Franz Josef Wetz - Eine neue Kultur des Abschieds. Wo ist sie? Rezension von Siegfried R. Krebs


Tot ohne GWEIMAR. (fgw) Franz Josef Wetz, geb. 1958 und seines Zeichens Professor für Philosophie und Ethik in Schwäbisch Gmünd, will nach eigenem Bekunden in seinem neuesten Buch „Tot ohne Gott – Eine neue Kultur des Abschieds“ die Facetten „unserer Endlichkeit“ reflektieren.

Doch leider verspricht der Titel mehr als es der lange Text zu halten vermag. Diesen hat er in fünf Hauptabschnitte unterteilt, überschrieben mit „Endlichkeit"; „Gibt es ein Leben nach dem Tod?"; „Wer stirbt schon gerne?"; „Metaphysik und Metastasen" sowie „Wie ist Trost möglich?".

Seine betrachtete Welt ist fast ausschließlich die des hellenistisch-römischen und später christlichen Europas. Ihm fehlt bei aller konstatierten Globalisierung jedoch die universelle Weltsicht, so daß er stets nur von „Gott" – aber ohne Anführungszeichen – spricht und die Abertausende Götter anderer Religionen negiert.

Vor allem aber vermißt man eigene Gedanken, Erkenntnisse und konkrete Vorschläge. Wetz referiert dafür in epischer Breite gelesene Texte Dritter aus Literatur, Philosophie und Naturwissenschaften. Seine Eloquenz ist auch daher in starkem Maße gepaart mit Geschwätzigkeit und geistiger Begrenztheit bürgerlicher Wissenschaftler. Denn dem Leser werden lediglich das Leben gehobener akademischer Mittelschichten Mittel- und Westeuropas sowie Nordamerikas und deren Probleme/Befindlichkeiten offeriert. Wie aber sieht es mit Leben und Sterben in den „Unterschichten" und vor allem in der sogenannten Dritten Welt aus? Das bleibt weitestgehend ausgeblendet.

Und für Deutschland vermißt man mit wachsendem Unbehagen, ja mit Ärger, Aussagen zu diversen freigeistigen und humanistischen Organisationen, insbesondere zu deren vielfältigen Angeboten in Sachen Sterbe- und Trauerkultur. Der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) und die Deutsche Gesellschaft für humanes Sterben (DGHS) kommen bei Wetz einfach nicht vor. Das vermißt man gerade bei seinen Auslassungen zum Thema „Freitod" (S. 161-163; 197-198).

Für eine „neue" Kultur des Abschieds haben doch seit Ende des 19. Jahrhunderts freigeistige Vereine viele praktische Erfahrungen gesammelt und diese in gedruckter Form verallgemeinert. Man denke da nur an das Wirken des Deutschen Freidenker-Verbandes schon in den 1920er Jahren. Oder die Publikationen der Humanistischen Akademien in den vergangenen Jahren. Aber auch das alles kommt bei Wetz nicht vor. Nur knappe allgemeine, eigentlich nichtssagende, Phrasen. Schade!

Siegfried R. Krebs

Link zum Artikel http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/franz-josef-wetz-eine-neue-kultur-des-abschieds/

 

Franz Josef Wetz: Tot ohne Gott. Eine neue Kultur des Abschlieds. 312 S. Klappenbroschur. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2018. 20 Euro. ISBN 978-3-86569-249-8

 




Plädoyer für Vernunft in unvernünftigen Zeiten


Dawkins

Richard Dawkins: „Forscher aus Leidenschaft“,© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin, 2018, ISBN 978-3-550-05026-8, 524 Seiten. Rezension von Gerfried Pongratz

Es gibt in der Welt eine objektive Wahrheit, und unsere Aufgabe ist es, sie zu finden(S. 17) – mit diesen Worten beschreibt einer der wichtigsten Denker unserer Zeit die Ziele seines Lebens. Der 1941 geborene britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins gehört zu den bekanntesten Verfechtern von Wissenschaft und Aufklärung; seine zahlreichen Bücher, Aufsätze, Vorträge etc. finden weltweit ein begeistertes Publikum, stoßen wegen ihrer z.T. atheistischen und religionskritischen Inhalte aber auch auf heftige Ablehnung. Das vorliegende Buch enthält 41 – davon 20 bislang unveröffentlichte – Beispiele aus Dawkins Essays, Vorträgen und journalistischen Schriften der letzten drei Jahrzehnte, die er zusammen mit der Herausgeberin Gillian Somerscales ausgewählt, thematisch gruppiert und mit hilfreichen Kommentaren und aktualisierenden Nachworten versehen, präsentiert.

 

Die Beiträge behandeln neben naturwissenschaftlichen Themen Überlegungen zum Wert von Wissenschaft, Ausführungen zur Geschichte und Rolle der Wissenschaft sowie übergreifende Themen der Philosophie, Religion und Politik; oftmals mit Humor und feiner Ironie, aber auch mit persönlicher Betroffenheit gewürzt. Alle Abschnitte beginnen mit informativen Einleitungen durch Gillian Somerscales, die die Hintergründe der Texte und Denkweisen des Autors offen legen:

„Richard Dawkins ist nicht nur ein Prophet der Vernunft, er ist auch ihr unermüdlicher Wächter, seine Prinzipien sind dabei durch und durch von Mitgefühl, Großzügigkeit und Freundlichkeit durchtränkt…. Er will komplexe Wissenschaft nicht nur zugänglich, sondern begreiflich machen, und das ohne „verdummende Vereinfachung“. Immer besteht er auf Klarheit und Richtigkeit, und dabei dient ihm die Sprache als Präzisionswerkzeug, als chirurgisches Instrument“ (S. 23ff).

Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem sprengen, auf alle, oder auch nur auf viele der behandelten Themen einzugehen. Acht große Teilbereiche mit 41 Unterkapiteln, ergänzt durch einen umfangreichen Anmerkungsteil mit Quellen- und Literaturverzeichnis, vermitteln ein weit umfassendes Panorama an Wissen mit tiefgründigen weiterführenden Gedanken und Analysen; hervorzuheben ist dabei auch die (hervorragend übersetzte) klare und schöne Prosa der Texte (die laut Somerscales alle 13 Bücher und Schriften Dawkins auszeichnet).

Wie kann man das Buch lesen? In einem Zug, oder wie ein Nachschlagewerk, Kapitel für Kapitel, mal vorne, mal hinten: So hat es sich dem Rezensenten erschlossen, der noch oft und mit Begeisterung darin „schmökern“ wird. Aus der Vielzahl der ihm besonders bemerkenswert erscheinenden Themen sei – ohne inhaltliche Gewichtung – eine kleine Auswahl vorgestellt:

 

  • S. 78ff: Ein offener Brief (mit interessantem Nachwort) an Prinz Charles, in dem er dessen Wissenschaftsfeindlichkeit und Sammelsurium widersprüchlicher Alternativen beklagt: „Am meisten betrübt mich, Sir, dass Ihnen so Vieles entgeht, wenn Sie der Wissenschaft den Rücken kehren“.
  • S 231ff: Gedanken zu Seele-1 (der spirituelle Teil des Menschen, von dem man glaubt, dass er nach dem Tod weiterlebt), die von der Wissenschaft zerstört wird und zu Seele-2, als „Erschaudern vor dem Schönen, als intellektuelle oder spirituelle Kraft“, wie sie von Einstein, Carl Sagan und Dawkins selbst („Der entzauberte Regenbogen“) beschrieben wird.
  • Teil IV: „Denkverbote, dummes Zeug und Durcheinander“:
    Sieben Kapitel bieten u.a. eine brillante Widerlegung des Kreationismus und untersuchen nüchtern, umfassend, nachdenklich das Phänomen Religion sowie das „Warum“ von Glauben und Glaubenspraxis.

    Eine der Kernfragen dazu lautet: „Welchen Überlebenswert hatte in der Vergangenheit unserer wilden Vorfahren ein Gehirn, dessen Disposition sich in der kulturellen Gegenwart als Religion manifestiert?“ Eine von mehreren Antworten liegt in der natürlichen Selektion von Kindergehirnen zur Neigung, alles zu glauben, was Eltern und Stammesälteste sagen (S. 290/291).
    Ein Unterkapitel führt die Behauptung, „Glaube“ an die Naturwissenschaft sei selbst eine Form von Religion, ad absurdum: „Zwischen einem Glauben, den man verteidigen kann, indem man sich auf Belege und Logik beruft, und einem Glauben, der durch nichts anderes gestützt wird als durch Tradition, Autorität oder Offenbarung, liegen Welten“ (S. 305).

  • Teil V, „Leben in der Wirklichkeit“ widmet sich in mehreren Unterkapiteln dem Engagement und nüchternen Zutrauen zur Fähigkeit der objektiven Vernunft, „vielleicht nicht immer Lösungen, stets aber positive Wege in die Wirklichkeit aufzuzeigen“.
    In „Die tote Hand Platons“ beschreibt Dawkins die „Tyrannei des diskontinuierlichen Geistes“: Platons „Essentialismus“ ist „eine der heimtückischsten Ideen der gesamten Geistesgeschichte“ (S. 321).
    Eine Abrechnung mit dem Lamarckismus und Plädoyers gegen Gläubigkeit an Übernatürliches sowie für Engagement zu Vernunft, Logik, Wissenschaft und evidenzbasierter Wahrheit bilden weitere Ausführungen, denen auch ein leidenschaftlicher Aufruf gegen oft verdrängtes Tierleid beigeschlossen ist.
  • Teil VI, „Die heilige Wahrheit der Natur“ und Teil VII, „Lachen über lebende Drachen“ erläutern einerseits die „Arbeitsweise“ „natürlicher Evolutionswerkstätten“ (Galapagos Inseln) am Beispiel der komplexen Evolution von Riesenschildkröten und ironisieren, persiflieren andererseits religiöse Ansichten zur Abstammung des Menschen. Dawkins versteht sich dabei auf geistreiches Spotten und widerlegt damit einmal mehr die Behauptung, er sei ein humorloser Atheist.
  • Teil VIII, „Der Mensch ist keine Insel“, ist als letzter Teil Menschen gewidmet, die Dawkins besonders schätzt und verehrt. Neben Lies und Niko Tinbergen sowie seinem Vater John Dawkins und Onkel A.F. „Bill“ Dawkins ist es vor allem Christopher Hitchens, den er würdigend in eine Reihe mit Bertrand Russel, Robert Ingersoll, Thomas Paine und David Hume stellt: „Sein (Anm.: Hitchens) Charakter selbst ist zu einem herausragenden, unverkennbaren Symbol für die Ehrlichkeit und Würde des Atheismus geworden, aber auch für den Wert und die Würde des Menschen, der nicht durch das infantile Geplapper der Religion herabgewürdigt wird“ (S.459).

    Die Herausgeberin Gillian Somerscales vermerkt zu dieser Rede Dawkins anläßlich einer Preisverleihung an Hitchens: „Es ist eine eigenartige, aber durchaus passende Ironie des Schicksals, dass vieles von dem Lob, das er (Anm.: Dawkins) Hitchens zollt, mit ebenso großer Rechtfertigung auch ihm selbst gezollt werden könnte: „der führende Kopf und Gelehrte unserer atheistisch/säkularen Bewegung“, ein „sanft ermutigender Freund der Jungen, der Zaghaften“, gleichermaßen fähig zu „durchdringender Logik“, „schneidendem Witz“ und „Mutig-Unkonventionellem“. Kein Wunder, dass sie Seelenverwandte waren“ (S. 433/434).

Ein Buch, aus dem nicht nur Dawkins-Anhänger, sondern alle unvoreingenommen einschlägig Interessierten Gewinn ziehen werden. Es bietet reichen Erkenntnisgewinn bei hohem Lesegenuss und wird dem Anliegen, „das Absperrseil zwischen begründeter Phantasie und unbegründeter Spekulation aufzuspannen, das Undenkbare zu denken und es damit denkbar zu machen“ (S. 202), voll gerecht. Uneingeschränkte Leseempfehlung!

 

Gerfried Pongratz 1/2019




Meine Sterbegeschichte - von Olaf Sander


1. Teil: Der Suizid

Sander Mutter mit OlafDiese Sterbegeschichte ist die Geschichte des Suizids meiner Mutter Ingrid Sander aus Erfurt. Sie hat ihren Freitod selbst und selbstbestimmt, also weitestgehend nach ihren Vorstellungen, gestaltet. Ich habe ihr bei der Vorbereitung zum Suizid geholfen und sie dabei begleitet.

Der Suizid meiner Mutter war nichts, was sie gerne getan hat. Sie war nicht lebensmüde. Aber sie war leidensmüde. Die schweren Folgen einer Kinderlähmung (Poliomyelitis), haben sie beinahe ihr ganzes Leben lang begleitet. Genau so lange hat sie auch gegen diese Folgen des Post-Polio-Syndroms angekämpft. Nie hat sie den oft überbordenden Schmerzen und körperlichen Behinderungen mehr Raum gegeben als den, den sich die Krankheit nahm. Nie hat sie deshalb gejammert, nur selten hat sie darüber geklagt. Gleichwohl stand immer fest, dass die Polio am Ende meine Mutter besiegen würde.

Diesen Sieg der Polio, der für meine Mutter nicht nur sehr schmerzhaft und qualvoll geworden wäre, sondern ihr in der Folge auch die ihr so wichtige Selbstbestimmung genommen hätte, wollte meine Mutter nicht erleben. Für ihr Recht auf Selbstbestimmung, vor allem auch am Lebensende, hat sie viele Jahre gegen alle möglichen Widerstände gekämpft.

I Sander Mutterngrid Sander, meine Mutter geb. 15.07.1938, gest. 10.12.2016

Meine Mutter hat gewonnen. Auf ganzer Linie. Mich erfüllt das mit großem Stolz.

Die Sterbebegleitung bei meiner Mutter war nichts, was ich mir selber aussuchen konnte. Ich hatte nur die Wahl zwischen Ablehnung oder Hilfe. Ablehnung aber kam für mich nie in Frage. Weil man in meiner Welt in einer Familie zusammen hält und füreinander einsteht, egal wie mies oder schwierig die Umstände auch sein mögen. So hat mich meine Mutter erzogen. So will ich es leben.

Meine Sterbebegleitung bei meiner Mutter war nichts, worin ich auch nur im Entferntesten irgendeine Kompetenz besessen hätte, außer die, der Sohn zu sein, der seine Mutter beim Sterben nicht alleine lässt. Ich habe außer meinem Ersthelfer keinerlei medizinisches Wissen. Von Pharmakologie ahne ich nichts. Und auch juristisch bin ich ohne fremde Hilfe aufgeschmissen. Kurz gesagt lagen meine Kompetenzen bei der Sterbebegleitung meiner Mutter auf dem Niveau des “Händehaltens” und “für sie da sein”. Das ist sehr viel für einen Angehörigen. Nicht jeder kann das und man kann es auch nicht von jedem verlangen.

Unser Plan für das selbstbestimmte humane Sterben meiner Mutter war ein anderer. Denn nicht ich, sondern ein Arzt, also jemand mit den richtigen Kompetenzen, sollte meiner Mutter beim Suizid helfen. Dies hat der Gesetzgeber ab dem 10. Dezember 2015 mit einer Verschärfung des § 217 StGB verhindert. Stattdessen beschlossen die PolitikerInnen, ausgerechnet mir, dem Sohn, als einzigen Menschen auf diesem Planeten, diese äußerst verantwortungsvolle, weil existentielle Aufgabe straffrei zu übertragen. Das macht sehr einsam. Und unglaublich hilflos.


§ 217

Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung 

(1) Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht geschäftsmäßig handelt und entweder Angehöriger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht.

Quelle: dejure.org


Die Hilfe beim Sterben birgt viel Verantwortung. Die ist zu viel für einen Angehörigen. Sie ist zu viel Last, weil sie viel zu persönlich ist und man viel zu tief involviert wird. Professioneller Abstand ist nicht möglich. Und schon gar nicht, wenn man vom Sterben auf der gesamten Palette keine Ahnung hat.

Diese Erfahrung absoluter Hilflosigkeit gegenüber einer Aufgabe, die unmöglich auszuführen ist, wenn man kein Arzt oder Apotheker ist, kann ich nur schwer beschreiben. Dass der Freitod meiner Mutter dennoch glückte und ihr Sterben, wie von ihr gewünscht, würdevoll und human ablief, war einzig und allein meiner Mutter selbst geschuldet. Sie hat sich schon lange vorher mit hartnäckiger Ausdauer und einer ordentlichen Portion Chuzpe um diese Angelegenheit gekümmert. Andernfalls hätte ich ihr nicht helfen können. Mit allen Konsequenzen.

Mit Glück und durch Zufall wurde die ARD, genauer eine Redaktion des SWR, auf meine Mutter aufmerksam. Daraus entstand die Reportage ”Frau S. will sterben –  Wer hilft am Lebensende”, die im Oktober 2017 im Rahmen eines Themenabends zur Sterbehilfe ausgestrahlt wurde.

Ich lade Sie ein, sich eine halbe Stunde Zeit zu nehmen und sich diesen, wie ich finde, äußerst gelungenen Film anzuschauen. Außerdem können Sie hier meine Mutter, diese großartige, wunderbare, starke und selbstbewusste Frau, nochmal ein klein wenig kennenlernen.

Glauben Sie mir, es lohnt sich!

Frau S. will sterben – Wer hilft am Lebensende?“
Hier die Youtube-Fassung (ca. 30 Minuten):

https://www.youtube.com/watch?v=7oBohUs_9hs&feature=youtu.be&fbclid=IwAR3KX8Q-vqQ4CcwdPLUH8Vd3Q0I782QbZhQgXQgC6-HL0HBuJg4jUJoU6ts

Die letzten Bilder meiner Mutter im Film sind die, in denen wir uns in den Arm nehmen. Das war auch der Zeitpunkt, an dem die Dokumentarfilmer die Wohnung verließen. Weiter durften sie aus rechtlichen Gründen nicht gehen, wobei ich mir gewünscht hätte, dass sie geblieben wären. Aber nicht nur, um die Geschichte bis zum tatsächlichen Ende erzählt zu haben. Sondern auch, damit ich mit meiner Mutter nicht so furchtbar alleine gewesen wäre. Tatsächlich fühlte ich mich nämlich verlassen. Und irgendwie auch verkauft und ausgeliefert.

Nach der Einnahme der Substanzen begann sich der Körper meiner Mutter sichtbar zu entspannen. Ihre Augenlieder hingen tief, das Sprechen fiel ihr schwer. Das war ungefähr so, als wenn sie hundemüde und leicht beschwippst, aber nicht albern, von einem Fest gekommen wäre. Sie sah zufrieden aus.

Früher, als eine mögliche Freitodbegleitung meinerseits für mich nur eine theoretische Möglichkeit war, glaubte ich, dieser letzte Augenblick im Leben würde mit vielen Worten gefüllt sein. Ich nahm an, dass es immer etwas Unausgesprochenes gibt, was noch gesagt werden muss, dass man sich beeilen muss um es noch los zu werden. Aber so war es nicht. Das Wissen, dass sich meine Mutter nun bald frei und willig das Leben nehmen wird, hat uns im Vorfeld die Möglichkeit gegeben über so etwas zu sprechen. In langen Gesprächen. In guten Gesprächen. Wir nutzten die Chance unsere Beziehung aufzuräumen. Was blieb war Verständnis füreinander sowie Liebe, Achtung und Respekt vor dem Handeln des jeweils Anderen. Es gab nichts zu verzeihen und zu vergeben. Viel reden brauchten wir nicht mehr, alles war gesagt. Es war ein kurzer Augenblick tiefen, zwischenmenschlichen Vertrauens und großer Zufriedenheit.

Noch bevor sie ihr Bewusstsein verlor, nach meinem Gefühl auf der Mitte des Weges hin zur Bewusstlosigkeit, sagte sie mir:

So Olaf, Du gehst jetzt, damit Du keinen Ärger bekommst. Die meisten Leute sterben allein, dann kann ich das auch.

Wir haben uns dann noch mal ewig lange und viel zu kurz fest gedrückt. Dann bin ich gegangen.

Das musste ich tun. So war die Abmachung. Gehen, bevor sie ihr Bewusstsein verliert. Denn es gab zwei Prämissen zu ihrem Suizid: dass sie so human und friedlich sterben konnte wie nur möglich und dass derjenige, der ihr hilft, keine Probleme mit den Ermittlungsbehörden bekommt.

Jedes Mal, wenn ich das erzähle, sagen Leute zu mir, dass ich doch hätte bleiben können, weil ich als Angehöriger straffrei bliebe. Das habe ich auch gedacht, bis ich verschiedene Anwälte konsultierte. In der Zahl waren es fünf. Und genau so viele unterschiedliche Antworten bekam ich auf die gleiche Frage. Muss ich, wenn ich bleibe, erste Hilfe leisten oder zumindest Hilfe rufen? Ich weiß es bis heute nicht hundertprozentig. Genau deshalb bin ich gegangen. Und genau deshalb wurde meiner Mutter und mir ein wirklich wichtiger und einmaliger Moment im Leben genommen, um nicht zu sagen geraubt. Nämlich der, wirklich bis zum Schluss für sie dagewesen zu sein.

Ich nahm also meine Jacke und wollte die Wohnung verlassen, als mir meine Mutter das letzte Geschenk ihres Lebens machte. Sie schenkte mir ein Lachen und tat das mit ihren letzten Worten.

Lass bitte das Licht an, damit ich mich nicht im Dunkeln fürchte!

Das passte zu ihr, das war so typisch meine Mutter. Selbst in diesem auch für sie so schweren Moment im Leben verstand sie es noch, mir über ein unerwartetes Lachen ihr Sterben und mein Leben leichter zu machen. Gleichwohl mir vollkommen klar ist, dass dieser Abschied in der Realität ein Abschied für immer war, wirkt er des Lachens wegen bis heute nicht so auf mich.

2. Teil: Das Danach

Ich verließ die Wohnung, setzte mich in mein Auto und fuhr direkt in die nächste mir bekannte Spielothek. Ich hasse Spielotheken. Aber ich wollte zum Zeitpunkt des Todes meiner Mutter an einem anderen Ort sein und es beweisen können. So wollten wir die Unklarheit zur Pflicht zur ersten Hilfe umgehen. Knapp drei Stunden, zwölf ekelhafte Kaffees, ungezählte Zigaretten und 50 verlorene Euro später, fuhr ich zurück zu ihr nach Hause.

Ich parkte das Auto. Zu ihr reingehen konnte ich aber noch nicht. War die Zeit, die ich weg war, ausreichend? Was, wenn doch noch Leben in ihr ist? Was, wenn es Komplikationen gab, sie sich übergeben musste und niemand da war, um ihr wenigstens die Atemwege frei zu machen?

Ich konnte noch nicht zu ihr rein. Im Auto sitzen und warten konnte ich aber auch nicht. Zuviel Energie. Zu viel Ungewissheit. Zu viel Angst.

Laufen! Laufen hilft. Einfach losgehen, den Beinen den Takt überlassen, damit sich das Hirn kalibrieren und die Gedanken sortieren kann. Bewusst ein- und ausatmen, überlegen und konzentrieren auf das, was als nächstes kommt. Und keinesfalls anfangen zu trauern oder gar zu heulen. Also Kopf hoch, Bauch rein, Brust raus und unter allen Umständen die Würde bewahren.

Wieder am Haus angekommen ging ich rein. Ich öffnete die Tür und noch immer krakelte das alte CD-Radio in ihrer Küche die fröhliche Musik von Johann Strauß. Meine Mutter saß in ihrem Rollstuhl, das Kinn auf die Brust gelegt, die Hände in ihrem Schoß. Sie sah nicht aus wie tot. Sie sah aus, als ob sie schlief. Mein letztes inneres Bild von ihr ist schön.

Ich fühlte ihren Puls und hob dazu ihren Arm etwas in die Höhe. Der war unerwartet schwer und vollständig entspannt. Den Puls konnte ich nicht finden, Atemtätigkeit nicht feststellen. Auf der Haut ihrer Hände und Arme hatte sie Flecken, die, wie ich später erfuhr, deutlich die Vergiftung anzeigten.

Ich ließ alles unberührt und das CD-Radio in der Küche weiter die Musik von Strauß wiederholen, als ich die Wohnung zum zweiten Mal verließ. Dieses Mal aber hatte ich die Gewissheit, dass der erste Teil unserer Planes funktioniert hat. Meine Mutter ist friedlich gestorben. Sie hatte geschafft, was sie sich vorgenommen hatte. Und endlich keine Schmerzen mehr.

Jetzt musste ich nur noch die Polizei und den Staatsanwalt überstehen. Doch vor denen hatte ich am meisten Angst. Wieder fühlte ich mich verlassen, verkauft und ausgeliefert. Draußen, vor dem Haus, zündete ich mir eine Zigarette an und rief die Polizei. Ich hatte noch nicht aufgeraucht, als die Beamten kamen.

Der Rest ist schnell erzählt. Die Polizei war nicht begeistert, dass ich von Anfang an und gebetsmühlenartig nur immer wiederholt habe, dass ich von meinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch mache. Offenbar kennen sie ein solches Verhalten nicht so oft aus ihrem Arbeitsalltag. Dennoch haben die Beamten ihre Arbeit gemacht und mich, den Umständen entsprechend, gut und korrekt behandelt. Nur der Notarzt hat mich ein wenig irritiert, als er während oder nach der Leichenschau aus der Wohnung stürmte, sich vor mir aufbaute, an mir hoch schaute und mich anschrie,

“Was war da los! Die Frau ist keines natürlichen Todes gestorben! Jetzt erzählen Sie doch mal!”

Im Fernsehen macht sowas nur die Polizei. Notärzte sind immer lieb.

Die Beamten haben dann den Anwalt meiner Wahl für mich angerufen, der auch gleich kam und sich schützend vor mich stellte. Endlich, endlich war jemand da, der auf mich aufpasste. Und das war, wie sich noch herausstellen sollte, hochnotwendig.

Mit jeder Minute länger am “Tatort” wurde die Polizei entspannter. Die haben sicher recht schnell verstanden, was ungefähr passiert sein muss. Die Wohnung war voll mit Literatur, Zeitungsartikeln, Aphorismen und noch mehr Material über die Sterbehilfe. Auf dem Tisch lagen alle notwendigen Dokumente. Die Patientenverfügung, die Erklärung des Willens meiner Mutter und noch viel mehr. Unter anderem auch ein Blatt Papier mit verschiedenen Aphorismen und eine von ihr dazu geschriebene philosophische Weisheit, die deutlich auf ihren freien Willen hinweisen.

Sander Zettel

Zettel auf dem Tisch.

Ich musste dann natürlich mit aufs Revier zur erkennungsdienstlichen Behandlung, die auch für den Tatortabgleich von Bedeutung ist. Und da erlebte ich eine Situation, die ich nie für möglich gehalten hätte. Der Beamte, der bei mir die Fingerabdrücke, DNA usw. abnahm, musste auch alles in den Computer eingeben. Das ging soweit auch ganz gut, bis er an die Stelle im System kam, wo er den für den Fall entsprechenden Straftatbestand auswählen musste. In meinem Fall § 217 StGB.

Das Problem: Der § 217 StGB konnte nicht ausgewählt werden, weil er, auf den Tag genau ein Jahr nach Inkrafttreten des Paragraphen, noch nicht in das System der Polizei eingepflegt war. Peinlich berührter O-Ton des Beamten:

Ich wähle jetzt Paragraph 216 StGB, sonst komme ich hier nicht weiter.

Mir ging es durch Mark und Bein. Wieder fühlte ich mich verkauft und ausgeliefert, wusste ich doch um das durchaus hohe Strafmaß des § 216 StGB.


§ 216

Tötung auf Verlangen

(1) Ist jemand durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten zur Tötung bestimmt worden, so ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu erkennen.

(2) Der Versuch ist strafbar.

Quelle: dejure.org


Allerdings war ich dieses Mal nicht allein und mein Anwalt intervenierte sofort.

“Das ist nicht richtig!”.

Daraufhin wurde wohl irgendwo irgendwas vermerkt, aber daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Ich war zu sehr damit beschäftigt, das alles irgendwie einzuordnen.

Ob ich das alleine und ohne Anwalt auch geschafft hätte? Ich glaube nicht. Sicher ist, dass mich dann die Polizei da behalten hätte. Wenn dann noch ein faktisch falscher Paragraph im System die Wahrheit verändert, weil das System nicht an die Realität angepasst ist, dann kann es ganz schnell existenzgefährdend werden. Denn bis sich der Staatsanwalt die Akte genauer anschaut und (hoffentlich!) feststellt, dass dieser Straftatbestand offensichtlich falsch ist, kann etwas Zeit vergehen. So lange bleibt man dann auch bei denen sitzen, vor allem wenn man so wie ich, keine ladungsfähige Adresse in Deutschland hat. Da fragt man sich dann schon, wie viele Wochen Untersuchungshaft die kleine Existenz eines stinknormalen Angestellten aushält, bevor sie zerbröselt?

3. Teil: Das Heute

Das Verfahren läuft noch immer gegen Unbekannt. Ich habe den Status des Zeugen. Es wäre mir lieb, wenn das Verfahren endlich eingestellt würde, auch wenn ich nichts zu befürchten habe. Aber es geht auch ein wenig um den juristischen Abschluss. Andererseits wird mir das mehr und mehr egal.

Im März 2018 hatte ich das große Vergnügen, auf zwei Veranstaltungen des HVD zum Thema eingeladen worden zu sein. Einmal im wunderschönen Marburg und einmal in der Urania Berlin. Vielen Dank dafür an die OrganisatorInnen!

Das Video der Diskussionsveranstaltung in der Urania finden Sie hier.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und

seien Sie mir gegrüßt!

Olaf Sander, im April 2018

Link zum Originalartikel: http://sterbegeschichten.de/meine-sterbegeschichte/?fbclid=IwAR1gLYNKX9GAxc3P2ZpL84UhctQdTNRKSnjGEpks7r9HxBBix1Y8gg3_eL0




„Göttlich“ — ungültig. Von Eckhardt Kiwitt


ghost_300rgb-slimgreenVielen unserer Leser wird der Autor Eckhardt Kiwitt noch bekannt sein.Ich kene ihn nunmehr seit zehn Jahren, als er als reiner Islamkritiker in Erscheinung trat. Inzwischen ist auch er zu einem generellen Religionskritiker und Humanisten gereift, obwohl ihm Auswüchse des Islam nach wie vor am Herzen liegen.

