft von Zellen, denn die leben, während ihre Bestandteile das nicht tun (Beispiel für A)). Und alle Moleküle haben Atome als Vorgänger (Beispiel für B))

Damit kann nun das Konzept der Systemebenen formal eingeführt werden. Eine Menge von Objekten konstituiert eine Ebene der Realität, wenn sie alle Gesamteigenschaften haben, die ihren Teilen fehlen. So kann man sagen, dass die soziale Ebene aus der biologischen (Lebens-)Ebene emergent hervorgegangen ist (A)), oder dass die Lebens-Ebene B Vorläufer der sozialen Ebene S ist (B)). Formal: B<S, d.h. die Teil-Ganzes-Relation ∠ erzeugt die Ebenen-Relation <.

In diesem Abschnitt wird noch auf die formale Definition von Zustand (als Punkt im Eigenschaftsraum) und Prozess (Änderungen des Zustands) eingegangen. Dazu sei auf andere Rezensionen verwiesen (wb-Link Über die Natur der Dinge). Dort ist auch das Konzept der Konstrukte beschrieben, das Bunge in dem Anhang nochmal anspricht: Materiell sein heißt sich verändern, ideell sein heißt unverändert bleiben.

Als letztes befasst sich das Buch mit den Wahrheiten. Unterschieden werden formale Wahrheiten ("es gibt unendlich viele Primzahlen") und faktische Wahrheiten ("es leben 7,5 Milliarden Menschen auf der Welt"). Leibniz sagte "vérités de raison" und "vérités de fait", heute befassen sich Modelltheorie und Gruppentheorie damit. Eine wahre Theorie der Wahrheit existiert anscheinend noch nicht, die Korrespondenztheorie ist noch im Forschungsstadium.

Es ist nicht so einfach, wie am Beispiel von Tarski gezeigt wird. Der wollte eine Formel für beide Arten der Wahrheit schaffen mit: “The sentence ‘s’ is true if and only if s” ("Der Satz 's' ist wahr genau dann wenn s"). Drei Fehler, sagt Bunge zu dem großen Mathematiker: Die beiden Wahrheitsarten werden vermischt, Fakten und Sätze werden vermischt, es wird Sprache (der Staz 's') mit Metasprache (der Name "s" von s) verknüpft. Das mittlere würden nur Sprachfetischisten ("glossocentrics") wie Heidegger und Wittgenstein akzeptieren – Bunge kann das Sticheln nicht lassen.

Er wendet sich auch gegen die Reduktion von Wahrheit auf Wahrscheinlichkeit. Einmal ist die Wahrheit Voraussetzung für die Wahrscheinlichkeit, damit man die Wahrheitswerte der Wahrscheinlichkeitsformeln überhaupt prüfen kann. Zweitens gibt es keine Berechtigung, Propositionen Wahrscheinlichkeiten zuzuordnen, ebensowenig wie Temperaturen oder Farben. Drittens wären die Gesetze unterschiedlich. Der Begriff der graduellen Wahrheit folgt nicht den Regeln der Warscheinlichkeitstheorie; weil er andere formale Eigenschaften hat, hat er auch nichts mit Wahrscheinlichkeiten zu tun. Beispiel Und-Verknüpfung: Bei zwei Propositionen ist es das Minimum der beiden Wahrheitswerte, bei zwei Wahrscheinlichkeiten das Produkt.

Die faktische Wahrheit wird so definiert: Eine Tatsache (Fakt) ist das, was eine Tatsachenaussage beschreibt. Aber wie soll man eine abstrakte Idee mit dem Fakt vergleichen, auf das sie sich bezieht? Es gibt keine Gleichheit zwischen einer optischen Formel und den Lichtwellen, auf die sie sich bezieht, und keine Gleichheit zwischen Schrift und Sprache. Anders ist es, wenn man den konkreten Gedankenprozess der Referenz in der externen Welt gegenüberstellt – im Jargon, den "Wahrheitsmacher dem betreffenden Wahrheitsträger" ("the truthmaker of the truthbearer in question"). Dann würde die Wahrheit zu einer Eigenschaft des Hirnprozesses, aber darüber forscht man noch.

Bunge liefert noch ein formales Modell der Korrespondenz- und Referenzfunktionen, mit dem die Abhängigkeiten beschrieben werden, schematisch kann man es so darstellen:

   Fakten    →    Gedanken    →    Propositionen
abbilden          konzeptualisieren

Die Rede ist anschließend von einem methodologischen Konzept der Wahrheit, wo eine Abweichung ± ε vom empirisch gemessenen Wahrheitswert definiert wird, und wenn der berechnete Wert um weniger abweicht, soll er als wahr gelten. Partielle Wahrheiten befassen sich auch mit deren Verknüpfungen, die wie o.a. als Maximum bzw. Minimum der Wahrheitswerte V angegeben werden, mit den Propositionen p und q:

V(p ∧ q) = min {V(p), V(q)},
V(p ∨ q) = max {V(p), V(q)}

In Worten ist die graduelle Steigerung der Wahrheitswerte so angegeben:

Nonsens → Konfusion → Widerspruch → Teilwahrheit → ganze Wahrheit

Das Problem ist aber noch ungelöst, denn mit den min/max-Formeln oben kann man ohne Widerspruch keine komplementäten Wahrheitswerte bilden, da sie dem Motto folgen, leugnen ist viel billiger als bestätigen. Es gibt auch den Konflikt mit den Wahrscheinlichkeiten, wo die Rechnung schlüssig, aber eben anders ist. Bunges Fazit: Jeder benutzt das Korrespondenz-Konzept der Wahrheit, aber keiner scheint genau zu wissen, was das ist. Aber es ist ein interessantes Projekt, besser als Multi-Universen-Phantasien und dergleichen.

 

Mario Bunge, Matter and Mind – A Philosophical Inquiry, © 2010, Boston Studies in the Philosophy and History of Science, Springer, 217 €

Medien-Link:

Mario Bunge’s Worldview and its Implications for The Modernization of Arabic-Islamic Philosophy (Ahmad Zahaadden Obiedat, Faculty of Religious Studies McGill University, Montreal  May, 2011)

Links von wissenbloggt:

 




Politik muss mit dem Märchen vom Einzelfall aufhören!


wing-tsun-3265770_1280Bei der Gewalt gegen Lehrkräfte geht es nicht nur um Einzelfälle, und die Politik soll bittesehr mit ihrer ‚Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß‘-Haltung aufhören. Deshalb werden öffentliche Statistiken gefordert (hoffentlich nicht solche wie vom Arbeitsamt). Eine Pressemitteilung vom VBE, einem der zwei größten deutschen Lehrerverbände (Berlin, 02.05.18, pd 32_18, das pädagogische Bild: sifusergej, pixabay).

forsa-Schulleitungsumfrage „Gewalt gegen Lehrkräfte“

Politik muss mit dem Märchen vom Einzelfall aufhören!

„Die uns vorliegenden Fakten beweisen erneut, dass die Kultusministerien mit ihrer Einschätzung, dass ‚Gewalt gegen Lehrkräfte‘ lediglich Einzelfälle sind, schlicht falsch liegen. In den letzten fünf Jahren gab es an der Hälfte der Schulen direkte psychische Gewalt gegen Lehrkräfte  an einem Fünftel Cybermobbing, an jeder vierten Schule körperliche Gewalt gegen Lehrkräfte. Nach  der Lehrkräftebefragung im November 2016 wird mit der aktuellen, bundesweit  repräsentativen  Schulleitungsbefragung erneut deutlich, wie relevant das Thema ist. Die Ergebnisse sind so eindeutig, wie erschütternd“, kommentiert Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), die heute veröffentlichten Ergebnisse  einer vom VBE in Auftrag gegebenen forsa-Umfrage.

Bei der Umfrage wurden 1.200 Schulleitungen allgemeinbildender Schulen danach befragt, ob es an ihrer Schule Gewalt gegen Lehrkräfte gibt, welche Arten von Gewalt auftreten und ob sie die angegriffenen Lehrkräfte ausreichend unterstützen können. Der VBE hatte zu dem Thema „Gewalt gegen Lehrkräfte“ zuletzt im November 2016  eine ebenfalls von forsa durchgeführte Umfrage veröffentlicht. Damals wurden 1.951 Lehrkräfte allgemeinbildender Schulen befragt.

„Heute wie damals  gilt: Es braucht öffentliche Statistiken. Nur, wenn das Ausmaß für  die Ministerien greifbar wird, werden sie die angemessenen Maßnahmen umsetzen, um Lehrkräfte besser zu schützen, im Falle eines Falles besser zu unterstützen und  das Klima an den Schulen langfristig zu verbessern. Die Politik darf mit ihrer ‚Was  ich  nicht weiß, macht mich nicht heiß‘-Haltung in keinem einzigen Bundesland mehr durchkommen“ kritisiert Beckmann.

Der VBE hatte den Kultusministerien im September vergangenen Jahres die Möglichkeit  gegeben, unter anderem die Frage zu beantworten, ob in den Bundesländern Statistiken zu Gewaltvorfällen gegen Lehrkräfte geführt werden (→ Übersicht). Der Bundesvorsitzende äußert sich dazu: „Enttäuschend ist zum einen die Antwort: ‚Obwohl wir keine Zahlen erheben, können wir versichern, dass es nur Einzelfälle gibt.‘ Da muss man sich schon fragen, woher diese Gewissheit genommen wird. Zum anderen halten wir die Einschätzung, dass eine standardisierte Erfassung de  Zahlen im Kultusministerium  Lehrkräfte davon abhalten würde, sich Hilfe zu holen,  für grundsätzlich falsch. Im Gegenteil: Die Kultusministerien würden damit endlich das Zeichen aussenden, dass ihnen das Thema wichtig ist und sie möchten, dass nichts unter den Teppich gekehrt wird.“

Beckmann ist davon überzeugt, dass das Veröffentlichen von Zahlen einen positiven  Effekt hat. So sagten in der letzten Umfrage noch 57 Prozent der befragten Lehrkräfte, dass ‚Gewalt gegen Lehrkräfte‘ ein Tabu-Thema sei. Nun stimmen dieser Aussage nur  noch 39 Prozent der befragten Schulleitungen zu. „Ein offener Umgang mit diesem Thema ist vor allem fürdie Betroffenen immens wichtig“, meint er.

Jede zehnte Schulleitung gibt an, dass die Lehrkräfte nach einem Gewaltvorfall nicht ausreichend unterstützt  werden  konnte. Als Gründe nennen 63 Prozent von ihnen, dass sich betroffene Schülerinnen und Schüler uneinsichtig zeigten und 59 Prozent bemängeln, dass Eltern nicht kooperationswillig waren. Jede dritte Schulleitung sagt,  dass sich das Schulministerium des Themas nicht ausreichend annimmt. „Wenn zudem jeweils 20 Prozent der Befragten an geben, dass die Meldung zu bürokratisch sei,    sie zu viele andere Aufgaben haben, eine Meldung zu Reputationsverlusten führe und sich die Schulverwaltung des Themas nicht ausreichend  annehme, ist das beschämend“,  bewertet  Beckmann. Zudem sagen 11 Prozent, dass die Meldung von Vorfällen von den Schulbehörden nicht gewünscht sei.

