Andersfaschistische Aktionen


Andersfaschistische-Aktion-Button_300Wie man das Gegenteil dessen erreicht, was man bewirken will

Um es vorauszuschicken.:

Ich bin kein Freund der sogenannten „AfD“ oder ähnlicher Gruppierungen und Vereine (siehe u.a. den Beitrag «Auf schwachem Fundament», letzter Absatz, auf dieser Website), und auch nicht des aus meiner Sicht politisch völlig unbedarften, ja inkompetenten Gründers dieser Partei, der ich wegen ihrer gegen die europäische Währung EURO (€) gerichteten Politik von Anbeginn ablehnend gegenüberstand. Wegen ihrer Euro- und EU-kritischen Haltung war es — vermutlich nicht nur für mich — von Anbeginn absehbar, in welche Richtung sich diese Partei binnen kurzer Zeit entwickeln und dass sie zu einem Sammelbecken für „Rechtspopulisten“ (Rechtsreaktionäre und Nationalisten) werden würde. Eine solche Partei ist für mich nicht wählbar [und war es, entgegen möglicher anderer Mutmaßungen, auch in früheren Jahren und Jahrzehnten nicht].

Im Oktober 2019 kam es in Deutschland mehrfach zu Aktionen von Gruppierungen und Leuten, die sich für politisch „links“ halten, bei denen u.a. dem Gründer der sog. „AfD“ — der sich m.W. mittlerweile aus der Politik zurückgezogen hat und jetzt wieder als VWL-Professor an der Universität in Hamburg lehrt — Vorlesungen verhindert wurden.

Ähnlich erging es dem ehemaligen Innenminister der Bundesrepublik Deutschland, Thomas de Maizière (CDU), als „linke Aktivisten beim Göttinger Literaturherbst eine Lesung“ verhinderten.

Wer so agiert, ist m.E. kein Antifaschist und steht politisch nicht „links“, sondern ist ein Andersfaschist und Rechtsreaktionär, der seine Meinungen womöglich zur Staatsweltanschauung (Analogon zu „Staatsreligion“) erhoben sehen, jedenfalls das Recht der freien Meinungsäußerung (GG Artikel 5 Satz 1) sowie das Recht der freien Lehre (GG Artikel 5 Satz 3) — also unveräußerliche Grundrechte — suspendiert wissen will. Er ist denjenigen nicht unähnlich, die, wie einst die Nationalsozialisten im „Dritten Reich“ und später die Machthaber in der DDR, und wie heute u.a. Vertreter von Pegida oder der sog. „AfD“, das Wort «Lügenpresse» verwenden und die damit zum Ausdruck bringen, dass sie womöglich nur das in den Medien veröffentlicht sehen wollen, was sie selber für „die Wahrheit“ halten.

Deutschland hat, wie wohl jeder freiheitliche demokratische Rechtsstaat, keine Staatsweltanschauung. Dies werden auch so manche derjenigen wenigstens akzeptieren müssen, die meinen, eine solche erzwingen oder durchsetzen zu dürfen — und dabei selbstverständlich ihre eigene Weltanschauung als einziges Gebrauchsmuster betrachten.
Dass einige, die sich selbst für politisch „links“ halten, einem rechtsreaktionären Despotismus weltanschaulich mehr als nur sehr nahe stehen, ist andererseits nicht neu, es begleitet uns seit Jahrzehnten und reicht nach meiner Erinnerung zurück bis in die späten 1960er / frühen 1970er Jahre.
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Quelle:
Leserkommentar zu Demokratie in Gefahr, FAZ vom 25.10.2019

Die „Aktivisten“, die „beim Göttinger Literaturherbst eine Lesung des früheren Bundesinnenministers Thomas de Maizière“ verhinderten, und auch jene, die andere Veranstaltungen ihnen nicht genehmer Personen verhindern, jene, die andere als ihre eigenen Meinungen und Weltanschauungen nicht ertragen können, nicht dulden (tolerieren) mögen, sind m.E. keine „linken Aktivisten“, sondern Sympathisanten und Akteure eines rechtsreaktionären Despotismus (dem allenfalls immer noch und aus Gewohnheit das Etikett „links“ angeheftet wird).
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Quelle:
Leserkommentar zu Steinmeier verurteilt „Gesprächsverhinderung“, FAZ vom 25.10.2019

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Bemerkenswert und beachtenswert finde ich, dass sich so manche, die sich für politisch „links“ ausgeben, häufig mit rechtsreaktionärem Despotismus solidarisieren, gar mit diesem sympathisieren — insbesondere, wenn dieser im Gewand von Religionen, ideologischen Grundlagen eines patriarchalisch-rechtsreaktionären Despotismus, daherkommt — und oft selber rechtsreaktionär agieren (wie es z.B. die Machthaber in den Staaten des früheren „Warschauer Vertrags“ / „Warschauer Pakt“ praktiziert haben, die sich von den Nationalsozialisten des „Dritten Reichs“ und den Faschisten z.B. im Spanien des Generals Franco oder dem Italien des „Duce“ Mussolini aus meiner Sicht kaum oder gar nicht unterschieden; die DDR war für mich ideologisch und insbesondere institutionell wie „Drittes Reich ohne «Auschwitz»“), dabei die (von ihnen) oft angemahnte „Toleranz“ geflissentlich übergehen.

Siehe auch: Trefflich: Brief an die Heuchler

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Das Original des Antifa-Logos finden Sie in der Wikipedia.
Es ist urheberrechtlich nicht geschützt und gemäß einem Hinweis auf der Wikipedia-Website wegen zu geringer Schöpfungshöhe nicht schützbar.

Den Button zur „Andersfaschistischen Aktion“ gibt es

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Eckhardt Kiwitt
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Wertschätzung, Unschuldsvermutung und Gerücht


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Wenn man andere von etwas überzeugen will

oder

Wie Kritik in eine Art Hexenjagd münden kann …

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Eigene Wertschätzung

Die Werte und Vorzüge eines freiheitlichen, demokratischen Rechtsstaats jemandem näherzubringen gelingt wahrscheinlich am ehesten, indem man diese Werte vorlebt, sie erklärt und erläutert.

Diese Werte braucht man dabei weder infrage zu stellen noch herunterzuspielen oder gar zur Disposition zu stellen oder zu verleugnen, sondern man kann zu ihnen stehen und sie ggf. auch gegen Angriffe oder Unterminierungsversuche aus Überzeugung und mit Sachargumenten verteidigen.

Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen oder Menschen mit einer anderen als der eigenen Meinung oder Weltanschauung pauschal mit Vorurteilen zu überziehen, gegen sie zu hetzen, sie zu beschimpfen und zu beleidigen, dabei vielleicht sogar die Unschuldsvermutung außer acht zu lassen oder zu negieren, dürfte hingegen kaum eine geeignete und überzeugende Methode sein.
Denn von was will man andere damit überzeugen?

Wer z.B. meint, vom Fehlverhalten einzelner Menschen einer bestimmten Gruppe oder Herkunft auf alle Menschen der gleichen Gruppe oder Herkunft schließen zu können und ihnen ebenfalls Fehlverhalten unterstellen zu müssen, der lässt die Unschuldsvermutung außer acht.

Unschuldsvermutung und Gerücht: „Sie haben erzählt, dass …“

Mit Sätzen wie

Screenshot: Eine Duisburger Rede,
3. August 2015

[…] abends um 20 Uhr ein 14-jähriges Mädchen vergewaltigt wurde. Und nachdem wir ja täglich von solchen Meldungen schockiert werden, kann man sich fast vorstellen, wer der Täter war. Es wurde, vor wenigen Tagen wurde jetzt einer aus einem Asylantenheim verhaftet […], und das ist das, was wir täglich in Deutschland erleben.
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Im Video bei Minute 0:44-1:20

werden Menschen gewissermaßen in Sippenhaftung genommen und für Taten verantwortlich gemacht, die sie nicht begangen haben. Derlei gab es in Deutschland zuletzt während der Herrschaft der Nationalsozialisten von 1933 bis 1945, und danach teils noch in der DDR (für mich eine Art «Drittes Reich ohne „Auschwitz“») bis 1989.

Jemanden für etwas verantwortlich zu machen das er nicht getan hat, ist Ungerechtigkeit, erzeugt Wut und womöglich Hass, der sich später vielleicht ein Ventil sucht oder Trotzreaktionen provoziert.
Einen Vorteil hat davon niemand.

Gleiches Recht

In einem demokratischen Rechtsstaat gilt gleiches Recht für alle — auch für Minderheiten –, ungeachtet, was jemand glaubt oder nicht glaubt. In Deutschland ist dies z.B. aufgrund der Verfassung, u.a. des GG Art. 140 geregelt.
Wäre es anders, würden Menschen womöglich um die Wette glauben, um mehr Sonderrechte für sich einzuheimsen als der Nachbar.

Es braucht für einen demokratischen Rechtsstaat, der zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtet ist, der weder eine Staatsreligion noch eine Staatsweltanschauung hat, meines Erachtens keinen Grund zu geben, seine Gesetze und seine Grundrechtsgarantien an Glaubensinhalte von Religionen oder sonstigen Weltanschauungen anzupassen. Im Gegenteil sind die Menschen in diesem Land gehalten, sich in ihrem Verhalten an der Verfassung und an den anderen geltenden Gesetzen zu orientieren.

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Beitragsbild:
Die Hexe (Albrecht Dürer), Ausschnitt, bearbeitet.
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Die_Hexe_(Albrecht_D%C3%BCrer).jpg


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Meinungsaustausch -- eine Gegenüberstellung


Angry_Talk_(Comic_Style).svg„Wissen Sie was Sie sind … !! ??“

Nein, nicht Sie, liebe Leser. Mit den zitierten Worten eröffnete ein anonymer Anrufer gegen Ende der 1980er Jahre ein kurzes Telefongespräch.

Es war die Zeit der guten alten Leserbriefe (incl. Leserbrief-Redaktion) und der gelben Telefonbücher (White Pages mit gelbem Cover). Ein Wochenmagazin hatte einen meiner Leserbriefe an einem Donnerstag veröffentlicht, in dem ich mich ein wenig kritisch über „meine speziellen Freunde“, Rechtsextremisten und Rechtsreaktionäre, geäußert hatte; den Wortlaut des Leserbriefs habe ich nicht mehr in Erinnerung. Dass eine solche Meinungsäußerung nicht jedem gefällt, ist verständlich und auch nicht zu beanstanden. Meinungsvielfalt eben …

Am Samstag nach Erscheinen besagter Zeitschrift läutete morgens um sechs Uhr mein Telefon — Leserbriefe wurden, wie auch heute, üblicherweise mit Namen des Verfassers und dessen Wohnort veröffentlicht, und meine Telefonnummer stand damals noch in besagtem Telefonbuch (heute im Impressum meiner Website).

Der anonyme Anrufer äußerte sich zwar nicht zum Grund seines Anrufs, aber die zeitliche Nähe zum Erscheinungstermin meines Leserbriefs lässt nur den Schluss zu, dass er auf diesen reagiert hat. Ein anderer Anlass hat zu dem Zeitpunkt nicht bestanden. Wie auch immer, er brüllte wutentbrannt und mit sich überschlagender Stimme ins Telefon: „WISSEN SIE WAS SIE SIND !!?? SIE SIND DAS GRÖẞTE ARSCHLOCH !“

Da mir zu diesem Statement spontan nichts anderes einfiel, antwortete ich ihm emotionslos und in normaler Lautstärke nur: „Ja, das ist mir auch schon aufgefallen.“
Damit hatte sich unser Meinungsaustausch leider schon erschöpft, das Gespräch war zu Ende. Der Anrufer hat nie wieder von sich hören lassen.

Mit der Antwort «… das ist mir auch schon aufgefallen» hatte ich dem Anrufer offenbar den Wind aus den Segeln genommen. Seine Aggression war verpufft und hatte nicht die von ihm möglicherweise erhoffte Reaktion hervorgerufen.

~ ~ ~

Im September 2019 fällte das Landgericht Berlin ein Urteil [1] zum Thema «Beleidigungen / Schmähungen im Internet», und der EuGh hat jetzt zu diesem Thema ein weiteres Urteil gefällt.

Ob man in Sachen öffentlicher Hassrede, Beschimpfungen, Beleidigungen und Schmähungen mit Gerichtsurteilen etwas Positives im eigenen Interesse bewirken wird, wage ich zu bezweifeln. Allenfalls bekommt man ein wenig mediale Aufmerksamkeit, vielleicht sogar einen kurzen Medien-Hype.
Und dann ?

Meine Vorschlag:
Versuchen Sie es mit Antworten wie

  • „Danke für die schönen Worte.“
  • „Ja, das ist mir auch schon aufgefallen.“
  • „Ach so … ?“

oder, falls Sie es ein wenig ins Lächerliche ziehen möchten:

  • „Danke für diese erheiternden Worte.“

oder dergleichen.

Ich vermute, dass den meisten Aggressoren daraufhin die Lust vergeht, ihre Späße weiter zu treiben. Vergleichbare Erfahrungen haben m.W. Frauen gemacht, die von einem potentiellen Vergewaltiger angegriffen wurden und darauf nicht etwa panikartig reagiert, sondern ihn ermuntert (eingeladen) haben, doch bitte jetzt … — und wie er’s denn gerne hätte. Das hat — so schwierig es insbesondere in einer konkreten Bedrohungssituation auch sein mag — eine sehr aggressionshemmende Wirkung und scheint mir geeigneter als jedes Gerichtsurteil.

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[1] Laut diesem Urteil des Landgerichts Berlin (Az: 27 AR 17/19) sind übelste Beschimpfungen, Beleidigungen, Schmähungen und Verunglimpfungen im Rahmen des Rechts auf freie Meinungsäußerung unter bestimmten Umständen zulässig. Diesem Urteil des Gerichts schließe ich mich nicht an, bleibe aber bei meinen Empfehlungen (siehe oben).

Weblinks:
Renate Künast darf bei Facebook unter Umständen beschimpft werden (Heise.de)
Hassrede: Renate Künast geht gegen Gerichtsbeschluss zu Beschimpfungen im Netz vor (Heise.de)
Niederlage für Facebook vor dem Europäischen Gerichtshof: Onlinedienste können gezwungen werden, beleidigende Kommentare zu löschen (NZZ.ch)
Renate Künast beschimpft — Kanzlei zeigt Berliner Richter an (Morgenpost.de)


Eckhardt Kiwitt
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Auf schwachem Fundament


LamyaNachdenken im Islam

Im Oktober 2014 veröffentlichte das "Magazin für politische Kultur", Cicero, unter der Überschrift „Kein Islam ohne Islamismus“ ein Streitgespräch, das die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Lamya Kaddor und der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad zum Thema "Ist der Islam friedlich oder stiftet er zur Gewalt an?" geführt hatten.
An der Aktualität der getroffenen Aussagen hat sich bislang nach meiner Einschätzung nichts geändert. Ein Leserkommentar dazu:

 

"Es gibt ja auch keinerlei funktionierende Zivilgesellschaft." sagt Lamya Kaddor (im ersten Teil des Interviews) mit Bezug auf die islamischen Staaten des Nahen Ostens.

 

Stellt sich die Frage, warum sich Zivilgesellschaften unter der Herrschaft des Islams dort nicht entwickelt haben.
Sind daran "andere" schuld ?

Im zweiten Teil (in der Printausgabe [und inzwischen auch online]) meint Kaddor: "Der Koran ist und bleibt eine Offenbarung, die den Menschen konsequent dazu auffordert, selbst nachzudenken."
Das steht tatsächlich so im Koran, z.B. in Sure 2:219, in Sure 6:50, sehr eindrucksvoll in Sure 34:46, sowie in einigen weiteren Versen.

Warum aber dann der Propheten-Spruch "Wer die Religion verlässt, den tötet" (siehe Wikipedia-Artikel zu "Ridda" bzw. "Apostasie im Islam").
Warum die Todesstrafe für Apostaten, wie sie gemäß islamischem Recht in einigen Ländern auch heute noch vollstreckt wird (und in Europa manchmal als "Ehrenmord" daherkommt) ?

Darf im Islam – trotz seiner vielgepriesenen Toleranz und trotz "Es gibt keinen Zwang im Glauben" (Sure 2:256) – nicht jeder glauben, was er will ?

Ist das Fundament des Islams so schwach, dass die Gläubigen mittels einer so starken Repression wie dieser Todesdrohung (bei Abfall vom Glauben) "bei Laune" gehalten werden müssen ?

Diktaturen und Despotien, die aus meiner Sicht allesamt rechtsreaktionär / rechtsextremistisch waren und sind (auch dann, wenn sie sich selbst das Etikett "Links" angeklebt haben — vergleiche z.B. das "Dritte Reich" einerseits und die DDR andererseits, die für mich institutionell und ideologisch weitgehend wie "Drittes Reich ohne Auschwitz" war; in beiden Staaten haben die Machthaber z.B. das Wort "Lügenpresse" verwendet, das heutzutage u.a. Pegida und die sogenannte "AfD" ebenfalls gebrauchen und die damit, wie einst die Machthaber im "Dritten Reich" und in der DDR, zum Ausdruck bringen, dass sie womöglich nur das in den Medien veröffentlicht wissen wollen, was sie selber für "die Wahrheit" halten), müssen sich immer auf Machtmechanismen wie Unterdrückung, Einschüchterung und Erpressung stützen. Sobald diese Machtmechanismen zu erodieren beginnen, setzt der Machtverlust ein, fallen Diktaturen und Despotien zusammen, lösen sich auf.

Freiheit hingegen ist ein Ideal, das sich aus Vernunft selbst trägt und das den Machtverlust nicht fürchten braucht weil es nach Macht nicht strebt.

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Siehe auch die Beiträge
«Ω»,
«Religion und Zynismus, Tradition und Tabu»,
«Ramadan — Zeit der Heuchelei ?»,
sowie das Buch
«Islam und Verfassungsstaat — Theologische Versöhnung mit der politischen Moderne?» von Lukas Wick; Ergon Verlag

Das vollständige Interview zwischen Lamya Kaddor und Hamed Abdel-Samad steht auf der Website des Cicero zur Verfügung.

Eine kleine Sammlung von Leserkommentaren (als Screenshots) zu verschiedenen Themen aus dem Jahr 2014, die auf der Website des Cicero veröffentlicht wurden, finden Sie in diesem PDF.


Eckhardt Kiwitt
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Nelly


“Neger-Nelly, Neger-Nelly!” krächzte es über den Schulhof, und das solcherart beschimpfte Mädchen warf sich schluchzend in die Arme seiner besten Freundin. Mit ihrem krausen Haar, den tiefdunklen Augen und ihrer braunen, samtenen Haut war sie wunderschön. Aber das wusste die Elfjährige noch nicht.

