In einer Zeit des Umbruchs


Europa1d-6x6Der gestrige 8. Mai 2020, 75. Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation eines Landes, das zwölf Jahre lang von einem psychopathischen Regime zielstrebig und teils unter dem Jubel, teils begleitet von der Ahnungslosigkeit oder dem Desinteresse der Menschen ins Verderben geführt wurde, aber auch die Herausforderungen, die die derzeitige Corona-Pandemie einerseits sowie das Agieren einiger Verschwörungstheoretiker und -praktiker und Rechtspopulisten / Rechtsreaktionäre andererseits für dieses Land, für Europa und weltweit mit sich bringt — jener Rechtspopulisten, die, wie einst die Machthaber im „Dritten Reich“ und in der DDR in diffamatorischer Absicht wieder von „Lügenpresse“ reden und die damit zum Ausdruck bringen, dass sie womöglich nur das in den Medien veröffentlicht wissen wollen, was sie selber für „die Wahrheit“ halten, jener Rechtspopulisten und Rechtsreaktionäre, die den freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat nach kräften schlechtzureden versuchen in der Hoffnung, sich dereinst als Retter in der Not anbiedern zu können und die doch gleichzeitig von sich behaupten, „das Volk“ zu sein — und die Verantwortungslosigkeit mit Freiheit verwechseln — ruft mir eine längere Rede in Erinnerung, die der Abgeordnete Dr. Carlo Schmid (SPD) vor dem Parlamentarischen Rat am 8. September 1948 gehalten hat.

Ich halte diese Rede auch heute noch — oder heute wieder — für aktuell und sehr lesenswert und empfehle sie gern weiter.

Einen kurzen Abschnitt möchte ich hervorheben:

Ich für meinen Teil bin der Meinung, daß es nicht zum Begriff der Demokratie gehört, daß sie selber die Voraussetzungen für ihre Beseitigung schafft. Ja, ich möchte weiter gehen. Ich möchte sagen: Demokratie ist nur dort mehr als ein Produkt einer bloßen Zweckmäßigkeitsentscheidung, wo man den Mut hat, an sie als etwas für die Würde des Menschen Notwendiges zu glauben. Wenn man aber diesen Mut hat, dann muß man auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.

Zur Vertiefung Ausschnitte aus der Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier am 8. Mai 2020 in Berlin: „Es gibt keine Erlösung von der Geschichte“.

Ein PDF (42 Seiten im Format 11,5 x 17,5 cm) mit dem vollständigen Text der Rede von Carlo Schmid (SPD) aus dem Jahr 1948, bereinigt von ein paar wenigen Tipfehlern, die sich seinerzeit eingeschlichen hatten, biete ich zum kostenlosen Download auf meiner Website an.

Den — urheberrechtlich offenbar nicht geschützten — Text habe ich der Website Costima entnommen.

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Beitragsbild:
Europa auf dem Stier, vor dem Sternenkranz der Europa-Fahne.
Eigenes Werk


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The Unanswered Question


Umkehrschluss_Blindenzeichen_17_72The Unanswered Question ist nicht nur ein Musikstück des US-Amerikanischen Komponisten Charles Ives, ein Ballett von Eliot Feld, und eine Vortragsreihe von Leonard Bernstein.

Thematisiert man institutionalisierte Opferrollen und stellt in dem Zusammenhang die Frage nach einem spezifischen Umkehrschluss, so bleibt diese Frage ebenfalls unbeantwortet.

Die Frage danach, warum sie unbeantwortet bleibt, stelle ich nicht.

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Frage:

Wenn es — bezogen auf die jeweilige Religion oder sonstige Ideologie, nicht auf die Menschen — islamfeindlich (anti-islamisch), judentumsfeindlich (anti-jüdisch), christentumsfeindlich (anti-christlich), was-auch-immer-feindlich wäre, Menschenrechtsverletzungen und Despotismus sowie anderes Unrecht zu kritisieren:

Was bedeutete dies dann im Umkehrschluss ?

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Recht, Gerechtigkeit und Logik


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Nur ganz kurz …

Jemanden für etwas zu bestrafen oder auch nur anzufeinden, das andere in seine Worte hineininterpretiert haben ohne dass er es gesagt oder geschrieben hätte, bedeutet, ihn für etwas zu bestrafen oder anzufeinden das andere getan haben.

Feindet man jemanden für das an, was man in dessen Worte lediglich hineininterpretiert, so feindet man sich selbst an — denn es sind ja die eigenen Gedanken, nicht die des anderen.

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Beitragsbild:
Justitia (Ausschnitt; bearbeitet)
Autor: Deval Kulshrestha
commons.wikimedia.org/wiki/File:1660_blk_19329_zoom.png


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Ramadan — Zeit der Heuchelei ?


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_____ Religiöse Werte _____

In vielen Religionen gibt es eine Fastenzeit, die der Besinnung auf religiöse Werte dienen soll. Allerdings sind wir Menschen nicht immer ganz perfekt, und so kann es vorkommen, dass Religionen manchmal ein wenig — menschlich, allzu menschlich — zweckentfremdet werden und von Heuchelei zu reden nicht ganz abwegig erscheint. Wir Menschen neigen nunmal dazu, unser Fehlverhalten zu rationalisieren, um uns wenigstens uns selbst gegenüber den Anschein von Lauterkeit zu verleihen.

In einem Beitrag zum Ramadan des Jahres 2017 in der FAZ schreibt Aylin Güler am 2. Juni 2017 im zweiten Absatz:

Aber auch moralische Sünden, wie Beleidigungen und Lügen dürfen in dieser Zeit nicht begangen werden.

 

Ah, nicht in dieser Zeit … Aber wie schaut es außerhalb dieser Zeit aus? Ist es dann erlaubt? Wir erfahren es leider nicht.

Aylin Güler fährt fort:

Wann findet Ramadan statt?

2017 dauert der Ramadan vom 27. Mai bis zum Ramadanfest am 24. Juni. Muslime, die in Skandinavien am Polarkreis leben, wo im Sommer die Sonne praktisch nie untergeht, halten sich an die Zeiten im saudi-arabischen Mekka oder der Türkei.

 

Dass der Ramadan für Muslime in der Nähe des Polarkreises in manchen Jahren zu einem existenziellen Problem werden kann, konnte man bereits in einem Aufsatz erfahren, der im Jahr 2006 erschienen ist. Dort ist im Kapitel 3 [Die fünf (eigentlich sechs) Säulen des Islams] in Unterpunkt 4. [Das Fasten während des Ramadans — Saum] zu lesen:

Der Ramadan kann in jede Jahreszeit fallen, da der islamische Kalender nicht dem neuzeitlichen, logischen Sonnenjahr folgt, sondern dem Mondjahr. Wie sich der Ramadan für einen Moslem gestaltet, der z.B. in Island oder auf Spitzbergen im Norden von Norwegen lebt, oder der z.B. als Wissenschaftler in der Antarktis tätig ist, sollte von islamischen Gelehrten erklärt werden; denn wenn der Ramadan in die Zeit des Sommers der Nordhalbkugel fällt, ist es dort mehrere Wochen lang „Tag“. Die Sonne geht dort dann nicht unter, und ein Moslem, ob Isländer, Norweger, Same, Türke, Araber oder Deutscher  … kann dort über diesen Zeitraum bei natürlichem Licht jederzeit „einen weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden“. Dann aber kann das Fasten während des Ramadans z.B. in Island oder auf Spitzbergen oder anderswo im Hohen Norden oder Süden für Muslime zu einem existenziellen Problem werden.

Warum sich Muslime, die "am Polarkreis" leben, gemäß der Beschreibung von Aylin Güler (FAZ) während des Ramadans "an die Zeiten im saudi-arabischen Mekka oder der Türkei" halten, wird leider nicht näher erläutert. Warum gilt dies nicht auch für Muslime, die z.B. nördlich oder südlich des 47sten Breitengrades leben? Ihnen könnte doch viel Ungemach erspart bleiben!

 

Müssen alle Muslime fasten?

Im Koran steht zum Ramadan geschrieben:

Der Monat Ramadan ist es, in dem der Qur’an als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klarer Beweis der Rechtleitung und der Unterscheidung. Wer also von euch in dem Monat zugegen ist, der soll in ihm fasten. Und wer krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll eine Anzahl anderer Tage (fasten) – Allah will es euch leicht, Er will es euch nicht schwer machen – damit ihr die Frist vollendet und Allah rühmt, daß Er euch geleitet hat. Vielleicht werdet ihr dankbar sein. [2:185]

 

Hat man im FAZ-Beitrag von Aylin Güler oben erfahren, dass sich "die 29- oder 30-tägige Fastenzeit immer um zehn bis elf Tage pro Jahr" [wegen des Jahreslaufs der Erde um die Sonne] verschiebt (siehe Screenshot 2: "Wann findet Ramadan statt?"), der Ramadan also über einen Zeitraum von mehr als einer Dekade durch das ganze Jahr wandert, so heißt es im Koran ([2:185]), dass der Koran im Ramadan — also während einer nur 29- oder 30-tägigen Periode — herabgesandt worden sei. Die medinesische Sure 2 "Die Kuh" (Al-Baqara) ist chronologisch die Nummer 91, also geraume Zeit vor Abschluss der 23-jährigen Entstehungszeit des Korans entstanden. Stimmig erscheint mir dies nicht.

Nachdenklich macht es, dass zur Teilnahme am Fasten während des Ramadans nur angehalten wird, wer "von euch in dem Monat zugegen ist" [2:185]. "Zugegen" wo? In Saudi-Arabien, in Mekka, in Medina, in oder auch außerhalb einer Moschee — oder auch woanders? Und was ist zu erwarten, falls jemand — entgegen dem Schlusssatz aus [2:185] ("Vielleicht werdet ihr dankbar sein.") — nicht dankbar ist?

Alles in allem erweckt die Geschichte rund um den Ramadan bei mir den Eindruck, dass sie unausgegoren ist.

+ + +

P.S.: Im Koran ist an 15 Stellen vom Nachdenken die Rede, recht eindringlich in der mekkanischen Sure "An-Nahl" (Die Bienen) in diesem Vers …

(Wir entsandten sie) mit den deutlichen Zeichen und mit den Büchern; und zu dir haben Wir die Ermahnung herabgesandt, auf daß du den Menschen erklärest, was ihnen herabgesandt wurde, und auf daß sie nachdenken mögen. [16:44]

… sowie in der medinesischen Sure "Muhammad" (Mohammed) in Vers 24:

Wollen sie also nicht über den Qur’an nachdenken, oder ist es (so), daß ihre Herzen verschlossen sind? [47:24]

Ich wollte es nicht unversucht lassen …

 

Den vollständigen Beitrag von Aylin Güler mit dem Titel "Wie erkläre ich’s meinem Kind? Was Muslime im Ramadan machen" finden Sie hier.

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Beitragsbild:
Das Speisewunder. Aus der Prophetenbiographie Siyer-i Nebi, Osmanisches Reich, 1388, illustriert Ende des 16. Jahrhunderts.


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Religiöse Vorschrift über staatlichem Gesetz ?


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Zum Gebot der weltanschaulichen Neutralität des Staates und einem Urteil des BVerfG
sowie Stellungnahmen zu Texten von Henning Hirsch (Die Kolumnisten) und Prof. Dr. Klaus F. Gärditz

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Dass staatliches Recht in einem freiheitlichen demokratischen, parlamentarischen Rechtsstaat über religiösen Geboten und Vorschriften steht die nicht in rechtsstaatlichen und demokratischen Verfahren zustandegekommen und erlassen worden sind, halte ich für unabdingbar. Das Gebot der weltanschaulichen Neutralität des Staates steht, da sie alle Bürger eines Landes betrifft, über der individuellen / persönlichen Religionsfreiheit. In Deutschland ergibt sich dies u.a. aus Artikel 1 Satz 3 („Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.“) sowie aus dem Artikel 140 unserer Verfassung, des Grundgesetzes, darin den Artikeln 136 (1) und (3) sowie 137 (1) der Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1919:

Art. 136
(1) Die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten werden durch die Ausübung der Religionsfreiheit weder bedingt noch beschränkt.

Dies bedeutet, dass die Ausübung der Religionsfreiheit keine rechtsetzende Wirkung entfaltet.

(3) Niemand ist verpflichtet, seine religiöse Überzeugung zu offenbaren. Die Behörden haben nur soweit das Recht, nach der Zugehörigkeit zu einer Religionsgesellschaft zu fragen, als davon Rechte und Pflichten abhängen oder eine gesetzlich angeordnete statistische Erhebung dies erfordert.

Mit „Rechte und Pflichten“ ist z.B. die rechtliche Verpflichtung zur weltanschaulichen Neutralität von Amtsträgern während der Berufsausübung gemeint.

Art. 137
(1) Es besteht keine Staatskirche.

Im Artikel 4 unserer Verfassung gilt zwar (in Satz 1) die — allgemein als Religionsfreiheit bezeichnete — „Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und des weltanschaulichen Bekenntnisses“ als unverletzlich, und (in Satz 2) ist das Recht der „ungestörten Religionsausübung“ gewährleistet (garantiert).

Mit der Gewährleistung der ungestörten Religionsausübung (gemäß Art.4 (2)) sowie u.a. durch das Deutsche Richtergesetz § 39, aber auch durch das Beamtenstatusgesetz § 33 sowie aufgrund des Mäßigungsgebots (Wikipedia) und z.B. durch das Strafgesetz sind der Religionsfreiheit jedoch Grenzen gesetzt — sie gilt nicht uneingeschränkt.

* * *

Im Januar 2020 hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entschieden, dass das Tragen religiöser Symbole während der Berufsausübung für staatliche Bedienstete — Repräsentanten des Staates — untersagt werden kann, da das Gebot der staatlichen Neutralität über dem persönlichen Recht der „Religionsfreiheit“ steht (vgl. auch den Beitrag Missverstandene Religionsfreiheit vom 11. Juli 2017, auf dieser Website veröffentlicht am 4. März 2019). Die Leitsätze zum Beschluss sowie die Begründung zum Urteil finden Sie auf der Website des Bundesverfassungsgerichts.