Beckmann kommentiert: „Neben schwierigen Schülerinnen und Schülern und deren  Eltern ist das größte Problem der Schulleitungen also der fehlende Rückhalt aus der Politik und die immer weiter steigende Aufgabenmenge. Dies zeigte auch unsere Umfrage zur Berufszufriedenheit von Schulleitungen, die wir im März veröffentlicht haben. Es braucht endlich Lösungen statt Relativierungen, Handeln statt Abwarten.“ Der VBE fordert:

  • Statistiken müssen geführt und von denKultusministerien regelmäßig veröffentlicht werden.
  • Lehrkraft und Schulleitung müssen die volle Unterstützung des Dienstherrn erhalten. Dazu zählt auch die unbürokratische Meldung und schnelle Hilfe nach einem Vorfall.
  • Es braucht massive Investitionen in die Bildungsinfrastruktur, damit Lehrkräfte   durch   multiprofessionelle Teams mit Schulpsychologen, Schulsozialarbeitern und weiteren Fachkräften unterstützt werden können und  ein  Lernumfeld  geschaffen  werden  kann, das nicht durch Ressourcenmangel geprägt ist, sondern individuelle Förderung
  • gewährleistet.
  • Lehrkräfte müssen besser  auf  den  Umgang  mit  Heterogenität  und  das Verhalten in Konfliktsituationen vorbereitet werden. Hierfür braucht es ein breites Fortbildungsangebot

 

Medien-Links:

  1. Schulen – Berlin – Gewalt gegen Lehrer: Expertin sieht "Kultur des Schweigens" (dpa, Süddeutsche Zeitung 3.5.): Nach einer Studie des VBE, die am Mittwoch vorgestellt worden war, sind Lehrkräfte an etwa jeder dritten Grundschule in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren körperlich angegriffen worden.
  2. Gewalt gegen Lehrer: VBE fordert "Null Toleranz" (INFO-radio rbb 3.5.): Immer häufiger werden Lehrer Opfer von Gewalt an Schulen. Nach einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage unter 1.200 Leitern allgemeinbildender Schulen gab es in den vergangenen fünf Jahren an der Hälfte der Einrichtungen direkte psychische Gewalt.
  3. Gewalt gegen Lehrkräfte 2018 (Material vom VBE)

Links von wissenbloggt:




Die Kirchen fahren Panzer auf. Gegen unsere Kinder. Von Frank Sacco


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Fank Sacco, Doktor der Medizin, schreibt über Priester als "Gottestäter". Zum Beleg bringt er einen Liedertext, der eigentlich eine Anzeige wegen Jugendgefährdung verdient hätte. "Lass Gnad vor Recht ergehen?“ Nein, bei sowas sollte Recht ausgeübt werden (Bilder: Sacco).

Die Kirchen fahren Panzer auf. Gegen unsere Kinder.  Von Frank Sacco

Nein, keine aus Stahl, aber doch solche aus Worten, aus Worten des Schuld Gebens und des Angst Machens vor einer Nicht-Vergebung dieser „Schuld“. An keinem Kind geht so ein Panzer spurlos vorbei. Denn er versprüht giftige Munition. Er vergiftet Kinder, die man zu Meuchelmördern macht und  ihnen dem entsprechende Schuld anhängt. So singt man sie – nach einer „angstneurotischen Latenz“ – direkt in die Psychiatrie. Das lehrte uns schon Nietzsche. Doch für diese seine Lehre ist die heutige Psychiatrie taub. Man hat sich mit seinem größten Arbeitgeber, den Kirchen,  über die „Berliner Psychiater These“  arrangiert (siehe Google). In der Heirat Psychiatrie – Kirchen, haben die Kirchen das Sagen. Ein Ungleichgewicht.

Angst vor ewiger Folter, also das größte seelische Trauma, das wir kennen,  sei überhaupt kein Trauma, so Prof. Diefenbacher, Berlin und Mitarbeiter. Nur das „wirkliche Erleben der Hölle“ könne eine posttraumatische Belastungsstörung bewirken. Diese Irrigkeit, diesen Ausdruck ärztlichen Wahnes, habe ich die Berliner-Psychiater-These genannt. Nur die Psychiatrie fällt auf diesen Humbug herein. Bei den Kirchenleuten ist wohlbekannt, dass die sog. Gottestäter, also Priester, die Gläubige als Täter krank machen, auch und natürlich Opfer erzeugen. Würde jemand anderes als seine Kirche dem Kind eines Psychiaters mit Feueranwendung drohen, würde er mit Wahrscheinlichkeit selbst aktiv werden oder gar die Polizei einschalten – aus Angst vor schrecklichen Folgen für sein Kind.

Prof. Püschel, Leiter der Gerichtsmedizin des UKE Hamburg, wurde von mir angeschrieben. Die Antwort: Eine Erziehungsberechtigte, die mit Hitzeanwendung droht, sei „nicht akzeptabel“. Unsere beiden Amtskirchen, denen wir die Erziehung von Kindern in vollem Vertrauen anvertrauen,  sind demnach nicht akzeptabel.  Doch schauen wir, was unsere Kleinen so alles singen, lesen oder beten und versuchen müssen, es irgendwie zu verdauen.

Panzerlieder

„Trüg unsrer Sünde schwere Bürd wohl am Kreuze lange, so lasst uns nun ihm dankbar sein, dass er für uns litt solche Pein. Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last; Ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast. Du großer Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen. Ach das hat unsre Sünd und Missetat verschuldet, was du an unsrer Statt, was du für uns erduldet. Ach unsre Sünd bringt dich an das Kreuz hinan. Der ohn Sünd war geboren, trug für uns Gottes Zorn. Jesus… der  von uns den Gotteszorn wandt, durch das bittre Leiden sein, half er uns aus der Hölle Pein. Dass wir nimmer das vergessen, gab er uns sein Leib zu essen. Gib, Herr…dass ich nur nicht, wies wohl geschicht, murrend mein Heil verscherze. Ach Vater, ach dein eigner Sohn erbleicht am Kreuz…Nun dies geschieht für meine Schuld. Liebe, die für mich gestorben,…ach wie denk ich an dein Blut. Und bitten dich…durch dein heilig fünf Wunden rot, erlös uns von dem ewgen Tod. Du wirst gegeißelt und mit Dorn gekrönet, ins Angesicht geschlagen und verhöhnet, du wirst mit Essig und mit Gall getränket, ans Kreuz gehenket. Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen? Ach meine Sünden haben dich geschlagen, ich mein Herr Jesu, ich habe dies verschuldet, was du erduldet. Ich, ich und meine Sünden…die haben dir erreget, das Elend das dich schläget und deiner schweren Martern Heer. Ich bins, ich sollte büßen an Händen und an Füßen, gebunden in der Höll, die Geißeln und die Banden und was du ausgestanden, das hat verdienet meine Seel. Ich will ans Kreuz mich schlagen mit dir und dem absagen, was meinem Fleisch gelüst. Du, ach du hast ausgestanden Lästerreden, Spott und Hohn, Speichel Schläge, Strick und Banden, du gerechter Gottessohn, nur mich Armen zu retten, von des Teufels Sünderketten. Du hast lassen Wunden schlagen, dich erbärmlich richten zu, um zu heilen meine Plagen. Nun ich danke dir von Herzen, Herr für alle deine Not, für die Wunden für die Schmerzen, für den herben , bittren Tod, für dein Zittern, für dein Zagen, für dein tausendfaches Plagen, für deine Angst und tiefe Pein, ich will ewig dankbar sein. Ich und meine Sünde: diese hat gemartert dich, dass ich Gnade finde. Wenn mir meine Sünde will machen heiß die Hölle, Jesu, mein Gewissen still, dich ins Mittel stelle. Die  Wunden  alle,   die   du  hast,  hab  ich dir helfen schlagen. Gib, dass ich durch Sünde nicht, foltre dich aufs Neue.

Lass Gnad vor Recht ergehen.“

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(Die Namen in Saccos Panzer-Bildern sind frei erfunden.)

Frank Sacco ist Autor von Das Sacco Syndrom und Autor der Bücher

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Fat finger: was Fingerabdrücke verraten


fingerprint-1894997_1280Das Fingerabdruck-Bild von pjw1307, pixabay, scheint einem beim Rauf- und Runterscrollen zuzublinzeln. Es steckt mehr hinter diesen Linien, als man denkt. Damit sind nicht die augenbetörenden Kurven gemeint, sondern die Stoffe, aus denen die Linien bestehen. Wenn die mit modernen Methoden analysiert werden, liefern sie ungeahnte Auskünfte (1. Link unten).
Die Rede ist von ein paar Dutzend Pikogramm (0.000000000012g). So wenig reicht heutzutage, um Dinge zu entdecken, die früher der Aufmerksamkeit entgingen. Man ist damit meilenweit von Sherlock Holmes' Kollegen entfernt: Fingerabdrücke können eine ganze Palette von neuen Daten liefern.

Die Abdrücke entstehen, wenn Finger eine Oberfläche berühren. Zurück bleiben Spuren von Schweiß, Fett und anderen Substanzen. Die Spuren der Papillarleisten formen die typischen Muster, die bei jedem Menschen anders ausfallen. Zumeist sind die Spuren für das unbewaffnete Auge unsichtbar. Sie brauchen Lupen, Mikroskope oder einen chemischen Entwicklungsprozess, um ihre Geheimnisse zu verraten.

Und sie verraten viel über die Finger-Besitzer: Was sie berührt haben, was sie gegessen haben und sogar die Drogen, die sie genommen haben. Erfasst werden jetzt auch Spuren von Speisen und Kosmetika, von Pharmaka und Umwelteinflüssen. Damit gibt der Fingerabdruck nicht nur das bekannte biometrische Rillenbild, sondern eine molekulare Signatur.

Es muss gar nicht darum gehen, einen Kriminellen zu suchen. Den findet man sowieso nur, wenn man die Abdrücke zuordnen kann, z.B. wenn sie in einer Datenbank gespeichert sind. Es geht auch darum, dem Arzt Aufschluss zu geben, der sonst nur durch Urin- oder Bluttests zu erlangen ist. Bei Dopingkontrollen wäre das geradezu ideal, weil die Identifikation durch das Rillenbild immer gegeben ist. 

Mit der Studie (1.) wiesen die Forscher die Empfindlichkeit der Methode nach. Sie fanden sogar Drogenspuren bei 13% der Leute, die keine Drogen nahmen, wahrscheinlich von Banknoten oder anderen kontaminierten Oberflächen übertragen. Wenn der Getestete Drogen nimmt, dürfte er 100* mehr Spuren in seinen Abdrücken hinterlassen. Der Nachweis funktioniert sogar nach dem Händewaschen, weil die Substanzen kontinuierlich durch die Drüsen ausgeschieden werden.

Für Ärzte eröffnet das noch die Möglichkeit, die verschriebenen Medikamente in den Fingerabdruckspuren nachzuweisen – und wenn die Medikamente nicht mehr genommen werden, kann auch das nachgewiesen werden. Nicht nur Sherlock Holmes wäre begeistert gewesen. Das sind aufregende Möglichkeiten für Forscher, Forensiker, Dopingtester und Mediziner.

Ach ja, und was ist ein fat finger? Das ist der berühmte Finger, der immer die falschen Knöpfe drückt, und dem die ganzen Computerfehler zugeschrieben werden. Ursprünglich ging es nur um Tippfehler bei Zahlen im Finanzwesen, aber der dicke Finger bot zu gute Ausreden auch auf anderen Gebieten. Er verkörpert das Argument "der Anwender ist schuld", das auch gigo heißt (garbage in, garbage out). Mit erweiterten Spürmethoden bei Fingerabdrücken hat der fat finger bis jetzt nichts zu tun. Aber man kann wohl bald genau nachweisen, wessen Finger das war, der da falsch gedrückt hat. Und wehe, wenn er Drogenspuren hinterlassen hat.

 

Medien-Link:

  1. The hidden data in your fingerprints (The Conversation 27.4.): Fingerprints are made not just from substances you have touched, but also substances excreted from your eccrine glands (the sweat glands located on the fingertips). Since sweat can include traces of things you have ingested, that means fingerprints can contain traces of drugs you’ve taken. In a recent paper in Clinical Chemistry, my colleagues and I have shown it is possible to detect cocaine, heroin and morphine use from a single fingerprint.
  2. Fat Finger Trades – schlimme Finger an der Börse (ARD 2017). 15 Beispiele zum durchklicken.

Links von wissenbloggt:




Sahra Wagenknecht vs. DIE LINKE = 135 : 1


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Dass Sahra Wagenknecht auf dem Bild (Bundestag) so unscharf rüberkommt, liegt nicht an ihr. Sie artikuliert sich allemal scharf und präzise. Das tat sie auch in einem aktuellen Freitag-Interview (1.+2. Link unten). Ihre Argumentation, und auch die vom Interviewer Sebastian Puschner, ist einen wissenbloggt-Artikel wert. Bemerkenswert ist, dass von Seiten gewisser Linker neue Töne zu hören sind, die früher noch häretisch geklungen hätten.