Zwei schlaksige Rüpel, die offenbar meinten, sich bei dem Geschrei besonders hervortun zu müssen, schnappte der Aufsicht habende Lehrer am Schlafittchen und brachte sie vor die Rektorin.
Die setzte mühsam den strengsten Blick auf, der ihr zur Verfügung stand, und ließ eine Standpauke ab, in der von Rassismus, Respekt und freundlichem Miteinander die Rede war und die mit der Frage schloss:
“Woher habt ihr solche Ausdrücke? Was lest ihr bloß für Bücher?”
“Bücher, hä?” hallte es verständnislos aus beider Mund.
“Ich will dieses Wort nicht noch einmal hören, sonst knallt’s!”
Obwohl keineswegs klar war, was da wie laut knallen sollte, maulten die Beiden in das Stundenklingeln hinein ein halbherziges “okay”, worauf sie sich trollen durften.
Um Nelly hatte sich unterdessen niemand gekümmert, jetzt war es ohnehin zu spät, denn der Unterricht musste fortgesetzt werden.
In den Augen der Schulleitung war die Einrichtung nun frei von Rassismus, denn die beiden Rabauken hielten ihr Wort: Sie stellten das Brüllen ein, näherten sich Nelly nur noch unverhofft von hinten und fauchten ihr ins Ohr:
“Schwarzes Opfer, schwarzes Opfer!”
Sollte sich Nelly beschweren? Nichts wäre zu beweisen gewesen, Aussage hätte gegen Aussage gestanden.
Nelly war eine sehr gute Sportlerin, besonders die Leichtathletik hatte es ihr angetan. Im Sprint sauste sie allen davon.
Beim Schulsportfest tauchte ein Talentsucher vom Sportgymnasium auf.
“Wer ist denn die kleine farbige Gazelle da?” fragte er.
“Das ist unsere Nelly”, antwortete stolz die Rektorin.
“Ja, ja, die Naturvölker.”
“Sie ist hier geboren”, korrigierte ihn die Rektorin, “ihre Eltern sind Deutsche.”
“Macht ja nichts. Ist gekauft!” trompetete der Kopfjäger.
“Gekauft?” Die Rektorin riss die Augen auf.
“Ja, klar – sagt man so in unserer Branche. Denken Sie nur an all die Fußballer. Na, nichts für ungut. Das Mädel hat Zukunft!”
An der Sportschule begrüßte man sie nicht unfreundlich: “Aah, unsere kleine AfroAmerikanerin!”
“Isch nischt Afro, isch nischt Amerika, isch deutsch, ihr Kanaken!” zischte Nelly zurück. Irgendwann musste sie anfangen, sich zu wehren.
“Ist ja gut. Dann eben AfroDeutsche.”
Beinahe hätte Nelly darum gebeten, wieder als Negerin bezeichnet zu werden. Eine Leistungssportlerin muss wohl hart sein, auch im Nehmen.

Wollte man alle Wörter ausmerzen, mit denen Menschen beleidigt werden können, hätten wir bald keine Sprache mehr. Obwohl – eine gewisse Sprachlosigkeit stünde uns zuweilen vielleicht ganz gut zu Gesicht, oder?

Titelfoto unter CC-Lizenz, das abgebildete Mädchen hat mit der fiktiven Person Nelly nichts zu tun. 

Quelle: http://dubiator.wordpress.com/2013/01/24/nelly/#more-1110

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Narrative und Erkenntnisgewinn


Religious-Symbols

Narrativen, sinnstiftenden Erzählungen, begegnet man in Gesprächen und Medienberichten beinahe täglich. Sinn und Zweck scheint es dabei nicht allein zu sein, irgendetwas zu erzählen, sondern einer Geschichte, einer Idee oder einer Behauptung ungeachtet ihres Wahrheitsgehalts oder ihrer Plausibilität durch häufige Wiederholung allgemeine Anerkennung zu verschaffen. Bisweilen kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich bei der Wiedergabe mancher Narrative um ein gedankenloses Nachplappern einer Erzählung handelt.

Eines dieser Narrative ist die These, dass es „den Islam“ nicht geben würde, sondern eine Vielzahl an Islamen. Worin sich diese in ihren Wesenskernen unterscheiden, wird meist nicht näher erläutert — es bleibt bei der bloßen Behauptung.

Nun könnte man annehmen, dass es zumindest einen sunnitischen und einen schiitischen Islam gibt, mit Untergruppierungen und Abspaltungen, von denen manche allerdings nicht als „islamsich“ akzeptiert sind. Beide unterscheiden sich jedoch lediglich in der (historischen) Begründung und Legitimierung ihres — insbesondere politischen und gesellschaftlichen — Machtanspruchs. Auch handelt es sich teils um Interpretationen, mehr oder minder strenge, dogmatische Auslegungen, Lesarten. All diese Untergruppen, Abspaltungen und Interpretationen verbindet eine Gemeinsamkeit: sie stützen sich insbesondere auf eine Quelle, den Koran. Islame, die sich auf ein anderes „heiliges“ Buch als den Koran beziehen, sind mir nicht bekannt — was nicht heißen soll, dass es sie nicht geben könnte. Nur habe ich von z.B. einem talmudischen, einem neutestamentlichen, einem kamasutrischen oder einem bhagavadgitischen Islam bislang nichts gehört.

Ob es hingegen überhaupt einen Islam gibt, egal welchen, kann man bezweifeln. Denn das arabische Wort «Islam» bedeutet „Sich-Ergeben“ (in den Willen Allahs), „Sich-Unterwerfen“ (unter Allah), „Sich-Hingeben“ (an Allah) — wobei das Wort „Allah“ (al-Lah) für «der Gott» steht.
Da man bei Allah — wie bei allen anderen Göttern und Göttinnen — keine Wechselwirkungen beobachten oder sonstwie feststellen kann, kann man Allah von etwas, das nicht existiert, nicht unterscheiden und darf annehmen, dass es Allah gar nicht gibt.

Ohne Allah jedoch auch kein „Sich-Ergeben“ in den Willen Allahs, kein „Sich-Unterwerfen“ unter Allah, kein „Sich-Hingeben“ an Allah — und somit gar kein Islam.

Es gibt allerdings eine Ideologie, die als Grundlage für ein patriarchalisch-despotisches Gesellschaftssystem herhält und der das Etikett «Islam» angeheftet wurde. Dies ist der „Islam“, der „Islam“ des Korans. Einen anderen habe ich nicht gefunden.

Das Narrativ von „dem Islam“, den es angeblich nicht gibt, führt zu keinem Erkenntnisgewinn — sooft es auch wiederholt werden mag.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Beitragsbild:
Collage aus Symbolen mehrerer Religionen (eigenes Bild)




Verfassung oder Grundgesetz


Carlo-Schmid_Was-heisst-eigentlich-Grundgesetz

In Kommentaren und Berichten höre und lese ich immer mal wieder, dass das «Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland» keine Verfassung sei, sondern nur ein Provisorium. Dieser Meinung mag man zustimmen oder auch nicht. Kritiker berufen sich dabei gern auf den Artikel 146, in dem es heißt

Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.

Einen Volksentscheid, in dem unser Grundgesetz als Verfassung von einer Mehrheit (der Wahlberechtigten / der Teilnehmer an einem entsprechenden Volksentscheid) angenommen und beschlossen worden wäre, hat es m.W. bislang tatsächlich nicht gegeben. Trotzdem scheue ich mich nicht, das Grundgesetz als Verfassung zu bezeichnen und auch zu akzeptieren.

Bekanntlich gewährleistet (garantiert) uns das Grundgesetz eine ganze Reihe von Grundrechten (Artikel 1 bis 19), und obendrein im Artikel 79 eine „Ewigkeitsgarantie“ für bestimmte Rechtsgrundsätze, niedergelegt in den Artikeln 1, Sätze 1-3, und 20, Sätze 1-4.

Von Kritikern, die eine Volksabstimmung über unser Grundgesetz wünschen bzw. fordern, würde ich gern erfahren, welche Artikel des Grundgesetzes sie

  • ergänzt
  • geändert (in welcher Weise ?) oder
  • abgeschafft sehen wollten.

Zur Vertiefung empfehle ich die Lektüre der Rede des Abgeordneten Dr. Carlo Schmid (SPD) im Parlamentarischen Rat am 8. September 1948 «Was heißt eigentlich: Grundgesetz?»

Ein Satz aus dieser Rede ist mir besonders in Erinnerung:

Demokratie ist nur dort mehr als ein Produkt einer bloßen Zweckmäßigkeitsentscheidung, wo man den Mut hat, an sie als etwas für die Würde des Menschen Notwendiges zu glauben. Wenn man aber diesen Mut hat, dann muß man auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.

Darüberhinaus ist ein gelegentlicher Blick in unsere Verfassung (in unser Grundgesetz) für mich immer eine interessante Lektüre.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Den Text der Rede von Carlo Schmid habe ich der Website costima.de/beruf/Politik/CSchmid.htm entnommen.
(aufgezeichnet in „Der Parlamentarische Rat 1948-1949, Akten und Protokolle“, Band 9, herausgegeben vom Deutschen Bundestag und vom Bundesarchiv, Harald Boldt Verlag im R. Oldenbourg Verlag, München 1996, Seite 20 ff. im Archiv des Bundestages stehen die Protokolle gebunden im Büro von Günther J. Weller)




Sei so lieb ...


Macaca_fuscata_Iwatayama_excEin Gedankenspiel

Rom, Ostersonntag 2019, „urbi et orbi“ heißt es da wie jedes Jahr, „der Stadt und dem Erdkreis“. Doch an diesem Tag richtet sich diese Paronomasie des Monarchen der Vatikanstadt vielleicht insbesondere an eine bestimmte Adresse, die der Papst jedoch nicht namentlich nennt und auch nicht verurteilt. Am vorangegangenen Karfreitag hatte es in Sri Lanka ein Mehrfachattentat gegeben.
Tags darauf verurteilte der vatikanische „Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung“ die selbe Tat und twitterte von „barbarischer islamistischer Gewalt“ in Sri Lanka.

Ein Hintergrund für die so unterschiedliche Wortwahl kommt u.a. darin zum Ausdruck, dass für den Argentinier Jorge Mario Bergoglio [für Uneingeweihte: dies ist der bürgerliche Name des derzeitigen Papstes] (der) Islam, nicht anders als das Christentum, eine Religion des Friedens ist — und dass Bergoglio zur Selbstkritik fähig ist. So sagte er im Juli 2016 während einer Reise: „Wenn ich über islamische Gewalt spreche, dann muss ich auch über christliche Gewalt sprechen. In fast jeder Religion gibt es immer eine kleine Gruppe von Fundamentalisten – auch bei uns.“

Dass Bergoglio von «Fundamentalisten» spricht, erstaunt mich ein wenig, wirft es doch die Frage auf, auf welches Fundament, auf welche Grundlage also, diese sich jeweils stützen. Im April 2017 hatten Bergoglio und der Großscheich der Azhar-Universität in Kairo, Ahmed Mohammad Al Tayyeb, in Abu Dhabi gemeinsam ein Dokument unterzeichnet, das von „Geschwisterlichkeit unter den Menschen für den Weltfrieden und das Zusammenleben“ handelt und in dem u.a. von Barmherzigkeit und Brüderlichkeit die Rede ist und davon, dass „die Religionen niemals zum Krieg aufwiegeln und keine Gefühle des Hasses, der Feindseligkeit, des Extremismus wecken und auch nicht zur Gewalt oder zum Blutvergießen auffordern“. „Hass, Gewalt, Extremismus und blindem Fanatismus“ wünschen Bergoglio und Al Tayyeb in diesem Dokument ein Ende zu setzen.

Dass all diese Worte stellenweise ein wenig mit dem kollidieren, was in so manchem „heiligen“ Buch an Widersprüchlichem geschrieben steht, aber auch mit dem alltäglichen Geschehen nicht immer in Einklang zu bringen sind, wissen beide Parteien vermutlich, da sie einerseits die Texte ihrer „heiligen“ Bücher (hoffentlich) kennen, aber auch über die tägliche Nachrichtenlage informiert sein dürften.

Doch ein anderer Aspekt erscheint mir bedeutsam:
Beide, Bergoglio und Al Tayyeb, haben an ihre jeweiligen Adressaten im Grunde die einfachen Worte gerichtet „Seid so lieb …“ — und sie damit ein wenig unter Zugzwang gesetzt. Denn wer wollte nach so einer Aufforderung nicht „so lieb“, sondern bösartig sein? Ein Psychopath vielleicht, der sich damit selbst ins Abseits stellt.

Man kann (den) Islam zwar ausschließlich als Gewaltideologie zeichnen. Man kann jedoch auch eine gegenteilige Option oder einen Ausweg aus der Gewalt wenigstens aufzeigen. Ansonsten läuft man gefahr, den Despoten und Psychopathen — die es in der islamischen Welt genauso gibt wie anderswo — vielleicht sogar recht zu geben bzw. sich ungewollt mit ihnen zu solidarisieren nach der Devise: «Ihr könnt ja gar nicht anders, also macht weiter so.»
Man beruhigt oder befriedet ein aggressives Kind schließlich nicht, indem man es immerzu schlägt. Das ist bei Erwachsenen nicht anders, und lässt sich auch auf ganze Kulturkreise übertragen, die von einer patriarchalisch-rechtsreaktionären Ideologie und von Despotismus geprägt, deformiert oder „vergiftet“ sind. Es ist ein langer und weiter Weg hin zur Veränderung (oder Genesung).

Und mit seinen selbstkritischen Worten „… dann muss ich auch über christliche Gewalt sprechen“ — mit denen sich der Papst keinen Zacken aus der Krone gebrochen hat — hat er die geistlichen Autoritäten, Funktionäre und Vorbilder der islamischen Welt herausgefordert, ihre allgegenwärtige Selbstkritikphobie zu überwinden.

* * *

Inspiriert zu diesem Text wurde ich durch «Keine Verurteilung des Islams: Von Gott gewollte Vielfalt der Religionen?» auf der Website der FAZ vom 29.04.2019

Zur oben erwähnten Option oder einem Ausweg:

Religionen geben den Menschen Orientierung, wird uns bisweilen gesagt.
Das tut unsere Verfassung, das Grundgesetz, auch – allerdings ohne Menschen zu bevormunden, sie einzuschüchtern oder sonstwie zu drangsalieren. Obendrein gewährleistet das GG Rechte und Freiheiten, die so manche Religionen nichtmal gewähren.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Beitragsbild:
Wikipedia, Aggressionshemmung
commons.wikimedia.org/wiki/File:Macaca_fuscata_Iwatayama.jpg (Ausschnitt)
Autor: Leyo




Vom Recht auf freie Meinungsäußerung


Howler_monkey_excIm Vorfeld einer Konferenz …

Auf unsere Verfassung, das Grundgesetz, berufen oder beziehen sich manche Menschen in Auseinandersetzungen mit anderen bisweilen in einer Weise, die bei mir den Eindruck hinterlässt, dass der Text des Verfassungsartikels, um den es geht, gar nicht genau bekannt ist, oder die Aussage eines Verfassungsartikels absichtsvoll zu eigenen Gunsten (und damit zu Ungunsten eines Gegenübers oder Kontrahenten) fehlinterpretiert wird. Dies betrifft z.B. die Artikel 3Gleichheit vor dem Gesetz, 4Glaubens- und Bekenntnisfreiheit, sowie 5Meinungsfreiheit.

Im Zusammenhang mit Kritik an einer bestimmten Religion, deren Symbolen und ideologischen Grundlagen und den öffentlichen Diskussionen und Debatten darüber kann man dies seit Jahrzehnten beobachten: Kritik wird wahlweise als „Phobie“ oder als „Rassismus“ bezeichnet, Kritikern wird das Recht auf freie Meinungsäußerung verweigert (dies ist mir mehrfach widerfahren).

Für den 8. Mai 2019 bereitet das „Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam“ (FFGI) an der Goethe-Universität Frankfurt eine Konferenz über „Das islamische Kopftuch“ vor, wie die FAZ auf ihrer Website am 26. April 2019 in einem (für registrierte Kunden vollständig einsehbaren) Beitrag unter der Überschrift «Das Ende von freier Rede und freiem Denken?» berichtet.

Auf der Rednerliste der Konferenz stehen Namen von Verteidigern wie auch von Kritikern der (tatsächlich oder vermeintlich) für Frauen geltenden islamisch konnotierten oder assoziierten Bekleidungsvorschrift.

Bis hierhin wäre die Angelegenheit kaum einer Erwähnung wert, gäbe es da nicht einen Hashtag in einem sog. „sozialen Medium“, der sich namentlich auf die Direktorin des o.g. Forschungszentrums bezieht: „#Schroeter_raus“. Unter diesem Hashtag halten, wie die FAZ schreibt, «junge Frauen Zettel vor ihr Gesicht oder zeigen Schilder wie „Kein Platz für Rassismus“.», und weiter: «Kontaktadressen oder ein Impressum gibt es nicht.»

Ein Bonmot zitiert die FAZ ebenfalls: «Für solche Veranstaltungen sei an „unserer Uni, wo wir für Offenheit und Akzeptanz stehen, kein Platz“.»

Sowohl die Universitätsleitung als auch der Asta kritisieren und verurteilen laut dem FAZ-Bericht die (anonyme) Hashtag-Aktion; der Asta äußert: „Die ganze Aktion erschreckt uns, da hier Islamkritik und Rassismus gleichgesetzt wird […] Es muss zum Islam geforscht werden, und das will diese Hetzkampagne verhindern“.

Im Kommentarbereich zu dem FAZ-Artikel (63 Leserkommentare) wird u.a. die Vermutung geäußert, dass es sich bei o.g. Hashtag um eine Aktion von Rechtspopulisten handeln könnte, die unter falscher Flagge oder in Guerilla-Manier das Thema besetzen, oder gar Mitglieder einer nach meiner Meinung(!) rechtsreaktionären Partei (deren politische Vorstellungen nach meiner Einschätzung auf eine Diktatur hinauslaufen würden), die seit Herbst 2017 im Deutschen Bundestag vertreten ist, dahinterstecken. Das kann man zwar nicht ausschließen, ich hielte diese Methode jedoch für mehr als fragwürdig, ja für kontraproduktiv, da sie sich nicht auf Sachargumente stützt, sondern auf Diffamierung.

Man wird diejenigen, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg jegliche Islam-Kritik als Phobie oder als Rassismus diffamiert haben, schließlich nicht dadurch von der Fehlerhaftigkeit ihres Vorgehens und „Argumentierens“ überzeugen, indem man zurückdiffamiert.

