Austritt ohne Rückfahrkarte: Adieu, Kirche!


Riehle, Dennis_Bild6Etlichen unserer Leser auf Wissenbloggt sowie bei der Initiative Humanismus dürfte Dennis Riehle noch ein Begriff sein. Vor allem seine "reumütige" Rückkehr in den Schoss der Kirche hat viele verwundert hinterlassen. Doch nun lest selbst, wie Schicksale weitergehen und sich fortentwickeln:

Ich war ein Schaf. Nein, ich glaube nicht an frühere Leben. Und doch war ich wirklich ein Schaf – damals, im Krippenspiel, am Heiligabend, als kleines Kind. Es war mein erster bewusster Berührungspunkte mit der Kirche. Denn der Kindergottesdienst und die Aufführung zu Weihnachten, sie waren der Höhepunkt für manchen Spross, der sich damals noch nicht wirklich Gedanken darüber machte, weshalb man zum Christfest die Geburt eines Königs feierte, der in Windeln gelegen haben soll – und im Stroh zur Welt kam. Später habe ich mich hochgearbeitet – ich war Hirte, dann sogar einmal Josef. Und inmitten meiner Erziehung, die nun wahrlich keine explizit christliche Ausrichtung genommen hatte, manifestierte sich so langsam ein Interesse an dem, was da sonntags in der Kirche abging. Da spekulierte man, warum die Erwachsenen ihren eigenen Gottesdienst feierten – und wir als Kinder lediglich Lieder singen und Zeichnungen anfertigen durften.

 

Bis zur Konfirmation zeigte ich aber kein übergeordnetes Ansinnen, mich intensiver mit dem Glauben auseinanderzusetzen. Es machte mir Freude, im Religionsunterricht Bibelverse auswendig zu lernen – und gute Noten für eine ordentliche Heftführung zu bekommen. Doch dann folgte diese erste Prüfung. Sich konfirmieren zu lassen, so wurde uns erklärt, das war die Bestätigung der Taufe, zu der man als kleines Kind nicht „Ja“, nicht „Nein“ sagen durfte. Folglich war für mich klar: Ich musste mich nun mit etwas beschäftigen, was mir als Baby zunächst aufoktroyiert wurde. Mir ging es also nicht um die vielen Geschenke, die man mit der Konfirmation aus der Verwandtschaft zu erwarten hatte. Ich wollte tatsächlich mehr wissen über diesen Jesus, der von den Toten auferstanden sein sollte. Nachdem ich Neugier entwickelt hatte, wurde ich zum Streber unter den Konfirmanden. Und nicht nur das: Ich fand heraus, dass ich all dem, was man uns im Unterricht näherbringen wollte, zustimmen konnte: Ein bewusstes „Ja“ zu Jesu Geburt, Tod und Auferstehung, zur Dreieinigkeit Gottes, zu Altem und Neuem Testament.

 

Ein Hardliner des christlichen Glaubens

 

Nach der Konfirmation entschied ich mich gar, selbst in die Jugendarbeit einzutreten. Ich half fortan an mit, junge Menschen von dem Glauben zu überzeugen, für den ich mittlerweile brannte. Denn ich war mir sicher, Gott an meiner Seite zu haben. Die vielen biblischen Zusprüche, der Heilige Geist, der um uns wehen sollte, die Lichtgestalt Jesus, die Wunder vollbracht haben will und für unsere Sünden in den Tod gegangen war. Ich war sprichwörtlich zu einem „Hardliner“ unter den Gläubigen unserer Gemeinde geworden, glänzte mit meiner Unterstützung der Gemeindearbeit, durfte Andachten und Gottesdienste mitgestalten und war stolz darauf, einen Sinn gefunden zu haben, der sogar soweit reichte, letztendlich die Wunschvorstellung zu träumen, später einmal Pfarrer zu werden. Viele trauten mir das zu, ich selbst war bereits so weit gegangen, mich für die Sprachen Latein, Hebräisch und Griechisch zu interessieren, um dann einmal Theologie studieren zu können. Und wäre das nicht schon genug gewesen, hatten sich auch meine Moralvorstellungen verschärft: Konsequente Ablehnung der Abtreibung, ein kraftvolles Voraus für die Familie und Enthaltsamkeit bis zur Ehe.

 

Doch langsam bröckelte die Fassade: Zwar war ich innerlich weiter davon überzeugt, mit voller Inbrunst dem christlichen Glauben nachzueifern. Aber von außen her kratzten immer mehr Zweifel an dem, was dort auf der Kanzel gepredigt wurde. Spätestens, als ich psychisch krank wurde, fragte ich mich: „Wo ist er nun, der liebe Gott, wenn man ihn denn braucht?“. Auf die Fragen nach der Ungerechtigkeit in der Welt, auf die Theodizée-Frage, hatte ich noch immer eine Antwort gefunden. Doch nun ging es ans Eingemachte: Ich hatte eigene, tiefgreifende Probleme. Und aus meiner Umgebung der Mitchristen erfuhr ich kaum Unterstützung. Hinter vorgehaltener Hand hieß es, ich hätte wahrscheinlich zu wenig gebetet, ansonsten hätte mich solch eine Krankheit nicht heimgesucht. Und bezüglich meines Wunsches, Theologe zu werden, äußerte man sich ganz ungeniert: „Psychisch kranke Seelsorger braucht die Kirche nicht!“.

 

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“.

 

Solche Aussagen hatten gesessen. Zunehmend fühlte ich mich unwohl in der eigenen Gemeinde, hatte überdies den Eindruck, als nutze man von Seiten der Kirche mein gut gemeintes Ehrenamt nur aus. Und ob Jesus nun wirklich von den Toten auferstanden war, das interessierte mich zwischenzeitlich kaum noch. „Vielleicht war er gar nicht richtig tot, als man ihn vom Kreuz abnahm“ – so äußerte ich mich unter christlichen Freunden. Und bekam immer häufiger zu hören, dass man auf meine Bekanntschaft verzichten könnte, wenn ich meinen Glauben derart fundamental in Zweifel zöge. „Darf man nicht einmal mehr hinterfragen?“, war meine innerliche Reaktion, die mich hadern ließ. Und spätestens, als in meiner dörflichen Umgebung die Spekulation aufkam, dass ich schwul sein könnte, offenbarte sich die Falschheit einer ganzen Christenheit. Gemeindeglieder wechselten die Straßenseite, als sie mich sahen. Sie tuschelten und prangerten mich an. Von „Krankheit“ war die Rede, von „Irrweg“ und von der Tatsache, dass ich als potenziell Homosexueller kein Platz mehr unter den Schäfchen finden würde.

 

Ausgrenzung und Anfeindung statt Nächstenliebe und Hingabe. Wie sollte ein Gott das zulassen, dass von ihm erschaffene Kreaturen derart behandelt würden? An das Gebet und daran, dass ich auf meine Bittrufe eine Antwort von unserem Schöpfer erhalten würde, glaubte ich mittlerweile schon lange nicht mehr. Jungfrauengeburt und Himmelfahrt waren ohnehin passé. Und je kränker ich wurde, desto öfter fiel mir der Satz von den Lippen. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Doch auch auf diese Anprangerung reagierte er nicht. Und für mich wurde zunehmend klar: In dieser Kirche, in diesem Glauben würde ich nicht mehr glücklich werden. 2012 wagte ich dann den Schritt, den ich monatelang vor mir hergeschoben hatte. Ich ging zum Standesamt und trat aus der evangelischen Kirche aus. Ein Raunen ging durch die Gemeinde: „Der ehemalige Vorzeigechrist verlässt die Kirche!“. Ja, und es war gut so. Denn ich hatte gemerkt, dass ich es nicht mehr vor mir selbst rechtfertigen konnte, ein Glaubensbekenntnis zu sprechen, von dem ich nur noch Bruchteile als mögliche Wahrheit ansah – und eine Bibel zu lesen, die ich zwischenzeitlich eher für ein Märchenbuch hielt, aber nicht mehr für eine „Heilige Schrift“.

 

Religionskritik ja, Glaubensbashing nein

 

Doch was nun? Ich fühlte, dass der Theismus für mich keine Zukunft sein konnte. Also wandte ich mich denen zu, die von Gott überhaupt nichts wissen wollten. Am Bodensee gründete ich eine humanistische Initiative, in der ich anfangs vollkommen aufging. Werte wie Mitmenschlichkeit, Solidarität, Toleranz – das war das, was ich in der Kirche vermisst hatte. Plötzlich fiel es mir auch nicht mehr schwer, auf die Institution einzuprügeln, der ich über zwei Jahrzehnte angehört hatte. Viel mehr warf ich ihr das vor, was auch atheistische, freidenkerischer oder säkulare Organisationen kritisierten: Hierarchie, Scheinheiligkeit, Inhumanität. Aber was sollte die echte Alternative in der Frage des Sinns sein: War der Mensch wirklich der Mittelpunkt allen Seins? War der Glaube an mich selbst nicht eher ein schädlicher Narzissmus? Und wie war das nun mit der Erschaffung von Universum, Erde und Natur? Zwar war ich von der Evolutionstheorie überzeugt, ich merkte aber, dass der letzte Funke nicht vollkommen übersprang. Die Suche nach einem innerlichen Ziel ging weiter.

 

Als ich immer tiefer in die säkulare Szene Einblick nehmen konnte, erschrak ich zusehends: Ein bloßes Draufhauen auf die Gläubigen, das war nicht mein Ding. Ja, Kirche und Religion anzugreifen, das war in Ordnung. Aber der Glaube war und ist etwas Höchstpersönliches für mich. Und den dahinter stehenden Menschen gilt es zu respektieren, egal, welcher Weltanschauung er auch anhängt. Und dass man mit Witzfiguren wie dem „Fliegenden Spaghetti-Monster“ der Kirche Konkurrenz machen wollte, empfand ich nicht nur als einfallslos, sondern auch als lächerlich. Humanismus ja, Spott des Glaubens nein. So war meine Devise. Und immer öfter regte sich in mir der Wunsch, der Kirche doch noch einmal eine Chance zu geben. Hinzu kamen die teils guten Gespräche mit einer neuen Generation an Geistlichen, die Hoffnung machten: Würde mich Gottes Bodenpersonal wieder zum Glauben zurückführen können? In einer persönlichen Begegnung mit einem protestantischen Pfarrer arbeitete ich die Verwundungen auf, die das frühere Gemeindeleben in mir hinterlassen hatte. Gleichsam wurde ich aber auch nicht müde, meine großen Zweifel an der vollkommenen Bibeltreue zu äußern.

 

Naive Umkehr: Die Hoffnung blieb aus…

 

Doch all das schien nicht zu stören. Viel eher hatte ich den Eindruck gewonnen, als sei ich nun wieder willkommen in der Kirche, als hätten wir uns gegenseitig manchen Fehltritt verziehen. Vom Nachhinein aus gesehen hatte ich mich möglicherweise zu sehr unter Druck setzen lassen, war ich doch noch gar nicht bereit, all das wieder anzunehmen, was mir über Jahre hinweg Kopfzerbrechen bereitete. Zwar war Gott für mich wieder präsent, doch keinesfalls als dieses personifizierte Wesen, als das es die Christen sehen. Viel eher war ich einem Pantheismus zugewandt, einer Überzeugung, wonach sich das Göttliche in allem Natürlichen wiederfindet. Die Kirche dagegen, sie schien das nicht zu stören, dass auch ich mir mittlerweile meine eigene Wohlfühlreligion zu stricken versuchte. Sie lud mich viel eher ein, den Bogen zu unterschreiben, mit welchem meine Rückkehr in die Glaubensgemeinschaft besiegelt sein sollte. Und zweifelsohne: Der Wiedereintritt in die Kirche fiel zunächst vielversprechend aus. Ich wurde herzlich begrüßt, fand nichts mehr von der Distanz wieder, die noch fünf Jahre zuvor an der Tagesordnung war. Letztlich, so kann ich heute nur attestieren, kämpft die Kirche um jedes einzelne Mitglied – und nimmt es dabei offenbar auch nicht so genau mit der Frage, inwieweit sich ihre Anhänger tatsächlich noch mit dem Glauben identifizieren, der vielerorts zur reinen Makulatur verkommen ist.

 

Heute ärgere ich mich über mich selbst, denn ich habe mich eher überredet, nicht wirklich überzeugt gefühlt, was die Umkehr zurück in die Kirche anging. Vielleicht war es auch die Angst, als Konfessionsfreier in der Luft zu hängen, keinen Anschluss zu finden und allein auf das Menschgemachte vertrauen zu müssen – ohne Verheißung, ohne Vertröstung, ohne Perspektive auf das Ewige. Konnte Religion wirklich süchtig machen, war sie tatsächlich das Opium für das Volk, von dem man sich nur schwerlich zu befreien vermochte? In meinem Falle schien das zunächst wirklich der Fall zu sein, denn relativ naiv begab ich mich zurück in den Schoß der Mutter Kirche, hatte die Hoffnung gehabt, dass mit eigenem Zureden der Glaube schon wiederkehren möge. Doch das Liebenswürdige, das Empathische, das Vertraute, es kam nicht zurück. Im Gegenteil: Ich tat mir schwer mit meiner eigenen Heimatgemeinde, die sich zusehends gewandelt hatte. Ausgegrenzt fühlte ich mich weiterhin. Und die Sache mit dem lieben Gott, sie war keinesfalls geklärt: Heute bin ich mir sicherer denn je, dass wir für die Erklärung der Welt weder einen schöpferischen, noch einen eingreifenden Gott brauchen. Die Entwicklung der Menschheit, sie ist ähnlich faszinierend wie die Entstehung des Weltraums. Doch sie lässt sich durch die Erkenntnisse der Wissenschaft weitaus plausibler nachzeichnen als durch einen biblischen Schöpfungsbericht, der auf seine Art eine Gedankenstütze sein mag – für den fragenden Bürger aber mehr Unklarheiten als Antworten hinterlasse dürfte.

 

Glaubensferne: Prüfstein für unsere Demokratie

 

Mittlerweile habe ich für mich einen Schlussstrich unter das Kapitel „Kirche“ gezogen. Ich bin endgültig ausgetreten – dieses Mal also ohne Rückfahrschein. Denn heute kann ich dem Atheismus viel Positives abgewinnen, in seiner bejahenden Variante des Humanismus reicht er völlig aus, um glücklich zu sein. Dass man im Umgang mit Glaube und Gott etwas gelassener sein darf, das habe ich verstanden. Und so empfinde auch ich die vielfältige Auseinandersetzung der säkularen Szene mit Kirche und Religion heute nicht mehr als übergriffig, sondern viel eher als künstlerisch gelungen, im besten freidenkerischen Sinne legitim und unter dem Aspekt der universellen Menschenrechte als notwendig, um die Vermächtnisse der Aufklärung fortzuentwickeln. Es gehört zu den höchsten Gütern unseres Verfassungsstaates, ganz bewusst „Nein“ zum Glauben sagen zu dürfen. Die Freiheit von religiöser Theorie und Praxis, sie stellt einen wesentlichen Prüfstein für unsere Demokratie dar. Und gerade die sich oftmals in ihrem Selbstbewusstsein eigens überhöhende Institution der Kirche muss sich daran messen lassen, wie viel Kritik sie erträgt. Gerade in Zeiten, in denen sich der Klerus immer neuen Vorwürfen ausgesetzt sieht, müssen die Botschaften der Außenstehenden eindeutig sein.

 

Doch nicht nur das: Es geht nicht allein um die Schadenfreude gegenüber den Religionsgemeinschaften. Viel eher muss sich der Gottesglaube an sich zahlreiche Fragen stellen lassen. Die für mich entscheidende bleibt die des Leidens. Je größer meine gesundheitlichen Einschränkungen dieser Tage werden, desto vehementer muss ich die Überzeugung an eine himmlische Kraft über Bord werfen. Denn nicht nur die Erschaffung von Raum und Zeit lässt sich durch die Naturgesetze viel besser erklären als durch einen deistischen Schöpfergeist; auch der Umstand, dass Krankheit zum evolutionär bedingten Leben dazugehört, ist für mich weitaus leichter zu ertragen als das gedankliche Konstrukt des theistischen Gottes, der den Menschen in Freiheitsliebe immer wieder fallen und aufstehen lässt – nur, um damit seine Allmacht unter Beweis stellen zu können. Wenn wir genügend Vertrauen in uns selbst legen, dann ist es einfacher, natürliches und menschgemachtes Leid zumindest annehmen zu können, gleichsam aber nicht akzeptieren zu müssen. Als Humanisten unterliegen wir nicht dem Zwang, Tiefschläge mit einem dahintersteckenden Sinn zu verstehen. Aber wir können mit unseren sensiblen Fertigkeiten, Trost, Ermutigung und Zuversicht zu spenden, daran arbeiten, die Schäden aus Katastrophen und selbst produziertem Unheil so gering wie möglich zu halten. Mit der Hoffnung auf transhumanistische Fähigkeiten wird zudem die Perspektive gesät, eines Tages Schmerz und Pein überwinden zu können – ohne sich dabei ständig die Frage des „Warums“ stellen zu müssen.

 

Neue Chance im Humanismus

 

Die Sache mit dem Glauben, sie lässt uns wie kaum eine andere Frage hadern und zetern. Das wundert niemanden – denn geht es in Wahrheit doch um das Existenzielle, um die Suche danach, woher wir kommen und wohin wir gehen. Ohne einen Gott sind wir als Menschen sehr viel stärker gefordert, Antworten selbst erarbeiten zu müssen. Der Humanismus krönt uns mit der Fähigkeit, die Welt auch ohne religiöse Überzeugung durchdenken zu können. Moralisch gesehen müssen wir uns von keiner Instanz Vorgaben setzen lassen, sondern sind allein der Ethik der Mitmenschlichkeit verpflichtet. Wer den evolutionären Humanismus als Option verstanden hat, Religion als abhängig machende Fixierung im Gerüst göttlicher Bevormundung gegen die Freiheit des Selbstdenkens einzutauschen, der hat einen Prozess um die Vorherrschaft der Ideologien gewonnen, welcher nicht nur zermürbend, sondern für viele Menschen auch sozial existenziell bedrohlich sein kann.

 

Ich selbst kann nur hoffen, dass mir die unabhängigen und organisatorisch gebundenen Humanisten dieses Landes die erneute Chance geben, mich in ihren Reihen zu engagieren. Denn das Wissen, sich im Miteinander der realen Vernunft für die Gesellschaft einbringen zu können, sie lässt mich ebenso frohlocken wie die Aussicht darauf, mit gläubigen Menschen fortan in einen harten, aber fairen Diskurs über ihre Religion einzutreten. Aus einer atheistischen Weltsicht erwächst gleichsam die Chance, Lebenssinn alternativ zu gestalten – die ständige Anbetung eines möglicherweise vom Menschen selbst erfundenen Gottes, sie raubt dagegen Kraft und Freude, die wir viel besser dafür einsetzen können, das Hier und Jetzt zu genießen. Mir wird es deshalb künftig eine ganz besondere Aufgabe sein, mich für eine fröhlich werbende Verbreitung humanistischen Denkens einzusetzen, die dabei auch auf Grenzwertiges im Geschmack der Religiösen setzen wird. Daneben bin ich fest gewillt, auch mein politisches Handeln in Zukunft an den Maßstäben humanistischen Daseins zu orientieren.

 

Wenngleich es lange Zeit dauerte, bis ich mich am richtigen Platz sah, so war die mehrfache Reflexion meines Glaubens ein notwendiger und wichtiger Schritt, den Humanismus nicht aus einer Momentaufnahme heraus als Weltanschauung zu übernehmen. Viel eher sollte auch er sich ständig neu kritisch überprüfen lassen – diese Mindestanforderung gilt für die religiöse Weltanschauung ebenso wie für das säkulare Gedankengut. Wie viele Menschen verharren aus banalen Beweggründen bis heute in den Kirchen, ohne sich ernstlich darüber im Klaren zu werden, ob sie Leitbild und Vereinssatzung noch mittragen. Ehrlichkeit mit sich selbst, das scheint gerade im Glauben nötiger denn je. Entsprechend ermutige ich jeden, allfälligen Zweifeln an der eigenen Religion mit Behutsamkeit und Nachsicht zu begegnen. Verbände und Organisationen der säkularen Szene stehen bereit, auch – und gerade – denjenigen aufzufangen, der nach dem Kirchenaustritt in ein emotionales Loch des Alleinseins abzurutschen droht. Die Entscheidung, sich von Kirche, Glaube und Religion abzuwenden, sie muss reifen. Dafür ist der Schritt zu groß, um ihn im Zweifel zwischen Tür und Angel zu erledigen. Und nicht zuletzt sei versichert: Atheisten befinden sich schon heute in guter Gesellschaft – kein Grund also, aus Angst vor dem sozialen Abstieg die Freiheit zu verschmähen…   

 

 

Dennis Riehle

Martin-Schleyer-Str. 27

78465 Konstanz

 

Webpräsenz:

www.Dennis-Riehle.de




Weltanschauliche Wörterkunde


WörterEin Beitrag von Jan M. Kurz (Initiative Humanismus, Partei der Humanisten).

Als Freund von sprachlicher Präzision pflegen ich und eine Vielzahl weiterer Menschen in Diskussionen und Erörterungen, egal ob auf schriftliche oder sprachliche Weise, auch in weltanschaulichen oder philosophischen Themengebieten gerne eindeutige Fachformulierungen zu verwenden. Da die allermeisten dezidierten Humanisten mit diesem Vokabular vertraut sind, stellt das auch in aller Regel kein Problem dar und ist allgemein für die inhaltliche Klarheit von Vorteil. Hin und wieder kommt es jedoch vor, dass diese semantische Vorgehensweise als zu theoretisch wahrgenommen wird und einige Diskussionspartner, die mit religionskritischer und philosophischer Literatur nicht so eng vertraut sind, darin gar eine Art der Verwirrungstaktik ausmachen wollen. Das ist auch alles andere als unverständlich, denn die Vielfalt charakterisierender Begrifflichkeiten und weltanschaulicher Definitionen ist groß und nicht immer leicht zu durchschauen. Zudem klingen die Wörter recht ähnlich und unterscheiden sich sowohl inhaltlich, als auch schriftlich nur in Nuancen. Ein kompakter Überblick über weltanschauliche Definitionen und Charakteristika ist daher gewiss hilfreich.

Spektrum der Glaubensintensität

In seinem berühmten Werk „Der Gotteswahn“, herausgegeben im Jahre 2006, liefert der international bekannte Biologieprofessor, Religionskritiker und Aufklärer Clinton Richard Dawkins die Formulierung einer theistischen Glaubensskala in 7 absteigend angeordneten Punkten. Sie reichen vom fundamentalistischen Glauben an übernatürliche Wesen oder Welten bis zum solide begründeten Atheismus. Besondere Begrifflichkeiten werden dort für die einzelnen Abstufungen nicht verwendet, stattdessen erklärt ein einzelner Satz die jeweilige Stufe der Intensität genauer. Im Sprachgebrauch bietet es sich aber besser an genaue Begriffe an Stelle von Zahlen zu verwenden, die außerdem ausgiebiger definiert sind. Abgestuft von stark gläubig nach in keiner Weise gläubig sind das die folgenden:

1.) Theismus/Der Theist: Unter Theismus (Götterverehrung) versteht man den Glauben an eindeutig und fest definierte übernatürliche, man kann auch sagen „magische“ Kreaturen, Wesenheiten oder jenseitige Welten. Ihre Definition erhalten diese übernatürlichen Dinge bei organisierten Religionen in der Regel in „heiligen“ Büchern oder besonderen Regelwerken (Evangelien, Katechismen), oder im Falle anderer Phantasievorstellungen durch einfache Niederschrift oder kulturelle/rituelle Übereinkunft. Der Begriff leitet sich vom griechischen Theos (dt.: Gott) ab und bezeichnet ursprünglich nur die Verehrung von einer oder mehrerer Gottheiten. Man spricht entsprechender Weise dann von Polytheismus oder Monotheismus. Die abrahamitischen Religionen Islam, Christentum und Judentum sind monotheistisch, der Glaube der antiken Ägypter, Griechen und Römer, sowie der Hinduismus sind polytheistisch. Von einem wissenschaftsphilosophischen Gesichtspunkt aus fällt in die Kategorie des Theismus aber auch der Glaube an andere definierte und unbewiesene „Dinge“, wie Einhörner, Feen, Elfen, Trolle, Kobolde, Orks, Zwerge und Russels schwebende Teekanne, sowie der Weihnachtsmann und das fliegende Spaghettimonster. Sogar der Glaube an eine Seele, einen metaphysischen freien Willen, das Leben nach dem Tod, Himmel und Hölle oder ähnliches ist auch für sich allein genommen ohne die zusätzliche Annahme eines oder mehrerer in die Naturgesetze und das Leben der Menschen eingreifender Götter ein Teil des Theismus.

2.) Deismus/Der Deist: Dem gegenüber ist der Deismus (Gottgläubigkeit) bereits ein großer Fortschritt an Rationalität. Ein Deist geht keineswegs davon aus, dass Götter oder andere Zauberwesen in die Naturgesetze eingreifen würden oder sich in irgendeiner Art und Weise für die Menschheit oder gar einzelne Individuen dieser interessierten. Bekannte Vorstellungen der Offenbarungsreligionen hegt er überhaupt nicht. Im Deismus gibt es keine Charaktergötter oder andere übernatürliche „Spezies“ wie eierversteckende Osterhasen oder die Zahnfee. Dennoch spielt der inflationär gebrauchte Begriff „Gott“ eine wichtige Rolle im nicht vollständig wissenschaftlichen Weltbild des einfach Gottgläubigen, nämlich beim so gedachten Schöpfungsprozess. Gott ist an dieser Stelle also eine handelnde Entität, die das Universum erzeugt hat und danach keine weitere Rolle mehr spielt. Ein Deist glaubt folglich auch an eine Form von Metawelt, innerhalb oder außerhalb des Universums, wo dieses Wesen seither heimisch (und arbeitslos oder tot?) ist.

3.) Panentheismus/Der Panentheist: Eine noch stärker abgespeckte Form des Glaubens ist der Panentheismus (alles in Gott). Dieser Begriff wird wegen seiner eng umgrenzten Zwischenrolle im Gegensatz zu den anderen hier genannten so gut wie nie benutzt. Der Panentheist glaubt schlicht und einfach an irgendetwas völlig undefiniertes „Höheres“ im Kosmos, das sich angeblich dem menschlichen Verstand auf alle Ewigkeit entziehe und über das mittels der wissenschaftlichen Methode prinzipiell niemals Gewissheit erlangt werden könne. In Anlehnung an ein geflügeltes Wort des deutschen Mediziners Emil Du Bois-Reymond aus dem 19. Jahrhundert kann man den Panentheismus daher auch als Ignorabimus-Glaube („Wir werden nicht wissen!“) bezeichnen. Ein historisches Beispiel für eine panentheistische Vorstellung wären die Annahmen sogenannter Vitalisten von einer unergründlichen Lebenskraft (Vis vitalis) oder der Glaube an eine freie Energie der Anhänger von Nikola Tesla. Auch viele moderne esoterische Gespinste und allgemein pseudowissenschaftliche Annahmen könnte man als panentheistisch (oft aber auch deistisch) einordnen.

Widerlegbar oder nicht?

Bekannt ist sicher, dass viele Religionskritiker und Naturwissenschaftler freimütig zugeben, dass man religiöse Vorstellungen beziehungsweise die physikalische Existenz von Gottheiten nicht widerlegen könne. Das ist aber ein wenig missverständlich formuliert. Was stimmt, ist der Sachverhalt, dass sich theistische, deistische und panentheistische Vorstellungen nicht durch empirischen Erkenntniserwerb widerlegen lassen, was – wie an dieser Stelle stets umgehend hinzugefügt wird – gemäß der Regeln des Wissenserwerbs auch nicht notwendig ist. Denn derjenige, der eine Behauptung (eine Hypothese) formuliert, ist in der Pflicht sie zu beweisen, nicht umgekehrt. Was ohne Beweise behauptet werden kann, kann auch ohne Beweise verworfen werden (Hitchens Razor Prinzip). Der unkompliziertesten Erklärung eines Sachverhalts ist stets Vorzug zu geben (Occam´s Razor Prinzip).

Innerhalb der Erkenntnistheorie ist der Wissenserwerb über ein Subjekt gemäß dem Fallibilismus allerdings erst der zweite Schritt der Untersuchung. Wenn ein Untersuchungsobjekt bereits an logischer Konsistenz scheitert, braucht man sich um empirische Untersuchungen keine Gedanken mehr zu machen. Denn während nur ein Bruchteil der logisch konsistenten Dinge auch real existent ist, ist die Existenz eines logisch unmöglichen Dings real unmittelbar ausgeschlossen. Gegen die präzise definierten Konzepte des Theismus und Deismus lassen sich mit Leichtigkeit Widerspruchsbeweise durch Logik führen (Reductio ad absurdum), was alle weiteren Überlegungen überflüssig macht. Bei Panentheismus funktioniert das allerdings aufgrund zu schwammiger und absichtlich diffuser Vorstellungen häufig nicht. „Irgendwas Höheres“ ist kein Begriff, mit dem man vernünftig arbeiten könnte. Widerlegen lässt sich dieser Minimalglaube (und nur dieser!) daher nicht.

4.) Pantheismus/Der Pantheist: Ein Pantheist wiederum ist etwas gänzlich anderes als ein „Irgendwas-Gläubiger“. Oft bezeichnet man diese bereits vollständig naturalistische Auffassung der Welt auch nach ihrem berühmtesten Vertreter als Einstein-Glaube, oder kosmische Spiritualität. Einen transzendenten Gott gibt es in dieser Weltsicht nicht, weder als Erlöser, oder einfache Schöpferfigur, noch als geisterhafte Unergründlichkeit. Auch alle anderen übernatürlichen Erfindungen fallen damit weg. Pantheismus ist eine vollständig atheistische und damit naturalistische Weltanschauung, innerhalb derer der Begriff „Gott“ hin und wieder als bloße Metapher für die Gesamtheit der Naturgesetze, das Universum oder die Welt beziehungsweise die belebte Natur gebraucht wird. Richard Dawkins beschreibt den Pantheismus daher auch als aufgepeppten Atheismus. Viele Naturwissenschaftler und Philosophen bemühen sich besonders intensiv um eine poetische und ästhetisch ausgeschmückte Artikulationsform wissenschaftlicher Erkenntnisse, die dadurch für die Allgemeinheit manchmal leichter verständlich wird und nennen sich nicht zuletzt im Zuge dessen Pantheist.

5.) Atheismus/Der Atheist: Eine Person die sich stattdessen lieber als Atheist bezeichnet wird auf solch für viele gläubige Menschen sehr missverständliche Formulierungen lieber ganz verzichten und sich schlicht Atheist (ohne Gott) nennen. Insbesondere Theisten haben nämlich die Angewohnheit Pantheisten unredlicherweise als religiöse Personen zu deklarieren. Atheismus bezeichnet die Nichtannahme, respektive Verwerfung jeder logikwidrigen oder empirisch mutwilligen Hypothese über die physikalische Existenz einer supernaturalistischen Entität oder Metawelt. Eine Person die zwar nicht an einen Offenbarungsgott glaubt, dafür aber an die Existenz der Zahnfee, ein Leben nach dem Tod oder die Wirksamkeit von Zauberwasser lässt sich kaum als Atheist bezeichnen.

Bright oder Super?