~ ~ ~

Kritik an diesem Urteil des Bundesverfassungsgerichts blieb nicht aus. Mit zwei anschaulichen Beispielen für die Argumentation der Urteils-Kritiker werde ich mich hier auseinandersetzen: Einem Gastbeitrag von Prof. Dr. Klaus F. Gärditz, veröffentlicht auf der Website „Legal Tribune Online“ unter dem Titel Ein Bundesverfassungsgericht des Ressentiments, sowie einer Kolumne von Henning Hirsch, veröffentlicht auf der Website von „Die Kolumnisten“ unter dem Titel Kopftuchträgerinnen: Referendarinnen zweiter Klasse?.

  • Der Kolumnist Henning Hirsch stört sich zu Beginn seines Textes am Zeitpunkt der Urteilsverkündung „kurz nach den Anschlägen in Hanau, bei denen neun junge Menschen mit kurdischen, bosnischen und afghanischen Wurzeln ums Leben kamen“ — als ob der Zeitpunkt, aber auch die Herkunft der Opfer des Hanauer Anschlags etwas mit dem Gegenstand des Gerichtsurteils zu tun hätten.
    Im darauffolgenden Satz leuchtet es Henning Hirsch nicht ein, dass — gemäß eines früheren Urteils des Bundesverfassungsgerichts — „eine Kindergärtnerin aus Baden-Württemberg das beanstandete Kleidungsutensil während der Arbeitszeit anbehalten darf“. Nun, lieber Henning Hirsch, eine Kindergärtnerin ist eben keine während der Berufsausübung zur religiösen und weltanschaulichen Neutralität verpflichtete Repräsentantin des Staates. Der Grundsatz der strikten weltanschaulichen Neutralität der Justiz hingegen wirkt für Henning Hirsch „aus der Zeit gefallen“. Dies wirft bei mir die Frage auf, welche Weltanschauung der Staat denn vertreten oder repräsentieren sollte: die des Henning Hirsch, oder z.B. die Weltanschauung derjenigen, die gegensätzliche Ansichten vertreten.
    Ein wenig polemisch wird’s, wenn Henning Hirsch meint, dass nicht jede, die sich einen Hidschab anlegt, „sofort die Scharia in Deutschland einführen“ wolle. Also „nicht sofort“?
    Henning Hirsch schreibt weiters, dass sich junge Muslima aus Diskriminierungsgründen heraus nicht selten für das Kopftuch entscheiden würden, und unterstellt, dass „die Mehrheitsgesellschaft sie nicht integriert“. Selbstdiskriminierung und Integrationsverweigerung seitens religiös-ideologisch eingeengter Menschen kommen als Ursachen für Henning Hirsch mglw. nicht in Betracht.
    Im nächsten Textabschnitt äußert sich Henning Hirsch zu Richtern in roten Talaren, Anwälten in schwarzen Roben sowie zu Rokoko-Perücken tragenden Richtern in England (Anmerkung: Rokoko-Perücken tragende Richter in England sind von der Rechtsprechung in Deutschland, um die es in diesem Gerichtsurteil geht, gar nicht betroffen) — und stellt diese Amtskleidung („Anzugsordnung“) auf eine Stufe mit religiös vermeintlich vorgeschriebenen Kleidungsstücken, befürwortet mithin mindestens eine Gleichstellung religiöser Vorschriften mit staatlichen Gesetzen. Ich hielte ein solches Ansinnen (in Europa) für einen Rückfall in seit Jahrhunderten überwundene Zeiten. Dass für Angehörige mehrerer Berufe während des Dienstes eine uniformierte Bekleidung vorgeschrieben sein kann und Amtsträger ihre individuellen Vorlieben hinter die berufliche Tätigkeit / berufliche Position zurückstellen müssen, übergeht Henning Hirsch.
    Im vorletzten Textabschnitt stellt Henning Hirsch fest, dass wir „nun mal in Mitteleuropa und nicht auf der arabischen Halbinsel“ leben, und dass somit „bei uns Toleranz und Unschuldsvermutung für sämtliche Bürger“ gelten. Und: „Nicht jede Referendarin, die ein Kopftuch trägt, will gleich den Gerichtssaal in die Luft sprengen.“ Nicht jede, schreibt Henning Hirsch.
    Selbstverständlich gilt in Deutschland die Unschuldsvermutung. Es gilt aber auch das Neutralitätsgebot des Staates. Zu der von Henning Hirsch erwähnten Toleranz habe ich mich im Beitrag Toleranz und Wertschätzung ausführlich geäußert.

  • In seinem Gastbeitrag für das Portal LTO verteidigt Prof. Dr. Klaus F. Gärditz zunächst die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, kritisiert aber die Begründung dazu, und fragt u.a., warum „ein schlichtes Kopftuch, für dessen prozessadäquate Gestaltung gegebenenfalls Vorgaben gemacht werden könnten“, eine „sozialkommunikative Neutralitätsgefährdung“ sein soll. Auch hier stellt sich für mich die Frage, warum der Staat seine Gesetze an (vermeintliche) religiöse Vorschriften oder Gebote anpassen sollte und wie weit eine solche Anpassung gehen könnte.
    Weiters plädiert Klaus F. Gärditz für ein „angemessenes Verständnis für die legitimen religiösen Bedürfnisse einer Amtsträgerin“. Die legitimen Bedürfnisse und Erfordernisse des religiös und weltanschaulich neutralen Staates erwähnt Klaus F. Gärditz an dieser Stelle und in diesem Zusammenhang nicht.
    In sich widersprüchlich erscheint mir Gärditz’ nächster Textabschnitt „Provinzialismus für Säkularisten“, in dem er einerseits schreibt: „Das Gericht betont mit Recht, dass es die Funktionsfähigkeit der Rechtspflege erfordert, möglichst breites Vertrauen der Bevölkerung in die Neutralität der Justiz sicherzustellen.“, um andererseits — und sehr polemisch, ja diffamierend, wie ich meine — einen „reaktionären Progressivismus, dessen Unfähigkeit, in einer sich immer weiter säkularisierenden Gesellschaft auch einmal gelebte Religiosität auszuhalten, allenfalls eingefleischte DDR-Nostalgiker erfreuen kann“ zu unterstellen. Die Frage, ob religiöse Menschen während einer Gerichtsverhandlung auch einmal gelebten Säkularismus aushalten können, stellt Prof. Dr. Klaus F. Gärditz nicht.
    Im Abschnitt „Berufsbeamtenethos in Differenz“ behauptet Gärditz, dass der Art. 33 Abs. 3 Satz 1 GG „vom Bundesverfassungsgericht überhaupt nicht ernst genommenen“ würde.
    Zur Verdeutlichung der Artikel 33 Absatz 3 des Grundgesetzes:

    (3) Der Genuß bürgerlicher und staatsbürgerlicher Rechte, die Zulassung zu öffentlichen Ämtern sowie die im öffentlichen Dienste erworbenen Rechte sind unabhängig von dem religiösen Bekenntnis. Niemandem darf aus seiner Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einem Bekenntnisse oder einer Weltanschauung ein Nachteil erwachsen.

    Darin ist u.a. vom religiösen Bekenntnis die Rede. Das symbolische Zurschaustellen des religiösen oder des weltanschaulichen Bekenntnisses ist nicht Gegenstand dieses Verfassungsartikels. Durch das (partielle) Versagen der Möglichkeit, sein religiöses oder weltanschauliches Bekenntnis überall und jederzeit, also z.B. während einer Gerichtsverhanlung, zur Schau stellen zu können, wird die „Religionsfreiheit“ nicht eingeschränkt, denn diese beinhaltet lt. Artikel 4 GG u.a. eben „nur“ die Freiheit des Glaubens sowie die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses, nicht jedoch die Freiheit des jederzeitigen und ortsunabhängigen symbolischen Zurschaustellens dieses Bekenntnisses.

  • ~ ~ ~

    Es geht m.E. nicht an, dass religiöse Vorschriften und Gebote, die jeder selbstverständlich für sich persönlich — und nur für sich persönlich — befolgen darf solange damit nicht die Rechte und Freiheiten anderer berührt oder verletzt werden oder solange damit nicht in staatliches Recht oder in die verfassungsmäßig garantierten Rechte, auch Grundrechte, eingegriffen wird, Vorrang vor staatlichem Recht haben bzw. diesem übergeordnet werden sollen. Ich meine, dass sich ein freiheitlicher demokratischer und parlamentarischer Rechtsstaat davor hüten muss, religiösen Vorschriften und Geboten, die in nicht-rechtsstaatlichen Verfahren zustandegekommen und erlassen worden sind, einen Vorzug oder auch nur eine gleichberechtigte Stellung gegenüber dem staatlichen Recht einzuräumen. Der SPD-Politiker Carlo Schmid hat es in seiner Rede vor dem Parlamentarischen Rat im September 1948 so formuliert:

    Ich für meinen Teil bin der Meinung, daß es nicht zum Begriff der Demokratie gehört, daß sie selber die Voraussetzungen für ihre Beseitigung schafft. […] Demokratie ist nur dort mehr als ein Produkt einer bloßen Zweckmäßigkeitsentscheidung, wo man den Mut hat, an sie als etwas für die Würde des Menschen Notwendiges zu glauben. Wenn man aber diesen Mut hat, dann muß man auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.

    * * *

    Zum Abschluss ein Leserkommentar, der zu dem redaktionellen Beitrag Polarisierendes Kopftuch-Urteil (incl. eines Streitgesprächs zwischen einer Redakteurin und einem Redakteur) am 05.03.2020 auf der Website der FAZ veröffentlicht worden ist, im Wortlaut — ein Leserkommentar, der eine verquere, aber nicht selten anzutreffende Scheinlogik offenbart:

    Die britische Königin Elizabeth II. wird auch häufiger mit Kopftuch in der Öffentlichkeit gesichtet. Muss das jetzt auch als Zeichen gewertet werden, dass sie unterdrückt wird?

    FAZ_urteil-zum-kopftuch-verbot-hat-der-staat-richtig-gehandelt_Commentscreenshot_05-03-2020-3

    Nein, das muss nicht als Zeichen einer Unterdrückung gewertet werden. Allerdings trägt die Queen dieses Kopftuch auch nicht aus religiösen oder sonstigen weltanschaulichen, sondern situationsbedingt aus ganz praktischen Gründen als Schutz vor Wind und Wetter — ohne damit eine Religionszugehörigkeit oder eine Weltanschauung symbolisch zur Schau stellen zu wollen oder staatliches Recht aushöhlen und durch religiöse Vorschriften ersetzt sehen zu wollen.

    _____
    Beitragsbild: Mohammed schlichtet einen Streit um den Schwarzen Stein in der Kaaba. Aus Jami’al-Tawarikh (Universalgeschichte). Persien, 14. Jhdt.


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    Ohne aktuellen Bezug ...


    Herkunft-Abstammung_sHerkunft, Abstammung oder Religionszugehörigkeit / Weltanschauung sind kein Fehlverhalten — und auch nicht das Gegenteil davon –, auch wenn das Befolgen z.B. religiöser Vorschriften oder eine ideologische / weltanschauliche Verengung zu Fehlverhalten führen kann.

    Wie aber sagt und erklärt man es den Rassisten und den Verschwörungstheoretikern ?

    + +

    Der Buchcover im Beitragsbild gehört zu «BRIEF AN DIE HEUCHLER — und wie sie den Rassisten in die Hände spielen» von CHARB (Stéphane Charbonnier).

    Zum Thema: siehe auf dieser Website auch die Beiträge
    Trefflicher Buchtitel & Argumentation
    Toleranz und Wertschätzung


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    Kostenfrei -- ohne Blabla


    Ohne-Blabla_2-zlgWährend Wahlkämpfen stoße ich immer mal wieder auf Slogans, in denen Parteien bzw. deren Kandidaten auf öffentlich aufgestellten Plakaten damit für sich werben, uns Bürgern etwas "kostenfrei" geben oder zur Verfügung stellen zu wollen — z.B. Kindergärten / Kindergartenplätze für unsere Jüngsten. Das finde ich generös.

    Da ich derartige Slogans in den vergangenen zehn und mehr Jahren bei mehreren Parteien — von rechts bis links — gesehen habe, spielen Ort und Zeit der Aufnahme des Beitragsbildes sowie die in diesem Fall plakatierende Partei keine Rolle; die Farben des abgebildeten Plakatausschnitts habe ich mittels Bildbearbeitungssoftware stark verändert, den Text habe ich unverändert gelassen.

    Kostenfrei

    Mehrmals habe ich Kandidaten verschiedener Parteien auf eben einen solchen Slogan angesprochen und gefragt, ob denn die Räumlichkeiten für Kindergärten ebenfalls "kostenfrei" seien und ob die Mitarbeiter dort — meist wohl Frauen — ebenfalls "kostenfrei" arbeiteten. « NEIN », wurde mir dann bedeutet, das wäre selbstverständlich nicht der Fall. Ob denn das Angebot steuerfinanziert wäre und wir Bürger — alle Steuerzahler, auch diejenigen, deren Kinder in den Kindergärten betreut werden — somit die "kostenfreien" Kindergartenplätze finanzieren würden, womit ich (ledig, kinderlos) kein Problem habe, wollte ich daraufhin jeweils wissen.

    Das Wort "steuerfinanziert" kam so manchen Politikern dann in ihren Antworten nur sehr schwer über die Lippen — wenn überhaupt.

    Ich bin der Meinung, dass man — nicht nur in Wahlkampfzeiten — den Bürgern getrost mit Aufrichtigkeit begegnen und ihnen einfache Sachverhalte in allgemeinverständlichen Worten darlegen kann und darf.

    Das Geld für z.B. Kindergartenplätze kommt schließlich nicht von der Bank, und "der Staat" bzw. staatliche Verwaltungen / Regierungen haben mangels eigener Möglichkeiten, etwas zu erwirtschaften, kein eigenes Geld, sondern ihnen steht das zur Verfügung, was sie über Steuereinnahmen von den Bürgern — von uns Bürgern — zur Finanzierung und Aufrechterhaltung öffentlicher und den Bürgern — uns Bürgern — zugutekommender Aufgaben erhalten. Umverteilung eben, wie es sie in der Natur überall gibt, da Lebewesen — auch wir Menschen — weder Materie noch Energie (aus dem Nichts) erzeugen können.