Empfehlen möchte ich in diesem Zusammenhang u.a. das Büchlein «Brief an die Heuchler — und wie sie den Rassisten in die Hände spielen» von CHARB.

Eckhardt Kiwitt, Freising

* * *

Eine kleine bildliche Ergänzung zu diesem Beitrag, die manches auf den Punkt bringt und die nicht diffamieren, sondern zum Nachdenken anregen kann, will ich mir nicht verkneifen:
«Image Problem», von Cox & Forkum (die Verwendung des Bildes ist, mit Quellenangabe, lt. Cox & Forkum erlaubt)

Offen gesagt, Herr Mohammed

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» Umfrage / PR Research: Islamismus
– Terrorismus / Terrorism
– Theokratische Tyrannei / Theocratic Tyranny
– Unterjochung von Frauen / Subjugation of Women
– Unduldsam gegenüber Kritik / Intolerance of Criticism
– Verfolgung moderater Muslime / Persecution of moderate Muslims
– Angst vor westlicher Kultur / Fear of Western Culture

Quelle / Source:
http://www.coxandforkum.com/archives/06.01.31.ImageProblem-X.gif
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:ImageProblem.gif?uselang=de

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Beitragsbild oben:
Brüllaffe (Ausschnitt), Wikipedia
upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2f/Howler_monkey.jpg
Autor: Steve from washington, dc, usa




Ein kurzes Wort zum Atheismus


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Atheismus

Der Atheismus, lt. Wikipedia «im engeren Sinne die Überzeugung, dass es keinen Gott bzw. keine Götter gibt», definiert oder erhebt „aus sich heraus“ keinen Machtanspruch.
Er leugnet aber, ohne die Anarchie zu befürworten oder zu fordern, den direkten oder indirekten Machtanspruch von Göttinnen und Göttern oder deren irdischen Stellvertretern; vgl. Kant – Aufklärung:

Daß der bei weitem größte Teil der Menschen […] den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.

Militante Atheisten hingegen versuchen bisweilen, ihre Sichtweise zu einer „Wahrheit“ zu erheben, die sie anderen ggf. aufzwingen möchten – statt jeden glauben zu lassen was er will oder nicht will – formulieren also womöglich eine Art Ersatz-Religion, wollen vielleicht selber ein wenig „Gott“ sein und laufen damit dem Atheismus zuwider.

* * *

Zum Verständnis meines rechtlichen Standpunkts:

Religionen geben den Menschen Orientierung, wird uns bisweilen gesagt. Das tut unsere Verfassung, das Grundgesetz, auch – allerdings ohne Menschen zu bevormunden, sie einzuschüchtern oder sonstwie zu drangsalieren. Obendrein gewährleistet das Grundgesetz Rechte und Freiheiten, die so manche Religionen nichtmal gewähren.

Mit anderen Worten:

Nicht jene Gesetze und sonstigen Rechtsnormen oder Rechtsinstanzen, die vermeintlich von Göttern und / oder zur Befriedigung von Göttern, zur Befriedigung von Rachegelüsten oder dem Wunsch nach (zynischer) Strafe[1] und Ausgrenzung ohne Möglichkeit der Resozialisierung erlassen oder eingesetzt wurden, sollten Gültigkeit haben, sondern die Gesetze, die — unter Berücksichtigung der kulturellen und zivilisatorischen Entwicklung — von Menschen für Menschen gemacht sind. Nicht Sündenbockprojektionen oder das Verlangen nach (auch nur symbolischen) Opfern, sondern eine unabhängige Justiz, die weder die Interessen des Täters noch die des Opfers vertritt, eine Justiz, die das von Menschen für Menschen gemachte allgemeine und gleiche Recht unparteiisch vertritt.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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[1] siehe beispielhaft Allahs unendliche Strafen; das Strafen ist im Koran mit Abstand Allahs Lieblingsbeschäftigung.




Interpretationsmöglichkeiten! — oder ein wenig Augenwischerei?


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«Sehen Sie, das ist Islam

Ein paar einleitende kurze Worte zum Begriff „Interpretation“:

In dem Bild links eine Gruppe Augen zu sehen, die einen anschauen oder anstarren, mag einer Sehgewohnheit, einer Täuschung oder einer Wunschvorstellung entsprechen, eine Interpretation ist es nicht, denn eine Auslegung, Übersetzung oder Erklärung seitens des Betrachters im Sinne des Begriffs „Interpretation“, oder auch eine Deutung, findet nicht statt.

In dem Bild die Schwanzfedern eines Pfaus wahrzunehmen, wäre ebenfalls keine Interpretation, sondern allenfalls eine Assoziation, oder einfach das Erkennen eines (bekannten) Musters.

* * *

Frage [*]: Ist es zulässig, dass Frauen nur die Hälfte erben, wie es die Scharia vorsieht?

MR: Das sind Regelungen, die sich unmittelbar aus dem Koran ergeben. Bei deren Auslegung wird erläutert, dass die Männer mehr bekommen, weil nur sie eine Brautgabe finanzieren müssen und nur sie Familienunterhalt leisten. […] Ein Imam aus Bayern hat geschrieben, dass die islamische Lösung in Deutschland heißt: gleiche Erbteile. Sie sehen, was das islamische Recht an Interpretationsmöglichkeiten hergibt.

Nun ist das, was der „Imam aus Bayern“ in den Worten des Interviewten geschrieben hat („die islamische Lösung in Deutschland heißt: gleiche Erbteile“), nicht, wie von ihm behauptet, eine Interpretation oder Interpretationsmöglichkeit — denn es wird mit diesen Worten nicht erklärt, auf welche islamische oder sonstige Rechtsgrundlage oder islamische Überlieferung sich die Aussage des Imams stützt; es wird nur eine unbegründete Aussage gemacht. Der Interviewer (Journalist) stellt allerdings auch nicht die Frage nach dem Warum, er hakt nicht nach.

MR: Ich sprach einmal mit dem Vorsitzenden eines marokkanischen Moscheevereins, dem in Berlin als Erstes aufgefallen war, dass die Busse der Berliner Verkehrsbetriebe die Schwelle beim Halten senken, damit Leute, die schlecht zu Fuß sind, leichter einsteigen können. Er sagte: Sehen Sie, das ist Islam. […] das war das Verständnis des Imams vom Islam, ein Verständnis, das ganz viele teilen. Diese Menschen müssen wir unterstützen …

Wenn das Islamverständnis des „Vorsitzenden eines marokkanischen Moscheevereins“ in diesen wenigen Worten zum Ausdruck kommt („Sehen Sie, das ist Islam.“), die sich auf helfen, großzügig sein, hilfreich sein beziehen, dann ist das einerseits zu begrüßen. Allerdings klammert er dabei sehr vieles aus, von dem man durchaus behaupten kann, dass es ebenfalls „Islam“ ist (siehe z.B. Kein Zwang im Glauben ? sowie Assoziationen oder Islam beleidigt).

Ob es einer Religion bedarf, die in sich voller Widersprüche ist, deren „heiliges Buch“ ein Sammelsurium voller Widersprüche ist, um anderen Menschen zu helfen, großzügig zu sein, hilfreich zu sein …, oder ob es mit einer den meisten Menschen vertrauten und innewohnenden, natürlichen Empathie getan ist, die nicht durch eine Ideologie überprägt (oder deformiert) ist, sei dahingestellt.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Weiterführende / ergänzende Textbeiträge:

Im Gespräch: Wie verhindern wir Radikalisierung?
Mouhanad Khorchide: Die Männerbilder des Korans
Abdel-Hakim Ourghi: Keine Angst vor Kritik!
Ufuk Özbe: Strengt euch an!

Daneben empfehle ich, ohne jemandem etwas unterstellen zu wollen, das Büchlein
Brief an die Heuchler – und wie sie den Rassisten in die Hände spielen
von Stéphane Charbonnier – CHARB.

[*] Textauszug aus „An die Hausordnung halten“ (Der Spiegel im Interview mit Mathias Rohe, Universität Erlangen-Nürnberg)

Bildnachweis: Wikipedia (Blauer Pfau), Alex Pronove (alexcooper1) – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Peacock.jpg




Weltanschauliche Wörterkunde


WörterEin Beitrag von Jan M. Kurz (Initiative Humanismus, Partei der Humanisten).

Als Freund von sprachlicher Präzision pflegen ich und eine Vielzahl weiterer Menschen in Diskussionen und Erörterungen, egal ob auf schriftliche oder sprachliche Weise, auch in weltanschaulichen oder philosophischen Themengebieten gerne eindeutige Fachformulierungen zu verwenden. Da die allermeisten dezidierten Humanisten mit diesem Vokabular vertraut sind, stellt das auch in aller Regel kein Problem dar und ist allgemein für die inhaltliche Klarheit von Vorteil. Hin und wieder kommt es jedoch vor, dass diese semantische Vorgehensweise als zu theoretisch wahrgenommen wird und einige Diskussionspartner, die mit religionskritischer und philosophischer Literatur nicht so eng vertraut sind, darin gar eine Art der Verwirrungstaktik ausmachen wollen. Das ist auch alles andere als unverständlich, denn die Vielfalt charakterisierender Begrifflichkeiten und weltanschaulicher Definitionen ist groß und nicht immer leicht zu durchschauen. Zudem klingen die Wörter recht ähnlich und unterscheiden sich sowohl inhaltlich, als auch schriftlich nur in Nuancen. Ein kompakter Überblick über weltanschauliche Definitionen und Charakteristika ist daher gewiss hilfreich.

Spektrum der Glaubensintensität

In seinem berühmten Werk „Der Gotteswahn“, herausgegeben im Jahre 2006, liefert der international bekannte Biologieprofessor, Religionskritiker und Aufklärer Clinton Richard Dawkins die Formulierung einer theistischen Glaubensskala in 7 absteigend angeordneten Punkten. Sie reichen vom fundamentalistischen Glauben an übernatürliche Wesen oder Welten bis zum solide begründeten Atheismus. Besondere Begrifflichkeiten werden dort für die einzelnen Abstufungen nicht verwendet, stattdessen erklärt ein einzelner Satz die jeweilige Stufe der Intensität genauer. Im Sprachgebrauch bietet es sich aber besser an genaue Begriffe an Stelle von Zahlen zu verwenden, die außerdem ausgiebiger definiert sind. Abgestuft von stark gläubig nach in keiner Weise gläubig sind das die folgenden:

1.) Theismus/Der Theist: Unter Theismus (Götterverehrung) versteht man den Glauben an eindeutig und fest definierte übernatürliche, man kann auch sagen „magische“ Kreaturen, Wesenheiten oder jenseitige Welten. Ihre Definition erhalten diese übernatürlichen Dinge bei organisierten Religionen in der Regel in „heiligen“ Büchern oder besonderen Regelwerken (Evangelien, Katechismen), oder im Falle anderer Phantasievorstellungen durch einfache Niederschrift oder kulturelle/rituelle Übereinkunft. Der Begriff leitet sich vom griechischen Theos (dt.: Gott) ab und bezeichnet ursprünglich nur die Verehrung von einer oder mehrerer Gottheiten. Man spricht entsprechender Weise dann von Polytheismus oder Monotheismus. Die abrahamitischen Religionen Islam, Christentum und Judentum sind monotheistisch, der Glaube der antiken Ägypter, Griechen und Römer, sowie der Hinduismus sind polytheistisch. Von einem wissenschaftsphilosophischen Gesichtspunkt aus fällt in die Kategorie des Theismus aber auch der Glaube an andere definierte und unbewiesene „Dinge“, wie Einhörner, Feen, Elfen, Trolle, Kobolde, Orks, Zwerge und Russels schwebende Teekanne, sowie der Weihnachtsmann und das fliegende Spaghettimonster. Sogar der Glaube an eine Seele, einen metaphysischen freien Willen, das Leben nach dem Tod, Himmel und Hölle oder ähnliches ist auch für sich allein genommen ohne die zusätzliche Annahme eines oder mehrerer in die Naturgesetze und das Leben der Menschen eingreifender Götter ein Teil des Theismus.

2.) Deismus/Der Deist: Dem gegenüber ist der Deismus (Gottgläubigkeit) bereits ein großer Fortschritt an Rationalität. Ein Deist geht keineswegs davon aus, dass Götter oder andere Zauberwesen in die Naturgesetze eingreifen würden oder sich in irgendeiner Art und Weise für die Menschheit oder gar einzelne Individuen dieser interessierten. Bekannte Vorstellungen der Offenbarungsreligionen hegt er überhaupt nicht. Im Deismus gibt es keine Charaktergötter oder andere übernatürliche „Spezies“ wie eierversteckende Osterhasen oder die Zahnfee. Dennoch spielt der inflationär gebrauchte Begriff „Gott“ eine wichtige Rolle im nicht vollständig wissenschaftlichen Weltbild des einfach Gottgläubigen, nämlich beim so gedachten Schöpfungsprozess. Gott ist an dieser Stelle also eine handelnde Entität, die das Universum erzeugt hat und danach keine weitere Rolle mehr spielt. Ein Deist glaubt folglich auch an eine Form von Metawelt, innerhalb oder außerhalb des Universums, wo dieses Wesen seither heimisch (und arbeitslos oder tot?) ist.

3.) Panentheismus/Der Panentheist: Eine noch stärker abgespeckte Form des Glaubens ist der Panentheismus (alles in Gott). Dieser Begriff wird wegen seiner eng umgrenzten Zwischenrolle im Gegensatz zu den anderen hier genannten so gut wie nie benutzt. Der Panentheist glaubt schlicht und einfach an irgendetwas völlig undefiniertes „Höheres“ im Kosmos, das sich angeblich dem menschlichen Verstand auf alle Ewigkeit entziehe und über das mittels der wissenschaftlichen Methode prinzipiell niemals Gewissheit erlangt werden könne. In Anlehnung an ein geflügeltes Wort des deutschen Mediziners Emil Du Bois-Reymond aus dem 19. Jahrhundert kann man den Panentheismus daher auch als Ignorabimus-Glaube („Wir werden nicht wissen!“) bezeichnen. Ein historisches Beispiel für eine panentheistische Vorstellung wären die Annahmen sogenannter Vitalisten von einer unergründlichen Lebenskraft (Vis vitalis) oder der Glaube an eine freie Energie der Anhänger von Nikola Tesla. Auch viele moderne esoterische Gespinste und allgemein pseudowissenschaftliche Annahmen könnte man als panentheistisch (oft aber auch deistisch) einordnen.

Widerlegbar oder nicht?

Bekannt ist sicher, dass viele Religionskritiker und Naturwissenschaftler freimütig zugeben, dass man religiöse Vorstellungen beziehungsweise die physikalische Existenz von Gottheiten nicht widerlegen könne. Das ist aber ein wenig missverständlich formuliert. Was stimmt, ist der Sachverhalt, dass sich theistische, deistische und panentheistische Vorstellungen nicht durch empirischen Erkenntniserwerb widerlegen lassen, was – wie an dieser Stelle stets umgehend hinzugefügt wird – gemäß der Regeln des Wissenserwerbs auch nicht notwendig ist. Denn derjenige, der eine Behauptung (eine Hypothese) formuliert, ist in der Pflicht sie zu beweisen, nicht umgekehrt. Was ohne Beweise behauptet werden kann, kann auch ohne Beweise verworfen werden (Hitchens Razor Prinzip). Der unkompliziertesten Erklärung eines Sachverhalts ist stets Vorzug zu geben (Occam´s Razor Prinzip).

Innerhalb der Erkenntnistheorie ist der Wissenserwerb über ein Subjekt gemäß dem Fallibilismus allerdings erst der zweite Schritt der Untersuchung. Wenn ein Untersuchungsobjekt bereits an logischer Konsistenz scheitert, braucht man sich um empirische Untersuchungen keine Gedanken mehr zu machen. Denn während nur ein Bruchteil der logisch konsistenten Dinge auch real existent ist, ist die Existenz eines logisch unmöglichen Dings real unmittelbar ausgeschlossen. Gegen die präzise definierten Konzepte des Theismus und Deismus lassen sich mit Leichtigkeit Widerspruchsbeweise durch Logik führen (Reductio ad absurdum), was alle weiteren Überlegungen überflüssig macht. Bei Panentheismus funktioniert das allerdings aufgrund zu schwammiger und absichtlich diffuser Vorstellungen häufig nicht. „Irgendwas Höheres“ ist kein Begriff, mit dem man vernünftig arbeiten könnte. Widerlegen lässt sich dieser Minimalglaube (und nur dieser!) daher nicht.

4.) Pantheismus/Der Pantheist: Ein Pantheist wiederum ist etwas gänzlich anderes als ein „Irgendwas-Gläubiger“. Oft bezeichnet man diese bereits vollständig naturalistische Auffassung der Welt auch nach ihrem berühmtesten Vertreter als Einstein-Glaube, oder kosmische Spiritualität. Einen transzendenten Gott gibt es in dieser Weltsicht nicht, weder als Erlöser, oder einfache Schöpferfigur, noch als geisterhafte Unergründlichkeit. Auch alle anderen übernatürlichen Erfindungen fallen damit weg. Pantheismus ist eine vollständig atheistische und damit naturalistische Weltanschauung, innerhalb derer der Begriff „Gott“ hin und wieder als bloße Metapher für die Gesamtheit der Naturgesetze, das Universum oder die Welt beziehungsweise die belebte Natur gebraucht wird. Richard Dawkins beschreibt den Pantheismus daher auch als aufgepeppten Atheismus. Viele Naturwissenschaftler und Philosophen bemühen sich besonders intensiv um eine poetische und ästhetisch ausgeschmückte Artikulationsform wissenschaftlicher Erkenntnisse, die dadurch für die Allgemeinheit manchmal leichter verständlich wird und nennen sich nicht zuletzt im Zuge dessen Pantheist.

5.) Atheismus/Der Atheist: Eine Person die sich stattdessen lieber als Atheist bezeichnet wird auf solch für viele gläubige Menschen sehr missverständliche Formulierungen lieber ganz verzichten und sich schlicht Atheist (ohne Gott) nennen. Insbesondere Theisten haben nämlich die Angewohnheit Pantheisten unredlicherweise als religiöse Personen zu deklarieren. Atheismus bezeichnet die Nichtannahme, respektive Verwerfung jeder logikwidrigen oder empirisch mutwilligen Hypothese über die physikalische Existenz einer supernaturalistischen Entität oder Metawelt. Eine Person die zwar nicht an einen Offenbarungsgott glaubt, dafür aber an die Existenz der Zahnfee, ein Leben nach dem Tod oder die Wirksamkeit von Zauberwasser lässt sich kaum als Atheist bezeichnen.