Aber das "no border, no nation"-Dogma ist nicht mehr sakrosankt. Es gibt schließlich sehr gute Gründe dagegen, und es ist eine linke Zeitung, die sie serviert: neues deutschland – sozialistische Tageszeitung (3.). Dieser Link wird vom Interviewer ins Spiel gebracht. Mehr dazu weiter unten, erstmal ein paar von Sahras Punkten.

Es geht ihr doch nicht um eine neue Partei, sagt sie, und deshalb soll das parteipolitische Hickhack hier ausgespart werden. Auch in der Linken herrsche leider nicht immer die Diskussionskultur, die man sich wünschen würde, klagt sie. Der "no border, no nation"-Konsens habe immer noch Macht, und wer da ausbreche, werde in die rechte Ecke gestellt, statt dass man sich mit Argumenten auseinandersetze. Es betreffe nicht nur sie selbst, sondern auch andere; solche politische Debatte sei unter Niveau und unverschämt.

Eine Erklärung mag nach Sahra darin liegen, dass Akademiker seltener mit Zuwanderern um Arbeitsplätze konkurrieren als Raumpflegerinnen. Und wer in gehobenen Wohnvierteln wohnt oder seine Kinder auf eine Privatschule schicken kann, müsse sich nicht mit der Situation an Schulen auseinandersetzen, in denen 80% der Kinder bei der Einschulung kein Deutsch sprechen.

Damit ist das Thema endgültig bei der Migration angelangt und bei der neuen linken Argumentation: 90% der Flüchtlinge haben keine Chance, nach Europa zu kommen. Wenn man denen helfen wolle, dann vor Ort, in den Nachbarländern ihrer Heimat. Die linke Debatte laufe schräg, wenn Solidarität nur daran festgemacht werde, dass gute Bedingungen nur denjenigen geboten werden, die es hierher schaffen. Den Ärmsten, den Schwachen und den Kranken würden nicht mal komplett offene Grenzen helfen, weil die den Weg nicht schaffen. Und mit dem gleichen Mitteleinsatz könne vor Ort ungleich mehr Menschen geholfen werden als hier.

Da hat Sahra recht, und wie man gleich sieht, siegen ihre Argumente 135:1.

Neue linke Flüchtlingspolitik

Entlehnt sind diese Argumente bei einer in solcher Hinsicht ganz unverdächtigen Quelle: DIE LINKE müsse sich mit der Bekämpfung von Fluchtursachen auseinandersetzen, sagt das neue deutschland (3.). Die internationale Flüchtlingspolitik sei heute selbst zu einer Fluchtursache geworden. Das wird an dem "Missverhältnis der globalen Flüchtlingshilfe" festgemacht, an der Relation 135:1.

Für jeden Dollar, den ein Flüchtling in Entwicklungsländern bekommt, wird ein Flüchtling in den Industrieländern mit dem 135-fachen unterstützt. Solche Ungleichbehandlung nach dem Prinzip aus den Augen, aus dem Sinn schafft Fluchtgründe zusätzlich zu den Folgen von Kriegen und Krisen. 

Auch wenn viele Flüchtlinge es nach dem Schließen der Fluchtrouten nicht mehr nach Europa schaffen, sind die Probleme nicht aus der Welt geschafft. Weltweit sind 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Zwei Drittel davon fanden Zuflucht im eigenen Land, etwa 21 Millionen Flüchtlinge haben Grenzen überquert. Flucht und Vertreibung kennzeichnen das 21. Jahrhundert, Kriege, Konflikte, Krisen, Klimawandel und zerfallende Staaten. Und diese Fluchursachen werden in den nächsten Jahrzehnten zunehmen und noch mehr Menschen-Millionen zur Flucht zwingen.

Damit ist die aktuelle internationale Flüchtlingspolitik überfordert. Sie ist so desolat, dass sie selbst zur Fluchtursache geworden ist, denn viele Menschen ertragen die hoffnungslose Situation in den Lagern nicht und fliehen weiter. Deshalb das Plädoyer für eine grundlegende Reform der Flüchtlingshilfe, für ein "Immunsystem", eine globale Infrastruktur, die allen Flüchtlinge hilft.

Ein Perspektivwechsel ist fällig. Im Mittelpunkt der Flüchtlingspolitik solle nicht die Migration stehen, sondern die Lage der Flüchtlinge. Für die internationale Gemeinschaft sei es durchaus möglich, die Flüchtlinge und Binnenvertriebenen humanitär zu versorgen und ihnen Hoffnung und Perspektive zu geben. Dafür müssten die Hilfsgelder anders eingesetzt werden. Derzeit werden jährlich etwa 75 Mrd. $ für die 10% der Flüchtlinge ausgegeben, welche die Industriestaaten erreichen. Nur etwa 5 Mrd. $ gehen an die restlichen 90%, die in den Entwicklungsländern bleiben (daraus errechnet sich 7,5 auf 1% gegenüber 0,056 auf 1%, was die Relation 135 : 1 ergibt). Die 5 Mrd. für die 90% sind auch noch ungleichmäßig verteilt; für die meisten Flüchtlinge dieser Welt fällt gar keine materielle Unterstützung ab, nämlich in jenen Ländern mit den geringsten Kapazitäten, die aber die größte Last tragen und am wenigsten unterstützt werden.

Würde dieses Missverhältnis ausgeglichen, könnten Millionen Menschen im Nahen Osten und anderswo aus ihrem Elend gerettet werden, sie könnten besser versorgt werden, und die Fluchtursachen könnten gemindert werden. Dem steht aber das linke No-border-Dogma entgegen – eine Versachlichung der Debatte wird gebraucht. Die Flüchtlingspolitik muss internationalistischer werden, die Mehrheit der Bedürftigen darf nicht aus dem Blick geraten.

Neue linke Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik

Das neue deutschland befürwortet nachträglich einzig und allein die Entscheidung der Bundeskanzlerin vom September 2015, Tausende Flüchtlinge aufzunehmen, die auf der Autobahn von Budapest nach Deutschland zu Fuß unterwegs waren. Ansonsten sei die gesamte Merkel-Politik davor und danach falsch gewesen, oft unabsichtlich, aber mit katastrophalen Folgen.

  1. Die Bundesregierung hat 2014 im syrischen Bürgerkrieg die Hilfszahlungen an das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR halbiert statt sie auszuweiten, mit der Folge, dass gekürzte Essensrationen die Menschen aus den Lagern erneut in die Flucht trieben.
  2. Die Bundesregierung setzte im August 2015 ohne Absprache mit dem Rest der EU das Dublin-Abkommen aus, das zwar aus linker Sicht nicht zu befürworten ist; aber unstrittigerweise ergriffen erst durch diese Entscheidung so viele Menschen – verständlicherweise – die Chance,  sich auf den Weg zu machen, wobei viele im Mittelmeer ertranken.
  3. Der folgende panische Kurswechsel Merkels brachte einen schmutzigen Deal mit der Türkei, der Flüchtlinge zu Geiseln machte. Außerdem machte der Deal die Bundesregierung erpressbar und lieferte ein schlechtes Vorbild für Abkommen mit afrikanischen Staaten.
  4. Die chaotische Politik der Bundesregierung und der EU-Kommission hatte zur Folge, dass der Kontrollverlust in Europa den Brexit-Befürwortern Argumente gegen die EU lieferte.
  5.  Merkels Politik spielte Flüchtlinge und Einheimische gegeneinander aus und schaffte Konkurrenz um Jobs, Wohnungen, Sozialleistungen und abgelaufene Lebensmittel, statt Verbesserungen für alle durchzusetzen.
  6. Syrien usw. wird der qualifizierteste Teil seiner Bevölkerung für den Wiederaufbau nach Kriegsende fehlen. Gleichzeitig hausen 4 Millionen Syrer ohne ausreichende Unterstützung in den Nachbarländern; 43% der Kinder besuchen laut UNO-Kinderhilfswerk UNICEF seit Jahren keine Schule, weil dort Geld fehlt.

Gemäß neues deutschland war die Flüchtlingskrise deshalb kein "Sommer der Migration", sondern eine politische und menschliche Tragödie. Das UNHCR und die internationale Flüchtlingshilfe werden zu gering und unzuverlässig finanziert, oft nur kurzfristig in Abhängigkeit von Geberkonferenzen. Während die Flüchtlingshilfe chronisch unterfinanziert ist, geben die NATO-Staaten jährlich fast 1000 Mrd. $ für Militär und Rüstung aus. 1% davon würde für eine Verdreifachung der bisherigen Hilfsetats reichen. Dann könnte bisherige System der Flüchtlingslager an unwirtlichen Orten in ein System von Sonderwirtschaftszonen ersetzt werden. Dann könnten Autonomie und Arbeitsplätze in der Nähe der Herkunftsstaaten geschaffen werden.

Die angeforderte Reform soll Vorteile für alle Akteure bringen, für die globalen Flüchtlinge, für die Aufnahmeländer und für die Herkunftsstaaten. Flüchtlingspolitik ist  nicht nur eine humanitäre Frage, sondern eine entwicklungspolitische Chance. Es geht um Armutsbekämpfung, gerechten Handel, Entwicklungs- und Friedenspolitik, um eine weltweite Infrastruktur, um ein Netz zur Rettung und zum Schutz aller globalen Flüchtlinge und den Wiederaufbau ihrer Herkunftsländer.

Neue Mauern sind dafür keine Lösung, aber offene Grenzen für alle auch nicht. Explizit wird dem alten linken Dogma widersprochen, das auch vom neuen deuschland vertreten wurde: "Globale Bewegungsfreiheit ist nicht nur ethisch geboten, sondern strategisch notwendig, um globale Kräfteverhältnisse im emanzipatorischen Sinne zu verschieben." Nein, das ist falsch, heißt es jetzt.

  1. Hilfeleistung für alle Flüchtlinge ist ethisch geboten statt einer globalen Bewegungsfreiheit, welche diejenigen nicht in Anspruch nehmen können, die sie am dringendsten bräuchten.
  2. Für eine gerechte Verteilung des weltweiten Wohlstands ist Einwanderung ein besonders ineffektives Mittel, was mit den 135:1 hinreichend begründet ist.

Sahra Wagenknechts Argumente

Am Antrag für den Parteitag fällt Sahra auf, dass von "offenen Grenzen für alle" keine Rede mehr wäre (stimmt leider nicht, 4.). Sie wendet sich dagegen, dass die Staaten Geld für Rüstung verschleudern, und dafür, dass die Milliarden stattdessen für sozialen Wohnungsbau, bessere Schulen und soziale Sicherheit einsetzen werden. Dann wäre auch Integration leichter möglich, und viele Probleme würden sich entschärfen.

Auch bei der besten Umverteilung bleiben die Mittel immer begrenzt, so dass wir den Flüchtlingen weit sinnvoller vor Ort helfen können, mit einer beträchtlichen Aufstockung der Mittel für Essen, für Bildung, für Investitionen, die dann auch den Aufnahmeländern nutzen. In der Außenpolitik soll alles daran gesetzt werden, dass die Diplomatie wieder zum Zuge kommt. Im Fall Syrien gab es viele Chancen auf diplomatische Lösungen. Russland machte 2011 einen Vorschlag mit drei wesentlichen Punkten:

  1. keine Waffenlieferungen an die Opposition, die ohnehin von islamistischen Mörderbanden dominiert werde,
  2. ein Waffenstillstand,
  3. ein Weg für Syrien, das Land als säkularen Staat in seinen Grenzen zu erhalten, ausdrücklich mit einer Zukunft jenseits von Assad.

Darauf ist der Westen nie eingegangen, mit der Folge, dass inzwischen 500.000 Menschen gestorben sind, Millionen geflohen sind und ein ganzes Land zerstört ist. Es müsse wieder verhandelt werden, es dürfe nicht mehr den Grundfehler geben, ein Regime mit militärischen Mitteln stürzen zu wollen, bloß weil es den Interessen der USA im Wege steht. In Syrien ging es nie um Demokratie, es ging und geht um Einfluss, Öl und Pipelinerouten. Sahra spricht abschließend von zwei Optionen für die notwendige gesellschaftliche Arbeit,

  • die kapitalistische: ein Teil der Menschen wird aus dem Arbeitsmarkt gedrängt und der andere arbeitet nach wie vor "bis zum Umfallen",
  • die sozialistische: die Arbeitszeit wird verkürzt, weniger als 8 Stunden täglich, Rente mit 60 statt mit 70, also Umverteilung von Arbeit statt Arbeitslosigkeit.

