Narrative und Erkenntnisgewinn


Religious-Symbols

Narrativen, sinnstiftenden Erzählungen, begegnet man in Gesprächen und Medienberichten beinahe täglich. Sinn und Zweck scheint es dabei nicht allein zu sein, irgendetwas zu erzählen, sondern einer Geschichte, einer Idee oder einer Behauptung ungeachtet ihres Wahrheitsgehalts oder ihrer Plausibilität durch häufige Wiederholung allgemeine Anerkennung zu verschaffen. Bisweilen kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich bei der Wiedergabe mancher Narrative um ein gedankenloses Nachplappern einer Erzählung handelt.

Eines dieser Narrative ist die These, dass es „den Islam“ nicht geben würde, sondern eine Vielzahl an Islamen. Worin sich diese in ihren Wesenskernen unterscheiden, wird meist nicht näher erläutert — es bleibt bei der bloßen Behauptung.

Nun könnte man annehmen, dass es zumindest einen sunnitischen und einen schiitischen Islam gibt, mit Untergruppierungen und Abspaltungen, von denen manche allerdings nicht als „islamsich“ akzeptiert sind. Beide unterscheiden sich jedoch lediglich in der (historischen) Begründung und Legitimierung ihres — insbesondere politischen und gesellschaftlichen — Machtanspruchs. Auch handelt es sich teils um Interpretationen, mehr oder minder strenge, dogmatische Auslegungen, Lesarten. All diese Untergruppen, Abspaltungen und Interpretationen verbindet eine Gemeinsamkeit: sie stützen sich insbesondere auf eine Quelle, den Koran. Islame, die sich auf ein anderes „heiliges“ Buch als den Koran beziehen, sind mir nicht bekannt — was nicht heißen soll, dass es sie nicht geben könnte. Nur habe ich von z.B. einem talmudischen, einem neutestamentlichen, einem kamasutrischen oder einem bhagavadgitischen Islam bislang nichts gehört.

Ob es hingegen überhaupt einen Islam gibt, egal welchen, kann man bezweifeln. Denn das arabische Wort «Islam» bedeutet „Sich-Ergeben“ (in den Willen Allahs), „Sich-Unterwerfen“ (unter Allah), „Sich-Hingeben“ (an Allah) — wobei das Wort „Allah“ (al-Lah) für «der Gott» steht.
Da man bei Allah — wie bei allen anderen Göttern und Göttinnen — keine Wechselwirkungen beobachten oder sonstwie feststellen kann, kann man Allah von etwas, das nicht existiert, nicht unterscheiden und darf annehmen, dass es Allah gar nicht gibt.

Ohne Allah jedoch auch kein „Sich-Ergeben“ in den Willen Allahs, kein „Sich-Unterwerfen“ unter Allah, kein „Sich-Hingeben“ an Allah — und somit gar kein Islam.

Es gibt allerdings eine Ideologie, die als Grundlage für ein patriarchalisch-despotisches Gesellschaftssystem herhält und der das Etikett «Islam» angeheftet wurde. Dies ist der „Islam“, der „Islam“ des Korans. Einen anderen habe ich nicht gefunden.

Das Narrativ von „dem Islam“, den es angeblich nicht gibt, führt zu keinem Erkenntnisgewinn — sooft es auch wiederholt werden mag.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Beitragsbild:
Collage aus Symbolen mehrerer Religionen (eigenes Bild)




Koran verworfen -- eine Zeitenwende


Eine Nichtsatire

Es begab sich aber zu der Zeit, da das Ende des Zweiten Weltkriegs gerade mal ein paar Wochen zurücklag. Allah war ins Grübeln gekommen. Nicht dass Allah für den Zweiten Weltkrieg und die während dieses internationalen Gemetzels begangenen Greueltaten verantwortlich gewesen wäre oder dass dazu in seinem Koran eine Anleitung oder eine Anweisung zu finden gewesen wäre. Aber das Ausmaß hatte ihm doch zu denken gegeben und er überlegte sich, wie er die Welt ein Stück weit besser machen könnte, da seine bis dahin letzte Offenbarung nicht den gewünschten Erfolg nach sich gezogen hatte. Allah machte sich ans Werk.

Die Erstfassung seines Korans hatte Allah vor ca. 1400 Jahren einem Mann aus den Wüsten Arabiens, genauer, aus einer kleinen Stadt im gebirgigen Westen nicht weit von der Küste des Roten Meeres, herabgesandt. Er hätte sich auch jemanden aus einem anderen Land, einem anderen Kontinent, aus einer ganz anderen Weltgegend aussuchen können, z.B. jemanden von einer traumhaft schönen Insel in der Südsee, oder einen Menschen aus Grönland, aus den Weiten Sibiriens oder aus den Urwäldern des Amazonasgebiets. Dann wäre der Koran möglicherweise ganz anders und den geographischen Gegebenheiten und den Lebensumständen der jeweiligen Region entsprechend ausgefallen. Warum Allahs Wahl auf jemanden aus Arabien fiel, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Immerhin hat Allah dem Empfänger seiner damaligen Botschaft mit auf den Weg gegeben, dass dieser Koran nicht für die Ewigkeit bestimmt sein muss:

Und wenn Wir es wollten, könnten Wir gewiß das wieder fortnehmen, was Wir dir offenbart haben;

heißt es in der 17. Sure «Die Nachtreise (Al-Isra’)» aus der mittleren mekkanischen Entstehungsphase im Vers 86.

Dass diese Erstfassung des Korans in sich nicht immer ganz stimmig ist, ja von so manchen inneren Widersprüchen, Ungereimtheiten und Absurditäten durchsetzt ist, mag daran liegen, dass der seinerzeitige Empfänger der Botschaften Allahs einiges zum persönlichen Vorteil hinzugedichtet hatte — ganz abgesehen davon, dass etliches daraus für Menschen aus anderen Kulturkreisen oder aus anderen geschichtlichen Epochen weder angemessen noch zeitgemäß war und ist.

So hat sich Allah im Spätherbst 1945 also ans Werk gemacht, hat den gesamten bisherigen Koran verworfen und eine völlig neue Fassung seines heiligen Buches formuliert — diesmal nicht in arabischer Sprache, sondern, auf der Höhe der Zeit, in Englisch. Diese vollständige Neufassung sollte künftig auch manches andere heilige Buch ersetzen.

Herausgekommen ist ein Text, der ganz erstaunliche Ähnlichkeit mit der späteren Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 sowie mit einigen Artikeln aus dem Grundrechtekatalog des im Jahr 1949 in Kraft getretenen Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland hat. Nicht dass die Welt deshalb nun am deutschen Wesen genesen sollte, nein, das nicht, — im neuen Koran steht schließlich vieles, das mit der UNO-Menschenrechtserklärung deckungsgleich ist — aber die Ähnlichkeiten dessen, was Allah da formuliert hat mit dem, was in besagtem Grundrechtekatalog geschrieben steht, sind doch verblüffend.

In den Jahrzehnten nach Herabsendung des neuen Korans taten sich etliche Potentaten in Ländern, die sich dem bisherigen Koran verpflichtet fühlten, aber auch manche Menschen in Ländern, die anderen heiligen Büchern folgten, noch sehr schwer, Allahs neue Botschaft zu akzeptieren, da sie nicht nur einen persönlichen Machtverlust befürchteten, sondern auch den Zusammenbruch der Sozialgefüge ihrer Staaten und Gesellschaften als drohendes Unheil am Horizont sahen — eine Befürchtung, die sich als unzutreffend erweisen sollte.

Nun soll man die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte oder das deutsche Grundgesetz nicht als heilige Bücher auffassen oder deklarieren, aber manch einer könnte das, was darin formuliert ist, womöglich leichter akzeptieren, wenn es ihm einstweilen als ein Text seines Gottes präsentiert würde. Die Erkenntnis, dass es Gott nie gegeben hat und nicht gibt, wird sich zu gegebener Zeit durchsetzen. Erzwingen kann man sie schließlich nicht.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (Deutsch)
Grundrechtekatalog des Grundgesetzes

Beitragsbild:
The universal declaration of human rights 10 December 1948 (Ausschnitt)
en.wikipedia.org/wiki/File:The_universal_declaration_of_human_rights_10_December_1948.jpg




Verfassung oder Grundgesetz


Carlo-Schmid_Was-heisst-eigentlich-Grundgesetz

In Kommentaren und Berichten höre und lese ich immer mal wieder, dass das «Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland» keine Verfassung sei, sondern nur ein Provisorium. Dieser Meinung mag man zustimmen oder auch nicht. Kritiker berufen sich dabei gern auf den Artikel 146, in dem es heißt

Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.

Einen Volksentscheid, in dem unser Grundgesetz als Verfassung von einer Mehrheit (der Wahlberechtigten / der Teilnehmer an einem entsprechenden Volksentscheid) angenommen und beschlossen worden wäre, hat es m.W. bislang tatsächlich nicht gegeben. Trotzdem scheue ich mich nicht, das Grundgesetz als Verfassung zu bezeichnen und auch zu akzeptieren.

Bekanntlich gewährleistet (garantiert) uns das Grundgesetz eine ganze Reihe von Grundrechten (Artikel 1 bis 19), und obendrein im Artikel 79 eine „Ewigkeitsgarantie“ für bestimmte Rechtsgrundsätze, niedergelegt in den Artikeln 1, Sätze 1-3, und 20, Sätze 1-4.

Von Kritikern, die eine Volksabstimmung über unser Grundgesetz wünschen bzw. fordern, würde ich gern erfahren, welche Artikel des Grundgesetzes sie

  • ergänzt
  • geändert (in welcher Weise ?) oder
  • abgeschafft sehen wollten.

Zur Vertiefung empfehle ich die Lektüre der Rede des Abgeordneten Dr. Carlo Schmid (SPD) im Parlamentarischen Rat am 8. September 1948 «Was heißt eigentlich: Grundgesetz?»

Ein Satz aus dieser Rede ist mir besonders in Erinnerung:

Demokratie ist nur dort mehr als ein Produkt einer bloßen Zweckmäßigkeitsentscheidung, wo man den Mut hat, an sie als etwas für die Würde des Menschen Notwendiges zu glauben. Wenn man aber diesen Mut hat, dann muß man auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.

