Rudolf Burger: „WOZU GESCHICHTE? Eine Warnung zur rechten Zeit“


Wozu GeschichteRezension von Prof. Anton Grabner-Haider, Religionsphilosoph, Univ. Graz.

 

Das Buch ist eine Neuauflage einer Ausgabe von 2013, es wurde durch ein Vorwort “zur rechten Zeit” aktualisiert. Es sammelt also Ideen und Zeitdiagnosen “aus rechter Sicht” und verpackt sie in den Mantel der Philosophie. Schließlich ist der Autor ein verbeamteter Schulphilosoph. Er schreibt im Geist der Pyrrhonischen Skepsis, doch dabei müsste er bedenken, dass dann alle seine Aussagen und Behauptungen nur einen Wahrheitswert von 50%, also Beliebigkeit erreichen. Zur Platonischen Skepsis konnte er sich nicht durchringen, denn dann würden seine Aussagen höhere oder niedrigere Wahrscheinlichkeit erreichen.

 

Die zentrale Behauptung lautet, wir sollten die “Geschichte” vergessen, weil wir gar nichts aus ihr lernen können. Im Sinne von F. Nietzsche und C. Schmitt wird argumentiert, dass wir aus vergangenen Ereignissen gar nichts für die Gegenwart erkennen können. Dass die Geschichte der Menschen keinen letzten Sinn hat, dass es in ihr keine ewige Wahrheit und innere Logik gibt und dass keine Objektivität in der Geschichtsschreibung möglich ist; das gilt nicht erst seit K.R. Popper in der gesamten Kulturwissenschaft als Binsenweisheit.

 

Der Autor folgert, dass jede Geschichtsdeutung relativ ist (was stimmt) und dass sie immer von politischen Machtverhältnissen bestimmt werde. Aber was ist mit der internationalen Geschichtswissenschaft in demokratischen Staaten, die nachweislich völlig frei ist von politischen Einflüssen? Damit greift der weise Philosoph die gesamte Geschichtswissenschaft an, die global optimale Arbeit leistet. Was würde der Autor sagen, wenn ihm die Historiker völlige Beliebigkeit unterstellten?

 

Rudolf Burger fordert auch, die Memoria-Kultur und Auschwitz-Pädagogik an den Schulen und in der Gesellschaft zu beenden. Die ganze Gedenkkultur und die Aufarbeitung von Schuld, die Trauerarbeit der Psychologen sei völlig sinnlos. Damit entwertet er die umfassende Arbeit der Psychologen und Pädagogen in allen demokratischen Ländern. Mit seiner Behauptung, dass “die Menschen” nichts aus der Geschichte lernen, verhöhnt er die 80 bis 85% der Gesellschaft, die nach eigener Überzeugung seit 60 Jahren viel aus der Geschichte der beiden Weltkriege gelernt haben.

 

Nach K.R. Popper, aber auch nach den Erkenntnissen der Biologie (F. Wuketits) lernen wir Menschen mehrheitlich ständig durch “trial and error”. Darauf basiert die biologische und die kulturelle Evolution. Nur eine kleine Minderheit will nichts aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, aber sie kann nur überleben im Schutz der lernbereiten Mehrheit. Der Autor legte diese Minderheit auf die ganze Gesellschaft um, das sei große Philosophie. Damit hat er sich von der kritischen Philosophie des Sokrates, Aristoteles, Kant und Popper völlig verabschiedet. Was die “rechte Zeit” angeht, sollte er einmal genau hinsehen, was die politische “Rechte” in der Französischen Nationalversammlung von 1789 wirklich angestrebt hat. Aber laut Pyrrhon kommen seine Behauptungen über den Wahrheitswert von 50% nicht hinaus. Für einen Skeptiker wäre eine geistvollere Provokation möglich gewesen.

 

Rudolf Burger: „WOZU GESCHICHTE? Eine Warnung zur rechten Zeit“

Verlag Molden/Styria, Wien 2018, ISBN 978 3233 150272

 

(Prof. Anton Grabner-Haider, Religionsphilosoph, Univ. Graz)




Auch Percy Bysshe Shelley wußte es: „There Is No God!“


shelleypHeiner Jestrabek (Hrsg.): Percy Bysshe Shelley: „There Is No God!". Religions- und Herrschaftskritik. 172 S. m. Abb. Klappenbroschur. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2019. 14,00 Euro. ISBN 978-3-922589-71-6.

Rezension von Siegfried R. Krebs:

WEIMAR. (fgw) Percy Bysshe Shelley war noch nicht einmal 30 Jahre alt, als er am 8. Juli 1822 im Meer bei Viareggio an der Toskanaküste ertrank. Ein kurzes Leben, dennoch hinterließ er ein bedeutendes Werk. An eben dieses zum Teil abenteuerliche Leben, Wirken und Werk will Heiner Jestrabek mit seiner neuesten Publikation erinnern.

Denn, so Jestrabek in seiner Einführung, Shelley erlangte Berühmtheit nicht nur als einer der bedeutendsten Dichter der englischen Romantik – zusammen mit Byron und Keats – er war auch Philosoph und kämpferischer Atheist, politischer Pamphletist und Aktivist, Abenteurer, Frauenschwarm und sogar Frauenrechtler, Vorkämpfer für freie Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen.

Das vorgelegte Buch führt knapp und übersichtlich in Leben und Werk des am 4. August 1792 als Sohn eines Baronets geborenen Dichters ein. Der Lebensbeschreibung hat Herausgeber Jestrabek eine kleine Auswahl von Shelleys radikalen religions- und herrschaftskritischen Schriften beigefügt.

Bereits der junge Shelley habe an den Vesten gerüttelt, die die feudale, bürgerliche und achso christliche Ordnung stützten: „In der Universität in Oxford, ab 1810, schloss Percy eine lebenslange Freundschaft mit Thomas Jefferson Hogg (1792-1862). Mit Hogg gemeinsam entstand auch die Idee zu dem Pamphlet 'The Necessity of Atheism' („Die Notwendigkeit des Atheismus") 1810/1811, eine philosophische Streitschrift in der Tradition der radikalen Aufklärung. Shelley und Hogg wurden wegen dieser Schrift und auch wegen ihrer rebellischen Haltung gegenüber der Collegeleitung der Universität Oxford verwiesen." (S. 9)

Auch seine Familie verstieß ihn und so mußte Shelley lange Jahren in prekären Verhältnissen leben. Dennoch ließ er sich nicht entmutigen und schuf ungeachtet dessen – und angesichts der ökonomischen und politischen Verhältnisse in Großbritannien – ein umfangreiches publizistisches Werk.

„Queen Mab" war das erste große Poem des Dichters. Diese allegorisch-utopische Verserzählung nach mythologischen Vorbildern wurde 1811 geschrieben und 1813 veröffentlicht; nunmehr unter dem Titel „Queen Mab. Philosophical Poem with Notes." Die hinzugefügten umfangreichen 'Notes' – historische und philosophische Annotationen – erweiterten das Werk zusätzlich zu einem eigenen philosophischen Manifest. Darin enthalten waren u.a. der erweiterte Wiederabdruck von „The Necessity of Atheism". Poem und Notes als ein Buch, erlangten so den Ruf einer „Bibel" der Bewegung der Chartisten, so schätzte es später Georg Bernhard Shaw (1856-1950) ein. Jestrabek schreibt seinerseits dazu: „Shelley gestaltete in seinem Poem 'Queen Mab' als eine dichterische Vision von der Zukunft der Menschheit (…) und als Perspektive zur Überwindung von Monarchie und Priestertum hin zu einer freien Gesellschaft." (S. 11)

„1814 folgt die Publikation von 'A Refutation of Deism' („Eine Widerlegung des Deismus"). Shelley grenzte sich darin eindeutig von einem 'Deismus' ab, dem damals viele Aufklärungsphilosophen anhingen, zugunsten eines konsequenten Atheismus. Er zeigte dessen Inkonsequenzen auf und widerlegte, in Form eines Dialogs zwischen den Gesprächspartnern Eusebes und Theosophus, derartige Argumente und Scheinbeweise der Kreationisten, Sophisten und aller Religiösen." (S. 15)

Jestrabek geht dann auf Shelleys Freunde und Mitstreiter, wie William Godwin (1756-1836), Lord George Gordon Byron (1788-1824) oder John Keats (1795-1821) ein. Ausführlicher wird über Shelleys zwei Ehen, und die in beiden gezeugten Kinder, berichtet. Die erste Ehe schloß er auf abenteuerliche Weise mit der damals erst 15jährigen Kaffeehausbesitzer-Tochter Harriet Westbrook. Die zweite mit Mary Godwin (1797-1851). Dazu heißt es im vorliegenden Buch:

„Durch die Flucht mit Mary war es zu einem Zerwürfnis mit Godwin gekommen, da Shelley zu diesem Zeitpunkt noch verheiratet war. Erst nach dem Tod Harriets und der Heirat mit Mary am 30. Dezember 1816 kam es zu einer Aussöhnung zwischen Percy und Mary mit William Godwin. Mary Shelley, geb. Godwin, sollte später selbst eine berühmte Schriftstellerin werden und die literarische Nachlassverwalterin Percys." (S. 19) Mary Shelley ist heutzutage vor allem bekannt durch ihren Roman „Frankenstein, or, The Modern Prometheus", erstmalig 1818 in London veröffentlicht.

Percy Shelley war nicht nur Literat. Denn, so heißt es bei Jestrabek:

„Der Kampf um politische Reformen wurde unterstützt, Anteil genommen an den infolge von Arbeitslosigkeit, Hunger und Unterdrückung entstandenen revolutionären Unruhen. Shelley veröffentlichte das Traktat 'Proposal for Putting Reform to the Vote' („Vorschlag für eine Reform des Wahlrechts"), 'An Address to the People on the Death of the Princess Charlotte' („Eine Botschaft an das Volk anlässlich des Todes von Prinzessin Charlotte"), den gemeinsam mit Mary geschriebenen Reisebericht 'History of a Six Weeks' Tour' („Geschichte einer sechswöchigen Reise"), die Verserzählung 'Laon and Cythna' wird gedruckt (und erst nach Umarbeitung als 'The Revolt of Islam') im nächsten Jahr veröffentlicht. Hierin wurden Ziele und Ideale der Französischen Revolution verteidigt und als folgerichtige Reaktion auf die vorherigen sozialen Missstände und politische Unterdrückung dargestellt. Die Handlung verlegte Shelley in den Orient und verknüpfte diese mit einer Liebesgeschichte von Geschwistern." (S. 21)

Heiner Jestrabek würdigt aber nicht nur Percy Shelley, sondern er äußert sich auch deutlich zu Mary Shelleys Verdiensten um das geistige Erbe ihres Mannes:

„Große Verdienste um die Edition seiner Werke erwarb sich seine Witwe Mary Shelley. Sie musste sich in prekären Verhältnissen durchschlagen und gegen Schikanen des Schwiegervaters wehren, der dem Werk seines verstorbenen Sohnes ablehnend gegenüberstand. Die erste durch sie besorgte zuverlässige vierbändige Ausgabe der Gedichte von Percy Bysshe Shelley mit ihren Anmerkungen erschien daher erst im Jahr 1839. (…) Mary Shelley blieb bis an ihr Lebensende politisch radikal und den Ideen von Emanzipation und Aufklärung verbunden. Sie starb am 1. Februar 1851 in London, vermutlich an einem Gehirntumor, im 54. Lebensjahr." (S. 27-28)

Zu Percy Shelley und der bis heute andauernden Mißachtung seines Werkes schreibt Jestrabek:

„Ohne Zweifel trug sein kompromissloser und öffentlich vorgetragener Atheismus dazu bei: Shelley definierte sich selbst mit einer griechisch verfassten Inschrift in einer Hütte in den Schweizer Alpen: 'Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Percy B. Shelley.' Shelley verband seine Gesellschaftskritik mit einem tief empfundenen Humanismus und Pazifismus." (S. 30-31)

Und der Herausgeber läßt Shelley diesbezüglich selbst weiter zu Wort kommen; mit einem Zitat aus dem Vorwort zu dessen letztem Drama:

„Dies ist das Zeitalter des Krieges der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, und jene Rädelsführer der privilegierten Mörder- und Gaunerbanden, Landesherren genannt, sehen sich untereinander nach Hilfe um gegen den gemeinsamen Feind und stellen die Feindseligkeiten gegeneinander nur ein angesichts einer mächtigeren Furcht. Alle Despoten dieser Erde sind im Grunde Mitglieder dieser Heiligen Allianz. Der Kampf gegen die Hypothese 'Gott', gegen den 'gnädigen und rachevollen Gott', welcher, 'ein Urbild menschlicher Tyrannenherrschaft', als metaphysische Projektion der Monarchie erfunden wurde – dieser kämpferische Atheismus ist die Voraussetzung für die Unschädlichmachung jenes Hauptinstruments jahrhundertelanger Gewaltherrschaft, dessen Name Christentum lautet." (S. 31)

Nach der doch etwas längeren Einführung durch den Herausgeber folgen nun einige Schriften aus Shelleys Feder. Zunächst – und erstmals vollständig in deutscher Sprache – „The Necessity of Atheism – Die Notwendigkeit des Atheismus" aus dem Jahre 1811 auf den Seiten 33 bis 47.

Bemerkenswert, wie Shelley sich hier mit der christlichen Behauptung von einem Leben nach dem Tode auseinandersetzt! Er fragt nicht, ob es ein Leben nach dem Tode gäbe, sondern ob es schon ein Leben vor dem Tode gegeben habe. Mit solchem Argument sollte man heute ebenfalls pfäffische Sprüche kontern.

Shelley wörtlich: „Haben wir vor der Geburt existiert? Es ist schwierig, diese Möglichkeit sich vorzustellen. Im generativen Prinzip jedes Tiers und jeder Pflanze gibt es eine Kraft, die die Substanzen homogen mit sich selbst verändern. (…) Wenn wir vor der Geburt nicht existiert haben; wenn in der Periode, in der die Teile unserer Natur, von denen Gedanke und Leben abhängen, untereinander verwoben scheinen; wenn es keinen Grund gibt anzunehmen, wir hätten vor dieser Zeit existiert, in der offenbar unsere Existenz beginnt, dann gibt es keinen Grund anzunehmen, dass wir nach unserer Existenz weiter existieren werden. Soweit es Gedanke und Leben angeht, wird das gleiche mit uns geschehen individuell gesehen nach unserem Tod wie vor unserer Geburt. (…) Es wird gesagt, wir könnten weiter auf eine Weise existieren, die gegenwärtig für uns unvorstellbar ist. Das ist eine höchst unvernünftige Annahme…" (S. 47)

Als weiteres Werk Shelleys wird dann auf den Seiten 48 bis 132 sein Poem „Queen Mab. Philosopical Poem With Notes" („Feenkönigin Mab. Philosophisches Poem mit Anmerkungen") aus dem Jahre 1813 im englischen Original und in deutscher Übersetzung vorgestellt. Diese Schrift in Versform dürfte allerdings für heutige Leser nur schwer zu lesen (und somit zu verstehen) sein. Nicht so aber die „Anmerkungen" I bis XVI. Diese sind überwiegend in Prosa geschrieben und geben nicht nur Aufschluß darüber, welch beachtliche naturwissenschaftliche Erkenntnisse damals schon – unter Gebildeten – vorhanden waren. Da kann man als Heutiger nur staunen.

Und nicht zuletzt machen gerade diese Anmerkungen den philosophischen und religionskritischen Wert von Shelleys Schaffen aus. Hier sei nur auf die Anmerkungen IX, XII und XV verwiesen.

Unter „IX" heißt es bei Shelley u.a.. „Der Zustand der Gesellschaft, in welchem wir uns befinden, ist ein Gemisch feudaler Wildheit und unvollkommener Zivilisation. Die beschränkte und unaufgeklärte Moral der christlichen Religion verstärkt noch diese Übel." (S. 140)

Und an anderer Stelle schreibt er mit Bezug auf freie Liebe und Partnerwahl: „Ich glaube mit Bestimmtheit, dass aus der Abschaffung der Ehe das richtige und naturgemäße Verhältnis des geschlechtlichen Verkehrs hervorgehen würde. Ich sage keineswegs, dass dieser Verkehr ein häufig wechselnder sein würde; es scheint sich im Gegenteil aus dem Verhältnis der Eltern zum Kinde zu ergeben, dass eine solche Verbindung in der Regel von langer Dauer sein und sich vor allen andern durch Großmut und Hingebung auszeichnen würde. Aber vielleicht ist es noch zu früh, diesen Gegenstand zu besprechen. Was immer aus der Abschaffung der Ehe entspringen mag, wird naturgemäß und recht sein, weil Wahl und Wechsel vom Zwange befreit sein werden.

In der Tat bilden Religion und Moral, wie sie gegenwärtig beschaffen sind, ein praktisches Gesetzbuch des Elends und der Knechtschaft; der Genius des menschlichen Glückes muss jedes Blatt aus dem verruchten Gottesbuche reißen, bevor der Mensch die Schrift in seinem Herzen lesen kann." (S. 142-143)

In Anmerkung XII konstatiert Shelley u.a. dies: „Es ist wahrscheinlich, dass das Wort 'Gott' ursprünglich nur ein Ausdruck war, der die unbekannte Ursache der bekannten Ereignisse bezeichnete, welche die Menschen im Weltall wahrnahmen. Durch die gewöhnliche Verwechselung einer Metapher mit einem wirklichen Wesen, eines Wortes mit einer Sache, ward ein Mensch daraus, mit menschlichen Eigenschaften begabt und das Weltall lenkend, wie ein irdischer König sein Reich regiert. Die Anreden an dies imaginäre Wesen klingen in der Tat ähnlich, wie die Anreden der Untertanen an einen König…" (S. 147)

Das wird von Shelley unter „XV" noch weiter ausgeführt: „Während vieler Jahrhunderte des Elends und der Finsternis fand diese Geschichte unbedingten Glauben; allein endlich standen Männer auf, welche argwöhnten, dass sie Fabel und Betrug sei, und dass Jesus Christus, weit entfernt, ein Gott zu sein, nur ein Mensch, gleich ihnen selbst, gewesen. Aber eine zahlreiche Menschenklasse, welche enormen Gewinnst aus jener Meinung, in der Gestalt eines bei dem Volk herrschenden Glaubens, zog und immer noch zieht, sagte der Menge, wenn sie nicht an die Bibel glaube, werde sie ewiglich verdammt werden, und verbrannte, verhaftete und vergiftete alle vorurteilsfreien und vereinzelten Forscher, welche gelegentlich aufstanden. Sie unterdrückt dieselben noch immer, soweit das Volk, welches jetzt aufgeklärter geworden ist, solches gestatten will. (…) Dieselben Mittel, welche jeden anderen volkstümlichen Glauben gestützt haben, haben das Christentum gestützt. Krieg, Einkerkerung, Meuchelmord und Lüge; Taten beispielloser und unvergleichlicher Rohheit haben es zu dem gemacht, was es ist. Das Blut, welches die Bekenner des Gottes der Barmherzigkeit und des Friedens seit der Einführung seiner Religion vergossen haben, würde wahrscheinlich genügen, um die Anhänger aller anderen Sekten, die jetzt auf der Erdkugel wohnen, zu ersäufen." (S. 151-152)

Deutlicher kann Religions- und insbesondere Kirchenkritik nicht sein. Und 200 Jahre NACH Shelley haben seine Worte leider immer noch Gültigkeit hier in diesem unseren Lande und nicht nur in dieser „Kirchenrepublik"…

Als drittes Werk Shelleys wird auf den Seiten 159 bis 169 das Poem „The Mask of Anarchy. Occasion of the Massacre of Manchester" („Die Maske der Anarchie. Über das Massaker von Manchester") aus dem Jahre 1819 in englischer Sprache und in deutscher Übersetzung vorgestellt.

Eine Bibliographie sowie ein Überblick über weiterführende Literatur runden diese informative und zum Nachdenken anregende Publikation ab.

Und erneut muß dem rührigen humanistischen und libertären Freidenker Heiner Jestrabek dafür Dank gesagt werden, daß er uns Heutigen wieder einmal einen mehr oder weniger vergessenen Vordenker ins Bewußtsein gerufen hat.

  Entnommen bei http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/auch-percy-bysshe-shelley-wusste-es-there-is-no-god/?fbclid=IwAR0tkDnqGAM8-0IbZa_JrbajDmgD90Nd9loNxNAE0Lf3dn2OHlTIHU0KbOE

 

Siegfried R. Krebs

 

 




Michael Schmidt-Salomon: „Entspannt euch!“


Entspannt euchRezension von Gerfried Pongratz:

Kleines Buch – großer Inhalt! Wer Michael Schmidt-Salomons Vorträge, Bücher und sonstigen Publikationen kennt, weiß, was ihn erwartet: Übersichtliche Themenaufbereitung, geradlinige Aussagen, stringente Gedankenführung – in klarer, humor- und poesievoller Sprache. Vieles am Inhalt des vorliegenden Buches ist Lesern seiner Schriften bekannt und doch unterscheidet es sich grundlegend von seinen anderen Veröffentlichungen. Es bietet als „Philosophie der Gelassenheit“ die Aufbereitung und Zusammenfassung aller Themen, die unser Menschsein, unser Selbstverständnis, unsere Verortung im Leben (und Sterben) betreffen. Es vermittelt tiefgründiges Wissen über unser „Sosein“ und bildet ein Vademecum für alle Lebenslagen mit Anregungen, Argumenten und Hinweisen zum Hinterfragen eigener Standpunkte und Verhaltensweisen. Wer sich darauf einläßt, gelangt zu einer „neuen Leichtigkeit des Seins“.

„Wie findet man zu einem sinnerfüllten, glücklichen Leben?“ steht am Einband, wobei die dazugehörende Überschrift „Ein Weisheitsbuch für das 21. Jahrhundert“ verspricht. Das weckt apriori Mißtrauen, allerdings zu Unrecht: Der Inhalt des Buches ist von esoterischem Anflug so weit entfernt, wie Donald Trump vom Gedanken, er könnte nicht der Größte sein („Perspektiven“ S. 44 ff.); der Text vermittelt pure Rationalität und modernes Wissen, er kann als Manifest antiesoterischer Aufklärung verstanden werden.

Der Inhalt des Buches richtet sich in direkter Ansprache an die Leser, den roten Faden bilden die Perspektive und Gedanken Albert Einsteins; sie beschäftigen Schmidt-Salomon seit 35 Jahren und haben ihn wohl auch geprägt. Die Ausführungen gliedern sich in acht „Lektionen“, wovon jede besondere Aspekte des Ziels „rational zu denken, Angst vor dem Versagen zu verlieren, die Welt entspannter, gelassener und humorvoller wahrzunehmen, den Sinn des Lebens sinnlich zu erfahren, statt ihn übersinnlich herbeizuhalluzinieren“ mit den daraus zu ziehenden Schlüssen ausführlich behandelt.

Zitate (z.T. gekürzt, bzw. leicht verändert):

Wir sollten begreifen, dass jeder von uns nur der sein kann, der er aufgrund seiner Anlagen und Erfahrungen sein muss (S. 20). Das bedeutet mitnichten, dass wir keine Verantwortung für unser Handeln übernehmen sollten (ganz im Gegenteil), aber ich rate dringend, den moralischen Schleier abzunehmen, der den Blick auf die Realität trübt (S. 135).

Es (kommt) im Leben weniger darauf an, mit welchen Anlagen man geboren wurde, als darauf, was man aus ihnen macht (S. 21).

Das Leben ist ein Glücksspiel, eine Lotterie, bei der einige von uns ein Traumlos ziehen, während es andere übel trifft (S. 23).

Sei dankbar!

Lerne, dir selbst und anderen zu vergeben!

Frei zu sein bedeutet, tun zu können, was man will – es bedeutet nicht, zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas anderes wollen zu können als das, was man will (S. 32).

Der Abschied von der Idee des ursachenfreien Willens ist keineswegs mit einer Einschränkung deiner Freiheit verbunden (S. 40).

Albert Einstein betrachtete die Einsicht in die ursächliche Bedingtheit unseres Denkens und Handelns als eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz (S. 57). Sie hilft, moralische Übel als ursächlich bedingt zu begreifen und sich mit den Ursachen zu beschäftigen, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen (S. 61). Daraus resultiertet die „Kunst des Vergebens“.

Die Einsteinsche Sichtweise verlangt nicht weniger als einen Abschied von unseren Moralvorstellungen, ja, mehr noch: einen Abschied vom moralischen Denken überhaupt (S. 72).

Fragen von „Gut und Böse“, „Ethik und Moral“ münden in die Aussage:
„Aus ethischer Perspektive darfst du tun, was du willst, solange du die Rechte anderer nicht verletzt“ (S. 90).

Die traditionellen Dualismen von Subjekt und Objekt, von Körper und Geist, Natur und Kultur, Mensch und Tier (wurden) in fundamentaler Weise aufgehoben. Das Mystische ist rational geworden und das Rationale mystisch (S.99)

Wer von seinem Selbst lassen kann, entwickelt ein gelassenes Selbst (S. 103).

Der Mut zur „bedingungslosen Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber“ verlangt, die Endgültigkeit des Todes ohne weitere Ausflüchte zu akzeptieren“ (S. 109).

Um Leben Sinn zu geben erweisen sich drei Strategien als erfolgreich:

1 Hedonismus (genieße das Leben mit allen Sinnen).

2. Selbstverwirklichung (arbeite daran, die eigenen Talente zu entfalten).

3. Altruismus (engagiere dich für Dinge, die nicht nur für dich selbst, sondern auch für andere von Bedeutung sind).

Für uns Menschen, als geborene Teamplayer, liegt die größte Erfüllung des Eigennutzes in seiner Ausdehnung auf andere (S. 119).

Wir sollten uns bemühen, eine möglichst realistische, rationale und faktenbasierte Sicht der Welt zu entwickeln und über sie zu einer positiven Lebenseinstellung zu gelangen (S. 127).

Rechne mit dem Schlimmsten, aber hoffe auf das Beste! Ertrage, was du nicht verändern kannst, aber verändere, was du nicht ertragen mußt (S. 128).

Ars moriendi besteht darin, ohne Schuldgefühle von der Welt abzutreten. Denn wenn du das Gesetz der Kausalität verinnerlicht hast, wirst du am Ende deiner Tage wissen, dass du nur das Leben führen konntest, dass du unter den gegebenen Bedingungen führen mußtest (S. 130).

Der Tod ist und bleibt der ultimative Ausweg in jeder noch so ausweglos erscheinenden Situation. Niemand auf der Welt darf dir abverlangen, Unerträgliches zu ertragen! (S. 132).

Übe Nachsicht mit dir selbst! Immerhin weißt du ja, dass du nicht besser sein kannst, als du bist (S. 138).

Je mehr zu lernst, von deinem eigenen Selbst zu lassen, desto eher wirst du ein gelassenes Selbst entwickeln! (S. 139).

 

Die Quintessenz des Buches könnte aus der (Stoiker-)Sicht des Rezensenten so lauten:

Verbinde heutiges rationales Denken und Wissen mit stoischen Werten, wie Besonnenheit, Gelassenheit, Mäßigung und strebe nach Glück, das ohne Glaube an Götter und Dämonen aus kritischer Vernunft und einem klaren Verstand erwächst.

Brennende Geduld wirst du benötigen, wenn du die in diesem Buch geschilderte Einsteinsche Perspektive in deinem Alltag umsetzen willst. Denn dabei wirst du immer wieder Rückschläge erleben (S 137).

Michael Schmidt-Salomon: „Entspannt euch!“

© Piper Verlag GmbH, München 2019, ISBN 978-3-492-05950-3, 159 Seiten.

Uneingeschränkte Leseempfehlung, verbunden mit der Ermunterung, das kleine Buch als ständigen Begleiter, als Vademecum, zu benutzen!

 

Gerfried Pongratz 3/2019




Lea Rieck: Sag dem Abenteuer, ich komme


Sag dem AbenteuerRezension von Gerfried Pongratz:

Abenteuerreisen sind „in“ – mit herkömmlichen und/oder ungewöhnlichen Verkehrsmitteln rund um den Globus. Vieles ist möglich und über fast alles wird berichtet; in Internetmedien und Büchern (bei Amazon werden für das 1. Halbjahr 2019 unter „Abenteuerreisen“ sechzig deutschsprachige Neuerscheinungen angekündigt). Die Qualität mancher Berichte und Druckerzeugnisse ist bescheiden, die Qualität des vorliegenden Werks ist es nicht. Es gehört zu den Spitzenprodukten des Genres Reiseliteratur, es ist eines der seltenen Bücher, das man nach den ersten Seiten nicht mehr aus der Hand legen mag. „Sag dem Abenteuer, ich komme“ nimmt mit zu hochemotionalen, spannenden Erlebnissen und außerordentlichen Begegnungen, vermittelt breitgefächertes Wissen zu Land und Leuten, lässt intellektuell und emotionell in fremde Kulturen eintauchen: humorvoll-locker, oft nachdenklich, manchmal leise ironisch, nie voyeuristisch, stets mit Respekt und einem gehörigen Maß Demut.

An einem Dezember-Büronachmittag in München beschließt eine beruflich und privat sehr erfolgreiche 30-jährige Frau: „Dies ist meine Zeit. Ohne ein Wenn und tausend Aber. Ich mache eine Weltreise auf dem Motorrad“ (S. 16) – BE THERE OR BE SQUARE!

Es folgen monatelange Vorbereitungen, bis es im April 2016 so weit ist: LEA RIECK auf „CLEO“, der Triumph Tiger Maschine, ruft dem Abenteuer „ICH KOMME“ entgegen.

Die große Freiheit beginnt! Über Österreich und mehrere Balkanländer führt die erste Etappe nach Istanbul, wo die Autorin Zeugin des gerade ausbrechenden Militärputsches wird. Über die Türkei, Rußland, Tadschikistan, Kirgistan, China, Pakistan, Indien, Nepal, Myanmar, Thailand geht es nach Australien und Tasmanien. Es folgen Argentinien, Feuerland, Patagonien, Chile, Peru, Panama, USA, Kanada, Marokko, Westsahara und Europa: 90.000 Kilometer in 516 Tagen auf dem Motorrad!

In 8 Haupt- und zahlreichen Unterkapiteln erzählt Lea Rieck die Geschichte von „Eine Frau/Eine Welt/Eine Reise“. Mit literarisch bunten Bildern in stimmungsvollen Nuancen, mit einfühlsamen Beschreibungen, treffenden Metaphern, mit Lebensfreude, Liebes- und Leiderfahrungen.

Der Leser/die Leserin begleitet die Autorin zu Orten herausragender Schönheit, reist mit durch großartige Landschaften („man spürt das Leuchten der Sonne, das Vibrieren der Maschine“), kämpft sich über waghalsige Strassen und gefährliche Pässe mit hoch in schneebedeckte Gebirge, fühlt mit die Einsamkeit endlos scheinender Wüsten und die Strapazen auf langen öden Strassen im Nirgendwo.

Neben der Beschreibung von unglaublich Schönem und Erhabenem werden auch Plätze abgrundtiefer Häßlichkeit, brutalster Gemeinheit (z.B. das Rotlichtviertel in Bangkok) nicht ausgeblendet und unangenehme Erfahrungen, persönliche Krisen, Zweifel und Mutlosigkeit nicht verschwiegen.

Lea Riecks Buch berichtet von Kameradschaft und gegenseitiger Hilfe, von wunderbaren Begegnungen mit Einheimischen und deren, trotz Armut, fast unglaublicher Großzügigkeit, von gemeinsamen Fahrten mit anderen Motorradreisenden, die zu tiefen Freundschaften und Liebe führen. Auch komische Situationen kommen nicht zu kurz; in Nepal z.B. verfängt sich Leas Kleid im Hinterrad des Motorrades und sie sitzt plötzlich, von umherstehenden Straßenarbeitern höchst erstaunt betrachtet, nackt auf der Maschine.

Als junge Frau auf einem Motorrad, allein rund um die Welt, erlebt sie nicht nur schöne und erfreuliche Dinge; oftmals gilt es auch, dramatische Vorkommnisse zu bewältigen und kritische Perioden durchzustehen: z.B. einen Sturz mit Gehirnerschütterung, Lebensmittelvergiftung, Durchfallerkrankungen, eine gefährliche Augenverbrennung. Die Autorin berichtet dabei von schweren Stunden tiefster Niedergeschlagenheit, von Depressionen und Tränenausbrüchen; die Offenheit ihrer Erzählungen berührt den Leser und zieht ihn mitten ins Geschehen.

Lea Rieck versteht es, einfühlsam zu erzählen und Spannung aufzubauen; immer wieder stellt sie kritische Fragen an die Welt, an sich selbst und indirekt auch an ihre Leser, die zum Nachdenken anregen und nicht leicht zu gebende Antworten suchen. Einschübe mit Reflexionen zur eigenen Jugend als Leistungsschwimmerin in München sowie Gedanken zum liebevollen Aufwachsen in ihrer Familie, zum Werdegang der Eltern, zu Prägungserfahrungen durch den 8 Jahre älteren Bruder, erleichtern das Verständnis ihrer Intentionen und Herangehensweisen.

Die Inhaltsfülle des Buches lässt sich in gebotener Kürze nicht abbilden, einige Zitate der Autorin verdeutlichen ihr Denken und Fühlen:

  • Zur oftmals zu hörenden Phrase, Abenteuerreisende suchen sich selbst:
    Man kann auch einfach losziehen um des Losziehens willen und nicht, weil man etwas sucht. So ist es bei mir. Ich reise, weil ich Lust darauf habe. Weil ich mich als Reisende lebendig fühle“ (S. 150/151).
  • Zu allgegenwärtigen Werbeaufschriften:
    …„(so) kommt mir die Welt gleich weniger abenteuerlich vor: Überall wo ich hinfahre, war Coca-Cola schon lange“ (S. 170).
  • In einem Luxushotel in Bangkok:
    „Nicht Bangkok berührt mich, verändert mich und macht mich glücklich, sondern der Weg hierhin“.

    Luxus ist, „dass ich Zeit habe, die ich mit den Dingen füllen kann, die ich möchte. Dass ich einen Pass besitze, mit dem ich fast in jedes Land reisen kann. Dass ich leben kann, wo ich will und wie ich will. Und lieben kann, wen ich will“ (S. 177).

  • Unter einem Foto, auf dem das Motorrad im Schlamm liegt und viele Menschen sie umringen:
    „Platte Reifen, Stürze im Schlamm, zerrissene Kleider und andere Mißgeschicke – je schlechter die Straßen und je größer mein Pech, desto freundlicher die Menschen in Indien und Nepal (S. 192).
  • Nach der Begegnung mit einem kleinen Mädchen in Panama, das zur Retterin aus einer gefährlichen Situation (Überfall) wurde:
    „Ich habe erst auf dieser Reise zu verstehen begonnen, was es wirklich bedeutet, den Ernst des Lebens kennenzulernen – und wie glücklich wir uns schätzen können, wenn wir ihm nie begegnen müssen“.
  • Auf die Feststellung eines Bekannten „…du bist jetzt sicher eine andere als vorher“:
    „Bin ich das? Ich habe Freundschaften geschlossen mit Menschen, die eine gemeinsame Sprache sprechen – und zum ersten Mal auch mit Menschen, die das nicht taten. Ich bin gestürzt, habe mich verletzt, bin wieder aufgestanden. Ich habe gezweifelt, vertraut, gelernt. Ich habe geliebt, geweint, alles Glück der Erde gesehen und ihr Leid. Ich bin krank gewesen, aber die meiste Zeit gesund. Ich habe mir helfen lassen und mir selbst geholfen. Ich bin älter geworden, habe Falten vom Wind und der Sonne… Mein Herz ist jünger, verspielter, leichter geworden. Ich bin lebendig“ (S. 358).

    „Ich bin noch dieselbe, aber mein Blick hat sich geändert. Das Fremde ist zum Vertrauten geworden – und auf das Vertraute habe ich einen neuen Blick gewonnen“ (S. 359).

Sag dem Abenteuer, ich komme“ ist ein Buch, das alle Kriterien des Genres „Abenteuerliteratur“ in höchstem Maße erfüllt und darüber hinaus wache Blicke nach außen, kritische Innenschau und kluge Lebensbilanz bietet. Obwohl die Autorin die Platitüde einer „Reise zu sich selbst“ ablehnt, gewinnt man als Leser den Eindruck, dass auch solche Erfahrungen gewonnen wurden. Texte voll Heiterkeit, Empathie und Poesie, zeitweise auch voll Melancholie und Trauer, beschreiben Situationen des Loslassens und Wiederfindens – als Ergebnis eines großen Abenteuers, das das eigene Leben prägt und fremdes besser verstehen läßt. Zahlreiche aussagekräftige Fotos erweitern die Freude am Lesen!

 

 Lea Rieck: Sag dem Abenteuer, ich komme

© Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2019, ISBN 978-3-462-05224-4, 374 Seiten.

 

Gerfried Pongratz 3/2019

 




Ben Rhodes: „IM WEISSEN HAUS – Die Jahre mit Barack Obama“


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Rezension von Gerfried Pongratz:

Im Mai 2007 erreicht den 29jährigen schreib- und redebegabten „Master of Creative Writing“ Ben Rhodes das Angebot, in Barack Obamas Wahlkampfteam als Redenschreiber anzuheuern. Und damit beginnt für den ambitionierten jungen Mann ein intellektuelles und persönliches Abenteuer, das ihn ins Zentrum der US-Macht katapultiert, in komplexe politische Vorgänge und schwierigste Entscheidungsfindungen einbindet und ihm später als Sicherheitsberater sowie engem Mitarbeiter und Vertrauten von Barack Obama hohe Verantwortung überträgt.

Kaum ein anderer kann die Welt so sehr mit meinen Augen sehen wie Ben…“ (Barack Obama).

Acht Jahre sah und erlebte Ben Rhodes in Spitzenpositionen hautnah mit, wie nationale und internationale US-Politik funktioniert und was in Obamas Präsidentschaft gut gelang, oder katastrophal misslang. Das Buch bietet tiefe Einblicke in die administrativen Vorgänge hinter den Kulissen und in die Abläufe politischer und wirtschaftlicher Prozesse der Regierungsarbeit; es vermittelt Insider-Hintergrundwissen und verdeutlicht dabei auch die Grenzen der Machbarkeit im politischen Geschehen.

Ein Buch, das anregt, aufregt und gleichzeitig deprimiert. Es beschreibt, wie ein hochintelligenter, charismatischer junger Präsident, auf dem die Hoffnungen der Welt ruhen, aus „Sachzwängen“ sein Ziel, eine gerechtere, friedvollere Welt zu ermöglichen, immer mehr aus den Augen verliert. Den Großteil seiner Zeit muss er damit verbringen, unzählige Blockaden und Hindernisse zu überwinden, täglich neu auftretende politische und/oder wirtschaftliche Krisen zu meistern und dabei Entscheidungen treffen, die seiner politischen Agenda entgegenstehen und seinem Naturell widerstreben. Die Notwendigkeit, verschiedenste gleichzeitig ablaufende Vorgänge im Auge zu behalten, dazu auch immer wieder auftauchende Absurditäten des politischen Alltags zu bewältigen und die häufige Erfordernis, Maßnahmen mit oftmals dramatischen Auswirkungen kurzfristig in die Wege zu leiten, führen zu ungeheurem Druck, der ständig auf dem Präsidenten und seinen engsten Mitarbeitern lastet – Ben Rhodes Bericht lässt ihn einfühlsam erahnen.

Barack Obamas Präsidentschaft war von Anfang an damit belastet, bzw. beschäftigt, den innen- und außenpolitischen Scherbenhaufen seines Vorgängers George W. Bush aufzuräumen, auf „ererbte“ Krisen und Fehlentwicklungen (Irak, Afghanistan, al-Qaida, IS etc.) angemessen zu reagieren und gleichzeitig auch die 2008 ausgebrochene globale Wirtschaftskrise zu bewältigen. Das Buch bietet ein buntes Kaleidoskop aller bedeutsamen Vorgänge in Obamas Regierungszeit. Es gliedert sich in vier große Teile, die markante Abschnitte der beiden Amtsperioden Obamas beschreiben und dabei auch die zahlreichen Widersprüchlichkeiten, Fehlentscheidungen, Versäumnisse und Fehlschläge nicht ausklammern. Oft ging es nur darum, Fehlentwicklungen zu beenden, Schäden zu begrenzen, wobei von Obama geplante, großangelegte Reformen von der Opposition und diversen Medien mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln (Intrige, Häme, Verleumdung, Unwahrheiten) wütend bekämpft, bzw. – siehe Gesundheitsreform – behindert wurden.

Zusätzlich zum politischen Geschehen vermittelt das Buch gute Einblicke in die Werkstatt von Redenschreibern, speziell in die Arbeit von Ben Rhodes. Große, wichtige Reden werden über Monate vorbereitet und erfordern ausgedehnte Recherchen sowie komplizierte Feinabstimmungen mit verschiedenen politischen Institutionen und politischen Akteuren; jedes Wort muss auf implizite Inhalte und mögliche Fehlinterpretationen geprüft werden. Ben Rhodes verfasste nahezu alle großen Reden Obamas; sie wurden im Ausland überwiegend positiv bis begeistert aufgenommen, zu Hause aber scharf kritisiert und negativ bewertet. Obamas Regierungszeit war davon gekennzeichnet, dass ihm von Anfang an eine gnadenlose, extrem gehässige Opposition gegenüberstand, die auch nicht davor zurückschreckte, ihn mit Hilfe feindlich gesinnter Massenmedien (z.B. Fox News) persönlich zu diffamieren, zu verleumden („er ist kein Amerikaner“) und als entscheidungsunfähig darzustellen. Gleichzeitig unternahm sie alles erdenkbar Mögliche, seine Pläne und Vorhaben mit populistischer Propaganda zu verunglimpfen und mittels juristischer und politischer Blockaden zu verhindern, bzw. zu verzögern.

Ben Rhodes, der darunter litt, Monate fern seiner Familie leben und ständig – rund um die Uhr – erreichbar sein zu müssen, wurde nach und nach ebenfalls zur Zielscheibe oppositioneller Angriffe und bösartiger Unterstellungen. Als „Obamas Schmierfink“ und „Lügenverbreiter“ wurde er in Hasskampagnen attackiert und in absurde Verschwörungstheorien mit einbezogen, was den Verlust von Lebensfreude zur Folge hatte und negative persönliche Veränderungen auslöste („Ich zog mich in mich selbst zurück, entfernte mich von Freunden und Kollegen… konnte nicht einschlafen… trug tiefen Groll mit mir herum…“ S. 334). Er dachte mehrmals daran, den Job zu quittieren; nur das Vertrauen Obamas („Sie sind nicht nur ein Berater, Sie sind ein Freund“ S. 273) und die stark empfundene Verpflichtung, ihm, und damit auch dem Land zu dienen, ließen ihn ausharren und selbstausbeuterisch weiterarbeiten.

Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem sprengen, auch nur ansatzweise alle im Buch beschriebenen Vorgänge in und um Obamas Regierungszeit darzustellen. Der auf Obama ständig ausgeübte Druck von Partnern und Verbündeten, in diverse Krisen militärisch einzugreifen und die von ihm selbst gefühlte Verpflichtung, kriegerischen Entwicklungen, bis hin zur Verhinderung von Genoziden, militärisch zu begegnen, bestimmten seine außenpolitische Agenda. Die dabei erlittenen Niederlagen sowie auch die zahlreichen vergeblichen Versuche, Eskalationen (z.B. in Syrien) zu befrieden und militärische Einsätze zu vermeiden, bzw. zu beenden, führten zu großen persönlichen Enttäuschungen (und negativen Reaktionen der Bevölkerung), die seine Amtszeit mehr und mehr überschatteten (und ihn einsam werden ließen) – von vielen politischen Beobachtern, in vielen Kommentaren und Beurteilungen, wird die Regierungszeit Obamas, gemessen an seinen Ankündigungen und Vorhaben, zwiespältig bis negativ gesehen. (Anmerkung des Rezensenten: Im Hinblick auf das Agieren seines Nachfolgers könnte er aber als „Lichtgestalt“ gelten).

Das Buch liest sich flüssig, auch unterhaltsam. Die Beschreibung bedeutsamer Begebenheiten und dramatischer Vorfälle, aber auch von kritischen Reflexionen zur eigenen Rolle im oft desillusionierenden Geschehen besitzt literarisches Niveau. Leider verliert sich der Text manchmal in Details und Nebenschauplätze, eine deutliche Kürzung und Beschränkung auf die allerwichtigsten Ereignisse und Akteure hätte ihm gut getan. Trotz dieses Vorbehalts bietet das Buch zeitgeschichtlich und politikwissenschaftlich Interessierten sehr informative Lektüre mit einer großen Fülle an Einsichten, Hintergrundinformationen und einem – aus „Obama naher“ Sicht – spannenden Blick auf die Welt.

 

Ben Rhodes: „IM WEISSEN HAUS – Die Jahre mit Barack Obama“

© Verlag C.H.Beck, München, 2019, ISBN 978-3-406-73507-3, 576 Seiten.

 

Dr. Gerfried Pongratz 2/2019




Die drei Betrüger - Roman von Ursula Janßen


Die drei BetrügerKurzbesprechung:
 
Der historische Roman „Die drei Betrüger“ von Ursula Janßen handelt von der Geschichte des atheistischen „Traktats von den drei Betrügern“. Viel wurde über dieses legendäre Werk spekuliert; seit dem 13. Jahrhundert suchten Gelehrte in ganz Europa danach. Es gab kaum einen Freidenker des Mittelalters oder der Renaissance, dem die Autorenschaft nicht zugeschrieben wurde. Über den Inhalt war nur soviel bekannt, dass es die drei Begründer der monotheistischen Religionen – Moses, Jesus und Mohammed – als Betrüger bezeichnete. 
Der Roman ist auf zwei Ebenen angelegt: Die Rahmenhandlung spielt im Hamburg des späten 17. Jahrhunderts und spiegelt den Konflikt zwischen radikalem Beharren am vermeintlich Alten und der Frühaufklärung wider.
 
Die Haupthandlung findet etwa vierzig Jahre zuvor statt und handelt von der Suche nach dem legendären Manuskript, die den den jungen Gelehrten Hieronymus Bender am Ende des Dreißigjährigen Kriegs quer durch Europa führt. Bender, der seine Bildung selber dem Jesuitenorden verdankt, kommt im Laufe seiner Forschungsreise vermehrt mit religionskritischen Schriften und Gedanken in Kontakt, gleichzeitig erfährt er die Auswirkungen des Dreißigjährigen Kriegs am eigenen Leibe und zweifelt immer mehr an dem, was er bisher als selbstverständlich angesehen hatte. Er trifft auf eine Anzahl berühmter Persönlichkeiten seiner Zeit, die alle ebenfalls ein Interesse an dem Buch zu haben scheinen und von denen einige offenbar nicht vor Raub und Plünderung zurückschrecken, um an das geheimnisvolle Buch zu gelangen. Schließlich laufen alle Fäden in Rom zusammen, das von Korruption und Machtspielen zerrissen wird.
 
 
"Die drei Betrüger“ ist ein spannender und solide recherchierter Roman voller authentischer Fakten und ein Kuriositätenkabinett illustrer historischer Persönlichkeiten. 
 
 
„Die drei Betrüger" hat 245 Seiten und ist als Taschenbuch oder EBook erhältlich.



Josef Schiller: Deutschböhmischer Arbeiter und Freidenker


Schiller SeffWeimar. (fgw) Der humanistische Freidenker und Verleger Heiner Jestrabek hat erneut eine leider zu Unrecht vergessene Persönlichkeit wiederentdeckt und stellt diese – es handelt sich um den deutschböhmischen proletarischen Freigeist, Dichter und Aktiven der jungen Sozialdemokratie Österreichs Josef Schiller – in einer bemerkenswerten Publikation vor.

Josef Schiller, genannt Schiller Seff, wurde am 29. Juni 1846 in Reichenberg/Liberec als Sohn armer Weber geboren und starb in der Emigration am 17. August 1897 in den USA – im Städtchen Germany (!), Pennsylvania.

Bereits als Kind mußte er nach dem frühen Tod des Vaters seinen Lebensunterhalt selbst als Fabrikarbeiter verdienen. Schiller, der erst im Alter von zwölf Jahren Lesen und Schreiben lernte, begann aber bereits mit 18 zu dichten. Und – früh politisch engagiert – wurde er bald zum beliebtesten Redner von Arbeiterversammlungen in Reichenberg und Umgebung. 1868/69 wurde Schiller Anhänger der ersten sozialdemokratischen Organisationen in Böhmen und trug hier eigene Gedichte vor. Fortan engagierte er sich neben seinem Broterwerb bzw. in Zeiten der Arbeitslosigkeit als politischer Agitator, Organisator und Journalist.

Diese künstlerische und politische Entwicklung beschreibt Jestrabek in der Einleitung der Schiller würdigenden Publikation sehr anschaulich. Man staunt noch heute, welche Talente in diesem Arbeiterjungen gesteckt haben müssen. Jestrabek hebt zusammenfassend u.a. dies hervor:

„Er wurde [ab 1879/80; SRK] zum populärsten Arbeiterdichter seiner Zeit, geriet aber zunehmend in Widerspruch zur Parteibürokratie und ständige Querelen mit der Parteiführung blieben nicht aus. In dieser Zeit gab er auch seinen ersten Gedichtband im Selbstverlag heraus." (S. 8 )

 „Im Jahr 1890 erfolgte die Gründung des „Freigeist", dem Organ der nordböhmischen Arbeiterbewegung. Dieses Blatt wurde u.a. von Schiller herausgegeben. (…) 1896, nach einem offenen Konflikt mit der Parteiführung, blieb dem mittellosen Schiller nur noch die Möglichkeit der Auswanderung in die USA und der Versuch, dort eine neue Existenz aufzubauen. (…)

 

Josef Schiller gestaltete seine Dichtung ohne sich auf fundierte Bildung stützen zu können und nach langer kräftezehrender harter körperlicher Arbeit und langen Arbeitstagen. Sein Publikum, das einfache Volk dieser Zeit, war ebenfalls schlecht ernährt und gebildet, früh gewohnt an harte körperliche Arbeit und lange Arbeitstage, ohne hohe Lebenserwartung und Reizüberflutung.

Seine äußerst populären Gedichte waren aufrüttelnd-kämpferisch, mit kraftvoller Sprache und teilweise mit balladenhaften Zügen. Sie schilderten das Elend des Arbeiterlebens in realistischen Bildern.

Schwermütige Gedichte voll Todessehnsucht wechselten ab mit kräftig derbem Humor. Schiller trug seine Dichtungen selbst vor und bereiste damit die deutschsprachigen Gebiete Böhmens. (…)

Als Sozialist war Schiller wahrhaft libertär und blieb immer der radikale ehrliche Proletarier. Kein Funktionärsposten oder Parlamentssitz konnte ihn korrumpieren. Diese Parteibürokraten, die nicht mehr „für die Bewegung", sondern „von der Bewegung" lebten, waren für ihn ein rotes Tuch.

Er geißelte sie schonungslos schon in seinen politischen Polemiken in „Der Radikale", aber noch wirkungsvoller in seinen Satiren." (S. 8-11)

Für Jestrabek ist aber auch diese Seite Schillers von besonderer Bedeutung:

Die frühe sozialistische Arbeiterbewegung war noch selbstverständlich verbunden mit der Freidenkerbewegung und der Religions- und Kirchenkritik: „Als Freidenker kämpfte er mit seinen philosophischen Gedichten und seinen Satiren gegen den volksverdummenden Klerus." (S. 11)

Das zeigt sich vor allem in den Gedichten „Der Konfessionslose" (1870), „Die Buße" (1872), „Die Christnacht", „Der Geist der Geschichte" und „Der Kampf der Wahrheit mit Lüge und Unverstand" (alle 1880) sowie „Weihnachtsabend" (1873) wie auch im Festspiel „Selbstbefreiung" (ebenfalls 1883).

Jestrabek stellt diese Gedichte, dazu etliche Gedichte über das harte Arbeiterleben, aber auch autobiographische Texte und politische Zeitungsartikel im Wortlaut vor. Und damit erleben Schillers Werke nach genau 80 Jahren eine Neuauflage.

Zum besseren Verständnis Schillers wie auch der seinerzeitigen Verhältnisse in der Monarchie Österreich-Ungarn, insbesondere im tschechischen Landesteil (Böhmen), hat Jestrabek noch ein ausführliches Nachwort „Zum deutsch-tschechischen Verhältnis" verfaßt. Böhmen und die 1918 gegründete Tschechoslowakische Republik (CSR) waren Vielvölkerstaaten. Bis zum Ende des II. Weltkrieges lebten dort auch etwa drei Millionen Deutsche.

Der Autor beleuchtet die verschiedenen Aspekte des nicht immer friedlichen Zusammenlebens: tschechischer Nationalismus, deutsch-nationaler („sudetendeutscher") Chauvinismus, klerikale Destabilisierungspolitik (insbesondere in der Slowakei), Münchner Diktat, deutsche Okkupation, antifaschistischer Widerstandskampf, die von den Alliierten beschlossene Aussiedlung der Deutschen nach 1945, die aber zu oft in wilde, inhumane Vertreibungen ausartete, bis heute lebender sudetendeutscher Vetriebenen-Revanchismus, aber auch die deutsch-tschechische Aussöhnung.

Für die sogenannte Zwischenkriegszeit führt Jestrabek hierzulande wenig Bekanntes an, das aber für heutige religionsfreie Menschen durchaus von großem Interesse sein dürfte:

Er beginnt diesen Abschnitt mit der Wiedergabe der „Unabhängigkeitserklärung des tschechoslowakischen Volkes" vom 18. Oktober 1918, in der es bereits ganz weit vorne heißt: „Die Kirche wird vom Staate getrennt werden." Im weiteren führt er dazu in der vorliegenden Publikation im Abschnitt „Freidenkerbewegung" aus:

 „…erlebte die Freidenkerbewegung in der Tschechoslowakischen Republik einen ungeheuren Aufschwung. In den Jahren der ersten Republik 1918-1938 traten fast 1,5 Millionen Katholiken aus der Kirche aus, darunter jeder zweite tschechische Lehrer.

Schon in Zeiten der Donaumonarchie hatte seit 1887 ein Verein der Konfessionslosen bestanden, der seit 1899 das Blatt „Der Freidenker" herausgab. In Nordböhmen unterstützten Sozialdemokraten wie Ferdinand Schwarz und Josef Schiller eifrig das Freidenkertum. 1893 gründete sich in Reichenberg ein Verein der Freidenker mit dem Obmann Josef Beranek, der die Monatsschrift „Zeitschwingen" herausgab.

1906 gründete sich in Gablonz/Jablonec ein Freidenkerbund für Böhmen. Julius Reckziegel und Emil Schöler, bekannte Männer der Arbeiterbewegung, waren die Initiatoren. Im Jahr 1914 waren es die Freidenker in Böhmen, die kompromisslos gegen den imperialistischen Krieg auftraten und deshalb von den k.u.k.-Behörden verboten wurden.

In der neu entstandenen CSR wurde wiederum 1919 in Gablonz/Jablonec die Gründung des Freidenkerbundes für die Tschechoslowakische Republik und die Herausgabe des Organs „Freier Gedanke" beschlossen. Prag wurde zum Sitz des Bundes und Prof. Ludwig Wahrmund (1860-1932) zum ersten Obmann gewählt.

Durch starken Einfluss der sozialistischen Arbeiterbewegung entstand 1923 der Bund proletarischer Freidenker und der Anstoß zur Gründung der Internationale proletarischer Freidenker in Teplitz/Teplice zu Pfingsten 1925, deren erster Vorsitzender Prof. Theodor Hartwig (1872-1954) aus Brno wurde. Im tschechischsprachigen Teil der CSR bestand der mitgliederstarke Verband der Konfessionslosen/Svaz proletarskych bezvercu." (S. 160-61)

Heiner Jestrabeks Fazit lautet:

 „Die Turbulenzen im Verhältnis unserer Nachbarvölker und die Katastrophen, verursacht aus blindem Nationalismus, lassen nur die Lehre zu: Es darf nie wieder Nationalismus, Rassismus, Faschismus und Krieg geben. Gewaltverzicht, Absage an Revanchismus, dafür Völkerverständigung und friedliches Zusammenleben muss das Ziel aller sein. Gerade die böhmischen Literaten gaben hierfür ein gutes Beispiel der gegenseitigen Befruchtung. Die Politik hat für die Rahmenbedingungen zu sorgen: Soziale Gerechtigkeit und Laizismus sind unabdingbar." (S. 167-168)

 

Siegfried R. Krebs

Heiner Jestrabek (Hrsg.): Schiller Seff. Gedichte und Texte von Josef Schiller, nordböhmischer Arbeiterdichter, Freidenker und libertärer Sozialist. Mit einem Nachwort „Zum deutsch-tschechischen Verhältnis". 174 S. mit Abb. Klappenbroschur. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2018. 14,00 Euro. ISBN 978-3-922589-70-9

Bestellungen können direkt beim Verlag per eMail ed.spinoza(at)-online.de erfolgen.

25.12.2018
Von: Siegfried R. Krebs

http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/josef-schiller-deutschboehmischer-arbeiter-und-freidenker/




Warum ein Atheist den Bau einer Kirche aus Holz verfügte –Rezension von Siegfried R. Krebs


Nördlich desWEIMAR. (fgw) Arto Paasilinna (geb. 1942) gilt in seiner finnischen Heimat als Kultautor. Dem Rezensenten sagte dieser Name aber bis zum Jahreswechsel 2018/2019 nichts. Nur durch Zufall stieß er da auf seinen Roman „Nördlich des Weltuntergangs“.

Dieser Roman wurde bereits im Jahre 1992 geschrieben und erstmals 2003 ins Deutsche übersetzt. Und das ist durchaus bemerkenswert, denn in Paasilinnas Buch spielen eine globale Finanzkrise sowie eine millionenfache Flüchtlingswelle nach Mittel- und Nordeuropa eine nicht unwesentliche Rolle. Fast könnte man meinen, der Autor sei ein Hellseher, hat er doch – wenngleich mit anderen Fakten – Ereignisse zwischen 2007/2008 und 2015 bis heute „vorhergesagt".

Doch nicht um diese Thematik soll es hier gehen. Nein, hat doch Paasilinna seinem in jeder Hinsicht lesenswerten Roman vielmehr ein ganz anderes Thema zugrunde gelegt! Nur darauf soll im weiteren eingegangen werden, handelt es sich dabei um ein gar köstliches Beispiel von Kirchen- und Religionskritik voller eigenwilliger, skurriler Witzigkeit.

Und das alles beginnt anno 1991 so: Ein gewisser Asser Toropainen, der mit seinen 89 Jahren als „der alte Kirchenbrandstifter", Atheist und „eingefleischter Kommunist" vorgestellt wird, liegt im Sterben. Seine weibliche Verwandtschaft im lutherisch geprägten Finnland möchte, daß er des Seelenheils willen vor dem Ableben noch einem Geistlichen seine Sünden bekennt… Aber der alte Mann fügt sich nicht und erweist sich selbst in seinen letzten Lebenstagen als wahres Schlitzohr:

„'Kommt mir bloß nicht mit einem salbadernden Priester…, aber schafft einen Notar her. Das Testament muß ins Reine gebracht werden.' Der Notar wurde geholt, das Testament auf den letzten Stand gebracht und gleichzeitig die Asser-Toropainen-Kirchenstiftung gegründet." (S. 8 )

Diese Passage sorgt zunächst für Verblüffung beim Leser. Denn ist es nicht paradox, daß ausgerechnet ein Atheist und Kommunist zum Gründer einer Kirchenstiftung wird? Und es kommt noch paradoxer, denn besagter Toropainen ist überdies sogar Millionär mit hohem Bankkonto und relativ großem Grundbesitz… Doch gemach, der alte Mann wußte, was er tat… Es stellt sich schon bald heraus, daß er klaren Verstandes bis zuletzt auch ein strategischer Denker ist.

Im Text geht es so weiter:

„Der Karfreitag brach an. (…) Im Radio wurde der Gottesdienst übertragen. Der Priester fand harte Worte für den gewaltsamen Tod Jesu vor zweitausend Jahren, sodaß der Eindruck entstand, die Finnen wären schuld an der besagten Gräueltat. Asser befahl den Frauen, das Radio auszuschalten. (…) Gegen Mittag trat sein höchst lebendiger Enkel Eemeli Toropainen in die Stube, ein kräftiger Mann von 45 Jahren, ehemals Direktor der Nordischen Holz-Haus AG." (S. 9)

Man erfährt, daß dieses mittelgroße Unternehmen wegen der Rezession in Konkurs gegangen war und daß sämtliche Angestellten nun arbeitslos seien. Eemelis erste Worte an den Großvater sorgten sich aber nicht um dessen körperliches Befinden, sondern um dessen geistiges befinden:

„'Der Notar erzählte, daß du eine kirchliche Stiftung gegründet hast. Bist du auf einmal fromm geworden, oder was ist passiert?', fragte Eemeli.

(…Asser gibt nun seinem Enkel die notariell beglaubigten Papiere zu lesen…)

Es handelte sich um die ordnungsgemäß aufgesetzte Gründungsurkunde einer Stiftung und ein Testament, in dem der Stiftung 800 Hektar Forst-Land und gut zwei Millionen Finnmark Vermögen vermacht wurden sowie Wertpapiere von etwa einer Million. (…) Aus der Zweckbestimmung der Stiftung ging hervor, daß diese die Aufgabe hatte, mindestens eine (1) Holzkirche zu erbauen und zu unterhalten." (S. 10)

Und daß Asser seinen Enkel als Stiftungsvorsitzenden und Testamentsvollstrecker eingesetzt habe. Eemeli kam ins Grübeln:

„Die angebotene Aufgabe reizte ihn, gar keine Frage. Aber was steckte dahinter? War der Alte senil, der frühere Kirchenfeind fromm gworden? (…) Der Großvater wurde ein wenig verlegen. Noch nie hatte jemand an seinem Verstand gezweifelt. (…) Er glaube zwar nicht an Gott und Jesus Christus, aber irgendwie scheine es ihm angemessen, eine Kirche errichten zu lassen. Aus reinem Jux habe er sich die Sache ausgedacht.

'Sozusagen zur Erinnerung. Und du als Fachmann für Holz und Balken kriegst zur Abwechslung mal wieder Arbeit.'

Asser führte weiter aus, daß seines Wissens für ein derartiges Bauvorhaben keine allgemeine oder offizielle Begründung notwendig sei. (…) Wenn er im Dorf eine Furnierholzfabrik errichten ließe, würde sie vermutlich bald nach seinem Tod Pleite machen. Was hätte das für eine Zweck? 'Eine Kirche aber macht nicht Pleite!' – 'Aber wenn jemand kommt und deine Kirche in Brand steckt?' – 'Dann kannst du nichts machen. Du kassierst die Versicherungssumme und baust eine neue.' (…)

Der Großvater verwies auf die Gründungsurkunde der Stiftung. (…) Eine Kirchgemeinde zu gründen, war nicht unbedingt erforderlich. Was den Pastor anging, war überhaupt nichts erwähnt. Der bloße Kirchenbau genügte." (S. 11-13)

Kurz nach diesem Gespräch verstirbt der alte Asser und Eemeli macht sich an die Arbeit, des Großvaters Vermächtnis mit Leben zu erfüllen. Auf dem ererbten Grundstück wird eine Holzkirche nach Eemelis Entwürfen errichtet und seine früheren Mitarbeiter haben damit ebenfalls für längere Zeit Arbeit und Einkommen.

Während des Baugeschehens kommt es immer wieder zu Begegnungen der besonderen Art, sind doch die etablierten lutherischen Bischöfe und Pastoren keinesfalls erfreut über diesen ketzerischen Kirchenbau. Ihnen wäre es lieber, Assers großer Nachlaß käme in ihre Verfügungsgewalt. Zumal sie ja viel besser wüßten, wie man die Gelder „anlegen" könnte… Der Klerus arbeitet ab nun mit allen Tricks gegen das Stiftungsprojekt und schaltet dabei staatliche Behörden, wie Bauausschüsse, das Finanzamt und die Polizei, ein.

Mit dem Projekt können sich aber dagegen die Grünen (Vegetarier und Veganer) anfreunden, die sich auf Stiftungsgrundstücken niederlassen und dort schließlich auch bleiben dürfen. Sie bekommen aber – als weltfremde Sektierer anderer Art – vom Autor dankenswerterweise ebenso ihr Fett weg wie die Priesterkaste. Es sind auch gerade die diesbezüglichen Passagen, die nicht nur zum Schmunzeln, sondern mehr noch zum Nachdenken anregen.

Die Handlung des Romans zieht sich im folgenden über einen Zeitraum von mehr als einem Vierteljahrhundert hin. Erfolge und Widrigkeiten paaren sich steter Regelmäßigkeit. Bis hin zur Groteske, wollen doch nicht nur die Amtskirche, sondern dazu diverse Sekten und sogar US-amerikanische Heuschreckenfonds/Organhändler das Projekt kapern und für ihre Zwecke umfunktionieren. Solche Angriffe von außen können aber abgewehrt werde, auch wenn diese Typen Eemeli für einige Jahre in ein dänisches Geefängnis stecken können. In Finnland selbst müssen und können sich aber aufgrund globaler Ereignisse alle Seiten irgendwie miteinander arrangieren und ein mehr oder weniger autarkes sselbstbestimmtes „Paradies" aufbauen, das sogar dem Weltuntergang zu widerstehen vermag…

Paasilinnas Roman liest sich von der ersten bis zur letzten Seite nicht nur spannend und zugleich amüsant. Eingebettet in das große Ganze sind gekonnt auch diverse Einzelschicksale. Humor und Satire, dazu Groteskes und Absurdes sowie Gesellschaftskritik, einschließlich der Kirchenkritik, sind hier eine gute Liaison eingegangen.

Siegfried R. Krebs

Arto Paasilinna: Nördlich des Weltuntergangs. Roman. A.d.Finn.v. Regine Pirschel. 318 S. Taschenbuch. BLT u. editionLübbe. Bergisch Gladbach 2005. 7,95 Euro. ISBN 978-3-404-92192-5

Rezension erschien hier am 16. Februar 2019: http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/warum-ein-atheist-den-bau-einer-kirche-aus-holz-verfuegte/

 




„Hawking in der Nussschale“ von Florian Freistetter. Rezension von Gerfried Pongratz


51QIcDIYcwL._SX328_BO1,204,203,200_Dr. Gerfried Pongratz rezensiert ein Buch, das der Wissenschaftsblogger und Astronom Florian Freistetter über den Physiker Stephen Hawkings geschrieben hat. Freistetters Untertitel kommt aus dem Englischen "in a nutshell": "Kosmos in der Nussschale."

Der Verlag begründet die nutshell: Leichtfüßig, auf das Wesentliche reduziert und unterhaltsam macht uns Freistetter ein kompliziertes theoretisches Werk zugängig. Ein Buch, mit dem Sie tief in das gedankliche Universum des berühmten Physikers eintauchen – ohne den Verstand zu verlieren. Gerfried Pongratz 9/2018:

 

„Hawking in der Nussschale“

Kleines Büchlein, aber beileibe kein Leichtgewicht! Der weitum bekannte und geschätzte Wissenschaftsblogger, Buchautor und Science Buster Florian Freistetter stellt auf 109 kleinformatigen Seiten wieder einmal unter Beweis, dass er es wie kaum ein Zweiter versteht, auch komplizierte wissenschaftliche Sachverhalte gut zu erklären und einem breiten Publikum interessant nahe zu bringen. Humorvoll, locker führt er in den „Kosmos des großen Physikers“ (Untertitel des Buches) und vermittelt Interessierten zumindest eine Ahnung von den Arbeiten und Erkenntnissen Stephen Hawkings, der am 14. März 2018 verstorben ist.

Das Buch widmet sich fünf großen Themen, die Hawkings wissenschaftliche Bedeutung überwiegend begründen, wobei es dem Autor ein Anliegen ist, nicht nur die Erkenntnisse Hawkings, sondern auch die theoretischen Grundlagen dazu, soweit es verbal-schriftlich bei mathematischen Fragen überhaupt möglich ist, populärwissenschaftlich – z.T. unter Zuhilfenahme von Gedankenexperimenten – knapp und klar zu erläutern:

1. SINGULARITÄT:

Stephen Hawking „konnte zeigen, dass die Singularität am Anfang des Universums keine mathematische Kuriosität der Allgemeinen Relativitätstheorie ist (S. 24), er demonstrierte, dass das Universum mit einer Singularität begonnen haben muss“ (S. 25). Hawking verbrachte einen Großteil seines Arbeitslebens damit, eine Theorie zu finden, die über Einsteins Relativitätstheorie hinausgeht und den Urknall prinzipiell verstehbar werden lässt.

2. GRAVITATIONSWELLEN (sich ausbreitende Krümmungen der Raumzeit, wenn schwarze Löcher kollidieren):

Hawking veröffentlichte das „Area theorem“, das in seiner mathematischen Herleitung beweist, dass der Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs niemals kleiner wird. Zusammen mit John Bardeen und Brandon Carter publizierte er „The four laws of black hole mechanics“, die eine Verbindung zwischen Schwarzen Löchern und Thermodynamik herstellen und bis heute zu den bedeutendsten Beiträgen zur theoretischen Physik gehören.

3. DIE HAWKING-STRAHLUNG (Warum Schwarze Löcher nicht so schwarz sind, wie man dachte):

In einer Arbeit („Particle creation by black holes“) konnte Hawking 1975 unter Zuhilfenahme der Quantenmechanik zeigen, dass Schwarze Löcher im Einklang mit der Thermodynamik „strahlen“. Für Laien nicht leicht verstehbar, erläutert Freistetter die Grundlagen dieser Prozesse, die in die Aussage münden: „Die Hawking-Strahlung ist also quasi das, was das Schwarze Loch aus dem Vakuum gemacht hat, das da war, bevor es entstanden ist“ (S. 53). „Bis allerdings ein typisches Schwarzes Loch verschwunden ist, dauert es knapp 10^68 Jahre“ (S. 57). „Der fehlende experimentelle Nachweis der Hawking-Strahlung ist wahrscheinlich auch der Grund, weswegen Stephen Hawking für seine Arbeiten nie mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurde“ (S. 59).

4. DAS INFORMATIONS-PARADOXON (Hinter dem Ereignishorizont geht’s weiter):

Ein Schwarzes Loch besitzt 3 Eigenschaften – Masse, elektrische Ladung, Drehimpuls -, mehr kann man darüber nicht wissen. Es hat keine „Haare“, man kann einzelne Schwarze Löcher nicht individualisieren (S. 63). Aus komplizierten Überlegungen und Berechnungen kam Hawking allerdings zum Schluss, dass Information in Schwarzen Löchern nicht vollständig zerstört wird (weswegen er eine Wette verlor). „Das Informationsparadoxon gehört zu den faszinierenden offenen Fragen, die Stephen Hawking der Welt hinterlassen hat“ (S. 71). „Wirklich verstehen wir es erst, wenn wir auch eine Theorie haben, die uns sagt, was es tatsächlich mit der Singularität auf sich hat, die sich hinter dem Ereignishorizont befindet“ (S. 72).

5. VOR DEM URKNALL (In den endlosen Weiten der euklidischen Raumzeit):

Das Verständnis zur Entwicklung des Universums beinhaltet noch zahlreiche offene Fragen, wie z.B. zur Existenz der Materie (warum gibt es so viel mehr Materie als Antimaterie), zur kosmischen Inflation, zur Natur der Dunklen Materie und Dunklen Energie und selbstverständlich auch zu „was war vor dem Urknall?“. Um letzterem näher zu kommen, beschritt Hawking gemeinsam mit James Hartle einen Weg, der über „imaginäre Zeit“ zu „euklidischer Raumzeit“ und zur „Keine-Grenzen-Hypothese“ führt, die besagt, dass „das Universum WAR, ohne Zeit, wie wir sie kennen“ (S. 85). „Hawking und Hartle haben sich ein zeitloses Universum ausgedacht, das trotz allem einen Anfang hat“ (S. 86). Am Moment des Urknalls gibt es einen Punkt, an dem die Zeit verschwindet und zu Raum wird. „Wirklich verstehen kann man die Arbeit von Hawking und Hartle nur mathematisch und nicht anschaulich“ (S. 87). „Was bringt das Universum dazu, sich so zu verhalten? Diese Frage (und andere) konnte Hawking nicht beantworten. Aber er hat uns gezeigt, dass wir nicht fassungs- und ideenlos vor den ganz großen Fragen stehen bleiben müssen“ (S. 88).

Im Vorwort des Buches beschreibt Florian Freistetter, wie ihn – sechszehnjährig – die damals noch weitgehend unverstandenen Schriften Hawkings faszinierten und im Epilog wird seine Verehrung für den großen Physiker, Kommunikator und Menschen deutlich:

„Stephen Hawking war ohne Zweifel ein genialer Wissenschaftler… er hat komplett neue und überraschende Dinge über unser Universum herausgefunden, aber nicht (wie Newton und Einstein) die Naturwissenschaft revolutioniert“… „Und er hat es wie kein anderer Wissenschaftler der Gegenwart oder Vergangenheit verstanden, die zutiefst mathematischen und abstrakten Themen seiner Forschung in die Öffentlichkeit zu tragen“ (S. 92).

Vielen Menschen – nicht zuletzt auch dem Rezensenten – ging und geht es im Hinblick auf Hawkings Wirken ähnlich wie Florian Freistetter. Obwohl Hawkings Arbeiten und Erkenntnisse keine unmittelbaren Auswirkungen auf unseren Alltag besitzen, ist neben seiner Bedeutung als Physiker und Kosmologe auch seine Vorbildwirkung für wissenschaftliche Neugier, für den Drang, zu erkennen, „was die Welt im innersten zusammenhält“, kaum überschätzbar (zusätzlich ist er auch Vorbild für menschliche Größe, Beharrlichkeit, mentale Kraft und – nicht zuletzt – für Humor trotz schwerem Schicksal). Das vorliegende kleine Buch bietet – übersichtlich und anspruchsvoll – grundlegende Einblicke in das Werk des großen Wissenschaftlers, es kann uneingeschränkt empfohlen werden (einige der behandelten Themen erforderten für den Rezensenten, zusätzliche Erläuterungen – z.B. via Wikipedia – beizuziehen).

 

Gerfried Pongratz

Florian Freistetter: „Hawking in der Nussschale“ Der Kosmos des großen Physikers, © Carl Hanser Verlag, München, 2018, ISBN 978-3-446-26245-4, 109 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„Seneca und der Tyrann“ von James Romm. Rezension von Gerfried Pongratz


senecetyrannbeckgetimageDer Verlag verspricht Schreckliches: "Mit scharfem Blick für die Windungen der neronischen Tyrannenherrschaft zeichnet Romm das Grauen nach, das …. in Rom um sich greift. Dort sterben nicht nur vermeintliche Konkurrenten – nein, das Blutvergießen Neros gipfelt im Mord an der eigenen Mutter. … Schließlich ist Seneca selbst an der Reihe und muss erkennen, dass sich die süße Milch der Weisheit, mit der er seinen Schüler einst nährte, in das Gift eines Ungeheuers verwandelt hat." Dr. Gerfried Pongratz rezensiert 8/2018 das Buch von James Romm:

„Seneca und der Tyrann

Wie gelingt es, 2.000 Jahre rückblickend eine überaus vielschichtige historische Persönlichkeit anhand von widersprüchlichem Quellenmaterial, das sich vielfach als erratisch und unvollständig erweist, gut zu erfassen und – soweit es überhaupt möglich ist – historisch getreu abzubilden? Der in New York lehrende „Professor for Classics“, James Romm, wählte dazu den Weg, die noch vorhandenen Schriften des Lucius Annaeus Seneca (etwa 1 – 65 n.Chr.) mit zeitgenössischen und posthumen Berichten zu seiner Person zur Deckung zu bringen. Die Ausgangslage bestand darin, dass Seneca einerseits sehr positiv als Denker, Dichter, Moralist und Erzieher sowie Berater des Kaisers Nero – und dazu auch als Mensch mit höchsten ethischen Werten und Idealen – beschrieben wird, andererseits aber auch von Zeitgenossen als schlauer Manipulant, der sich maßlos bereicherte und an finsteren Verbrechen des Palastes teilhatte, wahrgenommen wurde. Herausgekommen ist dabei ein sehr detailreiches, sehr spannendes Buch, „das teilweise Biografie, teilweise erzählte Geschichte und teilweise eine Exegese der Schriften Senecas ist, sowohl seiner Prosawerke als auch seiner Versdichtungen“ (S. 12).

Die Hauptquellen, aus denen sich das Bild Senecas als meistgelesener Schriftsteller, wie auch als eine der eloquentesten und rätselhaftesten Persönlichkeiten seiner Zeit speist, bilden neben seinen eigenen Schriften das historische Drama „Ocvtavia“ eines unbekannten Autors aus dem 1. Jahrhundert sowie die Schriften des römischen Chronisten Cassius Dio über hundert Jahre nach Senecas Tod und – als umfangreichste und vertrauenswürdigste Darstellung – die Annalen des Tacitus (58 – 120 n.Chr.).

Zur Lebenszeit Senecas bildete das Römische Reich ein Weltreich von unermesslicher Macht und Vielschichtigkeit, beherrscht von z.T. höchst problematischen Kaisern (ab 37 Caligula, ab 41 Claudius, ab 54 Nero).Das Buch trägt den Untertitel „Die Kunst des Mordens an Neros Hof“ und beschreibt anschaulich die albtraumhaften Dimensionen, die das Manipulieren, Intrigieren, Verhaften, Foltern, Vergewaltigen, Morden an Caligulas Hof angenommen hatte und nach Claudius unter Nero fortgeführt wurde. Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem sprengen, auf die beschriebenen Einzelheiten all dieser Vorgänge mit ihren komplizierten Details einzugehen, sie beschränkt sich daher im Wesentlichen auf die Darstellung des Lebens und die Bedeutung Senecas in seiner Rolle als Erzieher und Berater Neros.

Der im spanischen Corduba geborene Seneca genoss in Rom eine gute Erziehung und Ausbildung, nicht zuletzt in Rhetorik und Philosophie, wobei er später – ohne dogmatische Festlegungen – die Lehren der Stoiker bevorzugte, verbreitete und in zahlreichen Schriften erweiterte. Nach einer ersten Ämterlaufbahn in Rom wurde er auf Betreiben von Claudius‘ Ehefrau Messalina nach Korsika verbannt, wo er acht Jahre – literarisch sehr aktiv – ausharren musste, bis er im Jahr 49 von Agrippina, einer späteren Ehefrau von Claudius, zurückgeholt wurde, um den damals zwölfjährigen Nero, Sohn Aggripinas aus erster Ehe, zu unterrichten. Seneca bekleidete dabei auch hohe öffentliche Ämter; seinem Bemühen, Nero die Werte und Ideale der Stoiker zu vermitteln (z.B. mit der Denkschrift „De clementia – Warum es weise sei, als Herrscher Milde walten zu lassen“) war allerdings kein dauerhafter Erfolg beschieden („Agrippina hielt nicht viel von Philosophie und wollte nicht, dass ihr Sohn etwas davon mitbekam“, S. 71). Fünf Jahre fungierte Seneca als Erzieher Neros – laut Tacitus war das Verhältnis „mit Zuneigung gespickt“ -, der sich in seinen ersten Jahren als Kaiser, unterstützt und beraten von Seneca, als fähiger und eigenständig denkender Herrscher erwies. Mit der Zeit führten allerdings sein Größenwahn, gepaart mit irrationaler Impulsivität und seinem Hang zu Ausschweifungen zu massiven Spannungen; zuerst zwischen Nero und seiner Mutter Agrippina, später auch zu Seneca.