Bright oder Super?

Nach einer Nomenklatur des britischen Philosophen Daniel Dennet lassen sich die ersten drei Definitionen dem Supernaturalismus zurechnen, da in Theismus, Deismus und Panentheismus Elemente des Übernatürlichen in verschieden starker Ausprägung zu Geltung kommen. Menschen die in ihrer Weltsicht auf logikwidrige oder gänzlich unbelegte Vorstellungen zurückgreifen müssen, werden demnach oft unter der Bezeichnung Supernaturalisten zusammengefasst. Pantheisten und Atheisten, deren Weltbild hingegen einzig und allein auf der wissenschaftlichen Erkenntnismethode und rationalen Überlegungen fußt gelten im Gegensatz dazu als Naturalisten. Mit Ökologie oder Umweltschutz hat dieser Begriff nichts zu tun und um Verwirrungen vorzubeugen schlug Dennet darum die Alternativbeschreibung Bright (hell, klar, schlau) vor, die sich allerdings bislang nicht wirklich durchgesetzt hat (vermutlich weil sie als zu selbstgefällig wahrgenommen wird). Da Wissen niemals Endgültigkeit beanspruchen kann und stets im Zuwachs begriffen ist, ändern sich mit der Zeit die Kriterien und Anforderungen, nach denen sich ein Mensch als Naturalist bezeichnen lässt. Ein weit verbreiteter Kenntnisstand kann beispielsweise ohne weiteres vor 10 Jahren hochaktuell und wissenschaftlich bestens abgesichert gewesen sein, in der Gegenwart jedoch vollendet als Widerlegt und daher falsch gelten. Ein weiteres Festhalten daran wider besseres Wissen würde je nach der weltanschaulichen Relevanz des Themas eine Definition als Naturalist erschweren. Bei einer solch engen Begriffsverwendung wären jedoch weltweit immer nur wenige führende Naturwissenschaftler und Universalgelehrte überhaupt in der Lage sich dieser Kategorie zuzuordnen, was die Einteilung wenig sinnvoll machen würde. Man muss an dieser Stelle schlicht akzeptieren, dass eine Person die sich als Pantheist oder Atheist bezeichnet auch dann noch als Naturalist gilt, wenn sie stellenweise veraltete Elemente in ihrer Weltanschauung führt, solange diese nur eine Nebenrolle spielen und (ganz wichtig!) Korrektur- und Fortbildungsbereitschaft besteht.

Humanismus/Der Humanist

Atheismus und Pantheismus als Gattungsformen des Naturalismus sind beide naturphilosophisch isolierten Positionen. Wie die Vorsilbe A- (weg, ab, ohne) bereits verdeutlicht handelt es sich insbesondere beim Atheismus um eine reine Verneinungsform, aus der im Gegensatz zu institutionellen Glaubenssystemen keinerlei weitere Ansprüche oder Ansichten außer der Ablehnung des Supernaturalismus erkenntlich werden, auch nicht in ethischer Hinsicht. Das macht diese Personengruppe ausgesprochen heterogen in ihrer Beurteilung aller nicht-metaphysischen Themen und sonstigen philosophischen und politischen Positionen. Ein Humanist ist daher in Abgrenzung dazu ein Atheist oder Pantheist mit einer spezifischen ethischen Agenda, welcher die historisch von der Antike über die Renaissance hin zur Neuzeit entwickelten und mühsam gegen den Supernaturalismus erkämpften Werte der Aufklärung vertritt. Dazu zählen unter anderem Demokratie (Bürgerrechte und Beteiligung an der politischen Willensfindung), Rechtsstaatlichkeit (Gleichheit vor dem Gesetz) und Individualrechte (Menschenrechte und Meinungsfreiheit), sowie eine utilitaristische Ethikkonzeption ohne metaphysische Bezugspunkte (Gut und Böse) und der allgemeine Einsatz der wissenschaftlichen Erkenntnismethode in Technologie und Gesellschaft. Der moderne Humanismus des 21. Jahrhunderts basiert dabei mittlerweile nur noch in Minderheitsanteilen auf den Ideen und Konzepten der Antike und Renaissance und hat sich derer stellenweise veralteten Ansichten entledigt. In seiner heutigen Form ist der moderne Humanismus ein evolutionärer Humanismus, der gemeinsam mit dem später entwickelten Transhumanismus auf die Agenda des Biologieprofessors Julian S. Huxley, dem ersten Generaldirektor der UNESCO zurückgeht und insbesondere in Deutschland durch den HVD, die Giordano-Bruno-Stiftung und die Partei der Humanisten vertreten wird.

 

J.M.K.,   22.12.14

 




«Wer hat ihm das Recht gegeben, zu morden?»


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Die Frage, mit der ich diesen Beitrag überschrieben habe, taucht im Zusammenhang mit Gewaltverbrechen hier und da auf. Manchmal auch in der Form „Woher nimmt er sich das Recht, …“.
Als ob es ein solches Recht geben würde.
Es handelt sich dabei um eine Suggestivfrage, mit der der Eindruck vermittelt werden soll, einem Täter, einem Mörder sei das Recht zugestanden worden, einen anderen zu töten.

Gestellt wird diese Frage bisweilen von Befürwortern der Todesstrafe, die damit jedoch für sich oder für „den Staat“ — zumindest potenziell — etwas beanspruchen, von dem sie einem Mörder unterstellen, dass es ihm gegeben worden wäre oder dass er es sich genommen hätte. Befürworter der Todesstrafe begeben sich damit auf eine Stufe noch unterhalb des Mörders, weil sie das Recht zum Töten, zum Morden für sich beanspruchen und dies juristisch zu rechtfertigen versuchen.

Ein solches Recht gibt es jedoch nicht, in keinem Land der Erde. Deshalb kann sich dieses Recht auch kein Mörder nehmen, und niemand kann es ihm geben. Was es nicht gibt, kann man sich nicht nehmen, kann einem niemand geben.

In allen Ländern der Erde ist Mord ein Verbrechen, eine gesetzeswidrige Tat.
Dies war z.B. in Deutschland auch während der Zeit der Gröfaz-Tyrannei (Hitler-Diktatur, Drittes Reich) der Fall. Damals wurde der heute in Deutschland noch immer gültige § 211 StGB (Mord) formuliert, der (m.W. als einziger Paragraph des deutschen Strafgesetzbuches) nicht eine strafbewehrte Tat beschreibt, sondern eine Täterbeschreibung enthält:

Mörder ist, wer
aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen,
heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder
um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken,
einen Menschen tötet.

Die Machthaber und Massenmörder des „Dritten Reiches“ (Adolf Hitler, Heinrich Himmler, Adolf Eichmann, … SS, Waffen-SS, teils auch Soldaten der Wehrmacht) entsprachen genau dieser Täterbeschreibung. Doch sie alle waren (vielleicht mit Ausnahme so mancher Wehrmachtssoldaten), soweit mir dies bekannt ist, Befürworter der Todesstrafe.

Heutige Befürworter der Todesstrafe entsprechen ebenfalls dieser Täterbeschreibung, ebenso Richter, die ein Todesurteil (in staatlichem Auftrag / gemäß Gesetz) fällen, sowie jene, die das Todesurteil (in staatlichem Auftrag) vollstrecken. Und auch alle Staaten als juristische Personen, die entsprechende Gesetze im Repertoire haben, entsprechen diesem Täterprofil.

Alle Staaten, in denen Todesurteile ausgesprochen und vollstreckt werden, entsprechen diesem Täterprofil. Sie machen sich aufgrund ihrer Gesetze selber zu Mördern.

Ausgenommen hiervon sind m.E. Polizeibeamte in Notsituationen, die während einer Geiselnahme — gewissermaßen stellvertretend für die Geisel — in Notwehr, wenn eine andere Möglichkeit nicht besteht, einen „finalen Rettungsschuss“ gegen den Geiselnehmer richten. Denn eine Notwehrsituation ist kein Strafverfahren, kein Gerichtsprozess.

Der Wunsch, einen Mörder oder sonstigen Gewaltverbrecher hinzurichten, entspringt dem Gedanken des Heimzahlens, der Rache. Mit Strafe hat dies nichts zu tun, sehr wohl aber mit der Neigung, Hassgefühle auszuleben — und sei es stellvertretend (vgl. Sündenbockprojektion sowie Opferkult).

Für manche Befürworter der Todesstrafe hat das Festhalten an ihr quasireligiöse Züge.

Anzumerken bleibt, dass es Todesurteile aufgrund von Diffamierungen sowie insbesondere aufgrund von Justizirrtümern weltweit bereits mehrfach gegeben hat.

Zum Abschluss des Beitrags ein Zitat des Ende Dezember 2018 verstorbenen israelischen Schriftstellers Amos Oz — im NZZ-Interview vom 18.3.2015

Jede Katastrophe der Entmenschlichung in der Geschichte beginnt mit der Entmenschlichung der Sprache.

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Eckhardt Kiwitt, Freising

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Beitragsbild: aus aktuellem Anlass habe ich als Beitragsbild eine leere Fläche gewählt.




Von Ebenbildern und Ängsten


Gott-und-das-Baertierchen_excfvUnsatirisch über’s Gottvertrauen

Es gilt manchen als unumstößliche Gewissheit, dass Gott uns Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hat. Im 1. Buch Mose, der Genesis, 1,26 und 1,27 heißt es dazu:

Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.

Warum Gott uns Menschen auserkoren hat, sein Ebenbild zu sein, und nicht eines seiner anderen Geschöpfe — oder gleichberechtigt auch alle anderen neben uns Menschen — ist sein Geheimnis, das er wohl mit ins Grab nehmen wird. Unverständlich erscheint mir auch, warum Frauen und Männer in manchen Sozialgefügen oder Vereinen nicht gleichberechtigt sind, obwohl Gott sie laut den zitierten Sätzen aus der Genesis doch beide als seine Ebenbilder erschaffen hat.

So manchen, die von unserer Ebenbildlichkeit überzeugt sind, reicht diese jedoch möglicherweise nicht, und so meinen sie, ein wenig nachhelfen und in die Resultate der Schöpfung eingreifen, aus religiösen Gründen ein wenig nachbessern zu müssen.

* * *

Im Mai 2012 fällte das Landgericht Köln ein vielbeachtetes Urteil zur Knabenbeschneidung, wie sie insbesondere im Judentum und im Islam üblich, aber auch z.B. in den Philippinen und den USA bei Christen weit verbreitet ist, und wertete dieses Ritual, das mich mehr an Voodoo denn an Religion (Gottes- / Göttinverehrung) erinnert, als strafbewehrte Körperverletzung (gemäß § 223 StGB). Im Verlauf der anschließenden öffentlichen Debatte wurde, soweit ich diese verfolgt habe, von keinem Politiker, keinem Journalisten und auch keinem Juristen die Frage aufgeworfen, was das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung mit dem im Artikel 4 Satz 2 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland zwar gewährleisteten, aber keineswegs uneingeschränkt garantierten Recht der „ungestörten Religionsausübung“ zu tun hat. Auch wurde m.W. nicht erörtert, inwieweit es das Erziehungsrecht der Eltern beinhaltet, kleine Kinder oder wehrlose Babies zu verstümmeln, Kinder dadurch „erzogen“ werden.

Aus Angst ?

Stattdessen wurde – m.E. mehr in Wort­hülsen und in Sprechblasen, die bei mir teils den Eindruck von Drohungen hinterließen statt mit Fakten unterlegt zu sein – „argumentiert“, die Religionsfreiheit würde eingeschränkt oder es würden Menschen deswegen gar ihrer Identität oder ihrer Lebensgrundlage beraubt.

Die Zirkumzision mag in Einzelfällen aus medizinischen Gründen geboten sein, aber: Wenn ich jemandem auf der Straße begegne, sehe ich ihm gar nicht an, ob er beschnitten ist oder nicht, kann seine mögliche Religionszugehörigkeit an diesem Merkmal folglich nicht erkennen — und habe auch nicht das Bedürfnis, dies näher zu untersuchen.

Falls das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung – entgegen der Aussage in unserem Strafgesetzbuch – keine Straftat sein sollte, was ist es dann? Oder ist Körperverletzung nur dann keine Straftat, wenn sie „religiös“ intendiert ist? Soll also das Begehen von Straftaten dann legitimiert sein, wenn dies als zur „ungestörten Religionsausübung“ gehörend deklariert wird? Das könnte einen beträchtlichen Interpretations- und Handlungsspielraum eröffnen. Siehe auch: BGB § 1631d, in Kraft getreten am 28.12.2012 sowie die Begründung dazu.

* * *

Das Vertrauen in die Fähigkeiten Gottes sowie in die Überzeugung, dass er uns Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hätte, scheint mir bei jenen sehr gering zu sein, die meinen, seine Schöpfung z.B. durch ein Herumschnippeln an wehrlosen Babies oder an unmündigen Kindern verbessern zu müssen um damit möglicherweise einen Bund mit ebendiesem Gott herzustellen. Hat sich Gott dazu schon geäußert, ist er damit einverstanden? Vielleicht verhöhnen sie ihren Gott damit sogar als jemanden, der die Sache nicht perfekt auf die Reihe bekommen hat. Diesbezüglich von Hybris zu sprechen, erschiene mir jedoch unpassend, da diese voraussetzen würde, dass es besagten Gott tatsächlich und nachweislich geben müsste. Auch die Gleichberechtigung von Frau und Mann nicht anzuerkennen, spricht nicht davon, dass jemand von der Ebenbildlichkeit überzeugt wäre. Es ist wohl eher ein Ausdruck von der Angst davor, gesellschaftliche sowie politische Gestaltungsmöglichkeiten und Macht teilen zu müssen.

Eckhardt Kiwitt, Freising

Siehe auch den Beitrag Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit und Fehlverhalten auf dieser Website

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Beitragsbild:
Collage / Bearbeitung aus Michelangelo: Die Erschaffung Adams (Wikipedia) und
Das Bärtierchen Milnesium tardigradum (Wikipedia)




Missverstandene Religionsfreiheit


Religionsfreiheit ist ein umstrittener Begriff. In manchen Ländern hat sie weitreichende Gültigkeit und ist gesetzlich oder verfassungsrechtlich garantiert; manch einer weiß mit dem Begriff möglicherweise nichts anzufangen, da er sich ein Leben ohne seine Religion nicht vorstellen mag.

1.: In Deutschland ist die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses gemäß GG Artikel 4 Satz 1 unverletzlich.

2.: Darüberhinaus wird die ungestörte Religionsausübung gemäß GG Artikel 4 Satz 2 gewährleistet.

Zum Verständnis dieser beiden Sätze und Sachverhalte ein paar Worte:

Zu 1.: Ich unterscheide zwischen

  • dem Glauben;
  • dem öffentlichen Bekenntnis zu diesem Glauben;
  • dem Zurschaustellen des Bekenntnisses durch Zeigen von Symbolen;
  • dem Ausführen von Handlungen im Rahmen der Religionsausübung.

.

Die Freiheit des Glaubens ist selbstverständlich in jedem Fall unverletzlich, da das Glauben in unseren Köpfen stattfindet, und es anderen Menschen gar nicht möglich ist, zu wissen, was jemand glaubt, solange er sich dazu nicht äußert. Man kann es sich z.B. daheim auf dem Sofa bequem machen und etwas glauben, ohne dass andere davon etwas erfahren.

Die Unverletzlichkeit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses ist zwar lt. GG Artikel 4 Satz 1 gegeben. Dies schließt jedoch nicht in jedem Fall aus, dass jemandem wegen seines (religiösen oder) weltanschaulichen Bekenntnisses Nachteile entstehen können.

Nehmen wir an, ein Jurist, z.B. ein Richter in Deutschland am Verfassungsgericht oder an einem anderen Gericht, bekennt sich öffentlich dazu, dass er glaubt, dass es den Holocaust, jenen staatlich organisierten Massenmord während des Dritten Reiches, nicht gegeben hätte. Ob dieser Jurist / Richter am Gericht tragbar ist, sei dahingestellt. M.E. ist er es nicht — siehe u.a. Deutsches Richtergesetz § 39, aber auch Beamtenstatusgesetz § 33 sowie Mäßigungsgebot (Wikipedia) –, auch wenn er selbstverständlich glauben darf, was er will. Er würde nach meinem Verständnis die weltanschauliche Neutralität des Gerichts diskreditieren.

Würde dieser Richter sein weltanschauliches Bekenntnis dadurch untermauern und zum Ausdruck bringen, dass er in hochglanzpolierten Springerstiefeln mit weißen Schnürsenkeln zum Dienst erscheint oder während einer Gerichtsverhandlung in solchem Schuhwerk auftritt, wäre er in seinem Amt wahrscheinlich untragbar. Gleiches gilt, wenn er z.B. mit einem Roten Stern mit Hammer und Sichel am Revers als Richter an einer Gerichtsverhandlung teilnehmen wollte. Durch das Zeigen solcher Symbole würde er aus meiner Sicht die weltanschauliche Neutralität des Gerichts sowie das dem Gericht entgegengebrachte Vertrauen in dessen Unabhängigkeit untergraben.

Im Übrigen gibt es für einige Berufe eine Anzugsordnung.

Würde dieser Richter über sein bloßes Bekenntnis hinaus leugnen, dass es den Holcaust während des Dritten Reiches gegeben hat, würde er sich in Deutschland und in mehreren anderen Ländern strafbar machen.

Zu 2.: Ungestörte oder uneingeschränkte Religionsausübung

Das Recht der ungestörten Religionsausübung bezieht sich nach meinem Verständnis darauf, religiöse oder religiös begleitete Veranstaltungen oder Riten ohne Störung von außen abhalten zu dürfen, also z.B.

  • Initiationsriten wie Taufe
  • Gottesdienst
  • Beichte
  • Gebet
  • Prozession
  • Begräbnis

solange während dieser keine Straftaten begangen oder zu Begehung von Straftaten aufgefordert wird.

Das Begehen von Straftaten als religiösem oder religiös deklariertem Ritus ist m.E. durch die Gewährleistung dieses Grundrechts nicht gedeckt — im Gegenteil. Sollten Exekutivorgane davon Kenntnis erlangen, werden sie in einem solchen Fall die Religionsausübung vermutlich nicht nur stören, sondern unterbinden.

Nach meinem Verständnis sind also weder die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses noch die ungestörte Religionsausübung — vulgo Religionsfreiheit — grenzenlos.

Die Zulässigkeit der Beschneidung des männlichen Kindes gemäß BGB § 1631d, also des Zufügens einer irreversiblen Körperverletzung, ist nach meiner Einschätzung einer gesellschaftspolitischen Abwägung geschuldet, der ich ambivalent gegenüberstehe (siehe «Angst», darin Punkt 5).