Außer vielleicht dem oberen einen Prozent könnten dann alle besser leben, wenn wir solche eine gerechte Gesellschaft hätten.

Anmerkung wissenbloggt

Generell fällt bei den Linken (und Grünen) auf, dass bei ihren Fluchtursachen stets die übermäßige Vermehrung und die selbstgemachte Umweltzerstörung fehlen. Auch sonst ist das Bild divergent. Einmal die erfreuliche Wendung zur Vernunft, die Sahra Wagenknecht längst hinter sich hat, und das neue deutschland nun auch – man korrigierte sich, Umdenken ist also möglich!

Für diesen Punkt steht die Ratio 135:1 – mag sein, dass die Zahl mit Vorsicht zu genießen ist, aber sie dürfte größenordnungsmäßig hinkommen. Was sie wiedergibt, ist eine phantastische Schieflage, die jeden diskreditiert, der sowas fordert und fördert – nämlich die offenen Grenzen. Bei so einer Ungerechtigkeit kann die No-border-Fraktion keinen Anspruch auf Humanismus erheben, im Gegenteil, das schafft Schaden pur. Deshalb steht es 135 : 1 für Sahra Wagenknecht vs. DIE LINKE.

DIE LINKE ist nämlich von Rationalität und Pragmatismus unberührt. Hier sind ein paar Punkte aus dem Leitantrag aufgeführt (4.), aus denen klar ersichtlich wird, dass nach wie vor auf maximalen Zuzug gesetzt wird, Stichpunkte:

  1. bedingungsloser Abschiebungsstop
  2. Bleiberecht für alle
  3. sichere Fluchtwege schaffen
  4. Familiennachzug darf nicht behindert werden
  5. Familiennachzug darf nicht auf engste Angehörige beschränkt werden
  6. Diskriminierende Deutsch-Tests beim Ehegattennachzug abschaffen
  7. umfassende Visaliberalisierungen bzw. Aufhebung der Visumspflicht
  8. offene Grenzen für alle Menschen

Pikant ist 6., weil "diskriminierende Deutsch-Tests beim Ehegattennachzug" nur für Ehepartner von Deutschen gelten, die zudem noch finanzielle Solvenz nachweisen müssen, ehe der Ehepartner nachgeholt werden kann. Für Flüchtlinge gilt beides nicht. Wenn DIE LINKE diese Punkte unter ihrer "sozialen Offensive für alle die den Zusammenhalt der Gesellschaft stärkt" versteht, dann ist sie ganz weit vom Zusammenhalt weg, und sie fördert genau das Gegenteil, Aufspaltung, Unfrieden, Bürgerprotest.

Sahra Wagenknecht weiß das, und die Führung der Linken weiß das anscheinend nicht – wohl deshalb sind sie ihr spinnefeind.

 

Medien-Links:

  1. „Es geht mir doch nicht um eine neue Partei“ (Sahra Wagenknecht 26.4.,  der Link leitet nur zum nächsten Link weiter)
  2. „Es geht mir doch nicht um eine neue Partei“ (der Freitag 26.4.): Interview – Es gibt ein großes Potenzial für eine Sammlungsbewegung gegen den Rechtsruck, sagt Linken- Fraktionschefin Sahra Wagenknecht.
  3. Für eine Flüchtlingspolitik, die allen hilft (neues deutschland – sozialistische Tageszeitung 11.4., mit Zahlsperre): Die internationale Flüchtlingspolitik ist heute selbst zu einer Fluchtursache geworden. 135:1 ist das Missverhältnis der globalen Flüchtlingshilfe. Auf 135 Dollar, die an Unterstützung für einen Flüchtling im Industrieland ausgegeben werden, kommt nur ein Dollar für einen Flüchtling im Entwicklungsland.
  4. Leitantrag des Vorstands für den Linken-Parteitag im Juni (4/18). Auszug:

    • Wir wollen Fluchtursachen bekämpfen, nicht die Flüchtlinge! Wir brauchen eine gerechte Entwicklungshilfe und fairen globalen Handel.
    • Wir unterstützen die Forderungen nach einem sofortigen Stopp der Abschiebungen und nach einem Bleiberecht für alle.
    • Wir wollen sichere Fluchtwege schaffen, damit das Sterben im Mittelmeer aufhört. Das Recht auf Asyl stellen wir wieder her und setzen die Genfer Flüchtlingskonvention durch. Der schmutzige Deal mit der Türkei und anderen Ländern muss aufgekündigt werden!
    • Wir wollen eine solidarische Einwanderungsgesellschaft: mit sozialer Sicherheit statt Konkurrenz um Arbeitsplätze, Wohnungen und Bildung. Mit einer sozialen Offensive für alle die den Zusammenhalt der Gesellschaft stärkt.
    • Der Familiennachzug darf nicht behindert werden. Diskriminierende Deutsch-Tests beim Ehegattennachzug und im Aufenthaltsrecht wollen wir abschaffen, der Familiennachzug darf nicht nur auf engste Angehörige beschränkt werden.
    • Das Aufenthaltsrecht darf nicht vom Familienstatus, Deutschkenntnissen, einem Job oder dem Kontostand abhängig gemacht werden.
    • DIE LINKE fordert umfassende Visaliberalisierungen bzw. eine Aufhebung der Visumspflicht. Wir wollen Kriege und Armut überwinden, gerechte Lebensverhältnisse schaffen und offene Grenzen für alle Menschen (S. 119).
  5. THESENPAPIER ZU EINER HUMAN UND SOZIAL REGULIERENDEN LINKEN EINWANDERUNGSPOLITIK (Gruppe von 20 Linken): Auszug:

    • Das Leitbild der offenen Grenzen in einer friedlichen und solidarischen Welt ist eine Zukunftsvision, die wir anstreben. Gegenwärtig sind die Bedingungen dafür jedoch nicht gegeben.
    • Grenzkontrollverfahren sind nicht per se gewaltsam oder menschenfeindlich.
    • Eine linke Einwanderungspolitik muss sich an das Prinzip von Rechtsstaatlichkeit halten.
    • Schon rein logisch gibt es nur drei Möglichkeiten in Bezug auf Einwanderung: unregulierte, regulierte oder gar keine. Unserer Auffassung nach ist nur die zweite Position, also eine Regulierung, vertretbar.
    • Unbegrenzte Schutzgewährung für Not ist etwas anderes als eine unbegrenzte Einwanderung, die auch all diejenigen einschließen würde, die lediglich ein höheres Einkommen erzielen oder einen besseren Lebensstandard genießen wollen.
    • Die linken Prinzipien der Solidarität und Hilfe gelten nicht nur für Menschen, die es bis nachDeutschland „geschafft haben“.
    • Wir müssen ebenso kritisch sein, wenn Einwanderung überwiegend Fachkräfte und Hochqualifizierte (Brain drain), wie wenn sie hauptsächlich Geringqualifizierte  (Konkurrenz) betrifft.
    • Aber zum einen darf nicht so getan werden, als ob die Integration keine oder nur eine vernachlässigbare Belastung für den Sozialstaat darstellen würde. Zum anderen dürfen wir nicht dem Wunschdenken verfallen, als ob die aktuellen politischen Kräfteverhältnisse dergestalt beschaffen seien, dass wir unbegrenzt finanzielle Mittel mobilisieren könnten. Im Übrigen vertritt unserer Kenntnis nach keine andere linke Partei in der Europäischen Linken und in der Linksfraktion im Europäischen Parlament die Position, nach der praktisch jede Person einwandern dürfe und immer Bleiberecht erhalten solle.
    • Anhang: Allgemeine Bemerkungen zur „No borders“-Position … Allerdings ist die Schlussfolgerung, die Teile der LINKEN daraus ziehen: Offene Grenzen für alle und unbegrenzte Einwanderung, damit jede/r die Chance hat, in den Genuss des hiesigen Lebensstandards zu kommen, kurzschlüssig und weltfremd. … Geradezu befremdlich ist die Behauptung, eine Regulierung der Einwanderung bedeute automatisch die Errichtung eines gewalttätigen Grenzregimes mit Mauern und Schießbefehl, wie sie von den Verfechtern der Abschaffung aller Grenzen teilweise geäußert wird. (Nachtrag 3.5.

Links von wissenbloggt zu Sahra Wagenknecht:

Links von wissenbloggt zur Ungleichheit:

Links von wissenbloggt zur Migration:




Tausche Gott gegen gute Regierung


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Das ist der Deal: Wenn die Regierung sich ordentlich um die Bevölkerungsinteressen kümmert, werden Götter überflüssig – und umgekehrt. Also: Schlecht regiert ist halb gewonnen für die gottsgefällig Frommen,
zu denen man unsere Regierungspolitiker leider rechnen muss. Wen gruselt es nicht, angesichts dieser Perspektive? (Bild: Maklay62, pixabay)

Mal der Reihe nach: Erst hat die Wissenschaft die Religion als Welterklärung obsolet  gemacht. Dann hat sie herausgefunden, dass Intelligenz mit Religion negativ korreliert ist (für Religiöse: je religiöser, desto dümmer, 1., 2., 3., 4. Link unten). Und nun legt eine wissenschaftliche Studie dar, dass säkulare Institutionen wie z.B. Regierungen die gleichen Leistungen erzielen können wie Religionen.

Wenn sie die weltlichen Bedürfnisse der Menschen befriedigen, brauchen die nicht Zuflucht zu übernatürlichen Wesen zu nehmen. Wo es einen Wohlfahrtsstaat gibt, sinkt der Bedarf an religiösem Beistand. Und umgekehrt: Wo der Staat die Menschen unzureichend unterstützt, wie z.B. in den USA, grassiert die Religiosität. Es ergibt eine klare Korrelation zwischen Lebensqualität, sozialer Sicherheit und Einkommen auf der einen Seite und niedriger Religiosität auf der anderen (5., 6., 7).

  • Mithin lässt sich das austauschen: Gott gegen gute Regierung.
  • Oder in den Worten von atheisten-info.at: Das ist der clash of middleages with civilisation.
  • Oder in den Worten von wissenbloggt: Schlecht regiert ist halb gewonnen für die gottsgefällig Frommen.

Für die 1. Studie von (5.) wurden Daten von 455 000 Personen aus 155 Nationen ausgewertet, die von Gallup World Poll 2005 … 2009 weltweit erhoben wurden, von Christen, Muslimen, Hindus und Buddhisten. Die 2. Studie von (5.) wurde 2008 … 2013 in den einzelnen Bundesstaaten der USA durchgeführt. Beide Teilstudien zeigten nach (6.), dass Religiosität nur in Staaten mit schwacher Verwaltung für die persönliche Lebensqualität relevant war.

Im Ergebnis sind Religionen nicht wegen ihrer spezifischen Inhalte attraktiv, sondern weil sie psychische Bedürfnisse befriedigen, vor allem das Bedürfnis nach Sicherheit. Das leisten die meisten Glaubenssysteme, indem sie ihren Anhängern ein Gefühl von Kontrolle und Trost im Angesicht von Unsicherheit bieten. Sie versprechen Halt bei persönlichen Verlusten, bei Einsamkeitsgefühlen, bei Naturkatastrophen oder auch bei prekären ökonomischen Verhältnissen.

Das Vertrauen in die Rolle des Staates steht der Anziehungskraft von Religion entgegen. Wo sich säkulare Stellen verantwortlich darum kümmern, den Menschen eine Krankenversicherung zu bieten und Kriminelle zu verfolgen, wo staatliche Organe Recht und Gesetz und soziale Sicherheit gewährleisten, hat die Vorstellung von einem intervenierenden Gott weniger Gefolgschaft, der die Menschen durch Furcht zu Wohlverhalten bewegt und ihnen das verheißt, was die staatlichen Stellen nicht bieten.