Das Leben und die Bedeutung Agrippinas (15 – 59 n.Chr.) bilden einen nicht unwesentlichen Teil des Buches. Als 13jährige heiratete sie den Politiker Gnaeus Ahenobarbus, mit dem sie im Jahr 37 den Sohn Nero bekam. Als Tochter des Germanicus und als Schwester Caligulas wurde sie als Göttin verehrt, später aber von letzterem 39 n.Chr. in die Verbannung geschickt. Nach der Ermordung Caligulas im Jahr 41 kehrte sie zurück und heiratete nach dem Tod ihres ersten Mannes den prominenten Senator Crispus Passienus, den sie im Jahr 47 angeblich vergiftete. Zwei Jahre später ehelichte sie Kaiser Claudius, ihren Onkel; er verlieh ihr als erster römischer Kaiserin den Titel „Augusta“. Obwohl Claudius aus seiner Ehe mit Messalina einen Sohn („Britannicus“, später von Nero ermordet) hatte, gelang es ihr zu erreichen, dass er Nero adoptierte und im Jahr 50 zu seinem Nachfolger ernannte. Laut Tacitus ließ Agrippina Claudius im Jahr 54 mit Hilfe der Giftmischerin Lucusta vergiften und Nero zum Kaiser ausrufen – ursprünglich hatte sie vermutlich geplant, die Macht selbst zu ergreifen. In Neros ersten Regierungsjahren übte sie noch starken Einfluss auf ihn aus, später kam es vor allem wegen seiner sexuellen und sonstigen Eskapaden zu Zerwürfnissen. Auf Betreiben Poppaeas, Neros zweiter Ehefrau, wurde Agrippina verbannt und im Jahr 59 schließlich ermordet – nach Tacitus war Seneca, nachdem der erste, als Unfall getarnte Mordanschlag misslungen war, in diesen Mord beratend mit einbezogen („Der Philosoph, den sie aus der korsischen Verbannung erlöst hatte, der alles, was er besaß und erreicht hatte, ihr verdankte, hatte es nicht über sich gebracht, seine Stimme gegen ihre Ermordung zu erheben“, S. 147).

64 n.Chr. ging Rom in Flammen auf, nach 9 Tagen waren 2/3 der Stadt vernichtet. Ob Nero den Brand veranlasste, ist eine Frage, die Tacitus für nicht entscheidbar hielt (S. 212). Um einen Sündenbock zu liefern, wurden zahlreiche Mitglieder der Sekte der „Christiani“ festgenommen und aufs Scheußlichste misshandelt und ermordet. Im Zuge des Wiederaufbaues legte Nero den Grundstein des Goldenen Hauses (Domus Aurea), das 300 Zimmer und 40 Hektar Park umfassen sollte; zusätzlich ließ er von sich eine über 30 Meter hohe Bronzestatue errichten. Dies führte zu exorbitanten Steuererhöhungen, zur Plünderung der Staatsschätze im gesamten Imperium, zur Vernichtung kostbarster mit Gold und Elfenbein verkleideter Kunstschätze und damit zu großer Unzufriedenheit unter allen Bevölkerungsschichten. Seneca, der trotz zerstörter Immobilien noch immer sehr reich war, stellte seine Besitztümer und Latifundien Nero zur Verfügung und begann, da er zu Recht vermutete, dass auch er vergiftet werden sollte, sich außerhalb Roms mit eigenhändig geernteten Lebensmitteln und selbstgeschöpftem Trinkwasser zu versorgen. Was er erwartete, trat wenig später ein; unter dem Vorwand, an einer Verschwörung gegen Nero beteiligt gewesen zu sein, erhielt er im Sommer 65 durch einen Boten die Aufforderung zur Selbsttötung. In der Gelassenheit des stoischen Weisen schlitzte er sich – gemeinsam mit seiner Frau Paulaina, die aber gerettet wurde – die Pulsadern und später auch die Beinvenen auf; schließlich musste er noch zu einem Schierlingsbecher greifen, um erlöst zu werden („das vielschichtigste Leben der neronischen Ära hatte ein passendes Ende in Gestalt eines höchst komplizierten Todes gefunden“, S. 242). Zeit seines Lebens war Selbsttötung ein wichtiges Thema in Senecas Denken und Schreiben: „Die Macht zu sterben ist in jedem Augenblick des Lebens verfügbar und kann jede Unterdrückung überwinden“.

In einem Epilog beschreibt der Autor auch den Selbstmord Neros im Jahr 68 und berichtet weiters von den Verfolgungen und Hexenjagden gegen Stoiker und den Stoizismus unter dessen Nachfolgern Vespasian, Titus und Domitian. Erst „Kaiser Marc Aurel schaffte es ein Jahrhundert nach Senecas gescheitertem Versuch, eine Versöhnung zwischen politischer Machtausübung und stoischer Morallehre herbeizuführen“ (S. 259)

Seneca sah sich als Stoiker nicht nur den Idealen der Besonnenheit, Vernunft, Mäßigung und moralischen Tugendhaftigkeit, sondern auch dem staatlichen Gemeinwesen, wie auch der Natur und dem Kosmos mitsamt allen Menschen und Göttern verpflichtet, seine Schriften tragen dieser Auffassung Rechnung. Sie spiegeln aber auch seinen wechselvollen Lebenslauf wider; in stoischer Manier versuchte er, sich auf zahlreiche Schicksalswendungen seines Lebens einzustellen, wobei er – je nach persönlicher, bzw. politischer Lage – zu unterschiedlichen Optionen griff. So wurde ihm auch vorgeworfen, dass er Machtposition anstrebte und nützte, um „verbrecherisch“ zu immensem Reichtum zu gelangen.

Unter dem Strich war Seneca ein menschliches Wesen mit all den Schwächen und Unzulänglichkeiten, die zum Menschsein gehören. Wie er selbst in seinen Apologien andeutete, hielt er sich für einen Mann, der sich nicht mit den Besten messen konnte, aber besser war als die Schlechten“ (S. 16).

Diese menschliche Seite, aber auch die Bedeutung Senecas im Kontext seiner philosophisch-literarischen Werke und in seinem politischen und erzieherischen Wirken darzustellen, ist dem Autor gut gelungen. Obwohl wegen der Komplexizität der Themen und Handlungsstränge nicht leicht lesbar, bietet das Buch anspruchsvolle Literatur mit viel Wissenswertem auf hohem Niveau.

 

Gerfried Pongratz

James Romm: „Seneca und der Tyrann, Verlag C. H. Beck, München 2018, ISBN 978-3-406-71876-2, 320 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz

 




„Endstation Brexit“ von Ralf Grabuschnig. Rezension von Gerfried Pongratz


endstation brexit tectum"Die Briten haben in ihrer Geschichte auf niemanden Rücksicht genommen. Nicht auf sich selbst und ganz besonders nicht auf Europa," schreibt der Verlag und spricht von "einer unterhaltsamen Reise durch die britische Vergangenheit".

Unser Rezensent Dr. Gerfried Pongratz findet das Buch "gut gelungen" und nennt es "sehr unterhaltsame Lektüre". Gerfried Pongratz 8/2018 über Ralf Grabuschnig:

„Endstation Brexit

Ein junger Historiker – nach eigener Definition „Geschichtenerzähler“ – lädt ein, ihn auf einer unterhaltsamen Reise durch die Geschichte (Groß)Britanniens zu begleiten. Von den dunklen Anfängen bis zum Brexit, den er als vorläufigen Höhepunkt einer immer unberechenbar gebliebenen Mentalität „dieses merkwürdigen Inselvolkes“ wahrnimmt, wobei er zeigen will, dass es in dessen Geschichte bereits zahlreiche ähnliche Weggabelungen mit wechselhaften Beziehungen zu Europa gab und der Brexit somit auch keine allzugroße Überraschung darstellt.

Das erzählerische Credo des Autors – „Es gibt keinen Grund, Geschichte professorenhaft-trocken niederzuschreiben, schon gar nicht die Geschichte Englands. Sie ist doch zum Wegschmeißen komisch!“ – findet sich am vorderen Bucheinband und entsprechend humorvoll locker, zuweilen auch flapsig, mit zahlreichen Aperçus zu gegenwärtigen politischen Erscheinungen und Personen, führt er durch 2.000 Jahre Britannien bis Großbritannien (die allerdings meist keineswegs „komisch“ verliefen).

Die im Buch erzählte Geschichte beginnt mit den Kelten (ab dem 5. Jhdt. v.Chr.) und Julius Cäsars Griff 55 v.Chr. nach Britannien: „…damit beginnt die große, konfliktbeladene Geschichte zwischen der britischen Insel und dem europäischen Kontinent, die bis heute nicht enden will“. Von da an stehen – mit Unterbrechungen und Rebellionen (z.B. durch Königin Boudicca) große Teile der Insel für nahezu 500 Jahre unter römischer Herrschaft (mit auch entsprechend wirtschaftlicher, geistiger und kultureller Entwicklung). Nach dem Abzug der Römer folgt eine Einwanderungswelle von Angeln, Sachsen, Friesen, Jüten und löscht die Überreste älterer Kultur fast vollständig aus. Es entstehen mehrere miteinander konkurrierende Kleinkönigreiche, ab dem 6. Jhdt. kam es zur Christianisierung. Heftige Erschütterungen und Veränderungen mit grausamen Kämpfen brachte die Eroberung der Insel durch die Wikinger ab 793 und die Normannen im Jahr 1066 („…so vieles von dem, was wir heute als typisch englisch betrachten, geht auf die Normannen zurück“, S. 67).

Um die Beschreibung kurz zu halten: 1215 kam es mit der Magna Carta zur Entstehung des englischen Parlamentarismus, wenig später verlor man alle englischen Besitzungen auf dem europäischen Kontinent, „als erster Brexit der Geschichte“. In der Folge kam es zu wirtschaftlichen Fortschritten mit einer Verdreifachung der englischen Bevölkerung auf ca. 6 Millionen. Nach weiteren Kriegen (100jähriger und Rosenkriege) veränderte Heinrich VIII das Land abermals grundlegend durch seinen Bruch mit Rom und der Gründung der anglikanischen Kirche. Unter seiner Nach-Nachfolgerin Elisabeth I. wurde England wirtschaftlich, kulturell und im Geistesleben zu einer Weltmacht (Kolonialmacht), ihre Nachfolger der Stuart-Epoche führten das Land aber wiederum in schwierige Zeiten mit Kriegen, Bürgerkrieg und Restaurationspolitik. Die „Glorious Revolution“ 1688/89 führte mit der Durchsetzung der „Bill of Rights“ zur Gründung des modernen Regierungssystems mit dem Parlament als Träger der Staatssouveränität. 1707 trat der „Act of Union“ in Kraft, damit wurden die Königreiche England und Schottland endgültig miteinander vereint und bilden den neuen Staat Großbritannien.

Die Deutschen (Welfen) auf dem Thron („die Zeit der Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover ist eine skurrile und ereignisreiche Zeit der britischen Geschichte“, S. 130) bis hin zu Königin Viktoria, der „Großmutter Europas“, bildet ein weiteres Kapitel des Buches (aus einer illegitimen Beziehung des Hannoveraners „König Wilhelm IV“ stammt David Cameron: „Der dürfte in den späteren Geschichtsbüchern Großbritanniens fast noch eine schlechtere Figur abgeben als Georg III“, S. 135). Großbritannien wurde zur Weltmacht in nie dagewesener imperialer Größe, die aber in den beiden Weltkriegen und den daran anschließenden Konflikten (Indien, Suezkrise etc.) wiederum verloren ging. „Langsam dämmerte es den meisten in Großbritannien, dass die Zeit als Weltmacht wohl endgültig vorbei sei.“ S. 182).

1973 wurde Großbritannien Mitglied der EG, mit der Wirtschaft ging es trotzdem bergab – Streiks mit massiven Stromausfällen usw. lähmten das Land -, bis 1979 Margaret Thatcher Premierministerin wurde und radikale Reformen durchzog. In der EG erreichte sie mit „I want my money back“ den sog. „Briten-Rabatt“, der bis heute gilt, die Bevölkerung aber trotzdem nicht EU-freundlicher stimmt (obwohl David Cameron beim Amtsantritt 2005 „Stop banging on about Europe“ verkündet hatte).

„Ist der Brexit nun wirklich die epochale, alles verändernde Entwicklung, wie sie im Licht der letzten Jahrzehnte aussieht?“ (S 197). „Doch wer weiß schon, was den Briten und Europäern in Zukunft noch so bevorsteht. Eines kann man mit Sicherheit sagen: Weit voneinander werden die beiden nie sein. Ob sie nun wollen oder nicht“ (S. 199).

Die in der Einleitung des Buches verkündete Absicht des Autors, nicht Wissen zu schaffen, sondern mit einer „Serie von unterhaltsamen und lehrreichen Anekdoten, chronologisch gereiht und halbwegs schlüssig miteinender verbunden“ Geschichte zu erzählen, ist ihm sehr gut gelungen. Für manche Leserinnen und Leser könnte die Häufigkeit humoriger Nebenbemerkungen und die Flapsigkeit mancher Formulierungen eventuell etwas reduzierter sein, die jugendliche Frische dieser Form von Geschichtsvermittlung wird aber vermutlich viele, vor allem jüngere Leser ansprechen, bzw. sogar begeistern. Das Buch kann als kompakt wissensvermehrende, sehr unterhaltsame Lektüre, als, wie der Autor schreibt, eine Art von „Brexit-Beipackzettel“ uneingeschränkt empfohlen werden.

 

Gerfried Pongratz

Ralf Grabuschnig: „Endstation Brexit“, Tectum Verlag Baden-Baden 2018, ISBN 978-3-8288-4131-4, 199 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„Machtkampf. Die Geburt der Staatskirche“ von Rolf Bergmeier. Rezension von Gerfried Pongratz


636_0bergmeierDie Rede ist vom Startup "katholischer Glaube".

Unser Rezensent Dr. Gerfried Pongratz wünscht dem Faktenwissen über diese "Ouvertüre zu einer Gesellschafts- und Kulturrevolution von explosiver Kraft" (Verlagstext) weite Verbreitung. Pongratz nimmt das Verlags-Wort vom "Religions-Tsunami" auf, der "mit kaum zu zügelnder Kraft über Europas Geschichte hinwegrollt" – Gerfried Pongratz 7/2018.

Rolf Bergmeier:

„Machtkampf. Die Geburt der Staatskirche

Am 28. Februar 380 verkündete Kaiser Theodosius den Erlass „Cunctos populos“, der im römischen Reich den Katholizismus zur Staatsreligion erhob. Der Historiker Rolf Bergmann schildert diesen „Sieg des Katholizismus und die Folgen für Europa“ (Untertitel des Buches) als epochales Ereignis, das die Welt nicht nur veränderte, sondern auch bis heute prägt. Wer die Bücher des Autors (z.B. „Schatten über Europa“) kennt, weiß, was ihn erwartet: Klare, zuweilen mit Ironie gewürzte Sprache, akribische, mit umfangreichem Quellenmaterial belegte Darstellung, stringente Analysen, gute Verständlichkeit in Verbindung mit zum Teil streitschriftartiger Erzählweise.

„Cunctos populos“ eröffnete die Dominanz der katholischen Religion in allen Phasen des Daseins: “Ein ganzer Kontinent verliert seine in Jahrhunderten gewachsene Identität. Bis Bürger die antike Welt in all ihrer Schönheit wieder ans Licht holen“ (S. 8). Das Buch beschreibt, wie in einer zerstückelten Religionslandschaft eine ausgewählte Religion zur machtvollsten der Welt wird, wie diese die Menschen in allen Bereichen ihres Lebens beherrscht und wie damit die kulturellen, zivilisatorischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in Mitteleuropa – im Gegensatz zu den byzantinischen und islamischen Hochkulturen – einen Tiefstand erreichen. Ein Religions-Tsunami rollte über Europas Geschichte hinweg, „ein Geist, der Europa mehr als tausend Jahre beherrschen wird und die Welt bis heute zu normieren sucht“ (S. 9).

Im mehreren Kapiteln beschreibt der Autor die Entwicklung und das Konkurrenzverhältnis verschiedener „Jesusbewegungen“ innerhalb des Christentums und wie sich römischer (toleranter) Polytheismus nach der „konstantinischen Wende“ langsam wandelt. Das nicäaische Konzil 325 soll innerchristliche Streitigkeiten beenden, verstärkt aber das große Durcheinander („die Spannungen in den Gemeinden und die Rivalitäten zwischen den Auffassungen und den Bischöfen dauern rund 400 Jahre“, S. 21)), vor allem Arianer und Katholizismus stehen sich als feindliche Brüder gegenüber, von einem Christentum kann keine Rede sein.

Theodosius (379-395) ist des Religionsgetümmels müde und verbietet mit Cunctos populos alle heidnischen Religionen und schaltet alle vom Katholizismus abweichenden christlichen Varianten mit Zwangsmaßnahmen aus: „Nur diejenigen, die diesem Gesetz folgen, sollen, so gebieten wir, katholische Christen heißen dürfen; die übrigen, die wir für wahrhaft toll und wahnsinnig erklären, haben die Schande ketzerischer Lehre zu tragen“. Dieser, durch zahlreiche weitere Verbote ergänzte Erlass „ist das Epochenereignis, die geistige Wende zum Mittelalter, ein Faustschlag in die Spätantike“ (S. 34). Staatskatholizismus löst das ursprüngliche Gemeindechristentum ab, an die Stelle von „Feindesliebe“ tritt die Verfolgung Andersdenkender, Freiheit wird unter dem Joch hunderter Dogmen versklavt. Spätere Kaiser erweitern den Codex Theodosianus mit zusätzlichen massiven Strafandrohungen bis hin zur Todesstrafe und befestigen die Allianz aus Kirche und Staat zu einem unüberwindlichen Bollwerk.

Die politischen, ökonomischen und sozialen Folgen sind gravierend bis verheerend. Das Buch beschreibt den Machtkampf zwischen Kaiser und Kirche, die Entwicklung bischöflicher Stadtherrschaft und in der Folge den ökonomischen Abschwung in Mitteleuropa. Der frühmittelalterliche Handel erodiert, Kriege und Invasoren, aber auch die „sündhafte“ Verurteilung vom Streben nach Glück und geschäftlichen Erfolg tragen das ihre zum wirtschaftlichen und sozialen Niedergang bei. Im Gegensatz dazu steht der Reichtum der neuen Kirche, ausgelöst vor allem durch maßlose Schenkungen. Aus der Synthese von Thron und Altar, aus Glauben und Aberglauben, aus Bildungsfinsternis und Herrschaftsanspruch erwächst ab dem 6. Jahrhundert eine der abträglichsten Wirtschaftsformen der Weltgeschichte: Der Feudalismus mit Klassengesellschaft, Grundherrschaft, Leibeigentum und Schollenpflicht. Am Beispiel Karl I („der Große“) als Exponent des mittelalterlichen Feudalismus beschreibt der Autor die Folgen dieses Wirtschaftmodells; im Gegensatz zur hohen Stadtkultur des römischen Reiches präsentiert sich das Frankenreich als ungebildet, provinziell und verarmt mit andauernder Kriegsführung.

Eine weitere – die dramatischste – Auswirkung von Cunctos populos mit seinem strengen Dogmatismus und der Verengung jeder nichtkatholischen Tätigkeit betrifft den Verlust geistiger Entwicklung und kultureller Vielfalt. Öffentliche Schulen, Theater und Bibliotheken werden geschlossen, die Anrufung Heiliger ersetzt ärztliches Wissen und – besonders gravierend – nur noch Angehörige des Klerus und Mönche können im lateinischen Westen schreiben und lesen. Philosophie wird zur dienstleistenden Magd der Religion (ancilla theologiae) und verkümmert zu philosophieähnlichen theologischen Basteleien mit vorbestimmten Ergebnissen. Die Kulturlandschaft zerfällt, das Erziehungs- und Ausbildungssystem fällt auf unterstes Niveau, die Kirche gewinnt als Herrin der lateinischen Amtssprache zusätzlich ungeheure Macht.

Die Unterschiede zwischen dem antiken Menschenbild – der Mensch steht im Mittelpunkt – und dem „Sünder“ im katholischen sowie Überlegungen zur Bedeutung des Begriffes „Menschenwürde“, wie auch die unvermeidbaren Spannungen zwischen Katholiken und Juden bilden weitere Kapitel des Buches. Der Autor verteidigt den Begriff des „Finsteren Mittelalters“ als Epoche zwischen 500 und der Renaissance, die allerdings nur die lateinsprachige (katholische) Welt betrifft und nicht die orthodox-griechisch-byzantinische sowie die islam-arabische Welt zwischen Bagdad und Spanien.

Es würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen, auf alle Einzelheiten, Erläuterungen und Vergleiche zwischen antiker und christlich-katholischer Kultur mit all den daraus entstandenen Folgen und Auswirkungen bis heute einzugehen. Cunctos populos „provoziert tiefgreifende Spaltungen und Zerwürfnisse, entfesselt Religionskriege, heiligt Kreuzzüge und vernichtet Kulturen. Cunctos populos theologisiert, enturbanisiert und feudalisiert Mitteleuropa. Kein Ereignis hat die Welt so umgeformt wie dieser Erlass“ (S. 190).

„Das Buch schüttelt den Sakristei-Staub aus den Geschichtsbüchern. Es schreibt die Geschichte des beginnenden Abendlandes nicht neu, sondern ordnet die von Theologen und gläubigen Historikern betriebene religiös kontaminierte Kirchengeschichte der kritisch-wissenschaftlich betriebenen Geschichte unter“. Es macht auch deutlich, wem das sogenannte „christliche Abendland“ seine überlegene Kultur und Zivilisation zu verdanken hat und wem nicht. In einem Epilog verdeutlicht der Autor mit zahlreichen „wahr ist..“ seine Überzeugungen: „Religionen (sind) wegen des Anspruchs auf alleinige Deutungshoheit für die Gesellschaft eher schädlich als nützlich, während sie dem Einzelnen mit Festen und Feierlichkeiten, mit Bildern und Symbolen Halt und Orientierung geben können“ (S. 199).

„Machtkampf“ ist ein in der Klarheit seiner mit Literaturhinweisen und Quellen überreich ausgestatteten Aussagen beispielhaftes Buch, das vermutlich heftigen theologischen Widerspruch auslösen wird. Dem Rezensenten erschloss es viele neue, bzw. zusätzliche Erkenntnisse und bot darüber hinaus spannende Lektüre.

 

Gerfried Pongratz

Rolf Bergmeier: „Machtkampf. Die Geburt der Staatskirche“, Alibri Verlag Aschaffenburg, 2018, ISBN 978-3-426-86569-292-4, 205 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„Größer als das Amt - Auf der Suche nach der Wahrheit“ von James Comey. Rezension von Gerfried Pongratz


978-3-426-27777-5_Druck.jpg.39627759Der Verlag findet die Erinnerungen von Ex-FBI-Chef James B. Comey "aktuell, brisant und spannend wie einen Krimi". Unser Rezensent Dr. Gerfried Pongratz spricht von einem Buch, das er kaum aus der Hand legen konnte.

Comey befand sich 20 Jahre im Zentrum der Macht, als "unbeugsamer Ermittler", der gegen Mafia, CIA-Folter, NSA-Überwachung, Clintons Umgang mit dienstlichen Emails und Trumps Russland-Verbindungen vorging.
Der Verlag spricht von einer politischen Achterbahnfahrt: stellvertretender Justizminister unter George W. Bush, FBI-Direktor unter Barack Obama und gefeuert von Donald Trump. Rezension von Gerfried Pongratz 6/2018.

James Comey:

„Größer als das Amt – Auf der Suche nach der Wahrheit

„Wer bin ich, dass ich mir einbilde, ich sollte anderen Menschen etwas über Führungsethik erzählen?“

„Ich hoffe…, dass es …ein aufschlussreiches Buch für meine Landsleute bleibt, indem es sie animiert, sich für eine Loyalität zu entscheiden, die größer ist als Parteizugehörigkeit und Amt – und aus den Lügen die Wahrheit herauszufiltern und sich für eine integre, ethisch geerdete Führung einzusetzen.“

Zwischen diesen beiden Sätzen, dem ersten und letzten des Buches, spannt der Autor James Comey einen weiten Bogen über das sein Leben bestimmende Bemühen, als Jurist mit hohen ethischen und moralischen Ansprüchen Recht zu erwirken, Gerechtigkeit zu fördern und damit seinem Land in hohen und höchsten Staatsämtern bestmöglich zu dienen. Entlang seiner bemerkenswerten Biografie berichtet er von ungewöhnlichen Erlebnissen in seiner Berufslaufbahn, beleuchtet die dabei gewonnenen Erfahrungen und beschreibt die bei der US Präsidentschaftswahl 2016 aufgetretenen Vorkommnisse, die ihn als Direktor des FBI ins Kreuzfeuer der Kritik brachten und letztendlich zu seiner Entlassung führten.

Der 1960 im Bundesstaat New York geborene Autor durchlief eine hochkarätige Karriere als Anwalt, Staatsanwalt, Universitätslehrer und Spitzenjurist in der Privatwirtschaft. Von 2003 bis 2005 war er in der Regierung Georg W. Bush stellvertretender Justizminister, 2013 wurde er von Präsident Obama als Direktor des FBI bestellt, im Mai 2017 enthob ihn Präsident Trump mit sofortiger Wirkung seines Amtes. Laut Wikipedia wurde James Comey über Parteigrenzen hinweg respektiert und als unabhängig und integer geschätzt.

„Der 11. September 2001 hatte nicht nur unser Land, sondern auch das Leben von uns Staatsdienern verändert“ (S. 120). In der Folge kam es durch Präsidentenverfügungen und zweifelhafte Rechtsgutachten zu Überwachungs- und Foltermaßnahmen, denen sich Comey als stellvertretender Justizminister heftig – allerdings zunächst vergeblich – widersetzte. Die Schilderung dieser Vorgänge sowie seine dabei gewonnenen Erkenntnisse und Einsichten – u.a. zu einer „politischen Kultur“, die Nachdenklichkeit von Politikern in Spitzenpositionen mit Schwäche und Unfähigkeit gleichsetzt – bilden hochinteressante Kapitel des Buches.

Nach acht Jahren in der Privatwirtschaft wurde Comey 2013 von Präsident Obama zum Direktor des FBI (Federal Bureau of Investigation, weltweit agierend, Budget 2012 laut Wikipedia 8 Milliarden US-$) ernannt; eine Position, die, wie Obama ausdrücklich forderte, politisch unabhängig, unbeeinflußbar und neutral zu führen ist (und deshalb mit zehnjähriger Amtszeit ausgestattet wird) und auch zum Präsidenten der USA Abstand halten muss. In der langen Geschichte des FBI wurde, was Comey sehr offen darlegt, diesen Prinzipien häufig nicht entsprochen und so war es ihm ein besonderes Anliegen, im FBI Rekrutierungs-, Handlungs- und Führungsprinzipien zu etablieren, die sehr hohen ethischen Standards und dem Leitbild „das amerikanische Volk schützen und die Verfassung der USA bewahren“ entsprechen; mehrere Kapitel sind neben der Beschreibung aktueller Fälle diesen Bemühungen und Maßnahmen gewidmet.

2016 kam das FBI, bzw. Comey ins Kreuzfeuer der Politik, als im Präsidentschaftswahlkampf (durch vermutlich russische Interventionen) bekannt wurde, dass Hillary Clinton in ihrer Amtszeit als Außenministerin einen privaten E-Mail Account mit ungeschütztem Server für Tausende als geheim eingestufte dienstliche Mails verwendet hatte und das FBI die sich daraus ergebenden Fragen und Konsequenzen eingehend untersuchte. Nach Abschluß der Ermittlungen kamen Comey und seine Mitarbeiter jedoch zum Schluß, Clintons Verfehlung rechtfertige kein strafrechtliches Vorgehen. Nachdem Comey diese Entscheidung im Juli 2016 unter Eid verkündet hatte, kam es zu heftigen Protesten der Republikanischen Partei und ihr nahestehender Medien, wie auch von Donald Trump; man warf Comey Parteilichkeit vor.

Die Situation verschlimmerte sich, als Anfang Oktober 2016 dem FBI bekannt wurde, dass sich auf einem privaten Laptop eines Abgeordneten weitere Hunderttausende vermutlich als geheim eingestufte E-Mails von Hillary Clinton befanden; obwohl sich Comey sehr wohl bewusst war, was es für den Wahlkampf bedeutete, neue Ermittlungen gegen Hillary Clinton einzuleiten, entschied er sich dazu und zeigte dies dem Kongress pflichtgemäß an. Die Veröffentlichung führte zu heftigsten politischen und öffentlichen Kontroversen und obwohl auch diese Untersuchungen zwei Tage vor der Wahl mit dem Ergebnis strafrechtlicher Irrelevanz abgeschlossen wurden, verhalfen sie nach Einschätzung vieler Beobachter Donald Trump zum Wahlsieg.

In der Folge wurde Comey von vielen Seiten massiv angegriffen und diffamiert, auch Verwandte, Freunde und Bekannte überzogen ihn mit heftigen Vorwürfen („am schlimmsten setzte mir die Behauptung zu, ich sei in meine Integrität verliebt, in meine Tugendhaftigkeit“, S. 287), Präsident Obama allerdings versicherte ihm: „Ich habe Sie zum FBI-Direktor gemacht, weil ich Ihre Integrität und Ihr Können zu schätzen weiß… Sie sollen wissen, dass nichts, aber auch gar nichts in diesem Jahr geschehen ist, was meine Meinung geändert hätte“ (S. 291).

Nach seiner Wahl zum Präsidenten versuchte Trump, Comey mit Schmeicheleien, privaten Anrufen, 4-Augen-Gesprächen und bei einem intimen Essen im Weißen Haus dazu zu bewegen, Ermittlungen des FBI im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl, u.a. zu russischen Einflußnahmen, auszusetzen und seine, Trumps, Sicht der Vorfälle zu übernehmen (Comey: „Ich fühlte mich an die Klubs der New Yorker Mafia erinnert, die ich in den 1980er- und 1990er- Jahren als Staatsanwalt kennengelernt hatte“, S. 306).

„Und völlig verrückt ging es dann auch weiter“ (S. 314). Trumps Bemühungen, Comey – z.B. mit versuchten Umarmungen vor der Presse – zu beeinflussen, nahmen abstruse Formen an; er wollte gegenüber Comey ein auf Patronage beruhendes Verhältnis etablieren und drohte gleichzeitig unverhohlen, ihn bei Unfügsamkeit aus dem Job zu werfen (Comey: „Nichts an seinem Verhalten entsprach auch nur im Geringsten dem, was man von einer Führungspersönlichkeit erwarten könnte“, S. 329). Dabei scheute sich Trump auch nicht, absurde Behauptungen und leicht durchschaubare Lügen von sich zu geben und Offensichtliches vehement zu bestreiten. „Dabei wußten wir, dass sich Wladimir Putin auf beispiellose Art und Weise in die US-Wahl eingemischt hatte, nicht zuletzt auch, um Trump zum Sieg zu verhelfen“ (S. 341). Die Auseinandersetzungen zu diesen sowie auch zu anderen aufklärungsbedürftigen Vorgängen in Trumps Umfeld, verbunden mit Comeys Unbeugsamkeit und kritischen Reaktionen auf Trumps Einflußnahme- und Rechtfertigungsversuche, führten dazu, dass Comey am 9. Mai 2017 während einer Rede in Los Angeles via Fernsehbildschirm erfuhr, dass er von Trump fristlos entlassen worden war („das Ende kam in der passenden Form eines Orkans aus schlechten Manieren“, S. 356).

„Ich war nicht wütend über meine Erlebnisse mit diesem Präsidenten, ich war traurig… für unser Land macht es mir Angst“ (S. 364/365). Nach einem beeindruckenden Abschiedsbrief (S. 370-372) an alle FBI-Mitarbeiter kommt Comey in einem Epilog zum Schluss: „Der gegenwärtige Präsident ist ein Mann ohne Moral und agiert ohne jede Bindung an die Wahrheit und Werte einer Demokratie“ (S. 373). „Ja, unser gegenwärtiger Präsident wird auf kurze Sicht erheblichen Schaden anrichten…“(S. 375), aber: „Heute sehe ich, während die Flammen noch wüten, neues Leben aus diesem Boden hervorwachsen – junge Menschen, die sich engagieren wie nie zuvor, und Medien, Gerichte, Akademiker, gemeinnützige Organisationen und alle anderen Elemente der Zivilgesellschaft, die neue Kraft schöpfen“ (S. 376).

James Comey gelingt es mit diesem Buch, nicht nur tiefgründige Einblicke in die derzeitige US Administration zu geben, sondern auch viel Wissen zum amerikanischen Rechtswesen und Regierungssystem zu vermitteln. Der vermutlich vom Verlag stammende zweite Untertitel des Buches „DER EX-FBI-DIREKTOR KLAGT AN“ wird seinem Inhalt nur bedingt gerecht, das Buch (Originaltitel: „A higher Loyality, Truth, Lies, and Leadership“) bietet sehr viel mehr als die Beschreibung einer hochkarätigen Juristenlaufbahn mit zahlreichen ungewöhnlichen Begebenheiten und Auseinandersetzungen. Neben Berichten darüber ist es James Comey ein großes Anliegen, seine persönlichen (amerikanisch-idealistischen) Standards im Hinblick auf Moral, Loyalität, Berufsethik und Mitarbeiterführung darzulegen. Auch seine aus beruflicher Erfahrung gewonnenen Erkenntnisse zur Qualifikation und Integrität von Führungspersönlichkeiten und sein Wunsch, die oftmals in Vergessenheit geratenen „alten“ amerikanischen Tugenden und Wertvorstellungen wieder zu beleben, bilden einen Teil seiner Ausführungen.

Wenn man der persönlichen Integrität des Autors traut und seinen Darstellungen Glauben schenkt – es besteht kein Anlass, dies nicht zu tun -, kann das Buch als detailreich spannende und damit auch unterhaltsame Lektüre mit hohem Informationsgehalt einschlägig Interessierten uneingeschränkt empfohlen werden!

 

Gerfried Pongratz

James Comey: „Größer als das Amt – Auf der Suche nach der Wahrheit“, Droemer Verlag München, 2018, ISBN 978-3-426-27777-5, 384 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„Man kommt sich vor wie in der Wüste“ – Der langsame Abschied des Peter Rosegger von Christian Teissl. Rezension von Gerfried Pongratz


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Unser Rezensent Dr. Gerfried Pongratz meldet sich zu Peter Roseggers 100. Todestag, der demnächst begangen wird. Das Buch stammt von Christian Teissl, und der Verlag zitiert schwermütige Worte zu diesem Alterswerk Peter Roseggers: »Unsere Zeit straft die Irrtümer, die wir seit Jahren gemacht haben. Unser Denken, Wissen, Wollen, Handeln, Politisieren, Kritisieren, Voraussagen, es war alles falsch …«

Christian Teissl:

Man kommt sich vor wie in der Wüste“ – Der langsame Abschied des Peter Rosegger

Es „roseggert“ im Jahr 2018! Gilt es doch, am 26. Juni des 100. Todestages und am 31. Juli des 175. Geburtstages Peter Roseggers zu gedenken. Landauf, landab im deutschen Sprachraum, besonders aber in seiner engeren Heimat Steiermark, wird mit neuen Publikationen, Ausstellungen und Veranstaltungen, wie Vorträgen, Lesungen, Symposien, Workshops, Theater- und Musikaufführungen, literarischen Führungen sowie mit Festakten das Werk und die Bedeutung des Dichters, Schriftstellers und kritischen Journalisten wieder ins Bewusstsein gerufen und in manchen Aspekten neu beleuchtet.

Der junge Grazer Autor Christian Teissl ist im Reigen der Veranstaltungen mit seinem Buch „Der langsame Abschied des Peter Rosegger“ prominent vertreten. Er skizziert anschaulich, oftmals berührend, mit viel Empathie, aber auch mit kritischen Analysen, die letzten Lebensjahre des „alten Heimgärtners“, wie Rosegger sich selbst nannte. Neben biografischen Details und zahlreichen Rückschauen sind es vor allem die Reflexionen des Dichters – besonders zum großen Krieg -, die das Buch spannend gestalten und nicht nur biografisch-literarische, sondern auch historische Erkenntnisse erweitern.

Ab etwa 1915 trat Peter Rosegger in der Öffentlichkeit kaum noch in Erscheinung; er besaß den Nimbus einer sagenhaften Figur, seine Anhänger heben ihn in den Himmel und preisen ihn gleichzeitig als Inbegriff von Erdverbundenheit (S. 17), die zum Teil auch auf der Weigerung beruht, zwischen Person und Werk zu unterscheiden. Literarische Zeitgenossen wie Richard Plattensteiner und Ottokar Kernstock wirken an Legendenbildungen mit, von der beinahe religiösen Verehrung, die Rosegger im Alter zuteil wird, lässt der Dichter sich aber nicht blenden; dem Ehrentitel des „Weisen von Krieglach“ begegnet er mit Ironie (S. 25).

In seinem publizistischen Ausgedinge, in „Heimgärtners Tagebuch“, trägt Rosegger seine Irrtümer, Vorlieben und Aversionen offen zur Schau; er hält Rückschau auf die Schauplätze seines Lebens, die nicht selten Kampfschauplätze waren. Besonders als Publizist, als Herausgeber des „Heimgarten“ scheute er keinen Konflikt und gewann damit ein Profil, das ihn im Alter mitunter auch selbst befremdet. Fragen im Zusammenhang mit dem Krieg, den er zunächst begrüßte, dessen Ende er aber bald ersehnte, trieben ihn um und hielten ihn in Atem. Einerseits schrieb er als Pazifist während der ersten Kriegswochen „Das, was wir jetzt sehen, ist nicht das natürliche Antlitz der Menschheit, es ist eine durch Fieberwahnsinn entstellte Fratze“ (S. 40), andererseits ließ er sich aber auch von der Welle der Begeisterung mitreißen und findet dabei für sich die Strategie, den Krieg als Verteidigungskrieg zu rechtfertigen – allerdings mit der Einschränkung: „Geben wir dem Krieg, was er haben muß, aber verschreiben wir ihm nicht unsere Seele“.

Freunde waren Rosegger Zeit seines Lebens wichtige Begleiter, Diskussionspartner, Unterstützer, Lobspender, aber auch Kritiker; die wöchentliche Stammtischrunde in Graz versäumte er selten, manche seiner Werke sind auch im Kontext mit Aussagen und Arbeiten von Weggefährten zu sehen. Das Buch beschreibt daher auch die wechselseitigen Beeinflussungen durch Ottokar Kernstock, Max Mell, Wilhelm Kienzl, Stefan Zweig, Rudolf Hans Bartsch, Anton Kuh bis hin zu Roseggers Schwiegersohn Bernhard Paumgartner. Nachdem Rosegger die Redaktionsleitung des „Heimgarten“ an seinen Sohn Hans Ludwig übertragen hatte, widmete er sich ab 1912 vorzugsweise seinem öffentlichen „Heimgärtners Tagebuch“, das mit Miniaturen aller Art – „absichtslos und abgeklärt“ – „Altersgaben“ in hoher literarischer Qualität bot: „Ein milder Betrachter im Spätglanz der Jahre, innen schon friedlich und abgeklärt, so sieht der alte Heimgärtner wie Lynkeus der Türmer nieder in unsere heutige wirre und wahnsinnige Welt“ (S. 69).

Rosegger war von jeher kränklich, er litt an schwerem Asthma, mit zunehmendem Alter wurde sein Atem immer kürzer. Wenn es ihm schlecht ging, behalf er sich oftmals mit Sarkasmus und Selbstironie. Während des Krieges, besonders im Steckrübenwinter 1916/17, verschlechterte sich sein Zustand deutlich; die Bande, die ihn noch am Leben erhielten, waren vornehmlich seine Familie. Er wurde zunehmend depressiv, wobei der Krieg eine große Rolle spielte. Die von ihm erbetenen Befürwortungen von Kriegsanleihen begleitete er mit Mahnworten, die das indirekte Eingeständnis enthielten, dass seine Wunschvorstellung vom Krieg als Völkererzieher ein Irrglaube war und dass die noch aufzubringenden Opfer ausschließlich seiner Beendigung dienen müssen.

Ende 1917 meinte Rosegger „Ich bin jetzt wieder ein armer Hund, der nicht atmen kann“, sein Asthma und Bronchialkatarrh verschlechterten sich dramatisch. Deutlicher denn je wendet er sich gegen den Krieg und erteilt der Kriegpropaganda, der er selbst seinen Tribut gezollt hatte, eine deutliche Absage (S. 120). Sein in früheren Jahren oftmals bekundeter Optimismus im Hinblick auf „Güte, Zuversicht und Tapferkeit der Menschheit“ und sein Credo „im Suchen und heißen Streit/steht immer der Herr an ihrer Seit“ wich düsterem Zweifel und Pessimismus: Bereits 1915 hatte er sich angesichts hunderttausender Gefallener und angesichts des unermesslichen Leids und Leidens die Fragen gestellt: „Wer ist der Herr, der ein so großes Interesse an der Vertilgung hat? Was will er damit? …. Oder ist ihm das nur ein ergötzliches Spiel, um sich in der unermeßlichen Ewigkeit die „Zeit“ zu vertreiben?“ (S. 146). Aus Roseggers Friedenssehnsucht wurde Todessehnsucht: „Der Körper zerfällt, das Bewusstsein ist vernichtet – der Friede ist da“.

Im Mai 2018 verlieh Kaiser Karl dem Schriftsteller Peter Rosegger das „Großkreuz des Franz-Josef-Ordens“. Diese Auszeichnung am Krankenbett hatte zur Folge, dass sein schlechter Gesundheitszustand publik wurde und der gesamte deutsche Sprachraum daran Anteil nahm. Verbunden mit Glückwünschen zur Verleihung des Ordens trafen zahlreiche Genesungswünsche aus aller Welt – von Schülern, Lehrern, Vereinen, Arbeitern, Politikern, Schriftstellern, Gelehrten etc. – bei ihm ein.

Man kommt sich vor wie in der Wüste“, klagt Peter Rosegger am Ende seines Lebens, den Kriegslärm im Ohr, die (beklagenswerten) Verhältnisse im Hinterland vor Augen …. Aus dieser Wüste befreit ihn am 26. Juni 1918, wenige Monate vor dem Schweigen der Waffen, der lange erwartete Tod“ (S. 146). Sein Begräbnis am 28. Juni in der von ihm gewünschten Einfachheit und die Nachrufe wurden zu einem Bekenntnis der hohen Anerkennung, wie auch der Liebe und Achtung, die er sich in weiten Bevölkerungskreisen erworben hatte.

Christian Teissl gelingt es, das Alterswerk Peter Roseggers, sein Denken und Fühlen, seine Zweifel, auch seine Verzweiflung, „hautnah erlebbar“ zu vermitteln. Unter der Vielzahl von Biografien, Abhandlungen und wissenschaftlichen Texten zu Roseggers Leben und Werk kann die vorliegende Arbeit sowohl wissenserweiternd, wie auch als literarische Lektüre gut bestehen. Zahlreiche Zitate und Original-Textausschnitte erweitern das Verständnis und obwohl manchen Ausführungen zu „Nebenschauplätzen“ (z.B. zu Ottokar Kernstock) eine Straffung gut getan hätte, ist die Absicht des Autors, den „Weisen von Krieglach“ empathisch umfassend, mit seinen Vorzügen, aber auch in seinen Widersprüchlichkeiten, zu würdigen, sehr gut gelungen.

 

Gerfried Pongratz

Christian Teissl: Man kommt sich vor wie in der Wüste“ – Der langsame Abschied des Peter Rosegger, Styria Buchverlage 2018, ISBN 978-3-222-13582-8, 160 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„EINFACH EINSTEIN – Geniale Gedanken schwerelos verständlich“ von Rüdiger Vaas. Rezension von Gerfried Pongratz


9783440158364_600x600@2xKurz, knapp, hochkonzentriert, sind die Worte, mit denen unser Rezensent Dr. Gerfried Pongratz das Buch über die allerwichtigsten Erkenntnisse Einsteins beschreibt. Der Verlag findet auch lobende Worte:

Albert Einstein hat vor über 100 Jahren das Weltall neu erfunden. Seine Relativitätstheorie ist noch immer topaktuell, wie der Nachweis von Gravitationswellen gegenwärtig gezeigt hat. Doch was genau hat der Popstar der Physik eigentlich entdeckt, wie wurden seine Theorien bestätigt und warum würde ohne sie kein Navigationsgerät funktionieren? Darüber referiert Gerfried Pongratz (4/2018).

Rüdiger Vaas:

EINFACH EINSTEIN – Geniale Gedanken schwerelos verständlich

Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen…. Man kann nicht anders, als die Geheimnisse von Ewigkeit, Leben oder die wunderbare Struktur der Wirklichkeit ehrfurchtsvoll zu bestaunen. Es genügt, wenn man versucht, an jedem Tag lediglich ein wenig von diesem Geheimnis zu erfassen…“ (Albert Einstein).

Populärwissenschaftliche Bücher über Albert Einstein besitzen immerwährende Konjunktur, allein bei Amazon sind über 1.000 Titel zu finden und jedes Jahr kommen neue hinzu – dem bekannten Wissenschaftsreporter, Astronomie- und Physik-Redakteur Rüdiger Vaas gelingt es, mit „Einfach Einstein“ dieses Genre mit einem Glanzstück zu ergänzen. Gemeinsam mit dem Illustrator Gunther Schulz legt er ein kleines, aber sehr inhaltsreiches Werk vor, das Einsteins Entdeckungen und Theorien sowie damit verbundenes physikalisches und astronomisches Grundwissen gut verständlich aufbereitet, umfassend darstellt und damit den "Spagat" bewältigt, interessierten Laien wie auch informierten Lesern interessanten Lesestoff zu bieten, ohne die einen zu überfordern und die anderen zu langweilen.

Unterstützt von humorvollen, aussagekräftigen Infografiken berichtet das Buch weitgehend voraussetzungslos, oftmals augenzwinkernd „über Einsteins Abenteuer der Erkenntnisse“, vertieft durch zahlreiche Originalzitate und geistvolle Bonmots des großen Gelehrten. Einsteins wissenschaftliche Leistungen haben das Gebäude der Physik erschüttert und die Vorstellungen von Raum, Zeit, Materie, Energie und Schwerkraft für immer verändert. Die Spezielle und die Allgemeine Relativitätstheorie zählen zu den bedeutendsten Leistungen des menschlichen Geistes; sie führten zu ungeheurer Horizonterweiterung – erstmals konnte das Universum als Ganzes beschrieben werden – und sind in vielerlei Weise (vom Handy bis zur Atombombe) im menschlichen Alltag angekommen.

In 6 Kapiteln führt der Autor anhand von Einsteins Gedanken durch Raum und Zeit zu E = mc²; weiter zu Gravitation und Raumgeometrie und über die Beschreibung der wichtigsten Experimente zu Modellen des Universums. Die Rätsel der „kuriosen“ Quantenphysik, deren Grundlagen Einstein zusammen mit Max Planck und Niels Bohr geschaffen und die ihm bis zuletzt große Bauchschmerzen („spukhafte Fernwirkung“) verursacht hatten, beschließen die Ausführungen, die zu jedem Kapitel auch ein Quiz enthalten, mit dem das Verstehen des soeben Gelesenen überprüft werden kann. Die in den Buchumschlägen enthaltenen, sehr detailreichen chronologischen Daten bieten zusätzlich tiefe Einblicke in Einsteins Leben und Werk.

Was sind, extrem kurzgefaßt, die allerwichtigsten Erkenntnisse Einsteins?

  • Die berühmteste Formel der Welt (E = mc²) beschreibt die Äquivalenz von Masse und Energie, zeigt, dass winzige Massen ungeheure Energien entfesseln können und erklärt damit auch, warum Sonne und Sterne leuchten.
  • „Nichts ist schneller als das Licht“; Zeit ist relativ, je rascher man sich bewegt, desto langsamer vergeht die Zeit.
  • Wir leben in einer vierdimensionalen gekrümmten „Raumzeit“; Masse verformt den Raum und „verbiegt“ Lichtstrahlen.
  • Kollisionen im All lassen den Weltraum erbeben und verursachen „Gravitationswellen“ (die erst vor kurzem experimentell nachgewiesen werden konnten).
  • Das Universum ist mit dem Urknall entstanden und dehnt sich seither immer schneller aus.
  • Für die Entdeckung, dass Licht aus Teilchen besteht, erhielt Einstein den Nobelpreis und wurde Mitbegründer der Quantenphysik, die ihn „zum Schlimmsten aller physikalischen Rätsel führte“; seine Suche nach einer Einheitlichen Feldtheorie oder Weltformel, die alle physikalischen Phänomene beschreibt, blieb ergebnislos.

Leserinnen und Leser, die sich kurz, knapp, hochkonzentriert dem Leben und Werk sowie der überragenden Bedeutung Einsteins nähern möchten und dazu auch über ein wenig physikalische Vorbildung verfügen, oder sich solche aneignen möchten, sind mit diesem Buch sehr gut bedient.

„Wenn auch die Öffentlichkeit den Einzelheiten der wissenschaftlichen Forschung nur in bescheidenem Maße folgen kann, so hat sie doch ein Großes und Wichtiges gewonnen – das Vertrauen in die Sicherheit des menschlichen Denkens und in die Gesetzlichkeit des Naturgeschehens“ (Albert Einstein).

 

Gerfried Pongratz

 

Rüdiger Vaas: EINFACH EINSTEIN – Geniale Gedanken schwerelos verständlich, Franckh-Kosmos Verlag Stuttgart 2018, ISBN 978-3-440-15836-4, 128 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„EIN JAHRHUNDERTDENKER – Karl R. Popper und die offene Gesellschaft“ von Kurt Salamun. Rezension von Gerfried Pongratz


9783222150197-ein-jahrhundertdenker-6707Der Österreicher Karl R. Popper (1902–1994) hat auf verschiedenen Gebieten (Erkenntnislehre, Wissenschaftstheorie, Sozialphilosophie) richtungsweisende Gedanken entwickelt, die noch in der Gegenwart die gesellschaftspolitische Diskussion beeinflussen. So schreibt der Verlag, um den Titel des Jahrhundertdenkers zu rechtfertigen.

Den Titel hat der Philosophieprofessor Kurt Salamun aufgrund des Lobs anderer verliehen, als er Poppers Werk zum Zweck der Verbreitung besprochen hat. Dieses Vorhaben ist hervorragend gelungenen, befindet unser Rezensent Dr. Gerfried Pongratz (4/2018):

Kurt Salamun:

EIN JAHRHUNDERTDENKER – Karl R. Popper und die offene Gesellschaft

„Meiner Meinung nach ist Karl Popper der größte Wissenschaftstheoretiker, der je gelebt hat“ (Biologie-Nobelpreisträger Sir Peter Medawar). Karl Raimund Popper (1902 – 1994) ist unbestritten einer der größten Denker des 20. Jahrhunderts, seine Erkenntnisse zur Wissenschaftstheorie, Sozialphilosophie, Politischen Theorie etc. haben sich als richtungsweisend erwiesen und gesellschaftspolitische Entwicklungen und Diskussionen sowie auch moderne wissenschaftliche Methodik entscheidend geprägt. Der Grazer Philosophieprofessor Kurt Salamun, ein ausgewiesener Kenner Karl Poppers, unternimmt den Versuch, den Gelehrten in seinen vielen Aspekten und seinem bedeutenden Wirken einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen; sein Buch bietet interessierten Lesern tiefe Einsichten in das äußerst umfangreiche Werk Poppers.

Um es vorwegzunehmen: des Autors Vorhaben ist hervorragend gelungenen! In auch für philosophisch Ungeübte gut verständlicher Sprache, sehr umfassend mit zahlreichen Originalzitaten und vielen Querverweisen (auch zu Kritikern) versehen, vermittelt das Buch Poppers Gedanken und Erkenntnisse zu freiem, rationalem Denken, zu kritischer Vernunft, zur Wertschätzung einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Der Untertitel verweist auf Poppers wichtiges Anliegen, die „offene Gesellschaft“; darüber hinausgehend beleuchten die Ausführungen auch alle anderen Gebiete von Poppers Denken, das in seiner Tiefe und Vielseitigkeit seinesgleichen sucht. Kurt Salamun liegt dabei sehr daran, zu zeigen, „dass sich Poppers Philosophie nicht auf eine positivistisch orientierte Erkenntnis- und Wissenschaftslehre reduzieren lässt“, sondern „vielmehr das Bild eines kritisch-rationalen Menschentyps, der als normative Zielvorstellung eine Vorbildfunktion haben kann“ entwirft (S. 7).

Das Buch gliedert sich sehr übersichtlich in drei Haupt- und zahlreiche Unterkapitel. In LEBEN beschreibt der Autor Poppers Kindheit und Jugend, seine Schul- und Universitätserfahrungen, seine Arbeit als Möbeltischler und Lehrer (Popper und seine Frau Anna Henninger waren engagierte Mitgestalter der Wiener Schulreformbewegung) sowie seine Begegnungen mit dem Wiener Kreis und den Neopositivisten („Hauptverursacher von Pseudoproblemen ist die Metaphysik“). 1936 emigrierte er mit seiner Frau nach Neuseeland, lehrte an der Universität in Christchurch und erarbeitete dort u.a. sein sozialphilosophisches Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. 1946 erhielt Popper den Ruf als Professor für Logik und wissenschaftliche Methode an die London School of Economics (LSE), wo er 23 Jahre unterrichtete. Auch nach seiner Emeritierung forschte und publizierte Popper (als lebenslanger Workaholic) unermüdlich weiter und entwickelte dabei auch seine evolutionäre Erkenntnistheorie mit trialistischer Seinslehre (Materie, Bewusstsein, Geist – Welt 1, 2, 3).

In „Geistesgrößen, die Popper entscheidend geprägt haben“ beschreibt der Autor Einflüsse von Sokrates, Mill, Kant, Einstein, Bühler und Hayek auf Poppers Denken; so wurde z.B. Einsteins Arbeitsweise zum zentralen Prinzip von Poppers wissenschaftlicher Methodenlehre, dem Falsifizierungsprinzip: „So kam ich 1919 zum Schluß, dass die wissenschaftliche Haltung die kritische war; eine Haltung, die nicht auf Verifikationen ausging, sondern kritische Überprüfungen suchte: Überprüfungen, die die Theorie widerlegen konnten, nie aber als wahr erweisen“ (S. 44). Von Karl Bühler wurde für Popper das „Organonmodell“ der Sprache richtungsweisend; „die im Verlauf der evolutionären Sprachentwicklung entstandene argumentative Funktion der Sprache macht es möglich, weltanschauliche Hypothesen und Theorien „sterben zu lassen“, anstelle von Menschen“ (S. 46).

WERK vermittelt Poppers Lerntheorie und Erkenntnislehre, seine Wissenschaftstheorie, Sozialphilosophie, Politische Theorie und sein liberales Menschenbild. Popper erläutert die Funktion des Gedächtnisses (assoziationspsychologische Lerntheorien lehnt er ab) und kennzeichnet die Ableitung von Theorien durch einen Induktionsvorgang als „vordarwinistisch“ (S. 58). Ein wichtiges Unterkapitel bildet „Das Aufklärungsethos und das Ideal der Selbstbefreiung durch Wissen“ („als einer der letzten Nachzügler des Rationalismus und der Aufklärung glaube ich an die Selbstbefreiung des Menschen durch das Wissen…“(S. 61), wobei er sich aber auch gegen eine Überschätzung der Vernunft („Essentialismus“) wendet und sich von den Zielen der sprachanalytischen Philosophie distanziert (“man soll nie versuchen, exakter zu sein, als es die Problemsituation erfordert“ (S. 67)).

„Das Begründungsmodell der Erkenntnis und die Konzeption der kritischen Rationalität“ erläutert die für die Wissenschaft wichtigen Postulate des Kritischen Rationalismus: Das Falsifikationsprinzip (im Gegensatz zum Verifikationsprinzip) und die Ablehnung des logischen Induktionsmodells (Schlussverfahren vom Besonderen zum Allgemeinen) als Begründung von Erkenntnisbehauptungen (bei der Entstehung von Erkenntnissen können allerdings induktive Denkschritte mit im Spiel sein). Gedanken zum „Münchhausen Trilemma“, zur Fallibilitätsthese (prinzipielle Fehlbarkeit und Irrtumsanfälligkeit des menschlichen Erkenntnisvermögens), zum wissenschaftlichen Fortschritt durch Versuch und Irrtum, zur kritisch-rationalen Vernunftauffassung und zu verschiedenen Aspekten des Kritischen Rationalismus bilden den Kern weiterer Ausführungen. Kritisches Problemlösungsverhalten im Gegensatz zu dogmatischem Rechtfertigungsdenken ist das Fundament von Poppers Erkenntnis- und Wissenschaftslehre (S. 133).

Im Unterkapitel „Moralische Wertprinzipien der kritischen Vernunft“ beschreibt Kurt Salamun Poppers Offenheit für Kritik sowie die Pflicht zur Selbstkritik und seine Ideale der individuellen Freiheit und Toleranz als wichtige Prinzipien humanitärer Ethik. Gleichzeitig warnt Popper vor Absolutierungen des Freiheits- und Toleranzprinzips, die zu Paradoxa der Freiheit und der Toleranz (Toleranz auch gegenüber Intoleranten) führen können. Intellektuelle Redlichkeit und intellektuelle Bescheidenheit bilden weitere Grundpfeiler in Poppers Wertesystem, in dem ganz oben auch „negativer Utilitarismus“ (nicht Maximierung von Glück, sondern Minimierung von Unglück ist das Ziel) rangiert.

Die kritische Auseinandersetzung mit Karl Marx bildet einen beträchtlichen Teil in Poppers Sozialphilosophie. Ihr, wie auch Fragen, ob Gesellschaften durch radikale Revolutionen, oder durch schrittweise Reformen verändert werden sollen, werden eigene Unterkapitel gewidmet, wobei Poppers Ideal einer offenen, demokratischen Gesellschaft mit ihren Voraussetzungen, Risiken und Herausforderungen ausführlich zur Erörterung gelangt. „Offene Gesellschaft“ besitzt bei Popper eine deskriptiv-normative Bedeutung, sie sei „Realität wie Ideal“; als wichtiges Merkmal erachtet er die institutionelle Absicherung der größtmöglichen Freiheit für den Einzelnen (S. 126). Zur Frage, wer im Staat regieren soll, meint er: „Wie können wir politische Institutionen so organisieren, dass es schlechten oder inkompetenten Herrschern unmöglich ist, allzu großen Schaden anzurichten?“ (S. 127). Popper betont die Rolle der Rechtsstaatlichkeit, die sich im Drei-Säulen-Prinzip (Legislative, Exekutive und Justiz) manifestiert und auch, dass eine offene Gesellschaft politisch-weltanschaulichen Pluralismus und friedliche politische Konkurrenz erfordert (ähnlich, wie es in der Wissenschaft notwendig ist, „Theorienpluralismus“ herzustellen).

„Das ideologiekritische Potential des Kritischen Rationalismus“ beschreibt Poppers Ideologiekritik und die Grundmuster ideologischen Denkens (absolute Wahrheits- und Ausschließlichkeitsansprüche, Erkenntnismonopole und Interpretationsprivilegien, Immunisierungsstrategien, Feindbilder, Tarnungen und Wertungen, Verschwörungstheorien usw.). In „Ideologische Grundmuster in Nationalsozialismus, Marxismus-Leninismus und Islamismus (IS) übt Kurt Salamun unter Bezug auf Popper eingehend Kritik an diesen Ideologien, denen er die „Grundzüge einer liberal-demokratischen Weltanschauung“ gegenüberstellt und mit „Richtlinien zur kritischen Prüfung von Weltanschauungen und Ideologien“ einen Fragenkatalog als Prüfstein bei der Beurteilung von Weltanschauungen anfügt.

WIRKUNG beschreibt Poppers Resonanz in Wissenschaft und Politik. Popper wirkt als Begründer der Denkrichtung des Kritischen Rationalismus und mit seinen gesellschaftsphilosophischen Vorstellungen in eine breite Öffentlichkeit. „Seine Erkenntnis- und Wissenschaftslehre bildet einen wichtigen Bestandteil des Wissenschaftsverständnisses unserer Zeit und beeinflußt stets von neuem Grundlagendiskussionen in vielen Wissenschaftsdisziplinen…… viele seiner Gedanken sind auch für die Geistes- und Kulturwissenschaften bedeutsam geworden“ (S. 192). Zahlreiche bedeutende Forscherpersönlichkeiten betonen den Einfluss Poppers auf ihr Denken. Im deutschen Sprachraum sind es vor allem Hans Albert, der sich Poppers Werk und dessen Verbreitung intensiv widmet (seine Arbeiten wurden von Popper als adäquateste und konstruktivste Darlegungen seiner Philosophie gewürdigt); in Österreich gibt es ebenfalls zahlreiche Wissenschaftler – u.a. den Autor dieses Buches -, die sehr wesentliche Beiträge zur Verbreitung und Diskussion von Poppers Werk leisten.

Poppers Wirkung auf Schüler und Freunde mit einer „Persönlichkeitsskizze“ und Anmerkungen zur öffentlichen und akademischen Rezeption Poppers in Österreich beschließen ein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch, das in keiner Bibliothek natur-, geistes- und kulturwissenschaftlich interessierter Leserinnen und Leser fehlen sollte.

 

Gerfried Pongratz

 

Kurt Salamun:EIN JAHRHUNDERTDENKER – Karl R. Popper und die offene Gesellschaft, Styria Buchverlage Wien-Graz-Klagenfurt 2018, ISBN 978-3-222-15019 -7, 239 Seiten

Die für 15 Bände geplante deutsche Gesamtausgabe von Poppers Werken erscheint im Verlag Mohr Siebeck in Tübingen.

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„MEIN LEBENSLAUF“ von Felix Mitterer. Rezension von Gerfried Pongratz


3425.jpg.thumb-380x550-keepratioUnser Rezensent Dr. Gerfried Pongratz spricht von einem überaus empfehlenswerten Buch – gemeint ist Felix Mitterers gerade erschienenes “Mein Lebensweg”.
Nach Pongratz hat sich Mitterer in mehreren Theaterstücken religions- und kirchenkritisch geäußert. Z.B. in “Stigma” (Thema Exorzismus) kam dies drastisch zur Sprache und führte zu heftigen Reaktionen von Gläubigen und Kirche. In Bezug auf das Buch kommt dies anscheinend weniger zum Tragen. Das Werk sei jedenfalls hochinteressant, besonders – aber nicht nur – für Literaturaffine (Pongratz 2/2018).

Felix Mitterer: MEIN LEBENSLAUF

Felix Mitterer, ein Name, der jedem Literatur- und Theaterfreund geläufig ist und den wohl auch die meisten Film- und Fernsehfreunde kennen: Als Autor von mittlerweile 50 Theaterstücken, 30 Drehbüchern, 6 Hörspielen und mehreren Büchern; als Träger zahlreicher hoher Auszeichnungen und nicht zuletzt als beeindruckender Schauspieler – kurzum als Darsteller und Literat, der zu den bedeutendsten Schriftstellern des deutschsprachigen Raumes zählt.

Jeder einschlägig Interessierte kennt seinen Namen, wer aber – außerhalb seines persönlichen Umfeldes – kennt auch die Person Felix Mitterer? Die zu seinem 70. Geburtstag erschienene Autobiografie „Mein Lebenslauf“ erlaubt erstmals tiefere Einblicke in seinen Werdegang, sein Denken und Arbeiten, sein Fühlen und Wollen. Sie legt dazu auch, wie es sein Freund und Lektor Michael Forcher schreibt, ein weit über einen „Lebenslauf“ hinausgehendes Werk zur österreichischen Theater- und Fernsehgeschichte vor. Im Register des Buches scheinen über 700 Namen von Theaterleuten auf, die mit Felix Mitterer und seinem Lebenswerk verbunden sind, im Text des Buches werden lebende, wie auch schon verstorbene Freunde und Mitstreiter mit Dank und Anerkennung gewürdigt, einigen sind eigene Unterkapitel gewidmet.

EIN BUB VOM LAND WIRD DICHTER nennt sich das erste Hauptkapitel des Buches, das in ruhiger, jedem Pathos und jeder Dramatik abholder Sprache von einer Kindheit erzählt, die für Außenstehende nur als Drama zu begreifen ist. Felix Mitterer wird als Sohn einer verwitweten Landarbeiterin und eines rumänischen Flüchtlings, den er nie kennenlernt, geboren und direkt nach der Geburt an ein mit der Mutter befreundetes Landarbeiterehepaar, das ihn später adoptiert, weggegeben. Die ärmliche Kindheit auf verschiedenen Bergbauernhöfen ist hart, arbeitsreich und – abgesehen von Almsommern – auch psychisch extrem belastend (die Adoptivmutter neigt zu Zornausbrüchen und traktiert das Kind immer wieder mit Schlägen und Liebesentzug). Exzessives Lesen – später auch Schreiben – bilden die wichtigste Fluchtmöglichkeit aus bedrückenden Lebensumständen. Nach Absolvierung der Pflichtschulen besucht Mitterer die Lehrerbildungsanstalt in Innsbruck, verlässt sie vorzeitig und arbeitet ab 1966 beim Zollamt Innsbruck. Seine Nächte gehören dem Schreiben, es erscheinen erste literarische Arbeiten. In den turbulenten 1968er Jahren wird aus dem Träumer ein gesellschaftskritischer Beobachter: „Ich … begann den Verhältnissen auf den Grund zu gehen und die Zusammenhänge zu durchschauen, begann über meine Herkunft nachzudenken und sie anzunehmen…/…dass ich endlich schreiben konnte und wollte über meine Welt, meine Herkunft, meine Menschen; zuerst in Kurzgeschichten, dann in Hörspielen, Stücken und Drehbüchern“(S. 47/48).

1970 werden im ORF erste Beiträge gebracht, 1977 macht er sich als freier Autor selbständig. Als feinfühliger Beobachter und Erzähler schildert er in seinen Werken die Welt der kleinen Leute, der Bedrängten, der Schutzlosen, der Opfer der Allgemeinheit („…die Opfer sind „die Anderen“. Und diese „Anderen“ – die Außenseiter, die Ausgestoßenen – sind ein durchgehendes Thema meiner literarischen Arbeit…“[S.154]). Mit seinem ersten Theaterstück „Kein Platz für Idioten“, in dem er auch als Schauspieler reüssiert, erlangt Felix Mitterer hohe Anerkennung; es folgen zahlreiche weitere, ebenso erfolgreiche – seine Stücke gehören mittlerweile zu den meistgespielten in Österreich. Felix Mitterer blickt den Menschen in die Herzen, mit literarischem Gespür und Humor (ORF-Programmdirektorin Kathrin Zechner: „Felix Mitterer zählt zu den Größten der österreichischen Literatur… mit seinen gesellschaftskritischen Texten war er oft seiner Zeit voraus… es gibt wohl niemanden, der mit Felix Mitterer nicht das eine oder andere persönliche TV-, Theater- oder Hörspielerlebnis in Verbindung bringt…“).

Das Kapitel CHRYSELDIS.MALERIN bildet ein bewegendes literarisches Denkmal von Mitterers späterer Frau Chryseldis Hofer-Mitterer, von ihrem Leben und Werdegang (und, am Ende des Buches, von ihrem tragischen Unfalltod 2017): „Ihre Werke haben ein Geheimnis, das der Betrachter mit dem Herzen versteht, aber nicht formulieren muss, selbst wenn er dazu in der Lage ist“ (S.76).

ERFOLGE, ERFAHRUNGEN, ERLEBNISSE beschreibt die Jahre 1978 – 1995, die neben großartigen Erfolgen auch böse Verrisse, Kämpfe und Aufführungsprobleme mit sich bringen. Fernsehproduktionen wie „Die Piefke-Saga“ und „Verkaufte Heimat“ sorgen für heftige kontroversielle Auseinandersetzungen (und erreichen letztendlich Kultstatus), Theaterstücke wie „Stigma“ führen zu Gewaltandrohungen und Hetzkampagnen wegen vermeintlicher Pornografie und Blasphemie, Stücke wie „Karrnerleut“, „Besuchszeit“, „Die wilde Frau“, „Kein schöner Land“, „Verlorene Heimat“, „Die Kinder des Teufels“, „Sibirien“ etc. erhalten begeisterte Zustimmung und schroffe Ablehnung („..so machtvoll kann Theater sein, dass es die Dinge an die Oberfläche bringt, wo es vorher vielleicht nur im Untergrund kochte und brodelte…“ [S. 152]), wobei Mitterer auch Anfeindungen verständnisvoll und mit dem ihm eigenen ruhigen Humor begegnet. Sinn und Zweck von Literatur definiert er mit: „Das ist Aufgabe der Literatur. Zu den Leuten kommen. An den richtigen Ort. Dorthin, wo es brennt“ (S. 144).

Neben erhellenden Einblicken in die „Werkstatt“ und Arbeitsweise eines Literaten enthält das Buch auch spannende, meist humorvolle Beschreibungen des Theaterlebens mit den oftmals fast unüberwindlich scheinenden Schwierigkeiten bei Finanzierung, Ausstattung, Personalrekrutierung und Produktionen. Letztere besonders an ungewöhnlichen Lokalitäten (z.B. am Gipfel der 2.592 m Hohen Munde – interessant dargestellt im Tagebuch vom 3. August 1983 bis 3. August 1984), oder bei Dreharbeiten, wie z.B. in Temeswar: Farbige Erzählungen ermöglichen ein Miterleben und tieferes Verständnis der Vorgänge im und ums Theater, mit all seinen Problemen, Sorgen und Stresserscheinungen.

Die zahlreichen Ehrungen Felix Mitterers und seine (von ihm nicht angestrebte) Rolle als „öffentliche Person“ bringen mit sich, dass er häufig um Ansprachen gebeten wird. Das Buch enthält seine Rede zum 150. Geburtstag von Peter Rosegger am 31. Juli 1993 in Alpl (S. 233), die exemplarisch an Roseggers Entwicklung und Dichtung auch Mitterers Denkweisen erfühlbar werden lassen (wobei er neben aller Empathie für Rosegger und sein Werk auch kritische Anmerkungen nicht verhehlt). Die biografischen und dichterischen Parallelen zwischen Rosegger und Mitterer sind unübersehbar und münden in eine Aussage zum Dilemma des Schriftstellers: „Er gehört im Grunde nirgends dazu, sitzt immer zwischen allen Stühlen. Er ist kein Bauer, kein Handwerker; wenn er Erfolg hat, kann er ein bürgerliches Leben führen, aber trotzdem gehört er auch nie zu den Bürgern. Er ist letztlich heimatlosund sucht sich die Heimat schreibend zurückzugewinnen“ (S 237).

IRLAND: SCHREIBEN IM LAND DER DICHTER. Von 1995 – 2010 lebt und arbeitet Felix Mitterer in Irland, wo er sich gemeinsam mit Chryseldis und Tochter Anna in Castlelyons ein schönes Heim schaffen konnte (Anna gestaltet rund ums Haus einen wunderbaren Garten). Zahlreiche hochgelobte Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher (u.a. zwölf „Tatorte“) bilden das Ergebnis intensiver Arbeit (z.B. „Abraham“, „Die Geierwally“, „Krach im Hause Gott“, „In der Löwengrube“, „Gaismair“, „Die Beichte“, „Die Hutterer“, „Die Weberischen“). Zum in den Volksschauspielen Telfs uraufgeführten Stück „Mein Ungeheuer“, merkt Mitterer an: „Ich habe nie autobiografisch geschrieben, obwohl natürlich das eigene Leben in allem steckt, was man schreibt. „Mein Ungeheuer“ ist eine Ausnahme. In diesem Text verbirgt sich das Schicksal zweier Frauen, das meiner leiblichen und das meiner Adoptivmutter, untrennbar miteinander verwoben. Und das tote Kind, das im Schuhkarton von Wirtshaus zu Wirtshaus getragen wird, ist meine Zwillingsschwester, die mir bis heute fehlt“ (S. 335).

WIEDER ZURÜCK IN ÖSTERREICH nennt sich das letzte große Kapitel, das die Zeit von 2010 bis heute beschreibt. 2010 kauft Mitterer in Ravelsbach im Weinviertel einen alten Bauernhof, den er mit großer Mühe und fast ruinösem Kostenaufwand renoviert und seit 2011 bewohnt. Seine Leidenschaft und Schaffenskraft zur Literatur sind ungebrochen, seine Liebe zur Kunst bringt „Erholung vom aufdringlichen Lärm unserer Zeit, Erholung von der Bilderflut, die über die Medien auf uns einströmt, Erholung von der Unruhe und Unrast und Häßlichkeit in unserer einstmals heilen Landschaft“ (S. 135). Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Agnes („ohne sie hätte ich die letzten 10 Jahre nicht überstanden“) gestaltet er ein intensives, äußerst kreatives Leben, das einerseits großartige neue Werke (u.a. „Passion“ in Erl „eine Passion, wie es sie noch niemals gab und auch nicht mehr geben wird“; „Jägerstätter“, „Jakob der Letzte“, „Der Boxer“, „Märzengrund“, „Galapagos“, „Luther“) hervorbringt und andererseits auch dazu führt, dass er nach 30 Jahren mit großem Erfolg wieder zu spielen beginnt – als Affe in „Ein Bericht für eine Akademie“. Am 6. Februar 2018, seinem 70. Geburtstag, verkörperte er die Rolle im Theater in der Josefstadt zum letzten Mal: „Die erste Rolle ein Idiot, die letzte ein alter Aff, das hat doch was. Für mich jedenfalls. Beides durfte ich leben. Und nachfühlen“ (S. 450).

Das vorliegende Buch bestätigt die Erfahrungen des Rezensenten und wahrscheinlich der allermeisten Theater- und Literaturliebhaber, dass Felix Mitterer ein begnadeter Dramatiker und wunderbarer Erzähler ist, der in seinen Theaterstücken, Drehbüchern und Hörspielen die Zuseher, Zuhörer und Leser unwiderstehlich in Bann zu ziehen vermag. Seine Werke fesseln inhaltlich, regen zum Nachdenken an, verzaubern; wenn man sie liest, vermeint man, den Autor – in seinem ruhig, angenehmen Sprachduktus – persönlich vor Augen zu haben. Uneingeschränkte Empfehlung für ein großartiges Buch!

 

Gerfried Pongratz

Felix Mitterer: MEIN LEBENSLAUF, Haymon Verlag, Innsbruck-Wien 2017, ISBN 978-3-7099-3425-8, 527 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz

 




Kinderroman über Evolution: „Adam der Affe“ – Eine Besprechung


Adam AffeDie meisten Kinder kommen zuerst in der Grundschule mit Religionsunterricht in Kontakt und lernen dann an einer weiterführenden Schule etwas über die Evolutionstheorie und die nahe Verwandtschaft von Menschen und Affen. Deshalb ist es wichtig, dem Nachwuchs das Wissen über die Evolution so früh wie möglich nahezubringen. Schließlich war der erste Mensch eben nicht der aus Bibel und Koran bekannte Adam.

Dieses Thema hat der Autor Wolfgang Wambach in seinem Kinder- und Jugendroman „Adam der Affe“ verarbeitet. Die spannende Geschichte handelt von einem stummen Jungen, der in einem Schimpansen einen wahren Freund findet.

Kenny Feldmann ist ein 13-jähriger Junge, der nach der Schule am liebsten am Computer zockt. Doch etwas unterscheidet ihn von anderen: Kenny kann nicht sprechen. Auf dem Schulweg wird er regelmäßig von Gleichaltrigen verprügelt. Seinen Frust darüber lässt Kenny an kleinen Tieren aus, die er quält. Erfolge kennt er nur bei Computerspielen im Internet, wo niemand seine Stummheit bemerkt.

Eines Tages lernt er durch Zufall den Schimpansen Adam kennen, der in einem Zirkuskäfig ein tristes Leben führt. Zu Kennys Erstaunen stellt Adam sich ihm in Gebärdensprache vor. Als Kenny am nächsten Tag wieder zum Zirkus geht, passiert ein Unfall, den nur er beobachtet: Der Zirkusdirektor wird bewusstlos geschlagen. Die skrupellosen Zirkusleute haben Adam in Verdacht und wollen ihn zur Rechenschaft ziehen. In letzter Sekunde flieht der Affe aus seinem Käfig und nimmt den verdutzten Jungen auf seiner Schulter mit.

Adam will sich auf den Weg machen zu Professor Weißbart, der ihm einst in einer Forschungsstation die Gebärdensprache beigebracht hatte. Adam belügt Kenny, indem er andeutet, dass der Professor dem Jungen das Sprechen mit dem Mund beibringen könne.

Kenny erträumt sich die Lösung all seiner Probleme und reißt von zuhause aus. Er rasiert den Affen im Gesicht und besorgt ihm einen Anzug und eine Sonnenbrille. Inkognito beginnt für die beiden eine turbulente Abenteuerreise, die sie quer durch das Land führt.

Bald sind die Polizei und auch die Zirkusleute dem Duo auf den Fersen. Sie schaffen es mit letzter Kraft, zum Professor zu gelangen. Aber als sie seine Wohnung betreten, wartet schon die Polizei auf sie und Adam werden Hand- und Fußschellen angelegt. Doch Professor Weißbart nutzt geschickt die Medien und es gelingt ihm eine Sensation: Adam kommt vor ein Gericht und darf sich dort verteidigen. Zum ersten Mal gelten Menschenrechte für einen Menschenaffen. Kenny will unbedingt an der Gerichtsverhandlung teilnehmen. Wird er es schaffen, die Unschuld seines neuen Freundes zu beweisen?

Adam Affe II„Adam der Affe“ ist ein sehr einfühlsames Buch. Die beiden Hauptfiguren entwickeln sich spannend. Der Autor lässt die Leser direkt an den Gedanken und Empfindungen Kennys teilhaben, indem er viel mit inneren Dialogen arbeitet. Man fühlt die Widersprüche in Kenny, wie er seinen Mutismus als Makel empfindet, vor allem, wenn Menschen ihn belehren mit Sätzen wie: „Die Sprache unterscheidet den Menschen vom Tier.“ Kenny entwickelt sich vom unsicheren Einzelgänger, der nur auf sich fixiert ist, zu einem empathischen Helden, der einen Blick für die Gefühle und Bedürfnisse seiner Umgebung bekommt.