* * *

Zuweilen wird in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, darüber debattiert und gestritten, ob das Tragen religöser Symbole z.B. in Gerichtssälen erlaubt sein soll oder nicht.
Insbesondere geht es in diesen Debatten und Rechtsstreitigkeiten darum, ob es einer Frau in staatlicher Funktion erlaubt sein soll, z.B. während einer Gerichtsverhandlung, an der sie als Rechtsreferendarin teilnimmt, ein Kopftuch als Ausdruck ihrer Religionszugehörigkeit bzw. ihres religiösen Bekenntnisses zu tragen.

Argumentiert wird in solchen Fällen u.a., dass man einen Menschen, der seine Religionszugehörigkeit oder sein religiöses Bekenntnis nicht symbolisch zur Schau stellen darf, zum Berufsverbot verurteilt.

Nicht nur, dass manch einer, der in einem solchen Fall unter Hinweis auf die Religionsfreiheit von "Berufsverbot" schreibt oder spricht, Partei für ein despotisches System ergreift in dem es keine Religionsfreiheit gibt, für ein System, dessen "religiöse" Gesetze und Vorschriften häufig mit den in unserer Verfassung garantierten Grundrechten sowie mit mehreren Menschenrechten kollidieren, und in dem auf Apostasie auch heutzutage noch die Todesstrafe steht, die in Deutschland gemäß GG Artikel 102 verfassungswidrig ist (ungeachtet, in welchen Ländern Urteile aufgrund dieses "religiösen" Gesetzes gesprochen oder vollstreckt werden: es ist gültiges islamisches Gesetz, siehe den WB-Beitrag Religion und Zynismus, Tradition und Tabu vom 3. März 2019). Er verkennt auch, dass von einem Berufsverbot gar nicht die Rede sein kann — denn jemand, der seine Religionszugehörigkeit durch das Zeigen von Symbolen zur Schau stellen möchte, droht in Deutschland kein Berufsverbot von staatlicher Seite. Lediglich das Zurschaustellen der Religionszugehörigkeit oder des religiösen Bekenntnisses mittels eines Symbols wird während der Berufsausübung untersagt, aber nicht die Berufsausübung als solche. Zumal dieses Zurschaustellen für die Berufsausübung nicht erforderlich ist und mit dieser in keinem sachlichen Zusammenhang steht. Im Gegenteil würde dadurch in diesem konkreten Fall die weltanschauliche Neutralität des Gerichts sowie das dem Gericht entgegengebrachte Vertrauen in dessen Unabhängigkeit untergraben.

Auch die Religionsfreiheit — siehe oben, sowie den GG Artikel 140 — wird dadurch nicht versagt, dass in etlichen Berufen während der Berufsausübung — Stichwort Anzugsordnung — ein bestimmter Dresscode vorgeschrieben sein kann. Dies betrifft nicht nur Richter oder Rechtsreferendarinnen, sondern z.B. auch Polizeibeamte, Soldaten, Feuerwehrleute, Bedienstete in Krankenhäusern wie z.B. Chirurgen und einige mehr, die während der Berufsausübung ihre Individualität aus ganz praktischen Gründen oder zugunsten einer Gruppe oder eines Verbandes zurückstecken müssen.
Es ist nach meinem Verständnis umgekehrt so, dass jemand, der (als Demonstration eines Machtanspruchs?) darauf beharrt, seine Religionszugehörigkeit bzw. sein religiöses oder weltanschauliches Bekenntnis durch das Zeigen von Symbolen überall und jederzeit herauszustellen, sich selbst u.U. ausgrenzt — sich selbst diskriminiert — und sich ggf. selbst von der Berufsausübung ausschließt, wenn er auf das Zeigen dieser Symbole nicht verzichten will.

Es steht jedem frei, die tatsächlichen oder vermeintlichen Gesetze seiner Religion im persönlichen Bereich zu beachten und zu befolgen. Diese Gesetze jenseits des privaten / persönlichen Bereichs über die Gesetze des Staates zu stellen — und damit den Staat womöglich untergraben zu wollen —, ist durch die Religionsfreiheit nicht legitimiert.

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Abschließend eine Anmerkung, auch wenn diese falsch verstanden werden könnte:

Ob in Europa bislang — mit Verweis auf die Religionsfreiheit — jemals eine Forderung erhoben wurde, während einer Gerichtsverhandlung eines der fünf täglichen islamischen Pflichtgebete sprechen zu dürfen, inclusive Ausrollen eines Gebetsteppichs im Gerichtssaal und vielleicht sogar bewaffnet, wie es der Koran in Sure 4 Vers 102 "vorschlägt", ist nicht überliefert.

Eckhardt Kiwitt, Freising

Dieser Beitrag ist in einer früheren Fassung am 11. Juli 2017 auf der Website Das Islam-Prinzip erschienen.

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Ergänzend:

sowie

Siehe auch die Kolumne Das Islam-Paradox
von Jochen Bittner, DIE ZEIT, 26. Oktober 2017

[…] Die Geltung eines Grundrechts hängt nicht davon ab, wie sein Träger mit diesem Grundrecht umgeht. Sehr wohl eingeschränkt werden kann allerdings die Ausübung eines Glaubens.

sowie den Kommentar Auch über den Islam darf gestritten werden
von Malte Lehming, DER TAGESSPIEGEL, 27. Oktober 2017

[…] Wer stiehlt, darf deshalb nicht bestohlen werden. Auch Anhängern eines Glaubenssystems, das selbst keine Religionsfreiheit gewährt, steht das grundgesetzlich garantierte Recht auf Religionsfreiheit zu.

und Religionsfreiheit: Lieber Recht als rechts
von Hans Michael Heinig, DIE ZEIT, 2. November 2017

Die Religionsfreiheit gilt unabhängig davon, wie modern die Religionskultur ist, der jemand anhängt.

Bild oben:
Ausriss aus dem Titelblatt der "Short Declaration of the Mystery of Iniquity" (Eine kurze Erklärung des Geheimnisses der Ungerechtigkeit), einer Forderung nach Religionsfreiheit aus dem 17. Jhdt. von Thomas Helwys. (Wikipedia)




Toleranz und Wertschätzung


DuAToleranz ist ein vielbemühter Begriff im Umgang mit Menschen aus anderer Herren und Damen Länder, aus anderen Kulturkreisen, Menschen mit anderen Wertvorstellungen oder mit anderen Weltanschauungen als der eigenen. Toleranz ist jedoch auch ein manchmal missverstandener oder unzutreffend interpretierter Begriff, und die Grenze zur Heuchelei ist dabei bisweilen nicht weit entfernt.

Ein Erlebnis aus den 1990er Jahren ist mir in Erinnerung, welches anschaulich macht, was Toleranz nicht ist (vgl. den letzten Satz dieses Beitrags). In einem kleinen Restaurant saß ein junges Ehepaar mit seinen Kindern an einem Nachbartisch, das Rauchen war seinerzeit in Gaststätten in Bayern noch erlaubt. Der Familienvater zündete sich eine Zigarette an, was sein ca. achtjähriger Sohn unter Tränen wegen der für ihn als unerträglich empfundenen Geruchsbelästigung deutlich missbilligte und darum bat, aufs Rauchen bei Tisch und in einem geschlossenen Raum zu verzichten. Der Vater erwiderte seinem Sohn, er möge doch tolerant sein. Umgekehrt schien es dem Familienvater nicht möglich oder zumindest nicht angemessen, dem Wunsch seines Kindes zu entsprechen.

Im Umgang mit religiösen oder ethnischen Minderheiten ist der Toleranzbegriff in den letzten Jahrzehnten und bis in die Gegenwart hinein (vgl. Das selbstherrliche Gott — oder: Vom Ende absoluter Macht, letztes Drittel) oft ein wenig überstrapaziert worden. In einem satirischen Beitrag aus dem Mai 2018 wird einer Politikerin einer seit vielen Jahren im Deutschen Bundestag vertretenen Partei etwas untergeschoben, das, vergleicht man es mit anderen Aussagen, die aus dieser Partei bisweilen zu vernehmen sind (siehe den Beitrag „Gastfreundschaft, Wertschätzung und religiöse Diktate“, vierter Absatz), von der Realität nicht weit entfernt scheint: «Ein Verkaufsverbot für Alkohol während des Ramadans sei ein „wichtiges Zeichen für die Toleranz“».

Karl Raimund Popper (1902-1994), ein österreichisch-britischer Philosoph, schrieb in einem seiner Bücher: „Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“ („We should therefore claim, in the name of tolerance, the right not to tolerate the intolerant.“).
Der Widerspruch in seiner Aussage ist ihm möglicherweise nicht aufgefallen, denn sobald man die Intoleranz nicht toleriert, wird man selber intolerant. Wie aber will man in dem Fall mit sich selbst umgehen?

Zutreffender und im Nachgang der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft hat es der SPD-Politiker Dr. Carlo Schmid in seiner Rede vor dem Parlamentarischen Rat am 8. September 1948 formuliert, als er vom „Mut zur Intoleranz denen gegenüber“ sprach, „die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen“.

Grenzen der Toleranz wurden der Weltöffentlichkeit Ende Dezember 1989 drastisch vor Augen geführt. In Rumänien hatte der Diktator Nicolae Ceaușescu die Menschen jahrzehntelang tyrannisiert, und die Rumänen, ein duldsames, also tolerantes Volk, wussten dagegen lange Zeit nichts zu unternehmen. Erst nach dem Fall der Berliner Mauer und noch vor dem sich abzeichnenden Zusammenbruch des Warschauer Pakts und dessen Schutzmacht Sowjetunion begehrten die Menschen in dem Land während einer Rede Ceaușescus auf, wenige Tage später wurde der Tyrann nach einem Prozess und Urteil hingerichtet, ermordet, ein Racheakt, den ich niemals gutheißen kann und der sich, wie jedes Todesurteil, bislang noch immer und überall als kontraproduktiv erwiesen hat.

In seinem Buch «Kritik der reinen Toleranz» schreibt Henryk M. Broder: „Tolerieren bedeutet wörtlich dulden, gewähren lassen. Wer die Güte hat, jemand zu tolerieren, hat auch die Macht, ihn zu vernichten, wenn er es sich anders überlegt hat.“

Man duldet — toleriert –, was man im Grunde nicht mag. Mit Wertschätzung hat Toleranz also nichts zu tun. Toleranz geht einher mit Geringschätzung, die bis in den Bereich der Verachtung und der Feindschaft reichen kann.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Beitragsbild:
tolerandus & acceptus — Auszug aus einem Lateinisch-Deutsch-Wörterbuch
(1979, eigenes Bild)

Weblinks:
Toleranz, Wikipedia
Trefflich: Brief an die Heuchler
Grüne Niedersachsen, „gegen […] Intoleranz“
Berliner Express, 28. Mai 2018 (eine Satire)
Das selbstherrliche Gott — oder: Vom Ende absoluter Macht, Wissenbloggt
Gastfreundschaft, Wertschätzung und religiöse Diktate, Wissenbloggt
Karl Raimund Popper, Wikipedia
Karl Raimund Popper, Wikiquote
Google Books, Karl Raimund Popper, The Open Society and Its Enemies, Band 2
Was heißt eigentlich: Grundgesetz? (PDF), von Dr. Carlo Schmid (SPD)
Nicolae Ceaușescu, Wikipedia
Fall der Berliner Mauer, Wikipedia
Tyrannenmord, Wikipedia

Weiterführend:
Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit und Fehlverhalten, Wissenbloggt
Jeder soll nach seiner Façon selig werden, Wissenbloggt




Gastfreundschaft, Wertschätzung und religiöse Diktate


Buffet-1-96Als ein religiös und weltanschaulich neutraler Staat garantiert Deutschland in unserer Verfassung, dem Grundgesetz, in Artikel 4 die Freiheit des Glaubens, des Gewissens sowie die Freiheit des religiösen und des weltanschaulichen Bekenntnisses. Der Staat selbst hat jedoch weder eine Staatsreligion noch eine Staatsweltanschauung.

Im November 2018 richtete der amtierende Innenminister der Bundesrepublik Deutschland eine Fortsetzungsveranstaltung der „Deutschen Islam Konferenz“ DIK in Berlin aus. Zu dieser Veranstaltung war eingeladen worden, es wurde jedoch niemand zur Teilnahme gezwungen, sie war freiwillig und oblag den Eingeladenen. Den Teilnehmern und Gästen, unter ihnen auch Journalisten, wurden, wie es bei solchen Anlässen üblich ist, während der langen Veranstaltung selbstverständlich Speisen und Getränke angeboten, da der Veranstalter nicht davon ausgehen kann, dass sich jeder sein Pausenbrot selbst mitbringt. Unter den angebotenen Speisen befanden sich Medienberichten zufolge (siehe [1], [2] und [3]) u.a. Häppchen mit Blutwurst.

Dass der Verzehr von Blut wie auch der Verzehr von Schweinefleisch im Islam aufgrund überkommener religiöser Vorschriften verboten ist (siehe Koran, Sure 5 Vers 3), ist einerseits wohl hinlänglich bekannt. Weniger bekannt ist möglicherweise, dass nicht alle Muslime diese Verbote befolgen. Weniger bekannt ist möglicherweise auch, dass die hygienischen Umstände, die einst zu diesen Verboten geführt haben, heute nicht mehr fortbestehen. Andererseits wurde während dieser Veranstaltung der DIK niemand dazu genötigt, die angebotenen Speisen zu verzehren — sie waren lediglich in dem breit gefächerten Angebot enthalten, das neben anderen Fleischsorten sogar Speisen u.a. für Vegetarier enthielt.

Einer der anwesenden Journalisten, dessen Name, Herkunft, Religionszugehörigkeit und Beschäftigungsverhältnis für mich keine Rolle spielen (Interessierte können dies in den verlinkten Zeitungsartikeln finden), kritisierte das breite Speisenangebot dennoch und meinte u.a. „Ein wenig Respekt vor Muslimen, die kein Schweinefleisch essen, wäre angebracht“.
Der ehemalige religionspolitische Sprecher einer seit langem im Deutschen Bundestag vertretenen Partei, die sich aus meiner Sicht in den vergangenen Jahrzehnten häufig mit rechtsreaktionärem Despotismus solidarisiert hat sofern dort das Etikett „Islam“ draufklebt, und die in ihrem Namen die Farbe des Islams trägt, sekundierte dem Journalisten laut Medienberichten mit dem Satz „Vielfalt wahrnehmen heißt auch unterschiedliche Gewohnheiten berücksichtigen“.

Genau dies, „unterschiedliche Gewohnheiten berücksichtigen“, hat der Ausrichter der DIK jedoch gemacht, weshalb es an der Entscheidung, den Teilnehmern und Gästen der Konferenz Speisen und Getränke für verschiedene Geschmäcker und unter Berücksichtigung verschiedener Weltanschauungen anzubieten, nichts auszusetzen gibt. Ein wenig befremdlich wirkt auf mich hingegen eine Beinahe-Entschuldigung des Innenministeriums, die mit den Worten zitiert wird „Sollten sich einzelne Personen […] in ihren religiösen Gefühlen gekränkt gesehen haben, bedauern wir dies“.

Ich meine, dass sich ein freiheitlicher demokratischer Rechtsstaat, der keine Staatsreligion und keine Staatsweltanschauung hat, in seinem Wertegefüge niemals den Diktaten von Religionen beugen darf, weil dieser Staat ansonsten seine religiöse und weltanschauliche Neutralität zur Disposition stellen würde.

Interessant könnte sein, ob während des in Deutschland seit dem Jahr 1997 stattfindenden «Tags der offenen Moschee» am 3. Oktober den nichtmuslimischen Besuchern und Gästen Speisen und Getränke angeboten werden, die nicht den islamischen Speisevorschriften entsprechen — und, falls dies nicht geschieht, darüber mit ähnlichen Argumenten berichtet und geurteilt wird, wie es in dem hier geschilderten Fall bei der Deutschen Islam Konferenz gewesen ist.

Anmerkung zum letzten Absatz dieses Beitrags:
Gleiches gilt für Veranstaltungen anderer Religions- und Weltanschauungsvereinigungen.

Eckhardt Kiwitt, Freising
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Bild oben: Dorina Andress (Eberswalde), Wikipedia
[ 1 ] FAZ: Blutwurst auf der Islamkonferenz
[ 2 ] Tagesspiegel: Seehofer serviert Blutwurst bei Islamkonferenz
[ 3 ] Welt: Innenministerium bietet Teilnehmern der Islamkonferenz Blutwurst an

Link zum Originalbeitrag: https://islamprinzip.wordpress.com/2018/12/01/gastfreundschaft-wertschaetzung-und-religioese-diktate/




Troll-Aus


Troll_becoming_a_mountain_ill_jnlTrolle sind bekannt als menschengestaltige Fabelwesen der Mythologie. Im Internetzeitalter hat der Begriff eine neue Bedeutung bekommen: So bezeichnet man nun "eine Person, die ihre Kommunikation im Internet auf Beiträge beschränkt, die auf emotionale Provokation anderer Gesprächsteilnehmer zielen".[1]
Für viele Menschen, die häufig im Internet unterwegs sind, ist dies ärgerlich, andere mögen sich daran ergötzen. In "sozialen" Netzwerken wie Facebook sind Internet-Trolle sehr präsent, in den moderierten Kommentarbereichen der Online-Auftritte mancher Zeitungen und Zeitschriften werden einzelne, gemäßigte Troll-Kommentare bisweilen freigeschaltet, weil sie dort m.E. tatsächlich eine soziale Funktion erfüllen können: indem sie Hassgefühle und Sündenbockprojektionen kanalisieren. Insgesamt enthalten Troll-Kommentare jedoch nichts Konstruktives, sondern eher Destruktives.

Ein Beispiel eines Leserkommentars, den ich als Troll-Kommentar einstufe, zeigt der Screenshot von der Website einer Tageszeitung. In dem zugehörigen Zeitungsartikel geht es um den Versuch der Entmachtung des venezolanischen Präsidenten Maduro, dem Verfasser des dazu abgegebenen Leserkommentars hingegen geht es — themenfremd, emotional, unsachlich — um einen Seitenhieb auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Bundesregierung.

Screenshot, eigenes Bild

Screenshot, eigenes Bild

Im Januar 2019 veröffentlichte der Verein ichbinhier auf seiner Facebookseite einen «Offenen Brief an Online-Redaktionen und Journalisten», dessen Text man laut schriftlicher Auskunft des Vereins verwenden und verbreiten darf (die Einverständniserklärung liegt mir vor). Da nicht jeder WB-Leser über einen Facebook-Account verfügt und da der Text m.W. nicht auf der Website des Vereins ichbinhier veröffentlicht wurde, stelle ich ihn hier zur Verfügung.

