Hingerichtet (2)


Es hat wahrscheinlich niemals in der Geschichte der Menschheit eine Zeit gegeben, in der nicht Menschen Menschen Böses antaten. Im Überlebenskampf der Spezies Mensch muss Verbrechen eine der möglichen Strategien sein, die zum Erfolg führt, sonst gäbe es keine Verbrechen. Keine Zivilisation, keine Kultur und auch keine Religion haben jemals etwas daran ändern können: Verbrechen gab es schon immer und vermutlich wird es immer Verbrechen geben. Gewandelt hat sich die Art und Weise, wie die Gesellschaft auf Verbrechen reagiert.

Ein großer Unterschied zu früher liegt bereits in der heutigen medialen Konfrontation mit dem Verbrechen, die es damals noch nicht in diesem Umfang gab. Grosse Untaten wie die des Massenmörders Hamann wurden auch ehemals schon breit in der Presse ausgewalzt, damit dem Publikum ein heiliger Schauer über den Rücken fuhr. Heute jedoch, im Zeitalter der schnelllebigen Informationsverkaufs tickert es sofort um die ganze Welt, wenn irgendetwas irgendwo passiert und sei es die geringste Nebensächlichkeit.  Pardon, wenn ich es so ausdrücke: selbst wenn ein Waschbär in Kassel furzt und dann ein Eichhörnchen gekillt wird, oder wenn es noch so unsinnige und unwichtige Nachrichten sind. Es wird über alles berichtet und auch mächtig übertrieben.

Wenn dann wirklich furchtbare und grausame Verbrechen geschehen, dann wird dies wochenlang in den Weltmedien aufgebauscht, dass es einen graust.

Wir verfügen heute über ein Informationsspektrum, wie wir es noch nie in unserer Geschichte hatten.

Doch zurück zur Reaktion der Gesellschaft auf kapitale Verbrechen. Was sind das für Menschen, die in den Todestrakten z. B. der USA sitzen? Es stimmt, die meisten haben gemordet oder waren an einem Mord beteiligt. Manche von ihnen haben mehrere Menschen auf dem Gewissen. Man muss auch erwähnen, dass manche Verbrechen so grausam sind, dass man sich zu Recht fragt: Wie soll man so einen Schwerverbrecher überhaupt in der menschlichen Gemeinschaft belassen? Falls so ein Unhold wieder frei kommt, besteht da nicht Rückfall- und Wiederholungsgefahr? Wie kann sich die Gesellschaft am besten nachhaltig vor solchen Unmenschen schützen, ohne selbst unmenschlich zu werden? Ist es inhuman, ihnen das Leben zu nehmen?

Was soll man tun?

Es ist zweifellos ein großer Fortschritt für den  Humanismus, dass die Körperstrafen wie Folter und Züchtigung abgeschafft wurden. An vorderster Front kämpften die Humanisten für Menschlichkeit. Nicht aber die Kirche. Sie stellt lieber die Gefängnispfarrer, die sich um das „Seelenheil“ des Delinquenten kümmern, wenn es zum Galgen geht. Dies zeigt, dass sich Kirche nie vollständig vom Mittelalter gelöst hat.

Einer der wichtigsten Gründe für die Abschaffung der Todesstrafe war nicht nur die mögliche Grausamkeit der Strafe als solche, sondern auch, um die Folgen von Fehlurteilen zu vermeiden.

Es muss erwähnt werden, dass es immer wieder zur Hinrichtung von Unschuldigen kam. Auch nutz(t)en skrupellose Machthaber die Todesstrafe dazu, um unliebsame Gegner auszuschalten. Die Todesstrafe ist also auch ein furchtbares Machtinstrument und Druckmittel, um Angst und Schrecken in der Bevölkerung zu verbreiten. Beispiele gab es in der Vergangenheit und es gibt sie auch heute noch immer wieder.

Es kommt häufig zu leidenschaftlichen Diskussionen und Auseinandersetzungen um dieses Thema, dass immer wieder aufflammt und kein Ende findet, solange es die Todesstrafe auf der Welt gibt.

Andererseits muss man auch die Seite des Opfers und seiner Hinterbliebenen betrachten, die auch ein Recht auf Sühne haben. Wie furchtbar ist es z. B. für eine Mutter oder einen Vater, wenn sie entweder eines ihrer Kinder oder ihr einziges Kind verlieren. Der Schmerz ist unerträglich, nicht auszuhalten.

Da war doch dieser spektakuläre Fall der Marianne Bachmeier, dessen kleine achtjährige Tochter ermordet wurde. Der Mörder berichtete grinsend, wohlgemerkt grinsend, dem Richter den Tathergang und lachte dabei auch noch. Dass der Mutter und einigen im Gerichtssaal die Galle überlief, das war sehr wohl verständlich. Das Ende der Geschichte kennen wir alle. Die Mutter erschoss diesen Kerl. Sie genoss große Sympathien in der Bevölkerung. Sie hat es aber niemals verwunden. Frau Bachmeier wurde nach ein paar Jahren vom damaligen Bundespräsidenten von Weizsäcker begnadigt und verließ Deutschland. Nach einiger Zeit erkrankte sie an Krebs und starb daran.

Wenn ich mir unsere Rechtsprechung anschaue, dann muss ich leider auch des Öfteren kotzen. Sorry für diesen Ausdruck. Aber leider ist es so. Man gewinnt den Eindruck, dass weder Gesetzgeber noch Richter in der Lage sind, Gerechtigkeit herbeizuführen. Wenn ein Dieb härter bestraft wird als ein Totschläger oder Vergewaltiger, dann frage ich mich: Habt ihr Richter noch alle Tassen im Schrank?

Oder eine durchgeknallte Sozialpädagogin oder Psycho-Tante macht gemeinsame Sache mit einem gefährlichen Mehrfach-Killer. Noch dazu steht in der Zeitung dann die groß aufgemachte Story, dass sich diese Knall-Charge in den Killermops verliebt hat, weil er so schöne Kuschelaugen hatte und eine soooo schwere Kindheit durchlitt. So frei nach dem Motto: Der Hamster war aufsässig und die Katze war hochschwanger im Sozius Motorrad gefahren. So witzig wie das klingt, ich möchte da nur aufzeigen, dass diese Brüder um keine noch so blöde Ausrede verlegen sind, und diese Psycho-Knaller glauben diesen Leuten jeden Mist.

Außerdem frage ich mich. Was zieht Frauen an solchen Typen an? Ist es der Effekt: Die „Schöne“ und das wilde Biest? Ich weiß es nicht. Bleibt mir ein Rätsel und im Grunde genommen auch egal.

Ich sage mir nur: Gleich und Gleich gesellt sich gern.

Nachtrag:

Die Todesstrafe wurde in der BRD am 20. Januar 1951 abgeschafft und in der ehemaligen DDR am 17. Juli 1987.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 




Karlsruhe läßt hoffen, so titelt die aktuelle DGHS-Zeitschrift


dghsWEIMAR. (fgw) Wiederum pünktlich zum Quartalsbeginn liegt auch diese aktuelle Ausgabe der DGHS-Vierteljahreszeitschrift „Humanes Leben – Humanes Sterben“ (HLS) vor. Die DGHS – das heißt ausgeschrieben Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben e.V. – versteht sich als Menschenrechts- und Patientenschutz-Organisation sowie als Bürgerrechtsbewegung. Schwerpunktmäßig geht es in Heft-Ausgabe 2019-3 um die Anhörungen zu § 217 StGB beim Bundesverfassungsgericht.

 

 

Insgesamt kann sogar eingeschätzt werden, daß Rechtliches dieses Heft dominiert, beginnend mit dem Editorial des DGHS-Präsidenten Prof. Dr. Dr. Dieter Birnbacher. Er schreibt darin u.a.:

 

„…gegenwärtig beschäftigt das Thema Organspende erneut die Politik. Ärzteverbände fordern seit längerem den Wechsel zu einer Widerspruchslösung, nach der eine Nicht-Erklärung als Zustimmung zur Organspende gilt. (…) Eine Frage, die viele unserer Mitglieder beschäftigt, ist, wie weit die Vorsorge für das Lebensende mithilfe einer Patientenverfügung mit einer Organspende vereinbar ist: Kann man in seiner Patientenverfügung eine Intensivbehandlung am Lebensende ausschließen und sich zugleich als Organspender erklären? Vielen Menschen ist nicht klar, dass sie nicht beides zugleich haben können. (…) Allerdings würde dem Selbstbestimmungsrecht noch besser entsprochen, wenn der Patient selbst die Entscheidung darüber trifft, was im Konfliktfall Vorrang haben soll und dies bereits in der Patientenverfügung festlegt. Eine solche Wahlmöglichkeit sieht die Patientenverfügung der DGHS vor." (S. 3)

 

Das Editorial leitet damit direkt über zum Artikel der DGHS-Geschäftsführerin Claudia Wiedenmann, in dem sie die überarbeitete Patientenschutz- und Vorsorgemappe des Vereins detaillierter vorstellt:

 

„Neu ist auch, dass viele Formulare Wahlmöglichkeiten zwischen „Ja" und „Nein" beim Ankreuzen anbieten. Das bietet den Vorteil, dass man nicht quasi automatisch einfach seine Kreuzchen macht, sondern sich jedes Mal neu überlegen muss, ob „Ja" oder „Nein", was wiederum eine größere Auseinandersetzung mit den Formularen belegt (die von vielen Experten gefordert wird). Im Bereich der Vorsorgevollmachten gibt es nur noch zwei Formulare: die Vorsorgevollmacht zur Gesundheitsfürsorge und eine Generalvollmacht, die neben dem gesundheitlichen Bereich auch den vermögensrechtlichen und den der persönlichen Angelegenheiten umfasst." (S. 4)

 

Muß man deshalb jetzt also unbedingt neue Formulare ausfüllen? Das verneint die Geschäftsführerin:

 

„Wer also nach 2011 Formulare angefordert und ausgefüllt hatte, braucht jetzt nicht tätig zu werden. Alle diejenigen aber, die noch ältere Patientenverfügungen besitzen, sollten sich eine Erneuerung ihrer Formulare dringend überlegen. Grundsätzlich gilt: Eine Patientenverfügung verliert als einseitige Willenserklärung nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch niemals ihre Gültigkeit, es sei denn, sie wird widerrufen oder vernichtet." (S. 4)

 

Auf den Seiten 6 bis 9 berichten DGHS-Pressesprecherin Wega Wetzel und Vizepräsident Rechtsanwalt Prof. Robert Roßbruch unter der Überschrift „Karlsruhe läßt hoffen" über ihre Beobachtungen bzw. Ausführungen bei der Anhörung vor dem Bundesverfassungsgericht. Aus Roßbruchs Sicht ergeben sich aus den beiden Verhandlungstagen drei reale Optionen. Der DGHS-Vizepräsident übt sich an der Stelle in Optimusmus, wenn er hofft:

 

„Es bleibt daher nur die Option, § 217 StGB für verfassungswidrig und damit für ungültig zu erklären. Dies kann entweder ohne Auflagen erfolgen oder aber das Bundesverfassungsgericht gibt dem Gesetzgeber auf, bis zu einer bestimmten Frist eine andere gesetzliche Regelung des assistierten Suizids zu verabschieden. Für die letzte Variante spricht der Umstand, dass das BVerfG immer wieder die Vertreter des Gesetzgebers befragt hat, warum diese keine andere rechtliche Regelung außerhalb des Strafrechts in Erwägung gezogen haben." (S. 9)

 

Es bleibt zu hoffen, daß Roßbruchs Hoffnung keine trügerische ist. Denn man sollte sich in Bezug auf Entscheidungen dieses (sehr kirchenloyalen) Gerichts keinen Illusionen hingeben!

 

Zum Titelthema muß auch die Würdigung des nur wenige Tage vor der Karlsruher Verhandlung aus dem Leben geschiedenen Arztes und Sterbehelfers Uwe-Christian Arnold gerechnet werden: Zum durch Roßbruchs Vortrag vor dem Gericht, zum anderen durch einen Nachruf aus der Feder von Dr. Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) aus den Seiten 10 und 11.

 

Rechtlich geht es weiter mit den Beiträgen von Manuela Hauptmann („Mit den Enkeln in den Urlaub", S. 12 – 13) und Rechtsanwalt Dr. Oliver Kautz „Immobilienbesitz und Pflegekosten", S. 14 – 15). Letzterer geht der Frage nach, ob zur Deckung von Pflegekosten vorhandene Immobilien des zu Pflegenden veräußert oder belastet werden können, wenn nur eine privatschriftliche Vorsorgevollmacht vorliegt.

 

Robert Roßbruch meldet sich auf den Seiten 31 und 32 nochmals zu Wort mit seiner Entscheidungsanalyse zu einem Urteil des Bundesgerichtshofes („Zur Haftung wegen Lebenserhaltung durch künstliche Ernährung"):

 

„Am 2.4.2019 hat der Sechste Zivilsenat des Bundesgerichtshofs ein grundlegendes, jedoch stark umstrittenes Urteil zu der Rechtsfrage gefällt, ob sich aufgrund eines durch lebenserhaltende Maßnahmen ermöglichtes Weiterleben eines Patienten ein Anspruch auf Zahlung von Schmerzensgeld herleiten lässt. (…)

 

 

Obwohl die Entscheidung des Bundesgerichthofs im Hinblick auf die Thematik Patientenverfügung zu Irritationen führen kann, ergibt sich jedoch für den genauen Leser, dass letztlich nur eine Patientenverfügung vor übergriffigen und damit rechtswidrigen Behandlungsmaßnahmen eines/einer überforderten, paternalistischen oder allzu selbstherrlich handelnden Arztes/Ärztin schützt. Denn auch der Sechste Senat des Bundesgerichtshofs kommt zu der Feststellung, dass bei einem Verstoß gegen den Patientenwillen eine Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts infrage kommt."

 

Nicht fehlen dürfen in jeder HLS-Ausgabe die ständigen Rubriken, wie „Leserbriefe", „Blick in die Medien" bzw. Blick über die Grenzen (mit Nachrichten aus China, Frankreich, Österreich, der Schweiz und den USA). Besonders informativ ist jedesmal die Rubrik „Aus dem Vereinsleben". Hier wird heuer über Veranstaltungen in den Regionen Berlin, Bremen, Gießen, Lüneburg, Nürnberg und Potsdam berichtet. Und nicht zuletzt gibt es die Rubrik „Für Sie gelesen" mit drei Rezensionen aus der Feder von Siegfried R. Krebs und Renate Lürssen.

 

Unbedingt gelesen werden sollte die dritte Umschlagseite dieses Heftes, auf der Oliver Kirpal auf die ab dem15. Juli freigeschaltete neue (und benutzerfreundlichere) Webseite der DGHS hinweist.

 

 

Mehr Informationen zur DGHS und ihrer Zeitschrift sind auf deren Webseite zu finden.

 

Siegfried R. Krebs

 

Entnommen bei http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/karlsruhe-laesst-hoffen-so-titelt-die-dghs-zeitschrift/

 
30.06.2019

Von: Siegfried R. Krebs




Was humanistisch ist


Was humanistisch ist, ist weltlich, ergreifbar, und faktenbezogener Humanismus ist die Antwort auf der langen Suche nach einer Begründung der Moral und des menschlichen Handelns.

Es ist eine Antwort auf die von den Menschen gestellten Fragen, von dem Menschen, dem denkenden Tier dieses Planeten.

Er ist grundlegend existenziell und gleichzeitig diesseitig. Säkularer Humanismus ist die praktische Umsetzung all der Werte der grenzüberschreitenden humanistischen Aufklärung.

Er ist evolutionär und zugleich revolutionär. Humanismus ist also der Ausgang des Menschen aus seinem selbstverursachten und selbstverschuldeten Nicht-Denken.

Er ist zugleich ein gerechtes Nein zu der aus seit Jahrhunderten bestehenden Irrationalität und dem (Aber)Glauben. Säkularer Humanismus ist den alten Hirten der Religionen und der massenpopulistischen Politik ein neues Gespenst, das  diesmal nicht nur über dem europäischen Kontinent, sondern über den gesamten Globus fliegt und die von den Irrationalitäten besessenen Menschen nicht nur erschreckt, sondern ihnen durch das wahre Erschrecken ihre Augen öffnet und aus dem tausendjährigen religiösen, inhumanen und wie Pest seelenfressenden Wahnschlaf aufweckt.

Säkularer Humanismus ist dem postmodernen Menschen der Schlüssel zu seinen Freiheiten. Der Schlüssel zur Bekämpfung all der neuartigen, aber auch seit unweiten Ewigkeiten schon vorhandenen Gesellschaft-zerstörenden und menschenrechtsverletzenden Gedanken der an ihrem Profitdenkenden, der Unfreien.

Der säkulare Humanismus ist das Gegenmittel jeglicher islamischen Fatwa. Er ist das Anti-Blasphemie-Gesetz an sich.

Der Inbegriff der Umwertung aller scheinheiligen Werte in einem Begriff wie eine Salbe gegen die von den Irrationalitäten, Engstirnigkeit, Dogmen, Aberglauben, Diktatoren und im Allgemeinen den Menschenrechtsverletzungen den Menschen zugefügten Leiden.

Er ist des Menschen Selbstverwirklichung als ein Individuum in der Kollektivität seiner Mitmenschen zugrundeliegend und der kollektiven Einheit einer Gesellschaft, bestehend aus endlich vielen Individuen, dem Pluralismus verbunden und der Demokratie treubleibend.

Der Humanismus sei als ein menschliches Universum der menschlichen Subjektivität zu erfassen, erklärte Jean Paul Sartre schon einige Male.

Die Nicht-Erforderlichkeit im Sinne der Nicht-Notwendigkeit des auf unbewiesenen Annahmen basierten Glaubens in der heutigen Welt ist mit der Verflechtung der eigenen menschlichen Unmündigkeit, dem Nicht-Vorhanden-Sein eigenen Mutes zum selbstständigen Denken durch existent basierten Fakten verbunden.

Nichtsdestotrotz wird das Recht auf Glauben in keinem Wege von säkularen Humanisten bestritten. Jeder wird seinem Glauben überlassen! Die Auswirkung der Religion auf die Gesellschaft und die Machtansprüche und angenommenen Wahrheitsansprüche jeglicher Glaubensrichtungen sind aber die unbestrittenen Fakten in unserer globalen Gemeinschaft. Darauf kann man sich nicht mehr in subjektiver Weise einlassen, die religiösen Wahrheitsansprüche beinhalten objektiv keine Wahrheit, keine wirkliche Begebenheit, und deren Moral-Askese ist einem fesselnden Gurt ähnlicher als befreiende Flügel für einen Gefangenen, gespannt und gestrickt um das Hirn des denkenden Tiers, es bietet keine Lösungen, sondern es verleugnet gerade das, was besteht. Religionen wirken als Barriere zuerst gegen menschliches Denken.
Die Ausübung der Religionskritik und im allgemeinen der Kritik an bestehender Irrationalität sind der erste Schritt zur Erweiterung der Grenzen eines beschränkten Gebietes der menschlichen Freiheiten. Der Rand dieses Gebietes besteht aus unbewiesenen Annahmen, die nur in dem Gehirn der Menschen existieren und wofür weder explizite noch implizite Belege vorhanden sind, dass sie in der Wirklichkeit auch gelten könnten. Aus dieser Sicht zeigt der Grad der Religiosität eines Menschen gerade den Grad seiner Unwissenheit über das, was er für sich als eine wahre Aussage annimmt, ohne dass die Wahrheit solcher Annahmen überhaupt bewiesen werden kann. In diesem Sinne ist dann der Mensch unfrei gegenüber seiner eigenen möglichen Denkentfaltungen.

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Jeremy Bentham: Utilitarismus


Die wenigsten kennen Jeremy Bentham und seine Thesen. Doch erst mal kurz seine Vita:

Geboren in einem wohlhabenden Elternhaus am 17. Februar 1748 in Spitalfields, London, verstorben am 06.Juni 1832 ebenda. Er war Jurist, Philosoph und Sozialreformer.

Bentham war der Begründer des „Utilitarismus“ also der Philosophie der Nützlichkeit und war auch der Kopf des politischen Arms, der English radicals.

Seine Radikalität ging vielen seiner berühmten Zeitgenossen viel zu weit. Sogar Goethe echauffierte sich derart über ihn mit dem Zitat: Ein höchst radikaler Narr. In seinem Alter derart radikal zu sein, ist der Gipfel der Tollheit. Man darf nicht vergessen, es war die Zeit des Biedermeier und der Friede, Freude, Eierkuchen-Heimeligkeit. Da waren die Burschen noch Burschen und die Männer noch Männer. Die Frauen hatten gefälligst gehorsam, sittsam und zart zu sein und wehe wenn eine der Ladies aufmuckte! Und die Kirche hatte ihren wohlzementierten,  angestammten Platz in der Gesellschaft.

Selbst Karl Marx, dieser Tunichtgut an seiner Familie, man muss das  einmal erwähnen, dass dieser Marx (nicht zu verwechseln mit dem Bischof Marx in Bayern), ein sehr schlechter und miserabler Ehemann und Vater war. Die Berufstätigkeit von Frauen war damals nicht so gern gesehen. Nur in den  untersten Gesellschaftsschichten waren die Frauen gezwungen, für den Lebensunterhalt ihrer Familien zu arbeiten und das meistens mit 8 bis 12 Kindern im Durchschnitt, von denen eh die meisten starben aufgrund der miserablen Lebensverhältnisse.

Gerade dieser Karl Marx schlenderte tagein und tagaus und jahrein und jahraus in den verschiedensten Caféhäusern und Kneipen der Stadt umher und kümmerte sich einen Dreck um seine Familie. Seine Frau musste arbeiten, aber das Geld reichte hinten und vorne nicht. Herrn Marx war das egal, Hauptsache er konnte sein „Kapital“ fertig schreiben. In der Zwischenzeit verhungerten mindestens 2 oder sogar noch mehr Kinder aus seiner Familie. Gerade dieser Ausbund an „treusorgender Vaterfürsorge“, sagte über Bentham: Wenn ich die Courage meines Freundes Heine hätte, würde ich Herrn Jeremias ein Genie der bürgerlichen Dummheit nennen. Fragt sich, wer ist hier der Dümmere?

In Deutschland wurde Bentham besonders heftig angefeindet, wegen seiner kompromisslosen Radikalität, die den meisten miefigen Spießbürgern entschieden zu weit ging. Im postrevolutionären Frankreich 1792, wurde ihm mit anderen Berühmtheiten aus seiner Zeit wie: George Washington, Friedrich Schiller, Johann Friedrich Pestalozzi usw. die Ehrenstaatsbürgerschaft angetragen. In seiner Heimat Merry old England wurde er erst Anfang des 19. Jahrhunderts bekannter.

Man fragt sich: Was verursachte bei seinen Zeitgenossen derart heftige Reaktionen? Was sogar einen Herrn von Goethe so ausflippen ließ, schließlich waren die beiden Herren im selben Alter.

Er hatte, für die damalige Zeit, aber auch für unsere Zeit sehr fortschrittliche, absolut moderne Thesen:

  1. Allgemeine Wahlen
  2. Frauenstimmrecht
  3. Errichtung des modernen Wohlfahrtsstaates
  4. Tierrechte
  5. Abschaffung der Todesstrafe
  6. Legalisierung der Homosexualität
  7. Pressefreiheit

Er war nicht nur ein Vordenker des Feminismus. Er trat auch für direkte Demokratie, Liberalismus und Laizismus ein. Er war ein radikaler und kompromissloser Atheist. Und das in einer Zeit, wo auch die hochgebildeten Honoratioren dem Klerus kräftig den Hintern puderten. Tja, der Mann hatte Mut und Rückgrat.

In den feinen Salons der Zeit wurde zwar hochgestochen auf Französisch über die verschiedensten philosophischen Aspekte parliert, aber Konsequenzen zog man daraus nicht. Es lebte sich doch so bequem und es verursachte den feinen Herrschaften immer wieder einen Schauder, der über den voll gepuderten Rücken lief, wenn sie radikale Ansichten diskutierten.

Bentham kritisierte auch scharf die französische Menschenrechtserklärung und war sehr enttäuscht, dass einige seiner Thesen nicht einbezogen wurden. Wenn man sich einmal anschaut, was im revolutionären Frankreich ablief, dann kann man ihm im Nachhinein nur Recht geben.

Die später berühmtesten Köpfe der großen Revolution in Frankreich waren Georges Danton, Antoine St. Just, Jean-Paul Marat. Diese Männer haben sich damals in England aufgehalten und waren fleißige Zuhörer und auch Anhänger von Bentham. Besonders Georges Danton war angetan von seinen Thesen. Aber wie die Geschichte zeigt, wurden er und seine Anhänger von Robespierre gestürzt. Selbst den radikalen Jakobinern in Paris gingen sie zu weit. Außerdem konnten sie von einem derart verklemmten Frauenhasser wie Robespierre nicht erwarten, dass dieser Gnom für den Feminismus eintrat.

Er trat auch für Wucherzinsen ein und lieferte Argumente für den legitimen Einsatz der Folter. Für diese beiden letztgenannten Punkte, wurde er scharf angegriffen.

Die Ehtik von Bentham kann man folgendermaßen definieren:

Das größte Glück der größten Zahl – greatest happiness principle.

Eine Handlung bewertet sich demnach allein nach ihren sozialen Folgen.

Eine Handlung ist moralisch richtig, wenn sie der Allgemeinheit (bzw. der größten Zahl) nützt.

Eine Handlung erweist sich als moralisch falsch, wenn sie der Allgemeinheit schadet.

In diesem Sinn ist die utilitaristische Ethik eine Konsequenzethik, d. h. innere Beweggründe spielen für die Bewertung einer Handlung keine Rolle.

Als logische Konsequenz dieser Ethik, forderte er Rechtsgleichheit und zwar für alle Gesellschaftsschichten.

Ich persönlich finde dieses Prinzip richtig und kann daran absolut nichts Verwerfliches sehen.

In der damaligen Zeit war dies natürlich ungeheuerlich. Sägte es doch an den Stützen der Gesellschaft und stellte somit die „sogenannte Gott gewollte Ordnung“ in Frage.

Bentham war auch radikaler Atheist und stellte alles in Frage was mit dem Glauben zu tun hat. Man könnte ihn wie Kant als Anthropozentriker bezeichnen.

Hier übrigens eine interessante Aussage über die Tierrechte, die er so vehement auch verteidigte: Der Tag wird vielleicht kommen, an dem der Rest der belebten Schöpfung jene Rechte erwerben wird, die ihm von der Hand der Tyrannei vorenthalten werden konnten. (Anmerkung von der Autorin: Da soll mir bloß keiner kommen und sagen, die Christen hätten auch den Tierschutz propagiert und wir hätten doch unseren Franzl von Assisi. Natürlich habt ihr den, aber dieser Mann war eine rühmliche Ausnahme. Ansonsten steht doch in der Bibel: Macht die Erde euch untertan. Wie sie das wörtlich auslegten, sieht man an den katastrophalen Ergebnissen)

Weiter in seiner Aussage: Die Franzosen haben bereits entdeckt, dass die Schwärze der Haut, kein Grund ist, ein menschliches Wesen hilflos der miesen Laune eines Peinigers auszuliefern. Vielleicht wird eines Tages erkannt werden, dass die Anzahl der Beine, die Behaarung der Haut und die Endung des Kreuzbeines ebenso wenig Gründe dafür sind, ein empfindendes Wesen diesem Schicksal zu überlassen. Was sonst sollte die Fähigkeit des Verstandes oder die Fähigkeit der Rede? Ein voll ausgewachsenes Pferd aber oder ein Hund ist unvergleichlich verständiger und mitteilsamer als ein einen Tag oder eine Woche alter Säugling. Doch selbst wenn es anders wäre, was würde das ausmachen? Die Frage ist nicht: Können sie verständig sprechen oder: Können sie verständig denken? Sondern: Können sie leiden?

Diese letzte Frage kann man sicher mit einem großen JA beantworten. Insofern waren seine Thesen in seiner Zeit ein geistiger IMPACT und zwar im positiven Sinne. Auch wenn seine Zeitgenossen sich kräftig das Maul zerrissen haben, ändert es doch nichts an seiner Aktualität.

Bentham war und ist cool, um es mal in unserem Zeitjargon auszudrücken.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 




Grundzüge einer naturalistischen Philosophie und Ethik


Die Natur ist auf der fundamentalen ontologischen Ebene aus den Elementen Teilchen, Feldern und Raumzeit aufgebaut, wobei alle strukturell verflochten sind. Des Weiteren besitzt die Natur eine im Prinzip erforschbare Gesetzes- und Kausalstruktur, wobei die Kausalität deterministischer oder statistischer Art sein kann (Bsp.e: Himmelsmechanik, radioaktiver Zerfall). Die Materieelemente (Teilchen bzw. Felder) können beliebig komplexe Strukturen tragen. Elementargebilde können Hierarchien von strukturaler und funktionaler Komplexität aufbauen. Ontologischer Monismus ist also durchaus mit strukturalem Pluralismus vereinbar, unser Universum ist kein homogener statischer Block, sondern eine heterogene, dynamische Struktur. Die Vielfalt der Welt hat sich im Laufe der kosmischen Evolution gebildet, sie ist eine Leistung der Selbstorganisation der Materie.

Schwacher und starker Naturalismus

Die These, dass das materielle Substrat aus seiner eigenen Gesetzlichkeit heraus letztendlich alle Gebilde hervorbringt, hat man mit dem Namen „schwacher Naturalismus" (David Armstrong 1983) belegt. Dieser innerweltliche Naturalismus behauptet die keineswegs besonders gewagte Aussage, dass das Universum in seinem empirisch, aber auch theoretisch fassbaren Bereich ohne Rekurs auf autonome spirituelle Entitäten, besondere Lebenskraft oder teleologische und transzendente Wirk-Faktoren erkannt werden kann. Der schwache Naturalismus schließt einen transzendenten Seinsbereich nicht aus, sondern behauptet nur, dass für das Verständnis des Kosmos auch in den höheren Entwicklungsstufen (Leben, Bewusstsein, Erkennen) supernaturale Faktoren nicht gebraucht werden (ontologische Sparsamkeit). D. Armstrong hat darüber hinaus auch einen „starken Naturalismus" verteidigt, wonach ein Transzendenzbereich ausgeschlossen wird und somit das Universum, so wie es heute von der Wissenschaft erforscht wird, alles ist, was es gibt. Er benützt dabei das Argument der Begründungslast: Derjenige, der für die Existenz eines Seins-Bereiches plädiert, trägt die argumentative Stützungslast.

Der Transzendenz-Skeptiker nimmt dabei eine abwartende Haltung ein: er wartet, bis der Verteidiger einer außerweltlichen Ontologie seine guten Gründe vorbringt. Der Skeptiker ist dabei nicht gezwungen, Gründe für die Nichtexistenz der in Frage stehenden Seinsbereiche zu bringen. Solange es dem Verteidiger einer supernaturalen Einbettung des Kosmos nicht gelingt, einsichtige Gründe für diese ontologische Erweiterung zu bringen, wird sich der Skeptiker nicht überzeugen lassen. Dies ist wichtig für die immer wieder beschworene Situation eines Argumentations-Patts: Derjenige, der behauptet, dass auf Neutronen-Sternen kleine grüne Männchen wohnen, muss dies zeigen. Nicht der Skeptiker muss beweisen, dass auf Neutronensternen kleine grüne Männchen unmöglich sind. Man kann den „schwachen Naturalismus" auch als Geschlossenheitsthese formulieren. Die Prozesse der Welt sind kausal geschlossen, sie hängen stark vernetzt voneinander ab, aber es gibt keine transmundanen Einflüsse, die das Ursachen-Netz durchbrechen. Die Kenntnis der notwendigen und hinreichenden Bedingungen innerhalb des Universums reicht hin, um Aufbau und Funktion lebendiger Systeme zu verstehen. Die kausale Geschlossenheit manifestiert sich u. a. in den Erhaltungssätzen, die überdies über tiefliegende Theoreme der Gruppentheorie mit der Struktur der Raumzeit verknüpft sind (E. Noether).