Die Religiosität verteilt sich unterschiedlich in der Welt (8.). Die Tabelle (mit den Daten aus 8., ergänzt aus 4.) zeigt die Staaten mit der religiösesten und der am wenigsten religiösen Bevölkerung. Was in der Tabelle fehlt, ist die Qualität der Regierung. Man sieht aber auch so, dass bei den religiösesten Staaten failed states vorherrschen. Bei den areligiösen Staaten dürfte eine Mischung von guter Regierung und atheistischem Erbe maßgeblich sein (die Prozentwerte sind die der Religiösen im Land):

am religiösesten %   am atheistischsten %
Äthiopien 99 1 China 7
Malawi 99 2 Japan 13
Niger 99 3 Estland 16
Sri Lanka 99 4 Schweden 19
Jemen 99 5 Norwegen 21
Burundi 98 6 Tschechien 23
Dschibuti 98 7 Hongkong 26
Mauretanien 98 8 Niederlande 26
Somalia 98 9 Israel 30
Afghanistan 97 10 Großbritannien 30
Komoren 97 11 Neuseeland 34
Ägypten 97 12 Australien 34
Guinea 97 13 Aserbaidschan 34
Laos 97 14 Weißrussland 34
Myanmar (Burma) 97 15 Kuba 34
Kambodscha 96 16 Deutschland 34
Kamerun 96 17 Vietnam 34
Jordanien 96 18 Spanien 37
Senegal 96 19 Schweiz 38
Tschad 95 20 Albanien 39
Ghana 95 21 Österreich 39
Mali 95 22 Ungarn 39
Katar 95 23 Luxemburg 39
       
USA 71      
       


Medien-Links:

  1. The relation between intelligence and religiosity a meta-analysis and some proposed explanations (Personality and Social Psychology Review Zuckerman, M., Silberman, J., & Hall, J. A.., 2013): A meta-analysis of 63 studies showed a significant negative association between intelligence and religiosity.
  2. Je intelligenter, desto weniger religiös (blooD'N'Acid 14.10.16): Das ist das Fazit einer Metaanalyse [siehe oben 7.], die anhand von 63 einbezogenen Studien den Zusammenhang zwischen Intelligenz und Religiosität untersucht und eine deutliche, signifikant negative Korrelation zwischen Intelligenz und Religiosität festgestellt hat.
  3. Why Are Religious People (Generally) Less Intelligent? (Psychology Today26.12.13): Understanding the negative relationship between IQ and religiosity.
  4. In America, Does More Education Equal Less Religion? (pewforum 26.4.17): On one hand, among U.S. adults overall, higher levels of education are linked with lower levels of religious commitment by some measures, such as belief in God, how often people pray and how important they say religion is to them. On the other hand, Americans with college degrees report attending religious services as often as Americans with less education. Je ärmer desto religiöser und umgekehrt, auch wenn man da differenzieren muss.
  5. Religion as an Exchange System: The Interchangeability of God and Government in a Provider Role (Personality and Social Psychology Bulletin 12.4.): An exchange model of religion implies that if a secular entity such as government provides what people need, they will be less likely to seek help from supernatural entities. Controlling for quality of life and income inequality (Gini), we found that better government services were related to lower religiosity among countries (Study 1) and states in the United States (Study 2)
  6. Sozialpsychologie – Wer dem Staat vertraut, braucht keinen Gott (Süddeutsche Zeitung 26.4., gedruckt: Amt statt Kirche): Eine aktuelle Studie hat den Zusammenhang zwischen Religiosität und staatlicher Fürsorge untersucht. Ergebnis: Je weniger Sicherheit säkulare Instanzen bieten, desto attraktiver erscheint den Menschen der Beistand eines Gottes. Andersherum bedeutet das allerdings auch: Wo es einen Wohlfahrtsstaat gibt, sinkt der Bedarf an religiösem Beistand.
  7. Wer dem Staat vertraut, braucht keinen Gott (atheisten-info.at 26.4.): Was meinereiner auf dieser Site dauernd behauptet, ist nun wissenschaftlich bewiesen! Der Sozialstaat macht Gott überflüssig! In der "Süddeutschen Zeitung".
  8. Mapped: The world's most (and least) religious countries (The Telegraph 14.1.): We've based our map on the results of three WIN/Gallup International polls, taken in 2008, 2009 and 2015. Each asked respondents whether or not they felt religious; for each country we've included the most recent figures available (der Telegraph zeigt eine schöne interaktive Grafik zur Religiosität).
  9. Interesse an Religion in Europa geringer als im Rest der Welt (idea 5.5.17): Das Interesse an Religion ist in Europa weniger ausgeprägt als im Rest der Welt. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos (London) zu globalen Trends. (18.000 Befragte in 23 Ländern, für 53% war der Befragten war ihr Glaube sehr wichtig).
  10. Der Glaube in den USA (atheisten-info.at 28.4.): 80% glauben an Gott, 19% nicht. 56% glauben an Gott wie in der Bibel beschrieben, 33% glauben an höheres Wesen (9% davon nicht an Gott), 10% glauben an nix.

Links von wissenbloggt:

 




Das Kreuz ist das Gegenteil von Frank Sacco


junction-663367_1280Die Medienwelt ist voller Spott und Häme über den bayerischen Ministerpräsidenten Söder, weil er das Kreuz neu erfinden will. Bei wissenbloggt gibt's schon einen witzigen Artikel dazu (wb-Link unten). Nun liefert Frank Sacco, Doktor der Medizin, einen ernsten, in dem er dem Minipräsi ernsthaft die Leviten liest (Bild: geralt, pixabay).

Das Kreuz ist das Gegenteil  von Frank Sacco

Das Kreuz soll ein Symbol „bayrischer Identität“ sein. Es stehe für „Nächstenliebe“. So steht es in Die Welt, vom 26.4.18. Doch es ist das gerade Gegenteil. Der neue bayrische Ministerpräsident, M. Söder, nagelt es ostentativ während der bayrischen Debatte „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ an seine Staatskanzlei-Wand. Der tiefe Sinn ist uns dabei eindeutig. Es geht gegen den Islam. „Bayrischer Kreuzzug“ lautet dann auch die Überschrift des Artikels. Söder meint, das Kreuz stehe auch für „Menschenwürde“. Das Gegenteil ist der Fall.

Doch nun zur wirklichen Symbolik, zur Politik  des Kreuzes: Jedes Kind wird in Deutschland mindestens zweimal mit dem Kreuz Jesu vergewaltigt. Wenn es das erste Mal von der Kreuzigung Jesu hört, dem Flehen des Sohnes an den allmächtigen Vater, ihn doch zu retten, dann fragt sich jedes (nicht debile) Kind: Wo bleibt er denn, dieser Vater? Er bleibt zuhause. Er ist ein doppelter Verbrecher. Er ist der eigentliche Judas. Das Nichthelfen, die unterlassene Hilfeleistung bei einer Folterung mit Todesfolge, macht ihn zum Mittäter am Kreuz. Der jüdische Nobelpreisträger für Literatur, Isaak B. Singer, erklärt es uns in der Erzählung „Die Aktentasche“: Dieser allmächtige Gott, der es  in Auschwitz nicht für nötig hielt, seinem Volk entsprechend seiner Zusage zu helfen,  sei eine Hitlerperson. „Gott war im Urlaub“, sagen Juden, die Jahwe für sein Verbrechen „entschuldigen“ wollen. Ich will es nicht.

Auch das Bestehen dieses „Gottes“ auf dem Foltertod Jesu, weil angeblich nur so Sünden vergeben werden könnten, ist ein Verbrechen. Man kann ja auch ganz anders vergeben: Zum Beispiel durch ein in die Hände klatschen. Ein Sterben in Folter zu verlangen, es in „Stellvertretung“ von „Sündern“ zu verlangen, ist zudem Erpressung und geschmacklos. Auch ist zu bedenken, dass die vom Christengott millionenfach geplanten Todes – Folterungen an  „Sündern“, die der Foltertod Jesu  verhindert haben soll,  ja auch Kapitalverbrechen gewesen wären. 

Und die zweite Vergewaltigung? Anstelle der Verurteilung dieses „Gottes“, der ja nur von einer Vatikan-Mafia ausgedacht ist, verurteilt der Vatikan nun jedes Kind zum Mord an Jesus, der nach dem Dogma ja „zur Vergebung der Sünden“ des Kindes hat sterben müssen, einen Foltertod hat sterben müssen. Das ist wiederum geschmacklos und ein übles Verbrechen. Es  füllt unsere Psychiatrien mit Schuldkranken. Ein unschuldiges Kind zum Mörder zu machen, ist ein schweres Delikt an jeder Kinderseele. Die Staatsanwaltschaft Flensburg schreibt mir sinngemäß, diese Mordzuweisung des Vatikans ist unhaltbar und juristisch völliger Unsinn.

Die ersten Gedanken des so vergewaltigten Kindes sind aber sehr flüchtig. Ihm wird ja zuvor suggeriert, dieser Gott sei „lieb“ und die „Gerechtigkeit in Person“. Er mache nie etwas verkehrt. Und: Niemals dürfe man ihn kritisieren, da man sonst einer Todsünde verfalle, die durchaus höllenwürdig sei. Hier wird das politische Konzept der Hochintelligenz in Rom doch zu eindeutig: Schuld geben, wo keine ist, Demut verlangen, Schweigen verlangen und Angst verbreiten. Angst vor dem ewigen Grill eines gewalttätigen, herzlosen und komplett unchristlichen sich verhaltenden Gottes. Ja man verlangt vom Kind, diesen Teufel auch noch zu lieben und seine Verbrechen als Glanzleistungen zu sehen und zu besingen. Dazu wird es in eine klassische Hypnose während einer „Heiligen“ Messe versetzt. Die ist aber äußerst unheilig und, da Gehirnwäsche, ein erneutes Verbrechen am Kind. Sein gesundes Rechtsempfinden wird auf den Kopf gestellt. Kein Wunder, dass es einen Hitler gab – und nicht nur einen.

Dass das Christentum ihre Getauften versklavt, und das mit erheblichem Erfolg, ist lange bekannt. Schon Otto von Corvin schrieb es im „Pfaffenspiegel“. Und es ist dem Staat sehr recht. Denn dem ist Sklavenhaltung, Nötigung, Erpressung, Bedrohung mit Folter und Verherrlichung von Gewalttaten  verboten. Auch die Kirchen müssten sich an die bestehenden Gesetze halten. Doch sie tun es nicht. Ich schrieb diverse Strafanzeigen, die alle im Wesentlichen im Sande verliefen. Zähneknirschend begingen die Staatsanwälte Rechtsbeugungen. Wir haben halt einen Gottesstaat. Unrecht regiert. Doch dieses Unrecht gehört nicht zu Deutschland. Schon gar nicht nach Auschwitz. Wir lehnen auch den Sohn des Christengottes ab. Der plant nach Lukas 17 einen weiteren Holocaust: Die Apokalypse (Bild: Sacco – ohne Kreuz an der Wand).

davFrank Sacco ist Autor von Das Sacco Syndrom und Autor der Bücher

Weitere Artikel von Frank Sacco

Link von wissenbloggt (Humor): Fake-Interview von wissenbloggt mit Markus Söder

 




Fake-Interview von wissenbloggt mit Markus Söder


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Mit äußerster Mühe hat es wissenbloggt geschafft, zur Garnierung dieses Artikels keine dummen Kreuz-Sprüche loszulassen. Das überlässt man besser den Berufenen.

Die Debatte entzündete sich am neuen bayerischen Ministerpräsidenten, der für den Schabernack zu haben ist (wiki). Desgleichen ist er zu haben für das Kreuz an der Wand. Beides zusammen ergibt eine persiflierungsbedürftige Konstellation (Bild: © Superbass / CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons), verkleinert, Text von wb).

Und so prescht wissenbloggt vor und missbraucht den Ministerpräsidenten zu einem Fake-Interview. Es geht um das Kreuz an der Wand und den ganzen anderen Schmand. Markus Söder (M) spricht auf Phantasiebasis zum wissenbloggt-Schreibknecht Wilfried Müller (W).

W: Ein Statement zur Euro-Politik, zuständigkeitshalber?

M: Himmiherrgottsakrament.

W: Soso.

M: Ich heiße schließlich Markus und nicht Eurobus.

W: Stimmt. Das Argument muss ich mir merken.