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Offener Brief an Online-Redaktionen und Journalisten

 

ichbinhier Der Verein·Sonntag, 20. Januar 2019

Liebe Online-Redakteure bei reichweitenstarken Facebookseiten: So wird das nicht gutgehen!

Eure Kommentarspalten werden mit Desinformationen, Aufrufen zu Gewalt, aufhetzenden Kommentaren, Lügen und Verdrehungen geflutet. Es fehlen Klarstellungen! Vor allem aber fehlen Aufforderungen zur Unterlassung und das Sanktionieren von Beleidigungen und Beschimpfungen. Was soll denn das?

Unter solchen Kommentaren werden dann noch viele Likes und Bestätigungen hinterlassen. Wir haben oft genug darauf hingewiesen, dass nur wenige Personen durch mehrfache Accounts in den Kommentarspalten den Eindruck einer Mehrheit erzeugen wollen. Online-Wahlkampfhelfer verabreden sich auf genau solchen Medien-Seiten, auf denen sie ungestört kübeln und ihre Botschaften verbreiten können.

Eure Facebookseiten verkommen zu riesigen Echokammern. Und anscheinend interessiert es Euch nicht. Das ist fahrlässig!

Täglich schlagen wir uns auf Euren Seiten mit Fake- und Mehrfachprofilen herum, müssen uns auslachen und dumm anmachen lassen. Wenn es in der Meldung um eine Gewalttat geht, wünscht man uns: "Hoffentlich trifft es euch mal!"

Ein besonderes Beispiel ist die Facebook-Seite von ZDF heute: Wir alle bezahlen die Rundfunkgebühr und damit auch den Facebook-Auftritt, die Redakteure und die Aufbereitung des Social-Media-Contents. Und ich sehe es wirklich nicht ein, dass mich Trolle, Fake-Profile und Sockenpuppen von den Seiten einer durch die Allgemeinheit finanzierten Medienanstalt verjagen.

Ganz deutlich: Natürlich möchte ich nicht, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird. Probleme müssen selbstverständlich aufgezeigt werden, aber bitte mit Augenmaß. Es geht nicht um "Meinungsdiktatur". Schon das Wort ist Unfug. Die Meinungsfreiheit wird vielmehr von denen gefährdet, die mit ihren Kampagnen Eure Kommentarspalten dominieren. Ihr überlasst ihnen willig das Feld.

Ich bin es leid, dass wir seit Monaten vor diesem Missbrauch der Kommentarspalten warnen, ohne dass Ihr etwas dagegen unternehmt. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Regulierung durch Moderation einen mäßigenden Einfluss hätte.

Ihr lasst zu, dass Diskurs von Euren Seiten vertrieben wird. Er findet einfach nicht statt, weil wir uns damit beschäftigen müssen, dass Accounts den Holocaust relativieren, die Todesstrafe fordern oder Gewalt- und Selbstjustizphantasien online ausleben.

Natürlich müssen auch wir uns immer wieder fragen, ob wir bereit sind, andere Meinungen zu akzeptieren oder eventuell Menschen zu Unrecht und zu schnell in eine Ecke stellen. Keine Frage.

Und dennoch, liebe Facebook-Redakteure: Denkt bitte darüber nach, ob Ihr Euch zum Werkzeug von Leuten machen lassen wollt, die unseren Staat kaputt machen wollen. Mit dem immer fortwährenden Schüren von Ängsten und dem Anzweifeln des Rechtsstaats. Und ob Ihr populistische Propaganda bis hin zu Verschwörungstheorien, massiven Desinformationen und Verharmlosungen der Nazizeit auf Euren Seiten haben möchtet.

Viele Grüße
Alex Urban für die Aktionsgruppe #ichbinhier

ichbinhier wünscht sich von Online-Medien:

1. Weniger Triggerthemen!
Stellt Euch bei der Themenauswahl breiter auf und bedient nicht die Erregungsspirale, die von einer kleinen, lauten Minderheit stetig in Gang gehalten wird, indem Ihr weit überproportional über Zuwanderung, "Ausländerkriminalität" pp. schreibt.

2. Fakten statt Spekulation!
Berichtet, wenn Fakten da sind, ansonsten beruft Euch auf die Veröffentlichungen der Polizei. Wer über ein aktuelles Ereignis wenig Informationen hat, sollte zurückhaltend berichten und nicht wenige Teilinformationen zu einer großen Geschichte aufblasen. Wir alle müssen uns darum bemühen, Ungewissheit auszuhalten. Das gilt für die Journalisten wie für die Leser gleichermaßen.

3. Verzichtet auf Clickbaiting. Seriöser Journalismus kommt ohne aus.
Bitte kein Clickbaiting durch reißerische und teils irreführende Überschriften und das Provozieren heftiger Emotionen!

4. Geht verantwortungsbewusst mit Eurer Reichweite um!
Und so oder so: Wer die sozialen Medien für Reichweite nutzt, ist auch dafür verantwortlich, was unter den Beiträgen in der Kommentarspalte los ist. Die ersten Kommentare beeinflussen den Deutungsrahmen zu den Inhalten. Eine aufmerksame Moderation ist unerlässlich!

5. Macht Eure Kommentarspalten zum Wohlfühlort für Demokraten!
Eure Leser sollen sich auch in den Kommentarspalten wohlfühlen. Setzt daher Eure Netiquette durch! Macht die Kommentarspalten zu einem Ort, an dem Menschen sich austauschen können, ohne Angst haben zu müssen, beleidigt und angegangen zu werden. Wenn Ihr gut moderiert, schafft ihr Euch eine Community, die aus echten Menschen besteht und Euch langfristig unterstützt. Profile, die andere Nutzer persönlich angreifen, und solche, die sich menschenfeindlich äußern, gehören gesperrt.

6. Steht für journalistische Qualität ein!
Erklärt Eure Standards, immer und immer wieder. Nicht nur, weil wir für gute Debatten auch eine gute Faktenbasis brauchen, sondern damit wir und die Mitglieder Eurer Communities in der Fülle an Informationen die guten von den schlechten trennen können und diesen Maßstab woanders einfordern können.

Edit [Anmerkung des Vereins „ichbinhier“]:

Verschiedene Studien bestätigen die Notwendigkeit von Moderation:

Die Medienanstalt NRW zeigt in ihrer Studie praktische Maßnahmen auf, die die Diskussionskultur maßgeblich verbessern: https://www.medienanstalt-nrw.de/service/pressemitteilungen/pressemitteilungen-2018/2018/juni/dont-feed-the-trolls.html
In unserer Studie in Kooperation mit dem Institute for Strategic Dialogue haben wir nachgewiesen, wie Rechtsextreme die Kommentarspalten großer Medienseiten bewusst als Propagandafläche nutzen. https://www.isdglobal.org/wp-content/uploads/2018/07/ISD_Ich_Bin_Hier_2.pdf
Die Studie des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) Jena im Auftrag von Campact zeigt, dass die Meinungsfreiheit im Netz durch Hassrede eingeschränkt wird. Die Autoren sprechen von einem “schleichenden Angriff auf unsere Demokratie”. https://www.idz-jena.de/newsdet/hass-im-netz-der-schleichende-angriff-auf-unsere-demokratie/

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Eine Anmerkung meinerseits zum Thema Moderation:

Die Moderation von Leserkommentaren wird manchmal als "Zensur" bezeichnet. Es steht einem Onlinemedium sowie einem Verlag jedoch frei, unaufgefordert eingesandte Textbeiträge wie z.B. Leserkommentare, Buchmanuskripte, aber auch Bilder etc. zu veröffentlichen — oder nicht zu veröffentlichen. Dies ist eine redaktionelle, manchmal auch eine verlegerische Entscheidung. Die Pflicht zur Veröffentlichung besteht lt. Pressegesetz nur im Fall der Gegendarstellung (siehe z.B. Art. 10 des Bayerischen Pressegesetzes; in anderen Bundesländern gelten vergleichbare Rechtsvorschriften).
Zensur hingegen ist, wenn "der Staat", vertreten durch seine Institutionen, das Recht auf freie Meinungsäußerung behindert oder unterbindet. Aufgrund von Gesetzen kann das Recht auf freie Meinungsäußerung jedoch auch in einem freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat in begründeten Fällen (!) eingeschränkt sein (siehe z.B. Artikel 5 unserer Verfassung, des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland). Die Begründung muss öffentlich sein.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Siehe auch:
https://www.bosch-stiftung.de/de/story/was-tun-gegen-hassrede-im-netz

[1]: https://de.wikipedia.org/wiki/Troll_(Mythologie)

Bildquellen:
Troll (Mythologie), Illustator: JNL, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Troll_becoming_a_mountain_ill_jnl.png
Screenshot, eigenes Bild
Troll nicht füttern pink, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Troll_nicht_fuettern_pink.png




Sprachliche Gleichbehandlung vs. Sprachverhunzer


Speech_2Aus Österreich kommt schon der zweite Artikel zum Schutz der Sprache, und es geht keineswegs um typisch österreichsche Ausdrucksweisen. Es geht darum, die deutsche Sprache gegen Verhunzer zu schützen. Dazu hat atheisten-info.at am 17.7. eine lesenswerte Parade von Beispielen gebracht, bis hin zu den politischen Implikationen und den "BürgerInnenmeisterInnen" (Bild: Jankaka, Wikimedia Commons):

Sprachliche Gleichbehandlung

Bundesgleichbehandlungsgesetz – Begriffsbestimmungen
§ 2. (..) (4) Vertreterin oder Vertreter des Dienstgebers im Sinne dieses Bundesgesetzes ist jede Bundesministerin, jeder Bundesminister, jede Dienststellenleiterin, jeder Dienststellenleiter, jede und jeder Vorgesetzte sowie jede und jeder Bedienstete, soweit die betreffende Person auf Seiten des Dienstgebers maßgebenden Einfluss auf Personalangelegenheiten oder Regelungen gegenüber den Bediensteten hat.

Das war ein Beispiel eines vollständig gegenderten Textes, alle Formen wurden männlich und weiblich angeführt – das ist allerdings noch längst nicht überall der Fall:
Bundesverfassung Artikel 64. (1) Wenn der Bundespräsident verhindert ist, gehen alle seine Funktionen zunächst auf den Bundeskanzler über. Ein Aufenthalt in einem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union gilt nicht als Verhinderung. Dauert die Verhinderung jedoch länger als 20 Tage, oder ist der Bundespräsident gemäß Art. 60 Abs. 6 an der ferneren Ausübung seines Amtes verhindert, so üben der Präsident, der zweite Präsident und der dritte Präsident des Nationalrates als Kollegium die Funktionen des Bundespräsidenten aus. Das Gleiche gilt, wenn die Stelle des Bundespräsidenten dauernd erledigt ist.

Genderrichtig müsste der Artikel 64 (1) so lauten:
Wenn der Bundespräsident, die Bundespräsidentin verhindert ist, gehen alle seine, ihre Funktionen zunächst auf den Bundeskanzler, die Bundeskanzlerin über. (..) Dauert die Verhinderung jedoch länger als 20 Tage, oder ist der Bundespräsident, die Bundespräsidentin gemäß Art. 60 Abs. 6 an der ferneren Ausübung seines, ihres Amtes verhindert, so üben der Präsident, die Präsidentin, der zweite Präsident, die zweite Präsidentin und der dritte Präsident, die dritte Präsidentin des Nationalrates als Kollegium die Funktionen des Bundespräsidenten, der Bundespräsidentin aus. Das Gleiche gilt, wenn die Stelle des Bundespräsidenten, der Bundespräsidentin dauernd erledigt ist.
Man könnte das Ganze natürlich um es abzukürzen mit Binnen-I schreiben, aber für einen Verfassungsartikel wäre das wahrscheinlich unangemessen.

Die Anführung des weiblichen Geschlechtes, wenn ein Wort männlichen Geschlechtes als Gattungsbezeichnung gebraucht wird, ist in manchen Bereichen schon lange Zeit gebräuchlich und vernünftig. Etwa wenn von "Kolleginnen und Kollegen" oder von "Genossinnen und Genossen" gesprochen wurde. Aber auch im Bereich der Arbeiterbewegung gingen die Frauen oft unter, in der deutschen Version des russischen Revolutionsliedes "Brüder zur Sonne, zur Freiheit, Brüder zum Lichte empor…" kamen keine Schwestern vor. In der englischen Version war das egal, da heißt es "Comrades the bugles are calling…" ("Genossen die Signalhörner rufen…"), weil the comrades sind durch die Geschlechtslosigkeit von "the" sowohl der Genosse als auch die Genossin und auch "Genossinnen und Genossen" in einem Wort.

Auf deutsch ist das leider nicht so einfach. Und da die Frauen immer noch benachteiligt werden, darum müssen in jedem Satz, in dem sowohl Frauen als auch Männer gemeint sind, die Frauen grammatikalisch erkennbar angeführt werden. Was bei einer Ansprache an die Kolleginnen und Kollegen sicherlich kein Problem ist, aber bei konsequenter Ausführung in Texten deren Lesbarkeit bis ins Lächerliche verzerren kann, siehe oben den Artikel 64.

Und was bringt das der Emanzipation? Gibt es deswegen mehr Frauen in leitenden Positionen? Höhere Gehälter in den Frauenbranchen? Oder bloß mehr Ärger bei den Leuten wegen aufgeblähter Texte und den Binnen-Is ? Denn laut einer aktuellen Umfrage sind knapp 90 Prozent der Befragten gegen dieses durchgehende "Gendern", also das pflichtgemäße Anführen beider Geschlechter in jeder Äußerung, die beide Geschlechter betreffen könnte, also etwa, dass die Patientin ihre Ärztin oder ihren Arzt und der Patient seine Ärztin oder seinen Arzt aufsuchen muss, statt den Patienten seinen Arzt aufsuchen zu lassen.

Davon werden die Lohnunterschiede sicherlich nicht geringer. Denn es ist gar nicht wahr, dass in irgendeiner Branche Frauen schlechtere Kollektivvertragslöhne hätten als Männer. Sondern es ist so, dass die Frauenerwerbstätigkeit in vollem Ausmaß erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingesetzt hat und zurzeit wo die Gewerkschaften noch am Klassenkampf teilnahmen und für die arbeitenden Menschen Rechte durchsetzen konnten, weit überwiegend Berufe mit deutlichem Männerübergewicht beteiligt waren. Die Metallarbeiter haben im Laufe der Jahrzehnte eben mehr durchgesetzt als die weitaus weniger gewerkschaftlich organisierten Handelsangestellten. Und darum gibt es heute noch diese hohen Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern. Dagegen hilft jedoch kein Binnen-I, sondern dazu müssten die Kollektivverträge der benachteiligten Branchen, in denen überwiegend Frauen beschäftigt werden, eben entsprechend angeglichen werden. Da aber die Gewerkschaften es seit dem Endsieg des Kapitalismus weitgehend aufgegeben haben, am Klassenkampf noch teilzunehmen und dieser praktisch nur noch von oben gegen unten geführt wird, darum sind diese gewachsenen strukturellen Unterschiede heute sehr schwer zu beseitigen.

Und zum Abschluss noch ein ironisch gemeinter Vorschlag zur Ausweitung der Präsenz der weiblichen Formen im Alltagsleben auf den bisher seltsamerweise noch niemand gekommen ist.

Im österreichischen Dialekt ist es seit Äonen gebräuchlich, dem Familiennamen der Frauen eine weibliche Form zu geben. Der Satz "Frau Gruber war schon da, ihr Mann kam später" hieße im Dialekt: "D'Gruberin woa scho do, ia Moa is späta kumma." Und in alten Kirchenmatrikeln wo Geburt, Hochzeit und Tod eingetragen wurden, wurde oft diese umgangssprachliche Form benutzt, da heißt die Verstorbene eben beispielsweise Regina Wolfspergerin.

Und diese Ausdrucksweise gibt es in slawischsprachigen Ländern bis heute auch in der Schriftsprache und amtlich: die Edita Gruberova kennt ein jeder, die heißt so, weil ihr Vater "Gruber" hieß und übersetzt heißt das "Gruberin". Die Frau des seinerzeitigen sowjetischen Parteichefs Nikita Chrustschow hieß Nina Chrustschowa. Das stand auch so in den Ausweispapieren!

Wenn man nun das Gendern wirklich völlig konsequent durchsetzen möchte, dann müsste auch gefordert werden, dass alle Frauen weibliche Familiennamen erhalten! Also zum Beispiel "Gabriele Heinisch-Hosekin". Bei Namen fremdsprachlicher Herkunft könnte frau sich nach den dortigen Formen richten, also wäre auch eine "Gabriele Heinisch-Hosekowa" möglich.

Aber das ist – bitte schön – nicht wirklich ernst gemeint. Das Gendern ließe sich auch anders noch weiter zuspitzen. Ein Bürgermeister ist von der Wortform her der Meister der Bürger. Und was ist mit den Bürgerinnen? Müsste darum das genderneutrale Wort für "Bürgermeister" in der Binnen-I-Form eigentlich nicht "BürgermeisterIn", sondern "BürgerInnenmeisterIn" heißen? Aber das Gendern erbarmungslos bis in die völlige Absurdität zu treiben, bringt wohl die Emanzipation nicht sehr viel weiter. Man sollte daher eine gewisse Mäßigung entwickeln und lieber danach trachten, Frauennachteile konkret – etwa wie erwähnt durch bessere Branchenkollektivverträge – bekämpfen. Denn ein Supermarktkassier verdient nicht mehr als eine Supermarktkassierin, aber die ganze Branche verdient unterdurchschnittlich. Dort müssten Gewerkschaft und Politik ansetzen! Da dies jedoch die Wirtschaft nicht zulässt, sollen die niedrigen Löhne in Branchen mit vielen Frauen vermutlich durch mehr Binnen-Is ausgeglichen werden…

Aktuell gibt es einen offenen Brief an die Bildungs- und Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek und an den Wissenschafts- und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner mit dem Titel "Sprachliche Gleichbehandlung". Darinnen fordern mehrere Universitätsprofessoren einen vernünftigen sprachlichen Umgang in diesem Bereich, der von der Bevölkerung akzeptiert wird. Etliche hundert Personen, Frauen und Männer, haben bisher die Unterstützung dieses Briefes erklärt, darunter z.B. Konrad Paul Liessmann und Chris Lohner. Politisch ist das klarerweise wieder ein Thema, das von der FPÖ aufgegriffen werden wird, weil dort kann ja genüsslich alles verwertet werden, das als politisch unkorrekt gilt. Die strikte Beachtung der politischen Korrektheit fördert somit die politische Rechte und keiner der Korrekten scheint es zu merken…

 

Link zum Originalartikel bei atheisten-info.at

Link zum komplementären wissenbloggt-Artikel Österreichischer Vorstoß gegen Sprachverhunzer




Österreichischer Vorstoß gegen Sprachverhunzer


letters-75670_640Die Presse.com (Wien) berichtet am 14.7. über Gendern: "Feministinnen zwingen Mehrheit ihren Willen auf": In einem offenen Brief fordern Sprachkritiker die "Rückkehr zur sprachlichen Normalität". Gendergerechte Formulierungen seien "zu eliminieren" (Bild: geralt, pixabay).
 