Jeder externe Eingriff in das Universum bedeutet eine Durchbrechung mindestens eines Erhaltungssatzes. Auch in der Mikrowelt gelten die klassischen Erhaltungssätze. Deshalb ist es sinnvoll, die Welt auch als epistemisch geschlossen zu betrachten. Im Sinne des stratonischen Immanenz-Prinzips wird die Welt aus sich heraus erklärt. Alle sinnvollen Probleme werden mit immanenten Mitteln gelöst. Der Naturalismus besagt auch, dass die innerweltlichen Entitäten nicht von beliebiger Sorte sein können. Abstrakte, spirituelle, platonische Agenzien wie Ideen, Gedanken, Einfälle sind danach durchaus reale Strukturen, die in der Welt wirken, aber sie bleiben immer Muster einer neuronalen Aktivität in dem Gehirn eines lebendigen Organismus. Wird eine Idee nicht von einem Gehirn gedacht, existiert sie nicht. Ontologisch abkoppeln lassen sich Ideen nicht. Dies ist keineswegs ein extremer philosophischer Standpunkt: Aristoteles hat gegen Platon verteidigt, dass gedankliche Strukturen nur in den Dingen vorkommen. Auch in seiner Psychologie denkt Aristoteles durchaus in Einklang mit dem modernen Naturalismus. So heißt es in De anima II, 413 a: „… dass nun die Seele nicht abtrennbar ist vom Körper … das ist offensichtlich". Nach Aristoteles gibt die Seele als Struktur dem organischen Material temporär eine bestimmte Form, die mentalen Funktionen sind aber an die stabile Existenz des organischen Trägersubstrates gebunden.

Algorithmisierbarkeit des Seelischen

Moderne Psychologen haben in Einklang mit Aristoteles' naturalistischer Psychologie darauf hingewiesen, dass die Seele nur dann verstehbar, erforschbar ist, wenn sie gesetzesartigen Regularitäten sowie der Naturkausalität unterworfen ist. D. Dörner hat klar gezeigt, dass eine wissenschaftliche Psychologie voraussetzt, dass Seelisches algorithmisierbar sei. Ohne diese Annahme könnte man für psychologische Phänomene gar kein kausales Modell mit Erklärungsanspruch erstellen. Wenn Seelisches aus der Naturkausalität herausfiele – wie Kant noch annahm – würde sich das Wechselwirkungsproblem nicht verstehen lassen, jene Offensichtlichkeit, dass Vorstellungen und Phantasien körperliche Effekte hervorrufen können. Wenn Seelisches nicht eine Struktur organischer Materie wäre, ließe sich Bewusstsein auch niemals in einem anderen Träger-Medium realisieren. Die Idee einer künstlichen Intelligenz, wobei mentale Funktionen auf mechanischen, elektronischen oder anderen nicht-organischen Trägerbasen aktiviert werden, wäre von vornherein ausgeschlossen. Es erscheint aber als eine arrogante Voreingenommenheit gegenüber allen informationsverarbeitenden Maschinen zu behaupten, dass eine solche Rekonstruktion unmöglich sei. Deshalb wäre es voreilig, die algorithmische Kompressibilität (Naturgesetzlichkeit) des Mentalen a priori auszugrenzen. Methodisch gesehen ist es immer sinnvoller, die Erkennbarkeit eines Bereiches anzunehmen als dessen Analyse-Resistenz dogmatisch zu behaupten. Weiterführend ist es hingegen zu versuchen, ob man zentrale Züge des menschlichen Seelenvermögens – wie die Autonomie – auf Maschinen eines bestimmten Komplexitätsniveaus rekonstruieren kann. D. Dörner hat dies vor kurzem in eindrucksvoller Weise durchgeführt, indem er die Seele als ein Steuerungssystem rekonstruiert hat, das ein organisches System zur Selbstbestimmung befähigt. Autonomie tritt danach als stammesgeschichtliche Errungenschaft auf, weil es den Individuen bestimmte Überlebensvorteile verschafft.

Zuweilen wird der Naturalismus als pragmatische Vorgabe gesehen, die es erlaubt, ungestört Wissenschaft zu betreiben. Ich plädiere dafür, den Naturalismus als philosophische Hypothese über die Welt anzusehen: Sie ist nicht direkt falsifizierbar, ist aber indirekt fallibel, weil kritisierbar. Nach Popper reicht die Kritisierbarkeit aus, um eine Hypothese als wissenschaftlich zu qualifizieren. Popper anders als Wittgenstein hielt an der Existenz genuiner philosophischer Probleme und Hypothesen über die Welt fest. Eine Widerlegung des Naturalismus erfolgt damit nicht durch Beobachtung oder Experimente, sondern durch Bezug auf die heute bewährten Theorien der Wissenschaft.

Naturalismus vs. Theismus

Der schwache Naturalismus ist nichts anderes als die sparsamste philosophische Hypothese über die Beschaffenheit der Welt. Auch der starke Naturalismus ist natürlich kritisierbar. Vor allem im Bereich der Kosmologie: Der Theologe W. L. Craig hat vor kurzem versucht zu zeigen, dass das Standard-Urknall-Modell der Kosmologie nicht ohne Rekurs auf einen transzendenten Schöpfungsvorgang verstanden werden kann. Adolf Grünbaum hat diesen Argumentationsgang heftig kritisiert und auch Quentin Smith hat die theistische Deutung der Anfangssingularität als non sequitur erkannt. Jedenfalls wird um den Naturalismus auf hohem intellektuellen Niveau in der analytischen Philosophie eine intensive Diskussion geführt.

Die Wechselwirkung spiritueller Entitäten mit materiellen (chemischen, biologischen, neuronalen) Systemen ist völlig ungeklärt: Was passiert im Detail, wenn zeitlose, unräumliche, masselose Entitäten mit materiellen Systemen in der Raumzeit wechselwirken. Kausalität wird durchweg reziprok begriffen (3. Newtonsches Gesetz). Was soll man sich aber bei der drastischen kategorialen ontologischen Differenz unter Reziprozität vorstellen? Es ist ungenügend, die kausale Interaktion nur zu behaupten, man muss sie – so wie im materialen Bereich – spezifizieren. Ein Austausch von Objekten, die Träger von Energie, Impuls oder Drehimpuls sind, lässt sich nicht auf eine psycho-physische Wechselwirkung übertragen, wenn die psychologische Seite keinen materiellen Träger besitzt.

Wie ist nun aber die Situation zu beurteilen, wenn keine Wechselwirkung zwischen außerweltlichem und innerweltlichem Bereich stattfindet? Dieser Fall liegt ja gerade bei schwachem Naturalismus vor. Methodisch gesehen, also von der Verfahrensseite her, ist dann alles noch viel seltsamer. Eine transzendente spirituelle Entität, die nicht die geringsten Spuren in einem völlig ontologisch und nomologisch autonomen Universum hinterlässt, ist de facto funktionslos. Es ist nicht logisch widersprüchlich anzunehmen, dass die naturale Welt eine übernatürliche Einbettung besitzt. Wenn von dort her keine Spuren in der Welt hinterlassen werden, bleibt es bei der logischen Möglichkeit der Existenz des einbettenden Bereiches, aber es fehlen jegliche gute Gründe, dass diese Einbettung tatsächlich existiert. Kognitiv zumindest ist eine solche Annahme ad hoc; vielleicht kann man ihr eine emotive Funktion zuordnen, eine palliative Rolle, um die Härte des Naturalismus abzumildern, aber systematisch gesehen ist eine derartige Hypothese willkürlich.

Auch der schwache Naturalismus ist mit dem traditionellen Theismus unvereinbar. Allenfalls könnte man den Pantheismus, wie ihn etwa Spinoza vertreten hat, einen naturalisierten Theismus nennen. Die Identifizierung der Natur mit einem göttlichen Wesen kann als Spiritualisierung der Natur oder als Materialisierung der Transzendenz gedeutet werden. Eine Reihe von Naturwissenschaftlern standen dem Pantheismus nahe, unter ihnen auch Einstein. Seine Bewunderung für den hohen Ordnungsgrad der Natur hat ihn immer wieder zu emphatischen Äußerungen verleitet. Vermutlich haben solche Bekenntnisse eine ästhetische Wurzel, der „gestirnte Himmel" erzeugte eben nicht nur bei Kant, sondern auch bei modernen Wissenschaftlern erhabene kosmische Gefühle. Systematisch ist aber vermutlich der Analyse Schopenhauers nichts hinzuzufügen: „Gegen den Pantheismus habe ich hauptsächlich nur Dieses, dass er nichts besagt. Die Welt Gott nennen, heißt sie nicht erklären, sondern nur die Sprache mit einem überflüssigen Synonym des Wortes Welt bereichern".

Finale oder kausale Deutung der Evolution

Ähnlich steht es auch mit der Teleologie: Zwecke, Ziele, globale Intentionen in die Natur hineinzutragen, wird heute in der Naturwissenschaft als eine Überschreitung der kausal-mechanistischen Erklärungsstrategie gesehen. Innerhalb des heutigen evolutionären Naturalismus wird die scheinbare Zweckmäßigkeit der Lebewesen als Anpassung erklärt und somit kausal gedeutet. Der evolutionäre Naturalismus ist deshalb antiteleologisch und kausalistisch, was aber das Moment des Zufalls einschließt. Wenn man durchgehend mit

kausalen Prozessen in der Naturerklärung auskommt, wird man nicht ohne Not teleologische Mechanismen einbauen. Sparsamkeit in Bezug auf Entitäten, Kräfte und Mechanismen heißt Naturerkenntnis mit Minimalontologie zu betreiben. So wenig Erklärungselemente wie möglich, aber so viel wie notwendig. Der methodische Grund dieser Beschränkung liegt darin, dass die einfachere von zwei Hypothesen, die also weniger Entitäten enthält, leichter prüfbar ist. Eine Hypothese mit mehr Größen, mehr Kombinationsmöglichkeiten kann weniger leicht an der Erfahrung scheitern. Mit ausreichend vielen Konstruktionselementen kann ein Theoriengebäude fast unwiderlegbar gemacht werden, wie man an der Ptolemäischen Astronomie gesehen hat. Selbstredend ist der Naturalismus kompatibel mit der Entdeckung neuer materieller Systeme, in dem Sinne ist er klarerweise ontologisch offen. Auf der anderen Seite muss der Naturalismus kategoriale Abgrenzungen vornehmen, um überhaupt Aussagekraft zu besitzen.

Der Naturalismus hat heute evolutionären Charakter. Das evolutive Paradigma hat nach und nach alle Ebenen der Komplexität erfasst. Zuletzt sogar das Universum. Darwins Theorie war eigentlich nur der Wegbereiter für den Entwicklungsgedanken auf allen Schichten der Natur. Eine abstrakte Form davon mit verallgemeinerter Dynamik bildet die Idee der Selbstorganisation (SO).

SO ist die Anwendung des Entwicklungsgedankens auf beliebige Strukturen: So spricht man z. B. von der chemischen Evolution einer Galaxis, wenn sie selber ihren Anteil an Metallen erhöht. Die Idee der SO brachte Formen der Naturalisierung mit sich, die, als sie die höheren Leistungen des Menschen erreichte, Proteste und Abwehrreaktionen hervorrief. Sprache, Erkenntnis, Moral, ästhetisches Vermögen als neurobiologische Produkte, als spontane Organisationsleistungen des Hirns zu entschlüsseln, erschien vielen als eine Entwertung und Herabsetzung des spezifischen „Humanums". Max Scheler hat in seinem Buch: „Die Stellung des Menschen im Kosmos" dieser Abwehrhaltung Ausdruck gegeben. Er meinte noch, dass über allen neurobiologischen Funktionen der noàj als der genuine Exponent des Geistes walte. Heute wird in der Philosophie des Geistes nirgendwo mehr von einem noàj Gebrauch gemacht. Die Naturalisierung des Geistes wird bis heute von vielen als „Entzauberung" (Max Weber) empfunden, als etwas, das uns den letzten Rest von Mittelpunktsbestimmung im Universum nimmt. Bei Jean Paul war es noch ein Alptraum, bei Nietzsche eine bestürzende Erfahrung und bei Steven Weinberg eine trockene Konstatierung, dass der menschliche Geist keine Sinnkonstitution im Universum leisten kann. Auch Entrüstung hat somit eine Dämpfungskurve.

Eine wichtige Funktion bei der Naturalisierung des Geistes haben die jüngst etablierten Brückendisziplinen ausgeübt, die die Verankerung der mentalen Funktionen in der Physis verstärkten. Soziobiologie, Psychobiologie, Neurobiologie, Biolinguistik, haben den von Scheler so betonten Hiatus von Geist und Materie stark verringert. Auch Kognitionsforschung und Computer-Wissenschaft greifen in das früher rein von der Philosophie beherrschte Gebiet von Anthropologie, Epistemologie und Ethik ein. Jüngst wurde die Ästhetik von der Evolutionstheorie erfasst. Einer meiner Gießener Kollegen ist dabei, eine evolutionäre Ästhetik auszuarbeiten.

Naturalisierung der Philosophie

Der vorstehende Prozess lässt sich durchaus als Naturalisierung der Philosophie beschreiben. Diese Entwicklung ist kaum rückgängig zu machen. Eine glaubwürdige Philosophie muss sich heute im Verein mit den Einzelwissenschaften bemühen, den Menschen, die Welt und deren kognitive Wechselwirkung zu begreifen. Nicht nur die Philosophie, die Geisteswissenschaften schlechthin können sich ohne Substanzverlust nicht von den Neuro-, den Informations- und den Kognitionswissenschaften isolieren. Die Geisteswissenschaften sind nicht mehr allein die genuinen Verwalter von Vernunft, Subjektivität und Emotion. In den naturwissenschaftlich orientierten Spezialdisziplinen, wie z. B. Psychopharmakologie wird religiöses Bewusststein analysiert; Psycho-Robotik rekonstruiert die Autonomie des menschlichen Subjektes, Verhaltensgenetik die Koevolution von Natur und Kultur. Eine naturalistische Anthropologie ist dabei, Kernbegriffe der Hermeneutik und Geisteswissenschaften wie Person, Selbst, Subjekt in eine objektivierende wissenschaftliche Sprache zu übertragen. Dass dabei auch emotionales Pathos verloren geht, mag manchen stören, ist aber de facto kein kognitiver Verlust.

Es ist zu erwarten, dass bei einer objektiven Rekonstruktion des Bewusstseins manche Vorurteile der Folklore-Psychologie des Alltagsverstandes verloren gehen. Zum festen Bestand der Alltags-Psychologie gehört die Überzeugung, dass die Perspektive der ersten Person, in der wir über die eigenen psychischen Erlebnisse sprechen, von der objektiven neurophysiologischen Beschreibung nicht eingeholt werden kann, was Thomas Nagel in das berühmte Fledermaus-Gleichnis gekleidet hat. Das Argument hält jedoch nicht Stand, wie Paul Churchland gezeigt hat: Der privilegierte Zugang, den die Fledermaus und wir alle zu unseren inneren mentalen Zuständen besitzen, bedingt mitnichten, dass diese Zustände unphysikalisch sein müssen. Jeder Mensch hat auch einen privilegierten Zugang zu den Zuständen seiner Eingeweide, dennoch zweifelt er nicht, dass diese nach physiologischen Gesetzen funktionieren. Spezielle Informationskanäle zu bestimmten physiologischen Prozessen unseres Körpers bedingen keine immateriellen Zustände.

Die Freiheit des Willens

Eine ähnliche Rolle wie das Gefühl von der Besonderheit des Sprechens in der ersten Person spielt in der Naturalismus-Debatte die Freiheit des Willens. Dies ist ein Lieblingsthema der idealistischen Philosophie. Angeblich ist aus dieser evidenten Fähigkeit des Menschen antinaturalistisches Kapital zu schlagen. Schon Spinoza und Voltaire haben diese Begriffszusammenstellung als inkohärente Kombination kritisiert. Die analytische Philosophie ist fast durchweg dieser Kritik gefolgt. Schlick, Carnap, Russell beziehen den Freiheitsbegriff ausschließlich auf den Handlungsbereich und explizieren die Freiheit des Handelns als Abwesenheit von Zwang. Handlungsfreiheit lässt sich kohärent mit Naturkausalität zusammenbringen. Hobart hat darüber hinaus schon 1934 in einer vielbeachteten Arbeit gezeigt, dass für einen sinnvollen Begriff moralischer Verantwortlichkeit die Kausalstruktur der Welt sogar unabdingbar ist. Die sich uns anscheinend als unhinterfragbar aufdrängende Intuition von der Ursachlosigkeit unserer Entscheidungen ist eine der vielen Illusionen unserer Alltags-Psychologie. Die moderne Neurophilosophie hat die Überzeugung von der Infallibilität der Introspektion längst fallengelassen. Es ist viel glaubwürdiger, dass wir selber unsere internen mentalen Prozesse falsch einschätzen, als dass wir ausgerechnet in dieser fluktuierenden Welt sicheres Wissen besitzen.

Normativer Naturalismus

Die Übertragung der naturalistischen Denkweise auf den normativen Bereich hat von jeher Zweifel geweckt. Aufgrund der weithin akzeptierten Barriere zwischen dem Reich des Faktischen und der Welt der Normen und Werte schien sich hier ein unüberwindlicher Hiatus aufzutun, den der Naturalismus keineswegs überbrücken könne. Bis in die Gegenwart verteidigen u. a. die Vertreter einer theonomen Moral die Irrelevanz deskriptiven Wissens für die Welt der Normen. So der evangelische Theologe Georg Hunteman: „Biblisches Ethos kann sich nicht an der Natur orientieren". Man muss den früheren Rationalisten und Aprioristen zu Gute halten, dass lange Zeit nichts über die stammesgeschichtlichen Engramme im Gehirn bekannt war. Mit der Kenntnis spezifischer Orientierungen, Neigungen, Tendenzen unserer emotiven biologischen Basis ließ sich die Existenz absoluter extrasomatischer Werte schlecht verbinden. Daraus resultierte das Unternehmen der Bioethiker wie E. Wilson und M. Ruse, Moralphilosophie als angewandte Wissenschaft zu begreifen. Damit hat die Naturalisierungsstrategie auch die Ethik erreicht: Je besser man die materielle Basis des wertenden Systems versteht, um so eher werden die Quellen der moralischen Haltungen und Einstellungen plausibel. Wenn man erkannt hat, dass viele Werte stammesgeschichtliche Adaptionen darstellen, damit Optimierungen für den Existenzkampf bilden, dann ist eine platonische Existenzform der Werte höchst unglaubwürdig. Naturalisierung in der Ethik heißt nicht einfach, naturwüchsige Tendenzen gut zu heißen, sondern unser Gefühl von moralisch Richtig und Falsch, das als Basis für unseren ethischen Kanon dient, als Optimierung der Evolution des Gehirns zu erkennen. Man will also aus der materialen Basis des moralischen Fühlens die heute akzeptierten Verhaltensregeln gewinnen. Soweit befinden wir uns auf der Erklärungsebene.

Die Naturalisten wie E. O. Wilson sind aber auch überzeugt, dass selbst für die Rechtfertigungsebene die emotive Basis unserer Wertungen von Belang ist. Um nicht bei der Restriktion, die jede Ethik darstellt, an den moralischen Subjekten vorbeizunormieren, müssen Brückenprinzipien (H. Albert) eingesetzt werden. Ein klassisches Brückenprinzip ist aus dem Römischen Rechtssystem bekannt: „Ultra posse nemo obligatur". Die Verpflichtung des moralischen Subjektes muss auf die empirischen Möglichkeiten Rücksicht nehmen. Die empirischen Möglichkeiten sind aber gerade die schon erwähnten stammesgeschichtlichen Programmierungen. In Unkenntnis der faktischen Natur des Menschen wurden diese durch aprioristische Normierungen in unsinnige Konflikte hineinmanövriert.

Der Paradefall eines solchen Konfliktes war die über Jahrhunderte verteidigte Sexualethik, in der an die Menschen den biologischen Programmen extrem zuwiderlaufende Forderungen gestellt wurden, die auf der anderen Seite für ein glückliches Zusammenleben der Geschlechter gar nicht erforderlich war. Die normative Prinzipien-Ethik entartete in diesem Fall zu einem Zwangssystem, weil keine Brücken zur faktisch im Menschen verankerten Triebsituation vorhanden wa-ren. In Kants „Metaphysik der Sitten" findet man viele Beispiele dafür, wie idealistische Leitvorstellungen ohne Rücksicht auf empirische Gegebenheiten der biologischen Natur des Menschen zu absurden ethischen Forderungen geführt haben. Hingegen gehen moderne Vertreter einer evolutiven Ethik wie Michael Ruse dazu über, die Dispositionen des Individuums aus der Stammesgeschichte in Rechnung zu stellen, wenn es sich um die Gewichtung von Mustern des Sexualverhaltens handelt. Naturalismus in der Ethik bedeutet also – dies ist zu beto-nen – kein blindes Übernehmen von natürlichen Verhaltensmustern, sondern die Berücksichtigung der faktischen Strebungen bei der Aufstellung von Handlungsnor-men, um die Spannung zwischen Sollen und Wollen zu minimieren. Eine naturalisti-sche Ethik wird also sicher sparsam mit Restriktionen umgehen. Nur so viele Forde-rungen werden aufgestellt, dass das Wohlbefinden aller Individuen der Gemeinschaft garantiert ist. Ziel einer solchen Ethik ist, dass Menschen nicht aus Selbstzweck irgendwelche Prinzipien erfüllen müssen, sondern dass alle – soweit von den materi-alen Randbedingungen her möglich – ein aus ihrer eigenen Sicht gelungenes Leben führen können. So steht die naturalistische Ethik im Dienste der Idee eines glück-lichen Lebens, dem Zentrum eines modernen säkularen Humanismus

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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Solidarité


(Pour les amis francophones: L’originale de cet article suit à la fin du texte en Allemand.)

Die Voraussetzungen für eine solidarische Gesellschaft sind Toleranz, Demut und  Hilfsbereitschaft.

Solidarisch sein heisst vor allem, großzügig zu sein und gut, durchtränkt von den universellen philantropischen Werten. Solidarisch sein, das bedeutet, im täglichen Leben wissentlich zu handeln, um den Verarmtesten zu helfen und der guten Sache zu dienen, und das weit abseits aller Vorurteile, seien sie nun politisch, religiös, sektenhaft, ständisch, regional, ethnisch, rassisch oder landsmännisch.

Ein solcher Schritt bedingt ein bestimmtes Reflexionsniveau, von dem aus es möglich wird, Dienste zu erbringen ohne Anspruch auf Gegenleistungen. Er bedingt auch einen ernsthaften Einsatz, Gewissenhaftigkeit, Großzügigkeit, Demut und Selbsthingabe.

Außerdem muss die Bereitschaft vorhanden sein, in einer Gruppe zu arbeiten ohne Hintergedanken und Empfindlichkeiten. Das EGO muss in so weit überwunden werden, dass man keine Schmeicheleien nötig hat, noch, dass man den anderen ausradieren möchte. Es handelt sich also darum, gemeinsam in aller Unterschiedlichkeit zu handeln, um den Notwendigkeiten zu dienen – und nicht mehr.

Es ist offensichtlich, dass jemand, der nur wenig oder überhaupt nicht mit diesen Werten vertraut ist, oder nicht mit einer bestimmten Mentalität « kontaminiert » ist, große Schwierigkeiten haben wird anzuerkennen, dass er seine Zeit, sein Geld und seine Energie einsetzen muss um « dem anderen » zu helfen. Denn um anderen zu helfen, muss er den anderen so akzeptieren wie er ist und nicht erwarten, dass er sich ändert, bevor ihm geholfen wird.  

Um anderen solidarisch zu helfen ist es nicht nötig, sie zu lieben, es genügt, sie in ihrer Unterschiedlichkeit zu akzeptieren, und diese Unterschiedlichkeit zu verteidigen, denn diese Unterschiedlichkeit macht unseren Reichtum aus, unsere Kraft und sie nährt unsere im Werden begriffene Demokratie. Es ist diese soziopolitische Dimension der Toleranz, die es auszuüben und zu verteidigen gilt.

Demut und Großzügigkeit sind daher die fundamentalen Werte der Solidarität, in der demjenigen, dem gegeben wird, der volle Respekt gebührt.

Die Geringschätzung der Hingabe sollte keinen Platz mehr haben in einer Gesellschaft nach einer Revolution, die das Bedürfnis nach Würde stillte, und in der der Lärm um die Ohrfeige in den Wahlen für die selbsternannte Elite noch immer die Köpfe lähmt und den tiefen Abgrund nicht überwindet, der Sidi Bouzid von Sidi Bou Saïd trennt. [Anmerekung: Sidi Bouzid ist dieser armselige Ort im Süden, in dem die Revolution mit einer verzweifelten Selbstverbrennung begann, Sidi Bou Saïd ist der noble Künstlerort in bevorzugter (und teurer) Lage östlich der Hauptstadt].

Nichts rechtfertigt Arroganz, Selbstgefälligkeit oder Verdrängung. Niemals ist man den anderen überlegen oder gar besser. Ein Analphabet kann einen Arzt belehren und ein Armer einen Reichen.

Die Geschichte ist überreich an Beispielen, in denen die Intoleranz die beste Sozialpolitik ausgelöscht hat, in denen die Arroganz den Zement einer solidarischen Gesellschaft hat zerbröseln lassen und damit dem Abrutschen in Extremismus, Rachsucht und Totalitarismus  freie Bahn gegeben hat.

Um solidarisch zu sein, genügt es nicht, einen bestimmten Prozentsatz des Einkommens auf ein Konto mit großem Namen und pompöser Nummer einzuzahlen. Wir müssen verstehen: Die Mentalitäten müssen sich fortentwickeln und wir müssen eine Debatte anstoßen über mutige, offene und ernsthafte Ideen.

Drer Generosität und Solidarität muss ein Nachdenken über die Toleranz, die Demut und die Großzügigkeit vorangestellt werden, damit sie fruchtbar und dauerhaft sind, um schließlich ein solides soziales Netz in all seiner reichen Diversität zu schaffen.

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La tolérance,  l’humilité et l’abnégation comme préalable à la solidarité.

Etre solidaire, c’est avant tout être généreux, bon et imprégné de valeurs philanthropiques  universelles.

Etre solidaire, c’est agir sciemment au quotidien pour aider les plus démunis, servir les causes nobles au-delà de tout préjugé qu’il soit politique, religieux, sectaire, corporatiste, régionaliste, ethnique, racial ou partisan.

Cette démarche exige un niveau de réflexion certain à partir duquel on devient capable de rendre un service aux nécessiteux de tout bord, sans aucune contrepartie. Ceci exige aussi de l’engagement, du sérieux, de l’abnégation, de l’humilité, et le don de soi.

IL faut aussi être capable de travailler en équipe, au-delà  de toute considération ou susceptibilité. Il faut dépasser son Ego et ne pas avoir besoin d’être flatté ni d’écraser les autres. Il s’agit d’agir tous ensemble dans la diversité pour servir les nécessiteux, sans plus.

Il est évident qu’une personne peu ou pas familiarisée avec  ces valeurs ou « contaminée » par une certaine mentalité aura du mal à accepter de donner de son temps, de son argent ou de son énergie pour aider « l'Autre », son semblable. Car, pour donner à l’autre, il faut déjà l’accepter tel qu’il est et surtout ne pas exiger de lui qu’il change avant de pouvoir recevoir.

Pour être solidaire des autres, on n’est pas obligé de les aimer, il suffit de les accepter dans leur différence et de défendre cette différence, car cette diversité fait notre richesse, notre force et nourrit notre démocratie naissante. C’est cette dimension sociopolitique de la tolérance qu’il faut saisir et défendre.

L’humilité et l’abnégation sont aussi des valeurs  fondamentales  pour obtenir une solidarité authentique où il faut respecter ceux à qui on donne. Le mépris et la compassion n’ont plus lieu d'être dans une société qui vit une révolution déclenchée par le besoin de dignité et où le bruit de la gifle électorale encaissée par l’élite autoproclamée retentit encore dans les esprits posant par la même des interrogations sur la profondeur du gouffre qui sépare Sidi Bouzid de Sidi Bousaid.

Rien ne justifie l’arrogance, la suffisance ou la marginalisation… On n’est jamais supérieur aux autres ou meilleur qu’eux. Un analphabète peut apprendre des choses à un docteur et un pauvre à un riche.

L’histoire regorge d’exemples où l’intolérance a fait échouer les meilleures politiques sociales, où l’arrogance a brisé le ciment d’une société solidaire donnant libre cours aux dérapages extrémistes, vindicatifs et totalitaires.

Pour être solidaire, il ne suffit pas de prélever un certain pourcentage et le virer sur un compte portant un nom et un numéro pompeux. On l’aura compris, il faut faire évoluer les mentalités et lancer un débat d’idées courageux, ouvert et honnête.

La générosité, la solidarité doivent être précédées par une réflexion sur la tolérance, l’humilité et l’abnégation pour être fructueuses et durables, afin de cimenter un tissu social solide et riche par sa diversité.

Dr. Samy ALLAGUI

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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Direkte Demokratie


DirektIm Folgenden handelt es sich noch nicht um einen konkreten Programmpunkt von DIE HUMANISTEN, sondern um grundsätzliche Überlegungen von unserem Schweizer Freund Andreas Zaugg, die wir bei der Formulierung von Einzelvorschlägen zu diesem Thema bedenken sollten.

Lang und Intensiv habe ich mir Gedanken über die deutsche „Demokratie“ gemacht. In meinen Augen ist Deutschland sehr weit davon entfernt eine Demokratie zu sein. Ich würde es eher selbstgewählte Unmündigkeit nennen. Sicher ist hier in der Schweiz auch nicht alles perfekt. Aber nur weil Ihr in Deutschland eure Metzger selber wählen dürft reicht das noch lange nicht, um Deutschland als Demokratie zu bezeichnen. Auch kann ich mich nicht für die Idee begeistern, die direkte Demokratie nur für belanglose Nebensächlichkeiten einzuführen. Das Volk oder die Opposition müssen die Möglichkeit haben, Regierungsentscheide per Referendum anzufechten, oder eine Initiative durchzuführen, wenn die Regierung eine Problematik ignoriert und zwar Verbindlich. Nur wie führt man in Deutschland Demokratie ein bevor man selbst Regierung ist? Auf diese Frage habe ich bis heute noch keine Antwort. Klar müssen Internationales Recht und vor allem die Menschenrechte eingehalten werden (siehe Schweizer Minarett-Abstimmung). Am deutschen Koalitionssystem kann ich auch nichts demokratisches sehen, denn damit wird Demokratie ausgehebelt, temporäre Koalitionen zu Sachfragen gehen in Ordnung, aber als festinstallierter Regierungspakt macht das keinen Sinn, denn so werden die kleinen Parteien zu „Nutten“ der Großen degradiert. Was mich aber am meisten erstaunt ist, dass viele Deutsche gar keine direkte Demokratie wollen und lieber über die Regierung fluchen als selber mitzuentscheiden. Zum Beispiel ich persönlich habe noch nie einen Politiker oder eine Partei gewählt, da es weder Parteien noch Politiker gibt, die meine Interessen vertreten, aber zu Sachfragen, die mich interessieren, gehe ich regelmäßig zum Abstimmen. Wenn ich Deutscher wäre, würde mich Politik in etwa soviel interessieren wie Sockenstricken, nämlich gar nicht. Zum Schluss möchte ich noch den wenigen danken die in meiner Arbeitsgruppe aktiv mitgewirkt haben.




Würde im Alter


Essay von Georg Korfmacher:

Rolle rückwärts in der Rente

Wie immer preschte die Dame forsch – aber auch naiv – mit einer mehr als erschreckenden Botschaft vor die Presse, um ihren Vorschlag einer Zuschussrente zu verkaufen. Ein makaberes Beispiel von Politik: erst Bange machen und dann eine Mogelpackung anbieten und per Mehrheitsentscheid durchsetzen. Durch einen Kuhhandel mit dem Koalitionspartner soll das Schmierentheater zum Erfolg geführt werden. Praxisgebühr gegen Altersarmut. Dazu noch ein Bruch in unserem Rentensystem.