Darüberhinaus ist ein gelegentlicher Blick in unsere Verfassung (in unser Grundgesetz) für mich immer eine interessante Lektüre.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Den Text der Rede von Carlo Schmid habe ich der Website costima.de/beruf/Politik/CSchmid.htm entnommen.
(aufgezeichnet in „Der Parlamentarische Rat 1948-1949, Akten und Protokolle“, Band 9, herausgegeben vom Deutschen Bundestag und vom Bundesarchiv, Harald Boldt Verlag im R. Oldenbourg Verlag, München 1996, Seite 20 ff. im Archiv des Bundestages stehen die Protokolle gebunden im Büro von Günther J. Weller)




Monarchen ... sind sie alle nicht


Stroehl-Rangkronen-Fig._53

Dieser Tage ist viel von Monarchen die Rede:
Die Queen hatte kürzlich Geburtstag (21.4.),
Japan hat einen neuen Kaiser (01.5.),
Thailand eine neue Königin (01.5.),
der frühere Großherzog von Luxemburg, Jean, ist gestorben (23.4.).
Monarchen werden sie genannt — doch Monarchen sind sie nicht.

De facto sind diese Länder, deren Oberhäupter sie sind, wie fast alle anderen "Monarchien", parlamentarische Demokratien und Republiken, manche Diktaturen, deren oberste Repräsentanten aus Tradition noch Monarchen genannt werden, ohne jedoch Alleinherrscher zu sein.

Sie verfügen über keine oder kaum politische Macht. Diese haben sie längst an "bürgerliche" Regierungen abgegeben oder wurden politisch entmachtet.

Einzige verbliebene Monarchie im klassischen Sinn in Europa ist, und auch dies wohl nur mit Einschränkung, der Vatikan.

Daneben gibt es weltweit mehrere "bürgerliche" de-facto-Monarchien, wie z.B. Weißrussland, Russland, Nord-Korea, und derzeit vielleicht die Türkei, deren Alleinherrscher sich allerdings hüten, sich "Monarchen" zu nennen oder nennen zu lassen. Nur in der Presse / den Medien werden sie ab und zu — nicht grundlos — so bezeichnet.

Und dann gibt es einen, der vielleicht gern Monarch wäre — Kaiser von Amerika, wie er sich bisweilen geriert — stünde ihm nicht diese "lästige" Verfassung im Wege.
Er scheint ein wenig aus der Zeit gefallen.

Ein Kuriosum am Rande:
Im Englischen steht das Wort „pretender“ für „Thronbewerber“, aber auch für „Heuchler“.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Beitragsbild:
Zackenkrone, Wikipedia
commons.wikimedia.org/wiki/File:Str%C3%B6hl-Rangkronen-Fig._53.png
Autor: Hugo Gerard Ströhl (1851-1919), Heraldischer Atlas, Stuttgart 1899.




Sei so lieb ...


Macaca_fuscata_Iwatayama_excEin Gedankenspiel

Rom, Ostersonntag 2019, „urbi et orbi“ heißt es da wie jedes Jahr, „der Stadt und dem Erdkreis“. Doch an diesem Tag richtet sich diese Paronomasie des Monarchen der Vatikanstadt vielleicht insbesondere an eine bestimmte Adresse, die der Papst jedoch nicht namentlich nennt und auch nicht verurteilt. Am vorangegangenen Karfreitag hatte es in Sri Lanka ein Mehrfachattentat gegeben.
Tags darauf verurteilte der vatikanische „Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung“ die selbe Tat und twitterte von „barbarischer islamistischer Gewalt“ in Sri Lanka.

Ein Hintergrund für die so unterschiedliche Wortwahl kommt u.a. darin zum Ausdruck, dass für den Argentinier Jorge Mario Bergoglio [für Uneingeweihte: dies ist der bürgerliche Name des derzeitigen Papstes] (der) Islam, nicht anders als das Christentum, eine Religion des Friedens ist — und dass Bergoglio zur Selbstkritik fähig ist. So sagte er im Juli 2016 während einer Reise: „Wenn ich über islamische Gewalt spreche, dann muss ich auch über christliche Gewalt sprechen. In fast jeder Religion gibt es immer eine kleine Gruppe von Fundamentalisten – auch bei uns.“

Dass Bergoglio von «Fundamentalisten» spricht, erstaunt mich ein wenig, wirft es doch die Frage auf, auf welches Fundament, auf welche Grundlage also, diese sich jeweils stützen. Im April 2017 hatten Bergoglio und der Großscheich der Azhar-Universität in Kairo, Ahmed Mohammad Al Tayyeb, in Abu Dhabi gemeinsam ein Dokument unterzeichnet, das von „Geschwisterlichkeit unter den Menschen für den Weltfrieden und das Zusammenleben“ handelt und in dem u.a. von Barmherzigkeit und Brüderlichkeit die Rede ist und davon, dass „die Religionen niemals zum Krieg aufwiegeln und keine Gefühle des Hasses, der Feindseligkeit, des Extremismus wecken und auch nicht zur Gewalt oder zum Blutvergießen auffordern“. „Hass, Gewalt, Extremismus und blindem Fanatismus“ wünschen Bergoglio und Al Tayyeb in diesem Dokument ein Ende zu setzen.

Dass all diese Worte stellenweise ein wenig mit dem kollidieren, was in so manchem „heiligen“ Buch an Widersprüchlichem geschrieben steht, aber auch mit dem alltäglichen Geschehen nicht immer in Einklang zu bringen sind, wissen beide Parteien vermutlich, da sie einerseits die Texte ihrer „heiligen“ Bücher (hoffentlich) kennen, aber auch über die tägliche Nachrichtenlage informiert sein dürften.

Doch ein anderer Aspekt erscheint mir bedeutsam:
Beide, Bergoglio und Al Tayyeb, haben an ihre jeweiligen Adressaten im Grunde die einfachen Worte gerichtet „Seid so lieb …“ — und sie damit ein wenig unter Zugzwang gesetzt. Denn wer wollte nach so einer Aufforderung nicht „so lieb“, sondern bösartig sein? Ein Psychopath vielleicht, der sich damit selbst ins Abseits stellt.

Man kann (den) Islam zwar ausschließlich als Gewaltideologie zeichnen. Man kann jedoch auch eine gegenteilige Option oder einen Ausweg aus der Gewalt wenigstens aufzeigen. Ansonsten läuft man gefahr, den Despoten und Psychopathen — die es in der islamischen Welt genauso gibt wie anderswo — vielleicht sogar recht zu geben bzw. sich ungewollt mit ihnen zu solidarisieren nach der Devise: «Ihr könnt ja gar nicht anders, also macht weiter so.»
Man beruhigt oder befriedet ein aggressives Kind schließlich nicht, indem man es immerzu schlägt. Das ist bei Erwachsenen nicht anders, und lässt sich auch auf ganze Kulturkreise übertragen, die von einer patriarchalisch-rechtsreaktionären Ideologie und von Despotismus geprägt, deformiert oder „vergiftet“ sind. Es ist ein langer und weiter Weg hin zur Veränderung (oder Genesung).

Und mit seinen selbstkritischen Worten „… dann muss ich auch über christliche Gewalt sprechen“ — mit denen sich der Papst keinen Zacken aus der Krone gebrochen hat — hat er die geistlichen Autoritäten, Funktionäre und Vorbilder der islamischen Welt herausgefordert, ihre allgegenwärtige Selbstkritikphobie zu überwinden.

* * *

Inspiriert zu diesem Text wurde ich durch «Keine Verurteilung des Islams: Von Gott gewollte Vielfalt der Religionen?» auf der Website der FAZ vom 29.04.2019

Zur oben erwähnten Option oder einem Ausweg:

Religionen geben den Menschen Orientierung, wird uns bisweilen gesagt.
Das tut unsere Verfassung, das Grundgesetz, auch – allerdings ohne Menschen zu bevormunden, sie einzuschüchtern oder sonstwie zu drangsalieren. Obendrein gewährleistet das GG Rechte und Freiheiten, die so manche Religionen nichtmal gewähren.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Beitragsbild:
Wikipedia, Aggressionshemmung
commons.wikimedia.org/wiki/File:Macaca_fuscata_Iwatayama.jpg (Ausschnitt)
Autor: Leyo




Vom Recht auf freie Meinungsäußerung


Howler_monkey_excIm Vorfeld einer Konferenz …

Auf unsere Verfassung, das Grundgesetz, berufen oder beziehen sich manche Menschen in Auseinandersetzungen mit anderen bisweilen in einer Weise, die bei mir den Eindruck hinterlässt, dass der Text des Verfassungsartikels, um den es geht, gar nicht genau bekannt ist, oder die Aussage eines Verfassungsartikels absichtsvoll zu eigenen Gunsten (und damit zu Ungunsten eines Gegenübers oder Kontrahenten) fehlinterpretiert wird. Dies betrifft z.B. die Artikel 3Gleichheit vor dem Gesetz, 4Glaubens- und Bekenntnisfreiheit, sowie 5Meinungsfreiheit.

Im Zusammenhang mit Kritik an einer bestimmten Religion, deren Symbolen und ideologischen Grundlagen und den öffentlichen Diskussionen und Debatten darüber kann man dies seit Jahrzehnten beobachten: Kritik wird wahlweise als „Phobie“ oder als „Rassismus“ bezeichnet, Kritikern wird das Recht auf freie Meinungsäußerung verweigert (dies ist mir mehrfach widerfahren).

Für den 8. Mai 2019 bereitet das „Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam“ (FFGI) an der Goethe-Universität Frankfurt eine Konferenz über „Das islamische Kopftuch“ vor, wie die FAZ auf ihrer Website am 26. April 2019 in einem (für registrierte Kunden vollständig einsehbaren) Beitrag unter der Überschrift «Das Ende von freier Rede und freiem Denken?» berichtet.

Auf der Rednerliste der Konferenz stehen Namen von Verteidigern wie auch von Kritikern der (tatsächlich oder vermeintlich) für Frauen geltenden islamisch konnotierten oder assoziierten Bekleidungsvorschrift.

Bis hierhin wäre die Angelegenheit kaum einer Erwähnung wert, gäbe es da nicht einen Hashtag in einem sog. „sozialen Medium“, der sich namentlich auf die Direktorin des o.g. Forschungszentrums bezieht: „#Schroeter_raus“. Unter diesem Hashtag halten, wie die FAZ schreibt, «junge Frauen Zettel vor ihr Gesicht oder zeigen Schilder wie „Kein Platz für Rassismus“.», und weiter: «Kontaktadressen oder ein Impressum gibt es nicht.»

Ein Bonmot zitiert die FAZ ebenfalls: «Für solche Veranstaltungen sei an „unserer Uni, wo wir für Offenheit und Akzeptanz stehen, kein Platz“.»

Sowohl die Universitätsleitung als auch der Asta kritisieren und verurteilen laut dem FAZ-Bericht die (anonyme) Hashtag-Aktion; der Asta äußert: „Die ganze Aktion erschreckt uns, da hier Islamkritik und Rassismus gleichgesetzt wird […] Es muss zum Islam geforscht werden, und das will diese Hetzkampagne verhindern“.