Nach einer Nomenklatur des britischen Philosophen Daniel Dennet lassen sich die ersten drei Definitionen dem Supernaturalismus zurechnen, da in Theismus, Deismus und Panentheismus Elemente des Übernatürlichen in verschieden starker Ausprägung zu Geltung kommen. Menschen die in ihrer Weltsicht auf logikwidrige oder gänzlich unbelegte Vorstellungen zurückgreifen müssen, werden demnach oft unter der Bezeichnung Supernaturalisten zusammengefasst. Pantheisten und Atheisten, deren Weltbild hingegen einzig und allein auf der wissenschaftlichen Erkenntnismethode und rationalen Überlegungen fußt gelten im Gegensatz dazu als Naturalisten. Mit Ökologie oder Umweltschutz hat dieser Begriff nichts zu tun und um Verwirrungen vorzubeugen schlug Dennet darum die Alternativbeschreibung Bright (hell, klar, schlau) vor, die sich allerdings bislang nicht wirklich durchgesetzt hat (vermutlich weil sie als zu selbstgefällig wahrgenommen wird). Da Wissen niemals Endgültigkeit beanspruchen kann und stets im Zuwachs begriffen ist, ändern sich mit der Zeit die Kriterien und Anforderungen, nach denen sich ein Mensch als Naturalist bezeichnen lässt. Ein weit verbreiteter Kenntnisstand kann beispielsweise ohne weiteres vor 10 Jahren hochaktuell und wissenschaftlich bestens abgesichert gewesen sein, in der Gegenwart jedoch vollendet als Widerlegt und daher falsch gelten. Ein weiteres Festhalten daran wider besseres Wissen würde je nach der weltanschaulichen Relevanz des Themas eine Definition als Naturalist erschweren. Bei einer solch engen Begriffsverwendung wären jedoch weltweit immer nur wenige führende Naturwissenschaftler und Universalgelehrte überhaupt in der Lage sich dieser Kategorie zuzuordnen, was die Einteilung wenig sinnvoll machen würde. Man muss an dieser Stelle schlicht akzeptieren, dass eine Person die sich als Pantheist oder Atheist bezeichnet auch dann noch als Naturalist gilt, wenn sie stellenweise veraltete Elemente in ihrer Weltanschauung führt, solange diese nur eine Nebenrolle spielen und (ganz wichtig!) Korrektur- und Fortbildungsbereitschaft besteht.

Humanismus/Der Humanist

Atheismus und Pantheismus als Gattungsformen des Naturalismus sind beide naturphilosophisch isolierten Positionen. Wie die Vorsilbe A- (weg, ab, ohne) bereits verdeutlicht handelt es sich insbesondere beim Atheismus um eine reine Verneinungsform, aus der im Gegensatz zu institutionellen Glaubenssystemen keinerlei weitere Ansprüche oder Ansichten außer der Ablehnung des Supernaturalismus erkenntlich werden, auch nicht in ethischer Hinsicht. Das macht diese Personengruppe ausgesprochen heterogen in ihrer Beurteilung aller nicht-metaphysischen Themen und sonstigen philosophischen und politischen Positionen. Ein Humanist ist daher in Abgrenzung dazu ein Atheist oder Pantheist mit einer spezifischen ethischen Agenda, welcher die historisch von der Antike über die Renaissance hin zur Neuzeit entwickelten und mühsam gegen den Supernaturalismus erkämpften Werte der Aufklärung vertritt. Dazu zählen unter anderem Demokratie (Bürgerrechte und Beteiligung an der politischen Willensfindung), Rechtsstaatlichkeit (Gleichheit vor dem Gesetz) und Individualrechte (Menschenrechte und Meinungsfreiheit), sowie eine utilitaristische Ethikkonzeption ohne metaphysische Bezugspunkte (Gut und Böse) und der allgemeine Einsatz der wissenschaftlichen Erkenntnismethode in Technologie und Gesellschaft. Der moderne Humanismus des 21. Jahrhunderts basiert dabei mittlerweile nur noch in Minderheitsanteilen auf den Ideen und Konzepten der Antike und Renaissance und hat sich derer stellenweise veralteten Ansichten entledigt. In seiner heutigen Form ist der moderne Humanismus ein evolutionärer Humanismus, der gemeinsam mit dem später entwickelten Transhumanismus auf die Agenda des Biologieprofessors Julian S. Huxley, dem ersten Generaldirektor der UNESCO zurückgeht und insbesondere in Deutschland durch den HVD, die Giordano-Bruno-Stiftung und die Partei der Humanisten vertreten wird.

 

J.M.K.,   22.12.14

 




Wissenschaft und Technik


Happy_HumanGrundlage unseres Wohlstands

Die Arbeitsgruppe um Eckhard Behrend und Lothar Bendig legt hiermit eine überarbeitete Fassung vor, die die bisherigen Anmerkungen berücksichtigt. Der Text wurde aufgrund der Diskussion noch einmal geändert, ohne dass ich die Numerierung angepasst hätte:

Die Wissenschaften, insbesondere Natur- und Ingenieurwissenschaften, bilden die Lebensgrundlage des heutigen Menschen. Innovationen erhöhen die Lebensqualität.  So haben z.B. die rasanten Fortschritte in der Medizin dazu beigetragen, viele Krankheiten zu heilen und menschliches Leben zu verlängern. Auch Sozial- und Geisteswissenschaften leisten einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft. Die Nutzung  der Erkenntnisse aus der Wissenschaft, der Wissens- und  Technologietransfer in die Praxis und die Schaffung von innovativen Produkten und Dienstleistungen sind die Quelle von Wohlstand. Aber es sind nicht allein die Produkte der Technik, die Wissenschaft wertvoll machen, es ist auch der Prozess des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns.

Freiheit der Wissenschaft

Die  Freiheit der Wissenschaft ist ein fundamentales Gut europäischer Zivilisation. Wissenschaft muss, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden, sowohl frei von staatlicher Instrumentalisierung als auch von übermäßigen ökonomischen Zwängen sein. Auch Grundlagenforschung, die zunächst keinen direkten, kurzfristigen ökonomischen Nutzen verspricht, muss gefördert werden. 

Das wissenschaftliche Weltbild

Das wissenschaftliche Weltbild beruht auf einigen fundamentalen Annahmen. Dazu gehört die Erkenntnis, dass alle Aspekte der Welt grundsätzlich verstehbar und einer wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich sind. Gleichzeit aber auch die Tatsache, dass wissenschaftliche Erkenntnisse immer nur bedingt als gültig angesehen, durch neues Wissen ersetzt werden können Erkenntnis niemals vollständig ist. Jede Entdeckung wirft potentiell neue Fragen auf. Wissenschaftliche Erkenntnis stützt sich auf falsifizierbare Fakten. Auch ethisch-moralische Werte befinden sich in einem evolutionären Prozess, der sich neuen Erkenntnissen öffnet und sich veränderten gesellschaftlichen Begebenheiten anpasst. 

Die Wissenschaft kann nicht alles erklären, aber die Religionen erklären gar nichts.

Religionen und ihre Institutionen liefern weder nützliche Beiträge zur Erkenntnis der Welt noch hilfreiche zu ihrer ethischen Bewertung. Im Gegensatz zum wissenschaftlichen Ansatz berufen sich Religionen auf vermeintlich ewige und letzte Wahrheiten, die für unantastbar erklärt werden. Religiöse Vorgaben und religiöses Denken sind jedoch starr und erlauben keine den Problemen angemessenen Anpassungen an veränderte Lebensbedingungen. Auch die kritische Reflexion von Glaubenssätzen wird nicht geduldet. Obwohl ihnen jede begründbare Legitimation fehlt, beanspruchen Religionen und ihre Institutionen als vorgeblich ethisch-moralische Instanz die Mitsprache bei der Bewertung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Ergebnisse. Mythen wie die direkte göttliche Erschaffung von Pflanzen, Tieren und Menschen stehen im Widerspruch zur beobachtbaren Welt und ignorieren jahrhundertelange wissenschaftliche Erkenntnis. Die notwendige Trennung zwischen Staat und Religion umfasst daher auch die Trennung  zwischen Wissenschaft und Religion. Beide Bereiche lassen sich nicht  auf einen Nenner bringen. In der Religion geht es um Glauben, innere Überzeugungen, persönliche Visionen, basierend meist auf alten, historisch nicht abgesicherten Überlieferungen. Wissenschaft dagegen arbeitet nach standardisierten, erprobten Methoden, mit deren Hilfe plausible, nachvollziehbare Theorien aufgestellt und durch wiederholbare Experimente bestätigt werden können.  Die wissenschaftliche Methode schließt die Forderung ein, Theorien jederzeit zu widerrufen, wenn sie aufgrund neuer Erkenntnisse als falsch angesehen werden müssen. Diese Anpassungsbereitschaft kennen religiöse Dogmen nicht.

Bildung und Wissenschaft

Im  Bildungsbereich muss sichergestellt werden, dass ein wissenschaftlich-kritisches und demokratischen Prinzipien genügendes Weltbild vermittelt wird und keine religiösen Lehren, die insbesondere naturwissenschaftliche Erkenntnisse leugnen. Gesicherte wissenschaftliche  Erkenntnisse über unsere Welt müssen deshalb die religiösen Legenden ablösen, die leider immer noch in den Lehrplänen  unserer Kindergärten und Schulen zu finden sind. Insbesondere ist allen Versuchen entgegenzutreten, Glaubenselemente als wissenschaftliches Wissen darzustellen.

Technik und Verantwortung

Wir sind uns aber auch bewusst, dass die Technisierung unseres Planeten nicht nur  geistige Folgen, sondern auch handfeste physische Beeinträchtigungen der Umwelt des Menschen zur Folge haben. Dazu zählen die Ausrottung von  Tier- und Pflanzenarten, die Auswirkungen der industrialisierten Intensiv-Landwirtschaft, die Beeinträchtigung und teilweise Zerstörung  der natürlichen Lebensräume und die Vergiftung von Boden, Wasser und  Luft bis hin zur globalen Veränderung des Klimas und der Zerstörung der  die Erde schützenden Ozonschicht. Diese Probleme verursacht nicht die Wissenschaft, sondern deren Anwendung. Deshalb ist die Technikfolgenabschätzung sehr wichtig. Die Probleme, die eine z.T. verantwortungslose Anwendung der Technik verursacht hat, können jedoch wiederum nur mithilfe der Wissenschaft gelöst werden. Die ethischen Fragen, die durch neue Technologien aufgeworfen werden, exemplarisch seien hier Methoden der Molekularbiologie und ihre Anwendung auf den Menschen (künstliche Befruchtung  (IVF), die Präimplantationsdiagnostik (PID) und die  Klonierungstechniken) genannt, müssen verantwortungsvoll und undogmatisch diskutiert werden.

Wir treten deshalb ein für: 

1.  Die Trennung von Wissenschaft und Religion

Glaubensgemeinschaften dürfen keinen Einfluss auf Lehre und Forschung haben. Die wissenschaftliche Methode  schließt die  Forderung ein, Hypothesen jederzeit zu widerrufen, wenn sie durch neue Erkenntnisse widerlegt werden. Das gilt für religiöse Dogmen in keiner Weise. 

2. Die Abschaffung von Religion als Lehr- und Theologie als Studienfach

Beide sind konsequenterweise an staatlichen Schulen und wissenschaftlichen Einrichtungen zu streichen und durch ein weltanschaulich neutrales Fach Ethik-Unterricht an Schulen und Religionswissenschaft an wissenschaftlichen Einrichtungen zu ersetzen,  

3. Die Vermittlung eines naturalistisch-wissenschaftlichen Weltbildes 

An allen Schulen der Bundesrepublik Deutschland wird in den naturwissenschaftlichen Fächern ausschließlich wissenschaftlich begründeter Lehrstoff vermittelt. Über die in Religionen enthaltenen Mythen, wie z.B. die Schöpfungslehre, wird entsprechend wissenschaftlicher Erkenntnisse aufgeklärt..

4.  Die Freiheit von Wissenschaft und Forschung 

Die Freiheit der Wissenschaft darf niemals eingeschränkt werden.

Dies beinhaltet die Förderung des verantwortungsvollen und effektiven Einsatzes wissenschaftlicher Erkenntnisse durch eine säkulare und religionsneutrale Politik, die objektiven Wissenszuwachs und Nutzen für die Menschheit als Ziel  hat. 

5. Innovationen zum Wohle der Gesellschaft

Diese müssen allen Menschen unabhängig von deren Geschlecht, Herkunft oder anderer Merkmale zugutekommen. Das menschliche Wohl ist nach diesseitigen Kriterien zu verstehen, nicht nach jenseitigen, religiösen Heilsversprechen. 

6.  Technik-Folgen-Abschätzung

In jeder Phase des Innovationsprozesses (von der Idee bis zum Markt) sind mögliche Konsequenzen für Natur und Gesellschaft zu bewerten, um Nachhaltigkeit und den Schutz der Umwelt zu gewährleisten. 

7.  Bessere Kommunikation zwischen Wissenschaft, Technik und Bevölkerung

Wissenschaftliche Erkenntnisse und ihre erkennbaren und potenziellen Einflüsse auf die Gesellschaft müssen durch eine allgemeinverständliche und sachliche Darstellung und Diskussion in den Medien und der Öffentlichkeit möglichst breiten Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht werden. 

8. Transparenz von Wissenschaft und Forschung 

Die wissenschaftliche Methode macht es notwendig, dass wissenschaftliche Ergebnisse so veröffentlicht werden, dass eine unabhängige Überprüfung möglich ist. In der Finanzierung der Wissenschaft ist Transparenz nötig, um potentielle  Interessenskonflikte und Einflussnahmen erkennen zu können. Wissenschaftliche Studien, die als Grundlage für politische Entscheidungen dienen, müssen öffentlich unter Angabe von Auftrags- und Finanzgeber zugänglich sein.

Fortschritte in Wissenschaft und Technik sind nur auf der Basis des stetigen Austausches  von Erkenntnissen möglich. Alle rechtlichen Hürden dieses freien wissenschaftlichen Austausches sind so weit wie möglich unter Wahrung der geistigen Eigentumsrechte der Urheber abzubauen. Forschungsergebnisse, die durch öffentliche Institutionen finanziert wurden, müssen für die Öffentlichkeit frei zugänglich sein. 

Weitere Arbeiten zum Thema zum Thema der geplanten Partei "Die Humanisten" siehe hier.

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Auch Percy Bysshe Shelley wußte es: „There Is No God!“


shelleypHeiner Jestrabek (Hrsg.): Percy Bysshe Shelley: „There Is No God!". Religions- und Herrschaftskritik. 172 S. m. Abb. Klappenbroschur. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2019. 14,00 Euro. ISBN 978-3-922589-71-6.

Rezension von Siegfried R. Krebs:

WEIMAR. (fgw) Percy Bysshe Shelley war noch nicht einmal 30 Jahre alt, als er am 8. Juli 1822 im Meer bei Viareggio an der Toskanaküste ertrank. Ein kurzes Leben, dennoch hinterließ er ein bedeutendes Werk. An eben dieses zum Teil abenteuerliche Leben, Wirken und Werk will Heiner Jestrabek mit seiner neuesten Publikation erinnern.

Denn, so Jestrabek in seiner Einführung, Shelley erlangte Berühmtheit nicht nur als einer der bedeutendsten Dichter der englischen Romantik – zusammen mit Byron und Keats – er war auch Philosoph und kämpferischer Atheist, politischer Pamphletist und Aktivist, Abenteurer, Frauenschwarm und sogar Frauenrechtler, Vorkämpfer für freie Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen.

Das vorgelegte Buch führt knapp und übersichtlich in Leben und Werk des am 4. August 1792 als Sohn eines Baronets geborenen Dichters ein. Der Lebensbeschreibung hat Herausgeber Jestrabek eine kleine Auswahl von Shelleys radikalen religions- und herrschaftskritischen Schriften beigefügt.

Bereits der junge Shelley habe an den Vesten gerüttelt, die die feudale, bürgerliche und achso christliche Ordnung stützten: „In der Universität in Oxford, ab 1810, schloss Percy eine lebenslange Freundschaft mit Thomas Jefferson Hogg (1792-1862). Mit Hogg gemeinsam entstand auch die Idee zu dem Pamphlet 'The Necessity of Atheism' („Die Notwendigkeit des Atheismus") 1810/1811, eine philosophische Streitschrift in der Tradition der radikalen Aufklärung. Shelley und Hogg wurden wegen dieser Schrift und auch wegen ihrer rebellischen Haltung gegenüber der Collegeleitung der Universität Oxford verwiesen." (S. 9)

Auch seine Familie verstieß ihn und so mußte Shelley lange Jahren in prekären Verhältnissen leben. Dennoch ließ er sich nicht entmutigen und schuf ungeachtet dessen – und angesichts der ökonomischen und politischen Verhältnisse in Großbritannien – ein umfangreiches publizistisches Werk.

„Queen Mab" war das erste große Poem des Dichters. Diese allegorisch-utopische Verserzählung nach mythologischen Vorbildern wurde 1811 geschrieben und 1813 veröffentlicht; nunmehr unter dem Titel „Queen Mab. Philosophical Poem with Notes." Die hinzugefügten umfangreichen 'Notes' – historische und philosophische Annotationen – erweiterten das Werk zusätzlich zu einem eigenen philosophischen Manifest. Darin enthalten waren u.a. der erweiterte Wiederabdruck von „The Necessity of Atheism". Poem und Notes als ein Buch, erlangten so den Ruf einer „Bibel" der Bewegung der Chartisten, so schätzte es später Georg Bernhard Shaw (1856-1950) ein. Jestrabek schreibt seinerseits dazu: „Shelley gestaltete in seinem Poem 'Queen Mab' als eine dichterische Vision von der Zukunft der Menschheit (…) und als Perspektive zur Überwindung von Monarchie und Priestertum hin zu einer freien Gesellschaft." (S. 11)

„1814 folgt die Publikation von 'A Refutation of Deism' („Eine Widerlegung des Deismus"). Shelley grenzte sich darin eindeutig von einem 'Deismus' ab, dem damals viele Aufklärungsphilosophen anhingen, zugunsten eines konsequenten Atheismus. Er zeigte dessen Inkonsequenzen auf und widerlegte, in Form eines Dialogs zwischen den Gesprächspartnern Eusebes und Theosophus, derartige Argumente und Scheinbeweise der Kreationisten, Sophisten und aller Religiösen." (S. 15)

Jestrabek geht dann auf Shelleys Freunde und Mitstreiter, wie William Godwin (1756-1836), Lord George Gordon Byron (1788-1824) oder John Keats (1795-1821) ein. Ausführlicher wird über Shelleys zwei Ehen, und die in beiden gezeugten Kinder, berichtet. Die erste Ehe schloß er auf abenteuerliche Weise mit der damals erst 15jährigen Kaffeehausbesitzer-Tochter Harriet Westbrook. Die zweite mit Mary Godwin (1797-1851). Dazu heißt es im vorliegenden Buch:

„Durch die Flucht mit Mary war es zu einem Zerwürfnis mit Godwin gekommen, da Shelley zu diesem Zeitpunkt noch verheiratet war. Erst nach dem Tod Harriets und der Heirat mit Mary am 30. Dezember 1816 kam es zu einer Aussöhnung zwischen Percy und Mary mit William Godwin. Mary Shelley, geb. Godwin, sollte später selbst eine berühmte Schriftstellerin werden und die literarische Nachlassverwalterin Percys." (S. 19) Mary Shelley ist heutzutage vor allem bekannt durch ihren Roman „Frankenstein, or, The Modern Prometheus", erstmalig 1818 in London veröffentlicht.

Percy Shelley war nicht nur Literat. Denn, so heißt es bei Jestrabek:

„Der Kampf um politische Reformen wurde unterstützt, Anteil genommen an den infolge von Arbeitslosigkeit, Hunger und Unterdrückung entstandenen revolutionären Unruhen. Shelley veröffentlichte das Traktat 'Proposal for Putting Reform to the Vote' („Vorschlag für eine Reform des Wahlrechts"), 'An Address to the People on the Death of the Princess Charlotte' („Eine Botschaft an das Volk anlässlich des Todes von Prinzessin Charlotte"), den gemeinsam mit Mary geschriebenen Reisebericht 'History of a Six Weeks' Tour' („Geschichte einer sechswöchigen Reise"), die Verserzählung 'Laon and Cythna' wird gedruckt (und erst nach Umarbeitung als 'The Revolt of Islam') im nächsten Jahr veröffentlicht. Hierin wurden Ziele und Ideale der Französischen Revolution verteidigt und als folgerichtige Reaktion auf die vorherigen sozialen Missstände und politische Unterdrückung dargestellt. Die Handlung verlegte Shelley in den Orient und verknüpfte diese mit einer Liebesgeschichte von Geschwistern." (S. 21)

Heiner Jestrabek würdigt aber nicht nur Percy Shelley, sondern er äußert sich auch deutlich zu Mary Shelleys Verdiensten um das geistige Erbe ihres Mannes:

„Große Verdienste um die Edition seiner Werke erwarb sich seine Witwe Mary Shelley. Sie musste sich in prekären Verhältnissen durchschlagen und gegen Schikanen des Schwiegervaters wehren, der dem Werk seines verstorbenen Sohnes ablehnend gegenüberstand. Die erste durch sie besorgte zuverlässige vierbändige Ausgabe der Gedichte von Percy Bysshe Shelley mit ihren Anmerkungen erschien daher erst im Jahr 1839. (…) Mary Shelley blieb bis an ihr Lebensende politisch radikal und den Ideen von Emanzipation und Aufklärung verbunden. Sie starb am 1. Februar 1851 in London, vermutlich an einem Gehirntumor, im 54. Lebensjahr." (S. 27-28)

Zu Percy Shelley und der bis heute andauernden Mißachtung seines Werkes schreibt Jestrabek:

„Ohne Zweifel trug sein kompromissloser und öffentlich vorgetragener Atheismus dazu bei: Shelley definierte sich selbst mit einer griechisch verfassten Inschrift in einer Hütte in den Schweizer Alpen: 'Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Percy B. Shelley.' Shelley verband seine Gesellschaftskritik mit einem tief empfundenen Humanismus und Pazifismus." (S. 30-31)

Und der Herausgeber läßt Shelley diesbezüglich selbst weiter zu Wort kommen; mit einem Zitat aus dem Vorwort zu dessen letztem Drama:

„Dies ist das Zeitalter des Krieges der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, und jene Rädelsführer der privilegierten Mörder- und Gaunerbanden, Landesherren genannt, sehen sich untereinander nach Hilfe um gegen den gemeinsamen Feind und stellen die Feindseligkeiten gegeneinander nur ein angesichts einer mächtigeren Furcht. Alle Despoten dieser Erde sind im Grunde Mitglieder dieser Heiligen Allianz. Der Kampf gegen die Hypothese 'Gott', gegen den 'gnädigen und rachevollen Gott', welcher, 'ein Urbild menschlicher Tyrannenherrschaft', als metaphysische Projektion der Monarchie erfunden wurde – dieser kämpferische Atheismus ist die Voraussetzung für die Unschädlichmachung jenes Hauptinstruments jahrhundertelanger Gewaltherrschaft, dessen Name Christentum lautet." (S. 31)

Nach der doch etwas längeren Einführung durch den Herausgeber folgen nun einige Schriften aus Shelleys Feder. Zunächst – und erstmals vollständig in deutscher Sprache – „The Necessity of Atheism – Die Notwendigkeit des Atheismus" aus dem Jahre 1811 auf den Seiten 33 bis 47.

Bemerkenswert, wie Shelley sich hier mit der christlichen Behauptung von einem Leben nach dem Tode auseinandersetzt! Er fragt nicht, ob es ein Leben nach dem Tode gäbe, sondern ob es schon ein Leben vor dem Tode gegeben habe. Mit solchem Argument sollte man heute ebenfalls pfäffische Sprüche kontern.

Shelley wörtlich: „Haben wir vor der Geburt existiert? Es ist schwierig, diese Möglichkeit sich vorzustellen. Im generativen Prinzip jedes Tiers und jeder Pflanze gibt es eine Kraft, die die Substanzen homogen mit sich selbst verändern. (…) Wenn wir vor der Geburt nicht existiert haben; wenn in der Periode, in der die Teile unserer Natur, von denen Gedanke und Leben abhängen, untereinander verwoben scheinen; wenn es keinen Grund gibt anzunehmen, wir hätten vor dieser Zeit existiert, in der offenbar unsere Existenz beginnt, dann gibt es keinen Grund anzunehmen, dass wir nach unserer Existenz weiter existieren werden. Soweit es Gedanke und Leben angeht, wird das gleiche mit uns geschehen individuell gesehen nach unserem Tod wie vor unserer Geburt. (…) Es wird gesagt, wir könnten weiter auf eine Weise existieren, die gegenwärtig für uns unvorstellbar ist. Das ist eine höchst unvernünftige Annahme…" (S. 47)

Als weiteres Werk Shelleys wird dann auf den Seiten 48 bis 132 sein Poem „Queen Mab. Philosopical Poem With Notes" („Feenkönigin Mab. Philosophisches Poem mit Anmerkungen") aus dem Jahre 1813 im englischen Original und in deutscher Übersetzung vorgestellt. Diese Schrift in Versform dürfte allerdings für heutige Leser nur schwer zu lesen (und somit zu verstehen) sein. Nicht so aber die „Anmerkungen" I bis XVI. Diese sind überwiegend in Prosa geschrieben und geben nicht nur Aufschluß darüber, welch beachtliche naturwissenschaftliche Erkenntnisse damals schon – unter Gebildeten – vorhanden waren. Da kann man als Heutiger nur staunen.

Und nicht zuletzt machen gerade diese Anmerkungen den philosophischen und religionskritischen Wert von Shelleys Schaffen aus. Hier sei nur auf die Anmerkungen IX, XII und XV verwiesen.

Unter „IX" heißt es bei Shelley u.a.. „Der Zustand der Gesellschaft, in welchem wir uns befinden, ist ein Gemisch feudaler Wildheit und unvollkommener Zivilisation. Die beschränkte und unaufgeklärte Moral der christlichen Religion verstärkt noch diese Übel." (S. 140)

Und an anderer Stelle schreibt er mit Bezug auf freie Liebe und Partnerwahl: „Ich glaube mit Bestimmtheit, dass aus der Abschaffung der Ehe das richtige und naturgemäße Verhältnis des geschlechtlichen Verkehrs hervorgehen würde. Ich sage keineswegs, dass dieser Verkehr ein häufig wechselnder sein würde; es scheint sich im Gegenteil aus dem Verhältnis der Eltern zum Kinde zu ergeben, dass eine solche Verbindung in der Regel von langer Dauer sein und sich vor allen andern durch Großmut und Hingebung auszeichnen würde. Aber vielleicht ist es noch zu früh, diesen Gegenstand zu besprechen. Was immer aus der Abschaffung der Ehe entspringen mag, wird naturgemäß und recht sein, weil Wahl und Wechsel vom Zwange befreit sein werden.

In der Tat bilden Religion und Moral, wie sie gegenwärtig beschaffen sind, ein praktisches Gesetzbuch des Elends und der Knechtschaft; der Genius des menschlichen Glückes muss jedes Blatt aus dem verruchten Gottesbuche reißen, bevor der Mensch die Schrift in seinem Herzen lesen kann." (S. 142-143)

In Anmerkung XII konstatiert Shelley u.a. dies: „Es ist wahrscheinlich, dass das Wort 'Gott' ursprünglich nur ein Ausdruck war, der die unbekannte Ursache der bekannten Ereignisse bezeichnete, welche die Menschen im Weltall wahrnahmen. Durch die gewöhnliche Verwechselung einer Metapher mit einem wirklichen Wesen, eines Wortes mit einer Sache, ward ein Mensch daraus, mit menschlichen Eigenschaften begabt und das Weltall lenkend, wie ein irdischer König sein Reich regiert. Die Anreden an dies imaginäre Wesen klingen in der Tat ähnlich, wie die Anreden der Untertanen an einen König…" (S. 147)

Das wird von Shelley unter „XV" noch weiter ausgeführt: „Während vieler Jahrhunderte des Elends und der Finsternis fand diese Geschichte unbedingten Glauben; allein endlich standen Männer auf, welche argwöhnten, dass sie Fabel und Betrug sei, und dass Jesus Christus, weit entfernt, ein Gott zu sein, nur ein Mensch, gleich ihnen selbst, gewesen. Aber eine zahlreiche Menschenklasse, welche enormen Gewinnst aus jener Meinung, in der Gestalt eines bei dem Volk herrschenden Glaubens, zog und immer noch zieht, sagte der Menge, wenn sie nicht an die Bibel glaube, werde sie ewiglich verdammt werden, und verbrannte, verhaftete und vergiftete alle vorurteilsfreien und vereinzelten Forscher, welche gelegentlich aufstanden. Sie unterdrückt dieselben noch immer, soweit das Volk, welches jetzt aufgeklärter geworden ist, solches gestatten will. (…) Dieselben Mittel, welche jeden anderen volkstümlichen Glauben gestützt haben, haben das Christentum gestützt. Krieg, Einkerkerung, Meuchelmord und Lüge; Taten beispielloser und unvergleichlicher Rohheit haben es zu dem gemacht, was es ist. Das Blut, welches die Bekenner des Gottes der Barmherzigkeit und des Friedens seit der Einführung seiner Religion vergossen haben, würde wahrscheinlich genügen, um die Anhänger aller anderen Sekten, die jetzt auf der Erdkugel wohnen, zu ersäufen." (S. 151-152)

Deutlicher kann Religions- und insbesondere Kirchenkritik nicht sein. Und 200 Jahre NACH Shelley haben seine Worte leider immer noch Gültigkeit hier in diesem unseren Lande und nicht nur in dieser „Kirchenrepublik"…

Als drittes Werk Shelleys wird auf den Seiten 159 bis 169 das Poem „The Mask of Anarchy. Occasion of the Massacre of Manchester" („Die Maske der Anarchie. Über das Massaker von Manchester") aus dem Jahre 1819 in englischer Sprache und in deutscher Übersetzung vorgestellt.

Eine Bibliographie sowie ein Überblick über weiterführende Literatur runden diese informative und zum Nachdenken anregende Publikation ab.

Und erneut muß dem rührigen humanistischen und libertären Freidenker Heiner Jestrabek dafür Dank gesagt werden, daß er uns Heutigen wieder einmal einen mehr oder weniger vergessenen Vordenker ins Bewußtsein gerufen hat.

  Entnommen bei http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/auch-percy-bysshe-shelley-wusste-es-there-is-no-god/?fbclid=IwAR0tkDnqGAM8-0IbZa_JrbajDmgD90Nd9loNxNAE0Lf3dn2OHlTIHU0KbOE

 

Siegfried R. Krebs

 

 




Michael Schmidt-Salomon: „Entspannt euch!“


Entspannt euchRezension von Gerfried Pongratz:

Kleines Buch – großer Inhalt! Wer Michael Schmidt-Salomons Vorträge, Bücher und sonstigen Publikationen kennt, weiß, was ihn erwartet: Übersichtliche Themenaufbereitung, geradlinige Aussagen, stringente Gedankenführung – in klarer, humor- und poesievoller Sprache. Vieles am Inhalt des vorliegenden Buches ist Lesern seiner Schriften bekannt und doch unterscheidet es sich grundlegend von seinen anderen Veröffentlichungen. Es bietet als „Philosophie der Gelassenheit“ die Aufbereitung und Zusammenfassung aller Themen, die unser Menschsein, unser Selbstverständnis, unsere Verortung im Leben (und Sterben) betreffen. Es vermittelt tiefgründiges Wissen über unser „Sosein“ und bildet ein Vademecum für alle Lebenslagen mit Anregungen, Argumenten und Hinweisen zum Hinterfragen eigener Standpunkte und Verhaltensweisen. Wer sich darauf einläßt, gelangt zu einer „neuen Leichtigkeit des Seins“.

„Wie findet man zu einem sinnerfüllten, glücklichen Leben?“ steht am Einband, wobei die dazugehörende Überschrift „Ein Weisheitsbuch für das 21. Jahrhundert“ verspricht. Das weckt apriori Mißtrauen, allerdings zu Unrecht: Der Inhalt des Buches ist von esoterischem Anflug so weit entfernt, wie Donald Trump vom Gedanken, er könnte nicht der Größte sein („Perspektiven“ S. 44 ff.); der Text vermittelt pure Rationalität und modernes Wissen, er kann als Manifest antiesoterischer Aufklärung verstanden werden.