Als er erfuhr, dass ich Wissenbloggt wieder in eigener Regie fortführen muss, hat er sich spontan bereit erklärt, mir bei dieser nicht ganz leichten Aufgabe behilflich zu sein. Als erste Frucht dieses Angebots lege ich heute seinen Aufsatz "Göttlich" – ungültig vor:

Anmerkungen zu einem Interview [mit einem Religionsgelehrten]

***

1.:_Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Religionen
2.:_Menschliche Gesetze und göttliche Moral
3.:_Einschränkungen religiösen Lebens

***

«Gott ist todt» meinte, unterschiedlich gedeutet, einst der Philologe und Philosoph Friedrich Nietzsche in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“.
«Nur ein bißchen» könnte man entgegnen, oder «Nein, es hat ihn nie gegeben».
Als Idee in den Köpfen von Menschen hingegen mag man etwas, das wir Gott nennen — oder Göttin — akzeptieren. Wechselwirkungen gibt es aber zwischen diesem „Gott“ und dessen Umgebung keine, weshalb man es von etwas, das nicht existiert, nicht unterscheiden kann. Wechselwirkungen gibt es zwischen den Menschen, die eine Idee von Gott — z.B. als einem Instrument zur Legitimierung von gesellschaftlicher und politischer Macht, als Tröster in der Not oder zwecks Bevormundung — haben, und anderen Menschen.

Am 3. Dezember 2018 veröffentlichte eine Berliner Tageszeitung auf ihrer Website ein Gespräch, das einer ihrer Redakteure mit einem Religionsgelehrten geführt hat.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Religionen

In diesem Interview rechtfertigt der Religionsgelehrte, dass einige Mitglieder seiner wie auch anderer Religionsgemeinschaften Frauen zur Begrüßung den Handschlag verweigern und meint, man solle diese Verweigerung respektieren.[*] Der von dem Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer geprägte Begriff der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit klammert zwar die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts lt. einem in der Wikipedia veröffentlichten Artikel für diesen Fall aus, doch bin ich der Meinung, dass die Verweigerung des Handschlags (zur Begrüßung) gegenüber Frauen, nur weil sie Frauen sind, in diese Kategorie gehört — zumal unsere Verfassung, das Grundgesetz, in Artikel 3 Satz 3 festhält: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“

Menschliche Gesetze und göttliche Moral

Die Frage, ob Gottes Wort über den von Menschen gemachten Gesetzen stehe, kontert der Religionsgelehrte mit den Worten, dass „jedes menschliche Gesetz eine göttliche Stärke“ erhalte, wenn es ein moralisches Gesetz sei. Den Begriff der Moral erläutert er nicht näher, und dass die „göttliche Stärke“ nicht auf einen Gott oder eine Göttin zurückgeht, sondern auf Menschen, lässt er außer acht. Mit welcher Moral er die im vorigen Absatz erwähnte Diskriminierung von Frauen, nur weil sie Frauen sind, rechtfertigt, erfährt der Leser des Interviews nicht.

Einschränkungen religiösen Lebens

Der von der Berliner Tageszeitung interviewte Religionsgelehrte sagt, dass christliche, jüdische und muslimische Geistliche verstanden hätten, dass ein Verbot der Knabenbeschneidung „Anschläge auf die Religionsfreiheit“ seien. Ich bin der Meinung, dass das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung eine Straftat ist. Entsprechend lässt sich z.B. jeder Chirurg vor einer Operation eine Einverständniserklärung seines Patienten unterschreiben. Der Religionsgelehrte sowie diejenigen, die seine Position unterstützen, beanspruchen aus meiner Sicht also (für sich) das vermeintliche „Recht“, im Rahmen der Religionsausübung Straftaten begehen zu dürfen. Die Religionsfreiheit der Grundgesetz-Artikel 4 und 140 legitimiert das Begehen von Straftaten und anderes Unrecht jedoch nicht.
Die Zirkumzision mag in Einzelfällen aus medizinischen Gründen geboten sein, aber: Wenn ich jemandem auf der Straße begegne, sehe ich ihm gar nicht an, ob er beschnitten ist oder nicht, kann seine mögliche Religionszugehörigkeit an diesem Merkmal folglich nicht erkennen — und habe auch nicht das Bedürfnis, dies näher zu untersuchen.
Falls das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung – entgegen der Aussage in unserem Strafgesetzbuch – keine Straftat sein sollte, was ist es dann? Oder ist Körperverletzung nur dann keine Straftat, wenn sie „religiös“ intendiert ist? Soll also das Begehen von Straftaten dann legitimiert sein, wenn dies als zur „ungestörten Religionsausübung“ gehörend deklariert wird? Das könnte einen beträchtlichen Interpretations- und Handlungsspielraum eröffnen (siehe dazu auch «Angst», Punkt 5, vom 20. Oktober 2012 auf dieser Website).
Der Gesetzestext sowie die juristischen Erläuterungen zum § 1631d des Bürgerlichen Gesetzbuches [BGB] (Beschneidung des männlichen Kindes) überzeugen mich insofern nicht, als für mich nicht ersichtlich ist, warum Eltern bzw. Erziehungsberechtigte (Stichworte „Personensorge“ sowie „Elterliche Sorge“) darin einwilligen dürfen, dass sich jemand ohne medizinische Notwendigkeit an ihrem Kind vergeht und ihm eine erhebliche Körperverletzung zufügt — siehe oben in diesem Abschnitt.
Ein «Bund mit Gott», wie bisweilen behauptet, wird mit der Beschneidung ohnehin nicht geschlossen, da es den dafür erforderlichen Gott allenfalls als Idee in den Köpfen von Menschen gibt. Auch wurde bislang kein Volk und keine sonstige soziale Gruppe von irgendeinem Gott für was auch immer „auserwählt“; den zugehörigen Gott hat jemand vor mehr als zweitausend Jahren erfunden, um sich und sein Volk anschließend als ein von diesem von ihm selbst erfundenen Gott auserwählt zu erklären.

Damit, dass der Religionsgelehrte in einem Verbot der Knabenbeschneidung „Anschläge auf die Religionsfreiheit“ sieht, konstruiert er einen Opferstatus. Eine Sonderrolle oder Sonderrechte aus religiösen oder sonstigen Gründen für sich zu beanspruchen oder einzufordern löst oft jedoch erst die Reaktionen aus, über die man sich anschließend beklagt. So institutionalisiert man einen Opferstatus, den man ewig fortschreiben kann. Das halte ich für unredlich.[**]

Moral und Recht haben sich im Laufe der Geschichte manchmal gewandelt. Was in früheren Zeiten oder in anderen Kulturkreisen moralisch geboten schien und als rechtlich abgesichert galt oder noch immer gilt, wird heute oder andernorts teils ganz anders bewertet. Dieser Prozess ist ständig im fluss.

Lieber Rabbi Goldschmidt, meine Ausführungen sollen weder antisemitisch noch antijüdisch sein, ich kritisiere jedoch Menschenrechtsverletzungen, ungeachtet, wer diese verübt.
Falls es — bezogen auf die jeweilige Religion oder sonstige Ideologie, nicht auf die Menschen — jedoch antisemitisch (judentumsfeindlich) oder was-auch-immer-feindlich wäre, Menschenrechtsverletzungen sowie anderes Unrecht zu kritisieren: Was bedeutete dies dann im Umkehrschluss?
Wie willst Du mit Menschenrechtsverletzungen und mit Kritik an Menschenrechtsverletzungen umgehen?

Ein wenig Selbstkritik wird weder Dir noch Deinen Glaubensbrüdern einen Identitätsverlust bescheren oder einen Imageschaden zufügen — im Gegenteil. Selbstkritikphobie hingegen hilft nicht weiter.
Zum Verständnis: ich habe in den Jahren 2008-2012 — leider ! — ein paar Gastbeiträge für eine vorgeblich islamkritische Website geschrieben, deren seinerzeitiger (und auch noch jetziger?) Betreiber ein aus meiner Sicht rechtsreaktionärer Psychopath ist, was ich seinerzeit nicht erkennen wollte, der auf seiner Website u.a. damit wirbt, dass er „proisraelisch“ sei. Er ist es m.E. jedoch nicht, sondern täuscht dies nur vor. Insofern stimme ich mit Dir, Rabbi Goldschmidt, überein, wenn Du gegen Ende des Interviews sagst, dass „extrem rechte Parteien versuchen, jüdische Gemeinden zu erobern – aber nicht, weil sie Juden mögen, sondern weil sie sich davon einen Koscherstempel für ihre Ideologien erhoffen“.

Das vollständige Interview, das Malte Lehming mit Rabbiner Pinchas Goldschmidt geführt hat, finden Sie, nebst 69 Leserkommentaren (von mir ist keiner dabei), auf der Website des Berliner TAGESSPIEGEL unter „Wir wehren uns gegen Anschläge auf die Religionsfreiheit“.

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[*] Zwar formuliert unsere Verfassung Rechtsbeziehungen zwischen Bürger und Staat, nicht zwischen Bürgern untereinander. Dennoch finde ich es seltsam, dass jemand, der sich auf ein Verfassungsrecht beruft, speziell auf die Religionsfreiheit, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im persönlichen Umgang derart einstuft.

[**] Zum Verständnis siehe meine Schlussworte (in kleinerer Schrift) im Beitrag Begriffsverwirrung: Diskriminierung, Islamfeindlichkeit, Rassismus


Link zum Originalartikel: https://islamprinzip.wordpress.com/2018/12/09/goettlich-ungueltig/




Zeuge Jonathan


Vor einigen Tagen erhielt ich per Email einen Artikel (Abschied vom Wachtturm), in dem 3 Frauen ihre Geschichte bei der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas erzählten. Als ich dann kurz darauf den gleichen Artikel verlinkt in der Facebookgruppe „Initiative Humanismus“ las, ergab sich ein recht langes Gespräch, in dem ich mehr oder weniger ausführlich diverse Fragen zu den Zeugen Jehovas und meiner Zeit dort beantwortete.

Als mich Frank Berghaus daraufhin fragte, ob ich nicht Lust hätte, die ganzen Infos zusammenzuschreiben und in einen zusammenhängenden Text umzuformulieren, sagte ich zu und sitze also nun am Samstag Abend vor meinem PC und versuche, dieser Bitte nachzukommen.

Vorab wäre mir jedoch etwas besonders wichtig: Alles, was ich aufschreibe, schreibe ich mit bestem Wissen und Gewissen. Mir ist absolut bewusst, dass die Erfahrungen bei den Zeugen Jehovas extrem unterschiedlich sind. Falls ich Dinge anders erlebte als andere, heißt das somit nicht, der eine lügt oder habe keine Ahnung – es ist einfach oftmals so, dass die vorgegebenen Richtlinien unterschiedlich angenommen und umgesetzt wurden. Falls dennoch Lust zur Kritik besteht – dafür bin ich immer offen, solange sie vernünftig und belegt ist.

Eine weitere Anmerkung ist, dass es schwer ist, von „den Zeugen Jehovas“ zu reden. Wenn ich also diese Formulierung benutze, möchte ich damit nicht jeden einzelnen Zeugen Jehovas meinen, sondern eher die Allgemeinheit, wie ich sie erlebte und wie sie sich durch die Richtilinien zu verhalten hat.

Zu guter letzt noch ein Wort an all jene, die eine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema Zeugen Jehovas erhoffen – ich muss leider enttäuschen. Weder ist mein Aufsatz wissenschaftlich, noch ist er eine sachliche Abarbeitung der Fakten. Es ist eine Aufarbeitung meiner Erfahrungen, gespickt mit Informationen. Sicherlich sagt das nicht jedem zu, und ganz bestimmt ist so ein Aufsatz für nicht wenige gähnend langweilig. Aber zum Glück sind die Geschmäcker unterschiedlich.

Tja, meine Gedanken zu Zeugen Jehovas… Wo soll ich anfangen? Vielleicht ganz am Anfang.

Vor einigen Jahren, 1987, erblickte ich das Licht der Welt. Und dieses Licht wurde immer heller, denn ich wurde in die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas hineingeboren. Eine christliche Ausrichtung, man mag sie fundamentalistisch nennen. Von den Großkirchen unterscheiden sie sich besonders durch einige Lehren. Zum Beispiel hat ihrer Ansicht nach Jesus nicht am Kreuz gelitten, sondern an einem Stamm. Aber wenn ich ehrlich bin, diese Unterschiede in den Lehren sind mir schnuppe. Ich halte allgemein wenig von monotheistischen Lehren, da sie im Kern immer wieder anti-ethisch, irrational und inhuman sind. Darum werde ich diese Unterschiede weitgehend außen vor lassen.

Wie dem auch sei, ich wuchs also bei den Zeugen Jehovas auf. Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit. Die regelmäßigen Gottesdienste, 3x pro Woche und anfangs 1x, später 2x pro Woche den ‚Haus zu Haus Dienst‘ durchführen, Großveranstaltungen in Fußballstadien, sogenannte ‚Kongresse‘ (ich kann behaupten, in fast allen großen deutschen Fußballstadien gewesen zu sein, ohne auch nur ein einziges Spiel gesehen zu haben). Oh, da wäre ich ja schon an der den Zeugen eigenen Sprache angelangt, aber dazu später mehr. 

Die Tätigkeiten machten mir als Kind Spaß. Schließlich freuten sich die anderen Mitglieder darüber, wenn Kinder sich ‚engagierten‘, Lob und Anerkennung ist nunmal ein großer Ansporn. Jedoch wurde ich älter, die Pubertät schlug mit ihrer ganzen Härte zu, und um mir meinen Freiraum zu erkämpfen (naja, ich gebe zu, pubertäre Rebellion gegen die Eltern war mir auch sehr wichtig mit meinen damals 14 Jahren), gab ich bei den ‚Ältesten‘, geistliche Führer einer jeweiligen Gemeinde, an, dass ich nicht mehr dabei sein wolle. Nachdem diese versuchten, mit mir ein ernstes Gespräch über die Sachlage zu führen, wurde mir resigniert mitgeteilt, ich sei nun ‚von der Liste gestrichen‘. Diese Formulierung werde ich nie vergessen, weil sie für mich einen der wichtigsten Schritte meines Lebens einleitete. Großartige Folgen hatte dieses von der Liste gestrichen sein‘ für mich nicht. Immerhin hatte ich nur den Rang eines sogenannten ungetauften Verkündigers, das heißt, ich war kein vollwertiges Mitglied. Im Falle der Taufe wären die Konsequenzen extremer gewesen. Laut den Richtlinien soll der Kontakt zu ‚Abtrünnigen‘, wie die ‚Ausgeschlossenen‘ auch genannt werden, nämlich so weit wie möglich reduziert werden. Für Betroffene bedeutet das, unter Umständen ihr gesamtes (und ich meine es!) soziales Umfeld zu verlieren. Denn tiefe, freundschaftliche Kontakte sollen bitte möglichst innerhalb der Gemeinschaft geschlossen werden. Verliert man diese, ist man verlassen. Zweierlei wird dadurch erreicht:

Erstens, die Person bereut eventuell. Sie spürt den Schmerz und kehrt zurück und die Wärme des Gemeinschaftsnestes (die perverse Logik, Heuchelei und Unmenschlichkeit, Liebesentzug so zu begründen, ist mehr als eindeutig… Hinzu kommt die arrogante Anmaßung, ein jeder Aussteiger habe keine vernünftigen Gründe, denn diese Handhabe setzt sich nicht mit den Gründen auseinander, sondern soll jeden Fall gleich aburteilen. Demnach setzt das „Bereuen“ voraus, man habe „gesündigt“. Das schließt vernünftige Gründe direkt aus, denn das ist nichts, was man zu bereuen habe. Solche psychologischen bzw. psychopathischen Gedankenspiele sind in dieser Gemeinschaft leider keine Seltenheit.). Zweitens wird ein Dorn entfernt. Ein Ausgeschlossener verließ vielleicht aus gutem Grund diese Gemeinschaft. Und SOWAS gehört entfernt. Jegliche Kritik muss im Keim erstickt werden. Mehr noch, man muss davor fliehen. Und nein, diese Formulierung ist keine Übertreibung meinerseits, sondern ein geistiger Erguss der Zeugen Jehovas. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich vor einigen Jahren einen Zeugen fragte, wie Gottes Liebe mit den Qualen auf der Erde in Einklang zu bringen sei. Der kritikwitternde Zeuge verzog sein Gesicht zu einer wirklich hasserfüllten Visage und machte mir deutlich, dass er darüber nicht mit mir zu reden habe. Ich machte in Bezug auf dieses Thema zwar auch sehr, sehr viele positive Erfahrungen, jedoch war die Reaktion des erwähnten Zeugen alles in allem vorbildlich.

Aber gut, zurück zu meinem Ausstieg… Ich war jung, wollte Dinge erleben. Nichts Großes, eigentlich eher Stinknormales. Das erste Bier genießen (lustigerweise machte ich meine ersten Erfahrungen mit Alkohol Jahre vorher bei Feiern der Zeugen Jehovas. Die ‚Coolen‘ tranken um die Wette, wer bei denen sitzen wollte, musste trinkfest sein – ich war es mit 13 nicht, auch nicht, nachdem sie mich sanft zwangen.), Mädchen, vielleicht mal an einem Joint ziehen? Erfahrungen sammeln. ‚Weltlich‘ sein. Mein enger Zeitplan, den ich am Ende meiner Mitgliedschaft erfüllte, lies mir das nicht zu.

Montags – Buchstudium, Besprechung eines bibelerklärenden Buches der Zeugen Jehovas. Dienstags – Buchstudium mit einem ‚Interessierten‘, Mittwochs – Vorbereitung auf Donnerstag, an welchem ein Gottesdienst mit diversen kleinen Vorträgen stattfand (mit 9 oder 10 stand ich das erste Mal selbst vor der Gemeinde und las aus der Bibel), Freitags sowie Samstags stand dann der Haus zu Haus Dienst an und schließlich gab es am Sonntag nochmal einen Gottesdienst, d. h. einen langen Vortrag plus ‚Wachtturmstudium‘.

Aber da ist sie schon wieder, die Zeugensprache. Vielleicht sollte ich kurz einen Abstecher machen: Zeugen Jehovas besitzen eine eigene Terminologie. Meiner Ansicht nach ist das einfach ein Mittel, um sich abzugrenzen, sich elitär zu zeigen (und so wie ich das sehe, ist auch das mit ein Grund für viele Lehren, die vom allgemeinen christlichen Verständnis der Bibel abweichen, so z. B. das Thema um das Kreuz/den Stamm).

Worte wie „Wahrheit“ (= Die Lehre der Zeugen Jehovas), die „Welt“ (= alle Nichtzeugen), das „System der Dinge“ (= Die momentane Weltordnung unter der angeblichen Herrschaft des Satan). Aber auch „Haus zu Haus Dienst“ (= Das regelmäßige Missionieren), das „Bibelstudium“ (= Lesen und verstehen der Bibel unter alleiniger (!) Anleitung der Publikationen, welche für diesen Zweck von den Zeugen Jehovas herausgegeben wurden), „Feinde der Wahrheit“ (=Aufklärer, Kritiker) und so weiter, und so fort, all das ist sind in der ‚Zeugenwelt‘ normale Begrifflichkeiten. So wie man bei Scientology vom Thetan und Auditing redet und es normal ist, gibt es ebenso eigene Begriffe bei den Zeugen Jehovas. Gern Begriffe aus dem Alltag, die dann komplett umgedeutet werden, wie das Beispiel von der „Wahrheit“ zeigt. Natürlich könnte man nun noch auf die psychologie Wirkung dessen eingehen, aber ich muss ehrlich sagen, dass mir das nun doch zu weit führen würde.

Also das war nun mein Wechsel von der „Wahrheit“ in die „Welt“, welche mir als schlechter Ort ohne Freundschaft, ohne Liebe, ohne wahre Mitmenschen vermittelt wurde. Aber mein Wechsel war nur rein körperlich. Mein Verstand, mein Denken hing noch weiterhin dort, wo er die letzten eineinhalb Jahrzehnte verbrachte – im Gedankengut der Zeugen Jehovas. Ich teilte die Menschen weiterhin auf in die, die gerettet werden und die, die in Harmagedon, Gottes Strafgericht an der Menschheit, sterben würden.  Eben ganz so, wie ich es nun einmal lernte. In meiner Kindheit erlebte ich den ‚lustigen‘ Brauch noch, den einige wenige, vor allem alte, Zeugen aufrechterhielten: Verhielt sich jemand im Haus zu Haus Dienst ablehnend gegenüber den Zeugen, notierte man ihn sich als „Bock“. Als jemand, der in Harmagedon keine guten Karten hat. Aber das war nichts Offizielles, ein kleiner, unverbindlicher ‚Spaß‘.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit 17, knapp 18 in der Wohnung meines Bruders (der zu dem Zeitpunkt zu den „Untätigen“ zählte (= Zeugen Jehovas, die nicht ausgeschlossen sind, jedoch kaum mehr die Gottesdienste besuchen)) stand und wir beide uns sicher waren, dass WENN jemand richtig liegt, DANN seien es die Zeugen Jehovas.

Jedoch schlug mein Verstand meinem Willen ein Schnippchen, dachte sich seinen Weg durch die Hirnverrenkungen um 144000 Auserwählte für den Himmel (ja, auch das ist eine Zeugenlehre), landete im Garten Eden während des Sündenfalls, wich kurz der zupackenden Hand eines Jehovas aus, machte Halt vor dem Sündenbock Satan, tanzte eine Weile um das goldene Kalb und landete schließlich, nach jahrelangem Hin und Her, Diskutieren, Streiten, Verletzen und verletzt werden da, wo er heute ist – im Humanismus.

Wenn ich mit Menschen, die nie vorher von dieser Gemeinschaft hörten über die Zeugen rede, denken sie sofort an die Senioren mit mürrischem Blick in der Fußgängerpassage, die Zeitschriften mit den doofen Namen „Wachtturm“ und „Erwachet“ in der Hand halten. Die lieben Alten, die man belächelt. Nun ja, das ist die eine Seite. Die andere ist die interne.

Manipulation, Indoktrination, seelische Folter, genaue Kontrolle der Mitglieder, in früheren Jahren systematische Kindesmisshandlung, das sind Dinge, die leider Realität sind.

Vor kurzem las ich Hamed Abdel-Samads Prognose über die islamische Welt, in welcher er ein islamisches Kinderlehrbuch zitierte, das einbläuen sollte, Ungläubige kämen in die Hölle.

Nun, ich wuchs mit der Lehre auf, dass alle meine weltlichen Freunde in Harmagedon sicherlich verenden werden. Durch nette Illustrationen von schreienden Menschen, brennenden Häusern und zermalmten Tieren in den Publikationen wurde dieser Eindruck verstärkt.  Wo ist der Unterschied? In meinem Bücherregal steht ein Kinderbuch der Zeugen Jehovas (ein Mahnmal), welches Kindern nahelegt, Dämonen würden sich freuen, spielten sich die Kleinen an Penis und Scheide (Nur ums klarzustellen – wir reden hier von sogenannten Doktorspielen und dem vollkommen normalen Entdecken des eigenen Körpers).  Dieses Kinderbuch ist aktuell, es hat den Titel „Lerne von dem großen Lehrer“.

Beispiele dieser Art finden sich zuhauf in der zeugeneigenen Literatur. Ich persönlich wuchs noch mit der Lehre auf, dass das Schlagen von Kindern notwendig sei, um sie auf dem „Pfad der Rechtschaffenheit wandeln zu lassen“.  Wo ist der Unterschied zu einer Gesellschaft, die ihre Kinder vor „Ungläubigen“ warnt und diese verdammt? Natürlich gibt es inhaltliche Unterschiede, aber die geistige Vergewaltigung, die gesellschaftsfeindlichen Inhalte und die Indoktrination sind vom gleichen Kaliber.

Ich werde nie vergessen, wie ein „Kreisaufseher“ (ein von Gemeinde zu Gemeinde reisender Zeuge mit besonderem Ansehen) in einem seiner Vorträge glücklich jauchzend davon schwärmte, wie Kinder zu schlagen seien, sogar Witze darüber machte. Er lachte damit Kinder aus, die weinend verprügelt wurden. Es gibt eine „Sage“, eine Story, die bei Aussteigern und Mitgliedern gleichermaßen die Runde macht. Die kleine Geschichte vom Jungen, der während des Gottesdienstes nicht still sitzen will. Also nimmt ihn sein Vater an die Hand und führt ihn in den hinteren Bereich, um ihm den Hintern zu versohlen, wortwörtlich. Die Gemeinde weiß, was dem Jungen droht, der Junge ebenso. Er weint: „Jehova, hilf mir!“.

In der Gemeinde löste diese Story früher Gelächter aus, wie naiv der Junge sei.

Mir kommen beim Schreiben fast die Tränen, wenn ich darüber nachdenke.

Als ich vor kurzem 2 Zeugen Jehovas die mich besuchten eben darauf ansprach, gaben sie sich sehr überrascht, als hörten sie zum ersten Mal davon. Nachdem ich ihnen eindeutige Stellen in ihrer eigenen Publikation zeigte, welche glasklar aussagten, dass das Versäumen der Prügelstrafe ein Mangel an Glauben, ein Fehlverhalten sei, für das man sich vor Gott zu rechtfertigen habe, fühlten sie sich sichtlich unwohl. Natürlich ist es richtig, dass vor gar nicht allzu langer Zeit die Prügelstrafe allgemein einfach ganz normal war. Mein Vater wuchs mit seinen 5 Geschwistern mit dem Gehstock zu Hause und dem Rohrstock in der Schule auf. Jedoch war es sicherlich nicht normal, Kindesmisshandlung als göttliches „Edikt“ anzusehen, es anzupreisen, zu fördern und zu fordern. Aber das Licht wurde heller (die offizielle Bezeichnung für das Eingeständnis, sich in der Vergangenheit getäuscht zu haben und nun eine Änderung der Lehre vorzunehmen), diese Lehre verschwand aus ihren Schriften und seit dem Jahr 2000 wird man Schwierigkeiten haben, das Anpreisen der Kindesmisshandlung in seiner alten Härte zu finden, eher im Gegenteil.

Besonders auffällig ist das ‚heller werdende Licht‘ auch im Punkt Bluttransfusionen, die dem Leser, der bis hierhin durchhielt, sicherlich schon durch den Kopf gingen, schließlich gibt es kaum ein Thema, für das Zeugen Jehovas so sehr bekannt sind. Waren in der Vergangenheit Bluttransfusionen absolut verboten (basierend auf dem biblischen Gebot, sich des Blutes zu enthalten), sind sie mittlerweile eine Gewissensentscheidung. Oh, wieder ein Zeugenbegriff. Eine Gewissensentscheidung beschreibt eine Sachlage, die zwar nicht offiziell verboten ist, jedoch auch nicht direkt gewünscht ist. Ob Eltern ihre Kinder mit auf weltliche Klassenfahrten gehen lassen, ob Zeugen einen Job annehmen, der ihnen weniger Zeit zum Missionieren lässt, oder ob man eine Bluttransfusion annimmt, das alles sind Gewissensentscheidungen.

Während meines Studiums schrieb ich in der Lerneinheit „Journalistisches Schreiben“ einen Artikel über eine junge Zeugin Jehovas, die aufgrund ihrer Verweigerung der Transfusion starb.  Natürlich wird hier in antrainierter Zeugenmanier erwidert, dass sie ja vielleicht trotzdem gestorben sei. Das ist sogar richtig. Aber unerhört heuchlerisch. Denn die Überlebenschance steht hierbei nicht im Mittelpunkt. Weniger noch, die zählt nicht die Bohne. Sondern einzig und allein das als göttlicher Wille betrachtete Gebot. Selbst wenn Transfusionen den Krebs oder Aids heilen könnten, Zeugen Jehovas müßten darauf verzichten, denn es ist ein biblisches Gebot, zumindest ihrer Auffassung nach. Der Versuch, die angeblichen Risiken von Bluttransfusionen als Grund vorzuschieben, diese zu verweigern, ist entweder Unwissenheit um den eigentlichen Sinn des Verbotes oder aber ganz direkt pure Heuchelei. Jedoch würde im Fall der Bluttransfusionen als 100%iges Heilungsmittel für diverse Krankheiten sicherlich das Licht schlagartig heller werden. So funktioniert nun einmal göttliche Inspiration. Halte so lange an der wirren Lehre fest, bis überhaupt rein gar nichts mehr geht und sage dann, Gott erleuchte dich mit neuem Licht. Er wird schon richtig liegen…

Wobei diese Sachlage mir half, mich zu lösen, mich zu befreien von diesem Glauben. Nie werde ich vergessen, wie ich als junger Teenager weinend im Bett saß, fest zu meinem Gott betend, er möge mir sagen, zeigen was richtig ist. Gar nicht so lange später kam erst der körperliche, später der geistige Ausstieg.

Für mich war später glasklar, ich brauche den klaren Cut. Ich muss mich deutlich von dieser Sache distanzieren. Blame my Rechtsempfinden. Meine Erfahrung war jedoch, dass viele diesen Cut nicht brauchen. Sie können den Spagat wagen und entweder auf die Schnauze fliegen oder aber es hinkriegen. Miterlebt habe ich beides. Wer damit glücklich wird, der soll es ruhig tun.

Vor einigen Jahren las ich ein Interview mit einem Lokalpolitiker, der mehrere Jahrzehnte in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas verbrachte. Er sagte etwas, das ich sehr interessant finde. Er als Mensch sei mit diesem Glauben einfach nicht kompatibel. Diese Worte sind die kurze Beschreibung, mehr noch, die Erklärung für etwas, dass ich sehr lange fühlte und bei anderen Menschen der Szene nie verstand.

Ich bin mit diesem Glauben einfach nicht kompatibel. Meine ethischen Grundlagen und mein Verstand können so nicht funktionieren.  Für andere Menschen klappt es wunderbar, sie passen in diese Form. Oder werden geformt.

Ich bin froh, dass es bei mir anders kam. Jedoch bin ich auch froh, meine Kindheit so verbracht zu haben, wie ich sie verbrachte.

Mehr als froh bin ich jedoch dankbar dafür, die Erfahrungen gemacht haben zu dürfen(und ich schließe all die unschönen Erfahrungen mit ein…), die mich schließlich zu dem Menschen machten, der ich heute bin. Kein anderer will ich sein außer ich selbst.

 

Ich bin mir sicher, viele sehr wichtige Dinge fehlen in meinem bisherigen Aufsatz. Und ich weiß auch, dass es sehr viele Dinge gibt, die bestimmt viel eingehender bearbeitet werden müßten und könnten, auch von mir. Eine Aufarbeitung in dieser Form fand bei mir jedoch schon seit einiger Zeit nicht mehr statt, darum bin ich wahrscheinlich ein wenig ungeübt im Abwägen dessen, was wichtig ist und was nicht. Gesetzt den Fall, dass es positive Rückmeldung geben sollte und falls es gewünscht wird, kann ich sehr gerne noch auf weitere Inhalte oder Fragen eingehen. Gespannt bin ich aber erst einmal, ob jemand bis hierher durchhält.

Die Uhr sagt 21.00 Uhr, seit mehreren Stunden sitze ich hier schon und schreibe, lösche, schreibe, lösche. Grad springt mein Winamp auf die Nummer 5323 meiner Playlist, Michael Jackson – Beat it. Die perfekt Musik für einen Abschluß.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Über die Selbstbestimmung und die Würde des Menschen


dghsEine Rezension von Siegfried R. Krebs (Freigeist Weimar):  

WEIMAR. (fgw) Noch vor dem 1. Januar ist dieser Tage die erste Ausgabe der DGHS- Vierteljahreszeitschrift „Humanes Leben – Humanes Sterben“ (HLS) für das Jahr 2019 erschienen. Die DGHS – das heißt ausgeschrieben Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben e.V. – versteht sich als Menschenrechts- und Patientenschutz-Organisation sowie als Bürgerrechtsbewegung. In dieser Heft-Ausgabe gibt es kein eigentliches Schwerpunktthema.