    Aufrichtigkeit, so meine Vermutung, ist jedoch etwas, womit man in der Politik möglicherweise weniger erfolgreich ist als mit Augenwischerei.

    Weil es viele Bürger so wollen ?


    Eckhardt Kiwitt
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    Der Würfelmond — eine ernste Kurzsatire


    Kugel-Wuerfelmond_BeschriftungIch glaube [*], dass der Mond ein Würfel ist.

    Außerdem glaube ich, dass jeder, der dies ebenfalls glaubt, eine Chance hat, ins Paradies zu gelangen, während jeder, der dies nicht glaubt, in die Hölle kommt.

    Nun hat jeder die freie Wahl.

    Niemand wird zu irgendetwas genötigt [*]. Niemandem wird ein Schaden zugefügt. Es wird damit kein Machtanspruch erhoben.

    ~ ~ ~

    Kugel-Wuerfelmond_Beschriftung

    Es mag absurd erscheinen, zu glauben, dass der Mond ein Würfel sei.
    Nun denn …

    … dass er den Geschlagenen die freie Wahl zwischen Tod und seinem Glauben lässt: Das ist mit Sicherheit etwas, das kein Mensch entschuldigen kann, […], es sei denn, der Aberglaube hat ihm jedes natürliche Licht erstickt.
    _____
    Voltaire in einem Brief an Friedrich den Großen, in dem er sich über den Islam-Erfinder Mohammed äußert.
    (Correspondance II. 1739–1748)

    Ähnlichkeiten mit manchen Religionen sind (k)ein Zufall.

    _____
    [*] Vgl. Artikel 4 Satz 1 GG (Freiheit des Glaubens …), sowie § 240 StGB (Nötigung)


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    Kleine Anfrage


    Umgang-mit-Kritik_1In der Auseinandersetzung mit Religionen und anderen Ideologien, mit manchen religiösen Vorschriften und Gesetzen, mit totalitären Systemen, Diktaturen, Despotien und Tyranneien, mit Bevormundungen, Einschüchterungsversuchen und Schlimmerem sowie aus der Kritik und Anfeindungen, denen man deswegen ausgesetzt sein kann, ergibt sich für mich eine Frage:

    Wie wollen Sie mit Menschenrechtsverletzungen
    und mit Kritik an Menschenrechtsverletzungen
    umgehen ?


    Eckhardt Kiwitt
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    Kritik und Angst -- Wider die Selbstgerechtigkeit


    Mahomet-Zitat_10x10Im Mai 2012 fällte das Landgericht Köln ein vielbeachtetes Urteil zur Knabenbeschneidung, wie sie insbesondere im Judentum und im Islam üblich, aber auch z.B. in den Philippinen und den USA bei Christen weit verbreitet ist, und wertete dieses Ritual, das mich mehr an Voodoo denn an Religion (Gottes- / Göttinverehrung) erinnert, als strafbewehrte Körperverletzung (gemäß § 223 StGB). Im Verlauf der anschließenden öffentlichen Debatte wurde, soweit ich diese verfolgt habe, von keinem Politiker, keinem Journalisten und auch keinem Juristen die Frage aufgeworfen, was das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung mit dem im Artikel 4 Satz 2 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland zwar „gewährleisteten“, aber keineswegs uneingeschränkt garantierten Recht der „ungestörten Religionsausübung“ zu tun hat. Auch wurde m.W. nicht erörtert, inwieweit es das Erziehungsrecht der Eltern beinhaltet, kleine Kinder oder wehrlose Babys zu verstümmeln, Kinder dadurch „erzogen“ werden.

    » Aus Angst ?

    Stattdessen wurde – m.E. mehr in Wort­hülsen und in Sprechblasen, die bei mir teils den Eindruck von Drohungen hinterließen statt mit Fakten unterlegt zu sein – „argumentiert“, die Religionsfreiheit würde eingeschränkt oder es würden Menschen deswegen gar ihrer Identität oder ihrer Lebensgrundlage beraubt.

    Die Zirkumzision mag in Einzelfällen aus medizinischen Gründen geboten sein, aber: Wenn ich jemandem auf der Straße begegne, sehe ich ihm gar nicht an, ob er beschnitten ist oder nicht, kann seine mögliche Religionszugehörigkeit an diesem Merkmal folglich nicht erkennen — und habe auch nicht das Bedürfnis, dies näher zu untersuchen.

    Falls das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung [*] – entgegen der Aussage in unserem Strafgesetzbuch – keine Straftat sein sollte, was ist es dann? Oder ist Körperverletzung nur dann keine Straftat, wenn sie „religiös“ intendiert ist? Soll also das Begehen von Straftaten dann legitimiert sein, wenn dies als zur „ungestörten Religionsausübung“ gehörend deklariert wird? Das könnte einen beträchtlichen Interpretations- und Handlungsspielraum eröffnen.

    Siehe auch den Beitrag Umkehrschluss

    [*] Falls es judentumsfeindlich, christentumsfeindlich oder islamfeindlich ist, das Begehen von Straftaten zu kritisieren: Was bedeutet dies dann im Umkehrschluss ?

    Bleibt abschließend eine Frage:
    Wie wollen Sie mit Menschenrechtsverletzungen und mit Kritik an Menschenrechtsverletzungen umgehen ?

    Zum Thema auch: BGB § 1631d, in Kraft getreten am 28.12.2012 sowie die Begründung dazu.

    Zur Vertiefung empfehle ich an dieser Stelle das Buch «Identitätslinke Läuterungsagenda — Eine Debatte zu ihren Folgen für Migrationsgesellschaften» von Sandra Kostner
    ibidem Verlag, ISBN 978-3-8382-1307-1

    Das Beitragsbild zitiert einen Satz aus Voltaires Mahomet, den der Sopir im ersten Aufzug, erster Auftritt, in der Übersetzung von Johann Wolfgang Goethe im Dialog mit Phanor sagt.

    Zum weiteren Verständnis dieses Beitrags:
    Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit und Fehlverhalten
    Wertschätzung, Unschuldsvermutung und Gerücht
    Begriffsverwirrung: Diskriminierung, Islamfeindlichkeit, Rassismus
    Missverstandene Religionsfreiheit


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    Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Text «Angst», den ich im Herbst 2012 verfasst habe.




    Despotismus, Paradiesversprechen, und das Stockholm-Syndrom


    Hell-and-Paradise

    Despotismus im Diesseits
    und
    Paradiesversprechen fürs Jenseits

    Das Stockholm-Syndrom wird als psychologisches Phänomen erklärt, bei dem «Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen.» Erklärt wird das positive emotionale Verhältnis u.a. damit, dass „schon kleinste Zugeständnisse“ seitens der Geiselnehmer als „große Erleichterungen empfunden“ werden. Dieses psychologische Phänomen beruht m.E. auf dem „Prinzip Hoffnung“, das in uns Menschen angelegt ist und das sich wohl durch die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit zieht, sowie auf dem Selbsterhaltungstrieb, der eine Lebensnotwendigkeit ist; Geiselnehmer machen sich dies auf zynische Weise zunutze.

    Sich seelische oder sonstige Qualen (als Anreizsystem) aufzuerlegen mag je nach Disposition jedem selbst überlassen sein. Andere damit zu behelligen, sie zu kujonieren oder zu malträtieren, sie einzuschüchtern oder zu erpressen um sie zu einem bestimmten Handeln zu bewegen, um ein bestimmtes Verhalten zu erzwingen, ihnen das Leben auf Erden zur Hölle zu machen und in ihnen die Hoffnung zu wecken, dass es für sie „in der Zukunft“ besser werden könnte, besser werden möge, ist jedoch eine andere Sache, die in deren Persönlichkeitsrechte eingreift. In der Kindererziehung werden derlei Methoden noch hier und da angewandt in der Absicht, dem Kind Anreize für ein bestimmtes Verhalten / Wohlverhalten zu geben — wozu jedoch eine direkte positive Motivation besser geeignet erscheint; manche Staatenlenker machen sie sich zueigen, um ihre Bürger, „ihre“ Völker, ihre Untertanen zu führen, zu lenken. Und auch in manchen Firmen ist es ein gängiges Führungsprinzip, bei dem das Vertrauen in die Vernunft allerdings außen vor bleibt.

    Sich hingegen selbst eine Aufgabe zu stellen oder aufzuerlegen, die man erfüllen möchte um z.B. zu gestalten, oder anderen eine Aufgabe zu stellen, die es zu erfüllen gilt, ist Verhandlungssache bzw. basiert auf Freiwilligkeit oder auf der Einsicht in eine Notwendigkeit.

    In manchen Religionen und Ersatzreligionen [*] ist die Kombination aus Despotismus im Diesseits und Paradiesversprechen fürs Jenseits zur Perfektion gesteigert und ausgearbeitet, ist der Zynismus vollendet, um Macht- und Herrschaftsstrukturen aufrecht zu erhalten und langfristig zu sichern — auch auf die Gefahr hin, dass dies zur Selbstzerstörung des Systems führen kann (vgl. z.B. Sure 9 Vers 111 des Korans).

    Religionen geben den Menschen Orientierung, wird uns bisweilen gesagt. Das tut unsere Verfassung, das Grundgesetz, auch – allerdings ohne Menschen zu bevormunden, sie einzuschüchtern oder sonstwie zu drangsalieren. Obendrein gewährleistet das Grundgesetz Rechte und Freiheiten, die so manche Religionen nichtmal gewähren.

    _____
    [*] Friedrich Dürrenmatt meinte «Ideologie ist Ordnung auf Kosten des Weiterdenkens.»

    Beitragsbild:
    Collage aus
    «Mohammed (upper right) visiting Paradise while riding Buraq, accompanied by the Angel Gabriel (upper left)» (Ausschnitt, Quelle: http://www.zombietime.com/mohammed_image_archive/islamic_mo_full/0129_001.jpg — siehe auch «Mohammed in Bildern», # 15.2)
    und
    «Hölle», von Herrad von Hohenburg (Herradis Landsbergensis), Wikipedia, (Ausschnitt, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Hortus_Deliciarum_-_Hell.jpg)


    Eckhardt Kiwitt
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    In der eigenen (Kleidungs)-Schublade


    Schlagwortkatalog_8x5_cMeinungen, Wahrheiten, Fremdwahrnehmung und Selbstwahrnehmung

    In einem Podcast, den Der Spiegel auf seiner Website bento — Das junge Magazin vom SPIEGEL am 1. Januar 2020 veröffentlicht hat, führen zwei junge Frauen[*] einen (gespielten) Meinungsaustausch über Kleidung im Allgemeinen und das islamische Kopftuch im Besonderen.

    Die zuerst auftretende junge Frau beginnt mit einer Forderung an ihre Zuhörer:

    Hört auf, andere nach ihren Klamotten zu beurteilen.

    um nach wenigen Sätzen fortzufahren

    „Kleider machen Leute“ ist einfach nicht mehr. Und wir sollten endlich aufhören, Leute danach zu beurteilen, was sie anziehen.

    Die zweite junge Frau wirft ein, dass es Menschen gibt, die …

    … sich bewusst auf eine bestimmte Art und Weise anziehen, um zu zeigen, wer sie sind

    was von der ersten jungen Frau mit einem resoluten

    Das stimmt!

    bestätigt wird. Diese Feststellung ergänzt die erste junge Frau mit den Worten

    Ich trage ja auch Kopftuch und freue mich, wenn ich eine andere Hijabi sehe und sie islamisch grüßen kann.

    Diese Aussage ist mit der von ihr anfänglich erhobenen Forderung, Menschen nicht „nach ihren Klamotten“ zu beurteilen, aus meiner Sicht nicht in Einklang zu bringen — denn sie identifiziert ja „eine andere Hijabi“ an eben ihren „Klamotten“ als Muslimin und entscheidet (urteilt) daraufhin, sie zu grüßen. Sie bugsiert andere Menschen — und auch sich selbst — also allein aufgrund ihrer Kleidung in jene Schublade („Kleidungsschublade“), in die man Menschen gemäß eines Eingangswortes dieses Podcasts nicht stecken sollte.

    Screenshot (eigenes Bild)

    Würde sie aber diese Frau, der sie z.B. auf der Straße begegnet, auch dann „islamisch grüßen“ («as-Salamu aleikum» = «Friede sei mit dir/euch!»), wenn diese keinen Hijab, wenn sie kein islamisches Kopftuch tragen, wenn sie als Muslimin nicht zu erkennen wäre? Würde sie andere Frauen und sonstige andere Menschen überhaupt grüßen, ihnen Frieden wünschen («as-Salamu aleikum»), wenn sie sie nicht als Muslime identifizieren kann, oder ist ihre Freundlichkeit und Höflichkeit im Umgang mit anderen Menschen an deren — erkennbare — Religionszugehörigkeit geknüpft? Aus dem, was sie in dem Podcast sagt, geht dazu nichts hervor.

    ~ ~ ~

    In einem Debattenbeitrag vom 14. Oktober 2019, den der Berliner Tagesspiegel auf seinem Portal CAUSA veröffentlicht hat (incl. 21 teils sehr kritischen, dennoch sachlichen Leserkommentaren), vertritt dieselbe junge Frau die Meinung (oder stellt die Behauptung auf), dass Spiritualität nur noch im Yoga-Raum geduldet würde, und beginnt ihren dortigen Text mit dem Satz „Ich bin Muslimin. Das spüre ich. Das sieht man mir an. Ich verstecke es nicht. Ich trage ein Kopftuch.“

    Die Identifizierbarkeit als Muslimin scheint ihr sehr wichtig zu sein, jederzeit und überall, und es kann der Eindruck entstehen, dass sie ihre Identität ganz darauf reduziert.

    Den Eingangssatz ihres Debattenbeitrags möchte ich — nicht ohne Humor und doch ernst gemeint — kontern und ihre Worte dabei ein wenig imitieren mit

    Ich bin Atheist, und ich stehe zu unserer Verfassung, dem Grundgesetz (vgl. den Beitrag «Ω» auf dieser Website), sowie zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Das weiß ich. Ob man mir das aber auch ansieht? Ich stelle es nicht ständig und überall symbolisch zur Schau. Wozu auch? Ich muss mir dies nicht ständig und überall selbst beweisen.