Im Kommentarbereich zu dem FAZ-Artikel (63 Leserkommentare) wird u.a. die Vermutung geäußert, dass es sich bei o.g. Hashtag um eine Aktion von Rechtspopulisten handeln könnte, die unter falscher Flagge oder in Guerilla-Manier das Thema besetzen, oder gar Mitglieder einer nach meiner Meinung(!) rechtsreaktionären Partei (deren politische Vorstellungen nach meiner Einschätzung auf eine Diktatur hinauslaufen würden), die seit Herbst 2017 im Deutschen Bundestag vertreten ist, dahinterstecken. Das kann man zwar nicht ausschließen, ich hielte diese Methode jedoch für mehr als fragwürdig, ja für kontraproduktiv, da sie sich nicht auf Sachargumente stützt, sondern auf Diffamierung.

Man wird diejenigen, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg jegliche Islam-Kritik als Phobie oder als Rassismus diffamiert haben, schließlich nicht dadurch von der Fehlerhaftigkeit ihres Vorgehens und „Argumentierens“ überzeugen, indem man zurückdiffamiert.

Empfehlen möchte ich in diesem Zusammenhang u.a. das Büchlein «Brief an die Heuchler — und wie sie den Rassisten in die Hände spielen» von CHARB.

Eckhardt Kiwitt, Freising

* * *

Eine kleine bildliche Ergänzung zu diesem Beitrag, die manches auf den Punkt bringt und die nicht diffamieren, sondern zum Nachdenken anregen kann, will ich mir nicht verkneifen:
«Image Problem», von Cox & Forkum (die Verwendung des Bildes ist, mit Quellenangabe, lt. Cox & Forkum erlaubt)

Offen gesagt, Herr Mohammed

ImageProblem

» Umfrage / PR Research: Islamismus
– Terrorismus / Terrorism
– Theokratische Tyrannei / Theocratic Tyranny
– Unterjochung von Frauen / Subjugation of Women
– Unduldsam gegenüber Kritik / Intolerance of Criticism
– Verfolgung moderater Muslime / Persecution of moderate Muslims
– Angst vor westlicher Kultur / Fear of Western Culture

Quelle / Source:
http://www.coxandforkum.com/archives/06.01.31.ImageProblem-X.gif
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:ImageProblem.gif?uselang=de

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Beitragsbild oben:
Brüllaffe (Ausschnitt), Wikipedia
upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2f/Howler_monkey.jpg
Autor: Steve from washington, dc, usa




Ein kurzes Wort zum Atheismus


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Atheismus

Der Atheismus, lt. Wikipedia «im engeren Sinne die Überzeugung, dass es keinen Gott bzw. keine Götter gibt», definiert oder erhebt „aus sich heraus“ keinen Machtanspruch.
Er leugnet aber, ohne die Anarchie zu befürworten oder zu fordern, den direkten oder indirekten Machtanspruch von Göttinnen und Göttern oder deren irdischen Stellvertretern; vgl. Kant – Aufklärung:

Daß der bei weitem größte Teil der Menschen […] den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.

Militante Atheisten hingegen versuchen bisweilen, ihre Sichtweise zu einer „Wahrheit“ zu erheben, die sie anderen ggf. aufzwingen möchten – statt jeden glauben zu lassen was er will oder nicht will – formulieren also womöglich eine Art Ersatz-Religion, wollen vielleicht selber ein wenig „Gott“ sein und laufen damit dem Atheismus zuwider.

* * *

Zum Verständnis meines rechtlichen Standpunkts:

Religionen geben den Menschen Orientierung, wird uns bisweilen gesagt. Das tut unsere Verfassung, das Grundgesetz, auch – allerdings ohne Menschen zu bevormunden, sie einzuschüchtern oder sonstwie zu drangsalieren. Obendrein gewährleistet das Grundgesetz Rechte und Freiheiten, die so manche Religionen nichtmal gewähren.

Mit anderen Worten:

Nicht jene Gesetze und sonstigen Rechtsnormen oder Rechtsinstanzen, die vermeintlich von Göttern und / oder zur Befriedigung von Göttern, zur Befriedigung von Rachegelüsten oder dem Wunsch nach (zynischer) Strafe[1] und Ausgrenzung ohne Möglichkeit der Resozialisierung erlassen oder eingesetzt wurden, sollten Gültigkeit haben, sondern die Gesetze, die — unter Berücksichtigung der kulturellen und zivilisatorischen Entwicklung — von Menschen für Menschen gemacht sind. Nicht Sündenbockprojektionen oder das Verlangen nach (auch nur symbolischen) Opfern, sondern eine unabhängige Justiz, die weder die Interessen des Täters noch die des Opfers vertritt, eine Justiz, die das von Menschen für Menschen gemachte allgemeine und gleiche Recht unparteiisch vertritt.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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[1] siehe beispielhaft Allahs unendliche Strafen; das Strafen ist im Koran mit Abstand Allahs Lieblingsbeschäftigung.




Interpretationsmöglichkeiten! — oder ein wenig Augenwischerei?


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«Sehen Sie, das ist Islam

Ein paar einleitende kurze Worte zum Begriff „Interpretation“:

In dem Bild links eine Gruppe Augen zu sehen, die einen anschauen oder anstarren, mag einer Sehgewohnheit, einer Täuschung oder einer Wunschvorstellung entsprechen, eine Interpretation ist es nicht, denn eine Auslegung, Übersetzung oder Erklärung seitens des Betrachters im Sinne des Begriffs „Interpretation“, oder auch eine Deutung, findet nicht statt.

In dem Bild die Schwanzfedern eines Pfaus wahrzunehmen, wäre ebenfalls keine Interpretation, sondern allenfalls eine Assoziation, oder einfach das Erkennen eines (bekannten) Musters.

* * *

Frage [*]: Ist es zulässig, dass Frauen nur die Hälfte erben, wie es die Scharia vorsieht?

MR: Das sind Regelungen, die sich unmittelbar aus dem Koran ergeben. Bei deren Auslegung wird erläutert, dass die Männer mehr bekommen, weil nur sie eine Brautgabe finanzieren müssen und nur sie Familienunterhalt leisten. […] Ein Imam aus Bayern hat geschrieben, dass die islamische Lösung in Deutschland heißt: gleiche Erbteile. Sie sehen, was das islamische Recht an Interpretationsmöglichkeiten hergibt.

Nun ist das, was der „Imam aus Bayern“ in den Worten des Interviewten geschrieben hat („die islamische Lösung in Deutschland heißt: gleiche Erbteile“), nicht, wie von ihm behauptet, eine Interpretation oder Interpretationsmöglichkeit — denn es wird mit diesen Worten nicht erklärt, auf welche islamische oder sonstige Rechtsgrundlage oder islamische Überlieferung sich die Aussage des Imams stützt; es wird nur eine unbegründete Aussage gemacht. Der Interviewer (Journalist) stellt allerdings auch nicht die Frage nach dem Warum, er hakt nicht nach.

MR: Ich sprach einmal mit dem Vorsitzenden eines marokkanischen Moscheevereins, dem in Berlin als Erstes aufgefallen war, dass die Busse der Berliner Verkehrsbetriebe die Schwelle beim Halten senken, damit Leute, die schlecht zu Fuß sind, leichter einsteigen können. Er sagte: Sehen Sie, das ist Islam. […] das war das Verständnis des Imams vom Islam, ein Verständnis, das ganz viele teilen. Diese Menschen müssen wir unterstützen …

Wenn das Islamverständnis des „Vorsitzenden eines marokkanischen Moscheevereins“ in diesen wenigen Worten zum Ausdruck kommt („Sehen Sie, das ist Islam.“), die sich auf helfen, großzügig sein, hilfreich sein beziehen, dann ist das einerseits zu begrüßen. Allerdings klammert er dabei sehr vieles aus, von dem man durchaus behaupten kann, dass es ebenfalls „Islam“ ist (siehe z.B. Kein Zwang im Glauben ? sowie Assoziationen oder Islam beleidigt).

Ob es einer Religion bedarf, die in sich voller Widersprüche ist, deren „heiliges Buch“ ein Sammelsurium voller Widersprüche ist, um anderen Menschen zu helfen, großzügig zu sein, hilfreich zu sein …, oder ob es mit einer den meisten Menschen vertrauten und innewohnenden, natürlichen Empathie getan ist, die nicht durch eine Ideologie überprägt (oder deformiert) ist, sei dahingestellt.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Weiterführende / ergänzende Textbeiträge:

Im Gespräch: Wie verhindern wir Radikalisierung?
Mouhanad Khorchide: Die Männerbilder des Korans
Abdel-Hakim Ourghi: Keine Angst vor Kritik!
Ufuk Özbe: Strengt euch an!

Daneben empfehle ich, ohne jemandem etwas unterstellen zu wollen, das Büchlein
Brief an die Heuchler – und wie sie den Rassisten in die Hände spielen
von Stéphane Charbonnier – CHARB.

[*] Textauszug aus „An die Hausordnung halten“ (Der Spiegel im Interview mit Mathias Rohe, Universität Erlangen-Nürnberg)

Bildnachweis: Wikipedia (Blauer Pfau), Alex Pronove (alexcooper1) – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Peacock.jpg




«Wer hat ihm das Recht gegeben, zu morden?»


leer

Die Frage, mit der ich diesen Beitrag überschrieben habe, taucht im Zusammenhang mit Gewaltverbrechen hier und da auf. Manchmal auch in der Form „Woher nimmt er sich das Recht, …“.
Als ob es ein solches Recht geben würde.
Es handelt sich dabei um eine Suggestivfrage, mit der der Eindruck vermittelt werden soll, einem Täter, einem Mörder sei das Recht zugestanden worden, einen anderen zu töten.

Gestellt wird diese Frage bisweilen von Befürwortern der Todesstrafe, die damit jedoch für sich oder für „den Staat“ — zumindest potenziell — etwas beanspruchen, von dem sie einem Mörder unterstellen, dass es ihm gegeben worden wäre oder dass er es sich genommen hätte. Befürworter der Todesstrafe begeben sich damit auf eine Stufe noch unterhalb des Mörders, weil sie das Recht zum Töten, zum Morden für sich beanspruchen und dies juristisch zu rechtfertigen versuchen.

Ein solches Recht gibt es jedoch nicht, in keinem Land der Erde. Deshalb kann sich dieses Recht auch kein Mörder nehmen, und niemand kann es ihm geben. Was es nicht gibt, kann man sich nicht nehmen, kann einem niemand geben.