Der Inhalt des Buches richtet sich in direkter Ansprache an die Leser, den roten Faden bilden die Perspektive und Gedanken Albert Einsteins; sie beschäftigen Schmidt-Salomon seit 35 Jahren und haben ihn wohl auch geprägt. Die Ausführungen gliedern sich in acht „Lektionen“, wovon jede besondere Aspekte des Ziels „rational zu denken, Angst vor dem Versagen zu verlieren, die Welt entspannter, gelassener und humorvoller wahrzunehmen, den Sinn des Lebens sinnlich zu erfahren, statt ihn übersinnlich herbeizuhalluzinieren“ mit den daraus zu ziehenden Schlüssen ausführlich behandelt.

Zitate (z.T. gekürzt, bzw. leicht verändert):

Wir sollten begreifen, dass jeder von uns nur der sein kann, der er aufgrund seiner Anlagen und Erfahrungen sein muss (S. 20). Das bedeutet mitnichten, dass wir keine Verantwortung für unser Handeln übernehmen sollten (ganz im Gegenteil), aber ich rate dringend, den moralischen Schleier abzunehmen, der den Blick auf die Realität trübt (S. 135).

Es (kommt) im Leben weniger darauf an, mit welchen Anlagen man geboren wurde, als darauf, was man aus ihnen macht (S. 21).

Das Leben ist ein Glücksspiel, eine Lotterie, bei der einige von uns ein Traumlos ziehen, während es andere übel trifft (S. 23).

Sei dankbar!

Lerne, dir selbst und anderen zu vergeben!

Frei zu sein bedeutet, tun zu können, was man will – es bedeutet nicht, zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas anderes wollen zu können als das, was man will (S. 32).

Der Abschied von der Idee des ursachenfreien Willens ist keineswegs mit einer Einschränkung deiner Freiheit verbunden (S. 40).

Albert Einstein betrachtete die Einsicht in die ursächliche Bedingtheit unseres Denkens und Handelns als eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz (S. 57). Sie hilft, moralische Übel als ursächlich bedingt zu begreifen und sich mit den Ursachen zu beschäftigen, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen (S. 61). Daraus resultiertet die „Kunst des Vergebens“.

Die Einsteinsche Sichtweise verlangt nicht weniger als einen Abschied von unseren Moralvorstellungen, ja, mehr noch: einen Abschied vom moralischen Denken überhaupt (S. 72).

Fragen von „Gut und Böse“, „Ethik und Moral“ münden in die Aussage:
„Aus ethischer Perspektive darfst du tun, was du willst, solange du die Rechte anderer nicht verletzt“ (S. 90).

Die traditionellen Dualismen von Subjekt und Objekt, von Körper und Geist, Natur und Kultur, Mensch und Tier (wurden) in fundamentaler Weise aufgehoben. Das Mystische ist rational geworden und das Rationale mystisch (S.99)

Wer von seinem Selbst lassen kann, entwickelt ein gelassenes Selbst (S. 103).

Der Mut zur „bedingungslosen Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber“ verlangt, die Endgültigkeit des Todes ohne weitere Ausflüchte zu akzeptieren“ (S. 109).

Um Leben Sinn zu geben erweisen sich drei Strategien als erfolgreich:

1 Hedonismus (genieße das Leben mit allen Sinnen).

2. Selbstverwirklichung (arbeite daran, die eigenen Talente zu entfalten).

3. Altruismus (engagiere dich für Dinge, die nicht nur für dich selbst, sondern auch für andere von Bedeutung sind).

Für uns Menschen, als geborene Teamplayer, liegt die größte Erfüllung des Eigennutzes in seiner Ausdehnung auf andere (S. 119).

Wir sollten uns bemühen, eine möglichst realistische, rationale und faktenbasierte Sicht der Welt zu entwickeln und über sie zu einer positiven Lebenseinstellung zu gelangen (S. 127).

Rechne mit dem Schlimmsten, aber hoffe auf das Beste! Ertrage, was du nicht verändern kannst, aber verändere, was du nicht ertragen mußt (S. 128).

Ars moriendi besteht darin, ohne Schuldgefühle von der Welt abzutreten. Denn wenn du das Gesetz der Kausalität verinnerlicht hast, wirst du am Ende deiner Tage wissen, dass du nur das Leben führen konntest, dass du unter den gegebenen Bedingungen führen mußtest (S. 130).

Der Tod ist und bleibt der ultimative Ausweg in jeder noch so ausweglos erscheinenden Situation. Niemand auf der Welt darf dir abverlangen, Unerträgliches zu ertragen! (S. 132).

Übe Nachsicht mit dir selbst! Immerhin weißt du ja, dass du nicht besser sein kannst, als du bist (S. 138).

Je mehr zu lernst, von deinem eigenen Selbst zu lassen, desto eher wirst du ein gelassenes Selbst entwickeln! (S. 139).

 

Die Quintessenz des Buches könnte aus der (Stoiker-)Sicht des Rezensenten so lauten:

Verbinde heutiges rationales Denken und Wissen mit stoischen Werten, wie Besonnenheit, Gelassenheit, Mäßigung und strebe nach Glück, das ohne Glaube an Götter und Dämonen aus kritischer Vernunft und einem klaren Verstand erwächst.

Brennende Geduld wirst du benötigen, wenn du die in diesem Buch geschilderte Einsteinsche Perspektive in deinem Alltag umsetzen willst. Denn dabei wirst du immer wieder Rückschläge erleben (S 137).

Michael Schmidt-Salomon: „Entspannt euch!“

© Piper Verlag GmbH, München 2019, ISBN 978-3-492-05950-3, 159 Seiten.

Uneingeschränkte Leseempfehlung, verbunden mit der Ermunterung, das kleine Buch als ständigen Begleiter, als Vademecum, zu benutzen!

 

Gerfried Pongratz 3/2019




Bildungspolitik


Happy_HumanGrundgedanken zusammengestellt vom Leiter der Arbeitsgruppe Dieter Fischbach.

Bildung und Ausbildung sind die Grundlage für das Zusammenleben in einer modernen, zukunftsorientierten, humanistischen Gesellschaft.

Dabei formt die humanistische Grundbildung die Basis, ohne die eine erfolgreiche Ausbildung, egal, ob akademisch oder eine Ausbildung oder jedem anderen Berufsfeld, nicht erfolgreich möglich sein kann.

Beide Prozesse, Bildung ebenso wie Ausbildung, haben zum Ziel, junge Menschen in die Lage zu versetzen, sich einen Platz in der Mitte der Gesellschaft zu sichern, damit sie im Rahmen ihrer intellektuellen und produktiven Fähigkeiten im Widerstreit der Argumente ihren Beitrag zur Evolution der Gesellschaft zu leisten vermögen.

Dies sind im Besonderen die Achtung der Menschenwürde, sowie die Einhaltung der Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie

Da der Bereich Ausbildung stark an den ökonomischen Anforderungen des jeweiligen künftigen Arbeitsplatzes orientiert ist, führt dies dazu, den Blick auf die Basis, also die humanistische Grundbildung, zu fokussieren.

Es erhebt sich sogleich mit Recht die Frage, was diese humanistische Basis ausmacht, die jedem Individuum einen erfolgreichen Start in die Gesellschaft ermöglichen soll.

Aus humanistischer Sicht ergeben sich drei Bereiche, in denen ein junger Mensch grundlegendes Wissen und Fertigkeiten erwerben muss, damit er sich möglichst frei von ideologischen Zwängen und Dogmen entwickeln kann, um zu einer innovativen Persönlichkeit zu reifen, die im besten Sinne eine Bereicherung für die Gesellschaft sein kann.

Bereich 1:

Dieser Bereich lässt sich durch die Fähigkeit charakterisieren, sich logisch-rational und kritisch mit seiner Umwelt auseinander zu setzen.

Um diesen kritischen Diskurs führen zu können, sind fundierte Kenntnisse und Fertigkeiten in den Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Philosophie unerlässlich, da sie, wie sonst keine Disziplinen dem Individuum die logisch-rationale Auseinandersetzung mit seiner Umwelt ermöglichen.

Bereich 2:

Dieser Bereich kann mit „fundierter Sprachkompetenz“ beschrieben werden.

Sprache stellt ohne Zweifel das zentrale und Kultur tragende Medium der Kommunikation in der Gesellschaft dar.

Um einen fruchtbaren Diskurs in allen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu gewährleisten, ist daher eine solide Ausbildung im Gebrauch der Landessprache, in unserem Fall der Deutschen Sprache, unerlässlich und zwingend erforderlich.

Zusätzlich muss aber auch den Anforderungen einer globalisierten Welt Rechnung getragen werden. Nach dem Erwerb der Grundlagen der Landessprache ist daher der Spracherwerb in mindestens einer international bedeutenden Fremdsprache (i.d.R. der Englische Sprache) vorzusehen.

Entwickelt sich der junge Mensch in Richtung auf eine akademische Ausbildung, so ist für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit allen Bereichen wie auch den Wurzeln unserer abendländischen Kultur, zusätzlich das Studium alter Sprachen (zumindest der Lateinischen Sprache) von Nöten.

Die Wurzeln von Philosophie und Naturwissenschaft reichen tief in die antiken abendländischen Kulturen und eine umfassende Auseinandersetzung mit diesen kann ohne Kenntnisse der zugehörigen Sprachen nur eingeschränkt gelingen.

Bereich 3:

Neben umfassenden sprachlichen Fertigkeiten und der Fähigkeit zum kritisch-logischen Diskurs benötigt das Individuum ausreichende Kenntnisse über die Struktur gesellschaftlicher Interaktion.

Dieser dritte Bereich rundet die humanistische Grundbildung ab.

Die benötigten Kenntnisse werden über die Disziplinen, Geschichte, Politik, Geographie ebenso wie durch einen signifikanten Einblick in die kulturellen Bereiche von Musik, Kunst und Literatur erworben. Wer sich nicht aktiv mit der Kultur der Gesellschaft in der er lebt auseinandersetzt, kann schwerlich einen positiven Beitrag zu ihrer Evolution liefern.

Kenntnisse und Erfahrungen aus anderen Kulturkreisen können dabei zusätzlich von Vorteil sein. Eine humanistische Gesellschaft ist stets offen gegenüber Einflüssen, die ihre Entwicklung zum Positiven begünstigen.

Säkularität des Bildungssystems:

Aus der Forderung, dass sich ein junger Mensch zu einem selbstbestimmten, kritischen und kreativen Mitglied der Gesellschaft entwickeln soll (Teil 1),  ergibt sich unmittelbar, bereits für die schulische Ausbildung, die Forderung nach Säkularität , die das Lehren von Religion als staatlichen Auftrag gleichsam ausschließt, da die doktrinären Sichtweisen einer Religion im Allgemeinen der Entwicklung zu einem selbständigen Individuum entgegenstehen.

Gleichwohl ist das Wissen über Religion im Rahmen der Bildung einer kulturellen Identität erforderlich, da Religionen in der Evolution unserer Gesellschaft eine gewichtige Rolle gespielt haben und zum Teil auch noch spielen.

Das Bildungssystem im Überblick:

Werfen wir abschließend einen Blick auf ein humanistisch geprägtes Bildungssystem.

Für alle jungen Menschen in unserer Gesellschaft muss, vor dem Eintritt in die Berufsausbildung die Möglichkeit zum Erwerb einer umfassenden humanistischen Grundbildung gegeben sein.

Der Primarbereich:

Dies ist zunächst die Aufgabe des primären Bildungssystems (bis zum Alter von etwa 10 Jahren). Der vorhandenen vierjährigen Grundschule fällt diese Aufgabe mit den Fächern Deutsch, Mathematik, Sachkunde, Musik, Kunst und Sport zu.

Durch die Präferenz einer soliden Grundbildung in diesen Bereichen, insbesondere im Gebrauch der Landessprache, stellt der Unterricht in einer Fremdsprache eine unnötige zusätzliche Belastung für die Schüler dar.

Religiöse Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens sollen integrativer Bestandteil in allen Fächern sein. Ein separater Religionsunterricht ist, wie bereits dargestellt, entbehrlich.

Der Sekundarbereich:

Ein sechsjähriger Unterricht in einer weiterführenden Schule (Sekundarstufe I) erweitert und vertieft das in der Primarstufe erarbeitete Fundament in den Fächern Deutsch, Mathematik, Geschichte, Philosophie, Physik, Chemie, Politik, Geographie, Biologie, Musik, Kunst und Sport. Zusätzlich erfolgt eine grundlegende Ausbildung in (mindestens) einer international bedeutenden Fremdsprache (i.d.R. Englisch).

Religiöse Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens sollen auch hier integrativer Bestandteil in allen Fächern sein. Dies gilt besonders für die Fächer Philosophie, Geschichte, Politik und Geographie. Ein separater Religionsunterricht ist hier ebenfalls entbehrlich.

Eine, wie heute vielfach verbreitet, gezielte Vorausbildung im Hinblick auf eine spätere Berufswahl unterbleibt, da es ein zentrales Ziel humanistischer Bildung ist, junge Menschen dazu zu befähigen, sich im Rahmen einer Berufsausbildung, in möglichst viele Bereiche entwickeln zu können. Bildungseinrichtungen sollen über Praktika Impulse für die Berufswahl vermitteln. Die wesentliche Beratungs- und Führungsrolle fällt in diesem Bereich dem Elternhaus zu.

Das Gymnasium:

Für eine leistungsorientierte Wissenschafts- und Industriegesellschaft ist es essentiell, Begabungen möglichst früh zu erkennen, zu fördern und zu entwickeln.

Diese jungen Menschen müssen, im Sinne einer positiven gesellschaftlichen Evolution, die Möglichkeit erhalten, sich so früh wie möglich in Richtung einer akademischen Ausbildung entwickeln zu können.

Das bewährte Instrument zur optimalen Entwicklung dieser jungen Menschen und ihrer Potentiale ist das Gymnasium.

Hier wird diesen jungen Menschen eine vertiefte humanistische Bildung zuteil.

Da diese Schulform auf das Einschlagen einer akademischen Laufbahn abzielt, ist die Ausbildung in (mindestens) einer Basissprache der abendländischen Kultur (i.d.R. Latein) vorzusehen.

Fazit:

Ich bin überzeugt davon, dass der zur Zeit vorherrschende, ökonomisch ausgerichtete, Bildungsprozess, an deren Ende Abschlusszeugnisse gleichsam als Statussymbole vergeben werden, den falschen Weg darstellt.

Er engt den Entwicklungsprozess des jungen Menschen unnötig ein und behindert diesen in der Möglichkeit zur optimalen Entfaltung seiner Potentiale.

Am Ende dieses „permanenten Beratungsprozesses“ kann schwerlich ein selbstständiges, kritisches und kreatives Individuum stehen.

Auch die aktuellen Übergangsquoten eines Grundschuljahrgangs an die Gymnasien von bis zu 60 lassen nicht den Schluss zu, dass dort noch „intellektueller Leistungssport“ betrieben werden kann.

Der stete Rückgang der Leistungsfähigkeit unserer jungen Erwachsenen wird zusehends von den Universitäten, wie auch von den Arbeitgebern im Allgemeinen, beklagt.

Er ist der sukzessiven Aushöhlung des humanistischen Bildungsideals in den letzten 40 Jahren geschuldet.

Die politische Unfähigkeit zur Erkenntnis und das Nicht-Eingestehen bildungspolitischer Fehler führt unser Bildungssystem aktuell geraden Weges in die Einheitsschule mit Individualbetreuung.

Dem gilt es, sich entschlossen entgegen zu stellen, da dieser Weg unweigerlich zum Verlust der gerade noch vorhandenen internationalen Leistungsfähigkeit führen wird und man damit gleichzeitig die Axt an die Wurzel unserer Gesellschaft legt.

12. März 2013, Dieter Fischbach

 

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Wirtschaft und Soziales


Happy_HumanDas Folgende wurde unter der Leitung von Bernd Scherf  erarbeitet:

1.) Die Humanisten sehen in der Marktwirtschaft die einzige Form vernünftigen Wirtschaftens. Die Marktwirtschaft ist die einzige Wirtschaftsordnung, die mit individueller Freiheit vereinbar ist. Gleichzeitig hat die Marktwirtschaft immer wieder deutlich gemacht, dass nur sie allgemeinen Wohlstand begründen kann.

2.) Eine konsequente Ausrichtung an der Marktwirtschaft bedeutet nicht, den Interessen der Mächtigen der Wirtschaft zu Diensten zu sein. Vielmehr ist die Marktorientierung das Eintreten für den Wettbewerb und das Zurückdrängen von Monopolisierung und Kartellbildung. Es gilt heute mehr denn je die Aussage von Walter Eucken: „Die Wirtschaftspolitik der Wettbewerbsordnung unterscheidet sich  von einer Politik der Freien Wirtschaft mehr, als sich die Wirtschaftspolitik der Freien Wirtschaft von der Zentralverwaltungswirtschaft in den letzten Jahrzehnten unterschied“.  Ziel marktwirtschaftlicher Politik ist nicht die Pflege der oligopolistischen Marktordnung, sondern der Einsatz für eine Marktwirtschaft, die sowohl von staatlicher Willkür wie von privater Wirtschaftsmacht frei ist.    

3.) Die Marktwirtschaft ist die Wirtschaftsordnung, die ein Maximum an Wohlstand generieren kann. Zweifelsfrei hat die Entwicklung der Wirtschaft in den letzten zweihundert Jahren auch soziale Verhältnisse hervorgebracht, die zu Recht Kritik und den Wunsch nach Verbesserung laut werden ließen. Die Notlage der Arbeiter, die Marx eindringlich und richtig schilderte, ist von ihm unrichtig erklärt worden. Der große Irrtum in der Analyse von Marx ist die Tatsache, dass er die Marktformen ignorierte. Nicht die Trennung der Menschen in Eigentümer von Produktionsmittel und arbeitsuchenden Menschen ist die Ursache, sondern dass die Arbeitgeber, denen die Maschinen gehörten, in monopolistischen Marktformen nachfragten.

4.) Häufig wird die ungleiche Einkommensentwicklung der letzten Jahre beklagt. Es ist deshalb zu beachten, dass zwischen Leistungsentgelt und der wirtschaftlichen Aktivität eine positive Korrelation besteht. Bei einer sehr gleichmäßigen Einkommensverteilung würde das Volkseinkommen geringer sein als bei einer ungleichmäßigeren, sofern sich die Ungleichmäßigkeit in jenen Grenzen hält, die von der Leistungsmotivation gedeckt sind. Eine hohe Wachstumsrate ist nur um den Preis einer ungleichmäßigeren Einkommensverteilung zu haben, eine gleichmäßigere kostet Wachstum (Soziale Gleichheit gibt es nur im Elend!.) Ökonomische Ungleichheit ist unter einer Bedingung zu akzeptieren: Sie muss sich zum größtmöglichen Vorteil für die am wenigsten begünstigten Gesellschaftsmitglieder auswirken. (Vgl. John Rawls, Differenzprinzip).   Die Förderung der sozial Benachteiligten muss absolut gesehen werden und nicht relativ.

5.) Im Sinne der sozialen Gerechtigkeit  ist eine Steuerprogression zu begrüßen. Sie soll den Verteilungsprozess im Rahmen der Wettbewerbsorientierung korrigieren. Um die Wettbewerbsordnung zu erhalten, ist es nötig, die Progression zu begrenzen. So notwendig die Progression unter sozialem Gesichtspunkt ist, so notwendig ist es zugleich, durch die Progression nicht die Leistungsbereitschaft zu gefährden.

6.) Für die Humanisten sind Vollbeschäftigung und solide Staatsfinanzen grundlegende Ziele. Deshalb ist mittelfristig eine deutliche Senkung der Staatsverschuldung anzustreben. Die Schuldenbremse ist hierzu ein bedeutsamer Anfang. Dass kurzfristige mit Schulden finanzierte Konjunkturprogramme keineswegs für eine nachhaltige Verbesserung der Vollbeschäftigung sorgen, sondern vielmehr langfristig zu einer Strangulation des Staates führen, hat die Schuldenkrise in der EU überdeutlich gezeigt. Die Humanisten versprechen sich durch eine vitale Marktwirtschaft eine bessere Wirkung für die Erwerbsquote.

7.) Die Humanisten begrüßen im Grundsatz Arbeitnehmerschutzrechte. Es ist aber im Einzelfall zu überprüfen, inwieweit diese einen Beschäftigung hemmenden Effekt erzielen. (in Spanien hat das Schutzrecht für junge Arbeitnehmer dafür gesorgt, dass Spanien die höchste Jugendarbeitslosigkeit in der EU hat)

8.) Die Humanisten fordern ein klares und vereinfachtes Steuerrecht. Das gegenwärtige Steuerrecht ist wegen der Kompliziertheit nicht mehr zumutbar. Diese Kompliziertheit führt dazu, dass für gleiche Steuertatbestände von den Steuerberatern und den Finanzämtern verschiedene Lösungen ermittelt werden. Steuerberater dürfen nicht mehr Steuerrater sein. Es ist auch auf dem Gebiet des Steuerrechts Rechtssicherheit zu gewährleisten.

9.) Die Bilanzierung hat sich wieder verstärkt dem alten Grundsatz der Vorsicht zuzuwenden. Diese konservative Bilanzierung schafft stille Reserven und bietet einen gewissen Schutz gegen zu hohe Entnahmen. Sie schafft  Reserven in den Unternehmen und dient somit der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit.

10.) Es sind Vorkehrungen zu treffen, dass inflationsbedingte Einkommenserhöhungen nicht mehr zu automatisch von höheren Tarifen erfasst werden. Die sogenannte „kalte Progression“ ist eine stille und automatische Steuererhöhung. Sie ist wirksam zu begrenzen.

11.) Voraussetzung der Marktwirtschaft ist der Wettbewerb. Es sind Maßnahmen zu ergreifen, die den Wettbewerb sicherstellen bzw. für mehr Wettbewerb sorgen. Einer „vermachteten Wirtschaftsstruktur“ (Walter Eucken) ist entgegenzuwirken. Hierzu gehört auch die Förderung von Existenzgründungen.

12.) In der Marktwirtschaft sind Insolvenzen ein natürlicher Sachverhalt. Es ist durch ein entsprechendes Insolvenzrecht sicherzustellen, dass auch Großbanken in der Insolvenzverwaltung ihren systemnotwendigen Verpflichtungen nachkommen können.

13.) Aufgrund der demografischen Situation ist eine längere Lebensarbeitszeit nicht zu vermeiden. Es sind deshalb Anstrengungen zu unternehmen, um Arbeitnehmer länger in der Erwerbstätigkeit zu halten. Ein späterer Renteneintritt bei einem gleichzeitigen Verdrängen der älteren Arbeitnehmer durch ihre Arbeitgeber ist nicht länger hinzunehmen.

14.) Die Humanisten sind im Grundsatz gegen staatliche Beteiligungen an Großunternehmen. Aber im Gegensatz zur FDP ist dies kein unerschütterliches Dogma. Ein staatliches Engagement an einem Unternehmen kann im Sinne der Marktwirtschaft sein, wenn dieses Unternehmen nach einer Übernahme mit dem übernehmenden Unternehmen zu einem Monopol wird. Die Verhinderung von Monopolstrukturen ist im Interesse des marktwirtschaftlichen Systems wichtiger als die Herkunft des Eigenkapitals. Solange staatliche Unternehmen sich in Wettbewerbsmärkte einordnen und die Preisbildung auf den Märkten nicht durch staatliche Subventionen gestört ist, sind sie in der Wettbewerbsordnung erträglich.  

15.) Das Patentrecht ist zu reformieren. Es war Absicht, mit Patentrecht die technische Entwicklung zu fördern und den Erfinder zu schützen. Die Geschichte hat gezeigt, dass das Patentrecht eine starke Tendenz zur Monopolbildung und zur Konzentration ausgelöst hat. Patentinhaber sollten verpflichtet sein, die Benutzung einer Erfindung gegen eine angemessene Lizenzgebühr jedem ernsthaften Interessenten zu gestatten. In Bezug auf lebenswichtige Medikamente in ärmeren Ländern hat sich eine internationale Debatte über den Patentschutz entwickelt. So kämpft die „Treatment Action Campaign“ (TAC) in Südafrika für mehr Wettbewerb auf dem Pharmamarkt. Sie fordert, dass die Märkte durch die Abschaffung des Patentschutzes für Anti-Aids-Medikamente für kleinere Pharmahersteller geöffnet werden. Tausende von Menschen sind in den letzten Jahren an Krankheiten wie Aids oder Malaria gestorben, weil die Oligopolgewinne die lebenswichtigen Medikamente unbezahlbar gemacht haben. Die Versorgung der Kranken würde besser aussehen, wenn auf dem Pharmamarkt ein echter Wettbewerb herrschte.

16.) Tausende von unabhängigen Saatgutunternehmen sind in den letzten Jahrzehnten verschwunden. Millionen von Landwirten wird das Recht genommen, ihr eigenes Saatgut weiter zu vermehren und damit Vielfalt zu sichern. Immer weniger Oligopole entscheiden über Ernährungsgrundlagen, von denen die Menschheit abhängt. Es ist zu prüfen, ob hier eine Reform des Sortenschutzrechtes Abhilfe schaffen könnte.

17.) Keine Zwangsmitgliedschaft in der IHK

18.). Keine Verschwendungen in den öffentlichen Verwaltungen. (PCs müssen nicht jedes Jahr ausgetauscht  werden)

 

Das möchte ich noch anmerken, passt aber nicht genau in den Wirtschaftsteil.

1.) Die Humanisten stehen zu Europa. Für sie ist Europa ein Projekt zur Sicherung des Friedens, zum kulturellen Austausch und zur gemeinsamen Sicherung von Freiheit, Demokratie und Wohlstand. Sie sehen mit Besorgnis, dass die Bürokratie alle Lebensbereiche überwuchert. Hier ist Europa auf jene Position zurückzuführen, die es sich einst selbst verordnete. Die rhetorische Forderung nach Subsidiarität muss endlich ernst genommen werden. Es ist darauf zu dringen, dass nur jene Verordnungen umgesetzt werden, die nur überstaatlich geregelt werden können. Und die demokratische Selbstverständlichkeit, dass jede Bürokratie demokratisch zu legitimieren ist, muss auch für Europa gelten. Das europäische Parlament muss befähigt sein, eine gesamteuropäische Verwaltung oder Exekutive zu entlassen.

 




Die letzte Ausfahrt II


Im ersten Teil dieses Beitrags (Das Individuum als selbst bestimmtes Wesen) wurde die Frage abgehandelt, welche Einschränkungen aus humanistischer Sicht für die Freiheit des Individuums akzeptabel sind und welche nicht. Freitod ist nicht strafbewehrt, den Kandidaten, die bei ihrem Versuch scheitern, wird allenfalls eine psychiatrische Behandlung angeboten, verbindlich ist sie nicht. Die katholische Klassifizierung (Selbstmord ist Sünde) kommt bereits deshalb nicht in Betracht, da der Begriff „Sünde“ für einen Humanisten eine inhaltsleere Floskel darstellt, die allenfalls der Disziplinierung richtungsloser Schäfchen dient. Somit gehört der Freitod zum Selbstbestimmungsrecht des Menschen ebenso wie die Entscheidung, ihn zu unterlassen. Moralisch gesehen ist beides gleichwertig.

Die Fragestellung kompliziert sich allerdings, wenn sich der Kandidat aus psychischen oder physischen Gründen nicht in der Lage sieht, seinen Entschluss in die Tat umzusetzen – wenn er mithin Hilfe benötigt. Das Thema der Sterbehilfe schwelt seit vielen Jahren unter der Oberfläche der öffentlichen Meinung dahin und kommt allenfalls an die Oberfläche, wenn es gilt, über einen spektakulären Fall zu berichten, oder wenn – wie gerade in der Schweiz – über die Zulässigkeit vom Wähler abgestimmt wird.

Unbestritten scheint heute in aufgeklärten Teilen der Bevölkerung zu sein, dass es möglich sein muss, ein humanes Sterben zu ermöglichen, es sei denn man akzeptiert Schmerzen und Pein als Strafe eines Gottes. Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS, siehe „Freunde“) bemüht sich seit vielen Jahren mit großem Einsatz, Verbesserungen zu erwirken. Dazu gehört unter anderem die so genannte Patientenverfügung, die es ermöglichen soll, exakte Instruktionen zum Beispiel für die Abschaltung von Apparaturen in der Intensivmedizin zu geben, damit der Sterbeprozess nicht unnötig hinausgezögert wird. Ebenso macht sich die DGHS aber auch mit zunehmenden Erfolgen für einen weiteren Ausbau der in Deutschland noch unterentwickelten Palliativmedizin stark. Beide Initiativen werden in der Öffentlichkeit inzwischen weitgehend unterstützt, allerdings noch nicht sonderlich mit Spendengeldern bedacht. Offensichtlich spenden die Bürger noch immer lieber für Flutopfer in Pakistan, als dass sie ihrer eigenen Zukunft etwas Gutes tun.

Die Tätigkeiten der DGHS gehören eindeutig nicht in den Bereich der aktiven Sterbehilfe. An dieser Stelle muss außerdem genauestens zwischen „aktiv“ und „passiv“ unterschieden werden. Aktive Sterbehilfe gehört in den Bereich „Tötung auf Verlangen“ und diese wird strafrechtlich geahndet. Als gutes Beispiel für die Handhabung können wir die Schweiz heranziehen.

Gerade wurde in Zürich am 15. Mai über 2 Initiativen abgestimmt, die mit diesem Thema zu tun haben. Es geht um Menschen, die keinen Sinn mehr im Weiterleben erkennen und nur noch einen Ausweg sehen: Nämlich physische Leiden, Angst vor Leiden oder einer Krankheit, die die Selbstbestimmung und die Würde des Menschseins ausmacht, nicht zu akzeptieren. Im Kanton Zürich hatten nunmehr zwei Parteien EDU (Eidgenössische Demokratische Union) und EVP (Evangelische Volkspartei) aus religiösen Erwägungen zwei Initiativen gestartet:

Der Text dazu: "Jede Art von Verleitung oder Beihilfe zum Selbstmord soll in der ganzen Schweiz verboten werden". Dazu schreibt der Tagesanzeiger nach der Abstimmung: "Die beiden Vorlagen gegen die Sterbehilfe im Kanton Zürich waren chancenlos. Bei beiden Vorlagen erlitten die EDU und EVP Schiffbruch“. Ein EDU-Kantonsrat zeigte sich enttäuscht über dieses Resultat, „weil sich nicht mehr Zürcher für die Werte der Bibel und Gottes Wort ausgesprochen hätten". Die Kommentare zur abgelehnten Initiative dringen natürlich auch in entsprechend orientierte Publikationen in Deutschland und Österreich vor. So lässt kath.net den italienischen Kardinal Sgreccia zu Wort kommen: „Töten ist kein Recht, sondern ein Verbrechen“. Offensichtlich ist ihm der Unterschied zwischen passiver und aktiver Sterbehilfe unbekannt geblieben.

Zu den obgenannten zwei Initiativen darf man Folgendes wissen. Simbo berichtet: Wir haben in der Schweiz zwei Vereine, "Exit" und "Dignitas". Beide setzen sich für Sterbehilfe ein und sind bereit, sterbewillige Menschen bei diesem Schritt zu begleiten. Allerdings ist zwischen den beiden Vereinen ein frappierender Unterschied festzustellen:

Bei Exit (ca. 55.000 Mitglieder schweizweit) muss man Mitglied und in der Schweiz wohnhaft sein, um in den Freitod begleitet zu werden. Der Wunsch des Patienten ist dort oberste Priorität. Das Mitglied kann verlangen, Vorbereitungen für eine Freitodbegleitung einzuleiten. Ab diesem Moment kann die sterbewillige Person selbst bestimmen, ob und wann sie eine Freitodbegleitung in Anspruch nehmen will. Die Inanspruchnahme von Freitodhilfe ist in der Schweiz erlaubt und legal. Der sterbewillige Mensch muss aber den letzten Schritt "Trinken des Barbituratgemischs" oder "Öffnen des Infusionshahns" selber vornehmen können. Und: der Sterbewillige kann den Vorgang jederzeit abbrechen (es ist zu beachten, dass aktive Sterbehilfe auch in der Schweiz verboten ist). Das Motto des Vereins stammt von  Hermann Hesse: "Was den freiwilligen Tod betrifft: ich sehe in ihm weder eine Sünde noch eine Feigheit. Aber ich halte den Gedanken, dass dieser Ausweg uns offen steht, für eine gute Hilfe im Bestehen des Lebens und all seiner Bedrängnisse".