    ~ ~ ~

    Gegen Ende des o.a. Podcasts sagt die zuerst aufgetretene junge Frau:

    Ich würde lieber den Menschen kennenlernen statt seine Verkleidung.

    um wenige Sätze später die Frage nachzuschieben

    Bist du beim Date noch du selbst, wenn du eigentlich immer mit Hoodie[**] rumläufst?

    Diese Frage mag berechtigt sein. So wie aber dann auch die Frage die gleiche Berechtigung hat, ob die junge Frau sie selbst ist, wenn sie „eigentlich immer“ mit (islamischem) Kopftuch rumläuft. Wozu diese Verkleidung? Siehe ihre eigene Bemerkung zu jemandem, der „immer mit Hoodie“ rumläuft …

    _____
    Den vollständigen Podcast können Sie hier anhören.
    Den Podcast-Text zum Nachlesen gibt es hier.
    [*] Den (gespielten) Meinungsaustausch auf bento führten Merve Kayikci und Inken Dworak.
    [**] Ein Hoodie ist ein Kapuzenpullover.

    Zur Personen-Nennung in diesem Beitrag siehe die Grundannahme.

    Beitragsbild (Ausschnitt): Zettelkatalog (Schlagwort) an der Universitätsbibliothek Graz (Dr. Marcus Gossler), GNU Free Documentation License.
    Bildquelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7e/Schlagwortkatalog.jpg

    + + +

    Ergänzend vier kurze Zitate aus einem 15 Punkte umfassenden Text der Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES zum Thema:

    (1)

    3. Kann man die Vollverschleierung verbieten, wenn sie freiwillig getragen wird?

    […] Bereits 1989 schrieb der algerisch-französische Historiker Mohammed Harbi: „Was sich hinter den einschmeichlerischen Worten der Islamisten verbirgt, die vorgeben, der Schleier sei Ausdruck des Respekts […] ist der Wille und die Absicht, [die Frau] in einem Zustand der Subordination zu halten […] vergessen wir nicht, dass die gleichen Leute, die hier im Namen der individuellen Freiheit dafür plädieren, dass Mädchen in der Schule den Schleier tragen können […] anderswo verlangen, dass alle muslimischen Frauen sich verschleiern und nicht davor zurückschrecken, diejenigen, die sich widersetzen, mit Terror und Gewalt zu verfolgen.“

    (2)

    9. Werden vollverschleierte Frauen durch ein Verbot von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen?

    […] Bereits in den Debatten um das Kopftuch fällt immer wieder das Argument, dass der Schleier den Frauen die Freiheit gebe, im öffentlichen Bereich aktiv sein zu können und Berufe auszuüben. Dieser Argumentation nun sogar im Falle der VV zu folgen, ist absolut inakzeptabel und stellt eine raffinierte Umdeutung dar: Die Verantwortung für die Domestizierung der Frau wird der Gesellschaft übertragen. Es sind nicht mehr die religiösen FundamentalistInnen, die „ihre“ Frauen aus der Öffentlichkeit ausschließen, sondern eine angeblich religions- bzw. islamfeindliche Gesellschaft.

    (3)

    11. Ist ein Verbot der Vollverschleierung Ausdruck von (neo-)kolonialistischer Bevormundung und „Zwangsverwestlichung“?

    […] Hinter dem Vorwurf der „(neo)kolonialistischen Bevormundung“ verbirgt sich die Haltung, dass Menschen aus islamisch geprägten Gesellschaften die Entwicklung der Idee einer aufgeklärten Gesellschaft abgesprochen wird, da man behauptet, dass diese nur durch massive „Fremdeinwirkung“ entstanden bzw. aufgezwungen worden sein kann.

    (4)

    11. Ist ein Verbot der Vollverschleierung Ausdruck von (neo-)kolonialistischer Bevormundung und „Zwangsverwestlichung“?

    […] Muslimische Männer wie der Ägypter Qasim Amin (gest. 1908) vertraten die Meinung, dass die Verschleierung von einer männlichen Angst vor eigener Triebhaftigkeit zeuge. Wer Frauen verschleiere, halte die Männer für Schwächlinge. Und der Schleier sei ein Hindernis für Fortschritt und Gleichberechtigung.

    Unterbrochen wurde dieser Prozess der Entschleierung durch das Erstarken des zunächst vom Iran, dann von Saudi-Arabien ausgehenden islamischen Fundamentalismus. Dieser zeichnet mit dem Bild der Aufklärung als „Verwestlichung“ im Grunde ein Bild der Überfremdung durch „kulturfremdes“, „unislamisches“ Gedankengut – ein Bild, das sich nicht von den Theorien der extremen Rechten unterscheidet. Die unverschleierte (muslimische) Frau wurde zur „westlichen“ Frau stilisiert und zum Inbegriff der verhassten Moderne und einer propagierten westlichen Gegnerschaft zum Islam. Entsprechend wurden Schleier und VV zum Symbol des Islamismus.

    Quelle:
    Argumente von TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V. zur Debatte um die Vollverschleierung (2018)


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    Andersfaschistische Aktionen


    Andersfaschistische-Aktion-Button_300Wie man das Gegenteil dessen erreicht, was man bewirken will

    Um es vorauszuschicken.:

    Ich bin kein Freund der sogenannten „AfD“ oder ähnlicher Gruppierungen und Vereine (siehe u.a. den Beitrag «Auf schwachem Fundament», letzter Absatz, auf dieser Website), und auch nicht des aus meiner Sicht politisch völlig unbedarften, ja inkompetenten Gründers dieser Partei, der ich wegen ihrer gegen die europäische Währung EURO (€) gerichteten Politik von Anbeginn ablehnend gegenüberstand. Wegen ihrer Euro- und EU-kritischen Haltung war es — vermutlich nicht nur für mich — von Anbeginn absehbar, in welche Richtung sich diese Partei binnen kurzer Zeit entwickeln und dass sie zu einem Sammelbecken für „Rechtspopulisten“ (Rechtsreaktionäre und Nationalisten) werden würde. Eine solche Partei ist für mich nicht wählbar [und war es, entgegen möglicher anderer Mutmaßungen, auch in früheren Jahren und Jahrzehnten nicht].

    Im Oktober 2019 kam es in Deutschland mehrfach zu Aktionen von Gruppierungen und Leuten, die sich für politisch „links“ halten, bei denen u.a. dem Gründer der sog. „AfD“ — der sich m.W. mittlerweile aus der Politik zurückgezogen hat und jetzt wieder als VWL-Professor an der Universität in Hamburg lehrt — Vorlesungen verhindert wurden.

    Ähnlich erging es dem ehemaligen Innenminister der Bundesrepublik Deutschland, Thomas de Maizière (CDU), als „linke Aktivisten beim Göttinger Literaturherbst eine Lesung“ verhinderten.

    Wer so agiert, ist m.E. kein Antifaschist und steht politisch nicht „links“, sondern ist ein Andersfaschist und Rechtsreaktionär, der seine Meinungen womöglich zur Staatsweltanschauung (Analogon zu „Staatsreligion“) erhoben sehen, jedenfalls das Recht der freien Meinungsäußerung (GG Artikel 5 Satz 1) sowie das Recht der freien Lehre (GG Artikel 5 Satz 3) — also unveräußerliche Grundrechte — suspendiert wissen will. Er ist denjenigen nicht unähnlich, die, wie einst die Nationalsozialisten im „Dritten Reich“ und später die Machthaber in der DDR, und wie heute u.a. Vertreter von Pegida oder der sog. „AfD“, das Wort «Lügenpresse» verwenden und die damit zum Ausdruck bringen, dass sie womöglich nur das in den Medien veröffentlicht sehen wollen, was sie selber für „die Wahrheit“ halten.

    Deutschland hat, wie wohl jeder freiheitliche demokratische Rechtsstaat, keine Staatsweltanschauung. Dies werden auch so manche derjenigen wenigstens akzeptieren müssen, die meinen, eine solche erzwingen oder durchsetzen zu dürfen — und dabei selbstverständlich ihre eigene Weltanschauung als einziges Gebrauchsmuster betrachten.
    Dass einige, die sich selbst für politisch „links“ halten, einem rechtsreaktionären Despotismus weltanschaulich mehr als nur sehr nahe stehen, ist andererseits nicht neu, es begleitet uns seit Jahrzehnten und reicht nach meiner Erinnerung zurück bis in die späten 1960er / frühen 1970er Jahre.
    _____
    Quelle:
    Leserkommentar zu Demokratie in Gefahr, FAZ vom 25.10.2019

    Die „Aktivisten“, die „beim Göttinger Literaturherbst eine Lesung des früheren Bundesinnenministers Thomas de Maizière“ verhinderten, und auch jene, die andere Veranstaltungen ihnen nicht genehmer Personen verhindern, jene, die andere als ihre eigenen Meinungen und Weltanschauungen nicht ertragen können, nicht dulden (tolerieren) mögen, sind m.E. keine „linken Aktivisten“, sondern Sympathisanten und Akteure eines rechtsreaktionären Despotismus (dem allenfalls immer noch und aus Gewohnheit das Etikett „links“ angeheftet wird).
    _____
    Quelle:
    Leserkommentar zu Steinmeier verurteilt „Gesprächsverhinderung“, FAZ vom 25.10.2019

    + + +

    Bemerkenswert und beachtenswert finde ich, dass sich so manche, die sich für politisch „links“ ausgeben, häufig mit rechtsreaktionärem Despotismus solidarisieren, gar mit diesem sympathisieren — insbesondere, wenn dieser im Gewand von Religionen, ideologischen Grundlagen eines patriarchalisch-rechtsreaktionären Despotismus, daherkommt — und oft selber rechtsreaktionär agieren (wie es z.B. die Machthaber in den Staaten des früheren „Warschauer Vertrags“ / „Warschauer Pakt“ praktiziert haben, die sich von den Nationalsozialisten des „Dritten Reichs“ und den Faschisten z.B. im Spanien des Generals Franco oder dem Italien des „Duce“ Mussolini aus meiner Sicht kaum oder gar nicht unterschieden; die DDR war für mich ideologisch und insbesondere institutionell wie „Drittes Reich ohne «Auschwitz»“), dabei die (von ihnen) oft angemahnte „Toleranz“ geflissentlich übergehen.

    Siehe auch: Trefflich: Brief an die Heuchler

    .

    .

    .

    _____
    Das Original des Antifa-Logos finden Sie in der Wikipedia.
    Es ist urheberrechtlich nicht geschützt und gemäß einem Hinweis auf der Wikipedia-Website wegen zu geringer Schöpfungshöhe nicht schützbar.

    Den Button zur „Andersfaschistischen Aktion“ gibt es

    • als PDF (4-farbig cmyk, beliebig skalierbare Vektorgrafik) hier
    • als JPEG (3-farbig rgb mit einer Auflösung von 300 dpi) hier
    • als PNG (3-farbig rgb mit einer Auflösung von 72 dpi) hier

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    Wertschätzung, Unschuldsvermutung und Gerücht


    Die_Hexe_Duerer_soft

    Wenn man andere von etwas überzeugen will

    oder

    Wie Kritik in eine Art Hexenjagd münden kann …

    * * *

    .

    Eigene Wertschätzung

    Die Werte und Vorzüge eines freiheitlichen, demokratischen Rechtsstaats jemandem näherzubringen gelingt wahrscheinlich am ehesten, indem man diese Werte vorlebt, sie erklärt und erläutert.

    Diese Werte braucht man dabei weder infrage zu stellen noch herunterzuspielen oder gar zur Disposition zu stellen oder zu verleugnen, sondern man kann zu ihnen stehen und sie ggf. auch gegen Angriffe oder Unterminierungsversuche aus Überzeugung und mit Sachargumenten verteidigen.

    Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen oder Menschen mit einer anderen als der eigenen Meinung oder Weltanschauung pauschal mit Vorurteilen zu überziehen, gegen sie zu hetzen, sie zu beschimpfen und zu beleidigen, dabei vielleicht sogar die Unschuldsvermutung außer acht zu lassen oder zu negieren, dürfte hingegen kaum eine geeignete und überzeugende Methode sein.
    Denn von was will man andere damit überzeugen?

    Wer z.B. meint, vom Fehlverhalten einzelner Menschen einer bestimmten Gruppe oder Herkunft auf alle Menschen der gleichen Gruppe oder Herkunft schließen zu können und ihnen ebenfalls Fehlverhalten unterstellen zu müssen, der lässt die Unschuldsvermutung außer acht.

    Unschuldsvermutung und Gerücht: „Sie haben erzählt, dass …“

    Mit Sätzen wie

    Screenshot: Eine Duisburger Rede,
    3. August 2015

    […] abends um 20 Uhr ein 14-jähriges Mädchen vergewaltigt wurde. Und nachdem wir ja täglich von solchen Meldungen schockiert werden, kann man sich fast vorstellen, wer der Täter war. Es wurde, vor wenigen Tagen wurde jetzt einer aus einem Asylantenheim verhaftet […], und das ist das, was wir täglich in Deutschland erleben.
    _____
    Im Video bei Minute 0:44-1:20

    werden Menschen gewissermaßen in Sippenhaftung genommen und für Taten verantwortlich gemacht, die sie nicht begangen haben. Derlei gab es in Deutschland zuletzt während der Herrschaft der Nationalsozialisten von 1933 bis 1945, und danach teils noch in der DDR (für mich eine Art «Drittes Reich ohne „Auschwitz“») bis 1989.

    Jemanden für etwas verantwortlich zu machen das er nicht getan hat, ist Ungerechtigkeit, erzeugt Wut und womöglich Hass, der sich später vielleicht ein Ventil sucht oder Trotzreaktionen provoziert.
    Einen Vorteil hat davon niemand.

    Gleiches Recht

    In einem demokratischen Rechtsstaat gilt gleiches Recht für alle — auch für Minderheiten –, ungeachtet, was jemand glaubt oder nicht glaubt. In Deutschland ist dies z.B. aufgrund der Verfassung, u.a. des GG Art. 140 geregelt.
    Wäre es anders, würden Menschen womöglich um die Wette glauben, um mehr Sonderrechte für sich einzuheimsen als der Nachbar.

    Es braucht für einen demokratischen Rechtsstaat, der zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtet ist, der weder eine Staatsreligion noch eine Staatsweltanschauung hat, meines Erachtens keinen Grund zu geben, seine Gesetze und seine Grundrechtsgarantien an Glaubensinhalte von Religionen oder sonstigen Weltanschauungen anzupassen. Im Gegenteil sind die Menschen in diesem Land gehalten, sich in ihrem Verhalten an der Verfassung und an den anderen geltenden Gesetzen zu orientieren.

    _____
    Beitragsbild:
    Die Hexe (Albrecht Dürer), Ausschnitt, bearbeitet.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Die_Hexe_(Albrecht_D%C3%BCrer).jpg


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    Meinungsaustausch -- eine Gegenüberstellung


    Angry_Talk_(Comic_Style).svg„Wissen Sie was Sie sind … !! ??“

    Nein, nicht Sie, liebe Leser. Mit den zitierten Worten eröffnete ein anonymer Anrufer gegen Ende der 1980er Jahre ein kurzes Telefongespräch.

    Es war die Zeit der guten alten Leserbriefe (incl. Leserbrief-Redaktion) und der gelben Telefonbücher (White Pages mit gelbem Cover). Ein Wochenmagazin hatte einen meiner Leserbriefe an einem Donnerstag veröffentlicht, in dem ich mich ein wenig kritisch über „meine speziellen Freunde“, Rechtsextremisten und Rechtsreaktionäre, geäußert hatte; den Wortlaut des Leserbriefs habe ich nicht mehr in Erinnerung. Dass eine solche Meinungsäußerung nicht jedem gefällt, ist verständlich und auch nicht zu beanstanden. Meinungsvielfalt eben …

    Am Samstag nach Erscheinen besagter Zeitschrift läutete morgens um sechs Uhr mein Telefon — Leserbriefe wurden, wie auch heute, üblicherweise mit Namen des Verfassers und dessen Wohnort veröffentlicht, und meine Telefonnummer stand damals noch in besagtem Telefonbuch (heute im Impressum meiner Website).

    Der anonyme Anrufer äußerte sich zwar nicht zum Grund seines Anrufs, aber die zeitliche Nähe zum Erscheinungstermin meines Leserbriefs lässt nur den Schluss zu, dass er auf diesen reagiert hat. Ein anderer Anlass hat zu dem Zeitpunkt nicht bestanden. Wie auch immer, er brüllte wutentbrannt und mit sich überschlagender Stimme ins Telefon: „WISSEN SIE WAS SIE SIND !!?? SIE SIND DAS GRÖẞTE ARSCHLOCH !“

    Da mir zu diesem Statement spontan nichts anderes einfiel, antwortete ich ihm emotionslos und in normaler Lautstärke nur: „Ja, das ist mir auch schon aufgefallen.“
    Damit hatte sich unser Meinungsaustausch leider schon erschöpft, das Gespräch war zu Ende. Der Anrufer hat nie wieder von sich hören lassen.

    Mit der Antwort «… das ist mir auch schon aufgefallen» hatte ich dem Anrufer offenbar den Wind aus den Segeln genommen. Seine Aggression war verpufft und hatte nicht die von ihm möglicherweise erhoffte Reaktion hervorgerufen.

    ~ ~ ~

    Im September 2019 fällte das Landgericht Berlin ein Urteil [1] zum Thema «Beleidigungen / Schmähungen im Internet», und der EuGh hat jetzt zu diesem Thema ein weiteres Urteil gefällt.

    Ob man in Sachen öffentlicher Hassrede, Beschimpfungen, Beleidigungen und Schmähungen mit Gerichtsurteilen etwas Positives im eigenen Interesse bewirken wird, wage ich zu bezweifeln. Allenfalls bekommt man ein wenig mediale Aufmerksamkeit, vielleicht sogar einen kurzen Medien-Hype.
    Und dann ?

    Meine Vorschlag:
    Versuchen Sie es mit Antworten wie

    • „Danke für die schönen Worte.“
    • „Ja, das ist mir auch schon aufgefallen.“
    • „Ach so … ?“

    oder, falls Sie es ein wenig ins Lächerliche ziehen möchten:

    • „Danke für diese erheiternden Worte.“

    oder dergleichen.

    Ich vermute, dass den meisten Aggressoren daraufhin die Lust vergeht, ihre Späße weiter zu treiben. Vergleichbare Erfahrungen haben m.W. Frauen gemacht, die von einem potentiellen Vergewaltiger angegriffen wurden und darauf nicht etwa panikartig reagiert, sondern ihn ermuntert (eingeladen) haben, doch bitte jetzt … — und wie er’s denn gerne hätte. Das hat — so schwierig es insbesondere in einer konkreten Bedrohungssituation auch sein mag — eine sehr aggressionshemmende Wirkung und scheint mir geeigneter als jedes Gerichtsurteil.

    _____
    [1] Laut diesem Urteil des Landgerichts Berlin (Az: 27 AR 17/19) sind übelste Beschimpfungen, Beleidigungen, Schmähungen und Verunglimpfungen im Rahmen des Rechts auf freie Meinungsäußerung unter bestimmten Umständen zulässig. Diesem Urteil des Gerichts schließe ich mich nicht an, bleibe aber bei meinen Empfehlungen (siehe oben).

    Weblinks:
    Renate Künast darf bei Facebook unter Umständen beschimpft werden (Heise.de)
    Hassrede: Renate Künast geht gegen Gerichtsbeschluss zu Beschimpfungen im Netz vor (Heise.de)
    Niederlage für Facebook vor dem Europäischen Gerichtshof: Onlinedienste können gezwungen werden, beleidigende Kommentare zu löschen (NZZ.ch)
    Renate Künast beschimpft — Kanzlei zeigt Berliner Richter an (Morgenpost.de)


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    Auf schwachem Fundament


    LamyaNachdenken im Islam

    Im Oktober 2014 veröffentlichte das "Magazin für politische Kultur", Cicero, unter der Überschrift „Kein Islam ohne Islamismus“ ein Streitgespräch, das die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Lamya Kaddor und der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad zum Thema "Ist der Islam friedlich oder stiftet er zur Gewalt an?" geführt hatten.
    An der Aktualität der getroffenen Aussagen hat sich bislang nach meiner Einschätzung nichts geändert. Ein Leserkommentar dazu:

     

    "Es gibt ja auch keinerlei funktionierende Zivilgesellschaft." sagt Lamya Kaddor (im ersten Teil des Interviews) mit Bezug auf die islamischen Staaten des Nahen Ostens.

     

    Stellt sich die Frage, warum sich Zivilgesellschaften unter der Herrschaft des Islams dort nicht entwickelt haben.
    Sind daran "andere" schuld ?

    Im zweiten Teil (in der Printausgabe [und inzwischen auch online]) meint Kaddor: "Der Koran ist und bleibt eine Offenbarung, die den Menschen konsequent dazu auffordert, selbst nachzudenken."
    Das steht tatsächlich so im Koran, z.B. in Sure 2:219, in Sure 6:50, sehr eindrucksvoll in Sure 34:46, sowie in einigen weiteren Versen.

    Warum aber dann der Propheten-Spruch "Wer die Religion verlässt, den tötet" (siehe Wikipedia-Artikel zu "Ridda" bzw. "Apostasie im Islam").
    Warum die Todesstrafe für Apostaten, wie sie gemäß islamischem Recht in einigen Ländern auch heute noch vollstreckt wird (und in Europa manchmal als "Ehrenmord" daherkommt) ?

    Darf im Islam – trotz seiner vielgepriesenen Toleranz und trotz "Es gibt keinen Zwang im Glauben" (Sure 2:256) – nicht jeder glauben, was er will ?

    Ist das Fundament des Islams so schwach, dass die Gläubigen mittels einer so starken Repression wie dieser Todesdrohung (bei Abfall vom Glauben) "bei Laune" gehalten werden müssen ?

    Diktaturen und Despotien, die aus meiner Sicht allesamt rechtsreaktionär / rechtsextremistisch waren und sind (auch dann, wenn sie sich selbst das Etikett "Links" angeklebt haben — vergleiche z.B. das "Dritte Reich" einerseits und die DDR andererseits, die für mich institutionell und ideologisch weitgehend wie "Drittes Reich ohne Auschwitz" war; in beiden Staaten haben die Machthaber z.B. das Wort "Lügenpresse" verwendet, das heutzutage u.a. Pegida und die sogenannte "AfD" ebenfalls gebrauchen und die damit, wie einst die Machthaber im "Dritten Reich" und in der DDR, zum Ausdruck bringen, dass sie womöglich nur das in den Medien veröffentlicht wissen wollen, was sie selber für "die Wahrheit" halten), müssen sich immer auf Machtmechanismen wie Unterdrückung, Einschüchterung und Erpressung stützen. Sobald diese Machtmechanismen zu erodieren beginnen, setzt der Machtverlust ein, fallen Diktaturen und Despotien zusammen, lösen sich auf.

    Freiheit hingegen ist ein Ideal, das sich aus Vernunft selbst trägt und das den Machtverlust nicht fürchten braucht weil es nach Macht nicht strebt.

    _____
    Siehe auch die Beiträge
    «Ω»,
    «Religion und Zynismus, Tradition und Tabu»,
    «Ramadan — Zeit der Heuchelei ?»,
    sowie das Buch
    «Islam und Verfassungsstaat — Theologische Versöhnung mit der politischen Moderne?» von Lukas Wick; Ergon Verlag

    Das vollständige Interview zwischen Lamya Kaddor und Hamed Abdel-Samad steht auf der Website des Cicero zur Verfügung.

    Eine kleine Sammlung von Leserkommentaren (als Screenshots) zu verschiedenen Themen aus dem Jahr 2014, die auf der Website des Cicero veröffentlicht wurden, finden Sie in diesem PDF.


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    Nelly


    “Neger-Nelly, Neger-Nelly!” krächzte es über den Schulhof, und das solcherart beschimpfte Mädchen warf sich schluchzend in die Arme seiner besten Freundin. Mit ihrem krausen Haar, den tiefdunklen Augen und ihrer braunen, samtenen Haut war sie wunderschön. Aber das wusste die Elfjährige noch nicht.

    Zwei schlaksige Rüpel, die offenbar meinten, sich bei dem Geschrei besonders hervortun zu müssen, schnappte der Aufsicht habende Lehrer am Schlafittchen und brachte sie vor die Rektorin.
    Die setzte mühsam den strengsten Blick auf, der ihr zur Verfügung stand, und ließ eine Standpauke ab, in der von Rassismus, Respekt und freundlichem Miteinander die Rede war und die mit der Frage schloss:
    “Woher habt ihr solche Ausdrücke? Was lest ihr bloß für Bücher?”
    “Bücher, hä?” hallte es verständnislos aus beider Mund.
    “Ich will dieses Wort nicht noch einmal hören, sonst knallt’s!”
    Obwohl keineswegs klar war, was da wie laut knallen sollte, maulten die Beiden in das Stundenklingeln hinein ein halbherziges “okay”, worauf sie sich trollen durften.
    Um Nelly hatte sich unterdessen niemand gekümmert, jetzt war es ohnehin zu spät, denn der Unterricht musste fortgesetzt werden.
    In den Augen der Schulleitung war die Einrichtung nun frei von Rassismus, denn die beiden Rabauken hielten ihr Wort: Sie stellten das Brüllen ein, näherten sich Nelly nur noch unverhofft von hinten und fauchten ihr ins Ohr:
    “Schwarzes Opfer, schwarzes Opfer!”
    Sollte sich Nelly beschweren? Nichts wäre zu beweisen gewesen, Aussage hätte gegen Aussage gestanden.
    Nelly war eine sehr gute Sportlerin, besonders die Leichtathletik hatte es ihr angetan. Im Sprint sauste sie allen davon.
    Beim Schulsportfest tauchte ein Talentsucher vom Sportgymnasium auf.
    “Wer ist denn die kleine farbige Gazelle da?” fragte er.
    “Das ist unsere Nelly”, antwortete stolz die Rektorin.
    “Ja, ja, die Naturvölker.”
    “Sie ist hier geboren”, korrigierte ihn die Rektorin, “ihre Eltern sind Deutsche.”
    “Macht ja nichts. Ist gekauft!” trompetete der Kopfjäger.
    “Gekauft?” Die Rektorin riss die Augen auf.
    “Ja, klar – sagt man so in unserer Branche. Denken Sie nur an all die Fußballer. Na, nichts für ungut. Das Mädel hat Zukunft!”
    An der Sportschule begrüßte man sie nicht unfreundlich: “Aah, unsere kleine AfroAmerikanerin!”
    “Isch nischt Afro, isch nischt Amerika, isch deutsch, ihr Kanaken!” zischte Nelly zurück. Irgendwann musste sie anfangen, sich zu wehren.
    “Ist ja gut. Dann eben AfroDeutsche.”
    Beinahe hätte Nelly darum gebeten, wieder als Negerin bezeichnet zu werden. Eine Leistungssportlerin muss wohl hart sein, auch im Nehmen.

    Wollte man alle Wörter ausmerzen, mit denen Menschen beleidigt werden können, hätten wir bald keine Sprache mehr. Obwohl – eine gewisse Sprachlosigkeit stünde uns zuweilen vielleicht ganz gut zu Gesicht, oder?

    Titelfoto unter CC-Lizenz, das abgebildete Mädchen hat mit der fiktiven Person Nelly nichts zu tun. 

    Quelle: http://dubiator.wordpress.com/2013/01/24/nelly/#more-1110

     

    Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

     

    Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

     




    Narrative und Erkenntnisgewinn


    Religious-Symbols

    Narrativen, sinnstiftenden Erzählungen, begegnet man in Gesprächen und Medienberichten beinahe täglich. Sinn und Zweck scheint es dabei nicht allein zu sein, irgendetwas zu erzählen, sondern einer Geschichte, einer Idee oder einer Behauptung ungeachtet ihres Wahrheitsgehalts oder ihrer Plausibilität durch häufige Wiederholung allgemeine Anerkennung zu verschaffen. Bisweilen kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich bei der Wiedergabe mancher Narrative um ein gedankenloses Nachplappern einer Erzählung handelt.

    Eines dieser Narrative ist die These, dass es „den Islam“ nicht geben würde, sondern eine Vielzahl an Islamen. Worin sich diese in ihren Wesenskernen unterscheiden, wird meist nicht näher erläutert — es bleibt bei der bloßen Behauptung.

    Nun könnte man annehmen, dass es zumindest einen sunnitischen und einen schiitischen Islam gibt, mit Untergruppierungen und Abspaltungen, von denen manche allerdings nicht als „islamsich“ akzeptiert sind. Beide unterscheiden sich jedoch lediglich in der (historischen) Begründung und Legitimierung ihres — insbesondere politischen und gesellschaftlichen — Machtanspruchs. Auch handelt es sich teils um Interpretationen, mehr oder minder strenge, dogmatische Auslegungen, Lesarten. All diese Untergruppen, Abspaltungen und Interpretationen verbindet eine Gemeinsamkeit: sie stützen sich insbesondere auf eine Quelle, den Koran. Islame, die sich auf ein anderes „heiliges“ Buch als den Koran beziehen, sind mir nicht bekannt — was nicht heißen soll, dass es sie nicht geben könnte. Nur habe ich von z.B. einem talmudischen, einem neutestamentlichen, einem kamasutrischen oder einem bhagavadgitischen Islam bislang nichts gehört.

    Ob es hingegen überhaupt einen Islam gibt, egal welchen, kann man bezweifeln. Denn das arabische Wort «Islam» bedeutet „Sich-Ergeben“ (in den Willen Allahs), „Sich-Unterwerfen“ (unter Allah), „Sich-Hingeben“ (an Allah) — wobei das Wort „Allah“ (al-Lah) für «der Gott» steht.
    Da man bei Allah — wie bei allen anderen Göttern und Göttinnen — keine Wechselwirkungen beobachten oder sonstwie feststellen kann, kann man Allah von etwas, das nicht existiert, nicht unterscheiden und darf annehmen, dass es Allah gar nicht gibt.

    Ohne Allah jedoch auch kein „Sich-Ergeben“ in den Willen Allahs, kein „Sich-Unterwerfen“ unter Allah, kein „Sich-Hingeben“ an Allah — und somit gar kein Islam.

    Es gibt allerdings eine Ideologie, die als Grundlage für ein patriarchalisch-despotisches Gesellschaftssystem herhält und der das Etikett «Islam» angeheftet wurde. Dies ist der „Islam“, der „Islam“ des Korans. Einen anderen habe ich nicht gefunden.

    Das Narrativ von „dem Islam“, den es angeblich nicht gibt, führt zu keinem Erkenntnisgewinn — sooft es auch wiederholt werden mag.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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    Beitragsbild:
    Collage aus Symbolen mehrerer Religionen (eigenes Bild)




    Verfassung oder Grundgesetz


    Carlo-Schmid_Was-heisst-eigentlich-Grundgesetz

    In Kommentaren und Berichten höre und lese ich immer mal wieder, dass das «Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland» keine Verfassung sei, sondern nur ein Provisorium. Dieser Meinung mag man zustimmen oder auch nicht. Kritiker berufen sich dabei gern auf den Artikel 146, in dem es heißt

    Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.

    Einen Volksentscheid, in dem unser Grundgesetz als Verfassung von einer Mehrheit (der Wahlberechtigten / der Teilnehmer an einem entsprechenden Volksentscheid) angenommen und beschlossen worden wäre, hat es m.W. bislang tatsächlich nicht gegeben. Trotzdem scheue ich mich nicht, das Grundgesetz als Verfassung zu bezeichnen und auch zu akzeptieren.

    Bekanntlich gewährleistet (garantiert) uns das Grundgesetz eine ganze Reihe von Grundrechten (Artikel 1 bis 19), und obendrein im Artikel 79 eine „Ewigkeitsgarantie“ für bestimmte Rechtsgrundsätze, niedergelegt in den Artikeln 1, Sätze 1-3, und 20, Sätze 1-4.

    Von Kritikern, die eine Volksabstimmung über unser Grundgesetz wünschen bzw. fordern, würde ich gern erfahren, welche Artikel des Grundgesetzes sie

    • ergänzt
    • geändert (in welcher Weise ?) oder
    • abgeschafft sehen wollten.

    Zur Vertiefung empfehle ich die Lektüre der Rede des Abgeordneten Dr. Carlo Schmid (SPD) im Parlamentarischen Rat am 8. September 1948 «Was heißt eigentlich: Grundgesetz?»

    Ein Satz aus dieser Rede ist mir besonders in Erinnerung:

    Demokratie ist nur dort mehr als ein Produkt einer bloßen Zweckmäßigkeitsentscheidung, wo man den Mut hat, an sie als etwas für die Würde des Menschen Notwendiges zu glauben. Wenn man aber diesen Mut hat, dann muß man auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.

    Darüberhinaus ist ein gelegentlicher Blick in unsere Verfassung (in unser Grundgesetz) für mich immer eine interessante Lektüre.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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    Den Text der Rede von Carlo Schmid habe ich der Website costima.de/beruf/Politik/CSchmid.htm entnommen.
    (aufgezeichnet in „Der Parlamentarische Rat 1948-1949, Akten und Protokolle“, Band 9, herausgegeben vom Deutschen Bundestag und vom Bundesarchiv, Harald Boldt Verlag im R. Oldenbourg Verlag, München 1996, Seite 20 ff. im Archiv des Bundestages stehen die Protokolle gebunden im Büro von Günther J. Weller)




    Sei so lieb ...


    Macaca_fuscata_Iwatayama_excEin Gedankenspiel

    Rom, Ostersonntag 2019, „urbi et orbi“ heißt es da wie jedes Jahr, „der Stadt und dem Erdkreis“. Doch an diesem Tag richtet sich diese Paronomasie des Monarchen der Vatikanstadt vielleicht insbesondere an eine bestimmte Adresse, die der Papst jedoch nicht namentlich nennt und auch nicht verurteilt. Am vorangegangenen Karfreitag hatte es in Sri Lanka ein Mehrfachattentat gegeben.
    Tags darauf verurteilte der vatikanische „Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung“ die selbe Tat und twitterte von „barbarischer islamistischer Gewalt“ in Sri Lanka.

    Ein Hintergrund für die so unterschiedliche Wortwahl kommt u.a. darin zum Ausdruck, dass für den Argentinier Jorge Mario Bergoglio [für Uneingeweihte: dies ist der bürgerliche Name des derzeitigen Papstes] (der) Islam, nicht anders als das Christentum, eine Religion des Friedens ist — und dass Bergoglio zur Selbstkritik fähig ist. So sagte er im Juli 2016 während einer Reise: „Wenn ich über islamische Gewalt spreche, dann muss ich auch über christliche Gewalt sprechen. In fast jeder Religion gibt es immer eine kleine Gruppe von Fundamentalisten – auch bei uns.“

    Dass Bergoglio von «Fundamentalisten» spricht, erstaunt mich ein wenig, wirft es doch die Frage auf, auf welches Fundament, auf welche Grundlage also, diese sich jeweils stützen. Im April 2017 hatten Bergoglio und der Großscheich der Azhar-Universität in Kairo, Ahmed Mohammad Al Tayyeb, in Abu Dhabi gemeinsam ein Dokument unterzeichnet, das von „Geschwisterlichkeit unter den Menschen für den Weltfrieden und das Zusammenleben“ handelt und in dem u.a. von Barmherzigkeit und Brüderlichkeit die Rede ist und davon, dass „die Religionen niemals zum Krieg aufwiegeln und keine Gefühle des Hasses, der Feindseligkeit, des Extremismus wecken und auch nicht zur Gewalt oder zum Blutvergießen auffordern“. „Hass, Gewalt, Extremismus und blindem Fanatismus“ wünschen Bergoglio und Al Tayyeb in diesem Dokument ein Ende zu setzen.

    Dass all diese Worte stellenweise ein wenig mit dem kollidieren, was in so manchem „heiligen“ Buch an Widersprüchlichem geschrieben steht, aber auch mit dem alltäglichen Geschehen nicht immer in Einklang zu bringen sind, wissen beide Parteien vermutlich, da sie einerseits die Texte ihrer „heiligen“ Bücher (hoffentlich) kennen, aber auch über die tägliche Nachrichtenlage informiert sein dürften.

    Doch ein anderer Aspekt erscheint mir bedeutsam:
    Beide, Bergoglio und Al Tayyeb, haben an ihre jeweiligen Adressaten im Grunde die einfachen Worte gerichtet „Seid so lieb …“ — und sie damit ein wenig unter Zugzwang gesetzt. Denn wer wollte nach so einer Aufforderung nicht „so lieb“, sondern bösartig sein? Ein Psychopath vielleicht, der sich damit selbst ins Abseits stellt.

    Man kann (den) Islam zwar ausschließlich als Gewaltideologie zeichnen. Man kann jedoch auch eine gegenteilige Option oder einen Ausweg aus der Gewalt wenigstens aufzeigen. Ansonsten läuft man gefahr, den Despoten und Psychopathen — die es in der islamischen Welt genauso gibt wie anderswo — vielleicht sogar recht zu geben bzw. sich ungewollt mit ihnen zu solidarisieren nach der Devise: «Ihr könnt ja gar nicht anders, also macht weiter so.»
    Man beruhigt oder befriedet ein aggressives Kind schließlich nicht, indem man es immerzu schlägt. Das ist bei Erwachsenen nicht anders, und lässt sich auch auf ganze Kulturkreise übertragen, die von einer patriarchalisch-rechtsreaktionären Ideologie und von Despotismus geprägt, deformiert oder „vergiftet“ sind. Es ist ein langer und weiter Weg hin zur Veränderung (oder Genesung).

    Und mit seinen selbstkritischen Worten „… dann muss ich auch über christliche Gewalt sprechen“ — mit denen sich der Papst keinen Zacken aus der Krone gebrochen hat — hat er die geistlichen Autoritäten, Funktionäre und Vorbilder der islamischen Welt herausgefordert, ihre allgegenwärtige Selbstkritikphobie zu überwinden.

    * * *

    Inspiriert zu diesem Text wurde ich durch «Keine Verurteilung des Islams: Von Gott gewollte Vielfalt der Religionen?» auf der Website der FAZ vom 29.04.2019

    Zur oben erwähnten Option oder einem Ausweg:

    Religionen geben den Menschen Orientierung, wird uns bisweilen gesagt.
    Das tut unsere Verfassung, das Grundgesetz, auch – allerdings ohne Menschen zu bevormunden, sie einzuschüchtern oder sonstwie zu drangsalieren. Obendrein gewährleistet das GG Rechte und Freiheiten, die so manche Religionen nichtmal gewähren.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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    Beitragsbild:
    Wikipedia, Aggressionshemmung
    commons.wikimedia.org/wiki/File:Macaca_fuscata_Iwatayama.jpg (Ausschnitt)
    Autor: Leyo




    Vom Recht auf freie Meinungsäußerung


    Howler_monkey_excIm Vorfeld einer Konferenz …

    Auf unsere Verfassung, das Grundgesetz, berufen oder beziehen sich manche Menschen in Auseinandersetzungen mit anderen bisweilen in einer Weise, die bei mir den Eindruck hinterlässt, dass der Text des Verfassungsartikels, um den es geht, gar nicht genau bekannt ist, oder die Aussage eines Verfassungsartikels absichtsvoll zu eigenen Gunsten (und damit zu Ungunsten eines Gegenübers oder Kontrahenten) fehlinterpretiert wird. Dies betrifft z.B. die Artikel 3Gleichheit vor dem Gesetz, 4Glaubens- und Bekenntnisfreiheit, sowie 5Meinungsfreiheit.

    Im Zusammenhang mit Kritik an einer bestimmten Religion, deren Symbolen und ideologischen Grundlagen und den öffentlichen Diskussionen und Debatten darüber kann man dies seit Jahrzehnten beobachten: Kritik wird wahlweise als „Phobie“ oder als „Rassismus“ bezeichnet, Kritikern wird das Recht auf freie Meinungsäußerung verweigert (dies ist mir mehrfach widerfahren).

    Für den 8. Mai 2019 bereitet das „Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam“ (FFGI) an der Goethe-Universität Frankfurt eine Konferenz über „Das islamische Kopftuch“ vor, wie die FAZ auf ihrer Website am 26. April 2019 in einem (für registrierte Kunden vollständig einsehbaren) Beitrag unter der Überschrift «Das Ende von freier Rede und freiem Denken?» berichtet.

    Auf der Rednerliste der Konferenz stehen Namen von Verteidigern wie auch von Kritikern der (tatsächlich oder vermeintlich) für Frauen geltenden islamisch konnotierten oder assoziierten Bekleidungsvorschrift.

    Bis hierhin wäre die Angelegenheit kaum einer Erwähnung wert, gäbe es da nicht einen Hashtag in einem sog. „sozialen Medium“, der sich namentlich auf die Direktorin des o.g. Forschungszentrums bezieht: „#Schroeter_raus“. Unter diesem Hashtag halten, wie die FAZ schreibt, «junge Frauen Zettel vor ihr Gesicht oder zeigen Schilder wie „Kein Platz für Rassismus“.», und weiter: «Kontaktadressen oder ein Impressum gibt es nicht.»

    Ein Bonmot zitiert die FAZ ebenfalls: «Für solche Veranstaltungen sei an „unserer Uni, wo wir für Offenheit und Akzeptanz stehen, kein Platz“.»

    Sowohl die Universitätsleitung als auch der Asta kritisieren und verurteilen laut dem FAZ-Bericht die (anonyme) Hashtag-Aktion; der Asta äußert: „Die ganze Aktion erschreckt uns, da hier Islamkritik und Rassismus gleichgesetzt wird […] Es muss zum Islam geforscht werden, und das will diese Hetzkampagne verhindern“.

    Im Kommentarbereich zu dem FAZ-Artikel (63 Leserkommentare) wird u.a. die Vermutung geäußert, dass es sich bei o.g. Hashtag um eine Aktion von Rechtspopulisten handeln könnte, die unter falscher Flagge oder in Guerilla-Manier das Thema besetzen, oder gar Mitglieder einer nach meiner Meinung(!) rechtsreaktionären Partei (deren politische Vorstellungen nach meiner Einschätzung auf eine Diktatur hinauslaufen würden), die seit Herbst 2017 im Deutschen Bundestag vertreten ist, dahinterstecken. Das kann man zwar nicht ausschließen, ich hielte diese Methode jedoch für mehr als fragwürdig, ja für kontraproduktiv, da sie sich nicht auf Sachargumente stützt, sondern auf Diffamierung.

    Man wird diejenigen, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg jegliche Islam-Kritik als Phobie oder als Rassismus diffamiert haben, schließlich nicht dadurch von der Fehlerhaftigkeit ihres Vorgehens und „Argumentierens“ überzeugen, indem man zurückdiffamiert.

    Empfehlen möchte ich in diesem Zusammenhang u.a. das Büchlein «Brief an die Heuchler — und wie sie den Rassisten in die Hände spielen» von CHARB.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

    * * *

    Eine kleine bildliche Ergänzung zu diesem Beitrag, die manches auf den Punkt bringt und die nicht diffamieren, sondern zum Nachdenken anregen kann, will ich mir nicht verkneifen:
    «Image Problem», von Cox & Forkum (die Verwendung des Bildes ist, mit Quellenangabe, lt. Cox & Forkum erlaubt)

    Offen gesagt, Herr Mohammed

    ImageProblem

    » Umfrage / PR Research: Islamismus
    – Terrorismus / Terrorism
    – Theokratische Tyrannei / Theocratic Tyranny
    – Unterjochung von Frauen / Subjugation of Women
    – Unduldsam gegenüber Kritik / Intolerance of Criticism
    – Verfolgung moderater Muslime / Persecution of moderate Muslims
    – Angst vor westlicher Kultur / Fear of Western Culture

    Quelle / Source:
    http://www.coxandforkum.com/archives/06.01.31.ImageProblem-X.gif
    http://commons.wikimedia.org/wiki/File:ImageProblem.gif?uselang=de

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    Beitragsbild oben:
    Brüllaffe (Ausschnitt), Wikipedia
    upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2f/Howler_monkey.jpg
    Autor: Steve from washington, dc, usa




    Ein kurzes Wort zum Atheismus


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    Atheismus

    Der Atheismus, lt. Wikipedia «im engeren Sinne die Überzeugung, dass es keinen Gott bzw. keine Götter gibt», definiert oder erhebt „aus sich heraus“ keinen Machtanspruch.
    Er leugnet aber, ohne die Anarchie zu befürworten oder zu fordern, den direkten oder indirekten Machtanspruch von Göttinnen und Göttern oder deren irdischen Stellvertretern; vgl. Kant – Aufklärung:

    Daß der bei weitem größte Teil der Menschen […] den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.

    Militante Atheisten hingegen versuchen bisweilen, ihre Sichtweise zu einer „Wahrheit“ zu erheben, die sie anderen ggf. aufzwingen möchten – statt jeden glauben zu lassen was er will oder nicht will – formulieren also womöglich eine Art Ersatz-Religion, wollen vielleicht selber ein wenig „Gott“ sein und laufen damit dem Atheismus zuwider.

    * * *

    Zum Verständnis meines rechtlichen Standpunkts:

    Religionen geben den Menschen Orientierung, wird uns bisweilen gesagt. Das tut unsere Verfassung, das Grundgesetz, auch – allerdings ohne Menschen zu bevormunden, sie einzuschüchtern oder sonstwie zu drangsalieren. Obendrein gewährleistet das Grundgesetz Rechte und Freiheiten, die so manche Religionen nichtmal gewähren.

    Mit anderen Worten:

    Nicht jene Gesetze und sonstigen Rechtsnormen oder Rechtsinstanzen, die vermeintlich von Göttern und / oder zur Befriedigung von Göttern, zur Befriedigung von Rachegelüsten oder dem Wunsch nach (zynischer) Strafe[1] und Ausgrenzung ohne Möglichkeit der Resozialisierung erlassen oder eingesetzt wurden, sollten Gültigkeit haben, sondern die Gesetze, die — unter Berücksichtigung der kulturellen und zivilisatorischen Entwicklung — von Menschen für Menschen gemacht sind. Nicht Sündenbockprojektionen oder das Verlangen nach (auch nur symbolischen) Opfern, sondern eine unabhängige Justiz, die weder die Interessen des Täters noch die des Opfers vertritt, eine Justiz, die das von Menschen für Menschen gemachte allgemeine und gleiche Recht unparteiisch vertritt.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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    [1] siehe beispielhaft Allahs unendliche Strafen; das Strafen ist im Koran mit Abstand Allahs Lieblingsbeschäftigung.




    Interpretationsmöglichkeiten! — oder ein wenig Augenwischerei?


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    «Sehen Sie, das ist Islam

    Ein paar einleitende kurze Worte zum Begriff „Interpretation“:

    In dem Bild links eine Gruppe Augen zu sehen, die einen anschauen oder anstarren, mag einer Sehgewohnheit, einer Täuschung oder einer Wunschvorstellung entsprechen, eine Interpretation ist es nicht, denn eine Auslegung, Übersetzung oder Erklärung seitens des Betrachters im Sinne des Begriffs „Interpretation“, oder auch eine Deutung, findet nicht statt.

    In dem Bild die Schwanzfedern eines Pfaus wahrzunehmen, wäre ebenfalls keine Interpretation, sondern allenfalls eine Assoziation, oder einfach das Erkennen eines (bekannten) Musters.

    * * *

    Frage [*]: Ist es zulässig, dass Frauen nur die Hälfte erben, wie es die Scharia vorsieht?

    MR: Das sind Regelungen, die sich unmittelbar aus dem Koran ergeben. Bei deren Auslegung wird erläutert, dass die Männer mehr bekommen, weil nur sie eine Brautgabe finanzieren müssen und nur sie Familienunterhalt leisten. […] Ein Imam aus Bayern hat geschrieben, dass die islamische Lösung in Deutschland heißt: gleiche Erbteile. Sie sehen, was das islamische Recht an Interpretationsmöglichkeiten hergibt.

    Nun ist das, was der „Imam aus Bayern“ in den Worten des Interviewten geschrieben hat („die islamische Lösung in Deutschland heißt: gleiche Erbteile“), nicht, wie von ihm behauptet, eine Interpretation oder Interpretationsmöglichkeit — denn es wird mit diesen Worten nicht erklärt, auf welche islamische oder sonstige Rechtsgrundlage oder islamische Überlieferung sich die Aussage des Imams stützt; es wird nur eine unbegründete Aussage gemacht. Der Interviewer (Journalist) stellt allerdings auch nicht die Frage nach dem Warum, er hakt nicht nach.

    MR: Ich sprach einmal mit dem Vorsitzenden eines marokkanischen Moscheevereins, dem in Berlin als Erstes aufgefallen war, dass die Busse der Berliner Verkehrsbetriebe die Schwelle beim Halten senken, damit Leute, die schlecht zu Fuß sind, leichter einsteigen können. Er sagte: Sehen Sie, das ist Islam. […] das war das Verständnis des Imams vom Islam, ein Verständnis, das ganz viele teilen. Diese Menschen müssen wir unterstützen …

    Wenn das Islamverständnis des „Vorsitzenden eines marokkanischen Moscheevereins“ in diesen wenigen Worten zum Ausdruck kommt („Sehen Sie, das ist Islam.“), die sich auf helfen, großzügig sein, hilfreich sein beziehen, dann ist das einerseits zu begrüßen. Allerdings klammert er dabei sehr vieles aus, von dem man durchaus behaupten kann, dass es ebenfalls „Islam“ ist (siehe z.B. Kein Zwang im Glauben ? sowie Assoziationen oder Islam beleidigt).

    Ob es einer Religion bedarf, die in sich voller Widersprüche ist, deren „heiliges Buch“ ein Sammelsurium voller Widersprüche ist, um anderen Menschen zu helfen, großzügig zu sein, hilfreich zu sein …, oder ob es mit einer den meisten Menschen vertrauten und innewohnenden, natürlichen Empathie getan ist, die nicht durch eine Ideologie überprägt (oder deformiert) ist, sei dahingestellt.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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    Weiterführende / ergänzende Textbeiträge:

    Im Gespräch: Wie verhindern wir Radikalisierung?
    Mouhanad Khorchide: Die Männerbilder des Korans
    Abdel-Hakim Ourghi: Keine Angst vor Kritik!
    Ufuk Özbe: Strengt euch an!

    Daneben empfehle ich, ohne jemandem etwas unterstellen zu wollen, das Büchlein
    Brief an die Heuchler – und wie sie den Rassisten in die Hände spielen
    von Stéphane Charbonnier – CHARB.

    [*] Textauszug aus „An die Hausordnung halten“ (Der Spiegel im Interview mit Mathias Rohe, Universität Erlangen-Nürnberg)

    Bildnachweis: Wikipedia (Blauer Pfau), Alex Pronove (alexcooper1) – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Peacock.jpg




    Weltanschauliche Wörterkunde


    WörterEin Beitrag von Jan M. Kurz (Initiative Humanismus, Partei der Humanisten).

    Als Freund von sprachlicher Präzision pflegen ich und eine Vielzahl weiterer Menschen in Diskussionen und Erörterungen, egal ob auf schriftliche oder sprachliche Weise, auch in weltanschaulichen oder philosophischen Themengebieten gerne eindeutige Fachformulierungen zu verwenden. Da die allermeisten dezidierten Humanisten mit diesem Vokabular vertraut sind, stellt das auch in aller Regel kein Problem dar und ist allgemein für die inhaltliche Klarheit von Vorteil. Hin und wieder kommt es jedoch vor, dass diese semantische Vorgehensweise als zu theoretisch wahrgenommen wird und einige Diskussionspartner, die mit religionskritischer und philosophischer Literatur nicht so eng vertraut sind, darin gar eine Art der Verwirrungstaktik ausmachen wollen. Das ist auch alles andere als unverständlich, denn die Vielfalt charakterisierender Begrifflichkeiten und weltanschaulicher Definitionen ist groß und nicht immer leicht zu durchschauen. Zudem klingen die Wörter recht ähnlich und unterscheiden sich sowohl inhaltlich, als auch schriftlich nur in Nuancen. Ein kompakter Überblick über weltanschauliche Definitionen und Charakteristika ist daher gewiss hilfreich.

    Spektrum der Glaubensintensität

    In seinem berühmten Werk „Der Gotteswahn“, herausgegeben im Jahre 2006, liefert der international bekannte Biologieprofessor, Religionskritiker und Aufklärer Clinton Richard Dawkins die Formulierung einer theistischen Glaubensskala in 7 absteigend angeordneten Punkten. Sie reichen vom fundamentalistischen Glauben an übernatürliche Wesen oder Welten bis zum solide begründeten Atheismus. Besondere Begrifflichkeiten werden dort für die einzelnen Abstufungen nicht verwendet, stattdessen erklärt ein einzelner Satz die jeweilige Stufe der Intensität genauer. Im Sprachgebrauch bietet es sich aber besser an genaue Begriffe an Stelle von Zahlen zu verwenden, die außerdem ausgiebiger definiert sind. Abgestuft von stark gläubig nach in keiner Weise gläubig sind das die folgenden:

    1.) Theismus/Der Theist: Unter Theismus (Götterverehrung) versteht man den Glauben an eindeutig und fest definierte übernatürliche, man kann auch sagen „magische“ Kreaturen, Wesenheiten oder jenseitige Welten. Ihre Definition erhalten diese übernatürlichen Dinge bei organisierten Religionen in der Regel in „heiligen“ Büchern oder besonderen Regelwerken (Evangelien, Katechismen), oder im Falle anderer Phantasievorstellungen durch einfache Niederschrift oder kulturelle/rituelle Übereinkunft. Der Begriff leitet sich vom griechischen Theos (dt.: Gott) ab und bezeichnet ursprünglich nur die Verehrung von einer oder mehrerer Gottheiten. Man spricht entsprechender Weise dann von Polytheismus oder Monotheismus. Die abrahamitischen Religionen Islam, Christentum und Judentum sind monotheistisch, der Glaube der antiken Ägypter, Griechen und Römer, sowie der Hinduismus sind polytheistisch. Von einem wissenschaftsphilosophischen Gesichtspunkt aus fällt in die Kategorie des Theismus aber auch der Glaube an andere definierte und unbewiesene „Dinge“, wie Einhörner, Feen, Elfen, Trolle, Kobolde, Orks, Zwerge und Russels schwebende Teekanne, sowie der Weihnachtsmann und das fliegende Spaghettimonster. Sogar der Glaube an eine Seele, einen metaphysischen freien Willen, das Leben nach dem Tod, Himmel und Hölle oder ähnliches ist auch für sich allein genommen ohne die zusätzliche Annahme eines oder mehrerer in die Naturgesetze und das Leben der Menschen eingreifender Götter ein Teil des Theismus.

    2.) Deismus/Der Deist: Dem gegenüber ist der Deismus (Gottgläubigkeit) bereits ein großer Fortschritt an Rationalität. Ein Deist geht keineswegs davon aus, dass Götter oder andere Zauberwesen in die Naturgesetze eingreifen würden oder sich in irgendeiner Art und Weise für die Menschheit oder gar einzelne Individuen dieser interessierten. Bekannte Vorstellungen der Offenbarungsreligionen hegt er überhaupt nicht. Im Deismus gibt es keine Charaktergötter oder andere übernatürliche „Spezies“ wie eierversteckende Osterhasen oder die Zahnfee. Dennoch spielt der inflationär gebrauchte Begriff „Gott“ eine wichtige Rolle im nicht vollständig wissenschaftlichen Weltbild des einfach Gottgläubigen, nämlich beim so gedachten Schöpfungsprozess. Gott ist an dieser Stelle also eine handelnde Entität, die das Universum erzeugt hat und danach keine weitere Rolle mehr spielt. Ein Deist glaubt folglich auch an eine Form von Metawelt, innerhalb oder außerhalb des Universums, wo dieses Wesen seither heimisch (und arbeitslos oder tot?) ist.