In allen Ländern der Erde ist Mord ein Verbrechen, eine gesetzeswidrige Tat.
Dies war z.B. in Deutschland auch während der Zeit der Gröfaz-Tyrannei (Hitler-Diktatur, Drittes Reich) der Fall. Damals wurde der heute in Deutschland noch immer gültige § 211 StGB (Mord) formuliert, der (m.W. als einziger Paragraph des deutschen Strafgesetzbuches) nicht eine strafbewehrte Tat beschreibt, sondern eine Täterbeschreibung enthält:

Mörder ist, wer
aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen,
heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder
um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken,
einen Menschen tötet.

Die Machthaber und Massenmörder des „Dritten Reiches“ (Adolf Hitler, Heinrich Himmler, Adolf Eichmann, … SS, Waffen-SS, teils auch Soldaten der Wehrmacht) entsprachen genau dieser Täterbeschreibung. Doch sie alle waren (vielleicht mit Ausnahme so mancher Wehrmachtssoldaten), soweit mir dies bekannt ist, Befürworter der Todesstrafe.

Heutige Befürworter der Todesstrafe entsprechen ebenfalls dieser Täterbeschreibung, ebenso Richter, die ein Todesurteil (in staatlichem Auftrag / gemäß Gesetz) fällen, sowie jene, die das Todesurteil (in staatlichem Auftrag) vollstrecken. Und auch alle Staaten als juristische Personen, die entsprechende Gesetze im Repertoire haben, entsprechen diesem Täterprofil.

Alle Staaten, in denen Todesurteile ausgesprochen und vollstreckt werden, entsprechen diesem Täterprofil. Sie machen sich aufgrund ihrer Gesetze selber zu Mördern.

Ausgenommen hiervon sind m.E. Polizeibeamte in Notsituationen, die während einer Geiselnahme — gewissermaßen stellvertretend für die Geisel — in Notwehr, wenn eine andere Möglichkeit nicht besteht, einen „finalen Rettungsschuss“ gegen den Geiselnehmer richten. Denn eine Notwehrsituation ist kein Strafverfahren, kein Gerichtsprozess.

Der Wunsch, einen Mörder oder sonstigen Gewaltverbrecher hinzurichten, entspringt dem Gedanken des Heimzahlens, der Rache. Mit Strafe hat dies nichts zu tun, sehr wohl aber mit der Neigung, Hassgefühle auszuleben — und sei es stellvertretend (vgl. Sündenbockprojektion sowie Opferkult).

Für manche Befürworter der Todesstrafe hat das Festhalten an ihr quasireligiöse Züge.

Anzumerken bleibt, dass es Todesurteile aufgrund von Diffamierungen sowie insbesondere aufgrund von Justizirrtümern weltweit bereits mehrfach gegeben hat.

Zum Abschluss des Beitrags ein Zitat des Ende Dezember 2018 verstorbenen israelischen Schriftstellers Amos Oz — im NZZ-Interview vom 18.3.2015

Jede Katastrophe der Entmenschlichung in der Geschichte beginnt mit der Entmenschlichung der Sprache.

Amos-Oz_Zitat_quer

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Beitragsbild: aus aktuellem Anlass habe ich als Beitragsbild eine leere Fläche gewählt.




Von Ebenbildern und Ängsten


Gott-und-das-Baertierchen_excfvUnsatirisch über’s Gottvertrauen

Es gilt manchen als unumstößliche Gewissheit, dass Gott uns Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hat. Im 1. Buch Mose, der Genesis, 1,26 und 1,27 heißt es dazu:

Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.

Warum Gott uns Menschen auserkoren hat, sein Ebenbild zu sein, und nicht eines seiner anderen Geschöpfe — oder gleichberechtigt auch alle anderen neben uns Menschen — ist sein Geheimnis, das er wohl mit ins Grab nehmen wird. Unverständlich erscheint mir auch, warum Frauen und Männer in manchen Sozialgefügen oder Vereinen nicht gleichberechtigt sind, obwohl Gott sie laut den zitierten Sätzen aus der Genesis doch beide als seine Ebenbilder erschaffen hat.

So manchen, die von unserer Ebenbildlichkeit überzeugt sind, reicht diese jedoch möglicherweise nicht, und so meinen sie, ein wenig nachhelfen und in die Resultate der Schöpfung eingreifen, aus religiösen Gründen ein wenig nachbessern zu müssen.

* * *

Im Mai 2012 fällte das Landgericht Köln ein vielbeachtetes Urteil zur Knabenbeschneidung, wie sie insbesondere im Judentum und im Islam üblich, aber auch z.B. in den Philippinen und den USA bei Christen weit verbreitet ist, und wertete dieses Ritual, das mich mehr an Voodoo denn an Religion (Gottes- / Göttinverehrung) erinnert, als strafbewehrte Körperverletzung (gemäß § 223 StGB). Im Verlauf der anschließenden öffentlichen Debatte wurde, soweit ich diese verfolgt habe, von keinem Politiker, keinem Journalisten und auch keinem Juristen die Frage aufgeworfen, was das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung mit dem im Artikel 4 Satz 2 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland zwar gewährleisteten, aber keineswegs uneingeschränkt garantierten Recht der „ungestörten Religionsausübung“ zu tun hat. Auch wurde m.W. nicht erörtert, inwieweit es das Erziehungsrecht der Eltern beinhaltet, kleine Kinder oder wehrlose Babies zu verstümmeln, Kinder dadurch „erzogen“ werden.

Aus Angst ?

Stattdessen wurde – m.E. mehr in Wort­hülsen und in Sprechblasen, die bei mir teils den Eindruck von Drohungen hinterließen statt mit Fakten unterlegt zu sein – „argumentiert“, die Religionsfreiheit würde eingeschränkt oder es würden Menschen deswegen gar ihrer Identität oder ihrer Lebensgrundlage beraubt.

Die Zirkumzision mag in Einzelfällen aus medizinischen Gründen geboten sein, aber: Wenn ich jemandem auf der Straße begegne, sehe ich ihm gar nicht an, ob er beschnitten ist oder nicht, kann seine mögliche Religionszugehörigkeit an diesem Merkmal folglich nicht erkennen — und habe auch nicht das Bedürfnis, dies näher zu untersuchen.

Falls das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung – entgegen der Aussage in unserem Strafgesetzbuch – keine Straftat sein sollte, was ist es dann? Oder ist Körperverletzung nur dann keine Straftat, wenn sie „religiös“ intendiert ist? Soll also das Begehen von Straftaten dann legitimiert sein, wenn dies als zur „ungestörten Religionsausübung“ gehörend deklariert wird? Das könnte einen beträchtlichen Interpretations- und Handlungsspielraum eröffnen. Siehe auch: BGB § 1631d, in Kraft getreten am 28.12.2012 sowie die Begründung dazu.

* * *

Das Vertrauen in die Fähigkeiten Gottes sowie in die Überzeugung, dass er uns Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hätte, scheint mir bei jenen sehr gering zu sein, die meinen, seine Schöpfung z.B. durch ein Herumschnippeln an wehrlosen Babies oder an unmündigen Kindern verbessern zu müssen um damit möglicherweise einen Bund mit ebendiesem Gott herzustellen. Hat sich Gott dazu schon geäußert, ist er damit einverstanden? Vielleicht verhöhnen sie ihren Gott damit sogar als jemanden, der die Sache nicht perfekt auf die Reihe bekommen hat. Diesbezüglich von Hybris zu sprechen, erschiene mir jedoch unpassend, da diese voraussetzen würde, dass es besagten Gott tatsächlich und nachweislich geben müsste. Auch die Gleichberechtigung von Frau und Mann nicht anzuerkennen, spricht nicht davon, dass jemand von der Ebenbildlichkeit überzeugt wäre. Es ist wohl eher ein Ausdruck von der Angst davor, gesellschaftliche sowie politische Gestaltungsmöglichkeiten und Macht teilen zu müssen.

Eckhardt Kiwitt, Freising

Siehe auch den Beitrag Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit und Fehlverhalten auf dieser Website

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Beitragsbild:
Collage / Bearbeitung aus Michelangelo: Die Erschaffung Adams (Wikipedia) und
Das Bärtierchen Milnesium tardigradum (Wikipedia)




Missverstandene Religionsfreiheit


Religionsfreiheit ist ein umstrittener Begriff. In manchen Ländern hat sie weitreichende Gültigkeit und ist gesetzlich oder verfassungsrechtlich garantiert; manch einer weiß mit dem Begriff möglicherweise nichts anzufangen, da er sich ein Leben ohne seine Religion nicht vorstellen mag.

1.: In Deutschland ist die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses gemäß GG Artikel 4 Satz 1 unverletzlich.

2.: Darüberhinaus wird die ungestörte Religionsausübung gemäß GG Artikel 4 Satz 2 gewährleistet.

Zum Verständnis dieser beiden Sätze und Sachverhalte ein paar Worte:

Zu 1.: Ich unterscheide zwischen

  • dem Glauben;
  • dem öffentlichen Bekenntnis zu diesem Glauben;
  • dem Zurschaustellen des Bekenntnisses durch Zeigen von Symbolen;
  • dem Ausführen von Handlungen im Rahmen der Religionsausübung.

.

Die Freiheit des Glaubens ist selbstverständlich in jedem Fall unverletzlich, da das Glauben in unseren Köpfen stattfindet, und es anderen Menschen gar nicht möglich ist, zu wissen, was jemand glaubt, solange er sich dazu nicht äußert. Man kann es sich z.B. daheim auf dem Sofa bequem machen und etwas glauben, ohne dass andere davon etwas erfahren.

Die Unverletzlichkeit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses ist zwar lt. GG Artikel 4 Satz 1 gegeben. Dies schließt jedoch nicht in jedem Fall aus, dass jemandem wegen seines (religiösen oder) weltanschaulichen Bekenntnisses Nachteile entstehen können.

Nehmen wir an, ein Jurist, z.B. ein Richter in Deutschland am Verfassungsgericht oder an einem anderen Gericht, bekennt sich öffentlich dazu, dass er glaubt, dass es den Holocaust, jenen staatlich organisierten Massenmord während des Dritten Reiches, nicht gegeben hätte. Ob dieser Jurist / Richter am Gericht tragbar ist, sei dahingestellt. M.E. ist er es nicht — siehe u.a. Deutsches Richtergesetz § 39, aber auch Beamtenstatusgesetz § 33 sowie Mäßigungsgebot (Wikipedia) –, auch wenn er selbstverständlich glauben darf, was er will. Er würde nach meinem Verständnis die weltanschauliche Neutralität des Gerichts diskreditieren.