Der zweite Verein (der Name Dignitas will nicht so recht passen, jedenfalls für mich nicht, sagt Simbo) wurde in der Schweiz vor allem "berüchtigt" dadurch, dass hier so genannter "Sterbetourismus" betrieben wird, d.h. es kommen viele Menschen aus anderen Ländern, um sich hier helfen zu lassen, um zu "sterben". Dem Chef, Herrn Ludwig Minelli (Jurist kein Arzt), wird oft vorgeworfen, sich zu bereichern (bei Exit ist das z.B. nicht der Fall). Doch vor allem die "Methoden" bei diesem Verein sind zum Teil höchst umstritten. So bietet Dignitas auch Helium + Plastiksäcke an, falls sie kein Rezept für Barbiturate erhalten. Da stülpen sich also Menschen Plastiksäcke über den Kopf und drehen den Hahn zur Helium-Flasche auf. Auch dass er Menschen auf Parkplätzen sterben ließ, weil kein entsprechendes Lokal oder eine Wohnung vorhanden waren, stößt bei vielen auf Unverständnis. Und es war sogar die Rede davon, dass in diesem Verein sogar psychisch kranken Menschen zum Suizid verholfen wurde, oder gar Druck ausgeübt wird, falls sich ein Mensch im letzten Moment doch nicht für die Selbsttötung entschließen konnte.

Man sieht, dass es selbst im Bereich der passiven Sterbehilfe erhebliche Auffassungsunterschiede zu notieren gilt, vor allem wenn in die Grauzone zur „Tötung auf Verlangen“ vorgestoßen wird. Auf Yahoo Clever gibt ein Kommentator eine Erklärung zum Thema ab, die ich hier wiedergebe:

Selbstmord und Beihilfe zum Selbstmord sind nicht strafbar. Dagegen wird die Tötung auf Verlangen nach § 216 StGB mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.
Die Abgrenzung zwischen Beihilfe zum Selbstmord und Tötung auf Verlangen richtet sich nach der "Tatherrschaft". Flößt der Partner dem Lebensmüden die Tabletten ein oder verabreicht er ihm die erlösende Spritze, hat der Partner die Tatherrschaft, er wird dann wegen Tötung auf Verlangen bestraft. Nimmt dagegen der Lebensmüde die von dem Partner besorgten Tabletten selbst ein, hat der Lebensmüde die Tatherrschaft und der Partner bleibt straflos.
Das gilt aber nur, wenn der Lebensmüde geistig gesund ist und frei verantwortlich handelt. Ist er dazu z.B. aufgrund von Depressionen nicht mehr in der Lage, hat der andere die Tatherrschaft, selbst wenn er nur die Tabletten besorgt hat.
Unabhängig davon hat der Bundesgerichtshof bisher angenommen, dass die Tatherrschaft in dem Augenblick auf den anderen übergeht, in dem der Lebensmüde bewusstlos wird. Das gilt nach der bisherigen Rechtsprechung als Unglücksfall, bei dem jedermann helfen muss. Leiten hinzukommende Fremde keine Rettungsmaßnahmen ein, werden sie wegen unterlassener Hilfeleistung nach § 323c StGB mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. Unterlassen die Partner oder der behandelnde Arzt Rettungsmaßnahmen, werden sie – je nachdem, ob der Lebensmüde eigenverantwortlich gehandelt hat oder nicht – wegen Tötung auf Verlangen oder wegen Totschlags, jeweils begangen durch Unterlassen, bestraft. Man muss deshalb mit Problemen rechnen, wenn bekannt wird, dass man während des Sterbevorgangs anwesend war.
Inzwischen hat aber der Bundesgerichtshof in einem neuen Urteil zum Unterbleiben bzw. zum Abbruch lebenserhaltender oder -verlängernder Maßnahmen anerkannt, dass die von einem Patienten früher erklärte Behandlungsverweigerung auch dann noch zu respektieren ist, wenn er zu eigenverantwortlichem Entscheiden nicht mehr in der Lage ist. Danach ist die frühere Rechtsprechung zur Tatherrschaft bei bewusstlosen Lebensmüden wohl überholt.

Man sieht, dass Thema nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich kompliziert ist, und von daher eine eindeutige gesetzliche Regelung im Umfeld der Sterbehilfe wünschenswert wäre. Vor allem die Position des Helfers bedarf einer dringenden Klärung. Man informiere sich hierzu auch in dem ausgezeichneten Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Was riskiert der Helfer?.

Simbo und ich haben keine allgemein verbindliche Lösung anzubieten, weshalb wir das Thema in die Hände unserer Leser und Kommentatoren übergeben.  





Die letzte Ausfahrt I


Der Anlass zu diesem Thema ist zwar schon eine Weile her, aber das Problem ist weiterhin hochaktuell. Anlässlich des Freitods von Gunter Sachs hat Wissen Bloggt den Artikel "Gunter Sachs und die Menschenwürde" veröffentlicht, der zu einigen kontroversen Diskussionen führte. Allein schon die Bezeichnungen für den Suizid, Freitod versus Selbstmord, lassen ahnen, welche Beurteilungen in der Öffentlichkeit vorherrschen. Spiegelt „Freitod“ die freie Willensentscheidung des Individuums wider, sein Leben – und damit auch notwendigerweise dessen mögliches Ende – selbst bestimmt zu regeln, impliziert „Selbstmord“ bereits eine Art kriminellen Akt, der möglicherweise gar strafwürdig ist. Doch wie will man einen Toten bestrafen? Darum kann es also wohl weniger gehen als vielmehr um „moralische“ Ächtung und Diskreditierung der Selbsttötung.

Das führt unmittelbar zur logischen Folgefrage, inwieweit und aus welchen Gründen die individuelle Selbstbestimmung eingegrenzt werden kann oder muss. Unter humanistischen Gesichtspunkten darf dabei wohl als unbestritten gelten, dass die Selbstbestimmung dort endet, wo ein Dritter geschädigt oder in seiner Freiheit beeinträchtigt werden könnte. Aus gutem Grund haben wir das in unseren „Regeln“ eindeutig deklariert:

Quod tibi fieri non vis, alteri ne feceris

oder

Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu

Das ist eine Selbstbeschränkung, die auch unmittelbar – sofern sich alle daran halten – dem eigenen Vorteil dient. Leider kann nicht davon ausgegangen werden, dass sich bereits jeder auf dieser humanistischen Erkenntnisstufe befindet. Gaunereien und Verbrechen jeglicher Art, die tagtäglich stattfinden, sprechen eine eindeutige Sprache. Also müssen gesetzliche Regelungen her, die die Zahl solcher Verstöße durch Abschreckung und Bestrafung minimieren, nicht immer mit dem gewünschten Erfolg, da wohl jeder Gauner glaubt, ausgerechnet er würde nie erwischt. Ich möchte an dieser Stelle aber keine Diskussion entfachen darüber, inwieweit bestehende Gesetze verschärft oder konsequenter angewendet werden müssten, um die Effizienz der Strafvereitelung zu erhöhen. Das ist ein anderes Thema. Doch auch eine mehrheitlich konsensuelle Gesetzgebung sollte stets darauf achten, ob nicht etwa Rechte und Freiheiten von Minderheiten in unzulässiger Weise beeinträchtigt werden.

Vor allem dann, wenn „moralische“ Prinzipien für die Begründung rechtlicher Eingriffe ins Feld geführt werden, sollten beim aufmerksamen Bürger sämtliche Alarmglocken schrillen. Denn diese „Moral“ wird eindeutig dominiert von den quasi-ideologischen Lobby-Gruppen, die sich in die Gesetzgebung in einem so unerhörten Ausmaß infiltriert haben, dass es den meisten inzwischen schon gar nicht mehr bewusst ist. Der in dieser „Moral“ geforderte „Respekt“ ist nichts als eine schlichte Einbahnstraße. Mit welcher Selbstverständlichkeit hier Minderheiten einer Mehrheit Regeln aufzwängen, wurde an anderer Stelle bereits deutlich gemacht (siehe den Artikel Karfreitag): „Karfreitag steht exemplarisch dafür, wie kirchliche Pressionsgruppen Besitz vom Staat ergreifen ohne sich auch nur im Geringsten darum zu kümmern, dass sie eine schwindende Minderheit repräsentieren und der Mehrheit auf dem Kopf herumtanzen. So ist es ihnen gelungen, unter Berufung auf die „schützenswerte“ Stille dieses Tages den Staat dazu zu verleiten, alle Festivitäten, die diese Andacht stören könnte, schlicht und ergreifend zu verbieten“. Doch selbst wenn es sich um eine Mehrheit der Bevölkerung handelte: mit welchem Recht will sie dem Düsseldorfer Theater verbieten, in geschlossenen Räumen eine harmlose Komödie aufzuführen? Mit Bezug auf Herrn Moses, der seinen Gott sprechen ließ: „Du sollst den Feiertag heiligen“? Was interessiert das einen Humanisten?

Ein typisches Beispiel im islamischen Raum ist der Ramadan. Auch hier wird „Respekt“ eingefordert. Wer am Ramadan nicht teilnimmt (ca. 50% der Bevölkerung in Tunesien), wird mit mehr oder weniger Druck darauf hingewiesen, doch bitte in der Öffentlichkeit tagsüber nicht zu rauchen, zu essen oder zu trinken. Statt eindeutige Begründungen zu geben hört man allenfalls ein (aus alten Erziehungstagen nur zu bekanntes) „Das gehört sich nicht“. Wenn auch das nichts nutzt, wird die Regel halt in Gesetzesform gegossen wie zum Beispiel in Marokko. Dort wurde eine Gruppe Jugendlicher im letztjährigen Ramadan verhaftet, weil sie in einem öffentlichen Park ganz bewusst und provokativ mit Sandwiches bewaffnet gegen diese Diskriminierung protestierte.

Geradezu schizophren wirkt allerdings die Reaktion der so genannten Islamkritiker auf die beiden absolut vergleichbaren Vorgänge (ich gebe keinen Link, da er ohnehin bekannt ist). Die Verhaftung der jugendlichen Marokkaner wird in Grund und Boden verdammt und als islamistische Pression bezeichnet, aber gleichzeitig werden diejenigen, die bei uns die Aufhebung der speziellen Karfreitag-Gesetzgebung fordern, als kommunistische Unholde gebrandmarkt, die nur ihrem „Christenhass“ frönen. Was stimmt denn nun?

Es wird deutlich, wie schwierig die Situation sich gestaltet, wenn „moralische“ Kriterien zur Basis der Regelung gesellschaftlicher Normen des Zusammenlebens gemacht werden. Der Absolutheitsanspruch der Religionen und Ideologien – der sich in Christentum und Islam gleichermaßen äußert – ist dabei das größte Hindernis für eine freiheitliche selbst bestimmte Lebensführung.

Doch zurück zum Freitod. Entscheidungen kann nur ein Lebender treffen, ein Toter ist schwerlich dazu in der Lage. Mithin gehört auch die Frage, wie ich mein Leben beenden möchte, eindeutig zur selbst bestimmten Lebensführung. Entscheidung heißt in diesem Zusammenhang ja auch nicht Zwang zum Suizid. Natürlich kann man sich Situationen vorstellen, in denen der Kandidat sich etwa durch Erben „moralisch“ genötigt fühlen könnte, vorzeitig sein Leben zu verlassen, doch das ist wohl kaum der Normalfall – und wäre übrigens eine verachtenswerte Einstellung der lauernden Verwandtschaft. Aber ganz natürlich ist die Entscheidung, sein Leben bis hin zum (möglicherweise schweren) Ende durchzuhalten, moralisch gleichwertig mit der Entscheidung, diesen Weg abzukürzen. Daran gibt es nichts zu deuteln, es sei denn, man wolle die angeblichen Gesetze irgendeines Gottes auf den Fall applizieren.

Schwieriger und völlig anders wird die Frage zu stellen sein, wenn dem zum Suizid Entschlossenen die Möglichkeiten oder der Mumm fehlen, sich eigenhändig zu entleiben, und er sich daher in die Obhut von so genannten „Sterbehelfern“ begibt. Doch darum werde ich mich im zweiten Teil kümmern.

Teil II: Die Crux mit der Sterbehilfe

 

Katholische Reaktionen auf den Freitod von Gunter Sachs kann man hier nachlesen:

Warum Selbstmord eine Sünde ist: http://www.kath.net/detail.php?id=31406

Gunter Sachs ist kein Held:http://www.kath.net/detail.php?id=31397




Josef Schiller: Deutschböhmischer Arbeiter und Freidenker


Schiller SeffWeimar. (fgw) Der humanistische Freidenker und Verleger Heiner Jestrabek hat erneut eine leider zu Unrecht vergessene Persönlichkeit wiederentdeckt und stellt diese – es handelt sich um den deutschböhmischen proletarischen Freigeist, Dichter und Aktiven der jungen Sozialdemokratie Österreichs Josef Schiller – in einer bemerkenswerten Publikation vor.

Josef Schiller, genannt Schiller Seff, wurde am 29. Juni 1846 in Reichenberg/Liberec als Sohn armer Weber geboren und starb in der Emigration am 17. August 1897 in den USA – im Städtchen Germany (!), Pennsylvania.

Bereits als Kind mußte er nach dem frühen Tod des Vaters seinen Lebensunterhalt selbst als Fabrikarbeiter verdienen. Schiller, der erst im Alter von zwölf Jahren Lesen und Schreiben lernte, begann aber bereits mit 18 zu dichten. Und – früh politisch engagiert – wurde er bald zum beliebtesten Redner von Arbeiterversammlungen in Reichenberg und Umgebung. 1868/69 wurde Schiller Anhänger der ersten sozialdemokratischen Organisationen in Böhmen und trug hier eigene Gedichte vor. Fortan engagierte er sich neben seinem Broterwerb bzw. in Zeiten der Arbeitslosigkeit als politischer Agitator, Organisator und Journalist.

Diese künstlerische und politische Entwicklung beschreibt Jestrabek in der Einleitung der Schiller würdigenden Publikation sehr anschaulich. Man staunt noch heute, welche Talente in diesem Arbeiterjungen gesteckt haben müssen. Jestrabek hebt zusammenfassend u.a. dies hervor:

„Er wurde [ab 1879/80; SRK] zum populärsten Arbeiterdichter seiner Zeit, geriet aber zunehmend in Widerspruch zur Parteibürokratie und ständige Querelen mit der Parteiführung blieben nicht aus. In dieser Zeit gab er auch seinen ersten Gedichtband im Selbstverlag heraus." (S. 8 )

 „Im Jahr 1890 erfolgte die Gründung des „Freigeist", dem Organ der nordböhmischen Arbeiterbewegung. Dieses Blatt wurde u.a. von Schiller herausgegeben. (…) 1896, nach einem offenen Konflikt mit der Parteiführung, blieb dem mittellosen Schiller nur noch die Möglichkeit der Auswanderung in die USA und der Versuch, dort eine neue Existenz aufzubauen. (…)

 

Josef Schiller gestaltete seine Dichtung ohne sich auf fundierte Bildung stützen zu können und nach langer kräftezehrender harter körperlicher Arbeit und langen Arbeitstagen. Sein Publikum, das einfache Volk dieser Zeit, war ebenfalls schlecht ernährt und gebildet, früh gewohnt an harte körperliche Arbeit und lange Arbeitstage, ohne hohe Lebenserwartung und Reizüberflutung.

Seine äußerst populären Gedichte waren aufrüttelnd-kämpferisch, mit kraftvoller Sprache und teilweise mit balladenhaften Zügen. Sie schilderten das Elend des Arbeiterlebens in realistischen Bildern.

Schwermütige Gedichte voll Todessehnsucht wechselten ab mit kräftig derbem Humor. Schiller trug seine Dichtungen selbst vor und bereiste damit die deutschsprachigen Gebiete Böhmens. (…)

Als Sozialist war Schiller wahrhaft libertär und blieb immer der radikale ehrliche Proletarier. Kein Funktionärsposten oder Parlamentssitz konnte ihn korrumpieren. Diese Parteibürokraten, die nicht mehr „für die Bewegung", sondern „von der Bewegung" lebten, waren für ihn ein rotes Tuch.

Er geißelte sie schonungslos schon in seinen politischen Polemiken in „Der Radikale", aber noch wirkungsvoller in seinen Satiren." (S. 8-11)

Für Jestrabek ist aber auch diese Seite Schillers von besonderer Bedeutung:

Die frühe sozialistische Arbeiterbewegung war noch selbstverständlich verbunden mit der Freidenkerbewegung und der Religions- und Kirchenkritik: „Als Freidenker kämpfte er mit seinen philosophischen Gedichten und seinen Satiren gegen den volksverdummenden Klerus." (S. 11)

Das zeigt sich vor allem in den Gedichten „Der Konfessionslose" (1870), „Die Buße" (1872), „Die Christnacht", „Der Geist der Geschichte" und „Der Kampf der Wahrheit mit Lüge und Unverstand" (alle 1880) sowie „Weihnachtsabend" (1873) wie auch im Festspiel „Selbstbefreiung" (ebenfalls 1883).

Jestrabek stellt diese Gedichte, dazu etliche Gedichte über das harte Arbeiterleben, aber auch autobiographische Texte und politische Zeitungsartikel im Wortlaut vor. Und damit erleben Schillers Werke nach genau 80 Jahren eine Neuauflage.

Zum besseren Verständnis Schillers wie auch der seinerzeitigen Verhältnisse in der Monarchie Österreich-Ungarn, insbesondere im tschechischen Landesteil (Böhmen), hat Jestrabek noch ein ausführliches Nachwort „Zum deutsch-tschechischen Verhältnis" verfaßt. Böhmen und die 1918 gegründete Tschechoslowakische Republik (CSR) waren Vielvölkerstaaten. Bis zum Ende des II. Weltkrieges lebten dort auch etwa drei Millionen Deutsche.

Der Autor beleuchtet die verschiedenen Aspekte des nicht immer friedlichen Zusammenlebens: tschechischer Nationalismus, deutsch-nationaler („sudetendeutscher") Chauvinismus, klerikale Destabilisierungspolitik (insbesondere in der Slowakei), Münchner Diktat, deutsche Okkupation, antifaschistischer Widerstandskampf, die von den Alliierten beschlossene Aussiedlung der Deutschen nach 1945, die aber zu oft in wilde, inhumane Vertreibungen ausartete, bis heute lebender sudetendeutscher Vetriebenen-Revanchismus, aber auch die deutsch-tschechische Aussöhnung.

Für die sogenannte Zwischenkriegszeit führt Jestrabek hierzulande wenig Bekanntes an, das aber für heutige religionsfreie Menschen durchaus von großem Interesse sein dürfte:

Er beginnt diesen Abschnitt mit der Wiedergabe der „Unabhängigkeitserklärung des tschechoslowakischen Volkes" vom 18. Oktober 1918, in der es bereits ganz weit vorne heißt: „Die Kirche wird vom Staate getrennt werden." Im weiteren führt er dazu in der vorliegenden Publikation im Abschnitt „Freidenkerbewegung" aus:

 „…erlebte die Freidenkerbewegung in der Tschechoslowakischen Republik einen ungeheuren Aufschwung. In den Jahren der ersten Republik 1918-1938 traten fast 1,5 Millionen Katholiken aus der Kirche aus, darunter jeder zweite tschechische Lehrer.

Schon in Zeiten der Donaumonarchie hatte seit 1887 ein Verein der Konfessionslosen bestanden, der seit 1899 das Blatt „Der Freidenker" herausgab. In Nordböhmen unterstützten Sozialdemokraten wie Ferdinand Schwarz und Josef Schiller eifrig das Freidenkertum. 1893 gründete sich in Reichenberg ein Verein der Freidenker mit dem Obmann Josef Beranek, der die Monatsschrift „Zeitschwingen" herausgab.

1906 gründete sich in Gablonz/Jablonec ein Freidenkerbund für Böhmen. Julius Reckziegel und Emil Schöler, bekannte Männer der Arbeiterbewegung, waren die Initiatoren. Im Jahr 1914 waren es die Freidenker in Böhmen, die kompromisslos gegen den imperialistischen Krieg auftraten und deshalb von den k.u.k.-Behörden verboten wurden.

In der neu entstandenen CSR wurde wiederum 1919 in Gablonz/Jablonec die Gründung des Freidenkerbundes für die Tschechoslowakische Republik und die Herausgabe des Organs „Freier Gedanke" beschlossen. Prag wurde zum Sitz des Bundes und Prof. Ludwig Wahrmund (1860-1932) zum ersten Obmann gewählt.

Durch starken Einfluss der sozialistischen Arbeiterbewegung entstand 1923 der Bund proletarischer Freidenker und der Anstoß zur Gründung der Internationale proletarischer Freidenker in Teplitz/Teplice zu Pfingsten 1925, deren erster Vorsitzender Prof. Theodor Hartwig (1872-1954) aus Brno wurde. Im tschechischsprachigen Teil der CSR bestand der mitgliederstarke Verband der Konfessionslosen/Svaz proletarskych bezvercu." (S. 160-61)

Heiner Jestrabeks Fazit lautet:

 „Die Turbulenzen im Verhältnis unserer Nachbarvölker und die Katastrophen, verursacht aus blindem Nationalismus, lassen nur die Lehre zu: Es darf nie wieder Nationalismus, Rassismus, Faschismus und Krieg geben. Gewaltverzicht, Absage an Revanchismus, dafür Völkerverständigung und friedliches Zusammenleben muss das Ziel aller sein. Gerade die böhmischen Literaten gaben hierfür ein gutes Beispiel der gegenseitigen Befruchtung. Die Politik hat für die Rahmenbedingungen zu sorgen: Soziale Gerechtigkeit und Laizismus sind unabdingbar." (S. 167-168)

 

Siegfried R. Krebs

Heiner Jestrabek (Hrsg.): Schiller Seff. Gedichte und Texte von Josef Schiller, nordböhmischer Arbeiterdichter, Freidenker und libertärer Sozialist. Mit einem Nachwort „Zum deutsch-tschechischen Verhältnis". 174 S. mit Abb. Klappenbroschur. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2018. 14,00 Euro. ISBN 978-3-922589-70-9

Bestellungen können direkt beim Verlag per eMail ed.spinoza(at)-online.de erfolgen.

25.12.2018
Von: Siegfried R. Krebs

http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/josef-schiller-deutschboehmischer-arbeiter-und-freidenker/




Altruismus und Nationalismus


Jeremy_Bentham_by_Henry_William_Pickersgill_detailDulce et decorum est pro patria mori*

Evolutionäre Humanisten betonen gern, dass Empathie und Altruismus genetische Wurzeln haben, da sich vergleichbare Handlungsweisen auch bei den uns so nahestehenden Bonobos und Schimpansen, aber auch bei sehr viel weiter entfernten Spezies feststellen lassen. Doch worauf bezieht sich das nun genau? Und in welchen Fällen, in welchem Umfang werden sie tatsächlich wirksam? In welchem Zusammenhang stehen denn Eigenliebe und Nächstenliebe? „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist die  inzwischen zum Kitsch degenerierte Christus-Formel. Das „Linke Backe – Rechte Backe“ –Syndrom ist die wohl niemals wirklich umgesetzte Forderung, da sie auch allen Erfahrungswerten widerspricht.

Ist Altruismus, den ich auf Deutsch wohl am besten mit „Selbstlosigkeit“ wiedergebe, tatsächlich genetisch inhärent, und wenn ja, wie äußert er sich im menschlichen Umgang?

Ist nicht in Wahrheit der Egoismus („Selbstsucht“) die wahre genetische Triebfeder mit den entsprechenden selektiven Vorteilen? Ist also mit anderen Worten die so genannte Gruppenselektion eine schöne Fata Morgana?

Ich setze einmal voraus, dass unter den Lesern dieser Zeilen „The Selfish Gene“ von Richard Dawkins (geschrieben vor über 30 Jahren als sein Erstlingswerk) wenigstens in groben Zügen bekannt ist. Darauf in aller Breite einzugehen würde den Ansatz dieses Artikels sprengen.

Werfen wir einen kurzen Blick zu den Schimpansen, deren Verhaltensweisen so liebevoll und akkurat von Jane Goodall beschrieben worden sind. Wie bei wohl allen Arten steht auch hier der individuelle Überlebenswille eindeutig im Vordergrund: Fressen, Überleben und sich Reproduzieren. Diese Motive sind also eindeutig egoistisch – selbstsüchtig. Dabei spielt auch die vielzitierte „Arterhaltung“ beim Individuum nicht die geringste Rolle mangels Überblick.

Doch dann lässt sich eben auch beobachten, dass Futter geteilt wird und dass den Älteren und Schwächeren in der Gruppe  geholfen wird. Wie passt das zusammen? Die Basis ist auch hier wohl eher egoistisch. Wenn ich ein Übermaß an Futter habe, gebe ich etwas ab, denn ich könnte auch einmal einen Mangel haben und möchte, dass mir dann ein anderes Gruppenmitglied aushilft. Schimpansen wissen auch, dass sie selber einmal krank oder verletzt sein können. Also helfen sie Kranken und Verletzten. Das ist logisch und naturgegeben, aber es bleibt weit hinter den idealistischen Vorstellungen eines Jeremy Bentham von Altruismus zurück (Bild: Jeremy Bentham, by Henry William Pickersgill, Wikimedia Commons).

Wir dürfen festhalten, dass es Selbstlosigkeit um der Selbstlosigkeit willen bei den verwandten Spezies nicht wirklich gibt. Sie ist und bleibt Ausfluss des Egoismus – und ist zudem immer ausschließlich auf die Kleingruppe beschränkt. Kommen Gefährdungen durch andere benachbarte Gruppen ins Spiel, ist von Altruismus nichts mehr zu spüren: da gibt es nur noch gnadenlosen Kampf, Mord ist kein Tabu mehr.

Wagen wir einen vielleicht unvermittelt anmutenden Sprung in unsere moderne Gesellschaft. Wie sieht es dort mit Altruismus und Empathie aus? Den meisten dürften schon die Begriffe unbekannt oder nichtssagend sein. Ersetzt werden sie durch die so genannte und überstrapazierte „christliche Nächstenliebe“ und (in sozialpolitischen Zusammenhängen) durch „Solidarität“. Lassen wir die religiöse Begrifflichkeit der Selbstaufopferung gegen „Gotteslohn“ einmal außen vor, so bleibt als Novum der jüngeren Geschichte (seit Bismarck) die generationenübergreifende Solidarität im Gesundheits- und Rentenwesen (neuerdings auch in der Altenpflege). Das „do ut des“-Prinzip (gib, damit gegeben wird) der Schimpansen feiert Urständ! Aber es findet sich jetzt auf einer komplett anderen Ebene wieder. Der Geber kennt den Nehmer nicht mehr – er weiß nicht mehr (zumindest emotional), für wen er etwas opfert. Altruismus ist zur abstrakten Größe verkommen, eine Position auf dem Lohnzettel, die eher als Ärgernis zur Kenntnis genommen wird.

Es besteht übrigens an dieser Stelle immer noch der Irrglaube, Ansprüche ergäben sich daraus, dass man jahrelang eingezahlt habe, so als ob es sich um ein Ansparkonto handelte. Das wird bei der Rente immer wieder ganz deutlich: „Ich habe doch vierzig Jahre lang eingezahlt!“. Das verkennt, dass Rente von der jüngeren Generation an die ältere direkt erarbeitet wird, und eben nur dieser Betrag auch verteilt werden kann (trotz aller staatlichen Zuschüsse). Andere Formen der Zusatzfinanzierung haben sich (Stichwort Riester) als zumindest unzulänglich erwiesen. Von einem direkten Scheitern mag ich nicht reden. Besser sind immer diejenigen dran (wie die Selbständigen), die vorausschauend Vorsorge getroffen haben. Aber diese Haltung ist bei Lohnempfängern (einmal abgesehen von den tatsächlichen Möglichkeiten) eher unpopulär. „Der Staat muss was tun!“

Und damit sind wir beim nächsten Knackpunkt: „Der Staat“. Was in der kleinen Gruppe (Familie, Sippe) noch überschaubar war, degeneriert nun zur „Nation“. Ich spreche bewusst von degenerieren und nicht etwa von erweitern, was ja naheliegend wäre unter normalen Umständen. Nation wird eben längst nicht mehr von allen als Solidargemeinschaft der im Staatsgebiet wohnenden Personen wahrgenommen, sondern es werden Ausgrenzungen innerhalb dieser Gruppe vorgenommen. Ausländer (vor allem Muslime) werden als Fremdkörper gesehen, die sich durch unser Sozialsystem schmarotzen. Die muss man vertreiben, ausmerzen (töten?). Zurück in die Vergangenheit! Vor 100 Jahren hat man es bedenkenlos getan. Wer den „Franzmann“ erschlug im Schützengraben vor Ypern war ein Held des Vaterlandes, wer dabei ums Leben kam ein Held, der sich für das Vaterland geopfert hat.

Sind das wirklich die Kriterien, nach denen wir heute leben wollen? Wenn Solidarität schon so weit über die Familie und Sippe hinausweist, warum dann künstliche Schranken einbauen, nur weil andere eine andere Sprache sprechen oder an andere Götter glauben? Mir erscheint das schizophren (in der üblichen, nicht medizinischen Interpretation des Wortes).

Wir Europäer hatten in den letzten 60 Jahren zumindest die Hoffnung, dass dieses unselige Erbe endgültig der Vergangenheit angehört, müssen aber zu unserem Erschrecken feststellen, dass die Vergangenheit so virulent ist wie lange nicht mehr. Es wird aber deutlich – und da hat die Evolutionsbiologie Recht, dass stets der Egoismus das einzige Motivans ist. Ein kultureller Altruismus ist uns jedenfalls – außer bei Humanisten – bisher nicht gelungen und die Evolution gibt herzlich wenig dafür her. Wir vergessen dabei unsere klassischen Wurzeln. Der Hedonismus im Sinne eines Epikur (nicht in der Verballhornung eines angeblichen Kaufrausches und der Verschwendungssucht) sollte zum Wohle aller wieder in den Vordergrund treten. Doch was erleben wir? Hass und Hetze auf die „Ausgegrenzten“, auf diejenigen, die einen anderen Teint haben – Ausgeburt einer Lügenkultur, die leider in der Geschichte nicht ohne Vorbild ist. Wir müssen uns wehren! Ein nationalstaatlicher Chauvinismus muss endgültig der Vergangenheit angehören. Er lässt sich auch kaum durch einen europäischen Hurra-Patriotismus ersetzen. Den kann und wird es nie geben. Fehlt dadurch irgendjemandem irgendetwas? Einigen offenbar. Ohne hier näher auf die Programme der Rechten einzugehen, lässt sich wohl  generell feststellen, dass das Motto ein allgemeines „Vorwärts in die Vergangenheit“ ist, eine Vergangenheit, die aufgeklärte Menschen bereits überwunden glaubten.

„Pulse of Europe“ setzt sich – wie wohl alle Humanisten – dafür ein, dass es nie wieder zu Auseinandersetzungen im gemeinsamen Haus Europa kommen wird. Unterstützen wir sie! Europa ist unsere Heimat. Die einzige, die wir derzeit haben, in all ihrer Vielfalt – lebenswert.

 

  • Süß und ehrenhaft ist es, für das Vaterland zu sterben



Mare Nostrum – Die Katastrophe im Mittelmeer


MareDieser Artikel erschien zunächst im Juli 2017. Die Situation in Italien hat sich seit der Regierungs-Übernahme durch die Rechtspopulisten zwar erheblich geändert, aber die generelle Problematik ist noch immer vorhanden und lohnt eine nochmalige Betrachtung.
Italien stöhnt unter der nicht mehr zu bewältigenden Last der Ankommenden. Es gibt deutliche Anzeichen für eine finanzielle und organisatorische Überforderung. Hier könnte die Europäische Union sicherlich erheblichere Hilfestellung als bisher leisten – das steht wohl außer Frage. Doch wäre das Problem damit gelöst?