    3.) Panentheismus/Der Panentheist: Eine noch stärker abgespeckte Form des Glaubens ist der Panentheismus (alles in Gott). Dieser Begriff wird wegen seiner eng umgrenzten Zwischenrolle im Gegensatz zu den anderen hier genannten so gut wie nie benutzt. Der Panentheist glaubt schlicht und einfach an irgendetwas völlig undefiniertes „Höheres“ im Kosmos, das sich angeblich dem menschlichen Verstand auf alle Ewigkeit entziehe und über das mittels der wissenschaftlichen Methode prinzipiell niemals Gewissheit erlangt werden könne. In Anlehnung an ein geflügeltes Wort des deutschen Mediziners Emil Du Bois-Reymond aus dem 19. Jahrhundert kann man den Panentheismus daher auch als Ignorabimus-Glaube („Wir werden nicht wissen!“) bezeichnen. Ein historisches Beispiel für eine panentheistische Vorstellung wären die Annahmen sogenannter Vitalisten von einer unergründlichen Lebenskraft (Vis vitalis) oder der Glaube an eine freie Energie der Anhänger von Nikola Tesla. Auch viele moderne esoterische Gespinste und allgemein pseudowissenschaftliche Annahmen könnte man als panentheistisch (oft aber auch deistisch) einordnen.

    Widerlegbar oder nicht?

    Bekannt ist sicher, dass viele Religionskritiker und Naturwissenschaftler freimütig zugeben, dass man religiöse Vorstellungen beziehungsweise die physikalische Existenz von Gottheiten nicht widerlegen könne. Das ist aber ein wenig missverständlich formuliert. Was stimmt, ist der Sachverhalt, dass sich theistische, deistische und panentheistische Vorstellungen nicht durch empirischen Erkenntniserwerb widerlegen lassen, was – wie an dieser Stelle stets umgehend hinzugefügt wird – gemäß der Regeln des Wissenserwerbs auch nicht notwendig ist. Denn derjenige, der eine Behauptung (eine Hypothese) formuliert, ist in der Pflicht sie zu beweisen, nicht umgekehrt. Was ohne Beweise behauptet werden kann, kann auch ohne Beweise verworfen werden (Hitchens Razor Prinzip). Der unkompliziertesten Erklärung eines Sachverhalts ist stets Vorzug zu geben (Occam´s Razor Prinzip).

    Innerhalb der Erkenntnistheorie ist der Wissenserwerb über ein Subjekt gemäß dem Fallibilismus allerdings erst der zweite Schritt der Untersuchung. Wenn ein Untersuchungsobjekt bereits an logischer Konsistenz scheitert, braucht man sich um empirische Untersuchungen keine Gedanken mehr zu machen. Denn während nur ein Bruchteil der logisch konsistenten Dinge auch real existent ist, ist die Existenz eines logisch unmöglichen Dings real unmittelbar ausgeschlossen. Gegen die präzise definierten Konzepte des Theismus und Deismus lassen sich mit Leichtigkeit Widerspruchsbeweise durch Logik führen (Reductio ad absurdum), was alle weiteren Überlegungen überflüssig macht. Bei Panentheismus funktioniert das allerdings aufgrund zu schwammiger und absichtlich diffuser Vorstellungen häufig nicht. „Irgendwas Höheres“ ist kein Begriff, mit dem man vernünftig arbeiten könnte. Widerlegen lässt sich dieser Minimalglaube (und nur dieser!) daher nicht.

    4.) Pantheismus/Der Pantheist: Ein Pantheist wiederum ist etwas gänzlich anderes als ein „Irgendwas-Gläubiger“. Oft bezeichnet man diese bereits vollständig naturalistische Auffassung der Welt auch nach ihrem berühmtesten Vertreter als Einstein-Glaube, oder kosmische Spiritualität. Einen transzendenten Gott gibt es in dieser Weltsicht nicht, weder als Erlöser, oder einfache Schöpferfigur, noch als geisterhafte Unergründlichkeit. Auch alle anderen übernatürlichen Erfindungen fallen damit weg. Pantheismus ist eine vollständig atheistische und damit naturalistische Weltanschauung, innerhalb derer der Begriff „Gott“ hin und wieder als bloße Metapher für die Gesamtheit der Naturgesetze, das Universum oder die Welt beziehungsweise die belebte Natur gebraucht wird. Richard Dawkins beschreibt den Pantheismus daher auch als aufgepeppten Atheismus. Viele Naturwissenschaftler und Philosophen bemühen sich besonders intensiv um eine poetische und ästhetisch ausgeschmückte Artikulationsform wissenschaftlicher Erkenntnisse, die dadurch für die Allgemeinheit manchmal leichter verständlich wird und nennen sich nicht zuletzt im Zuge dessen Pantheist.

    5.) Atheismus/Der Atheist: Eine Person die sich stattdessen lieber als Atheist bezeichnet wird auf solch für viele gläubige Menschen sehr missverständliche Formulierungen lieber ganz verzichten und sich schlicht Atheist (ohne Gott) nennen. Insbesondere Theisten haben nämlich die Angewohnheit Pantheisten unredlicherweise als religiöse Personen zu deklarieren. Atheismus bezeichnet die Nichtannahme, respektive Verwerfung jeder logikwidrigen oder empirisch mutwilligen Hypothese über die physikalische Existenz einer supernaturalistischen Entität oder Metawelt. Eine Person die zwar nicht an einen Offenbarungsgott glaubt, dafür aber an die Existenz der Zahnfee, ein Leben nach dem Tod oder die Wirksamkeit von Zauberwasser lässt sich kaum als Atheist bezeichnen.

    Bright oder Super?

    Nach einer Nomenklatur des britischen Philosophen Daniel Dennet lassen sich die ersten drei Definitionen dem Supernaturalismus zurechnen, da in Theismus, Deismus und Panentheismus Elemente des Übernatürlichen in verschieden starker Ausprägung zu Geltung kommen. Menschen die in ihrer Weltsicht auf logikwidrige oder gänzlich unbelegte Vorstellungen zurückgreifen müssen, werden demnach oft unter der Bezeichnung Supernaturalisten zusammengefasst. Pantheisten und Atheisten, deren Weltbild hingegen einzig und allein auf der wissenschaftlichen Erkenntnismethode und rationalen Überlegungen fußt gelten im Gegensatz dazu als Naturalisten. Mit Ökologie oder Umweltschutz hat dieser Begriff nichts zu tun und um Verwirrungen vorzubeugen schlug Dennet darum die Alternativbeschreibung Bright (hell, klar, schlau) vor, die sich allerdings bislang nicht wirklich durchgesetzt hat (vermutlich weil sie als zu selbstgefällig wahrgenommen wird). Da Wissen niemals Endgültigkeit beanspruchen kann und stets im Zuwachs begriffen ist, ändern sich mit der Zeit die Kriterien und Anforderungen, nach denen sich ein Mensch als Naturalist bezeichnen lässt. Ein weit verbreiteter Kenntnisstand kann beispielsweise ohne weiteres vor 10 Jahren hochaktuell und wissenschaftlich bestens abgesichert gewesen sein, in der Gegenwart jedoch vollendet als Widerlegt und daher falsch gelten. Ein weiteres Festhalten daran wider besseres Wissen würde je nach der weltanschaulichen Relevanz des Themas eine Definition als Naturalist erschweren. Bei einer solch engen Begriffsverwendung wären jedoch weltweit immer nur wenige führende Naturwissenschaftler und Universalgelehrte überhaupt in der Lage sich dieser Kategorie zuzuordnen, was die Einteilung wenig sinnvoll machen würde. Man muss an dieser Stelle schlicht akzeptieren, dass eine Person die sich als Pantheist oder Atheist bezeichnet auch dann noch als Naturalist gilt, wenn sie stellenweise veraltete Elemente in ihrer Weltanschauung führt, solange diese nur eine Nebenrolle spielen und (ganz wichtig!) Korrektur- und Fortbildungsbereitschaft besteht.

    Humanismus/Der Humanist

    Atheismus und Pantheismus als Gattungsformen des Naturalismus sind beide naturphilosophisch isolierten Positionen. Wie die Vorsilbe A- (weg, ab, ohne) bereits verdeutlicht handelt es sich insbesondere beim Atheismus um eine reine Verneinungsform, aus der im Gegensatz zu institutionellen Glaubenssystemen keinerlei weitere Ansprüche oder Ansichten außer der Ablehnung des Supernaturalismus erkenntlich werden, auch nicht in ethischer Hinsicht. Das macht diese Personengruppe ausgesprochen heterogen in ihrer Beurteilung aller nicht-metaphysischen Themen und sonstigen philosophischen und politischen Positionen. Ein Humanist ist daher in Abgrenzung dazu ein Atheist oder Pantheist mit einer spezifischen ethischen Agenda, welcher die historisch von der Antike über die Renaissance hin zur Neuzeit entwickelten und mühsam gegen den Supernaturalismus erkämpften Werte der Aufklärung vertritt. Dazu zählen unter anderem Demokratie (Bürgerrechte und Beteiligung an der politischen Willensfindung), Rechtsstaatlichkeit (Gleichheit vor dem Gesetz) und Individualrechte (Menschenrechte und Meinungsfreiheit), sowie eine utilitaristische Ethikkonzeption ohne metaphysische Bezugspunkte (Gut und Böse) und der allgemeine Einsatz der wissenschaftlichen Erkenntnismethode in Technologie und Gesellschaft. Der moderne Humanismus des 21. Jahrhunderts basiert dabei mittlerweile nur noch in Minderheitsanteilen auf den Ideen und Konzepten der Antike und Renaissance und hat sich derer stellenweise veralteten Ansichten entledigt. In seiner heutigen Form ist der moderne Humanismus ein evolutionärer Humanismus, der gemeinsam mit dem später entwickelten Transhumanismus auf die Agenda des Biologieprofessors Julian S. Huxley, dem ersten Generaldirektor der UNESCO zurückgeht und insbesondere in Deutschland durch den HVD, die Giordano-Bruno-Stiftung und die Partei der Humanisten vertreten wird.

     

    J.M.K.,   22.12.14

     




    «Wer hat ihm das Recht gegeben, zu morden?»


    leer

    Die Frage, mit der ich diesen Beitrag überschrieben habe, taucht im Zusammenhang mit Gewaltverbrechen hier und da auf. Manchmal auch in der Form „Woher nimmt er sich das Recht, …“.
    Als ob es ein solches Recht geben würde.
    Es handelt sich dabei um eine Suggestivfrage, mit der der Eindruck vermittelt werden soll, einem Täter, einem Mörder sei das Recht zugestanden worden, einen anderen zu töten.

    Gestellt wird diese Frage bisweilen von Befürwortern der Todesstrafe, die damit jedoch für sich oder für „den Staat“ — zumindest potenziell — etwas beanspruchen, von dem sie einem Mörder unterstellen, dass es ihm gegeben worden wäre oder dass er es sich genommen hätte. Befürworter der Todesstrafe begeben sich damit auf eine Stufe noch unterhalb des Mörders, weil sie das Recht zum Töten, zum Morden für sich beanspruchen und dies juristisch zu rechtfertigen versuchen.

    Ein solches Recht gibt es jedoch nicht, in keinem Land der Erde. Deshalb kann sich dieses Recht auch kein Mörder nehmen, und niemand kann es ihm geben. Was es nicht gibt, kann man sich nicht nehmen, kann einem niemand geben.

    In allen Ländern der Erde ist Mord ein Verbrechen, eine gesetzeswidrige Tat.
    Dies war z.B. in Deutschland auch während der Zeit der Gröfaz-Tyrannei (Hitler-Diktatur, Drittes Reich) der Fall. Damals wurde der heute in Deutschland noch immer gültige § 211 StGB (Mord) formuliert, der (m.W. als einziger Paragraph des deutschen Strafgesetzbuches) nicht eine strafbewehrte Tat beschreibt, sondern eine Täterbeschreibung enthält:

    Mörder ist, wer
    aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen,
    heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder
    um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken,
    einen Menschen tötet.

    Die Machthaber und Massenmörder des „Dritten Reiches“ (Adolf Hitler, Heinrich Himmler, Adolf Eichmann, … SS, Waffen-SS, teils auch Soldaten der Wehrmacht) entsprachen genau dieser Täterbeschreibung. Doch sie alle waren (vielleicht mit Ausnahme so mancher Wehrmachtssoldaten), soweit mir dies bekannt ist, Befürworter der Todesstrafe.

    Heutige Befürworter der Todesstrafe entsprechen ebenfalls dieser Täterbeschreibung, ebenso Richter, die ein Todesurteil (in staatlichem Auftrag / gemäß Gesetz) fällen, sowie jene, die das Todesurteil (in staatlichem Auftrag) vollstrecken. Und auch alle Staaten als juristische Personen, die entsprechende Gesetze im Repertoire haben, entsprechen diesem Täterprofil.

    Alle Staaten, in denen Todesurteile ausgesprochen und vollstreckt werden, entsprechen diesem Täterprofil. Sie machen sich aufgrund ihrer Gesetze selber zu Mördern.

    Ausgenommen hiervon sind m.E. Polizeibeamte in Notsituationen, die während einer Geiselnahme — gewissermaßen stellvertretend für die Geisel — in Notwehr, wenn eine andere Möglichkeit nicht besteht, einen „finalen Rettungsschuss“ gegen den Geiselnehmer richten. Denn eine Notwehrsituation ist kein Strafverfahren, kein Gerichtsprozess.

    Der Wunsch, einen Mörder oder sonstigen Gewaltverbrecher hinzurichten, entspringt dem Gedanken des Heimzahlens, der Rache. Mit Strafe hat dies nichts zu tun, sehr wohl aber mit der Neigung, Hassgefühle auszuleben — und sei es stellvertretend (vgl. Sündenbockprojektion sowie Opferkult).

    Für manche Befürworter der Todesstrafe hat das Festhalten an ihr quasireligiöse Züge.

    Anzumerken bleibt, dass es Todesurteile aufgrund von Diffamierungen sowie insbesondere aufgrund von Justizirrtümern weltweit bereits mehrfach gegeben hat.

    Zum Abschluss des Beitrags ein Zitat des Ende Dezember 2018 verstorbenen israelischen Schriftstellers Amos Oz — im NZZ-Interview vom 18.3.2015

    Jede Katastrophe der Entmenschlichung in der Geschichte beginnt mit der Entmenschlichung der Sprache.

    Amos-Oz_Zitat_quer

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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    Beitragsbild: aus aktuellem Anlass habe ich als Beitragsbild eine leere Fläche gewählt.