Würde dieser Richter sein weltanschauliches Bekenntnis dadurch untermauern und zum Ausdruck bringen, dass er in hochglanzpolierten Springerstiefeln mit weißen Schnürsenkeln zum Dienst erscheint oder während einer Gerichtsverhandlung in solchem Schuhwerk auftritt, wäre er in seinem Amt wahrscheinlich untragbar. Gleiches gilt, wenn er z.B. mit einem Roten Stern mit Hammer und Sichel am Revers als Richter an einer Gerichtsverhandlung teilnehmen wollte. Durch das Zeigen solcher Symbole würde er aus meiner Sicht die weltanschauliche Neutralität des Gerichts sowie das dem Gericht entgegengebrachte Vertrauen in dessen Unabhängigkeit untergraben.

Im Übrigen gibt es für einige Berufe eine Anzugsordnung.

Würde dieser Richter über sein bloßes Bekenntnis hinaus leugnen, dass es den Holcaust während des Dritten Reiches gegeben hat, würde er sich in Deutschland und in mehreren anderen Ländern strafbar machen.

Zu 2.: Ungestörte oder uneingeschränkte Religionsausübung

Das Recht der ungestörten Religionsausübung bezieht sich nach meinem Verständnis darauf, religiöse oder religiös begleitete Veranstaltungen oder Riten ohne Störung von außen abhalten zu dürfen, also z.B.

  • Initiationsriten wie Taufe
  • Gottesdienst
  • Beichte
  • Gebet
  • Prozession
  • Begräbnis

solange während dieser keine Straftaten begangen oder zu Begehung von Straftaten aufgefordert wird.

Das Begehen von Straftaten als religiösem oder religiös deklariertem Ritus ist m.E. durch die Gewährleistung dieses Grundrechts nicht gedeckt — im Gegenteil. Sollten Exekutivorgane davon Kenntnis erlangen, werden sie in einem solchen Fall die Religionsausübung vermutlich nicht nur stören, sondern unterbinden.

Nach meinem Verständnis sind also weder die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses noch die ungestörte Religionsausübung — vulgo Religionsfreiheit — grenzenlos.

Die Zulässigkeit der Beschneidung des männlichen Kindes gemäß BGB § 1631d, also des Zufügens einer irreversiblen Körperverletzung, ist nach meiner Einschätzung einer gesellschaftspolitischen Abwägung geschuldet, der ich ambivalent gegenüberstehe (siehe «Angst», darin Punkt 5).

* * *

Zuweilen wird in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, darüber debattiert und gestritten, ob das Tragen religöser Symbole z.B. in Gerichtssälen erlaubt sein soll oder nicht.
Insbesondere geht es in diesen Debatten und Rechtsstreitigkeiten darum, ob es einer Frau in staatlicher Funktion erlaubt sein soll, z.B. während einer Gerichtsverhandlung, an der sie als Rechtsreferendarin teilnimmt, ein Kopftuch als Ausdruck ihrer Religionszugehörigkeit bzw. ihres religiösen Bekenntnisses zu tragen.

Argumentiert wird in solchen Fällen u.a., dass man einen Menschen, der seine Religionszugehörigkeit oder sein religiöses Bekenntnis nicht symbolisch zur Schau stellen darf, zum Berufsverbot verurteilt.

Nicht nur, dass manch einer, der in einem solchen Fall unter Hinweis auf die Religionsfreiheit von "Berufsverbot" schreibt oder spricht, Partei für ein despotisches System ergreift in dem es keine Religionsfreiheit gibt, für ein System, dessen "religiöse" Gesetze und Vorschriften häufig mit den in unserer Verfassung garantierten Grundrechten sowie mit mehreren Menschenrechten kollidieren, und in dem auf Apostasie auch heutzutage noch die Todesstrafe steht, die in Deutschland gemäß GG Artikel 102 verfassungswidrig ist (ungeachtet, in welchen Ländern Urteile aufgrund dieses "religiösen" Gesetzes gesprochen oder vollstreckt werden: es ist gültiges islamisches Gesetz, siehe den WB-Beitrag Religion und Zynismus, Tradition und Tabu vom 3. März 2019). Er verkennt auch, dass von einem Berufsverbot gar nicht die Rede sein kann — denn jemand, der seine Religionszugehörigkeit durch das Zeigen von Symbolen zur Schau stellen möchte, droht in Deutschland kein Berufsverbot von staatlicher Seite. Lediglich das Zurschaustellen der Religionszugehörigkeit oder des religiösen Bekenntnisses mittels eines Symbols wird während der Berufsausübung untersagt, aber nicht die Berufsausübung als solche. Zumal dieses Zurschaustellen für die Berufsausübung nicht erforderlich ist und mit dieser in keinem sachlichen Zusammenhang steht. Im Gegenteil würde dadurch in diesem konkreten Fall die weltanschauliche Neutralität des Gerichts sowie das dem Gericht entgegengebrachte Vertrauen in dessen Unabhängigkeit untergraben.

Auch die Religionsfreiheit — siehe oben, sowie den GG Artikel 140 — wird dadurch nicht versagt, dass in etlichen Berufen während der Berufsausübung — Stichwort Anzugsordnung — ein bestimmter Dresscode vorgeschrieben sein kann. Dies betrifft nicht nur Richter oder Rechtsreferendarinnen, sondern z.B. auch Polizeibeamte, Soldaten, Feuerwehrleute, Bedienstete in Krankenhäusern wie z.B. Chirurgen und einige mehr, die während der Berufsausübung ihre Individualität aus ganz praktischen Gründen oder zugunsten einer Gruppe oder eines Verbandes zurückstecken müssen.
Es ist nach meinem Verständnis umgekehrt so, dass jemand, der (als Demonstration eines Machtanspruchs?) darauf beharrt, seine Religionszugehörigkeit bzw. sein religiöses oder weltanschauliches Bekenntnis durch das Zeigen von Symbolen überall und jederzeit herauszustellen, sich selbst u.U. ausgrenzt — sich selbst diskriminiert — und sich ggf. selbst von der Berufsausübung ausschließt, wenn er auf das Zeigen dieser Symbole nicht verzichten will.

Es steht jedem frei, die tatsächlichen oder vermeintlichen Gesetze seiner Religion im persönlichen Bereich zu beachten und zu befolgen. Diese Gesetze jenseits des privaten / persönlichen Bereichs über die Gesetze des Staates zu stellen — und damit den Staat womöglich untergraben zu wollen —, ist durch die Religionsfreiheit nicht legitimiert.

* * *

Abschließend eine Anmerkung, auch wenn diese falsch verstanden werden könnte:

Ob in Europa bislang — mit Verweis auf die Religionsfreiheit — jemals eine Forderung erhoben wurde, während einer Gerichtsverhandlung eines der fünf täglichen islamischen Pflichtgebete sprechen zu dürfen, inclusive Ausrollen eines Gebetsteppichs im Gerichtssaal und vielleicht sogar bewaffnet, wie es der Koran in Sure 4 Vers 102 "vorschlägt", ist nicht überliefert.

Eckhardt Kiwitt, Freising

Dieser Beitrag ist in einer früheren Fassung am 11. Juli 2017 auf der Website Das Islam-Prinzip erschienen.

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Ergänzend:

sowie

Siehe auch die Kolumne Das Islam-Paradox
von Jochen Bittner, DIE ZEIT, 26. Oktober 2017

[…] Die Geltung eines Grundrechts hängt nicht davon ab, wie sein Träger mit diesem Grundrecht umgeht. Sehr wohl eingeschränkt werden kann allerdings die Ausübung eines Glaubens.

sowie den Kommentar Auch über den Islam darf gestritten werden
von Malte Lehming, DER TAGESSPIEGEL, 27. Oktober 2017

[…] Wer stiehlt, darf deshalb nicht bestohlen werden. Auch Anhängern eines Glaubenssystems, das selbst keine Religionsfreiheit gewährt, steht das grundgesetzlich garantierte Recht auf Religionsfreiheit zu.

und Religionsfreiheit: Lieber Recht als rechts
von Hans Michael Heinig, DIE ZEIT, 2. November 2017

Die Religionsfreiheit gilt unabhängig davon, wie modern die Religionskultur ist, der jemand anhängt.

Bild oben:
Ausriss aus dem Titelblatt der "Short Declaration of the Mystery of Iniquity" (Eine kurze Erklärung des Geheimnisses der Ungerechtigkeit), einer Forderung nach Religionsfreiheit aus dem 17. Jhdt. von Thomas Helwys. (Wikipedia)




Religion und Zynismus, Tradition und Tabu


Rechtsgutachten_betr_Apostasie_im_Islam_2_kleinc

Fatwa von al-Azhar (Kairo, 1978):
«Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes»

Die islamrechtliche Todesstrafe bei Apostasie, von mir erstmals thematisiert in dem Aufsatz Das Islam-Prinzip aus dem Jahr 2006, ist für manche ein Tabuthema, über das sie nicht reden, ja das sie einfach ausblenden, totschweigen; für andere mag das Thema zwar unangenehm sein, doch immerhin sprechen oder schreiben sie offen darüber [1].

Manche halten die islamrechtliche Todesstrafe bei Apostasie für eine (länderspezifische) Tradition, von der sie meinen, dass sie nichts mit der Religion zu tun habe. Demnach hätte die islamrechtliche Todesstrafe bei Apostasie nichts mit (dem) Islam zu tun. Darüber mag man geteilter Meinung sein.

In einer älteren Version des Wikipedia-Beitrags zum Thema Ridda war zu lesen:

[…] Derjenige, der vom Islam abgefallen ist, wird Murtadd (Apostat) genannt. Nach dem klassischen islamischen Recht ist die Todesstrafe die allgemein akzeptierte und in der Sunna des Propheten verankerte Strafe für Apostaten. Dabei beziehen sich die verschiedenen Rechtsschulen auf überlieferte Aussagen des Propheten Mohammed, Hadith, wie: „tötet denjenigen, der seine Religion wechselt“. […]

Die derzeitige Version dieses Wikipedia-Beitrags (11. Januar 2018 um 15:50 Uhr) zitiert u.a. ein Rechtsgutachten (fatwa) des Fatwa-Ausschusses der Azhar-Universität in Kairo aus dem Jahr 1978 (siehe die Abbildung oben in arabischer Schrift), in dem es heißt:

al-Azhar. Fatwa-Ausschuss.
Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes.
Frage des Herrn Ahmad Derwisch; er hat diese Frage durch Herrn (Name nicht sichtbar), deutscher Staatsangehörigkeit, vorgelegt:
Ein Mann muslimischen Glaubens und ägyptischer Staatsangehörigkeit heiratete eine Frau christlichen Glaubens und deutscher Staatsangehörigkeit. In Übereinstimmung der Eheleute trat der genannte Muslim in die christliche Religion ein und schloss sich dem christlichen Glauben an.
1. Was ist das Urteil des Islams über den Status dieser Person mit Hinblick auf die islamischen Strafen?
2. Werden seine Kinder als Muslime oder als Christen angesehen? Was ist das Urteil?“

Die Antwort:

„Alles Lob gebührt Gott, dem Herrn der Welten. Segen und Friede sei mit dem Siegel der Propheten, unserem Herrn Muhammad, seiner Familie und allen seinen Gefährten.
Hiermit erteilen wir Auskunft: Da er vom Islam abgefallen ist, wird er zur Reue aufgefordert. Zeigt er keine Reue, wird er islamrechtlich getötet.
Was seine Kinder betrifft, so sind sie minderjährige Muslime. Nach ihrer Volljährigkeit, wenn sie im Islam verbleiben, sind sie Muslime. Verlassen sie den Islam, werden sie zur Reue aufgefordert. Zeigen sie keine Reue, werden sie getötet.
Und Gott der Allerhöchste weiß es am besten.

(unleserliche Unterschrift):
Der Vorsitzende des Fatwa-Ausschusses in der Azhar.

Datum: 23. September 1978

Screenshot aus dem Wikipedia-Beitrag zu Ridda

Abgesehen von den im Nachhinein zynisch wirkenden Eingangsworten dieses Rechtsgutachtens („Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes“): Tradition ist die islamrechtliche Todesstrafe bei Apostasie gemäß diesem Rechtsgutachten durchaus. Allerdings hat diese Tradition auch etwas mit der Religion und mit (dem) Islam zu tun, ja sie entspricht ganz und gar islamischem Recht.

Statt nun die islamrechtliche Todesstrafe bei Apostasie zu leugnen, sie totzuschweigen oder gar andere Menschen über ihre Rechtsgültigkeit unzutreffend zu informieren, fände ich es angebracht, wenn darauf hingewirkt würde, dass sie weltweit abgeschafft wird.
Dass dies für Muslime kein leichtes Unterfangen ist, steht außer Frage, denn damit müssen sie sich von geltendem islamischem Recht nicht nur distanzieren, sondern es für unwirksam und für ungültig erklären — was ihnen den Vorwurf der Apostasie einbringen kann, auf die islamrechtlich die Todesstrafe steht. Sie müssten dem Islamerfinder, dem „Propheten“ Mohammed, widersprechen und ebenso den Rechtsgelehrten höchster islamischer Instanzen. Eine Zwickmühle, aus der es zwar keinen leichten Ausweg gibt, die aufzubrechen bei entsprechender zahlreicher Beteiligung jedoch durchaus möglich ist.
Dem Islam käme damit allerdings sein wichtigstes Machtinstrument abhanden …

Eckhardt Kiwitt, Freising

Der Beitrag ist zuerst am 12. Januar 2018 auf Das Islam-Prinzip erschienen.

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Bild oben: Rechtsgutachten betr Apostasie im Islam; Benutzer: Orientalist
[1]: Der Islam und der Westen sind jetzt gemeinsam gefordert; Khola Maryam Hübsch in der Zeitschrift Cicero am 16. Januar 2015
Siehe auch den Beitrag Apostasy in Islam (English version).




Toleranz und Wertschätzung


DuAToleranz ist ein vielbemühter Begriff im Umgang mit Menschen aus anderer Herren und Damen Länder, aus anderen Kulturkreisen, Menschen mit anderen Wertvorstellungen oder mit anderen Weltanschauungen als der eigenen. Toleranz ist jedoch auch ein manchmal missverstandener oder unzutreffend interpretierter Begriff, und die Grenze zur Heuchelei ist dabei bisweilen nicht weit entfernt.

Ein Erlebnis aus den 1990er Jahren ist mir in Erinnerung, welches anschaulich macht, was Toleranz nicht ist (vgl. den letzten Satz dieses Beitrags). In einem kleinen Restaurant saß ein junges Ehepaar mit seinen Kindern an einem Nachbartisch, das Rauchen war seinerzeit in Gaststätten in Bayern noch erlaubt. Der Familienvater zündete sich eine Zigarette an, was sein ca. achtjähriger Sohn unter Tränen wegen der für ihn als unerträglich empfundenen Geruchsbelästigung deutlich missbilligte und darum bat, aufs Rauchen bei Tisch und in einem geschlossenen Raum zu verzichten. Der Vater erwiderte seinem Sohn, er möge doch tolerant sein. Umgekehrt schien es dem Familienvater nicht möglich oder zumindest nicht angemessen, dem Wunsch seines Kindes zu entsprechen.

Im Umgang mit religiösen oder ethnischen Minderheiten ist der Toleranzbegriff in den letzten Jahrzehnten und bis in die Gegenwart hinein (vgl. Das selbstherrliche Gott — oder: Vom Ende absoluter Macht, letztes Drittel) oft ein wenig überstrapaziert worden. In einem satirischen Beitrag aus dem Mai 2018 wird einer Politikerin einer seit vielen Jahren im Deutschen Bundestag vertretenen Partei etwas untergeschoben, das, vergleicht man es mit anderen Aussagen, die aus dieser Partei bisweilen zu vernehmen sind (siehe den Beitrag „Gastfreundschaft, Wertschätzung und religiöse Diktate“, vierter Absatz), von der Realität nicht weit entfernt scheint: «Ein Verkaufsverbot für Alkohol während des Ramadans sei ein „wichtiges Zeichen für die Toleranz“».

Karl Raimund Popper (1902-1994), ein österreichisch-britischer Philosoph, schrieb in einem seiner Bücher: „Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“ („We should therefore claim, in the name of tolerance, the right not to tolerate the intolerant.“).
Der Widerspruch in seiner Aussage ist ihm möglicherweise nicht aufgefallen, denn sobald man die Intoleranz nicht toleriert, wird man selber intolerant. Wie aber will man in dem Fall mit sich selbst umgehen?

Zutreffender und im Nachgang der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft hat es der SPD-Politiker Dr. Carlo Schmid in seiner Rede vor dem Parlamentarischen Rat am 8. September 1948 formuliert, als er vom „Mut zur Intoleranz denen gegenüber“ sprach, „die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen“.

Grenzen der Toleranz wurden der Weltöffentlichkeit Ende Dezember 1989 drastisch vor Augen geführt. In Rumänien hatte der Diktator Nicolae Ceaușescu die Menschen jahrzehntelang tyrannisiert, und die Rumänen, ein duldsames, also tolerantes Volk, wussten dagegen lange Zeit nichts zu unternehmen. Erst nach dem Fall der Berliner Mauer und noch vor dem sich abzeichnenden Zusammenbruch des Warschauer Pakts und dessen Schutzmacht Sowjetunion begehrten die Menschen in dem Land während einer Rede Ceaușescus auf, wenige Tage später wurde der Tyrann nach einem Prozess und Urteil hingerichtet, ermordet, ein Racheakt, den ich niemals gutheißen kann und der sich, wie jedes Todesurteil, bislang noch immer und überall als kontraproduktiv erwiesen hat.

In seinem Buch «Kritik der reinen Toleranz» schreibt Henryk M. Broder: „Tolerieren bedeutet wörtlich dulden, gewähren lassen. Wer die Güte hat, jemand zu tolerieren, hat auch die Macht, ihn zu vernichten, wenn er es sich anders überlegt hat.“

Man duldet — toleriert –, was man im Grunde nicht mag. Mit Wertschätzung hat Toleranz also nichts zu tun. Toleranz geht einher mit Geringschätzung, die bis in den Bereich der Verachtung und der Feindschaft reichen kann.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Beitragsbild:
tolerandus & acceptus — Auszug aus einem Lateinisch-Deutsch-Wörterbuch
(1979, eigenes Bild)

Weblinks:
Toleranz, Wikipedia
Trefflich: Brief an die Heuchler
Grüne Niedersachsen, „gegen […] Intoleranz“
Berliner Express, 28. Mai 2018 (eine Satire)
Das selbstherrliche Gott — oder: Vom Ende absoluter Macht, Wissenbloggt
Gastfreundschaft, Wertschätzung und religiöse Diktate, Wissenbloggt
Karl Raimund Popper, Wikipedia
Karl Raimund Popper, Wikiquote
Google Books, Karl Raimund Popper, The Open Society and Its Enemies, Band 2
Was heißt eigentlich: Grundgesetz? (PDF), von Dr. Carlo Schmid (SPD)
Nicolae Ceaușescu, Wikipedia
Fall der Berliner Mauer, Wikipedia
Tyrannenmord, Wikipedia

Weiterführend:
Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit und Fehlverhalten, Wissenbloggt
Jeder soll nach seiner Façon selig werden, Wissenbloggt




Das selbstherrliche Gott -- oder: Vom Ende absoluter Macht


Brückenbauer

— Brückenbauer —

Heißt es nicht „der Gott“? Eigentlich ja. Aber warum? Sollte ich hier fürderhin und fairerweise nicht immer auch „die Göttin“ nennen, was die Lesbarkeit des Textes nicht erleichtert? Also rede und schreibe ich künftig „das Gott“.

Zwar kann man bei diesem Gott keine Wechselwirkungen beobachten oder sonstwie feststellen, weshalb man das Gott von etwas, das nicht existiert, nicht unterscheiden kann und weshalb wir annehmen dürfen, dass es das Gott — außer als Idee in den Köpfen von Menschen — gar nicht gibt. Der Funktion Gottes als Machtinstrument tut dies jedoch keinen Abbruch.

In der Frühzeit der Kulturgeschichte der Menschheit, als viele Leute weder lesen noch schreiben konnten — oder als es noch gar keine Schriftzeichen gab — mag es noch angegangen sein, dass sich ein Ältester, ein Familienoberhaupt, ein Clanchef zum Zweck der „Gesetz“gebung eines selbstherrlichen Gottes bedient hat, um den Vorschriften und Rechtssätzen, die er für die Gemeinschaft, für das Sozialwesen, verfügt hat, eine unangreifbare Autorität zur Seite zu stellen, die Rechtssätze zu untermauern und sie durchsetzen zu können.

Manchem selbstherrlichen Potentaten kam — und kommt — ein selbstherrliches Gott als Ebenbild auch in späteren Jahrhunderten und teils bis in die Gegenwart vermutlich nicht ungelegen. Für echte Monarchen (Alleinherrscher) ist es ein Glücksfall. Wikipedia schreibt dazu:

In Erbmonarchien wird der Herrschaftsanspruch des Staatsoberhauptes in der Regel auf eine göttliche Bestimmung zurückgeführt (sakrale Elemente).