Zur Beantwortung dieser Frage darf man sicherlich nicht am Endpunkt Italien beginnen, sondern muss weiter ausholen. Doch zunächst einmal, da es unter humanistischem Gesichtspunkt von hervorragendem Interesse ist: Wie kann man die Zahl der beim Überfahrtversuch Ertrunkenen verringern, ja möglichst auf Null reduzieren? Im ersten Halbjahr 2017 verloren mindestens 2.200 Menschen ihr Leben, eine vorher nie erreichte, hohe Zahl.

Zur Beantwortung der Frage kommen angesichts der derzeitigen Situation (zumindest so wie sie sich darstellt) nur zwei realistische Antworten in Frage: Entweder man holt die Migrationswilligen mit Fährschiffen direkt in libyschen Häfen ab, oder Frontex sorgt dafür, dass alle Aufgegriffenen umgehend nach Libyen zurückgeschafft werden.

Bleiben wir zunächst einmal bei Möglichkeit zwei. Was wären die Folgen (einmal völlig losgelöst von der prinzipiellen Frage, wie menschlich ein solches Vorgehen wäre)? Die wenigsten Migrationswilligen dürften finanziell in der Lage sein, an die Schlepper-Mafia gleich mehrfach eine Überfahrt zu zahlen, um es wiederholt zu versuchen. Das wäre also eine Austrocknungsstrategie, die sicherlich die Zahl der Ertrinkenden erheblich reduzieren würde. Die Mafia würde auf Dauer jedes Interesse verlieren. Und die Menschen, in den unzumutbaren Lagern, gepeinigt von den Bewachern, Tortur, Mord, Totschlag und Vergewaltigung sind die Regel? Irgendwann würden sie sich entschließen müssen, wieder in ihre meist subsaharische Heimat zurückzukehren, ein gefahrvoller Weg, auf dem die Toten nie gezählt werden.

Europa wäre fein heraus – das Leid der Menschen würde aber ins Unendliche gesteigert. Ich denke einmal, dass sich mit dieser Idee – ausgenommen einige Rechtsradikale – niemand so recht wird anfreunden können.

Also doch mit Fährschiffen eine sichere Überfahrt garantieren? Die humanistische Forderung, mit einem solchen Verfahren Menschenleben zu schützen, wäre sicherlich erfüllt. Doch wie sieht die Realität aus? Nach Schätzungen sitzen allein in Libyen zwischen einer und drei Millionen Ausreisewillige fest. Es dürfte auch kein unüberwindliches Problem sein (faire Absprachen unter den Europäern vorausgesetzt), diese nördlich des Mare Nostrum zu „verdauen“. Doch dann?

Die Nachricht von der frohen Botschaft würde sich wie ein Lauffeuer in Afrika verbreiten und damit ungeheure Massen geradezu magisch anlocken. Allein für Afrika (wo ich der Einfachheit halber einmal bleibe) rechnet man mit mindestens 60 Millionen Menschen, die ein besseres Leben wünschen und ihre Heimat dafür entweder schon verlassen haben, oder sehr gern verlassen würden. Es darf wohl stark, nein überstark (!) bezweifelt werden, dass selbst das reiche Europa in der Lage wäre – sowohl finanziell, als auch organisatorisch – eine solche Bürde zu tragen. Von der psychischen Seite einmal ganz zu schweigen. Wenn die Regierungen das beschlössen, wären Unruhen, Aufstände, regelrechte Revolutionen wohl kaum zu vermeiden. Das ist nicht beherrschbar.

Ergo kann auch dies nicht der richtige Weg sein. Beide Wege würden unter dem Strich nur Leid und Blut und Tränen hinterlassen. Eine ausweglose Situation, Lose/Lose und kein Win/Win in Sicht?

Welches sind die politischen Antworten auf das Problem? Bringen sie uns einer Lösung näher? Die von den G20 beschlossenen Maßnahmen zielen letztlich darauf ab, die Lebensbedingungen in Afrika so zu verbessern, dass der Ausreisedruck geringer wird. Sehen wir einmal davon ab, dass dies ein sehr langwieriger Prozess sein würde, der sich wahrscheinlich über Generationen hinzöge, so krankt er doch, hat einen im System eingebauten entscheidenden Fehler. Was vorneherum aufgebaut würde, wird hintenherum sogleich wieder umgeworfen.

Wir bestehen auf einem weltweiten freien Handel für unsere Güter, die wir in Massen exportieren. Gleichzeitig lehnen wir aber einen freien Personenverkehr ab, obwohl er – systematisch gedacht – dazugehörte. Beschränkte sich unser Export auf hochtechnische Güter, die in Afrika mangels Know-How schlicht nicht produziert werden können, so hätte es ja eine Berechtigung. Doch selbst Massenware und Agrarprodukte (diese wegen der enormen Überschüsse in Europa zudem noch hochsubventioniert) überschwemmen die Märkte und verhindern recht effizient das, was gemäß der G20-Beschlüsse erst aufgebaut werden soll. Ich bin mir darüber im Klaren, dass die Wahrheit noch viel komplizierter ist als hier kurz angeschnitten, doch kann ich auf Einzelheiten verständlicherweise nicht eingehen.

Fazit: Was immer nun in Richtung der G20-Vereinbarungen tatsächlich realisiert werden sollte, wird an den Realitäten zerschellen. Der Migrationsdruck wird auf absehbare Zeit erhalten bleiben.

Was also ist zu tun? Wo kann man mit Vernunft und unter Wahrung der Menschenrechte den Hebel wirklich ansetzen?

Vielleicht führt uns das Vorgehen der Kanadier in Richtung auf eine Lösung. Die haben vor geraumer Zeit in einem Auffanglager für Syrer in der Türkei eine Kommission eingerichtet, die Ausreiswillige nach Kanada überprüft und bei positivem Sachverhalt Einreisevisa inkl. Versicherungskarte und Arbeitserlaubnis erteilt. Ist das Verfahren für die Europäer durchführbar oder gibt es Hinderungsgründe?

Dazu darf man noch wissen, dass Kanada Obergrenzen festgelegt hat, die es erzwingen, dass man sich wirklich auf die dringendsten Fälle konzentrieren kann. Jüngere, allein reisende Männer gehören nicht dazu.

Zudem darf in Rechnung gestellt werden (speziell für den Fall der Syrer in Jordanien und der Türkei), dass allein im Jahr 2017 rund 500.000 Flüchtlinge ins Heimatland zurückgekehrt sind. Das vermindert den Druck. Der Wille, zeitnah wieder in die angestammte Heimat zurück zu kehren wächst beständig und wird nicht gerade dadurch gemindert, wenn die Flüchtlinge mitbekommen, wie schwierig ihre Aufnahme in Europa sich gestaltet. Erdogan gehen die Druckmittel verloren.

Die kanadische Lösung ist natürlich nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Doch andere Länder tun eben nichts dergleichen. Man sieht, dass Kanada zwar hilft, aber dass keine prinzipielle Lösung in Sicht ist.

Ist die Situation rund um Syrien überhaupt vergleichbar mit den Flüchtlingsmengen, die sich in Nordafrika stauen?

Ich denke Nein! Die Klientel ist eine völlig andere. Sie stammt in ganz wesentlichen Teilen aus den Subsahara-Ländern und flieht nur im Ausnahmefall wegen politischer Verfolgung oder anderen klassischen Asylgründen. Es geht darum, der Armut zu entrinnen. Das muss man ganz einfach so klar festhalten. Armut ist aber kein Asylgrund. Diese Menschen könnten daher auch ohne Probleme repatriiert werden, wenn sie Chancen in ihren Fluchtländern vorfänden. Wenn nicht, werden sie es wohl immer und immer wieder versuchen.

Also wird uns dieses Problem (siehe oben, G20) noch eine ganze Weile erhalten bleiben.

Gibt es Möglichkeiten zur Verminderung des Übels, und wenn ja, wie könnten die aussehen?

Eine Vorprüfung in den Heimatländern oder in deren unmittelbarer Nähe in Sammellagern scheint mir unerlässlich zu sein. Allen Kandidaten muss eindeutig klargemacht werden, dass sie ohne positive Vorbescheinigung keinerlei Chancen haben, in Europa aufgenommen zu werden, auf welchem Weg sie auch immer dorthin gelangt sein mögen. Die Devise muss also lauten: „Wir nehmen euch auf, aber bitte lasst uns die Chancen vor Ort bereits abwägen. Sonst läuft nichts.“ Gleichzeitig bieten die Europäer ja kraftvolle Programme an, die eine Visaerteilung zur Folge haben. Ich denke da in erster Linie natürlich an das deutsche Programm „Make it in Germany“ (http://www.make-it-in-germany.com/en) – aber auch andere Länder haben vergleichbare Programme. Es lohnt sich, einmal einen Blick hineinzuwerfen. Nach meinem Kenntnisstand sind die lokalen deutschen Vertretungen (verstärkt durch die Auslandshandelskammern und die Goetheinstitute) bestens gerüstet, die erforderlichen Vorbereitungsarbeiten durchzuführen.

Die absolut erforderliche Kooperation mit den lokalen Behörden dürfte bei einigermaßen konsequentem Einsatz der Entwicklungshilfegelder kein unüberwindbares Hindernis darstellen.

Wo sollten solche Auffangstellen errichtet werden? Keinesfalls – meiner Meinung nach – im „failed state“ Libyen. Wenn schon Nordafrika, so kommen allenfalls Ägypten, Tunesien und Marokko in Frage, wobei die Subsaharier bereits südlich entsprechende Einrichtungen vorfinden sollten, allein schon um die Toten in der Sahara zu vermeiden.

Hätte Europa die Kraft, ein solches Programm umzusetzen? Wirtschaftlich sicherlich – es wäre sogar kostensparend verglichen mit der generellen Aufnahme, um dann erst in Europa zu entscheiden, ob jemand bleiben kann. Aber politisch? Ich bezweifle es.




Jeder soll nach seiner Façon selig werden


Fritz(Dieser Artikel passt trotz seines Entstehungsdatums auch heute noch)

So schrieb am 22. Juni 1740 Friedrich II, König von Preußen, und dokumentierte damit die für Preußens wirtschaftliche Entwicklung wichtige Toleranz gegenüber Einwanderern und religiösen Minderheiten, vor allem Hugenotten und Katholiken. Diese Toleranz sowie die endgültige Abschaffung der Folter 1754 sind herausragende Größen seiner Amtszeit. Die aus dem re-katholisierten Frankreich geflohenen protestantischen Hugenotten genossen dabei wohl die größten Freiheiten mit wirtschaftlichen Starthilfen, Steuerprivilegien und zunächst sogar eingeschränkter eigener Gerichtsbarkeit. Dass diese Toleranz sich nicht etwa nur auf „Christen“ reduzierte beweist ein Brief Friedrichs ebenfalls aus dem Jahre 1740 (Bild: Caro1409, Wikimedia Commons):

„Alle Religionen seindt gleich und guht, wan nuhr die Leute, so sie profesieren , erliche Leute seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wolten das Land pöbplieren, so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen“.

Die Eingewanderten integrierten sich und assimilierten schließlich mit der einheimischen Bevölkerung. Nur ihre Namen wie z.B. de Maizière zeugen noch bis heute davon, dass sie einst aus der Fremde kamen. Insoweit kann man Brandenburg-Preußen des 18. Jahrhunderts durchaus als Musterbeispiel für gelungene Integration anführen. 

Der Zuzug nach Deutschland setzte sich im 19. und 20. Jahrhundert fort. Mit der beginnenden Industrialisierung zog es zunächst viele Polen aus den preußischen Ostgebieten (Polen existierte nicht als Staat) vor allem ins Ruhrgebiet und dämpften den Mangel an Arbeitskräften. Später zogen andere Nationalitäten nach: Italiener, Serbokroaten, Spanier, Griechen und viele andere mehr. Niemand nimmt heute ernsthaft Anstoß an Namen wie Podolski, di Lorenzo, Olic und anderen. Sie alle sind „gute Deutsche“ geworden. Deutschland ist eben nie wirklich „rasserein“ im Sinne der verquasten Blut- und Boden-Theorie der Nationalsozialisten gewesen, wahrscheinlich zu seinem Glück. Doch plötzlich soll das für Özdemir nicht mehr gelten? Was ist an Özdemir ungewöhnlicher für deutsche Lippen und Ohren als Podolski? Oder liegt es wirklich an den religiös-kulturellen Unterschieden zwischen den Immigranten und der aufnehmenden Gesellschaft?

Dabei ist die Gegenwart von Moslems in Deutschland doch durchaus nichts Neues. Bereits

im Jahr 1732 ließ der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. in Potsdam am Langen Stall einen Gebetssaal für zwanzig seiner türkischen Gardesoldaten errichten. Die älteste erhaltene deutsche Moschee steht seit 1928 in Berlin, die Wilmersdorfer Moschee, ein prächtiger Bau (http://www.eslam.de/begriffe/w/wilmersdorfer_moschee.htm). Nun gut, inzwischen sind es mehr geworden, ca. 340 als solche erkennbar, nicht gezählt die so genannten Hinterhofgebetsräume, die niemand wirklich will. Auf  knapp 12.000 Moslems in Deutschland kommt gerade mal eine einzige Moschee, dagegen auf knapp 900 Protestanten eine Kirche. Von einer Überrepräsentanz im öffentlichen Erscheinungsbild kann also wohl kaum geredet werden.

Eine aufgeheizte und feindselige Debatte

Trotz dieser Fakten wird die Debatte über islamische Einwanderung mit ungeahnt schrillen Tönen von Befürwortern und Gegnern geführt. Das geht hin bis zu völlig substanzlosen Beleidigungen. Zum beliebtesten Neologismus in diesem Streit scheint  dabei die Wortschöpfung „Hassprediger“ für Aktivisten beider Seiten zu avancieren. Islamkritiker wie Henryk M. Broder werden dabei gern in die Ecke von „faschistischen Antisemiten“ gestellt, Islambefürworter müssen sich den Vorwurf des „Verrats am Volkswillen“ anhören. Irrationale Ängste dienen auf beiden Seiten zur Emotionalisierung der jeweiligen Gefolgschaften, „schleichende Islamisierung“ hier gegen „Aussterben der deutschen Bevölkerung“ dort. Es fällt langsam schwer, sich durch den Wust an veröffentlichten Meinungen hindurchzuarbeiten, um zu den Fakten und auch den objektiven  Schwierigkeiten dieses Dialogs zwischen Immigranten und aufnehmender Gesellschaft vorzustoßen.

Was seit Jahrhunderten relativ reibungsfrei funktionierte scheint in ein großes Desaster zu münden. Deutschland ist nun seit einigen Jahren auch offiziell ein Einwanderungsland und seitdem klappt es einfach nicht mehr mit der Integration. Es scheint so zu sein, dass sich die Probleme wirklich an der andersartigen Religion Islam festmachen lassen, denn weiterhin gibt es mit Einwanderungen aus dem europäischen Raum oder aus Asien keine sonderlichen Schwierigkeiten. Schauen wir uns also genauer an, was Aufnehmende und Aufgenommene jeweils an gegenseitigen Forderungen stellen, um besser beurteilen zu können, wo sich mögliche Kompromisslinien für gegenseitiges Verstehen abzeichnen. Kann der Disput in zivilisatorisch vertretbare Bahnen gelenkt werden?

Die Voraussetzungen aus bisher unbeachteter säkular-humanistischer Sicht

Die grundgesetzlich zugesagte Garantie von Religions-, Presse-, Kunst- und  Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, für das sich alle demokratischen Menschen stark machen und für deren Erhalt und Ausbau sie sich aktiv einsetzen sollten. Diese Grundrechte werden in Deutschland in vielfältiger Weise ausgehöhlt. Das beginnt bereits mit der Anerkennung von Religionsgemeinschaften als Körperschaften „öffentlichen“ Rechts bis hin zum Einzug einer Kirchensteuer, der man sich nur durch „Austritt“ entziehen kann, weil in aller Regel andere, nämlich die Eltern, über den „Eintritt“ entschieden haben. Die Organisation der Religionsgemeinschaften nach Vereinsrecht wäre daher die erste dringliche Maßnahme, um überbordende Privilegien einiger weniger Religionen oder Konfessionen abzubauen. Die große Mehrzahl der Religionen ist nämlich nicht nach öffentlichem Recht organisiert. In solche Vereine könnte jeder wenn er denn will ab Beginn der Geschäftsfähigkeit eintreten und hätte dann natürlich seine Vereinsbeiträge zu entrichten.

Die Finanzierung der Religionsgemeinschaften aus allgemeinen Steuermitteln ist sofort zu beenden. Hierzu gehört auch die Anerkennung sogenannter Bekenntnisschulen, religionsgebundener Kindergärten, Krankenhäusern und anderer karitativer Einrichtungen, die, ohne dass die Mehrheit der Kirchensteuerzahler es überhaupt mitbekommt, bis auf wenige Prozentpunkte aus öffentlichen Mitteln finanziert werden. Überspitzt gesagt: Die Allgemeinheit, religionsgebunden oder nicht, bezahlt dafür, dass sich Religionen ein Mäntelchen der Barmherzigkeit umhängen können. Oder mit einem konkreten Beispiel: jeder Steuern zahlende Moslem finanziert mit seinem Obolus, dass sich z.B. die katholische Kirche repräsentativ in der Öffentlichkeit darstellen kann.

Eine Lösung auf Vereinsbasis würde solche Unsinnigkeiten verhindern. Wenn jemand Bekenntnisschulen, gleichgültig ob christlich, moslemisch oder humanistisch (wie jetzt in Bremen), einrichten will, wogegen überhaupt nichts einzuwenden ist, sofern sich solche Schulen an die allgemein verbindlichen Lehrpläne halten, so soll er sie gefälligst zu 100% selber finanzieren – als Privatschule mit Gebühren oder aus Vereinsmitteln. Es können hier natürlich nur Teilaspekte betrachtet werden, doch gilt das Gesagte sinngemäß für alle Bereiche, in denen die Religionsgemeinschaften überprivilegiert sind.

Erst wenn über einen solchen Privilegienabbau nachhaltig entschieden wird, mithin die Laizität des Staates endlich als oberstes Gebot anerkannt wird, kann sinnvoll über die Integrationsfrage von moslemischen Einwanderern neu nachgedacht werden. Warum?

Moslems fordern durchaus zu Recht und unter Bezug auf das Grundgesetz, dass sie wie alle anderen Religionsgemeinschaften behandelt werden. Da das aber bereits grundgesetzlich garantiert ist, geht ihr Vorstoß offensichtlich noch in eine ganz andere Richtung. Sie wollen dieselben grundgesetzlich nicht abgedeckten Privilegien wie die akzeptierten Religionsgemeinschaften, mit anderen Worten: sie wollen auf die Gesellschaft als Ganzes Einfluss ausüben. Hier liegt die eigentliche Crux des Problems. Während nämlich seit der Aufklärung die Kirchen, wenn auch zähneknirschend, die Vorherrschaft weltlichen Rechts vor kirchlichem Recht anerkennen mussten und sich somit in gewissem Umfang in diese Rolle gefügt haben, verfolgen Muslime, die ohne vergleichbare Aufklärung ihren Weg in der westlichen Welt suchen, unter dem Strich eine andere Gesellschaftsordnung (siehe Link zu: „Demokratie und Islam“), da schon vom Prinzip her von Menschen gemachtes Recht nicht höher stehen darf als „göttliches“ Recht.

Ist denn ein auf den privaten Bereich beschränkter Islam, das heißt ein an die demokratischen Strukturen des Okzidents angepasster Islam, überhaupt denkbar? Betrachtet man die Masse der moslemischen Einwanderer in Deutschland, so scheint dies durchaus möglich. Die Mehrzahl will ganz offensichtlich ihre Religion leben, ohne weitergehende Ansprüche daraus abzuleiten. Allerdings hat diese Masse keine Stimme. Betrachtet man das Vorgeplänkel zur DIK II, merkt man schnell, dass die dort vertretenen Verbände ganz andere Ziele im Sinn haben. Sie geben vor, die Mehrzahl der Moslems in Deutschland zu vertreten, Abstimmungsergebnisse aufgrund von intelligent gestellten Fragen darüber liegen aber nicht vor. Sie sind aber die Meinungsführer. Weitsichtige Moslems wie etwa Necla Kelek ‚http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,686385-2,00.html) oder Bassam Tibi (http://en.wikipedia.org/wiki/Bassam_Tibi und http://www.spiegel.de/international/spiegel/0,1518,440340,00.html)

haben in diesem Umfeld keine Chance. Für die Hardliner der Verbände sind Wörter wie „Euro-Islam“, also ein in die demokratischen Strukturen des Westens eingepasster Islam, Fremdwörter, und die sind bedrohlich, weil dabei die „reine Lehre“ verloren gehen könnte.

De Maizière tut also gut daran, neben den Verbänden zur DIK auch nicht-organisierte Moslems einzuladen und ihnen eine Stimme zu geben. Auch Ex-Moslems wie z.B. Mina Ahadi können durchaus dazu beitragen, die Gefahren einer ungezügelten Ausbreitung einer über die reine Religion hinausgehenden islamischen Ideologie zu belegen und in die Diskussion einzubringen.

Fazit

Aus säkularer Sicht lässt sich mithin zeigen, dass feinsinnige Unterscheidungen zwischen Islam und Islamismus, gedacht zur Unterscheidung zwischen gemäßigten und extremen Kräften, wenig hilfreich sind, wenn es darum geht, Religionen im Allgemeinen die Begrenzung ihrer Wirkungsmöglichkeiten zu zeigen. Auf Entgegenkommen der Beteiligten darf man dabei nicht hoffen, weil diese Begrenzungen alle treffen müssen, wenn einigermaßen Aussicht auf Erfolg bestehen soll. Auch die von linker Seite vorgeschlagene Differenzierung zwischen Islam und politischem Islam (s. etwa Thomas Schmidinger: „Gottesstaat und Demokratie“) ist nicht wirklich hilfreich, da sie nur der oberflächlichen Befriedung dient, das Problem aber nicht im Kern anpackt.

Integration ist möglich, entgegen dem populistischen Geschrei auf Sites wie pi-news.net, sogar sehr gut möglich, wenn jeder die Grenzen kennt und einhält. Hier hat die Islamkonferenz eine große Aufgabe, der sie bisher nicht einmal im Ansatz gerecht wird.

Wer es wirklich ernst meint mit der Integration von Muslimen in Europa, kommt um klare Definitionen und Begrenzungen der politischen Einwirkungsmöglichkeiten von Religionen nicht herum. Schon der „Alte Fritz“ hätte es sich wohl verbeten, wenn jemand aufgrund seiner Religion versucht hätte, auf seine Staatsführung Einfluss zu nehmen. Beschränken wir uns also auf das Wesentliche, so können wir mit Friedrich II nur wiederholen:

Jeder soll nach seiner Façon selig werden

Hoffen wir, dass das in absehbarer Zukunft auch für säkulare Humanisten (Friedrich: „Heiden“) gilt!

Dr. Frank Berghaus

 

 

 




Mitten im Kulturkampf


Unabhängig von der Sprache, die ein Computer zu sprechen gewöhnt ist (bei mir das Französische) wirft das Google-Suchwort „Kulturkampf“ immer dasselbe Ergebnis aus. Ganz oben steht (wie so häufig) der Verweis auf Wikipedia. Und dort findet man, was jeder einigermaßen Geschichtskundige auch erwartet hat: „Als Kulturkampf in Deutschland wird traditionell die Auseinandersetzung zwischen dem Königreich Preußen und später dem Deutschen Kaiserreich unter Reichskanzler Otto von Bismarck und der katholischen Kirche unter Papst Pius IX. bezeichnet“. Oder bei mir: „Le Kulturkampf, ou « combat pour la culture », est un conflit qui opposa le chancelier du Reich Otto von Bismarck à l’Église catholique et au Zentrum, le parti des catholiques allemands, entre 1871 et 1880“. „Kulturkampf“ ist also zu einem feststehenden Begriff geworden, der sogar von anderen Sprachen übernommen wurde. Er bezieht sich eindeutig auf eine ganz bestimmte Epoche, in der der „Eiserne Kanzler“ – als einziger Kanzler in der deutschen Geschichte – zumindest den Versuch unternahm, die Macht der katholischen Kirche zu begrenzen: „Beim Kulturkampf ging es sachlich um die Durchsetzung einer liberalen Politik, die eine Trennung von Kirche und Staat vorsah und entsprechend sich zum Beispiel für die Einführung der Zivilehe einsetzte. Dies rief den Widerstand religiöser Kräfte hervor, die überwiegend der katholischen Kirche angehörten. Diese setzten sich für den Einfluss des Religiösen in Öffentlichkeit und Politik sowie den Primat von Kirche und Religion über Staat und Wissenschaft ein.“ Man könnte bei Wikipedia anfügen. Sie versucht es bis auf den heutigen Tag mit unverminderter Brachialgewalt. Viel mehr als die „Zivilehe“ ist von den Bismarckschen Bemühungen nicht geblieben. Wo immer die katholische Kirche auch nur einen winzigen Fetzen an Terrain verliert, setzt sie umgehend alle Hebel in Bewegung, ihn sich zurückzuholen.

Und nun lese ich die Überschrift „Mitten im Kulturkampf“ in der katholischen Postille kath.net und gebe mich eine knappe Sekunde lang der Hoffnung hin, endlich sei einmal wieder ein Politiker vom Format eines Bismarck am Werk, dem Machthunger der Kirchen eine Grenze zu setzen. Es ist natürlich töricht, sich auch nur den Bruchteil einer Sekunde solchen Träumen hinzugeben – sie zerplatzen unmittelbar wie eine überspannte Seifenblase.

Dem Autor des Artikels, Christof Gaspari, Betreiber der klerikalen Seite Vision2000.at  geht es um etwas völlig anderes, den andauernden Kampf Roms gegen Demokratie und Menschenrechte. Nach einer ausführlichen Würdigung des Mittelalters lässt er bei Erreichen der Aufklärung endlich die Katze aus dem Sack.

Aus der berechtigten Kritik an Missständen war eine geistige Revolution geworden, die alles auf den Kopf stellte: An die Stelle Gottes als Gesetzgeber tritt der Mensch, von dem Jean Jacques Rousseau postuliert, er sei von Natur aus gut.

Er weiß selbstverständlich, dass er statt „Gott“ hätte sagen müssen: „An die Stelle der Priesterkaste als Gesetzgeber tritt der Mensch“, denn wo hätte ein Gott jemals ein Gesetz erlassen? Es hört sich nur sich so überzeugend an, und jedermann wäre auf Anhieb klar, worum es wirklich geht. Doch das Demokratie-Bashing nimmt nun ungebremst seinen Lauf:

In diesen wenigen Sätzen sind bereits die Weichen hin zu allen Totalitarismen der folgenden Jahrhunderte gestellt: der Mensch als höchste Instanz. Man ist an die Verheißungen des Widersachers im Paradies erinnert: Ihr werdet sein wie Gott.

Der Apfel der Erkenntnis kann solchen Kirchen-Apologeten natürlich nicht schmecken, weshalb auch gleich – als zweithöchste Autorität nach seinem Gott – der Herr Ratzinger zu Wort kommt: „Das implizite Ziel aller modernen Freiheitsbewegungen ist es, endlich wie ein Gott zu sein, von nichts und niemandem abhängig, durch keine fremde Freiheit in der eigenen beschränkt.“ Damit sei das Bild einer Göttlichkeit errichtet, die rein egoistisch ist, erklärt Ratzinger, „ein Götze, ja, das Bild dessen, was die christliche Überlieferung den Teufel – den Gegengott – nennen würde…“
Damit deklariert der apostolische Oberhirte, der nun im September vor Demokraten im Bundestag predigen darf, individuelle Freiheit, Menschenrechte und Demokratie explizit als Teufelswerk. Wundert es da noch irgendjemanden, dass der Heilige Stuhl sich beharrlich weigert, die entsprechenden Menschenrechtskonventionen zu unterzeichnen? Nur in Berlin scheint man solche Hetzreden des Herrn Papstes (in „Ohne Wurzeln – Der Relativismus und die Krise der europäischen Kultur“) nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen: „So hat in Europa einerseits das Christentum seine wirksamste Gestaltwerdung erlebt, aber zugleich ist in Europa eine Kultur gewachsen, die den radikalsten Widerspruch nicht nur gegen das Christentum, sondern gegen die religiösen und moralischen Traditionen der Menschheit überhaupt darstellt.“ Da ist sie wieder, die Moralkeule, für die die Kirche meint, einen Alleinvertretungsanspruch zu haben. Die Erklärung der OIC (Organisation of Islamic Countries) zu den Menschenrechten liest sich mit ihrem Scharia-Vorbehalt nicht anders. Auf den Punkt gebracht: Demokratie steht in krassem Gegensatz zum „göttlichen“ Gebot.

Lassen wir Jean Meslier (einen Priester im Dienst der französischen Revolution) zu Worte kommen: „Alles, was Euch Eure Priester und Eure Doktoren so beredsam über die Größe, das Vortreffliche und das Heilige der Mysterien predigen, … ist im Grund nichts als Illusionen, Lügen, Vorspiegelungen und Betrug, zuerst zu politischen Zwecken erfunden, dann von Verführern und Heuchlern fortgesetzt und von unwissenden, groben Völkern empfangen und blind geglaubt.“ Der Satz gilt auch heute noch, ohne den geringsten Abstrich vornehmen zu müssen.
Christof Gaspari, der Autor des Artikels lässt uns lange im Ungewissen, wo er denn nun – dem klassischen Beispiel des ersten deutschen Kanzlers folgend – so etwas wie einen „Kulturkampf“ ausmacht.

Wir stehen mitten in diesem Kulturkampf. Obwohl er nicht mit Waffen ausgefochten wird, nimmt er an Intensität zu, denn die Gottlosigkeit ist mittlerweile zur Staatsreligion geworden. Daher schreitet sie im öffentlichen Raum voran. Wesentliche, christlich geprägte Werte werden mit scheinbar menschenfreundlichen Gesetzen und im Namen der Menschenrechte unterlaufen: das Lebensrecht des ungeborenen Kindes wird dem Selbstbestimmungsrecht der Frau geopfert, die Gestalt der Familie dem Diskriminierungsverbot gegenüber Homosexuellen, das Erziehungsrecht der Eltern gesundheitspolitischen Verpflichtungen des Staates.

Ohne fixen, transzendenten Bezugspunkt erweisen sich die Menschenrechte als Blendwerke, die je nach Nützlichkeit so oder so zum Zuge kommen.
Man muss schon seltsam geformte Antennen haben, um ein Fortschreiten der Gottlosigkeit im öffentlichen Raum empfangen zu wollen. Das Gegenteil ist doch viel richtiger. In alles und jedes mischt sich Rom ein, selbst wenn es um so glaubensferne Bereiche wie die Atomkraft geht. Ich zitiere dazu aus einem Interview mit Alan Posner:

Man sieht es bei der Atomdiskussion: Was macht die Kanzlerin? Sie beruft eine Ethikkommission ein, in der prompt schon wieder zwei Vertreter der katholischen Kirche sitzen. Hallo! Was verstehen die denn von Ethik? Was verstehen die Knabenfummler – Entschuldigung, dass ich das jetzt mal so sage -, von Ethik? Wieso haben die einen besonderen Zugang zu Ethik? Die ganze Vorstellung, dass die Kirchen, egal, ob es der Islam ist, ob evangelische oder katholische Kirche, Hinduismus, Buddhismus, in besonderer Weise für irgendein Thema einen höheren ethischen Standard hätten, als irgendjemand der im Parlament sitzt, das ist eine Zumutung. Und in dieser Weise ist dieser Papst als Vertreter einer schlagkräftigen starken, international aufgestellten und durch ihn ideologisch vereinheitlichten Organisation, immer noch gefährlich, weil er die Demokratie innerhalb der katholischen Kirche weitgehend ausgeschaltet hat und nach wie vor Ambitionen auf Europa und die Veränderung der Verhältnisse hier hat. Er hat die Idee nicht aufgegeben, dass Europa neu missioniert werden könnte, im Gegenteil, er hat dafür extra ein neues Amt geschaffen.