Leben wir in der falschen Republik? Oder haben wir alle nicht aufgepasst, was unsere Volksvertreter aus dem Versprechen der sicheren Rente im Laufe der Jahre scheibchenweise gemacht haben? Wenn nach heutigen Berechnungen fest steht, dass ein Drittel aller Vollzeitbeschäftigten in gut 15 Jahren eine Rente unter der dann sicher höher als heute liegenden Grundsicherung erhalten sollen, dann haben unsere Politiker bisher unverantwortlich gehandelt und handeln weiter unverantwortlich, wenn sie das Ruder nicht sofort herumreissen.

Schon heute ist Armut im Alter evident, selbst wenn die dafür Verantwortlichen das nicht sehen wollen. In nur 15 Jahren wird unsere Wirtschaft zusammenbrechen, wenn ein Drittel der Bevölkerung für den Konsum ausfällt. Heute stolz € 2500 brutto verdient, 35 Jahre lang treu Steuern und Sozialabgaben bezahlt, vielleicht sogar etwas gespart für’s Alter, und dann Grundsicherung vom Sozialamt, ganze € 688. Da ist man unter ganz anderen Vorstellungen angetreten. Die Rente war ja sicher (Blüm). Alles Schall und Rauch!

Die vorgesehene Zuschussrente kann das Problem nicht lösen. Zunächst stellt sie mit ihrer Finanzierung durch Steuern einen eklatanten Bruch mit dem bestehenden Rentensystem dar, soll dann eine Verbesserung bringen, die in Wirklichkeit keine ist, denn auch von € 850 dann kann schon heute keiner wohlverdient leben, verlagert ferner die Kosten nur auf die nächste Generation und ist schliesslich an Bedingungen geknüpft, die in Summe kaum zu erfüllen sind. Eine Luftnummer, eine Lachnummer, wäre die Sache nicht so ernst.

Getoppt wird der Gesetzesentwurf von einem Kuhhandel, der unwürdiger nicht sein kann. Was hat die Praxisgebühr mit unserem Rentensystem zu tun? Für € 40 mehr Netto vom Brutto heute soll unsere Jugend Milliardenkosten in der Zukunft stemmen!

Solcher Mist geht auf keine Kuhhaut! Aber mehr noch: er treibt unsere Gesellschaft auseinander.

In unserem Grundgesetz ist an erster Stelle die Würde des Menschen geschützt. Dieses Grundgesetz sollte man unseren Politikern um die Ohren hauen, wenn sie solch unwürdigen und rechtlich kaum haltbaren Gesetzesvorhaben einbringen und per Koalitionskungel durchsetzen wollen. Die von der Bundesregierung vorgesehene und in Teilen schon fest eingeplante Rentenreform verdient diesen Namen nicht. Sie ist vielmehr eine dramatische und unverantwortliche Rolle rückwärts in der Rente und erschüttert unser Gesellschaftsgefüge.

 

Arbeiten aus Jux und Dollerei

Zur besten Sendezeit in den Nachrichten lässt die Bundesregierung und ihr treu ergebene Journalisten eine offensichtlich wohlsituierte Rentnerin mit der Feststellung auftreten, dass ihr die Arbeit im Alter Spass mache und sie sich freue, noch 12 Stunden in der Woche in ihrem Beruf als Buchhalterin arbeiten zu können. Kein Hinweis auf Rentner, die abends putzen gehen, Regale in Supermärkten einräumen und andere miserabel bezahlten Minijobs verrichten müssen, nur um überleben zu können.

Gezeigt wird ein Grossraumbüro, in dem besagte Rentnerin in dicken Akten wühlt, während ihre jüngeren Kollegen alles am Computer erledigen. Keiner fragt sich, warum diese nette Rentnerin eigentlich einer händeringend einen Arbeitsplatz suchenden jüngeren Dame den Arbeitsplatz streitig macht. Zynisch ist die Minikampagne über die arbeitswütigen Rentner aber vor allem deshalb, weil sie über die echte Not der Rentner hinwegtäuschen will, die zum blanken Überleben unwürdige und miserabel bezahlte Arbeiten verrichten müssen, wenn sie solche überhaupt finden. Die in Mülltonnen nach Verwertbarem suchenden Rentner will die Regierung nicht sehen. Würde sie dann doch zugeben, dass wir 2012 eine Situation haben, die wir aus den Nachkriegsjahren noch verdrängt in Erinnerung haben, zumindest diejenigen jenseits der Altersgrenze.

Wenn dann die rüstige Rentnerin aus den Nachrichten irgendwann ihre Arbeit aus Jux und Tollerei aufhört, weil sie irgendwann ja zugeben muss, dass sie zu alt dafür ist, wird es für den zwangsarbeitenden Rentner kritisch. Auch er möchte gerne aufhören, aber er kann es nicht, weil es dann zum Überleben nicht mehr reicht. Vor solch grausamer Wirklichkeit darf keiner Augen und Herz verschliessen, schon gar nicht die auf das Wohl des Volkes eingeschworene Regierung.

Anstatt nun das Übel bei der Wurzel zu packen und die Arbeitswelt der Menschen zu verbessern, nutzt die Regierung unser Rentensystem weiterhin als Durchlauferhitzer für kurzfristige Gefälligkeiten und aus wahltaktischen Motiven. So ist die von der Regierung geplante Zusatzrente ein Rohrkrepierer, weil er das Prinzip unseres Rentensystems aushebelt und Sonderregelungen schafft, die dann über kurz oder lang zur Regel zu werden drohen. Wer hätte je gedacht, dass man nach ehrlicher Arbeit über eine vernünftige Lebenszeit schnurstracks in der Grundsicherung landet. Das hat mit der in unserem Grundgesetz geschützten Würde des Menschen nichts mehr zu tun. Wer ehrlich gearbeitet hat, muss sich heute betrogen fühlen. Heute trifft es zunächst die Alten, jedoch sind die Jungen schon vielfach unterwegs auf diesem Weg ohne Umkehr.

Reiche Rentner in Arbeit sind nicht die Lösung und schon gar kein Aushängeschild für den Erfolg unseres Systems. Sie sind vielmehr ein Armutszeugnis für unsere Politik.

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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Warum DIE HUMANISTEN als Partei? (Revisited)


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Was dem Individuum nützt ohne der Gesellschaft zu schaden ist humanistisch.

Kurz vor der Europawahl stelle ich hier noch einmal ein, was ich 2013 im Vorfeld der Gründung der Partei der Humanisten schrieb. Daran hat sich nichts Prinzipielles geändert. Vielleicht trägt es dazu bei, dass am Sonntag doch noch das eine oder andere Kreuz den richtigen Weg findet.

Die Humanisten sind eine in Gründung befindliche neue politische Kraft, die eine Vertretung anstrebt für alle Konfessionsfreien, die in den existierenden Parteien keine angemessene Berücksichtigung humanistischer und laizistischer Gedanken finden.

Entgegen den Vorgaben unseres Grundgesetzes existiert in Deutschland eine enge Verflechtung zwischen Religionen und dem Staat, die sich in zunehmendem Maße nachteilig auf die Gesellschaft auswirkt (siehe auch hier: http://www.cicero.de/salon/religion-hat-der-politik-nichts-verloren/52926). Es ist eines der Kernanliegen dieser neuen Partei, an dieser Stelle zum Wohle aller Bürger – auch der konfessionell gebundenen – zu wirken.
 
Doch ein gelebter Humanismus erschöpft sich nicht darin, unseren Staat von allzu penetranten religiösen Bevormundungen und Zumutungen zu befreien, wie allzu oft vermutet wird. An dieser Stelle begegnen wir einem breiten Missverständnis, das sogar weit in humanistische Kreise hineinreicht. Dokument dieser Fehleinschätzung ist etwa die Frage: „Und was macht ihr mit rein politischen Themen?“. Viele haben eben noch nicht verstanden, dass humanistische Politik sich weitab der überkommenen Links/Rechts-Schemata einordnet. Die Fragestellung kann also nicht lauten, ob ein politischer Vorschlag nun konservativ oder progressiv ist, sondern ob er den Kriterien entspricht, die wir für eine menschliche Welt aufgestellt haben, Kriterien wie sie etwa in unserem Manifest der Initiative Humanismus niedergelegt sind.

Doch auch darüber hinaus gehende Anregungen, die unter anderem von der Giordano-Bruno-Stiftung oder dem Humanistischen Verband Deutschlands stammen, werden gewissenhaft bedacht. Bei uns Humanisten dreht sich alles um den Menschen als Individuum und als Mitglied einer Gemeinschaft, die sich Staat nennt. Politische oder religiöse Ideologien haben bei solchen Überlegungen keinen Raum. Man kann es kurz skizzieren: was dem Individuum nützt ohne der Gesellschaft zu schaden ist humanistisch.

Und dieses „Credo“ beschränkt sich eben nicht auf einige wenige Politikfelder, sondern durchzieht sämtliche Bereiche über die Wirtschafts- und Sozialpolitik, die Bildungspolitik bis hin zur Außen- und Entwicklungspolitik – um nur diese zu nennen. So sollte zum Beispiel in einer humanistischen Außenpolitik die Frage nach der Einhaltung der Menschenrechte eine sehr viel stärkere Rolle spielen als das bisher der Fall ist. Grundsätzlich muss jede Aktion des Staates auf den Prüfstand, damit nicht gegen die allgemeinen Menschenrechte verstoßen wird oder Systeme unterstützt werden, in denen dies der Fall ist.

Humanistische Verbände oder Stiftungen wie die oben genannten reichen trotz ihrer verdienstvollen Arbeit aber keinesfalls aus, über eine gewisse Lobbytätigkeit hinaus im genannten Sinn aktiv zu werden oder Einfluss zu nehmen. Das kann nach unserem Verständnis nur eine Partei leisten.

Die Humanisten streben also ein umfassendes politisches Angebot an, das weit über das Kernanliegen hinausgeht und das alle gesellschaftlich relevanten Felder programmatisch abdeckt. Vieles ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig ausdiskutiert, was in diesem frühen Stadium sicherlich niemanden verwundert. Die Diskussion zu den Programmpunkten vollzieht sich im Forum von www.die-humanisten.org. (wurde zwischenzeitlich eingestellt, da die Partei ihre eigenen Wege gefunden hat).Sobald ein überschaubares und vorzeigbares Ergebnis erzielt wird, werden die fertigen Teile (vorbehaltlich Zustimmung des Programmparteitags) Zug um Zug für jedermann von der Startseite aus einsehbar publiziert.

Es gilt dabei zu bedenken, dass dieses Parteiprogramm auch zunächst dazu dient, dass wir uns selbst darüber klar werden, wie eine Umsetzung humanistischer Vorstellungen in die politische Praxis aussehen kann. Es darf keinesfalls mit einem Wahlprogramm verwechselt werden, in dem dann die politischen Angebote an den Wähler herangetragen werden. Wir haben uns jedenfalls fest vorgenommen, nicht in den Fehler zu verfallen, mit griffigen Parolen einen höchstmöglichen Effekt bei  Wahlantritt zu erreichen, nur um uns später eventuell bei der Ausgestaltung des Programms heillos zu zerstreiten. Parteien, die in jüngster Vergangenheit einen anderen Weg gewählt haben, sind sicherlich in diesem Punkt kein Vorbild für DIE HUMANISTEN.

Wer der neuen Partei beitreten möchte findet alles dazu Erforderliche in den Downloads (pdf und doc) in der rechten Spalte dieser Seite.

In diesem Sinne: Weltliche Menschen für eine menschliche Welt!

 




Christlicher Humanismus?


BeneAus gegebenem Anlass – da die Diskussion nicht abreißen will – stelle ich diesen Artikel vom 1. Januar 2012 noch einmal ein. Manche Passage würde ich zwar heute etwas differenzierter formulieren, doch im Kernpunkt sehe ich keinen Anlass zu grossen Veränderungen.

Vorangestellt sei ein kurzes Exzerpt aus Wikipedia, in dem eine wohl gültige Definition des Humanismus als Weltanschauung gegeben wird:

Humanismus ist eineWeltanschauung, die auf die abendländische Philosophie der Antike zurückgreift und sich an den Interessen, denWerten und der Würde des einzelnen Menschen orientiert. Toleranz, Gewaltfreiheit und Gewissensfreiheit gelten als wichtige humanistische Prinzipien menschlichen Zusammenlebens. Die eigentlichen Fragen des Humanismus sind aber: „Was ist der Mensch? Was ist sein wahres Wesen? Wie kann der Mensch dem Menschen ein Mensch sein?“ Humanismus bezeichnet die Gesamtheit der Ideen von Menschlichkeit und des Strebens danach, das menschliche Dasein zu verbessern. Der Begriff leitet sich ab von den lateinischen Begriffen humanus (menschlich) und humanitas (Menschlichkeit). Der Humanismus beruht auf folgenden Grundüberzeugungen:

  1. Das Glück und Wohlergehen des einzelnen Menschen und der Gesellschaft bilden den höchsten Wert, an dem sich jedes Handeln orientieren soll.
  2. DieWürde des Menschen, seine Persönlichkeit und sein Leben müssen respektiert werden.
  3. Der Mensch hat die Fähigkeit, sich zu bilden und weiterzuentwickeln.
  4. Die schöpferischen Kräfte des Menschen sollen sich entfalten können.
  5. Die menschliche Gesellschaft soll in einer fortschreitenden Höherentwicklung die Würde undFreiheit des einzelnen Menschen gewährleisten.

Die Humanität ist die praktische Umsetzung der Ideen des Humanismus. Dazu gehören die Güte, die Freundlichkeit und das Mitgefühl für die Schwächen der Menschen, seiner selbst inne und mächtig zu werden und sich im Mitmenschen selbst wiederzufinden.

Diese Definition ist durchaus tauglich, wenn es darum geht, den Idealzustand menschlichen und zwischenmenschlichen Verhaltens gewisser Maßen statisch zu skizzieren. Diese Definition ist untauglich, da sie es versäumt, Aussagen darüber zu machen, woher diese Verhaltensweisen kommen (generiert oder oktroyiert) und in welche Richtung sie sich entwickeln sollten. „Fortschreitende Höherentwicklung“ ist zu schwammig, um in irgendeiner Weise dienlich zu sein.

Eine solch unvollkommene und geradezu schwammige Beschreibung des Wesens des Humanismus birgt die Gefahr, dass sich praktische jede beliebige andersgeartete Weltanschauung seiner bedienen kann. So wird dieser schöne, doch richtig „menschlich“ klingende Begriff recht bald Opfer von Religionen und Ideologien. Schon der antike Ausgangspunkt bei Platon war nicht sonderlich pragmatisch angelegt. In der politeia lehnt Platon Privateigentum ab (später in den nomoi leicht revidiert), was fast Anklänge an urkommunistische Vorstellungen erlaubt. Doch mit einem wesentlichen Grundrecht, dem auf freie Selbstbestimmung, hapert es bei Platon. Die Demokratie verdammt er als „Vorstufe zur Tyrannei“. Dies wird Jahrhunderte später vom großen „Aufklärer“ der andalusisch-islamischen Welt, Ibn Rushd (Averroës), aufgegriffen in seiner Interpretation der politeia. Damit desavouiert selbst der Vater der duplex veritas auch einen islamischen Humanismus, falls so etwas angesichts des „ewigen“ Koran überhaupt möglich ist, in den Bereich der Schimären.

Mit diesen beiden Beispielen möchte ich nur kurz andeuten, was folgerichtig in dem Augenblick offensichtlich mit Notwendigkeit passieren muss, wenn sich Ideologien oder Religionen des Begriffs bemächtigen. Jeder kann sich anhand des längeren Wikipedia-Eintrags selber ein Bild davon machen.

Im Zentrum des Humanismus steht eindeutig der Mensch in seinem Umfeld mit allen seinen zwischenmenschlichen Beziehungen. Das impliziert stringent seine Selbstbestimmung in allen das Leben betreffenden Fragen, die nur dort ihre Begrenzung findet, wo Rechte des Mitmenschen berührt sein könnten. Jedes Aufpropfen einer Fremdbestimmung des Menschen durch Ideologien oder Religionen zerstört bereits im Ansatz das Wesen des Humanismus. Der Mensch verliert dergestalt die Mitte, er wird an die Seite geschoben, um anderen Prinzipien den Vorrang einzuräumen.

Den Humanismus wie wir ihn heute verstehen gibt es erst seit der Aufklärung, also ab dem Augenblick, als man sich den Menschen als Individuum mit einklagbaren Rechten vorzustellen begann. Die Bill of Rights, die amerikanische Verfassung und die diversen Menschenrechtserklärungen sind die Eckpunkte, an denen sich unsere heutige Auffassung festmachen lässt. Betrachten wir also die Okkupanten des Humanismus, so müssen diese sich daran messen lassen, inwieweit sie den drei beispielhaft genannten Erklärungen zustimmen oder nicht. Weder die Organisation islamischer Staaten (OIC) noch der Vatikan erkennen die Menschenrechte an. Ihr Vorbehalt ist praktisch identisch formuliert, dass sie nämlich nicht menschliches Recht über das durch ihre Schamanen interpretiertes fiktives Recht eines Gottes stellen wollen. Fremdbestimmung pur – keine Spur einer Anerkennung des Humanismus. Bezeichnend ist auch, dass bei der UN-Abstimmung von 1948 die damaligen kommunistischen Staaten mit Nein gestimmt haben. Ihr Gott: eine ebenso menschenverachtende Ideologie wie sie von den Religionen Islam und Christentum repräsentiert werden. Wäre das nationalsozialistische Deutschland Mitglied der UN gewesen, kann man wohl von einer ebensolchen Ablehnung ausgehen.

Bevor ich mich der im Titel genannten contradictio in adiecto zuwende sei mir ein kurzer Blick auf die „moderne“ islamische Philosophie erlaubt, zumal ich darauf bereits in meinem Aufsatz  الديمقراطية والا الاسلام (http://www.wissenbloggt.de/?p=375) eingegangen bin.

Der tunesisch-französische Autor Abdelwahab Meddeb hält den islamischen Humanismus, der mit bedeutenden Ärzten, Gelehrten und Philosophen auf eine lange Tradition zurückblicken kann, durch den «Islamismus» für bedroht:

„Die Keime des Islamismus […] sind bereits im koranischen Text vorhanden. Die Dinge wären sehr viel einfacher, wenn es nicht diese islamistische Lektüre des Korans gäbe. Die Islamisten wollen aus ihrer Lesart die einzig richtige machen, dabei ist es ja gerade die Eigenart von Texten, unendlich viele Interpretationen zu ermöglichen […] Das enorme Problem des Islam besteht gerade darin, dass der Islamismus versucht, seine Botschaft in alle Richtungen zu verbreiten. Der offizielle Islam, der eine Art letzter Metamorphose des traditionellen Islam ist, wird heute zunehmend von islamistischem Gedankengut durchsetzt und vergiftet.“

Auch dieser Ansatz führt in die Irre, und zwar aus zwei einleuchtenden Gründen. Auch Meddeb bezweifelt nicht die Stellung eines Gottes als oberster Legislator und des weiteren folgt er der auch in Europa stark verbreiteten Meinung, es gäbe einen Unterschied zwischen Islam und Islamismus (oder auch: politischer Islam). Das sind problematische Ansätze. Solange wir keinen fest etablierten Euro-Islam im Sinne eines Bassam Tibi konstatieren können oder ausreichende Anhängerschaften eines liberalen Islam im Sinne einer Seyran Ates, bleibt jedes philosophische Bemühen eines Herrn Meddeb Makulatur. Die Schmähung des Humanismus durch Einverleibung in eine menschenfeindliche Religion kann dabei mit höchstem Wohlwollen nur als „window dressing“ unter Ausnutzung eines offenbar beliebten, aber missverstandenen Begriffs interpretiert werden.

Dass auch die Christen nicht faul bei der Okkupation religionsfremder Begriffe sind beweist einmal mehr Herr Ratzinger  (nach einem Artikel des Hamburger Abendblatts): Papst Benedikt XVI. hat zum Jahresende zu einem neuen christlichen Humanismus aufgerufen. Ein solcher Humanismus müsse in der Lage sein, Kultur und soziales Engagement aus christlichem Geist hervorzubringen, sagte er am Sonnabend in einem Silvestergottesdienst im Petersdom. Das setze eine Neubelebung christlichen Lebens und einen vertieften Dialog mit der modernen Kultur voraus. Es gelte, die „Schönheit und Aktualität des Glaubens“ wiederzuentdecken, betonte Benedikt XVI vor mehreren tausend Zuhörern. Der Glaube dürfe kein „isolierter Akt“ bleiben, der nur „einige Momente“ des Lebens betreffe. Er müsse den gesamten Alltag prägen und eine „beständige Orientierung“ darstellen, die den Menschen „gerecht, wirksam, wohlwollend und gut macht“.

Zwei Gesichtspunkte sind dabei bemerkenswert. In seiner Verblendung und seiner Machtgier kann sich Herr Ratzinger überhaupt nicht vorstellen, dass Menschen auch ohne göttliche „Orientierung“ gerecht, wohlwollend und gut sein können. Empathie als evolutionär entwickelte Eigenschaft widerspricht trotz der vorliegenden Tatsachen eindeutig seinem Universalanspruch auf „Nächstenliebe“.

Der zweite wichtige Punkt findet sich in der Formulierung „neuer christlicher Humanismus“. Er möchte also anknüpfen an etwas, was mit der Aufklärung „verloren“ wurde, der „klassische“ christliche Humanismus. Dabei ist es so leicht – auch abgesehen von der generellen Unvereinbarkeit von Religion und Humanismus – auch diese Referenz ad absurdum zu führen. Als so genannte „christliche“ Humanisten werden immer wieder Francesco Petrarca und Erasmus von Rotterdam genannt. Man möchte dabei von christlicher Seite gern übersehen, wie sich diese beiden Herren zu den Grundüberzeugungen Herrn Ratzingers geäussert haben.

Erasmus von Rotterdam: „Um jedoch nicht weiter auf diese endlosen Einzelheiten' einzugehen, will ich euch in aller Kürze dartun, dass die ganze christliche Religion eine gewisse Verwandtschaft mit der Torheit hat und zu der Weisheit in gar keiner Beziehung steht." (Referenz : http://hpd.de/node/2349).

Francesco Petrarca: „Es ist üblich und alter Brauch, Erzählungen, die zum größten Teil erlogen und erdichtet sind, mit dem Mäntelchen der Religion und der Heiligkeit zu umkleiden, auf dass den menschlichen Betrug die Vorstellung von einer Gottheit decke." (Referenz: http://hpd.de/node/2410).

Sind den Apologeten eines «christlichen» Humanismus diese Zitate nicht bekannt, oder werden sie aus Böswilligkeit nicht berücksichtigt ?

Lug und Trug ziehen sich durch die Geschichte der Religionen, und es ist dringlich – heute offenbar mehr denn je –  an der Zeit, solchem Treiben Einhalt durch Aufklärung zu gebieten.

 

 

 

 




Internationale Solidarität für säkulare Blogger


MIZMartin Bauer am 17.5.2019 auf https://hpd.de

Um die Situation säkularer Blogger in Bangladesch geht es im aktuellen Heft der MIZ (Materialien und Informationen zur Zeit). Deren Lebensumstände haben sich in den letzten Jahren drastisch verschlechtert, seit die islamische Rechte regelrecht Jagd auf sie macht. In ihrem Schwerpunkt lässt die MIZ zwei von ihnen zu Wort kommen.

Arnab Goswami, der selbst fliehen musste und heute in Deutschland lebt, beschreibt es als "größten, von den Medien erschaffenen Mythos", dass Bangladesch ein säkularer Staat sei. Denn seit einiger Zeit begegnet die Regierung den Forderungen islamistischer Führer (darunter Geschlechtertrennung und Todesstrafe für Atheisten) "respektvoll", während sie freidenkerische Bangla-Blogger verfolgt und nicht vor gewalttätigen Übergriffen schützt.

Eines der Opfer war der Verleger Shahjahan Bacchu, der letztes Jahr auf offener Straße erschossen wurde. Seine Tochter Durba Zahan, die als Bloggerin ebenfalls Drohungen erhielt und Asyl in Deutschland suchte, hat einen sehr persönlich gehaltenen Text beigesteuert. Auch ihr Fazit fällt ernüchternd aus: "Fundamentalisten geben ihre Statements mit Waffen ab, nicht mir Worten". Trotzdem bleibt sie entschlossen, Veränderungen herbeizuführen: Sie bereue keinen ihrer Blogeinträge.

Auf die Schwierigkeiten, mit denen Menschen zu kämpfen haben, die aufgrund ihrer atheistischen Einstellung oder ihres laizistischen Engagements nach Deutschland geflohen sind, macht Nicole Thies in ihrem Editorial aufmerksam. Insbesondere die derzeit diskutierte Verschärfung der "Residenzpflicht" verlängert die Gefährdung von Dissidenten in die Gemeinschaftsunterkunft hinein.

Recht und Realität

Zwei weitere Beiträge befassen sich mit dem Themenkreis Säkularismus und Flucht. Tarek Azizeh stellt auch für sein Herkunftsland Syrien die Frage, ob das herrschende Regime säkular ist. Und im Gegensatz zu den deutschen Medien vertritt er die Auffassung, dass dies nicht der Fall ist. Dazu führt er einschlägige Stellen der syrischen Verfassung an (die beispielsweise als Religion des Präsidenten den Islam festlegt), verweist aber auch darauf, dass Assad gerade in den letzten Jahren die Konfessionalisierung der Gesellschaft stark vorangetrieben hat.

Auf ein paradoxes Phänomen verweist Alia Ahmad: Frauen, die nach Deutschland geflüchtet sind, haben auf dem Papier zahlreiche Rechte, können diese aber aufgrund vielfältiger Zwänge nicht wahrnehmen oder verzichten sogar von sich aus darauf. So ist die Lebensrealität vieler Frauen mit mehr Einschränkungen verbunden als in ihrem Herkunftsland; sie profitieren von ihren Rechten nur, wenn sie sich diese erneut erkämpfen.

Querfront gegen Säkularismus

Die anhaltenden Auseinandersetzungen um die Verschleierung von Kindern resp. ein Verbot derselben nimmt Gunnar Schedel zum Anlass einer grundsätzlichen Kritik jenes Flügels der Linken, der im Kampf gegen die rassistische Rechte nicht vor einem Schulterschluss mit der religiösen Rechten zurückschreckt. Anhand einer Stellungnahme des "Netzwerkes rassismuskritische Migrationspädagogik" und von Beiträgen auf der Antirassismuskonferenz der Bundestagsfraktion der Linken warnt er vor einer "Querfront gegen Säkularismus". In der Diffamierung von Kritik an reaktionären islamischen Gesellschaftsvorstellungen als Rassismus sieht er eine rhetorische Strategie, die darauf abzielt, laizistische Positionen aus dem politischen Diskurs auszuschließen. Dahinter stehe das unter anderem von der religionspolitischen Sprecherin der Linken Christine Buchholz verfolgte Ziel, ungestört die Verleihung des Körperschaftsstatus an konservative Islamverbände vorantreiben zu können – was einen deutlichen Rechtsruck darstellen würde.

Bewegung und Beharren

Zwei innenpolitische Themen werden in längeren Interviews mit Michael Schmidt-Salomon und Kristina Hänel behandelt. Der Sprecher der Giordano-Bruno-Stiftung (GBS) stellt die Ziele der Buskampagne vor und macht sich Gedanken, wie eine erfolgversprechende säkulare Strategie, die Gesellschaft in Bewegung zu bringen, aussehen könnte. Die "Abtreibungsärztin", die wegen "Werbung" für den Schwangerschaftsabbruch verurteilt wurde, schildert nicht nur ihren Fall, sondern erläutert auch, inwiefern sich in der Debatte über den § 219a die Auseinandersetzung um selbstbestimmte Schwangerschaft spiegelt.

Sehr beharrlich zeigen sich die Konkordate; das französische ist über 200 Jahre alt und auch das Reichskonkordat wurde noch in der NS-Zeit abgeschlossen. MIZ dokumentiert einen von mehreren europäischen Verbänden unterzeichneten Aufruf, der eine Abschaffung dieser anachronistischen Verträge mit dem "Heiligen Stuhl" fordert.

Daneben gibt es noch die Rubriken Blätterwald, Zündfunke und Internationale Rundschau, die Glosse Neulich… und eine Buchbesprechung.

Mehr zur aktuellen MIZ findet sich auf der Webseite der Zeitschrift

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).

 




Der Gott der Atheisten


Gott AtheistenMir wurde gerade die Frage offenbart, warum sich Humanisten eigentlich so sehr mit der Gottesfrage und mit Religion befassen, anstatt sich um ihren eigenen Kram zu kümmern? Man bekommt ja fast den Eindruck, ihnen wäre Gott viel wichtiger als er es den meisten Gläubigen ist.

Während der Atheismus für religiöse Menschen und ihre Institutionen nur eine marginale Rolle spielt, so nimmt die Beschäftigung mit Gott und Religion für engagierte Atheisten und Humanisten einen wichtigen, wenn nicht zentralen Platz ein. Ebenso lässt sich mit diesem Thema überproportional viel Aufmerksamkeit erzeugen. Auch meine eigenen Texte und Videos zum Thema Atheismus haben ein größeres Publikum angelockt als die anderen. Warum? Dabei ist es eigentlich nur – wie selbst der “Amazing Atheist” einräumte – ein Randthema.

Es ist mir ebenso ein Rätsel, wie man sich jahrzehntelang vornehmlich mit diesem Thema beschäftigen kann, wie das bei vielen führenden Humanisten der Fall ist. Mir wurde es nach ein paar Jahren langweilig – und das aus gutem Grund. Wie der Philosoph Raymond Tallis in seinem neuen Buch (siehe die Besprechung vom Spiked-Magazin) In Defense of Wonder schreibt, ist Atheismus nicht das Ende der Philosophie, sondern ihr Anfang.

Es genügt nicht, nur gegen Religion zu sein. Atheisten haben viel anspruchsvolle Arbeit zu leisten, wenn sie auf dem “Markt der Weltanschauungen” ernstgenommen werden möchten. Mindestens sollte man als Religionskritiker in der Lage sein, eine echte Alternative aufzuzeigen. Also eine Philosophie. Ja, man sollte seine eigene Philosophie ohne Bezug auf Religion darstellen können. Ansonsten wären atheistische Weltanschauungen am Ende nur Parasiten der Religionen, die sich dadurch auszeichnen, lediglich die Gebote und Behauptungen der Religionen abzulehnen oder deren Gegenteil zu fordern.

Greift man nur den Glauben an, wirkt man destruktiv. Damit trifft man die schlechten Seiten der Religion ebenso wie das, worauf Menschen in der ein oder anderen Form nicht verzichten können. Eigentlich sollte man nur Elemente der Religion kritisieren, auf die man ganz verzichten kann oder für die man eine Alternative im Angebot hat. Die Religion rundherum zu verdammen und an ihre Stelle irgendwelche unverdauten Ideen zu setzen, die man in der Jugend aufgesogen hat (z.B. freie Liebe, Sozialismus), ist nicht konstruktiv.

Das bloße Draufhauen auf die Religion ist kindisch. Man hat sich mit einem bestimmten Thema genauer befasst und weiß es daher besser als die anderen. Und daraus folgert man unzulässigerweise, dass man nun alles besser weiß als die anderen und sie nur Religioten sein müssen.

Man sollte hier also unterscheiden zwischen legitimer Kritik und kontraproduktiven Kindereien. Legitim ist es, konkrete Institutionen, Personen, Elemente von Religionen zu kritisieren, wenn sie individuelle Rechte nicht achten. Da ist grundsätzlich alles und jeder in Punkto Kritik vogelfrei, der sich so verhält (Atheisten natürlich ebenso). Hier wäre dann die mangelnde Trennung von Kirche und Staat ein Thema, über das man sich berechtigterweise aufregen kann.

Eine Kinderei ist es, gläubige “Dümmerchen” zu verspotten, wenn man selber keine Ahnung hat, was man an die Stelle falscher Glaubensannahmen setzen würde. Wer eine rationale Metaphysik, Epistemologie, Ethik, Politik, Ästhetik im Angebot hat, der kann die Konkurrenz kritisieren und zugleich seine Alternative erläutern. Wer das nicht hat, der sollte sich auf die Kritik von individuellen Rechten beschränken und anderweitig die Klappe halten, bis er es besser weiß. Ansonsten nimmt er gläubigen Menschen nicht nur die negativen Aspekte ihrer Ansichten weg, sondern alles – auch das, was ihrem Leben einen Sinn oder wenigstens einen größeren Sinn verleiht. Und an dessen Stelle setzt er nur pseudointellektuelles Gelaber oder Nihilismus.

Religionskritik kann also legitim sein und auch mit Sátire und allem Möglichen arbeiten. Aber sie ist nicht notwendig legitim und es gibt keinen Freischein für rein destruktives Verhalten.

Original bei Feuerbringer

Literatur: Defence of Wonder

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Johannes Neumanns unverzichtbare Beiträge zur Aufklärung


Humanismus und KirchenkritikWEIMAR. (fgw) Mit dem neuesten, dem 5., Band seiner Reihe „Humanismusperspektiven“ würdigt Horst Groschopp auf ganz besondere Weise eine für den zeitgenössischen Humanismus unverzichtbare Persönlichkeit: Johannes Neumann (1929-2013).

Herausgeber Groschopp begründet in seinem Vorwort, warum er welche Arbeiten Neumanns in diesen Sammelband aufgenommen hat. Denn der Weg Neumanns vom geweihten katholischen Priester und Theologie-Professor, „der Ende der 1970er Jahre das katholische Gehäuse verließ, [dessen] Kirchen- [sich] zu einer Gesellschafts- und Staatskritik (Religionsverfassung) erweiterte" (S. 13-14) hin zum Forscher über Humanismus und schließlichem Ratgeber humanistischer Organisationen sei ungewöhnlich, aber durchaus verständlich. Zu diesem Verständnis sollen die für den Band ausgewählten Publikationen Neumanns beitragen.

Groschopp hebt hervor: „Neumann versuchte ernstlich, Bürger- und Menschenrechte in der römischen Kirche durchzusetzen. Doch er mußte die Zwecklosigkeit der Unternehmung erkennen, denn es gibt in diesem quasi-staatlichem Gebilde nicht einmal ein modernes Prozeßrecht. Was soll ein Kanoniker tun, der erkennt, er betreibt eine brotlose, aber gut bezahlte Kunst, weil es den Boden gar nicht gibt, auf dem er zu stehen meint?" (S. 16) Einen Absatz später heißt es weiter aber noch dies: „Es blieb bei Neumann ein akademisches Ressentiment auch gegenüber einem organisierten Humanismus, der meint, ohne Theorie auskommen zu können." – Worte, die leider der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) bis heute nicht verinnerlicht hat! Groschopp bekräftigt abschließend Neumanns Forderung: Man müsse wegkommen von der bloßen Kirchenkritik in zu einem praktischen Humanismus, der aber eine moderne Konzeption benötige.

Auf Leben und Werk des Johannes Neumann geht Theodor W. Beine in einer ausführlichen und aussagekräftigen biographisch-bibliographischen Studie ein (S. 35-78). Zu einem Teil seiner Biographie hat Neumann selbst einen Bericht über eigene Kriegs- und Fluchterfahrungen (S. 23-34) beigesteuert; geschrieben im Jahre 2007. Allerdings ist dieser nicht frei von historischen Fehlern/Fehleinschätzungen.

Zum Reichsdeputationshauptschluß und seinen Folgen

Der Reichsdeputationshauptschluß von 1803 zur Neuordnung des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" bewegt noch heute die Gemüter, weil mit der Berufung darauf die Priesterkasten von katholischer und evangelischer Kirche – obwohl letztere vom seinerzeitigen Beschluß überhaupt nicht betroffen war – hieraus ewige Zahlungen an sich ableiten – die sogenannten Staatsleistungen. Mit diesem Reichsdeputationshauptschluß befaßte sich Johannes Neumann zeitlebens mehrfach. So u.a. in einer gleichnamigen Publikation aus dem Jahre 2002, in welchem es um Voraussetzungen und Folgen geht. Es wäre aber von besserer Verständlichkeit, wenn in solchen Publikationen nicht nur ÜBER diesen Hauptschluß geschrieben, sondern daß dazu auch dieses Dokument im Wortlaut zur Kenntnis gegeben würde.

Neumann schreibt, bevor zum eigentlichen kommt, aber bereits dieses: „Die Kirchen klagten zwar lauthals über die Enteignung ihrer Güter, ohne allerdings – bis heute – darüber zu reflektieren, wie sie zu ihrem Reichtum in Mitteleuropa gekommen waren…" (S. 85) In einer Fußnote auf derselben Seite merkt Neumann noch an: „Die Quelle kirchlichen Vermögens ist bis heute vergessen und wird bewußt verschwiegen. Das liegt sicher auch daran, daß die Quellen darüber nur Fachleuten zugänglich sind."

Obwohl Neumann hier durchaus Recht hat, so irrt er zugleich enorm, kolportiert selbst er leider nur fromm-dreiste Behauptungen. Denn es wurden seinerzeit mit dem Hauptschluß eben keine „Kirchengüter" enteignet. Nein, der enorme mehrere hunderttausend Hektar zählende Großgrundbesitz der Kirchen wurde bis heute von keinem deutschen Staatswesen angetastet. Wenn hier etwas enteignet worden ist, dann handelte es sich dabei um sogenannte Allodial- bzw. Kammergüter, die der Versorgung der fürstbischöflichen und fürstäbtlichen Hofhaltungen diente. Mit der Entthronung der geistlichen Landesfürsten – nichts anderes waren seinerzeit die Bischöfe und Äbte – und deren Zurechtstutzung auf ihre geistlichen Ämter entfiel auch deren Hofhaltung. Und solche Güter gingen daher zu Recht an den jeweils neuen Landesherrn.

Johannes Neumann kommt dann aber doch zum Kern, zur historischen Wahrheit, wenn er schreibt:

„Art. 7 des Vertrages von Lunéville sah vor, daß die Entschädigung für die linksrheinischen Territorien [die die weltlichen Kurfürstentümer, Herzogtümer, Markgrafschaften und Fürstentümer an Frankreich abtreten mußten; SRK] vom ganzen Reich gemeinsam zu tragen seien durch die Säkularisierung der rechtsrheinischen geistlichen Territorien und durch Mediatisierung der kleineren Reichsstände [also reichsunmittelbare kleine Grafschaften, Ritter-Herrschaften sowie Reichstädte; SRK]." (S.88) Gerade das aber wird noch heute von interessierter Seite wohlweislich unterschlagen, daß mit dem Hauptschluß nicht nur säkularisiert wurde – also geistliche Herrschaften in andere weltliche einbezogen, sondern daß gleichermaßen auch weltliche Herrschaften und Städte ebenso in andere weltliche eingegliedert worden sind.

Neumann schreibt folgerichtig weiter: „Dessen sich zu erinnern ist wichtig: Es ging nämlich nicht in erster Linie um „Beraubung" der Kirche aus kirchenfeindlichen Motiven, denn auch rein weltliche Territorien – wie etwa die „Freien Reichsstädte" und „reichsunmittelbaren Herrschaften" – waren betroffen, sondern um Arrondierung der Großen zulasten der Kleinen. Auch das geschah keineswegs (nur) aus Habgier, sondern um vernünftige Verwaltungseinheiten zu schaffen.

Da die kirchlichen Territorien und Klöster schon seit langer Zeit (…) nur (…) als Pfründen zur Versorgung nachgeborener Kinder des hohen Adels genutzt wurden, (…) waren sie tatsächlich nicht nur entbehrlich, sondern (…) auch im Sinne einer geordneten Staatsverwaltung sogar schädlich." (S. 88)

Übrigens, und auch das erwähnt Neumann: „Das für Seelsorge und Caritas und gebietsweise auch für den Unterricht notwendige Vermögen war ausdrücklich vor jeder Zweckentfremdung geschützt worden" und wurde folglich auch nicht enteignet. (S. 96) – Siehe § 65 des Hauptschlusses: „Fromme und milde Stiftungen sind, wie jedes Privateigentum zu konservieren…"

Aber, so heißt es resümierend: „Da es ihnen [dem katholischen ebenso wie dem evangelischen Klerus; SRK ] gelungen war, den Staaten ein schlechtes Gewissen einzureden, wurden die Kirchen – durchaus im Sinne des neu aufgekommenen 'Rentierwesens' des Bürgertums – zu Kostgängern des Staates, der für die untergegangenen Werte bis auf den heutigen Tag brav von imaginären Erträgnissen sehr reale Zahlungen leistet." (S. 97)

Im folgenden geht Neumann darauf ein, wie insbesondere der katholische Klerus bis in die heutige Zeit erfolgreich Schadensbegrenzung betreibt – Stichworte hierfür sind u.a. Konkordate und Wohlfahrtspflege als bestes Mittel zur Remissionierung (Re-Klerikalisierung der Gesellschaft und des Staates). Dazu heißt es: „…hatten die lokalen Kirchen und kirchlichen Wohlfahrtseinrichtungen ihre Besitzungen und ihr Vermögen zum größten Teil behalten können. Sie hatten es jedoch vom ersten Augenblick an verstanden, sich als die ungerecht enteigneten Wohltäter zu stilisieren." (S. 106)

Auf S. 110 haben sich leider einige Rechenfehler bezüglich z.B. der Kirchenmitgliedschaft in Thüringen eingeschlichen, wie auch die Zahlen bezüglich der Kirchensteuerzahler in den ostdeutschen Ländern aus dem Jahre 1995 stammen. 24 Jahre danach sind diese in erheblichem Maße weiter gesunken. Hier hätte der Herausgeber doch besser per Anmerkung/Fußnote für Richtigstellung sollen.

Zum Staat-Kirche(n)-Verhältnis und Laizismus

Aus dem Jahre 2000 datiert eine Schrift, in der sich Neumann mit Streitfragen im Staat-Kirche-Verhältnis befaßt: „Es besteht keine Staatskirche" – oder: Papier ist geduldig. Hier geht er von den für Klerus und herrschende Politik besorgniserregend niedrigen Kirchenmitgliederzahlen in den beigetretenen ostdeutschen Bundesländern aus und schreibt:

„Wenn die Gesetzeslage und die Realität betrachtet werden, ist festzustellen, daß nicht nur eine Staatskirche besteht, sondern diese auch von Politik und Justiz – entgegen dem Wortlaut der Bundesverfassung und konträr zur tatsächlichen Entwicklung des kirchlichen Einflusses in der deutschen Gesellschaft – künstlich am Leben erhalten wird, weil die politische Klasse glaubt, nur mit Hilfe der Kirchen überleben zu können." (S. 112) – Nein, man glaubt es nicht nur, man kennt die europäische Geschichte nur zu gut: Die christliche Religion, die christlichen Kirchen sind das beste Herrschaftsinstrument, das es je gegeben hat.

Neumann beleuchtet hier das (scheinheilige) Agieren, insbesondere des katholischen Klerus, in beiden Weltkriegen, während des faschistischen Deutschland und nach 1945 in den westdeutschen Beastzungszonen bzw. der Bundesrepublik Deutschland. Er wird sehr deutlich, wenn er an Beispielen aufzeigt, wie sich der Klerus mit Hilfe willfähriger Politik und Justiz Machtpositionen aneignen konnte, wie sie teilweise nicht mal vor der Weimarer Republik bestanden hatten: pflichtiger Religionsunterricht an den Schulen, Nichtgeltung des Arbeitsrechtes für Unternehmen in kirchlichem Besitz, Einzug der Kirchensteuer genannten Mitgliedsbeiträge über Arbeitgeber und staatliche Finanzämter, lebenskundlicher Unterricht und Analoges bei der Polizei ausgerechnet durch Kleriker sowie diverse Geldzahlungen mit z.T. hanebüchensten Begründungen an die Kirchen.

Achja, waren denn DIE Kirchen nicht enteignet worden und müssen daher vom Staat, also von allen Steuerzahlern, auch den nichtchristlichen, alimentiert werden? Neumann schreibt dazu nur ganz kurz, aber sehr vielsagend:

„Die evangelischen Kirchen dürften über mindestens 4.000 Quadratkilometer [das entspricht fast der doppelten Fläche des Saarlandes; SRK] Grundbesitz verfügen. Katholische Finanzexperten schätzen den Grundbesitz der katholischen Diözesen, Domkapitel und Klöster noch größer ein. Dazu kommen Vermögensanlagen der katholischen Diözesen von schätzungsweise 80 bis 100 Milliarden D-Mark [heute wohl etwa 50 Milliarden Euro; SRK], ohne die Sakralbauten und den Grundbesitz. Diese Zahlen werden jedoch absolut geheim gehalten. Auch die kirchlichen bzw. synodalen Steuerräte vekommen darin keinen Einblick. Sie werden allein von hierarchischen Oberen verwaltet und kontrolliert." (S. 129) – Wie verlogen klingen doch da die Klagelieger der Priesterkasten von der achso armen Kirche der Armen…

Ebenfalls aus dem Jahre 2000 stammt Neumanns Schrift „Kultur- statt Kirchensteuer". Was er darin ausführt und wie er argumentiert, das hat bis heute nichts an Wert und Richtigkeit verloren. Zumal gerade im Frühjahr des Jahres 2019 der sich als LINKER bezeichnende Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow dieses Thema wieder aufs Tapet gebracht hat. Das Thema sei übrigens bereits in den 1960er Jahren aufgekommen. Warum? Darum: Als Ruf nach einer Sondersteuer als Kirchenaustrittsbremse, so bringt Neumann es auf den Punkt. Auf die detaillierten „Begründungen" dafür wie auf die rechtlich begründeten Gegenargumentationen soll hier nicht eingangen werden, Das würde – auch durch notwendig werdende Verkürzungen – diese Besprechung sprengen. Daher sollten gerade Menschen aus den freigeistigen Organisationen gerade diesen Aufsatz wortwörtlich zur Kenntnis nehmen.

Der Autor resümiert u.a. dies: „Die vorgeschlagene 'Sozial- und Kultursteuer' schließt weder eine 'Gerechtigkeitslücke' – die es in dem gemeinten Sinn, wie aufgezeigt, gar nicht gibt – noch dient sie dem Rechtsfrieden oder der Erhaltung der Funktionsfähigkeit des deutschen Sozialsystems. (…) Es ist überdies rechtspolitisch verfehlt, einen Mitgliedsbeitrag zu einer allgemeinen Steuer erstarken zu lassen." (S. 151-152)

Über Atheismus, Freidenkertum und Humanismus

Aus dem Jahre 1995 stammt Neumanns Schrift zur gesellschaftlichen Stellung, Entwicklung und Wandlung des modernen Atheismus. Hierin wendet er sich z.B. der Frage zu, wer überhaupt als Atheist gelten könne (nicht jeder aus der Kirche ausgetretene Mensch werde durch diesen Schritt zum Atheisten). Dezidiert geht er im folgenden auf den Atheismus als begriffliches Problem ein. Leider betrachtet er dabei den Atheismus nur mit Bezug auf das Christentum und nicht auf andere Religionen, schon gar nicht auf polytheistische.

Zur geringen gesellschaftlichen Bedeutung des atheistischen Humanismus und seiner geringen Wahrnehmbarkeit in der Öffentlichkeit schreibt Neumann:

„Kirchlich gesteuert propagieren interessierte Kreise das alte Vorurteil, nur ein gläubiger Mensch könne ein guter Bürger sein.Und kaum jemand widerspricht. Wie kommt das?" (S. 155) Und – noch zwanzig Jahre nach dieser Feststellung stößt z.B. ein LINKE-Politiker wie Gregor Gysi ins selbe Horn jener „interessierten Kreise"!

Zur klerikalen Strategie gegen Atheisten heißt es treffend: „Darum ist es nur konsequent, wenn der 'schuldlose' (!) Atheist als 'anonymer Christ' vereinnahmt wird. (…) Damit wird der atheistische Mensch in der Wurzel seines Selbst getroffen. Er wird als einer hingestellt, der noch nicht zu seinem vollen Bewußtsein gefunden hat." (S. 158) Weiter heißt es mit Blick auf das Hier und Jetzt: „Einem Atheisten traut man auch in unserer Gesellschaft noch alles erdenklich Böse zu. Vor allem in den Schulgesetzen mancher Länder und in den Ergebenheitsbeteuerungen der Politiker aller Couleur gegenüber den Kirchen erscheint der Nichtglaube als ein die staatliche Gemeinschaft Destruierendes, weil unterhöhlendes Element und der Nichtglaubende als einer, der außerhalb der staatlichen Ordnung steht." (S. 175) – Wohl eben deshalb biedern sich, um wenigstens an den Katzentischen der Macht zugelassen zu werden, die Granden vorgeblich linker Parteien und auch des HVD devot beim Klerus an.

Nicht teilen kann der Rezensent aber das Mißverstehen Neumanns der „Philosophie des dialektischen Materialismus".

„Für eine – neue – humanistische Sozialpolitik" spricht sich, versehen mit einem Fragezeichen, Johannes Neumann in einem Beitrag aus dem Jahre 1998 aus. Auch hier kann der Rezensent die Behauptungen, ja Vorurteile, Neumanns gegenüber der sozialistisch-kommunistischen Arbeiterbewegung und der DDR nicht teilen.

Voll zuzustimmen ist jedoch seiner bundesdeutschen Zustandsbeschreibung, die sich bis heute in keinster Weise geändert hat:

„Mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit nehmen die großen christlichen Institutionen in solchen Lebenslagen an, die seien die richtigen und hilfreichsten Ansprechpartner. Selbst in öffentlichen Krankenhäusern, Heimen und sonstigen pflegerischen Einrichtungen wird oft wie selbstverständlich davon ausgegangen, daß in Krisensituationen allein 'christlich-kirchlicher Zuspruch' hilfreich ist. Dabei wird vielfach nicht gefragt, ob 'Trost' dieser Art überhaupt erwünscht sei.

In den öffentlichen Krankenhäusern gibt es fast überall eine 'Krankenhausseelsorge' beider Konfessionen – humanistischer Zuspruch ist jedoch für schwere Lebenslagen offenbar nicht vorgesehen. Es wird allgemein davon ausgegangen, daß alle Menschen nach einem 'geistlichen' – und nicht nach einem 'menschlichen' Beistand verlangen." (S. 181)

Gerade weil es aber in Deutschland ein erhebliches Potential von Menschen gibt, die für humanistische und freidenkerische Ideen ansprechbar sein könnten, müßten die humanistischen Verbände unbedingt eigene sozialpolitische Angebote unterbreiten und entsprechende Einrichtungen schaffen.

Neumann resümiert dies in deutlichen Worten: „Unter den obwaltenden Umständen jedoch ist für sie die Gefahr groß, sich in wehrlosen Lagen, dem – vielleicht gut gemeinten – aber nicht weniger verletzenden geistlichen Terror ausgesetzt zu sein. Darum dürfte es lohnen, für diese Menschen Angebote zu entwickeln, daß sie sinnvoll zu leben und – nach einem Alter in Würde – und ohne geistliche Zumutung – zu sterben vermögen. (…) Die Feier der Namensgebung oder der Jugendweihe, die Betreuung Jugendlicher, einsamer Menschen und Sterbender wie auch die Funktion des Begräbnisredners können Ansatzpunkte für humanistische Aktivitäten sein. (…) Aber: Haben wir solche Angebote, die ebenso hilfreich wie interessant sind? Sind sie uns solche Mühe wert? Falls nicht, sollten wir uns nicht Humanisten nennen." (S. 193 – 194)

Ja, solche Angebote gibt es. Leider nur punktuell. Es gibt also viel zu tun. Wenn die vielen viel zu kleinen freigeistigen Organisationen eine Zukunft haben wollen, sollten sie endlich Neumanns Grundfrage eindeutig positiv beantworten. Auch sollte man den eigenen Tellerrand überspringen können/wollen, um durch Kooperationen die eigenen Kräfte zu potenzieren!

Zusammenfassendes Grundwissen – also Erkundungen durch die europäische Geschichte – vermittelt ein Artikel aus dem Jahre 1999, überschrieben mit „Am Anfang war der Humanismus". Ja, solches Wissen ist notwendig, wenn man einen praktischen Humanimus entwickeln will und vor allem, damit man aufgezwungenen Werte-Diskussionen argumentativ begegnen kann!

Ergänzt wird dieser Beitrag durch Neumanns zum Nach- und Weiterdenken anregenden Aufsatz über den Humanismus als Form autonomer Werteentscheidung aus dem Jahre 2000. Die wohl wichtigste Aussage darin ist diese Feststellung: „Die Gesetze der menschlichen Existenz führen keineswegs zum Postulat nur eines einzigen möglichen Wertesystems." (S. 227) Endlich wird von einem Humanisten so auch mal eine universalistische Sichtweise angeboten, und nicht nur die eurozentristische Weltsicht.

Auf drängende Fragen unserer Zeit geht Johannes Neumann auch in seinem relativ kurzen Artikel „Religion – Säkularisation – Gesellschaft" aus dem Jahre 2005 ein; hierfür wählte er den Untertitel „Gedanken eines Humanisten nach dem Woher und Wohin". Er konstatiert darin mit Blick auf die Re-Klerikalisierungsanstrenungen in Deutschland: „Es ist bezeichnend, daß gerade in Zeiten eines hemmungslosen Kapitalismus und der Verunsicherung der Lebensperspektiven weiter Bevölkerungskreise, solche religiös-fundamentalistischen Ideologien wieder Konjunktur haben. Das ist nicht verwunderlich, denn Religion ist nach wie vor 'Opium des Volkes'. Sie hilft vor allem gegen Aufmüpfigkeit und den Gebrauch des eigenen Verstandes.

Gerade aus dem gebildeten, von neuer Armut besonders bedrohten Mittelstand suchen offensichtlich viele Menschen diese Ideologien, die sie noch vor Jahren belächelt haben." (S.246)

Die Aussicht scheint also nicht rosig zu sein. Aber Neumann ist trotz allem Realismus auch Optimist und schließt seine Ausführungen mit diesem Satz, den Humanisten stets als Zitat auf den Lippen parat haben sollten, wenn salbadernde Christentumsverkünder predigen von der Wiederkehr ihrer Religion predigen: „Wenn Religion Zukunft hat, dann erst recht auch der universale und evolutionäre Humanismus." (S. 246)

Ebenfalls aus dem Jahre 2005 stammt ein „erweiterterTagungsbericht" (zur Tagung „Umworbene dritte Konfession") mit dem Titel „Humanismus organisieren" – von Neumann bewußt mit einem Fragezeichen versehen. Einige seiner Notate sollen, ja müssen, einfach hier zitiert werden:

„Die in Deutschland übliche Vereinnahmung aller Getauften als Kirchenmitglieder mag ideologisch einigermaßen korrekt sein. Sie offenbart jedoch durch die lebenslange Vereinnahmung all jener als Christen, die als kleine Kinder ungefragt getauft worden sind, den dem Christentum innewohnenden Herrschaftsanspruch." (S. 249) – Den Herrschaftsanspruch nicht nur über einen jeden Menschen, sondern über Staat und Gesellschaft generell!

Zu einer Binsenwahrheit in nichtreligiösen Kreisen stellt Neumann eine sehr gute, weil berechtigte, Frage: „Wer Wissenschaft, Kunst und Philosophie besitzt, bedarf in der Tat der Religion nicht.

Was aber, wenn Krankheit, Siechtum und Sterben nach ihm greifen?

Dann braucht der Mensch eine tiefe, selbstsichere humanistische Grundeinstellung. Und er braucht die Gemeinschaft gleich gesinnter Menschen, die ihn trägt." (S. 249) Das ist richtig, doch wo ist eine solche starke Gemeinschaft, die humanistische Grundeinstellungen weit verbreiten kann? Es folgen weitere Fragen, das immer noch ungelöste Staat-Kirche(n)-Verhältnis betreffend.

Den Humanismus definiert der Autor in diesem Zusammenhang als eine „Ethik ohne Erlösungsidee". Er schreibt diesbezüglich u.a.: „Wir predigen keine Erlösungslehre, wohl aber versuchen wir, uns gegenseitig zu helfen, daß wir zu uns selber gelangen können. Dazu scheint mir notwendig zu sein, eine humanistische Kulturarbeit und Freizeitkultur aufzubauen, die den Menschen, nein, konkret: UNS hilft, Gemeinschaft und Verläßlichkeit im Alltag zu erfahren. (…) Solche realen und ideellen Räume, in denen Gemeinsamkeit wachsen kann, brauchen wir zuallererst. (…)

Allerdings dürfen die weltlichen Humanisten, Agnostiker und Atheisten nicht länger wie eine verscheuchte Hühnerschar, unorganisiert und weithin ohne auch nur halbwegs tragfähige Vorstellungen und ohne überzeugende Leitbilder hüpfen." (S. 261 – 262)

Leider hat gerade das der Humanistische Verband Deutschlands noch immer nicht verinnerlicht… Und wohl mit Blick auf dieses große Manko wendet Neumann sich mit einem weiteren Aufsatz „Gleichbehandlung" aus dem Jahre 2007 einer Grundfrage der humanistischen Bewegung zu: Abbau kirchlicher Privilegien oder Erlangung solcher Privilegien auch für den HVD. Gemeint sind da vor allem die Fragen des Status als „Körperschaft des öffentlichen Rechts", die Staat-Kirchen-Verträge, einschließlich der Militärseelsorge, und der eigene Anspruch auch auf solche Verträge und daraus abzuleitende Staatsgelder.

Aber wo bleibt der Humanismus? Welche Gefahren erwachsen, wenn man sich zu sehr gleich macht mit der Insitution Kirche? Neumann findet da eine sehr dezidierte Antwort: „Die bloße Ideologie des Kapitalismus, mit einem Humanismus light der Beliebigkeit, ist nach unserem Verständnis kein Humanismus, sondern unsoziale Wurstigkeit ohne eine Perspektive, wie Menschen positiv zusammenleben können. Das, was Raubtierkapitalismus genannt, wird, nämlich die absolute Dominanz der eigenen Interessen, schadet nicht nur dem Individum, sondern zerstört die Gesellschaft." (S. 270)

Wenn es um solche Privilegien, wie die den Kirchen eingeräumten bzw. die von diesen sich selbst angemaßten, geht, dann spielen immer Interessen eine Rolle. Im Falle der Kirchen ist das die Priesterkaste, deren materielle Interessen über allem zu stehen haben. Und die freigeistigen Verbände sollten deshalb eine Erkenntnis aus der Arbeiterbewegung beherzigen, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts gemacht wurde: „Wenn die Funktionäre nicht mehr für die Organsation leben, sondern nur noch von der Organisation leben wollen, dann verliert diese Organisation nicht nur ihre Kraft, sondern auch ihren Sinn und Zweck."

Abgerundet wird dieser Sammelband durch ein Nachwort von Ursula Neumann, intellektuelle Partnerin und Ehefrau des Johannes, in dem sie ihre gemeinsame Entwicklung von der Theologie zum Humanismus skizziert.

 

Siegfried R. Krebs

Johannes Neumann: Humanismus und Kirchenkritik. Beiträge zur Aufklärung. Reihe Humanismusperspektiven, Band 5. Hrsg.v.Horst Groschopp. 294 S. Taschenbuch. Alibri-Verlag. Aschaffenburg. 25,00 Euro. ISBN 978-3-86569-288-7

Entnommen: http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/johannes-neumanns-unverzichtbare-beitraege-zur-aufklaerung/?fbclid=IwAR2vhMd6XIcoRx5nExlsQvcrp0jpWH-2guqfZU8b0ZMRH6SrNoe1lo34bQA

 

 
14.05.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 

 




Mayday – Save Our Souls


IAFLDie persönliche Vorgeschichte:

Wie könnte man einen solchen Tag jemals vergessen? Wir befanden uns auf einem Flug von Leeds in Nordengland nach Nizza in Südfrankreich. Außer meinem Kopiloten und mir war nur ein einziger Passagier an Bord, der Rallye-Pilot A.S., der in Frankreich noch schnell vor dem Beginn der Rallye verschiedene Reifen testen sollte. In Flugfläche 200, also auf 20 000 Fuß Höhe, zogen wir ruhig unsere Bahn in pechschwarzer Nacht. Routine, keine besonderen Vorkommnisse. (Foto: Privatbesitz). Dass wir soeben die englische Küste in Richtung Kanal überquerten, wussten wir nur von unseren Instrumentenanzeigen, zu sehen war nichts. Kurz bevor die englische Bodenkontrolle uns an die französischen Kollegen übergeben würde geschah, was für jeden Piloten ein Albtraum erster Güte ist: Beide Triebwerke begannen unruhig zu arbeiten, der Treibstoffdruck ließ nach, die „engines“ verloren Leistung. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie endgültig ihren Dienst quittieren würden. Ich gab die nun erforderliche Mayday-Meldung nach London ab. Man darf wissen: in der Luftfahrt gibt es das seemännische SOS nicht. „Mayday“ ist eine Verballhornung des französischen „M’aidez“ – “Helft mir!”

Die Reaktion war professionell. „Next suitable airport“, der nächste geeignete Flughafen für die angepeilte Notlandung war London Gatwick, wenn wir es denn erreichen sollten. Mein Kopilot, ein noch unerfahrener junger Mann, war völlig verstört. Nicht etwa weil er Angst gehabt hätte, dazu war sein Vertrauen in mich als seinen Ausbilder zu groß. Nein, er fand die Anflugkarten von Gatwick, um die ich ihn gebeten hatte, nicht. Trotz des unvermeidlichen Stress musste ich feixen: er hatte unter „G“ gesucht, nicht aber unter „L“ wie London-Gatwick. Mein Lachen verging mir von einer Sekunde auf die andere, als mir der Fluglotse die Frage stellte, die mir auch heute noch, 30 Jahre nach den Geschehnissen, in der Erinnerung einen Schauer über den Rücken fahren lässt: „How many souls on board?“ Er musste schließlich seine Infos sammeln, bevor wir uns möglicherweise in einen Haufen rauchender Trümmer verwandelten. Nein, wirklich, er sagte nicht etwa: „how many persons“ oder „how many people“, er wollte die Anzahl der an Bord befindlichen „Seelen“ wissen. Wir schafften es mit Ach und Krach bis Gatwick, der gesamte Luftraum um uns herum wurde freigemacht, sehr zum Ärger der aus Übersee kommenden Piloten, die nun für fast eine Stunde in die Warteschleifen rund um Gatwick geschickt wurden. Meine Landung in Gatwick war wohl nicht ganz so butterweich wie man es als Pilot so gerne hätte. Jedenfalls wachte unser Passagier, der „selig“ geschlafen hatte, auf und sagte in seinem unnachahmlichen Fränkisch: „Was, sind wir schon in Nizza? Nein? Aber was machen wir denn in London?“ Er hatte nicht mitbekommen, dass soeben seine Seele davor bewahrt wurde, seinen Körper verlassen zu müssen.

Die Erschaffung der Seele

Die Frage nach dem Wesen der menschlichen Seele wurde Jahrtausende lang ausschließlich von Theologie und Philosophie beantwortet. Erst in neuerer Zeit haben sich die Naturwissenschaften als Antwortende eingereiht. Der normale Sterbliche weiß von seiner Seele in aller Regel nur das, was ihm von Kindesbeinen an von „Seelsorgern“ eingetrichtert wurde: irgendetwas Quasi-Göttliches, das in einem wohnt, und in dem sich alle gottgegebenen Regeln bündeln, die einen auf den rechten Pfad führen. Das „Seelenheil“ ist dabei so wichtig, dass der Gläubige gelegentlich mit einem „Seelenhirten“ Rücksprache halten muss (Beichte), damit sein „Seelenfrieden“ nicht durch Verunreinigung Schaden nimmt. Und wenn er einst gestorben ist, so wird man für ihn ein „Seelenamt“ abhalten und eine „Seelenmesse“ lesen, denn auch als Toter ist seine Seele schließlich noch vorhanden, zwar in einer anderen Welt, aber durch die Worte des Priesters durchaus noch erreichbar. Das erste Wesen mit schriftlich attestierter „Seele“ war laut Genesis Adam, dem Gott, nachdem er ihn aus einem Lehmklumpen geformt hatte, den Lebensodem einhauchte. Nach diesem schwerwiegenden Akt war Gott übrigens dermaßen erschöpft, dass er erst einmal einen Tag Pause einlegen musste – eine sehr menschlich naive Vorstellung von einem Allmächtigen, die vielen christlichen Kulturen allerdings einen Feiertag bescherte.

Der Dualismus Körper und einer von ihm unabhängigen Seele entspricht dabei durchaus nicht der urchristlichen monistischen Auffassung von der Einheit von Körper und Seele. Hatten nicht die Jünger den Auferstandenen als leiblich-seelische Einheit nach einigen Anfangsschwierigkeiten der Identifikation eindeutig erkannt? Sie nahmen ihn eben nicht als Geist oder Engel wahr, sondern als leibhaftigen Menschen, den sie anfassen konnten. Da lag es nahe, an eine leibliche Auferstehung zu glauben. Doch in den Gräbern verwesten weiterhin die Leichen, das leere Grab des Jesus aus Nazareth blieb die einzige Ausnahme. Das Aufkommen dualistischer Vorstellungen von Leib und Seele war eine zwingende Folge dieses nicht zu leugnenden Tatbestandes. Die folgenden Diskussionen bezogen sich deshalb eher darauf, wann denn nun eigentlich die Seele in den Menschen gelange. Gab es seit Beginn dieser Welt einen quasi unendlichen Vorrat an Seelen, von denen jeweils eine bei Bedarf einem Neugeborenen Wesen implantiert wurde? Und wird diese Seele nach dem Ableben ihres Trägers dem globalen Seelenpool wieder zugeführt? Das wäre keine schöne Vorstellung für die meisten gewesen, grenzte möglicherweise auch zu sehr an Vorstellungen von Seelenwanderung wie sie anderen Religionen eignet. Man entschied sich schließlich für die erheblich attraktivere Idee eines Jenseits voll mit Individuen. Das ließ sich erheblich besser an diejenigen verkaufen, die Angst vor einem endlosen Nichts nach dem Tode hatten. So wurde die Vorstellung genährt, dass man letztendlich alle seine bereits verstorbenen Verwandten im Jenseits in die Arme schließen werde und mit jedermann, einschließlich der Schwiegermutter, in perfekter, ewiger Eintracht dahinleben werde.

Auch Vorgang und Zeitpunkt, zu dem die Seele dem Körper beigegeben wird, wurden eindeutig festgelegt: Weder nahm Gott eine bereits geschaffene Seele aus dem großen Pool, noch wurde die Seele mit dem väterlichen Samen an die Nachkommen weitergegeben (das Ovulum war noch nicht entdeckt) – obwohl dies so elegant die Weitergabe der Erbsünde erklärt hätte. Nein, bei jedem Befruchtungsakt erschafft Gott eine ganz neue, spezifisch auf dieses entstehende Wesen abgestimmte Seele und gibt sie dem werdenden Zellhaufen bei. Da behaupte nun einer, Gott sei heutzutage nur noch überwachend und nicht mehr schöpferisch tätig. Dieser großen Mühe, der sich Gott für jedes Einzelwesen unterzieht, trägt vor allem die katholische Kirche bis auf den heutigen Tag Rechnung, wenn sie so vehement und manchmal auch militant gegen Masturbation, Abtreibung oder Verhütung ankämpft. Eine zunehmend geringer werdende Anzahl Menschen folgt ihr allerdings in dieser rigiden Interpretation. In die Welt gesetzt wurde die Idee einer beim Befruchtungsvorgang von Gott geschaffenen Seele (Kreatianismus, nicht mit dem Kreationismus zu verwechseln) von Laktanz, einem wohl 325 verstorbenen Kirchenlehrer. Sie hat sich gegen zahlreiche Anfeindungen in der römisch-katholischen Kirche vollständig durchgesetzt und bis auf den heutigen Tag praktisch unverändert erhalten.

Die vielen Seelen in unserer Brust – oder wo auch immer

Viel interessanter in der Historie blieb die Frage, an welcher Stelle sich die beigegebene Seele denn nun im Körper einnistet. Bis auf die Extremitäten und die Geschlechtsteile sind alle möglichen Orte im Körper in Erwägung gezogen worden. Die „Seele in meiner Brust“ reflektiert noch deutlich eine der althergebrachten Vorstellungen. Neue Impulse bekam die Debatte in der Neuzeit insbesondere durch René Descartes’ Naturphilosophie und Metaphysik. Nach Descartes (1596–1650) hat man streng zwischen einer ausgedehnten Materie (res extensa) und einer denkenden Seele (res cogitans) zu unterscheiden. Der Körper, zu dessen Bereich Descartes die irrationalen Lebensakte zählt, ist ein Teil der Materie und lässt sich vollständig im Rahmen der Mechanik erklären, während sich die denkende Seele als immaterielle Entität der empirischen Forschung entzieht.

Man war damals davon überzeugt, dass die Fähigkeit zu sprechen und intelligent zu handeln sich durch die Interaktion physischer Komponenten nach Naturgesetzen nicht erklären lasse, sondern vielmehr etwas Nichtphysisches voraussetze, das man berechtigterweise Seele nennen könne. Nach Descartes’ dualistischer Konzeption kann man die Seele nicht im Körper oder an irgendeinem Ort der materiellen Welt lokalisieren. Allerdings gebe es eine Kommunikation zwischen Seele und Körper, deren Ort auffindbar sei. Descartes vermutete, die Epiphyse (zu deutsch Zirbeldrüse) sei der zentrale Ort des Austauschs zwischen Seele und Körper. Diese Hypothese wurde allerdings durch die empirische Forschung bald widerlegt. Die Kritik an Descartes’ Epiphysentheorie führte jedoch zu zahlreichen neuen Hypothesen über den Ort des Seelenorgans. Heute gilt es auch bei den Anhängern des dualistischen Seelenkonzepts wie beispielsweise Richard Swinburne als mehr oder weniger unbestritten, dass die Seele mit Denken (res cogitans) und Bewusstsein ihren Ort im Gehirn habe. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht nicht ganz unwichtig, dass die in der lateinischen Bibel als „anima“ bezeichnete Seele in der Septuaginta noch mit „psyche“ wiedergegeben wird.

Das ist insofern von Bedeutung, als die moderne Naturwissenschaft eindeutig das Gehirn als Ort des Denkens und des Bewusstseins, also auch der Psyche, lokalisieren kann. Wenn aber die Gleichung “Seele gleich Bewusstsein” Gültigkeit haben soll, stellt sich eine völlig neue Frage: Wenn Denken offensichtlich an messbare Gehirnströme, chemo-elektrische Prozesse, gebunden ist, also materiell bedingt – wozu dann noch eine Seele? Die, weil immateriell, unnachweisbar eine andere, bisher unbekannte Energieform aufweisen müsste. Paraphysiker und Klerikale glauben fest daran: wie sollte es denn sonst möglich sein, mit Verstorbenen zu kommunizieren? Denken und Bewusstsein sind mit dem Tod unweigerlich zu Ende, weshalb es nach materialistischer (monistischer) Auffassung auch kein wie immer geartetes Weiterleben nach dem Tod geben kann. Mit der Materie stirbt auch das Bewusstsein. Die Kirche ist sich offensichtlich zum Zeitpunkt, als sie Descartes’ Definition von Seele als res cogitans übernahm, nicht klar darüber gewesen, welche Konsequenzen mit dieser Adaptation verbunden sind. Deshalb beharrt sie heute zwar auf dem dualistischen Prinzip, löst sich aber gleichzeitig von der Gleichung “Seele gleich Bewusstsein”.

Seele darf nicht sterben

Was beinhaltet denn nun eine von Denken und Bewusstsein befreite Seele? Letztlich bleiben nur die göttlichen Moral- und Ethikvorstellungen, oder besser: die vom Bodenpersonal verordneten Ideen. Für die von ihnen zusammengestellte Liste von Gut und Böse mussten sie allerdings gehörig sortieren, denn ganz so einfach ergibt sich das aus ihren Schriften nicht. Oder ist es zum Beispiel ein Zeichen höherer Moral, wenn ein Vater bereit ist, den eigenen Sohn zu ermorden, bis er buchstäblich in letzter Sekunde von Gott, der es ihm befahl, daran gehindert wird: „Lass mal bleiben, ich hab ja nur Spaß gemacht“? Oder wenn eine ganze Ortschaft wie Sodom und Gomorrha inklusive aller unschuldigen Kinder dem Erdboden gleichgemacht wird, nur weil einige wenige der „Sünde“ verfallen waren? Welche Moral kann man denn aus solchen Geschehnissen ableiten? Das ficht die Herren natürlich nicht an. Sie nennen ihre hausgemachte Moral weiterhin „gottgegeben“. Der zornige Miesepeter Jahwe wird einfach ausgeklammert.

Es lässt sich nun zeigen, dass unterschiedliche Kulturen im Laufe der Geschichte durchaus im Detail unterschiedliche Moralvorstellungen entwickelt haben. Doch eine erhebliche Anzahl wie zum Beispiel die Ächtung von Mord und Diebstahl teilen alle. Das legt die Vermutung nahe, dass hier evolutionäre Prozesse im Spiel sind, die in ihrem Grund mit religiösen Vorschriften nichts zu tun haben. Es ist für Kleriker völlig unvorstellbar, dass Ethik und Moral sich auch evolutionär entwickelt haben könnten. Ob solche Vorstellungen indirekte oder direkte Produkte der Evolution sind befindet sich in heftiger wissenschaftlicher Diskussion.

Es sei nicht verschwiegen, dass es durchaus „naturwissenschaftliche“ Ansätze zur Rettung der Seele und damit für ein Leben nach dem Tode gibt. Kirchen sind schließlich nicht zuletzt auch eine finanzielle Großmacht. Sie sind vor allem daran interessiert, dass der von ihnen verwendete Seelenbegriff nicht sang- und klanglos mit modernen Erkenntnissen untergeht. Sie würden ihr letztes Repressionsmittel verlieren. Der von ihnen postulierte „Sinn des Lebens“ hätte jede Gültigkeit verloren. Bleibt noch die Angst vor dem Tod, die durch die Einhaltung religiöser Normen genommen werden soll: „Wenn du brav bist, kommst du ins Paradies.“ Zu bedenken bleibt allerdings, dass die Möglichkeit eines wie auch immer gearteten Weiterlebens nach dem Tode theoretisch denkbar ist – und zwär völlig ohne Koppelung an religiöse Vorstellungen. Allerdings verkauft Kirche gerne den Glauben gleich im Doppelpack mit dem Jenseits, obwohl das rein logisch nicht haltbar zu sein scheint. Unabhängig von dieser Frage: Halten wir es doch einfach mit Epikurs’ vergnüglicher Botschaft:  „Genieße das Leben, Du hast nur eines! Angst vor dem Tod? Denke daran, solange Du bist, ist er nicht! Und wenn er ist, bist Du nicht mehr! Was also ängstigst Du Dich?“

Das kann und darf nicht heißen, dass diejenigen, die den starren Regeln der Religionen nicht folgen mögen, nun keinerlei ethische Normen zu einem vernünftig und verantwortungsbewusst geführten Leben benötigten. In einem lesenswerten Beitrag behandelt Prof. Bernulf Kanitscheider, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Giordano Bruno Stiftung und des Wissenschaftsrates der GWUP, die „Grundzüge einer naturalistischen Philosophie und Ethik“: „Eine naturalistische Ethik wird also sicher sparsam mit Restriktionen umgehen. Nur so viele Forderungen werden aufgestellt, dass das Wohlbefinden aller Individuen der Gemeinschaft garantiert ist. Ziel einer solchen Ethik ist, dass Menschen nicht aus Selbstzweck irgendwelche Prinzipien erfüllen müssen, sondern dass alle – soweit von den materialen Randbedingungen her möglich – ein aus ihrer eigenen Sicht gelungenes Leben führen können. So steht die naturalistische Ethik im Dienste der Idee eines glücklichen Lebens, dem Zentrum eines modernen säkularen Humanismus.“




Es gibt keine Religionsersatzpflicht!


EthikIn Österreich will die ÖVP nun wirklich einen Ethikunterricht einführen, den allerdings nicht alle besuchen müssen, sondern nur Nichtteilnehmer am Religionsunterricht! Was eine deutliche Einschränkung des Rechtes auf Religionsfreiheit bedeutet!

Die Religionsfreiheit steht im Artikel 14 des Staatsgrundsgesetzes:
(1) Die volle Glaubens- und Gewissensfreiheit ist jedermann gewährleistet.
(2) Der Genuss der bürgerlichen und politischen Rechte ist von dem Religionsbekenntnisse unabhängig; doch darf den staatsbürgerlichen Pflichten durch das Religionsbekenntnis kein Abbruch geschehen.
(3) Niemand kann zu einer kirchlichen Handlung oder zur Teilnahme an einer kirchlichen Feierlichkeit gezwungen werden, in sofern er nicht der nach dem Gesetze hiezu berechtigten Gewalt eines anderen untersteht.

Und dann gibt es aus derselben Zeit auch gesetzlich Regelungen dieser Art:
Im Gesetz vom 25. Mai 1868 über die interkonfessionellen Verhältnisse der Staatsbürger werden die religiösen Verhältnisse in Österreich staatlich-rechtlich geordnet. Über den Konfessionswechsel und Kirchenaustritt heißt es:
Artikel 4. Nach vollendetem 14. Lebensjahr hat Jedermann ohne Unterschied des Geschlechtes die freie Wahl des Religionsbekenntnisses nach seiner eigenen Überzeugung und ist in dieser freien Wahl nötigenfalls von der Behörde zu schützen. Derselbe darf sich jedoch zur Zeit der Wahl nicht in einem Geistes- oder Gemütszustande befinden, welcher die eigene freie Überzeugung ausschließt. (..)
Artikel 6. Damit jedoch der Austritt aus einer Kirche oder Religionsgenossenschaft seine gesetzliche Wirkung habe, muss der Austretende denselben der politischen Behörde melden, welche dem Vorsteher oder Seelsorger der verlassenen Kirche oder Religionsgenossenschaft die Anzeige übermittelt. Den Eintritt in die neu gewählte Kirche oder Religionsgenossenschaft muss der Eintretende dem betreffenden Vorsteher oder Seelsorger persönlich erklären.
Artikel 7. Die Bestimmung des § 768 lit. a) ABGB., vermöge welcher der Abfall vom Christentum als Grund der Enterbung erklärt wird, dann die Verfügungen des § 122 lit. c) und d) StG., womit derjenige, welcher einen Christen zum Abfalle vom Christentum zu verleiten oder eine der christlichen Religion widerstrebende Irrlehre auszustreuen sucht, eines Verbrechens schuldig erklärt wird, sind aufgehoben. Es ist jedoch jeder Religionspartei untersagt, die Genossen einer anderen durch Zwang oder List zum Übergang zu bestimmen. (..)

Soweit ein paar Gesetzeszitate.

Der Religionsunterricht war zu Anbeginn der Schulpflicht ein wichtiges Element, die religiöse Erziehung steht dadurch auch heute noch im Schulorganisationsgesetzes §2: "Die österreichische Schule hat die Aufgabe, an der Entwicklung der Anlagen der Jugend nach den sittlichen, religiösen und sozialen Werten sowie nach den Werten des Wahren, Guten und Schönen durch einen ihrer Entwicklungsstufe und ihrem Bildungsweg entsprechenden Unterricht mitzuwirken. Sie hat die Jugend mit dem für das Leben und den künftigen Beruf erforderlichen Wissen und Können auszustatten und zum selbsttätigen Bildungserwerb zu erziehen."

Das Grundrecht der Religionsfreiheit gilt aber auch im Schulbereich, darum ist im Religionsunterrichtsgesetz (1949) die Abmeldung vom Religionsunterricht vorgesehen, zum Religionsunterrichtsbesuch heißt es dort:
§ 1. (1) Für alle Schüler, die einer gesetzlich anerkannten Kirche oder Religionsgesellschaft angehören, ist der Religionsunterricht ihres Bekenntnisses Pflichtgegenstand an den öffentlichen und den mit dem Öffentlichkeitsrecht ausgestatteten …. Schulen.
(2) Schüler, die das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, können jedoch von ihren Eltern zu Beginn eines jeden Schuljahres von der Teilnahme am Religionsunterricht schriftlich abgemeldet werden; Schüler über 14 Jahren können eine solche schriftliche Abmeldung selbst vornehmen.

Das bedeutet, dass der Religionsunterricht nur für Mitglieder einer gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaft als Pflichtgegenstand gilt und das auch nur im eingeschränkten Umfang, weil es das Recht auf Abmeldung gibt. Durch die Einführung eines Ethikunterrichtes für Nichtreligiösorganisierte kann kein Pflichtunterricht entstehen, weil es keine Religionspflicht gibt, kann es auch keine Ersatzreligionspflicht geben.

Daher Ethikunterricht entweder für ALLE oder wenn nur für die Konfessionslosen, dann mit derselben Abmeldemöglichkeit wie beim Religionsunterricht.

Denn wenn man einen neuen Unterrichtsgegenstand einrichten will, um Schüler darauf vorzubereiten, selbstbestimmte, verantwortliche und tolerante Bürger einer modernen pluralistischen Demokratie zu werden, dann muss dieser Unterricht nicht nur den Nichtreligiösen, sondern allen erteilt werden (Staatsbürgerkunde, Lebenskunde). Weil eine Erziehung zu selbstbestimmten, verantwortlichen und toleranten Bürger einer modernen pluralistischen Demokratie erhält man im Religionsunterricht nicht!

 

Aus http://www.atheisten-info.at/infos/info4533.html




Welches sind die „christlichen Werte“, die die Kirche vermittelt?


nicholas-1562830_1280geraltWir bringen einen Artikel von Prof. Dr. Uwe Lehnert bei Freigeist-Weimar.de (7.8.13): Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit werden die sog. christlichen Werte beschworen. Aber gibt es eigentlich “christliche Werte”? Was wird eigentlich unter den “christlichen Werten” verstanden? (Bild: geralt, pixabay)

Es sind nach christlicher Lehre die Anerkennung "Gottes" als Schöpfer der Welt und des Menschen und zugleich als oberste Moralinstanz, die Zehn Gebote und die wesentlichen Aussagen der Bergpredigt wie Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Barmherzigkeit. Alle diese normstiftenden Prinzipien würden aus der Bibel folgen, deshalb habe dieses Buch als Grundlage allen täglichen, vor allem moralischen Handelns zu gelten.

Unterziehen wir diese sogenannten christlichen Werte einer kurzen Beurteilung.

Erstens: Den christlichen Gottesglauben für alle Menschen verbindlich zu machen, ist in einer multi-weltanschaulichen Gesellschaft undemokratisch. Dies ist konkret der Fall, wenn Verbote, wie z. B. zum Schwangerschaftsabbruch, zur Sterbehilfe oder zur Embryonenforschung, mit dem christlichen Menschenbild begründet, aber als Gesetze allgemein verbindlich gemacht werden, also auch für Anders- und Nichtgläubige gelten sollen.

Zweitens: Die Zehn Gebote (vgl. 2. Buch Mose, dort steht der Originaltext!) stammen aus archaischer Zeit. Das 1. Gebot verneint die Religionsfreiheit und droht mit Sippenhaft ("bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation"), das 10. Gebot spricht wie selbstverständlich von Sklaven (neuerdings schönfärberisch "Diener" genannt) und stellt Frauen den Sklavinnen und Haustieren gleich, quasi als natürlichen Besitz des Mannes dar, von Gleichberechtigung der Geschlechter ist keine Rede.

Die Gebote 5 bis 9 sind selbstverständliche Verhaltensnormen, die weltweit in jeder Gesellschaft Gültigkeit haben, also nicht als typisch christlich gelten können, sie finden sich im Grundsatz bereits im Ägyptischen Totenbuch und im Codex Hammurabi des antiken Mesopotamien – also schon lange vorher niedergeschrieben.

Drittens: Auch die Grundaussagen der Bergpredigt entsprechen in weiten Teilen einem weltweit gültigen Ethos. Die gern als spezifisch christlich bezeichnete Barmherzigkeit und Nächstenliebe findet sich auch in anderen Religionen und Kulturkreisen und entspricht im Übrigen dem, was mit Solidarität bezeichnet wird, ein Prinzip gegenseitig praktizierter, evolutionär entwickelter Mitmenschlichkeit.

Viertens: Die in vielen Teilen Gewalt (z.B. Landraub) und Inhumanität (z.B. Sklaverei) rechtfertigende sowie heutige moralische Standards negierende Bibel als Grundlage moralischen Verhaltens zu bezeichnen, zeugt von sträflicher Unkenntnis weiter Teile der Bibel.

Es gilt vielmehr festzustellen:

Die uns heute wichtigen Werte und Normen stammen gerade nicht aus der Bibel, sie sind Ergebnis moralisch-ethischer Weiterentwicklung des Menschen und der menschlichen Gesellschaft selbst. Es sind dies die Menschenrechte wie Meinungsfreiheit als geradezu grundlegendes Recht, das Recht auf Selbstbestimmung, Gleichheit und Gleichberechtigung, Religions- und Wissenschaftsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und vieles andere mehr.

Nichts davon steht in der Bibel, sie steht einem demokratischen, die Menschenrechte verbürgenden Staat geradezu entgegen. Alle diese Rechte mussten vielmehr dem Christentum bzw. einer politisch agierenden Kirche in verlustreichen Kämpfen abgetrotzt werden. Die Kriterien, nach denen selbst Christen die Steinigung von Ehebrecherinnen, das Töten von Homosexuellen oder das Kaufen und Halten von Sklaven ablehnen, obwohl diese Gebote bzw. Aufforderungen biblisch legitimiert sind, stammen gerade nicht aus der Bibel, sie sind ein Ergebnis der auf Vernunft gründenden Aufklärung.

 

Uwe Lehnert

 

Kommentar wb: Also noch nicht mal die Nächstenliebe ist originär christliches Kulturgut.

Der Beitrag ist dem Buch von Uwe Lehnert entnommen: Warum ich kein Christ sein will – Mein Weg vom christlichen Glauben zu einer naturalistisch-humanistischen Weltanschauung. Marburg, 2015, 6., aktualisierte und erweiterte Auflage, 500 Seiten, 24,95 €, bei AmazonInfo vom neuen Verlag.




Michael Blume: „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“


AntisemitismusRezension von Gerfried Pongratz:

Nach „Islam in der Krise“ (2017) widmet der Religions- und Politikwissenschaftler Michael Blume sein neuestes Buch den „tiefen Ursachen des Antisemitismus“, verbunden mit dem Versuch, „das ‘Mysterium‘ ein wenig zu enthüllen“ (S. 170). Der Untertitel „Wie neue Medien alte Verschwörungsmythen befeuern“ verdeutlicht die Hauptrichtung der Darstellungen; neben religionswissenschaftlichen sind es vor allem medienwissenschaftliche Erläuterungen, die die Grundlagen und Entwicklungen sowie das zerstörerische Potential von Antisemitismus beleuchten.

Drei Hauptkapitel bilden das Grundgerüst des Buches. Das erste „Mythen und Missverständnisse“ beschreibt die „Kennzeichen des Antisemitismus“: Er resultiert aus einer Gemengelage von Verschwörungsmythen (nicht Verschwörungstheorien, die widerlegbar wären), die seit biblischer Zeit schreckliche Auswirkungen zeitigen und auch heute noch die Grundlagen der Zivilisation erschüttern können: „Jedes Volk, jede Kultur und jede Religion, in denen Verschwörungsmythen die Wahrnehmungen und Debatten prägen, verurteilt sich selbst zu Ignoranz, Gewalt und Armut“ (S. 21).

Die z.T. autobiografischen Ausführungen – der Autor wurde von der Landesregierung Baden-Württemberg zum ersten Beauftragten gegen Antisemitismus in Deutschland berufen – münden in die Erkenntnis einer allgemeinen, nicht nur gegen Juden gerichteten Bedrohung der Gesellschaft durch Antisemitismus: „Deswegen dient der Kampf gegen Antisemitismus dem Schutz aller Menschen, Religionen, Weltanschauungen und Staaten. Antisemitismus bedroht am Ende uns alle“ (S. 171).

Der Autor vertritt die These, dass für das Verständnis von Semitismus und Antisemitismus keine Pseudo-Genetik und keine Verschwörungsmythen notwendig sind: „…vielmehr haben wir es mit der immer noch völlig unterschätzten Wirkung von Medien zu tun. Haben wir erst einmal begriffen, wer dieser mythologische „Sem“ (Anm.: ältester Sohn Noahs) laut den frühen Überlieferungen war, welche Erfindungen und Tätigkeiten ihm symbolisch zugeschrieben wurden – dann ergibt sich auch ein neuer Blick auf die Gegenmythen des Anti-Sem-itismus“ (S. 31). Das Buch beschreibt die Kennzeichen und Geschichte des Antisemitismus mit seinen christlichen (bis hin zu Luther) und muslimischen Wurzeln sowie auch nichtreligiösen Antisemitismus und die Verknüpfung von Antisemitismus mit Antiamerikanismus: „Antisemitismus funktioniert wie eine das Böse verabsolutierende „Weltreligion“.

Das zweite Hauptkapitel „Sems Erfolgsgeheimnis“ erläutert, wie sich aus „der Geburt des Schreibens“ die „Geburt der Zivilisation“ entwickelte und dabei auch Antisemitismus begründete. Religion und Recht entstanden im Medium der Alphabetschrift; nicht mehr Tempel, sondern Schriften wurden die bedeutendsten Träger der Lehren (S. 101); „…die Geistes- und Kulturgeschichte unseres Planeten ist nicht ohne den massiven Einfluss der Medien zu verstehen“ (S. 102). „Die Alphabetschrift ist die Botschaft, gegen die sich die Gegenmythologie des Antisemitismus bis heute stemmt“ (S. 105). Die unterschiedliche Gestalt der Alphabetschriften (hebräisch: nicht vokalisiert, griechisch/lateinisch: vokalisiert) erklärt nicht nur die Heranbildung des Judentums, sondern auch das Auseinanderbrechen von Juden- und Christentum sowie später von Religion und Wissenschaft. Vokalarme Alphabete erzeugen „Mehrdeutigkeiten“ und Auslegungsräume, vokalisierte eignen sich besser für präzise Aussagen, Philosophien und Wissenschaften. „Ob reich oder arm: Wer liest, schreibt und gelesen wird, übt Macht aus und entscheidet mit, was überhaupt und wie erinnert wird“ (S. 121). Jüdinnen und Juden vermochten sich über ihre Schriften ….zurückbinden, dagegen formulierten schon frühe Antisemiten Verschwörungsmythen“ (S. 124).

Die Wurzeln des islamischen Antisemitismus liegen nicht zuletzt im 1485 erfolgten Verbot des Drucks von arabischen Lettern. Dies ließ die einst führende islamische Zivilisation in eine Bildungs- und Identitätskrise stürzen, von der sie sich bis heute nicht erholt hat (2013 besaß Israel mit 8 Millionen Einwohnern 4.789 Patente, die gesamte arabische Welt mit >300 Millionen Menschen kam auf rund 1.800 Patentanmeldungen; 0,2% der Weltbevölkerung sind Juden, über 20% aller bisher verliehenen Nobelpreise gingen an Personen jüdischer Herkunft). Der Schlüssel des jüdischen Erfolges heißt „Bildung“ und liegt in der jüdischen Betonung des Lernens (wobei allerdings die meisten Erfolge in den Wissenschaften nicht von religiösen, sondern von säkularen Juden ausgingen).

Obwohl Semiten keine Rasse sind, besitzt Antisemitismus seit jeher auch – religiös oder säkular begründet – rassistische, frauenfeindliche und homophobe Elemente; der Autor widmet Rassismus ein eigenes Kapitel: „Die Zukunft ist nicht durch menschliche „Rassen“ und Märchen angeblicher heiler Vergangenheit determiniert, sondern offen für jene, die lesen, forschen, schaffen“. „Rassismus und Antisemitismus erweisen sich nicht nur als sachlich falsch und menschenverachtend, sondern darüber hinaus auch noch als Standortnachteile auf dem Weg ins dritte Jahrtausend“ (S. 152).

Das 3. Hauptkapitel „Mythen, Medien, Mächte“ mit „Ein Blick zurück nach vorn“ beleuchtet religionswissenschaftlich die Entwicklung des Judentums und Antisemitismus‘, „der selbst nach dem Menschheitsverbrechen der Schoah nicht verschwunden ist“ und sich, im Gegenteil, wieder stark verbreitet: „Solange Menschen leben, werden in jeder Generation semitische und antisemitische Mythen um die Herzen und Köpfe ringen“ (S. 167). Dies betrifft auch christlichen Antisemitismus: Es wird „…noch Generationen dauern – wenn es überhaupt je ganz gelingt -, antisemitische Mythen innerhalb der christlichen Traditionen aufzuklären und zu überwinden“ (S. 148).

Es gab und gibt viele Ideologien der Menschenverachtung, aber keine ist so lange, global und intensiv ausgearbeitet worden wie die Mythologie des Antisemitismus. Dies nicht, weil Jüdinnen und Juden bessere oder schlechtere Menschen gewesen wären, sondern weil sie den Semitismus in die Welt gebracht haben: die Alphabetisierung von Religion und Recht und damit die Grundlagen unserer längst globalen Zivilisation“ (S. 169).

Zum Thema Israelkritik: „Keine Frage wird mir häufiger gestellt als jene, ab wann Israelkritik antisemitisch wäre. Dabei ist die Antwort nicht schwer: Israel ist ein Nationalstaat wie jeder andere auch. Es reicht also, Israel als Nationalstaat unter Nationalstaaten zu akzeptieren und das gleiche Maß an Kritik zu üben, wie es auch gegenüber anderen Nationalstaaten zu Recht geübt wird… Erst wenn es uns gelingt, das Verhalten jüdischer und israelischer Menschen und Institutionen mit der gleichen Selbstverständlichkeit zu bewerten wie das aller anderen Menschen und Institutionen auch, ist der Antisemitismus besiegt“ (S. 175).

„Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“ beschreibt in klarer, gut verständlicher Sprache kenntnisreich einige historische und zeitgenössische Wurzeln eines Wahns, eines geschlossenen „Weltbildes“, in dem Juden das Übel der Welt sind. Ob die jüdische Alphabetisierung vor über 3.000 Jahren tatsächlich als Hauptgrund für die Entwicklung von Antisemitismus zu begreifen ist, bleibt nach Ansicht des Rezensenten allerdings offen (Sigmund Freud z.B. sieht im Judenhass einen ödipalen Komplex der Eifersucht auf ein Volk, das sich für das bevorzugte Kind Gottes ausgab sowie auch ein Aufbegehren gegen die Triebverzicht verlangende monotheistische Religion).

Trotz jüngster, sehr besorgniserregender Entwicklungen beschließt der Autor – für den Rezensenten ebenfalls nicht leicht nachvollziehbar – das Buch „Trotz allem optimistisch“: „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass wir – oder realistischer: unsere Enkel – einmal eine Welt mit deutlich weniger Rassismus und Antisemitismus erleben werden“.

Hoffen wir, dass er damit Recht behält!

 

Michael Blume: „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“

© Patmos Verlag, 2019, ISBN 978-3-8436-1123-7, 206 Seiten

 

Gerfried Pongratz 30. 3. 2019




Humanes Leben - Humanes Sterben


HLHSWEIMAR. (fgw) Pünktlich zum Quartalsbeginn liegt die aktuelle Ausgabe der DGHS- Vierteljahreszeitschrift „Humanes Leben – Humanes Sterben“ (HLS) vor. Die DGHS – das heißt ausgeschrieben Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben e.V. – versteht sich als Menschenrechts- und Patientenschutz-Organisation sowie als Bürgerrechtsbewegung. Schwerpunktmäßig geht es in dieser Heft-Ausgabe um das Thema Patientenverfügung, insbesondere um aktuelle Entwicklungen innerhalb und außerhalb der DGHS.

Darauf stimmt ihr Präsident Prof.Dr.Dr. Dieter Birnbacher in seinem Editorial ein. Dem folgt ein Interview der stellvertretenden HLS-Chefredakteurin mit Joachim Stünker. Unter der Überschrift „Vor zehn Jahren wurde die Patientenverfügung Gesetz" heißt es: „Vor zehn Jahren wurde im Bundestag über Gesetzentwürfe abgestimmt, die den Begriff Patientenverfügung im Gesetzbuch verankern wollten. Durchgesetzt hat sich ein Entwurf um den damaligen SPD-Abgeordneten Joachim Stünker."

Auf die auch in der Öffentlichkeit kursierenden Fragen und Bedenken, ob es für den Abschluß von Patientenverfügungen verbindliche ärztliche Beratungen geben müsse oder man diese notariell beglaubigen lassen solle, antwortet Stünker, der einst auch als Richter tätig war, dezidiert:

„Nein, um Gottes willen. Das waren ja gerade die Bestrebungen von interessierten Gruppen, die Wirksamkeitsvoraussetzung und auch die Reichweitenbegrenzung,die wir unbedingt abwehren wollten. Eine zwingende ärztliche Beratung hätte einen Berg von Bürokratie geschaffen. (…)

Dann hätten wir jetzt den Beruf des hauptamtlichen Patientenverfügungsberaters oder ähnliches. Das wäre mit dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen nicht in Einklang zu bringen. Ich darf nicht gezwungen werden, erst zum Arzt zugehen, um eine wirksame Patientenverfügung zu bekommen.(…)

Es gehen viele Leute zum Notar, weil es propagiert wird. Und dann kommen manchmal Patientenverfügungen heraus, die so bürokratisch und formelhaft sind, wie ich es gerade nicht wollte." (S. 4-7)

In Anschluß gibt eine Chronik einen Überblick auf die Entwicklung von Patientenverfügungen, ergänzt durch Hinweise auf weiterführende Informationen. Dazu wird im Wortlaut der § 1901a „Patientenverfügung" im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) zur Kenntnis gegeben.

Zu den Anforderungen an die Bestimmtheit und Wirksamkeit einer Patientenverfügung äußert sich auf den Seiten 8-10 DGHS-Vizepräsident Rechtsanwalt Professor Robert Roßbruch. Darin geht er auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs vom 14. November 2018 ein.

Was der dem Urteil zugrunde liegende Fall lehrt, darauf antwortet Roßbruch wie folgt:

„Aus all dem ergibt sich, dass die Betroffene für ihre gegenwärtige Lebenssituation eine wirksame und damit für alle verbindliche Patientenverfügung erstellt hatte. Die Gerichte sind damit nicht zur Genehmigung des Abbruchs der lebenserhaltenen Maßnahmen berufen, sondern hatten die eigene Entscheidung der Betroffenen zu akzeptieren und ein Negativattest zu erteilen.(…)

Der vorliegende Fall zeigt einmal mehr und in aller Deutlichkeit, wie wichtig es ist, nicht nur eine eindeutige Patientenverfügung, sondern auch eine gute Vorsorgevollmacht zu erstellen. Hinsichtlich der Vorsorgevollmacht kann der Bearbeiter aufgrund einschlägiger Erfahrungen nur dringend dazu anraten, lediglich einen [einzigen; SRK] Bevollmächtigten sowie einen Ersatzbevollmächtigten zu benennen, damit ausgeschlossen werden kann, dass sich mehrere Bevollmächtigte, wie im vorliegenden Fall die beiden gesetzlichen Betreuer, wechselseitig in ihren Entscheidungen neutralisieren.

Abschließend sei noch angemerkt, dass die Patientenverfügung der DGHS den Anforderungen der BGH-Rechtsprechung voll und ganz gerecht wird."

Doch das Bestehende ist nimmer der Weisheit letzter Schluß. Daher hat die DGHS eine überarbeitete und gestraffte „Patientenschutz- und Vorsorgemappe" erarbeitet, die ab 15. Mai bei der Geschäftsstelle angefragt werden kann. Dazu schreibt Claudia Wiedenmann, DGHS-Geschäftsführerin und HLS-Chefredakteurin:

„2011 hatte die DGHS ihre Formulare das letzte Mal grundlegend überarbeitet. Bereits damals enthielt die Patientenverfügung (PV) die erst 2016 und 2017 vom BGH geforderten Präzisierungen. Wer also nach 2011 Formulare angefordert hatte, braucht jetzt keine neue PV auszufüllen.(…)

Grundsätzlich gilt: Eine PV verliert als einseitige Willenserklärung nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch niemals ihre Gültigkeit, es sei denn, sie wird widerrufen oder vernichtet.

Die neue Mappe enthält folgende Dokumente: Persönliche Werteerklärung, Patientenverfügung,Vorsorgevollmacht zur Gesundheitsfürsorge, Generalvollmacht, Betreuungsverfügung, persönliche Wünsche für den Pflegefall, Einverständniserklärung zum Datenschutz für den Notfall-Ausweis und die Freitodverfügung.

Im Bereich der Vorsorgevollmachten gibt es nur noch zwei Formulare: die Vorsorgevollmacht zur Gesundheitsfürsorge und eine Generalvollmacht, die neben dem gesundheitlichen Bereich auch den vermögensrechtlichen und den der persönlichen Angelegenheiten umfasst." (S. 11)

Im Service-Teil geht es um die Frage: „Wie schafft man es als Paar, glücklich zusammen alt zu werden?" Anregungen dazu hat Manuela Hauptmann aufgeschrieben. (S. 12-13) Ferner erläutert Rechtsanwalt Dr. Oliver Kautz Rechtsfragen rund um die Gestaltung und den Schmuck von Gräbern und erteilt folgenden Rat: „Um Streitigkeiten zwischen den Nachkommen und mit der Friedhofsverwaltung zu vermeiden, sollte jeder daher nach Möglichkeit schon zu Lebzeiten diese Fragen in einer Bestattungsverfügung oder Grabpflegeverfügung regeln." (S. 14-15).

Breiten Raum nehmen in dieser Ausgabe Vereinsinterna ein. Auf den Seiten 33 und 34 berichtet die im November 2017 gewählte Schatzmeisterin Evelyne Gläß über Vermögen, Haushaltsplanung und Controlling der DGHS. In der Rubrik „Aus den Regionen" gibt es u.a. Informationen über Veranstaltungen in Bad Neuenahr, Bonn und Frankfurt am Main.

Der „Blick über die Grenzen" nach Australien, Estland, Großbritannien und in die Schweiz, der „Blick in die Medien" sowie Leserbriefe runden die Zeitschrift wie gewohnt ab. Natürlich dürfen auch Ausstellungstips und Rezensionen – Siegfried R. Krebs und Wega Wetzel stellen hier drei neue Sachbücher vor – nicht fehlen.

Mehr Informationen zur DGHS und ihrer Zeitschrift sind auf deren Webseite zu finden.

 

Siegfried R. Krebs

Entnommen hier: http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/dghs-stellt-ueberarbeitete-patientenverfuegungsmappe-vor/
 
29.03.2019

Von: Siegfried R. Krebs




Austritt ohne Rückfahrkarte: Adieu, Kirche!


Riehle, Dennis_Bild6Etlichen unserer Leser auf Wissenbloggt sowie bei der Initiative Humanismus dürfte Dennis Riehle noch ein Begriff sein. Vor allem seine "reumütige" Rückkehr in den Schoss der Kirche hat viele verwundert hinterlassen. Doch nun lest selbst, wie Schicksale weitergehen und sich fortentwickeln:

Ich war ein Schaf. Nein, ich glaube nicht an frühere Leben. Und doch war ich wirklich ein Schaf – damals, im Krippenspiel, am Heiligabend, als kleines Kind. Es war mein erster bewusster Berührungspunkte mit der Kirche. Denn der Kindergottesdienst und die Aufführung zu Weihnachten, sie waren der Höhepunkt für manchen Spross, der sich damals noch nicht wirklich Gedanken darüber machte, weshalb man zum Christfest die Geburt eines Königs feierte, der in Windeln gelegen haben soll – und im Stroh zur Welt kam. Später habe ich mich hochgearbeitet – ich war Hirte, dann sogar einmal Josef. Und inmitten meiner Erziehung, die nun wahrlich keine explizit christliche Ausrichtung genommen hatte, manifestierte sich so langsam ein Interesse an dem, was da sonntags in der Kirche abging. Da spekulierte man, warum die Erwachsenen ihren eigenen Gottesdienst feierten – und wir als Kinder lediglich Lieder singen und Zeichnungen anfertigen durften.

 

Bis zur Konfirmation zeigte ich aber kein übergeordnetes Ansinnen, mich intensiver mit dem Glauben auseinanderzusetzen. Es machte mir Freude, im Religionsunterricht Bibelverse auswendig zu lernen – und gute Noten für eine ordentliche Heftführung zu bekommen. Doch dann folgte diese erste Prüfung. Sich konfirmieren zu lassen, so wurde uns erklärt, das war die Bestätigung der Taufe, zu der man als kleines Kind nicht „Ja“, nicht „Nein“ sagen durfte. Folglich war für mich klar: Ich musste mich nun mit etwas beschäftigen, was mir als Baby zunächst aufoktroyiert wurde. Mir ging es also nicht um die vielen Geschenke, die man mit der Konfirmation aus der Verwandtschaft zu erwarten hatte. Ich wollte tatsächlich mehr wissen über diesen Jesus, der von den Toten auferstanden sein sollte. Nachdem ich Neugier entwickelt hatte, wurde ich zum Streber unter den Konfirmanden. Und nicht nur das: Ich fand heraus, dass ich all dem, was man uns im Unterricht näherbringen wollte, zustimmen konnte: Ein bewusstes „Ja“ zu Jesu Geburt, Tod und Auferstehung, zur Dreieinigkeit Gottes, zu Altem und Neuem Testament.

 

Ein Hardliner des christlichen Glaubens

 

Nach der Konfirmation entschied ich mich gar, selbst in die Jugendarbeit einzutreten. Ich half fortan an mit, junge Menschen von dem Glauben zu überzeugen, für den ich mittlerweile brannte. Denn ich war mir sicher, Gott an meiner Seite zu haben. Die vielen biblischen Zusprüche, der Heilige Geist, der um uns wehen sollte, die Lichtgestalt Jesus, die Wunder vollbracht haben will und für unsere Sünden in den Tod gegangen war. Ich war sprichwörtlich zu einem „Hardliner“ unter den Gläubigen unserer Gemeinde geworden, glänzte mit meiner Unterstützung der Gemeindearbeit, durfte Andachten und Gottesdienste mitgestalten und war stolz darauf, einen Sinn gefunden zu haben, der sogar soweit reichte, letztendlich die Wunschvorstellung zu träumen, später einmal Pfarrer zu werden. Viele trauten mir das zu, ich selbst war bereits so weit gegangen, mich für die Sprachen Latein, Hebräisch und Griechisch zu interessieren, um dann einmal Theologie studieren zu können. Und wäre das nicht schon genug gewesen, hatten sich auch meine Moralvorstellungen verschärft: Konsequente Ablehnung der Abtreibung, ein kraftvolles Voraus für die Familie und Enthaltsamkeit bis zur Ehe.

 

Doch langsam bröckelte die Fassade: Zwar war ich innerlich weiter davon überzeugt, mit voller Inbrunst dem christlichen Glauben nachzueifern. Aber von außen her kratzten immer mehr Zweifel an dem, was dort auf der Kanzel gepredigt wurde. Spätestens, als ich psychisch krank wurde, fragte ich mich: „Wo ist er nun, der liebe Gott, wenn man ihn denn braucht?“. Auf die Fragen nach der Ungerechtigkeit in der Welt, auf die Theodizée-Frage, hatte ich noch immer eine Antwort gefunden. Doch nun ging es ans Eingemachte: Ich hatte eigene, tiefgreifende Probleme. Und aus meiner Umgebung der Mitchristen erfuhr ich kaum Unterstützung. Hinter vorgehaltener Hand hieß es, ich hätte wahrscheinlich zu wenig gebetet, ansonsten hätte mich solch eine Krankheit nicht heimgesucht. Und bezüglich meines Wunsches, Theologe zu werden, äußerte man sich ganz ungeniert: „Psychisch kranke Seelsorger braucht die Kirche nicht!“.

 

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“.

 

Solche Aussagen hatten gesessen. Zunehmend fühlte ich mich unwohl in der eigenen Gemeinde, hatte überdies den Eindruck, als nutze man von Seiten der Kirche mein gut gemeintes Ehrenamt nur aus. Und ob Jesus nun wirklich von den Toten auferstanden war, das interessierte mich zwischenzeitlich kaum noch. „Vielleicht war er gar nicht richtig tot, als man ihn vom Kreuz abnahm“ – so äußerte ich mich unter christlichen Freunden. Und bekam immer häufiger zu hören, dass man auf meine Bekanntschaft verzichten könnte, wenn ich meinen Glauben derart fundamental in Zweifel zöge. „Darf man nicht einmal mehr hinterfragen?“, war meine innerliche Reaktion, die mich hadern ließ. Und spätestens, als in meiner dörflichen Umgebung die Spekulation aufkam, dass ich schwul sein könnte, offenbarte sich die Falschheit einer ganzen Christenheit. Gemeindeglieder wechselten die Straßenseite, als sie mich sahen. Sie tuschelten und prangerten mich an. Von „Krankheit“ war die Rede, von „Irrweg“ und von der Tatsache, dass ich als potenziell Homosexueller kein Platz mehr unter den Schäfchen finden würde.

 

Ausgrenzung und Anfeindung statt Nächstenliebe und Hingabe. Wie sollte ein Gott das zulassen, dass von ihm erschaffene Kreaturen derart behandelt würden? An das Gebet und daran, dass ich auf meine Bittrufe eine Antwort von unserem Schöpfer erhalten würde, glaubte ich mittlerweile schon lange nicht mehr. Jungfrauengeburt und Himmelfahrt waren ohnehin passé. Und je kränker ich wurde, desto öfter fiel mir der Satz von den Lippen. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Doch auch auf diese Anprangerung reagierte er nicht. Und für mich wurde zunehmend klar: In dieser Kirche, in diesem Glauben würde ich nicht mehr glücklich werden. 2012 wagte ich dann den Schritt, den ich monatelang vor mir hergeschoben hatte. Ich ging zum Standesamt und trat aus der evangelischen Kirche aus. Ein Raunen ging durch die Gemeinde: „Der ehemalige Vorzeigechrist verlässt die Kirche!“. Ja, und es war gut so. Denn ich hatte gemerkt, dass ich es nicht mehr vor mir selbst rechtfertigen konnte, ein Glaubensbekenntnis zu sprechen, von dem ich nur noch Bruchteile als mögliche Wahrheit ansah – und eine Bibel zu lesen, die ich zwischenzeitlich eher für ein Märchenbuch hielt, aber nicht mehr für eine „Heilige Schrift“.

 

Religionskritik ja, Glaubensbashing nein

 

Doch was nun? Ich fühlte, dass der Theismus für mich keine Zukunft sein konnte. Also wandte ich mich denen zu, die von Gott überhaupt nichts wissen wollten. Am Bodensee gründete ich eine humanistische Initiative, in der ich anfangs vollkommen aufging. Werte wie Mitmenschlichkeit, Solidarität, Toleranz – das war das, was ich in der Kirche vermisst hatte. Plötzlich fiel es mir auch nicht mehr schwer, auf die Institution einzuprügeln, der ich über zwei Jahrzehnte angehört hatte. Viel mehr warf ich ihr das vor, was auch atheistische, freidenkerischer oder säkulare Organisationen kritisierten: Hierarchie, Scheinheiligkeit, Inhumanität. Aber was sollte die echte Alternative in der Frage des Sinns sein: War der Mensch wirklich der Mittelpunkt allen Seins? War der Glaube an mich selbst nicht eher ein schädlicher Narzissmus? Und wie war das nun mit der Erschaffung von Universum, Erde und Natur? Zwar war ich von der Evolutionstheorie überzeugt, ich merkte aber, dass der letzte Funke nicht vollkommen übersprang. Die Suche nach einem innerlichen Ziel ging weiter.

 

Als ich immer tiefer in die säkulare Szene Einblick nehmen konnte, erschrak ich zusehends: Ein bloßes Draufhauen auf die Gläubigen, das war nicht mein Ding. Ja, Kirche und Religion anzugreifen, das war in Ordnung. Aber der Glaube war und ist etwas Höchstpersönliches für mich. Und den dahinter stehenden Menschen gilt es zu respektieren, egal, welcher Weltanschauung er auch anhängt. Und dass man mit Witzfiguren wie dem „Fliegenden Spaghetti-Monster“ der Kirche Konkurrenz machen wollte, empfand ich nicht nur als einfallslos, sondern auch als lächerlich. Humanismus ja, Spott des Glaubens nein. So war meine Devise. Und immer öfter regte sich in mir der Wunsch, der Kirche doch noch einmal eine Chance zu geben. Hinzu kamen die teils guten Gespräche mit einer neuen Generation an Geistlichen, die Hoffnung machten: Würde mich Gottes Bodenpersonal wieder zum Glauben zurückführen können? In einer persönlichen Begegnung mit einem protestantischen Pfarrer arbeitete ich die Verwundungen auf, die das frühere Gemeindeleben in mir hinterlassen hatte. Gleichsam wurde ich aber auch nicht müde, meine großen Zweifel an der vollkommenen Bibeltreue zu äußern.

 

Naive Umkehr: Die Hoffnung blieb aus…

 

Doch all das schien nicht zu stören. Viel eher hatte ich den Eindruck gewonnen, als sei ich nun wieder willkommen in der Kirche, als hätten wir uns gegenseitig manchen Fehltritt verziehen. Vom Nachhinein aus gesehen hatte ich mich möglicherweise zu sehr unter Druck setzen lassen, war ich doch noch gar nicht bereit, all das wieder anzunehmen, was mir über Jahre hinweg Kopfzerbrechen bereitete. Zwar war Gott für mich wieder präsent, doch keinesfalls als dieses personifizierte Wesen, als das es die Christen sehen. Viel eher war ich einem Pantheismus zugewandt, einer Überzeugung, wonach sich das Göttliche in allem Natürlichen wiederfindet. Die Kirche dagegen, sie schien das nicht zu stören, dass auch ich mir mittlerweile meine eigene Wohlfühlreligion zu stricken versuchte. Sie lud mich viel eher ein, den Bogen zu unterschreiben, mit welchem meine Rückkehr in die Glaubensgemeinschaft besiegelt sein sollte. Und zweifelsohne: Der Wiedereintritt in die Kirche fiel zunächst vielversprechend aus. Ich wurde herzlich begrüßt, fand nichts mehr von der Distanz wieder, die noch fünf Jahre zuvor an der Tagesordnung war. Letztlich, so kann ich heute nur attestieren, kämpft die Kirche um jedes einzelne Mitglied – und nimmt es dabei offenbar auch nicht so genau mit der Frage, inwieweit sich ihre Anhänger tatsächlich noch mit dem Glauben identifizieren, der vielerorts zur reinen Makulatur verkommen ist.

 

Heute ärgere ich mich über mich selbst, denn ich habe mich eher überredet, nicht wirklich überzeugt gefühlt, was die Umkehr zurück in die Kirche anging. Vielleicht war es auch die Angst, als Konfessionsfreier in der Luft zu hängen, keinen Anschluss zu finden und allein auf das Menschgemachte vertrauen zu müssen – ohne Verheißung, ohne Vertröstung, ohne Perspektive auf das Ewige. Konnte Religion wirklich süchtig machen, war sie tatsächlich das Opium für das Volk, von dem man sich nur schwerlich zu befreien vermochte? In meinem Falle schien das zunächst wirklich der Fall zu sein, denn relativ naiv begab ich mich zurück in den Schoß der Mutter Kirche, hatte die Hoffnung gehabt, dass mit eigenem Zureden der Glaube schon wiederkehren möge. Doch das Liebenswürdige, das Empathische, das Vertraute, es kam nicht zurück. Im Gegenteil: Ich tat mir schwer mit meiner eigenen Heimatgemeinde, die sich zusehends gewandelt hatte. Ausgegrenzt fühlte ich mich weiterhin. Und die Sache mit dem lieben Gott, sie war keinesfalls geklärt: Heute bin ich mir sicherer denn je, dass wir für die Erklärung der Welt weder einen schöpferischen, noch einen eingreifenden Gott brauchen. Die Entwicklung der Menschheit, sie ist ähnlich faszinierend wie die Entstehung des Weltraums. Doch sie lässt sich durch die Erkenntnisse der Wissenschaft weitaus plausibler nachzeichnen als durch einen biblischen Schöpfungsbericht, der auf seine Art eine Gedankenstütze sein mag – für den fragenden Bürger aber mehr Unklarheiten als Antworten hinterlasse dürfte.

 

Glaubensferne: Prüfstein für unsere Demokratie

 

Mittlerweile habe ich für mich einen Schlussstrich unter das Kapitel „Kirche“ gezogen. Ich bin endgültig ausgetreten – dieses Mal also ohne Rückfahrschein. Denn heute kann ich dem Atheismus viel Positives abgewinnen, in seiner bejahenden Variante des Humanismus reicht er völlig aus, um glücklich zu sein. Dass man im Umgang mit Glaube und Gott etwas gelassener sein darf, das habe ich verstanden. Und so empfinde auch ich die vielfältige Auseinandersetzung der säkularen Szene mit Kirche und Religion heute nicht mehr als übergriffig, sondern viel eher als künstlerisch gelungen, im besten freidenkerischen Sinne legitim und unter dem Aspekt der universellen Menschenrechte als notwendig, um die Vermächtnisse der Aufklärung fortzuentwickeln. Es gehört zu den höchsten Gütern unseres Verfassungsstaates, ganz bewusst „Nein“ zum Glauben sagen zu dürfen. Die Freiheit von religiöser Theorie und Praxis, sie stellt einen wesentlichen Prüfstein für unsere Demokratie dar. Und gerade die sich oftmals in ihrem Selbstbewusstsein eigens überhöhende Institution der Kirche muss sich daran messen lassen, wie viel Kritik sie erträgt. Gerade in Zeiten, in denen sich der Klerus immer neuen Vorwürfen ausgesetzt sieht, müssen die Botschaften der Außenstehenden eindeutig sein.

 

Doch nicht nur das: Es geht nicht allein um die Schadenfreude gegenüber den Religionsgemeinschaften. Viel eher muss sich der Gottesglaube an sich zahlreiche Fragen stellen lassen. Die für mich entscheidende bleibt die des Leidens. Je größer meine gesundheitlichen Einschränkungen dieser Tage werden, desto vehementer muss ich die Überzeugung an eine himmlische Kraft über Bord werfen. Denn nicht nur die Erschaffung von Raum und Zeit lässt sich durch die Naturgesetze viel besser erklären als durch einen deistischen Schöpfergeist; auch der Umstand, dass Krankheit zum evolutionär bedingten Leben dazugehört, ist für mich weitaus leichter zu ertragen als das gedankliche Konstrukt des theistischen Gottes, der den Menschen in Freiheitsliebe immer wieder fallen und aufstehen lässt – nur, um damit seine Allmacht unter Beweis stellen zu können. Wenn wir genügend Vertrauen in uns selbst legen, dann ist es einfacher, natürliches und menschgemachtes Leid zumindest annehmen zu können, gleichsam aber nicht akzeptieren zu müssen. Als Humanisten unterliegen wir nicht dem Zwang, Tiefschläge mit einem dahintersteckenden Sinn zu verstehen. Aber wir können mit unseren sensiblen Fertigkeiten, Trost, Ermutigung und Zuversicht zu spenden, daran arbeiten, die Schäden aus Katastrophen und selbst produziertem Unheil so gering wie möglich zu halten. Mit der Hoffnung auf transhumanistische Fähigkeiten wird zudem die Perspektive gesät, eines Tages Schmerz und Pein überwinden zu können – ohne sich dabei ständig die Frage des „Warums“ stellen zu müssen.

 

Neue Chance im Humanismus

 

Die Sache mit dem Glauben, sie lässt uns wie kaum eine andere Frage hadern und zetern. Das wundert niemanden – denn geht es in Wahrheit doch um das Existenzielle, um die Suche danach, woher wir kommen und wohin wir gehen. Ohne einen Gott sind wir als Menschen sehr viel stärker gefordert, Antworten selbst erarbeiten zu müssen. Der Humanismus krönt uns mit der Fähigkeit, die Welt auch ohne religiöse Überzeugung durchdenken zu können. Moralisch gesehen müssen wir uns von keiner Instanz Vorgaben setzen lassen, sondern sind allein der Ethik der Mitmenschlichkeit verpflichtet. Wer den evolutionären Humanismus als Option verstanden hat, Religion als abhängig machende Fixierung im Gerüst göttlicher Bevormundung gegen die Freiheit des Selbstdenkens einzutauschen, der hat einen Prozess um die Vorherrschaft der Ideologien gewonnen, welcher nicht nur zermürbend, sondern für viele Menschen auch sozial existenziell bedrohlich sein kann.

 

Ich selbst kann nur hoffen, dass mir die unabhängigen und organisatorisch gebundenen Humanisten dieses Landes die erneute Chance geben, mich in ihren Reihen zu engagieren. Denn das Wissen, sich im Miteinander der realen Vernunft für die Gesellschaft einbringen zu können, sie lässt mich ebenso frohlocken wie die Aussicht darauf, mit gläubigen Menschen fortan in einen harten, aber fairen Diskurs über ihre Religion einzutreten. Aus einer atheistischen Weltsicht erwächst gleichsam die Chance, Lebenssinn alternativ zu gestalten – die ständige Anbetung eines möglicherweise vom Menschen selbst erfundenen Gottes, sie raubt dagegen Kraft und Freude, die wir viel besser dafür einsetzen können, das Hier und Jetzt zu genießen. Mir wird es deshalb künftig eine ganz besondere Aufgabe sein, mich für eine fröhlich werbende Verbreitung humanistischen Denkens einzusetzen, die dabei auch auf Grenzwertiges im Geschmack der Religiösen setzen wird. Daneben bin ich fest gewillt, auch mein politisches Handeln in Zukunft an den Maßstäben humanistischen Daseins zu orientieren.

 

Wenngleich es lange Zeit dauerte, bis ich mich am richtigen Platz sah, so war die mehrfache Reflexion meines Glaubens ein notwendiger und wichtiger Schritt, den Humanismus nicht aus einer Momentaufnahme heraus als Weltanschauung zu übernehmen. Viel eher sollte auch er sich ständig neu kritisch überprüfen lassen – diese Mindestanforderung gilt für die religiöse Weltanschauung ebenso wie für das säkulare Gedankengut. Wie viele Menschen verharren aus banalen Beweggründen bis heute in den Kirchen, ohne sich ernstlich darüber im Klaren zu werden, ob sie Leitbild und Vereinssatzung noch mittragen. Ehrlichkeit mit sich selbst, das scheint gerade im Glauben nötiger denn je. Entsprechend ermutige ich jeden, allfälligen Zweifeln an der eigenen Religion mit Behutsamkeit und Nachsicht zu begegnen. Verbände und Organisationen der säkularen Szene stehen bereit, auch – und gerade – denjenigen aufzufangen, der nach dem Kirchenaustritt in ein emotionales Loch des Alleinseins abzurutschen droht. Die Entscheidung, sich von Kirche, Glaube und Religion abzuwenden, sie muss reifen. Dafür ist der Schritt zu groß, um ihn im Zweifel zwischen Tür und Angel zu erledigen. Und nicht zuletzt sei versichert: Atheisten befinden sich schon heute in guter Gesellschaft – kein Grund also, aus Angst vor dem sozialen Abstieg die Freiheit zu verschmähen…   

 

 

Dennis Riehle

Martin-Schleyer-Str. 27

78465 Konstanz

 

Webpräsenz:

www.Dennis-Riehle.de




Weltanschauliche Wörterkunde


WörterEin Beitrag von Jan M. Kurz (Initiative Humanismus, Partei der Humanisten).

Als Freund von sprachlicher Präzision pflegen ich und eine Vielzahl weiterer Menschen in Diskussionen und Erörterungen, egal ob auf schriftliche oder sprachliche Weise, auch in weltanschaulichen oder philosophischen Themengebieten gerne eindeutige Fachformulierungen zu verwenden. Da die allermeisten dezidierten Humanisten mit diesem Vokabular vertraut sind, stellt das auch in aller Regel kein Problem dar und ist allgemein für die inhaltliche Klarheit von Vorteil. Hin und wieder kommt es jedoch vor, dass diese semantische Vorgehensweise als zu theoretisch wahrgenommen wird und einige Diskussionspartner, die mit religionskritischer und philosophischer Literatur nicht so eng vertraut sind, darin gar eine Art der Verwirrungstaktik ausmachen wollen. Das ist auch alles andere als unverständlich, denn die Vielfalt charakterisierender Begrifflichkeiten und weltanschaulicher Definitionen ist groß und nicht immer leicht zu durchschauen. Zudem klingen die Wörter recht ähnlich und unterscheiden sich sowohl inhaltlich, als auch schriftlich nur in Nuancen. Ein kompakter Überblick über weltanschauliche Definitionen und Charakteristika ist daher gewiss hilfreich.

Spektrum der Glaubensintensität

In seinem berühmten Werk „Der Gotteswahn“, herausgegeben im Jahre 2006, liefert der international bekannte Biologieprofessor, Religionskritiker und Aufklärer Clinton Richard Dawkins die Formulierung einer theistischen Glaubensskala in 7 absteigend angeordneten Punkten. Sie reichen vom fundamentalistischen Glauben an übernatürliche Wesen oder Welten bis zum solide begründeten Atheismus. Besondere Begrifflichkeiten werden dort für die einzelnen Abstufungen nicht verwendet, stattdessen erklärt ein einzelner Satz die jeweilige Stufe der Intensität genauer. Im Sprachgebrauch bietet es sich aber besser an genaue Begriffe an Stelle von Zahlen zu verwenden, die außerdem ausgiebiger definiert sind. Abgestuft von stark gläubig nach in keiner Weise gläubig sind das die folgenden:

1.) Theismus/Der Theist: Unter Theismus (Götterverehrung) versteht man den Glauben an eindeutig und fest definierte übernatürliche, man kann auch sagen „magische“ Kreaturen, Wesenheiten oder jenseitige Welten. Ihre Definition erhalten diese übernatürlichen Dinge bei organisierten Religionen in der Regel in „heiligen“ Büchern oder besonderen Regelwerken (Evangelien, Katechismen), oder im Falle anderer Phantasievorstellungen durch einfache Niederschrift oder kulturelle/rituelle Übereinkunft. Der Begriff leitet sich vom griechischen Theos (dt.: Gott) ab und bezeichnet ursprünglich nur die Verehrung von einer oder mehrerer Gottheiten. Man spricht entsprechender Weise dann von Polytheismus oder Monotheismus. Die abrahamitischen Religionen Islam, Christentum und Judentum sind monotheistisch, der Glaube der antiken Ägypter, Griechen und Römer, sowie der Hinduismus sind polytheistisch. Von einem wissenschaftsphilosophischen Gesichtspunkt aus fällt in die Kategorie des Theismus aber auch der Glaube an andere definierte und unbewiesene „Dinge“, wie Einhörner, Feen, Elfen, Trolle, Kobolde, Orks, Zwerge und Russels schwebende Teekanne, sowie der Weihnachtsmann und das fliegende Spaghettimonster. Sogar der Glaube an eine Seele, einen metaphysischen freien Willen, das Leben nach dem Tod, Himmel und Hölle oder ähnliches ist auch für sich allein genommen ohne die zusätzliche Annahme eines oder mehrerer in die Naturgesetze und das Leben der Menschen eingreifender Götter ein Teil des Theismus.

2.) Deismus/Der Deist: Dem gegenüber ist der Deismus (Gottgläubigkeit) bereits ein großer Fortschritt an Rationalität. Ein Deist geht keineswegs davon aus, dass Götter oder andere Zauberwesen in die Naturgesetze eingreifen würden oder sich in irgendeiner Art und Weise für die Menschheit oder gar einzelne Individuen dieser interessierten. Bekannte Vorstellungen der Offenbarungsreligionen hegt er überhaupt nicht. Im Deismus gibt es keine Charaktergötter oder andere übernatürliche „Spezies“ wie eierversteckende Osterhasen oder die Zahnfee. Dennoch spielt der inflationär gebrauchte Begriff „Gott“ eine wichtige Rolle im nicht vollständig wissenschaftlichen Weltbild des einfach Gottgläubigen, nämlich beim so gedachten Schöpfungsprozess. Gott ist an dieser Stelle also eine handelnde Entität, die das Universum erzeugt hat und danach keine weitere Rolle mehr spielt. Ein Deist glaubt folglich auch an eine Form von Metawelt, innerhalb oder außerhalb des Universums, wo dieses Wesen seither heimisch (und arbeitslos oder tot?) ist.

3.) Panentheismus/Der Panentheist: Eine noch stärker abgespeckte Form des Glaubens ist der Panentheismus (alles in Gott). Dieser Begriff wird wegen seiner eng umgrenzten Zwischenrolle im Gegensatz zu den anderen hier genannten so gut wie nie benutzt. Der Panentheist glaubt schlicht und einfach an irgendetwas völlig undefiniertes „Höheres“ im Kosmos, das sich angeblich dem menschlichen Verstand auf alle Ewigkeit entziehe und über das mittels der wissenschaftlichen Methode prinzipiell niemals Gewissheit erlangt werden könne. In Anlehnung an ein geflügeltes Wort des deutschen Mediziners Emil Du Bois-Reymond aus dem 19. Jahrhundert kann man den Panentheismus daher auch als Ignorabimus-Glaube („Wir werden nicht wissen!“) bezeichnen. Ein historisches Beispiel für eine panentheistische Vorstellung wären die Annahmen sogenannter Vitalisten von einer unergründlichen Lebenskraft (Vis vitalis) oder der Glaube an eine freie Energie der Anhänger von Nikola Tesla. Auch viele moderne esoterische Gespinste und allgemein pseudowissenschaftliche Annahmen könnte man als panentheistisch (oft aber auch deistisch) einordnen.

Widerlegbar oder nicht?

Bekannt ist sicher, dass viele Religionskritiker und Naturwissenschaftler freimütig zugeben, dass man religiöse Vorstellungen beziehungsweise die physikalische Existenz von Gottheiten nicht widerlegen könne. Das ist aber ein wenig missverständlich formuliert. Was stimmt, ist der Sachverhalt, dass sich theistische, deistische und panentheistische Vorstellungen nicht durch empirischen Erkenntniserwerb widerlegen lassen, was – wie an dieser Stelle stets umgehend hinzugefügt wird – gemäß der Regeln des Wissenserwerbs auch nicht notwendig ist. Denn derjenige, der eine Behauptung (eine Hypothese) formuliert, ist in der Pflicht sie zu beweisen, nicht umgekehrt. Was ohne Beweise behauptet werden kann, kann auch ohne Beweise verworfen werden (Hitchens Razor Prinzip). Der unkompliziertesten Erklärung eines Sachverhalts ist stets Vorzug zu geben (Occam´s Razor Prinzip).

Innerhalb der Erkenntnistheorie ist der Wissenserwerb über ein Subjekt gemäß dem Fallibilismus allerdings erst der zweite Schritt der Untersuchung. Wenn ein Untersuchungsobjekt bereits an logischer Konsistenz scheitert, braucht man sich um empirische Untersuchungen keine Gedanken mehr zu machen. Denn während nur ein Bruchteil der logisch konsistenten Dinge auch real existent ist, ist die Existenz eines logisch unmöglichen Dings real unmittelbar ausgeschlossen. Gegen die präzise definierten Konzepte des Theismus und Deismus lassen sich mit Leichtigkeit Widerspruchsbeweise durch Logik führen (Reductio ad absurdum), was alle weiteren Überlegungen überflüssig macht. Bei Panentheismus funktioniert das allerdings aufgrund zu schwammiger und absichtlich diffuser Vorstellungen häufig nicht. „Irgendwas Höheres“ ist kein Begriff, mit dem man vernünftig arbeiten könnte. Widerlegen lässt sich dieser Minimalglaube (und nur dieser!) daher nicht.

4.) Pantheismus/Der Pantheist: Ein Pantheist wiederum ist etwas gänzlich anderes als ein „Irgendwas-Gläubiger“. Oft bezeichnet man diese bereits vollständig naturalistische Auffassung der Welt auch nach ihrem berühmtesten Vertreter als Einstein-Glaube, oder kosmische Spiritualität. Einen transzendenten Gott gibt es in dieser Weltsicht nicht, weder als Erlöser, oder einfache Schöpferfigur, noch als geisterhafte Unergründlichkeit. Auch alle anderen übernatürlichen Erfindungen fallen damit weg. Pantheismus ist eine vollständig atheistische und damit naturalistische Weltanschauung, innerhalb derer der Begriff „Gott“ hin und wieder als bloße Metapher für die Gesamtheit der Naturgesetze, das Universum oder die Welt beziehungsweise die belebte Natur gebraucht wird. Richard Dawkins beschreibt den Pantheismus daher auch als aufgepeppten Atheismus. Viele Naturwissenschaftler und Philosophen bemühen sich besonders intensiv um eine poetische und ästhetisch ausgeschmückte Artikulationsform wissenschaftlicher Erkenntnisse, die dadurch für die Allgemeinheit manchmal leichter verständlich wird und nennen sich nicht zuletzt im Zuge dessen Pantheist.

5.) Atheismus/Der Atheist: Eine Person die sich stattdessen lieber als Atheist bezeichnet wird auf solch für viele gläubige Menschen sehr missverständliche Formulierungen lieber ganz verzichten und sich schlicht Atheist (ohne Gott) nennen. Insbesondere Theisten haben nämlich die Angewohnheit Pantheisten unredlicherweise als religiöse Personen zu deklarieren. Atheismus bezeichnet die Nichtannahme, respektive Verwerfung jeder logikwidrigen oder empirisch mutwilligen Hypothese über die physikalische Existenz einer supernaturalistischen Entität oder Metawelt. Eine Person die zwar nicht an einen Offenbarungsgott glaubt, dafür aber an die Existenz der Zahnfee, ein Leben nach dem Tod oder die Wirksamkeit von Zauberwasser lässt sich kaum als Atheist bezeichnen.

Bright oder Super?

Nach einer Nomenklatur des britischen Philosophen Daniel Dennet lassen sich die ersten drei Definitionen dem Supernaturalismus zurechnen, da in Theismus, Deismus und Panentheismus Elemente des Übernatürlichen in verschieden starker Ausprägung zu Geltung kommen. Menschen die in ihrer Weltsicht auf logikwidrige oder gänzlich unbelegte Vorstellungen zurückgreifen müssen, werden demnach oft unter der Bezeichnung Supernaturalisten zusammengefasst. Pantheisten und Atheisten, deren Weltbild hingegen einzig und allein auf der wissenschaftlichen Erkenntnismethode und rationalen Überlegungen fußt gelten im Gegensatz dazu als Naturalisten. Mit Ökologie oder Umweltschutz hat dieser Begriff nichts zu tun und um Verwirrungen vorzubeugen schlug Dennet darum die Alternativbeschreibung Bright (hell, klar, schlau) vor, die sich allerdings bislang nicht wirklich durchgesetzt hat (vermutlich weil sie als zu selbstgefällig wahrgenommen wird). Da Wissen niemals Endgültigkeit beanspruchen kann und stets im Zuwachs begriffen ist, ändern sich mit der Zeit die Kriterien und Anforderungen, nach denen sich ein Mensch als Naturalist bezeichnen lässt. Ein weit verbreiteter Kenntnisstand kann beispielsweise ohne weiteres vor 10 Jahren hochaktuell und wissenschaftlich bestens abgesichert gewesen sein, in der Gegenwart jedoch vollendet als Widerlegt und daher falsch gelten. Ein weiteres Festhalten daran wider besseres Wissen würde je nach der weltanschaulichen Relevanz des Themas eine Definition als Naturalist erschweren. Bei einer solch engen Begriffsverwendung wären jedoch weltweit immer nur wenige führende Naturwissenschaftler und Universalgelehrte überhaupt in der Lage sich dieser Kategorie zuzuordnen, was die Einteilung wenig sinnvoll machen würde. Man muss an dieser Stelle schlicht akzeptieren, dass eine Person die sich als Pantheist oder Atheist bezeichnet auch dann noch als Naturalist gilt, wenn sie stellenweise veraltete Elemente in ihrer Weltanschauung führt, solange diese nur eine Nebenrolle spielen und (ganz wichtig!) Korrektur- und Fortbildungsbereitschaft besteht.

Humanismus/Der Humanist

Atheismus und Pantheismus als Gattungsformen des Naturalismus sind beide naturphilosophisch isolierten Positionen. Wie die Vorsilbe A- (weg, ab, ohne) bereits verdeutlicht handelt es sich insbesondere beim Atheismus um eine reine Verneinungsform, aus der im Gegensatz zu institutionellen Glaubenssystemen keinerlei weitere Ansprüche oder Ansichten außer der Ablehnung des Supernaturalismus erkenntlich werden, auch nicht in ethischer Hinsicht. Das macht diese Personengruppe ausgesprochen heterogen in ihrer Beurteilung aller nicht-metaphysischen Themen und sonstigen philosophischen und politischen Positionen. Ein Humanist ist daher in Abgrenzung dazu ein Atheist oder Pantheist mit einer spezifischen ethischen Agenda, welcher die historisch von der Antike über die Renaissance hin zur Neuzeit entwickelten und mühsam gegen den Supernaturalismus erkämpften Werte der Aufklärung vertritt. Dazu zählen unter anderem Demokratie (Bürgerrechte und Beteiligung an der politischen Willensfindung), Rechtsstaatlichkeit (Gleichheit vor dem Gesetz) und Individualrechte (Menschenrechte und Meinungsfreiheit), sowie eine utilitaristische Ethikkonzeption ohne metaphysische Bezugspunkte (Gut und Böse) und der allgemeine Einsatz der wissenschaftlichen Erkenntnismethode in Technologie und Gesellschaft. Der moderne Humanismus des 21. Jahrhunderts basiert dabei mittlerweile nur noch in Minderheitsanteilen auf den Ideen und Konzepten der Antike und Renaissance und hat sich derer stellenweise veralteten Ansichten entledigt. In seiner heutigen Form ist der moderne Humanismus ein evolutionärer Humanismus, der gemeinsam mit dem später entwickelten Transhumanismus auf die Agenda des Biologieprofessors Julian S. Huxley, dem ersten Generaldirektor der UNESCO zurückgeht und insbesondere in Deutschland durch den HVD, die Giordano-Bruno-Stiftung und die Partei der Humanisten vertreten wird.

 

J.M.K.,   22.12.14

 




Wissenschaft und Technik


Happy_HumanGrundlage unseres Wohlstands

Die Arbeitsgruppe um Eckhard Behrend und Lothar Bendig legt hiermit eine überarbeitete Fassung vor, die die bisherigen Anmerkungen berücksichtigt. Der Text wurde aufgrund der Diskussion noch einmal geändert, ohne dass ich die Numerierung angepasst hätte:

Die Wissenschaften, insbesondere Natur- und Ingenieurwissenschaften, bilden die Lebensgrundlage des heutigen Menschen. Innovationen erhöhen die Lebensqualität.  So haben z.B. die rasanten Fortschritte in der Medizin dazu beigetragen, viele Krankheiten zu heilen und menschliches Leben zu verlängern. Auch Sozial- und Geisteswissenschaften leisten einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft. Die Nutzung  der Erkenntnisse aus der Wissenschaft, der Wissens- und  Technologietransfer in die Praxis und die Schaffung von innovativen Produkten und Dienstleistungen sind die Quelle von Wohlstand. Aber es sind nicht allein die Produkte der Technik, die Wissenschaft wertvoll machen, es ist auch der Prozess des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns.

Freiheit der Wissenschaft

Die  Freiheit der Wissenschaft ist ein fundamentales Gut europäischer Zivilisation. Wissenschaft muss, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden, sowohl frei von staatlicher Instrumentalisierung als auch von übermäßigen ökonomischen Zwängen sein. Auch Grundlagenforschung, die zunächst keinen direkten, kurzfristigen ökonomischen Nutzen verspricht, muss gefördert werden. 

Das wissenschaftliche Weltbild

Das wissenschaftliche Weltbild beruht auf einigen fundamentalen Annahmen. Dazu gehört die Erkenntnis, dass alle Aspekte der Welt grundsätzlich verstehbar und einer wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich sind. Gleichzeit aber auch die Tatsache, dass wissenschaftliche Erkenntnisse immer nur bedingt als gültig angesehen, durch neues Wissen ersetzt werden können Erkenntnis niemals vollständig ist. Jede Entdeckung wirft potentiell neue Fragen auf. Wissenschaftliche Erkenntnis stützt sich auf falsifizierbare Fakten. Auch ethisch-moralische Werte befinden sich in einem evolutionären Prozess, der sich neuen Erkenntnissen öffnet und sich veränderten gesellschaftlichen Begebenheiten anpasst. 

Die Wissenschaft kann nicht alles erklären, aber die Religionen erklären gar nichts.

Religionen und ihre Institutionen liefern weder nützliche Beiträge zur Erkenntnis der Welt noch hilfreiche zu ihrer ethischen Bewertung. Im Gegensatz zum wissenschaftlichen Ansatz berufen sich Religionen auf vermeintlich ewige und letzte Wahrheiten, die für unantastbar erklärt werden. Religiöse Vorgaben und religiöses Denken sind jedoch starr und erlauben keine den Problemen angemessenen Anpassungen an veränderte Lebensbedingungen. Auch die kritische Reflexion von Glaubenssätzen wird nicht geduldet. Obwohl ihnen jede begründbare Legitimation fehlt, beanspruchen Religionen und ihre Institutionen als vorgeblich ethisch-moralische Instanz die Mitsprache bei der Bewertung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Ergebnisse. Mythen wie die direkte göttliche Erschaffung von Pflanzen, Tieren und Menschen stehen im Widerspruch zur beobachtbaren Welt und ignorieren jahrhundertelange wissenschaftliche Erkenntnis. Die notwendige Trennung zwischen Staat und Religion umfasst daher auch die Trennung  zwischen Wissenschaft und Religion. Beide Bereiche lassen sich nicht  auf einen Nenner bringen. In der Religion geht es um Glauben, innere Überzeugungen, persönliche Visionen, basierend meist auf alten, historisch nicht abgesicherten Überlieferungen. Wissenschaft dagegen arbeitet nach standardisierten, erprobten Methoden, mit deren Hilfe plausible, nachvollziehbare Theorien aufgestellt und durch wiederholbare Experimente bestätigt werden können.  Die wissenschaftliche Methode schließt die Forderung ein, Theorien jederzeit zu widerrufen, wenn sie aufgrund neuer Erkenntnisse als falsch angesehen werden müssen. Diese Anpassungsbereitschaft kennen religiöse Dogmen nicht.

Bildung und Wissenschaft

Im  Bildungsbereich muss sichergestellt werden, dass ein wissenschaftlich-kritisches und demokratischen Prinzipien genügendes Weltbild vermittelt wird und keine religiösen Lehren, die insbesondere naturwissenschaftliche Erkenntnisse leugnen. Gesicherte wissenschaftliche  Erkenntnisse über unsere Welt müssen deshalb die religiösen Legenden ablösen, die leider immer noch in den Lehrplänen  unserer Kindergärten und Schulen zu finden sind. Insbesondere ist allen Versuchen entgegenzutreten, Glaubenselemente als wissenschaftliches Wissen darzustellen.

Technik und Verantwortung

Wir sind uns aber auch bewusst, dass die Technisierung unseres Planeten nicht nur  geistige Folgen, sondern auch handfeste physische Beeinträchtigungen der Umwelt des Menschen zur Folge haben. Dazu zählen die Ausrottung von  Tier- und Pflanzenarten, die Auswirkungen der industrialisierten Intensiv-Landwirtschaft, die Beeinträchtigung und teilweise Zerstörung  der natürlichen Lebensräume und die Vergiftung von Boden, Wasser und  Luft bis hin zur globalen Veränderung des Klimas und der Zerstörung der  die Erde schützenden Ozonschicht. Diese Probleme verursacht nicht die Wissenschaft, sondern deren Anwendung. Deshalb ist die Technikfolgenabschätzung sehr wichtig. Die Probleme, die eine z.T. verantwortungslose Anwendung der Technik verursacht hat, können jedoch wiederum nur mithilfe der Wissenschaft gelöst werden. Die ethischen Fragen, die durch neue Technologien aufgeworfen werden, exemplarisch seien hier Methoden der Molekularbiologie und ihre Anwendung auf den Menschen (künstliche Befruchtung  (IVF), die Präimplantationsdiagnostik (PID) und die  Klonierungstechniken) genannt, müssen verantwortungsvoll und undogmatisch diskutiert werden.

Wir treten deshalb ein für: 

1.  Die Trennung von Wissenschaft und Religion

Glaubensgemeinschaften dürfen keinen Einfluss auf Lehre und Forschung haben. Die wissenschaftliche Methode  schließt die  Forderung ein, Hypothesen jederzeit zu widerrufen, wenn sie durch neue Erkenntnisse widerlegt werden. Das gilt für religiöse Dogmen in keiner Weise. 

2. Die Abschaffung von Religion als Lehr- und Theologie als Studienfach

Beide sind konsequenterweise an staatlichen Schulen und wissenschaftlichen Einrichtungen zu streichen und durch ein weltanschaulich neutrales Fach Ethik-Unterricht an Schulen und Religionswissenschaft an wissenschaftlichen Einrichtungen zu ersetzen,  

3. Die Vermittlung eines naturalistisch-wissenschaftlichen Weltbildes 

An allen Schulen der Bundesrepublik Deutschland wird in den naturwissenschaftlichen Fächern ausschließlich wissenschaftlich begründeter Lehrstoff vermittelt. Über die in Religionen enthaltenen Mythen, wie z.B. die Schöpfungslehre, wird entsprechend wissenschaftlicher Erkenntnisse aufgeklärt..

4.  Die Freiheit von Wissenschaft und Forschung 

Die Freiheit der Wissenschaft darf niemals eingeschränkt werden.

Dies beinhaltet die Förderung des verantwortungsvollen und effektiven Einsatzes wissenschaftlicher Erkenntnisse durch eine säkulare und religionsneutrale Politik, die objektiven Wissenszuwachs und Nutzen für die Menschheit als Ziel  hat. 

5. Innovationen zum Wohle der Gesellschaft

Diese müssen allen Menschen unabhängig von deren Geschlecht, Herkunft oder anderer Merkmale zugutekommen. Das menschliche Wohl ist nach diesseitigen Kriterien zu verstehen, nicht nach jenseitigen, religiösen Heilsversprechen. 

6.  Technik-Folgen-Abschätzung

In jeder Phase des Innovationsprozesses (von der Idee bis zum Markt) sind mögliche Konsequenzen für Natur und Gesellschaft zu bewerten, um Nachhaltigkeit und den Schutz der Umwelt zu gewährleisten. 

7.  Bessere Kommunikation zwischen Wissenschaft, Technik und Bevölkerung

Wissenschaftliche Erkenntnisse und ihre erkennbaren und potenziellen Einflüsse auf die Gesellschaft müssen durch eine allgemeinverständliche und sachliche Darstellung und Diskussion in den Medien und der Öffentlichkeit möglichst breiten Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht werden. 

8. Transparenz von Wissenschaft und Forschung 

Die wissenschaftliche Methode macht es notwendig, dass wissenschaftliche Ergebnisse so veröffentlicht werden, dass eine unabhängige Überprüfung möglich ist. In der Finanzierung der Wissenschaft ist Transparenz nötig, um potentielle  Interessenskonflikte und Einflussnahmen erkennen zu können. Wissenschaftliche Studien, die als Grundlage für politische Entscheidungen dienen, müssen öffentlich unter Angabe von Auftrags- und Finanzgeber zugänglich sein.

Fortschritte in Wissenschaft und Technik sind nur auf der Basis des stetigen Austausches  von Erkenntnissen möglich. Alle rechtlichen Hürden dieses freien wissenschaftlichen Austausches sind so weit wie möglich unter Wahrung der geistigen Eigentumsrechte der Urheber abzubauen. Forschungsergebnisse, die durch öffentliche Institutionen finanziert wurden, müssen für die Öffentlichkeit frei zugänglich sein. 

Weitere Arbeiten zum Thema zum Thema der geplanten Partei "Die Humanisten" siehe hier.

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Auch Percy Bysshe Shelley wußte es: „There Is No God!“


shelleypHeiner Jestrabek (Hrsg.): Percy Bysshe Shelley: „There Is No God!". Religions- und Herrschaftskritik. 172 S. m. Abb. Klappenbroschur. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2019. 14,00 Euro. ISBN 978-3-922589-71-6.

Rezension von Siegfried R. Krebs:

WEIMAR. (fgw) Percy Bysshe Shelley war noch nicht einmal 30 Jahre alt, als er am 8. Juli 1822 im Meer bei Viareggio an der Toskanaküste ertrank. Ein kurzes Leben, dennoch hinterließ er ein bedeutendes Werk. An eben dieses zum Teil abenteuerliche Leben, Wirken und Werk will Heiner Jestrabek mit seiner neuesten Publikation erinnern.

Denn, so Jestrabek in seiner Einführung, Shelley erlangte Berühmtheit nicht nur als einer der bedeutendsten Dichter der englischen Romantik – zusammen mit Byron und Keats – er war auch Philosoph und kämpferischer Atheist, politischer Pamphletist und Aktivist, Abenteurer, Frauenschwarm und sogar Frauenrechtler, Vorkämpfer für freie Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen.

Das vorgelegte Buch führt knapp und übersichtlich in Leben und Werk des am 4. August 1792 als Sohn eines Baronets geborenen Dichters ein. Der Lebensbeschreibung hat Herausgeber Jestrabek eine kleine Auswahl von Shelleys radikalen religions- und herrschaftskritischen Schriften beigefügt.

Bereits der junge Shelley habe an den Vesten gerüttelt, die die feudale, bürgerliche und achso christliche Ordnung stützten: „In der Universität in Oxford, ab 1810, schloss Percy eine lebenslange Freundschaft mit Thomas Jefferson Hogg (1792-1862). Mit Hogg gemeinsam entstand auch die Idee zu dem Pamphlet 'The Necessity of Atheism' („Die Notwendigkeit des Atheismus") 1810/1811, eine philosophische Streitschrift in der Tradition der radikalen Aufklärung. Shelley und Hogg wurden wegen dieser Schrift und auch wegen ihrer rebellischen Haltung gegenüber der Collegeleitung der Universität Oxford verwiesen." (S. 9)

Auch seine Familie verstieß ihn und so mußte Shelley lange Jahren in prekären Verhältnissen leben. Dennoch ließ er sich nicht entmutigen und schuf ungeachtet dessen – und angesichts der ökonomischen und politischen Verhältnisse in Großbritannien – ein umfangreiches publizistisches Werk.

„Queen Mab" war das erste große Poem des Dichters. Diese allegorisch-utopische Verserzählung nach mythologischen Vorbildern wurde 1811 geschrieben und 1813 veröffentlicht; nunmehr unter dem Titel „Queen Mab. Philosophical Poem with Notes." Die hinzugefügten umfangreichen 'Notes' – historische und philosophische Annotationen – erweiterten das Werk zusätzlich zu einem eigenen philosophischen Manifest. Darin enthalten waren u.a. der erweiterte Wiederabdruck von „The Necessity of Atheism". Poem und Notes als ein Buch, erlangten so den Ruf einer „Bibel" der Bewegung der Chartisten, so schätzte es später Georg Bernhard Shaw (1856-1950) ein. Jestrabek schreibt seinerseits dazu: „Shelley gestaltete in seinem Poem 'Queen Mab' als eine dichterische Vision von der Zukunft der Menschheit (…) und als Perspektive zur Überwindung von Monarchie und Priestertum hin zu einer freien Gesellschaft." (S. 11)

„1814 folgt die Publikation von 'A Refutation of Deism' („Eine Widerlegung des Deismus"). Shelley grenzte sich darin eindeutig von einem 'Deismus' ab, dem damals viele Aufklärungsphilosophen anhingen, zugunsten eines konsequenten Atheismus. Er zeigte dessen Inkonsequenzen auf und widerlegte, in Form eines Dialogs zwischen den Gesprächspartnern Eusebes und Theosophus, derartige Argumente und Scheinbeweise der Kreationisten, Sophisten und aller Religiösen." (S. 15)

Jestrabek geht dann auf Shelleys Freunde und Mitstreiter, wie William Godwin (1756-1836), Lord George Gordon Byron (1788-1824) oder John Keats (1795-1821) ein. Ausführlicher wird über Shelleys zwei Ehen, und die in beiden gezeugten Kinder, berichtet. Die erste Ehe schloß er auf abenteuerliche Weise mit der damals erst 15jährigen Kaffeehausbesitzer-Tochter Harriet Westbrook. Die zweite mit Mary Godwin (1797-1851). Dazu heißt es im vorliegenden Buch:

„Durch die Flucht mit Mary war es zu einem Zerwürfnis mit Godwin gekommen, da Shelley zu diesem Zeitpunkt noch verheiratet war. Erst nach dem Tod Harriets und der Heirat mit Mary am 30. Dezember 1816 kam es zu einer Aussöhnung zwischen Percy und Mary mit William Godwin. Mary Shelley, geb. Godwin, sollte später selbst eine berühmte Schriftstellerin werden und die literarische Nachlassverwalterin Percys." (S. 19) Mary Shelley ist heutzutage vor allem bekannt durch ihren Roman „Frankenstein, or, The Modern Prometheus", erstmalig 1818 in London veröffentlicht.

Percy Shelley war nicht nur Literat. Denn, so heißt es bei Jestrabek:

„Der Kampf um politische Reformen wurde unterstützt, Anteil genommen an den infolge von Arbeitslosigkeit, Hunger und Unterdrückung entstandenen revolutionären Unruhen. Shelley veröffentlichte das Traktat 'Proposal for Putting Reform to the Vote' („Vorschlag für eine Reform des Wahlrechts"), 'An Address to the People on the Death of the Princess Charlotte' („Eine Botschaft an das Volk anlässlich des Todes von Prinzessin Charlotte"), den gemeinsam mit Mary geschriebenen Reisebericht 'History of a Six Weeks' Tour' („Geschichte einer sechswöchigen Reise"), die Verserzählung 'Laon and Cythna' wird gedruckt (und erst nach Umarbeitung als 'The Revolt of Islam') im nächsten Jahr veröffentlicht. Hierin wurden Ziele und Ideale der Französischen Revolution verteidigt und als folgerichtige Reaktion auf die vorherigen sozialen Missstände und politische Unterdrückung dargestellt. Die Handlung verlegte Shelley in den Orient und verknüpfte diese mit einer Liebesgeschichte von Geschwistern." (S. 21)

Heiner Jestrabek würdigt aber nicht nur Percy Shelley, sondern er äußert sich auch deutlich zu Mary Shelleys Verdiensten um das geistige Erbe ihres Mannes:

„Große Verdienste um die Edition seiner Werke erwarb sich seine Witwe Mary Shelley. Sie musste sich in prekären Verhältnissen durchschlagen und gegen Schikanen des Schwiegervaters wehren, der dem Werk seines verstorbenen Sohnes ablehnend gegenüberstand. Die erste durch sie besorgte zuverlässige vierbändige Ausgabe der Gedichte von Percy Bysshe Shelley mit ihren Anmerkungen erschien daher erst im Jahr 1839. (…) Mary Shelley blieb bis an ihr Lebensende politisch radikal und den Ideen von Emanzipation und Aufklärung verbunden. Sie starb am 1. Februar 1851 in London, vermutlich an einem Gehirntumor, im 54. Lebensjahr." (S. 27-28)

Zu Percy Shelley und der bis heute andauernden Mißachtung seines Werkes schreibt Jestrabek:

„Ohne Zweifel trug sein kompromissloser und öffentlich vorgetragener Atheismus dazu bei: Shelley definierte sich selbst mit einer griechisch verfassten Inschrift in einer Hütte in den Schweizer Alpen: 'Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Percy B. Shelley.' Shelley verband seine Gesellschaftskritik mit einem tief empfundenen Humanismus und Pazifismus." (S. 30-31)

Und der Herausgeber läßt Shelley diesbezüglich selbst weiter zu Wort kommen; mit einem Zitat aus dem Vorwort zu dessen letztem Drama:

„Dies ist das Zeitalter des Krieges der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, und jene Rädelsführer der privilegierten Mörder- und Gaunerbanden, Landesherren genannt, sehen sich untereinander nach Hilfe um gegen den gemeinsamen Feind und stellen die Feindseligkeiten gegeneinander nur ein angesichts einer mächtigeren Furcht. Alle Despoten dieser Erde sind im Grunde Mitglieder dieser Heiligen Allianz. Der Kampf gegen die Hypothese 'Gott', gegen den 'gnädigen und rachevollen Gott', welcher, 'ein Urbild menschlicher Tyrannenherrschaft', als metaphysische Projektion der Monarchie erfunden wurde – dieser kämpferische Atheismus ist die Voraussetzung für die Unschädlichmachung jenes Hauptinstruments jahrhundertelanger Gewaltherrschaft, dessen Name Christentum lautet." (S. 31)

Nach der doch etwas längeren Einführung durch den Herausgeber folgen nun einige Schriften aus Shelleys Feder. Zunächst – und erstmals vollständig in deutscher Sprache – „The Necessity of Atheism – Die Notwendigkeit des Atheismus" aus dem Jahre 1811 auf den Seiten 33 bis 47.

Bemerkenswert, wie Shelley sich hier mit der christlichen Behauptung von einem Leben nach dem Tode auseinandersetzt! Er fragt nicht, ob es ein Leben nach dem Tode gäbe, sondern ob es schon ein Leben vor dem Tode gegeben habe. Mit solchem Argument sollte man heute ebenfalls pfäffische Sprüche kontern.

Shelley wörtlich: „Haben wir vor der Geburt existiert? Es ist schwierig, diese Möglichkeit sich vorzustellen. Im generativen Prinzip jedes Tiers und jeder Pflanze gibt es eine Kraft, die die Substanzen homogen mit sich selbst verändern. (…) Wenn wir vor der Geburt nicht existiert haben; wenn in der Periode, in der die Teile unserer Natur, von denen Gedanke und Leben abhängen, untereinander verwoben scheinen; wenn es keinen Grund gibt anzunehmen, wir hätten vor dieser Zeit existiert, in der offenbar unsere Existenz beginnt, dann gibt es keinen Grund anzunehmen, dass wir nach unserer Existenz weiter existieren werden. Soweit es Gedanke und Leben angeht, wird das gleiche mit uns geschehen individuell gesehen nach unserem Tod wie vor unserer Geburt. (…) Es wird gesagt, wir könnten weiter auf eine Weise existieren, die gegenwärtig für uns unvorstellbar ist. Das ist eine höchst unvernünftige Annahme…" (S. 47)

Als weiteres Werk Shelleys wird dann auf den Seiten 48 bis 132 sein Poem „Queen Mab. Philosopical Poem With Notes" („Feenkönigin Mab. Philosophisches Poem mit Anmerkungen") aus dem Jahre 1813 im englischen Original und in deutscher Übersetzung vorgestellt. Diese Schrift in Versform dürfte allerdings für heutige Leser nur schwer zu lesen (und somit zu verstehen) sein. Nicht so aber die „Anmerkungen" I bis XVI. Diese sind überwiegend in Prosa geschrieben und geben nicht nur Aufschluß darüber, welch beachtliche naturwissenschaftliche Erkenntnisse damals schon – unter Gebildeten – vorhanden waren. Da kann man als Heutiger nur staunen.

Und nicht zuletzt machen gerade diese Anmerkungen den philosophischen und religionskritischen Wert von Shelleys Schaffen aus. Hier sei nur auf die Anmerkungen IX, XII und XV verwiesen.

Unter „IX" heißt es bei Shelley u.a.. „Der Zustand der Gesellschaft, in welchem wir uns befinden, ist ein Gemisch feudaler Wildheit und unvollkommener Zivilisation. Die beschränkte und unaufgeklärte Moral der christlichen Religion verstärkt noch diese Übel." (S. 140)

Und an anderer Stelle schreibt er mit Bezug auf freie Liebe und Partnerwahl: „Ich glaube mit Bestimmtheit, dass aus der Abschaffung der Ehe das richtige und naturgemäße Verhältnis des geschlechtlichen Verkehrs hervorgehen würde. Ich sage keineswegs, dass dieser Verkehr ein häufig wechselnder sein würde; es scheint sich im Gegenteil aus dem Verhältnis der Eltern zum Kinde zu ergeben, dass eine solche Verbindung in der Regel von langer Dauer sein und sich vor allen andern durch Großmut und Hingebung auszeichnen würde. Aber vielleicht ist es noch zu früh, diesen Gegenstand zu besprechen. Was immer aus der Abschaffung der Ehe entspringen mag, wird naturgemäß und recht sein, weil Wahl und Wechsel vom Zwange befreit sein werden.