Dem Wildwuchs durch das sprachliche 'Gendern' soll Einhalt geboten werden, 800 Unterzeichner haben sich bisher gefunden, um gegen den Zwang der "kämpferischen Sprachfeministinnen" anzugehen. Der Regelfall soll das sein, was die Mehrheit als richtig empfindet, man mag sich keinem von oben her verordneten anderen Willen fügen. Die feministischen Anliegen würden durch den umstrittenen ÖNORM-Entwurf maximal berücksichtigt, bis hin zur Unlesbarkeit und Unverständlichkeit, man wolle stattdessen eine Rückkehr zur "sprachlichen Normalität". Die Verständlichkeit von Texten müsse wieder den Vorrang vor dem Transport feministischer Anliegen eingeräumt bekommen.
 

Sehr lobenswert, dieser Ansatz der Kollegen und KollegInnen, Kolleg/innen, Kolleg(inn)en Sprachschaffenden, auch wenn der Passus mit § 2 des Bundesgleichbehandlungsgesetzes (s.u.) nicht unbedingt nachvollziehbar wirkt. Immerhin sollte es mit diesem Anlauf auch den Professorinnen von der Uni Leipzig an den Kragen gehen, und doppelt gemoppelte "Krankenschwesterinnen" kommen schon gar nicht mehr in Frage. Doch was ist mit der Rechtschreibreform? Auf die treffen die Argumente bis hin zu den Zahlen (90% dagegen) zu, gewollt hat diesen Unfug praktisch niemand.

Der Missstand ist seit Langem weit gehend fertig gestellt, wenn er sich nicht gar verselbstständigt hat.
 
Augenschmerzen macht das sss, das Langem ist großgeschrieben obwohl kein Substantiv, es kann nix gehend gestellt werden, also auch nix weit gehend fertig gestellt, und das selbstständig ist ein Fall für die Stotterbremse (die vielerorts auch schon gegriffen hat). Da waren Menschen mit eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten (s.u.) am Werk, die unsere Sprache mit Dummheiten, Fehlern und Lächerlichkeiten gespickt haben. Sehr wünschenswert, dass dieser schlimmere Unfug auch ausgeräumt wird, und nicht nur das Bißchen emanzipatorische Verhunzung (siehe auch Machtergreifung mit Vorwarnung).
 

Der Offene Brief im Wortlaut 

 

Offener Brief zum Thema „Sprachliche Gleichbehandlung“

an
Frau Bildungs- und Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek und
Herrn Wissenschafts- und Wirtschaftsminister Dr. Reinhold Mitterlehner

Sehr geehrte Frau Ministerin Heinisch-Hosek,
sehr geehrter Herr Minister Mitterlehner!

Die gegenwärtige öffentliche Diskussion zur sprachlichen Gleichbehandlung von Frauen und Männern veranlasst die unterzeichneten Linguisten, Germanisten, Hochschul-, Gymnasial- und Pflichtschullehrer, Journalisten und Schriftsteller, aber auch andere Personen des Gesellschaftslebens, dringend eine Revision der gegenwärtigen Vorschriften zu fordern. Es ist Zeit für eine Rückkehr zur sprachlichen Normalität.

Die derzeit durch den Frauenförderungsplan von oben her verordnete konsequente getrenntgeschlechtliche Formulierung zerstört die gewachsene Struktur der deutschen Sprache bis hin zur Unlesbarkeit und Unverständlichkeit. Man versuche z. B. nur § 2 des Bundesgleichbehandlungsgesetzes zu lesen und zu verstehen. Die Verpflichtung zur generellen getrenntgeschlechtlichen Formulierung führt darüber hinaus dazu, dass manche Aussagen nun schlichtweg nicht mehr „politisch korrekt“ formulierbar sind, z. B. Sätze wie „Frauen sind eben doch die besseren Zuhörer“. Das Beispiel zeigt klar auf: Die verordneten Vorschriften widersprechen zum Teil den Grundregeln unserer Sprache.

Sprache dient nämlich sowohl in mündlicher als auch in schriftlicher Form einzig und allein der problemlosen Verständigung und nicht der Durchsetzung partikulärer Interessen. Die trotz jahrzehntelanger intensiver Bemühungen gering gebliebene Akzeptanz der feministischen Vorgaben muss zu denken geben:

  • Laut jüngsten Umfragen lehnen 85 – 90 % der Bevölkerung die gegenwärtige Praxis der Textgestaltung im öffentlichen Bereich ab.
  • Eine wissenschaftliche Untersuchung aus dem Jahr 2013 kam zum Ergebnis, dass in Printmedien nur bei 0,5 % von Aussagen, die auf bei de Geschlechter bezogen sind, getrenntgeschlechtlich formuliert wurde.

Die feministisch motivierten Grundsätze zur „sprachlichen Gleichbehandlung“ basieren auf einer einseitigen und unrichtigen Einschätzung der Gegebenheiten in unserer Sprache. Das „generische Maskulinum“(z. B. Mensch, Zuschauer …) zum Feindbild zu erklären und dessen Abschaffung zu verlangen, blendet die Tatsache aus, dass unsere Sprache ebenso ein „generisches Femininum“ (z. B. Person, Fachkraft …) und ein „generisches Neutrum“ (z. B. Publikum, Volk …) kennt. Alle seit Jahrhunderten als Verallgemeinerungen gebrauchten Wörter umfassen prinzipiell unterschiedslos beide Geschlechter. Die angeführten Beispiele beweisen dies. Es kann also weder die Rede davon sein, dass das jeweils andere Geschlecht nur „mitgemeint“ sei, noch dass das „generische Maskulinum“ ein „geronnener Sexismus“ wäre und für die Unterdrückung der Frau in der Sprache stünde. Die Sprachfrequenzforschung belegt ganz im Gegensatz dazu überzeugend, dass der feminine Artikel „die“ in allen Arten von Texten um ein Vielfaches häufiger repräsentiert ist als der maskuline Artikel „der“.

Folgende aus den angeführten irrigen Grundannahmen entstandenen Verunstaltungen des Schriftbildes sind daher wieder aus dem Schreibgebrauch zu eliminieren:

  • Binnen-I, z. B. KollegInnen
  • Schrägstrich im Wortinneren, z. B. Kolleg/innen
  • Klammern, z. B. Kolleg(inn)en
  • hochgestelltes „a“ bzw. „in“ im Anschluss an bestimmte Abkürzungen, z. B. Mag.a, DIin

Alle genannten schriftlichen Verunstaltungen entsprechen einerseits nicht dem derzeit gültigen „Amtlichen Regelwerk“ zur deutschen Rechtschreibung, andererseits enthalten sie zum Teil grammatische oder sprachlogische Fehler und können in den angebotenen Formen nicht unmittelbar gelesen werden. (Näheres dazu ist in diversen Publikationen von Brühlmeier, Kubelik, Pohl u. a. nachzulesen.) Darüber hinaus erscheinen die femininen Formen in solchen Konglomeraten jeweils nur als „Anhängsel“ der maskulinen, wobei die maskulinen Formen durch „Anhängsel“ ebenfalls entstellt werden – keines von beiden Geschlechtern kann sich damit respektvoll angesprochen fühlen.

Auch auf die Forderung, ausweichende Formulierungen zu suchen, ist zu verzichten, weil der Schreiber durch krampfhaftes Suchen nach Ersatzformen häufig vom Wesentlichen des Inhalts abgelenkt wird und andererseits der Leser durch gekünsteltes Wortgut irritiert wird.

Außerdem muss gewährleistet sein, dass durch die traditionsgemäße Anwendung verallgemeinernder Wortformen die Verständlichkeit von Texten wieder den Vorrang vor dem Transport feministischer Anliegen eingeräumt bekommt. Dies vor allem im Hinblick auf

  • Kinder, die das sinnerfassende Lesen erlernen sollen,
  • Menschen, die Deutsch als Fremdsprache erwerben und
  • Menschen mit besonderen Bedürfnissen (z. B. Blinde, Gehörlose, Menschen mit eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten)

In Schulbüchern dürfen daher nicht länger sprachlich zerstörte Texte stehen wie „Sie/Er verbindet ihr/ihm die Augen und führt sie/ihn an der Hand zu ihrer/seiner Garderobe.“ In amtlichen Texten und Formularen dürfen nicht länger entstellte Formulierungen zu finden sein wie „Unterschrift ZeichnungsberechtigteR“. Studenten sollen in ihren wissenschaftlichen Arbeiten nicht länger höheres Augenmerk auf das „richtige Gendern“ zu legen haben als auf den Inhalt ihrer Arbeit (siehe das Interview mit Univ.-Prof. Dr. Rudolf Taschner in „News“ 31/2013).

Sprache war und ist immer ein Bereich, der sich basisdemokratisch weiterentwickelt: Was die Mehrheit der Sprachteilhaber als richtig empfindet, wird als Regelfall angesehen. Wo immer im Laufe der Geschichte versucht wurde, in diesen Prozess regulierend einzugreifen, hatten wir es mit diktatorischen Regimen zu tun. Das staatstragende Prinzip „Demokratie“ verbietet daher a priori sprachliche Zwangsmaßnahmen, wie sie derzeit überhandnehmen. Ein minimaler Prozentsatz kämpferischer Sprachfeministinnen darf nicht länger der nahezu 90-prozentigen Mehrheit der Staatsbürger ihren Willen aufzwingen.

Der Entwurf der ÖNORM A 1080, der die öffentliche Debatte zu diesem Thema ausgelöst hatte, präsentiert einen Vorschlag, der die feministischen Anliegen maximal berücksichtigt, aber andererseits eine Rückkehr zur sprachlichen Normalität ermöglicht. Die Unterzeichneten plädieren daher mit Nachdruck dafür, diesen Entwurf auch auf höchster politischer Ebene zu unterstützen und zur Grundlage der Textgestaltung im öffentlichen Bereich zu erklären.

(Danach folgen 25 Seiten Unterschriften)




Humanistische Grundforderungen für einen zeitgemäßen Schulunterricht


722px-Garner_beim_UnterrichtHermann Geyer stellt uns einen Text aus seiner Denkfabrik zur Verfügung mit der folgenden inspirierten Einleitung (zu dem wb  dies inspirierende Bild spendiert, Xocolatl, Wikimedia Commons):

Damit es nicht dauernd so ausschaut, als würde ich nur lamentieren über die bejammernswerten Zustände allenthalben: Nachdem zuletzt mehrfach Indoktrinierung Diskussionsthema war habe ich mich davon zur Formulierung von abhelfenden Richtlinien inspirieren lassen. (Oder vielleicht bin ich auch einfach inspiriert worden, das weiß man bei all den Spiritussis, von denen angeblich manche wehen, wo sie wollen, ja nie so ganz genau.)

Dahinter stehen natürlich Strategieüberlegungen, wie man den Religionen ein bisschen am Zeug flicken könnte. Aber ich glaube, am besten geht das, wenn solche Richtlinien nicht nur seriös aussehen, sondern auch sind. Hier also mein erster Vorschlag:

 

Humanistische Richtlinien für einen zeitgemäßen Schulunterricht

entsprechend den Paradigmen des heutigen Standes des Wissens, des Erkenntniszuganges, der Wissenschaften sowie der Menschen- und Kinderrechte

und zur Abwehr ideologisch indoktrinierender Wissensvermittlung

1. Ob bzw. wie sehr ein schulisch vermittelter Inhalt weltanschaulich oder wissenschaftlich umstritten ist muss begleitend thematisiert werden.

2. Dem Kind soll nahegebracht werden, dass es vor Grundfragen steht, die Grundentscheidungen nötig machen (werden):

2.1 Traue ich mehr dem eigenen Denken – oder mehr dem, was mir andere sagen?

2.2 Wie gehe ich um mit Behauptungen, die ich nicht nachprüfen kann?

2.3 Will ich mir für solche Grundentscheidungen ausreichend Zeit lassen?

2.4 Was mache ich, wenn jemand, der mir etwas einreden will, dabei einen Nutzen für sich anstrebt?

2.5 Wie stufe ich es ein, wenn schwer verständliche Inhalte suggestiv immer neu wiederholt werden?

2.6 Wie stufe ich es ein, wenn sich das Gottesbild, das mir im Lauf der Zeit geschildert wurde, stark verändert hat?

Dazu erst einige allgemeine Anmerkungen:

Dass alle Punkte dazu angetan sind, Religion (oder Ideologie) kritisch zu sehen, ist klar. Die Schwachstellen der religiösen Vermittlung sind ja ziemlich direkt angesprochen. Dennoch stehen dahinter neutrale, auch von Religionen (zumindest als Lippenbekenntnis) vertretene Werte wie Offenheit oder umfassende Darstellung der Lebenswirklichkeit. Dazu gehört ja auch Religion, die meiner Überzeugung nach in der Schule nicht totgeschwiegen werden sollte, sondern über die so vollständig informiert – also mit ausreichend kritischen Gegenargumenten – werden sollte, dass für die dann anstehende Grundentscheidung eine gute Basis gelegt ist. Und natürlich stehen dahinter auch Werte bzw. Ziele wie Mündigkeit, selbstständiges kritisches und vernünftiges Denken, Balance zwischen Vertrauen und kritischer (Grund-)Haltung, Fähigkeit zur persönlichen Urteilsbildung, selbstbestimmte Lebensführung.

Taktische Gesichtspunkte: 

Seriös und neutral formulierte Forderungen (noch dazu teilweise als bloße Fragen, auf die die Kinder und natürlich auch deren Eltern aufmerksam gemacht würden) machen es den Religionen schwer, sie abzulehnen. Meiner Einschätzung könnten dem auch viele Kirchenmitglieder, sogar manche Pfarrer, zustimmen und bloß die Bischöfe und erzkonservative Kreise würden eine durchgehende Mauer machen. Und wenn auch nur ein Teil davon umgesetzt würde wäre es ein Riesenfortschritt, aber wenn es abgelehnt (und öffentlich darüber diskutiert) wird, droht den Religionen ein Gesichtsverlust.

Um die Hürde für die Religionen nicht allzu hoch zu machen tendiere ich dazu, 2.4 bis 2.6. zunächst überhaupt wegzulassen.  (Sogar Punkt 1. allein würde schon vieles ändern.)

Neben der Schule sollten solche Richtlinien dann natürlich auch für öffentlich-rechtliche Medien gelten.

Und jetzt noch konkret zu den einzelnen Punkten:

Punkt 1 sollte im Unterricht in verschiedenen Fächern etwa bewirken:

In Rechnen / Mathematik kann / soll von Schuleintritt an nebenbei gelegentlich erwähnt werden, dass es /sie praktisch universell gültig ist (das würde vielleicht sogar die allgemeine „Begeisterung“ für Mathe ein bisschen anheben).

Bei Sprachen: es gibt auch andere, ….

In Naturwissenschaften: Das Wissen ist im Fluss, aber hier in der Schule lernt ihr meistens etwas, worüber schon lang nicht mehr diskutiert wurde, was also recht gut gesichert erscheint.

In Religion (bzw. über Religion in anderen Fächern, wenn die Konfessionen das selber so nicht aussprechen wollen): Ob es "diesen" Gott tatsächlich "so" gibt etc. ist umstritten, viele glauben ganz anderes, …

ad 2.1: Das sehe ich durchaus als Gratwanderung für Kinder wie für Erwachsene, weder Selbstüberschätzung noch Hörigkeit ist anzustreben, ganz generell.

ad 2.2: Erster sinnvoller Schritt ist wohl, die Vielfalt der Meinungen anzuschauen.

Generell gehört natürlich gut überlegt, was jeweils in welcher Form (altersgerecht) Kindern zugemutet werden kann, das ist selbstverständlich. Das müssten dann im Detail ohnehin Fachleute ausarbeiten.

Jetzt wäre schön, wenn es einige Kommentare dazu gäbe. Es in meinem eigenen Saft weiterschmoren zu lassen bringt nicht viel. Vielleicht gibt es so was eh schon irgendwo? Oder was sollte man ändern, ergänzen, ….?? Oder ganz andere Aspekte??? „Pferdefüße“????

Dr. Hermann Geyer (Jahrgang 1951) ist Systemanalytiker und Gründungsmitglied einer Initiative gegen religiös motivierte psychische Gewalt.




Machtergreifung mit Vorwarnung


Es geht um zwei Themen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Die Rechtschreibreform scheint ja keine Gemeinsamkeiten mit dem Euro zu haben. Das eine ist in der  bundesdeutschen Ausprägung ein föderalistisch durchgesetztes Projekt, das andere ein europäisches. Wieso ziehen dann beide Projekte Aufmerksamkeit auf sich, und zwar hinsichtlich ihrer Durchsetzung?

Das liegt an den politischen Methoden und Verfahrensweisen, mit denen die Projekte vorangetrieben wurden. Bei näherem Hinsehen zeigen sich verblüffende Parallelen. Es ist, als ob die Rechtschreibreform das Urbild dessen war, was dann zum politischen Usus wurde, um sich in voller Pracht beim Projekt Euro zu manifestieren. Es geht um die Selbstermächtigung der politischen Aktivisten, die die Projekte durchgesetzt haben.

Demokratische Methoden wurden nämlich nur sparsam eingesetzt. Die Betroffenen wurden mehr oder weniger ohne ihre Zustimmung beglückt. Die politische Kaste weiß besser, was für die Allgemeinheit gut ist als die Fachleute und die pofeligen Wähler. Dieser Glaube liegt dem Verfahren wohl zugrunde – und es ist ein Irrglaube.