Das ganze Interview ist im hpd-podcast 2011-04 zu hören. (34 Minuten).

Wenn man also überhaupt von Kulturkampf sprechen möchte, dann doch wohl in dem Sinne, dass der Säkularismus bekämpft und niedergemacht werden soll. In der Politik findet sich bedauerlicherweise niemand, der sich der in seiner Verdrehung von Tatsachen äußernden kirchlichen Niedertracht in den Weg stellen könnte.
Zornbebend kann man nur noch mit Voltaire sagen: „Ecrasez l’infâme!“ (Zerschmettert die Niederträchtige).

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Ichbinhier - auch in eigener Sache


logo_ichbinhier_0Jeder weiß es – niemand tut etwas dagegen. Die Kommentarspalten der freien Presse werden regelrecht überschwemmt mit rechtslastigen Kommentaren. Manche nehmen das aber immer noch für bare Münze. Man schätzt, dass bis zu einem Drittel der Kommentare in dieser Richtung von Fake-Accounts oder von regelrechten Bots stammen. Ich habe den ehemaligen Herausgeber von Wissenbloggt, Dr. Wilfried Müller, immer wieder darauf hingewiesen, dass er sich nicht auf solche Fakes berufen sollte und ihm auch die entsprechenden Links dazu mitgeteilt. Aber er war  felsenfest davon überzeugt, dass sich dort „das Volk“, der „mündige Bürger“ äußere. Dies führte im Gefolge zu einem zunehmend stärker werden Abdriften in rechtspopulistische Argumentationsweisen, was sich mit meinen Auffassungen schließlich keinesfalls mehr vereinbaren ließ. Schließlich war mein Name als Gründer von WB immer noch eingebunden. Das ist auch einigen der Autoren, die trotzdem weiter hier schrieben, sehr unangenehm aufgefallen, da es sich immer weiter von humanistischen Grundüberzeugungen entfernte. So wurde mir jedenfalls berichtet.

Umso erfreuter bin ich zu sehen, das sich nun eine ganze Gruppe, ein Verein, gegen diese unsäglichen Verzerrungen sträubt und sich mit großem Engagement dagegen stemmt.

So gibt es nun einen Offenen Brief an Online-Redaktionen und Journalisten des Vereins Ichbinhier, auf den ich im Folgenden verlinke:

https://www.facebook.com/notes/ichbinhier-der-verein/offener-brief-an-online-redaktionen-und-journalisten/1130052927158458/




Pupsglobuli – Köstliches von Udo Endruscheit.


Linda 17-09-13Paderborner Spezialitäten oder: Wie Absurdes in Absurdem verpackt werden kann.

Der Beitrag erschien ursprünglich auf der homöopathiekritischen Seite „Susannchen braucht keine Globuli“ (www.susannchen.info). Bei wissenbloggt wird er nun in erweiterter Form veröffentlicht.

Wie bekannt, balanciert die Homöopathie auf drei Grundsäulen. Die erste ist das Ähnlichkeitsprinzip, das sich in dem bekannten Satz similia similibus curentur ausdrückt, also der Annahme, ein Mittel, das beim Gesunden bestimmte Symptome auslöst, sei in der Lage, ähnliche Symptome beim Kranken zu heilen. Dies manifestiert sich in der zweiten Säule, der Arzneimittelprüfung am Gesunden. Symptome, die die Gabe einer Substanz beim Gesunden auszulösen scheint, sollen beim Kranken damit zum Verschwinden gebracht werden. Und dies mit tatkräftiger Unterstützung der dritten Säule: Dem Potenzierungsprinzip, wonach bei fortlaufender Verdünnung in Zehner- oder Hunderterschritten durch rituelles Schütteln und Schlagen der Lösungen auf einen federnden Untergrund zwar eine physikalische Verdünnung eintritt, aber angeblich eine „geistige Arzneikraft“ frei werde, die sich mit jedem Potenzierungsschritt auch noch steigere.

Nun ist nichts von alledem haltbar. Ein auf menschliche Belange bezogenes Ähnlichkeitsprinzip gibt es nicht, eine solche Annahme ist ein Relikt aus ebenso magischen wie anthropozentrischen Zeiten. Die aufgezeichneten „Ergebnisse“ von Arzneimittelprüfungen am Gesunden, von Homöopathen als therapeutischer Schatz gehütet, zeigen bei Licht nichts, was man als Kausalität von Substanzeinnahme und Symptomatikbetrachten dürfte – sie strotzen vor Unspezifität und Beliebigkeit. Und eine geistige Arzneikraft, die durch rituelles Schütteln und Schlagen aus jeder beliebigen Substanz „herauspotenziert“ wird, gibt es nicht. Zumal eine wie auch immer geartete substanzielle Zunahme von Irgendetwas (Veränderung des energetischen Zustandes) durch Schütteln nicht mit der Thermodynamik und einephysiologische Wirkung minimalster und meist gar nicht mehr vorhandener Mittelnicht mit dem Massenwirkungsgesetz vereinbar ist.

Ein nicht unbedingt aus der Luft gegriffenes Bonmot besagt, es gebe so viel Homöopathien, wie es Homöopathen gibt. In der Tat – etwas als „die Homöopathie“ Faßbares und Beschreibbares gibt es nicht. Bereits Hahnemanns Grundlehre krankte an inneren Widersprüchen, die Fantasie und Kunstfertigkeit seiner Exegeten haben daran wahrlich nichts verbessert. So ist es nicht ungewöhnlich, dass Homöopathen oft leicht mit ihren eigenen Grundannahmen widerlegt werden können.

Ein ganz besonders Beispiel hierfür soll uns heute interessieren. Der Autor schickt voraus, dass er für die Echtheit des Sachverhaltes garantiert und es sich nicht um Satire handelt.

Schon mal von "P-Globuli" gehört, den sogenannten "Pupsglobuli" oder, vollständig, "Paderborner Pupsglobuli", der „Spezialität“ einer Paderborner Apotheke, die sich viel auf ihre Homöopathie-Kompetenz zugute hält? Gibt’s schon länger, wurde vom früheren Eigentümer „entwickelt“ und heute offenbar voller Überzeugung weiter vertrieben von der Geschäftsnachfolgerin. Wie man hört, ein Präparat, das sich bei den jungen Muttis der Umgebung durchaus einer gewissen Beliebtheit erfreut. Dieses "Mittel" sogar den Weg in einen Artikel der „Neuen Westfälischen“ gefunden, der zwar eine Ahnung von Kritik spüren lässt, aber mehr eben auch nicht.

Jedoch: Ein näherer Blick lohnt sich trotz oder gerade wegen des spontanen Gefühls von Absurdität.

Es zeigt sich, dass es sich um – mäßig – homöopathisch verdünnte Stoffe wie Fenchel und Kümmel handelt, also um Stoffe, die bei Bauchschmerzproblemen von Säuglingen und Kleinkindern als Gaben von Tee oder Aufgüssen durchaus ihre Meriten haben. Ja und? Ist doch gut dann – oder?

Mitnichten. Man beachte: Mittel, die bei ihrer normalen Verabreichung die Beschwerden genauso lindern sollen wie in der homöopathischen Form!?

Wir erinnern uns: Das Simileprinzip in der Homöopathie beruht auf der Grundannahme, dass ein Stoff, der beim Gesunden eine Krankheit auslöst, diese bei einem Kranken zu heilen imstande sein soll. Nun, lösen Fenchel, Minze, Kümmel und Co. etwa Blähungen und Bauchschmerzen aus? Im Gegenteil! Und im Wissen darüber schreibt die homöopathische Logik eine klare Schlussfolgerung vor: Die Globuli mit diesen Mitteln müssen Blähungen auslösen! Gleiche Wirkung von Stoffen in allopathischer wie in homöopathischer Darreichung gibt es nicht, kann es nicht geben, denn das ist komplett unvereinbar mit der homöopathischen Lehre. Das hier ist – von der Verdünnung abgesehen – keine Homöopathie, sondern Allopathie reinsten Wassers (besser Zuckers), was Hahnemann aus tiefstem Herzen verdammte.

Hier wird die Verrücktheit Homöopathie mit einer weiteren Verrücktheit auf eine neue Stufe der Absurdität gehoben – und dazu gehört schon was. Dagegen könnten höchstens die sogenannten Placebo-Globuli ankommen, die ein Apotheker tatsächlich vertreibt. Und zwar zur Beruhigung gesunder Geschwisterkinder, die auf ihre kranken Brüderchen oder Schwesterchen wegen deren Globuli neidisch sind… (Auch das ist nicht aus den Fingern gesogen, sondern bittere Wahrheit und persönliche Erfahrung des Autors.) Aber im Grunde gehört die Trophäe des „Hohlen Globuli“ doch nach Paderborn…

Na, die Welt ist voller Absurditäten. Nicht mehr als ein Wochenendwitz zum Schmunzeln. Oder?

Was zeigt uns diese Geschichte? Sie zeigt, dass man den Menschen mit dem über Jahrzehnte geschickt aufgebauten Image der Homöopathie (sanft, natürlich, nebenwirkungsfrei, hochwirksam, der „Schulmedizin“ überlegen) jeden Mist andrehen kann und dieseMenschen sich dafür dann auch noch mit Lobeshymnen bedanken. Sie zeigt ferner, dass von gestandenem Apothekenpersonal mit wissenschaftlich-pharmazeutischer Ausbildung keineswegs erwartet werden kann, offen zutage liegende Widersprüche auszumachen. (Was die Frage nach Sinn und Unsinn homöopathischer „Beratung“ in Apotheken erneut aufwirft.) Diese Geschichte zeigt also, welche Folgen eine über Jahrzehnte mit allerlei Euphemismen, Des- und Fehlinformationen betriebene Imagekampagne pro Homöopathie in den Köpfen der Menschen anrichten kann. Man bedenke einmal, was für eine Chuzpe es von Seiten der Homöopathielobby bedeutet, erst dieses Image, diese Stimmung aufzubauen und dann -wie es derzeit allerorten geschieht – in einem klassischen Zirkelschluss eben aus diesem Image heraus die Existenz der Homöopathie rechtfertigen zu wollen. Und so sehen wir am Beispiel der P-Globuli aus Paderborn die ganze Problematik der Aufklärung über Homöopathie schlaglichtartig beleuchtet: Dem positiven Image, der "sozialen Reputation" der Homöopathie ist kaum beizukommen. Im Gegenteil. Image und Reputation reichen offenbar völlig aus, um den absurdesten Unsinn unter die Leute zu bringen, sogar solchen, der mit Homöopathie überhaupt nichts zu tun hat, Hauptsache, das Wort "Homöopathie" oder "Globuli" steht drauf und der Apothekenpflicht ist Genüge getan (übrigens teutonisch korrekt unter „P-Globuli“, „Pups-Globuli“ wäre unstatthaft, weil ein Vertrieb mit einer Indikationsangabe unzulässig ist) . Niemand aus der homöopathischen Szene wendet sich gegen diese Absurdität, weil alles, was positives Interesse weckt, unantastbar ist in Sachen Homöopathie. Das ist nicht weniger als eine Verhöhnung ernsthafter auf wissenschaftlicher Basis betriebener Medizin und ihrer Vertreter.




Franz Josef Wetz - Eine neue Kultur des Abschieds. Wo ist sie? Rezension von Siegfried R. Krebs


Tot ohne GWEIMAR. (fgw) Franz Josef Wetz, geb. 1958 und seines Zeichens Professor für Philosophie und Ethik in Schwäbisch Gmünd, will nach eigenem Bekunden in seinem neuesten Buch „Tot ohne Gott – Eine neue Kultur des Abschieds“ die Facetten „unserer Endlichkeit“ reflektieren.

Doch leider verspricht der Titel mehr als es der lange Text zu halten vermag. Diesen hat er in fünf Hauptabschnitte unterteilt, überschrieben mit „Endlichkeit"; „Gibt es ein Leben nach dem Tod?"; „Wer stirbt schon gerne?"; „Metaphysik und Metastasen" sowie „Wie ist Trost möglich?".

Seine betrachtete Welt ist fast ausschließlich die des hellenistisch-römischen und später christlichen Europas. Ihm fehlt bei aller konstatierten Globalisierung jedoch die universelle Weltsicht, so daß er stets nur von „Gott" – aber ohne Anführungszeichen – spricht und die Abertausende Götter anderer Religionen negiert.

Vor allem aber vermißt man eigene Gedanken, Erkenntnisse und konkrete Vorschläge. Wetz referiert dafür in epischer Breite gelesene Texte Dritter aus Literatur, Philosophie und Naturwissenschaften. Seine Eloquenz ist auch daher in starkem Maße gepaart mit Geschwätzigkeit und geistiger Begrenztheit bürgerlicher Wissenschaftler. Denn dem Leser werden lediglich das Leben gehobener akademischer Mittelschichten Mittel- und Westeuropas sowie Nordamerikas und deren Probleme/Befindlichkeiten offeriert. Wie aber sieht es mit Leben und Sterben in den „Unterschichten" und vor allem in der sogenannten Dritten Welt aus? Das bleibt weitestgehend ausgeblendet.

Und für Deutschland vermißt man mit wachsendem Unbehagen, ja mit Ärger, Aussagen zu diversen freigeistigen und humanistischen Organisationen, insbesondere zu deren vielfältigen Angeboten in Sachen Sterbe- und Trauerkultur. Der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) und die Deutsche Gesellschaft für humanes Sterben (DGHS) kommen bei Wetz einfach nicht vor. Das vermißt man gerade bei seinen Auslassungen zum Thema „Freitod" (S. 161-163; 197-198).

Für eine „neue" Kultur des Abschieds haben doch seit Ende des 19. Jahrhunderts freigeistige Vereine viele praktische Erfahrungen gesammelt und diese in gedruckter Form verallgemeinert. Man denke da nur an das Wirken des Deutschen Freidenker-Verbandes schon in den 1920er Jahren. Oder die Publikationen der Humanistischen Akademien in den vergangenen Jahren. Aber auch das alles kommt bei Wetz nicht vor. Nur knappe allgemeine, eigentlich nichtssagende, Phrasen. Schade!

Siegfried R. Krebs

Link zum Artikel http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/franz-josef-wetz-eine-neue-kultur-des-abschieds/

 

Franz Josef Wetz: Tot ohne Gott. Eine neue Kultur des Abschlieds. 312 S. Klappenbroschur. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2018. 20 Euro. ISBN 978-3-86569-249-8

 




Plädoyer für Vernunft in unvernünftigen Zeiten


Dawkins

Richard Dawkins: „Forscher aus Leidenschaft“,© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin, 2018, ISBN 978-3-550-05026-8, 524 Seiten. Rezension von Gerfried Pongratz

Es gibt in der Welt eine objektive Wahrheit, und unsere Aufgabe ist es, sie zu finden(S. 17) – mit diesen Worten beschreibt einer der wichtigsten Denker unserer Zeit die Ziele seines Lebens. Der 1941 geborene britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins gehört zu den bekanntesten Verfechtern von Wissenschaft und Aufklärung; seine zahlreichen Bücher, Aufsätze, Vorträge etc. finden weltweit ein begeistertes Publikum, stoßen wegen ihrer z.T. atheistischen und religionskritischen Inhalte aber auch auf heftige Ablehnung. Das vorliegende Buch enthält 41 – davon 20 bislang unveröffentlichte – Beispiele aus Dawkins Essays, Vorträgen und journalistischen Schriften der letzten drei Jahrzehnte, die er zusammen mit der Herausgeberin Gillian Somerscales ausgewählt, thematisch gruppiert und mit hilfreichen Kommentaren und aktualisierenden Nachworten versehen, präsentiert.

 

Die Beiträge behandeln neben naturwissenschaftlichen Themen Überlegungen zum Wert von Wissenschaft, Ausführungen zur Geschichte und Rolle der Wissenschaft sowie übergreifende Themen der Philosophie, Religion und Politik; oftmals mit Humor und feiner Ironie, aber auch mit persönlicher Betroffenheit gewürzt. Alle Abschnitte beginnen mit informativen Einleitungen durch Gillian Somerscales, die die Hintergründe der Texte und Denkweisen des Autors offen legen:

„Richard Dawkins ist nicht nur ein Prophet der Vernunft, er ist auch ihr unermüdlicher Wächter, seine Prinzipien sind dabei durch und durch von Mitgefühl, Großzügigkeit und Freundlichkeit durchtränkt…. Er will komplexe Wissenschaft nicht nur zugänglich, sondern begreiflich machen, und das ohne „verdummende Vereinfachung“. Immer besteht er auf Klarheit und Richtigkeit, und dabei dient ihm die Sprache als Präzisionswerkzeug, als chirurgisches Instrument“ (S. 23ff).

Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem sprengen, auf alle, oder auch nur auf viele der behandelten Themen einzugehen. Acht große Teilbereiche mit 41 Unterkapiteln, ergänzt durch einen umfangreichen Anmerkungsteil mit Quellen- und Literaturverzeichnis, vermitteln ein weit umfassendes Panorama an Wissen mit tiefgründigen weiterführenden Gedanken und Analysen; hervorzuheben ist dabei auch die (hervorragend übersetzte) klare und schöne Prosa der Texte (die laut Somerscales alle 13 Bücher und Schriften Dawkins auszeichnet).

Wie kann man das Buch lesen? In einem Zug, oder wie ein Nachschlagewerk, Kapitel für Kapitel, mal vorne, mal hinten: So hat es sich dem Rezensenten erschlossen, der noch oft und mit Begeisterung darin „schmökern“ wird. Aus der Vielzahl der ihm besonders bemerkenswert erscheinenden Themen sei – ohne inhaltliche Gewichtung – eine kleine Auswahl vorgestellt:

 

  • S. 78ff: Ein offener Brief (mit interessantem Nachwort) an Prinz Charles, in dem er dessen Wissenschaftsfeindlichkeit und Sammelsurium widersprüchlicher Alternativen beklagt: „Am meisten betrübt mich, Sir, dass Ihnen so Vieles entgeht, wenn Sie der Wissenschaft den Rücken kehren“.
  • S 231ff: Gedanken zu Seele-1 (der spirituelle Teil des Menschen, von dem man glaubt, dass er nach dem Tod weiterlebt), die von der Wissenschaft zerstört wird und zu Seele-2, als „Erschaudern vor dem Schönen, als intellektuelle oder spirituelle Kraft“, wie sie von Einstein, Carl Sagan und Dawkins selbst („Der entzauberte Regenbogen“) beschrieben wird.
  • Teil IV: „Denkverbote, dummes Zeug und Durcheinander“:
    Sieben Kapitel bieten u.a. eine brillante Widerlegung des Kreationismus und untersuchen nüchtern, umfassend, nachdenklich das Phänomen Religion sowie das „Warum“ von Glauben und Glaubenspraxis.

    Eine der Kernfragen dazu lautet: „Welchen Überlebenswert hatte in der Vergangenheit unserer wilden Vorfahren ein Gehirn, dessen Disposition sich in der kulturellen Gegenwart als Religion manifestiert?“ Eine von mehreren Antworten liegt in der natürlichen Selektion von Kindergehirnen zur Neigung, alles zu glauben, was Eltern und Stammesälteste sagen (S. 290/291).
    Ein Unterkapitel führt die Behauptung, „Glaube“ an die Naturwissenschaft sei selbst eine Form von Religion, ad absurdum: „Zwischen einem Glauben, den man verteidigen kann, indem man sich auf Belege und Logik beruft, und einem Glauben, der durch nichts anderes gestützt wird als durch Tradition, Autorität oder Offenbarung, liegen Welten“ (S. 305).

  • Teil V, „Leben in der Wirklichkeit“ widmet sich in mehreren Unterkapiteln dem Engagement und nüchternen Zutrauen zur Fähigkeit der objektiven Vernunft, „vielleicht nicht immer Lösungen, stets aber positive Wege in die Wirklichkeit aufzuzeigen“.
    In „Die tote Hand Platons“ beschreibt Dawkins die „Tyrannei des diskontinuierlichen Geistes“: Platons „Essentialismus“ ist „eine der heimtückischsten Ideen der gesamten Geistesgeschichte“ (S. 321).
    Eine Abrechnung mit dem Lamarckismus und Plädoyers gegen Gläubigkeit an Übernatürliches sowie für Engagement zu Vernunft, Logik, Wissenschaft und evidenzbasierter Wahrheit bilden weitere Ausführungen, denen auch ein leidenschaftlicher Aufruf gegen oft verdrängtes Tierleid beigeschlossen ist.
  • Teil VI, „Die heilige Wahrheit der Natur“ und Teil VII, „Lachen über lebende Drachen“ erläutern einerseits die „Arbeitsweise“ „natürlicher Evolutionswerkstätten“ (Galapagos Inseln) am Beispiel der komplexen Evolution von Riesenschildkröten und ironisieren, persiflieren andererseits religiöse Ansichten zur Abstammung des Menschen. Dawkins versteht sich dabei auf geistreiches Spotten und widerlegt damit einmal mehr die Behauptung, er sei ein humorloser Atheist.
  • Teil VIII, „Der Mensch ist keine Insel“, ist als letzter Teil Menschen gewidmet, die Dawkins besonders schätzt und verehrt. Neben Lies und Niko Tinbergen sowie seinem Vater John Dawkins und Onkel A.F. „Bill“ Dawkins ist es vor allem Christopher Hitchens, den er würdigend in eine Reihe mit Bertrand Russel, Robert Ingersoll, Thomas Paine und David Hume stellt: „Sein (Anm.: Hitchens) Charakter selbst ist zu einem herausragenden, unverkennbaren Symbol für die Ehrlichkeit und Würde des Atheismus geworden, aber auch für den Wert und die Würde des Menschen, der nicht durch das infantile Geplapper der Religion herabgewürdigt wird“ (S.459).

    Die Herausgeberin Gillian Somerscales vermerkt zu dieser Rede Dawkins anläßlich einer Preisverleihung an Hitchens: „Es ist eine eigenartige, aber durchaus passende Ironie des Schicksals, dass vieles von dem Lob, das er (Anm.: Dawkins) Hitchens zollt, mit ebenso großer Rechtfertigung auch ihm selbst gezollt werden könnte: „der führende Kopf und Gelehrte unserer atheistisch/säkularen Bewegung“, ein „sanft ermutigender Freund der Jungen, der Zaghaften“, gleichermaßen fähig zu „durchdringender Logik“, „schneidendem Witz“ und „Mutig-Unkonventionellem“. Kein Wunder, dass sie Seelenverwandte waren“ (S. 433/434).

Ein Buch, aus dem nicht nur Dawkins-Anhänger, sondern alle unvoreingenommen einschlägig Interessierten Gewinn ziehen werden. Es bietet reichen Erkenntnisgewinn bei hohem Lesegenuss und wird dem Anliegen, „das Absperrseil zwischen begründeter Phantasie und unbegründeter Spekulation aufzuspannen, das Undenkbare zu denken und es damit denkbar zu machen“ (S. 202), voll gerecht. Uneingeschränkte Leseempfehlung!

 

Gerfried Pongratz 1/2019




„Göttlich“ — ungültig. Von Eckhardt Kiwitt


ghost_300rgb-slimgreenVielen unserer Leser wird der Autor Eckhardt Kiwitt noch bekannt sein.Ich kene ihn nunmehr seit zehn Jahren, als er als reiner Islamkritiker in Erscheinung trat. Inzwischen ist auch er zu einem generellen Religionskritiker und Humanisten gereift, obwohl ihm Auswüchse des Islam nach wie vor am Herzen liegen.

Als er erfuhr, dass ich Wissenbloggt wieder in eigener Regie fortführen muss, hat er sich spontan bereit erklärt, mir bei dieser nicht ganz leichten Aufgabe behilflich zu sein. Als erste Frucht dieses Angebots lege ich heute seinen Aufsatz "Göttlich" – ungültig vor:

Anmerkungen zu einem Interview [mit einem Religionsgelehrten]

***

1.:_Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Religionen
2.:_Menschliche Gesetze und göttliche Moral
3.:_Einschränkungen religiösen Lebens

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«Gott ist todt» meinte, unterschiedlich gedeutet, einst der Philologe und Philosoph Friedrich Nietzsche in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“.
«Nur ein bißchen» könnte man entgegnen, oder «Nein, es hat ihn nie gegeben».
Als Idee in den Köpfen von Menschen hingegen mag man etwas, das wir Gott nennen — oder Göttin — akzeptieren. Wechselwirkungen gibt es aber zwischen diesem „Gott“ und dessen Umgebung keine, weshalb man es von etwas, das nicht existiert, nicht unterscheiden kann. Wechselwirkungen gibt es zwischen den Menschen, die eine Idee von Gott — z.B. als einem Instrument zur Legitimierung von gesellschaftlicher und politischer Macht, als Tröster in der Not oder zwecks Bevormundung — haben, und anderen Menschen.

Am 3. Dezember 2018 veröffentlichte eine Berliner Tageszeitung auf ihrer Website ein Gespräch, das einer ihrer Redakteure mit einem Religionsgelehrten geführt hat.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Religionen

In diesem Interview rechtfertigt der Religionsgelehrte, dass einige Mitglieder seiner wie auch anderer Religionsgemeinschaften Frauen zur Begrüßung den Handschlag verweigern und meint, man solle diese Verweigerung respektieren.[*] Der von dem Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer geprägte Begriff der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit klammert zwar die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts lt. einem in der Wikipedia veröffentlichten Artikel für diesen Fall aus, doch bin ich der Meinung, dass die Verweigerung des Handschlags (zur Begrüßung) gegenüber Frauen, nur weil sie Frauen sind, in diese Kategorie gehört — zumal unsere Verfassung, das Grundgesetz, in Artikel 3 Satz 3 festhält: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“

Menschliche Gesetze und göttliche Moral

Die Frage, ob Gottes Wort über den von Menschen gemachten Gesetzen stehe, kontert der Religionsgelehrte mit den Worten, dass „jedes menschliche Gesetz eine göttliche Stärke“ erhalte, wenn es ein moralisches Gesetz sei. Den Begriff der Moral erläutert er nicht näher, und dass die „göttliche Stärke“ nicht auf einen Gott oder eine Göttin zurückgeht, sondern auf Menschen, lässt er außer acht. Mit welcher Moral er die im vorigen Absatz erwähnte Diskriminierung von Frauen, nur weil sie Frauen sind, rechtfertigt, erfährt der Leser des Interviews nicht.

Einschränkungen religiösen Lebens

Der von der Berliner Tageszeitung interviewte Religionsgelehrte sagt, dass christliche, jüdische und muslimische Geistliche verstanden hätten, dass ein Verbot der Knabenbeschneidung „Anschläge auf die Religionsfreiheit“ seien. Ich bin der Meinung, dass das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung eine Straftat ist. Entsprechend lässt sich z.B. jeder Chirurg vor einer Operation eine Einverständniserklärung seines Patienten unterschreiben. Der Religionsgelehrte sowie diejenigen, die seine Position unterstützen, beanspruchen aus meiner Sicht also (für sich) das vermeintliche „Recht“, im Rahmen der Religionsausübung Straftaten begehen zu dürfen. Die Religionsfreiheit der Grundgesetz-Artikel 4 und 140 legitimiert das Begehen von Straftaten und anderes Unrecht jedoch nicht.
Die Zirkumzision mag in Einzelfällen aus medizinischen Gründen geboten sein, aber: Wenn ich jemandem auf der Straße begegne, sehe ich ihm gar nicht an, ob er beschnitten ist oder nicht, kann seine mögliche Religionszugehörigkeit an diesem Merkmal folglich nicht erkennen — und habe auch nicht das Bedürfnis, dies näher zu untersuchen.
Falls das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung – entgegen der Aussage in unserem Strafgesetzbuch – keine Straftat sein sollte, was ist es dann? Oder ist Körperverletzung nur dann keine Straftat, wenn sie „religiös“ intendiert ist? Soll also das Begehen von Straftaten dann legitimiert sein, wenn dies als zur „ungestörten Religionsausübung“ gehörend deklariert wird? Das könnte einen beträchtlichen Interpretations- und Handlungsspielraum eröffnen (siehe dazu auch «Angst», Punkt 5, vom 20. Oktober 2012 auf dieser Website).
Der Gesetzestext sowie die juristischen Erläuterungen zum § 1631d des Bürgerlichen Gesetzbuches [BGB] (Beschneidung des männlichen Kindes) überzeugen mich insofern nicht, als für mich nicht ersichtlich ist, warum Eltern bzw. Erziehungsberechtigte (Stichworte „Personensorge“ sowie „Elterliche Sorge“) darin einwilligen dürfen, dass sich jemand ohne medizinische Notwendigkeit an ihrem Kind vergeht und ihm eine erhebliche Körperverletzung zufügt — siehe oben in diesem Abschnitt.
Ein «Bund mit Gott», wie bisweilen behauptet, wird mit der Beschneidung ohnehin nicht geschlossen, da es den dafür erforderlichen Gott allenfalls als Idee in den Köpfen von Menschen gibt. Auch wurde bislang kein Volk und keine sonstige soziale Gruppe von irgendeinem Gott für was auch immer „auserwählt“; den zugehörigen Gott hat jemand vor mehr als zweitausend Jahren erfunden, um sich und sein Volk anschließend als ein von diesem von ihm selbst erfundenen Gott auserwählt zu erklären.

Damit, dass der Religionsgelehrte in einem Verbot der Knabenbeschneidung „Anschläge auf die Religionsfreiheit“ sieht, konstruiert er einen Opferstatus. Eine Sonderrolle oder Sonderrechte aus religiösen oder sonstigen Gründen für sich zu beanspruchen oder einzufordern löst oft jedoch erst die Reaktionen aus, über die man sich anschließend beklagt. So institutionalisiert man einen Opferstatus, den man ewig fortschreiben kann. Das halte ich für unredlich.[**]

Moral und Recht haben sich im Laufe der Geschichte manchmal gewandelt. Was in früheren Zeiten oder in anderen Kulturkreisen moralisch geboten schien und als rechtlich abgesichert galt oder noch immer gilt, wird heute oder andernorts teils ganz anders bewertet. Dieser Prozess ist ständig im fluss.

Lieber Rabbi Goldschmidt, meine Ausführungen sollen weder antisemitisch noch antijüdisch sein, ich kritisiere jedoch Menschenrechtsverletzungen, ungeachtet, wer diese verübt.
Falls es — bezogen auf die jeweilige Religion oder sonstige Ideologie, nicht auf die Menschen — jedoch antisemitisch (judentumsfeindlich) oder was-auch-immer-feindlich wäre, Menschenrechtsverletzungen sowie anderes Unrecht zu kritisieren: Was bedeutete dies dann im Umkehrschluss?
Wie willst Du mit Menschenrechtsverletzungen und mit Kritik an Menschenrechtsverletzungen umgehen?

Ein wenig Selbstkritik wird weder Dir noch Deinen Glaubensbrüdern einen Identitätsverlust bescheren oder einen Imageschaden zufügen — im Gegenteil. Selbstkritikphobie hingegen hilft nicht weiter.
Zum Verständnis: ich habe in den Jahren 2008-2012 — leider ! — ein paar Gastbeiträge für eine vorgeblich islamkritische Website geschrieben, deren seinerzeitiger (und auch noch jetziger?) Betreiber ein aus meiner Sicht rechtsreaktionärer Psychopath ist, was ich seinerzeit nicht erkennen wollte, der auf seiner Website u.a. damit wirbt, dass er „proisraelisch“ sei. Er ist es m.E. jedoch nicht, sondern täuscht dies nur vor. Insofern stimme ich mit Dir, Rabbi Goldschmidt, überein, wenn Du gegen Ende des Interviews sagst, dass „extrem rechte Parteien versuchen, jüdische Gemeinden zu erobern – aber nicht, weil sie Juden mögen, sondern weil sie sich davon einen Koscherstempel für ihre Ideologien erhoffen“.