M: Gilt auch für Markt. Da weiß man gar nicht, wie das mit Euro geht.

W: Im Zweifelsfall abschaffen. Was ich eigentlich fragen wollte …

M: Zefix1, das fragen alle.

W: Kruzifix, genau. Warum, wieso, weshalb? Und wenn ja, warum nein? Oder nicht? Oder doch? Oder doch nicht?

M: Also das Kreuz gehört an die Wand.

W: Und das Kopftuch?

M: Das können die von mir aus danebennageln.

W: Hauptsache den Leuten sagen, wo sie das Kreuz hinmachen sollen?

M: Aber nicht so †, sondern so ❌.

W: So so.

M: Die Bayern machen seit 60 Jahren ihr Kreuz für CSU-Regierungen, das ist eine Tradition.

W: Kleiner Bayerisch-Test für den gebürtigen Franken: Oachkatzerlschwoaf? Noagerlzutzler? 2. Stammstrecke?234

M: Äh, Himmiherrgottsakramentzefixmilecktsamarsch.

W: Test bestanden. Ein Statement zu Deutschland gehört nicht zum Islam?

M: Himmiherrgott …

W: … danke. Und die Bayernwahl?

M: Wir reaktivieren den alten Wahlspruch …

W: Ene mene mu, wir wählen CSU?

M: Nein.

W: Was denn dann?

M: Für mir und du, CSU. Da wird aber noch dran gefeilt. Alternativ heißt es, Wer A. Merkel sagt, muss auch B. Merkel sagen.

W: A wie Angela und B wie Bundeskanzlerin?

M: Und natürlich C. Merkel.

W: Zeh wie was?

M: Zeh wie zurücktreten.

W: Und dann kommt Bundeskanzler Sö…

M: …warten wirs ab.

W: Ein abschließendes Statement zum Kreuz?

M: Himmiherrgottsakramentzefix.

W: Und ein Statement zur Integration?

M: Himmiherrgottsakramentzefixmilecktsamarschscheißglumpvareckts.

W: Wenn die das verstehen, sind sie voll integriert.

M: Erst kommt noch der Bayerisch-Test: Oachkatzerlschwoaf? Noagerlzutzler? 2. Stammstrecke?

W: Danke für das Interview.


1 Zefix: Kruzifix auf bayerisch.
2 Oachkatzerlschwoaf: Eichhörnchenschwanz  auf bayerisch.
3 Noagerlzutzler: Neigen-Austrinker auf bayerisch (die die Reste im Bierglas austrinken).
4 2. Stammstrecke: der Münchener Verkehrswahnsinn.

Interview gefaked von Wilfried Müller

 

Mehr Humor und die Auswahl der humoristischen Polit-Artikel:

 




Rezension Bunge Matter and Mind IV


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In den ersten drei Teilen der Rezension ging es um die Philosophie als Weltsicht, um die physikalischen Grundlagen, um Naturalismus, Materialismus und speziell um Bunges emergentistischen systemischen Materialismus. Im vierten Teil kommen die geistigen Ebenen mit den diversen Funktionen des Hirns bis hin zum Sozialen in den Fokus. Dazu hat Bunge viele interessante Sachen zu sagen, garniert durch die Kritik, die der Altmeister seinen  Kollegen freigiebig zukommen lässt. Natürlich verteilt Bunge auch Lob dort, wo er es für angebracht hält.

Ein Rückgriff auf andere Stimmen sei erlaubt, um Bunge aus deren Sicht zu würdigen (Link unten): Bunge leitet aus Vorhersage, Fehler und Entdeckung die Evidenz für das Existieren der externen Welt ab, die nur ordentlich erforscht werden muss. Die Mikroebene der Realität wird von Dingen und ihren Eigenschaften bestimmt, und der emergenten Entstehung von neuen Eigenschaften. Die Dinge haben Zustände im Eigenschaftsraum, die sich in Prozessen interaktiv verändern. Dabei entstehen Systeme mit Mechanismen und neue (System-)Ebenen.

Die Makroebene von Bunges Weltsicht zeigt Dinge in stetiger Veränderung, es ist ihr Wesen, veränderlich zu sein und zu interagieren. Sie lassen sich in sechs (System-)Ebenen aufteilen, physikalisch, chemisch, biologisch, mental, sozial und technisch. Bunges Konzept wird als eine Form des wissenschaftlichen Materialismus' präsentiert, es gehört zur Metaphysik und verwendet Begriffe wie Fluss, Muster, Prozess, Mechanismus, System, Emergenz, Reduktion. Logische Positivisten sind dieser Metaphysik (generell) abhold, ebenso wie die Vertreter der Kantischen Schule.

Bunge hält der klassischen empirisch-rationalen Debatte die Treue, er führt sie fort mit aktuellen Ergebnissen aus Logik und Wissenschaft. Man könnte Bunges Ansatz sogar "übernatürlich" nennen, in dem Sinn, dass es eine übergeordnete wissenschaftliche Sicht ist. Bunge sieht Materialismus und Idealismus in gegenseitiger Abhängigkeit. Möglicherweise ist der Ansatz von der Energie als Basis für alle Interaktionen nicht der Weisheit letzter Schluss; immerhin ist auch die physikalische Erkenntnis im Fluss. Bunges Ontologie ist durch Falsifizierung angreifbar, man kann sie mit Widersprüchen widerlegen – so man welche findet. Die Angreifbarkeit ist nichts Schlechtes, sie ist der Preis für die Wahrheit.

Damit zu einem weiteren Teil des Referats über Matter and Mind, wieder mit der vorgegebenen Kapiteleinteilung und einer freien Wiedergabe der -ismen sowie der wichtigsten Punkte.

Das Körper-Geist-Problem

Die alte, duale Sicht braucht nicht mehr hervorgehoben zu werden, nach der Geist und Körper zwei Entitäten sind, die auf unbekannte Weise in Verbindung stehen. Energieaustausch findet nicht statt, den hätte man messen können. Aber wie sagt der Geist dem Körper dann, wo es langgeht? Und wieso setzt er im Hirn an, und nicht z.B. am Knie? (Bunges Argument im wb-Link unten).

Geschichtlich befassten sich die Behavioristen mit dem Thema, indem sie erklärten, das Hirn sei irrelevant fürs Verhalten. Die Psychoanalytiker fantasierten über die Seele und deren Herrschaft über den Körper, die Eliminativisten leugneten einfach die Existenz von Glaube, Wunsch, Angst, Hoffnung, Intention usw. Das ist keine Antwort auf die Großen Fragen, wie die subjektiv gefühlten Phänomene durch objektiv erkennbare mentale Prozesse zu erklären sind.

Das beliebte Beispiel mit der Schmerzempfindung lässt sich nicht reduzieren auf Schmerz = Feuern von C-Fasern. Die Schmerzempfindung ist ein Bewusstseinsprozess in den Abgründen des Gehirns. Man sei aber daran gewöhnt, die akademische Freiheit mit der "Lizenz zum Ignorieren" zu verwechseln. Auf die Kollegen von Galileo wurde geschimpft, die nicht durch dessen Teleskop schauen wollten, aber die gegenwärtigen Philosophen des Geistes werden ernst genommen, auch wenn sie nicht die Wissenschaft des Geistes anschauen mögen.

Bunge sieht eine ganze Reihe von bizarren philosophischen Ansichten über die Natur des Geistes aus dieser Haltung erwachsen. Er erklärt, dass eine materislistische Sicht des Geistes auf einer umfassenden materialistischen Ontologie aufbauen muss, sonst wäre sie philosophisch naiv. Dazu rechnet er wohl auch den psychoneuralen Dualismus, mit dem er sich ausführlich befasst. Kurz die Punkte:

  1. Dualismus ist konzeptionell wirr, es gibt keine Körper-Geist-Interaktion,
  2. Dualismus ist experimentell nicht widerlegbar, weil nichtmateriell,
  3. Dualismus ist unverträglich mit Entwicklung, weil er nur Erwachsene berücksichtigt,
  4. Dualismus ist unverträglich mit Primatologie, weil auch Affen Bewusstsein zeigen,
  5. Dualismus verstößt gegen physikalische Gesetze, speziell das Energieerhaltungsgesetz,
  6. Dualismus verwirrt sogar seine Gegner, die von korrelieren, mediieren, instantiieren usw. sprechen,
  7. Dualismus isoliert die Psychologie von anderen Wissenschaften,
  8. Dualismus ist beschränkt und kontraproduktiv.

Während es aussichtslos ist, Neuroengineering auf Descartes’, Humes, Kants, Hegels, Husserls, Wittgensteins, oder Poppers Dualismus zu bewerkstelligen, nutzen die Techniker die realen Gegebenheiten, um z.B. einen künstlichen Arm mit dem Hirn zu steuern. Sie prechen von top-down causation, Verursachung von oben nach unten. Der Zusammenhang zwischen Materie und Geist geht auch von unten nach oben; wer Alkohol trinkt, beeinflusst seinen Geist (bottom-up causation).

Wenn es darum geht, die subjektiven Empfindungen objektiv zu erklären, werden die Phantomschmerzen herangezogen, bei denen amputierte Gliedmaßen wehtun wie normale. Das bedeutet, das sind reale Hirnvorgänge, die objektiv erklärt werden können. Bunge leitet daraus ab, dass unsere Gehirne unsere Körper-Bilder (body images) konstruieren, sowie unsere Erfahrungen und unsere Einheit des Bewusstseins (unity of experience). Das Ziel ist, Subjektivität objektiv zu erklären, und das macht das Körper-Geist-Problem zum größten der Probleme.

Es ist umgeben von dicksten theologischen Barrieren und philosophischem Nebel – es waren schließlich die Spielgründe von Priestern, Schamanen, Scharlatanen und Philosophen, die keine moderne Psychologie lernen mögen. Für die letzteren gibt es das Problem nicht, ganz nach Geschmack; weil Platon es löste, weil es keinen Geist gibt, oder weil der Geist mysteriös ist.

Materie beachten: Das plastische Hirn

Die Materie des Geistes, so wird das Hirn auch genannt. Wenn es "plastic" ist, wird damit nicht gemeint, dass es aus Plastik ist und in den Gelben Sack gehört. Es ist plastisch, indem es sich dauerhaft verändert. Beim Aufnehmen von Wissen erfolgen bleibende Änderungen der Neuronen und ihrer Verschaltungen.

Das Ganze ist so komplex wie kompliziert. Das zeigt sich schon bei dieser Aussage:
"If the brain were simple enough for us to understand, we’d be so simple we couldn’t." (Wenn das Hirn so schlicht gestrickt wäre, dass wir es verstehen können, wären wir zu schlicht gestrickt, um es zu verstehen.). Bunge schreibt diesen Aphorismus Ken Hill zu, in der Literatur werden auch andere Autoren genannt.

Als Alternative zum Dualismus wird die psychoneurale Identitätstheorie genannt. Sie geht gegen die teleologische Denkweise vor, Beispiel: Das Ich und sein Gehirn von Popper und Eccles. Warum nicht Gehen und seine Beine, Verdauen und seine Eingeweide usw.?

Oft wird die psychoneurale Identitätshypothese falsch formuliert, etwa: Gedanken und Bewusstsein sind Erzeugnisse des Hirns (Engels), oder: Das Hirn verursacht den Geist (Searle), oder allgemein: Neurale Anatomie verursacht geistige Funktion. Diese Verursachungs-Sicht ist falsch, weil kausale Beziehungen nur zwischen Ereignissen existieren, nicht zwischen Dingen. Rotation ist kein Effekt des Rades, sondern nur das, was das Rad tut, seine spezifische Funktion. Das Rad ist nicht das "physikalische Korrelat" oder das "materielle Substrat" der Rotation. Es "dient" ("subserves") der Rotation nicht, es "instantiiert" sie nicht. Eine unvollständige Aufstellung der spezifischen Hirnfunktionen:

Organ (Hirnsystem) Spezifische Funktion(en)
Amygdala Angst haben
Gehirnstamm Wachsamkeit
Hippocampus Kurzzeitgedächtnis, Raumorientierung
Insula Abscheu
Nucleus accumbens Freude
Präfrontaler Kortex Kognition, Handlungsplanung
Medialer präfrontaler Kortex Bewertung und Entscheidung
Ganzes Gehirn Bewusstsein

Um die psychoneurale Identitätshypothese klar zu formulieren: Für jeden mentalen Prozess M gibt es in einem Hirnsystem einen Prozess N, so dass M = N. Und für jede mentale Funktion F gibt es ein Hirnsystem B, das F ausführt.

Einige Geist-Philosophen wie Putnam und Kripke diskutieren das Körper-Geist-Problem im Licht schierer Phantasie. Es geht bis in die Science Fiction mit Zombies (Menschen ohne Bewusstsein). Kim wiederum spricht von der "Supervenienz des Geistigen auf dem Physischen" – Bunge lehnt den Begriff Supervenienz ab und bevorzugt Emergenz, wenn ein System eine neue Eigenschaft bekommt.

Als dritter Ansatz nach Dualismus und psychoneuraler Identitätstheorie wird die kognitive Neurowissenschaft genannt, Vertreter Hebb und Pawlow (letzterer verteidigte auch den psychoneuralen Monismus). Die kognitive Neurowissenschaft vereinigt die Teilwahrheiten der beiden anderen Theorien mit weiteren Erkenntnissen, z.B. von der selbstgenerierten spontanen Hirnaktivität und von der konstruktiven Natur vom episodischen Gedächnis. Der Aufruf von gespeicherten Inhalten webt oft andere Gedankenspuren mit hinein – deshalb sind Augenzeugen so unzuverlässig.

Die Hypothese von der spontanen Hirnaktivität wird beeindruckend bestätigt durch den Energieverbrauch. 60-80% gehen für die interneuronale Kommunikation drauf, während nur 1% dafür verbraucht wird, um die gegenwärtigen Bedürfnisse abzudecken. Als fundamentale Eigenschaft des Hirns wird noch seine Plastizität genannt, seine Fähigkeit, sich durch Erfahrung und Gebrauch zu verändern. Alles Wissen wird gelernt. Das Hirn ist dynamisch, nicht statisch und von Anfang an fixiert. Das widerspricht Dawkins' genetischem Determinismus und Chomskys Angeborenheits-Ideen, sowie dem Computationalismus.

Bunge hat hier analog zum Quanton als Grundelement der mentalen Funktion Eccles' Psychon zu bieten: Jeder mentale Prozess ist ein Prozess in einem(/mehreren) Psychon(en). Und wo das stattfindet? Das wird in der Kontroverse Lokalisation vs. Koordination diskutiert. Fakten sind irgendwo im Raum, während Konstrukte (immaterielle Objekte) wie Seelen oder Zahlen irgendwo oder nirgends sind.

Bunge kritisiert einige Kollegen für ihre Ansichten, z.B. die holistische Extravaganz von Bennet und Hacker, dass nicht das Hirn, sondern die ganze Person Sitz der mentalen Eigenschaften sei. Dann wäre das Köpfen nicht mehr so schlimm, spottet Bunge, und die Neurochirurgen könnten an den Zehen herumschneiden. Für diese Art von Holismus und Panpsychismus hat Bunge noch mehr Kritik übrig, das zynische Prinzip, dass zu egal welcher Extravaganz immer noch ein Philosoph gefunden werden kann, der noch was Haarsträubenderes erfinden kann.

Das Hirn ist zuerst ein Analysator, dann erst ein Synthetisierer. Wie die Syntthese erfolgt, damit befasst sich das bekannte Bindungsproblem: Wie konstruiert das Gehirn aus den vielen  Sinneseindrücken einheitliche Wahrnehmungen? Bunge erwähnt zahlreiche Studien und moderne Methoden zum Hirnscan (funktionelle Magnetresonanztomografie). Sie zeigte, dass dieselben Hirnareale verschiedene Funktionen haben können, und dass die gleiche Funktion sich auf verschiedene Bereiche verteilen kann (Unterschied seeing/looking, smelling/sniffing, hearing/listening).

Ganz schön durcheinander, das Ganze: Das Hirn wurde von einem opportunistischen Gestalter zusammengefummelt – der Evolution. Intelligenz ist das Produkt eines völlig unintelligenten Prozesses, der unperfekte Organe herstellt und Schutt dabei hinterlässt.

Die neurale Basis des Fühlens und Erkennens ist nichtmodular. Es gibt Wechselwirkungen und Koordinationen, was mit moderater Lokalisation beschrieben werden kann, die Bunge so zusammenfasst: Jedes Subsystem vom Hirn führt mindestens eine spezifische Aufgabe aus. Nur der visuelle Kortex kann sehen, nur die Amygdala kann Furcht empfinden usw., aber alle spezialisierten Organe brauchen die Unterstützung anderer Körperteile.

Die materialistische Konzeption des Geistes verlangt den psychoneuralen Monismus, d.h. kein Dualismus. Der Monismus erklärt alles besser:

  1. er ist die gegenwärtige Speerspitze der Erkenntnis
  2. er erklärt die mentalen Phänomene zumindest im Prinzip, wobei die Spiegelneuronen helfen,
  3. er erklärt auch, warum die Stimmung pharmakologisch kontrolliert werden kann (Dopamin), den Unterschied Umgebungssehen und Bewegungssehen (2 Systeme) usw.,
  4. er geht Probleme an, von der die "brainless psychology" nur träumen kann, Lokalisieren von Prozessen usw.,
  5. er überwindet künstliche Grenzen zwischen traditionellen psychologischen Disziplinen wie Kognition/Emotion,
  6. durch die Erforschung von Hirnschäden konnte er die Schamanen-Psychologie zurückdrängen, speziell die Psychoanalytiker,
  7. der psychoneurale Monismus ist stimmig mit dem Materialismus, er unterminiert die idealistische Phantasie, die Welt wäre mental und dergleichen.

Trotzdem gibt's Einwände, und die tragen z.B. den Namen Qualia. So nennen sich die subjektiven Erlebnisgehalte der mentalen Zustände. Bunge gesteht zu, dass sie ganz besondere Reaktionen aud physische Stimuli sind. Es gibt kaum abweichende Meinungen darüber, dass die Wissenschaft das Gedächtnis erklären kann, aber das ist nur ein einfaches Problem (Chalmers). Dagegen Qualia (wie Schmerz) zu erklären, ist ein schwieriges Problem. Der Umgang damit ruft wieder Bunges Spott hervor:

“What makes pain pain is the fact that it is experienced as painful – that is, it hurts," sagt z.B. Kim. Nein, das ist kein Tippfehler, sagt Bunge und lädt dazu ein, S. 15 von Kims Philosophy of mind zu lesen: "What is distinctive of pains is that that “they hurt.” Aber wenn Schmerz schmerzt, dann muss Sicht sehen, Gedächtnis erinnern, Gedanke denken, Sprache sprechen, Traurigkeit trauern, Tod töten, Welt welten usw. Das mögen die Existentialisten und andere Unsinnsverbreiter ("nonsense mongers") beklatschen; und die anderen stöhnen.

Mit solchen kryptischen Äußerungen ist das Schwierige Problem eher nicht zu lösen. Warum sich mit der Neuro-Wissenschaft abgeben, wenn man sowieso weiß, dass sie nicht wissen kann, wie es ist, Schmerz zu empfinden? Manche gehen bis zu dem Standpunkt, die Neuro-Wissenschaft kann es prinzipiell nicht lösen, weil das Konzept "Schmerz" in der Neuro-Wissenschaft gar nicht vorkommt.

Doch, sagt Bunge, das tut es: in der Kognitiven Neurowissenschaft, Neurologie, Anästhesie, Psycho-Neuro-Immunologie und Psycho-Neuro-Pharmakologie. Damit ist nicht gemeint, dass es ein volles Verständnis gäbe. Aber man weiß immerhin, dass wir eine Schmerzmatrix haben, und wo sich das im Hirn abspielt. Das Problem ist ohnehin zu wichtig, um es den Händen von Philosophen zu überlassen, die zwischen zwei krassen Fehlern hin- und herschwanken: Dass Schmerz im immateriellen Geist abspiele oder dass er identisch ist mit dem Feuern von C-Fasern – aber Fasern feuern nicht, und sie fühlen nichts, sondern sie übertragen nur Signale.

Und die Qualia? Nicht-physikalistische Materialisten haben keine Angst davor. Qualia  müssen von der kognitiven Neurowissenschaft untersucht werden, und dem ist auch so. Subjektivität wird bereits durch objektive Aussagen erklärt. Der Materialist, der so handelt ist wahrscheinlich ein emergentistischer Materialist. Im täglichen Leben werden mentale Prozesse gern in nicht-neuro-wissenschaftlichen Wendungen beschrieben. Es heißt z.B. jemand verliebt sich, statt die komplexen und kaum bekannten Hirnprozesse zu erwähnen, die dahinterstecken.

Aber die Vereinfachung gibt es überall – Bunge ist correct, immer she statt he – und so formuliert er denn ziemlich witzig: Eine Fahrerin mag die Panne ihres Autos in simpler Weise beschreiben, ihr Mechaniker wird es komplizierter tun, und der Ingenieur noch diffiziler.

Noch ein Einwand: Wenn mentale Phänomene mit Hirnprozessen identisch sein sollen, müssen beide dieselben Eigenschaften haben. Das tun sie nicht, denn mentale Phänomene haben sekundäre Eigenschaften (subjektive), Hirnprozesse nur primäre (objektive). Aber so könnte man gegen alle wissenschaftliche Erkenntnis argumentieren. Eine Entladung verursacht einen Schock beim Rezipienten, während der Experimentator von elektrischen Strömen in menschlichem Gewebe spricht.

Ein Beispiel: Was ist der Unterschied zwischen dem Morgenstern und dem Abendstern? Beides ist die Venus, insofern ist das gleich. Aber die Referenten sind verschieden: Venus, Beobachter und Atmosphäre. Letztere ist abends wärmer und weniger sauber. Es gibt also zwei Beschreibungen für zwei unterschiedliche Fakten, und so ist es auch bei den Qualia. Ein Hirnprozess von der Außenseite gesehen ist nicht dasselbe wie derselbe Prozess aus subjektiver Sicht. Unterm Strich sind Qualia existent, und Subjektives kann in objektiven Begriffen erklärt werden – das ist schließlich das Geschäft der ganzen Psychologie.

Die psychoneurale Identitätstheorie spricht von tatsächlicher Identität, in der Weise wie Hitze mit Molekülbewegung gleichgesetzt wird und Licht mit elektromagnetischen Wellen. Verantwortliche Philosophen werden die tatsächliche ("factual") Identität nicht mit möglicher Identität durcheinanderbringen. Sonst landet man im Bereich der Science Fiction, wo jeder alles umsonst kriegt und die Gesellschaft Unsinn belohnt.

Bunge spricht bei solchen Gleichsetzungen von Reduktion. Eine ontologosche Reduktion heißt M = N, eine epistomologische Reduktion heißt M-logie wird durch N-logie beschrieben, mit der mentalen Eigenschaft M und der neuralen N. Er gibt der Hoffnung Ausdruck, die epistomologische Reduktion möge zur Verschmelzung der Psychologie mit den Neuro-Wissenschaften führen.

Gemeint ist aber nicht die extreme Form des Reduktionismus, bei der die Psychologie ein Teil der Physik werden soll, wie es die Physikalisten versuchen. Sie übersimplifizieren und plätten die Welt bis zum Boden hinab. Natürlich ist die Physik die Basiswissenschaft, aber es gibt überphysikalische Ebenen (chemisch, biologisch, mental, soziologisch). Für seinen emergentistischen Materialismus vertritt Bunge eine moderate Reduktion. Da wird einerseits die Makroebene auf die Mikroebene reduziert, aber auch mikro auf makro. Z.B. mikroökonomische Aktivitäten können nicht ohne makroökonomische erklärt werden.

Zum Abschluss straft Bunge nochmal die Irregeleiteten ab, Platon für seine immaterielle Seele, Husserl für seinen immateriellen Geist, Wittgenstein für seine Denke, nicht mit dem Kopf zu denken (“[o]ne of the most dangerous of ideas for a philosopher is, oddly enough, that we think with our heads or in our heads.”), Popper für seinen Dualismus, die "Computeranbeter" Putnam, Fodor, und Dennett für ihre Ansicht, der Geist sein ein Programm.