Rechtschreibung schwer gemacht

Um mit dem Anfang anzufangen, muss man sich die Entstehungsgeschichte der Rechtschreibreform vergegenwärtigen. Sie ist für tiefsinnige Diskussionen besonders gut geeig­net, weil kaum jemand die Rechtschreibung beherrscht. Früher gab es eine Bildungselite, die sich mit der Schreibung auskannte. Heute hat sich das geän­dert. Die Reform hat erst die Schreibung geändert und dann sich selbst. Und dann hat sie sich nochmal geändert und nochmal und nochmal, bis die Rechtschreibland­schaft mit Konfusion überzogen war. Wer gutwillig war, der hat sich durch immer neue Änderungen gekämpft, und vor allem durch die Rückände­rungen von den Änderungen. Am Ende kannten nur noch ganz wenige die unstrit­tige Reformlage, und den allermeisten ist sie wurst.

Das ist schade, weil ihnen dadurch ein schöner Lerneffekt verlorengeht. Der Focus richtet sich jetzt auf die Länderkultusminister, die seit jeher an ihrem Ruf als wandelnder Standortnachteil leiden. Das liegt an der Vielzahl; jeder einzelne hat schließlich fünfzehn Kollegen oder Kolleginnen, die alle dasselbe anderes lösen. Zum Nachweis der Existenzberechtigung muss dieselbe Sache sechzehnfach geregelt werden. Keiner darf dasselbe machen wie der Kultusminister nebenan, und damit es trotzdem irgendwie zusammenpasst, müssen Angleichungs-Kommissionen eingesetzt werden. Man könnte sagen, der demokratische Overkill muss irgendwie wegge­federt werden. Bisher hat der Föderalismus an die 900 Kommissionen hervorgebracht, damit das föderale Gestümpere halbwegs zusammenpasst, und am Ende bleibt es doch unüberschaubar bis unbrauchbar. Also mit sehr mediokrem Erfolg, und das ist keine Erfolgsgeschichte.

Weil die Kultusminister mal einen richtigen Erfolg feiern wollten, haben uns mit der Rechschreibreform beglückt. Einfach so, ohne Not und ohne demokratischen Auftrag wurde etwas Funktionierendes durch politische Willkür ersetzt. Das war eine Lehrstunde in Sachen entarteter Demokratie, denn da wurde uns vorgeführt, wie man ohne echte Substanz eine erfolgreiche Reform veranstaltet. Der Erfolg beschränkte sich allerdings auf die erfolgreiche Durchsetzung und nicht auf den Inhalt. Wir müssen das Machwerk nicht inhaltlich diskutieren. Es war von Anfang an eine Lüge, denn statt der versprochenen Vereinfachung kam ein längeres, komplizierteres und obendrein unvollständiges Regelwerk heraus. Es wurden lauter Sachen geändert, bei denen gar kein Änderungsbedarf bestand. Ohne Notwendigkeit und ohne richtiges Kon­zept wurde herumgepfuscht, eine sachgerechte Evaluierung des Ergebnisses wurde unterlassen, und dadurch wurden hunderte von schweren Fehlern einge­baut. Mit den selbstgemachten Absurditäten, Widersprüchen und Ungereimtheiten sind die Reformer nie zurechtgekommen.

In ihrer eigenen Schreibweise sind es Gräueltaten, was sie da verzapft haben. Man darf sagen, die Änderungen wurden durchweg mit einem Sprachgefühl exekutiert, auf das nicht mal ein Papagei stolz sein könnte. Wie könnte man sonst schreiben: es ist weit gehend fertig gestellt? Man kann doch nicht sagen, es ist gehend gestellt, also ist diese Trennung eine Sinnentstellung. Und wieso muss man getrennt schreiben die Silizium produzierende Industrie, wenn obendrüber stehen darf die Siliziumproduktion? Und warum sollen einige Worte groß geschrieben werden, die keine Substantive sind? Nicht mal die Schreibung vom scharfen s ist konsistent: vorher hieß es ss, wenn es trennbar war, und ß wenn nicht. Jetzt gibt es immer noch das ß, aber zwei Sorten von ss: die eine ist trennbar wie in Messer, die andere nicht, wie in Messergebnis. Das nennt man Verschlimmbesserung.

Verdattert musste die Allgemeinheit neu lernen, was die Begriffe bedeuten, die uns die Sprachreformer kredenzt haben. "Wortliste" bedeutet: die haben keine verständliche Regel für ihre Neuerungen gefunden. "Offene Wortliste" bedeutet: die haben es noch nicht mal zuende­gebracht, es kommt noch mehr dazu. Die offene Wortliste ist in diesem Bereich das Nonplusultra an Pfusch, und genau das hat man uns als Reform kredenzt. Das ganze Projekt war derart ver­murxt, dass es durch jahrelanges Herumgebastele nicht konsistent zu machen war. Mehr als schiefgehen kann es nicht, mag man gedacht haben, aber die Reform hat gleich am Anfang das Wort schiefgehen durch die Worte schief gehen ersetzt. Schiefgehen bedeutet misslingen, und schief gehen bedeutet humpeln. Das ist nicht dasselbe. Nachdem diese erstaunliche Kunde zu den Reformern durchgedrungen war, wurde dieser Fehler im zweiten oder dritten Anlauf zurückgenommen, aber Legionen von anderen Fehlern sind geblieben.

Unbedarfte Gemüter könnten nun annehmen, das war's. Wenn eine Sache gestümpert wird, und es kommt raus, dann hat sich's damit. Wenn jemand Unausgegorenes zusammenschludert, dann heißt es, Schluss damit – Sechs, setzen. Die Kultusminister entschuldigen sich für das Malheur und stampfen den untauglichen Versuch ein. So war es aber nicht.

Wer so denkt, der unterschätzt den Politikbetrieb massiv. Politiker sind ge­stählt im Entgegennehmen von Kritik. Solange ihre Kritiker sachlich bleiben und keinen Schaum vor den Mund kriegen, und es gibt keinen Massenaufstand, dann wird's so schlimm nicht sein. Damit wird die Politik fertig, und mit sachlichen Gründen schon lange. Ha, als ob jemand die sachlichen Argumente ernst nehmen würde. Sachliche Argumente sind dazu da, um die Kräfte des politischen Gegners zu binden, ansonsten ignoriert man sie.

Also los mit der Reform. Am besten knallt man den Leuten die Sache unver­hofft auf den Tisch. Wenn die Einführung der Reform komplottartig geschieht, hat man einen Startvorteil. Dann kann sich keine richtige Opposition dagegen auf­bauen. Die Einspruchsfristen setzt man möglichst knapp, und man präsentiert das Machwerk möglichst spät.

  • Vorher hat man dadurch das Argument: Zu früh, wir müssen erst die endgül­tige Form vorlegen.
  • Nachher hat man das Argument: Zu spät, das hättet ihr vorher sagen sollen.
  • Dazwischen kann man der Opposition beim Rangeln zuschauen. Bis sie sich auf eine einheitliche Linie eingeschworen hat, lautet das Argument: Was wollt ihr denn eigentlich?
  • Am Ende kommt dann das Aussitzen. Wenn die Fallstricke und die Fehler be­kannt werden, dann stellt man sich blind, taub und stumm. Wenn allzu üble Un­zulänglichkeiten hochkochen, weil die Sache so unausgegoren ist, dann wird geflickt und nachgebessert. Wenn immer wieder nachgebessert werden muss, und der Unmut regt sich, dann ist das eben ein Akzeptanzproblem. Die Ver­fahrensweise mit Akzeptanzproblemen ist bekannt und bewährt. Die Politiker haben recht, und die anderen haben das Nachsehen.
  • Und wenn der Knatsch immer noch nicht zuende ist, weil die Sache gar so grauslich geriet? Nun, dafür gibt es die geniale Methode des Faktenschaffens. Man würgt die Reform jemandem rein, der sich nicht dagegen wehren kann, in diesem Fall den Schülern. Die Schüler schreiben also gemäß der Reform, oder zumindest irgendwie anders als bisher. Und wo sie nun so schreiben, kann man ihnen ja wohl keine Rückänderung mehr zumuten. Wenn die Fakten geschaffen sind, dürfen sie ja wohl nicht mehr zurückgenommen werden, oder?

Kaum fassbar, aber diese dummdreiste Argumentation war tatsächlich erfolgreich. Das Einführen der verpfuschten Reform kann man den Leuten bedenkenlos zumuten, aber das Abschaffen von dem Pfusch nicht. Stattdessen wurde eine Kommission zum Aufputzen des Unaufputzbaren ge­gründet, in der die Verursacher des Übels mit Hilfestellung von anderen Schrift­gelehrten ein wenig Akzeptanz schaffen sollten. Es wurde also hin- und her­reformiert, und weil am allermeisten zurückreformiert wurde, brachen neue Begehrlichkeiten auf. Nun war der Ehrgeiz geweckt, das Ungeregelte restlos zu regeln – die totale Anmaßung.

Die wollten uns allen Ernstes nochmal neu vorschreiben, ob wir Rad fahren oder radfahren. Dabei wäre die einzig sinnvolle Reform, die Finger davon zu lassen. Das muss doch jedem selber überlassen bleiben. In der Praxis ist heute biken angesagt und nicht radfahren, und wenn sich doch noch einer aufs Veloziped schwingt, dann soll er das doch auseinander- oder zusammenschreiben wie er mag. Mittlerweile tut es ja auch jeder nach seiner Fasson. Trotzdem ist der Missstand inclusive Dreifach-sss inzwischen etabliert. Selbst wenn's ein vierfaches ssss gewesen wäre, hätte das Dagegenangehen nichts genutzt. Die Reformgegner haben den Mumpitz bis ins letzte durchgekaut und sich gleichbleibend vergeblich be­schwert. Mit anderen Worten, die Kultusminister und die anderen Kulturpfuscher konnten den Widerstand leicht ignorieren.

Als Ergebnis kam eine schwere Schädigung der Rechtschreibung heraus und de facto ein Rechtschreib-Kuddelmuddel. Die alte Ordnung wurde aufgelöst, und viele Milliarden wurden verbrannt. Es gab mehrfach nachgebesserte Wörterbücher, neue Schulbücher, neue Rechtschreibprogramme und neue Amtsverordnungen. Dafür wurde immerzu hin- und herreformiert, nur damit wir uns am Ende kübelweise Willkür eingehandelt haben, eine Inflation von lächerlichen Dreifachbuchstaben, hahnebüchene Auseinander- und Großschreibungen und i- diotische Trennungen. Selbst wenn nur die eine Willkür durch eine andere ersetzt wurde, war das schädlich, denn es bedeutete Nachsitzen für alle.

Aber es steckt noch mehr dahinter. Es ging nicht bloß darum, die Sprache legasthenietauglich zu machen. Das Ganze ist ein Beispiel für die Selbstermächtigung, mit der die Politik in Bereiche reinregiert, von denen sie nichts versteht, und wo sie nur Pfusch abliefert. Die Sache wurde als Willkürakt durchgezogen, ohne echte Evaluierung und ohne Verifizierung, ob der versprochene Erfolg eintrat. Trat er nicht, nein – doch es musste eine Reform her, koste es, was es wolle.

Euro-Parallelen

Wer bis hierher gelesen hat, dürfte schon den Schmerz verspüren, der mit dem Gedanken an die Euro-Politik verbunden ist. Mag  einem die Rechtschreibung noch so piepegal sein, die Euro-Probleme können es nicht sein, denn die drücken direkt auf die Brieftasche. Jeder ist davon betroffen, wenn der Staat sich in Schulden stürzt und seine Infrastruktur mangels Kasse herunterkommen lässt. Es geht nicht mehr um die paar Milliarden, die von der Rechtschreibreform verbrannt wurden, sondern jetzt ist von Billionen Euros die Rede.

Nun ist noch ein Unterschied in der Motivation hervorzuheben, ehe die Gemeinsamkeiten drankommen. Während die Rechtschreibreform eher aus niederen Motiven, sprich Eigennutz und Profilierungsstreben, angezettelt wurde, walteten in der Euro-Politik zunächst mal die hehren Ideale – zumindest offiziell und auf der bundesrepublikanischen Seite. Bei den Politikern aus vielen anderen Euro-Ländern darf man sich durchaus andere Motive vorstellen. Speziell bei den griechischen, die sich den Zutritt zur Euro-Zone ermogelten. Aber das Frisieren der griechischen Bilanz war nur zur Täuschung der Allgemeinheit gedacht. Die Euro-Politiker wussten bescheid, schließlich hat Eurostat, die Statistik-Behörde der EU, ausdrücklich gewarnt. Das Ideal der gemeinsamen Euro-Währung war den Euro-Ideologen aber von Anfang an wichtiger als die schnöden Milliarden-Defizite.

Also, die Politiker bestimmen, wo es langgeht, und da haben keine Fachleute reinzureden, und schon gar nicht die Wähler. Jedenfalls nicht die in Deutschland. Von der mangelnden demokratischen Legitimation war ja schon die Rede. Da ergibt sich eine zwanglose Übereinstimmung bei den beiden Projekten. Mehr noch: sie wurden beide ohne Not angeleiert, alles hat vorher prima funktioniert. Die Nöte fingen erst an, als die Projekte liefen. Noch ein harmonischer Gleichklang.

Muss man die Euro-Einführung ein Komplott nennen, das am Ende ganz was anderes umgesetzt hat, als am Anfang versprochen wurde? Auch wenn man sich nicht an die Legende hält, nach der sich die französische Regierung die Zustimmung zur deutschen Wiedervereinigung nur gegen Aufgabe der Mark abkaufen ließ, ist das ein klarer Fall. Beim Euro war es genauso wie bei der Schreibreform: eine Verschlimmbesserung, eine Mogelpackung. Das kann man für beide Projekte abhaken. Von den Euro-Verträgen und -Versprechungen wurden ja so gut wie alle gebrochen, und sämtliche Regeln wurden aufgeweicht und umgemodelt. Der Euro-Raum sollte grundsätzlich keine Transferunion sein. Nur unter dieser Bedingung haben die Regierungen zugestimmt, jedenfalls die deutsche. Genau das stand auch in den Verträgen drin – und nun haben wir die Transferunion par excellence. Wir haben etwas gekriegt, was wir nicht wollten, und es ging ganz anders aus als versprochen. Die Rechtschreibreform lässt grüßen.

Das Euro-Gegenstück zur offenen Wortliste sind die fehlenden Regelungen, mit denen Problemfälle wie Zahlungsunfähigkeit und Kapitalflucht unberücksichtigt bleiben. Das schafft immenses Konfliktpotential, weil unter Druck nachverhandelt werden muss. Und wie schaut's mit der Konfusion aus, unter der die Projekte leiden? Das ist noch so eine Gemeinsamkeit. Wo die politische Willkür tobt, da wird alles unter Verschluss gehalten. Informationen werden gefälscht und manipuliert, bis man so tief hineinverstrickt ist, dass kein Weg mehr herausführt. Wieder diese unselige Parallele, das Einführen der Änderung kann man den Leuten bedenkenlos zumuten, bloß das Abschaffen nicht. Das hätte ja "unkalkulierbare Folgen", als ob wir nicht gerade die unkalkulierbaren Folgen der Einführung ausbaden würden.

Man muss sich vor Augen halten, dass die ganze Euro-Schuldenherumschieberei reine Willkür ist, dementsprechend wird manipuliert ohne Ende. Aktuell will man Geld aus dem EU-Strukturfonds für die nächste Pleitewelle zweckentfremden, nachdem man dasselbe schon mit KfW-Geld gemacht hat. In der Art ging's auch bei der Schreibreform voran, da triumphierte die Willkür bis dahin, dass die eine willkürliche Schreibweise durch eine andere willkürliche Schreibweise ersetzt wurde. Der Unterschied ist nur, dass es beim Euro viel mehr kostet.

Und wieder fügen sich die Sätze von vorhin problemlos ein: Ohne Notwendigkeit und ohne richtiges Kon­zept wurde herumgepfuscht, eine sachgerechte Evaluierung des Ergebnisses wurde unterlassen. So steht's auch mit der fehlenden Konsequenz: und das wars, etwas Unausgegorenes wurde zusammenschludert, und nun wird es abgeschafft? Von wegen, der Euro doch nicht. Der bleibt uns erhalten, koste es, was es wolle. Und es wird wohl auch kosten, was es will.

Wir stoßen wieder auf dieselbe Vernunftresistenz der Politiker, die ziehen jeden Fehler durch. Wo allzu üble Un­zulänglichkeiten hochkochen, wird geflickt und nachgebessert. Als Ergebnis kommt eine schwere Schädigung der Demokratie heraus und de facto eine nie dagewesene Selbstermächtigung der Euro-Politiker. Die totale Anmaßung ist im Euro-Fall das Europa mit gemeinsamer Schuldenhaftung, für die niemals die demokratische Zustimmung eingeholt worden ist. Wie wir uns das neue Europa vorzustellen haben, sehen wir daran, dass EU-Parlament und EU-Rat gar nicht gefragt werden. Die Vorstellung der Euro-Politiker ist die eines undemokratischen Europas; deshalb ist es gerechtfertigt, von einer Machtergreifung zu sprechen. Die alte Ordnung ist ohnehin schon aufgelöst, und die Milliarden werden in schwindelerregender Weise herumgeschoben. Der Schwindel geht jetzt in Bereiche hinein, die nur der Euro-Politik offenstehen. Aber die Rechtschreibreform hat ihre Schuldigkeit längst getan.

Sie hat vieles vorweggenommen, was das Euro-Projekt dann in voller Härte anpackte. Es war ein schwerer Fehler, der Politik diese Handlungsweise durchgehen zu lassen. Die allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber der Schreibung hat abgefärbt auf eine Gleichgültigkeit gegenüber der politischen Regelverletzung. Das hätte nicht sein dürfen. Wir hätten per Abwahl einen Ordnungsruf erlassen müssen, um den demokratischen Gepflogenheiten Respekt zu verschaffen. Das ist unterblieben und hat der Politik den Weg zur Machtergreifung eröffnet.

Man kann fast sagen, weil wir die Pfuscherei an der Schreibung so leichtgenommen haben, werden wir nun mit einer beispiellosen politischen Umwälzung konfrontiert. Wir hätten es besser wissen sollen, als den Politikern soviel unkontrollierte Macht zuzugestehen. Wir wissen doch, es wird gepfuscht, und die Nutznießer der Pfuscherei sind nicht wir. Das ist die Finanzindustrie, die sich die allermeisten von den herumgeschoben Milliarden einverleibt. Und das wird Konsequenzen haben. Tja, vielleicht zieht ja die Schreibreform die Konsequenz und verfügt eine Neuschreibung vom Euro mit T vornedran. Aber das dürfte wohl nicht die Lösung sein.

Link zum Vertiefungsartikel über die Euro-Finanzen: http://www.wissenbloggt.de/?p=18837

Link zu einem aktuellen Rechtschreibreform-Artikel: http://web.de/magazine/beruf/bildung/17694796-15-jahre-rechtschreibreform-friedrich-denk.html