In der Tat bilden Religion und Moral, wie sie gegenwärtig beschaffen sind, ein praktisches Gesetzbuch des Elends und der Knechtschaft; der Genius des menschlichen Glückes muss jedes Blatt aus dem verruchten Gottesbuche reißen, bevor der Mensch die Schrift in seinem Herzen lesen kann." (S. 142-143)

In Anmerkung XII konstatiert Shelley u.a. dies: „Es ist wahrscheinlich, dass das Wort 'Gott' ursprünglich nur ein Ausdruck war, der die unbekannte Ursache der bekannten Ereignisse bezeichnete, welche die Menschen im Weltall wahrnahmen. Durch die gewöhnliche Verwechselung einer Metapher mit einem wirklichen Wesen, eines Wortes mit einer Sache, ward ein Mensch daraus, mit menschlichen Eigenschaften begabt und das Weltall lenkend, wie ein irdischer König sein Reich regiert. Die Anreden an dies imaginäre Wesen klingen in der Tat ähnlich, wie die Anreden der Untertanen an einen König…" (S. 147)

Das wird von Shelley unter „XV" noch weiter ausgeführt: „Während vieler Jahrhunderte des Elends und der Finsternis fand diese Geschichte unbedingten Glauben; allein endlich standen Männer auf, welche argwöhnten, dass sie Fabel und Betrug sei, und dass Jesus Christus, weit entfernt, ein Gott zu sein, nur ein Mensch, gleich ihnen selbst, gewesen. Aber eine zahlreiche Menschenklasse, welche enormen Gewinnst aus jener Meinung, in der Gestalt eines bei dem Volk herrschenden Glaubens, zog und immer noch zieht, sagte der Menge, wenn sie nicht an die Bibel glaube, werde sie ewiglich verdammt werden, und verbrannte, verhaftete und vergiftete alle vorurteilsfreien und vereinzelten Forscher, welche gelegentlich aufstanden. Sie unterdrückt dieselben noch immer, soweit das Volk, welches jetzt aufgeklärter geworden ist, solches gestatten will. (…) Dieselben Mittel, welche jeden anderen volkstümlichen Glauben gestützt haben, haben das Christentum gestützt. Krieg, Einkerkerung, Meuchelmord und Lüge; Taten beispielloser und unvergleichlicher Rohheit haben es zu dem gemacht, was es ist. Das Blut, welches die Bekenner des Gottes der Barmherzigkeit und des Friedens seit der Einführung seiner Religion vergossen haben, würde wahrscheinlich genügen, um die Anhänger aller anderen Sekten, die jetzt auf der Erdkugel wohnen, zu ersäufen." (S. 151-152)

Deutlicher kann Religions- und insbesondere Kirchenkritik nicht sein. Und 200 Jahre NACH Shelley haben seine Worte leider immer noch Gültigkeit hier in diesem unseren Lande und nicht nur in dieser „Kirchenrepublik"…

Als drittes Werk Shelleys wird auf den Seiten 159 bis 169 das Poem „The Mask of Anarchy. Occasion of the Massacre of Manchester" („Die Maske der Anarchie. Über das Massaker von Manchester") aus dem Jahre 1819 in englischer Sprache und in deutscher Übersetzung vorgestellt.

Eine Bibliographie sowie ein Überblick über weiterführende Literatur runden diese informative und zum Nachdenken anregende Publikation ab.

Und erneut muß dem rührigen humanistischen und libertären Freidenker Heiner Jestrabek dafür Dank gesagt werden, daß er uns Heutigen wieder einmal einen mehr oder weniger vergessenen Vordenker ins Bewußtsein gerufen hat.

  Entnommen bei http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/auch-percy-bysshe-shelley-wusste-es-there-is-no-god/?fbclid=IwAR0tkDnqGAM8-0IbZa_JrbajDmgD90Nd9loNxNAE0Lf3dn2OHlTIHU0KbOE

 

Siegfried R. Krebs

 

 




Michael Schmidt-Salomon: „Entspannt euch!“


Entspannt euchRezension von Gerfried Pongratz:

Kleines Buch – großer Inhalt! Wer Michael Schmidt-Salomons Vorträge, Bücher und sonstigen Publikationen kennt, weiß, was ihn erwartet: Übersichtliche Themenaufbereitung, geradlinige Aussagen, stringente Gedankenführung – in klarer, humor- und poesievoller Sprache. Vieles am Inhalt des vorliegenden Buches ist Lesern seiner Schriften bekannt und doch unterscheidet es sich grundlegend von seinen anderen Veröffentlichungen. Es bietet als „Philosophie der Gelassenheit“ die Aufbereitung und Zusammenfassung aller Themen, die unser Menschsein, unser Selbstverständnis, unsere Verortung im Leben (und Sterben) betreffen. Es vermittelt tiefgründiges Wissen über unser „Sosein“ und bildet ein Vademecum für alle Lebenslagen mit Anregungen, Argumenten und Hinweisen zum Hinterfragen eigener Standpunkte und Verhaltensweisen. Wer sich darauf einläßt, gelangt zu einer „neuen Leichtigkeit des Seins“.

„Wie findet man zu einem sinnerfüllten, glücklichen Leben?“ steht am Einband, wobei die dazugehörende Überschrift „Ein Weisheitsbuch für das 21. Jahrhundert“ verspricht. Das weckt apriori Mißtrauen, allerdings zu Unrecht: Der Inhalt des Buches ist von esoterischem Anflug so weit entfernt, wie Donald Trump vom Gedanken, er könnte nicht der Größte sein („Perspektiven“ S. 44 ff.); der Text vermittelt pure Rationalität und modernes Wissen, er kann als Manifest antiesoterischer Aufklärung verstanden werden.

Der Inhalt des Buches richtet sich in direkter Ansprache an die Leser, den roten Faden bilden die Perspektive und Gedanken Albert Einsteins; sie beschäftigen Schmidt-Salomon seit 35 Jahren und haben ihn wohl auch geprägt. Die Ausführungen gliedern sich in acht „Lektionen“, wovon jede besondere Aspekte des Ziels „rational zu denken, Angst vor dem Versagen zu verlieren, die Welt entspannter, gelassener und humorvoller wahrzunehmen, den Sinn des Lebens sinnlich zu erfahren, statt ihn übersinnlich herbeizuhalluzinieren“ mit den daraus zu ziehenden Schlüssen ausführlich behandelt.

Zitate (z.T. gekürzt, bzw. leicht verändert):

Wir sollten begreifen, dass jeder von uns nur der sein kann, der er aufgrund seiner Anlagen und Erfahrungen sein muss (S. 20). Das bedeutet mitnichten, dass wir keine Verantwortung für unser Handeln übernehmen sollten (ganz im Gegenteil), aber ich rate dringend, den moralischen Schleier abzunehmen, der den Blick auf die Realität trübt (S. 135).

Es (kommt) im Leben weniger darauf an, mit welchen Anlagen man geboren wurde, als darauf, was man aus ihnen macht (S. 21).

Das Leben ist ein Glücksspiel, eine Lotterie, bei der einige von uns ein Traumlos ziehen, während es andere übel trifft (S. 23).

Sei dankbar!

Lerne, dir selbst und anderen zu vergeben!

Frei zu sein bedeutet, tun zu können, was man will – es bedeutet nicht, zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas anderes wollen zu können als das, was man will (S. 32).

Der Abschied von der Idee des ursachenfreien Willens ist keineswegs mit einer Einschränkung deiner Freiheit verbunden (S. 40).

Albert Einstein betrachtete die Einsicht in die ursächliche Bedingtheit unseres Denkens und Handelns als eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz (S. 57). Sie hilft, moralische Übel als ursächlich bedingt zu begreifen und sich mit den Ursachen zu beschäftigen, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen (S. 61). Daraus resultiertet die „Kunst des Vergebens“.

Die Einsteinsche Sichtweise verlangt nicht weniger als einen Abschied von unseren Moralvorstellungen, ja, mehr noch: einen Abschied vom moralischen Denken überhaupt (S. 72).

Fragen von „Gut und Böse“, „Ethik und Moral“ münden in die Aussage:
„Aus ethischer Perspektive darfst du tun, was du willst, solange du die Rechte anderer nicht verletzt“ (S. 90).

Die traditionellen Dualismen von Subjekt und Objekt, von Körper und Geist, Natur und Kultur, Mensch und Tier (wurden) in fundamentaler Weise aufgehoben. Das Mystische ist rational geworden und das Rationale mystisch (S.99)

Wer von seinem Selbst lassen kann, entwickelt ein gelassenes Selbst (S. 103).

Der Mut zur „bedingungslosen Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber“ verlangt, die Endgültigkeit des Todes ohne weitere Ausflüchte zu akzeptieren“ (S. 109).

Um Leben Sinn zu geben erweisen sich drei Strategien als erfolgreich:

1 Hedonismus (genieße das Leben mit allen Sinnen).

2. Selbstverwirklichung (arbeite daran, die eigenen Talente zu entfalten).

3. Altruismus (engagiere dich für Dinge, die nicht nur für dich selbst, sondern auch für andere von Bedeutung sind).

Für uns Menschen, als geborene Teamplayer, liegt die größte Erfüllung des Eigennutzes in seiner Ausdehnung auf andere (S. 119).

Wir sollten uns bemühen, eine möglichst realistische, rationale und faktenbasierte Sicht der Welt zu entwickeln und über sie zu einer positiven Lebenseinstellung zu gelangen (S. 127).

Rechne mit dem Schlimmsten, aber hoffe auf das Beste! Ertrage, was du nicht verändern kannst, aber verändere, was du nicht ertragen mußt (S. 128).

Ars moriendi besteht darin, ohne Schuldgefühle von der Welt abzutreten. Denn wenn du das Gesetz der Kausalität verinnerlicht hast, wirst du am Ende deiner Tage wissen, dass du nur das Leben führen konntest, dass du unter den gegebenen Bedingungen führen mußtest (S. 130).

Der Tod ist und bleibt der ultimative Ausweg in jeder noch so ausweglos erscheinenden Situation. Niemand auf der Welt darf dir abverlangen, Unerträgliches zu ertragen! (S. 132).

Übe Nachsicht mit dir selbst! Immerhin weißt du ja, dass du nicht besser sein kannst, als du bist (S. 138).

Je mehr zu lernst, von deinem eigenen Selbst zu lassen, desto eher wirst du ein gelassenes Selbst entwickeln! (S. 139).

 

Die Quintessenz des Buches könnte aus der (Stoiker-)Sicht des Rezensenten so lauten:

Verbinde heutiges rationales Denken und Wissen mit stoischen Werten, wie Besonnenheit, Gelassenheit, Mäßigung und strebe nach Glück, das ohne Glaube an Götter und Dämonen aus kritischer Vernunft und einem klaren Verstand erwächst.

Brennende Geduld wirst du benötigen, wenn du die in diesem Buch geschilderte Einsteinsche Perspektive in deinem Alltag umsetzen willst. Denn dabei wirst du immer wieder Rückschläge erleben (S 137).

Michael Schmidt-Salomon: „Entspannt euch!“

© Piper Verlag GmbH, München 2019, ISBN 978-3-492-05950-3, 159 Seiten.

Uneingeschränkte Leseempfehlung, verbunden mit der Ermunterung, das kleine Buch als ständigen Begleiter, als Vademecum, zu benutzen!

 

Gerfried Pongratz 3/2019




Bildungspolitik


Happy_HumanGrundgedanken zusammengestellt vom Leiter der Arbeitsgruppe Dieter Fischbach.

Bildung und Ausbildung sind die Grundlage für das Zusammenleben in einer modernen, zukunftsorientierten, humanistischen Gesellschaft.

Dabei formt die humanistische Grundbildung die Basis, ohne die eine erfolgreiche Ausbildung, egal, ob akademisch oder eine Ausbildung oder jedem anderen Berufsfeld, nicht erfolgreich möglich sein kann.

Beide Prozesse, Bildung ebenso wie Ausbildung, haben zum Ziel, junge Menschen in die Lage zu versetzen, sich einen Platz in der Mitte der Gesellschaft zu sichern, damit sie im Rahmen ihrer intellektuellen und produktiven Fähigkeiten im Widerstreit der Argumente ihren Beitrag zur Evolution der Gesellschaft zu leisten vermögen.

Dies sind im Besonderen die Achtung der Menschenwürde, sowie die Einhaltung der Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie

Da der Bereich Ausbildung stark an den ökonomischen Anforderungen des jeweiligen künftigen Arbeitsplatzes orientiert ist, führt dies dazu, den Blick auf die Basis, also die humanistische Grundbildung, zu fokussieren.

Es erhebt sich sogleich mit Recht die Frage, was diese humanistische Basis ausmacht, die jedem Individuum einen erfolgreichen Start in die Gesellschaft ermöglichen soll.

Aus humanistischer Sicht ergeben sich drei Bereiche, in denen ein junger Mensch grundlegendes Wissen und Fertigkeiten erwerben muss, damit er sich möglichst frei von ideologischen Zwängen und Dogmen entwickeln kann, um zu einer innovativen Persönlichkeit zu reifen, die im besten Sinne eine Bereicherung für die Gesellschaft sein kann.

Bereich 1:

Dieser Bereich lässt sich durch die Fähigkeit charakterisieren, sich logisch-rational und kritisch mit seiner Umwelt auseinander zu setzen.

Um diesen kritischen Diskurs führen zu können, sind fundierte Kenntnisse und Fertigkeiten in den Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Philosophie unerlässlich, da sie, wie sonst keine Disziplinen dem Individuum die logisch-rationale Auseinandersetzung mit seiner Umwelt ermöglichen.

Bereich 2:

Dieser Bereich kann mit „fundierter Sprachkompetenz“ beschrieben werden.

Sprache stellt ohne Zweifel das zentrale und Kultur tragende Medium der Kommunikation in der Gesellschaft dar.

Um einen fruchtbaren Diskurs in allen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu gewährleisten, ist daher eine solide Ausbildung im Gebrauch der Landessprache, in unserem Fall der Deutschen Sprache, unerlässlich und zwingend erforderlich.

Zusätzlich muss aber auch den Anforderungen einer globalisierten Welt Rechnung getragen werden. Nach dem Erwerb der Grundlagen der Landessprache ist daher der Spracherwerb in mindestens einer international bedeutenden Fremdsprache (i.d.R. der Englische Sprache) vorzusehen.

Entwickelt sich der junge Mensch in Richtung auf eine akademische Ausbildung, so ist für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit allen Bereichen wie auch den Wurzeln unserer abendländischen Kultur, zusätzlich das Studium alter Sprachen (zumindest der Lateinischen Sprache) von Nöten.

Die Wurzeln von Philosophie und Naturwissenschaft reichen tief in die antiken abendländischen Kulturen und eine umfassende Auseinandersetzung mit diesen kann ohne Kenntnisse der zugehörigen Sprachen nur eingeschränkt gelingen.

Bereich 3:

Neben umfassenden sprachlichen Fertigkeiten und der Fähigkeit zum kritisch-logischen Diskurs benötigt das Individuum ausreichende Kenntnisse über die Struktur gesellschaftlicher Interaktion.

Dieser dritte Bereich rundet die humanistische Grundbildung ab.

Die benötigten Kenntnisse werden über die Disziplinen, Geschichte, Politik, Geographie ebenso wie durch einen signifikanten Einblick in die kulturellen Bereiche von Musik, Kunst und Literatur erworben. Wer sich nicht aktiv mit der Kultur der Gesellschaft in der er lebt auseinandersetzt, kann schwerlich einen positiven Beitrag zu ihrer Evolution liefern.

Kenntnisse und Erfahrungen aus anderen Kulturkreisen können dabei zusätzlich von Vorteil sein. Eine humanistische Gesellschaft ist stets offen gegenüber Einflüssen, die ihre Entwicklung zum Positiven begünstigen.

Säkularität des Bildungssystems:

Aus der Forderung, dass sich ein junger Mensch zu einem selbstbestimmten, kritischen und kreativen Mitglied der Gesellschaft entwickeln soll (Teil 1),  ergibt sich unmittelbar, bereits für die schulische Ausbildung, die Forderung nach Säkularität , die das Lehren von Religion als staatlichen Auftrag gleichsam ausschließt, da die doktrinären Sichtweisen einer Religion im Allgemeinen der Entwicklung zu einem selbständigen Individuum entgegenstehen.

Gleichwohl ist das Wissen über Religion im Rahmen der Bildung einer kulturellen Identität erforderlich, da Religionen in der Evolution unserer Gesellschaft eine gewichtige Rolle gespielt haben und zum Teil auch noch spielen.

Das Bildungssystem im Überblick:

Werfen wir abschließend einen Blick auf ein humanistisch geprägtes Bildungssystem.

Für alle jungen Menschen in unserer Gesellschaft muss, vor dem Eintritt in die Berufsausbildung die Möglichkeit zum Erwerb einer umfassenden humanistischen Grundbildung gegeben sein.

Der Primarbereich:

Dies ist zunächst die Aufgabe des primären Bildungssystems (bis zum Alter von etwa 10 Jahren). Der vorhandenen vierjährigen Grundschule fällt diese Aufgabe mit den Fächern Deutsch, Mathematik, Sachkunde, Musik, Kunst und Sport zu.

Durch die Präferenz einer soliden Grundbildung in diesen Bereichen, insbesondere im Gebrauch der Landessprache, stellt der Unterricht in einer Fremdsprache eine unnötige zusätzliche Belastung für die Schüler dar.

Religiöse Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens sollen integrativer Bestandteil in allen Fächern sein. Ein separater Religionsunterricht ist, wie bereits dargestellt, entbehrlich.

Der Sekundarbereich:

Ein sechsjähriger Unterricht in einer weiterführenden Schule (Sekundarstufe I) erweitert und vertieft das in der Primarstufe erarbeitete Fundament in den Fächern Deutsch, Mathematik, Geschichte, Philosophie, Physik, Chemie, Politik, Geographie, Biologie, Musik, Kunst und Sport. Zusätzlich erfolgt eine grundlegende Ausbildung in (mindestens) einer international bedeutenden Fremdsprache (i.d.R. Englisch).

Religiöse Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens sollen auch hier integrativer Bestandteil in allen Fächern sein. Dies gilt besonders für die Fächer Philosophie, Geschichte, Politik und Geographie. Ein separater Religionsunterricht ist hier ebenfalls entbehrlich.

Eine, wie heute vielfach verbreitet, gezielte Vorausbildung im Hinblick auf eine spätere Berufswahl unterbleibt, da es ein zentrales Ziel humanistischer Bildung ist, junge Menschen dazu zu befähigen, sich im Rahmen einer Berufsausbildung, in möglichst viele Bereiche entwickeln zu können. Bildungseinrichtungen sollen über Praktika Impulse für die Berufswahl vermitteln. Die wesentliche Beratungs- und Führungsrolle fällt in diesem Bereich dem Elternhaus zu.

Das Gymnasium:

Für eine leistungsorientierte Wissenschafts- und Industriegesellschaft ist es essentiell, Begabungen möglichst früh zu erkennen, zu fördern und zu entwickeln.

Diese jungen Menschen müssen, im Sinne einer positiven gesellschaftlichen Evolution, die Möglichkeit erhalten, sich so früh wie möglich in Richtung einer akademischen Ausbildung entwickeln zu können.

Das bewährte Instrument zur optimalen Entwicklung dieser jungen Menschen und ihrer Potentiale ist das Gymnasium.

Hier wird diesen jungen Menschen eine vertiefte humanistische Bildung zuteil.

Da diese Schulform auf das Einschlagen einer akademischen Laufbahn abzielt, ist die Ausbildung in (mindestens) einer Basissprache der abendländischen Kultur (i.d.R. Latein) vorzusehen.

Fazit:

Ich bin überzeugt davon, dass der zur Zeit vorherrschende, ökonomisch ausgerichtete, Bildungsprozess, an deren Ende Abschlusszeugnisse gleichsam als Statussymbole vergeben werden, den falschen Weg darstellt.

Er engt den Entwicklungsprozess des jungen Menschen unnötig ein und behindert diesen in der Möglichkeit zur optimalen Entfaltung seiner Potentiale.

Am Ende dieses „permanenten Beratungsprozesses“ kann schwerlich ein selbstständiges, kritisches und kreatives Individuum stehen.

Auch die aktuellen Übergangsquoten eines Grundschuljahrgangs an die Gymnasien von bis zu 60 lassen nicht den Schluss zu, dass dort noch „intellektueller Leistungssport“ betrieben werden kann.

Der stete Rückgang der Leistungsfähigkeit unserer jungen Erwachsenen wird zusehends von den Universitäten, wie auch von den Arbeitgebern im Allgemeinen, beklagt.

Er ist der sukzessiven Aushöhlung des humanistischen Bildungsideals in den letzten 40 Jahren geschuldet.

Die politische Unfähigkeit zur Erkenntnis und das Nicht-Eingestehen bildungspolitischer Fehler führt unser Bildungssystem aktuell geraden Weges in die Einheitsschule mit Individualbetreuung.

Dem gilt es, sich entschlossen entgegen zu stellen, da dieser Weg unweigerlich zum Verlust der gerade noch vorhandenen internationalen Leistungsfähigkeit führen wird und man damit gleichzeitig die Axt an die Wurzel unserer Gesellschaft legt.

12. März 2013, Dieter Fischbach

 

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Wirtschaft und Soziales


Happy_HumanDas Folgende wurde unter der Leitung von Bernd Scherf  erarbeitet:

1.) Die Humanisten sehen in der Marktwirtschaft die einzige Form vernünftigen Wirtschaftens. Die Marktwirtschaft ist die einzige Wirtschaftsordnung, die mit individueller Freiheit vereinbar ist. Gleichzeitig hat die Marktwirtschaft immer wieder deutlich gemacht, dass nur sie allgemeinen Wohlstand begründen kann.

2.) Eine konsequente Ausrichtung an der Marktwirtschaft bedeutet nicht, den Interessen der Mächtigen der Wirtschaft zu Diensten zu sein. Vielmehr ist die Marktorientierung das Eintreten für den Wettbewerb und das Zurückdrängen von Monopolisierung und Kartellbildung. Es gilt heute mehr denn je die Aussage von Walter Eucken: „Die Wirtschaftspolitik der Wettbewerbsordnung unterscheidet sich  von einer Politik der Freien Wirtschaft mehr, als sich die Wirtschaftspolitik der Freien Wirtschaft von der Zentralverwaltungswirtschaft in den letzten Jahrzehnten unterschied“.  Ziel marktwirtschaftlicher Politik ist nicht die Pflege der oligopolistischen Marktordnung, sondern der Einsatz für eine Marktwirtschaft, die sowohl von staatlicher Willkür wie von privater Wirtschaftsmacht frei ist.    

3.) Die Marktwirtschaft ist die Wirtschaftsordnung, die ein Maximum an Wohlstand generieren kann. Zweifelsfrei hat die Entwicklung der Wirtschaft in den letzten zweihundert Jahren auch soziale Verhältnisse hervorgebracht, die zu Recht Kritik und den Wunsch nach Verbesserung laut werden ließen. Die Notlage der Arbeiter, die Marx eindringlich und richtig schilderte, ist von ihm unrichtig erklärt worden. Der große Irrtum in der Analyse von Marx ist die Tatsache, dass er die Marktformen ignorierte. Nicht die Trennung der Menschen in Eigentümer von Produktionsmittel und arbeitsuchenden Menschen ist die Ursache, sondern dass die Arbeitgeber, denen die Maschinen gehörten, in monopolistischen Marktformen nachfragten.

4.) Häufig wird die ungleiche Einkommensentwicklung der letzten Jahre beklagt. Es ist deshalb zu beachten, dass zwischen Leistungsentgelt und der wirtschaftlichen Aktivität eine positive Korrelation besteht. Bei einer sehr gleichmäßigen Einkommensverteilung würde das Volkseinkommen geringer sein als bei einer ungleichmäßigeren, sofern sich die Ungleichmäßigkeit in jenen Grenzen hält, die von der Leistungsmotivation gedeckt sind. Eine hohe Wachstumsrate ist nur um den Preis einer ungleichmäßigeren Einkommensverteilung zu haben, eine gleichmäßigere kostet Wachstum (Soziale Gleichheit gibt es nur im Elend!.) Ökonomische Ungleichheit ist unter einer Bedingung zu akzeptieren: Sie muss sich zum größtmöglichen Vorteil für die am wenigsten begünstigten Gesellschaftsmitglieder auswirken. (Vgl. John Rawls, Differenzprinzip).   Die Förderung der sozial Benachteiligten muss absolut gesehen werden und nicht relativ.

5.) Im Sinne der sozialen Gerechtigkeit  ist eine Steuerprogression zu begrüßen. Sie soll den Verteilungsprozess im Rahmen der Wettbewerbsorientierung korrigieren. Um die Wettbewerbsordnung zu erhalten, ist es nötig, die Progression zu begrenzen. So notwendig die Progression unter sozialem Gesichtspunkt ist, so notwendig ist es zugleich, durch die Progression nicht die Leistungsbereitschaft zu gefährden.

6.) Für die Humanisten sind Vollbeschäftigung und solide Staatsfinanzen grundlegende Ziele. Deshalb ist mittelfristig eine deutliche Senkung der Staatsverschuldung anzustreben. Die Schuldenbremse ist hierzu ein bedeutsamer Anfang. Dass kurzfristige mit Schulden finanzierte Konjunkturprogramme keineswegs für eine nachhaltige Verbesserung der Vollbeschäftigung sorgen, sondern vielmehr langfristig zu einer Strangulation des Staates führen, hat die Schuldenkrise in der EU überdeutlich gezeigt. Die Humanisten versprechen sich durch eine vitale Marktwirtschaft eine bessere Wirkung für die Erwerbsquote.

7.) Die Humanisten begrüßen im Grundsatz Arbeitnehmerschutzrechte. Es ist aber im Einzelfall zu überprüfen, inwieweit diese einen Beschäftigung hemmenden Effekt erzielen. (in Spanien hat das Schutzrecht für junge Arbeitnehmer dafür gesorgt, dass Spanien die höchste Jugendarbeitslosigkeit in der EU hat)

8.) Die Humanisten fordern ein klares und vereinfachtes Steuerrecht. Das gegenwärtige Steuerrecht ist wegen der Kompliziertheit nicht mehr zumutbar. Diese Kompliziertheit führt dazu, dass für gleiche Steuertatbestände von den Steuerberatern und den Finanzämtern verschiedene Lösungen ermittelt werden. Steuerberater dürfen nicht mehr Steuerrater sein. Es ist auch auf dem Gebiet des Steuerrechts Rechtssicherheit zu gewährleisten.

9.) Die Bilanzierung hat sich wieder verstärkt dem alten Grundsatz der Vorsicht zuzuwenden. Diese konservative Bilanzierung schafft stille Reserven und bietet einen gewissen Schutz gegen zu hohe Entnahmen. Sie schafft  Reserven in den Unternehmen und dient somit der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit.

10.) Es sind Vorkehrungen zu treffen, dass inflationsbedingte Einkommenserhöhungen nicht mehr zu automatisch von höheren Tarifen erfasst werden. Die sogenannte „kalte Progression“ ist eine stille und automatische Steuererhöhung. Sie ist wirksam zu begrenzen.

11.) Voraussetzung der Marktwirtschaft ist der Wettbewerb. Es sind Maßnahmen zu ergreifen, die den Wettbewerb sicherstellen bzw. für mehr Wettbewerb sorgen. Einer „vermachteten Wirtschaftsstruktur“ (Walter Eucken) ist entgegenzuwirken. Hierzu gehört auch die Förderung von Existenzgründungen.

12.) In der Marktwirtschaft sind Insolvenzen ein natürlicher Sachverhalt. Es ist durch ein entsprechendes Insolvenzrecht sicherzustellen, dass auch Großbanken in der Insolvenzverwaltung ihren systemnotwendigen Verpflichtungen nachkommen können.

13.) Aufgrund der demografischen Situation ist eine längere Lebensarbeitszeit nicht zu vermeiden. Es sind deshalb Anstrengungen zu unternehmen, um Arbeitnehmer länger in der Erwerbstätigkeit zu halten. Ein späterer Renteneintritt bei einem gleichzeitigen Verdrängen der älteren Arbeitnehmer durch ihre Arbeitgeber ist nicht länger hinzunehmen.

14.) Die Humanisten sind im Grundsatz gegen staatliche Beteiligungen an Großunternehmen. Aber im Gegensatz zur FDP ist dies kein unerschütterliches Dogma. Ein staatliches Engagement an einem Unternehmen kann im Sinne der Marktwirtschaft sein, wenn dieses Unternehmen nach einer Übernahme mit dem übernehmenden Unternehmen zu einem Monopol wird. Die Verhinderung von Monopolstrukturen ist im Interesse des marktwirtschaftlichen Systems wichtiger als die Herkunft des Eigenkapitals. Solange staatliche Unternehmen sich in Wettbewerbsmärkte einordnen und die Preisbildung auf den Märkten nicht durch staatliche Subventionen gestört ist, sind sie in der Wettbewerbsordnung erträglich.  

15.) Das Patentrecht ist zu reformieren. Es war Absicht, mit Patentrecht die technische Entwicklung zu fördern und den Erfinder zu schützen. Die Geschichte hat gezeigt, dass das Patentrecht eine starke Tendenz zur Monopolbildung und zur Konzentration ausgelöst hat. Patentinhaber sollten verpflichtet sein, die Benutzung einer Erfindung gegen eine angemessene Lizenzgebühr jedem ernsthaften Interessenten zu gestatten. In Bezug auf lebenswichtige Medikamente in ärmeren Ländern hat sich eine internationale Debatte über den Patentschutz entwickelt. So kämpft die „Treatment Action Campaign“ (TAC) in Südafrika für mehr Wettbewerb auf dem Pharmamarkt. Sie fordert, dass die Märkte durch die Abschaffung des Patentschutzes für Anti-Aids-Medikamente für kleinere Pharmahersteller geöffnet werden. Tausende von Menschen sind in den letzten Jahren an Krankheiten wie Aids oder Malaria gestorben, weil die Oligopolgewinne die lebenswichtigen Medikamente unbezahlbar gemacht haben. Die Versorgung der Kranken würde besser aussehen, wenn auf dem Pharmamarkt ein echter Wettbewerb herrschte.

16.) Tausende von unabhängigen Saatgutunternehmen sind in den letzten Jahrzehnten verschwunden. Millionen von Landwirten wird das Recht genommen, ihr eigenes Saatgut weiter zu vermehren und damit Vielfalt zu sichern. Immer weniger Oligopole entscheiden über Ernährungsgrundlagen, von denen die Menschheit abhängt. Es ist zu prüfen, ob hier eine Reform des Sortenschutzrechtes Abhilfe schaffen könnte.

17.) Keine Zwangsmitgliedschaft in der IHK

18.). Keine Verschwendungen in den öffentlichen Verwaltungen. (PCs müssen nicht jedes Jahr ausgetauscht  werden)

 

Das möchte ich noch anmerken, passt aber nicht genau in den Wirtschaftsteil.

1.) Die Humanisten stehen zu Europa. Für sie ist Europa ein Projekt zur Sicherung des Friedens, zum kulturellen Austausch und zur gemeinsamen Sicherung von Freiheit, Demokratie und Wohlstand. Sie sehen mit Besorgnis, dass die Bürokratie alle Lebensbereiche überwuchert. Hier ist Europa auf jene Position zurückzuführen, die es sich einst selbst verordnete. Die rhetorische Forderung nach Subsidiarität muss endlich ernst genommen werden. Es ist darauf zu dringen, dass nur jene Verordnungen umgesetzt werden, die nur überstaatlich geregelt werden können. Und die demokratische Selbstverständlichkeit, dass jede Bürokratie demokratisch zu legitimieren ist, muss auch für Europa gelten. Das europäische Parlament muss befähigt sein, eine gesamteuropäische Verwaltung oder Exekutive zu entlassen.