Dafür aber eine Wortmeldung per Abschiedsbrief einer promovierten Frau aus Deutschland, die im Oktober 2018 mit Hilfe der Schweizer Organisation „lifecircle" durch Freitodbegleitung in der Schweiz selbstbestimmt gestorben ist. Ihre Hinterbliebenen erklärten sich mit dem Abdruck des Schreibens ausdrücklich einverstanden, heißt es dazu von der Redaktion, ergänzt durch diese Information: Im November gab es Medienberichte, dass „lifecircle" wegen zu hoher Nachfrage aus Deutschland Fälle ablehnen muß.

Unter der Überschrift „Über die Selbstbestimmung und die Würde des Menschen" stellt dieser Abschiedsbrief aus der Warte einer Betroffenen ein entschiedenes Plädoyer für eine kontrollierte Sterbehilfe dar.

Sie schreibt zunächst über ihre Krankheit, deren medikamentöse Behandlung mit gravierenden Nebenwirkungen und benennt auch die Kosten. Allein die Tabletten hätten pro Tag 300 Euro gekostet, hinzu kämen noch die Arzt- und Pflegekosten.

Und sie stellt Fragen:

„Wem also nützt eine solche Behandlung? Sie verlängert das Leiden mit der Gewissheit, das Ende steht nahe vor der Tür. Der Betroffene kann einige Tage länger leben, aber mit welcher Lebensqualität und wofür soll er sein Leiden verlängern? Er soll die Errungenschaften der Wissenschaften genießen. Zeitgewinn! Wofür und unter welchen Bedingungen? Wem nützt es wirklich? Der Industrie, der Ärzteschaft, dem Pflegepersonal. Welches Leidn kommt über die Angehörigen, die nicht helfen können. Sie müssen das Leiden mit ertragen und können doch bei allem Einsatz nicht das Ende aufhalten.

Warum darf nun der betroffene Kranke nicht den Wunsch äußern und um Hilfe bitten, sein Elend zu beenden? Unsere landläufige Meinung ist, nur Gott darf es. Der Mensch darf nicht selbst Hand anlegen. Stimmt das? Wer hat mit Gott sprechen können? Wem hat er das gesagt? Die Menschen haben sich diese Antworten gegeben. (…)

Mit welchem Recht schwingen sich Menschen auf über andere zu richten, was ihr freier Wille ist und wie weit man diesen nutzen darf? (…) Die Kirche leider hat ihr Versagen in den moralischen Fragen unter Beweis gestellt. Sie deckt den Mantel des Schweigens über die Vergangenheit und will weiter Hüter der Moral sein? Was ist mit der freien Willensentscheidung und der Würde eines jeden Menschen,garantiert in vielen Verfassungen vieler Länder? Es schwingen sich Menschen zu Moralaposteln auf, die nur einen Moralanspruch an andere haben.Welch‘ ein Trauerspiel! Wer glaubt,die Entscheidung,aus dem Leben zu treten, sei leicht, der irrt. Es erfordert viel innere Kraft, aber auch Demut und Dankbarkeit für das, was man erlebendurfte, was man bewältigt hat."

In dem Brief wird selbstverständlich auch auf den Vorwurf eingegangen, Sterbehilfeorganisationen würden sich bereichern und sie antwortet:

„Die Frage ist, kann man von Bereicherung sprechen, wenn jemand einem bei einem selbstbestimmten Sterben hilft? Das vergleichsweise kleine Entgelt, was ein Sterbehelfer und die Verwaltung erhalten, ist für eine Dienstleistung wie jede andere. Das einträgliche Geschäft mit der Lebensverlängerung fällt da weit größer aus.

Typisch für unsere Gesellschaft, den kleinen Gelderwerb anprangern und amoralisch darstellen, damit das eigene, weit größere Handeln vertuscht werden kann. Wie steht es mit der Würde des Menschen? Sie wird auf dem Altar des Geldmarktes geopfert mit dem Alibi der Moral." (S. 33-34)

Aus diesem Abschiedsbrief ist hier mit Absicht sehr ausführlich zitiert worden, berühren doch die Worte seiner Verfasserin die Fragen, Ängste, Hoffnungen vieler Menschen, nicht nur die der DGHS-Mitglieder!

Um solche Fragen geht es letztlich ebenfalls im Editorial des DGHS-Präsidenten Prof.Dr.Dr. Dieter Birnbacher auf S. 3. Darin heißt es:

„…zunehmend werden Herzpatienten zur Vermeidung von Tod oder gesundheitlichen Schäden durch Herzrhythmusstörungen streichholzschachtelgroße Impulsgeber unter die Haut implantiert. Diese sogenannten ICDs (implantierbare Cardioverter-Defibrillatoren) sind für die Patienten regelmäßig segensreich. (…) Im Vorfeld des Sterbens erweisen sich diese Implantate allerdings häufig als Belastung. (…) Sie zögern den Vorgang des Sterbens sinnlos hinaus und verhindern ein friedliches Verdämmern. Technisch ist das Abstellen eines solchen Geräts kein Problem. (…) Auch ethisch und rechtlich ist ein Abstellen unproblematisch, solange der Patient einwilligt oder durch eine Patientenverfügung (…) eingewilligt hat. Da das Ausschalten zwar ein aktives Tun ist, aber lediglich den Abbruch einer Behandlung darstellt, zählt sie als 'Sterbenlassen` zu dem der Arzt, sofern es vom Patienten verlangt wird, nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet ist. (…)

Die Neufassung der Patientenverfügung der DGHS (erhältlich ab Frühsommer 2019/die bisherigen Formulare bleiben aber gültig!) sieht eine entsprechende Verfügung ausdrücklich vor."

Gar nicht so breiten Raum nimmt die Berichterstattung über die ordentliche Delegiertenkonferenz der DGHS im November ein und ist dennoch überaus informativ. Verfasserin Claudia Wiedenmann zeigt damit, daß man über Vereinsformalien durchaus lesbar und lesenswert schreiben kann: „The same procedere as every year?" (S. 4-5)

„Der Leisten geht von Bord", so hat Wega Wetzel die Verabschiedung des bisherigen DGHS-Vizepräsidenten Volker Leisten getitelt und sie nimmt darin eine beeindruckende Würdigung des langjährigen ehrenamtlichen Engagements der „rheinischen Frohnatur" Leisten vor. (S. 6-7)

Und wer Volker Leisten kennt, der nimmt mit großem Bedauern zur Kenntnis, daß mit ihm die DGHS einen wirklich strategischen Denker und tatkräftigen Macher in Sachen Organisationsentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing als Präsiden verloren hat und der wohl auf sehr lange Sicht nicht zu ersetzen sein dürfte.

Wega Wetzel informiert dann noch über eine Performance des Entertainers Beppo Küster am Abend nach dem ersten Beratungstag. (S. 7)

Um die Öffentlichkeitsarbeit der DGHS geht es in einem weiteren Beitrag von Wega Wetzel über eine überaus gut besuchte und von dem TV-Urgestein Franz Alt moderierte Podiumsdiskussion in Baden-Baden, die Aspekte des Sterbens beleuchtete: „Leiden aushaltbar machen oder Freiheit behaupten?" (S. 8-9)

„Als Au-pair-Oma ins Ausland, wie geht denn das?", darauf antwortet Manuela Hauptmann in ihrem Artikel „Mit 60 Jahren um die Welt". Ja, wer hätte denn gedacht, daß es so etwas tatsächlich gibt?! Was dafür aber bedacht werden muß und was so alles erforderlich ist, das wird auf den Seiten 12-13 eingehend beschrieben.

Natürlich darf auch Juristisches in der DGHS-Zeitschrift nicht fehlen. Heuer geht Rechtsanwalt Oliver Kautz auf den S. 14-15 auf Besonderheiten im Erbrecht ein, die sogenannte Patchwork-Familien unbedingt beachten sollten.

Sehr umfangreich fallen in dieser Ausgabe Berichte aus dem Vereinsleben in den Regionen aus. Leider kann man sich – als ständiger HLS-Konsument – mitunter des Eindrucks der Peinlichkeit nicht erwehren, wenn man da gleich zwei ellenlange Beiträge aus Bremen zur Kenntnis nehmen muß; siehe S. 1-11 und 24-25. All das hätte durchaus kürzer formuliert werden können, also im Kurzberichtsformat gehalten sein können. An die dafür eigentlich üblichen Formate halten sich dagegen die nicht minder aussagekräftigen Meldungen aus Bonn, Leipzig, Nürnberg, Osnabrück, Weimar und Würzburg.

Nicht fehlen dürfen die verschiedenen ständigen Rubriken, wie der vierteljährliche Veranstaltungskalender, der „Dialog unter Mitgliedern", die Leserbriefe, Ausstellungs-Tips, der „Blick in die Medien" und der „Blick über die Grenzen" mit Nachrichten aus Frankkreich, Italien, den Niederlanden und Österreich sowie aus der Schweiz und aus Spanien.

Wie immer runden mehrere Rezensionen das Lektüre-Angebot ab, und das eigentlich im doppelten Wortsinne: Besprochen werden eine DVD über einen Freitod in der Schweiz (von Red.), zwei Bücher über Fragen von Sterben und Tod (von Red. und Siegfried R. Krebs) sowie über den Zauber in den kleinen Dingen des Alltags (von Manuela Hauptmann).

Mehr Informationen zur DGHS und ihrer Zeitschrift sind auf deren Webseite zu finden.

Link zum Original: http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/ueber-die-selbstbestimmung-und-die-wuerde-des-menschen/

Siegfried R. Krebs

 

 




Jeder soll nach seiner Façon selig werden


Fritz(Dieser Artikel passt trotz seines Entstehungsdatums auch heute noch)

So schrieb am 22. Juni 1740 Friedrich II, König von Preußen, und dokumentierte damit die für Preußens wirtschaftliche Entwicklung wichtige Toleranz gegenüber Einwanderern und religiösen Minderheiten, vor allem Hugenotten und Katholiken. Diese Toleranz sowie die endgültige Abschaffung der Folter 1754 sind herausragende Größen seiner Amtszeit. Die aus dem re-katholisierten Frankreich geflohenen protestantischen Hugenotten genossen dabei wohl die größten Freiheiten mit wirtschaftlichen Starthilfen, Steuerprivilegien und zunächst sogar eingeschränkter eigener Gerichtsbarkeit. Dass diese Toleranz sich nicht etwa nur auf „Christen“ reduzierte beweist ein Brief Friedrichs ebenfalls aus dem Jahre 1740 (Bild: Caro1409, Wikimedia Commons):

„Alle Religionen seindt gleich und guht, wan nuhr die Leute, so sie profesieren , erliche Leute seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wolten das Land pöbplieren, so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen“.

Die Eingewanderten integrierten sich und assimilierten schließlich mit der einheimischen Bevölkerung. Nur ihre Namen wie z.B. de Maizière zeugen noch bis heute davon, dass sie einst aus der Fremde kamen. Insoweit kann man Brandenburg-Preußen des 18. Jahrhunderts durchaus als Musterbeispiel für gelungene Integration anführen. 

Der Zuzug nach Deutschland setzte sich im 19. und 20. Jahrhundert fort. Mit der beginnenden Industrialisierung zog es zunächst viele Polen aus den preußischen Ostgebieten (Polen existierte nicht als Staat) vor allem ins Ruhrgebiet und dämpften den Mangel an Arbeitskräften. Später zogen andere Nationalitäten nach: Italiener, Serbokroaten, Spanier, Griechen und viele andere mehr. Niemand nimmt heute ernsthaft Anstoß an Namen wie Podolski, di Lorenzo, Olic und anderen. Sie alle sind „gute Deutsche“ geworden. Deutschland ist eben nie wirklich „rasserein“ im Sinne der verquasten Blut- und Boden-Theorie der Nationalsozialisten gewesen, wahrscheinlich zu seinem Glück. Doch plötzlich soll das für Özdemir nicht mehr gelten? Was ist an Özdemir ungewöhnlicher für deutsche Lippen und Ohren als Podolski? Oder liegt es wirklich an den religiös-kulturellen Unterschieden zwischen den Immigranten und der aufnehmenden Gesellschaft?

Dabei ist die Gegenwart von Moslems in Deutschland doch durchaus nichts Neues. Bereits

im Jahr 1732 ließ der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. in Potsdam am Langen Stall einen Gebetssaal für zwanzig seiner türkischen Gardesoldaten errichten. Die älteste erhaltene deutsche Moschee steht seit 1928 in Berlin, die Wilmersdorfer Moschee, ein prächtiger Bau (http://www.eslam.de/begriffe/w/wilmersdorfer_moschee.htm). Nun gut, inzwischen sind es mehr geworden, ca. 340 als solche erkennbar, nicht gezählt die so genannten Hinterhofgebetsräume, die niemand wirklich will. Auf  knapp 12.000 Moslems in Deutschland kommt gerade mal eine einzige Moschee, dagegen auf knapp 900 Protestanten eine Kirche. Von einer Überrepräsentanz im öffentlichen Erscheinungsbild kann also wohl kaum geredet werden.

Eine aufgeheizte und feindselige Debatte

Trotz dieser Fakten wird die Debatte über islamische Einwanderung mit ungeahnt schrillen Tönen von Befürwortern und Gegnern geführt. Das geht hin bis zu völlig substanzlosen Beleidigungen. Zum beliebtesten Neologismus in diesem Streit scheint  dabei die Wortschöpfung „Hassprediger“ für Aktivisten beider Seiten zu avancieren. Islamkritiker wie Henryk M. Broder werden dabei gern in die Ecke von „faschistischen Antisemiten“ gestellt, Islambefürworter müssen sich den Vorwurf des „Verrats am Volkswillen“ anhören. Irrationale Ängste dienen auf beiden Seiten zur Emotionalisierung der jeweiligen Gefolgschaften, „schleichende Islamisierung“ hier gegen „Aussterben der deutschen Bevölkerung“ dort. Es fällt langsam schwer, sich durch den Wust an veröffentlichten Meinungen hindurchzuarbeiten, um zu den Fakten und auch den objektiven  Schwierigkeiten dieses Dialogs zwischen Immigranten und aufnehmender Gesellschaft vorzustoßen.

Was seit Jahrhunderten relativ reibungsfrei funktionierte scheint in ein großes Desaster zu münden. Deutschland ist nun seit einigen Jahren auch offiziell ein Einwanderungsland und seitdem klappt es einfach nicht mehr mit der Integration. Es scheint so zu sein, dass sich die Probleme wirklich an der andersartigen Religion Islam festmachen lassen, denn weiterhin gibt es mit Einwanderungen aus dem europäischen Raum oder aus Asien keine sonderlichen Schwierigkeiten. Schauen wir uns also genauer an, was Aufnehmende und Aufgenommene jeweils an gegenseitigen Forderungen stellen, um besser beurteilen zu können, wo sich mögliche Kompromisslinien für gegenseitiges Verstehen abzeichnen. Kann der Disput in zivilisatorisch vertretbare Bahnen gelenkt werden?

Die Voraussetzungen aus bisher unbeachteter säkular-humanistischer Sicht

Die grundgesetzlich zugesagte Garantie von Religions-, Presse-, Kunst- und  Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, für das sich alle demokratischen Menschen stark machen und für deren Erhalt und Ausbau sie sich aktiv einsetzen sollten. Diese Grundrechte werden in Deutschland in vielfältiger Weise ausgehöhlt. Das beginnt bereits mit der Anerkennung von Religionsgemeinschaften als Körperschaften „öffentlichen“ Rechts bis hin zum Einzug einer Kirchensteuer, der man sich nur durch „Austritt“ entziehen kann, weil in aller Regel andere, nämlich die Eltern, über den „Eintritt“ entschieden haben. Die Organisation der Religionsgemeinschaften nach Vereinsrecht wäre daher die erste dringliche Maßnahme, um überbordende Privilegien einiger weniger Religionen oder Konfessionen abzubauen. Die große Mehrzahl der Religionen ist nämlich nicht nach öffentlichem Recht organisiert. In solche Vereine könnte jeder wenn er denn will ab Beginn der Geschäftsfähigkeit eintreten und hätte dann natürlich seine Vereinsbeiträge zu entrichten.

Die Finanzierung der Religionsgemeinschaften aus allgemeinen Steuermitteln ist sofort zu beenden. Hierzu gehört auch die Anerkennung sogenannter Bekenntnisschulen, religionsgebundener Kindergärten, Krankenhäusern und anderer karitativer Einrichtungen, die, ohne dass die Mehrheit der Kirchensteuerzahler es überhaupt mitbekommt, bis auf wenige Prozentpunkte aus öffentlichen Mitteln finanziert werden. Überspitzt gesagt: Die Allgemeinheit, religionsgebunden oder nicht, bezahlt dafür, dass sich Religionen ein Mäntelchen der Barmherzigkeit umhängen können. Oder mit einem konkreten Beispiel: jeder Steuern zahlende Moslem finanziert mit seinem Obolus, dass sich z.B. die katholische Kirche repräsentativ in der Öffentlichkeit darstellen kann.

Eine Lösung auf Vereinsbasis würde solche Unsinnigkeiten verhindern. Wenn jemand Bekenntnisschulen, gleichgültig ob christlich, moslemisch oder humanistisch (wie jetzt in Bremen), einrichten will, wogegen überhaupt nichts einzuwenden ist, sofern sich solche Schulen an die allgemein verbindlichen Lehrpläne halten, so soll er sie gefälligst zu 100% selber finanzieren – als Privatschule mit Gebühren oder aus Vereinsmitteln. Es können hier natürlich nur Teilaspekte betrachtet werden, doch gilt das Gesagte sinngemäß für alle Bereiche, in denen die Religionsgemeinschaften überprivilegiert sind.

Erst wenn über einen solchen Privilegienabbau nachhaltig entschieden wird, mithin die Laizität des Staates endlich als oberstes Gebot anerkannt wird, kann sinnvoll über die Integrationsfrage von moslemischen Einwanderern neu nachgedacht werden. Warum?

Moslems fordern durchaus zu Recht und unter Bezug auf das Grundgesetz, dass sie wie alle anderen Religionsgemeinschaften behandelt werden. Da das aber bereits grundgesetzlich garantiert ist, geht ihr Vorstoß offensichtlich noch in eine ganz andere Richtung. Sie wollen dieselben grundgesetzlich nicht abgedeckten Privilegien wie die akzeptierten Religionsgemeinschaften, mit anderen Worten: sie wollen auf die Gesellschaft als Ganzes Einfluss ausüben. Hier liegt die eigentliche Crux des Problems. Während nämlich seit der Aufklärung die Kirchen, wenn auch zähneknirschend, die Vorherrschaft weltlichen Rechts vor kirchlichem Recht anerkennen mussten und sich somit in gewissem Umfang in diese Rolle gefügt haben, verfolgen Muslime, die ohne vergleichbare Aufklärung ihren Weg in der westlichen Welt suchen, unter dem Strich eine andere Gesellschaftsordnung (siehe Link zu: „Demokratie und Islam“), da schon vom Prinzip her von Menschen gemachtes Recht nicht höher stehen darf als „göttliches“ Recht.

Ist denn ein auf den privaten Bereich beschränkter Islam, das heißt ein an die demokratischen Strukturen des Okzidents angepasster Islam, überhaupt denkbar? Betrachtet man die Masse der moslemischen Einwanderer in Deutschland, so scheint dies durchaus möglich. Die Mehrzahl will ganz offensichtlich ihre Religion leben, ohne weitergehende Ansprüche daraus abzuleiten. Allerdings hat diese Masse keine Stimme. Betrachtet man das Vorgeplänkel zur DIK II, merkt man schnell, dass die dort vertretenen Verbände ganz andere Ziele im Sinn haben. Sie geben vor, die Mehrzahl der Moslems in Deutschland zu vertreten, Abstimmungsergebnisse aufgrund von intelligent gestellten Fragen darüber liegen aber nicht vor. Sie sind aber die Meinungsführer. Weitsichtige Moslems wie etwa Necla Kelek ‚http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,686385-2,00.html) oder Bassam Tibi (http://en.wikipedia.org/wiki/Bassam_Tibi und http://www.spiegel.de/international/spiegel/0,1518,440340,00.html)

haben in diesem Umfeld keine Chance. Für die Hardliner der Verbände sind Wörter wie „Euro-Islam“, also ein in die demokratischen Strukturen des Westens eingepasster Islam, Fremdwörter, und die sind bedrohlich, weil dabei die „reine Lehre“ verloren gehen könnte.

De Maizière tut also gut daran, neben den Verbänden zur DIK auch nicht-organisierte Moslems einzuladen und ihnen eine Stimme zu geben. Auch Ex-Moslems wie z.B. Mina Ahadi können durchaus dazu beitragen, die Gefahren einer ungezügelten Ausbreitung einer über die reine Religion hinausgehenden islamischen Ideologie zu belegen und in die Diskussion einzubringen.

Fazit

Aus säkularer Sicht lässt sich mithin zeigen, dass feinsinnige Unterscheidungen zwischen Islam und Islamismus, gedacht zur Unterscheidung zwischen gemäßigten und extremen Kräften, wenig hilfreich sind, wenn es darum geht, Religionen im Allgemeinen die Begrenzung ihrer Wirkungsmöglichkeiten zu zeigen. Auf Entgegenkommen der Beteiligten darf man dabei nicht hoffen, weil diese Begrenzungen alle treffen müssen, wenn einigermaßen Aussicht auf Erfolg bestehen soll. Auch die von linker Seite vorgeschlagene Differenzierung zwischen Islam und politischem Islam (s. etwa Thomas Schmidinger: „Gottesstaat und Demokratie“) ist nicht wirklich hilfreich, da sie nur der oberflächlichen Befriedung dient, das Problem aber nicht im Kern anpackt.

Integration ist möglich, entgegen dem populistischen Geschrei auf Sites wie pi-news.net, sogar sehr gut möglich, wenn jeder die Grenzen kennt und einhält. Hier hat die Islamkonferenz eine große Aufgabe, der sie bisher nicht einmal im Ansatz gerecht wird.

Wer es wirklich ernst meint mit der Integration von Muslimen in Europa, kommt um klare Definitionen und Begrenzungen der politischen Einwirkungsmöglichkeiten von Religionen nicht herum. Schon der „Alte Fritz“ hätte es sich wohl verbeten, wenn jemand aufgrund seiner Religion versucht hätte, auf seine Staatsführung Einfluss zu nehmen. Beschränken wir uns also auf das Wesentliche, so können wir mit Friedrich II nur wiederholen:

Jeder soll nach seiner Façon selig werden

Hoffen wir, dass das in absehbarer Zukunft auch für säkulare Humanisten (Friedrich: „Heiden“) gilt!

Dr. Frank Berghaus

 

 

 




"Endlich frei von Göttelei" von Helmut Monreal. Rezension von Udo Endruscheit


GötteleiDer Rezensent zeigt sich überrascht. Sowohl vom Umfang des Buches (über 300 recht dicht bedruckte Seiten) als auch von seiner Konzeption. Helmut Monreal legt hier eine Art Kompendium der Widersprüche, Unsinnigkeiten und Zumutungen vor, die das institutionalisierte Christentum in historischer, geistesgeschichtlicher, dogmatischer und alltäglicher Hinsicht von der gottesfürchtigen Herde einfordert. All dies stellt ersichtlich eine Reflexion und Aufarbeitung vieler Dinge dar, die den Autoren lebenslang beschäftigt haben.

Es sei gleich vorweg verraten: Es handelt sich um eine sehr persönliche Bestandsaufnahme des im Klima des rheinischen Katholizismus aufgewachsenen Autors, ohne Zweifel um eine Aufarbeitung persönlicher Kenntnisse, Erfahrungen und Prägungen. Helmut Monreal nimmt seine Sache ernst und pflügt den steinigen Acker der religiösen Begrifflichkeiten, Lehrsätze und Dogmen mit großer Ausdauer. Nahezu alles, was das religiöse Lehrgebäude für den praktischen Glauben enthält, nimmt er sich vor. Und zwar mit ebenso großer Akribie wie Ernsthaftigkeit. Ich gestehe, dass ich bisher kein religionskritisches Werk gelesen habe, das sich mit einer derartigen Intensität dem „täglichen Brot“ des religiösen Themenkreises widmet.

Nach eigenem Bekunden des Autors ist das Buch das Ergebnis des Wunsches, die aufgehäufte „Gedankenlast“, die ihn „drückte und erdrückte“ mit der Niederschrift zu mindern. Nun, man darf anhand des vorliegenden Ergebnisses mit einiger Sicherheit mutmaßen, dass dies eine große Gedankenlast war, zu deren Verarbeitung es erheblicher Mühe und Zeit bedurft hat.

Nun soll es ja Aufgabe des Rezensenten sein, dem Leser der Rezension zu vermitteln, aus welchem Grund er das besprochene Buch lesen (und erwerben) möge. Dazu sei gesagt: Der Leser wird überrascht sein von der Vielfalt der Themen und von der Art ihrer Behandlung – sie werden auf oft überraschende Weise „zu Ende gedacht“. Der Leser wird auch als erfahrener Religionskritiker Gedanken, Schlussfolgerungen und Begründungen finden, die ihm so noch nicht begegnet sind. Er wird aber auch eine Reise unternehmen, die nicht ganz anstrengungslos ist. Das Lesen des Buches ist am ehesten zu vergleichen mit einer langen Wanderung in wechselnden Landschaften mit immer anderem Gelände, mal mit weiten Ausblicken, mal in einem Auf und Ab einer Hügellandschaft. Es mag der stärker verbindende Gedanke fehlen, der eher konzeptionell-monothematisch angelegten Werken zu eigen ist (natürlich ist der verbindende Gedanke per se eine fundierte Kritik am Bestand der religiösen Ramschkiste) – aber das wird ohne Weiteres ausgeglichen durch die unglaubliche, manchmal fast kaleidoskopartige Vielfalt von Themen und Darstellung. Und an so mancher Ecke wartet eine überraschende Wendung oder ein ungewöhnlicher Gedankengang. Ein Kompendium, in gewisser Weise – das aber stets der Gefahr widersteht, ins Lexikalisch-Unlesbare abzugleiten.

Ja, man liest eine Weile an dem Buch. Es erfordert Konzentration. Es gehört aber dann auch zu denjenigen, die man immer wieder einmal in die Hand nimmt, entweder um etwas aus dem Gedächtnis nochmals nachzuschlagen oder aber auch, um ein beliebiges Kapitel oder gar eine beliebige Stelle einfach noch einmal zu lesen.

Von Gottvater selbst über die Schöpfung, über den Begriff der Seele, wie uns die Bibel ihn vermitteln und die Kirche ihn uns weiterhin aufdrängen will, über den für den Nichtgläubigen inhaltsleeren Begriff der Frohen Botschaft bis hin zur jedem mit freiem Blick als Zumutung erscheinende Opfergeschichte des Gottessohnes und noch weit mehr geht das theologische Spektrum. Helmut Monreal spart aber auch die religiöse Last der Lebensrealität nicht aus. Aktuelle Themen wie die Missbrauchsskandale der Kirchen behandelt er ebenso wie die Monstrositäten der Kirchengeschichte, wobei er in diesem Kontext seine Bewunderung für Karlheinz Deschners großes Werk nicht verhehlt.

Dieses Buch ist keine Biografie und auch kein Bekenntnisbuch im eigentlichen Sinne. Trotzdem ist es sehr persönlich und lässt erkennen, dass die Lebenserfahrung des Autors in hohem Grade in diesem Werk zusammengeflossen ist. Er hat mit „Endlich frei von Göttelei“ der aktuellen religionskritischen Literatur einen besonderen, sehr individuellen Akzent hinzugefügt. Einen Akzent, der mit durchaus persönlicher Färbung die „großen Themen“ ins Auge fasst, aber den Blick ebenso auf die unzähligen Zumutungen des religiösen Glaubens richtet, denen der Gläubige durch die Forderungen seiner Kirche – im speziellen der katholischen – ständig in allen Alltags- und Lebenssituationen ausgesetzt ist. Helmut Monreal gibt insofern eine nachvollziehbare Antwort auf die Frage vieler Verunsicherter, was sie von alledem wirklich „glauben sollen“: Nichts.




Antwort auf: Humanismus als Forschungsobjekt


Button-neuDieser Darstellung liegen mehrere grundlegende Fehler zugrunde, die leider immer wieder anzutreffen sind:

DEN Humanismus gibt es nicht. Bereits ein oberflächlicher Blick in die Wikipedia zeigt, dass „Humanismus“ im Laufe der Geschichte immer wieder neu interpretiert und mit Inhalten gefüllt wurde. Dabei unterscheidet sich der „Humanismus“ eines Erasmus von Rotterdam oder ein „Humanismus“ sozialistischer Prägung in einem entscheidenden Punkt von dem, was heute (sprich seit ca. 150 Jahren) unter evolutionärem Humanismus verstanden wird: die Ideologiefreiheit.

Den Kritikern des evolutionären Humanismus kommt dabei zugute, dass es keinerlei markenrechtlichen Schutz gibt. So kann ein jeder – fast nach Belieben – Inhalte hinein bugsieren, die mit dem evolutionären Humanismus unserer Auffassung nichts oder nur Entferntes zu tun haben. Vor allem im politischen Bereich ist die Missbrauchsrate enorm groß. Sie reicht von sozialistischer Gleichmacherei bis hin zur platten Menschenfeindlichkeit.

So kann es eben kommen, dass selbst in der größten deutschsprachigen FB-Gruppe, der Initiative Humanismus, mindestens einmal pro Woche jemand die Frage stellt, ob das eben Gesagte denn mit „Humanismus“ vereinbar sei. Dabei hat sich die Initiative Humanismus als einzige Gruppe der Mühe unterzogen, ein gemeinsames Manifest zu erarbeiten, in dem seit nunmehr über sechs Jahren unverändert (obwohl immer wieder zur Diskussion gestellt) die Grundzüge eines modernen Humanismus zusammengefasst sind: http://www.wissenbloggt.de/?page_id=10526 (auch auf Englisch: http://www.wissenbloggt.de/?page_id=26354).

Auch gibt es durchaus Galionsfiguren, die unseren Humanismus unterstützen. An hervorragender Stelle sei der Philosoph Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung genannt. Jüngere wie Philipp Möller und andere wachsen nach.

Ein weiterer häufig anzutreffender Irrtum steht auch im Artikel gleich oben: „Seid nett zueinander“ mag zwar ein hübsches Motto der Bild-Zeitung vor Jahren gewesen sein, hat aber mit Humanismus wiederum nichts zu schaffen. Zugrunde liegt diesem Fehler die allzu häufige Verwirrung zwischen Humanitarismus und Humanismus. Mein Paradebeispiel dafür ist immer Albert Schweitzer, der Lambarene aufbaute und zu großen Erfolgen in der Heilung unterversorgter Patienten in Afrika brachte. Diese unzweifelhaft zugrunde liegende Empathie (er hätte wohl gesagt „Nächstenliebe“) war humanitär, aber nicht humanistisch. Und zwar aus folgendem Grunde: In der angeschlossenen Missionsschule wurden die „armen Negerkinder“ zum Christentum indoktriniert, was ihnen jede Freiheit im Denken nahm.

Auch die häufig anzutreffende Verwechslung Atheismus = Humanismus ist äußerst ärgerlich.

Speziell zu den Atheisten lässt sich festhalten, dass der Atheismus eine logisch isolierte Position ist, die über die sonstige Weltanschauung oder Ethik eines Menschen keinerlei Schlussfolgerungen zulässt. Daraus folgt, dass es für die Beurteilung des Atheismus völlig irrelevant ist, was irgendwelche Menschen, die auch Atheisten waren, Gutes oder Böses getan haben.

Religionen haben jeweils eine charakteristische Ethik. So gibt es Dinge, die ein Christ tun oder lassen sollte, weil er ein Christ ist. Für den Atheisten hingegen gilt das nicht. Der handelt, wie es seinem persönlichen Gewissen entspricht, nicht im Namen des Atheismus, denn das wäre mangels einer damit verknüpften spezifischen Ethik gar nicht möglich.

Ferner ist zu beachten, dass sich natürlich kein Atheist in seinem Atheist-Sein erschöpft. Zusätzlich hat er natürlich auch noch zahlreiche Meinungen zu allen möglichen Themen, die er auch als Theist haben könnte.

Es ist zwar richtig, dass unser Humanismus den Atheismus nahelegt, eine logische Verbindung besteht aber, wie die obige Gleichung suggerieren könnte, nicht.

Und wenn nun in allen diesen genannten Punkte Einigkeit besteht und man das Manifest zwar nicht als Handlungsanweisung aber als eine Grundlage des modernen Humanismus begreift, gibt es gleichwohl immer wieder Personen oder auch Gruppierungen, die andere als die von uns erarbeiteten Voraussetzungen einfließen lassen möchten. Geradezu ein Paradebeispiel für einen solchen Fall sind die Veganer. Manche Veganer sind davon überzeugt, man könne nur dann ein „guter“ Humanist sein, wenn man auf tierische Produkte vollständig verzichtet. Das ist ihr gutes Recht so zu denken. Kritisch wird es erst in dem Augenblick wenn behauptet wird, ALLE  Humanisten müssten notwendig Veganer sein, und die Überzeugung mit geradezu missionarischem Eifer vertreten wird. Aber erstens ist Mission laut unserem Manifest unerwünscht, da sonst Freiheiten geraubt werden, und zweitens stellen dann als nächstes die Nichtraucher oder die Antialkoholiker dieselben Forderungen.

Das sind so die Dinge (unter vielen anderen mehr), die dem Uneingeweihten den Eindruck vermitteln, „die“ Humanisten seien ein von Egoismen und Eifersüchteleien zerfressener wilder Haufen, dem eine einheitliche Führung fehle. Dabei ist Vielfalt unter einem gemeinsamen Dach – so wie von uns gelebt – eine der Grundvoraussetzungen für einen funktionierenden Humanismus. Schließlich sind wir keine politische Partei, die sich in etlichen Punkten eben durchsetzen und bereits deshalb Vereinheitlichungen anstreben muss.

Dr. Frank Berghaus

 




Mare Nostrum – Die Katastrophe im Mittelmeer


MareItalien stöhnt unter der nicht mehr zu bewältigenden Last der Ankommenden. Es gibt deutliche Anzeichen für eine finanzielle und organisatorische Überforderung. Hier könnte die Europäische Union sicherlich erheblichere Hilfestellung als bisher leisten – das steht wohl außer Frage. Doch wäre das Problem damit gelöst?

Zur Beantwortung dieser Frage darf man sicherlich nicht am Endpunkt Italien beginnen, sondern muss weiter ausholen. Doch zunächst einmal, da es unter humanistischem Gesichtspunkt von hervorragendem Interesse ist: Wie kann man die Zahl der beim Überfahrtversuch Ertrunkenen verringern, ja möglichst auf Null reduzieren? Im ersten Halbjahr 2017 verloren mindestens 2.200 Menschen ihr Leben, eine vorher nie erreichte, hohe Zahl.

Zur Beantwortung der Frage kommen angesichts der derzeitigen Situation (zumindest so wie sie sich darstellt) nur zwei realistische Antworten in Frage: Entweder man holt die Migrationswilligen mit Fährschiffen direkt in libyschen Häfen ab, oder Frontex sorgt dafür, dass alle Aufgegriffenen umgehend nach Libyen zurückgeschafft werden.

Bleiben wir zunächst einmal bei Möglichkeit zwei. Was wären die Folgen (einmal völlig losgelöst von der prinzipiellen Frage, wie menschlich ein solches Vorgehen wäre)? Die wenigsten Migrationswilligen dürften finanziell in der Lage sein, an die Schlepper-Mafia gleich mehrfach eine Überfahrt zu zahlen, um es wiederholt zu versuchen. Das wäre also eine Austrocknungsstrategie, die sicherlich die Zahl der Ertrinkenden erheblich reduzieren würde. Die Mafia würde auf Dauer jedes Interesse verlieren. Und die Menschen, in den unzumutbaren Lagern, gepeinigt von den Bewachern, Tortur, Mord, Totschlag und Vergewaltigung sind die Regel? Irgendwann würden sie sich entschließen müssen, wieder in ihre meist subsaharische Heimat zurückzukehren, ein gefahrvoller Weg, auf dem die Toten nie gezählt werden.

Europa wäre fein heraus – das Leid der Menschen würde aber ins Unendliche gesteigert. Ich denke einmal, dass sich mit dieser Idee – ausgenommen einige Rechtsradikale – niemand so recht wird anfreunden können.

Also doch mit Fährschiffen eine sichere Überfahrt garantieren? Die humanistische Forderung, mit einem solchen Verfahren Menschenleben zu schützen, wäre sicherlich erfüllt. Doch wie sieht die Realität aus? Nach Schätzungen sitzen allein in Libyen zwischen einer und drei Millionen Ausreisewillige fest. Es dürfte auch kein unüberwindliches Problem sein (faire Absprachen unter den Europäern vorausgesetzt), diese nördlich des Mare Nostrum zu „verdauen“. Doch dann?

Die Nachricht von der frohen Botschaft würde sich wie ein Lauffeuer in Afrika verbreiten und damit ungeheure Massen geradezu magisch anlocken. Allein für Afrika (wo ich der Einfachheit halber einmal bleibe) rechnet man mit mindestens 60 Millionen Menschen, die ein besseres Leben wünschen und ihre Heimat dafür entweder schon verlassen haben, oder sehr gern verlassen würden. Es darf wohl stark, nein überstark (!) bezweifelt werden, dass selbst das reiche Europa in der Lage wäre – sowohl finanziell, als auch organisatorisch – eine solche Bürde zu tragen. Von der psychischen Seite einmal ganz zu schweigen. Wenn die Regierungen das beschlössen, wären Unruhen, Aufstände, regelrechte Revolutionen wohl kaum zu vermeiden. Das ist nicht beherrschbar.

Ergo kann auch dies nicht der richtige Weg sein. Beide Wege würden unter dem Strich nur Leid und Blut und Tränen hinterlassen. Eine ausweglose Situation, Lose/Lose und kein Win/Win in Sicht?

Welches sind die politischen Antworten auf das Problem? Bringen sie uns einer Lösung näher? Die von den G20 beschlossenen Maßnahmen zielen letztlich darauf ab, die Lebensbedingungen in Afrika so zu verbessern, dass der Ausreisedruck geringer wird. Sehen wir einmal davon ab, dass dies ein sehr langwieriger Prozess sein würde, der sich wahrscheinlich über Generationen hinzöge, so krankt er doch, hat einen im System eingebauten entscheidenden Fehler. Was vorneherum aufgebaut würde, wird hintenherum sogleich wieder umgeworfen.

Wir bestehen auf einem weltweiten freien Handel für unsere Güter, die wir in Massen exportieren. Gleichzeitig lehnen wir aber einen freien Personenverkehr ab, obwohl er – systematisch gedacht – dazugehörte. Beschränkte sich unser Export auf hochtechnische Güter, die in Afrika mangels Know-How schlicht nicht produziert werden können, so hätte es ja eine Berechtigung. Doch selbst Massenware und Agrarprodukte (diese wegen der enormen Überschüsse in Europa zudem noch hochsubventioniert) überschwemmen die Märkte und verhindern recht effizient das, was gemäß der G20-Beschlüsse erst aufgebaut werden soll. Ich bin mir darüber im Klaren, dass die Wahrheit noch viel komplizierter ist als hier kurz angeschnitten, doch kann ich auf Einzelheiten verständlicherweise nicht eingehen.

Fazit: Was immer nun in Richtung der G20-Vereinbarungen tatsächlich realisiert werden sollte, wird an den Realitäten zerschellen. Der Migrationsdruck wird auf absehbare Zeit erhalten bleiben.

Was also ist zu tun? Wo kann man mit Vernunft und unter Wahrung der Menschenrechte den Hebel wirklich ansetzen?

Vielleicht führt uns das Vorgehen der Kanadier in Richtung auf eine Lösung. Die haben vor geraumer Zeit in einem Auffanglager für Syrer in der Türkei eine Kommission eingerichtet, die Ausreiswillige nach Kanada überprüft und bei positivem Sachverhalt Einreisevisa inkl. Versicherungskarte und Arbeitserlaubnis erteilt. Ist das Verfahren für die Europäer durchführbar oder gibt es Hinderungsgründe?

Dazu darf man noch wissen, dass Kanada Obergrenzen festgelegt hat, die es erzwingen, dass man sich wirklich auf die dringendsten Fälle konzentrieren kann. Jüngere, allein reisende Männer gehören nicht dazu.

Zudem darf in Rechnung gestellt werden (speziell für den Fall der Syrer in Jordanien und der Türkei), dass allein im Jahr 2017 rund 500.000 Flüchtlinge ins Heimatland zurückgekehrt sind. Das vermindert den Druck. Der Wille, zeitnah wieder in die angestammte Heimat zurück zu kehren wächst beständig und wird nicht gerade dadurch gemindert, wenn die Flüchtlinge mitbekommen, wie schwierig ihre Aufnahme in Europa sich gestaltet. Erdogan gehen die Druckmittel verloren.

Die kanadische Lösung ist natürlich nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Doch andere Länder tun eben nichts dergleichen. Man sieht, dass Kanada zwar hilft, aber dass keine prinzipielle Lösung in Sicht ist.

Ist die Situation rund um Syrien überhaupt vergleichbar mit den Flüchtlingsmengen, die sich in Nordafrika stauen?

Ich denke Nein! Die Klientel ist eine völlig andere. Sie stammt in ganz wesentlichen Teilen aus den Subsahara-Ländern und flieht nur im Ausnahmefall wegen politischer Verfolgung oder anderen klassischen Asylgründen. Es geht darum, der Armut zu entrinnen. Das muss man ganz einfach so klar festhalten. Armut ist aber kein Asylgrund. Diese Menschen könnten daher auch ohne Probleme repatriiert werden, wenn sie Chancen in ihren Fluchtländern vorfänden. Wenn nicht, werden sie es wohl immer und immer wieder versuchen.

Also wird uns dieses Problem (siehe oben, G20) noch eine ganze Weile erhalten bleiben.

Gibt es Möglichkeiten zur Verminderung des Übels, und wenn ja, wie könnten die aussehen?

Eine Vorprüfung in den Heimatländern oder in deren unmittelbarer Nähe in Sammellagern scheint mir unerlässlich zu sein. Allen Kandidaten muss eindeutig klargemacht werden, dass sie ohne positive Vorbescheinigung keinerlei Chancen haben, in Europa aufgenommen zu werden, auf welchem Weg sie auch immer dorthin gelangt sein mögen. Die Devise muss also lauten: „Wir nehmen euch auf, aber bitte lasst uns die Chancen vor Ort bereits abwägen. Sonst läuft nichts.“ Gleichzeitig bieten die Europäer ja kraftvolle Programme an, die eine Visaerteilung zur Folge haben. Ich denke da in erster Linie natürlich an das deutsche Programm „Make it in Germany“ (http://www.make-it-in-germany.com/en) – aber auch andere Länder haben vergleichbare Programme. Es lohnt sich, einmal einen Blick hineinzuwerfen. Nach meinem Kenntnisstand sind die lokalen deutschen Vertretungen (verstärkt durch die Auslandshandelskammern und die Goetheinstitute) bestens gerüstet, die erforderlichen Vorbereitungsarbeiten durchzuführen.

Die absolut erforderliche Kooperation mit den lokalen Behörden dürfte bei einigermaßen konsequentem Einsatz der Entwicklungshilfegelder kein unüberwindbares Hindernis darstellen.

Wo sollten solche Auffangstellen errichtet werden? Keinesfalls – meiner Meinung nach – im „failed state“ Libyen. Wenn schon Nordafrika, so kommen allenfalls Ägypten, Tunesien und Marokko in Frage, wobei die Subsaharier bereits südlich entsprechende Einrichtungen vorfinden sollten, allein schon um die Toten in der Sahara zu vermeiden.

Hätte Europa die Kraft, ein solches Programm umzusetzen? Wirtschaftlich sicherlich – es wäre sogar kostensparend verglichen mit der generellen Aufnahme, um dann erst in Europa zu entscheiden, ob jemand bleiben kann. Aber politisch? Ich bezweifle es.




Altruismus und Nationalismus


Jeremy_Bentham_by_Henry_William_Pickersgill_detailDulce et decorum est pro patria mori*

Evolutionäre Humanisten betonen gern, dass Empathie und Altruismus genetische Wurzeln haben, da sich vergleichbare Handlungsweisen auch bei den uns so nahestehenden Bonobos und Schimpansen, aber auch bei sehr viel weiter entfernten Spezies feststellen lassen. Doch worauf bezieht sich das nun genau? Und in welchen Fällen, in welchem Umfang werden sie tatsächlich wirksam? In welchem Zusammenhang stehen denn Eigenliebe und Nächstenliebe? „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist die  inzwischen zum Kitsch degenerierte Christus-Formel. Das „Linke Backe – Rechte Backe“ –Syndrom ist die wohl niemals wirklich umgesetzte Forderung, da sie auch allen Erfahrungswerten widerspricht.

Ist Altruismus, den ich auf Deutsch wohl am besten mit „Selbstlosigkeit“ wiedergebe, tatsächlich genetisch inhärent, und wenn ja, wie äußert er sich im menschlichen Umgang?

Ist nicht in Wahrheit der Egoismus („Selbstsucht“) die wahre genetische Triebfeder mit den entsprechenden selektiven Vorteilen? Ist also mit anderen Worten die so genannte Gruppenselektion eine schöne Fata Morgana?

Ich setze einmal voraus, dass unter den Lesern dieser Zeilen „The Selfish Gene“ von Richard Dawkins (geschrieben vor über 30 Jahren als sein Erstlingswerk) wenigstens in groben Zügen bekannt ist. Darauf in aller Breite einzugehen würde den Ansatz dieses Artikels sprengen.

Werfen wir einen kurzen Blick zu den Schimpansen, deren Verhaltensweisen so liebevoll und akkurat von Jane Goodall beschrieben worden sind. Wie bei wohl allen Arten steht auch hier der individuelle Überlebenswille eindeutig im Vordergrund: Fressen, Überleben und sich Reproduzieren. Diese Motive sind also eindeutig egoistisch – selbstsüchtig. Dabei spielt auch die vielzitierte „Arterhaltung“ beim Individuum nicht die geringste Rolle mangels Überblick.

Doch dann lässt sich eben auch beobachten, dass Futter geteilt wird und dass den Älteren und Schwächeren in der Gruppe  geholfen wird. Wie passt das zusammen? Die Basis ist auch hier wohl eher egoistisch. Wenn ich ein Übermaß an Futter habe, gebe ich etwas ab, denn ich könnte auch einmal einen Mangel haben und möchte, dass mir dann ein anderes Gruppenmitglied aushilft. Schimpansen wissen auch, dass sie selber einmal krank oder verletzt sein können. Also helfen sie Kranken und Verletzten. Das ist logisch und naturgegeben, aber es bleibt weit hinter den idealistischen Vorstellungen eines Jeremy Bentham von Altruismus zurück (Bild: Jeremy Bentham, by Henry William Pickersgill, Wikimedia Commons).

Wir dürfen festhalten, dass es Selbstlosigkeit um der Selbstlosigkeit willen bei den verwandten Spezies nicht wirklich gibt. Sie ist und bleibt Ausfluss des Egoismus – und ist zudem immer ausschließlich auf die Kleingruppe beschränkt. Kommen Gefährdungen durch andere benachbarte Gruppen ins Spiel, ist von Altruismus nichts mehr zu spüren: da gibt es nur noch gnadenlosen Kampf, Mord ist kein Tabu mehr.

Wagen wir einen vielleicht unvermittelt anmutenden Sprung in unsere moderne Gesellschaft. Wie sieht es dort mit Altruismus und Empathie aus? Den meisten dürften schon die Begriffe unbekannt oder nichtssagend sein. Ersetzt werden sie durch die so genannte und überstrapazierte „christliche Nächstenliebe“ und (in sozialpolitischen Zusammenhängen) durch „Solidarität“. Lassen wir die religiöse Begrifflichkeit der Selbstaufopferung gegen „Gotteslohn“ einmal außen vor, so bleibt als Novum der jüngeren Geschichte (seit Bismarck) die generationenübergreifende Solidarität im Gesundheits- und Rentenwesen (neuerdings auch in der Altenpflege). Das „do ut des“-Prinzip (gib, damit gegeben wird) der Schimpansen feiert Urständ! Aber es findet sich jetzt auf einer komplett anderen Ebene wieder. Der Geber kennt den Nehmer nicht mehr – er weiß nicht mehr (zumindest emotional), für wen er etwas opfert. Altruismus ist zur abstrakten Größe verkommen, eine Position auf dem Lohnzettel, die eher als Ärgernis zur Kenntnis genommen wird.

Es besteht übrigens an dieser Stelle immer noch der Irrglaube, Ansprüche ergäben sich daraus, dass man jahrelang eingezahlt habe, so als ob es sich um ein Ansparkonto handelte. Das wird bei der Rente immer wieder ganz deutlich: „Ich habe doch vierzig Jahre lang eingezahlt!“. Das verkennt, dass Rente von der jüngeren Generation an die ältere direkt erarbeitet wird, und eben nur dieser Betrag auch verteilt werden kann (trotz aller staatlichen Zuschüsse). Andere Formen der Zusatzfinanzierung haben sich (Stichwort Riester) als zumindest unzulänglich erwiesen. Von einem direkten Scheitern mag ich nicht reden. Besser sind immer diejenigen dran (wie die Selbständigen), die vorausschauend Vorsorge getroffen haben. Aber diese Haltung ist bei Lohnempfängern (einmal abgesehen von den tatsächlichen Möglichkeiten) eher unpopulär. „Der Staat muss was tun!“

Und damit sind wir beim nächsten Knackpunkt: „Der Staat“. Was in der kleinen Gruppe (Familie, Sippe) noch überschaubar war, degeneriert nun zur „Nation“. Ich spreche bewusst von degenerieren und nicht etwa von erweitern, was ja naheliegend wäre unter normalen Umständen. Nation wird eben längst nicht mehr von allen als Solidargemeinschaft der im Staatsgebiet wohnenden Personen wahrgenommen, sondern es werden Ausgrenzungen innerhalb dieser Gruppe vorgenommen. Ausländer (vor allem Muslime) werden als Fremdkörper gesehen, die sich durch unser Sozialsystem schmarotzen. Die muss man vertreiben, ausmerzen (töten?). Zurück in die Vergangenheit! Vor 100 Jahren hat man es bedenkenlos getan. Wer den „Franzmann“ erschlug im Schützengraben vor Ypern war ein Held des Vaterlandes, wer dabei ums Leben kam ein Held, der sich für das Vaterland geopfert hat.

Sind das wirklich die Kriterien, nach denen wir heute leben wollen? Wenn Solidarität schon so weit über die Familie und Sippe hinausweist, warum dann künstliche Schranken einbauen, nur weil andere eine andere Sprache sprechen oder an andere Götter glauben? Mir erscheint das schizophren (in der üblichen, nicht medizinischen Interpretation des Wortes).

Wir Europäer hatten in den letzten 60 Jahren zumindest die Hoffnung, dass dieses unselige Erbe endgültig der Vergangenheit angehört, müssen aber zu unserem Erschrecken feststellen, dass die Vergangenheit so virulent ist wie lange nicht mehr. Es wird aber deutlich – und da hat die Evolutionsbiologie Recht, dass stets der Egoismus das einzige Motivans ist. Ein kultureller Altruismus ist uns jedenfalls – außer bei Humanisten – bisher nicht gelungen und die Evolution gibt herzlich wenig dafür her. Wir vergessen dabei unsere klassischen Wurzeln. Der Hedonismus im Sinne eines Epikur (nicht in der Verballhornung eines angeblichen Kaufrausches und der Verschwendungssucht) sollte zum Wohle aller wieder in den Vordergrund treten. Doch was erleben wir? Hass und Hetze auf die „Ausgegrenzten“, auf diejenigen, die einen anderen Teint haben – Ausgeburt einer Lügenkultur, die leider in der Geschichte nicht ohne Vorbild ist. Wir müssen uns wehren! Ein nationalstaatlicher Chauvinismus muss endgültig der Vergangenheit angehören. Er lässt sich auch kaum durch einen europäischen Hurra-Patriotismus ersetzen. Den kann und wird es nie geben. Fehlt dadurch irgendjemandem irgendetwas? Einigen offenbar. Ohne hier näher auf die Programme der Rechten einzugehen, lässt sich wohl  generell feststellen, dass das Motto ein allgemeines „Vorwärts in die Vergangenheit“ ist, eine Vergangenheit, die aufgeklärte Menschen bereits überwunden glaubten.

„Pulse of Europe“ setzt sich – wie wohl alle Humanisten – dafür ein, dass es nie wieder zu Auseinandersetzungen im gemeinsamen Haus Europa kommen wird. Unterstützen wir sie! Europa ist unsere Heimat. Die einzige, die wir derzeit haben, in all ihrer Vielfalt – lebenswert.

 

  • Süß und ehrenhaft ist es, für das Vaterland zu sterben



Diskussion um Recht auf Leben vor der Geburt


pregnant-163611_960_720"Dann ist „Amnesty" nicht mehr der Anwalt von Menschen, sondern Lobbyist von Einzelinteressen" – der HABO-Sprecher Dennis Riehle (Web, Blog) fährt in seinem Kommentar vom 26.12. schweres Geschütz auf. "Die Organisation (werde) zunehmend von elitären Kreisen statt von seiner Mitgliederschaft gelenkt", sagt Riehle. Es geht um die Abwägung, ob es Rechte des Fötus' über dem Selbstbestimmungsrecht der Mutter gibt, oder ob Menschenrechte erst ab der Geburt gelten. Die letztere Standardposition wurde vom obersten Sekretariat der Menschenrechtsorganisation Amnesty International ohne Befragung der Mitglieder vertreten, und dagegen wendet sich Riehle (Bild: Kaz, pixabay):

 

„Amnesty verabschiedet sich von den universellen Menschenrechten"

Nicht nur intern haben in der jüngsten Vergangenheit zwei Positionierungen von „Amnesty International" für großes Aufsehen gesorgt: Das oberste Sekretariat der Menschenrechtsorganisation hat eigenmächtig ein Dokument veröffentlicht, in welchem deutlich wird, dass Menschenrechte lediglich ab dem Zeitpunkt der Geburt gelten. Schon seit längerem hatte die oberste Führungsebene der Organisation deutlich gemacht, dass Rechte für einen Fötus nicht mit dem Selbstbestimmungsrecht der Frau vereinbar seien. Nun wurde diese Argumentation über die Köpfe der Mitglieder hinweg in Stein gemeißelt: Das Recht auf Abtreibung überwiege das Recht auf Leben für Ungeborene.

Inhaltlich kann ich dieser Darlegung nicht folgen, vor allem ist es aber die fehlende Auseinandersetzung in einem Verband mit weltweit Millionen von Mitgliedern, die mich an demokratischen Strukturen innerhalb von „Amnesty" erheblich zweifeln lässt. Unter anderem war ich „Amnesty" beigetreten, weil man dort den Einsatz für das Leben als unverrückbare Prämisse über alle Entscheidungen stellen wollte. Nicht nur gegen die Todesstrafe bei „Geborenen" wandte man sich ursprünglich, sondern auch gegen das Einwirken auf entstehendes Leben. Ich weiß, dass auch in der Organisation vielfach kritisiert wurde, dass solch ein Standpunkt von religiösen Überzeugungen geprägt sei und mit dem Gedanken der Emanzipation und der Aufklärung, wonach die Frau eigenständig berechtigt sei, über ihren Körper – und damit über ein heranwachsendes Kind im Mutterleib – zu richten, nicht vereinbar sei. Doch gerade nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshof über die Definition vom Beginn des menschlichen Lebens hatte man eigentlich damit gerechnet, dass sich „Amnesty" der von den Richtern festgestellten Übereinkunft anschließt.

Nun kam es aber ganz anders. Und für mich ist es als „Amnesty"-Mitglied nicht nur die sachliche Feststellung des Internationalen Sekretariats, die mich irritiert. Insbesondere ärgere ich mich darüber, dass in solch einer fundamentalen Fragestellung die Anhänger der Organisation nicht einbezogen wurden. Es fand kein Ringen statt, das ich mir von einem demokratisch strukturierten Verein erwarte. Keine Abwägung, bei der möglicherweise hätte klargestellt werden müssen, dass die ursprüngliche Eigenverpflichtung von „Amnesty", sich für das Leben einzusetzen, dem Recht auf Abtreibung doch überwiegen könnte. Zahlreiche Gruppen, die öffentlich gegen die Alleingänge des Sekretariats protestierten, wurden entweder überhört oder mit pauschalen Erklärungen abgespeist. Man zeigte zwar Verständnis für anderslautende Meinungen. Das reichte aber offenbar nicht, um diese auch in die Leitlinienarbeit der Organisation zu integrieren.

Auch die eingenommene Haltung in der Bewertung der Prostitution musste empören. So machte „Amnesty" deutlich, dass Sexarbeit nicht grundsätzlich als Menschenrechtsverletzung anzusehen sei. Viel eher sehe man die freie berufliche Entwicklung von Männern und Frauen in der Prostitution als eine nur in Ausnahmen moralisch anstößige Arbeit an, wie aus den Aussagen der Führungsriegen der Organisation zu interpretieren ist. Dass aber überwiegend Unterdrückung, Zwang und Freiheitsberaubung als selbstverständliche Begleiterscheinung der Prostitution eine gravierende Menschenrechtsverletzung an den Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern definitiv und unmissverständlich darstellt, wird aus den Erklärungen vom Internationalen Sekretariat von „Amnesty" kaum deutlich. Nicht nur Frauenrechtsgruppierungen waren deshalb auf die Barrikaden gegangen, als die Haltung des Vereins in den Medien publik wurde. Und sogar die weltweiten Presseagenturen sahen sich genötigt, zu dieser Haltung der Organisation mit eindeutiger Kritik zu reagieren. Das Image von „Amnesty" litt unzweifelhaft unter der narzisstischen „Basta"-Politik des Generalsekretariats. Da half auch nicht, dass man in der Zentrale versuchte, mit dem Engagement für Flüchtlinge von den internen Querelen abzulenken…

Mit seinen eigenmächtigen Verdikten innerhalb des Internationalen Sekretariats, die auch immer öfter die nationalen Sektionen von „Amnesty" überraschen, zementiert sich ein Eindruck, wonach die Organisation zunehmend von elitären Kreisen statt von seiner Mitgliederschaft gelenkt wird. Regelungen, wonach sich Neumitglieder zunächst über Jahre bewähren müssen, ehe sie in den thematischen Arbeitsgruppen mitwirken dürfen, untermauern diese Vermutung. Ich hätte wohl kaum ein Problem damit, einen Entschluss (wie die oben genannten Beispiele) mitzutragen, der von der Mehrheit der „Amnesty"-Mitglieder gefasst wurde – auch wenn ich inhaltlich damit nicht übereinstimmen könnte. Immerhin wüsste ich dann aber, dass die Partizipation innerhalb des Vereins funktioniert. Durch zirkulär getroffene Verlautbarungen, die nicht mehr die Menschenrechte aller schützen, verliert „Amnesty" den Anspruch, sich als Instanz zu erheben. Wenn Menschenrechte danach ausgerichtet werden, nur noch als sich speziellem Klientel anbiedernde Freifahrtsscheine daherzukommen und partikulär ausgewählten Personengruppen die Vorfahrt zu lassen, hat die wohl bekannteste Menschenrechtsorganisation ihre Grundwerte verlassen. Dann ist „Amnesty" nicht mehr der Anwalt von Menschen, sondern Lobbyist von Einzelinteressen – und hat die Fähigkeit, als unabhängiges und mahnendes Gewissen zu erscheinen, verwirkt.

 

Dennis Riehle, Sprecher
Humanistische Alternative Bodensee
Säkular-humanistischer Zusammenschluss




Keine Weihnachtsgeschichte


asylum-914183_960_720bykstDies ist eine Geschichte über Italien, die aber auch in anderen Ländern spielt. Die betrübliche Geschichte handelt von hunderttausenden von Entrechteten, von "Illegalen". Ihr Name ist Clandestini (direkt übersetzt "Heimliche", gemeint sind "illegale Einwanderer" aus der Sicht der Rechten) oder "Sans Papiers“ ("ohne Papiere", die eigene Bezeichnung, Bild: bykst, pixabay).

Kein Mensch ist illegal, so will es das Menschenrecht – aber legal sind diese Menschen auch nicht. Das beschreibt ZEIT ONLINE in dem bedrückenden Artikel von Don Alphonso, Der brutale Klassenkampf des humanitären Imperativs (16.12.).

Der Autor ist "ein schlechterer, nicht mehr ganz junger Sohn aus besserem Hause, der einige bürgerliche Werte wie Heirat, Kinder, Villen und TV vehement ablehnt" und andere dafür schätzt, z.B. Bücher. Dieser Gebildete aus der bayerischen Provinz macht sich zum Fürsprecher der Clandestini/Sans Papiers, die er z.B. in Padua beobachtet. Nach seiner optimistischen Rechnung kommt ein Tagesverdienst von 22 Euro heraus, für eine Straßenhändlerin ohne alles.

Ohne Lizenz, ohne Aufenthaltsgenehmigung, aber auch ohne Verfolgungsinteresse des Staates, der sich damit nur hohe Kosten und lange Verfahren einhandeln würde. Also steht die Frau jeden Tag am Straßenrand in der Kälte, ignoriert von Polizei wie Passanten. So geht die Etikette: Sagt man nichts, lassen die Nichtlegalen einen in Ruhe, sagt man „No grazie“, werden manche beharrlich.