Durch die Figur Adam erfahren die Leser, dass Affen denken, lieben, planen und lügen können. Sie haben dieselben Gefühle wie Menschen. Der Schimpanse ist auch ein Beispiel für die vielen Tiere, die in Zoos oder im Zirkus gefangen gehalten werden und dortunter schlimmsten Bedingungen leben müssen.

Der eigentlichen Geschichte folgt ein Nachwort über Große Menschenaffen, das den Kindern zeigt, wie nahe die Verwandtschaft zum Menschen ist. Natürlich besitzen Affen in Wirklichkeit nicht die Fähigkeiten, die Adam in der Geschichte hat – das wird in dem Nachwort aber genau erklärt.

Besonders Kinder und Jugendliche mit wenig Leseroutine und kurzer Aufmerksamkeitsspanne bekommen durch den Roman schnelle Erfolgserlebnisse. „Adam der Affe“ ist für Mädchen und Jungen zwischen 8 und 13 Jahren sehr zu empfehlen!

Wambach, Wolfgang: Adam der Affe

Hardcover DIN A5

132 Seiten mit 6 Zeichnungen und einem wissenschaftlichen Nachwort mit 12 Fotos

15,99 €

ISBN 978-3741852015

Erhältlich im Buchhandel und im Internet.




„GOTTLOS GLÜCKLICH “ von Philipp Möller. Rezension von Gerfried Pongratz


u1_978-3-596-29880-8.60897921Diese Rezension von Dr. Gerfried Pongratz (10/2017) gilt Philipp Möller, dem Diplompädagogen, Bestsellerautor und überzeugten Atheisten. Möller war Pressereferent der »gottlosen« Buskampagne und arbeitet heute für die Giordano-Bruno-Stiftung. Der Verlag zitiert Möller: »Ich möchte zeigen, dass ein Leben ohne Gott für extrem viele Menschen absolut selbstverständlich und wunderschön ist, und ein Gegengewicht bieten zu religiöser Werbung, so wie sie heute – im Verborgenen wie im Öffentlichen – absolut wieder üblich ist.« Provokant, unterhaltsam und unkonventionell trifft Philipp Möller mit seinen Fragen und Thesen einen Nerv. Die Rezension von Gerfried Pongratz:

Philipp Möller: „GOTTLOS GLÜCKLICH – warum wir ohne Religion besser dran wären“

Wer die vorhergehenden Bücher „"Isch geh Schulhof", "Bin isch Freak?“ und „Isch hab Geisterblitz“ von Philipp Möller kennt, weiß, was ihn mit „Gottlos glücklich“ erwartet: Entlang persönlicher Erfahrungen und weiterführender Gedanken eine humorvolle, zuweilen auch bissige Auseinandersetzung mit einem ernsten Thema – hin zu einem Plädoyer für „ein erfülltes Leben ohne Gott!“

Frömmigkeit verbindet sehr, aber Gottlosigkeit noch viel mehr“ meinte Goethe, dem Autor gelingt es auf lockere Weise, diese Aussage unter Beweis zu stellen. Akteure wie Philipp Möller und Organisationen, wie die Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), tragen wesentlich dazu bei, dass es zu „gottloser Fröhlichkeit“ (Adolf Holl) kommen kann und der Begriff „gottlos glücklich“ in den allgemeinen Sprachgebrauch Eingang gefunden hat. Möller schildert die Hintergründe und den Ablauf säkularer Kampagnen, die von der gbs durchgeführt wurden, oder im direkten Umfeld der Stiftung entstanden sind. Beginnend mit der viel beachteten “gottlosen“ Buskampagne beschreibt er sein persönliches – von vielen Mitstreitern und der gbs unterstütztes – Bemühen, ungerechtfertigte Kirchenprivilegien und absurde Glaubensdogmen mit den daraus resultierenden Widerständen gegen eine offene Gesellschaft und einen weltanschaulich neutralen Staat aufzuzeigen, bzw. zu bekämpfen.

Knapp 40% aller Deutschen fühlen sich keiner Religion zugehörig und dennoch besitzen die christlichen Religionen (Kirchen) nach wie vor in nahezu allen Bereich des Lebens und Zusammenlebens der – auch konfessionsfreien – Bürgerinnen und Bürger großen Einfluss und bestimmen und beeinflussen – vom Kindergarten bis zum Sterben – die Geschicke vieler Menschen. Obwohl im deutschen Grundgesetz eine Trennung von Kirche und Staat festgelegt ist und von den meisten Politikern die Aussage „Religion ist Privatsache“ bejaht wird, ist Deutschland nach wie vor eine „Kirchenrepublik“ mit vielen Facetten; mehrere Milliarden Euro müssen von den Steuerzahlern – auch von Atheisten – dafür jährlich aufgebracht werden (die Erklärung, wie und warum es dazu gekommen ist, bildet einen interessanten Teil der Ausführungen).

Ich möchte zeigen, dass ein Leben ohne Gott für sehr viele Menschen absolut selbstverständlich und wunderschön ist und auch, dass man nichts für wahr halten sollte, wofür es keine Beweise gibt“ lautet eine der Grundaussagen des Buches, das auch engagierte Kapitel gegen religiöse Indoktrination durch Pflicht-Religionsunterricht sowie gegen Islamismus und Fremdenfeindlichkeit enthält und im Gegensatz dazu für Menschenrechte, Frauen Empowerment, Kinderrechte (gegen Zirkumzision) und die Möglichkeit eines selbstbestimmten Sterbens plädiert. Ob man ohne Glauben an Gott besser dran ist, müsse jeder für sich entscheiden, dass man aber ohne institutionalisierten Glauben, d.h., ohne Religion, besser fährt, steht für Philipp Möller, belegt mit geschichtlichen und zeitnahen Argumenten, fest. Beispielsweise hält er die Grundaussagen der christlichen Morallehre mit einer Unterscheidung zwischen Gut und Böse für gravierend falsch, da ihre Kriterien willkürlich sind und für die Gestaltung eines fairen Miteinander in unserer heutigen pluralen Gesellschaft nicht mehr ausreichen (Homosexualität z.B. ist nach christlicher Moral falsch, ethisch aber vollkommen unproblematisch). Die Alternative bietet ein ethischer Kompass, der in das Selbstbestimmungsrecht des Individuums fällt und fragt, ob eine Handlung fair oder unfair ist, bzw. ob durch sie die Rechte oder Interessen anderer verletzt, oder gewahrt werden.

Ein flott zu lesendes, in manchen Aussagen provokantes, dabei aber auch sehr informatives Buch, das gleichzeitig gut unterhält. Manche Passagen, vor allem zu den persönlichen Erlebnissen, sind etwas langatmig und manche Dialoge in direkter Rede wirken aufgesetzt. Eine deutliche Straffung mancher Textstellen hätte dem Buch gut getan, insgesamt bietet es aber interessante Einblicke in das Denken bekennender Atheisten und deren Ziele, Religionen in allen Lebensbereichen zu privatisieren, den Einfluss der Kirchen zurückzudrängen, Humanismus zu verbreiten, Aufklärung zu betreiben und zum Nachdenken anzuregen (ein wichtiges Element dazu bildet die Forderung, Pflicht–Ethikunterricht landesweit in allen Schulen und Schulstufen einzuführen).

 

Gerfried Pongratz

Philipp Möller: „GOTTLOS GLÜCKLICH – warum wir ohne Religion besser dran wären“, Fischer Taschenbuch, 2017, ISBN 978-3-59629880-8, 320 Seiten.

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




"Islam in der Krise" von Michael Blume. Renzension von Gerfried Pongratz


978-3-8436-0956-2blumeEine neue Rezension von Dr. Gerfried Pongratz (9/2017) befasst sich mit dem aktuellen Thema Islam. Der Verlag schreibt:

Der Islam scheint selbstbewusst zu expandieren. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Religionswissenschaftler Michael Blume erklärt das Szenario als Symptom einer weltweiten tiefen Krise des Islams. Er zeigt: Es ist nicht einmal mehr klar, wie viele Muslime es tatsächlich noch gibt. Der Rezensent Pongratz findet freundliche Worte für das Buch:

Islam in der Krise – Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug

Bücher über den Islam haben Konjunktur, Amazon z.B. weist 34 Neuerscheinungen für die ersten zehn Monate des Jahres 2017 aus. Über die Qualität mancher dieser Werke kann man geteilter Meinung sein, die Qualität des vorliegenden Buches wird aber aller Voraussicht nach weitgehend unbestritten bleiben; es besticht durch ein breites, tiefgründiges, differenziertes Bild auf den Islam – beginnend bei geschichtlichen Ereignissen bis hin zu seinen heutigen Erscheinungsformen in den Mutterländern, wie auch im Westen. Der mit einer Muslimin verheiratete (evangelisch-christliche) Religions- und Politikwissenschaftler Michael Blume kritisiert sehr offen – ohne diffamierende Untertöne – die Fehlentwicklungen im Islam und analysiert, bzw. beschreibt die sich daraus ergebenden Notwendigkeiten: „Nein, der Islam ist noch nicht tot, doch er gleicht einem Schwerkranken, der vor Verzweiflung und Schmerz um sich schlägt. Und erst, wenn wir – Nichtmuslime und Muslime gleichermaßen – dies realistisch wahrnehmen und verstehen, besteht die Chance auf eine bessere, gemeinsame Zukunft“ (Buchumschlag).

Der Islam befindet sich aus vielerlei Ursachen in einer weltweit tiefen Krise. Beginnend beim Verbot des Buchdrucks 1485 im Osmanischen Reich durch Sultan Bayezid II, dessen Nachwirkungen bis heute zu spüren sind, reicht die Palette zahlreicher Fehlentwicklungen bis zum starren Festhalten an wortwörtlichen Auslegungen der „heiligen“ Schriften und zum – auch politisch begründeten – religiösen Fundamentalismus der meisten Ölstaaten und zahlreicher Islam-Gelehrter. Sie verbieten Religionsfreiheit und unterdrücken Gedankenfreiheit, was bei manchen Muslimen zu Radikalisierung und Gewalt führt und andere, vor allem höher gebildete, veranlasst, sich innerlich (Glaubensabtrünnige sind Ausgrenzungen und großen Gefahren ausgesetzt) vom Islam zu verabschieden.

Aktuelle Forschungen belegen, dass es unter Muslimen (Männer und Frauen) massive Säkularisierungsprozesse gibt, befeuert durch die Gewalt, die im Namen des Islam ausgeübt wird. Nur noch ein kleiner Teil – etwa 30% – der Muslime in Deutschland betet regelmäßig und nur etwa 20% gehören einem religiösen Verband an. Die Anzahl von Muslimen in den staatlichen Darstellungen in Deutschland ist statistisch verzerrt, da alle Menschen, die von muslimischen Eltern abstammen und auch alle, die sich noch irgendwie als Muslime bezeichnen, als solche erfasst werden (als z.B. Christ zählt man dagegen nur, wenn man getauft ist und einer Kirche angehört). Laut Blume beschweren sich immer mehr ehemalige Muslime, dass sie als Muslime geführt und religiösen Verbänden zugerechnet werden, obwohl sie mit jenen nichts zu tun haben wollen und er schlägt vor, dass Muslime einen monatlichen Betrag für ihre Religionszugehörigkeit entrichten und nur dann als Muslime gezählt werden sollten.

Der Autor fordert für den Islam eine Phase der Selbstkritik: Einen kritischen Blick auf die eigene Geschichte, einen kritischen Blick auf die vorherrschende Bildungskrise und vor allem auch auf den grassierenden Verschwörungsglauben. Letzterer gehört zu den größten Problemen des Islam; ein beachtlicher Teil der gläubigen Muslime glaubt nicht mehr (nur) an eine gute Gottheit, sondern an Verschwörungsmythen verschiedenster Art. Nicht nur religiöse Fundamentalisten sprechen von Illuminaten etc., glauben an die „Weltverschwörung der Juden“ sowie die „Verschwörung des Westens gegen den Islam“ und sind damit nicht mehr in der Lage, sich auf einen Dialog, auf Demokratie, oder auf Wissenschaften einzulassen.

Die Bildungsmisere in muslimischen Ländern ist eklatant; das Verbot des Drucks von arabischen Buchstaben im 15. Jahrhundert war eine Katastrophe und bildet den entscheidenden Faktor für den Bildungsrückstand in der muslimischen Bevölkerung. Im Westen führte der Buchdruck – auch über die Bibelübersetzung durch Luther – zu einer Bildungsexplosion mit einer Vereinheitlichung der Sprachen, in der islamischen Welt passierte durch das Verbot das Gegenteil; das Arabische driftete weit auseinander und in den muslimischen Gesellschaften wurde – und wird auch heute noch – sehr viel weniger gelesen, als in nichtmuslimischen. Als Ausfluss dieser Misere kann es z.B. auch dazu kommen, dass, wie gerade in der Türkei geschehen, die Evolutionstheorie aus den Lehrplänen der weiterführenden Schulen gestrichen wird.

Das Buch gliedert sich in 6 große Abschnitte – daraus einige Kernaussagen:

  1. „Das Phänomen des stillen Rückzugs“ mit gleichzeitiger Lähmung der islamischen Institutionen durch das Fehlen von Religionsfreiheit führt dazu, dass viele – nicht nur religiöse – Institutionen und Bewegungen der islamischen Welt größtenteils erstarrten und die Chancen freiheitlicher Demokratien zur Entfaltung eigener Dynamiken nicht nutzen können.
  2. „Das falsche Verbot von 1485“ – aufgehoben erst 1727 – führte zur Versteinerung des Islam; der tunesische Ulama-Gelehrte Abdelfattah Mourou drückte es 2016 in einer Moschee in New Jersey wie folgt aus: “30% der Muslime können weder lesen noch schreiben! Wir können nicht auf eine einzige Universität stolz sein, die Köpfe hervorbringen würde, die die Welt voranbringen. Wir sind eine Gesellschaft, die nicht liest und schreibt!“ (S. 46). Auch aus diesem Grund driften viele Moscheegemeinden in der westlichen Welt in sprachliche und geistige Abschottung; sie tragen dann nicht zu einer Parallel-, sondern leider häufig sogar zu einer Gegengesellschaft bei (S. 66).
  3. „Der Fluch des Öls“ begründet, dass in der islamischen Welt so selten Demokratien gelingen. „Rentierstaaten“ beziehen den größten Teil ihres Einkommens aus weitgehend arbeitsfreiem Einkommen wie Zölle, Tribute und Rohstoffverkäufen. Diese Staaten, wie z.B. Saudi-Arabien, sind nicht daran interessiert, das Bildungs- und Wirtschaftssystem zu modernisieren und sich gebildete, ökonomisch unabhängige Bürgerinnen und Bürger heranzuziehen. „Solange die restliche (nicht nur westliche) Welt Tag für Tag Millionen Fässer Öl importiert und damit Renteneinnahmen in Milliardenhöhe generiert, wird es in den ölproduzierenden Regionen keinen echten Frieden und schon gar keine Demokratien geben“ (S. 83). Die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi drückte es wie folgt aus: „Ich wünschte, es gäbe im Nahen Osten kein Öl und dafür mehr Wasser. Die Menschen wären dann viel glücklicher“ (S. 90).
  4. „Verschwörungsglauben – Die dunkle Seite der Religiosität“:
    Der syrisch-deutsche Politikwissenschaftler Bassam Tibi bezeichnet den weitverbreiteten Glauben an eine – vor allem westliche – Superverschwörung gegen den Islam als „Trauma der arabischen Politik“ und als eine der wichtigsten Ursachen der Krise des Islam. Das Problem liege vor allem im derzeitigen Selbstbild von Arabern und Muslimen als subjektiv machtlos (S. 95). In den Schulbüchern findet sich nichts von innerislamischen Versäumnissen und Reformbedarf, den Kindern wird ein Geschichtsbild voll Trauer um vergangene Größe und Hass auf heutige, westliche und vor allem jüdische „Verschwörer“ vermittelt – ohne lernen zu können, was sie selbst zur Mehrung des Wissens und zur Verbesserung ihrer Gesellschaften beitragen könnten (S. 105).
  5. „Geburtendschihad oder Geburtenknick – Religiöse Demografie und die Traditionalismusfalle“:
    Allgemein gesehen, bekommen religiöse Menschen (Muslime, Christen, Juden etc.) mehr Kinder als weniger fromme, oder nicht mehr religiöse. Die „Prognose“ von Sarrazin (ähnlich bei Houellebecq) „Deutschland schafft sich ab“ ist jedoch falsch, in den islamischen Nationen gehen die Geburtenraten entsprechend zunehmender Alphabetisierung und Bildung stark zurück (S. 131). Es bestätigt sich demografisch, dass ohne Freiheit zur Herausbildung lebensförderlich angepasster Religionsgemeinschaften und familiärer Vielfalt ein Geburtenknick tief unter die Bestandserhaltungsgrenze droht. Und genau dieser vollzieht sich gerade in der islamischen Welt (S. 139). Wenn eine Überwindung der Krise des Islam gelingen soll, dann sicher nur mithilfe bildungs- und aufstiegsorientierter Frauen und einer besseren Vereinbarkeit von Bildung und Glauben, von Beruf und Familie (S. 146).
  6. „Was Muslime und Nichtmuslime tun können, um die Krise des Islam zu überwinden“ (Zitate S. 147 – 1154):
    Freiheit, die nicht entschieden ausgefüllt wird, stirbt. Dies gilt in besonderer Weise – und nicht nur im Islam – für Religionsfreiheit. Die schnellste und wirkungsvollste Tat zur Schwächung von Diktaturen und Terrorgruppen besteht in der Reduzierung des Öl- und Gasverbrauches. Die Förderung von Bildung ist jedem von uns möglich, eine ausreichende Berücksichtigung der islamischen Geschichte auch in den europäischen Bildungs- und Lehrplänen ist wichtig. Das gemeinsame Merkmal aller Extremisten ist ein Verschwörungsglaube, der Dialog, Bildung, Demokratie und Frieden untergräbt. Dagegen gilt es, eine viel stärkere, wissenschaftlich orientierte Erkennungs-, Beratungs- und Präventionsarbeit sowie eine frühzeitige, effektive Strafverfolgung zu forcieren. Ein Appell des Autors an die muslimische Leserschaft des Buches: „Setzen Sie ein Zeichen! Machen Sie von der Ihnen geschenkten Freiheit mutig Gebrauch, indem Sie sich entschieden für eine friedvolle Bildungsreform des Islam engagieren und im eigenen Umfeld damit beginnen.“

Empfehlenswerte Lektüre für Leserinnen und Leser, die die Krise des Islam und die Konflikte zwischen den Kulturen besser verstehen und an einer friedvollen Lösung mitarbeiten möchten. Manche hinterfragbare Aussagen des Autors spiegeln seine persönliche Affinität zu Religiosität, bzw. zu Religionen als Sinnvermittler und Problemlöser wider, insgesamt aber bestechen die Ausführungen durch Sachlichkeit, Klarheit und umfassendes Wissen – ergänzt durch ein ausführliches Glossar und umfangreiche Literaturhinweise.

 

Gerfried Pongratz

Michael Blume: Islam in der Krise – Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug Patmos Verlag, 2017, ISBN 978-3-8436-0956-2, 192 Seiten.

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




Rezension zu „Problemfall Priesterkaste II“ von Siegfried R. Krebs


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Der Rezensent Siegfried R. Krebs ist hier der Autor, und der Autor Heiner Jestrabek betätigt sich hier als Rezensent: Die Edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum hat mit „Problemfall Priesterkaste“ ein ganz besonderes Buch herausgebracht und zwar ein Buch voll mit Buchbesprechungen (Rezensionen). Den geneigten Leserinnen und Lesern sei dieses Kompendium als Kompass zur Orientierung im Dschungel der vielfältigen modernen Aufklärungsliteratur wärmstens anempfohlen. Dieser Verlagstext gehört noch zum 1. Band, diesmal geht es um den 2. Band (9.9.17): 

 

Ein weiterer Band zum Problemfall Priesterkaste erschienen

WEIMAR. (fgw) Anfang September ist nun der zweite Band „Problemfall Priesterkaste“ erschienen. Damit kam der Verlag freiheitsbaum dem Wunsch vieler Leser nach einer aktuellen Fortführung des religions- und kirchenkritischen Kompendiums von Siegfried R. Krebs nach.
 

Religion versus Vernunft: Es gibt ein nahezu unübersichtliches Spektrum an angebotenen Medien, das sich kritisch mit den Phänomenen Dogmenwahn, Klerikalismus, Fundamentalismus, Religions- und Kirchenkritik auseinandersetzt. Mancher mag da denken, wer soll dies alles denn noch lesen? Dabei überschwemmen in weit größerem Maß und unerträglich aufdringlich die kirchenfrommen, missionarischen, esoterischen und viele primitive Machwerke den Markt und die öffentliche Wahrnehmung. Nach wie vor stehen die meisten dieser sozialkritischen Bücher außerhalb der Mainstreamwahrnehmung, werden – bis auf wenige Ausnahmen – von den überwiegend in wenigen privaten und klerikalen Händen liegenden Massenmedien kaum beachtet und sind deshalb größtenteils noch zu wenig bekannt. Brauchen wir also deshalb nicht einen Kompass religionskritischer »Books to Read Before You Die«, damit wir mitreden können?

Siegfried R. Krebs, der diplomierte Kultur- und Theaterwissenschaftler, arbeitet als Freier Journalist in Weimar. Von Hause aus religionsfrei, ist er seit 2008 in freigeistigen Organisationen tätig und betreibt seit Ende 2010 das Internet-Portal www.freigeistweimar.de. Hier sind die meisten seiner Rezensionen ursprünglich. Sie wurden dann vielfach von anderen Webseiten übernommen; sie sind aber auch zum Teil in Printmedien der »säkularen Szene« erschienen.

Er hatte für die edition Spinoza bereits in einer ersten Auswahl die kirchen- und religionskritischen sowie Humanismus- und Evolutionsbezogenen Online-Rezensionen aus der Zeit von Januar 2011 bis Mai 2015 zusammengestellt; eine »Blütenlese« im besten Sinn des Begriffs »Anthologie«.

Der jetzt vorliegende zweite Auswahlband enthält seine Rezensionen aus der Zeit von Juni 2015 bis Mai 2017. Diese Auswahl der Rezensionen von Siegfried R. Krebs zeigt sehr anschaulich, wie vielfältig die Aspekte von Religions- und Kirchenkritik sein können. Der Gegenstand der besprochenen Literatur hat viele Facetten: Popularphilosophie, Theologiekritik, Naturwissenschaft, Geschichtswissenschaft, aber auch realistische historische und Kriminal-Romane, sowie Werke der Sátire. Letzteres brachte in der Geschichte der Literatur schon immer ihre populärsten Befreiungsschläge in antiklerikaler Form hervor.

In diesen Band ist auch ein Index aufgenommen worden, der die in beiden Bänden besprochenen Bücher zusammenfaßt.

Den geneigten Leserinnen und Lesern sei daher auch diese Fortsetzung des Kompendium als Kompass zur Orientierung im Dschungel der vielfältigen modernen Aufklärungsliteratur wärmstens anempfohlen.

 

Heiner Jestrabek

 

Siegfried R. Krebs: Problemfall Priesterkaste. Religions- und kirchenkritische Rezensionen, Band II 2015-2017. 194 S. brosch. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2017. 15,00 Euro. ISBN 978-3-922589-67-9

Dieses Buch kann direkt beim Verlag bestellt werden: ed.spinoza@t-online.de – Bestelladresse: edition Spinoza, Hellensteinstr. 3, D-89518 Heidenheim. Tel.: (07321) 42849, Fax: (07321) 42892

Link zum Originalartikel bei Freigeist Weimar

 




„Relativer Qantenquark" von Holm Gero Hümmler. Rezension von Gerfried Pongratz


9783662538289Diese Rezension von Dr. Gerfried Pongratz handelt von einem Buch, das nicht nur viel Wissen vermittelt, sondern auch der Esoterikszene und diversen Scharlatanen gekonnt Paroli bietet.(Pongratz). Laut Verlag räumt es mit der Vorstellung auf, dass esoterische und alternativmedizinische Konzepte mit der Relativitätstheorie und Quantenphysik zu begründen wären. Es unterscheidet demnach zwischen Grenzgebieten der Physik und Quantenunsinn. Aber warum wird dann der Quantenbegriff , wie ihn Pongratz unten wiedergibt, mit der "Welt dieser kleinsten Teilchen" assoziiert? Laut wiki ist das nur ein Teil der eigentlichen Bedeutung des Begriffs (8/2017):

Relativer Qantenquark – Kann die moderne Physik die Esoterik belegen?

„Viele Fälle, in denen die Relativitätstheorie oder die Quantenphysik als Belege für Heilmethoden, seltsame Gerätschaften oder Psychotechniken zitiert werden, dienen vor allem dazu, nicht verstanden und nicht hinterfragt zu werden“. Der in der Skeptikerszene aktive, promovierte Kern- und Teilchenphysiker Holm Hümmler räumt mit der Vorstellung auf, dass esoterische und alternativmedizinische Konzepte mit der Relativitätstheorie und/oder Quantenphysik zu begründen wären. Auf populärwissenschaftlich hohem Niveau erläutert er – auch für Laien mit Vorwissen gut verständlich – die Grundlagen der Relativitätstheorie und Quantenmechanik, wie auch Fragen zur wissenschaftlichen Theorienbildung und Spitzenforschung in der modernen Physik. Je ein Kapitel ist „Missverständlichem und Fehlgeleitetem – Jenseits der Grenzen des Seriösen“ sowie „Missbräuchlichem und Unbrauchbarem“ gewidmet; so z.B. der These, dass aus der berühmten Einsteinschen Formel E=mc² gefolgert werden könne, dass Materie aus der Energie von Gedanken entstehen und daraus „alles ist vorstellbar“ resultieren könne. Quantenheilung und Vieles mehr, was aus Unwissenheit und/oder Geschäftemacherei rund um die Themen Relativitätstheorie und Quantenmechanik angeboten wird, kann unter „Quantenquark“ zusammengefasst werden (irrationale Glaubenssätze existieren nicht im leeren Raum. Hinter ihnen stehen Welterklärungsansätze, die ein gefährliches Eigenleben entwickeln können).

Was steckt hinter den Theorien der modernen Physik? Das Buch bietet, beginnend bei geschichtlichen Entwicklungen und mit zahlreichen Quellen belegt, klare Definitionen und Erläuterungen mit einer weitgespannten Fülle neuester Erkenntnisse, die unsere Zukunft wesentlich mitgestalten werden. Vom „Welle-Teilchen-Dualismus“ über den „Tunneleffekt“ hin zur „Verschränkung und Nichtlokalität“ führt der Weg (über das unglückliche Beispiel von „Schrödingers Katze“) hin zu neuen Überlegungen wie der Stringtheorie und zu wahrscheinlichen Entwicklungen in der Quantenbiologie und im Quantencomputing.