In demokratischen Rechtsstaaten werden Gesetze nicht durch göttlichen Ratschluss selbstherrlich verfügt, die Regierungen und Parlamente führen ihren Herrschaftsanspruch nicht auf eine göttliche Bestimmung zurück, sondern werden in freien und geheimen Wahlen von den Bürgern ihrer Länder zu deren Stellvertretern gewählt, Macht wird ihnen von den Bürgern übertragen — und gegebenenfalls in eben solchen Wahlen auch wieder genommen. Darüber hinaus gilt der Grundsatz der Gewaltenteilung, der sicherstellt, dass nicht eine Instanz über absolute Macht verfügt.

* * *

Zu Beginn des Jahres 2019 gab es beinahe täglich eine Vielzahl von Berichten über sexuellen „Missbrauch“, begangen durch „Geistliche“. Das Wort „Missbrauch“ für diese Art Straftaten — die von den Opfern vermutlich als traumatisierende Verbrechen wahrgenommen werden — scheint mir eine Verharmlosung zu sein. Die katholische Kirche, regiert aus einer absoluten Wahlmonarchie im Stadtgebiet der italienischen Hauptstadt Rom, aus deren Reihen so manche der Täter stammen, tut sich mit der Aufarbeitung erkennbar schwer.

Umso erstaunlicher finde ich es, dass der Wiener Kardinal Christoph Schönborn dieser Tage Strukturreformen für den Verein, dem er angehört, fordert:

„Wir brauchen einen Reformschritt in Richtung Gewaltenteilung“, sagt der Wiener Kardinal Christoph Schönborn im APA-Interview. Die Macht der Bischöfe und Pfarrer brauche mehr Kontrolle. Die Gewaltenteilung sei in der Kirche noch zu wenig entwickelt, darüber hinaus müsse die Rolle der Frau in der Kirche gestärkt werden …

Zwar mögen die Sexualmoral der Kirchen sowie der Zölibat ihren Beitrag zum Fehlverhalten Einzelner leisten. Wer Macht über das Sexualverhalten von Menschen hat, wer dieses kontrollieren kann, der hat ungebührlich viel Macht über diese Menschen, deren empfundene Machtlosigkeit — insbesondere vielleicht bei Männern — in Ersatzhandlungen münden kann. Wichtig anzumerken ist mir jedoch, dass es sexuellen „Missbrauch“ und andere Formen von Machtmissbrauch auch außerhalb von Religionsgemeinschaften gibt, ja selbst innerhalb von Familien.

* * *

In die ersten Wochen des Jahres 2019 fiel ein Besuch des Papstes Franziskus in die Vereinigten Arabischen Emirate — die erste Visite eines Papstes auf die Arabische Halbinsel. In dem Staatenbund der VAE wurde das Jahr 2019 zum Jahr der Toleranz erklärt. „Tolerieren“ bedeutet allerdings lediglich „dulden, gewähren lassen“ — man duldet etwas oder jemanden ggf. solange, bis man es sich anders überlegt hat. Ein gegenseitiges Akzeptieren ist damit also nicht gemeint. Wer und was konkret geduldet — „toleriert“ — werden soll, geht aus dem Begriff nicht hervor. Immerhin haben die VAE ein paar symbolische Zeichen der Duldung — der Toleranz — gesetzt, darunter gar ein Ministerium für Toleranz.

Will man es in den VAE künftig z.B. wenigstens dulden, wenn Bürger des Landes aus der Religionsgemeinschaft austreten, der sie per Geburt angehören? Das würde Religionsfreiheit bedeuten.
Wollen sich Glaubensgemeinschaften gegenseitig nur dulden? Da man doch angeblich an das eine, das gleiche Gott glaubt, scheint mir eine bloße Duldung recht wenig zu sein. Warum nur Duldung und nicht ein Zusammenschluss zum gemeinsamen Glauben — oder wenigstens eine Duldung der Mitgliedschaft in mehr als nur einer Religionsgemeinschaft? Man kann schließlich gleichzeitig Mitglied in z.B. einem philosophischen Debattierclub, in einem Taubenzüchterverein und in einem Angelverein sein. Das eine schließt das andere nicht aus.

Geht es möglicherweise gar nicht ums Glauben — sondern um ganz schnöde, weltliche Macht, gestützt auf ein selbstherrliches Gott als Ebenbild selbstherrlicher Potentaten?
Wieviel Macht wären sie wohl bereit abzugeben oder zu teilen?

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Weiterführende Artikel:
FAZ: Katholiken fordern Wende in der Kirche
FAZ: „Die Sonne der Gerechtigkeit kommt nicht mehr durch“
NZZ: Papst Franziskus in Abu Dhabi: «Religionen sollen sich mehr gegen Krieg und Terror einsetzen»
Tagesspiegel: Das Ende des Zölibats scheint möglich
FAZ: Reden, schreiben, handeln
SZ: Wichtiger Impuls für die christlich-islamische Annäherung
Tagesspiegel: Schöner Schein im Reich des Scheichs
ZEIT: Empfang mit militärischen Ehren in Abu Dhabi
Spiegel: Der Scheich trügt
FAZ: Gemeinsam gegen Terrorismus und Extremismus
SZ: Jahrtausend-Konzil im Vatikan
Der Standard: Kardinal Schönborn für Gewaltenteilung in der katholischen Kirche
Spiegel: «Dem Monster ins Auge schauen»
NZZ: Die katholische Kirche findet nur aus ihrer existenziellen Krise, wenn sie ihre Sexualmoral reformiert

Beitragsbild:
Bauklotz, Wikimedia, User: An-d
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bauklotz_rot.jpg




Gastfreundschaft, Wertschätzung und religiöse Diktate


Buffet-1-96Als ein religiös und weltanschaulich neutraler Staat garantiert Deutschland in unserer Verfassung, dem Grundgesetz, in Artikel 4 die Freiheit des Glaubens, des Gewissens sowie die Freiheit des religiösen und des weltanschaulichen Bekenntnisses. Der Staat selbst hat jedoch weder eine Staatsreligion noch eine Staatsweltanschauung.

Im November 2018 richtete der amtierende Innenminister der Bundesrepublik Deutschland eine Fortsetzungsveranstaltung der „Deutschen Islam Konferenz“ DIK in Berlin aus. Zu dieser Veranstaltung war eingeladen worden, es wurde jedoch niemand zur Teilnahme gezwungen, sie war freiwillig und oblag den Eingeladenen. Den Teilnehmern und Gästen, unter ihnen auch Journalisten, wurden, wie es bei solchen Anlässen üblich ist, während der langen Veranstaltung selbstverständlich Speisen und Getränke angeboten, da der Veranstalter nicht davon ausgehen kann, dass sich jeder sein Pausenbrot selbst mitbringt. Unter den angebotenen Speisen befanden sich Medienberichten zufolge (siehe [1], [2] und [3]) u.a. Häppchen mit Blutwurst.

Dass der Verzehr von Blut wie auch der Verzehr von Schweinefleisch im Islam aufgrund überkommener religiöser Vorschriften verboten ist (siehe Koran, Sure 5 Vers 3), ist einerseits wohl hinlänglich bekannt. Weniger bekannt ist möglicherweise, dass nicht alle Muslime diese Verbote befolgen. Weniger bekannt ist möglicherweise auch, dass die hygienischen Umstände, die einst zu diesen Verboten geführt haben, heute nicht mehr fortbestehen. Andererseits wurde während dieser Veranstaltung der DIK niemand dazu genötigt, die angebotenen Speisen zu verzehren — sie waren lediglich in dem breit gefächerten Angebot enthalten, das neben anderen Fleischsorten sogar Speisen u.a. für Vegetarier enthielt.

Einer der anwesenden Journalisten, dessen Name, Herkunft, Religionszugehörigkeit und Beschäftigungsverhältnis für mich keine Rolle spielen (Interessierte können dies in den verlinkten Zeitungsartikeln finden), kritisierte das breite Speisenangebot dennoch und meinte u.a. „Ein wenig Respekt vor Muslimen, die kein Schweinefleisch essen, wäre angebracht“.
Der ehemalige religionspolitische Sprecher einer seit langem im Deutschen Bundestag vertretenen Partei, die sich aus meiner Sicht in den vergangenen Jahrzehnten häufig mit rechtsreaktionärem Despotismus solidarisiert hat sofern dort das Etikett „Islam“ draufklebt, und die in ihrem Namen die Farbe des Islams trägt, sekundierte dem Journalisten laut Medienberichten mit dem Satz „Vielfalt wahrnehmen heißt auch unterschiedliche Gewohnheiten berücksichtigen“.

Genau dies, „unterschiedliche Gewohnheiten berücksichtigen“, hat der Ausrichter der DIK jedoch gemacht, weshalb es an der Entscheidung, den Teilnehmern und Gästen der Konferenz Speisen und Getränke für verschiedene Geschmäcker und unter Berücksichtigung verschiedener Weltanschauungen anzubieten, nichts auszusetzen gibt. Ein wenig befremdlich wirkt auf mich hingegen eine Beinahe-Entschuldigung des Innenministeriums, die mit den Worten zitiert wird „Sollten sich einzelne Personen […] in ihren religiösen Gefühlen gekränkt gesehen haben, bedauern wir dies“.

Ich meine, dass sich ein freiheitlicher demokratischer Rechtsstaat, der keine Staatsreligion und keine Staatsweltanschauung hat, in seinem Wertegefüge niemals den Diktaten von Religionen beugen darf, weil dieser Staat ansonsten seine religiöse und weltanschauliche Neutralität zur Disposition stellen würde.

Interessant könnte sein, ob während des in Deutschland seit dem Jahr 1997 stattfindenden «Tags der offenen Moschee» am 3. Oktober den nichtmuslimischen Besuchern und Gästen Speisen und Getränke angeboten werden, die nicht den islamischen Speisevorschriften entsprechen — und, falls dies nicht geschieht, darüber mit ähnlichen Argumenten berichtet und geurteilt wird, wie es in dem hier geschilderten Fall bei der Deutschen Islam Konferenz gewesen ist.

Anmerkung zum letzten Absatz dieses Beitrags:
Gleiches gilt für Veranstaltungen anderer Religions- und Weltanschauungsvereinigungen.

Eckhardt Kiwitt, Freising
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Bild oben: Dorina Andress (Eberswalde), Wikipedia
[ 1 ] FAZ: Blutwurst auf der Islamkonferenz
[ 2 ] Tagesspiegel: Seehofer serviert Blutwurst bei Islamkonferenz
[ 3 ] Welt: Innenministerium bietet Teilnehmern der Islamkonferenz Blutwurst an

Link zum Originalbeitrag: https://islamprinzip.wordpress.com/2018/12/01/gastfreundschaft-wertschaetzung-und-religioese-diktate/




Troll-Aus


Troll_becoming_a_mountain_ill_jnlTrolle sind bekannt als menschengestaltige Fabelwesen der Mythologie. Im Internetzeitalter hat der Begriff eine neue Bedeutung bekommen: So bezeichnet man nun "eine Person, die ihre Kommunikation im Internet auf Beiträge beschränkt, die auf emotionale Provokation anderer Gesprächsteilnehmer zielen".[1]
Für viele Menschen, die häufig im Internet unterwegs sind, ist dies ärgerlich, andere mögen sich daran ergötzen. In "sozialen" Netzwerken wie Facebook sind Internet-Trolle sehr präsent, in den moderierten Kommentarbereichen der Online-Auftritte mancher Zeitungen und Zeitschriften werden einzelne, gemäßigte Troll-Kommentare bisweilen freigeschaltet, weil sie dort m.E. tatsächlich eine soziale Funktion erfüllen können: indem sie Hassgefühle und Sündenbockprojektionen kanalisieren. Insgesamt enthalten Troll-Kommentare jedoch nichts Konstruktives, sondern eher Destruktives.

Ein Beispiel eines Leserkommentars, den ich als Troll-Kommentar einstufe, zeigt der Screenshot von der Website einer Tageszeitung. In dem zugehörigen Zeitungsartikel geht es um den Versuch der Entmachtung des venezolanischen Präsidenten Maduro, dem Verfasser des dazu abgegebenen Leserkommentars hingegen geht es — themenfremd, emotional, unsachlich — um einen Seitenhieb auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Bundesregierung.

Screenshot, eigenes Bild

Screenshot, eigenes Bild

Im Januar 2019 veröffentlichte der Verein ichbinhier auf seiner Facebookseite einen «Offenen Brief an Online-Redaktionen und Journalisten», dessen Text man laut schriftlicher Auskunft des Vereins verwenden und verbreiten darf (die Einverständniserklärung liegt mir vor). Da nicht jeder WB-Leser über einen Facebook-Account verfügt und da der Text m.W. nicht auf der Website des Vereins ichbinhier veröffentlicht wurde, stelle ich ihn hier zur Verfügung.

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Offener Brief an Online-Redaktionen und Journalisten

 

ichbinhier Der Verein·Sonntag, 20. Januar 2019

Liebe Online-Redakteure bei reichweitenstarken Facebookseiten: So wird das nicht gutgehen!

Eure Kommentarspalten werden mit Desinformationen, Aufrufen zu Gewalt, aufhetzenden Kommentaren, Lügen und Verdrehungen geflutet. Es fehlen Klarstellungen! Vor allem aber fehlen Aufforderungen zur Unterlassung und das Sanktionieren von Beleidigungen und Beschimpfungen. Was soll denn das?

Unter solchen Kommentaren werden dann noch viele Likes und Bestätigungen hinterlassen. Wir haben oft genug darauf hingewiesen, dass nur wenige Personen durch mehrfache Accounts in den Kommentarspalten den Eindruck einer Mehrheit erzeugen wollen. Online-Wahlkampfhelfer verabreden sich auf genau solchen Medien-Seiten, auf denen sie ungestört kübeln und ihre Botschaften verbreiten können.

Eure Facebookseiten verkommen zu riesigen Echokammern. Und anscheinend interessiert es Euch nicht. Das ist fahrlässig!

Täglich schlagen wir uns auf Euren Seiten mit Fake- und Mehrfachprofilen herum, müssen uns auslachen und dumm anmachen lassen. Wenn es in der Meldung um eine Gewalttat geht, wünscht man uns: "Hoffentlich trifft es euch mal!"

Ein besonderes Beispiel ist die Facebook-Seite von ZDF heute: Wir alle bezahlen die Rundfunkgebühr und damit auch den Facebook-Auftritt, die Redakteure und die Aufbereitung des Social-Media-Contents. Und ich sehe es wirklich nicht ein, dass mich Trolle, Fake-Profile und Sockenpuppen von den Seiten einer durch die Allgemeinheit finanzierten Medienanstalt verjagen.

Ganz deutlich: Natürlich möchte ich nicht, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird. Probleme müssen selbstverständlich aufgezeigt werden, aber bitte mit Augenmaß. Es geht nicht um "Meinungsdiktatur". Schon das Wort ist Unfug. Die Meinungsfreiheit wird vielmehr von denen gefährdet, die mit ihren Kampagnen Eure Kommentarspalten dominieren. Ihr überlasst ihnen willig das Feld.

Ich bin es leid, dass wir seit Monaten vor diesem Missbrauch der Kommentarspalten warnen, ohne dass Ihr etwas dagegen unternehmt. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Regulierung durch Moderation einen mäßigenden Einfluss hätte.

Ihr lasst zu, dass Diskurs von Euren Seiten vertrieben wird. Er findet einfach nicht statt, weil wir uns damit beschäftigen müssen, dass Accounts den Holocaust relativieren, die Todesstrafe fordern oder Gewalt- und Selbstjustizphantasien online ausleben.

Natürlich müssen auch wir uns immer wieder fragen, ob wir bereit sind, andere Meinungen zu akzeptieren oder eventuell Menschen zu Unrecht und zu schnell in eine Ecke stellen. Keine Frage.

Und dennoch, liebe Facebook-Redakteure: Denkt bitte darüber nach, ob Ihr Euch zum Werkzeug von Leuten machen lassen wollt, die unseren Staat kaputt machen wollen. Mit dem immer fortwährenden Schüren von Ängsten und dem Anzweifeln des Rechtsstaats. Und ob Ihr populistische Propaganda bis hin zu Verschwörungstheorien, massiven Desinformationen und Verharmlosungen der Nazizeit auf Euren Seiten haben möchtet.

Viele Grüße
Alex Urban für die Aktionsgruppe #ichbinhier

ichbinhier wünscht sich von Online-Medien:

1. Weniger Triggerthemen!
Stellt Euch bei der Themenauswahl breiter auf und bedient nicht die Erregungsspirale, die von einer kleinen, lauten Minderheit stetig in Gang gehalten wird, indem Ihr weit überproportional über Zuwanderung, "Ausländerkriminalität" pp. schreibt.

2. Fakten statt Spekulation!
Berichtet, wenn Fakten da sind, ansonsten beruft Euch auf die Veröffentlichungen der Polizei. Wer über ein aktuelles Ereignis wenig Informationen hat, sollte zurückhaltend berichten und nicht wenige Teilinformationen zu einer großen Geschichte aufblasen. Wir alle müssen uns darum bemühen, Ungewissheit auszuhalten. Das gilt für die Journalisten wie für die Leser gleichermaßen.

3. Verzichtet auf Clickbaiting. Seriöser Journalismus kommt ohne aus.
Bitte kein Clickbaiting durch reißerische und teils irreführende Überschriften und das Provozieren heftiger Emotionen!

4. Geht verantwortungsbewusst mit Eurer Reichweite um!
Und so oder so: Wer die sozialen Medien für Reichweite nutzt, ist auch dafür verantwortlich, was unter den Beiträgen in der Kommentarspalte los ist. Die ersten Kommentare beeinflussen den Deutungsrahmen zu den Inhalten. Eine aufmerksame Moderation ist unerlässlich!

5. Macht Eure Kommentarspalten zum Wohlfühlort für Demokraten!
Eure Leser sollen sich auch in den Kommentarspalten wohlfühlen. Setzt daher Eure Netiquette durch! Macht die Kommentarspalten zu einem Ort, an dem Menschen sich austauschen können, ohne Angst haben zu müssen, beleidigt und angegangen zu werden. Wenn Ihr gut moderiert, schafft ihr Euch eine Community, die aus echten Menschen besteht und Euch langfristig unterstützt. Profile, die andere Nutzer persönlich angreifen, und solche, die sich menschenfeindlich äußern, gehören gesperrt.

6. Steht für journalistische Qualität ein!
Erklärt Eure Standards, immer und immer wieder. Nicht nur, weil wir für gute Debatten auch eine gute Faktenbasis brauchen, sondern damit wir und die Mitglieder Eurer Communities in der Fülle an Informationen die guten von den schlechten trennen können und diesen Maßstab woanders einfordern können.

Edit [Anmerkung des Vereins „ichbinhier“]:

Verschiedene Studien bestätigen die Notwendigkeit von Moderation:

Die Medienanstalt NRW zeigt in ihrer Studie praktische Maßnahmen auf, die die Diskussionskultur maßgeblich verbessern: https://www.medienanstalt-nrw.de/service/pressemitteilungen/pressemitteilungen-2018/2018/juni/dont-feed-the-trolls.html
In unserer Studie in Kooperation mit dem Institute for Strategic Dialogue haben wir nachgewiesen, wie Rechtsextreme die Kommentarspalten großer Medienseiten bewusst als Propagandafläche nutzen. https://www.isdglobal.org/wp-content/uploads/2018/07/ISD_Ich_Bin_Hier_2.pdf
Die Studie des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) Jena im Auftrag von Campact zeigt, dass die Meinungsfreiheit im Netz durch Hassrede eingeschränkt wird. Die Autoren sprechen von einem “schleichenden Angriff auf unsere Demokratie”. https://www.idz-jena.de/newsdet/hass-im-netz-der-schleichende-angriff-auf-unsere-demokratie/

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Eine Anmerkung meinerseits zum Thema Moderation:

Die Moderation von Leserkommentaren wird manchmal als "Zensur" bezeichnet. Es steht einem Onlinemedium sowie einem Verlag jedoch frei, unaufgefordert eingesandte Textbeiträge wie z.B. Leserkommentare, Buchmanuskripte, aber auch Bilder etc. zu veröffentlichen — oder nicht zu veröffentlichen. Dies ist eine redaktionelle, manchmal auch eine verlegerische Entscheidung. Die Pflicht zur Veröffentlichung besteht lt. Pressegesetz nur im Fall der Gegendarstellung (siehe z.B. Art. 10 des Bayerischen Pressegesetzes; in anderen Bundesländern gelten vergleichbare Rechtsvorschriften).
Zensur hingegen ist, wenn "der Staat", vertreten durch seine Institutionen, das Recht auf freie Meinungsäußerung behindert oder unterbindet. Aufgrund von Gesetzen kann das Recht auf freie Meinungsäußerung jedoch auch in einem freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat in begründeten Fällen (!) eingeschränkt sein (siehe z.B. Artikel 5 unserer Verfassung, des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland). Die Begründung muss öffentlich sein.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Siehe auch:
https://www.bosch-stiftung.de/de/story/was-tun-gegen-hassrede-im-netz

[1]: https://de.wikipedia.org/wiki/Troll_(Mythologie)

Bildquellen:
Troll (Mythologie), Illustator: JNL, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Troll_becoming_a_mountain_ill_jnl.png
Screenshot, eigenes Bild
Troll nicht füttern pink, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Troll_nicht_fuettern_pink.png