Das gilt etwa für ungebetene Helfer, die alten Menschen die Treppe herunter helfen, auch gegen deren Willen. In Venedig ist das inzwischen verboten, aber in der roten Studentenstadt Padua nicht. Also flüchten die Flüchtlinge aus Afrika weiter von Venedig nach Padua. Wie die Menschen dort leben, wird an einem Schlaglicht deutlich, das enthüllte, wie ein Vermieter 20 Menschen aus Bangladesch in eine kleine Wohnung gepfercht hat. Und das sei immer noch besser als das Schicksal der Plantagenarbeiter in Süditalien, die den superbilligen Orangensaft fürs Discounter-Regal produzieren.

Zu den Facetten der Clandestini-Welt gehört es, dass die Leute in Padua schon nicht mehr auf der alleruntersten Stufe stehen. Wenn nicht gerade Krise wäre, hätten sie sogar eine Chance auf einen nichtlegalen Arbeitsplatz – unterhalb der Pakistani. Die Pakistani haben sich einen Ruf als Gastarbeiter erarbeitet, als Altenpfleger, als Restaurantköche, während die Afrikaner nur Spüler waren.

Wo nun Krise herrscht, werden die Pakistani von Italienern verdrängt, falls überhaupt noch Geld für Pflege da ist. Die Pakistani werden nun Reinigungskräfte und drängen die Afrikaner in die Straßenhändlerrolle,  "ganz Italien sackt durch." Die Betroffenen haben es nicht geschafft, einen offiziellen Status zu bekommen; sie sind nicht mal in der klassischen italienischen Schattenwirtschaft angekommen. Alphonso nennt das "die Integration nach dem Scheitern der Integration".

Von Abschieben ist nicht die Rede, weil die Behörden wissen, dass die Heimatländer nicht kooperieren. Niemand will diese Menschen haben. Es könnte aber wieder aufwärtsgehen mit ihnen, wenn sich Italien von der Eurokrise, verschärft um die Berlusconi-Politik, erholt. Dann werden die prekären Plätze in dem clandestinen Geschäftsmodell wieder nach unten durchgereicht. Menschen aus weniger vermögenden Gegenden kommen ins reichere Padua, wo sie die unterste Ebene auffüllen.

Die berechneten 22 Euro Tageseinnahme sind trotz komplett fehlender sozialer Absicherung attraktiv: In manchen afrikanischen Ländern ist das mehr als der durchschnittliche Wochenlohn – von denjenigen, die Arbeit haben, und Arbeit hat höchstens die Hälfte. Die italienischen Bedingungen sind also eher besser als in Afrika. Bei sparsamster Lebensweise können die Clandestini/Sans Papiers sogar Geld heimschicken, und entrechtet sind sie zuhause auch. Es gibt auch die Hoffnung, dass es besser wird und man einen Arbeitsplatz im Warmen ergattert.

Der Autor vergleich Padua mit den Städten im strukturschwachen deutschen Nordwesten, aber auch mit Berlin, Frankfurt und Hamburg. Das seien die hauptsächlichen Ziele der Flüchtlinge und Migranten in Deutschland. Von den 300.000 Einreisenden, die nach dem Grenzübertritt verschwunden sind, vermutet Alphonso viele ebenda. Sie wissen, dass sie weder Asyl noch Duldung bekommen, und wenn sie dadurch ausreisepflichtig sind, bekommen sie auch keine Unterstützung.

Die Kanzlerinnen-Utopie des "Wir schaffen das" geht an Hunderttausenden vorbei, für die es keine Versorgung mit Nahrung und Schlafplätzen gibt. Wer durch alle Netze gefallen ist, für den ist der Platz auf der Straße.

Italien hat schlechte Presse bekommen, obwohl das Land niemand eingeladen hat und die Lampedusa-Probleme mit einem Hotspot zu regeln versuchte. Italien schickt die Flüchtlinge gern nach Deutschland weiter "zur schlechten Presse".

Nachdem sich in Italien schon eine ältere, nicht legale Schicht unterhalb der Gesellschaft formiert hat, dürfte diese Schicht zwischen widerwilliger Duldung und Repression auch in Deutschland entstehen. Solange Deutschland Asylbewerber ablehnt, ohne sie abzuschieben, und sie von der Versorgung abschneidet, werden sie untertauchen. Dafür werden sie sich die Städte heraussuchen, die ohnehin schon überfordert sind. Als Beispiel nennt der Autor den Görlitzer Park in Berlin.

Wo Italien seit Jahren keine Lösung für die Entlegalisierten findet, da dürfte es in Deutschland auch nicht besser sein. Wir werden Menschen hier haben, die sich vom deutschen Staat nichts erwarten, genausowenig wie in den heimischen Staaten. Was für Deutsche unvorstellbar erscheint, ist in weiten Teilen der Welt normal. Dieser krasse Unterschied zwischen Arm und Reich wird auch als deutsche Realität wahrnehmbar werden.

Der Autor Don Alphonso ist desillusioniert: Er rechnet sich nicht zu denen, die noch "Refugee Welcome" oder "Merkel Merkel" rufen, denn er hat das Bild der Clandestini von Padua vor Augen. Unvermeidbar bringt die Politik der offenen Grenzen Hunderttausende nach Deutschland, die rechtlich gesehen nicht bleiben dürften, und die dennoch alles tun werden, um bleiben zu können. Das sind die neuen deutschen Clandestini, die Entrechteten, die nicht wissen, ob sie nicht doch aufgegriffen und abgeschoben werden. Es braucht sich ja nur irgendein Land in Afrika durch europäische „Entwicklungshilfe“ bzw. Bestechung bereitzufinden, einige Flüchtlinge zurückzunehmen.

Diese Vorstellungen vom Aufgreifen und Abschieben nennt der Autor "die radikalste Form des Klassenkampfes gegen die Ärmsten und Rechtlosen." Er hält die ganze Politik der offenen Grenzen "für kompletten Irrsinn". Alle Italiener aus seinem Bekanntenkreis denken das auch. Wer hinter der Merkel-Politik steht, werde sich früher oder später überlegen müssen, was mit den Hunderttausenden von Clandestini/Sans Papiers geschehen soll.

Soweit der bedrückende wie beeindruckende Zeit-Artikel. Nun eine gekürzte Auslese aus den mehr als 100 Kommentaren:

  • Wo für die Menschen keine Arbeit ist, hilft alles nichts. Niemand glaubt mehr, dass angemessene Arbeit für das einwandernde Millionenheer gefunden wird. Wird man viele dieser Menschen sich selbst bzw. schamloser Ausbeutung durch Dritte überlassen? Die resultierenden gesellschaftlichen Probleme könnten den Sozialstaat ruinieren und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstören. Es gibt keine Alternative zur gesteuerten Zuwanderungspolitik.
  • Ein anderer Kommentator hat sich eine Abschiebung angeschaut. Das bindet nach seiner Aussage viel Zeit und Personal und klappt dann oft nicht. Geschätzten Kosten von 7.000 Euro stand in dem betreffenden Fall ein Misserfolg gegenüber – multipliziert mit ein paar hunderttausend wird das zur Unmöglichkeit.
  • "Erst ein vermeidbares Problem selbst verursachen, es dann bitter beklagen und eine Lösung im Sinne der Problemverursacher für alternativlos erklären:" Der Trick funktioniere, nur nicht dauerhaft.
  • "… ein Paria-Dasein auf einer Ebene, die man in Deutschland (bis jetzt) nicht vorzustellen vermag."
  • Der pragmatische Umgang sieht so aus, laut Auskunft einer Bahnmitarbeiterin: Sie habe die Anweisung, bei Flüchtlingen ohne Fahrschein einfach kommentarlos weiterzugehen.
  • "Statt der versprochenen bunten Vielfalt des friedlichen multikulturellen Miteinanders erhalten wir eine perverse Rassenhierarchie." Laut Kommentator beschrieb der Soziologe Fabio Mostaccio sie für die italienischen Orangenplantagen von Rosarno: Schwarzafrikanische Clandestini ganz unten, darüber rumänische und bulgarische Arbeitsvermittler, die einen Teil des Lohns einbehalten. Nur etwas darüber der italienische Plantagenbesitzer, der selbst fast nichts verdient, weil brasilianische Orangen noch billiger sind. Unsichtbar dabei der internationale Konzern mit Sitz im Steuerparadies – dafür ganz vorne sichtbar die Front der freiwilligen Willkommenshelfer, die in Wahrheit ungewollte Globalisierungshelfer sind.
  • "Zur Überfischung durch industrielle Fangflotten vor Westafrika sagt der Autor nichts. Dabei werden genau dort und genau über diese Art des politisch sanktionierten Wirtschaftens die Armutsflüchtlinge produziert."
  • Die Clandestini finde man in großen Gruppen auch auf dem platten Land, besonders in der Nähe von Bundesstrassen, Parkplätzen, geeigneten Wäldchen etc., als Prostituierte arbeitend. Strassenprostitution sei ein Riesenmarkt in Italien. Dafür werden afrikanische wie auch albanische Frauen seit Jahren stillschweigend geduldet und von kriminellen Netzwerken ausgebeutet.

Kann man da noch frohe Weihnachten wünschen, ohne zynisch zu sein?

Auswahl von drei guten Artikeln um das Problem herum:

Ein passender Bericht von DIE WELT über Abschiebung am Frankfurter Flughafen, Diese Szenen einer Abschiebung laufen im Verborgenen ab (21.12.): Es ist bedrückend. Für die Abzuschiebenden und die Beamten. Die letzten drei Stunden in Deutschland sind am Frankfurter Flughafen demnach oft voller Dramatik, und manchmal gelingt die Rückführung nicht.

Ein ausgewogenes Plädoyer für eine begrenzte Einwanderung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Grenzen der Einwanderung – Der Exodus und wir (22.12.), nennt Zahlen aus den Niederlanden. Dort ist die Arbeitspartizipation von Flüchtlingen, die bereits längere Zeit dort leben, untersucht worden: Somalier arbeiten zu 26 Prozent, Iraker zu 34, Afghanen zu 42 und Iraner zu sechzig Prozent. Wer sagt, dass es jetzt in Deutschland besser läuft (mit entsprechenden Auswirkungen auf den illegalen Arbeitsmarkt)? Dazu der Hinweis, dass man Ohnmacht bei Überwachung der Grenzen behauptet, bei der Integration dagegen bestreitet man sie – und warum sollte die Türkei es schaffen, Europa aber nicht? Der Niedergang insbesondere der arabischen Welt werde immer mehr zum Bestandteil unserer eigenen Gesellschaften: 1950 lebten dort 76 Millionen Menschen, 2010 waren es 360 Millionen, 2050 sollen es 630 Millionen sein. "… die Chancen, Arbeit zu finden, sind klein, und deshalb wollen die meisten nur eins: weg."

The European bringt einen besonders lesenswerten Artikel von Sahra Wagenknecht Akutes Staatsversagen (20.12.). Dieser Text bringt die gesamte Problemlage aus anderer Sicht auf den Punkt: Die Migrationskrise habe sich der Westen selber zuzuschreiben: Eine „kriegerische Außenpolitik“ und eine „ungerechte Handelsordnung“ seien die Ursache. Jetzt versage auch noch ein kapitalistisch ausgeschlachteter Staat.

Weitere Links dazu:




Wissenbloggt nennt Punkte


cat-342732_960_720Diesmal lacht sich die Katze andersrum schief (Bild:  gwendoline63, pixabay). Dabei ist das Thema gar nicht humorig, um das es noch einmal geht.

In dem MIZ-Artikel von Siegfried R. Krebs Wider die fromme Propaganda! wurden u.a. die Stellungnahmen verschiedener säkularer Medien besprochen, die mit dem Ziel abgegeben wurden, Perspektiven und Grenzen einer säkularen Gegenöffentlichkeit aufzuzeigen. Als wissenbloggt-Verantwortlicher möchte ich das gern vertiefen und um den wissenbloggt-Standpunkt ergänzen.

Zuerst muss ich darauf hinweisen, dass die Kritik am hpd und seinem Chef nicht von wissenbloggt unterstützt wird. Die ist allein Sache des Autors (und eines Kommentators). Ich trete dafür ein, dass alle Humanisten zusammenhalten und die persönliche Kritik hinter die Kritik an den humanismuswidrigen Verhältnissen stellen.

Wie diese Kritik in der MIZ ausgefallen ist, damit bin ich allerdings nicht glücklich. Zum Thema Was wollt ihr bewirken, was können säkulare Medien leisten? möchte ich konkret werden und die Punkte benennen.
 
Ja, es ist auch mein Bestreben, die Mißstände zu benennen und über die Szene hinaus bekannt zu machen (Punkte von Christoph Lammers). Dabei will ich nicht nur den humanistischen Blickwinkel auf die Privilegien von Kirchen und Islamverbänden wahren (Frank Nicolai) und Informationen weitergeben, die sonst durch den Lattenrost fallen (Patrick C. Kloiber).
 
Beim Lesen der MIZ-Nabelschau hat mich die unaufgeregte Sicht erstaunt, mit der die Kritikpunkte aus gehobener Warte und eher unspezifisch zur Sprache kamen, als "Top"-Themen zu "Top"-Krisenlagen im Feld der Aufmerksamkeitsökonomie (Arik Platzeck). Etwas aus dem Zusammenhang gerissen noch die Frage, Wie kann Abhilfe geschaffen werden? Das sind Fragen, die im Raume stehen und dringend einer Antwort in Taten bedürfen! (Siegfried R. Krebs) Vordringlich ist aus meiner Sicht, die brennenden Probleme erstmal beim Namen zu nennen – wie sonst will man die Leute ansprechen?
 
Lobbyismus
 
Der Lobbyismus wird in der MIZ angesprochen und kommt deshalb (etwas allgemeiner) zuerst dran: Im deutschen Bundestag haben 1000 Lobbyisten Passierscheine (siehe Lobby-Ausweise? Lobby ausweisen!), aber der klerikale Lobbyismus sitzt direkt im Plenum, daumengepeite 500 Kirchenvertreter (Sterbehilfe: Bundestag vs. Bevölkerung). Der Chef der EU-Kommission ist ein Politiker, der sich durch Steuerfluchthilfe profiliert hat (Aktuelle Luxemburg-Kritik trifft Juncker), und die EZB wird von einem Banker geleitet, der eine Führungsposition in einer der Top-Abzockerbanken hatte (EZB verschleiert “Gelddrucken im Keller” von Landes-Zentralbanken).
 
Bankenbeglückung
 

Das leitet zum Thema Bankenbeglückung über – aber ist das ein Thema für Humanisten? Die Antwort kann nur sein, das ist ein Thema für alle, denn es kostet alle viel Geld. Die Beträge sind das Vielfache von den Kirchensubventionen (Vernichtendes Urteil über die Bankenbeglückung). Das Geld der Allgemeinheit wird seit Jahren in die Finanzwelt umverteilt. Ziel ist, auch die letzte Zombie-Bank zu refinanzieren, selbst wenn sie von Rechts wegen konkurs gehen müsste (Overbanked – die Zombies grüßen). Um das zu kaschieren, verfällt die Politik auf Tricks und Schliche, die in der sogenannten Griechenlandrettung kulminieren. Die Rettungsgelder landen in den Banken, und den Banken werden alle Risiken abgenommen, obwohl sie die Zinsen dafür kassieren. Mit Lüge und Betrug wird verschleiert, wie die Kredite zu Geschenken werden (Euro-Betrugsnummer Schuldenschnittchen).

Steuerflucht

Noch mehr Geschenke erschließt die Steuervermeidungsindustrie (EU-Bastelei an neuen (Schatten-)Bankenprivilegien), die das Geld in Schattenbereiche oder Steueroasen kanalisiert, ehe es besteuert werden kann. Offiziell wird politisch dagegen angegangen, aber de facto sorgen Lobbyisten und Bankenbeglücker dafür, dass sich nichts ändert (Steuerflucht in die Target-Salden). Ohne die Leaker und CD-Verkäufer würde gar nichts gegen die Steuerflucht unternommen. Auch das muss ein Thema für Humanisten sein, weil gelebter Humanismus Geld kostet, und dieses Geld wird dem Staat vorenthalten bzw. gestohlen.

Systemfrage

Über die Finanzen hinaus stellen die gegenwärtigen Ereignisse unser System in Frage. In ketzerischer Form handelt das der wb-Artikel Das metamurphysche Prinzip ab. Etwas eingehender wird die Fehlentwicklung in Ungerechtigkeit und Ungleichheit beschrieben. Das Hauptargument ist, die westliche Kultur von Aufklärung, Wissenschaft und Technik mit einem passenden Ethos zu verbinden, wie es geschildert wird in Von der Notwendigkeit eines globalen menschlichen Ethos’.

Mit welchem Recht können wir in der Fremde sagen, wenn ihr unsere Technik wollt, lasst ab von euren Phantasievorstellungen der Gottesherrschaft, solange bei uns vergleichbare Phantasien subventioniert werden? Wie soll das Bewusstsein verbreitet werden, dass das Gotteszeugs nur menschengemachter Unfug ist, um die Armen zu instrumentalisieren, solange die Agendasetzer öffentlich beten? (Religion richtet schweren Schaden an)

Kulturkampf

Diese brennende Frage müsste eigentlich jeden Humanisten bewegen. Wir haben hier Wissenschaft und Technik gegen die Religion erkämpft, und dann den Gebrauch der Technik mit Menschenrechten sozialverträglich gemacht. Aber wir exportieren Technik und  Wissenschaft ohne den intellektuellen Überbau, ohne Menschenrechte, ohne Aufklärung, ohne Humanismus (Westliche Werte auf dem Prüfstand).

Schlimmer noch, der Westen hält sich selber nicht an die westlichen Werte. Die USA haben den Dschihad heraufbeschworen, um die Sowiets aus Afghanistan herauszubekommen. Sie haben die Kämpfer rekrutiert, bewaffnet und geschult (Terror made by USA). Danach richtete sich der Dschihad folgerichtig gegen die USA als imperialistischen Manipulator.

Vielerorts sind die Kreaturen der USA gescheitert oder haben sich umgedreht. Beim Schah von Persien stellten die USA die Unterstützung ein. Hussein im Irak wandte sich gegen die USA. Die saudiarabische Regierung wird vorn von den USA gestützt und finanziert hinten den Salafismus.

Damit kein Muslim vergisst, wer der Feind ist, betätigen sich die USA in wechselnden Allianzen als Kriegstreiber und Drohnenkiller. Deutschland war völkerrechtswidrig in Afghanistan dabei und nun genauso in Syrien – das kann doch keinen Humanisten unberührt lassen (Ursachenforschung für Dschihad, Terror, Krieg und Migrantenstrom).

Asylanten

Zum Thema Willkommenskultur haben sich die humanistischen Stimmen nur sparsam geäußert. Die Willkommenskulturellen durften ihre Gefühle öffentlich ausleben und dabei die Rechte von Fremden hochhalten und die Rechte der Hiesigen negieren. Es spricht nichts gegen hochherzige Hilfe, solange sie auf eigene Kosten erfolgt. Wenn jedoch Geld und Arbeit der Allgemeinheit inbegriffen sind, müsste diese Allgemeinheit dann nicht gefragt werden, wie sie das gestalten möchte? (Ursachenforschung für Dschihad, Terror, Krieg und Migrantenstrom)

Als Ergebnis der Willkommenskultur entsteht Unglück. Übergangene und missachtete Mitbürger werden zu Aufrührern und Fremdenhassern. Wer jetzt zurecht ihre Untaten schilt, sollte nicht vergessen, wer den Fremdenhass maßgeblich mit heraufbeschworen hat.

Noch mehr Hass entsteht bei den Betroffenen, wenn die Politik für mehrere 100.000 Menschen realisiert, was sie anstrebt: Die Ausweisung von Hilfesuchenden stürzt sie ins Unglück. Auch wenn es keine passenden Arbeitsmöglichkeiten und keine Teilhabe gibt, dürfte das entsprechende Gefühle hervorrufen (Nachtrag 19.12.).

Eine sachliche Diskussion ist verhindert worden, wie die Mittel am besten eingesetzt werden. So wurde die teuerste und ineffizienteste Hilfsmethode etabliert, nach der alle in unser kaltes Land einwandern – Kälte- und Kulturschock garantiert (Diskurs “offene Grenzen” analysiert).

Roboter

Im Moment ist der Diskussionsbedarf auf diesem Gebiet groß, aber in Zukunft gehört auch wieder das Thema Roboter auf den Plan. Das ergibt sich schon aus dem Mangel an Arbeitsplätzen, nicht nur für Asylanten, sondern auch für die europäische Jugend und die Menschen weltweit (Die Roboter übernehmen … die Arbeit).

Zugrunde liegt Das Ethosdefizit, ein überaus wichtiger Kritikpunkt an der Religion, der viel zu wenig thematisiert wird. Die Religion hat erfolgreich ihr Ethos konserviert und damit verhindert, dass Wissenschaft und Technik mit einem neuzeitlichen Ethos verknüpft werden. Durch die Überalterung der religiösen Doktrinen kennen sie keine tauglichen Regeln für Finanzmärkte und Robotereinsatz. Die Bibel, der Koran und die anderen heiligen Bücher werden nicht entrümpelt und überarbeitet.

Weil die Menschheit vom gedeihlichen Umgang mit der Technik samt ihren Auswirkungen abhängt, ist das eine schwere Hypothek auf unsere Zukunft. Der technische Fortschritt stößt in ein ethisches Vakuum vor und eröffnet dort einen gesetzesfreien Raum – wo kein Ethos, da keine Gesetze. Finanzkünstler können ihr Schmarotzertum frei entfalten, das moralische Machtwort dagegen bleibt ungesprochen.

Letztlich ist das Ethosdefizit die Ursache für die notleidenden Staatskassen, für die allgemeine Verarmung und die unbeantworteten Schicksalsfragen (gekürzt):

  • ist es zulässig, dass mit viel Geld sehr viel Geld verdient wird und mit Arbeit kaum das Nötigste?
  • dürfen Börsen als Zockerplätze missbraucht werden?
  • dürfen Politiker Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren?
  • muss nicht die Verknüpfung Wissenschaft/Technik/Menschenrechte etabliert werden?
  • dürfen autonome Kampfroboter gegen Menschen eingesetzt werden?
  • müssen die Roboter nicht friedlich für die Allgemeinheit arbeiten, statt nur für die Besitzenden?

Fazit

Keiner verlangt, dass humanistische Medien dauernd mit allen Problemen hausieren gehen. Dass aber fast gar nichts von diesen heiklen Punkten die MIZ beflügelt, empfinde ich als enttäuschend. Gerade dort, wo alle betroffen sind, halte ich eine konfrontative Diskussion für wichtig. Wer nicht aufmuckt, wird weiter ausgenutzt und untergemangelt. Ich plädiere für einen wachen Humanismus, der eine aktive Gegenöffentlichkeit schafft und die Probleme beim Namen nennt.

 

Wilfried Müller

MIZ beim Alibri-Verlag Aschaffenburg.




Würstchenfreie Zone


weightlifting-306206__180Der HABO-Sprecher Dennis Riehle (Web, Blog, 2.11.) gibt seinen Senf zu den Würstchen – verschärfend kommt hinzu, dass die allgemeine Würstchenkritik Wurst als Krebs erregend abstempelt (Bild: ClkerFreeVectorImages, pixabay).

Eine Erregung anderer Art ist das Thema der Pressemitteilung. Es geht um NPD-Demonstranten, die medial als "NPD-Würstchen" bezeichnet wurden. Riehle dazu: Ein Rechtsstaat muss auch politisch Missliebige gegen Verunglimpfung schützen. Der Artikel ist richtig und wichtig, denn gegen diese demokratische Grundeinstellung wird eklatant verstoßen.

Ergänzend sei die wissenbloggt-Anmerkung erlaubt, dass die  Rechtsradikalismus-Keule  zunehmend die Mitte trifft, siehe Rechte Mitte. Die Agendasetzung der schrankenlosen Willkommenskultur hat viele Menschen verstört, indem sie die Interessen von Immigranten über die Interessen der Hiesigen setzte. Viele von den Betroffenen beherrschen keine rational basierte Form des Protests. Aber ist wirklich jeder ein Rassist, der gegen die Missachtung seiner Interessen auf die Straße geht?

Hier wird den Flüchtlingen nicht das Recht auf Hilfe angesprochen. Erst recht soll nicht den Gewalttätern das Wort geredet werden – aber auch nicht den Gutmenschen, die Willkommen für alle Fremden predigen und sich nach dem überwältigenden Erfolg ihres Lockrufs über das Aufbegehren der Andersdenkenden entrüsten. Nun also Riehles Argumente für die würstchenfreie Zone:

 

Dürfen Medien die Demonstranten der NPD als „Würstchen“ bezeichnen?

Antrag zur Prüfung auf Verletzung des Pressekodexes eingereicht

Freier Journalist kritisiert auch jede Parteinahme gegen AfD u.a.: „Die (politische) Unabhängigkeit muss von Redaktionen ernst genommen werden!“

„Man muss nicht mit den Zielen einer Partei sympathisieren, um sie in einem Rechtsstaat gegen Verunglimpfung zu verteidigen“, sagt Dennis Riehle aus Konstanz, der beim Deutschen Presserat eine Beschwerde gegen die „BZ“ eingereicht hat. In einem Beitrag auf ihrer Webseite hatte die Redaktion eine Abbildung von Demonstranten der NPD veröffentlicht und getitelt: „Hier stehen die NPD-Würstchen allein mit ihrem Hass“ (http://www.bz-berlin.de/berlin/umland/hier-stehen-die-npd-wuerstchen-allein-mit-ihrem-hass).

Nach Ansicht des freien Journalisten geht die Überschrift der „BZ“ in diesem Falle eindeutig zu weit. In seiner Eingabe an den Presserat formuliert er deshalb: „Die alleinige Abneigung einer Redaktion beziehungsweise eines einzelnen Journalisten gegenüber einer politischen Richtung oder einer speziellen Partei reicht nicht aus, um eine derartige Wertung in Form persönlicher Herabwürdigung und Bloßstellung zu rechtfertigen. Die Meinung der Presse sollte sich einerseits nur in eindeutig hierfür gekennzeichneten Textarten (wie Kommentaren etc.) wiederfinden dürfen – und darf daneben in keinem Falle die Grundsätze von Verhältnismäßigkeit, Sachlichkeit und nachweisbarer beziehungsweise belegbarer Argumentationen verlassen“.

In seiner Begründung bezieht sich Riehle dabei auf die Präambel des Pressekodexes, die von der Presse Unabhängigkeit einfordert: „Diesem Grundsatz […] kann durch die reine Sensationsberichterstattung (Ziffer 11 des Pressekodexes), in der die Degradierung von Personen über dem eigentlichen Gehalt an Information angestrebt wird und die nach meiner Einschätzung im hiesigen Falle vorliegt, niemals Rechnung getragen werden“. Der Journalist sieht darüber hinaus weitere Kritikpunkte an dem von der der „BZ“ gewählten Titel: „Mit der Bezeichnung ‚Würstchen‘ sehe ich die Teilnehmer der im Text dargelegten Kundgebung in ihrer Ehre verletzt (Ziffer 9 Pressekodex), zumal darüber hinaus eine konkrete Verbindung mit einer möglichen Parteizugehörigkeit (NPD) verbunden wurde und somit auch eine unverhältnismäßige Schmähung von weltanschaulichen Überzeugungen (Ziffer 10 Pressekodex) in Frage kommt“.

Riehle stellt dabei allerdings auch klar: „Wenn ich solch eine Beschwerde einreiche, dann ist keinerlei Aussage darüber getroffen, dass ich die Politik der NPD rechtfertige oder unterstütze. Vielmehr müsste es Aufgabe jedes zivilgesellschaftlich denkenden Bürgers sein, sich für eine Ausgewogenheit von Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Persönlichkeitsrechten und Rechten zur Freiheit der Weltanschauungen einzusetzen“. Da die NPD weiterhin nicht verboten sei, gehöre es auch zur Demokratie, Menschen mit ihrer politischen Überzeugung nicht zu benachteiligen und Ansichten auszuhalten, die man selbst nicht nachvollziehen kann: „Es beunruhigt mich, dass wir seit langem eine Vielzahl an Medien haben, die bestimmte Parteien aus jeglicher Berichterstattung ausnehmen oder sie in einem gänzlich voreingenommenen Licht zeigen. Das trifft im Augenblick besonders auch die AfD und andere politische Kräfte“. Damit lasse die Presse auch die Gelegenheit aus, mögliche Anschuldigungen gegen Ideologien in ihrer Wahrhaftigkeit zu bestätigen.

Denn immerhin sei laut Riehle Kritik an allen politischen Haltungen zwingend. Sie ende aber dort, wo sie in pure Ausgrenzung und Denunzierung übertrete. Wer Radikalisierung entgegenwirken wolle, erreiche mit Beschimpfungen gar nichts. Stattdessen werde jeglicher Populismus aller Couleur gefördert und Vorwürfe der Intoleranz gegenüber der Demokratie unterstützt: „Mit dumpfen Aussprüchen begibt man sich nicht nur auf die Ebene von Außenseitern, sondern erweist unserer Staatsform einen Bärendienst“, meint der Journalist. Er appelliert an die Presse, sich ihrer Verantwortung auch in diesem Hinblick bewusst zu sein. „Nicht alles, was besonders markig daherkommt, nutzt dem beabsichtigten Zweck. Deshalb rate ich zu Fairness, denn Argumente mögen zwar nicht jeden erreichen, nehmen aber die Angriffspunkte auf unsere freiheitliche Rechtsordnung“, so Riehle abschließend.   

 

Dennis Riehle, Sprecher, Nicolas Kienzler (Stellvertreter), Manuel Oexle (Stellvertreter)
Humanistische Alternative Bodensee
Säkular-humanistischer Zusammenschluss

Links dazu:

 




Lobby-Ablehnung aus der Innensicht


mummy-309452_640Im anderen Artikel von heute, 23.10., ist auch von Lobbys die Rede, von den Interessenvertretern aus Wirtschaft und Verbänden (Lobby-Ausweise? Lobby ausweisen!).  Entgegengesetzt zu den Mächtigen aus der Branche, die bereits den Bundestag infiltrieren, wird jetzt ein Blick auf die Details eines kleineren Verbands geworfen. Es geht um den Lesben- und Schwulenverband Deutschland LSVD und die Frage, inwieweit er seiner Aufgabe gerecht wird, und ob er nicht womöglich überzieht (das passende Bild vom allumfassenden Verbandswesen liefert ClkerFreeVectorImages, pixabay).

Unser Autor Dennis Riehle kommentiert diesmal in eigener Sache (22.10.). Seine Bedenken sind wie für den anderen Lobby-Artikel gemacht: "Ich frage mich, wie ein Miteinander funktionieren soll, wenn jeder Interessenverband der vielen Minderheiten in Deutschland derart offensiv seine Sichtweisen vertreten würde."

KOMMENTAR von Dennis Riehle

Warum ich aus dem LSVD ausgetreten bin –

und mich für eine Interessenpolitik kritischer Homosexueller stark mache…

Mehr Rechte hier, mehr Gleichstellung dort: Interessenverbände vertreten die Anliegen ihrer Mitglieder. Zweifelsohne dürfen sie das, doch kritisch wird ein solcher Einsatz immer dann, wenn er den Eindruck erweckt, für eine ganze Gruppe sprechen zu wollen – oder ideologisch einseitige Forderungen zu stellen. Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) hat es sich zur Aufgabe gemacht, Homosexuellen in Deutschland weitere Gleichberechtigung zukommen zu lassen. Mit Nachdruck und Engagement werden nahezu täglich neue Missstände aufgezeigt und Appelle gegen die angeblich noch immer stark ausgeprägte Diskriminierung Schwuler und Lesben gerichtet.

Ich bin selbst schwul – und stehe deshalb nicht im Verdacht, einen Verband zu kritisieren, der überhaupt nicht meine Klientel repräsentieren würde und von dem ich keine Ahnung hätte. Im Gegenteil: Ich sehe mich als Verfechter für die Anliegen Homosexueller. Und trotzdem bin ich nun aus dem LSVD ausgetreten. Warum? Ich formulierte es vor kurzem mit einer schon nahezu abgedroschenen Floskel: „Nicht die, die besonders laut schreien, müssen immer Recht haben“. Denn diesen Eindruck erweckt der Lesben- und Schwulenverband seit Jahren auf mich. Nahezu das Mitleid von Politik und Bevölkerung, Menschenrechtlern und Antidiskriminierungsstellen provozierende Aussagen sind nicht das, was für mich eine gute Interessenvertretung ausmacht.

Ein Mitstreiter erklärte mir vor einiger Zeit, es müsse das Ziel der Schwulen- und Lesbenbewegung sein, mindestens die gleichen Rechte für Homosexuelle zu erreichen wie für die restliche Bevölkerung. Mindestens genauso viele Rechte wie für andere Bürger? Nein, ich möchte nicht „besser“ behandelt werden wie der Heterosexuelle aus der Nachbarschaft – denn ich habe keine besondere Fürsorge nötig. Strukturelle Folter und Gewalt gibt es gegenüber Homosexuellen in Deutschland glücklicherweise schon seit längerem nicht mehr. Und trotzdem beschleicht mich die Wahrnehmung, dass gerade eine zugespitzte, weit übertriebene Darstellung der Dinge Verantwortliche in der Gesellschaft unter Druck setzen soll. „Seht her, wie schlecht es uns Schwulen und Lesben doch geht“, könnte man die Eindrücke zusammenfassen, die man beim Lesen von Veröffentlichungen des LSVD erhält.

Ich frage mich, wie ein Miteinander funktionieren soll, wenn jeder Interessenverband der vielen Minderheiten in Deutschland derart offensiv seine Sichtweisen vertreten würde, wie es der LSVD tut. Es geht nicht schnell und weit genug, was die Politiker beschließen. Es reicht nicht aus, was an großen Schritten bereits erreicht wurde. Ob „Homo-Ehe“, Steuergleichheit oder Adoptionsrecht – wenn es nach dem LSVD ginge, wäre all das schon vorgestern umgesetzt worden. Ohne Rücksicht darauf, dass eine Gesellschaft auch Zeit benötigt, Veränderungen anzuerkennen. Das Grundgesetz garantiert uns allen Würde und sichert auch zu, niemanden zu benachteiligen. Natürlich ist der Status von Schwulen und Lesben in verschiedenen Bereichen noch nicht der, den Heterosexuelle ganz selbstverständlich erreichen. Aber können wir von einer strukturierten und gar systematischen Herabwürdigung sprechen, die Homosexuellen quer durch die Lande zuteilwird? Und was verstehen wir eigentlich unter Nichtachtung? Ist beispielsweise das Festhalten an der verschiedengeschlechtlichen Ehe als Idealtypus des Zusammenlebens und des Ortes von Fortpflanzung gleichzusetzen mit einer Diskriminierung homosexueller Partnerschaften?

Wir sind heutzutage rasch dabei, uns über Ausgrenzung zu beschweren. Dort, wo nicht alles gleich ist, scheinen zwangsläufig Schmähungen zu herrschen. Ich weiß nicht, ob der LSVD tatsächlich für alle Lesben und Schwule in Deutschland spricht, wenn er einerseits Toleranz einfordert – andererseits gerade Homosexuelle aber selbst am besten wissen, wie intolerant es in den eigenen Reihen zugeht. Oberflächlichkeit prägt oftmals das Miteinander. Der Körperkult entscheidet über den Wert eines Menschen. Und beim CSD betreiben wir eine Sexualisierung – von einer politischen Demonstration sind nackte Oberkörper und der Wettbewerb um das schönste Kostüm geblieben. Nein, nicht nur die ältere Generation nimmt daran Anstoß – auch ich stehe immer wieder irritiert am Straßenrand, wenn sich mitten im Sommer vermeintliche Karnevalszüge an mir entlang rauschen. Schwule und Lesben wollen ein gleichwertiger Teil der Gemeinschaft sein – und setzen dennoch immer wieder darauf, Vorurteile zu bedienen und eine Parallelwelt (die bekannte und unter Homosexuellen gleichsam verpönte wie geliebte „Szene“) aufrecht zu erhalten.

Man schreibt mir die Eigenschaft zu, in vielen Fragen „konservativ“ zu sein. Und ja: Ich halte durchaus an Traditionen fest – und habe zumindest Verständnis dafür, dass Normvorstellungen nicht von jetzt auf nachher wandlungsfähig sind. Gerade der LSVD spricht immer wieder von der Vielfalt – in Wirklichkeit verfolgt er nicht nur eine Gleichmacherei, sondern den Versuch, seiner Sicht eine pauschale und unumstößliche Verbindlichkeit zu verleihen. Kritische Meinungen über das Konzept des Verbandes sind nicht willkommen. Die Mitarbeit von Mitgliedern, die nicht „auf Linie sind“, scheint nicht gewollt. Sprachlosigkeit gegenüber differenziert Denkenden ist auch eine Form der Missachtung. Und sie habe ich im LSVD so erlebt: Zurücksetzung gerade dort, wo die Freiheiten der Demokratie bis auf das Letzte ausgereizt werden sollen. Ein Verband, der über seine Weltanschauung nicht zu reflektieren bereit ist und keinen Hehl aus seiner eindeutigen politischen Gesinnung macht, braucht aus meiner Sicht ein Gegengewicht. Denn ich weiß, dass ich nicht der einzige „bürgerliche Schwule“ in diesem Land bin…

Dennis Riehle




Die Flut der Asylanten und die Ohnmacht der Politik


communist-154578_640Aus aktuellem Anlass setzt sich unser Autor Dr. Günter Dedié mit der Immigration auseinander. Mit etwas Zuarbeit von Dr. Wilfried Müller sammelt er die Argumente der Hiesigen, der "Etablierten" ein, ohne in gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu verfallen und erst recht ohne dem Mob das Wort zu reden. Es geht nicht darum, Kriegsflüchtlingen die Hilfe zu verweigern, sondern um die Frage, wie mit der Vielzahl der Wirtschaftsasylanten umzugehen ist. Aus dem Text spricht die Sorge vor einer selbstverstärkenden Asylantenflut, die unversehens aus unserer grenzenlosen Willkommenskultur erwachsen kann, und für die keinerlei Vorkehrungen getroffen wurden, geschweige denn, dass das Volk dazu befragt worden wäre.  (Bild: OpenClipartVectors, pixabay)


Die Flut der Asylanten und die Ohnmacht der Politik

Der FAZ-Kommentar Scherbenhaufen der Asylpolitik von Jasper von Altenbockum vom 26.8. (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/fruehaufsteher/f-a-z-der-scherbenhaufen-deutscher-asylpolitik-13769238.html ) hebt sich von den meisten Berichten unserer Medien positiv ab, weil er die Problematik undogmatisch angeht und nicht nur einseitig aus dem Blickpunkt der Nächstenliebe- und-Mitleid-Ideologie. Hier ein paar wichtige Aussagen (wörtlich übernommener Text in Hochkommas):

  • Er unterscheidet bei den Migranten zwischen Flüchtlingen und Asylanten, wo die Medien meist nur von Flüchtlingen schreiben oder reden.
  • Migranten werden selbst aus europäischen Staaten nach Deutschland gelockt, und die betroffenen Länder oder Regionen damit geschwächt
  • „Eklatante Missstände im deutschen Asylsystem werden nicht nur nicht behoben, sie sollen offenbar gar nicht behoben werden.“ Da geht es um „eine Einschränkung der Leistungen, eine konsequente und weit besser organisierte Abschiebung, Sanktionen gegen Staaten, die gegen Schleuser nichts unternehmen, … (aber auch durch Grenzkontrollen,) die die Interessen des deutschen Staats besser schützen als heute.“
  • Deutschland wird von den Migranten überflutet, „ungeordnet, ohne Rücksicht auf geltendes Recht, ohne Rücksicht auf tatsächliche Bedürfnisse, überhöht durch tugendreiche Appelle, zu Lasten von (Deutschlands) Errungenschaften, die es zu dem Magneten machen, der es noch ist.“

Die Unterscheidung zwischen Flüchtlingen und Asylanten und zugehörige Zahlen können helfen, die aktuelle, emotions- und Ideologie-geladenen Krise etwas zu versachlichen. Man kann sich dabei an die Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge halten. Das zählte im ersten Halbjahr 2015 knapp 180 000 Asylanträge – mehr als doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum 2014. Bewertet nach Herkunftsländern sind davon etwa 20% Flüchtlinge (Syrien) und etwa 80% Asylanten (Balkan, Afghanistan, Irak, Pakistan, Nigeria oder Eritrea. Die Hochrechnung für 2015 beträgt 800 000 Personen allein für Deutschland. Diese Zahl sollte man schon verdeutlichen: Es ist eine Flut, ein massenhafter, unkontrollierter, sich selbst verstärkender Ansturm.

Wie geht es weiter?  Für wenigstens eine Milliarde Menschen weltweit würde es ökonomisch Sinn machen, nach Deutschland zu kommen! Wo ist die Grenze dessen, was wir aufnehmen sollten? Viele der daheim besser gestellten Migranten, die beispielsweise die Schleuser bezahlen können, wollen ja auch unbedingt nach Deutschland. Hier leben sie von der Sozialhilfe besser als daheim, und ihre Rechtssituation ist sehr gut, unabhängig davon, ob sie als Flüchtlinge anerkannt werden oder nicht. Und das hat sich schnell herumgesprochen. Viele Menschen in Deutschland finden das gut, aber viele andere fühlen sich benachteiligt und bedroht.

Wo die Gutmenschen das Sagen haben, geht es medienwirksam immer nur um die Rechte und Bedürfnisse der anderen, und die Rechte und Bedürfnisse der Hiesigen spielen keine Rolle. Wem das nicht gefällt, der wird für egoistisch, rassistisch und rückständig erklärt oder gleich als rechtsradikaler Mob beschimpft  (Gabriel). Es gibt in D und im Rest der EU noch genügend humanitären Handlungsbedarf für verarmte, alte oder kranke Menschen, etwa 2,9 Millionen Arbeitslose usw. Allein in Deutschland gibt es 500 000 Alleinerziehende, die mit Hartz IV auskommen müssen, in der Eurozone gibt es im Schnitt 20% Jugendarbeitslosigkeit.

Die Beweislast bei Asylanträgen haben wir, dennoch werden die meisten Anträge abgelehnt und auch fast alle von den 40% Klagenden abgewiesen. Das dauert aber alles viel zu lange, und die nicht Anerkannten bleiben größtenteils trotzdem, weil wir offensichtlich nicht willens oder in der Lage sind, geltendes Recht durchzusetzen. Auch das wird natürlich umgehend in die Herkunftsländer zurück gemeldet und verstärkt die Flut der Immigranten zusätzlich. Kein Wunder, dass sich angesichts der sich selbst verstärkenden Asylantenflut und der Untätigkeit der Politiker viele Deutsche ohnmächtig ausgeliefert fühlen. Ohnmacht erzeugt aber negative Emotionen, die sich zum Hass entwickeln können.

Wenn man die Bilder von Migranten betrachtet, stellt man fest, dass es sich überwiegend nicht um Hungerleider handelt, die da in den Booten oder Lastwagen sitzen. Sie haben wohl auch alle viel Geld an die Schleuser bezahlt. Ihre Frauen und die wirklich Armen und Hilfsbedürftigen sind anscheinend zuhause zurück geblieben. Durch die Abwanderung dieser Mittelklasse werden die Länder der Migranten weiter geschwächt, und der Ansturm auf die wohlhabenderen Länder verstärkt sich von selbst weiter. Viel besser für die Herkunftsländer und zur Verringerung der Asylantenzahlen wären wirtschaftliche und politische Fortschritte vor Ort durch Hilfe zur Selbsthilfe statt egoistischer (Wirtschafts-)Kriege für die weltweite Hegemonie der USA.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass man die Ursachen der Immigrantenflut überwiegend in der kolonialen Vergangenheit ihrer Herkunftsländer bzw. beim US-Imperialismus der letzten Jahrzehnte findet. Hinzu kommen hausgemachten Probleme wie Übervölkerung und Korruption. All das wird aber in unseren Medien nicht benannt und aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen nicht beseitigt:

  • Ethnische und religiöse Konflikte auf dem Balkan aus dem Erbe der Habsburger Monarchie und dem Vielvölkerstaat Jugoslawien,
  • Ethnische Konflikte in Afrika als Folge der machtpolitischen Grenzziehungen der ehemaligen Kolonialmächte ohne Rücksicht auf die Ethnien bzw. Stammeszugehörigkeit,
  • dto. im Vorderen Orient (Kurden, moslemische Glaubensrichtungen usw.),
  • Zerstörung von Ländern wie Afghanistan, Lybien, Irak und Syrien durch Kriegseinsätze USA und ihrer Verbündeten. Die desolaten Verhältnisse in Lybien nach der Zerstörung der staatlichen Ordnung haben die massenhafte Migration über das Mittelmeer ermöglicht.

Anscheinend ist es politischer Konsens hinter den Kulissen, dass die Verursacher der Zerstörungen dafür nicht die Verantwortung übernehmen (unter Missachtung der Haager Landkriegsordnung), sondern Deutschland  und die EU jetzt die Folgen tragen sollen und den Großteil der Immigranten aufnehmen müssen. Dagegen spricht aber einiges:

  • Es ist zu befürchten, dass die massenhafte unkontrollierte Zuwanderung in Europa mittel- und langfristig neue ethnische und religiöse Konfliktherde erzeugt; die Parallelgesellschaften, die Slums und die Kriminalität in der USA, in Berlin usw. sind anschauliche Beispiele dafür. Wie sollen wir beispielsweise verhindern, dass die Migranten ihre Religionen vom deutschen Staat unterstützt haben wollen, wenn wir selbst noch keine konsequente Trennung von Staat und Kirchen haben?
  • Dominanz der Gutmenschen in den Medien (die wollen, dass andere Gutes tun, im Gegensatz zu den guten Menschen, die selber Gutes tun). Diese sehen die massenhafte Immigration einseitig und kurzsichtig aus der Mitleidsperspektive, bzw. aus der Sicht eines einseitigen Verständnisses von Humanität.
  • Dem demagogischen Argument, dass die Deutschen auszusterben drohen, kann man auch mit einer geordneten und kontrollierten Einwanderungspolitik entgegenwirken, wie es andere, ebenfalls zivilisierte Länder machen (Schweiz, Kanada, USA, …). Die fehlenden Arbeitskräfte – so es denn einen Fehlbestand gibt – sollte man aus den arbeitslosen Jugendlichen im Euroraum rekrutieren. Dem finanziellen Aspekt der Überalterung kann man mit dem Stopp der Veruntreuung von Steuergeldern zugunsten der Banken und flexibleren Lebensarbeitszeiten begegnen. Ob die Immigranten irgendwann die deutschen Sozialsysteme entlasten oder nicht, darüber kann nur spekuliert werden, solange wir kein Konzept für und keine Kontrolle über die Zuwanderung haben.
  • Aus der Evolution wissen wir, dass fast alle Tiere und auch die meisten menschlichen Gemeinschaften Reviere besitzen, um davon leben zu können. Um dies biologische Konzept zu negieren, bedarf es mehr als eines einseitigen ideologischen Imperativs. Unsere Fähigkeit zur Empathie ist sehr wichtig, aber nur ein Teil des Erbes aus der Evolution.
  • Die Gutmenschen fordern von allen Anderen eine Mindestmoral: "Als Mensch hat jeder den gleichen Anspruch auf Achtung." (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/fluechtlingsdebatte-woher-kommt-das-ressentiment-13775332.html) Ganz spontan könnte man dem zustimmen, wird dann aber vereinnahmt: Sie wollen allen überall gleiche Rechte zusprechen. So wird die Forderung nach der Achtung missbraucht: Sie kann nur mit der Einschränkung gelten, dass den Bürgern eines Landes Priorität in ihrem Land eingeräumt wird, sowie das Recht, die Immigration nach Qualifikation und Umfang zu steuern.
  • Hinzu kommt, dass sich Immigranten den Werten des aufnehmenden Landes anpassen müssen: Bei ihnen zuhause muss man ihre Werte achten, bei uns müssen sie unsere Werte achten. Uns muss zugestanden werden, dass wir ein Bekenntnis zu unserer Verfassung wollen statt den Kotau vor einer Religion. Wer seine Religion absolut setzt und unsere Verfassung verachtet, steht im Konflikt mit unserer Kultur und sollte weder eingebürgert werden noch bleiben dürfen.

Es ist überfällig, in Deutschland und der EU die Immigration fair und un-ideologisch zu regeln, so wie es viele andere Länder schon längst praktizieren. Dazu gehört

  • eine klare Abgrenzung von Flüchtlingen und erwünschten Einwanderern,
  • einfache und konsequent angewandte Regeln für die Immigration, die bei uns und in den Herkunftsländern gut bekannt sind,
  • eine schnelle Bearbeitung und Entscheidung der Asylanträge, um den Asylanten die unzumutbaren Wartezeiten und uns überfüllte Aufnahmeeinrichtungen zu ersparen, sowie
  • klare, realistisch ermittelte Vorgaben über unseren Bedarf an Einwanderern.

 

Links zu Dediés wb-Artikeln und weitere Links zum Thema:




Kein Staatsanwalt am Sterbebett!


crossbones-145792_640Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) e.V. gab am 3.9. eine Presse-Erklärung zur Sterbehilfe heraus. Thema ist ein Sechs-Punkte-Positionspapier, aus dem Inhalt:  Angesichts des klaren Votums der Expertinnen und Experten und der klaren Haltung der deutschen Bevölkerung, die ein Verbot der Suizidhilfe mit überwältigender Mehrheitablehnt, verstärken wir unsere dringende Forderung an die Mitglieder des Deutschen Bundestags: Bitte sehen Sie von einer vorschnellen und in ihren Auswirkungen nicht hinreichend bedachten Kriminalisierung von Menschen ab, die suizidwillige Schwerkranke oder Hochbetagte gewissenhaft bei ihrem Vorhaben unterstützen und begleiten! (Bild: OpenClipartVectors, pixabay)

Kein Staatsanwalt am Sterbebett!

Humanistisches Bündnis legt aktuelles Sechs-Punkte-Positionspapier vor

dgpd. Zwei Monate vor der geplanten Abstimmung im Deutschen Bundestag über eine gesetzliche Einschränkung der Suizidhilfe legt das humanistische Bündnis am 3. September 2015 ein aktuelles Sechs-Punkte-Positionspapier vor. Darin betonen die beteiligten Verbände (Bund für Geistesfreiheit Bayern, Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften, Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben e. V., Giordano-Bruno-Stiftung, Humanistische Union, Humanistischer Verband Deutschlands, Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten e. V. , Koordinierungsrat säkularer Organisationen), dass der Gesetzgeber von einer vorschnellen und in ihren Auswirkungen nicht hinreichend bedachten Kriminalisierung von Suizidhelfern absehen sollte. Ein am 26. August bekannt gewordenes Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags, das die schwierigen Rechtsfragen aufzeigt, bestätigt diese Auffassung. Bereits die im April dieses Jahres veröffentlichte Resolution von Strafrechtslehrer/-innen hatte sich deutlich gegen eine Verschärfung des Strafrechts ausgesprochen.

Das humanistische Bündnis kämpft seit seiner Gründung im Frühjahr 2014 mit einer Vielzahl von Aktionen und Veröffentlichungen gegen eine strafgesetzliche Verschärfung bei der Sterbehilfe. Über zwei Drittel der Bevölkerung wünschen sich bei schwerster Erkrankung die Möglichkeit, auch mit ärztlicher Hilfe ihr Leiden abkürzen zu können. Tatsächlich findet sich aber heute kaum ein Mediziner, der darüber überhaupt nur zu sprechen bereit ist. Diese für viele Menschen äußerst problematische Situation soll zukünftig noch verschärft werden. Das Bündnis will die Politik davon überzeugen, dass neue Verbote der falsche Weg sind.

Das Sechs-Punkte-Positionspapier: "Kein Staatsanwalt am Sterbebett! Gegen 'Schüsse ins Blaue' zur Kriminalisierung von ärztlichen und nicht-ärztlichen Suizidhelfern" finden Sie im vollen Wortlaut  auf
http://www.dghs.de/presse/presse-erklaerungen/presse-erklaerung/article/kein-staatsanwalt-am-sterbebett.html

sowie auf den Kampagnen-Websites www.mein-ende-gehoert-mir.de und www.letzte-hilfe.de.

Wega Wetzel M.A.
Pressesprecherin DGHS e.V.

Internet: www.dghs.de
Facebook: www.facebook.de/DGHSde

Link zum Sechs-Punkte-Positionspapier: http://www.dghs.de/fileadmin/user_upload/Dateien/PDF/Positionspapiere/Sechs-Punkte-Positionspapier_Sept_2015.pdf
 




Abtreibung: Papst will vergeben – und verurteilen…


flowers-769454_640In einer Pressemitteilung vom 1.8. attestiert der HABO-Sprecher Dennis Riehle (Web, Blog) dem Papst indirekt Substanz, und zwar "breite Substanz". So kann der Papst in der Substanz auf ganzer Breite enttäuschen (Bild: ElinaElena, pixabay, das ist nicht der Papst, sondern eine Gottesanbeterin):

 

Abtreibung: Papst will vergeben – und verurteilen…

 

HABO-Sprecher: „In der Substanz enttäuscht Franziskus auf ganzer Breite!“  

Nach der Ankündigung von Papst Franziskus, im Rahmen des „Heiligen Jahres“, das im Dezember beginnt, allen Priestern zu erlauben, schwangeren Frauen nach Abtreibung ihre „Sünde“ zu vergeben, offenbaren sich die halbherzigen Schritte des Pontifex. Diese Meinung vertritt der Sprecher der Humanistischen Alternative Bodensee (HABO), Dennis Riehle, und erläutert wie folgt: „Franziskus meint es sicherlich nur gut, aber wahrscheinlich ist er dem riesigen Widerstand der Kurie und der Weltkirche nicht gewachsen. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass seine Reformen stets wie ein Minimalkompromiss daherkommen“.

Riehle verweist dabei auf die Erklärung des Papstes von vor einiger Zeit, wonach mit Schwulen und Lesben in der katholischen Kirche nachsichtiger umgegangen werden sollte – während Franziskus parallel den Lebensstil gleichgeschlechtlicher Menschen verurteilte und von einer Welle der Homosexualisierung sprach, die den Westen überrolle. „Solch ein Spagat kann niemals glaubwürdig sein. Deshalb ist auch die neueste Verheißung wenig vielversprechend, relativiert sie das Oberhaupt der Kirche doch schon selbst wieder: Vergebung kann es nur dort geben, wo Missetaten stattfanden. Und als solche bezeichnet Franziskus die Abtreibung ja weiterhin vollkommen pauschal. Immerhin sollen Pfarrer geistlichen Nachlass auch nur dann gewähren, wenn Reue für die ‚Tat‘ gegeben ist. Somit bleibt der undifferenzierte Blick auf den Schwangerschaftsabbruch aufrecht – und anders war es auch nicht zu erwarten“, so der HABO-Sprecher.

„Man kann Franziskus medienpolitisch viel Geschick attestieren – schafft er es doch immer wieder, mit prägnanten Schlagzeilen den Anschein zu erwecken, als würde sich während seiner Amtszeit etwas revolutionär verändern. Die Hoffnungen, die er unter den Gläubigen weckt, welche auf eine Öffnung der katholischen Kirche warten, werden aber allesamt enttäuscht – zumindest dann, wenn man sie auf ihre Substanz untersucht. Für mich bleibt Franziskus derjenige Papst, der eine großartig barmherzige Show liefert – unter seinen Schäfchen aber regelmäßig Erwartungen wieder zerbrechen lässt. Ob bewusst oder unbewusst – ehrlich, fair und aufrichtig ist sein Verhalten nicht“, kommentiert Riehle abschließend.

 

 Dennis Riehle, Sprecher, Nicolas Kienzler (Stellvertreter), Manuel Oexle (Stellvertreter)
Humanistische Alternative Bodensee
Säkular-humanistischer Zusammenschluss

 

 




HVD zum Recht auf Selbstbestimmung am Lebensende


timekillsallgodsWir bringen eine Pressemitteilung des HVD vom 26.8. zum Thema Suizidbeihilfe. Bei wissenbloggt wird das Credo Suizidbeihilfe muss straffrei bleiben unterstützt. Das Bild ist für Leute, die ans Weiterleben im Orkus glauben: Die Zeit tötet sogar Götter.
 

Recht auf Selbstbestimmung am Lebensende nicht verbieten, sondern stärken

26. August 2015

Suizidbeihilfe: Humanistischer Verband Deutschlands begrüßt wissenschaftliches Rechtsgutachten zu den bisher vorliegenden Gesetzentwürfen.

„Suizidbeihilfe muss wie bisher straffrei bleiben. Die Bundestagsabgeordneten sollten den Willen der Bevölkerungsmehrheit endlich ernst zunehmen beginnen, anstatt das Recht auf Selbstbestimmung am Lebensende durch dilettantische Gesetze zu untergraben.“ Dies sagte der Vizepräsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands und Sprecher zum Thema Autonomie am Lebensende, Erwin Kress, am Mittwochvormittag mit Blick auf ein aktuelles Rechtsgutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags. Die von der Bundestagsabgeordneten Katja Keul (Bündnis 90/Die Grünen) in Auftrag gegebene Expertise weist auf verfassungsrechtlich bedenkliche Mängel in drei der vier bisher vorgelegten Gesetzentwürfen hin. Die Initiative der Abgeordneten Keul bezeichnete Erwin Kress als „weisen und umsichtigen Schritt, der die laufenden Diskussionen konstruktiv und im Interesse des Selbstbestimmungsrechts der Menschen in Deutschland voranbringt.“

Das nun vorgelegte Rechtsgutachten äußert deutliche verfassungsrechtliche Zweifel an drei der vorgelegten Gesetzentwürfe. Zwei der Gesetzentwürfe entsprechen der Expertise zufolge nicht dem Bestimmtheitsgebot des Grundgesetzes. Gegenüber dem von den Abgeordneten Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen) und Petra Sitte (DIE LINKE) vorgelegten Gesetzentwurf äußert das Gutachten „verfassungsrechtliche Bedenken im Hinblick auf die Bundesgesetzgebungskompetenz.“ Der Bundestag könne ärztliche Berufsordnungen, die von Landesärztekammern erlassen wurden und eine ärztliche Suizidassistenz verbieten, nicht aufheben. Ein neben den Gesetzentwürfen von Katja Keul, Brigitte Zypries (SPD) und anderen Bundestagsabgeordneten ebenfalls eingebrachter Antrag plädiert hingegen dafür, keine neuen Straftatbestände zu schaffen.

Erwin Kress sagte dazu: „Das Rechtsgutachten des Wissenschaftlichen Dienstes bestätigt, was wir seit langem und wiederholt kritisiert haben: Die Mehrheit der Bundestagsabgeordneten will bei diesem Thema mit dem Kopf durch die Wand. Deshalb erwarte ich, dass das Gutachten dazu beiträgt, nun endlich die dringend nötige Ordnung in diese Debatte zu bringen.“ Kress betonte, dass auch die sogenannte geschäftsmäßige und organisierte Suizidbeihilfe straffrei bleiben müsse, wenn die Politik der Komplexität möglicher Lebenslagen der von Sterbewünschen betroffenen Menschen wirklich gerecht werden wolle. „Aus humanistischer Perspektive vertretbar ist lediglich ein Verbot von Werbung für solche Dienstleistungen sowie kommerziell geprägte, d.h. profitorientierte, Sterbehilfe. Keinesfalls dürfen schlecht durchdachte Regelungen vom Gesetzgeber verabschiedet werden, die dann anschließend in einem mühsamen und langwierigen Verfahren vom Bundesverfassungsgericht korrigiert werden müssen“, so Kress weiter. Die Entstehung von Unsicherheiten bei Betroffenen, Angehörigen oder Ärzten, die die vermeidbare Verlängerung von menschlichem Leiden zur Folge haben, sei nicht akzeptabel.


Erwin Kress: Wohlerwogenen und nachweislich freien Entschluss von Personen respektieren.

Als eine neben dem Verbot kommerzieller Suizidbeihilfe und der Werbung für Suizidbeihilfe sinnvolle Möglichkeit zur Stärkung des Selbstbestimmungsrechts, die strafrechtlich konkretisiert werden könnte, bezeichnete Kress die Aufhebung der Garantenpflicht bei Suiziden, die Menschen freiwillensfähig und nach ausreichender Bedenkzeit vollziehen. „Hier wäre ein geeigneter Rechtsrahmen zu schaffen, der den wohlerwogenen und nachweislich freien Entschluss von Personen respektiert“, so Kress.

Er rief die Bundestagsabgeordneten außerdem dazu auf, das Recht auf Selbstbestimmung am Lebensende durch eine verbesserte Suizidprävention in Form von Regelungen zur Einrichtung neutraler Beratungsstellen zu stärken. „Wenn Menschen, ob todkrank und leidend oder nur eines von beidem, einen Sterbewunsch verspüren, muss dies selbstverständlich ernst genommen werden. Doch genauso wie die Heroisierung des Suizids abzulehnen ist, darf auch keine Tabuisierung erfolgen. Die Schaffung von qualifizierten Suizidkonfliktberatungsstellen wären ein wichtiger Schritt, um die Zahl vermeidbarer Selbsttötungen zu verringern.“

Zum Thema: Humanistische Positionen und Argumente zur Debatte um den assistierten Suizid

Das Recht auf Selbstbestimmung ist ein zentraler humanistischer Wert – bis zum Lebensende. Insbesondere die Frage des assistierten Suizids steht im Mittelpunkt der laufenden politischen und gesellschaftlichen Debatte. Profilierte Vertreter des Humanistischen Verbandes Deutschlands haben dazu in einer Positionsbroschüre Stellung genommen und eigene Vorschläge unterbreitet. Dazu gehört nicht nur – unter bestimmten Voraussetzungen – die kontrollierte Ermöglichung der ärztlichen Hilfe beim Sterben, sondern auch die Einführung einer qualifizierten Suizidkonfliktberatung, um Selbsttötungen vorzubeugen. Den vollständigen Text finden Sie hier: www.am-ende-des-weges.de

Bündnis für Selbstbestimmung bis zum Lebensende

Als Reaktion auf die Bestrebungen zur Kriminalisierung der Suizidbeihilfe ist im März 2014 das Bündnis für Selbstbestimmung bis zum Lebensende entstanden. Dieses wendet sich gegen jegliche Verschärfungen der bisherigen Gesetzeslage. Das Bündnis hatte dazu u.a. 10 Leitsätze gegen ein Verbot der Beihilfe zum Suizid in Deutschland vorgestellt. Die Leitsätze und das Bündnis können Sie durch Ihre Mitzeichnung unterstützen: www.mein-ende-gehoert-mir.de




Die anderen ernstnehmen


armeAuf der einen Seite wüten Demonstranten gegen Immigranten. Auf der anderen Seite – auf vielen anderen Seiten – schreiben Gutmenschen in sogenannten seriösen Medien von den Dumpfbacken im Mob gegen die Asylanten (z.B. SZ vom 25.8.).

Beide Seiten wollen nur ihre eigene Sicht akzeptieren. Auch die SZ zeigt sich von keinerlei demokratischem Respekt gegenüber abweichenden Meinungen angekränkelt (das Bild soll kein Armdrücken darstellen, sondern die Harmonie des Miteinanders).

In solcher Lage ist es gut, Worte der Besinnung zu hören, auch wenn aus ihnen der Zorn über die Ausschreitung klingt. Wir müssen reden. Auch mit Idioten, schreibt der Freitag am 23.8., Autor ist das Freitag-Community-Mitglied kopfkompass.

Es macht kopfkompass ängstlich und wütend, wenn er täglich davon hört, wie Menschen gegen die Unterbringung von Asylbewerbern auf die Straße gehen. Was vor den Flüchtlingsunterkünften in Meißen, Freital oder Heidenau passiert, ist falsch, sagt der Autor. Es beschämt ihn, und er will verstehen, warum passiert, was passiert. Er will dazu beitragen, dass es aufhört.

TV-Nachrichten und Zeitungsartikel sind nicht hilfreich, um die Abgründe zu bewältigen, und das Lesen von Facebook-Kommentaren schon gar nicht. Was eher hilft, ist das unkommentierte Videomaterial von Euronews und RT und die O-Töne auf YouTube. Der Lerneffekt daraus:

Meinungen kann man nicht verbieten. Meinungen muss man bilden.

Das geht nicht mit Hass gegen Hass und nicht mit Spott und Häme, sondern mit Aufklärung und Geduld, mit Bildung und Gesprächen. Er selber findet böse Worte gegen den Fremdenhass: dumm, geradezu idiotisch,  geizig, egoistisch, aggressiv und unbarmherzig. Aber:

Diese Haltung ist wenig hilfreich, denn sie erhöht ihn zum intelligenten kosmopolitischen Gutmenschen und erniedrigt die Gegner zu einem braunen Mob. Aus dieser Sicht blickt er verächtlich auf sie herab, denn er liegt richtig, die anderen liegen falsch.

Schwarz/weiß

Mit umgekehrtem Vorzeichen sieht es von der anderen Seite genauso aus. Es gibt keine Schnittstellen, keine Diskussionen, keine Begegnung. Jeder vergewissert sich nur in seinem eigenen Umfeld der Richtigkeit seiner  Meinung. Unterstützt wird diese Verkrustung durch die medialen Veränderungen. Was früher der Stammtisch war, ist heute das Internet. Da findet auch das realitätsfernste Töpfchen noch sein Deckelchen. Die Gleichgesinnten bestärken einander in ihrer gleichen Gesinnung, sie schaukeln sich hoch, sie treffen Verabredungen und machen Demos, die eskalieren.

So entstehen Milieus, die von den etablierten Medien nicht mehr erreicht werden, parallele Öffentlichkeiten ohne jedes Korrektiv. Gräben tun sich auf. Um dem beizukommen, muss man Brüche schaffen und isolierte Blasen zum Platzen bringen. Man muss Verfechter der einen Wirklichkeit mit Vertretern der anderen konfrontieren, auf Basis von Fakten.

Damit kommt die Bildung ins Spiel. Es gilt die Kosten, die Asylbewerber verursachen, ins Verhältnis zur deutschen Wirtschaftsleistung zu setzen und die ausländergetragenen Straftaten im Verhältnis zur Gesamtzahl der Straftaten zu sehen. Dann bleibe kein nennenswertes Problem übrig, sagt der Autor. Man müsse sich auch vergegenwärtigen, was in Syrien, in Eritrea, selbst auf dem Westbalkan los ist, dann werde man gegen niemanden auf die Straße gehen, der aus diesen Gebieten flüchtet.

Der Autor kopfkompass fordert Empathie ein, Herzensbildung. Wer im Hinterkopf behält, welches Glück die Geburt in Deutschland bedeutet, gegenüber dem Schicksal, in Albanien, Serbien oder dem Irak geboren zu sein, der werde mit Hilfspaketen zur nächsten Flüchtlingsunterkunft fahren, nicht mit Böllern. Soweit zur Begründung des richtigen Verhaltens. Mit der Würdigung der anderen Sicht tut sich der Autor schwer, aber er unternimmt einen tapferen Anlauf zum Verständnis:

Deren Ängste sind ernst zu nehmen. Die Schlagworte Sorgen, Ängste, Bürger, Bevölkerung verbergen oft nur hohlen Hass, und die Ängste lassen sich leicht durch Fakten entkräften. Doch es gibt auch kulturell geprägte Ängste, die eine Besprechug verdienen:

  • Wie steht's nach 100 Jahren Frauenbewegung um die Vollverschleierung muslimischer Frauen?
  • Was bieten wir Asylbewerbern an, wenn sie monatelang auf die Entscheidung ihrer Anträge warten müssen? Arbeitsgenehmigungen, Deutschkurse oder nur noch Sachleistungen?
  • Welche Bedingungen werden an die Einbürgerung gestellt, Deutsch können, eine geregelte Beschäftigung vorzeigen?
  • Erlauben wir die Prägung von Stadtvierteln durch Einwanderer einer bestimmten Nationalität, mit Geschäften,  Restaurants und Kulturvereinen? Ist das Bereicherung oder Verlust?

Der Autor traut sich, diese heiklen Themen anzusprechen; aber wenn diese Diskussionen nicht in den arrivierten Medien oder der etablierten Politik geführt werden, wo dann? Was tun Menschen mit kontroversen Meinungen, die im bürgerlichen Debattenkanon nicht gehört oder gar verspottet werden? Sie wenden sie sich ab. Sie werden zwangsläufig zu Pegida & Co. getrieben. Und das vertieft die Kluft, statt sie zu überwinden. Es spaltet, es verfestigt den Graben zwischen Uns und Denen, obwohl gerade jetzt ein Wir so dringend nötig wäre.

Aus dieser Sicht sieht der Autor Dinge, die jeder Einzelne tun kann:  Erstens, argumentieren und der diffusen Xenophobie konkrete Argumente entgegensetzen. Zweitens, handeln und der Unzufriedenheit mit den Zuständen durch Hilfsangebote entgegentreten. Zum Beispiel zur nächsten Flüchtlingsunterkunft fahren und fragen, wie man helfen kann.

Würdigung

Dieser quasi zähneknirschende Schritt auf die anderen zu ist aller Ehren wert. Auch die zähnefletschenden Fremdenhasser sollten ihn machen. Gleiches wäre den Schreibern zu wünschen, die nur ihren eigenen Gutmenschen-Standpunkt gelten lassen und die Demokratie in Form des Willens anderer missachten. Dabei ist die dargelegte Sichtweise durchaus nicht objektiv, auch wenn sie sich auf Fakten beruft und an die Herzensbildung appelliert.

Kriminalstatistik

Ein Beispiel dazu liefert die Kriminelle Statistik, wo aus den offiziellen Zahlen keineswegs hervorgeht, dass es keine Häufung von Ausländerkriminalität gibt. Es müsste objektiv geklärt werden, inwieweit diese Probleme (Focus) typisch sind, Massenschlägereien, Übergriffe auf Polizisten, sowie Banden, die ganze Straßenzüge kontrollieren. Bestimmte Stadtviertel in Köln, Essen oder Duisburg, die der Polizei zu entgleiten drohen. Polizisten, die sich nur noch mit mehreren Streifenwagen in Problemviertel hinein trauen, die von Gangs angepöbelt, angeschrien und bedroht werden. Ist die öffentliche Ordnung "langfristig nicht gesichert" (nochmal der einschlägige Focus). Dazu kommt eine Liste von Vorfällen in Leipzig, Hamburg, Lüneburg, Chemnitz … Verdächtig, dass es immer dieselbe Liste ist, die zur Argumentation herangezogen wird, und auch derselbe Vorfall, wo Muslime aus Schwarzafrika (Mali, Senegal, Elfenbeinküste) Christen aus dem Boot warfen. Aber das ist klärungsbedürftig und mit belastbaren Zahlen zu belegen oder zu widerlegen.

Migrationskosten

Die anderen Fakten beziehen sich auf die Kosten der Integration, die im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung vernachlässigbar seien. Die Integrationskosten für Kulturfremde tragen andere, die man nicht fragt (Ausbilder, Chefs, Lehrer, Therapeuten). Die Argumentation mit der Notwendigkeit von Immigranten für den Arbeitsmarkt ist schon lange als Propaganda der Lohndrücker entlarvt. Bei 1-2% Produktivitätssteigerung und 0,25% Bevölkerungsrückgang pro Jahr ist ein Kampf um Arbeitspläze absehbar.

Das bahnt sich seit längerem an, schon bevor die Zuwanderung so kulminiert. Die stagnierenden Löhne bei steigender Staatsverschuldung plus Ausverkauf von Staatseigentum künden davon. Auch dass schon jeder vierte Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor arbeitet; und die kommende Altersarmut wird das nochmal forcieren. Die notleidenden Staatskassen und überschuldeten Kommunen sind seit Jahren Realität, der Verfall der Infrastruktur, von Straßen, Brücken, Gebäuden, die Schließung von Schwimmbädern und Turnhallen. 

Nirgendwo ist Geld da (außer bei der Griechenland-Rettung, sprich Bankenbeglückung). Die Angst der Menschen vor dem Abstieg ist völlig rational. Immer weniger Menschen haben eine auskömmliche Lebensperspektive mit dauerhaftem Job, Familie, Kindern und Eigenheim. Und von allen wird Solidarität ohne Ende gefordert, für Griechenland, für Immigranten, für die ganze Welt.

Denn von den Reichen kommt garantiert nix, das wird alles der Allgemeinheit aufgebürdet. Der Verdrängungswettbewerb um die Arbeitsplätze und die Massen-Altersarmut werden spätestens beim nächsten Finanzcrash zu enormen Belastungen der Sozialsysteme führen. Dann wird es jede Menge Kürzungen geben. Ins Positive kann das höchstens von hochqualifizierten Immigranten gewendet werden, aber nicht von Leuten, die unserer Zivilisation fremd sind.

Biologie

Europa wird an der strikten Einhaltung seiner humanistischen Grundsätze zugrunde gehen, unken schon manche. Angesichts der beginnenden Völkerwanderung gibt es tatsächlich ernsthafte Bedenken. Das sind Urängste, die angesichts der Tausende von schwarzen jungen Männern hochkommen, die ihrer Religion kniefällig huldigen, aber hier gar nicht unterwürfig sind, sondern Forderungen stellen und auf Rechte pochen.

Der Mensch ist einerseits ein soziales und empathisches Wesen, aber andererseits hat er auch die Gene fürs Revierverteidigen und den Kampf gegen Invasoren.  Es gilt, die letzteren niederzuhalten und die Dominanz der humanen Kultur zu wahren.

Aber wie lange geht das gut, wenn verantwortungslose Gutmenschen die bedingungslose Willkommenskultur fordern, und das zerbröselnde soziale Netz beliebig vielen anderen öffnen möchten? Man darf nicht die Angst vor Überfremdung ignorieren, zumal wenn man selber fern von den Brennpunkten sitzt. Parallelgesellschaften mit Paralleljustiz sind ein echtes Problem, und auch die überproportionale Vermehrung. Damit soll nicht gesagt sein, dass Kinder von Leuten aus rückständigen muslimischen Kulturen automatisch rückständige Muslime werden – aber die Koranschulen geben sich Mühe, genau das zu erreichen, siehe Koranschulen gehören nicht zu Deutschland. Das ist nicht Multikulti, sondern zivilisatorischer Rückschritt, dem nicht mal die Emanzen entgegentreten, siehe auch Feminismus am Ende.

Solche Rede ist keine Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF), und wenn es Egoismus ist, dann gilt der für Wirtschaftsflüchtlinge oder Flüchtlinge vor Korruption und Zivildienst genauso. Die drängeln sich vor und saugen die Hilfe ab, die bedürftigeren Mitmenschen gebühren müsste.

Diese Umgehung der regulären Priorisierung ist ein weitereres Ärgernis, das sich bei den Kosten wiederholt. Es geht nach Methode Griechenland, 10 Mrd. sind derzeit angesagt – es sind ja grad 21 Mrd. in der Kasse, da darf's was kosten, ohne Abstriche woanders. Solche Behauptungen sind natürlich blanke Griechen-Sophistik, und bei 10 Mrd. bleibt es nicht. Das hundertfache kommt nach, wenn es brodelt, wenn die Billiglöhner aufstocken müssen, wenn die Kinder therapiert werden müssen, die es zwischen Schule und Koranschule zermahlt.

Zahlen

Weitere Zahlen aus der Süddeutschen Zeitung vom 27.8. aus Was Flüchtlinge bringen (nicht online):

  • 1,5 Mrd. Ausgaben für Asylbewerber 2013. Anfang der 1990er-Jahre waren es noch 2,8 Mrd. für Balkan-Flüchtlinge. Das sind aber nur die Zahlen für die Bundesländer, ohne Leute mit abgelehntem Antrag, ohne Frontex, Polizei, Justiz und sonstige Staatsausgaben – eine echt griechische Zahl.
  • 200.000 Asylanträge 2014 (aus anderer Quelle: 226.000 bis Mai 2014 plus 537.000 mit abgelehntem Asylantrag. Asylberechtigt sind 40.000, geduldet 125.000, als Flüchtling anerkannt 138.000, unter Schutz von EU-Richtlinien 14.000, unter Abschiebeverbot 36.000, letztere beide überschneiden sich evtl. mit den Abgelehnten). Bis zum Entscheid dauert es durchschnittlich fast ein halbes Jahr, 40% der Asylanten klagen gegen den Entscheid. 
  • 22 Mrd. ist die Entlastung der Sozialkassen durch Ausländer pro Jahr, 3.300 Euro pro Person. Aber nur die gegenwärtigen Leistungen sind gezählt, nicht die erworbenen Ansprüche auf spätere Leistungen – eine griechische Zahl, zumal sie sich nicht auf Kulturferne übertragen lässt.
  • 6,5 Mio. fehlende Arbeitskräfte in den nächsten 10 Jahren, wenn niemand zuwandert. Das ist wie immer ohne Berücksichtigung der Roboter berechnet und auch ohne Wiedereinstellung von Rentnern (die durch die kommenden Mini-Renten geradezu erzwungen wird) – eine vollkommen griechische Zahl. Realistisch gesehen fehlen überhaupt keine Arbeitskräfte.

Integration

Die Angst vor der ausbleibenden Integration – es wird ja nicht mal ein Bekenntnis zur Integration gefordert – kommt noch zur Angst vor der großen Zahl dazu. Für Afrika wird in den nächsten 35 Jahren eine Verdoppelung der Bevölkerung vorhergesagt, von 1 Milliarde auf 2. Das Potential an  Flüchtlingen ist damit viel größer als jede Aufnahmefähigkeit. Das führt zu dem unausweichlichen Schluss, dass vor Ort geholfen werden muss, siehe auch Afrikahilfe: Ziegen für tansanische Mädchen.

Aber wenn Hilfe vor Ort unausweichlich ist, warum das nicht gleich richtig anpacken, ehe es allzu teuer wird? (siehe Neukolonialisierung Afrikas?) Die Ursachen für die Völkerwanderung liegen ja auch in den Kriegen des Westens in Jugoslawien, Irak, Afghanistan, Libyen und Syrien – das darf es nicht mehr geben, das gehört wiedergutgemacht. Sie liegen in der Ausbeutung durch internationale Konzerne und lokale Eliten, gefördert durch das Verbaggern der gestohlenen Gelder in Steueroasen – die müssen allesamt endlich zugemacht werden, auch mit Wiedergutmachung. Natürlich liegen die Probleme auch in der systemimmanenten Schwäche der islamischen Herrschaftsverhältnisse, unter denen nix erfunden wird außer den Methoden, wie man Menschen dumm und unterwürfig und möglichst zahlreich hält.

Der Anstand verlangt, dass man die Kultur respektiert, zu der man kommt. Das gilt auch für die Leute, die zu uns kommen. Die müssen unsere Kultur von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten respektieren. Selbiges gilt sogar für die Schreiber von bevormundenden Artikeln, die den Dumpfbacken heimleuchten wollen, und für Politiker, die sich in blauäugiger Willkommenskultur verwirklichen wollen. Auch die haben sich zu integrieren und demokratische Gepflogenheiten zu achten, sprich, die Meinung der anderen genauso zu respektieren wie ihre eigene.

Links dazu




Religionsunterricht und Alternativen


hearyoubegWisch und weg – das ist das anti-göttliche Prinzip. Die Stuttgarter gbs stellt ihre monatliche Sendung im Freien Radio für Stuttgart Erziehung ohne Gott so vor: Erziehung ohne Gott/Religion wird an öffentlichen Schulen durch die Durchdringung des Schulalltags mit religiösen Inhalten, sowie Neid auf Freistunden der Schüler ohne Religionsunterricht erschwert. Fallbeispiele werden erörtert. Außerdem wird Rainer Ponitka, Autor des Buches Konfessionslos in der Schule, befragt. Dazu hat atheisten-info.at das Video online gestellt:

 

 

Religionsunterricht und Alternativen

Freies Radio Stuttgart, Sendung der Stuttgarter Regionalgruppe der GBS vom Juli 2015 – jetzt online!

Was in der Schule so alles passiert und diskutiert wird, wenn Eltern nicht wollen, dass ihre Kinder religiös behelligt werden. Und wie ist das mit dem Ethikunterricht oder dem Fach Soziales Lernen? Bericht über schulische Schikanen und rechtliche Hürden.

Link zum Originalartikel bei atheisten-info.at

Und als Dreingabe ein Video vom Atheist Media Blog Schachmatt Atheisten – An irgendetwas *muss* man doch glauben! Für viele religiöse Menschen unvorstellbar. Fehlt da nicht was? Spürt man da nicht ein Defizit? Und kann das wirklich sein, dass einer an rein gar nichts glaubt?

 




Glück & Gold und Geld


hon-gromyko-g.-mittag-pjotr-abrassimovDie fortschrittlich-kapitalistische site Zero Hedge glänzt wieder mal mit einem pointierten neoliberalen Artikel, bei dem es sich ums Geld dreht. Und ums Glück, und wie beides zusammenhängt.

The Rich, The Poor, & The Trouble With Socialism heißt der Artikel vom 9.8., und er zeigt ein paar Fakten auf. Armut ist demnach auf eine bestimmte Art besser als Reichtum: Die Armen glauben noch an die Illusion, Geld würde glücklich machen. Die Reichen wissen das besser. Aber sie sprechen nicht drüber, aus Angst, die Bewunderung würde in Mitleid umschlagen.

"Was, du hast all den Schotter ("moolah") und bist nicht glücklicher als ich?"
"So isses, Mann."
"Du armes Schwein."

Im Originaltext heißt der letzte Spruch “You poor S.O.B.” mit der Bedeutung "Standard Operational Bullshit". Oder aber "son of a bitch", das möge der Leser selbst entscheiden. 

Worum es geht, ist etwas anderes als die Freundlichkeiten der amerikanischen Redeweise. Ins Visier geraten die Freundlichkeiten der Regierung, speziell die Vorstellung, die Regierung könne das Volk glücklicher machen. In der einfachsten Form geht das so: Sie nehmen den Reichen was weg und geben's anderen. Das hat den (politischen) Vorteil des Stimmenkaufs und auch den des gehobenen Status'.

Denn alles ist Status, sobald man Essen, Unterkunft und ein paar sonstige Notwendigkeiten hat. Status, Eitelkeit und Macht sind die Bestimmungsgrößen. Mehr Geld hilft, sich besser zu fühlen und auf andere attraktiv zu wirken. Dabei zählt nicht allein das Geld, sondern der Rang, das Ansehen in der Gesellschaft.

Doch niemals habe eine Regierung Reichtum geschaffen, denn dazu gebe es gar keine Möglichkeiten, und auch gar keine Absichten. Alles, was die Regierungen tun können, ist Macht zu verschieben, Reichtum oder Status – und immer profitiere der eine auf Kosten der anderen.

Vorausgesetzt, das Geld fließt von den Reichen ab, sind die meisten Menschen damit zufrieden, zumindest auf kurze Zeit. Je länger die Umverteilung allerdings währt, desto ärmer werden alle.

Diese Legende des Neoliberalismus' wird mit einem Maggie-Thatcher-Spruch gewürzt: Der Ärger beim Sozialismus ist, dass das Geld der anderen knapp wird ("The trouble with socialism is that you run out of other people’s money"). Und natürlich, indem die Umverteilung Fehlallozierungen schafft, indem die Signale des Marktes verfälscht werden.

Gesellschaften, die diesen "Diebstahl" von den Reichen nicht begehen, stehen besser da, und nach einer Weile wird die Diskrepanz zum Problem. Der Artikel besagt, die Umverteiler sehen dann, dass sie zurückfallen. Dann ändern sie ihre Politik, um wieder konkurrenzfähig zu werden (Beispiele Großbritannien und China in den 1970er-Jahren und Sovietunion in den 1980ern). Oder die durch Umverteilung verarmte Gesellschaft wird von reicheren erobert, die mehr Geld für Waffen ausgeben können.

Natürlich hat das Nivellieren der Einkommen einen angenehmen Aspekt für die Massen, es macht die Abstände aus beiden Richtungen kleiner (die von unten werden erhoben und die von oben heruntergezogen). Doch es gibt machtvolle Kräfte dagegen. Wenn die Reichen mit Steuern, Enteignungen und Gleichmacherei überzogen werden, suchen sie nach Auswegen.

Sie grenzen sich aus. Sie schaffen sich eigene Refugien, medizinische Versorgung, Renten, Parkplätze, Chaffeure und Helfer. Zitiert wird eine Studie, nach der die kommunistischen Führer einen höheren Abstand zu ihrem Volk aufbauten als die Reichen zu den Armen in Amerika (unter dem Präsi Reagan).

Gewisse Genossen waren gleicher als gleich (dazu wird das Bild oben aus dem Bundesarchiv herangezogen, mit den Parteigrößen Günter Mittag, Erich Honecker, Andrej Gromyko, Pjotr Abrassimov). Wovon der Autor nichts weiß, ist die Bescheidenheit Honeckers, der in einer normalen Wohnung und ohne Datscha lebte.

Im Gegenteil sieht er etwas gewollt den Bezug zu Gold hergestellt, das ja traditionell eine Form des Geldes ist. Geld erhält seinen Wert erst durch die Ökonomie, aus sich selbst heraus hat es keinen (beim Gold ist es nicht viel anders, aber es gab den Goldstandard, der das Kreditvolumen bis 1973 halbwegs stabil hielt).

Genauso wie der Normalverbraucher an mehr Glück aus mehr Geld glaubt, besagt der Artikel, tun's auch die Politiker. Ihr Glaube sei etwas komplizierter: Sie wissen, dass es die Wirtschaft ist, die Reichtum produziert, und nicht das Geld. Trotzdem glauben sie laut Autor, mehr Geld zu schöpfen, ließe die Wirtschaft besser funktionieren und mache das Volk reicher.

Beim heutigen Wirtschaftssystem bedeutet das nicht, mit Bargeld in Form von Scheinen und Münzen um sich zu werfen. Aber sie schaffen digitales Geld, und damit heben sie den Betrug auf einen neuen Level. Dies Vorgehen sei zum Untergang verdammt.

Denn den neu aufgelegten Staatsanleihen stehen keine realen Werte mehr gegenüber, sondern nur noch Versprechungen. Es sind die Versprechen der Regierung, die Zinsen aus zukünftigen Einnahmen zu bedienen (und wenn die Einnahmen nicht kommen, dann schöpfen sie noch mehr Geld).

Das Vertrauen der Märkte in solche Papiere ist gering, und sie können nur mit hohen Renditen (=Zinsen) verkauft werden. Gegenüber dem Goldstandard ist das eine enorme Erweiterung. Das Gold fungierte als Limit für solche Bestrebungen, während die Abschaffung des Goldstandards auch die Abschaffung der Kreditgrenzen bedeutete. Seither werde das Bankensystem als Mittel für eine unkontrollierte Expansion der Kredite missbraucht.

Der Artikel untermalt das mit den Kurven der Kreditmarktschulden und der Staatsschulden in Bezug zum Bruttosozialprodukt. Wesentliche Aussage: Früher lief das parallel, heute haben die Kreditmarktschulden alles abgehängt.

debt-debt-and-little-growth-1024x574Bei aller neoliberalen Färbung ist das eine wichtige Aussage. Der Artikel zeigt zwar totale Ignoranz gegenüber der zunehmenden Ungleichheit und allen Erkenntnissen, dass Massenkaufkraft positiv wirkt. Und er verkennt die Tatsache, dass der Staat durch gute/schlechte Regulierung durchaus Wohlstabd ermöglichen/verhindern kann.  Dafür spricht er einen ganz wichtigen Punkt an.

Das Phänomen der ausufernden Kreditmarktschulden breitet sich nicht nur in den USA aus, sondern überall, vor allem in der Eurozone. Es gibt zuviele Billionen Dollars, Euros usw. denen keinen realen Werte gegenüberstehen (siehe auch Das 10-Billionen-Problem und Neue EZB-Kritik: EuGH reingelegt). Diese Art der Beglückung ist Stoff für die nächste Finanzblase, muss man befürchten.

Siehe auch Der Euro: größter Feind Europas und Steuerflucht in die Target-Salden

 

 




Zur Entstehungsgeschichte des religiösen Fundamentalismus


brainchainedBeim vorigen Artikel von Freigeist Weimar (Humanismus verteidigt) hieß es noch Der Humanismus als Fortsetzung des Marxismus-Leninismus? Diesmal werden andere verwerfliche Konsequenzen des Humanismus' aufgezeigt. Karl-Helmut Lechner befasst sich mit der Entstehungsgeschichte des religiösen Fundamentalismus', die zugleich eine Geschichte des Fanatismus', der politischen Verfeindung und des Ku Klux Klans ist (Bild: Edwin Espinoza Andino):

 

Zur Entstehungsgeschichte des religiösen Fundamentalismus

WEIMAR. (fgw) Die Faszination, die weltweit für viele Menschen von fundamentalistischen Bewegungen ausgeht, ist ungebrochen. Auch wenn zur Zeit durch grauenhafte Ereignisse der Islam in Verbindung mit dem sogenannten Islamischen Staat  besonders im Mittelpunkt der öffentlichen Beobachtung steht — in allen Religionen und Kulturen der Welt tauchen diese Phänomene auf. Fundamentalistische Bewegungen  formulieren im religiös-kulturellen Gewand politische und soziale Interessen und kämpfen um deren Dominanz. Seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Sowjetunion und der ihr zugeordneten Staaten und seit Ende der großen Ideologien des 20. Jahrhunderts Ausdruck von Hoffnung auf eine andere, bessere Welt, tritt der politisch-religiöse Fundamentalismus in allen Kulturen auf. Er dient immer wieder zur Rechtfertigung zahlreicher blutiger Konflikte.

 

 

„Das Maschinengewehr Gottes“ – so der Spitzname des Baptisten-Pastors Billy Graham, bekanntester Fundamentalist der USA.

Inhaltlich trennen Welten den protestantischen Fundamentalismus in den USA, den römisch-katholischen Fundamentalismus in Europa und den USA, den evangelikalen Fundamentalismus im ehemals katholischen Guatemala, den jüdischen Siedler-Fundamentalismus in Israel, den islamischen Fundamentalismus im Iran oder in Algerien, den Hindu-Fundamentalismus in Indien, den buddhistischen Fundamentalismus in Sri Lanka, den konfuzianischen Fundamentalismus in Südasien. Sie sind scheinbar grundsätzlich unterschiedlich im Inhalt ihrer Lehre, in der Lebensweise der Menschen, die ihnen zugehören, und in der Gestalt der sozialen und politischen Ziele, die sie verfolgen. Mehr aber als alles Trennende verbindet sie derselbe Stil des verfeindenden Umgangs mit kulturellen Unterschieden, eine Strategie der Politisierung der eigenen „guten" Kultur gegen die Kultur der „bösen" Anderen. Kulturelles Selbstbewußtsein wird zum Hebel für politische Verfeindung. Eine gewißheitsbasierte Identitätspolitik, ein geschlossenes Weltbild: Das vor allem ist Kennzeichen des religiös-politischen Fundamentalismus in unserer Zeit.

Wir betreiben in unserer Darstellung des Fundamentalismus keine Theologie und erörtern immanent die Stimmigkeit oder den Unsinn religiöser Aussagen. Ob es sein kann, daß der Koran vom Himmel gefallen ist oder die Bibel das wortwörtlich den Propheten und Evangelisten in die Feder diktierte Wort Gottes ist. Das soll uns eher am Rande interessieren. Denn auch Religion findet nicht im Himmel statt, sondern hier auf Erden. Religionswissenschaft ermöglicht es uns, gemeinsame Strukturen in aller Verschiedenheit des Fundamentalismus zu erkennen und ihre Funktion für das jeweilige soziale und psychische System zu beschreiben. Historische Betrachtungen helfen uns, Entstehungsbedingungen für fundamentalistische Bewegungen zu untersuchen.

Fundamentalismus – ein "Kind des Christentums"

Der Begriff „Fundamentalismus" stellt zunächst eine Sammelbezeichnung dar für sehr unterschiedliche Bewegungen vor allem innerhalb des Christentums, im Islam, im Judentum und, wie oben angedeutet, in anderen Kulturkreisen. Obwohl das damit bezeichnete Phänomen die gesamte Religionsgeschichte durchzieht, kam der Begriff des Fundamentalismus erst zu Anfang dieses Jahrhunderts im angelsächsischen Protestantismus der Vereinigten Staaten auf. In der Sache hat es Fundamentalismus seit dem Beginn der kulturellen Modernisierung als deren immanenten Gegenimpuls schon immer gegeben. Obwohl wir heute weit mehr von islamischen Fundamentalisten und jüdischem „Fundamentalismus der Siedler" hören, müssen wir gleich zu Beginn festzustellen: Fundamentalismus ist ein Kind des Christentums und zunächst als eine christliche Erscheinung zu begreifen.

1919 gründeten die protestantischen Christen eine weltweit tätige Organisation, die „World's Christian Fundamentals Association". Damit war die Bezeichnung „Fundamentalismus" für diese Art christlicher Glaubensüberzeugung geprägt und hat sich zunächst für sie im allgemeinen und im wissenschaftlichen Sprachgebrauch durchgesetzt. Dieser Begriff trat zunächst nur als Titel ihrer Schriftenreihe auf, wurde aber in den zwanziger Jahren von traditionalistischen Vertretern einer überkonfessionellen Bewegung aus Baptisten, Presbyterianern, Methodisten, Pfingstlern und anderen zur Selbstbezeichnung verwendet. Das Wort „fundamentalistisch" – das oft synonym mit „evangelikal" gebraucht wird – bezieht sich jedoch auf keine einzelne, spezifische, ausformulierte und zugleich anerkannte Theologie, sondern betont die religiösen Quellen: im Christentum soll nur die Bibel als Quelle des Glaubens gelten.

Fundamentalismus ist ein Kind der Moderne. Das Wort taucht in unserer Sprachgeschichte zum ersten Mal im Jahr 1910 in der oben genannten christlichen amerikanischen Schriftenreihe: „The Fundamentals: The Testimony to the Truth" auf. Darin wird zusammengefaßt, was seit etwa 1870 in nordamerikanischen Großstädten auf Bibel- und prophetischen Konferenzen diskutiert wurde. Es ging auf all diesen Konferenzen vor allem um die Bedrohung der guten alten christlichen Tradition durch „Industrialisierung", „Urbanisierung" und „Aufklärung". Aber wer war denn da vorwiegend bedroht? Das traditionelle Familienleben der Mittelklasse-Familien, das noch durch die Zweiteilung der Arbeitswelt in Frauendomäne und Männerbereich gekennzeichnet war. Hier galt – frei nach Schiller – einerseits „… und züchtig waltet drinnen die Hausfrau …" und andererseits „der Mann muß hinaus ins feindliche Leben"! Diese Einteilung kam ins Wanken, als die Industrie massenweise Arbeitskräfte brauchte und auch Frauen vom Arbeitsmarkt angezogen wurden. Die alte Familienmoral war bedroht.

Bedroht war auch das nahezu familienmäßig organisierte Kirchenleben. In den modernen Großstädten wurden Kirchengemeinden zunehmend neu organisiert: Finanzielle und regionale Strukturen ersetzten mehr und mehr Glaubensgefühl und intime Gemeinschaft. Da wo in früheren Zeiten Bibelkreise auf spontaner Nachbarschaftsebene genügten, bildete sich eine bürokratische Heilsverwaltung aus. Damit änderten sich auch liturgische Aspekte, Texte, Melodien, ja sogar die Sprache der Gemeinden. Die guten alten Choräle des 19. Jahrhunderts waren nicht mehr die einzige Form der Kirchenmusik. Bedroht war alles, was bisher so selbstverständlich Ausdruck von Kirchenleben schien. Darauf reagierten Pastoren und selbsternannte Propheten landauf, landab mit harscher Kritik an den modernen Zeiten.

Eine besondere Rolle spielte dabei die baptistische Tradition, in der die Glaubenstaufe gebräuchlich war. Ähnliche Erscheinungen gab es bei der amerikanischen Pfingstbewegung, die um die Wende zum 20. Jahrhundert das Christentum mit einem wortwörtlichen Enthusiasmus beleben wollte, indem sie das unmittelbare Wirken des Heiligen Geistes beschwor. Geistestaufe und Geistesgaben standen im Mittelpunkt pfingstlerischer Vorstellungen; es wurden Weissagungen, Zungenrede, Krankenheilung praktiziert. Man legte großen Wert auf die persönliche Bekehrung. Die Veranstaltungen wurden sehr expressiv durchgeführt: die Menschen weinten, zitterten, lachten, wirkten wie betrunken und schienen die Kontrolle über ihren Körper zu verloren zu haben.

Das Festhalten an der Irrtumsfreiheit der Bibel führte folgerichtig zu scharfer Kritik der weltlichen Wissenschaft, vorneweg der modernen Theologie, sofern sie ein historisch-kritisches Verständnis der Bibel vertrat. Nun kam es zur Ausbildung einer fundamentalistisch orientierten Wissenschaft an eigenen Universitäten, die mit dem „Kreationismus" gegen die Evolutionstheorie eine eigene Schöpfungslehre formulierte.

 

Fundamentalismus als Kritik der Moderne

Die fundamentalistischen Kritiker der Moderne sind, das überrascht zunächst, glühende Verehrer von Francis Bacon (1562 bis 1626), also in gewisser Weise selber Kinder der Moderne. Sie schätzen den Bacon'schen Satz: „Wissen ist Macht!" Hier zeigen sich bereits wesentliche Züge des christlichen Fundamentalismus. Er wird zu einem höchst rationalen System. Es herrscht nicht einfach die religiöse Willkür vor, wie es uns manchmal erscheinen mag, sondern er kleidet sich in ein höchst modernes System, das er philosophisch und technisch zu nutzen versteht. Die ökonomisch extrem effektive „Elektronische Kirche" in den USA ist z.B. fest in der Hand der Fundamentalisten und operiert weit über alle Kontinente hinweg. Der Fundamentalismus lebt in der modernen Welt und reagiert auf ihre Auswirkungen, indem das eigene fromme Denken und Leben sich dem entgegenstellt. Die eigenen Denk- und Lebensformen werden grundsätzlich nicht in Frage gestellt.

Wirren ganz anderer Art verstärkten in den USA den fundamentalistischen Widerstand gegen alles Moderne. Mit der gleichen Sprache, wie sie heute im reaktionären Lager benutzt wird, „fluten" Ende des 19. Jahrhunderts 17 Millionen Asylanten, meist „Wirtschaftsasylanten" in die USA. Die meisten dieser Menschen waren nicht protestantisch. Damit wurde die religiöse und kulturelle Landschaft der Vereinigten Staaten einschneidend verändert. Plötzlich prägte Vielfalt das Bild, wo bisher ein homogenes protestantisches gesellschaftliches Klima herrschte. Auf diesen neuen religiös-kulturellen Pluralismus reagierten die Fundamentalisten mit handfester Abwehr gegen die Flüchtlinge.

Die Städte waren die Zentren dieser enormen Immigration und wurden dadurch auch zu Zentren des „Fundamentalismus". In den großen Städten der USA wurden Bibel-Konferenzen und Prophetenversammlungen organisiert. Die ersten fanden seit 1875 in Niagara-on-the-Lake statt, bekannt geworden unter dem Namen „Niagara-Bible-Conference". Die erste internationale Prophetenversammlung fand 1878 in New York City statt. Daneben wurden seit 1908 Bibel-Institute gegründet. 1909 erschien die erste kommentierte Bibel, die „Scofield Reference Bible", ein Standardwerk des Fundamentalismus bis heute.

Fundamentalisten in den USA instrumentalisierten – wie auch heute – die Gewalt des Staates, um ihre Weltanschauung gegen die andere, gottlos-feindliche durchzusetzen. Ihre eigene Weltanschauung war dadurch gekennzeichnet, daß sie die alte, die richtige, bewährte, Gott wohlgefällige Politik garantierte. Mit Hilfe staatlicher Macht sollte die alte Ordnung wieder hergestellt werden.

 

Der „Affen-Prozess" in den USA und seine Folgen

Machen wir uns diese Seite des „Fundamentalismus" an der einen berühmt gewordenen Szene des Jahres 1925 klar, wie sie sogar in einem Film dargestellt wird. In Dayton, Tennessee, ist der Teufel los. Mehr als 5.000 Schaulustige, dazu Scharen von fliegenden Händlern und Reporter aus aller Welt haben das 1.800-Seelen-Nest im bibeltreuen Süden der USA in einen Rummelplatz verwandelt. Sie sind gekommen, um ein Gerichtsverfahren mitzuerleben, das als "monkey trial", als "Affen-Prozeß" in die amerikanische Justizgeschichte eingehen wird. Einen Monat zuvor, im Mai 1925, ist der 24-jährige Biologielehrer John Thomas Scopes verhaftet worden. Er hat seinen Schülern Charles Darwins Lehre von der Entstehung der Arten vermittelt, was im fundamentalistischen Tennessee seit Beginn des Jahres per Gesetz verboten ist.

Als am 10. Juli 1925 die Hauptverhandlung beginnt, spielt der Lehrer keine Rolle mehr. Im Rampenlicht des ersten live im Radio übertragenen Prozesses stehen die zwei berühmtesten Juristen der USA. Die Anklage vertritt der Ex-Außenminister und Präsidentschaftskandidat William Jennings Bryan, ein missionarischer Kämpfer gegen die "verderbliche" Lehre, daß der Mensch vom Affen abstamme. Sein Kontrahent ist Clarence Darrow, der berühmteste Bürgerrechtler und Strafverteidiger des Landes. Überall im völlig überfüllten Gerichtsgebäude hängen Spruchbänder mit der Aufschrift "Lies deine Bibel täglich!". Richter John T. Raulston macht keinen Hehl aus seiner bibeltreuen Gesinnung und unterstützt die Anklagevertretung nach Kräften. Jeden Verhandlungstag läßt er mit einem Gebet einleiten.

Trotzdem kann Raulston nicht verhindern, daß der gewiefte und eloquente Darrow im Duell die wissenschaftliche Lehre Darwins gegen den biblischen Glauben in überragender Weise verteidigt. Im abschließenden Kreuzverhör verstrickt er seinen Widersacher Bryan derart in Widersprüche, daß der Richter das Verhör am nächsten Tag kurzerhand abbricht und alle Aussagen Bryans aus dem Protokoll streicht. Am 21. Juli 1925 ziehen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. Nach neun Minuten steht ihr Spruch fest: „Schuldig!". Richter Raulston verurteilt den angeklagten Biologielehrer daraufhin zur Mindeststrafe von 100 Dollar. Im Januar 1927 wird zwar das Urteil gegen John Thomas Scopes vom Obersten Gerichtshof des Staates wegen eines Formfehlers aufgehoben. Aber weitere Versuche der Bürgerrechtsbewegung, das Anti-Evolutionsgesetz von Tennessee zu kippen, bleiben in Zukunft erfolglos. Eine Neuauflage dieser Diskussion erfuhren die USA zur Zeit des Präsidenten Ronald Reagan im Jahr 1985.

Im Jahre 1910 erscheint die erste Nummer der Schriftenreihe „The Fundamentals". Ihr Ziel ist es, Zeugnis abzulegen, „damit der Unglaube, der auf der Kanzel und der Kirchenbank die Kirche Christi gelähmt hat, überwunden wird und daraus eine weltweite Erweckung folgt".

Fünf grundlegende Glaubensprinzipien, die „Five Fundamentals", sollen den verwirrten Kindern der Moderne zur eigenen Identität verhelfen und ihnen im rigiden Entweder-Oder klare, einfache Entscheidungen ermöglichen. Sie werden zu den alleinigen Leitlinien des Glaubens und des Gemeindelebens: Wichtigster Punkt ist die Irrtumsfreiheit der Bibel, die als verbalinspiriertes Wort Gottes angesehen wird und wörtlich zu interpretieren ist. Wer das Buch hat, hat die Wahrheit. Bei den anderen vier Glaubensprinzipien handelt es sich um die jungfräuliche Geburt Jesu durch Maria, die eigene leibliche Wiederauferstehung in Konfrontation zu den Naturwissenschaften, das stellvertretende Sühneopfer Jesu und der Glaube an die physische Wiederkehr Christi „zu richten die Lebendigen und die Toten". Die Verfolgung dieser fundamentalen Prinzipien verstärkte die offizielle Loslösung von den traditionellen lutherischen Kirchen, aber auch den alten Freikirchen.

 

Erwartungen gemäß der „Offenbarung des Johannes"

Dennoch haben die Fundamentalisten bei ihrem buchstäblichen Gebrauch der Bibel – und da erging es ihnen wie allen dogmatischen Bewegungen in der Geschichte – zwei sehr unterschiedliche Erwartungshaltungen entwickelt. Beide sind ausgerichtet auf das in der Offenbarung des Johannes prophezeite Tausendjährige Reich. Die Frage, in der sie sich unterscheiden, ist die, ob nun Christus vor dem Millennium wiederkommt oder nachher. Es geht ja um einen endgültigen Neubeginn in der Geschichte, den sie in verzückter Erregung erwarten, mit dem Christus sie herausretten wird aus der vergehenden Welt und der den recht Gläubigen die absolute Gewißheit gibt, am Ende auf der richtigen Seite zu stehen.

Nur: Welcher Fahrplan hin zum Weltende soll gelten? Premilleniaristen sagen: Christus muß vor dem Millennium wiederkehren. Seine Wiederkehr wird von Katastrophen vorbereitet, einschließlich der Herrschaft des Antichrist. Danach wird Christus plötzlich kommen, um alles zu beenden. Postmilleniaristen sagen: Christus kommt nach dem Tausendjährigen Reich. Und wir haben die Chance, durch soziales Engagement vorher die Trübungen der Welt zu lindern und sein Kommen zu beschleunigen.

Beide Ausprägungen haben als endzeitlich geprägte Denkweisen ein besonderes politisches Interesse. Und das ist nun bei den Premilleniaristen höchst brisant. Jedes politische Problem kann bei ihnen interpretiert werden als ein Zeichen der biblisch beschriebenen Katastrophen. Insofern ist in diesem System nichts wirklich erschreckend. Jedes Weltuntergangsszenario, alles gehört zum Plan, selbst die größten Grausamkeiten, selbst ein atomarer Weltkrieg, wie auch Hungersnot und Seuche, gehören zu ihrem Weltbild und dienen ihrer Selbstvergewisserung: „Seht nur, wir wußten es schon, daß das alles kommen muß!"

 

Fundamentalismus als Waffe gegen Kommunismus und Humanismus

In diesem Schema spielt der Kommunismus als die Verkörperung des Antichrist eine besondere Rolle. Vor allem der premilleniaristische „Fundamentalismus" ist zutiefst vom unüberbrückbaren Gegensatz zu jeder Form des Kommunismus beherrscht. Diesen zu bekämpfen, ist Auftrag jedes Christen. Der hinter dem säkularen Humanismus stehende Feind ist der „Satan" höchst persönlich.

Außerdem zählen die Fundamentalisten folgende verwerfliche Konsequenzen des Humanismus auf:

  • Frauenemanzipation
  • Verbot der Körperstrafe in den Schulen
  • Steuerrechtliche Durchleuchtung des Finanzgebarens von Religionsgemeinschaften
  • Bürgerrechte für Schwule
  • Humanistische Werte in den Schulen
  • Regierungsmitsprache in christlichen Schulen
  • Zerstörung der Familie durch die Freigabe der Abtreibung

Der nächste, noch wirksamere Entwicklungsschub für den Fundamentalismus waren Verlauf und Ausgang des Vietnam-Kriegs. In den Augen der nationalistischen gesinnten protestantischen Fundamentalisten war das Land Amerika – god's own country – zu recht in militärischer Konfrontation mit dem nicht-weißen, kommunistischen Land Vietnam. Der Ausgang dieses Krieges mit der Kapitulation Saigons am 30. April 1975 bedeutete für sie die unfaßbare Niederlage des weißen christlichen Amerika, das von einer kommunistischen Dritte-Welt-Macht geschlagen war: Kein überzeugenderer Beweis für die Entartung der eigenen einstigen Erlösernation konnte angeführt werden, als die Niederlage gegenüber asiatischen Völkern in einem primitiven Land.

Diese Entwicklung hatte nun zweierlei Folgen für den Fundamentalismus in den USA: Sie wurde verstanden als Bestärkung und Bestätigung der eigenen Ansicht, daß das Jüngste Gericht unmittelbar bevorstand. Und sie wurde begriffen als Auftrag an die Fundamentalisten, das alte, christliche, protestantische Amerika aktuell vor dem Untergang zu retten. Diese fundamentalistischen Motive wurden nun national verstärkt durch die im Jahr 1976 überall aufwendig gefeierte zweihundertste Wiederkehr der Gründung der Vereinigten Staaten. Am Ende dieses Jahres standen die Präsidentschaftswahlen, die nach der Kennedy-Johnson-Nixon-Ford-Ära, in ihren Augen eine allzu politisch liberale Phase, nun einen Südstaatler, einen evangelikalen Wanderprediger ins Weiße Haus brachten: Jimmy Carter. Er wurde von vielen Fundamentalisten, die sich selbst als Moral Majority verstanden, gewählt und begrüßt. Seine Antrittsrede am 20.1.1977 mit dem berühmt gewordenen Bibelzitat aus dem Prophetenbuch Micha 6,8: „Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist, und was der Herr von dir fordert, nichts als Recht üben und die Güte lieben und demütig wandeln vor deinem Gott", sollte darauf hindeuten, daß nun Amerika zu den guten alten protestantischen Werten zurückkehren werde. Die heutige „Tea-Party" folgt auf diesen Spuren und wird sich im kommenden Wahlkampf um die Präsidentschaft in den USA heftig zurückmelden.

 

Fundamentalismus in anderen Religionen

So weit eine kurze Skizze über den Ursprung des christlichen Fundamentalismus in den USA. Betrachten wir dieses Phänomen in anderen Religionen und Weltregionen, so werden wir überall ähnliche Strukturen wieder erkennen. Alle fundamentalistischen Bewegungen gewinnen ihre Dynamik aus modernitäts-kritischen Impulsen. Sie setzen jeweilige eigene Werte absolut gegen den moralischen und geistigen Relativismus ihrer Zeit. Aufklärung und historische Wissenschaft ist für Sie glaubensloser Irrtum. Kennzeichnend sind patriarchalische Strukturen in den Geschlechterbeziehungen. Nicht der Mensch, sondern der Mann ist die Krone der Schöpfung. Entscheidend für das Individuum, das zu diesen Gruppen dazugehören will, sind die persönliche Bekehrung, die Befreiung von allen Sünden und die Belohnung mit dem Eingang ins Paradies. Als die Gerechten werden sie vor Gott am Ende der Tage bestehen. Daraus entwickelt ein elitäres Wir-Gefühl. Dies hat für die Mitglieder in fundamentalistischen Bewegungen lebensentlastende Bedeutung. Der Fundamentalist weiß, er gehört zu den Erwählten Gottes. Er weiß, wohin er in seiner eigenen Lebensgeschichte gehört. Hieraus entspringt seine Kraft zur Selbstermächtigung, die in einschlägigen Texten wie folgt beschrieben wird: „In dem Moment, in dem der Mensch seine vollständige Macht annimmt und zu 100 Prozent auf allen Ebenen ja sagt, braucht er sich um seine Blockaden, Ängste und Zweifel kaum noch Gedanken zu machen. Nimmt dieser Mensch seine volle Macht an, gibt es nichts mehr, was ihn zurückhält. Er geht dann trotz Zweifeln und Ängsten seinen Weg in aller Konsequenz. Er kann gar nicht anders als erfolgreich sein. Erst im Moment der Selbstermächtigung kann ein Mensch seiner Bestimmung folgen."

 

Karl-Helmut Lechner

Link zum Originalartikel bei Freigeist Weimar

 




Humanismus verteidigt


religionphaseDer Humanismus als Fortsetzung des Marxismus-Leninismus? Mit solchen Anwürfen muss man sich auseinandersetzen, wo sich gewisse Christen ungebremst ausleben. Ein Besuch in der Realität, kopiert von Freigeist Weimar (der Spruch ist von Bill Flavell):
 

Baab: Philosophie gefunden, aber nicht unbedingt Humanismus

WEIMAR. (fgw) Die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Erfurt hat am 3. Juli 2015 ihren Erich-Kleineidam-Preis an Dr. theol. Florian Baab überreicht. Baab erhielt den Preis für seine Dissertation "Was ist Humanismus? Geschichte des Begriffes, Gegenkonzepte, säkulare Humanismen heute". Im Rahmen dieser Veranstaltung gab es auch eine von Baabs „Doktorvater“ Prof. Dr. theol. Eberhard Tiefensee moderierte Podiumsdiskussion mit dem Preisträger sowie Dr. theol. Andreas Fincke (Evangelische Erwachsenenbildung Thüringen / Hochschulpfarramt Erfurt) und Dr. phil. habil. Horst Groschopp (Kulturwissenschaftler / Humanistischer Verband Deutschlands – HVD – / Humanistische Akademien Deutschland und Berlin-Brandenburg).

 

Die Herren Tiefensee, Fincke, Baab und Groschopp (v.l.) auf dem Podium. (Foto: SRK)

Horst Groschopp wollte aber nicht der einzige Humanist unter lauter Theologen und deren Familienanhang sein und so hatte er seinerseits je zwei Mitglieder des HVD und der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) mitgebracht. Allerdings wähnten sich die Fakultätsvertreter nur unter ihresgleichen und nahmen daher in ihren Ausführungen „kein Blatt vor den Mund". Und gerade das war für die „Außenstehenden" von besonderem Interesse.

Zur Laudatio Tiefensees und dem Vortrag Baabs – darin ging es um dessen bereits als Buch veröffentlichte Dissertation – soll hier nichts weiter ausgeführt werden. Dazu hat Groschopp bereits in seiner diesbezüglichen Rezension ausführlich Stellung genommen.

Was während des ganzen Abends bei den drei agierenden Theologen besonders auffiel, das waren deren immer wieder vorgetragene harsche Angriffe gegen die gbs. Und auch, daß stets nur von „Konfessionslosen" die Rede war. Konfessionslos als menschlicher Makel. Dabei wäre doch „Konfessionsfreie" oder besser noch „Religionsfreie" der korrektere und vor allem konkretere Begriff.

 

Auf dem Podium

In der Podiumsdiskussion selbst ging es um drei Fragestellungen:

  1. Was ist "Humanismus" – eine Weltanschauung, eine Konfession oder anderes?
  2. Gibt es so etwas wie eine "atheistische" Spiritualität?
  3. Welchen Herausforderungen müssen sich Humanisten und Christen gemeinsam stellen und in welcher Weise?

Sehr deutlich wurden die beiden Katholiken und der eine Lutheraner hier, wenn es um den Humanismus (der als solcher von Tiefensee sogar bezweifelt wurde) ging: Ostdeutschland ist Missionsgebiet und deshalb ginge es darum, die Menschen „wiederzugewinnen, die sich von der Kirche entfernt haben". Welch ein Wunschdenken, das mit der Lebenswirklichkeit der hier lebenden Menschen nur wenig zu tun hat. Wobei der Lutheraner Fincke geschickter argumentierte als seine katholischen Amtsbrüder, wenn er hier für eine Umarmungsstrategie plädierte und sich sogar zu der Aussage verstieg, daß „selbst Atheisten keine Probleme mit den christlichen zehn Geboten hätten, vielleicht abgesehen vom ersten". Nein, Herr Fincke, noch größer sind die Probleme mit dem zehnten Gebot, das die Sklaverei für gottgegeben hält, das Frauen und Sklaven auf eine Stufe mit dem Nutzvieh stellt… Einig waren sich die Theologen in ihrer Hoffnung, daß der HVD so bleiben möge, wie er sich jetzt zeige: also handzahm und ungefährlich und deshalb vor allem auf jede Kirchen- und Religionskritik verzichten möge. Um so mehr wurden die gbs-ler des „Krawall-Atheismus" geziehen…

Groschopp ließ sich im Spiel „drei gegen einen" nicht in die Enge treiben – auch dann nicht, wenn insbesondere Tiefensee rundweg in allen Menschen Religiosität (sprich christliche) sehen will. Hier reagierte und argumentierte der Kulturwissenschaftler als solcher: sachlich wissenschaftlich, aber durchaus mit Humor, Ironie und Augenzwinkern. Er wies u..a. darauf hin, daß viele angeblich „christliche Werte" sehr viel älteren und anderen Ursprungs seien. Sogar was den Begriff „Seelsorge" angeht. Und was die inkrimierte Kirchenkritik betreffe, so würden Humanisten nicht den Glauben oder den einzelnen Gläubigen kritisieren oder gar angreifen. Nein, humanistischer Kritik gehe es um die Kritik des politisch-institutionellen Geflechts, das den Postulaten von Weimarer Reichsverfassung und Grundgesetz widerspreche.

 

Humanistisches Statement

Man konnte Groschopp nicht vorführen, denn er nutzte sein Recht, als erster auf dem Podium das Wort ergreifen zu dürfen. So ließ er sich nicht auf Sophistereien ein, sondern erklärte zu Baab und zu Tiefensees Fragen grundsätzliches. Daher soll sein „Statement" – und die darin zum Ausdruck kommende humanistische Weltanschauung, die nicht unbedingt an den HVD als Verband gebunden ist – hier wiedergegeben werden:

>> Ich möchte mit einem Bezug auf Florian Baab beginnen. Er hat etwas anderes abgeliefert, als sein Doktorvater im Vorwort ausführt und das wohl seine Intention war, ein solches Thema zu vergeben: Der Marxismus-Leninismus „setzt … offensichtlich einen Teil seiner DDR-Geschichte unter dem werbewirksamen Markenzeichen ‘Humanismus' fort." (S. 5) Davon ist im Buch nicht viel zu erkennen, weil der Autor sich in die geistigen Realien eingearbeitet hat.

Herr Baab stand vor einem Berg, denn wer kann schon, dazu als junger Doktorand, ein so umfassendes Thema „Was ist Humanismus?" bewältigen. Er hat sich geschickt aus der Affäre gezogen. Er fragte nach philosophischen [!] Positionen im Schrifttum des in Deutschland besonders im HVD und der gbs organisierten Humanismus. Dabei hat er einige Protagonisten schön analysiert: Frieder Otto Wolf, Joachim Kahl und Michael Schmidt-Salomon.

Und weil Baab stringent analysiert, kommt er zu dem Schluss, ich spitze zu: Er hat Philosophie gefunden, nicht unbedingt Humanismus. Ich würde hinzufügen, er konnte auch den Begriff Humanität nicht finden, ohne den Humanismus aber nicht definierbar ist. Aber er stieß auf Gita Neumanns alte Kritik aus den frühen 1990ern am „säkularen Humanismus", dem sie berechtigt Kälte unterstellt.

Das Konzept des „säkularen Humanismus" ist aber, das wurde mir selbst erst im Frühjahr 2014 klarer, eine Zwischenstation gewesen auf dem Weg der Hinwendung derjenigen Freidenker zum Humanismus, die dann im Januar 1993 den HVD gründeten. Viele sind da gedanklich stehen geblieben, weil dieser Humanismus nun ergänzt wird durch einen philosophischen Naturalismus. Im Kern hält dieses Konzept Religions- und Kirchenkritik für wichtiger als praktischen Humanismus, wie er sich etwa in den Konzeptionen in Holland und Belgien findet, dort sogar universitär als „Humanistik" gelehrt wird.

Oft verengt sich gerade in philosophischen Diskursen über Humanismus der Blick und erhebt sich förmlich über Humanität. Dabei haben die Wörter Humanismus und Humanität in humanitas einen einheitlichen lateinischen Wortursprung, der die enge Bindung beider Ausprägungen von Beginn an in sich trägt, auch wenn es in der Geschichte des Humanismus zu konzeptionellen Ablösungen von der Humanität kam, etwa durch Vereinseitigungen von Bildung oder zeitliche Beschränkung auf die Antike.

Wenn es um Humanisierungen geht, um Aneignungen des Humanismus, bedarf es, zugespitzt gesagt, gar nicht der Säkularisierungstheorie. Denn was am Humanismus ist „säkularisiert"?

Wichtig ist erstens, dass humanitas gerade keine philosophische Kategorie war und wohl auch nicht ist. Ich zitiere den Altphilologen Friedmar Kühnert: Humanitas wurde verwendet „im Sinne von ‘verzeihender Liebe' (clementia), ‘Barmherzigkeit' (misericordia)". Das Wort erscheint um 80 v.u.Z. in der Schrift „Rhetorica ad Herennium" eines unbekannten Autors.

Zweitens. Wenn also Humanismus und Humanität sich von humanitas herleiten, dann heißt das (jetzt zitiere ich den Religionswissenschaftler und Humanismushistoriker Hubert Cancik): „die Menschheit (das Menschengeschlecht: genus humanum), Entrohung (e-ruditio, Bildung) und Barmherzigkeit. Das gute deutsche Wort ‘Barmherzigkeit' ist ebenfalls ein Lehnwort, nämlich die genaue Übersetzung von miseri-cordia").

Barmherzigkeit ist also der Leitbegriff jeder praktischen Humanität. Logisch, dass solches Herangehen auch „Spiritualität", etwa bei der humanitären Sorge um Kranke, besonders bei der Sterbebegleitung, anders denken lässt als die traditionelle Freidenkerei oder die philosophische Erkenntnistheorie, wo es vorrangig um Vernunft und Rationalität geht, weniger um Anteilnahme, Milde, Mitgefühl, Nachsicht oder Wohltätigkeit.

Hubert Cancik, Frieder Otto Wolf und ich sind Herausgeber eines im nächsten Jahr bei de Gruyter erscheinenden Handbuches mit dem Titel „Humanismus: Grundbegriffe". Das Konzept, auf das wir uns verständigt haben, lautet im ersten Satz:

„‘Humanismus' ist eine kulturelle Bewegung, ein Bildungsprogramm, eine Epoche (Renaissance), eine Tradition („klassisches Erbe"), eine Weltanschauung, eine Form von praktischer Philosophie, eine politische Grundhaltung, welche für die Durchsetzung der Menschenrechte eintritt, und ein Konzept von Barmherzigkeit, das humanitärer Praxis zugrundeliegt."

Humanismus als „Konfession" bewegt sich auf einer ganz anderen Ebene der Debatte. Dabei geht es um die strategische Orientierung des HVD, der eben – faktisch, nicht im Bewusstsein der meisten Funktionäre – keine freidenkerische Organisation mehr ist, die den Laizismus verficht, also für „säkularen Humanismus" kämpft, sondern eine positive Weltanschauungsgemeinschaft nach dem Grundgesetz, den Religionsgesellschaften gleichgestellt, also – deshalb meine Zuspitzung – letztlich konfessionell handelt wie die Kirchen.

Dass der HVD mit dem Konfessionsbegriff keinen Blumentopf im „Volksatheismus" gewinnen kann, ist auch mir klar. Aber es geht darum, zu begreifen, wer man faktisch ist und was daraus folgt, dass man nicht Religionsunterricht ablehnen und gleichzeitig Lebenskunde anbieten kann als Weltanschauungsunterricht, nicht als Ethik allgemein.<<

All dies war den meisten christlichen Zuhörern eigentlich unbekannt; um so größer war dann deren Aufmerksamkeit und lebhafter Beifall für den Humanisten Horst Groschopp.

Siegfried R. Krebs

Link zum Originalartikel bei Freigeist Weimar