Das vollständige Interview, das Malte Lehming mit Rabbiner Pinchas Goldschmidt geführt hat, finden Sie, nebst 69 Leserkommentaren (von mir ist keiner dabei), auf der Website des Berliner TAGESSPIEGEL unter „Wir wehren uns gegen Anschläge auf die Religionsfreiheit“.

_____
[*] Zwar formuliert unsere Verfassung Rechtsbeziehungen zwischen Bürger und Staat, nicht zwischen Bürgern untereinander. Dennoch finde ich es seltsam, dass jemand, der sich auf ein Verfassungsrecht beruft, speziell auf die Religionsfreiheit, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im persönlichen Umgang derart einstuft.

[**] Zum Verständnis siehe meine Schlussworte (in kleinerer Schrift) im Beitrag Begriffsverwirrung: Diskriminierung, Islamfeindlichkeit, Rassismus


Link zum Originalartikel: https://islamprinzip.wordpress.com/2018/12/09/goettlich-ungueltig/




Zeuge Jonathan


Vor einigen Tagen erhielt ich per Email einen Artikel (Abschied vom Wachtturm), in dem 3 Frauen ihre Geschichte bei der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas erzählten. Als ich dann kurz darauf den gleichen Artikel verlinkt in der Facebookgruppe „Initiative Humanismus“ las, ergab sich ein recht langes Gespräch, in dem ich mehr oder weniger ausführlich diverse Fragen zu den Zeugen Jehovas und meiner Zeit dort beantwortete.

Als mich Frank Berghaus daraufhin fragte, ob ich nicht Lust hätte, die ganzen Infos zusammenzuschreiben und in einen zusammenhängenden Text umzuformulieren, sagte ich zu und sitze also nun am Samstag Abend vor meinem PC und versuche, dieser Bitte nachzukommen.

Vorab wäre mir jedoch etwas besonders wichtig: Alles, was ich aufschreibe, schreibe ich mit bestem Wissen und Gewissen. Mir ist absolut bewusst, dass die Erfahrungen bei den Zeugen Jehovas extrem unterschiedlich sind. Falls ich Dinge anders erlebte als andere, heißt das somit nicht, der eine lügt oder habe keine Ahnung – es ist einfach oftmals so, dass die vorgegebenen Richtlinien unterschiedlich angenommen und umgesetzt wurden. Falls dennoch Lust zur Kritik besteht – dafür bin ich immer offen, solange sie vernünftig und belegt ist.

Eine weitere Anmerkung ist, dass es schwer ist, von „den Zeugen Jehovas“ zu reden. Wenn ich also diese Formulierung benutze, möchte ich damit nicht jeden einzelnen Zeugen Jehovas meinen, sondern eher die Allgemeinheit, wie ich sie erlebte und wie sie sich durch die Richtilinien zu verhalten hat.

Zu guter letzt noch ein Wort an all jene, die eine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema Zeugen Jehovas erhoffen – ich muss leider enttäuschen. Weder ist mein Aufsatz wissenschaftlich, noch ist er eine sachliche Abarbeitung der Fakten. Es ist eine Aufarbeitung meiner Erfahrungen, gespickt mit Informationen. Sicherlich sagt das nicht jedem zu, und ganz bestimmt ist so ein Aufsatz für nicht wenige gähnend langweilig. Aber zum Glück sind die Geschmäcker unterschiedlich.

Tja, meine Gedanken zu Zeugen Jehovas… Wo soll ich anfangen? Vielleicht ganz am Anfang.

Vor einigen Jahren, 1987, erblickte ich das Licht der Welt. Und dieses Licht wurde immer heller, denn ich wurde in die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas hineingeboren. Eine christliche Ausrichtung, man mag sie fundamentalistisch nennen. Von den Großkirchen unterscheiden sie sich besonders durch einige Lehren. Zum Beispiel hat ihrer Ansicht nach Jesus nicht am Kreuz gelitten, sondern an einem Stamm. Aber wenn ich ehrlich bin, diese Unterschiede in den Lehren sind mir schnuppe. Ich halte allgemein wenig von monotheistischen Lehren, da sie im Kern immer wieder anti-ethisch, irrational und inhuman sind. Darum werde ich diese Unterschiede weitgehend außen vor lassen.

Wie dem auch sei, ich wuchs also bei den Zeugen Jehovas auf. Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit. Die regelmäßigen Gottesdienste, 3x pro Woche und anfangs 1x, später 2x pro Woche den ‚Haus zu Haus Dienst‘ durchführen, Großveranstaltungen in Fußballstadien, sogenannte ‚Kongresse‘ (ich kann behaupten, in fast allen großen deutschen Fußballstadien gewesen zu sein, ohne auch nur ein einziges Spiel gesehen zu haben). Oh, da wäre ich ja schon an der den Zeugen eigenen Sprache angelangt, aber dazu später mehr. 

Die Tätigkeiten machten mir als Kind Spaß. Schließlich freuten sich die anderen Mitglieder darüber, wenn Kinder sich ‚engagierten‘, Lob und Anerkennung ist nunmal ein großer Ansporn. Jedoch wurde ich älter, die Pubertät schlug mit ihrer ganzen Härte zu, und um mir meinen Freiraum zu erkämpfen (naja, ich gebe zu, pubertäre Rebellion gegen die Eltern war mir auch sehr wichtig mit meinen damals 14 Jahren), gab ich bei den ‚Ältesten‘, geistliche Führer einer jeweiligen Gemeinde, an, dass ich nicht mehr dabei sein wolle. Nachdem diese versuchten, mit mir ein ernstes Gespräch über die Sachlage zu führen, wurde mir resigniert mitgeteilt, ich sei nun ‚von der Liste gestrichen‘. Diese Formulierung werde ich nie vergessen, weil sie für mich einen der wichtigsten Schritte meines Lebens einleitete. Großartige Folgen hatte dieses von der Liste gestrichen sein‘ für mich nicht. Immerhin hatte ich nur den Rang eines sogenannten ungetauften Verkündigers, das heißt, ich war kein vollwertiges Mitglied. Im Falle der Taufe wären die Konsequenzen extremer gewesen. Laut den Richtlinien soll der Kontakt zu ‚Abtrünnigen‘, wie die ‚Ausgeschlossenen‘ auch genannt werden, nämlich so weit wie möglich reduziert werden. Für Betroffene bedeutet das, unter Umständen ihr gesamtes (und ich meine es!) soziales Umfeld zu verlieren. Denn tiefe, freundschaftliche Kontakte sollen bitte möglichst innerhalb der Gemeinschaft geschlossen werden. Verliert man diese, ist man verlassen. Zweierlei wird dadurch erreicht:

Erstens, die Person bereut eventuell. Sie spürt den Schmerz und kehrt zurück und die Wärme des Gemeinschaftsnestes (die perverse Logik, Heuchelei und Unmenschlichkeit, Liebesentzug so zu begründen, ist mehr als eindeutig… Hinzu kommt die arrogante Anmaßung, ein jeder Aussteiger habe keine vernünftigen Gründe, denn diese Handhabe setzt sich nicht mit den Gründen auseinander, sondern soll jeden Fall gleich aburteilen. Demnach setzt das „Bereuen“ voraus, man habe „gesündigt“. Das schließt vernünftige Gründe direkt aus, denn das ist nichts, was man zu bereuen habe. Solche psychologischen bzw. psychopathischen Gedankenspiele sind in dieser Gemeinschaft leider keine Seltenheit.). Zweitens wird ein Dorn entfernt. Ein Ausgeschlossener verließ vielleicht aus gutem Grund diese Gemeinschaft. Und SOWAS gehört entfernt. Jegliche Kritik muss im Keim erstickt werden. Mehr noch, man muss davor fliehen. Und nein, diese Formulierung ist keine Übertreibung meinerseits, sondern ein geistiger Erguss der Zeugen Jehovas. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich vor einigen Jahren einen Zeugen fragte, wie Gottes Liebe mit den Qualen auf der Erde in Einklang zu bringen sei. Der kritikwitternde Zeuge verzog sein Gesicht zu einer wirklich hasserfüllten Visage und machte mir deutlich, dass er darüber nicht mit mir zu reden habe. Ich machte in Bezug auf dieses Thema zwar auch sehr, sehr viele positive Erfahrungen, jedoch war die Reaktion des erwähnten Zeugen alles in allem vorbildlich.

Aber gut, zurück zu meinem Ausstieg… Ich war jung, wollte Dinge erleben. Nichts Großes, eigentlich eher Stinknormales. Das erste Bier genießen (lustigerweise machte ich meine ersten Erfahrungen mit Alkohol Jahre vorher bei Feiern der Zeugen Jehovas. Die ‚Coolen‘ tranken um die Wette, wer bei denen sitzen wollte, musste trinkfest sein – ich war es mit 13 nicht, auch nicht, nachdem sie mich sanft zwangen.), Mädchen, vielleicht mal an einem Joint ziehen? Erfahrungen sammeln. ‚Weltlich‘ sein. Mein enger Zeitplan, den ich am Ende meiner Mitgliedschaft erfüllte, lies mir das nicht zu.

Montags – Buchstudium, Besprechung eines bibelerklärenden Buches der Zeugen Jehovas. Dienstags – Buchstudium mit einem ‚Interessierten‘, Mittwochs – Vorbereitung auf Donnerstag, an welchem ein Gottesdienst mit diversen kleinen Vorträgen stattfand (mit 9 oder 10 stand ich das erste Mal selbst vor der Gemeinde und las aus der Bibel), Freitags sowie Samstags stand dann der Haus zu Haus Dienst an und schließlich gab es am Sonntag nochmal einen Gottesdienst, d. h. einen langen Vortrag plus ‚Wachtturmstudium‘.

Aber da ist sie schon wieder, die Zeugensprache. Vielleicht sollte ich kurz einen Abstecher machen: Zeugen Jehovas besitzen eine eigene Terminologie. Meiner Ansicht nach ist das einfach ein Mittel, um sich abzugrenzen, sich elitär zu zeigen (und so wie ich das sehe, ist auch das mit ein Grund für viele Lehren, die vom allgemeinen christlichen Verständnis der Bibel abweichen, so z. B. das Thema um das Kreuz/den Stamm).

Worte wie „Wahrheit“ (= Die Lehre der Zeugen Jehovas), die „Welt“ (= alle Nichtzeugen), das „System der Dinge“ (= Die momentane Weltordnung unter der angeblichen Herrschaft des Satan). Aber auch „Haus zu Haus Dienst“ (= Das regelmäßige Missionieren), das „Bibelstudium“ (= Lesen und verstehen der Bibel unter alleiniger (!) Anleitung der Publikationen, welche für diesen Zweck von den Zeugen Jehovas herausgegeben wurden), „Feinde der Wahrheit“ (=Aufklärer, Kritiker) und so weiter, und so fort, all das ist sind in der ‚Zeugenwelt‘ normale Begrifflichkeiten. So wie man bei Scientology vom Thetan und Auditing redet und es normal ist, gibt es ebenso eigene Begriffe bei den Zeugen Jehovas. Gern Begriffe aus dem Alltag, die dann komplett umgedeutet werden, wie das Beispiel von der „Wahrheit“ zeigt. Natürlich könnte man nun noch auf die psychologie Wirkung dessen eingehen, aber ich muss ehrlich sagen, dass mir das nun doch zu weit führen würde.

Also das war nun mein Wechsel von der „Wahrheit“ in die „Welt“, welche mir als schlechter Ort ohne Freundschaft, ohne Liebe, ohne wahre Mitmenschen vermittelt wurde. Aber mein Wechsel war nur rein körperlich. Mein Verstand, mein Denken hing noch weiterhin dort, wo er die letzten eineinhalb Jahrzehnte verbrachte – im Gedankengut der Zeugen Jehovas. Ich teilte die Menschen weiterhin auf in die, die gerettet werden und die, die in Harmagedon, Gottes Strafgericht an der Menschheit, sterben würden.  Eben ganz so, wie ich es nun einmal lernte. In meiner Kindheit erlebte ich den ‚lustigen‘ Brauch noch, den einige wenige, vor allem alte, Zeugen aufrechterhielten: Verhielt sich jemand im Haus zu Haus Dienst ablehnend gegenüber den Zeugen, notierte man ihn sich als „Bock“. Als jemand, der in Harmagedon keine guten Karten hat. Aber das war nichts Offizielles, ein kleiner, unverbindlicher ‚Spaß‘.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit 17, knapp 18 in der Wohnung meines Bruders (der zu dem Zeitpunkt zu den „Untätigen“ zählte (= Zeugen Jehovas, die nicht ausgeschlossen sind, jedoch kaum mehr die Gottesdienste besuchen)) stand und wir beide uns sicher waren, dass WENN jemand richtig liegt, DANN seien es die Zeugen Jehovas.

Jedoch schlug mein Verstand meinem Willen ein Schnippchen, dachte sich seinen Weg durch die Hirnverrenkungen um 144000 Auserwählte für den Himmel (ja, auch das ist eine Zeugenlehre), landete im Garten Eden während des Sündenfalls, wich kurz der zupackenden Hand eines Jehovas aus, machte Halt vor dem Sündenbock Satan, tanzte eine Weile um das goldene Kalb und landete schließlich, nach jahrelangem Hin und Her, Diskutieren, Streiten, Verletzen und verletzt werden da, wo er heute ist – im Humanismus.

Wenn ich mit Menschen, die nie vorher von dieser Gemeinschaft hörten über die Zeugen rede, denken sie sofort an die Senioren mit mürrischem Blick in der Fußgängerpassage, die Zeitschriften mit den doofen Namen „Wachtturm“ und „Erwachet“ in der Hand halten. Die lieben Alten, die man belächelt. Nun ja, das ist die eine Seite. Die andere ist die interne.

Manipulation, Indoktrination, seelische Folter, genaue Kontrolle der Mitglieder, in früheren Jahren systematische Kindesmisshandlung, das sind Dinge, die leider Realität sind.

Vor kurzem las ich Hamed Abdel-Samads Prognose über die islamische Welt, in welcher er ein islamisches Kinderlehrbuch zitierte, das einbläuen sollte, Ungläubige kämen in die Hölle.

Nun, ich wuchs mit der Lehre auf, dass alle meine weltlichen Freunde in Harmagedon sicherlich verenden werden. Durch nette Illustrationen von schreienden Menschen, brennenden Häusern und zermalmten Tieren in den Publikationen wurde dieser Eindruck verstärkt.  Wo ist der Unterschied? In meinem Bücherregal steht ein Kinderbuch der Zeugen Jehovas (ein Mahnmal), welches Kindern nahelegt, Dämonen würden sich freuen, spielten sich die Kleinen an Penis und Scheide (Nur ums klarzustellen – wir reden hier von sogenannten Doktorspielen und dem vollkommen normalen Entdecken des eigenen Körpers).  Dieses Kinderbuch ist aktuell, es hat den Titel „Lerne von dem großen Lehrer“.

Beispiele dieser Art finden sich zuhauf in der zeugeneigenen Literatur. Ich persönlich wuchs noch mit der Lehre auf, dass das Schlagen von Kindern notwendig sei, um sie auf dem „Pfad der Rechtschaffenheit wandeln zu lassen“.  Wo ist der Unterschied zu einer Gesellschaft, die ihre Kinder vor „Ungläubigen“ warnt und diese verdammt? Natürlich gibt es inhaltliche Unterschiede, aber die geistige Vergewaltigung, die gesellschaftsfeindlichen Inhalte und die Indoktrination sind vom gleichen Kaliber.

Ich werde nie vergessen, wie ein „Kreisaufseher“ (ein von Gemeinde zu Gemeinde reisender Zeuge mit besonderem Ansehen) in einem seiner Vorträge glücklich jauchzend davon schwärmte, wie Kinder zu schlagen seien, sogar Witze darüber machte. Er lachte damit Kinder aus, die weinend verprügelt wurden. Es gibt eine „Sage“, eine Story, die bei Aussteigern und Mitgliedern gleichermaßen die Runde macht. Die kleine Geschichte vom Jungen, der während des Gottesdienstes nicht still sitzen will. Also nimmt ihn sein Vater an die Hand und führt ihn in den hinteren Bereich, um ihm den Hintern zu versohlen, wortwörtlich. Die Gemeinde weiß, was dem Jungen droht, der Junge ebenso. Er weint: „Jehova, hilf mir!“.

In der Gemeinde löste diese Story früher Gelächter aus, wie naiv der Junge sei.

Mir kommen beim Schreiben fast die Tränen, wenn ich darüber nachdenke.

Als ich vor kurzem 2 Zeugen Jehovas die mich besuchten eben darauf ansprach, gaben sie sich sehr überrascht, als hörten sie zum ersten Mal davon. Nachdem ich ihnen eindeutige Stellen in ihrer eigenen Publikation zeigte, welche glasklar aussagten, dass das Versäumen der Prügelstrafe ein Mangel an Glauben, ein Fehlverhalten sei, für das man sich vor Gott zu rechtfertigen habe, fühlten sie sich sichtlich unwohl. Natürlich ist es richtig, dass vor gar nicht allzu langer Zeit die Prügelstrafe allgemein einfach ganz normal war. Mein Vater wuchs mit seinen 5 Geschwistern mit dem Gehstock zu Hause und dem Rohrstock in der Schule auf. Jedoch war es sicherlich nicht normal, Kindesmisshandlung als göttliches „Edikt“ anzusehen, es anzupreisen, zu fördern und zu fordern. Aber das Licht wurde heller (die offizielle Bezeichnung für das Eingeständnis, sich in der Vergangenheit getäuscht zu haben und nun eine Änderung der Lehre vorzunehmen), diese Lehre verschwand aus ihren Schriften und seit dem Jahr 2000 wird man Schwierigkeiten haben, das Anpreisen der Kindesmisshandlung in seiner alten Härte zu finden, eher im Gegenteil.

Besonders auffällig ist das ‚heller werdende Licht‘ auch im Punkt Bluttransfusionen, die dem Leser, der bis hierhin durchhielt, sicherlich schon durch den Kopf gingen, schließlich gibt es kaum ein Thema, für das Zeugen Jehovas so sehr bekannt sind. Waren in der Vergangenheit Bluttransfusionen absolut verboten (basierend auf dem biblischen Gebot, sich des Blutes zu enthalten), sind sie mittlerweile eine Gewissensentscheidung. Oh, wieder ein Zeugenbegriff. Eine Gewissensentscheidung beschreibt eine Sachlage, die zwar nicht offiziell verboten ist, jedoch auch nicht direkt gewünscht ist. Ob Eltern ihre Kinder mit auf weltliche Klassenfahrten gehen lassen, ob Zeugen einen Job annehmen, der ihnen weniger Zeit zum Missionieren lässt, oder ob man eine Bluttransfusion annimmt, das alles sind Gewissensentscheidungen.

Während meines Studiums schrieb ich in der Lerneinheit „Journalistisches Schreiben“ einen Artikel über eine junge Zeugin Jehovas, die aufgrund ihrer Verweigerung der Transfusion starb.  Natürlich wird hier in antrainierter Zeugenmanier erwidert, dass sie ja vielleicht trotzdem gestorben sei. Das ist sogar richtig. Aber unerhört heuchlerisch. Denn die Überlebenschance steht hierbei nicht im Mittelpunkt. Weniger noch, die zählt nicht die Bohne. Sondern einzig und allein das als göttlicher Wille betrachtete Gebot. Selbst wenn Transfusionen den Krebs oder Aids heilen könnten, Zeugen Jehovas müßten darauf verzichten, denn es ist ein biblisches Gebot, zumindest ihrer Auffassung nach. Der Versuch, die angeblichen Risiken von Bluttransfusionen als Grund vorzuschieben, diese zu verweigern, ist entweder Unwissenheit um den eigentlichen Sinn des Verbotes oder aber ganz direkt pure Heuchelei. Jedoch würde im Fall der Bluttransfusionen als 100%iges Heilungsmittel für diverse Krankheiten sicherlich das Licht schlagartig heller werden. So funktioniert nun einmal göttliche Inspiration. Halte so lange an der wirren Lehre fest, bis überhaupt rein gar nichts mehr geht und sage dann, Gott erleuchte dich mit neuem Licht. Er wird schon richtig liegen…

Wobei diese Sachlage mir half, mich zu lösen, mich zu befreien von diesem Glauben. Nie werde ich vergessen, wie ich als junger Teenager weinend im Bett saß, fest zu meinem Gott betend, er möge mir sagen, zeigen was richtig ist. Gar nicht so lange später kam erst der körperliche, später der geistige Ausstieg.

Für mich war später glasklar, ich brauche den klaren Cut. Ich muss mich deutlich von dieser Sache distanzieren. Blame my Rechtsempfinden. Meine Erfahrung war jedoch, dass viele diesen Cut nicht brauchen. Sie können den Spagat wagen und entweder auf die Schnauze fliegen oder aber es hinkriegen. Miterlebt habe ich beides. Wer damit glücklich wird, der soll es ruhig tun.

Vor einigen Jahren las ich ein Interview mit einem Lokalpolitiker, der mehrere Jahrzehnte in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas verbrachte. Er sagte etwas, das ich sehr interessant finde. Er als Mensch sei mit diesem Glauben einfach nicht kompatibel. Diese Worte sind die kurze Beschreibung, mehr noch, die Erklärung für etwas, dass ich sehr lange fühlte und bei anderen Menschen der Szene nie verstand.

Ich bin mit diesem Glauben einfach nicht kompatibel. Meine ethischen Grundlagen und mein Verstand können so nicht funktionieren.  Für andere Menschen klappt es wunderbar, sie passen in diese Form. Oder werden geformt.

Ich bin froh, dass es bei mir anders kam. Jedoch bin ich auch froh, meine Kindheit so verbracht zu haben, wie ich sie verbrachte.

Mehr als froh bin ich jedoch dankbar dafür, die Erfahrungen gemacht haben zu dürfen(und ich schließe all die unschönen Erfahrungen mit ein…), die mich schließlich zu dem Menschen machten, der ich heute bin. Kein anderer will ich sein außer ich selbst.

 

Ich bin mir sicher, viele sehr wichtige Dinge fehlen in meinem bisherigen Aufsatz. Und ich weiß auch, dass es sehr viele Dinge gibt, die bestimmt viel eingehender bearbeitet werden müßten und könnten, auch von mir. Eine Aufarbeitung in dieser Form fand bei mir jedoch schon seit einiger Zeit nicht mehr statt, darum bin ich wahrscheinlich ein wenig ungeübt im Abwägen dessen, was wichtig ist und was nicht. Gesetzt den Fall, dass es positive Rückmeldung geben sollte und falls es gewünscht wird, kann ich sehr gerne noch auf weitere Inhalte oder Fragen eingehen. Gespannt bin ich aber erst einmal, ob jemand bis hierher durchhält.

Die Uhr sagt 21.00 Uhr, seit mehreren Stunden sitze ich hier schon und schreibe, lösche, schreibe, lösche. Grad springt mein Winamp auf die Nummer 5323 meiner Playlist, Michael Jackson – Beat it. Die perfekt Musik für einen Abschluß.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Über die Selbstbestimmung und die Würde des Menschen


dghsEine Rezension von Siegfried R. Krebs (Freigeist Weimar):  

WEIMAR. (fgw) Noch vor dem 1. Januar ist dieser Tage die erste Ausgabe der DGHS- Vierteljahreszeitschrift „Humanes Leben – Humanes Sterben“ (HLS) für das Jahr 2019 erschienen. Die DGHS – das heißt ausgeschrieben Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben e.V. – versteht sich als Menschenrechts- und Patientenschutz-Organisation sowie als Bürgerrechtsbewegung. In dieser Heft-Ausgabe gibt es kein eigentliches Schwerpunktthema.

Dafür aber eine Wortmeldung per Abschiedsbrief einer promovierten Frau aus Deutschland, die im Oktober 2018 mit Hilfe der Schweizer Organisation „lifecircle" durch Freitodbegleitung in der Schweiz selbstbestimmt gestorben ist. Ihre Hinterbliebenen erklärten sich mit dem Abdruck des Schreibens ausdrücklich einverstanden, heißt es dazu von der Redaktion, ergänzt durch diese Information: Im November gab es Medienberichte, dass „lifecircle" wegen zu hoher Nachfrage aus Deutschland Fälle ablehnen muß.

Unter der Überschrift „Über die Selbstbestimmung und die Würde des Menschen" stellt dieser Abschiedsbrief aus der Warte einer Betroffenen ein entschiedenes Plädoyer für eine kontrollierte Sterbehilfe dar.

Sie schreibt zunächst über ihre Krankheit, deren medikamentöse Behandlung mit gravierenden Nebenwirkungen und benennt auch die Kosten. Allein die Tabletten hätten pro Tag 300 Euro gekostet, hinzu kämen noch die Arzt- und Pflegekosten.

Und sie stellt Fragen:

„Wem also nützt eine solche Behandlung? Sie verlängert das Leiden mit der Gewissheit, das Ende steht nahe vor der Tür. Der Betroffene kann einige Tage länger leben, aber mit welcher Lebensqualität und wofür soll er sein Leiden verlängern? Er soll die Errungenschaften der Wissenschaften genießen. Zeitgewinn! Wofür und unter welchen Bedingungen? Wem nützt es wirklich? Der Industrie, der Ärzteschaft, dem Pflegepersonal. Welches Leidn kommt über die Angehörigen, die nicht helfen können. Sie müssen das Leiden mit ertragen und können doch bei allem Einsatz nicht das Ende aufhalten.

Warum darf nun der betroffene Kranke nicht den Wunsch äußern und um Hilfe bitten, sein Elend zu beenden? Unsere landläufige Meinung ist, nur Gott darf es. Der Mensch darf nicht selbst Hand anlegen. Stimmt das? Wer hat mit Gott sprechen können? Wem hat er das gesagt? Die Menschen haben sich diese Antworten gegeben. (…)

Mit welchem Recht schwingen sich Menschen auf über andere zu richten, was ihr freier Wille ist und wie weit man diesen nutzen darf? (…) Die Kirche leider hat ihr Versagen in den moralischen Fragen unter Beweis gestellt. Sie deckt den Mantel des Schweigens über die Vergangenheit und will weiter Hüter der Moral sein? Was ist mit der freien Willensentscheidung und der Würde eines jeden Menschen,garantiert in vielen Verfassungen vieler Länder? Es schwingen sich Menschen zu Moralaposteln auf, die nur einen Moralanspruch an andere haben.Welch‘ ein Trauerspiel! Wer glaubt,die Entscheidung,aus dem Leben zu treten, sei leicht, der irrt. Es erfordert viel innere Kraft, aber auch Demut und Dankbarkeit für das, was man erlebendurfte, was man bewältigt hat."

In dem Brief wird selbstverständlich auch auf den Vorwurf eingegangen, Sterbehilfeorganisationen würden sich bereichern und sie antwortet:

„Die Frage ist, kann man von Bereicherung sprechen, wenn jemand einem bei einem selbstbestimmten Sterben hilft? Das vergleichsweise kleine Entgelt, was ein Sterbehelfer und die Verwaltung erhalten, ist für eine Dienstleistung wie jede andere. Das einträgliche Geschäft mit der Lebensverlängerung fällt da weit größer aus.

Typisch für unsere Gesellschaft, den kleinen Gelderwerb anprangern und amoralisch darstellen, damit das eigene, weit größere Handeln vertuscht werden kann. Wie steht es mit der Würde des Menschen? Sie wird auf dem Altar des Geldmarktes geopfert mit dem Alibi der Moral." (S. 33-34)

Aus diesem Abschiedsbrief ist hier mit Absicht sehr ausführlich zitiert worden, berühren doch die Worte seiner Verfasserin die Fragen, Ängste, Hoffnungen vieler Menschen, nicht nur die der DGHS-Mitglieder!

Um solche Fragen geht es letztlich ebenfalls im Editorial des DGHS-Präsidenten Prof.Dr.Dr. Dieter Birnbacher auf S. 3. Darin heißt es:

„…zunehmend werden Herzpatienten zur Vermeidung von Tod oder gesundheitlichen Schäden durch Herzrhythmusstörungen streichholzschachtelgroße Impulsgeber unter die Haut implantiert. Diese sogenannten ICDs (implantierbare Cardioverter-Defibrillatoren) sind für die Patienten regelmäßig segensreich. (…) Im Vorfeld des Sterbens erweisen sich diese Implantate allerdings häufig als Belastung. (…) Sie zögern den Vorgang des Sterbens sinnlos hinaus und verhindern ein friedliches Verdämmern. Technisch ist das Abstellen eines solchen Geräts kein Problem. (…) Auch ethisch und rechtlich ist ein Abstellen unproblematisch, solange der Patient einwilligt oder durch eine Patientenverfügung (…) eingewilligt hat. Da das Ausschalten zwar ein aktives Tun ist, aber lediglich den Abbruch einer Behandlung darstellt, zählt sie als 'Sterbenlassen` zu dem der Arzt, sofern es vom Patienten verlangt wird, nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet ist. (…)

Die Neufassung der Patientenverfügung der DGHS (erhältlich ab Frühsommer 2019/die bisherigen Formulare bleiben aber gültig!) sieht eine entsprechende Verfügung ausdrücklich vor."

Gar nicht so breiten Raum nimmt die Berichterstattung über die ordentliche Delegiertenkonferenz der DGHS im November ein und ist dennoch überaus informativ. Verfasserin Claudia Wiedenmann zeigt damit, daß man über Vereinsformalien durchaus lesbar und lesenswert schreiben kann: „The same procedere as every year?" (S. 4-5)

„Der Leisten geht von Bord", so hat Wega Wetzel die Verabschiedung des bisherigen DGHS-Vizepräsidenten Volker Leisten getitelt und sie nimmt darin eine beeindruckende Würdigung des langjährigen ehrenamtlichen Engagements der „rheinischen Frohnatur" Leisten vor. (S. 6-7)

Und wer Volker Leisten kennt, der nimmt mit großem Bedauern zur Kenntnis, daß mit ihm die DGHS einen wirklich strategischen Denker und tatkräftigen Macher in Sachen Organisationsentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing als Präsiden verloren hat und der wohl auf sehr lange Sicht nicht zu ersetzen sein dürfte.

Wega Wetzel informiert dann noch über eine Performance des Entertainers Beppo Küster am Abend nach dem ersten Beratungstag. (S. 7)

Um die Öffentlichkeitsarbeit der DGHS geht es in einem weiteren Beitrag von Wega Wetzel über eine überaus gut besuchte und von dem TV-Urgestein Franz Alt moderierte Podiumsdiskussion in Baden-Baden, die Aspekte des Sterbens beleuchtete: „Leiden aushaltbar machen oder Freiheit behaupten?" (S. 8-9)

„Als Au-pair-Oma ins Ausland, wie geht denn das?", darauf antwortet Manuela Hauptmann in ihrem Artikel „Mit 60 Jahren um die Welt". Ja, wer hätte denn gedacht, daß es so etwas tatsächlich gibt?! Was dafür aber bedacht werden muß und was so alles erforderlich ist, das wird auf den Seiten 12-13 eingehend beschrieben.

Natürlich darf auch Juristisches in der DGHS-Zeitschrift nicht fehlen. Heuer geht Rechtsanwalt Oliver Kautz auf den S. 14-15 auf Besonderheiten im Erbrecht ein, die sogenannte Patchwork-Familien unbedingt beachten sollten.

Sehr umfangreich fallen in dieser Ausgabe Berichte aus dem Vereinsleben in den Regionen aus. Leider kann man sich – als ständiger HLS-Konsument – mitunter des Eindrucks der Peinlichkeit nicht erwehren, wenn man da gleich zwei ellenlange Beiträge aus Bremen zur Kenntnis nehmen muß; siehe S. 1-11 und 24-25. All das hätte durchaus kürzer formuliert werden können, also im Kurzberichtsformat gehalten sein können. An die dafür eigentlich üblichen Formate halten sich dagegen die nicht minder aussagekräftigen Meldungen aus Bonn, Leipzig, Nürnberg, Osnabrück, Weimar und Würzburg.

Nicht fehlen dürfen die verschiedenen ständigen Rubriken, wie der vierteljährliche Veranstaltungskalender, der „Dialog unter Mitgliedern", die Leserbriefe, Ausstellungs-Tips, der „Blick in die Medien" und der „Blick über die Grenzen" mit Nachrichten aus Frankkreich, Italien, den Niederlanden und Österreich sowie aus der Schweiz und aus Spanien.