Aus der Fülle der behandelten Themen einige Beispiele:

Was sind Quanten und was versteht man unter Quantenmechanik?

Als Quanten – sie sind keine besonderen Teilchen und keine andere Form von Materie – werden die kleinsten Energiemengen oder Wellenpakete bezeichnet, aus denen eine elektromagnetische Welle, wie zum Beispiel Licht aufgebaut ist. Die Quantenmechanik beschreibt die Welt dieser kleinsten Teilchen; man kann ihre Eigenschaften wie den Ort nicht messen, ohne sie durch die Messung zu verändern (bestimmte Eigenschaften sind nur in Form von Wahrscheinlichkeiten festgelegt). Wenn man sie perfekt von der Außenwelt isoliert, zeigen beschleunigte Teilchen Eigenschaften von Wellen, umgekehrt haben Licht und andere Wellenphänomene Teilcheneigenschaften, die sich bei Betrachtung sehr kleiner Energien zeigen (im Experiment verschwinden solche Effekte, sobald der Kontakt zur Außenwelt, zum Beispiel durch eine Messung, wieder hergestellt ist). Ein ähnlicher Effekt ist die Überlagerung von einem zerfallenen und einem nicht zerfallenen Zustand, im klassischen Sinne ist der Zustand des Teilchens hierbei bis zur Messung nicht definiert. Zwei Teilchen, die aus demselben Prozess hervorgegangen sind, können, auch wenn sie voneinander entfernt sind, quantenmechanisch einen gemeinsamen („verschränkten“) Zustand bilden, bis sie mit der Außenwelt wechselwirken (Einstein sprach von „spukhafter Fernwirkung“). All dies, und noch mehr, beschreibt die Quantenmechanik; so z.B. auch die Chemie auf der Basis von Physik (als Beschreibung der Welt der kleinsten Teilchen und der Eigenschaften von Atomen).

Was sind Quantencomputer?

Quantencomputer nutzen Quanteneffekte, um mit beliebigen Zahlen anstatt nur mit Nullen und Einsen zu rechnen; so können sie bestimmte Rechenaufgaben möglicherweise sehr viel effizienter lösen als klassische Computer. Sie befinden sich zur Zeit noch in einer frühen Phase der Entwicklung und da der technische Aufwand bei der Herstellung und dem Betrieb, wie auch bei der Programmierung, noch große Probleme bereitet, ist schwer absehbar, welche Rolle sie in Zukunft spielen werden.

Was versteht man unter Quantenbiologie?

Die Quantenbiologie erforscht das mögliche Auftreten von Quanteneffekten in Lebewesen. Einige der dabei gefundenen Effekte sind vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie in lebenden Zellen, also in warmen, ungeordneten Umgebungen, ablaufen. Ihre Ausdehnung beschränkt sich aber in der Regel auf Größenordnungen zwischen einzelnen Teilchen und dem Durchmesser großer Moleküle. Effekte der Quantenmechanik, die sich nicht auch mit klassischer Physik erklären lassen, kommen in biologischen Systemen allenfalls innerhalb einzelner Moleküle vor. Elektromagnetische Wellen oder Wellenlängen, die man als „Elektrosmog“ bezeichnet, wirken auf biologisches Gewebe praktisch nur in Form einer Erwärmung und „Quantenheilung ist nicht mehr als eine Suggestionstechnik, die als Form der Geistheilung praktiziert wird. Mit Quanten- oder sonstiger Physik hat sie absolut nichts zu tun (S. 178).

Quantenquark selbst angerührt (S. 212-214):

  1. Erwähne verblüffende Tatsachen aus der Relativitätstheorie oder Quantenmechanik:
    Z.B.: „In der Relativitätstheorie sind Masse und Energie äquivalent (E=mc²) und nach der Quantenmechanik können Teilchen an unterschiedlichen Orten miteinander verschränkt sein.“
  2. Verallgemeinere diese Tatsachen zu einer falschen Aussage, die in einem übertragenen Sinne noch einen wahren Kern enthält:
    Z.B.: „Da Masse und Energie äquivalent sind, ist Materie folglich nichts weiter als reine Energie. Da auch entfernte Teilchen miteinander verschränkt sind, hängt auf der Welt alles mit allem zusammen.“
  3. Nimm die Verallgemeinerung wörtlich und definiere die Begriffe so um, wie du sie brauchst:
    Z.B.: „Materie ist reine Energie, und diese Energie mobilisieren wir bei der Meditation. Da alles mit allem zusammenhängt, funktioniert Quantenheilung (sogar auch via Telefon).“

Ein großer Vorzug des Buches ist, dass jedem Themenbereich eine Zusammenfassung „Zum Mitnehmen“ beigeordnet wurde, die knapp, klar und präzise die Kernaussagen enthält. Allein das Lesen dieser 26 Kurzbeschreibungen würde genügen, einen guten Überblick und viel Wissen zu gewinnen. Zusätzlich zu diesen Zusammenfassungen enthält das Buch in zahlreichen Einschüben sogenannte „Quarkstückchen“, die beschreiben, was oftmals an Unsinn, Esoterik und Geschäftemacherei zum jeweiligen Thema verkündet und verkauft wird. Auch werden einige mehr oder weniger esoterische „An- und Einsichten“ ursprünglich seriöser Wissenschaftler (Hans-Peter Dürr, Burkhard Heim, Markolf Niemz) sowie fragwürdige Theorien, wie z.B. die „schwache Quantentheorie“ (formuliert von Harald Walach), mit sich daraus ergebenden pseudowissenschaftlichen Behauptungen und Methoden (z.B. in sogenannten „Familienaufstellungen“), kritisch beleuchtet: Die schwache oder verallgemeinerte Quantentheorie hat mit Quanten nichts zu tun. Sie entnimmt der Quantenmechanik lediglich Begriffe und Formalismen, gibt ihnen dabei aber neue Definitionen. Experimentelle Belege, dass dabei eine sinnvolle Theorie herausgekommen ist, gibt es nicht (S. 166).

Uneingeschränkte Leseempfehlung für physikaffine Leserinnen und Leser, die nicht nur von moderner Physik mehr verstehen möchten, sondern auch Interesse daran finden, esoterische Glaubensvorstellungen sachlich fair, ohne Häme, widerlegt und Scharlatane entlarvt zu sehen.

 

Gerfried Pongratz

Holm Gero Hümmler: "Relativer Qantenquark – Kann die moderne Physik die Esoterik belegen?", Springer-Verlag, 2017, ISBN 978-3-662-53828-9, , 233 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„Siegen heißt, den Tag überleben - Nahaufnahmen aus Syrien“ von Petra Ramsauer. Rezension von Gerfried Pongratz


ramsauerbuch Diese Rezension von Dr. Gerfried Pongratz befasst sich mit einem Buch von Petra Ramsauer. Laut Verlag ist die Autorin eine der wenigen Journalistinnen, die noch nach Syrien reisen können, ins Zentrum der Kämpfe, u.a. nach Aleppo, Daraya und anderen Städten – dorthin, wo die Menschen verhungern und umkommen, belagert sind und abgeschnitten werden von der Außenwelt: Syrien wird immer mehr zu einem Stellvertreterkrieg der Großmächte, in dem auch dschihadistische Extremisten mitmischen – wer den Krieg gewinnen wird, ist noch völlig unklar. Verlieren werden ihn die vielen Millionen Menschen, die vor den Trümmern ihres Lebens stehen. Die Rezension von Gerfried Pongratz (6/2017):

 

„Siegen heißt, den Tag überleben – Nahaufnahmen aus Syrien“

„Wer während des Krieges nach Syrien fährt, kommt verändert zurück….. Die Ereignisse dort führen vor Augen, zu welch bestialischen Gräueltaten Menschen fähig sind. Aber sie zeigen auch, wie viel Widerstandsfähigkeit und Durchhaltevermögen in Menschen stecken kann“ (S. 10). Die mit dem Concordia-Preis für Menschenrechte ausgezeichnete österreichische Politikwissenschaftlerin Petra Ramsauer ist seit 20 Jahren als profunde Kennerin der Region Krisen- und Kriegsberichterstatterin im Nahen Osten. Im vorliegenden Buch analysiert sie fachkundig, tiefgründig und mit viel Empathie die Entwicklungen der letzten Jahre in Syrien und beschreibt, wie ein schonungsloser Luftkrieg ein Volk und Land brutal zerstört, wie Hunger als Waffe eingesetzt wird, wie Terrornetzwerke entstanden sind und wie ein Volk zwischen den Fronten zerrieben wird. Es geht ihr dabei weniger um die Kampfhandlungen und den Frontverlauf als um die verheerenden Folgen des Krieges und der Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung.

„Mit friedlichen Protesten gegen Präsident Baschar al-Assad wollten die Menschen „nur“ Syrien verändern. Daraus wurde ein Bürgerkrieg, der die Welt veränderte“ (S. 11). Ohnmächtig wird die Weltöffentlichkeit tagtäglich Zeuge neuer Gräueltaten und menschlicher Katastrophen, mindestens 500.000 Opfer forderte der Krieg bis jetzt, bis zu einer Million könnten es schlussendlich sein. Zum überwiegenden Teil ist daran die brachiale Kriegsführung des syrischen Regimes und seiner Verbündeten – ab Herbst 2015 vor allem Russland mit seinen Luftangriffen – schuld. Während in Syrien immer stärker ein Stellvertreterkrieg der Großmächte tobt, in dem auch immer mehr verschiedene – zum Großteil djihadistische – Gruppierungen mitmischen, ficht die Zivilbevölkerung Tag für Tag einen immer aussichtsloser werdenden Kampf ums nackte Überleben.

Petra Ramsauer beschreibt die geschichtliche Entwicklung Syriens und die Auswüchse von Assads Gewaltregime, das mit eiserner Hand und brutalen Foltermethoden jeden Versuch zur Erlangung von mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie unterdrückte. Im Februar 2011 beschmierten 19 Buben eine Mauer ihrer Schule in Dara’a mit Parolen gegen Baschar al-Assad; sie wurden verhaftet und brutal gefoltert, was einen Aufstand entfachte, der zum Zündfunken der Revolution wurde – wobei die Hoffnung in der Luft lag, dass „der Westen“ moderate Kräfte unterstützt. Was nicht geschah und dazu führte, dass al-Kaida Kämpfer sowie zahlreiche weitere djihadistische Extremisten ins Land strömten, die islamistische al-Nusra–Front und – ausgehend vom Irak – den Islamischen Staates (IS) bildeten und ein paralleles Netzwerk an Extremistengruppen entstehen ließ. Aus der „Freien Syrischen Armee“, die in den Anfängen des Aufstandes 2011 als bewaffneter Flügel der politischen Opposition auftrat, wurde eine chaotische Allianz völlig unterschiedlicher Gruppierungen, die in einem Wildwuchs von zehntausenden Milizen ohne Struktur und Kommandokette unkoordiniert kämpfen und nicht selten in den Sog von Korruption driften und die Zivilbevölkerung ausbeuten (S. 140).

In 8 Haupt- und zahlreichen Unterkapiteln zeichnet die Autorin – belegt mit 121 Quellen – das Schreckensbild eines Landes, in dem unbeschreibliche Brutalität und undurchschaubares Chaos herrscht, beides sich von Jahr zu Jahr verschlimmernd. Hunderttausende Zivilisten wurden in den umkämpften Gebieten – belagert und abgeschnitten von der Außenwelt – zu Gefangenen des Krieges, finden keinen Zugang zu humanitärer Hilfe und leben in permanenter Todesangst ohne Möglichkeit zu fliehen, da alle Nachbarstaaten die Grenzen längst geschlossen haben.

In den Kapiteln „Was von Syrien bleibt“ und „Auf der Suche nach der Zukunft Syriens“ versucht Petra Ramsauer aufzuzeigen, was an eigenen Kräften im Land sowie an politischer und wirtschaftlicher Hilfe international nötig sein wird, das Land zu stabilisieren, wenn der IS und Assad Geschichte sind. Es steht zu befürchten, dass danach ein weiterer großer Konflikt beginnt; zwischen Säkularen, die eine Demokratie nach westlichem Vorbild und Dschihadisten, die einen islamischen Gottesstaat errichten wollen. Nach Ansicht zahlreicher Experten droht hier die nächste Revolution, u.a. auch, weil es der dschihadistischen Nusra-Front gelungen ist, sich im Alltag der Menschen zu verankern. Völlig offen ist auch, wie sich die Wünsche der Kurden, die eine Hauptlast im Kampf gegen den IS tragen, nach mehr Autonomie, bzw. einem eigenen Staat, verwirklichen lassen werden.

"Siegen heißt, den Tag überleben" ist kein leicht zu lesendes Buch! Einerseits, weil die verwirrende Fülle vieler beschriebener Einzelereignisse sowie die Undurchschaubarkeit der komplizierten Verhältnisse und komplexen Vorgänge es nicht leicht machen, den Hauptsträngen der jeweiligen Entwicklungen zu folgen und andererseits, weil die Not und das beschriebene Leid der Bevölkerung aufwühlen und keine distanzierende Lektüre zulassen. Petra Ramsauer ist mit dieser Reportage ein Buch gelungen, das erschüttert und klar macht, dass dieser Krieg uns alle angeht!

 

Gerfried Pongratz

Petra Ramsauer: "Siegen heißt, den Tag überleben", © 2017, Verlag Kremayr & Scheriau, Wien, ISBN 978-3-218-01060-3, 207 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




„Treffen sich zwei Gene“ von Ernst Peter Fischer. Rezension von Gerfried Pongratz


118_0075_173871_xxlNoch eine neue Rezension von Dr. Gerfried Pongratz befasst sich mit Genen. Der Verlag sagt dazu: Warum wir ein neues Verständnis der Gene brauchen! Die Fortschritte der Genetik sind enorm – und die herkömmliche Vorstellung, Gene hätten einen festen Ort und klar definierte Aufgaben, ist nach neuesten Erkenntnissen überholt. Ernst Peter Fischer zeigt, warum wir ein verändertes Verständnis der Gene brauchen: Sind sie doch etwas Bewegliches, mit dem unsere Erbanlagen einen ständigen Wandel vollziehen. Die Rezension von Gerfried Pongratz (6/2017):

„Treffen sich zwei Gene – Vom Wandel unseres Erbguts und der Natur des Lebens“

Gene sind Prozesse. Deshalb ist die lieb gewordene Auffassung von Genen als Kausalfaktoren mit festem Ort und klar definierten Aufgaben mit den neuen Erkenntnissen nicht mehr vereinbar“. Diese Feststellung im Vorwort beschreibt den Inhalt des Buches und vermittelt indirekt die Absicht des Autors, den neuesten Wissensstand zu den Themen Gene – Genetik – Bauplan des Lebens – Geheimnis des Lebens – Gentechnik zur Verbesserung des Menschen, einem breiten Leserkreis verständlich zu vermitteln. Der renommierte Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer unterzieht sich dieser Aufgabe mit Akribie und erkennbarer Begeisterung; er zeigt am historischen Werdegang der Forschung, wie sich das moderne Bild der Gene im Lauf der Zeit entwickelte und aktuell bei einem dramatischen Wendepunkt im Verstehen unseres Erbguts und der Natur des Lebens angelangt ist.

„Niemals bestimmen Gene allein, welche Charakteristiken ein Organismus letztendlich aufweist. Erbanlagen gehen vielmehr zahlreiche Kollaborationen ein und stehen in Wechselwirkung mit vielen Faktoren“ (S. 8). Mit dieser Feststellung verbindet sich ein folgenreicher „Abschied vom Determinismus der Gene“, der zum Eingeständnis führt, dass man im Erbmaterial eines Menschen kaum Gene findet, sondern „offenbar viel mehr und vielleicht etwas Neuartiges, das man noch längst nicht verstanden hat“ (S. 23). Das sog. „Humangenomprojekt“ hat die „Geheimnisse der Gene und des Menschen nicht gelüftet, sondern im Gegenteil enorm vertieft“. Manche Fachleute sprechen von einem „postgenetischen Zeitalter“, obwohl sie mittels Gen-Bearbeitung (z.B. mit CRISPR-Cas9) immer „bessere Methoden finden, in das Erbgut einzugreifen, auch wenn sie nicht verstehen, was die eigentlichen Lebensläufe ausmacht“ (S.24).

Mit „Der lange Weg zu langen Molekülen“ beginnend, beschreibt der Autor die Entdeckung der Gene, die Arbeiten Gregor Mendels und seiner Nachfolger, die genetischen Studien an Drosophila melanogaster, die Arbeitsmethoden und Forschungsergebnisse der Molekularbiologie mit der Strukturaufklärung der Proteine und der Doppelhelix sowie die Einführung genetischer Begriffe in die Wissenschaftssprache, wobei zahlreiche grafische Darstellungen das Verstehen komplizierter Vorgänge erleichtern. Die Beschreibung von „Rätseln der Immunologie“, wie z.B. eine Zelle aus wenigen Genen die große Vielzahl an Antikörpern erzeugen kann, führt zur Erkenntnis, dass Gene „erst im Lauf der Entwicklung zusammengestellt (werden), und zwar abhängig von den Erfahrungen, die ein Kind macht…“, woraus folgt: „Gene sind nicht, Gene werden nur, und zwar sowohl während der Entwicklung des Menschen als auch in jedem Augenblick seiner Existenz, wenn seine Zellen ihre Proteine anfertigen, mit denen sie den Lebensunterhalt bestreiten“ (S. 100).

Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem überschreiten, auch nur annähernd alle im Buch beschriebenen Aspekte der genetischen Wissenschaften darzustellen. Letztere haben sich nach Ansicht verschiedenen Experten „in eine völlig neue Situation hineinmanövriert: Das gute alte Gen, nach dem seit über hundert Jahren geforscht wird…, lässt sich kaum noch fassen….Die Zeit nach den Genen hat begonnen, und die Zukunft steht so offen wie nie“ (S.28). Mehrere Kapitel mit zahlreichen Unterkapiteln erläutern und erhärten diese Aussage, nicht zuletzt die Aufklärung epigenetischer Mechanismen führte zur Einsicht, „dass Gene – konkret die DNA-Sequenzen einer Zelle – niemals allein bestimmen, welche Charakteristiken einem Organismus letzten Endes zukommen“ (S. 202). „Es gibt nicht die eine Ebene – die der genetischen Moleküle -, die eine andere Ebene ursächlich hervorbringt. Vielmehr stellt sich ein Wechselspiel ein, bei dem das, was gemacht ist, das beeinflusst, was sich mit dem Machen befasst“ (S. 213).

Dass die genetischen Wissenschaften in der Öffentlichkeit einen hohen Aufmerksamkeitsgrad besitzen (und z.T. sehr kontroversiell diskutiert werden, siehe „Gentechnik in der Landwirtschaft“), liegt nicht nur an den bereits genützten Eingriffen ins Erbgut von Pflanzen, Bakterien, Viren, Tieren, sondern auch an zukünftigen Möglichkeiten, die Großes erahnen, bei vielen Menschen aber auch befürchten lassen. Bedeutende Kapitel des Buches sind deshalb den Themen „Arbeit am Erbgut“ und „Die Verbesserung des Menschen“ gewidmet, wobei im Bereich „Gene Editing“ selbstverständlich die alles Bisherige überragende Methode CRISPR-Cas9 ausführlich zur Sprache kommt. Die sich durch diese relativ einfache und kostengünstige Gentechnik-Methode ergebenden Aussichten sind noch gar nicht voll abschätzbar, Biomediziner z.B. hegen die begründete Hoffnung, dass CRISPR-Cas9 als Quelle für gravierend positive medizinische Neuerungen dienen und zu gesünderen Menschen, bzw. zu einem besseren Leben führen kann. Die Unterkapitel „Auf dem Weg zu einem besseren Menschen“ und „Perfekte Menschen in einer perfekten Gesellschaft“ hat der Autor allerdings mit Fragezeichen versehen und widmet 13 Seiten (294 – 307) der „Freiheit und Verantwortung in der Wissenschaft“, wobei er eindrücklich darlegt, wie die „Verantwortung der Naturwissenschaftler eine neue Dimension angenommen“ hat (S. 305).

Das Nachwort des Buches beginnt mit „Pantha rhei“ und verbildlicht – mit literarischen und philosophischen Aperçus gewürzt –, wie „alles in Bewegung und Bewegung alles“ ist: Leben ist im Fluss „und dieser Fluss lebt von den Genen und die Gene von und in ihm“ (S. 311). Eine Zeittafel zur Geschichte des Gens und ein ausführliches Glossar ergänzen ein interessantes Werk zu einem nicht einfach zu erläuternden und auch für Leser mit soliden Biologiekenntnissen nicht in allen Einzelheiten leicht zu verstehenden großen Thema, das letztendlich „das Leben und die ganze Welt umfasst“. Dem Autor ist es populärwissenschaftlich gelungen, die genetischen Wissenschaften in einem großen Bogen von den Anfängen der Gene, über ihre zahlreichen (erfolgreichen und erfolglosen) Zwischenschritte, bis zum heutigen Erkenntnisstand – nicht als Objekte, sondern als Prozess begriffen – gut verständlich darzustellen und dabei auch künftige Entwicklungen aufzuzeigen, die noch ungeahnte Möglichkeiten in sich bergen.
 

Dr. Gerfried Pongratz

Ernst Peter Fischer: „Treffen sich zwei Gene – Vom Wandel unseres Erbguts und der Natur des Lebens“ © 2017, Siedler Verlag München, ISBN 978-3-8275-0075-5, 336 Seiten.
 
Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz



„Widerstand der Vernunft“ von Susan Neimann. Rezension von Gerfried Pongratz


9783711052216-768x1389Bei seiner neuen Rezension spricht Dr. Gerfried Pongratz von einer "Buchempfehlung". Auch der Verlag findet freundliche Worte für das Buch: Susan Neiman zeigt in ihrem intellektuellen Aufruf, dass es neue politische Ideen braucht, um Populismus und konservativen Nationalismus aufzuhalten. Wenn heute den Fakten, der Vernunft und dem politischen Mitdenken nicht der Raum gegeben wird, den es braucht, werden die Lügen der »postfaktischen« Populisten Konsequenzen haben. Susan Neiman ruft dazu auf, für Wahrheit und Moral öffentlich einzutreten, Alternativen zu denken und zu leben und den bedenklichen politischen Entwicklungen in den USA und Europa so die Stirn zu bieten. Nun die Rezension von Gerfried Pongratz (6/2017):

Susan Neimann: „Widerstand der Vernunft – Ein Manifest in postfaktischen Zeiten“

Die Welt wird sich ändern, wenn jene Politik, die Trump zum Präsidenten machte, zur Normalität erklärt wird“ (S. 69). Klare Worte auf wenigen Seiten zu den Wörtern des Jahres 2016 – „post-truth“ und postfaktisch – und ihren Protagonisten, wie auch zu deren Methoden, wie z.B. „gaslighting“ (permanente Verbreitung offensichtlicher Lügen, um Gegner zu verwirren) mit vorgetäuschter Authentizität, die bei wenig informierten Menschen Glaubwürdigkeit erzeugt, obwohl die behaupteten Tatsachen frei erfunden sind. Donald Trump, dem es nach Ansicht der Autorin völlig an Schamgefühl fehlt, wird anhand seiner Aussagen und Handlungen in der Vergangenheit, wie auch Gegenwart, als ignoranter, geldgieriger, verlogener Narzisst (S. 16) charakterisiert; einige seiner Mitstreiter, wie Steve Bannon, sowie unterstützende Medien, wie Breitbart News, werden durch zahlreiche Hintergrundinformationen bloßgestellt und die sich aus dieser Konstellation ergebenden politischen, wirtschaftlichen sowie allgemeinen Gefahren für Amerika und die ganze Welt aufgezeigt

Die Philosophin Susan Neimann, geboren in den USA, renommierte Professorin an der Yale University und der Universität Tel Aviv, derzeit Direktorin des Einstein Forums in Potsdam, beschränkt sich allerdings nicht darauf, die derzeitige Situation in den USA und Europa zu analysieren, sondern erklärt auch die geschichtlichen Hintergründe der gegenwärtigen Fehlentwicklungen und wie ihnen zu begegnen ist. Allgemeine Geschichtsvergessenheit (besonders seit Reagan), Rassismus, der nicht trotz, sondern sogar wegen Obama gestiegen ist, hemmungsloser Populismus z.B. der Tea Party und tief verankerter Urfaschismus, der sich in Irrationalismus manifestiert, führten – gepaart mit Armut und Ängsten vor Arbeitsplatzverlust durch Globalisierung und Automatisierung – zu Entwicklungen, die die Wahl von Trump ermöglichten. Die Autorin erläutert auch eindringlich die Gefahren, wie auch die bereits eingetretenen negativen Auswirkungen eines hemmungslosen Neoliberalismus, der den Begriff Fortschritt für sich okkupiert und dabei die Idee verbreitet, dass echte Werte nur Marktwerte sind (S. 51). „

Was ist zu tun? Susan Neimann appelliert an ihre Landsleute, aber auch an Europa, die eigenen Ideale wieder zu entdecken: „Wird Trump Europa dazu bringen, seine eigenen Tugenden neu schätzen zu lernen, und viele Europäer dazu bewegen, sich zivilgesellschaftlich dafür zu engagieren?“ (S 74). Dem leninistischen Prinzip, wonach alles erstmals zum Schlimmsten kommen muss, bevor es besser wird, muss rechtzeitig und sehr entschieden begegnet werden, Aufklärung und Fortschritt liegt in Menschenhänden. Es gilt, grassierendem Pessimismus zu begegnen und auf die „Nacktheit des Kaisers“ hinzuweisen. Dazu kommen aus Amerika hoffnungsvolle Zeichen; der Widerstand gegen den Rechtsnationalismus hat bereits begonnen (S. 77) und das Buch schließt dementsprechend mit der Frage (als versteckte Aufforderung): „Welche Europäer möchten sich anschließen“?

Ein an Seiten kleines, an Inhalt großes Buch, das an Klarheit der Analysen und Aussagen nichts zu wünschen übrig lässt und gerade „in Zeiten wie diesen“ eine breite Leserschaft finden sollte.

 

Dr. Gerfried Pongratz

Susan Neimann: „Widerstand der Vernunft – Ein Manifest in postfaktischen Zeiten“ © 2017, ECOWIN Verlag Salzburg, ISBN 978-3-7110-0154-2, 77 Seiten.

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