Die Philosophen des Geistes müssen sich mit den Neuro-Wissenschaften auseinandersetzen. Viele von ihnen haben nicht gelernt, dass das Hirn ein biologisches System ist, nicht bloß ein physikalisches, und dass die Neurologie keine physikalische Disziplin ist. Wohl aus dem Grund weigern sie sich, einem "physikalischen" Ding Gefühle und Gedanken zuzuschreiben, und damit behindern sie den wissenschaftlichen Fortschritt. Und noch eins: Empirische Fragen brauchen empirische Forschung.

Geist und Gesellschaft

Bunge gestattet sich ein paar Spekulationen darüber, was wäre wenn – Kant in Paris gelebt hätte statt im provinziellen Königsberg und d'Holbach in seiner Heimatstadt Edesheim geblieben wäre? Kant wäre vielleicht der große materialistische und realistische Philosoph des Jahrhunderts geworden, und d'Holbach sein idealistischer Gegenpart. Das ist keine lächerliche Spekulation, denn Erziehung und Gelegenheit sind genauso wichtig wie die Gene.

Psychologie kommt nicht ohne Sozialwissenschaften aus – das ist das Gegenteil der Theorie der rationalen Entscheidung, nach der nur das individuelle Verhalten das Soziale erklären kann. Es steht auch im Gegensatz zur Pop-Evolutionspsychologie, nach der die Biologie das Soziale erklärt (Pop für populäre oder Alltags-Psychologie).

Die Gene legen aber nur die Möglichkeiten fest, nicht das Endergebnis ("opportunity, not destiny"). Es gibt keinen Beweis dafür, dass irgendwas Lernbares im Genom eincodiert ist. Moral, Fairness, Altruismus, Gewalt und auch der Geist sind nicht angeboren, sondern erworben. Das genetische Programm ist nicht allein maßgeblich, die Umwelt, also die Epigenetik, mischt kräftig mit. Die soziale Umgebung spielt eine große Rolle, trotzdem ist ein Großteil der Psychologie auch heute noch asozial: Er ignoriert den sozialen Kontext.

Und Bunge muss wieder kritisieren: Der Ödipus-Komplex gehört in den Mülleimer der Pop-Psychologie. Im selben Eimer findet sich die Vorstellung vom gemeinsamen Verstand ("collektive mind"), von gemeinsamer Erinnerung ("collektive memory") und vom gemeinsamen Unterbewusstsein ("collektive unconcious"). Dazu gibt's keine wissenschaftliche Forschung; das ist alles Unsinn, denn Geisteszustände sind Hirnzustände, und Hirne residieren in einzelnen Köpfen.

Von Bindungshormonen zu Spiegelneuronen zur Moral führen die nächsten Schritte. Man versteht, was andere fühlen. Es ist schwierig, das Ich ohne ein Uns zu begreifen. Der menschliche Geist entwickelt sich in einem sozialen Milieu, seine Entwicklung ist sozial und biologisch. Er wird als eine Sammlung von Gehirnfunktionen begriffen, und er muss in evolutionärer Perspektive verstanden werden – womit man bei der Evolution gelandet ist.

Die immaterielle Seele kann wohl kaum mit dem Körper zusammen evolviert sein, merkt Bunge an. Für die Entwicklung des Geistes sind nicht die Theologen zuständig, sondern die zusammengehörenden Wissenschaften vergleichende Psychologie, evolutionäre Neurowissenschaft, komparative Neurowissenschaft, evolutionäre Psychologie, kognitive Archäologie und evolutionäre Erkenntnistheorie.

Erkenntnisse gibt's schon: Anders als in der Geologie schichten sich die Subsysteme des Hirns nicht einfach aufeinender, sondern es gab wohl öfter mal eine Reorganisation. Generell kann man aber sagen, je abstrakter eine Idee ist, desto wahrscheinlicher ist sie in den neueren Cortex-Ebenen zuhause.

Ideen sind kulturelle Güter. Während die frühen Hominiden mimisch und gestisch kommunizierten, kannten spätere schon die Sprache und das Weitererzählen. Formale Theorien und technische Datenspeicherung kann erst die moderne Kultur vorzeigen. Ist es das, was uns menschlich macht?

Dafür sind drei Theorien zuständig, Spiritualismus, Naturalismus und Soziologismus. Allein dem Menschen vorbehalten sind Überlegung, Arbeit mit Zusammenarbeit und Arbeitsteilung, Werkzeugmachen, syntaktische sprachliche Kommunikation, Kindererziehung. Bemerkenswert ist die Implikation der Bereicherung der Gesellschaft durch die Entwicklung – damit geht auch eine Bereicherung des Selbst einher. Bunge merkt dazu an, interessanterweise teile sein inklusiver Materialismus die Sicht der Idealisten, dass der Geist am allerwichtigsten ist.

Man muss also nicht die Sicht der Primatologen teilen, welche die Gemeinsamkeiten von Menschen und Primaten betonen, während die Linguisten, Dualisten und Theologen auf den Unterschieden herumreiten. Am besten fragt man die evolutionären Biologen, auch wenn sie noch keine abschließenden Erkenntnisse haben. Damit verlässt Bunge die Gesellschaft, um sich auf den Freien Willen und das Bewusstsein zu konzentrieren.

 

Diese Rezension wird fortgesetzt mit Kapitel Kognition, Bewusstsein und Freier Wille

 

Mario Bunge, Matter and Mind – A Philosophical Inquiry, © 2010, Boston Studies in the Philosophy and History of Science, Springer, 217 €

Medien-Link:

Mario Bunge’s Worldview and its Implications for The Modernization of Arabic-Islamic Philosophy (Ahmad Zahaadden Obiedat, Faculty of Religious Studies McGill University, Montreal  May, 2011)

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Der Fluch der Neuroleptika von Frank Sacco


sacoUS-1-09-031Die „christlichen“ Kirchen als Verursacher der Krankheiten von schizophrenen oder manischen Patienten – Fank Sacco, Doktor der Medizin, zweifelt am „Segen“ der Neuroleptika. Damit kehrt nur eine trügerische Ruhe ein, aber die begleitende Depression wird eher schlimmer. Letztlich geht es wieder um den Ödipuskomplex (Bilder: Sacco).

Der Fluch der Neuroleptika  von Frank Sacco

Zugegeben: Da war was los, auf den psychiatrischen Stationen, vor der Entwicklung dämpfender Neuroleptika. Da wurde geschrien, getobt, da war man aggressiv. Zu sich und zu anderen. Doch die Bürger und Ärzte kannten es nicht anders. Man konnte (und musste) es aushalten.

Der Vorteil allerdings war: Man konnte die Probleme des Patienten noch erkennen, sprach ja das Unbewusste direkt aus den Äußerungen dieser schizophrenen oder manischen Patienten. Sie waren zunächst offene Bücher, bevor der Wahn, dieser oft rettende Freund, dieser Selbstheilungsversuch, sich zu fest etablieren konnte.  So war es Nietzsche bereits nach einem „flüchtigen Gang“ über die Flure einer solchen Anstalt eindeutig, wer die dortigen Krankheiten verursacht hatte: Die „christlichen“ Kirchen. Denn mit deren unchristlichem Dogma einer möglichen ewigen Folter kommt kein Kind zurecht. Wie auch. Gott oder sonst jemand zeige mir einen psychisch gesunden Menschen.

Dann kam der „Segen“ der Neuroleptika, der aber an sich ein Fluch war – der ein Fluch ist. Es kehrte eine trügerische Ruhe ein. Die schweren Nebenwirkungen nahmen die Therapeuten zuerst schweren, heute aber immer leichteren Herzens in Kauf. Man erkennt auch als Laie die Ruhiggestellten: Ihr Gang ist schleppend, der Körper ist starr, Kopf und  Blick gehen starr nach vorne. Das Gesicht wirkt aufgedunsen durch den Verlust einer normalen Mimik. Man spricht vom Salbengesicht. Gut: Die Umwelt fühlt sich besser. Schlecht: Der Erkrankte jedoch nicht. Denn die begleitende Depression wird eher schlimmer. Spontane Äußerungen des Behandelten werden selten. Ein Gespräch läuft monoton ab. Die Artikulation ist oft lallend und fällt schwer. Ja nicht nur die Motorik,  auch der Gedankengang ist gehemmt. Die Therapie geht über Jahre, ja oft über ein ganzes Leben. Überall besteht Angst vor einer Dosisreduktion. An eine Teilhabe am Arbeitsleben ist nicht zu denken.

Gespräche mit dem Arzt: Ja! Doch die kreisen über die Jahre hinweg überwiegend um die Wirkung und Nebenwirkungen der persönlichkeitsverändernden Neuroleptika. Deren „Wichtigkeit“ wird von der Pharmaindustrie über von ihr finanzierte und organisierte Fortbildungen ganz in den Vordergrund gerückt. Man fällt als Therapeut darauf rein. So wird über die psychische Ursache der Erkrankungen nicht mehr gesprochen. Ja man „überweist“ die Klienten in dem Moment zum verursachenden Klerus, wenn das Thema auf die Ursache zu sprechen kommt: Auf Schuldgefühle, die vom Klerus zu  Sündengefühlen hochstilisiert sind. Die sind  verbunden mit einer unendlichen Angst vor unendlichen jenseitigen Strafen. Die übe ein gewalttätiger und / oder verrückter „Gott“ aus. Dessen eindeutige Pathologie bekommt man schon als Kind in Gehirnwäsche wie ein Brandmal aufgedrückt. So legte dieser „Gott“ ja nach offizieller Lehre mit der Sintflut den ersten Holocaust an Juden hin. Und diese Endlösung  soll angeblich völlig gerecht gewesen sein, so die Geistlichkeit. Dieser „Gott“ ist seitdem das geistige Vorbild aller irdischen Despoten: Seine Folter wird bejubelt. Hallelujah.

So konnte es aber geschehen, dass durch Neuroleptika auch die Psychiater Schaden nahmen: Man verdummte – doch das nur zu gerne.  Da man auch selbst einmal als Psychiater Kind war, hat man dieselben, meist unbewussten Jenseitsängste wie seine Patienten. Nur sieht die Selbsttherapie hier anders aus: Man wurde Arzt und meint, man habe so als Helfer beim Arzt und Helfer Bibel-Jesus vorteilhaft gepunktet. Bei einem sog. „Jüngsten Gericht“.  Das soll einer sog. „Auferstehung“ nachfolgen. Ohne Auferstehung keine jenseitige Folter. So wird hier Helfen zum Zwang. Es entsteht die Zwangskrankheit des hilflosen Therapeuten. Dieser Zwang trägt religiös bedingte masochistische Züge, wie wir sie von Ödipus bereits kennen. Der stach sich aus panischer Angst vor angeblich vorhandenen  Rachegöttinnen beide Augen aus. Er opferte Zeus (den es nicht einmal gab) die Augen. Die „Sünde“ des Ödipus: Inzest. Beim Psychiater sind Überforderung und ein Burnout die Folgen des Zwanges. Das mit den Augen ausbrennen ist ja zurzeit völlig aus der Mode. Das Helfersyndrom ist geboren. Es ist dies eine Alternative zur Psychose, zur Depression, zum Suizid oder zum Substanzmissbrauch. Dem unterliegt ein Großteil unserer Psycho-Helfer. Doch jede Alternative ist besser als eine Angst vor ewigem Feuer.

Diese Zusammenhänge kann und will die Psychiatrie nicht wahrnehmen. Ja sie erkennt nicht einmal die Grundlage des Ödipuskomplexes.  Dem liegt nicht etwa ein Vater-Sohn Konflikt, sondern ein klassischer Gläubiger-Gott Konflikt zugrunde. Schon Freud konnte das aufgrund einer eigenen Angstneurose nicht erkennen. Ich schrieb ein Buch darüber: „Die Neurose Sigmund Freunds als Kollektivneurose“, erschienen bei BoD. Die „Sünde“ Sigmund Freuds: Ein Mord. Ein Doppelmord.

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Frank Sacco ist Autor von Das Sacco Syndrom und Autor der Bücher

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