„Hawking in der Nussschale“ von Florian Freistetter. Rezension von Gerfried Pongratz


51QIcDIYcwL._SX328_BO1,204,203,200_Dr. Gerfried Pongratz rezensiert ein Buch, das der Wissenschaftsblogger und Astronom Florian Freistetter über den Physiker Stephen Hawkings geschrieben hat. Freistetters Untertitel kommt aus dem Englischen "in a nutshell": "Kosmos in der Nussschale."

Der Verlag begründet die nutshell: Leichtfüßig, auf das Wesentliche reduziert und unterhaltsam macht uns Freistetter ein kompliziertes theoretisches Werk zugängig. Ein Buch, mit dem Sie tief in das gedankliche Universum des berühmten Physikers eintauchen – ohne den Verstand zu verlieren. Gerfried Pongratz 9/2018:

 

„Hawking in der Nussschale“

Kleines Büchlein, aber beileibe kein Leichtgewicht! Der weitum bekannte und geschätzte Wissenschaftsblogger, Buchautor und Science Buster Florian Freistetter stellt auf 109 kleinformatigen Seiten wieder einmal unter Beweis, dass er es wie kaum ein Zweiter versteht, auch komplizierte wissenschaftliche Sachverhalte gut zu erklären und einem breiten Publikum interessant nahe zu bringen. Humorvoll, locker führt er in den „Kosmos des großen Physikers“ (Untertitel des Buches) und vermittelt Interessierten zumindest eine Ahnung von den Arbeiten und Erkenntnissen Stephen Hawkings, der am 14. März 2018 verstorben ist.

Das Buch widmet sich fünf großen Themen, die Hawkings wissenschaftliche Bedeutung überwiegend begründen, wobei es dem Autor ein Anliegen ist, nicht nur die Erkenntnisse Hawkings, sondern auch die theoretischen Grundlagen dazu, soweit es verbal-schriftlich bei mathematischen Fragen überhaupt möglich ist, populärwissenschaftlich – z.T. unter Zuhilfenahme von Gedankenexperimenten – knapp und klar zu erläutern:

1. SINGULARITÄT:

Stephen Hawking „konnte zeigen, dass die Singularität am Anfang des Universums keine mathematische Kuriosität der Allgemeinen Relativitätstheorie ist (S. 24), er demonstrierte, dass das Universum mit einer Singularität begonnen haben muss“ (S. 25). Hawking verbrachte einen Großteil seines Arbeitslebens damit, eine Theorie zu finden, die über Einsteins Relativitätstheorie hinausgeht und den Urknall prinzipiell verstehbar werden lässt.

2. GRAVITATIONSWELLEN (sich ausbreitende Krümmungen der Raumzeit, wenn schwarze Löcher kollidieren):

Hawking veröffentlichte das „Area theorem“, das in seiner mathematischen Herleitung beweist, dass der Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs niemals kleiner wird. Zusammen mit John Bardeen und Brandon Carter publizierte er „The four laws of black hole mechanics“, die eine Verbindung zwischen Schwarzen Löchern und Thermodynamik herstellen und bis heute zu den bedeutendsten Beiträgen zur theoretischen Physik gehören.

3. DIE HAWKING-STRAHLUNG (Warum Schwarze Löcher nicht so schwarz sind, wie man dachte):

In einer Arbeit („Particle creation by black holes“) konnte Hawking 1975 unter Zuhilfenahme der Quantenmechanik zeigen, dass Schwarze Löcher im Einklang mit der Thermodynamik „strahlen“. Für Laien nicht leicht verstehbar, erläutert Freistetter die Grundlagen dieser Prozesse, die in die Aussage münden: „Die Hawking-Strahlung ist also quasi das, was das Schwarze Loch aus dem Vakuum gemacht hat, das da war, bevor es entstanden ist“ (S. 53). „Bis allerdings ein typisches Schwarzes Loch verschwunden ist, dauert es knapp 10^68 Jahre“ (S. 57). „Der fehlende experimentelle Nachweis der Hawking-Strahlung ist wahrscheinlich auch der Grund, weswegen Stephen Hawking für seine Arbeiten nie mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurde“ (S. 59).

4. DAS INFORMATIONS-PARADOXON (Hinter dem Ereignishorizont geht’s weiter):

Ein Schwarzes Loch besitzt 3 Eigenschaften – Masse, elektrische Ladung, Drehimpuls -, mehr kann man darüber nicht wissen. Es hat keine „Haare“, man kann einzelne Schwarze Löcher nicht individualisieren (S. 63). Aus komplizierten Überlegungen und Berechnungen kam Hawking allerdings zum Schluss, dass Information in Schwarzen Löchern nicht vollständig zerstört wird (weswegen er eine Wette verlor). „Das Informationsparadoxon gehört zu den faszinierenden offenen Fragen, die Stephen Hawking der Welt hinterlassen hat“ (S. 71). „Wirklich verstehen wir es erst, wenn wir auch eine Theorie haben, die uns sagt, was es tatsächlich mit der Singularität auf sich hat, die sich hinter dem Ereignishorizont befindet“ (S. 72).

5. VOR DEM URKNALL (In den endlosen Weiten der euklidischen Raumzeit):

Das Verständnis zur Entwicklung des Universums beinhaltet noch zahlreiche offene Fragen, wie z.B. zur Existenz der Materie (warum gibt es so viel mehr Materie als Antimaterie), zur kosmischen Inflation, zur Natur der Dunklen Materie und Dunklen Energie und selbstverständlich auch zu „was war vor dem Urknall?“. Um letzterem näher zu kommen, beschritt Hawking gemeinsam mit James Hartle einen Weg, der über „imaginäre Zeit“ zu „euklidischer Raumzeit“ und zur „Keine-Grenzen-Hypothese“ führt, die besagt, dass „das Universum WAR, ohne Zeit, wie wir sie kennen“ (S. 85). „Hawking und Hartle haben sich ein zeitloses Universum ausgedacht, das trotz allem einen Anfang hat“ (S. 86). Am Moment des Urknalls gibt es einen Punkt, an dem die Zeit verschwindet und zu Raum wird. „Wirklich verstehen kann man die Arbeit von Hawking und Hartle nur mathematisch und nicht anschaulich“ (S. 87). „Was bringt das Universum dazu, sich so zu verhalten? Diese Frage (und andere) konnte Hawking nicht beantworten. Aber er hat uns gezeigt, dass wir nicht fassungs- und ideenlos vor den ganz großen Fragen stehen bleiben müssen“ (S. 88).

Im Vorwort des Buches beschreibt Florian Freistetter, wie ihn – sechszehnjährig – die damals noch weitgehend unverstandenen Schriften Hawkings faszinierten und im Epilog wird seine Verehrung für den großen Physiker, Kommunikator und Menschen deutlich:

„Stephen Hawking war ohne Zweifel ein genialer Wissenschaftler… er hat komplett neue und überraschende Dinge über unser Universum herausgefunden, aber nicht (wie Newton und Einstein) die Naturwissenschaft revolutioniert“… „Und er hat es wie kein anderer Wissenschaftler der Gegenwart oder Vergangenheit verstanden, die zutiefst mathematischen und abstrakten Themen seiner Forschung in die Öffentlichkeit zu tragen“ (S. 92).

Vielen Menschen – nicht zuletzt auch dem Rezensenten – ging und geht es im Hinblick auf Hawkings Wirken ähnlich wie Florian Freistetter. Obwohl Hawkings Arbeiten und Erkenntnisse keine unmittelbaren Auswirkungen auf unseren Alltag besitzen, ist neben seiner Bedeutung als Physiker und Kosmologe auch seine Vorbildwirkung für wissenschaftliche Neugier, für den Drang, zu erkennen, „was die Welt im innersten zusammenhält“, kaum überschätzbar (zusätzlich ist er auch Vorbild für menschliche Größe, Beharrlichkeit, mentale Kraft und – nicht zuletzt – für Humor trotz schwerem Schicksal). Das vorliegende kleine Buch bietet – übersichtlich und anspruchsvoll – grundlegende Einblicke in das Werk des großen Wissenschaftlers, es kann uneingeschränkt empfohlen werden (einige der behandelten Themen erforderten für den Rezensenten, zusätzliche Erläuterungen – z.B. via Wikipedia – beizuziehen).

 

Gerfried Pongratz

Florian Freistetter: „Hawking in der Nussschale“ Der Kosmos des großen Physikers, © Carl Hanser Verlag, München, 2018, ISBN 978-3-446-26245-4, 109 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„Seneca und der Tyrann“ von James Romm. Rezension von Gerfried Pongratz


senecetyrannbeckgetimageDer Verlag verspricht Schreckliches: "Mit scharfem Blick für die Windungen der neronischen Tyrannenherrschaft zeichnet Romm das Grauen nach, das …. in Rom um sich greift. Dort sterben nicht nur vermeintliche Konkurrenten – nein, das Blutvergießen Neros gipfelt im Mord an der eigenen Mutter. … Schließlich ist Seneca selbst an der Reihe und muss erkennen, dass sich die süße Milch der Weisheit, mit der er seinen Schüler einst nährte, in das Gift eines Ungeheuers verwandelt hat." Dr. Gerfried Pongratz rezensiert 8/2018 das Buch von James Romm:

„Seneca und der Tyrann

Wie gelingt es, 2.000 Jahre rückblickend eine überaus vielschichtige historische Persönlichkeit anhand von widersprüchlichem Quellenmaterial, das sich vielfach als erratisch und unvollständig erweist, gut zu erfassen und – soweit es überhaupt möglich ist – historisch getreu abzubilden? Der in New York lehrende „Professor for Classics“, James Romm, wählte dazu den Weg, die noch vorhandenen Schriften des Lucius Annaeus Seneca (etwa 1 – 65 n.Chr.) mit zeitgenössischen und posthumen Berichten zu seiner Person zur Deckung zu bringen. Die Ausgangslage bestand darin, dass Seneca einerseits sehr positiv als Denker, Dichter, Moralist und Erzieher sowie Berater des Kaisers Nero – und dazu auch als Mensch mit höchsten ethischen Werten und Idealen – beschrieben wird, andererseits aber auch von Zeitgenossen als schlauer Manipulant, der sich maßlos bereicherte und an finsteren Verbrechen des Palastes teilhatte, wahrgenommen wurde. Herausgekommen ist dabei ein sehr detailreiches, sehr spannendes Buch, „das teilweise Biografie, teilweise erzählte Geschichte und teilweise eine Exegese der Schriften Senecas ist, sowohl seiner Prosawerke als auch seiner Versdichtungen“ (S. 12).

Die Hauptquellen, aus denen sich das Bild Senecas als meistgelesener Schriftsteller, wie auch als eine der eloquentesten und rätselhaftesten Persönlichkeiten seiner Zeit speist, bilden neben seinen eigenen Schriften das historische Drama „Ocvtavia“ eines unbekannten Autors aus dem 1. Jahrhundert sowie die Schriften des römischen Chronisten Cassius Dio über hundert Jahre nach Senecas Tod und – als umfangreichste und vertrauenswürdigste Darstellung – die Annalen des Tacitus (58 – 120 n.Chr.).

Zur Lebenszeit Senecas bildete das Römische Reich ein Weltreich von unermesslicher Macht und Vielschichtigkeit, beherrscht von z.T. höchst problematischen Kaisern (ab 37 Caligula, ab 41 Claudius, ab 54 Nero).Das Buch trägt den Untertitel „Die Kunst des Mordens an Neros Hof“ und beschreibt anschaulich die albtraumhaften Dimensionen, die das Manipulieren, Intrigieren, Verhaften, Foltern, Vergewaltigen, Morden an Caligulas Hof angenommen hatte und nach Claudius unter Nero fortgeführt wurde. Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem sprengen, auf die beschriebenen Einzelheiten all dieser Vorgänge mit ihren komplizierten Details einzugehen, sie beschränkt sich daher im Wesentlichen auf die Darstellung des Lebens und die Bedeutung Senecas in seiner Rolle als Erzieher und Berater Neros.

Der im spanischen Corduba geborene Seneca genoss in Rom eine gute Erziehung und Ausbildung, nicht zuletzt in Rhetorik und Philosophie, wobei er später – ohne dogmatische Festlegungen – die Lehren der Stoiker bevorzugte, verbreitete und in zahlreichen Schriften erweiterte. Nach einer ersten Ämterlaufbahn in Rom wurde er auf Betreiben von Claudius‘ Ehefrau Messalina nach Korsika verbannt, wo er acht Jahre – literarisch sehr aktiv – ausharren musste, bis er im Jahr 49 von Agrippina, einer späteren Ehefrau von Claudius, zurückgeholt wurde, um den damals zwölfjährigen Nero, Sohn Aggripinas aus erster Ehe, zu unterrichten. Seneca bekleidete dabei auch hohe öffentliche Ämter; seinem Bemühen, Nero die Werte und Ideale der Stoiker zu vermitteln (z.B. mit der Denkschrift „De clementia – Warum es weise sei, als Herrscher Milde walten zu lassen“) war allerdings kein dauerhafter Erfolg beschieden („Agrippina hielt nicht viel von Philosophie und wollte nicht, dass ihr Sohn etwas davon mitbekam“, S. 71). Fünf Jahre fungierte Seneca als Erzieher Neros – laut Tacitus war das Verhältnis „mit Zuneigung gespickt“ -, der sich in seinen ersten Jahren als Kaiser, unterstützt und beraten von Seneca, als fähiger und eigenständig denkender Herrscher erwies. Mit der Zeit führten allerdings sein Größenwahn, gepaart mit irrationaler Impulsivität und seinem Hang zu Ausschweifungen zu massiven Spannungen; zuerst zwischen Nero und seiner Mutter Agrippina, später auch zu Seneca.

Das Leben und die Bedeutung Agrippinas (15 – 59 n.Chr.) bilden einen nicht unwesentlichen Teil des Buches. Als 13jährige heiratete sie den Politiker Gnaeus Ahenobarbus, mit dem sie im Jahr 37 den Sohn Nero bekam. Als Tochter des Germanicus und als Schwester Caligulas wurde sie als Göttin verehrt, später aber von letzterem 39 n.Chr. in die Verbannung geschickt. Nach der Ermordung Caligulas im Jahr 41 kehrte sie zurück und heiratete nach dem Tod ihres ersten Mannes den prominenten Senator Crispus Passienus, den sie im Jahr 47 angeblich vergiftete. Zwei Jahre später ehelichte sie Kaiser Claudius, ihren Onkel; er verlieh ihr als erster römischer Kaiserin den Titel „Augusta“. Obwohl Claudius aus seiner Ehe mit Messalina einen Sohn („Britannicus“, später von Nero ermordet) hatte, gelang es ihr zu erreichen, dass er Nero adoptierte und im Jahr 50 zu seinem Nachfolger ernannte. Laut Tacitus ließ Agrippina Claudius im Jahr 54 mit Hilfe der Giftmischerin Lucusta vergiften und Nero zum Kaiser ausrufen – ursprünglich hatte sie vermutlich geplant, die Macht selbst zu ergreifen. In Neros ersten Regierungsjahren übte sie noch starken Einfluss auf ihn aus, später kam es vor allem wegen seiner sexuellen und sonstigen Eskapaden zu Zerwürfnissen. Auf Betreiben Poppaeas, Neros zweiter Ehefrau, wurde Agrippina verbannt und im Jahr 59 schließlich ermordet – nach Tacitus war Seneca, nachdem der erste, als Unfall getarnte Mordanschlag misslungen war, in diesen Mord beratend mit einbezogen („Der Philosoph, den sie aus der korsischen Verbannung erlöst hatte, der alles, was er besaß und erreicht hatte, ihr verdankte, hatte es nicht über sich gebracht, seine Stimme gegen ihre Ermordung zu erheben“, S. 147).

64 n.Chr. ging Rom in Flammen auf, nach 9 Tagen waren 2/3 der Stadt vernichtet. Ob Nero den Brand veranlasste, ist eine Frage, die Tacitus für nicht entscheidbar hielt (S. 212). Um einen Sündenbock zu liefern, wurden zahlreiche Mitglieder der Sekte der „Christiani“ festgenommen und aufs Scheußlichste misshandelt und ermordet. Im Zuge des Wiederaufbaues legte Nero den Grundstein des Goldenen Hauses (Domus Aurea), das 300 Zimmer und 40 Hektar Park umfassen sollte; zusätzlich ließ er von sich eine über 30 Meter hohe Bronzestatue errichten. Dies führte zu exorbitanten Steuererhöhungen, zur Plünderung der Staatsschätze im gesamten Imperium, zur Vernichtung kostbarster mit Gold und Elfenbein verkleideter Kunstschätze und damit zu großer Unzufriedenheit unter allen Bevölkerungsschichten. Seneca, der trotz zerstörter Immobilien noch immer sehr reich war, stellte seine Besitztümer und Latifundien Nero zur Verfügung und begann, da er zu Recht vermutete, dass auch er vergiftet werden sollte, sich außerhalb Roms mit eigenhändig geernteten Lebensmitteln und selbstgeschöpftem Trinkwasser zu versorgen. Was er erwartete, trat wenig später ein; unter dem Vorwand, an einer Verschwörung gegen Nero beteiligt gewesen zu sein, erhielt er im Sommer 65 durch einen Boten die Aufforderung zur Selbsttötung. In der Gelassenheit des stoischen Weisen schlitzte er sich – gemeinsam mit seiner Frau Paulaina, die aber gerettet wurde – die Pulsadern und später auch die Beinvenen auf; schließlich musste er noch zu einem Schierlingsbecher greifen, um erlöst zu werden („das vielschichtigste Leben der neronischen Ära hatte ein passendes Ende in Gestalt eines höchst komplizierten Todes gefunden“, S. 242). Zeit seines Lebens war Selbsttötung ein wichtiges Thema in Senecas Denken und Schreiben: „Die Macht zu sterben ist in jedem Augenblick des Lebens verfügbar und kann jede Unterdrückung überwinden“.

In einem Epilog beschreibt der Autor auch den Selbstmord Neros im Jahr 68 und berichtet weiters von den Verfolgungen und Hexenjagden gegen Stoiker und den Stoizismus unter dessen Nachfolgern Vespasian, Titus und Domitian. Erst „Kaiser Marc Aurel schaffte es ein Jahrhundert nach Senecas gescheitertem Versuch, eine Versöhnung zwischen politischer Machtausübung und stoischer Morallehre herbeizuführen“ (S. 259)

Seneca sah sich als Stoiker nicht nur den Idealen der Besonnenheit, Vernunft, Mäßigung und moralischen Tugendhaftigkeit, sondern auch dem staatlichen Gemeinwesen, wie auch der Natur und dem Kosmos mitsamt allen Menschen und Göttern verpflichtet, seine Schriften tragen dieser Auffassung Rechnung. Sie spiegeln aber auch seinen wechselvollen Lebenslauf wider; in stoischer Manier versuchte er, sich auf zahlreiche Schicksalswendungen seines Lebens einzustellen, wobei er – je nach persönlicher, bzw. politischer Lage – zu unterschiedlichen Optionen griff. So wurde ihm auch vorgeworfen, dass er Machtposition anstrebte und nützte, um „verbrecherisch“ zu immensem Reichtum zu gelangen.

Unter dem Strich war Seneca ein menschliches Wesen mit all den Schwächen und Unzulänglichkeiten, die zum Menschsein gehören. Wie er selbst in seinen Apologien andeutete, hielt er sich für einen Mann, der sich nicht mit den Besten messen konnte, aber besser war als die Schlechten“ (S. 16).

Diese menschliche Seite, aber auch die Bedeutung Senecas im Kontext seiner philosophisch-literarischen Werke und in seinem politischen und erzieherischen Wirken darzustellen, ist dem Autor gut gelungen. Obwohl wegen der Komplexizität der Themen und Handlungsstränge nicht leicht lesbar, bietet das Buch anspruchsvolle Literatur mit viel Wissenswertem auf hohem Niveau.

 

Gerfried Pongratz

James Romm: „Seneca und der Tyrann, Verlag C. H. Beck, München 2018, ISBN 978-3-406-71876-2, 320 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz

 




„Endstation Brexit“ von Ralf Grabuschnig. Rezension von Gerfried Pongratz


endstation brexit tectum"Die Briten haben in ihrer Geschichte auf niemanden Rücksicht genommen. Nicht auf sich selbst und ganz besonders nicht auf Europa," schreibt der Verlag und spricht von "einer unterhaltsamen Reise durch die britische Vergangenheit".

Unser Rezensent Dr. Gerfried Pongratz findet das Buch "gut gelungen" und nennt es "sehr unterhaltsame Lektüre". Gerfried Pongratz 8/2018 über Ralf Grabuschnig:

„Endstation Brexit

Ein junger Historiker – nach eigener Definition „Geschichtenerzähler“ – lädt ein, ihn auf einer unterhaltsamen Reise durch die Geschichte (Groß)Britanniens zu begleiten. Von den dunklen Anfängen bis zum Brexit, den er als vorläufigen Höhepunkt einer immer unberechenbar gebliebenen Mentalität „dieses merkwürdigen Inselvolkes“ wahrnimmt, wobei er zeigen will, dass es in dessen Geschichte bereits zahlreiche ähnliche Weggabelungen mit wechselhaften Beziehungen zu Europa gab und der Brexit somit auch keine allzugroße Überraschung darstellt.

Das erzählerische Credo des Autors – „Es gibt keinen Grund, Geschichte professorenhaft-trocken niederzuschreiben, schon gar nicht die Geschichte Englands. Sie ist doch zum Wegschmeißen komisch!“ – findet sich am vorderen Bucheinband und entsprechend humorvoll locker, zuweilen auch flapsig, mit zahlreichen Aperçus zu gegenwärtigen politischen Erscheinungen und Personen, führt er durch 2.000 Jahre Britannien bis Großbritannien (die allerdings meist keineswegs „komisch“ verliefen).

Die im Buch erzählte Geschichte beginnt mit den Kelten (ab dem 5. Jhdt. v.Chr.) und Julius Cäsars Griff 55 v.Chr. nach Britannien: „…damit beginnt die große, konfliktbeladene Geschichte zwischen der britischen Insel und dem europäischen Kontinent, die bis heute nicht enden will“. Von da an stehen – mit Unterbrechungen und Rebellionen (z.B. durch Königin Boudicca) große Teile der Insel für nahezu 500 Jahre unter römischer Herrschaft (mit auch entsprechend wirtschaftlicher, geistiger und kultureller Entwicklung). Nach dem Abzug der Römer folgt eine Einwanderungswelle von Angeln, Sachsen, Friesen, Jüten und löscht die Überreste älterer Kultur fast vollständig aus. Es entstehen mehrere miteinander konkurrierende Kleinkönigreiche, ab dem 6. Jhdt. kam es zur Christianisierung. Heftige Erschütterungen und Veränderungen mit grausamen Kämpfen brachte die Eroberung der Insel durch die Wikinger ab 793 und die Normannen im Jahr 1066 („…so vieles von dem, was wir heute als typisch englisch betrachten, geht auf die Normannen zurück“, S. 67).

Um die Beschreibung kurz zu halten: 1215 kam es mit der Magna Carta zur Entstehung des englischen Parlamentarismus, wenig später verlor man alle englischen Besitzungen auf dem europäischen Kontinent, „als erster Brexit der Geschichte“. In der Folge kam es zu wirtschaftlichen Fortschritten mit einer Verdreifachung der englischen Bevölkerung auf ca. 6 Millionen. Nach weiteren Kriegen (100jähriger und Rosenkriege) veränderte Heinrich VIII das Land abermals grundlegend durch seinen Bruch mit Rom und der Gründung der anglikanischen Kirche. Unter seiner Nach-Nachfolgerin Elisabeth I. wurde England wirtschaftlich, kulturell und im Geistesleben zu einer Weltmacht (Kolonialmacht), ihre Nachfolger der Stuart-Epoche führten das Land aber wiederum in schwierige Zeiten mit Kriegen, Bürgerkrieg und Restaurationspolitik. Die „Glorious Revolution“ 1688/89 führte mit der Durchsetzung der „Bill of Rights“ zur Gründung des modernen Regierungssystems mit dem Parlament als Träger der Staatssouveränität. 1707 trat der „Act of Union“ in Kraft, damit wurden die Königreiche England und Schottland endgültig miteinander vereint und bilden den neuen Staat Großbritannien.

Die Deutschen (Welfen) auf dem Thron („die Zeit der Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover ist eine skurrile und ereignisreiche Zeit der britischen Geschichte“, S. 130) bis hin zu Königin Viktoria, der „Großmutter Europas“, bildet ein weiteres Kapitel des Buches (aus einer illegitimen Beziehung des Hannoveraners „König Wilhelm IV“ stammt David Cameron: „Der dürfte in den späteren Geschichtsbüchern Großbritanniens fast noch eine schlechtere Figur abgeben als Georg III“, S. 135). Großbritannien wurde zur Weltmacht in nie dagewesener imperialer Größe, die aber in den beiden Weltkriegen und den daran anschließenden Konflikten (Indien, Suezkrise etc.) wiederum verloren ging. „Langsam dämmerte es den meisten in Großbritannien, dass die Zeit als Weltmacht wohl endgültig vorbei sei.“ S. 182).

1973 wurde Großbritannien Mitglied der EG, mit der Wirtschaft ging es trotzdem bergab – Streiks mit massiven Stromausfällen usw. lähmten das Land -, bis 1979 Margaret Thatcher Premierministerin wurde und radikale Reformen durchzog. In der EG erreichte sie mit „I want my money back“ den sog. „Briten-Rabatt“, der bis heute gilt, die Bevölkerung aber trotzdem nicht EU-freundlicher stimmt (obwohl David Cameron beim Amtsantritt 2005 „Stop banging on about Europe“ verkündet hatte).

„Ist der Brexit nun wirklich die epochale, alles verändernde Entwicklung, wie sie im Licht der letzten Jahrzehnte aussieht?“ (S 197). „Doch wer weiß schon, was den Briten und Europäern in Zukunft noch so bevorsteht. Eines kann man mit Sicherheit sagen: Weit voneinander werden die beiden nie sein. Ob sie nun wollen oder nicht“ (S. 199).

Die in der Einleitung des Buches verkündete Absicht des Autors, nicht Wissen zu schaffen, sondern mit einer „Serie von unterhaltsamen und lehrreichen Anekdoten, chronologisch gereiht und halbwegs schlüssig miteinender verbunden“ Geschichte zu erzählen, ist ihm sehr gut gelungen. Für manche Leserinnen und Leser könnte die Häufigkeit humoriger Nebenbemerkungen und die Flapsigkeit mancher Formulierungen eventuell etwas reduzierter sein, die jugendliche Frische dieser Form von Geschichtsvermittlung wird aber vermutlich viele, vor allem jüngere Leser ansprechen, bzw. sogar begeistern. Das Buch kann als kompakt wissensvermehrende, sehr unterhaltsame Lektüre, als, wie der Autor schreibt, eine Art von „Brexit-Beipackzettel“ uneingeschränkt empfohlen werden.

 

Gerfried Pongratz

Ralf Grabuschnig: „Endstation Brexit“, Tectum Verlag Baden-Baden 2018, ISBN 978-3-8288-4131-4, 199 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„Machtkampf. Die Geburt der Staatskirche“ von Rolf Bergmeier. Rezension von Gerfried Pongratz


636_0bergmeierDie Rede ist vom Startup "katholischer Glaube".

Unser Rezensent Dr. Gerfried Pongratz wünscht dem Faktenwissen über diese "Ouvertüre zu einer Gesellschafts- und Kulturrevolution von explosiver Kraft" (Verlagstext) weite Verbreitung. Pongratz nimmt das Verlags-Wort vom "Religions-Tsunami" auf, der "mit kaum zu zügelnder Kraft über Europas Geschichte hinwegrollt" – Gerfried Pongratz 7/2018.

Rolf Bergmeier:

„Machtkampf. Die Geburt der Staatskirche

Am 28. Februar 380 verkündete Kaiser Theodosius den Erlass „Cunctos populos“, der im römischen Reich den Katholizismus zur Staatsreligion erhob. Der Historiker Rolf Bergmann schildert diesen „Sieg des Katholizismus und die Folgen für Europa“ (Untertitel des Buches) als epochales Ereignis, das die Welt nicht nur veränderte, sondern auch bis heute prägt. Wer die Bücher des Autors (z.B. „Schatten über Europa“) kennt, weiß, was ihn erwartet: Klare, zuweilen mit Ironie gewürzte Sprache, akribische, mit umfangreichem Quellenmaterial belegte Darstellung, stringente Analysen, gute Verständlichkeit in Verbindung mit zum Teil streitschriftartiger Erzählweise.

„Cunctos populos“ eröffnete die Dominanz der katholischen Religion in allen Phasen des Daseins: “Ein ganzer Kontinent verliert seine in Jahrhunderten gewachsene Identität. Bis Bürger die antike Welt in all ihrer Schönheit wieder ans Licht holen“ (S. 8). Das Buch beschreibt, wie in einer zerstückelten Religionslandschaft eine ausgewählte Religion zur machtvollsten der Welt wird, wie diese die Menschen in allen Bereichen ihres Lebens beherrscht und wie damit die kulturellen, zivilisatorischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in Mitteleuropa – im Gegensatz zu den byzantinischen und islamischen Hochkulturen – einen Tiefstand erreichen. Ein Religions-Tsunami rollte über Europas Geschichte hinweg, „ein Geist, der Europa mehr als tausend Jahre beherrschen wird und die Welt bis heute zu normieren sucht“ (S. 9).

Im mehreren Kapiteln beschreibt der Autor die Entwicklung und das Konkurrenzverhältnis verschiedener „Jesusbewegungen“ innerhalb des Christentums und wie sich römischer (toleranter) Polytheismus nach der „konstantinischen Wende“ langsam wandelt. Das nicäaische Konzil 325 soll innerchristliche Streitigkeiten beenden, verstärkt aber das große Durcheinander („die Spannungen in den Gemeinden und die Rivalitäten zwischen den Auffassungen und den Bischöfen dauern rund 400 Jahre“, S. 21)), vor allem Arianer und Katholizismus stehen sich als feindliche Brüder gegenüber, von einem Christentum kann keine Rede sein.

Theodosius (379-395) ist des Religionsgetümmels müde und verbietet mit Cunctos populos alle heidnischen Religionen und schaltet alle vom Katholizismus abweichenden christlichen Varianten mit Zwangsmaßnahmen aus: „Nur diejenigen, die diesem Gesetz folgen, sollen, so gebieten wir, katholische Christen heißen dürfen; die übrigen, die wir für wahrhaft toll und wahnsinnig erklären, haben die Schande ketzerischer Lehre zu tragen“. Dieser, durch zahlreiche weitere Verbote ergänzte Erlass „ist das Epochenereignis, die geistige Wende zum Mittelalter, ein Faustschlag in die Spätantike“ (S. 34). Staatskatholizismus löst das ursprüngliche Gemeindechristentum ab, an die Stelle von „Feindesliebe“ tritt die Verfolgung Andersdenkender, Freiheit wird unter dem Joch hunderter Dogmen versklavt. Spätere Kaiser erweitern den Codex Theodosianus mit zusätzlichen massiven Strafandrohungen bis hin zur Todesstrafe und befestigen die Allianz aus Kirche und Staat zu einem unüberwindlichen Bollwerk.

Die politischen, ökonomischen und sozialen Folgen sind gravierend bis verheerend. Das Buch beschreibt den Machtkampf zwischen Kaiser und Kirche, die Entwicklung bischöflicher Stadtherrschaft und in der Folge den ökonomischen Abschwung in Mitteleuropa. Der frühmittelalterliche Handel erodiert, Kriege und Invasoren, aber auch die „sündhafte“ Verurteilung vom Streben nach Glück und geschäftlichen Erfolg tragen das ihre zum wirtschaftlichen und sozialen Niedergang bei. Im Gegensatz dazu steht der Reichtum der neuen Kirche, ausgelöst vor allem durch maßlose Schenkungen. Aus der Synthese von Thron und Altar, aus Glauben und Aberglauben, aus Bildungsfinsternis und Herrschaftsanspruch erwächst ab dem 6. Jahrhundert eine der abträglichsten Wirtschaftsformen der Weltgeschichte: Der Feudalismus mit Klassengesellschaft, Grundherrschaft, Leibeigentum und Schollenpflicht. Am Beispiel Karl I („der Große“) als Exponent des mittelalterlichen Feudalismus beschreibt der Autor die Folgen dieses Wirtschaftmodells; im Gegensatz zur hohen Stadtkultur des römischen Reiches präsentiert sich das Frankenreich als ungebildet, provinziell und verarmt mit andauernder Kriegsführung.

Eine weitere – die dramatischste – Auswirkung von Cunctos populos mit seinem strengen Dogmatismus und der Verengung jeder nichtkatholischen Tätigkeit betrifft den Verlust geistiger Entwicklung und kultureller Vielfalt. Öffentliche Schulen, Theater und Bibliotheken werden geschlossen, die Anrufung Heiliger ersetzt ärztliches Wissen und – besonders gravierend – nur noch Angehörige des Klerus und Mönche können im lateinischen Westen schreiben und lesen. Philosophie wird zur dienstleistenden Magd der Religion (ancilla theologiae) und verkümmert zu philosophieähnlichen theologischen Basteleien mit vorbestimmten Ergebnissen. Die Kulturlandschaft zerfällt, das Erziehungs- und Ausbildungssystem fällt auf unterstes Niveau, die Kirche gewinnt als Herrin der lateinischen Amtssprache zusätzlich ungeheure Macht.

Die Unterschiede zwischen dem antiken Menschenbild – der Mensch steht im Mittelpunkt – und dem „Sünder“ im katholischen sowie Überlegungen zur Bedeutung des Begriffes „Menschenwürde“, wie auch die unvermeidbaren Spannungen zwischen Katholiken und Juden bilden weitere Kapitel des Buches. Der Autor verteidigt den Begriff des „Finsteren Mittelalters“ als Epoche zwischen 500 und der Renaissance, die allerdings nur die lateinsprachige (katholische) Welt betrifft und nicht die orthodox-griechisch-byzantinische sowie die islam-arabische Welt zwischen Bagdad und Spanien.

Es würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen, auf alle Einzelheiten, Erläuterungen und Vergleiche zwischen antiker und christlich-katholischer Kultur mit all den daraus entstandenen Folgen und Auswirkungen bis heute einzugehen. Cunctos populos „provoziert tiefgreifende Spaltungen und Zerwürfnisse, entfesselt Religionskriege, heiligt Kreuzzüge und vernichtet Kulturen. Cunctos populos theologisiert, enturbanisiert und feudalisiert Mitteleuropa. Kein Ereignis hat die Welt so umgeformt wie dieser Erlass“ (S. 190).

„Das Buch schüttelt den Sakristei-Staub aus den Geschichtsbüchern. Es schreibt die Geschichte des beginnenden Abendlandes nicht neu, sondern ordnet die von Theologen und gläubigen Historikern betriebene religiös kontaminierte Kirchengeschichte der kritisch-wissenschaftlich betriebenen Geschichte unter“. Es macht auch deutlich, wem das sogenannte „christliche Abendland“ seine überlegene Kultur und Zivilisation zu verdanken hat und wem nicht. In einem Epilog verdeutlicht der Autor mit zahlreichen „wahr ist..“ seine Überzeugungen: „Religionen (sind) wegen des Anspruchs auf alleinige Deutungshoheit für die Gesellschaft eher schädlich als nützlich, während sie dem Einzelnen mit Festen und Feierlichkeiten, mit Bildern und Symbolen Halt und Orientierung geben können“ (S. 199).

„Machtkampf“ ist ein in der Klarheit seiner mit Literaturhinweisen und Quellen überreich ausgestatteten Aussagen beispielhaftes Buch, das vermutlich heftigen theologischen Widerspruch auslösen wird. Dem Rezensenten erschloss es viele neue, bzw. zusätzliche Erkenntnisse und bot darüber hinaus spannende Lektüre.

 

Gerfried Pongratz

Rolf Bergmeier: „Machtkampf. Die Geburt der Staatskirche“, Alibri Verlag Aschaffenburg, 2018, ISBN 978-3-426-86569-292-4, 205 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„Größer als das Amt - Auf der Suche nach der Wahrheit“ von James Comey. Rezension von Gerfried Pongratz


978-3-426-27777-5_Druck.jpg.39627759Der Verlag findet die Erinnerungen von Ex-FBI-Chef James B. Comey "aktuell, brisant und spannend wie einen Krimi". Unser Rezensent Dr. Gerfried Pongratz spricht von einem Buch, das er kaum aus der Hand legen konnte.

Comey befand sich 20 Jahre im Zentrum der Macht, als "unbeugsamer Ermittler", der gegen Mafia, CIA-Folter, NSA-Überwachung, Clintons Umgang mit dienstlichen Emails und Trumps Russland-Verbindungen vorging.
Der Verlag spricht von einer politischen Achterbahnfahrt: stellvertretender Justizminister unter George W. Bush, FBI-Direktor unter Barack Obama und gefeuert von Donald Trump. Rezension von Gerfried Pongratz 6/2018.

James Comey:

„Größer als das Amt – Auf der Suche nach der Wahrheit

„Wer bin ich, dass ich mir einbilde, ich sollte anderen Menschen etwas über Führungsethik erzählen?“

„Ich hoffe…, dass es …ein aufschlussreiches Buch für meine Landsleute bleibt, indem es sie animiert, sich für eine Loyalität zu entscheiden, die größer ist als Parteizugehörigkeit und Amt – und aus den Lügen die Wahrheit herauszufiltern und sich für eine integre, ethisch geerdete Führung einzusetzen.“

Zwischen diesen beiden Sätzen, dem ersten und letzten des Buches, spannt der Autor James Comey einen weiten Bogen über das sein Leben bestimmende Bemühen, als Jurist mit hohen ethischen und moralischen Ansprüchen Recht zu erwirken, Gerechtigkeit zu fördern und damit seinem Land in hohen und höchsten Staatsämtern bestmöglich zu dienen. Entlang seiner bemerkenswerten Biografie berichtet er von ungewöhnlichen Erlebnissen in seiner Berufslaufbahn, beleuchtet die dabei gewonnenen Erfahrungen und beschreibt die bei der US Präsidentschaftswahl 2016 aufgetretenen Vorkommnisse, die ihn als Direktor des FBI ins Kreuzfeuer der Kritik brachten und letztendlich zu seiner Entlassung führten.

Der 1960 im Bundesstaat New York geborene Autor durchlief eine hochkarätige Karriere als Anwalt, Staatsanwalt, Universitätslehrer und Spitzenjurist in der Privatwirtschaft. Von 2003 bis 2005 war er in der Regierung Georg W. Bush stellvertretender Justizminister, 2013 wurde er von Präsident Obama als Direktor des FBI bestellt, im Mai 2017 enthob ihn Präsident Trump mit sofortiger Wirkung seines Amtes. Laut Wikipedia wurde James Comey über Parteigrenzen hinweg respektiert und als unabhängig und integer geschätzt.

„Der 11. September 2001 hatte nicht nur unser Land, sondern auch das Leben von uns Staatsdienern verändert“ (S. 120). In der Folge kam es durch Präsidentenverfügungen und zweifelhafte Rechtsgutachten zu Überwachungs- und Foltermaßnahmen, denen sich Comey als stellvertretender Justizminister heftig – allerdings zunächst vergeblich – widersetzte. Die Schilderung dieser Vorgänge sowie seine dabei gewonnenen Erkenntnisse und Einsichten – u.a. zu einer „politischen Kultur“, die Nachdenklichkeit von Politikern in Spitzenpositionen mit Schwäche und Unfähigkeit gleichsetzt – bilden hochinteressante Kapitel des Buches.

Nach acht Jahren in der Privatwirtschaft wurde Comey 2013 von Präsident Obama zum Direktor des FBI (Federal Bureau of Investigation, weltweit agierend, Budget 2012 laut Wikipedia 8 Milliarden US-$) ernannt; eine Position, die, wie Obama ausdrücklich forderte, politisch unabhängig, unbeeinflußbar und neutral zu führen ist (und deshalb mit zehnjähriger Amtszeit ausgestattet wird) und auch zum Präsidenten der USA Abstand halten muss. In der langen Geschichte des FBI wurde, was Comey sehr offen darlegt, diesen Prinzipien häufig nicht entsprochen und so war es ihm ein besonderes Anliegen, im FBI Rekrutierungs-, Handlungs- und Führungsprinzipien zu etablieren, die sehr hohen ethischen Standards und dem Leitbild „das amerikanische Volk schützen und die Verfassung der USA bewahren“ entsprechen; mehrere Kapitel sind neben der Beschreibung aktueller Fälle diesen Bemühungen und Maßnahmen gewidmet.

2016 kam das FBI, bzw. Comey ins Kreuzfeuer der Politik, als im Präsidentschaftswahlkampf (durch vermutlich russische Interventionen) bekannt wurde, dass Hillary Clinton in ihrer Amtszeit als Außenministerin einen privaten E-Mail Account mit ungeschütztem Server für Tausende als geheim eingestufte dienstliche Mails verwendet hatte und das FBI die sich daraus ergebenden Fragen und Konsequenzen eingehend untersuchte. Nach Abschluß der Ermittlungen kamen Comey und seine Mitarbeiter jedoch zum Schluß, Clintons Verfehlung rechtfertige kein strafrechtliches Vorgehen. Nachdem Comey diese Entscheidung im Juli 2016 unter Eid verkündet hatte, kam es zu heftigen Protesten der Republikanischen Partei und ihr nahestehender Medien, wie auch von Donald Trump; man warf Comey Parteilichkeit vor.

Die Situation verschlimmerte sich, als Anfang Oktober 2016 dem FBI bekannt wurde, dass sich auf einem privaten Laptop eines Abgeordneten weitere Hunderttausende vermutlich als geheim eingestufte E-Mails von Hillary Clinton befanden; obwohl sich Comey sehr wohl bewusst war, was es für den Wahlkampf bedeutete, neue Ermittlungen gegen Hillary Clinton einzuleiten, entschied er sich dazu und zeigte dies dem Kongress pflichtgemäß an. Die Veröffentlichung führte zu heftigsten politischen und öffentlichen Kontroversen und obwohl auch diese Untersuchungen zwei Tage vor der Wahl mit dem Ergebnis strafrechtlicher Irrelevanz abgeschlossen wurden, verhalfen sie nach Einschätzung vieler Beobachter Donald Trump zum Wahlsieg.

In der Folge wurde Comey von vielen Seiten massiv angegriffen und diffamiert, auch Verwandte, Freunde und Bekannte überzogen ihn mit heftigen Vorwürfen („am schlimmsten setzte mir die Behauptung zu, ich sei in meine Integrität verliebt, in meine Tugendhaftigkeit“, S. 287), Präsident Obama allerdings versicherte ihm: „Ich habe Sie zum FBI-Direktor gemacht, weil ich Ihre Integrität und Ihr Können zu schätzen weiß… Sie sollen wissen, dass nichts, aber auch gar nichts in diesem Jahr geschehen ist, was meine Meinung geändert hätte“ (S. 291).

Nach seiner Wahl zum Präsidenten versuchte Trump, Comey mit Schmeicheleien, privaten Anrufen, 4-Augen-Gesprächen und bei einem intimen Essen im Weißen Haus dazu zu bewegen, Ermittlungen des FBI im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl, u.a. zu russischen Einflußnahmen, auszusetzen und seine, Trumps, Sicht der Vorfälle zu übernehmen (Comey: „Ich fühlte mich an die Klubs der New Yorker Mafia erinnert, die ich in den 1980er- und 1990er- Jahren als Staatsanwalt kennengelernt hatte“, S. 306).

„Und völlig verrückt ging es dann auch weiter“ (S. 314). Trumps Bemühungen, Comey – z.B. mit versuchten Umarmungen vor der Presse – zu beeinflussen, nahmen abstruse Formen an; er wollte gegenüber Comey ein auf Patronage beruhendes Verhältnis etablieren und drohte gleichzeitig unverhohlen, ihn bei Unfügsamkeit aus dem Job zu werfen (Comey: „Nichts an seinem Verhalten entsprach auch nur im Geringsten dem, was man von einer Führungspersönlichkeit erwarten könnte“, S. 329). Dabei scheute sich Trump auch nicht, absurde Behauptungen und leicht durchschaubare Lügen von sich zu geben und Offensichtliches vehement zu bestreiten. „Dabei wußten wir, dass sich Wladimir Putin auf beispiellose Art und Weise in die US-Wahl eingemischt hatte, nicht zuletzt auch, um Trump zum Sieg zu verhelfen“ (S. 341). Die Auseinandersetzungen zu diesen sowie auch zu anderen aufklärungsbedürftigen Vorgängen in Trumps Umfeld, verbunden mit Comeys Unbeugsamkeit und kritischen Reaktionen auf Trumps Einflußnahme- und Rechtfertigungsversuche, führten dazu, dass Comey am 9. Mai 2017 während einer Rede in Los Angeles via Fernsehbildschirm erfuhr, dass er von Trump fristlos entlassen worden war („das Ende kam in der passenden Form eines Orkans aus schlechten Manieren“, S. 356).

„Ich war nicht wütend über meine Erlebnisse mit diesem Präsidenten, ich war traurig… für unser Land macht es mir Angst“ (S. 364/365). Nach einem beeindruckenden Abschiedsbrief (S. 370-372) an alle FBI-Mitarbeiter kommt Comey in einem Epilog zum Schluss: „Der gegenwärtige Präsident ist ein Mann ohne Moral und agiert ohne jede Bindung an die Wahrheit und Werte einer Demokratie“ (S. 373). „Ja, unser gegenwärtiger Präsident wird auf kurze Sicht erheblichen Schaden anrichten…“(S. 375), aber: „Heute sehe ich, während die Flammen noch wüten, neues Leben aus diesem Boden hervorwachsen – junge Menschen, die sich engagieren wie nie zuvor, und Medien, Gerichte, Akademiker, gemeinnützige Organisationen und alle anderen Elemente der Zivilgesellschaft, die neue Kraft schöpfen“ (S. 376).

James Comey gelingt es mit diesem Buch, nicht nur tiefgründige Einblicke in die derzeitige US Administration zu geben, sondern auch viel Wissen zum amerikanischen Rechtswesen und Regierungssystem zu vermitteln. Der vermutlich vom Verlag stammende zweite Untertitel des Buches „DER EX-FBI-DIREKTOR KLAGT AN“ wird seinem Inhalt nur bedingt gerecht, das Buch (Originaltitel: „A higher Loyality, Truth, Lies, and Leadership“) bietet sehr viel mehr als die Beschreibung einer hochkarätigen Juristenlaufbahn mit zahlreichen ungewöhnlichen Begebenheiten und Auseinandersetzungen. Neben Berichten darüber ist es James Comey ein großes Anliegen, seine persönlichen (amerikanisch-idealistischen) Standards im Hinblick auf Moral, Loyalität, Berufsethik und Mitarbeiterführung darzulegen. Auch seine aus beruflicher Erfahrung gewonnenen Erkenntnisse zur Qualifikation und Integrität von Führungspersönlichkeiten und sein Wunsch, die oftmals in Vergessenheit geratenen „alten“ amerikanischen Tugenden und Wertvorstellungen wieder zu beleben, bilden einen Teil seiner Ausführungen.

Wenn man der persönlichen Integrität des Autors traut und seinen Darstellungen Glauben schenkt – es besteht kein Anlass, dies nicht zu tun -, kann das Buch als detailreich spannende und damit auch unterhaltsame Lektüre mit hohem Informationsgehalt einschlägig Interessierten uneingeschränkt empfohlen werden!

 

Gerfried Pongratz

James Comey: „Größer als das Amt – Auf der Suche nach der Wahrheit“, Droemer Verlag München, 2018, ISBN 978-3-426-27777-5, 384 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„Man kommt sich vor wie in der Wüste“ – Der langsame Abschied des Peter Rosegger von Christian Teissl. Rezension von Gerfried Pongratz


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Unser Rezensent Dr. Gerfried Pongratz meldet sich zu Peter Roseggers 100. Todestag, der demnächst begangen wird. Das Buch stammt von Christian Teissl, und der Verlag zitiert schwermütige Worte zu diesem Alterswerk Peter Roseggers: »Unsere Zeit straft die Irrtümer, die wir seit Jahren gemacht haben. Unser Denken, Wissen, Wollen, Handeln, Politisieren, Kritisieren, Voraussagen, es war alles falsch …«

Christian Teissl:

Man kommt sich vor wie in der Wüste“ – Der langsame Abschied des Peter Rosegger

Es „roseggert“ im Jahr 2018! Gilt es doch, am 26. Juni des 100. Todestages und am 31. Juli des 175. Geburtstages Peter Roseggers zu gedenken. Landauf, landab im deutschen Sprachraum, besonders aber in seiner engeren Heimat Steiermark, wird mit neuen Publikationen, Ausstellungen und Veranstaltungen, wie Vorträgen, Lesungen, Symposien, Workshops, Theater- und Musikaufführungen, literarischen Führungen sowie mit Festakten das Werk und die Bedeutung des Dichters, Schriftstellers und kritischen Journalisten wieder ins Bewusstsein gerufen und in manchen Aspekten neu beleuchtet.

Der junge Grazer Autor Christian Teissl ist im Reigen der Veranstaltungen mit seinem Buch „Der langsame Abschied des Peter Rosegger“ prominent vertreten. Er skizziert anschaulich, oftmals berührend, mit viel Empathie, aber auch mit kritischen Analysen, die letzten Lebensjahre des „alten Heimgärtners“, wie Rosegger sich selbst nannte. Neben biografischen Details und zahlreichen Rückschauen sind es vor allem die Reflexionen des Dichters – besonders zum großen Krieg -, die das Buch spannend gestalten und nicht nur biografisch-literarische, sondern auch historische Erkenntnisse erweitern.

Ab etwa 1915 trat Peter Rosegger in der Öffentlichkeit kaum noch in Erscheinung; er besaß den Nimbus einer sagenhaften Figur, seine Anhänger heben ihn in den Himmel und preisen ihn gleichzeitig als Inbegriff von Erdverbundenheit (S. 17), die zum Teil auch auf der Weigerung beruht, zwischen Person und Werk zu unterscheiden. Literarische Zeitgenossen wie Richard Plattensteiner und Ottokar Kernstock wirken an Legendenbildungen mit, von der beinahe religiösen Verehrung, die Rosegger im Alter zuteil wird, lässt der Dichter sich aber nicht blenden; dem Ehrentitel des „Weisen von Krieglach“ begegnet er mit Ironie (S. 25).

In seinem publizistischen Ausgedinge, in „Heimgärtners Tagebuch“, trägt Rosegger seine Irrtümer, Vorlieben und Aversionen offen zur Schau; er hält Rückschau auf die Schauplätze seines Lebens, die nicht selten Kampfschauplätze waren. Besonders als Publizist, als Herausgeber des „Heimgarten“ scheute er keinen Konflikt und gewann damit ein Profil, das ihn im Alter mitunter auch selbst befremdet. Fragen im Zusammenhang mit dem Krieg, den er zunächst begrüßte, dessen Ende er aber bald ersehnte, trieben ihn um und hielten ihn in Atem. Einerseits schrieb er als Pazifist während der ersten Kriegswochen „Das, was wir jetzt sehen, ist nicht das natürliche Antlitz der Menschheit, es ist eine durch Fieberwahnsinn entstellte Fratze“ (S. 40), andererseits ließ er sich aber auch von der Welle der Begeisterung mitreißen und findet dabei für sich die Strategie, den Krieg als Verteidigungskrieg zu rechtfertigen – allerdings mit der Einschränkung: „Geben wir dem Krieg, was er haben muß, aber verschreiben wir ihm nicht unsere Seele“.

Freunde waren Rosegger Zeit seines Lebens wichtige Begleiter, Diskussionspartner, Unterstützer, Lobspender, aber auch Kritiker; die wöchentliche Stammtischrunde in Graz versäumte er selten, manche seiner Werke sind auch im Kontext mit Aussagen und Arbeiten von Weggefährten zu sehen. Das Buch beschreibt daher auch die wechselseitigen Beeinflussungen durch Ottokar Kernstock, Max Mell, Wilhelm Kienzl, Stefan Zweig, Rudolf Hans Bartsch, Anton Kuh bis hin zu Roseggers Schwiegersohn Bernhard Paumgartner. Nachdem Rosegger die Redaktionsleitung des „Heimgarten“ an seinen Sohn Hans Ludwig übertragen hatte, widmete er sich ab 1912 vorzugsweise seinem öffentlichen „Heimgärtners Tagebuch“, das mit Miniaturen aller Art – „absichtslos und abgeklärt“ – „Altersgaben“ in hoher literarischer Qualität bot: „Ein milder Betrachter im Spätglanz der Jahre, innen schon friedlich und abgeklärt, so sieht der alte Heimgärtner wie Lynkeus der Türmer nieder in unsere heutige wirre und wahnsinnige Welt“ (S. 69).

Rosegger war von jeher kränklich, er litt an schwerem Asthma, mit zunehmendem Alter wurde sein Atem immer kürzer. Wenn es ihm schlecht ging, behalf er sich oftmals mit Sarkasmus und Selbstironie. Während des Krieges, besonders im Steckrübenwinter 1916/17, verschlechterte sich sein Zustand deutlich; die Bande, die ihn noch am Leben erhielten, waren vornehmlich seine Familie. Er wurde zunehmend depressiv, wobei der Krieg eine große Rolle spielte. Die von ihm erbetenen Befürwortungen von Kriegsanleihen begleitete er mit Mahnworten, die das indirekte Eingeständnis enthielten, dass seine Wunschvorstellung vom Krieg als Völkererzieher ein Irrglaube war und dass die noch aufzubringenden Opfer ausschließlich seiner Beendigung dienen müssen.

Ende 1917 meinte Rosegger „Ich bin jetzt wieder ein armer Hund, der nicht atmen kann“, sein Asthma und Bronchialkatarrh verschlechterten sich dramatisch. Deutlicher denn je wendet er sich gegen den Krieg und erteilt der Kriegpropaganda, der er selbst seinen Tribut gezollt hatte, eine deutliche Absage (S. 120). Sein in früheren Jahren oftmals bekundeter Optimismus im Hinblick auf „Güte, Zuversicht und Tapferkeit der Menschheit“ und sein Credo „im Suchen und heißen Streit/steht immer der Herr an ihrer Seit“ wich düsterem Zweifel und Pessimismus: Bereits 1915 hatte er sich angesichts hunderttausender Gefallener und angesichts des unermesslichen Leids und Leidens die Fragen gestellt: „Wer ist der Herr, der ein so großes Interesse an der Vertilgung hat? Was will er damit? …. Oder ist ihm das nur ein ergötzliches Spiel, um sich in der unermeßlichen Ewigkeit die „Zeit“ zu vertreiben?“ (S. 146). Aus Roseggers Friedenssehnsucht wurde Todessehnsucht: „Der Körper zerfällt, das Bewusstsein ist vernichtet – der Friede ist da“.

Im Mai 2018 verlieh Kaiser Karl dem Schriftsteller Peter Rosegger das „Großkreuz des Franz-Josef-Ordens“. Diese Auszeichnung am Krankenbett hatte zur Folge, dass sein schlechter Gesundheitszustand publik wurde und der gesamte deutsche Sprachraum daran Anteil nahm. Verbunden mit Glückwünschen zur Verleihung des Ordens trafen zahlreiche Genesungswünsche aus aller Welt – von Schülern, Lehrern, Vereinen, Arbeitern, Politikern, Schriftstellern, Gelehrten etc. – bei ihm ein.

Man kommt sich vor wie in der Wüste“, klagt Peter Rosegger am Ende seines Lebens, den Kriegslärm im Ohr, die (beklagenswerten) Verhältnisse im Hinterland vor Augen …. Aus dieser Wüste befreit ihn am 26. Juni 1918, wenige Monate vor dem Schweigen der Waffen, der lange erwartete Tod“ (S. 146). Sein Begräbnis am 28. Juni in der von ihm gewünschten Einfachheit und die Nachrufe wurden zu einem Bekenntnis der hohen Anerkennung, wie auch der Liebe und Achtung, die er sich in weiten Bevölkerungskreisen erworben hatte.

Christian Teissl gelingt es, das Alterswerk Peter Roseggers, sein Denken und Fühlen, seine Zweifel, auch seine Verzweiflung, „hautnah erlebbar“ zu vermitteln. Unter der Vielzahl von Biografien, Abhandlungen und wissenschaftlichen Texten zu Roseggers Leben und Werk kann die vorliegende Arbeit sowohl wissenserweiternd, wie auch als literarische Lektüre gut bestehen. Zahlreiche Zitate und Original-Textausschnitte erweitern das Verständnis und obwohl manchen Ausführungen zu „Nebenschauplätzen“ (z.B. zu Ottokar Kernstock) eine Straffung gut getan hätte, ist die Absicht des Autors, den „Weisen von Krieglach“ empathisch umfassend, mit seinen Vorzügen, aber auch in seinen Widersprüchlichkeiten, zu würdigen, sehr gut gelungen.

 

Gerfried Pongratz

Christian Teissl: Man kommt sich vor wie in der Wüste“ – Der langsame Abschied des Peter Rosegger, Styria Buchverlage 2018, ISBN 978-3-222-13582-8, 160 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„EINFACH EINSTEIN – Geniale Gedanken schwerelos verständlich“ von Rüdiger Vaas. Rezension von Gerfried Pongratz


9783440158364_600x600@2xKurz, knapp, hochkonzentriert, sind die Worte, mit denen unser Rezensent Dr. Gerfried Pongratz das Buch über die allerwichtigsten Erkenntnisse Einsteins beschreibt. Der Verlag findet auch lobende Worte:

Albert Einstein hat vor über 100 Jahren das Weltall neu erfunden. Seine Relativitätstheorie ist noch immer topaktuell, wie der Nachweis von Gravitationswellen gegenwärtig gezeigt hat. Doch was genau hat der Popstar der Physik eigentlich entdeckt, wie wurden seine Theorien bestätigt und warum würde ohne sie kein Navigationsgerät funktionieren? Darüber referiert Gerfried Pongratz (4/2018).

Rüdiger Vaas:

EINFACH EINSTEIN – Geniale Gedanken schwerelos verständlich

Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen…. Man kann nicht anders, als die Geheimnisse von Ewigkeit, Leben oder die wunderbare Struktur der Wirklichkeit ehrfurchtsvoll zu bestaunen. Es genügt, wenn man versucht, an jedem Tag lediglich ein wenig von diesem Geheimnis zu erfassen…“ (Albert Einstein).

Populärwissenschaftliche Bücher über Albert Einstein besitzen immerwährende Konjunktur, allein bei Amazon sind über 1.000 Titel zu finden und jedes Jahr kommen neue hinzu – dem bekannten Wissenschaftsreporter, Astronomie- und Physik-Redakteur Rüdiger Vaas gelingt es, mit „Einfach Einstein“ dieses Genre mit einem Glanzstück zu ergänzen. Gemeinsam mit dem Illustrator Gunther Schulz legt er ein kleines, aber sehr inhaltsreiches Werk vor, das Einsteins Entdeckungen und Theorien sowie damit verbundenes physikalisches und astronomisches Grundwissen gut verständlich aufbereitet, umfassend darstellt und damit den "Spagat" bewältigt, interessierten Laien wie auch informierten Lesern interessanten Lesestoff zu bieten, ohne die einen zu überfordern und die anderen zu langweilen.

Unterstützt von humorvollen, aussagekräftigen Infografiken berichtet das Buch weitgehend voraussetzungslos, oftmals augenzwinkernd „über Einsteins Abenteuer der Erkenntnisse“, vertieft durch zahlreiche Originalzitate und geistvolle Bonmots des großen Gelehrten. Einsteins wissenschaftliche Leistungen haben das Gebäude der Physik erschüttert und die Vorstellungen von Raum, Zeit, Materie, Energie und Schwerkraft für immer verändert. Die Spezielle und die Allgemeine Relativitätstheorie zählen zu den bedeutendsten Leistungen des menschlichen Geistes; sie führten zu ungeheurer Horizonterweiterung – erstmals konnte das Universum als Ganzes beschrieben werden – und sind in vielerlei Weise (vom Handy bis zur Atombombe) im menschlichen Alltag angekommen.

In 6 Kapiteln führt der Autor anhand von Einsteins Gedanken durch Raum und Zeit zu E = mc²; weiter zu Gravitation und Raumgeometrie und über die Beschreibung der wichtigsten Experimente zu Modellen des Universums. Die Rätsel der „kuriosen“ Quantenphysik, deren Grundlagen Einstein zusammen mit Max Planck und Niels Bohr geschaffen und die ihm bis zuletzt große Bauchschmerzen („spukhafte Fernwirkung“) verursacht hatten, beschließen die Ausführungen, die zu jedem Kapitel auch ein Quiz enthalten, mit dem das Verstehen des soeben Gelesenen überprüft werden kann. Die in den Buchumschlägen enthaltenen, sehr detailreichen chronologischen Daten bieten zusätzlich tiefe Einblicke in Einsteins Leben und Werk.

Was sind, extrem kurzgefaßt, die allerwichtigsten Erkenntnisse Einsteins?

  • Die berühmteste Formel der Welt (E = mc²) beschreibt die Äquivalenz von Masse und Energie, zeigt, dass winzige Massen ungeheure Energien entfesseln können und erklärt damit auch, warum Sonne und Sterne leuchten.
  • „Nichts ist schneller als das Licht“; Zeit ist relativ, je rascher man sich bewegt, desto langsamer vergeht die Zeit.
  • Wir leben in einer vierdimensionalen gekrümmten „Raumzeit“; Masse verformt den Raum und „verbiegt“ Lichtstrahlen.
  • Kollisionen im All lassen den Weltraum erbeben und verursachen „Gravitationswellen“ (die erst vor kurzem experimentell nachgewiesen werden konnten).
  • Das Universum ist mit dem Urknall entstanden und dehnt sich seither immer schneller aus.
  • Für die Entdeckung, dass Licht aus Teilchen besteht, erhielt Einstein den Nobelpreis und wurde Mitbegründer der Quantenphysik, die ihn „zum Schlimmsten aller physikalischen Rätsel führte“; seine Suche nach einer Einheitlichen Feldtheorie oder Weltformel, die alle physikalischen Phänomene beschreibt, blieb ergebnislos.

Leserinnen und Leser, die sich kurz, knapp, hochkonzentriert dem Leben und Werk sowie der überragenden Bedeutung Einsteins nähern möchten und dazu auch über ein wenig physikalische Vorbildung verfügen, oder sich solche aneignen möchten, sind mit diesem Buch sehr gut bedient.

„Wenn auch die Öffentlichkeit den Einzelheiten der wissenschaftlichen Forschung nur in bescheidenem Maße folgen kann, so hat sie doch ein Großes und Wichtiges gewonnen – das Vertrauen in die Sicherheit des menschlichen Denkens und in die Gesetzlichkeit des Naturgeschehens“ (Albert Einstein).

 

Gerfried Pongratz

 

Rüdiger Vaas: EINFACH EINSTEIN – Geniale Gedanken schwerelos verständlich, Franckh-Kosmos Verlag Stuttgart 2018, ISBN 978-3-440-15836-4, 128 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„EIN JAHRHUNDERTDENKER – Karl R. Popper und die offene Gesellschaft“ von Kurt Salamun. Rezension von Gerfried Pongratz


9783222150197-ein-jahrhundertdenker-6707Der Österreicher Karl R. Popper (1902–1994) hat auf verschiedenen Gebieten (Erkenntnislehre, Wissenschaftstheorie, Sozialphilosophie) richtungsweisende Gedanken entwickelt, die noch in der Gegenwart die gesellschaftspolitische Diskussion beeinflussen. So schreibt der Verlag, um den Titel des Jahrhundertdenkers zu rechtfertigen.

Den Titel hat der Philosophieprofessor Kurt Salamun aufgrund des Lobs anderer verliehen, als er Poppers Werk zum Zweck der Verbreitung besprochen hat. Dieses Vorhaben ist hervorragend gelungenen, befindet unser Rezensent Dr. Gerfried Pongratz (4/2018):

Kurt Salamun:

EIN JAHRHUNDERTDENKER – Karl R. Popper und die offene Gesellschaft

„Meiner Meinung nach ist Karl Popper der größte Wissenschaftstheoretiker, der je gelebt hat“ (Biologie-Nobelpreisträger Sir Peter Medawar). Karl Raimund Popper (1902 – 1994) ist unbestritten einer der größten Denker des 20. Jahrhunderts, seine Erkenntnisse zur Wissenschaftstheorie, Sozialphilosophie, Politischen Theorie etc. haben sich als richtungsweisend erwiesen und gesellschaftspolitische Entwicklungen und Diskussionen sowie auch moderne wissenschaftliche Methodik entscheidend geprägt. Der Grazer Philosophieprofessor Kurt Salamun, ein ausgewiesener Kenner Karl Poppers, unternimmt den Versuch, den Gelehrten in seinen vielen Aspekten und seinem bedeutenden Wirken einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen; sein Buch bietet interessierten Lesern tiefe Einsichten in das äußerst umfangreiche Werk Poppers.

Um es vorwegzunehmen: des Autors Vorhaben ist hervorragend gelungenen! In auch für philosophisch Ungeübte gut verständlicher Sprache, sehr umfassend mit zahlreichen Originalzitaten und vielen Querverweisen (auch zu Kritikern) versehen, vermittelt das Buch Poppers Gedanken und Erkenntnisse zu freiem, rationalem Denken, zu kritischer Vernunft, zur Wertschätzung einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Der Untertitel verweist auf Poppers wichtiges Anliegen, die „offene Gesellschaft“; darüber hinausgehend beleuchten die Ausführungen auch alle anderen Gebiete von Poppers Denken, das in seiner Tiefe und Vielseitigkeit seinesgleichen sucht. Kurt Salamun liegt dabei sehr daran, zu zeigen, „dass sich Poppers Philosophie nicht auf eine positivistisch orientierte Erkenntnis- und Wissenschaftslehre reduzieren lässt“, sondern „vielmehr das Bild eines kritisch-rationalen Menschentyps, der als normative Zielvorstellung eine Vorbildfunktion haben kann“ entwirft (S. 7).

Das Buch gliedert sich sehr übersichtlich in drei Haupt- und zahlreiche Unterkapitel. In LEBEN beschreibt der Autor Poppers Kindheit und Jugend, seine Schul- und Universitätserfahrungen, seine Arbeit als Möbeltischler und Lehrer (Popper und seine Frau Anna Henninger waren engagierte Mitgestalter der Wiener Schulreformbewegung) sowie seine Begegnungen mit dem Wiener Kreis und den Neopositivisten („Hauptverursacher von Pseudoproblemen ist die Metaphysik“). 1936 emigrierte er mit seiner Frau nach Neuseeland, lehrte an der Universität in Christchurch und erarbeitete dort u.a. sein sozialphilosophisches Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. 1946 erhielt Popper den Ruf als Professor für Logik und wissenschaftliche Methode an die London School of Economics (LSE), wo er 23 Jahre unterrichtete. Auch nach seiner Emeritierung forschte und publizierte Popper (als lebenslanger Workaholic) unermüdlich weiter und entwickelte dabei auch seine evolutionäre Erkenntnistheorie mit trialistischer Seinslehre (Materie, Bewusstsein, Geist – Welt 1, 2, 3).

In „Geistesgrößen, die Popper entscheidend geprägt haben“ beschreibt der Autor Einflüsse von Sokrates, Mill, Kant, Einstein, Bühler und Hayek auf Poppers Denken; so wurde z.B. Einsteins Arbeitsweise zum zentralen Prinzip von Poppers wissenschaftlicher Methodenlehre, dem Falsifizierungsprinzip: „So kam ich 1919 zum Schluß, dass die wissenschaftliche Haltung die kritische war; eine Haltung, die nicht auf Verifikationen ausging, sondern kritische Überprüfungen suchte: Überprüfungen, die die Theorie widerlegen konnten, nie aber als wahr erweisen“ (S. 44). Von Karl Bühler wurde für Popper das „Organonmodell“ der Sprache richtungsweisend; „die im Verlauf der evolutionären Sprachentwicklung entstandene argumentative Funktion der Sprache macht es möglich, weltanschauliche Hypothesen und Theorien „sterben zu lassen“, anstelle von Menschen“ (S. 46).

WERK vermittelt Poppers Lerntheorie und Erkenntnislehre, seine Wissenschaftstheorie, Sozialphilosophie, Politische Theorie und sein liberales Menschenbild. Popper erläutert die Funktion des Gedächtnisses (assoziationspsychologische Lerntheorien lehnt er ab) und kennzeichnet die Ableitung von Theorien durch einen Induktionsvorgang als „vordarwinistisch“ (S. 58). Ein wichtiges Unterkapitel bildet „Das Aufklärungsethos und das Ideal der Selbstbefreiung durch Wissen“ („als einer der letzten Nachzügler des Rationalismus und der Aufklärung glaube ich an die Selbstbefreiung des Menschen durch das Wissen…“(S. 61), wobei er sich aber auch gegen eine Überschätzung der Vernunft („Essentialismus“) wendet und sich von den Zielen der sprachanalytischen Philosophie distanziert (“man soll nie versuchen, exakter zu sein, als es die Problemsituation erfordert“ (S. 67)).

„Das Begründungsmodell der Erkenntnis und die Konzeption der kritischen Rationalität“ erläutert die für die Wissenschaft wichtigen Postulate des Kritischen Rationalismus: Das Falsifikationsprinzip (im Gegensatz zum Verifikationsprinzip) und die Ablehnung des logischen Induktionsmodells (Schlussverfahren vom Besonderen zum Allgemeinen) als Begründung von Erkenntnisbehauptungen (bei der Entstehung von Erkenntnissen können allerdings induktive Denkschritte mit im Spiel sein). Gedanken zum „Münchhausen Trilemma“, zur Fallibilitätsthese (prinzipielle Fehlbarkeit und Irrtumsanfälligkeit des menschlichen Erkenntnisvermögens), zum wissenschaftlichen Fortschritt durch Versuch und Irrtum, zur kritisch-rationalen Vernunftauffassung und zu verschiedenen Aspekten des Kritischen Rationalismus bilden den Kern weiterer Ausführungen. Kritisches Problemlösungsverhalten im Gegensatz zu dogmatischem Rechtfertigungsdenken ist das Fundament von Poppers Erkenntnis- und Wissenschaftslehre (S. 133).

Im Unterkapitel „Moralische Wertprinzipien der kritischen Vernunft“ beschreibt Kurt Salamun Poppers Offenheit für Kritik sowie die Pflicht zur Selbstkritik und seine Ideale der individuellen Freiheit und Toleranz als wichtige Prinzipien humanitärer Ethik. Gleichzeitig warnt Popper vor Absolutierungen des Freiheits- und Toleranzprinzips, die zu Paradoxa der Freiheit und der Toleranz (Toleranz auch gegenüber Intoleranten) führen können. Intellektuelle Redlichkeit und intellektuelle Bescheidenheit bilden weitere Grundpfeiler in Poppers Wertesystem, in dem ganz oben auch „negativer Utilitarismus“ (nicht Maximierung von Glück, sondern Minimierung von Unglück ist das Ziel) rangiert.

Die kritische Auseinandersetzung mit Karl Marx bildet einen beträchtlichen Teil in Poppers Sozialphilosophie. Ihr, wie auch Fragen, ob Gesellschaften durch radikale Revolutionen, oder durch schrittweise Reformen verändert werden sollen, werden eigene Unterkapitel gewidmet, wobei Poppers Ideal einer offenen, demokratischen Gesellschaft mit ihren Voraussetzungen, Risiken und Herausforderungen ausführlich zur Erörterung gelangt. „Offene Gesellschaft“ besitzt bei Popper eine deskriptiv-normative Bedeutung, sie sei „Realität wie Ideal“; als wichtiges Merkmal erachtet er die institutionelle Absicherung der größtmöglichen Freiheit für den Einzelnen (S. 126). Zur Frage, wer im Staat regieren soll, meint er: „Wie können wir politische Institutionen so organisieren, dass es schlechten oder inkompetenten Herrschern unmöglich ist, allzu großen Schaden anzurichten?“ (S. 127). Popper betont die Rolle der Rechtsstaatlichkeit, die sich im Drei-Säulen-Prinzip (Legislative, Exekutive und Justiz) manifestiert und auch, dass eine offene Gesellschaft politisch-weltanschaulichen Pluralismus und friedliche politische Konkurrenz erfordert (ähnlich, wie es in der Wissenschaft notwendig ist, „Theorienpluralismus“ herzustellen).

„Das ideologiekritische Potential des Kritischen Rationalismus“ beschreibt Poppers Ideologiekritik und die Grundmuster ideologischen Denkens (absolute Wahrheits- und Ausschließlichkeitsansprüche, Erkenntnismonopole und Interpretationsprivilegien, Immunisierungsstrategien, Feindbilder, Tarnungen und Wertungen, Verschwörungstheorien usw.). In „Ideologische Grundmuster in Nationalsozialismus, Marxismus-Leninismus und Islamismus (IS) übt Kurt Salamun unter Bezug auf Popper eingehend Kritik an diesen Ideologien, denen er die „Grundzüge einer liberal-demokratischen Weltanschauung“ gegenüberstellt und mit „Richtlinien zur kritischen Prüfung von Weltanschauungen und Ideologien“ einen Fragenkatalog als Prüfstein bei der Beurteilung von Weltanschauungen anfügt.

WIRKUNG beschreibt Poppers Resonanz in Wissenschaft und Politik. Popper wirkt als Begründer der Denkrichtung des Kritischen Rationalismus und mit seinen gesellschaftsphilosophischen Vorstellungen in eine breite Öffentlichkeit. „Seine Erkenntnis- und Wissenschaftslehre bildet einen wichtigen Bestandteil des Wissenschaftsverständnisses unserer Zeit und beeinflußt stets von neuem Grundlagendiskussionen in vielen Wissenschaftsdisziplinen…… viele seiner Gedanken sind auch für die Geistes- und Kulturwissenschaften bedeutsam geworden“ (S. 192). Zahlreiche bedeutende Forscherpersönlichkeiten betonen den Einfluss Poppers auf ihr Denken. Im deutschen Sprachraum sind es vor allem Hans Albert, der sich Poppers Werk und dessen Verbreitung intensiv widmet (seine Arbeiten wurden von Popper als adäquateste und konstruktivste Darlegungen seiner Philosophie gewürdigt); in Österreich gibt es ebenfalls zahlreiche Wissenschaftler – u.a. den Autor dieses Buches -, die sehr wesentliche Beiträge zur Verbreitung und Diskussion von Poppers Werk leisten.

Poppers Wirkung auf Schüler und Freunde mit einer „Persönlichkeitsskizze“ und Anmerkungen zur öffentlichen und akademischen Rezeption Poppers in Österreich beschließen ein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch, das in keiner Bibliothek natur-, geistes- und kulturwissenschaftlich interessierter Leserinnen und Leser fehlen sollte.

 

Gerfried Pongratz

 

Kurt Salamun:EIN JAHRHUNDERTDENKER – Karl R. Popper und die offene Gesellschaft, Styria Buchverlage Wien-Graz-Klagenfurt 2018, ISBN 978-3-222-15019 -7, 239 Seiten

Die für 15 Bände geplante deutsche Gesamtausgabe von Poppers Werken erscheint im Verlag Mohr Siebeck in Tübingen.

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„MEIN LEBENSLAUF“ von Felix Mitterer. Rezension von Gerfried Pongratz


3425.jpg.thumb-380x550-keepratioUnser Rezensent Dr. Gerfried Pongratz spricht von einem überaus empfehlenswerten Buch – gemeint ist Felix Mitterers gerade erschienenes “Mein Lebensweg”.
Nach Pongratz hat sich Mitterer in mehreren Theaterstücken religions- und kirchenkritisch geäußert. Z.B. in “Stigma” (Thema Exorzismus) kam dies drastisch zur Sprache und führte zu heftigen Reaktionen von Gläubigen und Kirche. In Bezug auf das Buch kommt dies anscheinend weniger zum Tragen. Das Werk sei jedenfalls hochinteressant, besonders – aber nicht nur – für Literaturaffine (Pongratz 2/2018).

Felix Mitterer: MEIN LEBENSLAUF

Felix Mitterer, ein Name, der jedem Literatur- und Theaterfreund geläufig ist und den wohl auch die meisten Film- und Fernsehfreunde kennen: Als Autor von mittlerweile 50 Theaterstücken, 30 Drehbüchern, 6 Hörspielen und mehreren Büchern; als Träger zahlreicher hoher Auszeichnungen und nicht zuletzt als beeindruckender Schauspieler – kurzum als Darsteller und Literat, der zu den bedeutendsten Schriftstellern des deutschsprachigen Raumes zählt.

Jeder einschlägig Interessierte kennt seinen Namen, wer aber – außerhalb seines persönlichen Umfeldes – kennt auch die Person Felix Mitterer? Die zu seinem 70. Geburtstag erschienene Autobiografie „Mein Lebenslauf“ erlaubt erstmals tiefere Einblicke in seinen Werdegang, sein Denken und Arbeiten, sein Fühlen und Wollen. Sie legt dazu auch, wie es sein Freund und Lektor Michael Forcher schreibt, ein weit über einen „Lebenslauf“ hinausgehendes Werk zur österreichischen Theater- und Fernsehgeschichte vor. Im Register des Buches scheinen über 700 Namen von Theaterleuten auf, die mit Felix Mitterer und seinem Lebenswerk verbunden sind, im Text des Buches werden lebende, wie auch schon verstorbene Freunde und Mitstreiter mit Dank und Anerkennung gewürdigt, einigen sind eigene Unterkapitel gewidmet.

EIN BUB VOM LAND WIRD DICHTER nennt sich das erste Hauptkapitel des Buches, das in ruhiger, jedem Pathos und jeder Dramatik abholder Sprache von einer Kindheit erzählt, die für Außenstehende nur als Drama zu begreifen ist. Felix Mitterer wird als Sohn einer verwitweten Landarbeiterin und eines rumänischen Flüchtlings, den er nie kennenlernt, geboren und direkt nach der Geburt an ein mit der Mutter befreundetes Landarbeiterehepaar, das ihn später adoptiert, weggegeben. Die ärmliche Kindheit auf verschiedenen Bergbauernhöfen ist hart, arbeitsreich und – abgesehen von Almsommern – auch psychisch extrem belastend (die Adoptivmutter neigt zu Zornausbrüchen und traktiert das Kind immer wieder mit Schlägen und Liebesentzug). Exzessives Lesen – später auch Schreiben – bilden die wichtigste Fluchtmöglichkeit aus bedrückenden Lebensumständen. Nach Absolvierung der Pflichtschulen besucht Mitterer die Lehrerbildungsanstalt in Innsbruck, verlässt sie vorzeitig und arbeitet ab 1966 beim Zollamt Innsbruck. Seine Nächte gehören dem Schreiben, es erscheinen erste literarische Arbeiten. In den turbulenten 1968er Jahren wird aus dem Träumer ein gesellschaftskritischer Beobachter: „Ich … begann den Verhältnissen auf den Grund zu gehen und die Zusammenhänge zu durchschauen, begann über meine Herkunft nachzudenken und sie anzunehmen…/…dass ich endlich schreiben konnte und wollte über meine Welt, meine Herkunft, meine Menschen; zuerst in Kurzgeschichten, dann in Hörspielen, Stücken und Drehbüchern“(S. 47/48).

1970 werden im ORF erste Beiträge gebracht, 1977 macht er sich als freier Autor selbständig. Als feinfühliger Beobachter und Erzähler schildert er in seinen Werken die Welt der kleinen Leute, der Bedrängten, der Schutzlosen, der Opfer der Allgemeinheit („…die Opfer sind „die Anderen“. Und diese „Anderen“ – die Außenseiter, die Ausgestoßenen – sind ein durchgehendes Thema meiner literarischen Arbeit…“[S.154]). Mit seinem ersten Theaterstück „Kein Platz für Idioten“, in dem er auch als Schauspieler reüssiert, erlangt Felix Mitterer hohe Anerkennung; es folgen zahlreiche weitere, ebenso erfolgreiche – seine Stücke gehören mittlerweile zu den meistgespielten in Österreich. Felix Mitterer blickt den Menschen in die Herzen, mit literarischem Gespür und Humor (ORF-Programmdirektorin Kathrin Zechner: „Felix Mitterer zählt zu den Größten der österreichischen Literatur… mit seinen gesellschaftskritischen Texten war er oft seiner Zeit voraus… es gibt wohl niemanden, der mit Felix Mitterer nicht das eine oder andere persönliche TV-, Theater- oder Hörspielerlebnis in Verbindung bringt…“).

Das Kapitel CHRYSELDIS.MALERIN bildet ein bewegendes literarisches Denkmal von Mitterers späterer Frau Chryseldis Hofer-Mitterer, von ihrem Leben und Werdegang (und, am Ende des Buches, von ihrem tragischen Unfalltod 2017): „Ihre Werke haben ein Geheimnis, das der Betrachter mit dem Herzen versteht, aber nicht formulieren muss, selbst wenn er dazu in der Lage ist“ (S.76).

ERFOLGE, ERFAHRUNGEN, ERLEBNISSE beschreibt die Jahre 1978 – 1995, die neben großartigen Erfolgen auch böse Verrisse, Kämpfe und Aufführungsprobleme mit sich bringen. Fernsehproduktionen wie „Die Piefke-Saga“ und „Verkaufte Heimat“ sorgen für heftige kontroversielle Auseinandersetzungen (und erreichen letztendlich Kultstatus), Theaterstücke wie „Stigma“ führen zu Gewaltandrohungen und Hetzkampagnen wegen vermeintlicher Pornografie und Blasphemie, Stücke wie „Karrnerleut“, „Besuchszeit“, „Die wilde Frau“, „Kein schöner Land“, „Verlorene Heimat“, „Die Kinder des Teufels“, „Sibirien“ etc. erhalten begeisterte Zustimmung und schroffe Ablehnung („..so machtvoll kann Theater sein, dass es die Dinge an die Oberfläche bringt, wo es vorher vielleicht nur im Untergrund kochte und brodelte…“ [S. 152]), wobei Mitterer auch Anfeindungen verständnisvoll und mit dem ihm eigenen ruhigen Humor begegnet. Sinn und Zweck von Literatur definiert er mit: „Das ist Aufgabe der Literatur. Zu den Leuten kommen. An den richtigen Ort. Dorthin, wo es brennt“ (S. 144).

Neben erhellenden Einblicken in die „Werkstatt“ und Arbeitsweise eines Literaten enthält das Buch auch spannende, meist humorvolle Beschreibungen des Theaterlebens mit den oftmals fast unüberwindlich scheinenden Schwierigkeiten bei Finanzierung, Ausstattung, Personalrekrutierung und Produktionen. Letztere besonders an ungewöhnlichen Lokalitäten (z.B. am Gipfel der 2.592 m Hohen Munde – interessant dargestellt im Tagebuch vom 3. August 1983 bis 3. August 1984), oder bei Dreharbeiten, wie z.B. in Temeswar: Farbige Erzählungen ermöglichen ein Miterleben und tieferes Verständnis der Vorgänge im und ums Theater, mit all seinen Problemen, Sorgen und Stresserscheinungen.

Die zahlreichen Ehrungen Felix Mitterers und seine (von ihm nicht angestrebte) Rolle als „öffentliche Person“ bringen mit sich, dass er häufig um Ansprachen gebeten wird. Das Buch enthält seine Rede zum 150. Geburtstag von Peter Rosegger am 31. Juli 1993 in Alpl (S. 233), die exemplarisch an Roseggers Entwicklung und Dichtung auch Mitterers Denkweisen erfühlbar werden lassen (wobei er neben aller Empathie für Rosegger und sein Werk auch kritische Anmerkungen nicht verhehlt). Die biografischen und dichterischen Parallelen zwischen Rosegger und Mitterer sind unübersehbar und münden in eine Aussage zum Dilemma des Schriftstellers: „Er gehört im Grunde nirgends dazu, sitzt immer zwischen allen Stühlen. Er ist kein Bauer, kein Handwerker; wenn er Erfolg hat, kann er ein bürgerliches Leben führen, aber trotzdem gehört er auch nie zu den Bürgern. Er ist letztlich heimatlosund sucht sich die Heimat schreibend zurückzugewinnen“ (S 237).

IRLAND: SCHREIBEN IM LAND DER DICHTER. Von 1995 – 2010 lebt und arbeitet Felix Mitterer in Irland, wo er sich gemeinsam mit Chryseldis und Tochter Anna in Castlelyons ein schönes Heim schaffen konnte (Anna gestaltet rund ums Haus einen wunderbaren Garten). Zahlreiche hochgelobte Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher (u.a. zwölf „Tatorte“) bilden das Ergebnis intensiver Arbeit (z.B. „Abraham“, „Die Geierwally“, „Krach im Hause Gott“, „In der Löwengrube“, „Gaismair“, „Die Beichte“, „Die Hutterer“, „Die Weberischen“). Zum in den Volksschauspielen Telfs uraufgeführten Stück „Mein Ungeheuer“, merkt Mitterer an: „Ich habe nie autobiografisch geschrieben, obwohl natürlich das eigene Leben in allem steckt, was man schreibt. „Mein Ungeheuer“ ist eine Ausnahme. In diesem Text verbirgt sich das Schicksal zweier Frauen, das meiner leiblichen und das meiner Adoptivmutter, untrennbar miteinander verwoben. Und das tote Kind, das im Schuhkarton von Wirtshaus zu Wirtshaus getragen wird, ist meine Zwillingsschwester, die mir bis heute fehlt“ (S. 335).

WIEDER ZURÜCK IN ÖSTERREICH nennt sich das letzte große Kapitel, das die Zeit von 2010 bis heute beschreibt. 2010 kauft Mitterer in Ravelsbach im Weinviertel einen alten Bauernhof, den er mit großer Mühe und fast ruinösem Kostenaufwand renoviert und seit 2011 bewohnt. Seine Leidenschaft und Schaffenskraft zur Literatur sind ungebrochen, seine Liebe zur Kunst bringt „Erholung vom aufdringlichen Lärm unserer Zeit, Erholung von der Bilderflut, die über die Medien auf uns einströmt, Erholung von der Unruhe und Unrast und Häßlichkeit in unserer einstmals heilen Landschaft“ (S. 135). Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Agnes („ohne sie hätte ich die letzten 10 Jahre nicht überstanden“) gestaltet er ein intensives, äußerst kreatives Leben, das einerseits großartige neue Werke (u.a. „Passion“ in Erl „eine Passion, wie es sie noch niemals gab und auch nicht mehr geben wird“; „Jägerstätter“, „Jakob der Letzte“, „Der Boxer“, „Märzengrund“, „Galapagos“, „Luther“) hervorbringt und andererseits auch dazu führt, dass er nach 30 Jahren mit großem Erfolg wieder zu spielen beginnt – als Affe in „Ein Bericht für eine Akademie“. Am 6. Februar 2018, seinem 70. Geburtstag, verkörperte er die Rolle im Theater in der Josefstadt zum letzten Mal: „Die erste Rolle ein Idiot, die letzte ein alter Aff, das hat doch was. Für mich jedenfalls. Beides durfte ich leben. Und nachfühlen“ (S. 450).

Das vorliegende Buch bestätigt die Erfahrungen des Rezensenten und wahrscheinlich der allermeisten Theater- und Literaturliebhaber, dass Felix Mitterer ein begnadeter Dramatiker und wunderbarer Erzähler ist, der in seinen Theaterstücken, Drehbüchern und Hörspielen die Zuseher, Zuhörer und Leser unwiderstehlich in Bann zu ziehen vermag. Seine Werke fesseln inhaltlich, regen zum Nachdenken an, verzaubern; wenn man sie liest, vermeint man, den Autor – in seinem ruhig, angenehmen Sprachduktus – persönlich vor Augen zu haben. Uneingeschränkte Empfehlung für ein großartiges Buch!

 

Gerfried Pongratz

Felix Mitterer: MEIN LEBENSLAUF, Haymon Verlag, Innsbruck-Wien 2017, ISBN 978-3-7099-3425-8, 527 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz

 




Kinderroman über Evolution: „Adam der Affe“ – Eine Besprechung


Adam AffeDie meisten Kinder kommen zuerst in der Grundschule mit Religionsunterricht in Kontakt und lernen dann an einer weiterführenden Schule etwas über die Evolutionstheorie und die nahe Verwandtschaft von Menschen und Affen. Deshalb ist es wichtig, dem Nachwuchs das Wissen über die Evolution so früh wie möglich nahezubringen. Schließlich war der erste Mensch eben nicht der aus Bibel und Koran bekannte Adam.

Dieses Thema hat der Autor Wolfgang Wambach in seinem Kinder- und Jugendroman „Adam der Affe“ verarbeitet. Die spannende Geschichte handelt von einem stummen Jungen, der in einem Schimpansen einen wahren Freund findet.

Kenny Feldmann ist ein 13-jähriger Junge, der nach der Schule am liebsten am Computer zockt. Doch etwas unterscheidet ihn von anderen: Kenny kann nicht sprechen. Auf dem Schulweg wird er regelmäßig von Gleichaltrigen verprügelt. Seinen Frust darüber lässt Kenny an kleinen Tieren aus, die er quält. Erfolge kennt er nur bei Computerspielen im Internet, wo niemand seine Stummheit bemerkt.

Eines Tages lernt er durch Zufall den Schimpansen Adam kennen, der in einem Zirkuskäfig ein tristes Leben führt. Zu Kennys Erstaunen stellt Adam sich ihm in Gebärdensprache vor. Als Kenny am nächsten Tag wieder zum Zirkus geht, passiert ein Unfall, den nur er beobachtet: Der Zirkusdirektor wird bewusstlos geschlagen. Die skrupellosen Zirkusleute haben Adam in Verdacht und wollen ihn zur Rechenschaft ziehen. In letzter Sekunde flieht der Affe aus seinem Käfig und nimmt den verdutzten Jungen auf seiner Schulter mit.

Adam will sich auf den Weg machen zu Professor Weißbart, der ihm einst in einer Forschungsstation die Gebärdensprache beigebracht hatte. Adam belügt Kenny, indem er andeutet, dass der Professor dem Jungen das Sprechen mit dem Mund beibringen könne.

Kenny erträumt sich die Lösung all seiner Probleme und reißt von zuhause aus. Er rasiert den Affen im Gesicht und besorgt ihm einen Anzug und eine Sonnenbrille. Inkognito beginnt für die beiden eine turbulente Abenteuerreise, die sie quer durch das Land führt.

Bald sind die Polizei und auch die Zirkusleute dem Duo auf den Fersen. Sie schaffen es mit letzter Kraft, zum Professor zu gelangen. Aber als sie seine Wohnung betreten, wartet schon die Polizei auf sie und Adam werden Hand- und Fußschellen angelegt. Doch Professor Weißbart nutzt geschickt die Medien und es gelingt ihm eine Sensation: Adam kommt vor ein Gericht und darf sich dort verteidigen. Zum ersten Mal gelten Menschenrechte für einen Menschenaffen. Kenny will unbedingt an der Gerichtsverhandlung teilnehmen. Wird er es schaffen, die Unschuld seines neuen Freundes zu beweisen?

Adam Affe II„Adam der Affe“ ist ein sehr einfühlsames Buch. Die beiden Hauptfiguren entwickeln sich spannend. Der Autor lässt die Leser direkt an den Gedanken und Empfindungen Kennys teilhaben, indem er viel mit inneren Dialogen arbeitet. Man fühlt die Widersprüche in Kenny, wie er seinen Mutismus als Makel empfindet, vor allem, wenn Menschen ihn belehren mit Sätzen wie: „Die Sprache unterscheidet den Menschen vom Tier.“ Kenny entwickelt sich vom unsicheren Einzelgänger, der nur auf sich fixiert ist, zu einem empathischen Helden, der einen Blick für die Gefühle und Bedürfnisse seiner Umgebung bekommt.

Durch die Figur Adam erfahren die Leser, dass Affen denken, lieben, planen und lügen können. Sie haben dieselben Gefühle wie Menschen. Der Schimpanse ist auch ein Beispiel für die vielen Tiere, die in Zoos oder im Zirkus gefangen gehalten werden und dortunter schlimmsten Bedingungen leben müssen.

Der eigentlichen Geschichte folgt ein Nachwort über Große Menschenaffen, das den Kindern zeigt, wie nahe die Verwandtschaft zum Menschen ist. Natürlich besitzen Affen in Wirklichkeit nicht die Fähigkeiten, die Adam in der Geschichte hat – das wird in dem Nachwort aber genau erklärt.

Besonders Kinder und Jugendliche mit wenig Leseroutine und kurzer Aufmerksamkeitsspanne bekommen durch den Roman schnelle Erfolgserlebnisse. „Adam der Affe“ ist für Mädchen und Jungen zwischen 8 und 13 Jahren sehr zu empfehlen!

Wambach, Wolfgang: Adam der Affe

Hardcover DIN A5

132 Seiten mit 6 Zeichnungen und einem wissenschaftlichen Nachwort mit 12 Fotos

15,99 €

ISBN 978-3741852015

Erhältlich im Buchhandel und im Internet.




„GOTTLOS GLÜCKLICH “ von Philipp Möller. Rezension von Gerfried Pongratz


u1_978-3-596-29880-8.60897921Diese Rezension von Dr. Gerfried Pongratz (10/2017) gilt Philipp Möller, dem Diplompädagogen, Bestsellerautor und überzeugten Atheisten. Möller war Pressereferent der »gottlosen« Buskampagne und arbeitet heute für die Giordano-Bruno-Stiftung. Der Verlag zitiert Möller: »Ich möchte zeigen, dass ein Leben ohne Gott für extrem viele Menschen absolut selbstverständlich und wunderschön ist, und ein Gegengewicht bieten zu religiöser Werbung, so wie sie heute – im Verborgenen wie im Öffentlichen – absolut wieder üblich ist.« Provokant, unterhaltsam und unkonventionell trifft Philipp Möller mit seinen Fragen und Thesen einen Nerv. Die Rezension von Gerfried Pongratz:

Philipp Möller: „GOTTLOS GLÜCKLICH – warum wir ohne Religion besser dran wären“

Wer die vorhergehenden Bücher „"Isch geh Schulhof", "Bin isch Freak?“ und „Isch hab Geisterblitz“ von Philipp Möller kennt, weiß, was ihn mit „Gottlos glücklich“ erwartet: Entlang persönlicher Erfahrungen und weiterführender Gedanken eine humorvolle, zuweilen auch bissige Auseinandersetzung mit einem ernsten Thema – hin zu einem Plädoyer für „ein erfülltes Leben ohne Gott!“

Frömmigkeit verbindet sehr, aber Gottlosigkeit noch viel mehr“ meinte Goethe, dem Autor gelingt es auf lockere Weise, diese Aussage unter Beweis zu stellen. Akteure wie Philipp Möller und Organisationen, wie die Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), tragen wesentlich dazu bei, dass es zu „gottloser Fröhlichkeit“ (Adolf Holl) kommen kann und der Begriff „gottlos glücklich“ in den allgemeinen Sprachgebrauch Eingang gefunden hat. Möller schildert die Hintergründe und den Ablauf säkularer Kampagnen, die von der gbs durchgeführt wurden, oder im direkten Umfeld der Stiftung entstanden sind. Beginnend mit der viel beachteten “gottlosen“ Buskampagne beschreibt er sein persönliches – von vielen Mitstreitern und der gbs unterstütztes – Bemühen, ungerechtfertigte Kirchenprivilegien und absurde Glaubensdogmen mit den daraus resultierenden Widerständen gegen eine offene Gesellschaft und einen weltanschaulich neutralen Staat aufzuzeigen, bzw. zu bekämpfen.

Knapp 40% aller Deutschen fühlen sich keiner Religion zugehörig und dennoch besitzen die christlichen Religionen (Kirchen) nach wie vor in nahezu allen Bereich des Lebens und Zusammenlebens der – auch konfessionsfreien – Bürgerinnen und Bürger großen Einfluss und bestimmen und beeinflussen – vom Kindergarten bis zum Sterben – die Geschicke vieler Menschen. Obwohl im deutschen Grundgesetz eine Trennung von Kirche und Staat festgelegt ist und von den meisten Politikern die Aussage „Religion ist Privatsache“ bejaht wird, ist Deutschland nach wie vor eine „Kirchenrepublik“ mit vielen Facetten; mehrere Milliarden Euro müssen von den Steuerzahlern – auch von Atheisten – dafür jährlich aufgebracht werden (die Erklärung, wie und warum es dazu gekommen ist, bildet einen interessanten Teil der Ausführungen).

Ich möchte zeigen, dass ein Leben ohne Gott für sehr viele Menschen absolut selbstverständlich und wunderschön ist und auch, dass man nichts für wahr halten sollte, wofür es keine Beweise gibt“ lautet eine der Grundaussagen des Buches, das auch engagierte Kapitel gegen religiöse Indoktrination durch Pflicht-Religionsunterricht sowie gegen Islamismus und Fremdenfeindlichkeit enthält und im Gegensatz dazu für Menschenrechte, Frauen Empowerment, Kinderrechte (gegen Zirkumzision) und die Möglichkeit eines selbstbestimmten Sterbens plädiert. Ob man ohne Glauben an Gott besser dran ist, müsse jeder für sich entscheiden, dass man aber ohne institutionalisierten Glauben, d.h., ohne Religion, besser fährt, steht für Philipp Möller, belegt mit geschichtlichen und zeitnahen Argumenten, fest. Beispielsweise hält er die Grundaussagen der christlichen Morallehre mit einer Unterscheidung zwischen Gut und Böse für gravierend falsch, da ihre Kriterien willkürlich sind und für die Gestaltung eines fairen Miteinander in unserer heutigen pluralen Gesellschaft nicht mehr ausreichen (Homosexualität z.B. ist nach christlicher Moral falsch, ethisch aber vollkommen unproblematisch). Die Alternative bietet ein ethischer Kompass, der in das Selbstbestimmungsrecht des Individuums fällt und fragt, ob eine Handlung fair oder unfair ist, bzw. ob durch sie die Rechte oder Interessen anderer verletzt, oder gewahrt werden.

Ein flott zu lesendes, in manchen Aussagen provokantes, dabei aber auch sehr informatives Buch, das gleichzeitig gut unterhält. Manche Passagen, vor allem zu den persönlichen Erlebnissen, sind etwas langatmig und manche Dialoge in direkter Rede wirken aufgesetzt. Eine deutliche Straffung mancher Textstellen hätte dem Buch gut getan, insgesamt bietet es aber interessante Einblicke in das Denken bekennender Atheisten und deren Ziele, Religionen in allen Lebensbereichen zu privatisieren, den Einfluss der Kirchen zurückzudrängen, Humanismus zu verbreiten, Aufklärung zu betreiben und zum Nachdenken anzuregen (ein wichtiges Element dazu bildet die Forderung, Pflicht–Ethikunterricht landesweit in allen Schulen und Schulstufen einzuführen).

 

Gerfried Pongratz

Philipp Möller: „GOTTLOS GLÜCKLICH – warum wir ohne Religion besser dran wären“, Fischer Taschenbuch, 2017, ISBN 978-3-59629880-8, 320 Seiten.

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




"Islam in der Krise" von Michael Blume. Renzension von Gerfried Pongratz


978-3-8436-0956-2blumeEine neue Rezension von Dr. Gerfried Pongratz (9/2017) befasst sich mit dem aktuellen Thema Islam. Der Verlag schreibt:

Der Islam scheint selbstbewusst zu expandieren. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Religionswissenschaftler Michael Blume erklärt das Szenario als Symptom einer weltweiten tiefen Krise des Islams. Er zeigt: Es ist nicht einmal mehr klar, wie viele Muslime es tatsächlich noch gibt. Der Rezensent Pongratz findet freundliche Worte für das Buch:

Islam in der Krise – Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug

Bücher über den Islam haben Konjunktur, Amazon z.B. weist 34 Neuerscheinungen für die ersten zehn Monate des Jahres 2017 aus. Über die Qualität mancher dieser Werke kann man geteilter Meinung sein, die Qualität des vorliegenden Buches wird aber aller Voraussicht nach weitgehend unbestritten bleiben; es besticht durch ein breites, tiefgründiges, differenziertes Bild auf den Islam – beginnend bei geschichtlichen Ereignissen bis hin zu seinen heutigen Erscheinungsformen in den Mutterländern, wie auch im Westen. Der mit einer Muslimin verheiratete (evangelisch-christliche) Religions- und Politikwissenschaftler Michael Blume kritisiert sehr offen – ohne diffamierende Untertöne – die Fehlentwicklungen im Islam und analysiert, bzw. beschreibt die sich daraus ergebenden Notwendigkeiten: „Nein, der Islam ist noch nicht tot, doch er gleicht einem Schwerkranken, der vor Verzweiflung und Schmerz um sich schlägt. Und erst, wenn wir – Nichtmuslime und Muslime gleichermaßen – dies realistisch wahrnehmen und verstehen, besteht die Chance auf eine bessere, gemeinsame Zukunft“ (Buchumschlag).

Der Islam befindet sich aus vielerlei Ursachen in einer weltweit tiefen Krise. Beginnend beim Verbot des Buchdrucks 1485 im Osmanischen Reich durch Sultan Bayezid II, dessen Nachwirkungen bis heute zu spüren sind, reicht die Palette zahlreicher Fehlentwicklungen bis zum starren Festhalten an wortwörtlichen Auslegungen der „heiligen“ Schriften und zum – auch politisch begründeten – religiösen Fundamentalismus der meisten Ölstaaten und zahlreicher Islam-Gelehrter. Sie verbieten Religionsfreiheit und unterdrücken Gedankenfreiheit, was bei manchen Muslimen zu Radikalisierung und Gewalt führt und andere, vor allem höher gebildete, veranlasst, sich innerlich (Glaubensabtrünnige sind Ausgrenzungen und großen Gefahren ausgesetzt) vom Islam zu verabschieden.

Aktuelle Forschungen belegen, dass es unter Muslimen (Männer und Frauen) massive Säkularisierungsprozesse gibt, befeuert durch die Gewalt, die im Namen des Islam ausgeübt wird. Nur noch ein kleiner Teil – etwa 30% – der Muslime in Deutschland betet regelmäßig und nur etwa 20% gehören einem religiösen Verband an. Die Anzahl von Muslimen in den staatlichen Darstellungen in Deutschland ist statistisch verzerrt, da alle Menschen, die von muslimischen Eltern abstammen und auch alle, die sich noch irgendwie als Muslime bezeichnen, als solche erfasst werden (als z.B. Christ zählt man dagegen nur, wenn man getauft ist und einer Kirche angehört). Laut Blume beschweren sich immer mehr ehemalige Muslime, dass sie als Muslime geführt und religiösen Verbänden zugerechnet werden, obwohl sie mit jenen nichts zu tun haben wollen und er schlägt vor, dass Muslime einen monatlichen Betrag für ihre Religionszugehörigkeit entrichten und nur dann als Muslime gezählt werden sollten.

Der Autor fordert für den Islam eine Phase der Selbstkritik: Einen kritischen Blick auf die eigene Geschichte, einen kritischen Blick auf die vorherrschende Bildungskrise und vor allem auch auf den grassierenden Verschwörungsglauben. Letzterer gehört zu den größten Problemen des Islam; ein beachtlicher Teil der gläubigen Muslime glaubt nicht mehr (nur) an eine gute Gottheit, sondern an Verschwörungsmythen verschiedenster Art. Nicht nur religiöse Fundamentalisten sprechen von Illuminaten etc., glauben an die „Weltverschwörung der Juden“ sowie die „Verschwörung des Westens gegen den Islam“ und sind damit nicht mehr in der Lage, sich auf einen Dialog, auf Demokratie, oder auf Wissenschaften einzulassen.

Die Bildungsmisere in muslimischen Ländern ist eklatant; das Verbot des Drucks von arabischen Buchstaben im 15. Jahrhundert war eine Katastrophe und bildet den entscheidenden Faktor für den Bildungsrückstand in der muslimischen Bevölkerung. Im Westen führte der Buchdruck – auch über die Bibelübersetzung durch Luther – zu einer Bildungsexplosion mit einer Vereinheitlichung der Sprachen, in der islamischen Welt passierte durch das Verbot das Gegenteil; das Arabische driftete weit auseinander und in den muslimischen Gesellschaften wurde – und wird auch heute noch – sehr viel weniger gelesen, als in nichtmuslimischen. Als Ausfluss dieser Misere kann es z.B. auch dazu kommen, dass, wie gerade in der Türkei geschehen, die Evolutionstheorie aus den Lehrplänen der weiterführenden Schulen gestrichen wird.

Das Buch gliedert sich in 6 große Abschnitte – daraus einige Kernaussagen:

  1. „Das Phänomen des stillen Rückzugs“ mit gleichzeitiger Lähmung der islamischen Institutionen durch das Fehlen von Religionsfreiheit führt dazu, dass viele – nicht nur religiöse – Institutionen und Bewegungen der islamischen Welt größtenteils erstarrten und die Chancen freiheitlicher Demokratien zur Entfaltung eigener Dynamiken nicht nutzen können.
  2. „Das falsche Verbot von 1485“ – aufgehoben erst 1727 – führte zur Versteinerung des Islam; der tunesische Ulama-Gelehrte Abdelfattah Mourou drückte es 2016 in einer Moschee in New Jersey wie folgt aus: “30% der Muslime können weder lesen noch schreiben! Wir können nicht auf eine einzige Universität stolz sein, die Köpfe hervorbringen würde, die die Welt voranbringen. Wir sind eine Gesellschaft, die nicht liest und schreibt!“ (S. 46). Auch aus diesem Grund driften viele Moscheegemeinden in der westlichen Welt in sprachliche und geistige Abschottung; sie tragen dann nicht zu einer Parallel-, sondern leider häufig sogar zu einer Gegengesellschaft bei (S. 66).
  3. „Der Fluch des Öls“ begründet, dass in der islamischen Welt so selten Demokratien gelingen. „Rentierstaaten“ beziehen den größten Teil ihres Einkommens aus weitgehend arbeitsfreiem Einkommen wie Zölle, Tribute und Rohstoffverkäufen. Diese Staaten, wie z.B. Saudi-Arabien, sind nicht daran interessiert, das Bildungs- und Wirtschaftssystem zu modernisieren und sich gebildete, ökonomisch unabhängige Bürgerinnen und Bürger heranzuziehen. „Solange die restliche (nicht nur westliche) Welt Tag für Tag Millionen Fässer Öl importiert und damit Renteneinnahmen in Milliardenhöhe generiert, wird es in den ölproduzierenden Regionen keinen echten Frieden und schon gar keine Demokratien geben“ (S. 83). Die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi drückte es wie folgt aus: „Ich wünschte, es gäbe im Nahen Osten kein Öl und dafür mehr Wasser. Die Menschen wären dann viel glücklicher“ (S. 90).
  4. „Verschwörungsglauben – Die dunkle Seite der Religiosität“:
    Der syrisch-deutsche Politikwissenschaftler Bassam Tibi bezeichnet den weitverbreiteten Glauben an eine – vor allem westliche – Superverschwörung gegen den Islam als „Trauma der arabischen Politik“ und als eine der wichtigsten Ursachen der Krise des Islam. Das Problem liege vor allem im derzeitigen Selbstbild von Arabern und Muslimen als subjektiv machtlos (S. 95). In den Schulbüchern findet sich nichts von innerislamischen Versäumnissen und Reformbedarf, den Kindern wird ein Geschichtsbild voll Trauer um vergangene Größe und Hass auf heutige, westliche und vor allem jüdische „Verschwörer“ vermittelt – ohne lernen zu können, was sie selbst zur Mehrung des Wissens und zur Verbesserung ihrer Gesellschaften beitragen könnten (S. 105).
  5. „Geburtendschihad oder Geburtenknick – Religiöse Demografie und die Traditionalismusfalle“:
    Allgemein gesehen, bekommen religiöse Menschen (Muslime, Christen, Juden etc.) mehr Kinder als weniger fromme, oder nicht mehr religiöse. Die „Prognose“ von Sarrazin (ähnlich bei Houellebecq) „Deutschland schafft sich ab“ ist jedoch falsch, in den islamischen Nationen gehen die Geburtenraten entsprechend zunehmender Alphabetisierung und Bildung stark zurück (S. 131). Es bestätigt sich demografisch, dass ohne Freiheit zur Herausbildung lebensförderlich angepasster Religionsgemeinschaften und familiärer Vielfalt ein Geburtenknick tief unter die Bestandserhaltungsgrenze droht. Und genau dieser vollzieht sich gerade in der islamischen Welt (S. 139). Wenn eine Überwindung der Krise des Islam gelingen soll, dann sicher nur mithilfe bildungs- und aufstiegsorientierter Frauen und einer besseren Vereinbarkeit von Bildung und Glauben, von Beruf und Familie (S. 146).
  6. „Was Muslime und Nichtmuslime tun können, um die Krise des Islam zu überwinden“ (Zitate S. 147 – 1154):
    Freiheit, die nicht entschieden ausgefüllt wird, stirbt. Dies gilt in besonderer Weise – und nicht nur im Islam – für Religionsfreiheit. Die schnellste und wirkungsvollste Tat zur Schwächung von Diktaturen und Terrorgruppen besteht in der Reduzierung des Öl- und Gasverbrauches. Die Förderung von Bildung ist jedem von uns möglich, eine ausreichende Berücksichtigung der islamischen Geschichte auch in den europäischen Bildungs- und Lehrplänen ist wichtig. Das gemeinsame Merkmal aller Extremisten ist ein Verschwörungsglaube, der Dialog, Bildung, Demokratie und Frieden untergräbt. Dagegen gilt es, eine viel stärkere, wissenschaftlich orientierte Erkennungs-, Beratungs- und Präventionsarbeit sowie eine frühzeitige, effektive Strafverfolgung zu forcieren. Ein Appell des Autors an die muslimische Leserschaft des Buches: „Setzen Sie ein Zeichen! Machen Sie von der Ihnen geschenkten Freiheit mutig Gebrauch, indem Sie sich entschieden für eine friedvolle Bildungsreform des Islam engagieren und im eigenen Umfeld damit beginnen.“

Empfehlenswerte Lektüre für Leserinnen und Leser, die die Krise des Islam und die Konflikte zwischen den Kulturen besser verstehen und an einer friedvollen Lösung mitarbeiten möchten. Manche hinterfragbare Aussagen des Autors spiegeln seine persönliche Affinität zu Religiosität, bzw. zu Religionen als Sinnvermittler und Problemlöser wider, insgesamt aber bestechen die Ausführungen durch Sachlichkeit, Klarheit und umfassendes Wissen – ergänzt durch ein ausführliches Glossar und umfangreiche Literaturhinweise.

 

Gerfried Pongratz

Michael Blume: Islam in der Krise – Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug Patmos Verlag, 2017, ISBN 978-3-8436-0956-2, 192 Seiten.

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




Rezension zu „Problemfall Priesterkaste II“ von Siegfried R. Krebs


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Der Rezensent Siegfried R. Krebs ist hier der Autor, und der Autor Heiner Jestrabek betätigt sich hier als Rezensent: Die Edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum hat mit „Problemfall Priesterkaste“ ein ganz besonderes Buch herausgebracht und zwar ein Buch voll mit Buchbesprechungen (Rezensionen). Den geneigten Leserinnen und Lesern sei dieses Kompendium als Kompass zur Orientierung im Dschungel der vielfältigen modernen Aufklärungsliteratur wärmstens anempfohlen. Dieser Verlagstext gehört noch zum 1. Band, diesmal geht es um den 2. Band (9.9.17): 

 

Ein weiterer Band zum Problemfall Priesterkaste erschienen

WEIMAR. (fgw) Anfang September ist nun der zweite Band „Problemfall Priesterkaste“ erschienen. Damit kam der Verlag freiheitsbaum dem Wunsch vieler Leser nach einer aktuellen Fortführung des religions- und kirchenkritischen Kompendiums von Siegfried R. Krebs nach.
 

Religion versus Vernunft: Es gibt ein nahezu unübersichtliches Spektrum an angebotenen Medien, das sich kritisch mit den Phänomenen Dogmenwahn, Klerikalismus, Fundamentalismus, Religions- und Kirchenkritik auseinandersetzt. Mancher mag da denken, wer soll dies alles denn noch lesen? Dabei überschwemmen in weit größerem Maß und unerträglich aufdringlich die kirchenfrommen, missionarischen, esoterischen und viele primitive Machwerke den Markt und die öffentliche Wahrnehmung. Nach wie vor stehen die meisten dieser sozialkritischen Bücher außerhalb der Mainstreamwahrnehmung, werden – bis auf wenige Ausnahmen – von den überwiegend in wenigen privaten und klerikalen Händen liegenden Massenmedien kaum beachtet und sind deshalb größtenteils noch zu wenig bekannt. Brauchen wir also deshalb nicht einen Kompass religionskritischer »Books to Read Before You Die«, damit wir mitreden können?

Siegfried R. Krebs, der diplomierte Kultur- und Theaterwissenschaftler, arbeitet als Freier Journalist in Weimar. Von Hause aus religionsfrei, ist er seit 2008 in freigeistigen Organisationen tätig und betreibt seit Ende 2010 das Internet-Portal www.freigeistweimar.de. Hier sind die meisten seiner Rezensionen ursprünglich. Sie wurden dann vielfach von anderen Webseiten übernommen; sie sind aber auch zum Teil in Printmedien der »säkularen Szene« erschienen.

Er hatte für die edition Spinoza bereits in einer ersten Auswahl die kirchen- und religionskritischen sowie Humanismus- und Evolutionsbezogenen Online-Rezensionen aus der Zeit von Januar 2011 bis Mai 2015 zusammengestellt; eine »Blütenlese« im besten Sinn des Begriffs »Anthologie«.

Der jetzt vorliegende zweite Auswahlband enthält seine Rezensionen aus der Zeit von Juni 2015 bis Mai 2017. Diese Auswahl der Rezensionen von Siegfried R. Krebs zeigt sehr anschaulich, wie vielfältig die Aspekte von Religions- und Kirchenkritik sein können. Der Gegenstand der besprochenen Literatur hat viele Facetten: Popularphilosophie, Theologiekritik, Naturwissenschaft, Geschichtswissenschaft, aber auch realistische historische und Kriminal-Romane, sowie Werke der Sátire. Letzteres brachte in der Geschichte der Literatur schon immer ihre populärsten Befreiungsschläge in antiklerikaler Form hervor.

In diesen Band ist auch ein Index aufgenommen worden, der die in beiden Bänden besprochenen Bücher zusammenfaßt.

Den geneigten Leserinnen und Lesern sei daher auch diese Fortsetzung des Kompendium als Kompass zur Orientierung im Dschungel der vielfältigen modernen Aufklärungsliteratur wärmstens anempfohlen.

 

Heiner Jestrabek

 

Siegfried R. Krebs: Problemfall Priesterkaste. Religions- und kirchenkritische Rezensionen, Band II 2015-2017. 194 S. brosch. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2017. 15,00 Euro. ISBN 978-3-922589-67-9

Dieses Buch kann direkt beim Verlag bestellt werden: ed.spinoza@t-online.de – Bestelladresse: edition Spinoza, Hellensteinstr. 3, D-89518 Heidenheim. Tel.: (07321) 42849, Fax: (07321) 42892

Link zum Originalartikel bei Freigeist Weimar

 




„Relativer Qantenquark" von Holm Gero Hümmler. Rezension von Gerfried Pongratz


9783662538289Diese Rezension von Dr. Gerfried Pongratz handelt von einem Buch, das nicht nur viel Wissen vermittelt, sondern auch der Esoterikszene und diversen Scharlatanen gekonnt Paroli bietet.(Pongratz). Laut Verlag räumt es mit der Vorstellung auf, dass esoterische und alternativmedizinische Konzepte mit der Relativitätstheorie und Quantenphysik zu begründen wären. Es unterscheidet demnach zwischen Grenzgebieten der Physik und Quantenunsinn. Aber warum wird dann der Quantenbegriff , wie ihn Pongratz unten wiedergibt, mit der "Welt dieser kleinsten Teilchen" assoziiert? Laut wiki ist das nur ein Teil der eigentlichen Bedeutung des Begriffs (8/2017):

Relativer Qantenquark – Kann die moderne Physik die Esoterik belegen?

„Viele Fälle, in denen die Relativitätstheorie oder die Quantenphysik als Belege für Heilmethoden, seltsame Gerätschaften oder Psychotechniken zitiert werden, dienen vor allem dazu, nicht verstanden und nicht hinterfragt zu werden“. Der in der Skeptikerszene aktive, promovierte Kern- und Teilchenphysiker Holm Hümmler räumt mit der Vorstellung auf, dass esoterische und alternativmedizinische Konzepte mit der Relativitätstheorie und/oder Quantenphysik zu begründen wären. Auf populärwissenschaftlich hohem Niveau erläutert er – auch für Laien mit Vorwissen gut verständlich – die Grundlagen der Relativitätstheorie und Quantenmechanik, wie auch Fragen zur wissenschaftlichen Theorienbildung und Spitzenforschung in der modernen Physik. Je ein Kapitel ist „Missverständlichem und Fehlgeleitetem – Jenseits der Grenzen des Seriösen“ sowie „Missbräuchlichem und Unbrauchbarem“ gewidmet; so z.B. der These, dass aus der berühmten Einsteinschen Formel E=mc² gefolgert werden könne, dass Materie aus der Energie von Gedanken entstehen und daraus „alles ist vorstellbar“ resultieren könne. Quantenheilung und Vieles mehr, was aus Unwissenheit und/oder Geschäftemacherei rund um die Themen Relativitätstheorie und Quantenmechanik angeboten wird, kann unter „Quantenquark“ zusammengefasst werden (irrationale Glaubenssätze existieren nicht im leeren Raum. Hinter ihnen stehen Welterklärungsansätze, die ein gefährliches Eigenleben entwickeln können).

Was steckt hinter den Theorien der modernen Physik? Das Buch bietet, beginnend bei geschichtlichen Entwicklungen und mit zahlreichen Quellen belegt, klare Definitionen und Erläuterungen mit einer weitgespannten Fülle neuester Erkenntnisse, die unsere Zukunft wesentlich mitgestalten werden. Vom „Welle-Teilchen-Dualismus“ über den „Tunneleffekt“ hin zur „Verschränkung und Nichtlokalität“ führt der Weg (über das unglückliche Beispiel von „Schrödingers Katze“) hin zu neuen Überlegungen wie der Stringtheorie und zu wahrscheinlichen Entwicklungen in der Quantenbiologie und im Quantencomputing.

Aus der Fülle der behandelten Themen einige Beispiele:

Was sind Quanten und was versteht man unter Quantenmechanik?

Als Quanten – sie sind keine besonderen Teilchen und keine andere Form von Materie – werden die kleinsten Energiemengen oder Wellenpakete bezeichnet, aus denen eine elektromagnetische Welle, wie zum Beispiel Licht aufgebaut ist. Die Quantenmechanik beschreibt die Welt dieser kleinsten Teilchen; man kann ihre Eigenschaften wie den Ort nicht messen, ohne sie durch die Messung zu verändern (bestimmte Eigenschaften sind nur in Form von Wahrscheinlichkeiten festgelegt). Wenn man sie perfekt von der Außenwelt isoliert, zeigen beschleunigte Teilchen Eigenschaften von Wellen, umgekehrt haben Licht und andere Wellenphänomene Teilcheneigenschaften, die sich bei Betrachtung sehr kleiner Energien zeigen (im Experiment verschwinden solche Effekte, sobald der Kontakt zur Außenwelt, zum Beispiel durch eine Messung, wieder hergestellt ist). Ein ähnlicher Effekt ist die Überlagerung von einem zerfallenen und einem nicht zerfallenen Zustand, im klassischen Sinne ist der Zustand des Teilchens hierbei bis zur Messung nicht definiert. Zwei Teilchen, die aus demselben Prozess hervorgegangen sind, können, auch wenn sie voneinander entfernt sind, quantenmechanisch einen gemeinsamen („verschränkten“) Zustand bilden, bis sie mit der Außenwelt wechselwirken (Einstein sprach von „spukhafter Fernwirkung“). All dies, und noch mehr, beschreibt die Quantenmechanik; so z.B. auch die Chemie auf der Basis von Physik (als Beschreibung der Welt der kleinsten Teilchen und der Eigenschaften von Atomen).

Was sind Quantencomputer?

Quantencomputer nutzen Quanteneffekte, um mit beliebigen Zahlen anstatt nur mit Nullen und Einsen zu rechnen; so können sie bestimmte Rechenaufgaben möglicherweise sehr viel effizienter lösen als klassische Computer. Sie befinden sich zur Zeit noch in einer frühen Phase der Entwicklung und da der technische Aufwand bei der Herstellung und dem Betrieb, wie auch bei der Programmierung, noch große Probleme bereitet, ist schwer absehbar, welche Rolle sie in Zukunft spielen werden.

Was versteht man unter Quantenbiologie?

Die Quantenbiologie erforscht das mögliche Auftreten von Quanteneffekten in Lebewesen. Einige der dabei gefundenen Effekte sind vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie in lebenden Zellen, also in warmen, ungeordneten Umgebungen, ablaufen. Ihre Ausdehnung beschränkt sich aber in der Regel auf Größenordnungen zwischen einzelnen Teilchen und dem Durchmesser großer Moleküle. Effekte der Quantenmechanik, die sich nicht auch mit klassischer Physik erklären lassen, kommen in biologischen Systemen allenfalls innerhalb einzelner Moleküle vor. Elektromagnetische Wellen oder Wellenlängen, die man als „Elektrosmog“ bezeichnet, wirken auf biologisches Gewebe praktisch nur in Form einer Erwärmung und „Quantenheilung ist nicht mehr als eine Suggestionstechnik, die als Form der Geistheilung praktiziert wird. Mit Quanten- oder sonstiger Physik hat sie absolut nichts zu tun (S. 178).

Quantenquark selbst angerührt (S. 212-214):

  1. Erwähne verblüffende Tatsachen aus der Relativitätstheorie oder Quantenmechanik:
    Z.B.: „In der Relativitätstheorie sind Masse und Energie äquivalent (E=mc²) und nach der Quantenmechanik können Teilchen an unterschiedlichen Orten miteinander verschränkt sein.“
  2. Verallgemeinere diese Tatsachen zu einer falschen Aussage, die in einem übertragenen Sinne noch einen wahren Kern enthält:
    Z.B.: „Da Masse und Energie äquivalent sind, ist Materie folglich nichts weiter als reine Energie. Da auch entfernte Teilchen miteinander verschränkt sind, hängt auf der Welt alles mit allem zusammen.“
  3. Nimm die Verallgemeinerung wörtlich und definiere die Begriffe so um, wie du sie brauchst:
    Z.B.: „Materie ist reine Energie, und diese Energie mobilisieren wir bei der Meditation. Da alles mit allem zusammenhängt, funktioniert Quantenheilung (sogar auch via Telefon).“

Ein großer Vorzug des Buches ist, dass jedem Themenbereich eine Zusammenfassung „Zum Mitnehmen“ beigeordnet wurde, die knapp, klar und präzise die Kernaussagen enthält. Allein das Lesen dieser 26 Kurzbeschreibungen würde genügen, einen guten Überblick und viel Wissen zu gewinnen. Zusätzlich zu diesen Zusammenfassungen enthält das Buch in zahlreichen Einschüben sogenannte „Quarkstückchen“, die beschreiben, was oftmals an Unsinn, Esoterik und Geschäftemacherei zum jeweiligen Thema verkündet und verkauft wird. Auch werden einige mehr oder weniger esoterische „An- und Einsichten“ ursprünglich seriöser Wissenschaftler (Hans-Peter Dürr, Burkhard Heim, Markolf Niemz) sowie fragwürdige Theorien, wie z.B. die „schwache Quantentheorie“ (formuliert von Harald Walach), mit sich daraus ergebenden pseudowissenschaftlichen Behauptungen und Methoden (z.B. in sogenannten „Familienaufstellungen“), kritisch beleuchtet: Die schwache oder verallgemeinerte Quantentheorie hat mit Quanten nichts zu tun. Sie entnimmt der Quantenmechanik lediglich Begriffe und Formalismen, gibt ihnen dabei aber neue Definitionen. Experimentelle Belege, dass dabei eine sinnvolle Theorie herausgekommen ist, gibt es nicht (S. 166).

Uneingeschränkte Leseempfehlung für physikaffine Leserinnen und Leser, die nicht nur von moderner Physik mehr verstehen möchten, sondern auch Interesse daran finden, esoterische Glaubensvorstellungen sachlich fair, ohne Häme, widerlegt und Scharlatane entlarvt zu sehen.

 

Gerfried Pongratz

Holm Gero Hümmler: "Relativer Qantenquark – Kann die moderne Physik die Esoterik belegen?", Springer-Verlag, 2017, ISBN 978-3-662-53828-9, , 233 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„Siegen heißt, den Tag überleben - Nahaufnahmen aus Syrien“ von Petra Ramsauer. Rezension von Gerfried Pongratz


ramsauerbuch Diese Rezension von Dr. Gerfried Pongratz befasst sich mit einem Buch von Petra Ramsauer. Laut Verlag ist die Autorin eine der wenigen Journalistinnen, die noch nach Syrien reisen können, ins Zentrum der Kämpfe, u.a. nach Aleppo, Daraya und anderen Städten – dorthin, wo die Menschen verhungern und umkommen, belagert sind und abgeschnitten werden von der Außenwelt: Syrien wird immer mehr zu einem Stellvertreterkrieg der Großmächte, in dem auch dschihadistische Extremisten mitmischen – wer den Krieg gewinnen wird, ist noch völlig unklar. Verlieren werden ihn die vielen Millionen Menschen, die vor den Trümmern ihres Lebens stehen. Die Rezension von Gerfried Pongratz (6/2017):

 

„Siegen heißt, den Tag überleben – Nahaufnahmen aus Syrien“

„Wer während des Krieges nach Syrien fährt, kommt verändert zurück….. Die Ereignisse dort führen vor Augen, zu welch bestialischen Gräueltaten Menschen fähig sind. Aber sie zeigen auch, wie viel Widerstandsfähigkeit und Durchhaltevermögen in Menschen stecken kann“ (S. 10). Die mit dem Concordia-Preis für Menschenrechte ausgezeichnete österreichische Politikwissenschaftlerin Petra Ramsauer ist seit 20 Jahren als profunde Kennerin der Region Krisen- und Kriegsberichterstatterin im Nahen Osten. Im vorliegenden Buch analysiert sie fachkundig, tiefgründig und mit viel Empathie die Entwicklungen der letzten Jahre in Syrien und beschreibt, wie ein schonungsloser Luftkrieg ein Volk und Land brutal zerstört, wie Hunger als Waffe eingesetzt wird, wie Terrornetzwerke entstanden sind und wie ein Volk zwischen den Fronten zerrieben wird. Es geht ihr dabei weniger um die Kampfhandlungen und den Frontverlauf als um die verheerenden Folgen des Krieges und der Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung.

„Mit friedlichen Protesten gegen Präsident Baschar al-Assad wollten die Menschen „nur“ Syrien verändern. Daraus wurde ein Bürgerkrieg, der die Welt veränderte“ (S. 11). Ohnmächtig wird die Weltöffentlichkeit tagtäglich Zeuge neuer Gräueltaten und menschlicher Katastrophen, mindestens 500.000 Opfer forderte der Krieg bis jetzt, bis zu einer Million könnten es schlussendlich sein. Zum überwiegenden Teil ist daran die brachiale Kriegsführung des syrischen Regimes und seiner Verbündeten – ab Herbst 2015 vor allem Russland mit seinen Luftangriffen – schuld. Während in Syrien immer stärker ein Stellvertreterkrieg der Großmächte tobt, in dem auch immer mehr verschiedene – zum Großteil djihadistische – Gruppierungen mitmischen, ficht die Zivilbevölkerung Tag für Tag einen immer aussichtsloser werdenden Kampf ums nackte Überleben.

Petra Ramsauer beschreibt die geschichtliche Entwicklung Syriens und die Auswüchse von Assads Gewaltregime, das mit eiserner Hand und brutalen Foltermethoden jeden Versuch zur Erlangung von mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie unterdrückte. Im Februar 2011 beschmierten 19 Buben eine Mauer ihrer Schule in Dara’a mit Parolen gegen Baschar al-Assad; sie wurden verhaftet und brutal gefoltert, was einen Aufstand entfachte, der zum Zündfunken der Revolution wurde – wobei die Hoffnung in der Luft lag, dass „der Westen“ moderate Kräfte unterstützt. Was nicht geschah und dazu führte, dass al-Kaida Kämpfer sowie zahlreiche weitere djihadistische Extremisten ins Land strömten, die islamistische al-Nusra–Front und – ausgehend vom Irak – den Islamischen Staates (IS) bildeten und ein paralleles Netzwerk an Extremistengruppen entstehen ließ. Aus der „Freien Syrischen Armee“, die in den Anfängen des Aufstandes 2011 als bewaffneter Flügel der politischen Opposition auftrat, wurde eine chaotische Allianz völlig unterschiedlicher Gruppierungen, die in einem Wildwuchs von zehntausenden Milizen ohne Struktur und Kommandokette unkoordiniert kämpfen und nicht selten in den Sog von Korruption driften und die Zivilbevölkerung ausbeuten (S. 140).

In 8 Haupt- und zahlreichen Unterkapiteln zeichnet die Autorin – belegt mit 121 Quellen – das Schreckensbild eines Landes, in dem unbeschreibliche Brutalität und undurchschaubares Chaos herrscht, beides sich von Jahr zu Jahr verschlimmernd. Hunderttausende Zivilisten wurden in den umkämpften Gebieten – belagert und abgeschnitten von der Außenwelt – zu Gefangenen des Krieges, finden keinen Zugang zu humanitärer Hilfe und leben in permanenter Todesangst ohne Möglichkeit zu fliehen, da alle Nachbarstaaten die Grenzen längst geschlossen haben.

In den Kapiteln „Was von Syrien bleibt“ und „Auf der Suche nach der Zukunft Syriens“ versucht Petra Ramsauer aufzuzeigen, was an eigenen Kräften im Land sowie an politischer und wirtschaftlicher Hilfe international nötig sein wird, das Land zu stabilisieren, wenn der IS und Assad Geschichte sind. Es steht zu befürchten, dass danach ein weiterer großer Konflikt beginnt; zwischen Säkularen, die eine Demokratie nach westlichem Vorbild und Dschihadisten, die einen islamischen Gottesstaat errichten wollen. Nach Ansicht zahlreicher Experten droht hier die nächste Revolution, u.a. auch, weil es der dschihadistischen Nusra-Front gelungen ist, sich im Alltag der Menschen zu verankern. Völlig offen ist auch, wie sich die Wünsche der Kurden, die eine Hauptlast im Kampf gegen den IS tragen, nach mehr Autonomie, bzw. einem eigenen Staat, verwirklichen lassen werden.

"Siegen heißt, den Tag überleben" ist kein leicht zu lesendes Buch! Einerseits, weil die verwirrende Fülle vieler beschriebener Einzelereignisse sowie die Undurchschaubarkeit der komplizierten Verhältnisse und komplexen Vorgänge es nicht leicht machen, den Hauptsträngen der jeweiligen Entwicklungen zu folgen und andererseits, weil die Not und das beschriebene Leid der Bevölkerung aufwühlen und keine distanzierende Lektüre zulassen. Petra Ramsauer ist mit dieser Reportage ein Buch gelungen, das erschüttert und klar macht, dass dieser Krieg uns alle angeht!

 

Gerfried Pongratz

Petra Ramsauer: "Siegen heißt, den Tag überleben", © 2017, Verlag Kremayr & Scheriau, Wien, ISBN 978-3-218-01060-3, 207 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„Treffen sich zwei Gene“ von Ernst Peter Fischer. Rezension von Gerfried Pongratz


118_0075_173871_xxlNoch eine neue Rezension von Dr. Gerfried Pongratz befasst sich mit Genen. Der Verlag sagt dazu: Warum wir ein neues Verständnis der Gene brauchen! Die Fortschritte der Genetik sind enorm – und die herkömmliche Vorstellung, Gene hätten einen festen Ort und klar definierte Aufgaben, ist nach neuesten Erkenntnissen überholt. Ernst Peter Fischer zeigt, warum wir ein verändertes Verständnis der Gene brauchen: Sind sie doch etwas Bewegliches, mit dem unsere Erbanlagen einen ständigen Wandel vollziehen. Die Rezension von Gerfried Pongratz (6/2017):

„Treffen sich zwei Gene – Vom Wandel unseres Erbguts und der Natur des Lebens“

Gene sind Prozesse. Deshalb ist die lieb gewordene Auffassung von Genen als Kausalfaktoren mit festem Ort und klar definierten Aufgaben mit den neuen Erkenntnissen nicht mehr vereinbar“. Diese Feststellung im Vorwort beschreibt den Inhalt des Buches und vermittelt indirekt die Absicht des Autors, den neuesten Wissensstand zu den Themen Gene – Genetik – Bauplan des Lebens – Geheimnis des Lebens – Gentechnik zur Verbesserung des Menschen, einem breiten Leserkreis verständlich zu vermitteln. Der renommierte Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer unterzieht sich dieser Aufgabe mit Akribie und erkennbarer Begeisterung; er zeigt am historischen Werdegang der Forschung, wie sich das moderne Bild der Gene im Lauf der Zeit entwickelte und aktuell bei einem dramatischen Wendepunkt im Verstehen unseres Erbguts und der Natur des Lebens angelangt ist.

„Niemals bestimmen Gene allein, welche Charakteristiken ein Organismus letztendlich aufweist. Erbanlagen gehen vielmehr zahlreiche Kollaborationen ein und stehen in Wechselwirkung mit vielen Faktoren“ (S. 8). Mit dieser Feststellung verbindet sich ein folgenreicher „Abschied vom Determinismus der Gene“, der zum Eingeständnis führt, dass man im Erbmaterial eines Menschen kaum Gene findet, sondern „offenbar viel mehr und vielleicht etwas Neuartiges, das man noch längst nicht verstanden hat“ (S. 23). Das sog. „Humangenomprojekt“ hat die „Geheimnisse der Gene und des Menschen nicht gelüftet, sondern im Gegenteil enorm vertieft“. Manche Fachleute sprechen von einem „postgenetischen Zeitalter“, obwohl sie mittels Gen-Bearbeitung (z.B. mit CRISPR-Cas9) immer „bessere Methoden finden, in das Erbgut einzugreifen, auch wenn sie nicht verstehen, was die eigentlichen Lebensläufe ausmacht“ (S.24).

Mit „Der lange Weg zu langen Molekülen“ beginnend, beschreibt der Autor die Entdeckung der Gene, die Arbeiten Gregor Mendels und seiner Nachfolger, die genetischen Studien an Drosophila melanogaster, die Arbeitsmethoden und Forschungsergebnisse der Molekularbiologie mit der Strukturaufklärung der Proteine und der Doppelhelix sowie die Einführung genetischer Begriffe in die Wissenschaftssprache, wobei zahlreiche grafische Darstellungen das Verstehen komplizierter Vorgänge erleichtern. Die Beschreibung von „Rätseln der Immunologie“, wie z.B. eine Zelle aus wenigen Genen die große Vielzahl an Antikörpern erzeugen kann, führt zur Erkenntnis, dass Gene „erst im Lauf der Entwicklung zusammengestellt (werden), und zwar abhängig von den Erfahrungen, die ein Kind macht…“, woraus folgt: „Gene sind nicht, Gene werden nur, und zwar sowohl während der Entwicklung des Menschen als auch in jedem Augenblick seiner Existenz, wenn seine Zellen ihre Proteine anfertigen, mit denen sie den Lebensunterhalt bestreiten“ (S. 100).

Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem überschreiten, auch nur annähernd alle im Buch beschriebenen Aspekte der genetischen Wissenschaften darzustellen. Letztere haben sich nach Ansicht verschiedenen Experten „in eine völlig neue Situation hineinmanövriert: Das gute alte Gen, nach dem seit über hundert Jahren geforscht wird…, lässt sich kaum noch fassen….Die Zeit nach den Genen hat begonnen, und die Zukunft steht so offen wie nie“ (S.28). Mehrere Kapitel mit zahlreichen Unterkapiteln erläutern und erhärten diese Aussage, nicht zuletzt die Aufklärung epigenetischer Mechanismen führte zur Einsicht, „dass Gene – konkret die DNA-Sequenzen einer Zelle – niemals allein bestimmen, welche Charakteristiken einem Organismus letzten Endes zukommen“ (S. 202). „Es gibt nicht die eine Ebene – die der genetischen Moleküle -, die eine andere Ebene ursächlich hervorbringt. Vielmehr stellt sich ein Wechselspiel ein, bei dem das, was gemacht ist, das beeinflusst, was sich mit dem Machen befasst“ (S. 213).

Dass die genetischen Wissenschaften in der Öffentlichkeit einen hohen Aufmerksamkeitsgrad besitzen (und z.T. sehr kontroversiell diskutiert werden, siehe „Gentechnik in der Landwirtschaft“), liegt nicht nur an den bereits genützten Eingriffen ins Erbgut von Pflanzen, Bakterien, Viren, Tieren, sondern auch an zukünftigen Möglichkeiten, die Großes erahnen, bei vielen Menschen aber auch befürchten lassen. Bedeutende Kapitel des Buches sind deshalb den Themen „Arbeit am Erbgut“ und „Die Verbesserung des Menschen“ gewidmet, wobei im Bereich „Gene Editing“ selbstverständlich die alles Bisherige überragende Methode CRISPR-Cas9 ausführlich zur Sprache kommt. Die sich durch diese relativ einfache und kostengünstige Gentechnik-Methode ergebenden Aussichten sind noch gar nicht voll abschätzbar, Biomediziner z.B. hegen die begründete Hoffnung, dass CRISPR-Cas9 als Quelle für gravierend positive medizinische Neuerungen dienen und zu gesünderen Menschen, bzw. zu einem besseren Leben führen kann. Die Unterkapitel „Auf dem Weg zu einem besseren Menschen“ und „Perfekte Menschen in einer perfekten Gesellschaft“ hat der Autor allerdings mit Fragezeichen versehen und widmet 13 Seiten (294 – 307) der „Freiheit und Verantwortung in der Wissenschaft“, wobei er eindrücklich darlegt, wie die „Verantwortung der Naturwissenschaftler eine neue Dimension angenommen“ hat (S. 305).

Das Nachwort des Buches beginnt mit „Pantha rhei“ und verbildlicht – mit literarischen und philosophischen Aperçus gewürzt –, wie „alles in Bewegung und Bewegung alles“ ist: Leben ist im Fluss „und dieser Fluss lebt von den Genen und die Gene von und in ihm“ (S. 311). Eine Zeittafel zur Geschichte des Gens und ein ausführliches Glossar ergänzen ein interessantes Werk zu einem nicht einfach zu erläuternden und auch für Leser mit soliden Biologiekenntnissen nicht in allen Einzelheiten leicht zu verstehenden großen Thema, das letztendlich „das Leben und die ganze Welt umfasst“. Dem Autor ist es populärwissenschaftlich gelungen, die genetischen Wissenschaften in einem großen Bogen von den Anfängen der Gene, über ihre zahlreichen (erfolgreichen und erfolglosen) Zwischenschritte, bis zum heutigen Erkenntnisstand – nicht als Objekte, sondern als Prozess begriffen – gut verständlich darzustellen und dabei auch künftige Entwicklungen aufzuzeigen, die noch ungeahnte Möglichkeiten in sich bergen.
 

Dr. Gerfried Pongratz

Ernst Peter Fischer: „Treffen sich zwei Gene – Vom Wandel unseres Erbguts und der Natur des Lebens“ © 2017, Siedler Verlag München, ISBN 978-3-8275-0075-5, 336 Seiten.
 
Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz



„Widerstand der Vernunft“ von Susan Neimann. Rezension von Gerfried Pongratz


9783711052216-768x1389Bei seiner neuen Rezension spricht Dr. Gerfried Pongratz von einer "Buchempfehlung". Auch der Verlag findet freundliche Worte für das Buch: Susan Neiman zeigt in ihrem intellektuellen Aufruf, dass es neue politische Ideen braucht, um Populismus und konservativen Nationalismus aufzuhalten. Wenn heute den Fakten, der Vernunft und dem politischen Mitdenken nicht der Raum gegeben wird, den es braucht, werden die Lügen der »postfaktischen« Populisten Konsequenzen haben. Susan Neiman ruft dazu auf, für Wahrheit und Moral öffentlich einzutreten, Alternativen zu denken und zu leben und den bedenklichen politischen Entwicklungen in den USA und Europa so die Stirn zu bieten. Nun die Rezension von Gerfried Pongratz (6/2017):

Susan Neimann: „Widerstand der Vernunft – Ein Manifest in postfaktischen Zeiten“

Die Welt wird sich ändern, wenn jene Politik, die Trump zum Präsidenten machte, zur Normalität erklärt wird“ (S. 69). Klare Worte auf wenigen Seiten zu den Wörtern des Jahres 2016 – „post-truth“ und postfaktisch – und ihren Protagonisten, wie auch zu deren Methoden, wie z.B. „gaslighting“ (permanente Verbreitung offensichtlicher Lügen, um Gegner zu verwirren) mit vorgetäuschter Authentizität, die bei wenig informierten Menschen Glaubwürdigkeit erzeugt, obwohl die behaupteten Tatsachen frei erfunden sind. Donald Trump, dem es nach Ansicht der Autorin völlig an Schamgefühl fehlt, wird anhand seiner Aussagen und Handlungen in der Vergangenheit, wie auch Gegenwart, als ignoranter, geldgieriger, verlogener Narzisst (S. 16) charakterisiert; einige seiner Mitstreiter, wie Steve Bannon, sowie unterstützende Medien, wie Breitbart News, werden durch zahlreiche Hintergrundinformationen bloßgestellt und die sich aus dieser Konstellation ergebenden politischen, wirtschaftlichen sowie allgemeinen Gefahren für Amerika und die ganze Welt aufgezeigt

Die Philosophin Susan Neimann, geboren in den USA, renommierte Professorin an der Yale University und der Universität Tel Aviv, derzeit Direktorin des Einstein Forums in Potsdam, beschränkt sich allerdings nicht darauf, die derzeitige Situation in den USA und Europa zu analysieren, sondern erklärt auch die geschichtlichen Hintergründe der gegenwärtigen Fehlentwicklungen und wie ihnen zu begegnen ist. Allgemeine Geschichtsvergessenheit (besonders seit Reagan), Rassismus, der nicht trotz, sondern sogar wegen Obama gestiegen ist, hemmungsloser Populismus z.B. der Tea Party und tief verankerter Urfaschismus, der sich in Irrationalismus manifestiert, führten – gepaart mit Armut und Ängsten vor Arbeitsplatzverlust durch Globalisierung und Automatisierung – zu Entwicklungen, die die Wahl von Trump ermöglichten. Die Autorin erläutert auch eindringlich die Gefahren, wie auch die bereits eingetretenen negativen Auswirkungen eines hemmungslosen Neoliberalismus, der den Begriff Fortschritt für sich okkupiert und dabei die Idee verbreitet, dass echte Werte nur Marktwerte sind (S. 51). „

Was ist zu tun? Susan Neimann appelliert an ihre Landsleute, aber auch an Europa, die eigenen Ideale wieder zu entdecken: „Wird Trump Europa dazu bringen, seine eigenen Tugenden neu schätzen zu lernen, und viele Europäer dazu bewegen, sich zivilgesellschaftlich dafür zu engagieren?“ (S 74). Dem leninistischen Prinzip, wonach alles erstmals zum Schlimmsten kommen muss, bevor es besser wird, muss rechtzeitig und sehr entschieden begegnet werden, Aufklärung und Fortschritt liegt in Menschenhänden. Es gilt, grassierendem Pessimismus zu begegnen und auf die „Nacktheit des Kaisers“ hinzuweisen. Dazu kommen aus Amerika hoffnungsvolle Zeichen; der Widerstand gegen den Rechtsnationalismus hat bereits begonnen (S. 77) und das Buch schließt dementsprechend mit der Frage (als versteckte Aufforderung): „Welche Europäer möchten sich anschließen“?

Ein an Seiten kleines, an Inhalt großes Buch, das an Klarheit der Analysen und Aussagen nichts zu wünschen übrig lässt und gerade „in Zeiten wie diesen“ eine breite Leserschaft finden sollte.

 

Dr. Gerfried Pongratz

Susan Neimann: „Widerstand der Vernunft – Ein Manifest in postfaktischen Zeiten“ © 2017, ECOWIN Verlag Salzburg, ISBN 978-3-7110-0154-2, 77 Seiten.

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„Verwandtschaft ist ein Knochenjob“ von Kai Jäger. Rezension von Gerfried Pongratz


978-3-499-63215-0Eine neue Rezension von Dr. Gerfried Pongratz befasst sich mit Fossilien und ihren Geheimnissen. Ein Abriss aus dem Verlagstext: Der Paläontologe Kai Jäger führt uns in diesem Buch an entlegene Grabungsstellen, erklärt die Arbeitsweisen seiner Zunft (einen echten Knochen erkennt ein Paläontologe, indem er an ihm leckt!), entlarvt Mythen … und erläutert auf anschauliche und unterhaltsame Weise, was unsere versteinerten Verwandten über die Evolution des Menschen verraten. Oder anders: wie viel von ihnen noch heute in uns steckt.

"Spannend und kurzweilig" wird das gebracht, sagt Gerfried Pongratz (5/2017).

Kai Jäger: „Verwandtschaft ist ein Knochenjob – Was Fossilien über unsere Herkunft verraten“

Viele Menschen, besonders Kinder und Jugendliche, interessieren sich für Paläontologie, weil sie Geschichten von blutrünstigen Raubsauriern spannend finden, wenige wissen jedoch, welcher „Knochenarbeit“ (in doppelter Bedeutung) es bedarf, der Erdgeschichte ihre diesbezüglichen Geheimnisse zu entreißen. Kai Jäger, der ebenfalls bereits als Kind der Faszination „alter Knochen“ erlegen war, führt – als nunmehr 30jähriger Wissenschaftler – die Leser auf „eine Reise zu unseren Ursprüngen“.

Mit zahlreichen persönlichen Erlebnissen und Anmerkungen angereichert, beschreibt der Autor – humorvoll, locker – die Wissenschaft der Paläontologie, erläutert die Methodik ihrer Erforschung, wirft einen Blick in den „Werkzeugkoffer“ der Paläontologen und vermittelt, wem Paläontologie nützt, wie man Paläontologe wird und was man dazu – z.B. auch als Fossilienjäger – alles wissen muss. Paläontologie ist zu einem großen Teil Grundlagenforschung, wobei zahlreiche Wissenschaftsgebiete mit einbezogen sind; man muss z.B. auch Gesteine „verstehen“ können, in Biologie (besonders Paläobiologie) sattelfest sein, von Anatomie viel wissen und zahlreiche Techniken der Exploration und Präparation von Fossilien beherrschen – Spezialisierungen auf einzelne Teilgebiete sind dabei selbstverständlich.

„Meet the Familiy“ heißt es auf dem Deckblatt des Buches, sein Inhalt folgt diesem Motto: Fossilien („alles, was Lebewesen hinterlassen haben und älter als 10.000 Jahre ist“, S. 43) erzählen die faszinierende Geschichte des Lebens. Beginnend bei Stromatolithen vor über 3,5 Milliarden Jahren führt ein sehr langer (ungerichteter) Weg mit unzähligen Verästelungen im „Stammbaum des Lebens“ bis zum Homo sapiens, womit aber selbstverständlich kein evolutionärer Endpunkt erreicht ist. „Höheres Leben“ gibt es seit rund 600 Mio. Jahren, die „Party des Lebens“ kam vor etwa 540 Mio. in der sog. „Kambrischen Explosion“ richtig in Schwung. Fünf große Massenaussterben (vor 445, 375, 251 und 66 Mio. Jahren) dezimierten danach die Zahl der Arten wieder dramatisch, führten aber im Gegenzug immer wieder auch zu gravierenden Neuentwicklungen und Umschichtungen („Die Karten werden neu gemischt“ S. 217); so z.B. mit der Evolution und Ausbreitung der Säugetiere nach dem letzten Impakt vor 66 Mio. Jahren, der die über 200 Mio. lange Vorherrschaft der Dinosaurier beendete. Ein mausgroßes Tier mit dem Namen Morganucodon, das seit 205 Mio. Jahren im Schatten der Dinosaurier herumgewuselt war, zeigte Tendenzen zu einer warmblütigen Lebensweise und bildete die Basis der Säugetierevolution (als besonderes Merkmal, um Säugetiere als eigene Gruppe im Tierreich zu erfassen, dient die Entwicklung des sekundären Kiefergelenks, S. 231).

Neben der Vermittlung von Grundlagenwissen (z.B. zur Evolution, Genetik, Zoologie, Anatomie, zum Stammbaum des Lebens mit seinen Leitfossilien etc.) ist es dem Autor auch ein Anliegen, spezielle Fragen wie z.B. „Sind Dinosaurer gar nicht ausgestorben?“, „Sind wir Menschen näher mit Insekten, als mit Seeigeln verwandt?“, „Warum kauen wir?“, „Weshalb haben wir Haare auf dem Kopf?“ zu stellen und – meist humorvoll – zu beantworten, wobei in seinen Ausführungen auch immer die Begeisterung und Faszination für sein Fachgebiet spürbar – und für manche Leser vielleicht sogar ansteckend – wird. Große Kapitel sind den Dinosauriern – von ihren Anfängen bis zu unseren heutigen Vögeln – und Säugetieren gewidmet, bei Letzteren speziell auch der Evolution von Pferden, Hunden und Katzen sowie den Chancen auf eine „Wiederbelebung“ von Mammuts. „Der Mensch als Fossil“ und „Wann ist der Mensch ein Mensch?“ bilden Schlusskapitel des Buches; sie veranschaulichen die Evolution des Menschen als Gattung seit ca. 2 Mio. Jahren in biologischer und sozialer Hinsicht, beschreiben mit seinen Ausbreitungswellen die Eroberung der Welt  und führen über „Evolution live“ zum Verständnis des Homo sapiens in der Gegenwart. Im Epilog – „Wie geht es mit uns weiter?“ – unternimmt der Autor den Versuch, „einen Blick aus der Zukunft auf unser Heute zu werfen“ (S. 295) und stellt dabei fest, dass unsere „Vergangenheit längst noch nicht vollständig erschlossen ist“ (S. 297).

Spannend und kurzweilig zu lesende, empfehlenswerte populärwissenschaftliche Lektüre auf hohem Niveau für an Paläontologie, bzw. an der Entwicklung des Lebens in seinen vielen faszinierenden Varianten interessierte Leserinnen und Leser, wobei allerdings erdgeschichtliche Tabellen sowie ein Stichwort- und Literaturverzeichnis den Lesegewinn noch hätten steigern können.

 

Dr. Gerfried Pongratz

Kai Jäger: Verwandtschaft ist ein Knochenjob – Was Fossilien über unsere Herkunft verraten, © 2017, S. Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbeck, ISBN 978-3-499-63215-0.

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„Newton – Wie ein Arschloch das Universum neu erfand“ von Florian Freistetter. Rezension von Gerfried Pongratz


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Diese Rezension von Dr. Gerfried Pongratz (3/2017) muss mit einem gelinde gesagt ungewöhnlichen Vokabular zurechtkommen. Der Rezensent erledigt das gleich eingangs mit seinem im Jargon gehalteten Intro.

Der Verlag schwelgt in pikanten Vokabeln: Wenn Genialität auf Streitsucht trifft – und dabei ein kosmisches Arschloch herauskommt, davon erzählt Freistetters Buch mit schonungslosem Humor. Weitere Bezeichnungen für den portraitierten Isaac Newton: Egomane, Arschloch, Kotzbrocken – eine Biographie, wie es sie noch nicht gegeben hat.

Florian Freistetter: „Newton – Wie ein Arschloch das Universum neu erfand“

Vorab, im gleichen Jargon: Ein grottenschlechter Titel für ein cooles Buch, das die Bedeutung eines Jahrtausendgenies anschaulich würdigt!

Dass es der promovierte Astronom Florian Freistetter wie kaum ein Zweiter versteht, Wissenschaft gut verständlich darzustellen und auch komplizierte Sachverhalte einem breiten Publikum zu vermitteln, demonstrierte er bereits mit mehreren Büchern und stellt es auch nahezu täglich mit seinem weitum geschätzten Wissenschaftsblog „Astrodicticum simplex“ unter Beweis; dass er auch kabarettistische Fähigkeiten besitzt, zeigt er als Mitglied der  Science Busters; auch, dass er locker, humorvoll-flapsig, formulieren kann, steht außer Frage. Ob er allerdings diesbezüglich beim vorliegenden Buch nicht übers Ziel hinausgeschossen ist, dürfte streitig – und eine Geschmacksfrage – sein.

 „Was für ein genialer Wissenschaftler. Und was für ein Arschloch“ (S. 13) ist der Grundtenor des Buches, das Isaac Newton (1643 – 1727) als größten Universalgelehrten seiner Zeit, vielleicht sogar aller Zeiten, preist, aber auch als sehr unangenehmen Zeitgenossen – nachtragend, kleingeistig, rachsüchtig, egoistisch, mimosenhaft, streitbar, esoterisch, intrigant – charakterisiert. Mit diversen biografischen Hinweisen wird Newtons Entwicklung als Nerd (S. 17) in einer Zeit, da es Naturwissenschaft im heutigen Sinn noch nicht gab, beschrieben und es wird dabei auch von seinen Selbstversuchen (z.B. Nadel ins eigene Auge) und überragenden Fähigkeiten, ungewöhnliche Fragen zu stellen und in der Beantwortung völlig neue Welten zu entdecken, berichtet. „Mit seinem monumentalen Werk „Philosophiae Naturalis Principia Mathematica“ (3 Bücher) hat Newton die Grundlagen der modernen Naturwissenschaft geschaffen“ (S. 41); dass er dabei Mitarbeiter, Helfer, Konkurrenten oder Gegner wie z.B. John Flamsteed, Robert Hook, Gottfried Wilhelm Leibniz skrupellos ausnützte, oder bis aufs Messer bekämpfte, gehört zu den problematischen Eigenschaften seines Genies.

Florian Freistetter beschreibt die nicht überschätzbare Bedeutung des großen Wissenschaftlers anhand seiner wichtigsten Entdeckungen: In der Optik sind es die Eigenschaften des Lichts, in der Mechanik und Astronomie die Grundgesetze der Bewegung sowie die Beschreibung des Gravitationsgesetzes, in der Mathematik ist es die Entwicklung der Infinitesimalrechnung – Newtons Erkenntnis, dass es Naturgesetze gibt, die überall wirksam sind, setzten die ersten Schritte zur Vereinheitlichung der Naturwissenschaften. Es würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen, auf alle Bereiche einzugehen, in denen Newton Großartiges bis Entscheidendes leistete; so z.B. auch  mit der Erfindung einer wissenschaftlichen Sprache, mit den Konzepten von absoluter Zeit und absolutem Raum und mit der Formulierung der drei Newtonschen Axiome, die die Grundsteine der modernen Physik bilden. „Theoretische Physik und Astronomie kommen heute nicht ohne Newtons Erkenntnisse über Gravitation und Mathematik aus; die praktische Astronomie nicht ohne das, was er zur gleichen Zeit baute. Ein Teleskop“ (S. 71).

 Mit seinen überaus innovativen Gedanken war Newton auch in anderen – „abseitigeren“- Bereichen tätig; so widmete er ab seinem 50. Lebensjahr einen Großteil seiner Zeit u. a. auch der Alten Geschichte, Mystik, Alchemie sowie der Suche nach dem „Stein der Weisen“ und der Theologie (was aufgrund seiner kritischen Religionsbetrachtungen nicht ungefährlich war). „ Die Arbeit von Isaac Newton begründete das in den nächsten Jahrhunderten dominierende mechanistische Weltbild, Newton selbst glaubte aber an eine ganz andere Welt“ (S. 148). Der bedeutende Newton-Kenner John Maynard Keynes fasste es mit den Worten „Newton war nicht der Erste des Zeitalters der Vernunft. Er war der letzte Magier“ (S.138) zusammen.

Ein großes Thema der letzten 20 Lebensjahre Newtons bildete der sehr erbittert geführte „Prioritätsstreit“ mit Gottfried Wilhelm Leibniz zur Entwicklung der Differential- und Integralrechnung. Florian Freistetter schließt dazu allgemeine Betrachtungen zur „Krux, der Erste sein zu müssen“  im heutigen Wissenschaftsbetrieb an und widmet ein Kapitel auch der Frage „Naturwissenschaft ohne Gott“. In mehreren Abschnitten des Buches behandelt Freistetter Parallelen zwischen Newtons Forschungen und dem heutigen Wissenschaftsbetrieb, wobei er erläutert, worauf es in der Wissenschaft ankommt („ständige Kritik ist das Fundament, auf dem die moderne Forschung steht“ (S. 83)) und welche Vorgangsweisen und Prozesse (z.B. Peer-Review“) bei wissenschaftlicher Arbeit unerlässlich sind.

Ein Buch, das sehr viel Wissenswertes – gut verständlich, spannend erzählt – enthält und dem großen Genie Isaac Newton mit Begeisterung begegnet: „Es mag ein wenig übertrieben sein, wenn man behauptet, dass Isaac Newton im Alleingang die Grundlage für die moderne Physik gelegt hat. Aber nicht sehr“ (S. 191). Umso störender wirkt es, dass nahezu gebetsmühlenartig auch immer wieder auf die Charakterschwächen Newtons hingewiesen wird. Dass er – wie nicht wenige Genies – ein einsamer, unter chronischen Depressionen leidender Neurotiker und Egozentriker war, findet man in zahlreichen Publikationen; aus der Sicht des Rezensenten hätte es genügt – und dem Buch gut getan – diese Tatsache einmalig abzuhandeln und anhand der zahlreichen Widersprüche und Konflikte im Leben Newtons offenkundig werden zu lassen. Ob die mehrfach verwendete Bezeichnung „Arschloch“ Buchkäufer anzieht, die normalerweise um naturwissenschaftliche Texte einen großen Bogen schlagen, ist fraglich, dass sie potentielle Leser abstößt, erscheint wahrscheinlicher. Und das wäre sehr schade, denn trotz der vorgebrachten Einwände bietet das Buch hochinteressante Lektüre für Leserinnen und Leser mit naturwissenschaftlichem, aber auch historischem Interesse.

 

Gerfried Pongratz

 

Florian Freistetter: „Newton – Wie ein Arschloch das Universum neu erfand“, © Carl Hanser Verlag, München, 2017, ISBN 978-3-446-25460-2, 206 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„Flüchtlings-Kinder gestern und heute“ Eine Psychoanalyse von Hans Hopf. Rezension von Anneliese Pongratz


9783608960976.jpg.31403Dr. Anneliese Pongratz stellt uns dankenswerterweise diese Rezension von 2/2017 zur Verfügung. Der Verlagstext sagt, worum es geht: Die Eingliederung der Asylsuchenden stellt unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren vor eine ihrer größten Herausforderungen. Unter ihnen befinden sich auffallend viele Jungen und junge Männer, die ohne ihre Familien geflohen und auf sich alleine gestellt sind. Der Autor Hans Hopf ist Psychoanalytiker und Kindertherapeut und hat selbst Flucht und Vertreibung erlebt. Er erklärt, was getan werden muss und wie eine Integration gelingen kann: Die Parallelen der heutigen Situation zur Nachkriegszeit liegen auf der Hand, doch aus den damaligen Erfahrungen wird nicht gelernt.
 

Hans Hopf: „Flüchtlings-Kinder gestern und heute“ Eine Psychoanalyse

„Mit diesem Buch solidarisiere ich mich mit allen Flüchtlingskindern dieser Welt. Ich werde immer einer von Euch bleiben“ (S. 15). Wer als Kind die Vertreibung aus der Heimat mit Not und Armut am eigenen Leib erfahren sowie traumatisierte Eltern, Trennungsschmerz und den Neubeginn in fremder, zum Teil feindseliger Umgebung erlebt hat, begegnet Flüchtlingen mit einfühlsameren Augen. Das gilt in besonderem Maße für den 1942 geborenen, renommierten Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalytiker Hans Hopf, dessen persönliche Erlebnisse (Flucht und Vertreibung aus dem Sudetenland, jahrelanges Leben in Flüchtlingslagern), wie auch die Beschreibung psychischer Probleme – und ihrer möglichen Bewältigung – im Zusammenhang mit Flucht, Ausgrenzung, Fremdsein und Integration, den Hauptinhalt dieses Buches bilden.

Hans Hopfs persönliche Erfahrungen mischen sich mit den aktuellen Problemen und Erfordernissen der “Flüchtlingskrise” und erzeugen tiefe Betroffenheit in beide Richtungen. Sein Engagement für “Flüchtlinge” als Archetypen für Menschen in Not, verbindet sich mit seinem Erleben und seinem Fachwissen zu konkreten Hinweisen und Ratschlägen, die von allen Institutionen und Menschen – auf allen Hierarchieebenen -, die sich um Flüchtlinge und deren Bedürfnisse sowie um die Erfordernisse für deren erfolgreiche Integration kümmern, gewusst und beherzigt werden sollten. Flüchtlingshelfer, vor allem aber Lehrerinnen und Lehrer sollten Grundkenntnisse über Traumata und deren Bewältigung besitzen und auch über die Besonderheiten muslimischer Familien (Selbstwertstörung der Frau, grandiose Überhöhung der Männer, Probleme mit dem Autoritätsverlust des Mannes, Übertragung von negativen Affekten auf „Ungläubige“) Bescheid wissen; es gilt, unweigerlich auftauchenden Problemen bei der Integration von Flüchtlingen frühzeitig richtig zu begegnen und damit zu verhindern, dass aus Opfern mit depressiven Störungen möglicherweise nichtintegrierbare Außenseiter der Gesellschaft oder womöglich gar kriminelle Täter werden.

Was das Buch über die “Solidarisierung mit allen Flüchtlingskindern dieser Welt” und die daraus abzuleitenden Maßnahmen hinaus noch zusätzlich besonders interessant und wertvoll macht, sind die über das reine Flüchtlingsthema hinausgehenden Kapitel zu Traumata, Väter-Männer-Jungen, Prävention und Psychotherapie, Fremdenfeindlichkeit etc., die bei manchen Leserinnen und Lesern unter Umständen auch eigene Kindheitserlebnisse wieder aufleben lassen und persönliche Erfahrungen einer neuen Bewertung zuführen. Das Ideal der Erziehung eines „selbstständigen Kindes, das von seinen Eltern bestmöglich geschützt, versorgt und liebevoll begleitet wird“ (S. 86), ist noch nicht in allen Gesellschaften verankert, gewaltfreie Erziehung wird noch nicht überall als ideale Erziehungsform gesehen (oder verwirklicht, denn auch Eltern sind in ihren Prägungen und Traditionen – besonders in neuen Situationen – oft heillos überfordert).

Dem Autor ist für dieses Buch zu danken; vielleicht ist ihm, obwohl selbst Therapeut, das Kapitel “Meine Traumata” nicht ganz leicht gefallen – es gehört viel Mut und Kraft dazu, sich einer breiten Öffentlichkeit zu öffnen. Seine Gedanken, Erfahrungen und Ratschläge bieten bei den vielfältigen Problemen des Flüchtlingsmanagements und der Flüchtlingsintegration, aber auch bei allgemeinen Problemen, z.B. in der Eltern-Kind-Beziehung, wichtige Hilfe und es ist zu wünschen, dass seine Ausführungen eine breite Leserschaft finden.

 

Dr. Anneliese Pongratz

Hans Hopf: „Flüchtlings-Kinder gestern und heute“ Eine Psychoanalyse, ISBN 978-3-608-96097-6. Klett-Cotta Verlag Stuttgart, 2017




„Der Zufall, das Universum und du“ von Florian Aigner. Rezension von Gerfried Pongratz


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Woher der Zufall kommt – und was er mit uns macht, das ist laut Verlag der Inhalt des Buches. Die Gesetze des Zufalls wissenschaftlich erklärt, schreibt der Verlag, es geht um Die Wissenschaft vom Glück: Ohne eine Portion Glück gibt es keinen Erfolg.

Dazu liefert Dr. Gerfried Pongratz eine neue Rezension für wissenbloggt, und er lobt das Buch so: Sehr empfehlenswerte, spannend und kurzweilig zu lesende Populärwissenschaft auf hohem Niveau.

„Der Zufall, das Universum und du“ von Florian Aigner

„Der Zufall ist ein wichtiger Teil unseres Lebens; er hat uns fest in der Hand….“ – diese Aussage wissenschaftlich zu untermauern, ist das Ziel des Buches und dem entsprechend lautet auch sein Untertitel „Die Wissenschaft vom Glück“: „Leben ist ein riesengroßes Glücksspiel, in dem der Zufall eine alles überragende Bedeutung besitzt“.

Zahlreiche Bücher beleuchten das Thema „Glück“; kein aktuelles beschreibt allerdings, soweit dem Rezensenten bekannt, menschliches Erfahren im Zusammenhang mit der Bedeutung von Zufall in den Wissenschaften bis hin zum großen Spiel, das man Leben und Erleben nennt. Der 37jährige Autor Florian Aigner, Physiker an der TU Wien, widmet sich dieser Aufgabe mit großer Könnerschaft und spürbarer Freude: Humorvoll locker führt er die Leser als intellektuelles Abenteuer durch verschiedene wissenschaftliche Disziplinen und vermittelt hochinteressante (keineswegs zufällig ausgewählte) Erkenntnisse zur Bedeutung des Zufalls in der Physik (Chaostheorie, Quantenphysik, Entropie), Biologie (Evolution), Erkenntnistheorie usw. bis hin zum „unerhörten Glück unserer Existenz….. ohne Zufall gäbe es uns nicht, und ohne uns gäbe es keinen Zufall“.

Zufall wird allgemein als ein Ereignis, oder das Zusammentreffen mehrerer Ereignisse, für das keine kausale Erklärung gegeben werden kann, definiert, wobei unsere Intuition (das „Bauchgefühl“) schwer damit zurechtkommt, dass immer wieder unvorhersehbare, unwahrscheinliche Ereignisse eintreten. „Ob wir etwas als zufällig betrachten, oder nicht, hängt davon ab, welche Informationen uns zur Verfügung stehen“.

(Anmerkung des Rezensenten: Die Idee des Zufalls ist evolutionär sehr jung und bei Naturvölkern auch heute noch nicht zu finden: Alle Ereignisse und Erscheinungen besitzen für sie Bedeutung, allen werden – als wichtiger Faktor der Religionsentstehung – Verursacher wie Götter, Geister und Dämonen zugeschrieben. Die Wahrnehmung von Zufall bedingt eine Grundfähigkeit zur Wahrscheinlichkeitseinschätzung, wobei die Entdeckung des Zufalls eine größere Menschenzahl erfordert, die bei Frühmenschen, die in kleinen Gruppen auf großen Flächen lebten, noch nicht vorhanden war).

Der Laplacesche Dämon sieht die Welt deterministisch, Chaostheorie („Schmetterlingseffekt“) und Quantenzufall führen diese Idee ad absurdum: Die Welt besteht aus einem eng verwobenen Netz aus Ursachen und Wirkungen – alles ist mit allem verbunden -, das niemals in einfache, getrennte Teile zerfällt. Anhand von Beispielen erläutert der Autor u.a. die Zusammenhänge von Zeit und Entropie sowie Begriffe wie das „Boltzmann-Universum“; als promovierter Quantenphysiker ist es ihm auch ein besonderes Anliegen, quantenphysikalische Grundfragen (Schrödingers Katze, Quantenselbstmord, Quantenüberlagerungen, Quantenverschränkung) im Zusammenhang mit Zufall gut verständlich zu präsentieren: Die Quantentheorie bringt eine neue Sorte von Zufall in die Wissenschaft, „das Schicksal eines einzelnen radioaktiven Atoms ist purer Zufall, nichts weiter“ (S. 76). „Die Ergebnisse eines Quanten-Experiments kann man auch dann nicht vorhersagen, wenn man über das Versuchsobjekt alles weiß, was es zu wissen gibt ….und wir wissen heute, dass der Zufall ganz tief in den Grundgesetzen des Universums wohnt“ (S. 103). „Viele-Welten-Theorie“, Paralleluniversen und das Thema „Willensfreiheit“ bilden u.a. weitere Unterkapitel und beantworten spannende Fragen.

Nach grundlegenden Ausführungen mit zahlreichen Beispielen und der wissenschaftlichen Beweisführung, dass Zufall eine Tatsache, ein Teil der Welt und des Lebens ist, widmet sich die zweite Hälfte des Buches der Untersuchung seiner Auswirkungen. Die Evolutionsbiologie zeigt deutlich, wie wichtig der Zufall ist: Zufällige Mutationen in der DNA bringen neue Zellen, Lebewesen und Ökosysteme hervor, die am Ende keineswegs zufällig aussehen (was von Kreationisten teleologisch missinterpretiert wird) und unsere Welt formen. Florian Aigner beschreibt die Grundsätze der Evolution (Zufall und Vererbung, Zufall und Selektion, Genpool, Analogie und Konvergenz), wie auch spezielle Fragen zur Bedeutung von Zufall im „Mensch-Sein“ („der Mensch und sein Verstand“, „der Zufall in meinem Kopf“, Zufall und Gefahr, Glücksspiel, „zufällig krank, zufällig gesund“) und die Sehnsucht des Menschen nach einem Schöpfer. Auch „Magie“, die durch Zufall wirkt, wie Orakelkraken, Wünschelruten und Telekinese wird anhand der zugrundeliegenden Prinzipien (u.a. vermeintliche Mustererkennung, selektive Wahrnehmung, Placeboeffekte etc.) entlarvt, wobei, wie ein Beispiel zeigt, sogar an Universitäten mit gewaltigem Aufwand „Psi“-Unfug produziert werden kann (vor allem, wenn man Theorien überprüft, die man gerne für wahr halten möchte).

„Erfolg ist Glücksache“ und „Der Zufall ist unser Freund“ nennen sich die beiden letzten Kapitel des Buches. Wir verwechseln glückliche Zufälle gerne mit eigener Leistung und blenden Misserfolge, bzw. die Gefahren extremen Risikoverhaltens, durch „Survivor Bias“ gerne aus, was manchmal zu paradoxen und gefährlichen Situationen führt (S. 213). Es fällt uns schwer, Zufall, der unser Leben jederzeit in eine neue Richtung wirbeln kann, zu akzeptieren, wobei uns aber bewusst sein sollte, dass wir unsere Existenz einer riesengroßen Kette an Zufällen verdanken: „Unzählige Generationen unserer Vorfahren mussten Serien unerhörter Zufälle erleben, um uns hervorzubringen“ (S. 224). Zufall ist durch Unvorhersehbarkeit gekennzeichnet, von einem unvorhersehbaren, zufälligen Ereignis kann man aber nur sprechen, wenn es jemanden gibt, der etwas vorhersehen, bzw. als Zufall begreifen kann. Zufälligkeit ist somit keine Eigenschaft des Universums, sondern eine Kategorie in unserem Kopf – das Buch schließt dementsprechend mit der Feststellung: „Wir machen durch den Zufall in unserem Kopf das Universum erst richtig wunderbar. Denn was wäre ein Wunder, wenn es niemand gäbe, der sich darüber wundert?“

Sehr empfehlenswerte, spannend und kurzweilig zu lesende Populärwissenschaft auf hohem Niveau für Leserinnen und Leser, die wissen möchten, wie Zufall die Welt und unser Leben bestimmt.

 

Dr. Gerfried Pongratz, 1/2017

„Der Zufall, das Universum und du“ © 2017, Brandstätter Verlag, ISBN 978-3-7106-0074-6, 247 Seiten.




„Treffen sich zwei Moleküle im Labor“ von Martin Moder. Rezension von Gerfried Pongratz


9783711000934-553x800Noch eine Rezension, die Dr. Gerfried Pongratz wissenbloggt dankenswerterweise zur Verfügung  stellt. Der Verlag lobt das Buch ebenso wie Pongratz: Sie fragen sich, was Fruchtfliegen mit Bier zu tun haben und wie man in einem Reagenzglas ein Schnitzel züchtet? Martin Moder stellt die entscheidenden Fragen zu Biologie und Genetik und beantwortet sie sogar. Humorvoll und verständlich beschreibt der Molekularbiologe, wie man wissenschaftlich korrekt kuschelt, furchteinflößende Hühner züchtet und warum sich Anti-Aging Fanatiker mit jemandem zusammennähen lassen sollten. Selten war es so unterhaltsam, etwas Spannendes zu lernen! Mit praktisch-biologischen Tipps, um wissenschaftlich korrekt durch den Alltag zu kommen.

Martin Moder: „Treffen sich zwei Moleküle im Labor“

Biologie ist cool und Genetik war noch nie so spannend wie heute“ – diesen letzten Satz des Buches gilt es zu beweisen, was dem Autor mühelos gelingt. Humorvoll, spritzig, zuweilen auch flapsig-deftig, immer aber kenntnisreich und spannend, führt der 28jährige Molekularbiologe Martin Moder zu interessanten, oftmals auch überraschenden Einsichten in verschiedene Wissensgebiete der Molekularbiologie und Genetik, erklärt Rätselhaftes und beantwortet wichtige Fragen zur biologischen Zukunft des Menschen. Bereits 2014 stellte er als erster Sience-Slam-Europameister seine Fähigkeit unter Beweis, Wissenschaft jugendlich locker und gut verständlich zu präsentieren; im vorliegenden Buch gelingt es ihm abermals hervorragend, auch komplizierte Sachverhalte anschaulich und geistreich zu erläutern.

Dem roten Faden „je mehr wir von der Welt begreifen, desto grandioser erscheint sie uns“ folgend, gliedern sich die Ausführungen in 6 Haupt- und zahlreiche Unterkapitel. Beginnend bei den „Basics“ der Biologie (Übergang von unbelebter zu belebter Materie, Chemie/Biologie, Urzellen, RNA, Proteinsynthese, Informationsspeicherung, DNA, Gene usw.), führen die Themen zur Sexualität als Motor des Lebens, zu Forschungsansätzen mit Tiermodellen, zu Erkenntnissen der Hirnforschung, zur Biologie des Alltags und zu „Was die Zukunft bringt“. Jedes Kapitel kann für sich allein gelesen werden, ein ausführliches Literaturverzeichnis bietet ergänzende Hinweise.

Aus der Vielzahl der behandelten Themen eine kleine Auswahl:

  • Sexualität/ Fortpflanzung: „Ökologisches“ Verhüten und Schwangerschaftstests in der Antike, Pornografie wissenschaftlich erklärt, Single durch Genmutation, Imprinting verhindert Jungfrauenzeugung, Embryos reparieren Gewebszellen der Mutter, wissenschaftlich kuscheln, Homosexualität etc.
  • „Die winzigen Helden der Molekularbiologie“: Ohne Modellorganismen gäbe es keine wissenschaftliche Forschung und moderne Medizin. Fruchtfliegen sind die bestuntersuchten Organismen der Welt; ihre Erbinformationen (60% identisch zu menschlichen) sind voll entschlüsselt, sie tragen z.B. ein Gen für Hirntumor, das auch der Mensch besitzt und an dem intensiv geforscht werden kann. An Zebrafischen wird u.a. das Nervenwachstum studiert sowie Denken visualisiert, an Fadenwürmern werden Gehirnsimulationen erprobt usw.
  • „Wenn der Körper Faxen macht“: „Menschen können außer Denken nichts wirklich gut, das Gehirn macht sie aber zu den anpassungsfähigsten Tieren der Welt“. An Hirnverletzungen, oder anderen Abweichungen vom Normalzustand (z.B. an Split-Brain-Patienten) werden tiefe Einsichten in das äußerst komplexe, aktive Netzwerk Gehirn gewonnen; z.B., dass jede Person, die wir kennen, durch ein einzelnes Neuron („Großmutterzelle“) gekennzeichnet ist. Verschiedene Syndrome (z.B. Capgras- und Eigenbrauer-Syndrom) sowie der Schmidt-Stichschmerz-Index erweitern das Verständnis, Parasitenmanipulationen von Wirtstieren (auch Menschen) durch z.B. Toxoplasmen können das Fürchten lehren.
  • Das Kapitel „Wissenschaftlich durch den Tag“ demonstriert humorvoll an zahlreichen Beispielen die Aufgabe der Biologie, zu verstehen, wie Lebewesen funktionieren; alltägliche Lebensvorgänge (z.B. Schlaf, Arbeit, Produktivität, Freizeit, Einfluss von Milben, Moskitos, Brevibakterien usw.) werden durch die Brille des Biologen betrachtet.
  • „Was die Zukunft bringt“ vermittelt äußerst spannende Erkenntnisse zu den derzeit stattfindenden rasanten Umbrüchen in der Molekularbiologie, die die Welt in den nächsten Jahren voraussichtlich gravierend verändern werden. Als Stichworte seien u.a. Genom-Editing, CRISPR/CAS9 (wird sehr gut erklärt), Anti-Aging (Telomerenforschung, Blutplasmaverjüngungen etc.), Kryobiologie, Vitrifizierung und Synapsenkonservierung genannt; der Begriff Epigenetik wird erläutert und zahlreiche weitere (z.T sehr heitere) Betrachtungen, z.B. zur Erzeugung von Zellkultur-Fleisch oder zu einer eventuell möglichen Wiedererweckung von Mammuts, runden die Ausführungen ab.

Fazit: Sehr empfehlenswerte – auch unterhaltende – Lektüre für Leser (Laien und Fortgeschrittene), die an den spannenden Entwicklungen in Biologie und Genetik wissensmäßig teilhaben möchten.

 

Dr. Gerfried Pongratz

Martin Moder: „Treffen sich zwei Moleküle im Labor“ © 2016, ecowin Verlag Salzburg, ISBN 978-3-7110-0093-4, € 24




„Pro Humanismus“: Horst Groschopps kritische Kulturstudie. Rezension von Siegfried R. Krebs


588_0groschopp„,Der heutige HVD ist in der Bredouille.' Warum das so ist, woran das liegt, das durchzieht Groschopps schonungslose Analyse von der ersten bis zur letzten Seite." So schreibt der Kulturwissenschaftler & Journalist Siegfried R. Krebs über den durchaus traurig zu nennenden Zustand des HVD" und auch über die bundesdeutsche „säkulare Szene" (20.12.). Der Rezensent ist Betreiber von Freigeist Weimar und bei wissenbloggt mit vielen Artikeln vertreten.

„Pro Humanismus“: Horst Groschopps kritische Kulturstudie

WEIMAR. (fgw) Mit dem Band „Pro Humanismus“ hat Horst Groschopp die von ihm initiierte neue Schriftenreihe „Humanismusperspektiven“ eröffnet. Seine Monographie stellt die erste umfängliche Kulturstudie zum Humanismus in der „säkularen Szene“ und über den Humanistischen Verband Deutschlands dar, incl. einer umfänglichen Dokumentation. Übrigens, zwei weitere Bände sind bereits in Arbeit.

Der promovierte Kulturwissenschaftler Horst Groschopp war von 2003 bis Ende 2009 Präsident der Humanistischen Verbandes Deutschland (HVD) und von 1997 bzw. 2006 bis zur Berentung im Jahre 2014 Direktor der Humanistischen Akademien Berlins und Deutschlands sowie von 1997 bis ebenfalls 2014 Herausgeber und Redakteur der Zeitschrift „Humanismus aktuell".

Eigentlich hätte Groschopp sich als Rentner ein ruhiges Leben machen können. Doch der aktuelle (und durchaus traurig zu nennende) Zustand des HVD (als Bundesverband) und beider Akademien unter neuer Leitung treibt ihn um und so hat er sich als Privatier zur Herausgabe dieser neuen Schriftenreihe entschlossen.

Nochmals ein Eigentlich, so deutlich muß der Rezensent das sagen, erledigt der Ruheständler Groschopp damit das, was vor allem die Humanistischen Akademien zu tun hätten. Wie auch das HVD-Präsidium… Horst Groschopp beweist mit seiner Initiative und gerade mit diesem „Eröffnungsband", daß er nach wie vor „geistiger Kopf" und strategische Denker des organisierten Humanismus in Deutschland ist. Auch wenn man nicht alle seine Schlußfolgerungen teilt.

Doch nun zur Publikation „Pro Humanismus" selbst.

Besonders wertvoll: Die Dokumentation

Der Rezensent hat sich, anders als sonst üblich, zunächst dem umfänglichen Anhang (110 Seiten mit insgesamt 24 Dokumenten) zugewandt. Denn das vorherige Studium der dortigen Texte erleichtert das Verstehen von Groschopps kritischer Analyse ungemein.

Das erste Dokument vermittelt tabellarisch einen sehr gestrafften tabellarischen Überblick über diejenigen Organisationen, die zur bundesdeutschen „säkularen Szene" gezählt werden. Es folgt ein Aufsatz aus dem Jahre 1990 von Finngeir Hiorth (Freidenkertum und säkularer Humanismus), in dem dieser u.a. feststellt: „Bedeutet dies, daß wir den Ausdruck Freidenker aufgeben sollen? – Meines Erachtens sicher nicht. (…) Es gibt keinen Grund, sich des Wortes Freidenker zu schämen, ganz im Gegenteil." (S. 188)

Auch dem Jahre 1990 stammt ein sehr aufschlußreicher Text von Manfred Isemeyer (Vor einer Renaissance des Humanismus?) In diesem deutet sich bereits die Abwendung der Westberliner Freidenker von der Arbeiterbewegung hin zur ominösen Mittelschicht an, wie auch das Bemühen um „Staatsknete"… Was sich später in Entwürfen für das „Humanistische Selbstverständnis" manifestieren wird, so dem illusorischen Satz aus dem Jahre 1998: „Markt und Privatbesitz an Produktionsmitteln haben sich als starke Triebkräfte für wirtschaftlichen Fortschritt und Demokratie erwiesen." (S. 133) Angesichts der kurz darauf einsetzenden Agenda-Politik etc. kann man heute darüber nur den Kopf schütteln und fragen, ob solche Formulierungen bloß Ausdruck von politischer Naivität der HVD-Granden waren/sind.

Widergespiegelt wird in mehreren Dokumenten das Entstehen des „Humanistischen Selbstverständnisses" und dessen Weiterentwicklung bis heute, ausgehend von Werner Schultz' zwölf Humanismus-Thesen (1992) und seinem Text „Probleme des Humanismus" (1998). Hervorhebenswert an der 2015er Fassung ist dieses konkrete Bekenntnis: „Wir verteidigen das Recht auf Selbstbestimmung bis zum Lebensende. (…) Bei schmerzhaften und unheilbaren Krankheitsverläufen ist der Wunsch des Betroffenen nach einem ärztlich assistierten zu respektieren. Wir setzen uns dafür ein, daß in diesem Sinne eindeutige und verläßliche Rechtsgrundlagen geschaffen werden." (S. 280)

Desweiteren werden vorgestellt die „Grundsätze humanistischer Sozialarbeit" (1992) sowie Groschopps Aufsatz „Streitfragen im Humanismus" (1998), in dem es um theoretische Herausforderungen und um die Akademie-Arbeit geht. Immer wieder sollte man auch heute noch diese schon älteren Texte im Auge behalten: „Selbstverständnis als Plattform im Konsens" (1999) von Wolfgang Lüder und Horst Groschopps „'Ökumene' der Freigeister?" (2000) sowie dessen Aufsatz „Die 'dritte Konfession' und der organisierte Humanismus" (2004)

In diesem heißt es u.a.: „Im Osten ist das, was die Kirchen sagen, nahezu unbedeutend (allerdings nicht in der Politik!). Fragen nach Religion und Kirche werden den Ostdeutschen erst wichtig, wenn die sich mit Hilfe des Staates in ihr konfessionsfreies Leben drängeln (Religionsunterricht, kirchliche Sozialeinrichtungen, Entdeckung der Kirchensteuerpflichtigkeit, versuchte Erzwingung der Kirchenmitgliedschaft bei Arbeitsverhältnissen in Diakonie und Caritas usw.)." (S. 246) Voll und ganz zuzustimmen ist seinem Fazit: „Die Normalität eines guten gottfreien Lebens (…) das ist die eigentliche Kritik zu jeder Religion. Hier hat der Humanistische Verband eine historische Verantwortung." ( S. 248)

Zu den besonders hervorzuhebenden Dokumenten zählt vor allem Ingrid Matthäus-Maiers Text „Zur Gleichbehandlung" aus dem Jahre 2013 mit einer deutlich ausgesprochenen Warnung an alle freigeistigen Organisationen, nicht nur an den HVD: „Man muß sich klar machen, daß man sich auf eine schiefe Ebene begibt, je mehr Privilegien auch den Weltanschauungsgemeinschaften zugestanden werden und je länger sie dauern.Sie dienen dann der Verfestigung des Systems. Man gewöhnt sich daran. Man kriegt seinen Teil des Kuchens. Es wird dann nichts mehr abgeschafft. Man will es zum Schluß auch gar nicht mehr. Man wagt auch gar nicht mehr, die Trennung von Kirche und Staat zu fordern." (S. 275) – Leider muß man Frau Matthäus-Maier Recht geben, gerade wenn man sich das Agieren vor allem der beiden finanzstarken HVD-Landesverbände und des von ihnen abhängigen Bundes-Präsidiums anschaut.

Humanismus als Rettungsanker

Horst Groschopps Monographie als Kulturstudie zu bezeichnen, trifft es genau. Er wendet sich darin der vielfältigen „säkularen Szene" in der seit 1990 größer gewordenen Bundesrepublik Deutschland zu; und warum der Humanismus, zumindest als Begriff, „Rettungsanker" für viele der seinerzeit bestehenden Organisationen geworden ist. Den Schwerpunkt legt er dabei auf den am 14. Januar 1993 formal geggründeten Humanistischen Verband Deutschlands (HVD). Der Autor skizziert dessen Vorgeschichte und stellt die sehr unterschiedlichen Gründungsverbände und deren z.T. doch konträren inhaltlichen Positionen vor. Dabei geht er auch auf das Humanismusverständnis ein: Was ist eigentlich Humanismus? Wer definiert ihn?

Er verschweigt damalige Hochgefühle und (auch heutige) Illusionen ebenso wenig wie Niederlagen und Enttäuschungen. Und heute? „Der heutige HVD ist in der Bredouille." (S. 23) Warum das so ist, woran das liegt, das durchzieht Groschopps schonungslose Analyse von der ersten bis zur letzten Seite. Lobenswert ist, daß er sich als langjähriger Protagonist von Analyse und Selbstkritik nicht ausnimmt.

Von der Freidenkerei zum Humanismus

Die Gegenwart kann man nur verstehen, wenn man die Geschichte kennt. Also zeichnet Groschopp die Geschichte der deutschen Freidenkerei, insbesondere deren „klassische Phase" zwischen 1840 und 1930, nach. Aber auch die anderen „freigeistigen" Organisationen sind dabei mit im Blick.

Der Rezensent muß hier jedoch zwei „Aber" anmerken. Wenn es um den von Max Sievers geleiteten Deutschen Freidenkerverband (DFV) der 1920er Jahre geht, erwähnt er lediglich einen der beiden proletarischen Vorläufer, den 1905 gegründeten Berliner „Verein der Freidenker für Feuerbestattung". Mit keinem Wort kommt bei ihm der 1908 in Eisenach gegründete „Zentralverband Deutscher Freidenker" vor, der seinerzeit in ganz Deutschland wirkte und der sich insbesondere auch um die Entwicklung einer alternativen Gemeinschafts- und Feierkultur kümmerte.

Ein zweites Aber gilt der Aussage auf S. 36, daß der „Sozialismus um 1900 bis in die Weimarer Republik in sozialdemokratischen und kommunistischen Kreisen als Kirchen- und Religionsersatz galt". Worauf stützt sich diese Behauptung? Ist Sozialismus im Sinne der Arbeiterbewegung nicht vielmehr eine Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung?!

Und: Groschopp folgt in seiner Schrift leider auch den bundesdeutschen Mainstream-Sprachregelungen, indem er anstatt Faschismus oder deutscher Faschismus den inhaltlich falschen Begriff „Nationalsozialismus" verwendet oder ihn nicht wenigstens in Anführungszeichen setzt.

Horst Groschopp wendet sich dann im weiteren diesen Themen zu, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll: Säkulare Szene und gesellschaftlicher Pluralismus; Weltanschauung und Gemeinschaft HVD; Die freidenkerische Säkularisierungsthese; Humanismus als neue Aufklärung, Innovation des „säkularen Humanismus", Der verdrängte „ethische Humanismus"; Altlast „Weltlichkeit", Neuer „säkularer Humanismus"; Humanistische Wahrheiten.

Der HVD und Bekenntnisfragen

Wie sich der HVD positioniert und sich abgrenzt von anderen Organisationen, läßt sich „festmachen" an den ständig veränderten Fassungen des Humanistischen Selbstverständnisses. Dazu heißt es bei Groschopp: „In der aktuellen 2015er Fassung ist Humanismus ausdrücklich keine Reaktion auf gesellschaftliche Krisenerscheinungen und auch kein Heilmittel zu ihrer Bewältigung. 'Krise' ist weitgehend diagnostiziert als individuelles Problem." (S. 87) – Der bezahlte HVD-Funktionärskörper ist also angekommen im ausschließlich neo-liberalen Denken, das alles andere als humanistisch ist. Ein anderer markanter Wandel ist schon Anfang der 1990er erfolgte Wandel in der Einstellung zur Bundeswehr, wo man partout den christlichen Militärpfarrern gleichgestellt werden wollte und heute immer noch will.

Dazu paßt Groschopps bittere Feststellung: „Das Profil des im HVD organisierten Humanismus wurde betont parteipolitisch neutral mit der Tendenz, sich aller Stellungnahmen zu enthalten, wenn es nicht um Themen ging, die den Verband unmittelbar betrafen. Sozialpolitische Stellungnahmen, je konkreter sie sein mußten, um verstanden zu werden, hatten und haben aber stets parteipolitische Pointen." (S.87)

An anderer Stelle heißt es: „Daß 'Solidarität' im humanistischen Selbstverständnis ein Kernbegriff ist, der sich grundsätzlich von dem der Nächstenliebe unterscheidet (…) ging 2015 verloren und damit ein sogenanntes 'Essential' der humanistischen Weltanschauung. Der Abschied vom Solidaritätsbegriff ist kein Versehen." (S. 95) – Und schließlich sei auch noch dies erwähnt: „In der Fassung von 2015 verzichtet der HVD gänzlich auf eine Trennung von Staat und Kirche." (S. 115)

Groschopp schreibt weiter: „Der HVD ist seit seiner Gründung 1993 tatsächlich keine freidenkerische Organisation, die den Laizismus verficht (…) Man kann eben nicht laizistisch Religionsunterricht generell ablehnen und gleichzeitig 'konfessionell' selbst Lebenskunde anbieten als Weltanschauungsunterricht parallel, alternativ und gleichberechtigt zum Religionsunterricht. (…) Was wäre , wenn das Fach 'Lebenskunde' aufgegeben würde und außerhalb von Schule vom HVD als lebenskundliche Bildung angeboten würde? Darin sah die Lebenskunde-Belegschaft eine Bedrohung ihrer Arbeitsplätze und die Debatte wurde des Betriebsfriedens wegn nicht weitergeführt." (S. 120 – 123)

Was stellten aufmerksame Beobachter schon vor dem I. Weltkrieg mit Blick auf diverse Organisationen der Arbeiterbewegung fest?: Wenn die Funktionäre nicht mehr für ihre Organisation leben, sondern von ihr, dann hat die Organisation ihren Sinn/Zweck verloren…

Passend dazu läßt Groschopp den Leser auch an einem „Blick von außen" teilhaben, und zwar den des katholischen Theologen Florian Baab (geb. 1982) in dessen Schrift „Was ist Humanismus?": „Bei Baab kursiv: 'Der Humanismus als homogene Weltanschauung bleibt eine Illusion.' Zu einem solchen Urteil kommt nur, wer gültige 'Lehrmeinungen', wie sie in der katholischen Kirche üblich sind, auf Humanismus überträgt. (…) Baab geht es um Humanismus unter den Perspektiven von Philosophie und Theologie. Er liefert ein letztlich sehr eng führendes Bild vom Humanismus mit dem Versuch, dessen Ende zu verkünden. (…) Baabs Mängelliste des Humanismus ist lang: Sakralisierung des Menschen, Unterbestimmung der Animalität, Erniedrigung des Menschen, Fehlen eines transzendenten Rahmens, Essenzialismus, Variabilität, Anthropozentrismus, Utopismus." (S. 132 – 137)

Naja, dazu kann man nur sagen, der Mann ist doch schließlich Theologe und kann nicht anders… Dennoch, so schreibt Groschopp, sei „das Buch von Baab für den organisierten Humanismus wertvoll (…) durch die die detailreiche Auflistung, was einem so auffällt, wenn man von außen auf den HVD sowie in die 'säkulare Szene' schaut und sich ein Urteil bildet, abgerückt von den Selbstdarstellungen und Wunschbildern." (S. 140)

Der HVD – eine Frage der Demokratie

Humanisten müssen dagegen eine ganz andere Mängelliste des HVD-Humanismus aufmachen, leider und da geht es um wirkliche Mängel und nicht welche aus „gottgefälliger" Sicht! Groschopps „Auflistung" ist viel ärger und lebensbedrohlicher für den organisierten Humanismus. U.a. konstatiert er bezüglich des HVD, daß schon seit der Gründerphase des neuen Verbandes, neben Illusionen in bezug auf den Masseneinfluß, in diesem „ein als 'Spaltpilz' reflektierter Konflikt wuchs, der sich derzeit hinsichtlich der KORSO-Politik und der bundesweiten Lebenskunde, ein wohl gescheitertes Projekt, innerverbandlich zuspitzt." (S. 141) Den Verband mache „ein fortdauernder innerer Streit nun zunehmend konturlos. Der Sinn des HVD wird unkenntlich, gerade bei den eigenen Mitgliedern." (ebd.)

Es folgt eine sehr deutliche Zustandsbeschreibung der einzelnen Landesverbände (S. 140ff), angefangen beim anhaltenden Mitgliederschwund der älteren und dem im Prinzip „Nullwachstum" bzw. der lediglich papiernen Existenz der erst in jüngerer Zeit gegründeten. Der Gesamtverband werde von zwei ökonomisch starken Landesverbänden dominiert und deren Partikularinteressen.

All dies habe gravierende Verzerrungen in der Verbandsdemokratie zur Folge gehabt, die sich aktuell sogar noch verschärfen würden („…verändern sich in den großen Verbänden durch die wachsende Zahl der Hauptamtlichen – in Berlin über tausend – die Versammlungen in Richtung Mitbestimmungsinstitutionen." / S. 143). Groschopp wörtlich: „Das oberste Gremium Bundespräsidium ist nur formal ein Koordinations- oder gar Leitorgan. Niemand in den Landesverbänden läßt sich dreinreden. Die Folge ist auch hier: Der große Selbstanspruch des HVD ist geblieben, aber die heterogene Realität ist das Ergebnis zentrifugaler Kräfte, des Zweifelns an einem gemeinsamen Kurs, hinzu kommen persönliche Animositäten." (S. 143)

Groschopp beläßt es nicht dabei, sondern benennt „Roß und Reiter". Ein Beispiel soll genügen:

„Die Existenzfrage für den HVD wird sein, wer über die Perspektiven entscheidet. Formal sind dies die Mitgliederversammlungen bzw. Delegiertenkonferenzen. Doch die ehrenamtlichen Gremien des größen Verbandes Berlin-Brandenburg haben zwischen 2010 und 2012 ihre weitgehende Entmachtung zugelassen und – zugespitzt – eine 'unternehmensabhängige Demokratie' befördert. (…) Die Macht hat, wer über den Haushalt entscheidet. Diese Macht liegt nun beim hauptamtlichen Vorstand…" (S. 145) – Dieser hauptamtliche Vorstand besteht aus zwei Personen, der früheren Geschäftsführung, die den Verband wie ein Wirtschaftsunternehmen führen. Die gewählten Gremien spielen leider nur noch die Rolle eines Aufsichtsrates.

Auch „die Geschichte des 'Humanistischen Selbstverständnisses' widerspiegelt diese zunehmende Minderbewertung von Demokratie." (S. 146), heißt es weiter.

Hinzukomme, daß die Mitgliederzeitschrift „diesseits", die nur von einer Minderheit der Mitglieder abonniert ist, nur noch eine triviale Hochglanzpostille ist. Groschopp erinnert daran, daß gerade die Zeitschrift in den 1990er Jahren die Klammer zwischen den Landesverbänden und den Mitgliedern gewesen sei. Und daß noch bis etwa 2010 in der Zeitschrift kontrovers und konstruktiv über Ziele und Aufgaben des HVD debattiert worden sei.

Im weiteren geht der Autor darauf ein, warum einige freigeistige Organisationen (Bund für Geistesfreiheit, Jugendweihe u.a.) aus der HVD-Gründung ausgestiegen sind. Angesprochen werden nicht minder Differenzen mit anderen Organisationen, wie Giordano-Bruno-Stiftung oder dem Humanistischen Pressedienst oder die jüngsten Alleingänge des bayrischen HVD-Ein-Mann-Vorstandes. Alle HVD-Demokratiedefizite hätten sich ebenfalls bei der Gründung und der Dauerkrise des KORSO (Koordinierungsrat säkularer Organisationen) negativ ausgewirkt.

Und was gibt es für den HVD Positives festzuhalten? Leider nur dieses: „So blieb der Eintritt der Humanisten Baden-Württemberg [incl. der Humanistischen Freidenker Ostwürttembergs; SRK] der einzig ins Gewicht fallende Zuwachs…" (S. 150)

Über Humanismus-Perspektiven

Trotz der insgesamt doch eher deprimierenden Bilanz verzagt Groschopp nicht und legt vor allem ein deutliches Bekenntnis „pro Humanismus" ab, wenn er schreibt: „Die säkulare Szene' insgesamt sollte sich fragen, wie sie eine nennenswerte Perspektive bekommen kann, eine, die ihren Ansprüchen und ihrer historischen Verantwortung genügt oder ob Genügsamkeit sie dominiert. Alle zusammen sollten ernstlich diskutieren, wie sie es mit dem Humanismus halten." (S. 151)

Nach Groschopp lautet die alles entscheidende und zukunftsorientierte Kernfrage: „Worin besteht heute die besondere besondere Leistung spezieller Humanistenverbände? Eine Grundsatzdebatte über diese Zusammenhänge wird den Reformstau in der 'säkularen Szene' vielleicht auflösen helfen." (S. 153) – Da könne man aber nicht bloß sagen, Humanismus sei das, was der HVD praktiziere…

Bei aller Kritik am HVD hat Horst Groschopp diesen keinesfalls abgeschrieben und setzt Vertrauen in dessen demokratische Reformfähigkeit, wenn er postuliert: „Der Verband ist der größte deutsche Verein, der sich dem Humanismus verpflichtet hat. Es gibt nur einen HVD. Das fordert von unsereins Behutsamkeit im Umgang mit ihm, aber zugleich scharfe Kritik, eben weil er allein steht. Er muss das aushalten."

Eine Lösung für viele innerbandliche Probleme, so meint der Rezensent, wäre, neben der organisatorischen und finanziellen Stärkung des Bundesverbandes, die Trennung des Mitgliederbereichs vom Geschäftsbereich, so daß z.B. das mehrfach angesprochene Problem Weltanschauungsgemeinschaft vs. Dienstleistungsverband nicht mehr hinderlich im Raum stünde.

Es bleibt zu hoffen, daß am organisierten Humanismus Interessierte, egal ob Mitglied im HVD oder nicht, Groschopps Analyse als Anregung zum Nachdenken und vor allem zum Handeln nehmen. Wie gesagt, man muß nicht alle seine Schlußfolgerungen teilen.

Und auch noch Pazifismus

Horst Groschopp hat in den Anhang zu diesem Band noch seinen 17-seitigen Text „Humanismus und Pazifismus in der deutschen Freidenkerbewegung" von 2007 (im Jahre 2015 für das „Handbuch Friedensethik" überarbeitet) aufgenommen, weil sein Aufsatz in diesem Handbuch „aus formalen Gründen" nicht publiziert worden ist. Dieser Aufsatz ist eigentlich eine eigene Besprechung wert.

 

Siegfried R. Krebs

Link zum Originalartikel bei Freigeist Weimar

Horst Groschopp: Pro Humanismus. Eine zeitgeschichtliche Kulturstudie. Mit einer Dokumentation. Reihe Humanismusperspektiven, Bd. 1. 288 S. kart. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2016. 24,00 Euro. ISBN 978-3-86569-245-0




„Im Lichte der Evolution“ von Gerhard Vollmer. Rezension von Gerfried Pongratz


vollmerindex

Dr. Gerfried Pongratz war so freundlich, wissenbloggt diese Rezension zur Verfügung zu stellen. Der Verlag spricht von einem Buch zum Schmökern, in dem man unendlich viel Wissenswertes, Überraschendes, manchmal auch Kurioses erfährt. Es geht dabei um biologische Evolution, aber auch um Evolution in einem weiteren Sinne, manchmal sogar nur im Sinne einer Metapher. Der Rezensent nennt es ein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch, ein Standardwerk der Evolutionswissenschaften.

Gerhard Vollmer: „Im Lichte der Evolution – Darwin in Wissenschaft und Philosophie“

Ein Opus magnum in jeder Hinsicht; 613 Seiten geballtes Wissen mit tiefgreifenden Erkenntnissen und einer Vielzahl weiterführender Gedanken zu einer der wichtigsten Entdeckungen des Homo sapiens, der Evolutionstheorie!

„Nichts in der Biologie macht Sinn außer im Lichte der Evolution“ konstatiert 1973 der Biologe Theodosius Dobzhansky. Mittlerweile ahnen wir, dass diese Feststellung nicht nur für die Biologie gilt, sondern für nahezu alle Bereiche der Natur- und Geistesgeschichte, der materiellen und der immateriellen Welt, ja sogar für den gesamten Kosmos.

Gerhard Vollmer, zweifach promovierter Physiker und Philosoph sowie vielfach ausgezeichneter Wissenschaftsautor, Universitätsprofessor und Mitbegründer der Evolutionären Erkenntnistheorie, unternimmt hier den Versuch, alle Disziplinen darzustellen, in denen die Evolution eine wichtige Rolle spielt oder die durch den Evolutionsgedanken deutlich bereichert wurden, auch wenn der Bezug zur Evolution – im engeren oder weiteren Sinn – nicht immer der gleiche ist. Als ausgewiesener Zusammendenker von Wissenschaft und Philosophie zeigt Vollmer, welche Rolle der Evolutionsgedanke in Disziplinen spielt, die sich auf Evolution stützen, wobei er überzeugend belegt, dass die Evolutionstheorie allen Wissenschaften ein fruchtbares Denkmodell bietet. Behandelt werden 58 Disziplinen, wobei die Zusammenstellung vorwiegend Gebiete am Rande und jenseits der Biologie umfasst (die evolutionären Teildisziplinen der Biologie würden für sich allein schon ein dickes Buch füllen). „Die Faszination des Themas liegt vor allem darin, wie der Evolutionsgedanke in nichtbiologischen Disziplinen Fuß gefasst hat.“ (S. 15)

Wie soll man – auch nach Empfehlung des Autors – das Buch lesen? Vor den umfangreichen Anmerkungen gliedert es sich in vier größere Einheiten: Evolution allgemein, evolutionäre Disziplinen in den Wissenschaften, Darwin in der Philosophie sowie evolutionäre Disziplinen in der Philosophie. Auch für Laien gut verständlich, ist es so geschrieben, dass jedes Kapitel für sich gelesen werden kann; klare Gliederungen und Tabellen verleihen zusätzlich Übersicht und erleichtern den Zugang auch zu schwierigeren Themen. „Auch und gerade Außenstehende sollen verstehen, worum es jeweils geht… Neugier allein könnte durchaus genügen… Ich stelle mir deshalb gern vor, dass man in dem Buch schmökert wie in einem Lexikon“ (S. 16).

  • Die Faszination des Buches liegt für den Rezensenten, der noch sehr oft und mit Begeisterung darin „schmökern“ wird, neben dem erschlossenen großen Wissensfundus vor allem in der schier unglaublichen Fülle an Erkenntnissen zur Rolle und Bedeutung der Evolutionstheorie in unterschiedlichsten – auch völlig unerwarteten – Disziplinen und in den dazu disziplinübergreifenden Gedanken des Autors. Die beiden wichtigsten Faktoren der biologischen Evolution, Variation und Selektion, werden dabei biologienah oder auch nur im übertragenen Sinn benützt; als Beispiele für nichtbiologische Bereiche der Evolution werden (S 25, Tabelle 2) 34 Wissenschaftsgebiete beschrieben, die von der Evolution der Atmosphäre, des Gewissens, der Kulturtheorie, Ethik, Musik, Astrophysik, Rechtstheorie, Sexualität, Linguistik, Technik und des Verhaltens bis zur Evolutionären Wissenschaftstheorie reichen. Weitere eindrucksvolle Beispiele enthalten die großen Hauptkapitel „Darwin und die Philosophie“ sowie „Teilgebiete einer evolutionären Philosophie“ oder auch das Kapitel „Evolutionäre Religionswissenschaft“ (S 276), das sich mit der Evolution von Religiosität, mit Neurotheologie, mit Evolutionärer Theologie sowie mit dem Wahrheitsgehalt religiöser Überzeugungen sachlich-kritisch beschäftigt; zudem auch mit Fragen, ob man schriftlose Religionen nachweisen kann, ob Religionen ihrerseits einer Evolution unterliegen, ob Religion nützlich ist und ob Gläubige bessere Menschen sind.

Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem sprengen, auf alle, oder auch nur auf viele der aufgezeigten Themenbereiche einzugehen, genannt seien deshalb nur einige (von rund 70), dem Rezensenten besonders wichtig erscheinende Kapitel des Buches:

  • In „Übergreifende und vergleichende Evolutionsszenarien“ werden die wichtigsten Wegbereiter der Evolutionswissenschaften beschrieben und z.T. auch zitiert (S 32).
  • In „Evolutionäre Chemie“ (S 75) geht es um die Entstehung des Lebens und um „Evolutionäre Mechanismen“.
  • Im großen Kapitel „Evolutionäre Erkenntnistheorie“ (S 356) werden, ausgehend von der Hauptthese „Denken und Erkennen sind natürliche Leistungen des menschlichen Gehirns und dieses Gehirn ist seinerseits auf natürliche Weise in der biologischen Evolution entstanden“, u.a. Themen wie „Kausalität und Energieübertrag“ sowie Probleme, die von der evolutionären Erkenntnistheorie gelöst werden, aber auch die Fehlleistungen unseres Erkenntnisapparates (inklusive der Argumente für oder gegen „hypothetischen Realismus“), behandelt.
  • Die Frage „Ist Willensfreiheit eine Illusion“ (S 397) wird auf mehreren Seiten in all ihren Aspekten (Determinismus ja oder nein, Verantwortung, Strafrecht etc.) beleuchtet.
  • Das große und ebenfalls sehr bedeutende Kapitel „Evolutionärer Humanismus“ (S 415) widmet sich in zahlreichen Unterkapiteln dem „neuen Humanismus“, wobei der von Julian Huxley als neues Weltbild begründete „Evolutionäre Humanismus“ mit seinen derzeit bedeutendsten Protagonisten – Michael Schmidt-Salomon und Gerhard Engel – besondere Würdigung erfährt.
  • Im Kapitel „Evolutionäre Zukunft“ (S 478) geht es u.a. um Fragen, ob die kulturelle Evolution die biologische abgelöst hat, ob der Mensch heute noch der biologischen Evolution unterliegt (was, eindrucksvoll belegt, bejaht wird), ob sich die Menschheit in verschiedene Arten aufspalten wird (was unwahrscheinlich ist) und ob das Abendland untergehen wird (was, abgesehen vom kosmologischen Ende unseres Planeten, offen bleibt). Die Menschheit bedrohende Gefahren (S 482), Gentechnik, Neuroenhancement und Transhumanismus bilden interessante Unterkapitel und werden tiefgründig erörtert.

In „Ein Art Schlusswort“ (S 491) bündelt der Autor – ausgehend von Charles Darwin, Isaac Newton, Sadi Carnot und Alfred Wallace – die Lehren und daraus zu ziehende Überlegungen sowie die Botschaft des Buches: Die Gesetze der Evolution sind auch auf Bereiche anwendbar, die mit Biologie nichts zu tun haben, wobei es hierbei noch ungeheuer viel zu entdecken und zu erklären gibt. „…Die Welt ist nicht weniger faszinierend, wenn wir sie erklären können… wir dürfen uns über vieles wundern, wir brauchen aber nicht an Wunder zu glauben… zum Glück hat es sich für unsere evolutionären Vorfahren gelohnt, neugierig zu sein….“.

Ein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch, ein Standardwerk der Evolutionswissenschaften, das sicher in allen Bücherschränken einschlägig Interessierter seinen Platz finden wird.

 

Dr. Gerfried Pongratz

Im Lichte der Evolution: Darwin in Wissenschaft und Philosophie © 2017, S. Hirzel Verlag Stuttgart, ISBN 978-3-7776-2617-8, € 39.-




Paul Thiry d’Holbach: Ein Liebenswürdiger Atheist und Ethiker. Von Siegfried R. Krebs


holbach

 

Die Religion hat den Verstand des Menschen immer mit Finsternis erfüllt und ihn in Unkenntnis seiner wirklichen Pflichten und wahren Interessen gehalten…"  So wird d'Holbachs Resumee von Siegfried R. Krebs zitiert. Der Kulturwissenschaftler & Journalist hat den d'Holbach-Artikel am 10.7. auf seiner site Freigeist Weimar publiziert.

Paul Thiry d’Holbach: Ein Liebenswürdiger Atheist und Ethiker

WEIMAR. (fgw) Paul Thiry d’Holbach (1723-1789), Autor klandestiner atheistischer und aufklärerischer Schriften, Mäzen und Kopf von Holbachs Coterie, der konsequenteste und radikalste Philosoph der französischen Aufklärung… Der von Heiner Jestrabek nun vorgelegte Band gibt eine Einführung in Leben und Werk des deutsch-französischen Naturwissenschaftlers, Philosophen und Verfassers von religionskritischen Werken. Holbach begründete zudem eine neuzeitliche Ethik des aufgeklärten weltlichen Hedonismus. Der Herausgeber geht ferner der Rezeptionsgeschichte und den Gründen für die Aktualität der Holbachschen Gedanken nach.
 

Diese Edition enthält zwei heute nur schwer zugängliche und neu bearbeitete Schriften d'Holbachs: „Die Heilige Seuche oder natürliche Geschichte des Aberglaubens" (1768) und „Der gesunde Menschenverstand oder Natürliche Gedanken gegen übernatürliche Ideen nach Jean Mesliers Testament" (1772). Seine radikal-religionskritischen Schriften waren Mitte des 18. Jahrhunderts Zeit in ihrer Konsequenz, Eindringlichkeit und Logik einmalig und haben bis heute keine Entsprechung gefunden. Zu Unrecht ist dieser Philosoph bis heute noch viel zu wenig bekannt. Vielleicht kann ja Jestrabeks Arbeit das ändern helfen.

In einem ausführlichen Vorwort stellt der Herausgeber zunächst den Verfasser der beiden Schriften, den familiären Hintergrund, seinen Lebensweg und Einsatz für die Aufklärung vor. Paul Jakob Dirre (frz. Paul Thiry) später geadelt und Baron Thiry d' Holbach genannt, wurde am 8. Dezember 1723 in Edesheim in der Rheinpfalz geboren und starb am 21. Januar 1789 in Paris, wo er auch seine letzte Ruhestätte fand.

Ab 1748 lebte d'Holbach in Paris, erwarb die französische Staatsbürgerschaft und die Zulassung als Anwalt. Er praktizierte aber nie, sondern führte aufgrund ererbten immensen Vermögens ein Leben als Privatgelehrter: Zunächst als Übersetzer und produktiver Mitautor an Diderots „Enzyklopädie", dann ab den 1760er Jahren als Verfasser zahlreicher philosophischer und religionskritischer Bücher. „Seine Motivation", so der Herausgeber, „war getragen von praktischem Humanismus, dessen Haupthindernis er im religiösen Fanatismus und Aberglauben sah." (S. 20) Allerdings konnten aufgrund der Zensur diese Bücher zu Lebzeiten d'Holbachs nur unter Pseudonymen und falschem Verlagsort erscheinen.

Jestrabek benennt d'Holbachs Weggefährten ebenso wie seine Widersacher, er geht prägnant auf seinen Materialismus und politischen Radikalismus ein sowie auf sein „ethisches Argument" in Auseinandersetzung mit der Theodizee und auch mit Rousseau.

Der Herausgeber wendet sich abschließend dem Erbe der Aufklärung zu und stellt die Frage: „Auf welche Traditionslinie der historischen Aufklärungsbewegung sollten wir uns berufen?" (S. 37)

Auf den Idealismus von Kant u.a. oder auf den philosophischen Materialismus von Marx u.a.? Jestrabek ist allerdings kein idealistischer Verklärer des sogenannten Marxismus-Leninismus, sondern kritischer Betrachter der Geschichte der Arbeiterbewegung.

Und so schreibt er. u.a.: „Müßte demnach nicht der 'Marxismus' in allen seinen Strömungen, eigentlich unvoreingenommen der Fortsetzer und Bewahrer der Tradition der französischen Materialisten sein? Dies trifft aber nicht selbstverständlich zu. Schon Ende des 19. Jahrhunderts waren zunehmende Distanzierungen mancher 'Marxisten' gegenüber der Religionskritik festzustellen. (…) So zieht sich also wie ein roter Faden durch die Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus – ob undogmatischer, sozialdemokratischer oder parteikommunistischer Richtung – eine Auseinandersetzung zweier Richtungen in der Frage der Religionskritik." (S. 42)

Insbesondere geht er dabei auf Plechanows Metaphysik ein und er schreibt auf den Seiten 44 bis 47, dies sei doch etwas ausführlicher zitiert, unter den Überschriften „Rechristianisierung" und „Holbach-Rezeption":

„Plechanows Metaphysik ist ein gutes Beispiel für einen weit verbreiteten 'Ökonomismus' innerhalb der linken Bewegung, begleitet von einer Überbewertung der 'Bewegung', Voluntarismus, undialektischem metaphysischem Denken – was auch zu einer Entideologisierung und schließlich zum Phänomen einer Rechristianiserung der Linken geführt hat. Sowohl Liberalismus als auch Sozialismus waren in ihren Anfängen revolutionär und stellten die herrschenden Ideologien in Frage, waren kirchen- und religionskritisch. Religionskritik verbanden sie mit Toleranz in den eigenen Reihen und der politischen Forderung nach staatlicher Neutralität (Laizismus, Trennung von Kirche und Staat). Dies waren feste Bestandteile von Parteiprogrammen liberaler und sozialistischer Parteien.

Mit Regierungsbeteiligungen erlahmte die Radikalität der Linken, konservative Atheorie stellte sich ein. Das Phänomen einer Rechristianiserung setzte vermehrt ein nach dem II. Weltkrieg. Eine an Denkfaulheit grenzende Gleichgültigkeit ideologischen Fragen gegenüber hielt Einzug. Die Begründungen hierfür reichen vom Hinweis, Religionskritik lenke von wichtigeren Fragen ab, bis hin zur These, die Religionsfrage erledige sich sowieso von alleine, wenn die Partei die Mehrheit erlangen würde.

Eine scheinhumanistische Terminologie des Klerus wurde für wahr angenommen und half, deren finanzielle und sonstige Privilegien sogar noch wesentlich zu erweitern. Schließlich äußert sich diese Rechristianiserung in der völligen Aufgabe sogar von demokratischen Minimalforderungen, wie der Trennung von Staat und Kirche und der Abwendung von jeglicher Ideologiekritik, bis hin zu offener Gegnerschaft zum Freien Denken.

Dies geht so weit, daß durch linke Parteien eine offen klerikale Politik gefördert wird, laizistische Positionen von opportunistischen Politikern aufgegeben werden,z. B.: Das Grundsatzprogramm der SPD von Bad Godesberg 1959 markierte ebenfalls eine Abkehr von laizistischen Positionen. Neuerdings geht auch die LINKE diesen Weg im Jahr 2016: Papstplakate der LINKEN in der Pfälzer Heimat Holbachs und ein im politischen Amt vorgetragener christlicher Fundamentalismus und Förderung klerikaler Privilegien durch des ersten LINKEN Ministerpräsidenten Thüringens, Bodo Ramelow. (…)

Eine weltliche Ethik des aufgeklärten Hedonismus. Wäre diese Perspektive nicht auch etwas für uns im 21. Jahrhundert? Angesichts der noch immer andauernden religiösen Verdummung, Wiederaufleben von religiösen Fundamentalismus und Religionskriegen? (…) Radikale Aufklärung tut not. Unsere zunehmend multikulturellen Gesellschaften benötigen hierbei Laizismus und säkulare Kultur. Die historischen Schriften des radikalen Menschenfreundes Paul Thirry d'Holbach könnten uns dabei begleiten."

Dem ist nichts, aber auch gar nichts hinzuzufügen!

Die beiden Schriften d'Holbachs wiederzugeben und näher vorzustellen, das würde den Rahmen einer Rezension sprengen. Deshalb müssen hier Kapitel-Überschriften und Stichworte genügen. Aber allein diese dürften schon auf den vollständigen Wortlaut neugierig machen.

Zu nennen wären aus „Die heilige Seuche" vor allem die Abschnitte 1 („Ursprung des Aberglaubens. Die Furcht ist seine Ursache."), 2 („Von den verschiedenen Religionen. Es kann keine wahre Religion geben."), 4 („Vom Priestertum"), 5 („Von der Theokratie oder dem Priesterregiment"), 6 („Unzertrennlichkeit der Tyrannei und des Aberglaubens"), 9 („Von der Religionsduldung. Sie verträgt sich mit keinem einzigen Religionssystem."), 10 („Einfluß der Religion auf die Moral. Die Religion kann nicht ihre Grundlage sein."), 13 („Der Aberglaube verwirrt und zerstört die wahren Begriffe von Tugend. Natürliche Grundsätze der Moral.") und schließlich 15 („Unmöglichkeit, den Aberglauben zu reformieren oder zu verbessern. Wirksame Mittel, die man ihm entgegensetzen kann.")

D'Holbach klassifiziert in dieser Schrift sämtliche Religionen als Aberglaube und beleuchtet die seinerzeit bekannten etwas genauer. Warum und wie sind Religionen entstanden? Welchen Nutzen hatten sie einst in archischen Zeiten, warum sind sie später degeneriert, aber nicht verschwunden? Vor allem aber nennt er die Priesterkaste(n) und deren absolutes Herrschaftsstreben beim Namen. Außerdem weist er darauf hin, daß alle sogenannten Werte – wie Barmherzigkeit oder Nächstenliebe – schon lange vor dem Christentum und sogar weltweit entstanden sind.

„Der gesunde Menschenverstand" wirft insgesamt 206 Stichworte auf, in denen er sich logisch und argumentativ mit den gängigen Behauptungen und Schwurbeleien der Priester und Theologieprofessoren auseinandersetzt.

Hier nur das letzte Stichwort, d'Holbachs Resumee: „Die Religion hat den Verstand des Menschen immer mit Finsternis erfüllt und ihn in Unkenntnis seiner wirklichen Pflichten und wahren Interessen gehalten. Nur durch die Vertreibung der Wolken und der Phantome der Religion werden wir Wahrheit, Vernunft und Moral finden. Die Religion lenkt uns von den Ursachen der Übel und den Heilmitteln, die die Natur verschreibt, ab. Statt sie zu heilen, verschlimmert, vervielfältigt und verewigt sie sie. Laßt uns mit dem berühmten Lord Bolingbroke anmerken, daß 'die Theologie die Büchse der Pandora ist. Und wenn es unmöglich ist, sie zu schließen, so ist es zumindest nützlich, die Menschen zu informieren, daß diese fatale Büchse offen ist.'" (S. 248-249)

Eigentlich bräuchte es hier und heute keiner weiteren religions- und kirchenkritischen Bücher, denn Paul Thiry d'Holbach hat bereits vor rund 250 Jahren schon alles gesagt. Obwohl ganz im Stil seiner Zeit geschrieben, sind beide Bücher auch den Heutigen nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich verständlich. Man sollte sie also lesen und verbreiten.

Danke, lieber Heiner Jestrabek, für diese Neu-Edition!

 

Siegfried R. Krebs

 

Heiner Jestrabek (Hrsg.): Der liebenswürdige Atheist Paul Thiry d'Holbach: Heilige Seuche & Gesunder Menschenverstand. 256 S.m.Ill. brosch. Edition Spinoza im Verlag Freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2016. 15,00 Euro. ISBN 978-3-922589-62-4

Link zum Originalartikel bei Freigest Weimar