Wie immer runden mehrere Rezensionen das Lektüre-Angebot ab, und das eigentlich im doppelten Wortsinne: Besprochen werden eine DVD über einen Freitod in der Schweiz (von Red.), zwei Bücher über Fragen von Sterben und Tod (von Red. und Siegfried R. Krebs) sowie über den Zauber in den kleinen Dingen des Alltags (von Manuela Hauptmann).

Mehr Informationen zur DGHS und ihrer Zeitschrift sind auf deren Webseite zu finden.

Link zum Original: http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/ueber-die-selbstbestimmung-und-die-wuerde-des-menschen/

Siegfried R. Krebs

 

 




"Endlich frei von Göttelei" von Helmut Monreal. Rezension von Udo Endruscheit


GötteleiDer Rezensent zeigt sich überrascht. Sowohl vom Umfang des Buches (über 300 recht dicht bedruckte Seiten) als auch von seiner Konzeption. Helmut Monreal legt hier eine Art Kompendium der Widersprüche, Unsinnigkeiten und Zumutungen vor, die das institutionalisierte Christentum in historischer, geistesgeschichtlicher, dogmatischer und alltäglicher Hinsicht von der gottesfürchtigen Herde einfordert. All dies stellt ersichtlich eine Reflexion und Aufarbeitung vieler Dinge dar, die den Autoren lebenslang beschäftigt haben.

Es sei gleich vorweg verraten: Es handelt sich um eine sehr persönliche Bestandsaufnahme des im Klima des rheinischen Katholizismus aufgewachsenen Autors, ohne Zweifel um eine Aufarbeitung persönlicher Kenntnisse, Erfahrungen und Prägungen. Helmut Monreal nimmt seine Sache ernst und pflügt den steinigen Acker der religiösen Begrifflichkeiten, Lehrsätze und Dogmen mit großer Ausdauer. Nahezu alles, was das religiöse Lehrgebäude für den praktischen Glauben enthält, nimmt er sich vor. Und zwar mit ebenso großer Akribie wie Ernsthaftigkeit. Ich gestehe, dass ich bisher kein religionskritisches Werk gelesen habe, das sich mit einer derartigen Intensität dem „täglichen Brot“ des religiösen Themenkreises widmet.

Nach eigenem Bekunden des Autors ist das Buch das Ergebnis des Wunsches, die aufgehäufte „Gedankenlast“, die ihn „drückte und erdrückte“ mit der Niederschrift zu mindern. Nun, man darf anhand des vorliegenden Ergebnisses mit einiger Sicherheit mutmaßen, dass dies eine große Gedankenlast war, zu deren Verarbeitung es erheblicher Mühe und Zeit bedurft hat.

Nun soll es ja Aufgabe des Rezensenten sein, dem Leser der Rezension zu vermitteln, aus welchem Grund er das besprochene Buch lesen (und erwerben) möge. Dazu sei gesagt: Der Leser wird überrascht sein von der Vielfalt der Themen und von der Art ihrer Behandlung – sie werden auf oft überraschende Weise „zu Ende gedacht“. Der Leser wird auch als erfahrener Religionskritiker Gedanken, Schlussfolgerungen und Begründungen finden, die ihm so noch nicht begegnet sind. Er wird aber auch eine Reise unternehmen, die nicht ganz anstrengungslos ist. Das Lesen des Buches ist am ehesten zu vergleichen mit einer langen Wanderung in wechselnden Landschaften mit immer anderem Gelände, mal mit weiten Ausblicken, mal in einem Auf und Ab einer Hügellandschaft. Es mag der stärker verbindende Gedanke fehlen, der eher konzeptionell-monothematisch angelegten Werken zu eigen ist (natürlich ist der verbindende Gedanke per se eine fundierte Kritik am Bestand der religiösen Ramschkiste) – aber das wird ohne Weiteres ausgeglichen durch die unglaubliche, manchmal fast kaleidoskopartige Vielfalt von Themen und Darstellung. Und an so mancher Ecke wartet eine überraschende Wendung oder ein ungewöhnlicher Gedankengang. Ein Kompendium, in gewisser Weise – das aber stets der Gefahr widersteht, ins Lexikalisch-Unlesbare abzugleiten.

Ja, man liest eine Weile an dem Buch. Es erfordert Konzentration. Es gehört aber dann auch zu denjenigen, die man immer wieder einmal in die Hand nimmt, entweder um etwas aus dem Gedächtnis nochmals nachzuschlagen oder aber auch, um ein beliebiges Kapitel oder gar eine beliebige Stelle einfach noch einmal zu lesen.

Von Gottvater selbst über die Schöpfung, über den Begriff der Seele, wie uns die Bibel ihn vermitteln und die Kirche ihn uns weiterhin aufdrängen will, über den für den Nichtgläubigen inhaltsleeren Begriff der Frohen Botschaft bis hin zur jedem mit freiem Blick als Zumutung erscheinende Opfergeschichte des Gottessohnes und noch weit mehr geht das theologische Spektrum. Helmut Monreal spart aber auch die religiöse Last der Lebensrealität nicht aus. Aktuelle Themen wie die Missbrauchsskandale der Kirchen behandelt er ebenso wie die Monstrositäten der Kirchengeschichte, wobei er in diesem Kontext seine Bewunderung für Karlheinz Deschners großes Werk nicht verhehlt.

Dieses Buch ist keine Biografie und auch kein Bekenntnisbuch im eigentlichen Sinne. Trotzdem ist es sehr persönlich und lässt erkennen, dass die Lebenserfahrung des Autors in hohem Grade in diesem Werk zusammengeflossen ist. Er hat mit „Endlich frei von Göttelei“ der aktuellen religionskritischen Literatur einen besonderen, sehr individuellen Akzent hinzugefügt. Einen Akzent, der mit durchaus persönlicher Färbung die „großen Themen“ ins Auge fasst, aber den Blick ebenso auf die unzähligen Zumutungen des religiösen Glaubens richtet, denen der Gläubige durch die Forderungen seiner Kirche – im speziellen der katholischen – ständig in allen Alltags- und Lebenssituationen ausgesetzt ist. Helmut Monreal gibt insofern eine nachvollziehbare Antwort auf die Frage vieler Verunsicherter, was sie von alledem wirklich „glauben sollen“: Nichts.




Antwort auf: Humanismus als Forschungsobjekt


Button-neuDieser Darstellung liegen mehrere grundlegende Fehler zugrunde, die leider immer wieder anzutreffen sind:

DEN Humanismus gibt es nicht. Bereits ein oberflächlicher Blick in die Wikipedia zeigt, dass „Humanismus“ im Laufe der Geschichte immer wieder neu interpretiert und mit Inhalten gefüllt wurde. Dabei unterscheidet sich der „Humanismus“ eines Erasmus von Rotterdam oder ein „Humanismus“ sozialistischer Prägung in einem entscheidenden Punkt von dem, was heute (sprich seit ca. 150 Jahren) unter evolutionärem Humanismus verstanden wird: die Ideologiefreiheit.

Den Kritikern des evolutionären Humanismus kommt dabei zugute, dass es keinerlei markenrechtlichen Schutz gibt. So kann ein jeder – fast nach Belieben – Inhalte hinein bugsieren, die mit dem evolutionären Humanismus unserer Auffassung nichts oder nur Entferntes zu tun haben. Vor allem im politischen Bereich ist die Missbrauchsrate enorm groß. Sie reicht von sozialistischer Gleichmacherei bis hin zur platten Menschenfeindlichkeit.

So kann es eben kommen, dass selbst in der größten deutschsprachigen FB-Gruppe, der Initiative Humanismus, mindestens einmal pro Woche jemand die Frage stellt, ob das eben Gesagte denn mit „Humanismus“ vereinbar sei. Dabei hat sich die Initiative Humanismus als einzige Gruppe der Mühe unterzogen, ein gemeinsames Manifest zu erarbeiten, in dem seit nunmehr über sechs Jahren unverändert (obwohl immer wieder zur Diskussion gestellt) die Grundzüge eines modernen Humanismus zusammengefasst sind: http://www.wissenbloggt.de/?page_id=10526 (auch auf Englisch: http://www.wissenbloggt.de/?page_id=26354).

Auch gibt es durchaus Galionsfiguren, die unseren Humanismus unterstützen. An hervorragender Stelle sei der Philosoph Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung genannt. Jüngere wie Philipp Möller und andere wachsen nach.

Ein weiterer häufig anzutreffender Irrtum steht auch im Artikel gleich oben: „Seid nett zueinander“ mag zwar ein hübsches Motto der Bild-Zeitung vor Jahren gewesen sein, hat aber mit Humanismus wiederum nichts zu schaffen. Zugrunde liegt diesem Fehler die allzu häufige Verwirrung zwischen Humanitarismus und Humanismus. Mein Paradebeispiel dafür ist immer Albert Schweitzer, der Lambarene aufbaute und zu großen Erfolgen in der Heilung unterversorgter Patienten in Afrika brachte. Diese unzweifelhaft zugrunde liegende Empathie (er hätte wohl gesagt „Nächstenliebe“) war humanitär, aber nicht humanistisch. Und zwar aus folgendem Grunde: In der angeschlossenen Missionsschule wurden die „armen Negerkinder“ zum Christentum indoktriniert, was ihnen jede Freiheit im Denken nahm.

Auch die häufig anzutreffende Verwechslung Atheismus = Humanismus ist äußerst ärgerlich.

Speziell zu den Atheisten lässt sich festhalten, dass der Atheismus eine logisch isolierte Position ist, die über die sonstige Weltanschauung oder Ethik eines Menschen keinerlei Schlussfolgerungen zulässt. Daraus folgt, dass es für die Beurteilung des Atheismus völlig irrelevant ist, was irgendwelche Menschen, die auch Atheisten waren, Gutes oder Böses getan haben.

Religionen haben jeweils eine charakteristische Ethik. So gibt es Dinge, die ein Christ tun oder lassen sollte, weil er ein Christ ist. Für den Atheisten hingegen gilt das nicht. Der handelt, wie es seinem persönlichen Gewissen entspricht, nicht im Namen des Atheismus, denn das wäre mangels einer damit verknüpften spezifischen Ethik gar nicht möglich.

Ferner ist zu beachten, dass sich natürlich kein Atheist in seinem Atheist-Sein erschöpft. Zusätzlich hat er natürlich auch noch zahlreiche Meinungen zu allen möglichen Themen, die er auch als Theist haben könnte.

Es ist zwar richtig, dass unser Humanismus den Atheismus nahelegt, eine logische Verbindung besteht aber, wie die obige Gleichung suggerieren könnte, nicht.

Und wenn nun in allen diesen genannten Punkte Einigkeit besteht und man das Manifest zwar nicht als Handlungsanweisung aber als eine Grundlage des modernen Humanismus begreift, gibt es gleichwohl immer wieder Personen oder auch Gruppierungen, die andere als die von uns erarbeiteten Voraussetzungen einfließen lassen möchten. Geradezu ein Paradebeispiel für einen solchen Fall sind die Veganer. Manche Veganer sind davon überzeugt, man könne nur dann ein „guter“ Humanist sein, wenn man auf tierische Produkte vollständig verzichtet. Das ist ihr gutes Recht so zu denken. Kritisch wird es erst in dem Augenblick wenn behauptet wird, ALLE  Humanisten müssten notwendig Veganer sein, und die Überzeugung mit geradezu missionarischem Eifer vertreten wird. Aber erstens ist Mission laut unserem Manifest unerwünscht, da sonst Freiheiten geraubt werden, und zweitens stellen dann als nächstes die Nichtraucher oder die Antialkoholiker dieselben Forderungen.

Das sind so die Dinge (unter vielen anderen mehr), die dem Uneingeweihten den Eindruck vermitteln, „die“ Humanisten seien ein von Egoismen und Eifersüchteleien zerfressener wilder Haufen, dem eine einheitliche Führung fehle. Dabei ist Vielfalt unter einem gemeinsamen Dach – so wie von uns gelebt – eine der Grundvoraussetzungen für einen funktionierenden Humanismus. Schließlich sind wir keine politische Partei, die sich in etlichen Punkten eben durchsetzen und bereits deshalb Vereinheitlichungen anstreben muss.

Dr. Frank Berghaus

 




Diskussion um Recht auf Leben vor der Geburt


pregnant-163611_960_720"Dann ist „Amnesty" nicht mehr der Anwalt von Menschen, sondern Lobbyist von Einzelinteressen" – der HABO-Sprecher Dennis Riehle (Web, Blog) fährt in seinem Kommentar vom 26.12. schweres Geschütz auf. "Die Organisation (werde) zunehmend von elitären Kreisen statt von seiner Mitgliederschaft gelenkt", sagt Riehle. Es geht um die Abwägung, ob es Rechte des Fötus' über dem Selbstbestimmungsrecht der Mutter gibt, oder ob Menschenrechte erst ab der Geburt gelten. Die letztere Standardposition wurde vom obersten Sekretariat der Menschenrechtsorganisation Amnesty International ohne Befragung der Mitglieder vertreten, und dagegen wendet sich Riehle (Bild: Kaz, pixabay):

 

„Amnesty verabschiedet sich von den universellen Menschenrechten"

Nicht nur intern haben in der jüngsten Vergangenheit zwei Positionierungen von „Amnesty International" für großes Aufsehen gesorgt: Das oberste Sekretariat der Menschenrechtsorganisation hat eigenmächtig ein Dokument veröffentlicht, in welchem deutlich wird, dass Menschenrechte lediglich ab dem Zeitpunkt der Geburt gelten. Schon seit längerem hatte die oberste Führungsebene der Organisation deutlich gemacht, dass Rechte für einen Fötus nicht mit dem Selbstbestimmungsrecht der Frau vereinbar seien. Nun wurde diese Argumentation über die Köpfe der Mitglieder hinweg in Stein gemeißelt: Das Recht auf Abtreibung überwiege das Recht auf Leben für Ungeborene.

Inhaltlich kann ich dieser Darlegung nicht folgen, vor allem ist es aber die fehlende Auseinandersetzung in einem Verband mit weltweit Millionen von Mitgliedern, die mich an demokratischen Strukturen innerhalb von „Amnesty" erheblich zweifeln lässt. Unter anderem war ich „Amnesty" beigetreten, weil man dort den Einsatz für das Leben als unverrückbare Prämisse über alle Entscheidungen stellen wollte. Nicht nur gegen die Todesstrafe bei „Geborenen" wandte man sich ursprünglich, sondern auch gegen das Einwirken auf entstehendes Leben. Ich weiß, dass auch in der Organisation vielfach kritisiert wurde, dass solch ein Standpunkt von religiösen Überzeugungen geprägt sei und mit dem Gedanken der Emanzipation und der Aufklärung, wonach die Frau eigenständig berechtigt sei, über ihren Körper – und damit über ein heranwachsendes Kind im Mutterleib – zu richten, nicht vereinbar sei. Doch gerade nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshof über die Definition vom Beginn des menschlichen Lebens hatte man eigentlich damit gerechnet, dass sich „Amnesty" der von den Richtern festgestellten Übereinkunft anschließt.

Nun kam es aber ganz anders. Und für mich ist es als „Amnesty"-Mitglied nicht nur die sachliche Feststellung des Internationalen Sekretariats, die mich irritiert. Insbesondere ärgere ich mich darüber, dass in solch einer fundamentalen Fragestellung die Anhänger der Organisation nicht einbezogen wurden. Es fand kein Ringen statt, das ich mir von einem demokratisch strukturierten Verein erwarte. Keine Abwägung, bei der möglicherweise hätte klargestellt werden müssen, dass die ursprüngliche Eigenverpflichtung von „Amnesty", sich für das Leben einzusetzen, dem Recht auf Abtreibung doch überwiegen könnte. Zahlreiche Gruppen, die öffentlich gegen die Alleingänge des Sekretariats protestierten, wurden entweder überhört oder mit pauschalen Erklärungen abgespeist. Man zeigte zwar Verständnis für anderslautende Meinungen. Das reichte aber offenbar nicht, um diese auch in die Leitlinienarbeit der Organisation zu integrieren.

Auch die eingenommene Haltung in der Bewertung der Prostitution musste empören. So machte „Amnesty" deutlich, dass Sexarbeit nicht grundsätzlich als Menschenrechtsverletzung anzusehen sei. Viel eher sehe man die freie berufliche Entwicklung von Männern und Frauen in der Prostitution als eine nur in Ausnahmen moralisch anstößige Arbeit an, wie aus den Aussagen der Führungsriegen der Organisation zu interpretieren ist. Dass aber überwiegend Unterdrückung, Zwang und Freiheitsberaubung als selbstverständliche Begleiterscheinung der Prostitution eine gravierende Menschenrechtsverletzung an den Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern definitiv und unmissverständlich darstellt, wird aus den Erklärungen vom Internationalen Sekretariat von „Amnesty" kaum deutlich. Nicht nur Frauenrechtsgruppierungen waren deshalb auf die Barrikaden gegangen, als die Haltung des Vereins in den Medien publik wurde. Und sogar die weltweiten Presseagenturen sahen sich genötigt, zu dieser Haltung der Organisation mit eindeutiger Kritik zu reagieren. Das Image von „Amnesty" litt unzweifelhaft unter der narzisstischen „Basta"-Politik des Generalsekretariats. Da half auch nicht, dass man in der Zentrale versuchte, mit dem Engagement für Flüchtlinge von den internen Querelen abzulenken…

Mit seinen eigenmächtigen Verdikten innerhalb des Internationalen Sekretariats, die auch immer öfter die nationalen Sektionen von „Amnesty" überraschen, zementiert sich ein Eindruck, wonach die Organisation zunehmend von elitären Kreisen statt von seiner Mitgliederschaft gelenkt wird. Regelungen, wonach sich Neumitglieder zunächst über Jahre bewähren müssen, ehe sie in den thematischen Arbeitsgruppen mitwirken dürfen, untermauern diese Vermutung. Ich hätte wohl kaum ein Problem damit, einen Entschluss (wie die oben genannten Beispiele) mitzutragen, der von der Mehrheit der „Amnesty"-Mitglieder gefasst wurde – auch wenn ich inhaltlich damit nicht übereinstimmen könnte. Immerhin wüsste ich dann aber, dass die Partizipation innerhalb des Vereins funktioniert. Durch zirkulär getroffene Verlautbarungen, die nicht mehr die Menschenrechte aller schützen, verliert „Amnesty" den Anspruch, sich als Instanz zu erheben. Wenn Menschenrechte danach ausgerichtet werden, nur noch als sich speziellem Klientel anbiedernde Freifahrtsscheine daherzukommen und partikulär ausgewählten Personengruppen die Vorfahrt zu lassen, hat die wohl bekannteste Menschenrechtsorganisation ihre Grundwerte verlassen. Dann ist „Amnesty" nicht mehr der Anwalt von Menschen, sondern Lobbyist von Einzelinteressen – und hat die Fähigkeit, als unabhängiges und mahnendes Gewissen zu erscheinen, verwirkt.

 

Dennis Riehle, Sprecher
Humanistische Alternative Bodensee
Säkular-humanistischer Zusammenschluss




Keine Weihnachtsgeschichte


asylum-914183_960_720bykstDies ist eine Geschichte über Italien, die aber auch in anderen Ländern spielt. Die betrübliche Geschichte handelt von hunderttausenden von Entrechteten, von "Illegalen". Ihr Name ist Clandestini (direkt übersetzt "Heimliche", gemeint sind "illegale Einwanderer" aus der Sicht der Rechten) oder "Sans Papiers“ ("ohne Papiere", die eigene Bezeichnung, Bild: bykst, pixabay).

Kein Mensch ist illegal, so will es das Menschenrecht – aber legal sind diese Menschen auch nicht. Das beschreibt ZEIT ONLINE in dem bedrückenden Artikel von Don Alphonso, Der brutale Klassenkampf des humanitären Imperativs (16.12.).

Der Autor ist "ein schlechterer, nicht mehr ganz junger Sohn aus besserem Hause, der einige bürgerliche Werte wie Heirat, Kinder, Villen und TV vehement ablehnt" und andere dafür schätzt, z.B. Bücher. Dieser Gebildete aus der bayerischen Provinz macht sich zum Fürsprecher der Clandestini/Sans Papiers, die er z.B. in Padua beobachtet. Nach seiner optimistischen Rechnung kommt ein Tagesverdienst von 22 Euro heraus, für eine Straßenhändlerin ohne alles.

Ohne Lizenz, ohne Aufenthaltsgenehmigung, aber auch ohne Verfolgungsinteresse des Staates, der sich damit nur hohe Kosten und lange Verfahren einhandeln würde. Also steht die Frau jeden Tag am Straßenrand in der Kälte, ignoriert von Polizei wie Passanten. So geht die Etikette: Sagt man nichts, lassen die Nichtlegalen einen in Ruhe, sagt man „No grazie“, werden manche beharrlich.

Das gilt etwa für ungebetene Helfer, die alten Menschen die Treppe herunter helfen, auch gegen deren Willen. In Venedig ist das inzwischen verboten, aber in der roten Studentenstadt Padua nicht. Also flüchten die Flüchtlinge aus Afrika weiter von Venedig nach Padua. Wie die Menschen dort leben, wird an einem Schlaglicht deutlich, das enthüllte, wie ein Vermieter 20 Menschen aus Bangladesch in eine kleine Wohnung gepfercht hat. Und das sei immer noch besser als das Schicksal der Plantagenarbeiter in Süditalien, die den superbilligen Orangensaft fürs Discounter-Regal produzieren.

Zu den Facetten der Clandestini-Welt gehört es, dass die Leute in Padua schon nicht mehr auf der alleruntersten Stufe stehen. Wenn nicht gerade Krise wäre, hätten sie sogar eine Chance auf einen nichtlegalen Arbeitsplatz – unterhalb der Pakistani. Die Pakistani haben sich einen Ruf als Gastarbeiter erarbeitet, als Altenpfleger, als Restaurantköche, während die Afrikaner nur Spüler waren.

Wo nun Krise herrscht, werden die Pakistani von Italienern verdrängt, falls überhaupt noch Geld für Pflege da ist. Die Pakistani werden nun Reinigungskräfte und drängen die Afrikaner in die Straßenhändlerrolle,  "ganz Italien sackt durch." Die Betroffenen haben es nicht geschafft, einen offiziellen Status zu bekommen; sie sind nicht mal in der klassischen italienischen Schattenwirtschaft angekommen. Alphonso nennt das "die Integration nach dem Scheitern der Integration".

Von Abschieben ist nicht die Rede, weil die Behörden wissen, dass die Heimatländer nicht kooperieren. Niemand will diese Menschen haben. Es könnte aber wieder aufwärtsgehen mit ihnen, wenn sich Italien von der Eurokrise, verschärft um die Berlusconi-Politik, erholt. Dann werden die prekären Plätze in dem clandestinen Geschäftsmodell wieder nach unten durchgereicht. Menschen aus weniger vermögenden Gegenden kommen ins reichere Padua, wo sie die unterste Ebene auffüllen.

Die berechneten 22 Euro Tageseinnahme sind trotz komplett fehlender sozialer Absicherung attraktiv: In manchen afrikanischen Ländern ist das mehr als der durchschnittliche Wochenlohn – von denjenigen, die Arbeit haben, und Arbeit hat höchstens die Hälfte. Die italienischen Bedingungen sind also eher besser als in Afrika. Bei sparsamster Lebensweise können die Clandestini/Sans Papiers sogar Geld heimschicken, und entrechtet sind sie zuhause auch. Es gibt auch die Hoffnung, dass es besser wird und man einen Arbeitsplatz im Warmen ergattert.

Der Autor vergleich Padua mit den Städten im strukturschwachen deutschen Nordwesten, aber auch mit Berlin, Frankfurt und Hamburg. Das seien die hauptsächlichen Ziele der Flüchtlinge und Migranten in Deutschland. Von den 300.000 Einreisenden, die nach dem Grenzübertritt verschwunden sind, vermutet Alphonso viele ebenda. Sie wissen, dass sie weder Asyl noch Duldung bekommen, und wenn sie dadurch ausreisepflichtig sind, bekommen sie auch keine Unterstützung.

Die Kanzlerinnen-Utopie des "Wir schaffen das" geht an Hunderttausenden vorbei, für die es keine Versorgung mit Nahrung und Schlafplätzen gibt. Wer durch alle Netze gefallen ist, für den ist der Platz auf der Straße.

Italien hat schlechte Presse bekommen, obwohl das Land niemand eingeladen hat und die Lampedusa-Probleme mit einem Hotspot zu regeln versuchte. Italien schickt die Flüchtlinge gern nach Deutschland weiter "zur schlechten Presse".

Nachdem sich in Italien schon eine ältere, nicht legale Schicht unterhalb der Gesellschaft formiert hat, dürfte diese Schicht zwischen widerwilliger Duldung und Repression auch in Deutschland entstehen. Solange Deutschland Asylbewerber ablehnt, ohne sie abzuschieben, und sie von der Versorgung abschneidet, werden sie untertauchen. Dafür werden sie sich die Städte heraussuchen, die ohnehin schon überfordert sind. Als Beispiel nennt der Autor den Görlitzer Park in Berlin.

Wo Italien seit Jahren keine Lösung für die Entlegalisierten findet, da dürfte es in Deutschland auch nicht besser sein. Wir werden Menschen hier haben, die sich vom deutschen Staat nichts erwarten, genausowenig wie in den heimischen Staaten. Was für Deutsche unvorstellbar erscheint, ist in weiten Teilen der Welt normal. Dieser krasse Unterschied zwischen Arm und Reich wird auch als deutsche Realität wahrnehmbar werden.

Der Autor Don Alphonso ist desillusioniert: Er rechnet sich nicht zu denen, die noch "Refugee Welcome" oder "Merkel Merkel" rufen, denn er hat das Bild der Clandestini von Padua vor Augen. Unvermeidbar bringt die Politik der offenen Grenzen Hunderttausende nach Deutschland, die rechtlich gesehen nicht bleiben dürften, und die dennoch alles tun werden, um bleiben zu können. Das sind die neuen deutschen Clandestini, die Entrechteten, die nicht wissen, ob sie nicht doch aufgegriffen und abgeschoben werden. Es braucht sich ja nur irgendein Land in Afrika durch europäische „Entwicklungshilfe“ bzw. Bestechung bereitzufinden, einige Flüchtlinge zurückzunehmen.

Diese Vorstellungen vom Aufgreifen und Abschieben nennt der Autor "die radikalste Form des Klassenkampfes gegen die Ärmsten und Rechtlosen." Er hält die ganze Politik der offenen Grenzen "für kompletten Irrsinn". Alle Italiener aus seinem Bekanntenkreis denken das auch. Wer hinter der Merkel-Politik steht, werde sich früher oder später überlegen müssen, was mit den Hunderttausenden von Clandestini/Sans Papiers geschehen soll.

Soweit der bedrückende wie beeindruckende Zeit-Artikel. Nun eine gekürzte Auslese aus den mehr als 100 Kommentaren:

  • Wo für die Menschen keine Arbeit ist, hilft alles nichts. Niemand glaubt mehr, dass angemessene Arbeit für das einwandernde Millionenheer gefunden wird. Wird man viele dieser Menschen sich selbst bzw. schamloser Ausbeutung durch Dritte überlassen? Die resultierenden gesellschaftlichen Probleme könnten den Sozialstaat ruinieren und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstören. Es gibt keine Alternative zur gesteuerten Zuwanderungspolitik.
  • Ein anderer Kommentator hat sich eine Abschiebung angeschaut. Das bindet nach seiner Aussage viel Zeit und Personal und klappt dann oft nicht. Geschätzten Kosten von 7.000 Euro stand in dem betreffenden Fall ein Misserfolg gegenüber – multipliziert mit ein paar hunderttausend wird das zur Unmöglichkeit.
  • "Erst ein vermeidbares Problem selbst verursachen, es dann bitter beklagen und eine Lösung im Sinne der Problemverursacher für alternativlos erklären:" Der Trick funktioniere, nur nicht dauerhaft.
  • "… ein Paria-Dasein auf einer Ebene, die man in Deutschland (bis jetzt) nicht vorzustellen vermag."
  • Der pragmatische Umgang sieht so aus, laut Auskunft einer Bahnmitarbeiterin: Sie habe die Anweisung, bei Flüchtlingen ohne Fahrschein einfach kommentarlos weiterzugehen.
  • "Statt der versprochenen bunten Vielfalt des friedlichen multikulturellen Miteinanders erhalten wir eine perverse Rassenhierarchie." Laut Kommentator beschrieb der Soziologe Fabio Mostaccio sie für die italienischen Orangenplantagen von Rosarno: Schwarzafrikanische Clandestini ganz unten, darüber rumänische und bulgarische Arbeitsvermittler, die einen Teil des Lohns einbehalten. Nur etwas darüber der italienische Plantagenbesitzer, der selbst fast nichts verdient, weil brasilianische Orangen noch billiger sind. Unsichtbar dabei der internationale Konzern mit Sitz im Steuerparadies – dafür ganz vorne sichtbar die Front der freiwilligen Willkommenshelfer, die in Wahrheit ungewollte Globalisierungshelfer sind.
  • "Zur Überfischung durch industrielle Fangflotten vor Westafrika sagt der Autor nichts. Dabei werden genau dort und genau über diese Art des politisch sanktionierten Wirtschaftens die Armutsflüchtlinge produziert."
  • Die Clandestini finde man in großen Gruppen auch auf dem platten Land, besonders in der Nähe von Bundesstrassen, Parkplätzen, geeigneten Wäldchen etc., als Prostituierte arbeitend. Strassenprostitution sei ein Riesenmarkt in Italien. Dafür werden afrikanische wie auch albanische Frauen seit Jahren stillschweigend geduldet und von kriminellen Netzwerken ausgebeutet.

Kann man da noch frohe Weihnachten wünschen, ohne zynisch zu sein?

Auswahl von drei guten Artikeln um das Problem herum:

Ein passender Bericht von DIE WELT über Abschiebung am Frankfurter Flughafen, Diese Szenen einer Abschiebung laufen im Verborgenen ab (21.12.): Es ist bedrückend. Für die Abzuschiebenden und die Beamten. Die letzten drei Stunden in Deutschland sind am Frankfurter Flughafen demnach oft voller Dramatik, und manchmal gelingt die Rückführung nicht.

Ein ausgewogenes Plädoyer für eine begrenzte Einwanderung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Grenzen der Einwanderung – Der Exodus und wir (22.12.), nennt Zahlen aus den Niederlanden. Dort ist die Arbeitspartizipation von Flüchtlingen, die bereits längere Zeit dort leben, untersucht worden: Somalier arbeiten zu 26 Prozent, Iraker zu 34, Afghanen zu 42 und Iraner zu sechzig Prozent. Wer sagt, dass es jetzt in Deutschland besser läuft (mit entsprechenden Auswirkungen auf den illegalen Arbeitsmarkt)? Dazu der Hinweis, dass man Ohnmacht bei Überwachung der Grenzen behauptet, bei der Integration dagegen bestreitet man sie – und warum sollte die Türkei es schaffen, Europa aber nicht? Der Niedergang insbesondere der arabischen Welt werde immer mehr zum Bestandteil unserer eigenen Gesellschaften: 1950 lebten dort 76 Millionen Menschen, 2010 waren es 360 Millionen, 2050 sollen es 630 Millionen sein. "… die Chancen, Arbeit zu finden, sind klein, und deshalb wollen die meisten nur eins: weg."

The European bringt einen besonders lesenswerten Artikel von Sahra Wagenknecht Akutes Staatsversagen (20.12.). Dieser Text bringt die gesamte Problemlage aus anderer Sicht auf den Punkt: Die Migrationskrise habe sich der Westen selber zuzuschreiben: Eine „kriegerische Außenpolitik“ und eine „ungerechte Handelsordnung“ seien die Ursache. Jetzt versage auch noch ein kapitalistisch ausgeschlachteter Staat.

Weitere Links dazu: