Buddhas Lehre III


Der ewige Kreislauf der Wiedergeburten und seine kosmischen Dimensionen (1):

Fragt man nach den wesentlichen Inhalten der buddhistischen Weltanschauung, so gelangt man zu drei Elementen: der Lehre von der Wiedergeburt, dem Gedanken der Unbeständigkeit jeglicher erkennbarer Existenzform und der Möglichkeit einer endgültigen Erlösung vom Kreislauf des Daseins. Diese Denkweise ist nicht allein buddhistisch, sie entspricht dem indischen Kulturgeist schlechthin. Auch die Upanishaden-Philosophie der Hindus weist Gedanken auf, die dem Buddhismus sehr verwandt sind, wobei die Gedankenwelt der Upanishaden von der Existenz des „Selbst“, Âtman, ausgeht, welches mit dem unpersönlichen Brahman identisch ist. Zahlreiche westliche Autoren haben den Begriff âtman im Sinne einer „Seele“ aufgefaßt und das Brahman als „All-Seele“ verstanden und gelangten damit zu der Auffassung, daß der Buddhismus jegliche Art von Seele leugne, da im buddhistischen Denken vom „Nicht-Selbst“ (anattâ bzw. Skt: anâtman) die Rede ist.

Versteht man das buddhistische Denken in diesem Sinn, dann gewinnt man als logische Folge die Ansicht, daß die Lehre vom „Nicht-Selbst“ im Widerspruch zur Wiedergeburtslehre steht, und redet konsequenterweise „von der Schwierigkeit, ohne Seele zu wandern“[i]. Zweierlei Tatsachen sind aber zu berücksichtigen: Âtman ist keine Individualseele, und Brahman ist als „Sein“ aufzufassen, nicht aber als All-Seele. Damit aber ist die Wiedergeburtslehre, wie wir sie von den Upanishaden her kennen, keinesfalls leichter zugänglich als die buddhistische. Zum anderen wird häufig behauptet, daß der Buddha „nicht nur eine ewige Seele, sondern überhaupt irgendeine ewige Instanz abstritt …“[ii] Dies ist schlicht unzutreffend. Die Vorstellung des Ungeborenen, Unentstandenen etc. wird im Pâli-Kanon ausdrücklich genannt. Im Unterschied zu den Upanishaden enthält sich der Buddha diesbezüglich lediglich positiver Aussagen. So wird über die eigentliche, positive Qualität des Nirvâa meist geschwiegen. Dem Buddha lag entschieden an der Heilslehre und dem Gedanken der Erlösung, nicht aber an der Letzterklärung metaphysischer Zusammenhänge. Daher leugnete er nicht die Existenz irgendeiner Seele, sondern hob hervor, daß nichts von all dem, was man gewöhnlich als Seele oder als „Ich“ auffaßt, einer Substanz entspricht. Vom Nirvâa abgesehen, kennt der Buddhismus eine weitere „ewige Instanz“, nämlich das Karma-Gesetz. Was auch immer sich wandelt, das Gesetz, nach dem Entstehen und Vergehen ablaufen, ist als solches ewig, unabänderlich und den Kategorien von Raum und Zeit nicht unterworfen.

Wie aber spielt sich der Mechanismus der „Wiedergeburt“, der besser „Geburtenfolge“ heißen sollte, nach buddhistischer Vorstellung ab? Zunächst ist zu bedenken, daß der Buddhismus sehr wohl eine „Seele“ im Sinne eines Zusammenspiels verschiedener geistiger Elemente, die von der materiellen Erscheinung des Menschen unabhängig sind, kennt. Nach buddhistischer Auffassung sind es bekanntlich fünf Gruppen (khandhâ) von Faktoren, aus denen sich eine Persönlichkeit zusammensetzt. Die vier Gruppen von Daseinsfaktoren einer Person, die unter dem Begriff nâma zusammengefaßt werden, bilden dabei dasjenige, was man gewöhnlich unter „Seele“ versteht. Diese Faktoren aber sind, wie schon gesagt, dem Wandel von Entstehen und Vergehen unterworfen und daher bedingt bzw. „geschaffen“ (sankhata). Dabei ist für die Wiedergeburtslehre die vierte Gruppe als entscheidender Faktor in Betracht zu ziehen. Diese „Geistformationsgruppe“ (P: sankhâra-kkhandha) der „karmischen Gestaltungen“ umfaßt sämtliche inneren Regungen wie Zuneigung, Abneigung, Zorn, Angst, Trauer, Wollen oder Nicht-Wollen, wie auch die psychischen Ursachen für das personenspezifische Auftreten dieser Regungen, die uns selbst gewöhnlich nicht bewußt sind. Philosophen wie etwa Schopenhauer sprechen in diesem Zusammenhang vom „intelligiblen Charakter“. Wie wir wissen, sind diese nicht-bewußten Faktoren, die unser Handeln steuern, insofern bedingt, als daß sie von früheren Wirklichkeitserfahrungen abhängig sind. Ereignisse und Erfahrungen, die uns zutiefst bewegt haben, sei es durch Schmerz oder Trauer, wiederholen sich in unserem Geist geradezu zwanghaft, bis sie „verarbeitet“ sind und wir uns von ihnen gelöst – oder buddhistisch gesprochen: er-löst – haben. Ebenso drängen sich geistige Bilder von äußerst angenehmen Erlebnissen ständig auf und treiben zur Wiederholung der entsprechenden Erfahrung, z.B. des Rauchens. Negative Erfahrungen hinterlassen Ängste, Ablehnung etc., positive lassen Wünsche, Sehnsucht usw. entstehen. Die Zuneigungen und Abneigungen führen zu bestimmten Handlungen, aus denen wiederum neue innere Eindrücke entstehen. Auch wenn sich die charakterlichen Eigenheiten des einzelnen, die „karmischen Gestaltungskräfte“, die im Unterbewußtsein angesiedelt sind, verändern, so unterliegen diese Vorgänge des Entstehens, des sich Wandelns und Auflösens solcher psychischen Kräfte nicht den physikalischen Größen von Raum und Zeit, sondern Gestaltungsgesetzen, die selbst keineswegs physikalischer Natur sind. Wie lange und in welchem Ausmaß wir z.B. vor etwas Angst haben und wie lange wir uns für etwas interessieren, ob wir zu Genußmitteln oder zur Enthaltsamkeit neigen, sind bekanntlich keine Fragen meßbarer Größen. Im Unterschied zur westlichen Psychoanalyse läßt der Buddhismus die unbewußten Ursachen für Zuneigungen, Abneigungen, Ängste usw. nicht nur über die Grenzen von Leben und Tod hinaus bestehen, sie sind außerdem Kräfte, welche die Umstände einer Geburt steuern.

Wenn drei sich vereinigen, kommt eine Empfängnis zustande. Vereinigen sich Mutter und Vater, aber die Mutter hat nicht ihre Zeit, und der Engel (das zur Wiedergeburt kommende Wesen) steht nicht bereit, so kommt keine Empfängnis zustande. Wenn aber Mutter und Vater sich vereinigen, die Mutter ihre Zeit hat und der Engel bereitsteht, so kommt durch das Zusammentreffen dieser drei eine Empfängnis zustande. Ihn hegt die Mutter im Mutterleib, und wenn er geboren ist, nährt sie ihn mit Muttermilch. Dieser Knabe wächst nun heran und entwickelt seine Fähigkeiten. Wenn er dann weiter wächst und seine Fähigkeiten entwickelt, beteiligt er sich an den fünf Arten der Sinnenfreuden, wenn er etwas sieht, hört, riecht, schmeckt oder tastet, wird er von dem Angenehmen angezogen und von dem Unangenehmen abgestoßen. Er übt nicht die Körperbetrachtung, und sein Geist bleibt beschränkt, er weiß nichts von Geistesbefreiung durch Weisheit, weiß nicht, wie er schlechte, unheilsame Regungen überwinden kann. So erfährt er Lust und Unlust, und jedes Gefühl, sei es ein Lustgefühl, ein Unlustgefühl oder ein gleichgültiges Gefühl, hegt er. Dadurch fühlt er sich befriedigt. Was die Befriedigung über die Gefühle ist, das ist Ergreifen und Anhaften. Aus dem Ergreifen und Anhaften entsteht Leben; wo Leben ist, da ist Geburt; auf die Geburt folgen Altern und Sterben, Kummer und Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung. So kommt diese ganze Masse der Übel zustande. [iii]

Zur Wiedergeburt gehören nicht nur die karmischen Ursachen derjenigen Person, der ein Lebenslauf bevorsteht, sondern auch die entsprechenden Bedingungen, die durch die zukünftigen Eltern geschaffen wurden. Diese Bedingungen sind nicht nur äußerlicher Art. Es ist nicht nur das soziale Umfeld, in das wir hineingeboren werden, zugleich stehen wir durch die Vererbung verschiedener Eigenschaften in engster Beziehung zu unseren Eltern.

Heute wissen wir, daß die genetischen Anlagen, die ein Mensch durch seine Eltern erbt, für den Verlauf seines Lebens eine bedeutende Rolle spielen, ebenso die Erfahrungen, die der Mensch besonders in frühester Kindheit macht. Vor dem Hintergrund der Wiedergeburtslehre läßt sich fragen, ob nicht die individuelle genetische Anlage in ihrer Entstehung bedingt ist durch karmische Gestaltungskräfte. Immerhin wissen wir aus der Perspektive der Genforschung nicht, warum der oder die einzelne exakt diejenigen Anlagen in sich trägt, mit denen er oder sie lebt. Theoretisch könnte die Anlage trotz derselben Eltern eine völlig andere sein. Wissenschaftlich gesehen, ist die individuelle genetische Anlage ein Produkt des Zufalls. Das aber bedeutet nichts anderes, als daß die wirkenden Gestaltungszusammenhänge der Forschung bisweilen noch nicht bekannt sind.

Die Frage, die die Wurzel unseres Daseins berührt, lautet: Was hat möglicherweise ein Lebenslauf, der vielleicht vor einem oder mehreren Jahrhunderten einmal irgendwo in einem beliebigen Erdteil endete, mit dem Geschlechtsakt eines Paares, der heute am anderen Ende der Welt stattfindet, zu tun? Welche Zusammenhänge sollen hier wirken, und wie ist zu verstehen, daß wir es global gesehen mit einem drastischen Bevölkerungswachstum zu tun haben? Von diesen Fragen ist die letzte aus buddhistischer Sicht am einfachsten zu beantworten. Der Buddhismus macht zwischen Menschen und anderen Wesen keine substantielle, sondern lediglich eine graduelle Unterscheidung. Bei der Annahme, daß es zahllose Welten gibt, und der Annahme, daß auch Wesen, die zuvor als Tier lebten, die Möglichkeit haben, als Mensch die Arena des irdischen Daseins neu zu betreten, ist das Bevölkerungswachstum kein Argument gegen die Wiedergeburt. Immerhin, so ließe sich argumentieren, weisen die Menschen ein großes Spektrum völlig unterschiedlicher Entwicklungsgrade auf. Den zahllosen simplen Geistern steht die vergleichsweise geringe Minderheit der Größen wie Lao-Tse, Gotama Buddha oder Sokrates und weniger anderer gegenüber. Daß der Buddha die „Unwissenheit“ (P: avijjâ), im Sinne geistiger Blindheit, als eine der hauptsächlichen Triebfedern des Weltwerdens angesehen hat, ist vor diesem Hintergrund verständlich.

Sehr viel schwieriger ist die Beantwortung des ersten Teils der Frage. Aus buddhistischer (sowie jainistischer und hinduistischer) Sicht ist es von den karmischen Gestaltungskräften abhängig, unter welchen Lebensbedingungen ein Mensch geboren wird. Demnach ist ein einzelner Mensch Teil eines gesamten Geschehens, wobei geistige Dimensionen ebenso einen Bestandteil der umfassenden Wirklichkeit bilden wie materielle. Die Größen von Zeit und Raum gelten somit nicht als absolute Bedingungen für die Existenz, sondern sind lediglich ein Teil dessen, was sich insgesamt vollzieht. Ein solches Weltbild anerkennt neben den physikalischen Dimensionen des Raumes und der Zeit weitere Dimensionen des Zusammenwirkens von Kräften geistiger oder seelischer Art. Schon der „Buddhaist“ Schopenhauer hatte sich seinerzeit derartigen Gedanken gewidmet.

Alle Ereignisse im Leben eines Menschen ständen demnach in zwei grundverschiedenen Arten des Zusammenhangs: erstlich, im objektiven, kausalen Zusammenhange des Naturlaufs; zweitens, in einem subjektiven Zusammenhange, der nur in Beziehung auf das sie erlebende Individuum vorhanden und so subjektiv wie dessen eigene Träume ist, in welchem jedoch ihre Succession und Inhalt ebenfalls nothwendig bestimmt ist. [iv]

Die Unterscheidung von objektiv und subjektiv ist an dieser Stelle insofern treffend, als daß der nicht-physikalische Zusammenhang des Weltgeschehens, d.h. buddhistisch gesprochen die karmischen Gestaltungskräfte, als im Menschen wirkende Kräfte angesehen werden. Im Sinne einer Naturwissenschaft objektiv beweisbar sind diese Kräfte nicht, da die naturwissenschaftliche Forschungsmethode sich ausdrücklich auf die Eigenschaften der sichtbaren Welt beschränkt. Dies aber heißt auch, daß die buddhistische Denkweise sich wissenschaftlich ebensowenig widerlegen läßt. Die Wirkung der karmischen Gestaltungskräfte äußert sich in dem, was gewöhnlich als Schicksal oder Zufall bezeichnet wird. Was aber bedeutet Zufall?

Zufällig bedeutet das Zusammentreffen in der Zeit des kausal nicht Verbundenen. Nun ist aber nichts absolut zufällig, sondern auch das Zufälligste ist nur ein auf entfernterem Wege herangekommenes Nothwendiges; indem entschiedene, in der Kausalkette hoch herauf liegende Ursachen schon längst bestimmt haben, daß es gerade jetzt, und daher mit jenem Andern gleichzeitig eintreten mußte. […] Versinnlichen wir uns jetzt jene einzelnen Kausalketten durch Meridiane, die in der Richtung der Zeit lägen; so kann überall das Gleichzeitige und eben deshalb nicht in direktem Kausalzusammenhange Stehende durch Parallelkreise angedeutet werden. [v]

Was hier angedeutet wird, ist eine Dimension, deren Inhalte nicht nach einer zeitlichen Aufeinanderfolge angeordnet sind, sondern nach Analogien und symbolischen Bedeutungen. Sehr viel genauer hat der Psychoanalytiker C.G. Jung diese Thematik in seiner „Synchronizitätstheorie“ auseinandergesetzt. In seinem Werk „Synchronizität, Akausalität und Okkultismus“ behandelt er diese Thematik ausführlich. Demnach herrscht in unserem Leben eine Art Magnetismus oder Sympathie des Gleichbedeutenden, die über die Kategorien von Raum und Zeit hinweg wirkt. Gleichbedeutendes zieht sich gegenseitig an, so daß die Fäden des Schicksals einer Gesetzmäßigkeit folgen, nach der Positives Positives auf sich zieht und Negatives das Negative und nach der sich gleiche seelische und geistige Eigenschaften anziehen.

Wenn […] eine mit Nichtwissen [im Sinne der buddhistischen Lehre] begabte menschliche Persönlichkeit Gestaltungen hervorbringt, die verdienstlich sind, dann ist das Bewußtsein mit Verdienst ausgestattet. Wenn sie Gestaltungen hervorbringt, die nicht verdienstlich sind, dann ist das Bewußtsein mit Nichtverdienst ausgestattet. Wenn sie Gestaltungen hervorbringt, wo Gleichgewicht besteht, dann ist das Bewußtsein mit Gleichgewicht ausgestattet. [vi]

Auch wenn die Karma-Lehre nicht exakt dem entspricht, was in der Synchronizitätstheorie beschrieben wird, da sie wesentlich umfangreicher ist, so ist die Dimension, in der die Gestaltungsmechanismen wirken, in beiden Fällen gleichermaßen überzeitlicher Natur und bedeutungsorientiert. Rational erklären läßt sich dieser Gestaltungsmechanismus nicht. Wie sollte auch die Vernunft einen solchen rationalen Zusammenhang jenseits von Raum und Zeit herstellen?

Man kann mit C.G. Jung von einem kollektiven Unbewußten sprechen, in welchem wir verwurzelt sind. Setzt man ein solches einmal voraus, dann lassen sich die „karmischen Gestaltungen“ nicht nur als Raum und Zeit übergreifende, sondern auch als personenübergreifende Kräfte auffassen. Für die buddhistische Lehre der Geburtenfolge bedeutet dies, daß nicht eine in sich geschlossene Seele „wandert“, sondern daß die vorhandenen, durch Taten und Tatabsichten gelegten Keime eine neue, adäquate Daseinsform aufbauen. „Als durch frühere Tat ist der Körper zu verstehen, durch Tun hervorgebracht, durch Denken hervorgebracht, durch Empfinden hervorgebracht.“ (S 12, 37) Die buddhistische Lehre ist streng genommen überhaupt keine Wiedergeburtslehre im engeren Sinne des Wortes, da nicht eine verstorbene Person in ihrer alten Erscheinungsweise wieder-geboren wird, sondern da wir es mit einer bedingten Entstehung zu tun haben, setzt sich lediglich der Werdeprozeß der Geburtenfolge fort. Ein Brahmane hat einmal mit dem Buddha folgendes Gespräch geführt:

– Steht es wohl so, Herr Gotama, daß der nämliche es ist, der die Handlung ausführt und der die Folgen empfindet?

– Behauptet man, „der nämliche ist es, der die Handlung ausführt und der die Folgen empfindet“, so ist das, o Brahmane, das eine Ende.

– Steht es aber so, Herr Gotama, daß ein anderer es ist, der die Handlung ausführt, und ein anderer, der die Folgen empfindet?

– Behauptet man, „ein anderer ist es, der die Handlung ausführt, und ein anderer, der die Folgen empfindet“, so ist dies, o Brahmane, das andere Ende. Diese beiden Enden vermeidend, o Brahmane, verkündet in der Mitte der Tathâgata die wahre Lehre:

Aus dem Nichtwissen als Ursache entstehen die Gestaltungen; aus den Gestaltungen […] das Bewußtsein [usw . . .]. [vii]

Wir ersehen daraus, daß der Werdeprozeß der „Wiedergeburt“ (uppatti-bhava) weder als Seelenwanderung noch als Wiederkehr oder komplette Neuentstehung zu sehen ist, die keinen Bezug zu Vergangenem aufweist. Nach dem buddhistischen Denken wandeln sich auch die karmischen Keime, aber dieser Wandel unterliegt, wie gesagt, nicht dem materiellen Leben und Tod des Individuums, sondern er steuert das irdische Werden und Vergehen. Als karmisch bindend werden Absichten und Handlungen angesehen, die von starker Begierde (lobha) oder negativen Affekten wie Haß (dosa) oder Verblendung (moha) geleitet sind. Werden aber, und das ist der buddhistische Erlösungsgedanke, solche Affekte abgebaut, so kommen keine neuen karmischen Bindungen mehr zustande. Dadurch verbrauchen sich alle bisherigen Kräfte, die eine Person aufgebaut haben, und die Notwendigkeit einer erneuten Geburt ist aufgehoben, denn Taten, die ohne die Affekte von Begierde, Haß und Verblendung ausgeführt werden, erzeugen keine weiteren bindenden Wirkungen, heißt es in A III, 33, 2. Da der Buddhismus die Möglichkeit einer selbstgewählten Erlösung als ausdrückliches Ziel verfolgt, betrachtet er die Willensentscheidungen des einzelnen als frei wählbar, räumt aber zugleich ein, daß die karmischen Gestaltungen bestimmend wirken.

Bhikkhus, dies sind jene schwer zu ergründenden, schwer zu erschauenden und aus­zudenkenden Dinge, die ruhevoll und erhaben sind, bloßem logischem Denken unerreichbar, sublim und nur von Weisen zu begreifen, die der Tathâgata kraft eigenen Erkennens und Verwirklichens predigt und um derentwillen man den Tathâgata mit Fug und Recht rühmen könnte. [viii]

Häufig ist über den Buddhismus zu lesen, die Darstellung der karmischen Gesetzmäßigkeit bedeute „Lohn“ oder „Strafe“ für gute oder schlechte Taten und Tatabsichten bedeute. Tatsächlich aber ist diese Gesetzmäßigkeit, die man in der buddhistischen Kultur gern als Mittel zur Rechtfertigung bestimmter moralischer Wertvorstellungen herangezogen hat, als ein reiner Mechanismus an sich wertneutral. Die Begriffe „Gut“ und „Böse“ sind untrennbar mit den Kategorien „Wohl und Wehe“ verbunden. Gesetzt einmal, es gäbe nur Wesen, die Glück und Schmerz überhaupt nicht wahrnähmen, so würden sie weder Heil noch Unheil kennen und somit auch nichts Gutes oder Böses.

 

[i] Siehe Lehmann 1980, S. 106.

 

 

[ii] Ebd.

 

 

[iii] M 38, Schmidt 1961, S. 129f (gerafft).

 

 

[iv] Schopenhauer, „Über die anscheinende Absicht im Schicksale des Einzelnen“, Züricher Ausg. Bd. VII, S. 242.

 

 

[v] Ebd., S. 236f.

 

 

[vi] S 12, 51, 12, Geiger 1925, S. 117.

 

 

[vii] S 12, 46, 4-5, Geiger 1925, S. 108f.

 

 

[viii] D I, 1, 37, Franke 1913, S. 25.

 

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit und Fehlverhalten - von Eckhardt Kiwitt


Kiwitt

Es ist in der Geschichte keine Seltenheit, dass Menschen allein wegen ihrer Herkunft, ihrer Abstammung oder ihrer Religionszugehörigkeit bzw. wegen ihrer Weltanschauung, manchmal auch wegen körperlicher Merkmale kritisiert, ausgegrenzt oder gar angegriffen werden. Dazu ist es gar nicht notwendig, dass sie ein Fehlverhalten an den Tag gelegt hätten — Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung, oder auch körperliche Merkmale, können bereits als vermeintliches Fehlverhalten oder Makel und damit als Begründung für Kritik oder Ausgrenzung herhalten. Bis zur Sündenbockprojektion, manchmal auch zur Sippenhaftung, ist es von dort bisweilen nur ein kleiner Schritt. In Diktaturen, Despotien und Tyranneien werden derlei Feindbilder regelmäßig konstruiert, manchmal werden Angehörige eines Beschuldigten oder eines mutmaßlichen Täters ebenfalls in Haft genommen, obwohl sie sich nichts haben zuschulden kommen lassen (zu unterscheiden ist dies von der bloßen Zeugenbefragung oder einem polizeilichen Verhör).

Ein frühes Beispiel für Sippenhaftung findet sich im Dekalog, den Zehn Geboten des Alten Testaments, wo es — ungeachtet, was man in die Worte hineininterpretieren mag das dort gar nicht geschrieben steht — u.a. heißt

Bei denen, die mir feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; …

In anderen „heiligen“ Büchern kann man Sätze lesen, die ebenfalls für Sippenhaftung ungeachtet persönlicher Schuld stehen:

Wahrlich, jene, die ungläubig sind unter dem Volk der Schrift und die Götzendiener werden im Feuer der Dschahannam sein; ewig werden sie darin bleiben; diese sind die schlechtesten der Geschöpfe. (Koran, Sure 98:6).

Andererseits kommt es vor, dass sich Menschen von sich aus allein wegen ihrer Herkunft, ihrer Abstammung oder ihrer Religionszugehörigkeit bzw. wegen ihrer Weltanschauung selbst ausgrenzen oder für sich eine Herausgehobenheit beanspruchen (was mit Arroganz einhergehen kann, aber nicht muss; ein Beispiel für Arroganz ist der Nationalismus, jene mit Verklärung (Stichwort „Stolz“) einhergehende Überhöhung der eigenen Nation über andere, obwohl kein Mensch dazu, dass er einem Staat oder einem Volk anghört in das er zufällig hineingeboren wurde, einen eigenen Beitrag geleistet hat):

Ihr seid die beste Gemeinde, die für die Menschen entstand. Ihr gebietet das, was Rechtens ist, und ihr verbietet das Unrecht, und ihr glaubt an Allah. (Koran, Sure 3:110)

Auf ein anderes Beispiel von Selbstausgrenzung bzw. Herausgehobenheit bin ich im Beitrag «„Göttlich“ — ungültig» eingegangen:

… von irgendeinem Gott für was auch immer „auserwählt“; den zugehörigen Gott hat jemand vor mehr als zweitausend Jahren erfunden, um sich und sein Volk anschließend als ein von diesem von ihm selbst erfundenen Gott auserwählt zu erklären.

Die Wikipedia schreibt dazu:

[…] Nach der Ankunft der aus Ägypten befreiten Israeliten am Berg Sinai beansprucht JHWH sie als sein erwähltes Bundesvolk, worauf sie Mose versprechen, alle Gebote Gottes zu erfüllen. […]

Solche Texte gelten heutzutage als historisiert. Sie wurden nicht von heute lebenden Menschen verfasst, weshalb man diese dafür nicht zur Rechenschaft ziehen oder ihnen dafür irgendeine Verantwortung geben kann.

Für ein heutiges Beispiel der Selbstausgrenzung halte ich es, wenn jemand während der Berufsausübung die in unserer Verfassung garantierte Freiheit des Glaubens und des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sowie des Rechts der ungestörten Religionsausübung (GG Artikel 4, Sätze 1 und 2) dahingehend überdehnt, dass, entgegen z.B. einer Anzugsordnung / Dienstbekleidung während der Berufsausübung oder der in einigen Berufen gebotenen weltanschaulichen Neutralität (als Repräsentant des Staates), auf das Zurschaustellen der eigenen Religion mittels Kleidungsstücken nicht verzichtet werden will (siehe den Beitrag «Missverstandene Religionsfreiheit»).

Ein anderes Beispiel der Selbstausgrenzung ist die Institutionalisierung einer Opferrolle, wie wir sie in Deutschland u.a. bei manchen in Vereinen organisierten Vertriebenen erlebt haben, die bis in die 1990er Jahre hinein darauf beharrt haben, dass ihre einstige Heimat, aus der sie nach dem von Deutschland angezettelten und verlorenen Zweiten Weltkrieg fliehen mussten, ihnen gehöre. In einem in den 1990er Jahren in einer Zeitung oder Zeitschrift veröffentlichten Leserbrief wurde dies mit den Worten persifliert „Der Verband der Ostgoten verkündet: Die Ukraine bleibt unser!“
Ich halte jede Institutionalisierung einer Opferrolle für kontraproduktiv, weil man damit Ressentiments gegen sich hervorruft, über die man sich dann beklagt, was weitere Ressentiments hervorruft, über die man sich beklagt. Damit zieht man zwar eine stete Aufmerksamkeit auf sich, worin man einen vermeintlichen Vorteil für sich sehen kann, man verfestigt jedoch seine Opferrolle und schreibt diese fort. In einem Beitrag in der Wochenzeitung Die Zeit schreibt Heinrich Wefing u.a.

Für den demokratischen Diskurs aber ist die Opferrolle ebenso fatal wie die Rebellenpose von Linken und Rechten.

In einer leicht modifizierten Fassung des Rassismus-Begriffs des französisch-tunesischen Schriftstellers und Soziologen Albert Memmi heißt es:

Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.

Ein wenig anders formuliert, kann man zwischen positivem und negativem Rassismus unterscheiden, also der Zuschreibung bestimmter Eigenschaften aufgrund von Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit …, wenn diese Eigenschaften positiv oder negativ gedeutet werden. Beide Formen des Rassismus kann man in vielen Gesellschaften und politischen Lagern beobachten.

Die Nationalsozialisten des Dritten Reichs haben unschuldige Menschen einst allein aufgrund ihrer Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit … in KZs eingesperrt und / oder ermordet. In anderen Diktaturen war und ist dies nicht wesentlich anders. Die historische Verantwortung für diese Verbrechen wird uns noch lange begleiten, auch wenn wir heute dafür keine persönliche Schuld mehr haben. Manche Verschwörungstheoretiker bezweifeln zwar, dass die deutschen Nationalsozialisten tatsächlich z.B. sechs Millionen Juden ermordet hätten. Doch selbst wenn sie nur einen einzigen Juden, einen Sinto, Roma, … wegen dessen Herkunft, Abstammung oder Religionszugehörigkeit ermordet hätten, wäre dies nicht entschuldbar — denn Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit, … sind kein Fehlverhalten. Jemanden wegen Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit … auch nur auszugrenzen, ihn positiv oder negativ zu diskriminieren, ist nicht hinnehmbar.
Lediglich das Befolgen z.B. religiöser Vorschriften oder Gesetze kann in bestimmmten Fällen zu persönlichem Fehlverhalten führen, was man dann auch kritisieren darf. Ihn deshalb zu bestrafen, halte ich (in den meisten Fällen) für unangemessen. Sinnvoller finde ich es immer, ihm sein Fehlverhalten mit sachlichen, sachbezogenen Argumenten (z.B. Grundrechtekatalog unserer Verfassung, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte) zu erläutern und ihm damit die Möglichkeit einzuräumen, das Fehlverhalten als solches zu erkennen. Einen Menschen deshalb zu ermorden oder ihn mit dem Tode zu „bestrafen“ kann jedoch nicht gerechtfertigt sein, zumal die Todesstrafe gar keine Strafe ist, sondern immer ein Racheakt.

Der erste Schritt hin zur Integration ist nach meiner Erfahrung, sich nicht selbst auszugrenzen.

Link zum Original:

https://islamprinzip.wordpress.com/2019/01/12/herkunft-abstammung-religionszugehoerigkeit-fehlverhalten/




Buddhas Lehre II


Die Edle Wahrheit vom Leiden

Die buddhistische Formel Leben = Leiden (dukkha) wirkt auf den Betrachter zunächst einmal grundsätzlich pessimistisch und erscheint vielen Europäern eher etwas befremdend. Wir führen möglicherweise ein glückliches Dasein, und das soll Leiden sein? Man muß sich, um diesem Begriff gerecht zu werden, vergegenwärtigen, daß Leiden einerseits nicht im engeren Sinne des Wortes zu verstehen ist und daß wir es andererseits mit einem Begriff zu tun haben, der Zustände beschreibt, deren Intensität sehr unterschiedlich sein kann. An verschiedenen Stellen des Kanons (siehe z.B. A III, 62, A IV, 63, M 28, D XXII, Mvg I, 6, 19) stoßen wir auf die grundlegende Leidensdefinition des Buddhismus:

Geburt ist Leiden, Altern ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Sterben ist Leiden.

Sorge, Jammer, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung sind Leiden.

Mit Unlieben vereint sein bedeutet Leiden; von Lieben getrennt sein bedeutet Leiden.

Nicht zu bekommen, was man begehrt, ist Leiden.

Kurz gesagt: Die fünf Anhaftungsgruppen (pañcupâdânakkhandhâ) sind Leiden.

Aus dieser fundamentalen Definition des Leidensbegriffs läßt sich eine gedankliche Dreiteilung erkennen. Geburt, Alter, Krankheit und Tod als körperliche Aspekte des Leidens; Sorgen, Jammer, Schmerzen, Trübsal und Verzweiflung bilden, soweit man Schmerz hier als seelischen auffaßt, die seelische Komponente; und das Nicht-Erreichen dessen, was man will, entspricht dem geistigen Aspekt des Leidensbegriffs. Geburt, Alterung und Tod sind unausweichliche Eigenheiten des individuellen Daseins. Damit ist nicht gesagt, daß das Altern und Sterben notwendig direktes Leiden bedeutet, immerhin kann man glücklich alt werden und friedlich dahinscheiden. Vielmehr besagt Dukkha hier, daß wir der Endlichkeit unausweichlich ausgesetzt sind.

Der Buddha sprach einmal von „vier Verkehrtheiten“, die Leiden verursachen:

Vergängliches für unvergänglich halten: das, ihr Mönche, ist eine Verkehrtheit in der Wahrnehmung, den Gedanken und den Ansichten.

Leiden für Glück halten . . .

Was ichlos ist, für ein Ich halten . . .

Was widerlich ist, für lieblich halten . . . (A IV, 49)

Wie sehr jemand im Laufe seines Lebens unter Sorgen, Jammer, Kummer, Verzweiflung etc. leidet, ist abhängig von der inneren Einstellung, die der oder die Einzelne den Gegebenheiten des Daseins gegenüber einnimmt. Je intensiver ein Mensch sich bindet oder sich mit seiner äußeren Umwelt identifiziert, um so größer ist der Schmerz der unausweichlichen Trennung. Soweit etwas, das man gewöhnlich als „Glück“ bezeichnet, von äußeren Faktoren abhängt, etwa eine Liebesbeziehung, ist dieses Glück lediglich temporär, denn der Gesetzmäßigkeit, daß alles, was entsteht, vergänglich (anicca) ist, kann kein derartiges Glück entkommen. Daher ist im buddhistischen Denken auch ein aufgrund äußerer Anlässe empfundener Glückszustand Dukkha. Leiden ist gehemmtes Wollen. Passen wir aber den Willen den Gegebenheiten an, so ändert sich das Maß der Hemmnis des Willens und damit das Leiden oder die Unzufriedenheit, Enttäuschung usw. Aus den Kerngedanken der „Edlen Wahrheit vom Leiden“ wird deutlich, daß der Begriff „dukkha“ in enger Beziehung mit „Endlichkeit“ und „Vergänglichkeit“ steht, also wesentlich weiter gefaßt ist als der deutsche Begriff des Leidens. Aus dem Gedanken, daß Endlichkeit und Vergänglichkeit mit Leiden im weitesten Sinne verbunden sind, folgt, daß die „fünf Aneignungsgruppen“, aus denen sich entsprechend der buddhistischen Darstellung eine empirische Person zusammensetzt, insgesamt „Leiden“ sind. Die Einteilung einer empirischen Person ist folgende:

1) Körperlichkeits-Gruppe (rûpa-kkhandha, Skt: rûpa-skandha)

„Körperlichkeit besteht aus den vier Elementen, dem Festen oder Erdelement, dem Flüssigen oder Wasserelement, dem Feurigen oder Feuerelement, dem Flüchtigen oder Luftelement. […]

Was sich am eigenen Körper hart und fest anfühlt, wie Kopfhaare, Körperhaare, Nägel, Zähne, Haut, Fleisch, Sehnen, Knochen, Mark, Niere, Herz […] und was sich sonst noch am eigenen Körper hart und fest anfühlt, das nennt man das Feste oder Erdelement am eigenen Körper […].

Was sich am eigenen Körper flüssig oder wäßrig anfühlt, wie Galle, Schleim, Eiter, Blut, Schweiß, Lymphe, Tränen […] und was sich sonst noch am eigenen Körper flüssig oder wäßrig anfühlt, das nennt man das Flüssige oder Wasserelement am eigenen Körper […].

Was sich am eigenen Körper warm oder heiß anfühlt, wie das, wodurch man sich erhitzt, wodurch man verdaut, wodurch man sich erwärmt, wodurch Speise und Trank sich verwandeln, und was sich sonst noch am eigenen Körper warm oder heiß anfühlt, das nennt man Feuriges oder Feuerelement am eigenen Körper […].

Was sich am eigenen Körper flüchtig oder luftartig anfühlt, wie aufsteigende oder absteigende Winde, […] die Einatmung und die Ausatmung, und was sich sonst noch am eigenen Körper flüchtig oder luftartig anfühlt, das nennt man das Flüchtige oder Luftelement am eigenen Körper.“[i]

Die Elemente bilden die Qualitäten der Materie, aus denen der Körper besteht. 

2) Die Gruppe der Gefühle und Empfindungen (vedanâ-kkhandha, Skt: vedanâ-skandha) Hierher gehören die Gefühle, die von Lust über Gleichgültigkeit bis hin zu Unlust reichen (siehe S 36, 1).

3) Die Wahrnehmungsgruppe (saññâ-kkhandha, Skt: sanjnâ-skandha) besteht aus der Wahrnehmung von Formen, Tönen, Gerüchen, Geschmack, Berührungen und der Wahrnehmung von Gedanken und Vorstellungen (siehe S 22, 56).

4) Die Gruppe der Geistformationen (sankhâra-khandha, Skt: sanskâra-skandha) Zu dieser Gruppe gehören vordergründig der Wille (cetanâ), die Triebregungen, Sehnsüchte und Absichten, aber auch unbewußte Tätigkeiten (M 28).

5) Das Bewußtsein (von etwas) (viññâa-kkhandha, Skt: vijnâna-skandha) Das Bewußtsein (von etwas) besteht aus der Bewußtheit des Hörens, Sehens, Riechens, Schmeckens sowie aus der Bewußtheit körperlicher und geistiger Eindrücke der Gedanken und Vorstellungen (siehe S 22, 53).

Das gesamte Zusammenspiel dieser fünf Gruppen wird als nâma-rûpa bezeichnet. Wörtlich bedeutet das soviel wie „Name und Körper“. Der Gruppe der Körperlichkeit rûpa-kkhandha werden die übrigen vier als nâma gegenübergestellt. Unter nâma werden also die immateriellen Komponenten einer Person zusammengefaßt.

Für das Bewußtsein von bestimmten Eindrücken viññâa ist entscheidend, daß es durch die Wahrnehmungstätigkeit bedingt entsteht, diese wiederum ist bedingt durch die Tätigkeit entsprechender Sinne, welche wiederum vom Willen gesteuert werden.

Was einer denkt, ihr Bhikkhus, und was er beabsichtigt, und wobei er verharrt, damit entsteht eine Grundlage für den Bestand des Bewußtseins. Wenn eine Grundlage vorhanden ist, so tritt Fortdauer des Bewußtseins ein. Wenn das Bewußtsein fortdauert und zunimmt, so tritt für die Zukunft Wiedergeburt und Neuerstehung ein. Wenn für die Zukunft Wiedergeburt und Neuerstehung vorhanden ist, so entsteht für die Zukunft Geburt, Alter und Tod […]. Auf solche Art kommt der Ursprung der ganzen Masse des Leidens zustande. [ii]

Kurzum: Die Komponenten, aus denen sich eine Person zusammensetzt, stehen in einer konditionalen Beziehung zueinander und bedingen sich gegenseitig, davon ist auch das uns gegenwärtige (Selbst-)Bewußtsein nicht ausgeschlossen. Die Gesetzmäßigkeit der bedingten Entstehung gilt also gleichermaßen für alle Faktoren, die eine empirische Person bilden. Nach A III, 134 zeichnen sich all diese Faktoren dadurch aus, daß sie vergänglich (anicca) sind und dem Leiden (dukkha) unterliegen und daß in keinem Faktor oder in keiner der Gruppen, die eine empirische Person bilden, ein beständiges „Ich“ zu finden ist. Somit gilt, buddhistisch gesprochen, für alle Gruppen, daß sie mit dem Attribut „nicht-ich“ (anattâ bzw. anâtman) zu bezeichnen sind. Für die gesamte wahrnehmbare Person ist daher zu sagen: „Das ist nicht mein, ich bin das nicht, dies ist nicht mein Ich“ (M 28). Nichts von dem, was in irgendeiner Weise als Objekt für ein Subjekt wahrnehmbar ist, kann als beständig betrachtet werden. Daher existiert auch in dem, was wir gewöhnlich als Person auffassen, kein tatsächliches „Ich“ oder „Mein“, denn alles, was wir als „Ich“ oder „Mein“ bezeichnen könnten, ist erstens durch irgend etwas bedingt und zweitens veränderlich. So ist beispielsweise unser Bewußtsein während eines Traumes ein völlig anderes als zur Tagzeit.

Der „Nicht-Ich“-Gedanke mag vielleicht ein wenig ungewohnt klingen, aber wenn wir einmal, um ein Beispiel zu nennen, die Person eines kleinen Kindes und eines alten Mannes vergleichen, dann wird leicht erkennbar, daß der alte Mann durch die Jahrzehnte hindurch insgesamt zu einer völlig anderen Person geworden ist als derjenigen, die er als Kind einmal war. Alles, was ihn als Kind einmal bewegt, erfreut, geängstigt und sein Gemüt bewegt und gefesselt hat, ist mittlerweile in weite Ferne gerückt und unwiederbringlich Vergangen-heit. So aber wird einst alles, was unser Gemüt bindet, Vergangenheit sein. Andererseits ist sein Geist gereift, und sein Bewußtsein hat einen weiteren Horizont erhalten. Aufgrund zahlreicher Erfahrungen handelt er entschieden gelöster und bedachter, als es in seiner Kindheit der Fall war. Zur Veranschaulichung des „Nicht-Ich“-Gedankens vergleicht der Buddhismus das Leben mit der Flamme einer Kerze. Sie erscheint zwar als Einheit, doch in Wirklichkeit ist die Flamme ein Verbrennungsprozeß, der erlischt, wenn das Wachs verbraucht ist.

Das Dasein ist also aus buddhistischer Sicht zeitlich leidvoll, da der physische Verfall von allem Körperlichen ein Naturgesetz ist, welches alle Bindungen zerbricht; es ist räumlich leidvoll, weil physikalische Nähe und Ferne unserem inneren Empfinden von Nähe und Ferne zu dem, was wir wünschen oder ablehnen, nicht entsprechen. Es ist insgesamt leidvoll, weil es unbeständig ist. Aus dem Grunde ist Dukkha aus buddhistischer Perspektive der grundsätzliche Seinszustand alles Existierenden. Man muß sich dabei grundsätzlich vergegenwärtigen, daß Dukkha nicht ausschließlich Leiden im eigentlichen Sinne bedeutet. Ein relatives Wohlbehagen, ein Zustand lustvollen Daseins ist nicht Leiden im eigentlichen Sinne, aber dennoch Dukkha, weil er selbst bedingt ist, nur vorübergehend vorhanden ist und ohne seine zugrundeliegenden Bedingungen endet und verschwindet.

Gerade so, ihr Bhikkhus, wie wenn da eine Trinkschale wäre, (der Inhalt wäre) schön von Farbe, duftend und wohlschmeckend, aber mit Gift vermengt. Und es käme da ein Mann herbei, von Hitze gequält, von Hitze erschöpft, ermüdet, lechzend und durstig. Und man spräche zu ihm also: „Hier, lieber Mann, ist eine Trinkschale, (der Inhalt ist) schön von Farbe, duftend und wohlschmeckend, aber mit Gift vermengt. Wenn du wünschest, so trinke; wenn du trinkst, wird es dir munden durch seine schöne Farbe, seinen Duft und seinen Wohlgeschmack. Hast du aber getrunken, so wirst du infolge davon den Tod erleiden oder Schmerz, der zum Tode führt.“ Und es tränke der Mann von der Trinkschale ungestüm und ohne zu überlegen und wiese sie nicht zurück, und er erlitte infolge davon den Tod oder Schmerz, der zum Tode führt. [iii]

Die Ursachen des Leidens

In einer Welt, in der alles, was entsteht, bedingt ist, ist auch das Leiden bedingt. Worin also liegen die Ursachen des Leidens, das verschiedene Grade an Intensität kennt? In modernen Worten ausgedrückt, ist es das Streben nach Lust und Befriedigung, das zum Leiden führt, um nicht zu sagen, der Egoismus. Der Durst (tahâ) nach Leben, der je nach Umständen eine mehr oder weniger große Befriedigung findet, gilt als hauptsächliche Triebfeder des Leidens. Es ist der Durst nach Lust, Werden und Vernichtung, der, so heißt es beispielsweise in Mvg I, 6, 20, die (Wieder-)Geburt bewirkt. Der Durst aber ist selbst durch zahlreiche andere Faktoren bedingt. Der Zusammenhang dieser Faktoren wird in der buddhistischen Lehre als eine aus zwölf Gliedern bestehende Kette der „bedingten Entstehung“ dargestellt. Man kann darüber streiten, ob dieses Modell direkt auf den Buddha selber zurückzuführen ist, oder ob es von seinen Anhängern als ein Ergebnis seiner Lehre formuliert wurde.

1) Die Unwissenheit (avijjâ) hinsichtlich der drei Eigenschaften des Daseins, vergänglich (anicca), leidvoll (dukkha) und substanzlos (anattâ), erzeugt diese oder jene Handlungsabsichten und Hand­lungen, die Karmaformationen.

2) Die Karmaformationen (sankhâra) ihrerseits bewirken eine neue Geburt entsprechend ihrer jeweiligen Beschaffenheit. Abhängig von diesen Formationen ist das individuelle Bewußtsein.

3) Das Bewußtsein (viññâna), das man hier am besten als Wiedergeburts- oder Selbstbewußtsein versteht, bedingt wiederum „Name“ (im Sinne des geistigen bzw. seelischen Gefüges) und Körperlichkeit.

4) Name und Körperlichkeit (nâma-rûpa) legen wieder in einem neuen Dasein die Grundlage für die Wahrnehmungen durch die fünf körperlichen Sinne und das Denken.

5) Die sechs Grundlagen (sa-âyatana), die Sinne des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens, Tastens und Denkens gehen einher mit den Bewußtseinseindrücken, den „Berührungen“.

6) Die  Bewußtseinseindrücke (phassa) lassen Empfindungen entstehen.

7) Die Empfindungen (vedanâ) von Lust, Gleichgültigkeit und Unlust bewirken, daß Lustvolles erwünscht und Unlust Erzeugendes abgelehnt wird. Die Empfindungen verursachen daher den Durst bzw. das Begehren oder die Gier.

Bei den Sinnenfreuden besteht das Verlockende darin, daß sichtbare Gestalten für das Auge, Töne für das Ohr, Düfte für die Nase, Säfte für die Zunge, tastbare Dinge für den Leib erwünscht, angenehm, lieblich, lusterregend und erfreulich erscheinen. Dies sind die fünf Sinnenfreuden, und das Wohlbehagen und Vergnügen, das aus diesen fünf Sinnenfreuden erwächst, ist das Verlockende dabei.[iv]

8)  Der Durst (tahâ) ist der Hauptfaktor, welcher der Erlösung entgegenwirkt. Der Buddhismus spricht an dieser Stelle vom „dreifachen Begehren“:

sinnliches Begehren (kâma-tahâ),

Daseins-Begehren oder Begehren des Werdens (bhava-tahâ),

Begehren des Nicht-Werdens (vibhava-tahâ), der Wille, Ungewolltes aufzulösen, zu zerstören oder zu vernichten.

Der Durst nach Lust, Dasein und Zerstörung wiederum führt zu Neigungen, was bedeutet, daß ein Anhaften an etwas stattfindet.

09) Das Anhaften (upâdâna) seinerseits hält den Werdeprozeß der karmisch bedeutsamen Handlungen und Handlungsabsichten aufrecht.

10) Das Werden (bhava), womit hier der Karmaprozeß gemeint ist, nötigt zu (Wieder-)Geburten.

11) Die Geburt (jâti) führt aber selbst wieder unweigerlich zu Alter und Tod.

12) Alter und Tod (jarâ-maraa) sind dabei nur Teilaspekte des Kreislaufs der Geburtenkette, die mit Jammer, Trübsal, Kummer usw. behaftet ist. „So kommt diese ganze Masse der Übel zustande“, heißt es etwa in M 38.

Ein umfassendes Werk theoretischer Philosophie ist dieses überaus stark vereinfachte Modell freilich nicht, und das will es auch nicht sein. Entscheidend ist einzig seine Zweckmäßigkeit. Es veranschaulicht, daß das Dasein des einzelnen bedingt ist und daß der Wille zur Lust und zum Dasein in Verbindung mit der „Unwissenheit“ den Werdeprozeß stets aufrechterhält. In dieser Kette der „bedingten Entstehung“ (paicca-samuppâda) steht die Unwissenheit sogar an erster Stelle, während der Durst erst an neunter Stelle folgt. Dabei ist die Unwissenheit natürlich selbst auch bedingt . . .

Nicht läßt sich […] ein erster Anfang der Unwissenheit derart erkennen, als ob Unwissenheit vordem nicht dagewesen und erst später entstanden wäre. Wohl aber läßt sich erkennen, daß die Unwissenheit eine bestimmte Bedingung hat. […] Nicht läßt sich […] ein erster Anfang des Daseinsdurstes erkennen […]. [v]

Die einzelnen Glieder dieser Kette sind, da sie sich alle gegenseitig bedingen, quasi austauschbar. Unwissenheit ist hier nicht zu verstehen als ein Nichtwissen im herkömmlichen Sinn, sondern als ein Mangel an Bewußtsein darüber, daß alle Lust und Unlust bereitenden Faktoren des Daseins nur vorübergehender Natur sind und somit auch die angenehmen Gefühle, die mit diesen Faktoren verbunden sind. Die Unwissenheit steht hier also für die Identifikation mit temporären Äußerlichkeiten und die Auffassung, es mit einer beständigen Realität zu tun zu haben, die auf ein „Ich“ einwirkt. Unwissenheit ist sozusagen das Verhaftetsein im Hier und Jetzt. Da der Wille oder das Begehren häufig durch Wille und Begehren anderer durchkreuzt werden,

streiten Könige mit Königen, Adlige mit Adligen, Brahmanen mit Brahmanen, Bürger mit Bürgern, die Mutter mit ihrem Sohn, […] der Sohn mit seinem Vater, der Bruder mit seinem Bruder […], der Freund mit seinem Freunde. Auch dies ist eine Anhäufung von Übeln im gegenwärtigen Leben, die durch das Verlangen nach Sinnenfreuden verursacht wird. [vi]

Die Wurzel des Übels läßt sich schlicht in zwei Worten ausdrücken: „Ich will.“ Das klingt sehr abstrakt, aber das buddhistische Denken ist gerade in der Begründung des Leidens überaus lebensnah. „Wir sind Wesen, die Wohlsein begehren und Wehe verabscheuen“, hat Georg Grimm einmal formuliert ¾ und was antwortet Mâra, der Geist der Welt, in der wir leben?

Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
Mein eigentliches Element. (Goethe, Faust)

Letztlich kann jeder die Mechanismen von Lust und Unlust in sich selbst als mehr oder weniger intensiv wirkende Kräfte feststellen, aber Lust, Seligkeit usw. einerseits und Endlichkeit andererseits sind unvereinbar. Nur zu häufig läßt sich beobachten, wie Menschen einen unheilvollen Werdeprozeß in Gang setzen, indem sie sich hier oder da Macht, einen Erfolg, Glück usw. versprechen, und zwar nicht selten zu Lasten anderer, die unter diesen oder jenen Handlungsweisen zu leiden haben. Die buddhistische Konditionalkette läßt den Verlauf der Ereignisse entsprechend den Gegebenheiten unseres Daseins mit dem Verweis auf Alter und Tod enden.

Für das indische Denken, welches den Prozeß des Anhaftens und der Verstrickung über Weltenzeitalter hinweg in Form von zahllosen Wiedergeburten im Daseinskreislauf (sasâra) bestehen läßt, ist diese Vorstellung des stetigen Werdens und Vergehens, die Vorstellung der niemals zu befriedigenden Wünsche und Sehnsüchte nicht nur ein beängstigender Gedanke, es ist vielmehr ein Gedanke, der denjenigen, der sich der Vergänglichkeit des Seienden bewußt wird, zum Streben nach einer endgültigen Erlösung führt.

 

[i] M 28, Schmidt 1961, S. 98ff. Dies sind die überlieferten Worte Sâriputtas.

 

 

 

 

 

[ii] S 12, 38, 2, Geiger 1925, S. 93.

 

 

 

 

 

[iii] S 12, 66, 23, ebd., S. 152f.

 

 

 

 

 

[iv] M 13, Schmidt 1961, S. 53.

 

 

 

 

 

[v] A X, 61-62, Nyânatiloka 1969, Bd. V, S. 54f.

 

 

 

 

 

[vi] M 13, Schmidt 1961, S. 53.

 

 

 

 

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




® الديمقراطية والا الاسلام


Die unverstandene Dichotomie:

Nach Auflösung des West-Ost-Gegensatzes trat ein Konflikt ins Licht, der jahrzehntelang fast völlig überdeckt von anderen Problemen dahingeschlummert hatte. Eine kulturelle Auseinandersetzung (Huntington: „clash of civilisations“), die das 21. Jahrhundert in erheblichem Ausmaß beschäftigen wird, die Dichotomie zwischen demokratischer und islamischer Weltauffassung. Das lässt sich auch ohne größere prophetische Gaben leicht vorhersehen. Nein, besser: wir sehen uns bereits in vollem Umfang mit diesem Konflikt beschäftigt. Das aus dieser Erkenntnis einsetzende Sendungsbewusstsein vor allem amerikanischer Politiker ist bekannt – der Ausgang der begonnenen Experimente in Irak und Afghanistan aber noch durchaus ungewiss. Manche gehen bereits davon aus, dass sie gescheitert sind, manche hoffen immer noch, dass sich westliche Demokratie in islamischen Ländern notfalls auch mit Waffengewalt einführen ließe.  

Bei dieser Auseinandersetzung ist den meisten offensichtlich nicht klar, wo denn nun genau die eigentlichen Konfliktlinien verlaufen. Es lohnt sich also, einen näheren Blick auf die Besonderheiten dieser Dichotomie zu werfen.

„Religion“ heißt auf Arabisch دين  (spricht sich etwa wie [di:n]). Islam (الاسلام ), Christentum, Judentum sind also دين. Außer als Lehnwörter (siehe oben  الديمقراطية, sprich: dimokratiyya) kennt das Arabische (ebenso wie die europäischen Sprachen außer dem Griechischen) keine eigenen Begriffe für Demokratie, Diktatur oder ähnlichem. Fragt man näher nach, wie man denn zum Beispiel ein Gesellschaftssystem wie „Demokratie“ am besten auf Arabisch wiedergibt, bekommt man eine überraschende Antwort: Auch „Demokratie“ ist  دين. Wenn sich die erste Verblüffung gelegt hat, wird einem schnell klar, woran das liegt.

Demokratie ist ein Gesellschafts- und Politikmodell, das als Voraussetzung eines aufgeklärten, laizistischen Staates bedarf, in dem Gewaltenteilung, Menschenrechte, Meinungs- und Bekenntnisfreiheit sowie Minderheitenschutz wenigstens näherungsweise verwirklicht sind. Sie sagt nichts darüber aus, an was ihre Bürger – falls überhaupt – zu glauben haben – sieht man einmal von dem höchst umstrittenen Gottesbezug in der Präambel zum deutschen Grundgesetz ab.

Islam ist klassisch gesehen eine Religion und gleichzeitig ein Gesellschafts- und Politikmodell. Wie genau dies aussieht, wie es sich in der Geschichte entwickelt hat und wie es heute angewandt wird, dazu unten mehr.

Zunächst aber: Wie kann ein Dialog aussehen? Wer kann die Diskussion führen? Politiker? Religionsvertreter? Wie können Demokratie, Religionsvielfalt  und Islam in Einklang gebracht werden?

Wenn Kirchenvertreter – wie zuletzt der „deutsche“ Papst bei seiner Nahost-Visite – zum interreligiösen Dialog der drei monotheistischen Weltreligionen aufrufen, sind sie sich wohl nicht darüber im Klaren, dass damit nur ein kleiner Teilaspekt des Problems abgedeckt wird. Von rein religiöser Warte aus betrachtet stellt sich die Angelegenheit relativ simpel dar: man hat einen angeblich gemeinsamen Gott, der sich in verschiedener Weise offenbart haben soll, die Riten- und Regelbefolgungen sind unterschiedlich. Aber immerhin rekurriert man weitgehend und vordergründig auf dasselbe Personal: Abraham (Ibrahim), Moses (Moëz), Jesus (Isa Ben Maryam) und viele der alttestamentarischen Propheten. Eine optimistische Vorstellung: man konzentriert sich auf das Verbindende, lässt unterschiedliche Riten zu – und schon hat man weit mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung hinter sich: eine allumfassende Ökumene.

Gehen wir einmal davon aus, dieser interreligiöse Dialog könne zu irgendeinem Erfolg  führen. Was wäre damit gewonnen? Was würde das für einen Vorteil für die Gesellschaft bringen? Im Idealfall ein wenig mehr Toleranz und Respekt für den jeweils Andersgläubigen – das wäre schon ein Gewinn. Doch was geschieht mit denen, die sich keiner der drei Religionen anzuschließen vermögen – in Deutschland immerhin ein gutes Drittel der Bevölkerung? Peter Scholl-Latour, der so genannte Nahostexperte, versteigt sich sogar zu der nach unserer Sichtweise, aber z.B. bei PI vertretenen, völlig unsinnigen Forderung, der Westen müsse wohl nach amerikanischem Zuschnitt eben wieder etwas christlicher werden, damit er von den Moslems als Gesprächspartner ernst genommen werden könne. „Atheisten sind in den Augen der Moslems nichts, sie sind weniger als Schweine“ (Scholl-Latour). Dann wäre man in der Tat einem positiven Ergebnis des Dialogs der Religionen ein Stück näher – doch um welchen Preis? Der große Vorteil unserer pluralistischen Gesellschaft liegt doch unter anderem auch darin, dass auch solche, die neben der physikalischen und biologischen Welt keine metaphysischen oder transzendentalen Elemente anerkennen können, ihre Lebensberechtigung haben und ihre Meinung frei vertreten können ohne als Ketzer oder Häretiker angeprangert oder gar physisch vernichtet zu werden.

Religiöse Gesellschaften in der Praxis

Die „einzige echte Demokratie“ des Nahen Ostens, das „jüdische“ Israel, ist stolz auf seine gesellschaftspolitischen Errungenschaften, die sie von der arabischen Umwelt absetzen. Das demokratische Verständnis der Gründergeneration (von extremen Zionisten einmal abgesehen) steht dabei wohl außer Frage, doch heute? Welche Rechte haben Moslems, Christen und religionsfreie Humanisten im „Gelobten Land“? Schaut man genau hin, so erkennt man, dass modernere politische Regungen wie z.B. Israel Beitenu des Außenministers Liebermann statt von demokratisch gebotener Vielfalt eher von einer jüdischen Ethnokratie basierend auf Thora und Halacha träumen. Noch haben sie nicht die Mehrheit und es gibt weiterhin moslemische Abgeordnete in der Knesseth und arabische Bürgermeister – doch wie lange noch? Bevor unsere jüdischen Freunde im Blog protestieren: ich sehe die Gefahr nicht reell, sondern allenfalls als latente Bedrohung für die Demokratiefähigkeit Israels.

Das ur-katholische Verständnis von Staat und Religion lässt sich deutlich am Vatikan ablesen: Demokratie? Fehlanzeige! Der gesetzgeberische Souverän ist Gott mit seiner Offenbarung, sein Stellvertreter ist weltliches und geistliches Oberhaupt dieses international weitgehend anerkannten „Staates“, einer Theokratie von Mussolinis Gnaden mitten im aufgeklärten Europa. Es bleibt abzuwarten, was der Chef dieser Theokratie den Demokraten des Bundestages bei seinem Besuch im September des Wir-sind-Papst-Jahres zu berichten haben wird.

Was macht aber das Besondere am Islam aus? Der Grund ist historischer Natur. Von Beginn an in Medina und später in Mekka gab es im Islam keinen Widerspruch zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Offenbartes Recht (qur’an und sunna = schari’a) war Basis des Zusammenlebens. Anders als Moslems waren Christen nicht von vornherein im Besitz weltlicher Macht. Sie waren gezwungen, ihre eigene Organisation abseits weltlicher Staatsstrukturen zu formieren. So entwickelte die katholische Kirche beispielsweise sogar ihr eigenes Rechtssystem (canones), das unabhängig von staatlichen Institutionen funktionierte, und das sie nur allzu häufig missliebiger weltlicher Macht aufzudrücken versuchte. Ansonsten arrangierten sich aber die Kirchen – so vor allem auch später Luther – mit den weltlichen Machtverhältnissen, die sie gerade vorfanden, egal ob demokratisch, monarchisch oder totalitär.

Solche Arrangements hatte der Islam bisher nie nötig. Deshalb hat er auch keine vom Staat unabhängige Organisationsstruktur. Man könnte überspitzt sagen: Islam organisiert sich als Staat oder ihm fehlen jedwede Merkmale einer eigenständigen, religionsgebundenen Struktur. Man sieht hier bereits einen wesentlichen Grund, warum die moslemischen Organisationen wie der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) oder Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) sich so schwer tun.

Der ideale Staat hat nach moslemischer Auffassung nur einen Souverän: Allah. Sein Wille offenbart sich direkt im Koran, indirekt in der Sunna (Hadithe), also den aufgezeichneten Äußerungen Mohameds zu Lebzeiten. Zusammengefasst ergibt das die Scharia, über die im Westen teilweise völlig falsche Vorstellungen herrschen aufgrund von medialen Horrorberichten. Alle Nachfolger des Propheten gelten als Stellvertreter Gottes (khalifa), die das Gesetz umzusetzen haben und allenfalls Ausführungsbestimmungen (qanun = canones) erlassen, um alles, was in der Scharia nicht geregelt ist, mit Leben zu füllen. Dem Kalifen, der im Idealfall ein gütiger Richter und Philosoph, aber auch ein guter Kämpfer sein soll, steht ein Beratergremium zur Seite (die Schura). Das gemeine Volk (die Umma) hat ohne zu hinterfragen den Weisungen des Kalifen zu folgen. Unklar bleibt, wie das Beratergremium zusammengesetzt sein soll und von wem es gewählt wird, oder was zu tun ist, falls der Kalif den definierten Anforderungen nicht entspricht. Die Parallelen zum Vatikanstaat (bis auf die Kämpferqualitäten) sind verblüffend.

Bis zum vierten Kalifat in der Nachfolge Mohameds hat das auch alles ganz gut funktioniert. Danach wurde die Situation immer verworrener und zerrissener, bis sich schließlich die Philosophen daranmachten, die offensichtlichen Mängel des Systems zu analysieren und damit eventuell zu beseitigen. Zu nennen ist hier vor allem Ibn Rushd (Averroës), der aus einer einflussreichen Richterfamilie stammte, selbst Recht, Philosophie und Medizin studierte, und als qadi (Richter) eine einflussreiche Stellung in der nordafrikanisch-andalusischen Almohaden-Dynastie einnahm. Unter seinen wohl insgesamt 84 Werken sind 55 noch bekannt, vor allem sein Kommentar zu Platons politeia ist im westlichen Kulturkreis von großem Einfluss  gewesen.

Wie Platon unterscheidet er zwischen der Elite und der Masse eines Volkes. Als unzulänglich bei Platon empfindet er, dass nur die Gebildeten letztlich Glückseligkeit erlangen können, nicht aber die Masse des Volkes. Im islamischen Idealstaat sei dies aufgrund der religiösen Basis auch für die einfachen Leute möglich, nicht nur im Diesseits, sondern vor allem auch im Jenseits. Zudem ist Platons Staat auf reine Vernunft gegründet, es mangelt ihm sozusagen die geistliche Überhöhung, Allahs Offenbarung, die weit über aller Vernunft anzusiedeln ist. Gleichwohl misst er der Vernunft (außer bei der Staatsräson) einen so hohen Stellenwert zu (duplex veritas?), dass er letztlich von orthodoxen Geistlichen geächtet und verbannt wurde, seine Werke wurden verbrannt. Bei den möglichen Staatsformen geht er mit Platon allerdings weitestgehend konform – vor allem in seiner Ablehnung der Demokratie, die als irrende Vorform der Tyrannei zu betrachten sei. (Zur weitergehenden Information sei empfohlen: Michael Jainzik, „Zwischen nomos und schari’a“, Concilium medii aevi 5 (2002), 143ff)

Islam in der Demokratie?

Seit der Abschaffung des letzten Kalifats 1924 nach Untergang des Osmanischen Reiches gibt es heute keinen modernen islamischen Staat mehr, der nach dem geschilderten Grundprinzip aufgebaut wäre. Fast alle geben sich einen demokratischen Anstrich, der allerdings Mühe hat, die polizeistaatlichen, diktatorischen und nepotistischen Strukturen zu übertünchen. Neben dem Problem, dass den Menschen grundlegende bürgerliche Rechte vorenthalten werden, ergibt sich ein unangenehmes psychologisches Element: Man ist ja nun einmal Demokratie, was der Bevölkerung auch immer wieder eingehämmert wird, also werden im Empfinden der Bevölkerung auch alle Mängel, die sich überall zeigen, der Demokratie angelastet. Da kann sich demokratisches Bewusstsein in unserem Sinne nicht oder nur sehr schwer entwickeln. Wie ernst dieser demokratische Scheinmantel genommen wird musste ich am eigenen Leib erfahren, als ich wegen meiner Äußerung, man lebe doch wohl in einer „Demokratur“, von „guten“ Freunden denunziert wurde – zum Glück ohne Folgen.

Einen Sonderfall stellt zweifellos die Türkei dar. Als einziges moslemisches Land der Welt hat sie den Laizismus zur Grundlage des Staatsverständnisses gemacht neben Nationalismus, Etatismus und Republikanismus – mithin finden wir hier eine eindeutige Trennung zwischen Religion und Staat, auch wenn man von außen gesehen nicht den Eindruck hat, dass die handelnden Akteure (wie beispielsweise die Adalet ve Kalkınma Partisi, kurz AKP, zu deutsch: Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) dies immer und vollständig verinnerlicht haben. Auch dürfte sich in ländlichen Gebieten, in denen noch immer archaische Strukturen tribalen Ursprungs die Oberhand haben, bis heute kaum festgesetzt haben, dass man in einer Demokratie lebt. (Vertiefend: Patricia Foertsch, „Islam und Demokratie“, Almanya Infodienst N° 3 der Konrad Adenauer Stiftung).

Extremistische Strömungen im Islam (und ich meine nicht einmal nur die militanten) vertreten die Ansicht, der Kampf gegen den Okzident müsse so lange weitergehen, bis die ganze Welt nach der Scharia lebt. Dann erst ist Allahs Wille erfüllt. Wie sähe solch ein Leben aus? Als Beispiel wird immer wieder die moslemische Herrschaft über Andalusien angeführt, die angeblich von so viel Toleranz gegenüber Andersgläubigen getragen war. Immerhin: es hat praktisch keine Zwangsbekehrungen gegeben. Individuelle Mission war anders als im Christentum nicht vordringlicher Zweck der Islamisierung. Jedoch mussten die „Schriftgläubigen“ (Juden und Christen) erheblich erhöhte Steuern entrichten und waren von weiten Teilen des öffentlichen und politischen Lebens ausgeschlossen. Auch Zwangsdeportationen von Juden nach Marokko sind geschichtlich belegt (weil sie ihre Tracht nicht ablegen wollten). Für Christen und Juden sicherlich keine angenehme Vorstellung, unter der Scharia leben zu müssen – und was wäre zudem mit all denen, die die Präponderanz der Metaphysik gegenüber dem Realen nicht anerkennen können? Hierfür gibt es keine geschichtlichen Beispiele, doch wenn man bedenkt, was die Scharia zum Apostatentum sagt, schwant dem Leser sicherlich nichts Gutes! Glaubensabtrünnige und damit wohl auch Atheisten sind mit dem Tode zu bestrafen.

Dieses islamische religiös-politische Sendungsbewusstsein steht damit auf einer Stufe mit dem westlich-demokratischen Sendungsbewusstsein. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass Demokratie mit all seinen bürgerlich-weltlichen Freiheiten für „echte“ Moslems ein ebenso rotes Tuch darstellt wie für uns die Vorstellung, unter der Scharia leben zu müssen.

La révolution des Jasmins

Und nun erleben wir, direkt vor unserer Haustür, dass sich ein islamisches Land, Tunesien, mit großer Entschlossenheit von innen heraus daranmacht, eine Demokratie zu entwickeln mit allen dazugehörigen Strukturen wie Rede- und Bekenntnisfreiheit, unabhängiger Presse, unabhängiger Justiz und politischen Parteien. Natürlich stellt sich angesichts der bisherigen Erfahrungen die Frage, ob ein solches Experiment überhaupt Chancen der Realisierung hat.

Man sollte wissen, von wem die Revolution, der man inzwischen den Namen „Jasmin-Revolution“ gegeben hat, in ihrer politischen Dimension wirklich initiiert wurde. Dazu hat ein angesehener Bankier im tunesischen Fernsehen (unter Tränen) eine bemerkenswerte Aussage gemacht. Wann immer er nach Hause kam fand er seinen Sohn vor dem Computer mit Facebook, Twitter und Ähnlichem beschäftigt. Er hielt all dies für Spielkram, dem er allenfalls lächelnde Nicht-Beachtung schenkte, gelegentlich verbunden mit der Ermahnung, sich doch lieber mit etwas Sinnvollerem zu beschäftigten. Als er am Freitag (14. Januar 2011) nach Hause kam, war sein Sohn nicht da. Als er den Fernseher einschaltete sah er die Menge der jungen Demonstranten, die zusammen mit den streikenden Richtern und Rechtsanwälten viereinhalb Stunden lang das Innenministerium belagerten. In der Menge entdeckte er durch Zufall seinen Sohn in den vordersten Reihen. Stolz und Trauer überkamen ihn gleichzeitig. Stolz, weil er erkannte, was sein Sohn all diese Zeit vor dem Computer wirklich gemacht hatte, und für das er nun mit dem Mut der Jugend vor aller Augen eintrat. Trauer, weil er schlagartig sah, was seine Generation, karrierebewusst und mit dem System arrangiert, versäumt hatte, was längst hätte geschehen müssen.

Die Jugend lehrt die Eltern, was Demokratie heißt.

Da ich einige dieser jungen Leute aus der Blogger-Szene kenne, weiß ich ungefähr, wie sie „ticken“. Nicht ein einziger von ihnen ist Moslem in dem Sinn, der auf islamkritischen Blogs häufig pauschal als „der Moslem“ dargestellt wird. Kurz: sie haben mit Religion nichts am Hut! Mein zwanzigjähriger Neffe, Student der BWL, ist ein typisches Beispiel dafür. Er lebt wie seine Altersgenossen im Westen ein freies und ungebundenes Leben, besucht nie eine Moschee, aber er würde von sich immer behaupten, Moslem zu sein. Ich bezeichne diese hier weit verbreitete Art von Moslems als „Kulturmoslems“ und vergleiche sie mit den vielen Deutschen, die nie eine Kirche von innen sehen, aber trotzdem an Weihnachten einen „Christbaum“ aufstellen, und damit ihr Eingebettetsein in die hiesige Kultur demonstrieren.

Islamische Scharfmacher haben bei diesen jungen Leuten (und ihren Eltern!) nicht die geringste Chance. Die im Titel gestellte Frage „Demokratie oder Islam“ ist hier nicht virulent, sie muss umformuliert werden in Demokratie und ein in den privaten Bereich verschobener Islam. Ich vertraue darauf, dass sich diese Idee hier durchsetzt, sonst hätte ein weiteres Verbleiben in diesem Land für meine Frau und mich keinen Sinn.

(Das Original des Fotos im Banner stammt von Götz Burggraf und Sie können es hier bestaunen.)

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Antisemitismus in der Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“ – Eine Untersuchung von Anneliese Pongratz


Civilta

Seit 165 Jahren erscheint alle zwei Wochen – weltweit verbreitet und in viele Sprachen übersetzt – die 1850 von Jesuiten in Neapel gegründete Zeitschrift „La Civiltà Cattolica“ (CC), deren Hauptaufgabe darin besteht, die Ansichten der katholischen Kirche zu zeitgenössischen Themen zu verbreiten. Das Autorenkollegium steht dabei in enger Verbindung zum Papst, bzw. dem Apostolischen Stuhl, bis Mitte des 20. Jahrhunderts musste der Inhalt der Zeitschrift vom jeweiligen Direktor dem Papst und dem Kardinalstaatssekretär persönlich vorgelegt werden.

Seit ihrer Gründung beschäftigte sich die CC immer wieder auch mit dem Thema Judentum, in der Zeitschrift meist als „Judenfrage“ bezeichnet, wobei sich der Ton antijüdischer Kampagnen und Artikel ab 1880 bis zum 2. Weltkrieg laufend verschärfte; erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 kam es diesbezüglich zu einem Kurswechsel (11, S.13).

Welchen Stellenwert die Zeitschrift für die Katholische Kirche auch heute noch besitzt, zeigt eine Ansprache, die Papst Franziskus, selbst Jesuit, am 14. Juni 2013 im Saal der Päpste hielt:

„Die Jesuiten von »La Civiltà Cattolica« gehen seit 1850 einer Arbeit nach, die in besonderer Verbindung zum Papst und zum Apostolischen Stuhl steht(1).

In Bezug auf den Inhalt meinte Papst Franziskus:

„Anfangs waren die Haltung und der Stil von »La Civiltà Cattolica« kämpferisch und oft auch erbittert polemisch, wie es der allgemeinen Atmosphäre der Zeit entsprach. Wenn man an die 163 Jahre des Bestehens der Zeitschrift zurückdenkt, zeigt sich eine reiche Vielfalt an Positionen, die sowohl der Veränderung der geschichtlichen Umstände als auch der Persönlichkeit der einzelnen Autoren geschuldet sind“ (1).

Positionen der Civiltà Cattolica im Umgang mit jüdischen Mitbürgern von 1880 bis 1938

Im Dezember 1880 startet die Zeitschrift eine Kampagne mit 36 scharf formulierten Artikeln von Pater Giuseppe Oreglia di Santo Stefano, „ Sondergesetze für eine Rasse einzuführen, die in so außergewöhnlicher Weise durch und durch verdorben ist“. Die von der französischen Revolution geforderte Gleichberechtigung aller Bürger sieht man im Hinblick auf Juden als Bedrohung der sozialen Ordnung; man unterstellt ihnen eine Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft und, wie Papst Leo XIII. befürchtet, die Absicht zur Zerstörung der katholischen Kirche. Auch konvertierte Juden erregen Misstrauen, denn als geborene Juden würden sie ja doch immer noch Juden bleiben: „Sie sind Juden auch und besonders aufgrund ihrer Rasse“. Die aufgehobene Trennung von Christen und Juden durch jüdische Ghettos werden von der Kirche als Gefahr bewertet (11, S. 181 ff); Juden mussten im Herrschaftsgebiet des Papstes bis ins 19.Jhdt. ein gelbes Abzeichen tragen und in den wenigen Städten leben, wo es Ghettos gab (11, S 15).

Im Jahr 1881 greift Pater Oreglia auch das Thema der sogenannten „Ritualmorde“ wieder auf; in den darauffolgenden Jahren werden oftmals Darstellungen mit detailreichen Schilderungen schrecklicher angeblicher Taten publiziert, wobei immer wieder auch ausgeführt wird, dass der Talmud vorschreibe, „Christen das Blut auszusaugen“ (11, S. 214 ff).

1890 erscheint eine Artikelserie unter dem Titel Die Judenfrage in Europa, in der man von einer „Gefährdung der christlichen Kultur und Moral“ durch die „jüdische Rasse“ berichtet (und dabei Überlegungen diskutiert, die wie Handlungsanweisungen für die spätere NS-Zeit klingen):

„Das 19. Jahrhundert wird in Europa zu Ende gehen und es in den Zwängen eines sehr traurigen Problems zurücklassen, aus dem sich im 20. Jahrhundert möglicherweise derart erbärmliche Konsequenzen ergeben werden, die Europa dazu veranlassen werden, diesem durch eine endgültige Lösung ein Ende zu setzen. Wir spielen auf die unglückliche semitische Frage an, die man richtiger die jüdische nennt…“ (2) (CC, Die Ursachen, I., 1890, eigene Übersetzung).

„Noch einmal müssen wir das Beispiel Österreich-Ungarn aufzeigen, vom Judentum zerfressen, schlechter als ein Weinberg, der einer Reblaus zum Opfer gefallen ist.“ (2) (CC, Die Wirkungen, III., 1890, eigene Übersetzung).

„Nun berichten wir von Vorschlägen von Autoren, die noch nicht von den Ideen des Sozialismus verdorben und blind gegenüber den Reichtümern der Hebräer sind, die sich mit Eifer für die Religion und das Vaterland einsetzen.

Es gibt in Deutschland, in Österreich-Ungarn und Frankreich eine Denkschule, die Hilfsmittel zur Befreiung von der jüdischen Pest vorschlägt. Das radikalste Instrument aber entspricht nicht dem Geist des Christentums und ist gegenwärtig nicht durchführbar. Sie legen viele Beweise vor, dass die Hebräer eine Plage für die christliche Gesellschaft sind, dass sie eine Geißel für die Kirche Christi sind. Daraus leiten sie das Recht ab, diesen Feinden offen den Krieg zu erklären. Da man sich nicht einig ist, ob man das Blutvergießen riskieren soll, werden zwei Ziele angestrebt: Die Juden sollen alles, was sie geraubt haben, den Christen zurückgeben; und sie sollen von unserem Boden verwiesen werden.“ (CC, Die Abhilfen, III., 1890), (5, S. 244).

„In der Geschichte gibt es viele Beispiele, wo die Juden aus Königreichen und Staaten vertrieben worden sind; das geschah auf gesetzliche Weise, weil die Vertreibung von der staatlichen Autorität angeordnet wurde. Nun ist die Frage, ob das in zivilisierten Ländern möglich ist und wohin man acht Millionen Juden ansiedeln soll, die sich überall einnisten.“ (CC, Die Abhilfen, IV, 1890), (5, S 246 f).

„Denn es könnte ein Sturm ausbrechen, den sie mit ihrer Überheblichkeit provozieren, dass sie in einen Abgrund stürzen, den die Geschichte bisher noch nicht gesehen hat.“ (CC, Die Abhilfen, V, 1890), (5, S. 249 f).

„Nun so möge der neue Attila losgelassen werden über ihre Republiken und Monarchien, ihre Institutionen und Börsen, ihre Theater, Werkstätten und Vergnügungsorte, er möge sie und die Juden in die Vernichtung treiben. Denn beide haben Christus verleugnet, so sollen sich beide wie Barabbas freuen.“ (CC, Die Abhilfen, VII, 1890), (5, S. 253).

Der Rundumschlag trifft auch Freimaurer und das Bürgertum als Mitträger der französischen Revolution, denn „erst durch Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit habe sich ein Abgrund aufgetan“ (5, S. 249), der zur Zerstörung des Glaubens und der Kultur mit dem Ziel der Errichtung eines gottlosen Staates aufrufe. Die Hauptschuld an der französischen Revolution trage allerdings „die jüdische Pest“, „Plage“ (5, S. 244), „Geißel“ (5, S.246), „der Käfig mit wilden Tieren, der sich aufgetan hat“ (5, S. 246), kurzum das Volk, das mit dem „Fluch des Gottesmordes“ (5, S. 247) behaftet ist und sich daher auch nicht assimilieren soll.

Das „Gift der Freiheit“ (5, S. 252), „die allgemeinen Menschenrechte“ (5, S. 243), „das Spielchen mit der Gleichheit“ (5, S. 248), haben „diesen gefräßigen Polypen“ (5, S. 251) in eine selbst verschuldete Situation gebracht, die die Retter des Christentums zur Notwehr zwinge. Enteignung, Vertreibung und Blutvergießen – wenn „riskiert“ (5, S. 244) – werden diskutiert, gemäßigte Lösungen dabei als „schwer verwirklichbar“ (5, S. 247) eingeschätzt und „das radikalste Instrument gegenwärtig“(!) als „nicht durchführbar“ (5, S. 244) eingestuft. Dabei bringt der Autor alle diskutierten „Lösungen der Judenfrage“ mit christlicher Nächstenliebe und Gerechtigkeit in Verbindung und begründet den „göttlichen Willen“ mit zwei Bibelzitaten („…Beseitigt das treulose Volk…“, „…sein Blut komme über uns…“ 5, S. 247).

Um die eigene antisemitische Position zu untermauern, werden auch antisemitische Beobachtungen und Vorschläge aus anderen Ländern breit diskutiert, an manchen Stellen mit der abschwächenden Bemerkung, dass manches wohl nicht ganz dem christlichen Geist entspräche. (Anmerkung: Der Autor des obigen zitierten Artikels ist sich bewusst, dass der Klerus nicht zum Mord aufrufen kann, daher baut er Konstrukte wie Gottes Wille, Schuld des Opfers, Notwehr der Mörder in seine Texte ein.)

Der Philosoph und Religionswissenschaftler Anton Grabner-Haider schreibt in seinem Buch „Hitlers mythische Religion“, aus dem einige der Zitate stammen, dass sowohl nationalsozialistische (Der Stürmer) wie auch faschistische Zeitungen in Italien (Il Regime fascista), dieses Gedankengut übernommen und damit im „Neuen Attila“ Mussolini, bzw. Hitler, vorweggenommen hatten (5, S. 113/114, vgl. 8, S. 64). Der amerikanische Historiker David Kertzer zitiert in diesem Zusammenhang ein Mitglied des faschistischen Großrates – Roberto Farinacci -, der 1939 in einem Vortrag festgestellt hatte, dass die Verfassung des Jesuitenordens noch strenger als der deutsche Rassismus sei: „Jesuiten benötigen einen nichtjüdischen Nachweis bis in die 5. Generation und seien stetige Vorläufer und Meister in der jüdischen Frage“ (11, S. 376 f).

Obwohl zwischen der CC und dem NS-Hetzblatt Der Stürmer, der in seiner Primitivität, Verlogenheit und Brutalität nicht seinesgleichen hat, keine Vergleichbarkeit gegeben ist, erstaunt doch, wie sehr sich manche antisemitische Aussagen ähneln (16); der Verdacht liegt nahe, dass sich Julius Streicher früherer Aussagen der CC – z.B. im Hinblick auf „Beweise“ zu „Ritualmorden“ – bediente (17). Das Sonderheft Nr. 1 des Stürmers im Mai 1934 bringt unter der Zusammenstellung „jüdischer Ritualmorde“ aus der Zeit von Christus bis 1932 auch ein direktes Zitat aus der CC vom Dezember 1881 (3). Auch im Stil und in manchen Formulierungen ähneln sich CC und Stürmer; in einer Ausgabe der CC aus dem Jahr 1914 heißt es beispielsweise, dass „der Judaismus die Juden lehre, das Blut von christlichen Kindern so zu betrachten, als wäre es ein Getränk wie Milch“(14) – sehr ähnliche Formulierungen findet man auch mehrmals im Stürmer. In Abhandlungen zur „jüdischen Weltherrschaft“, zu „Ritualmördern“, zur Gleichsetzung von Juden mit Freimaurern, Sozialisten und Kommunisten sowie zu Talmuddiskussionen usw. ähneln sich Der Stürmer und die CC in der Wortwahl ebenfalls sehr stark, auch wenn Der Stürmer Quellen nicht zitiert; in Ausgabe 15 von 1936 fügt Der Stürmer allerdings zum Thema „Sowjetjuden vergasen Russen“ eine Passage aus der katholischen Zeitung „Schönere Zukunft“ ein (12).

In Artikelserien der CC in den 1920er und 1930er Jahren verwendet der Chefredakteur (und Jesuit) Enrico Rosa viele weitere antisemitische Formulierungen; z.B. zu den Themen „Die Weltrevolution und die Juden“, 1922 (9), und „Die jüdische Frage“, 1938 (10). Unter dem späteren Chefredakteur und Jesuiten Felice Rinaldi ist es Pater Mario Barbera, der in den Jahren 1937/38 in Artikelserien wie z.B. „Die Judenfrage und der Zionismus“, „Die Judenfrage und die Konversionen“, „Die Judenfrage und das katholische Apostolat“, zur Eliminierung oder Absonderung der Juden aufruft (4), (5, S. 133/114), (7, S. 150), (11, S. 368 ff).

Enrico Rosa, 1922: „Die Welt ist krank… Der Wolf bleibt immer Wolf: Alte Schläge nähren neuen Verdacht und eine Wunde, die an den Rand gedrängt ist, aber nie heilt… Auf jeden Fall halten wir gegen ihre Festigkeit des Versteckens das Recht zu stöbern und das ans Licht der Sonne zu ziehen, was uns angeht…“ (9, eigene Übersetzung)

Rosa spricht auch von der starken „Kasse ihres Wuchers und Egoismus“ und, „dass sich diese Rasse… als Herren aufspielt“. (9, eigene Übersetzung)

In mehreren Artikeln betont die CC, dass die Juden selbst daran schuld seien, wenn es zu Pogromen komme. Diesen „bösen“ Antisemitismus müsse man vom „gesunden“ Antijudaismus unterscheiden, demzufolge die Bekämpfung des Judaismus ja nicht die Bekämpfung der Juden selbst bedeute, sondern nur die Bekämpfung dessen, was die Werte der christlichen Gemeinschaft, die es zu schützen gelte, bedrohe.

Zu dem o.a. Artikel von Pater Mario Barbera aus 1937, in dem die Trennung („segregazione“) von Juden und Christen wie vor der frz. Revolution empfohlen wird, meint Rosa, dass die Absonderung in christlicher Nächstenliebe zu erfolgen habe (5, S. 113 ff. und 7, S. 147/150).

Im Herbst 1938 berichtet die CC von den neuen italienischen Rassengesetzen und verweist dabei auf ihre Artikel aus 1890, die das faschistische Regime für seine Rassengesetze als Rechtfertigung benütze. Enrico Rosa spricht sich hier – bei gleichzeitig massiven Angriffen gegen Juden – vehement dafür aus, dass die katholische und die faschistische Sicht in der jüdischen Frage klar voneinander zu trennen seien (11, S. 380 f, 7, S. 154).

Enrico Rosa, 1. 10. 1938: „… Sicher ist, dass der Liberalismus, wie vom Judaismus und den Freimaurern entstellt und protegiert, sich selbst bestrafen wird, mit den gleichen tristen Auswirkungen… Und darüber können wir das sagen, was über Letzteres unser Kollege 1890 schrieb, gut vorausahnend was sich dann zu entwickeln begann und dem wir aufs Lebhafteste in der letzten Zeit begegnen können: Er (Anm.: „der Jude“) hört schon von Ferne das Gewitter jener gesellschaftlichen Revolution rumoren, die er zum Großteil ausgelöst hat und es scheint, er müsse sich selbst auslöschen und die Renegaten, die mit ihm im Bund sind… Die Worte sind hart, aber härter ist der Ausgang, der sie bis jetzt ankündigte und in der Gegenwart schon in verschiedenen Ländern bewahrheitet sieht, während man in anderen leider schon darangeht, sie zu verwirklichen.“ (10, eigene Übersetzung)

Italienische Faschisten und deutsche Nationalsozialisten stützten sich zur eigenen Rechtfertigung immer wieder auch auf Aussagen der CC. Dies wurde von den Autoren der Zeitschrift öfters ablehnend diskutiert, da man Wert darauf lege, „nicht für Rassismus missbraucht“ zu werden. Rassisch biologische Gründe würde die CC in ihrem Kampf gegen Juden vermeiden, sie wolle „nur“ die Gesellschaft vor einem „verdorbenen und gefährlichen Volk“ schützen.

Wenige Tage nach dem Erlass der Rassengesetze in Italien heißt es in der CC (Pater Rosa), der Kampf müsse “als ein Kampf verstanden werden, der allein in der Notwendigkeit der legitimen Verteidigung der Christenheit gegen eine in den Nationen, in denen sie lebt, fremde Nation und den geschworenen Feind ihres Wohlergehens begründet ist. Daraus folge die Notwendigkeit von Maßnahmen, die dieses Volk unschädlich machen.“ (11, S. 381).

Schlussbemerkung:

Die heute zugänglichen Quellen aus der Civiltà Cattolica zeigen, dass diese – im katholischen Umfeld sehr wichtige – Zeitschrift an der Entstehung des modernen Antisemitismus maßgeblich beteiligt war und an der Dämonisierung der jüdischen Bevölkerung starken Anteil hatte. Die auch heute noch als Rechtfertigung vorgebrachte Behauptung, es hätte sich bei den Artikeln der CC nicht um Antisemitismus, sondern „nur“ um Antijudaismus gehandelt, mag jeder Interessierte anhand der im Internet, oder als E-Books abrufbaren Ausgaben der CC selbst beurteilen; auf der italienischen Webseite von CathopediaL`Enciclopedia Cattolica – heißt es auch heute noch, Pater Enrico Rosa habe im Kampf gegen die Irrtümer des Modernismus, Liberalismus und Sozialismus die Wahrheit verteidigt (3).

Papst Franziskus rühmte in seiner eingangs zitierten Ansprache von 2013 auch das Expertentum der Jesuiten im Herausfinden der Wahrheit:

„… Der Jesuit ist ein Experte der Unterscheidung der Geister, auf dem Gebiet Gottes ebenso wie auf dem Gebiet des Teufels. Man darf keine Angst haben, die geistliche Unterscheidung fortzusetzen, um die Wahrheit zu finden…“ (1).

Nachbemerkung:

Im Jahr 2001 wurde „Die Judenfrage in Europa“, zitiert aus der CC 1890, vom Pro Fide Catholica Verlag (Anton A. Schmid) erneut publiziert, die Artikel liegen in deutscher Übersetzung und im italienischen Originaltext vor (6).

Am 28. 2. 2002 widersprach der Jesuitenpater Giovanni Sale S.I. im Corriere della Sera einem kritischen Artikel des Historikers David Kertzer und behauptete, dass die Jesuiten nie Antisemiten gewesen seien, sie hätten nur „die These eines jüdisch-freimaurerisch-bolschewistischen Komplotts gegen die christliche Gesellschaft unterstützt“, Schuld am modernen Antisemitismus träfe die Kirche nicht (13).

 

Literatur:

1: Ansprache von Papst Benedikt XVI. an die Teilnehmer der 35. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu, 21. Februar 2008; in O.R. dt., Nr. 10, 7.3.2013, S. 6.

2: La Civiltà Cattolica, 1890, Google Books

(Della questione giudaica in Europa, I-VII, serie XIV, vol. 7, fasc. 961, 23 ottobre 1890 (Ursachen), I-X, serie XIV, vol. 8, fasc. 970, 4 novembre 1890 (Wirkungen), I-VII, serie XIV, vol. VIII, fasc. 972, 9 dicembre 1890, anno quarantesimo primo, (Abhilfen). Die gesammelte Ausgabe der Artikel in Ursachen, Wirkungen, Abhilfen erfolgte in den Folgejahren.

3: Der Stürmer, Sondernummer 1, Nürnberg, im Mai 1934, 12. Jahr.

4: La Civiltà Cattolica, 1937: La questione giudaica e il Sionismo, in La Civiltà Cattolica, Bd. II, quad. 2087, 28. Mai 1937, S. 418-431; La questione giudaica e le conversioni, Bd. II, quad. 2088, 11. Juni 1937, S. 497-510; La questione giudaica e l‘apostolato càttolico, Bd. III, quad. 2089, 23. Juni 1937, S. 27-39, in: Passelecq/Suchecky, Die unterschlagene Enzyklika, München, Wien, 1997, Fußnote 54, S. 308).

5: Anton Grabner Haider, Hitlers mythische Religion, Theologische Denklinien und NS-Ideologie, Anhang S. 241-253: „Über die Judenfrage in Europa“, Die Abhilfen, La Civiltà Cattolica, Rom 1890, S. 641-655 (in dt. Übersetzung), Böhlau Verlag, 2007.

6: Johannes Rothkranz, Die jüdische Frage in Europa, Eine Artikelserie aus der römischen Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“ aus dem Jahre 1890, Pro Fide Catholica Verlag (Anton A. Schmid), 2001. (Deutscher und italienischer Text)

7: G. Passelecq/B. Suchecky, Die unterschlagene Enzyklika, Der Vatikan und die Judenverfolgung, Kap.: Die Civiltà Cattolica, die Juden und der Antisemitismus S. 147-160, (aus dem Französischen F. M. Sedlaczek), Carl Hanser Verlag, München, Wien 1997.

8: Anton Grabner Haider, Hitlers Theologie des Todes, topos 682, 2009.

9: Enrico Rosa, Die Weltrevolution und die Juden in: La Civiltà Cattolica, Roma, 12 ottobre 1922, LXXIII, vol. IV, quad. 1736, pp. 111-121, La rivoluzione mondiale e gli ebrei. http://www.cdec.it/dsca/vaticano/CC1736.html

10: Enrico Rosa, Die jüdische Frage in: La Civiltà Cattolica, Roma, anno 89 – Vol. IV, 1 ottobre 1938, quad. 2119, La questione giudaica. http://www.cdec.it/dsca/vaticano/CC2119.htm

11: David I. Kertzer, Die Päpste gegen die Juden, Der Vatikan und die Entstehung des modernen Antisemitismus, s. Kap.: Die katholische Presse, S. 179 – 203, Jüdische Vampire, S. 204 – 223, Auf der Schwelle zum Holocaust, S. 350 – 349, dt. Klaus-Dieter Schmidt, List Verlag 2004, München. (Originalausgabe: The Popes agaist the Jews, 2001, New York, Alfred A. Knopf).

12: Der Stürmer, Julius Streicher, Nürnberg, Nr. 15, 1936, 14. Jahr.

13: „Corriere della Sera“ del 28 febbraio 2002, Altro che „leggenda nera“, i gesuiti non furono mai antisemiti di P. Giovanni Sale S.I.

14: „Corriere della Sera“ del 26 febbraio 2002, La Chiesa e la trappola del “sano antisemitismo” di David I. Kertzer.

15: http://it.cathopedia.org/wiki/Enrico_Rosa

16: Six Million Crucifixions, How Christian Teachings About Jews Paved the Road to the Holocaust, Gabriel Wilensky, Quenty Publishers, San Diego, U.S.A., 2010, S. 271-274.

17: Wiley Feinstein, The Civilization of the Holocaust in Italy, Associate University Presses, NY, 2003, S. 143.

 

Dr. Anneliese Pongratz, Osterwitz, Österreich




„ISLAMISIERUNG“ II


islam-1484535_1280Im ersten Teil wurde abgehandelt, inwieweit für eine Islamisierung im klassischen Sinne überhaupt Erfolgsaussichten bestehen (siehe „ISLAMISIERUNG“ I, Bild: bykst, pixabay). Es zeigte sich, dass die Chancen dafür außerordentlich gering sind.

In diesem zweiten Teil folgt nun eine Zusammenstellung, was gemeinhin (entfernt von der klassischen Definition) ebenfalls unter „Islamisierung“ verstanden wird.

 

ISLAMISIERUNG über die Aneignung bestehender kirchlicher Privilegien

In vielen Bundesländern streben moslemische Vereinigungen danach, als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt zu werden und nicht selten erfüllen sie auch die Voraussetzungen, die der Gesetzgeber definiert hat. Sie erringen damit eine Gleichstellung mit den christlichen Kirchen und einigen Sekten. Die Folgen sind absehbar und die ersten Schritte sind bereits getätigt worden. Herausragend sind dabei wohl die Einrichtung islamisch-theologischer Lehrstühle und die Ausbreitung von islamischem Religionsunterricht an den Schulen. Die Segregation innerhalb der Schulen wird damit auf eine neue, höhere Stufe getrieben – und alles das finanziert aus allgemeinen Steuermitteln. Fundamental-christliche Rechtspopulisten behaupten an dieser Stelle nun gern, eine Gleichbehandlung der Moslems mit Christen sei nicht erforderlich (oder verbiete sich gar), da es sich beim Islam nicht um eine Religion, sondern um eine politische Ideologie handele, die sich nur das Mäntelchen einer Religion umgelegt habe. Dieses Argument verkennt aber, dass auch die Kirchen (vor allem die RKK) eigene Rechtssysteme haben, die sie nicht nur in der Vergangenheit, sondern bis auf den heutigen Tag der Politik und der Gesellschaft aufdrücken. Aus Gründen der rechtlichen Gleichbehandlung kann dem Islam nicht verboten werden, dieselben Begehrlichkeiten zu entwickeln. Es bleibt wohl also einstweilen bei der staatlich finanzierten religiösen Indoktrination von Kindern.

Die nächsten Schritte sind bereits in Vorbereitung oder Planung: Übernahme von Trägerschaften von Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern sowie die Gründung von karitativen Organisationen vergleichbar der Diakonie oder der Caritas.

Die beiden Quasi-Staatskirchen fördern solche Bestrebungen mit großem Eifer und der Staat hat aufgrund der Rechtslage (selbst wenn er anderes im Sinn hätte, was nicht der Fall ist) keine Möglichkeiten, dies zu unterbinden. Ebenso stellt sich die Lage dar, wenn es um den Einzug von Imamen in Fernsehräte oder „Ethik“kommissionen geht. Es wird nicht aufzuhalten sein, wenn nicht endlich das Problem an der Wurzel gepackt wird. Die Trennung von Staat und Religion rückt mit solchen Erweiterungen religiösen Einflusses in immer weitere Ferne. Die Säkularisierung (von Laisierung ganz zu schweigen) hinkt nicht nur, sie geht inzwischen an Krücken. Die einzige Abhilfe hat Uwe Lehnert in aller Klarheit und Deutlichkeit zusammengestellt, weshalb ich an dieser Stelle darauf verweisen kann „Trennung von Staat und Religion“ http://www.wissenbloggt.de/?p=16244.

Man darf festhalten, dass die genannten Punkte kein Spezifikum des Islams darstellen (was den Begriff der „Islamisierung“ rechtfertigten könnte), sondern dem allgemeinen Trend zur immer stärker werdenden Religionisierung unserer Gesellschaft folgen. Dabei spielt es auch keine entscheidende Rolle, im Namen welchen Gottes nun gerade der Gesellschaft Regeln aufoktroyiert werden sollen. Den meisten ist ja nicht einmal bewusst, mit welcher Intensität der Krake Religion sich in das tägliche Leben frisst. Ein „schönes“ Beispiel findet sich hier: http://www.wissenbloggt.de/?p=27001. Beim nächsten Mal werden es dann wohl auch Qur’ane sein.

 

ISLAMISIERUNG in Ballungsräumen (Ghettobildung, Parallelgesellschaft)

Ich zitiere ein typisches Fundstück (sprachlich belassen) aus einem rechtspopulistischen Blog, aus dem das Unbehagen hervorgeht, um das es in diesem Punkt unter anderem geht: „Islamisierung bedeutet für mich, eine Stunde lang durch Hamborn/ Marxloh/ Obermarxloh/Hochfeld zu gehen und 3-5 deutschstämmige Bürger zu begegnen. Dieses Erlebnis ist nicht auf einen bestimmten Tag und/oder eine gewisse Uhrzeit reduziert, das ist reproduzierbar wiederholbar!“

Ein solches „Urteil“ bleibt natürlich völlig an der Oberfläche hängen und beschreibt allenfalls ein dumpfes Gefühl angesichts fremdartiger Gesichtszüge oder Bekleidungen. Es ist schlicht ausländerfeindlich und geht daher gar nicht auf die wirkliche Problematik ein, die sich in solchen Ballungsräumen entwickelt hat.

Doch was spielt sich nun tatsächlich in solchen Ghettos wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ab? Wären es nur die Gesichter und die Kopftücher, würde ein Humanist wohl nicht sehr viele Worte darüber verlieren. Doch wie bereits Buschkowsky, der inzwischen zurückgetretene Bürgermeister von Neukölln feststellte, gerät hier unser Rechtsstaat aus den Fugen. Das staatliche Gewaltmonopol ist zumindest teilweise außer Kraft gesetzt, wenn sich die Polizei nur noch zur Aufklärung von Schwerstkriminalität in diese Gebiete wagt, bei Alltagsdelikten aber die Ahndung „islamischen Schiedsgerichten“ überlässt, da der Aufwand viel zu groß wäre und sie außerdem regelmäßig vor eine Schweigewand stößt.

Zu Buschkowskys Erstaunen zeigt sich in solchen Ghettos gleichzeitig eine zunehmende Hinwendung zum islamischen Glauben bis hin zur Radikalisierung. Offensichtlich kennt er sich nicht mit Diaspora-Situationen aus, in denen der Gruppendruck mit zunehmender Abschottung zunimmt. Das ist weitestgehend erforscht anhand zum Beispiel der Amish-People in Pennsylvania oder der Mennoniten in Nord-Mexiko, die archaischen Versionen ihres Glaubens anhängen und wenig Neigung zur Anpassung an ihr sonstiges Umfeld zeigen. An diesen Realitäten werden wohl auch alle gutgemeinten Versuche mit Hilfe der Sozialpädagogik scheitern.

Was aber ist zu tun um dieser unerfreulichen Situation Herr zu werden? Den Bulldozer anrücken zu lassen und die „Insassen“ des Ghettos anderweitig „verstreut“ anzusiedeln, dürfte kaum zu unserem Rechtsverständnis passen. Also Aussitzen in der Hoffnung, dass sich das Problem von allein erledigt wie man es zum Beispiel in Little Italy (New York) oder Chinatown (San Francisco) beobachten lässt? Ein zwischen beiden Extremen liegendes Allheilmittel ist offensichtlich noch nicht zur Hand. Es muss aber erarbeitet werden.

In jedem Fall trifft hier der Begriff der Islamisierung lokal begrenzt durchaus zu.

 

ISLAMISIERUNG über Forderungen an die Aufnahmegesellschaft

Googelt man den Satz „Mazyek fordert“, so erhält man auf Anhieb 30.200 Ergebnisse. Nicht zuletzt deshalb wird der Vorsitzende des ZMD (Zentralrat der Moslems in Deutschland), der einen syrischen Migrationshintergrund hat, von vielen als „Forderasiate“ bezeichnet. Er ist natürlich Deutscher – aber das muss ich hier wohl kaum erklären.

Angesichts der Fülle der Forderungen, die Mazyek und seine Funktionärskollegen beständig an die Mehrheitsgesellschaft stellen, kann ich hier nur einige typische Beispiele herausgreifen.

Die Einführung von islamischen Feiertagen (im Tausch gegen christliche Feiertage?) ist dabei ein vordringliches Ziel, das die Anerkennung dieser Religion in der Öffentlichkeit deutlicher machen soll. Für Humanisten geht es dabei um eine generelle Fragestellung. Inwieweit sollte ein Staat überhaupt religiöse Feiertage als staatliche Feiertage anerkennen, und diese auch noch z.T. als „stille“ Feiertage deklarieren, damit eine Minderheit nicht durch das Verhalten einer Mehrheit in ihren religiösen „Gefühlen“ beeinträchtigt wird? Das ist unsinnig und gehört eh eingegrenzt. Mit Ausnahme des heidnischen Weihnacht- und Hasenfests sollte eine sukzessive Abschaffung solcher Tage erfolgen. Sie gehören dem allgemeinen Urlaubsanspruch hinzugerechnet, wobei die Inanspruchnahme dem Katholiken am Karfreitag oder dem Moslem an Aïd al-kebir freisteht. Dem Humanisten dann aber bitte gleichberechtigt am Welthumanistentag oder einem einzurichtenden Darwintag. Dann hat es jeder in der Hand, was unserer individualistischen Lebensauffassung natürlich am nächsten kommt.

Die Berücksichtigung islamischer Speisevorschriften in Kantinen wird bereits eifrig propagiert und lokal durchaus mit Erfolg umgesetzt. Und wie steht es dann mit jüdischen oder vegetarisch/veganen Vorgaben bei der Essenswahl? Die meisten zumindest der kleineren Kantinen dürften mit der Fülle solcher Forderungen recht schnell an ihre Belastungsgrenzen kommen.

Rücksichtnahmen während des Ramadan, Nichtteilnahme von Mädchen am Sportunterricht, Einführung von Badezeiten in öffentlichen Schwimmbädern für muslimische Frauen und vieles andere mehr steht in den Katalogen.

Insgesamt muss sich eine freie Gesellschaft irgendwann entscheiden, wie viel Toleranz sie solchen Wünschen gegenüber aufzubringen bereit ist. Letztlich würde ein unbegrenztes Eingehen auf die Forderungen eine selbst herbeigeführte Islamisierung der Gesellschaft bedeuten.

 

ISLAMISIERUNG durch den Bau von Gotteshäusern

Dieser Punkt wird offenbar nur von Extremisten in der Rubrik „Islamisierung“ geführt. Eine Gesellschaft, in der ganz selbstverständlich ein jeder das Recht hat, eine Religion seiner Wahl auszuüben, kann und darf den Bau von religiösen Kultstätten nicht verbieten. In diese Rubrik fällt auch das unsägliche generelle Minarettverbot in der Schweiz.

Eine ganz andere Frage ist dabei, dass sicherlich die jeweils  geltenden baurechtlichen Vorschriften eingehalten werden müssen. Eine Moschee mitten in einer historischen Altstadt verbietet sich bereits aus diesem Grunde. Ebenso gilt es (ähnlich wie beim Läuten von Kirchenglocken) darauf zu achten, dass der Lärmschutz zumindest angenähert gewahrt bleibt. So wäre in jedem Fall ein Muezzinruf morgens um 5 Uhr inakzeptabel.

Allerdings hat sich das Bild unserer Städte in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Es spricht also nichts dagegen, wenn in diesen neuen Gebieten die eine oder andere Moschee entsteht.

Dieser Punkt kann also in unserem Zusammenhang ersatzlos gestrichen werden. Er kennzeichnet keine Islamisierung.

 

ISLAMISIERUNG durch Einschüchterung

Nicht erst nach den Morden an den Charlie Hebdo Redakteuren stellt sich die Frage, welcher tiefere Sinn solchen Anschlägen zuzumessen ist. „Bestrafung“ oder Rache wegen angeblicher Beleidigung des Propheten kann es ja allein nicht sein. Außerdem böte das keine Erklärung für die Twin Towers oder Madrid und London, wo jeweils wahllos gemordet wurde.

Man will sich ganz offensichtlich „Respekt“ verschaffen. „Seht her, ihr dekadenten Westler, akzeptiert unsere andere Art zu leben und zu denken, sonst werden wir euch immer und immer wieder bestrafen“. Es sind also ganz offensichtlich Machtdemonstrationen, um Leute einzuschüchtern. Das Signal richtet sich aber auch an die eigenen (viel zu laschen) Glaubensbrüder. Doch scheint diese Botschaft nur in geringem Umfang zu wirken. Die erwünschte Radikalisierung nimmt nur am ohnehin schon vorhandenen extremen Rand zu, die große Mehrheit der Moslems wendet sich mit Schaudern ab. Mit Einschüchterung eine Islamisierung erreichen zu wollen gehört daher wohl eher in die Kategorie von 1001 Nacht.

 

Frank Berghaus

(Dieser Artikel wurde zuerst am 14.2.15 publiziert)

Link zu Islamisierung-Artikeln




„ISLAMISIERUNG“ I


islamisierung_nein_dan7tydSpätestens seit dem Aufkommen von AfD und Pegida (Alternative für Deutschland und Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) wird die angebliche Islamisierung Deutschlands (worauf ich mich hier beschränken möchte) ausgesprochen kontrovers diskutiert. Es lohnt sich also, einmal einen unvoreingenommenen Blick darauf zu werfen, was sich hinter der Begrifflichkeit verbirgt und was von verschiedenen Seiten darunter verstanden wird.

 

ISLAMISIERUNG in der historischen Betrachtung

Klassisch betrachtet versteht man unter Islamisierung die Übernahme des Islams als Staatsreligion und die Anpassung der allgemeinen Gesetze im Zivil- und Strafrecht an die Vorschriften soweit sie in der Shari’ah niedergelegt (nicht kodifiziert) sind. Dies ist in der frühen Ausdehnungsphase des Islams in den ersten Jahrhunderten seines Bestehens in einer ganzen Reihe von Ländern eingetreten – in einigen (wie Spanien) auch wieder rückgängig gemacht worden.

Viele Rechtspopulisten sind nun der Meinung, dass diese Form von Islamisierung auch zwangsläufig in Deutschland eintreten werde, da ja die Moslems in Bälde die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen würden. In ihren einschlägigen Blogs liest sich das dann so: „Sobald Moslems in der Mehrheit sind, haben sie nichts anderes im Sinn, als die Shari’ah als grundlegendes Gesetz einzuführen“. Das Mittel zum Erreichen dieser Mehrheit seien der „Geburten-Jihad“ und eine zügellose Einwanderung von Moslems. In der Folge dürften die Anhänger der anderen „Buchreligionen“ nur noch ein Dasein als „Dhimmis“ fristen mit stark eingeschränkten Bürgerrechten. Was mit den echten Ungläubigen zu geschehen habe könne man sich vorstellen, wenn man sich die Aussagen des Qur’ans zum Apostatentum anschaue.

Betrachtet man allerdings die Fakten so sieht man leicht, dass diese Befürchtung gänzlich unbegründet ist – und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht. Rund gerechnet haben wir in Deutschland einen Moslemanteil von ca. 5% an der Gesamtbevölkerung – überwiegend mit türkischem Migrationshintergrund. Der Wanderungssaldo ist seit Jahren negativ, d.h. es wandern mehr Türken ab als neue hereinkommen. Die Geburtenrate deutsch-türkischer Frauen gleicht sich beständig an die der deutschen an und liegt nach neuesten Erhebungen nur noch bei 1.7 gegenüber 1.3. Ein (selbst relatives) Anwachsen ist also aus diesem  Teil der Bevölkerung nur in homöopathischen Dosen zu erwarten. Bleibt die Zuwanderung: Nach den Zahlen des BAMF kommt der weit überwiegende Teil der Zuwanderer aus ost- und südeuropäischen Ländern (über 77%), die zumeist orthodoxe oder katholische Christen sind. Es böte sich hier sogar an, von einer christlich geprägten Ostisierung oder Südisierung zu reden (man verzeihe mir die Neologismen). Einwanderer aus Afrika – soweit sie aus dem Bereich der Subsahara kommen – sind ebenfalls überwiegend christlich geprägt. Bleibt also ein Rest von Nordafrikanern, die in Europa versuchen, ihre Lebensumstände zu verbessern. Das sind Moslems, über deren Ansichten aber im Einzelnen noch nicht viel erhoben werden konnte (alles konzentriert sich im Wesentlichen auf die türkische Gemeinde). Gänzlich außen vor lassen muss man wohl die aus den Kriegsgebieten wie Syrien und Irak stammenden echten Asylsuchenden, die einen rechtlichen Anspruch auf Schutz und Sicherheit haben. Wie viele von ihnen nach Beendigung der Feindseligkeiten tatsächlich im Lande verbleiben werden ist noch unklar und darf unsere Überlegungen nicht beeinflussen.

Es steht also außer Frage, dass es eine solche „klassische“ Islamisierung nicht, oder jedenfalls nicht in überschaubaren Zeiträumen geben wird. Doch gehen wir einmal als Hypothese davon aus, dass irgendwann Moslems tatsächlich eine Mehrheit in Deutschland hätten. Wäre die Einführung von Islam als Staatsreligion und Etablierung der Shari’ah als Rechtssystem wirklich die unabwendbare Folge? Schon ergäbe sich die Frage, welche Version des Islams denn dann wohl eingeführt würde. Die bei uns lebenden türkischstämmigen Moslems hängen in knapper Mehrheit der Hanafiyyah an, Aleviten (immerhin 800.000 in Deutschland) haben der Shari’ah endgültig abgeschworen und setzen sich für eine Trennung von Staat und Religion ein wie wir Humanisten auch. Kurden wiederum (bei uns statistisch immer den Türken zugerechnet!) können mit beidem nichts anfangen und die Nordafrikaner ebenso. Ähnlich wie die Aleviten argumentieren auch die noch kleinen aber beständig wachsenden Gemeinden der liberalen Muslime. Es bliebe also der „harte Kern“ der von den orthodoxen muslimischen Verbänden Repräsentierten (ca. 10-15% der Moslems in D., aber sehr lautstark). Wie soll da EIN Islam als Staatsreligion überhaupt möglich sein? Das gibt es aus den genannten Gründen auch in anderen zu über 90% moslemischen Ländern nicht, wie der Irak mit dem Nebeneinander von Sunna und Shia eindrücklich zeigt. Doch selbst wenn ein homogener Islam beherrschend ist wie zum Beispiel in Tunesien (mit stark sufistischen Einschlägen), so heißt dies noch lange nicht, dass nun archaisch-religiöses Recht (wie etwa in Saudi Arabien) etabliert werden könnte. Die nach den ersten freien Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung dominierende Ennahdha hat es in Teilen versucht, zumindest Elemente der Shari’ah in der Verfassung unterzubringen. Sie sind weitestgehend gescheitert. Ein Beispiel: Ennahdha schlug vor, die Formulierung „Die Frau ist die Gefährtin des Mannes“ verbindlich zu machen und damit die bereits vor langer Zeit erkämpften Frauenrechte quasi auszuhebeln. Am nächsten Tag lernten sie dann die geballte Frauen-Power kennen, als sich ein riesiger Demonstrationszug von Frauen (und Männern) über die Ave. Habib Bourguiba zog um lauthals gegen diesen Affront zu protestieren. Der Vorschlag blieb daher kläglich stecken und markierte eine der größeren Niederlagen dieser extremistischen Partei.

Nun ist Tunesien zugegenermaßen ein absoluter Sonderfall, der aufgrund einer breiten in den letzten Jahrzehnten gewachsenen Bildungs- und Mittelschicht nicht so ohne weiteres mit anderen Ländern der Region verglichen werden darf. Aber immerhin zeigt Tunesien als „Leuchtturm“ an, wohin auch die Fahrt anderer Länder eines Tages gehen könnte. Die Ansätze dazu gab es bereits selbst im Nachbarland Libyen, wo allerdings die demokratischen Versuche von marodierenden Islamisten-Banden zusammenkartätscht wurden mit dem Erfolg, dass wir es hier im Moment mit einem „failed state“ zu tun haben. Sehr viel besser sieht es derzeit in Algerien aus, unserem westlichen Nachbarn. Seit dort die Religionsfreiheit eingeführt wurde (und Autonomie für die Rif-Kabylen) geht es beständig voran. Man zählt immerhin über 100.000 Konvertierungen zum Christentum. Man kann nur hoffen, dass nach dem absehbaren Abgang des greisen Präsidenten Bouteflika dieser Prozess fortgesetzt werden kann und nicht etwa die Terrororganisation Al Qaida du Maghreb Islamique Oberwasser bekommt. Auch in Marokko stehen die Zeichen nicht schlecht. Der junge König, dem aufgrund seiner Ausbildung in England eine konstitutionelle Monarchie vorschwebt, arbeitet beständig daran, dem konservativen Klerus winzige Zugeständnisse abzuringen. Er war extra drei Tage in Tunesien zu Besuch um sich vor Ort zu informieren, was da alles so machbar ist.

Wer nun sagt, dass noch nichts gewonnen sei, dem muss man natürlich Recht geben – alles steht noch auf sehr wackeligen Beinen. Aber immerhin ist ein Anfang gemacht und mit einigem gesunden Optimismus kann man sich eine bessere Zukunft auch für die islamischen moderaten Staaten durchaus vorstellen. Gestützt werden solche Bemühungen durch eine ganze Reibe arabischer und islamischer Philosophen und Denker, die in letzter Zeit vermehrt in diese Richtung publizieren und auch gelesen werden. Selbst von der konservativen Universität Al-Azhar kommen schon gelegentlich moderate Töne, auf die sich auch der Islam-Reformer Mouhanad Khorchide in Deutschland beruft. Es ist nicht ausgeschlossen, dass diese Bewegungen auch in Europa einen immer größeren Einfluss bekommen werden. Je mehr die fundamentalischen Versionen (wie sie sich in Saudi-Arabien oder im Islamischen Staat präsentieren) ins Blickfeld auch der (entsetzten) muslimischen Öffentlichkeit geraten, umso besser stehen die Chancen auf eine Zunahme der gemäßigten (oder weichgespülten) Varianten des Islams auch in Deutschland.

Sollte ich Unrecht haben und alles kollabiert eines Tages in Richtung Fundamentalismus, dann könnte mein Optimismus sich natürlich wie eine Fatwa Morgana in der heißen Wüstensonne erweisen.

 

Frank Berghaus

(Dieser Artikel wurde zuerst am 3.2.15 publiziert. Er stellt den Stand von 2015 dar. Diesem ersten Teil des Kapitels Islamisierung folgt morgen, 1.10., ein zweiter, in dem Frank Berghaus sich mit den anderen Facetten des Begriffs der „schleichenden Islamisierung“ beschäftigt. Zusätzlich folgt ein weiterer Islamisierungs-Artikel von Wilfried Müller, in dem die aktuellen Zahlen vorgerechnet und extrapoliert werden, und der im Ergebnis eine andere Einschätzung abliefert.)

Link zu Islamisierung-Artikeln

 




Salafisten vs. Sufisten


Solidaritaetskundgebung fuer Aegypten und TunesienIch stelle diesen Artikel aus 2012 noch einmal ein, da er nichts an Aktualität verloren hat, aber einigen die Augen öffnen könnte, die meinen, "der" Islam sei so etwas wie ein monolithischer Block.

Eine unscheinbare Gasse irgendwo im Zentrum von Tunis, eine große hölzerne Tür, die nichts Besonderes zu versprechen scheint: wir treten ein und befinden uns in dem, was man hier ein Mausoleum nennt. Im Vorraum verkaufen zwei Frauen Devotionalien und allerlei Heilmittel, sie sind freundlich und liebenswert. Sie fragen meine Frau, wie lange sie sich denn schon ein Kind wünsche und ob ich der Ehemann sei (angesichts des erkennbaren Altersunterschieds eine berechtigte Frage). Im Mausoleum selbst, der Grabstätte einer als „heilig“ verehrten Frau, die zu Lebzeiten werdenden Müttern (oder solchen, die es werden wollten) sehr geholfen haben soll, riecht es nach Weihrauch und einigen anderen für mich unidentifizierbaren Düften. Es ist kühl und still. Hier kann man – in der Nähe der „spirituellen Mutter“ – sein Gebet verrichten und Gott seine Wünsche darlegen. Anders als im Katholizismus wird dabei nicht die „Heilige“ angebetet, sondern es geht direkt zu Gott, aber in unmittelbarer Nachbarschaft der Verstorbenen.

Als wir – herzlich verabschiedet von den beiden Frauen – wieder ins Freie treten, muss wohl ein Schmunzeln auf meinem Gesicht liegen, das von meiner Frau etwas unwillig quittiert wird. Sie wusste ja vorher, dass ich die Geschichte nicht ernst nehmen würde, wollte deshalb diese Stätte auch ursprünglich allein aufsuchen und war nur meiner von Neugier getriebenen Bitte gefolgt, doch mitgehen zu dürfen.

Von diesen Mausoleen gibt es Tausende in Tunesien. Sie bilden das Rückgrat dessen, was man Sufismus nennt. Hier wird ein volkstümlicher Islam gelebt, der weit entfernt ist von den Schriften wie Qur’an oder den Ahadith. Für den Außenstehenden ist dies alles purer Aberglauben, vergleichbar mit Stätten wie Lourdes oder Fatima. Die große Mehrheit der Moslems in Tunesien kann man wohl zu Recht dem Sufismus zurechnen. Sufismus missioniert zwar, aber diese Mission artet nicht in Jihad aus wie bei den strenggläubigen Sunniten. Für diese ist der Sufismus ein wahrer Horror, weil er sich so weit den Büchern entfernt hat – für Salafisten ist Sufismus die reinste Häresie.

Vor diesem Hintergrund – neben den vielfältigen politischen Aspekten – darf man die derzeitigen  unfriedlichen Auseinandersetzungen in Tunesien betrachten. So schreibt etwa Detlef Urban (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/einewelt/2112324/): „Extremisten bekämpfen den liberalen Volksislam“. Diese Einschätzung trifft den Kern der Dinge und auch der Rest des Artikels ist lesenswert, besonders für alle diejenigen, die nicht sehen wollen, wie viele unterschiedliche Strömungen und Schulen es in diesem angeblich so monolithischen Block „Islam“ gibt. Urban weiter:

Der Sufismus verbreitete sich in Tunesien und im Maghreb ab dem 12. Jahrhundert. Es ist der religiös-kulturelle Humus, auf dem sich ein liberaler Volksislam in Tunesien bilden konnte. Scheich Ibrahim Riahi, ein Nachkomme des hier verehrten Sidi Ibrahim, war bis zu seiner Pensionierung Geschäftsführer einer großen Geschäftsbank. Er hat wie viele Sufisten ein asketisches Aussehen, ist fromm, doch äußerst weltgewandt.

"Der Sufismus in Tunesien ist ein guter Gegenpol zum religiösen Extremismus. Ganz allgemein gibt es gegenwärtig eine Tendenz in der islamischen Welt zur Intoleranz und zum religiösen Extremismus. Der Sufismus aber ist von seinem Wesen her Nächstenliebe, wie auch Liebe zu Gott und zu den Propheten."

Die Sufi-Bruderschaften waren stets auch soziale Anlaufpunkte und Schiedsstellen, besonders im ländlichen Bereich. Sie organisierten Armenhilfe, waren ein Netzwerk, das sich aber nicht parteipolitisch organisierte. Trotzdem wurde den Bruderschaften die finanzielle Unterstützung in Zeiten der Diktatur entzogen.

Ich empfehle allen die Lektüre des gesamten Artikels (siehe den oben angegebenen Link).

PS aus der Rückschau: Dass sich bei meine Frau trotz ihrer absoluten Säkularität gleichsam automatisch durch Erziehung und Umfeld einige stereotypische Aberglaubensinhalte nicht verflüchtigt haben, berichtete ich ja bereits an anderer Stelle. Im Jahr des Besuchs bei der "Heiligen" tat sich noch nichts mit dem gewünschten Nachwuchs. Aber im Jahr 2012 besuchten wir Fatima in Portugal, was meine Frau sehr beeindruckt hat (Gläubige, die auf Knien in Richtung Madonna rutschten, der ganze Kerzenzinnober, uvam.). Kurz nach unserem Besuch dort wurde sie tatsächlich schwanger (das Ergebnis kann man gelegentlich in meiner Chronik besichtigen) und ist nicht richtig, aber irgendwie doch davon überzeugt, dass die Jungfrau geholfen habe :D Sie verdrängt dabei nur zu gerne, dass ihr neuer, junger, gerade aus den USA heimgekehrter Gynäkologe einen kleinen minimalinvasiven Eingriff bei ihr vornehm (Video habe ich), der ihrem Anliegen zum Durchbruch verhalf.




Gibt es Gott? - Warum sollte es?


GottWie an anderer Stelle  gezeigt wurde, enthält der christlich-monotheistische Gottesbegriff innere logische Widersprüche, die zur Folge haben, daß es einen so beschaffenen Gott nicht geben kann. Ein in geeigneter Weise veränderter Gott, bei dem diese Widersprüche nicht mehr auftreten, könnte zwar theoretisch existieren, ist aber, wie der vorliegende Aufsatz darlegen wird, alles andere als wahrscheinlich.

Im Folgenden werden in zwangloser Reihenfolge Betrachtungen angestellt, die auf die erwähnten Widersprüche nicht Bezug nehmen, dennoch aber Gottes Plausibilität untergraben. Außerdem werden einige Argumente entkräftet, die häufig zugunsten Gottes ins Treffen geführt werden.

Zur Unwiderlegbarkeit Gottes

Wenn Theisten mit Atheisten diskutieren, hört man von ersteren immer wieder das Argument, daß man Gott nicht widerlegen kann. Wenn man die erwähnten Widersprüche – die sich ja durch entsprechende Änderungen in seinen Eigenschaften auch vermeiden lassen – außer Acht läßt, dann stimmt das auch, denn ein solcherart bereinigter Gott ist tatsächlich nicht streng widerlegbar. Es könnte ihn also auch geben.

Denen, die so argumentieren, fällt üblicherweise jedoch selbst nicht auf, wie erbärmlich schwach ihr Argument ist. Nicht widerlegbar zu sein, ist nämlich überhaupt nichts Besonderes.

Zeus und Poseidon, Rübezahl und Schneewittchen, der Osterhase und der Weihnachtsmann sowie das Spaghetti-Monster sind alle nicht streng widerlegbar, was ihre Existenz aber nicht viel plausibler macht. Unwiderlegbare Phantasie-Objekte kann sich jeder mühelos in beliebiger Anzahl ausdenken.

Aus diesem Grund gilt die Regel, daß die Beweislast bei Existenz-Behauptungen grundsätzlich bei denjenigen liegt, die diese Behauptung aufstellen, und nicht bei jenen, die keinen Grund sehen, sie für wahr zu halten. Somit kann man die Gottes-Behauptung so lange ignorieren, bis plausible Gründe vorgebracht werden, warum es Gott geben sollte.

Damit ist der Atheismus aber kein "Glaube, daß es Gott nicht gibt", wie oft fälschlich behauptet wird, sondern die standardmäßige Null-Hypothese. Bis sich an der Argumentationslage zugunsten Gottes etwas ändert, gibt es also keinen Grund, seine Existenz zu vermuten oder in irgendeinem Zusammenhang zu berücksichtigen.

Gott ist aber nicht nur nicht widerlegbar, was, wie gesagt, eine banale Eigenschaft ist, sondern er ist auch nicht widerlegungsfähig – und das ist ein gravierender Fehler der Gottes-Idee.

Die ist nämlich so beschaffen, daß kein Ereignis oder Sachverhalt denkbar wäre, aus dem man, falls es Gott wirklich nicht gibt, seine Nichtexistenz folgern könnte.

Was auch immer wir beobachten, was auch immer die Wissenschaft an neuen Erkenntnissen gewinnt – immer kann man sagen: "Das ist so, weil Gott das so geschaffen hat". Alles kann man auf diese Weise mit Gott in Einklang bringen oder wie manche Menschen sagen würden "erklären". Doch was alles "erklärt", erklärt nichts. Die Erklärungskraft Gottes für die Welt ist genau null.

Gott ist eben eine nicht-falsifizierbare Annahme. Eine solche darf in der Wissenschaft nicht gemacht werden, weshalb dort auch der so genannte "methodische Atheismus" gilt: Egal wie gläubig ein Wissenschaftler auch privat als Mensch sein mag, er dürfte dennoch niemals eine Theorie aufstellen, in der Gott vorkommt, denn die stünde damit automatisch außerhalb dessen, was man Wissenschaft nennt.

Für Philosophie und Alltag gilt dieser methodische Atheismus zwar nicht, aber auch hier ist nicht einzusehen, welchen Sinn eine solche Gottes-Annahme haben könnte. Es lassen sich aus ihr ja keinerlei brauchbaren Informationen ableiten. Sie wäre nur eine mutwillige Komplikation des Weltbildes aus irrationalen Gründen – und somit verzichtbar.

Das Ergebnis eines Denkfehlers: Der Schöpfer-Gott

Für viele naive Menschen ist der Gedanke naheliegend, ja zwingend, daß alles, was existiert und was ihnen schön oder zweckgerichtet erscheint, von irgendeinem lebenden Wesen geschaffen wurde.

Von selbst entsteht so etwas ja nicht. Man kann die Atome, aus denen eine Uhr besteht, noch so lange in einer Box schütteln, es wird nie eine Uhr daraus. Die kann es nur geben, wenn ein Uhrmacher sie mit Verstand und Geschick herstellt. Philosophisch formuliert: Alles Komplexe braucht einen noch komplexeren Urheber, der es geschaffen hat.

Für die Uhr trifft das natürlich auch zu, nur ist die eben ein sehr schlechter Vergleich für das, was wir in der Natur vorfinden: Sonne, Mond und Sterne, die Erde mit Gebirgen und Meeren, Tiere, Pflanzen und schließlich den Menschen.

Auch diese Dinge entstehen natürlich nicht aus Zufall, wohl aber durch das kombinierte Wirken des Zufalls und der Naturgesetze. Wie das im einzelnen vonstatten geht, das zu erforschen ist Aufgabe der Wissenschaft, die dabei bisher schon sehr große Erfolge erzielt hat. Vieles ist freilich auch heute noch nicht oder nicht genau geklärt, aber es besteht keinerlei Anlaß daran zu zweifeln, daß Zufall und Gesetzmäßigkeit auch die Erklärung für alles das sind, was wir erst in Zukunft verstehen werden.

Demgegenüber ist der Schluß auf einen Schöpfer-Gott, der das alles gemacht hat, nicht nur unnötig, sondern auch mit einem Denkfehler behaftet. Wäre es nämlich wahr, daß alles Komplexe eines noch komplexeren Schöpfers bedarf (so wie der Uhrmacher ja viel komplexer ist als die von ihm gefertigte Uhr), dann müßte das ja für Gott auch gelten. Wenn schon die uns vertrauten Dinge nicht von selbst entstehen können, weil sie dafür zu großartig sind, so wäre das von dem noch viel großartigeren Gott erst recht nicht anzunehmen. Welcher Über-Schöpfer hat also Gott geschaffen?

Nimmt man einen solchen an, dann müßte auch der wiederum das Geschöpf eines Über-Über-Schöpfers sein und so weiter ad infinitum. Da diese Kette nicht abreißt und es somit keinen höchsten gibt, ist auch derjenige nicht darunter, den die christliche Theologie Gott nennt.

Auf den käme man nur, wenn man diese Kette abreißen läßt und sagt: "Alles muß geschaffen worden sein und wurde auch geschaffen und zwar von Gott. Gott aber wurde nicht geschaffen, der ist eine Ausnahme von der Regel und war immer schon da." Damit aber wird zugegeben, daß die Regel nicht streng gilt und somit auch keine sicheren Schlußfolgerungen erlaubt. Statt Gott könnte ja beispielsweise auch die Welt schon immer ungeschaffen vorhanden gewesen sein. Wo man die Kette abreißen läßt, ist ja beliebig.

Die Regel, wonach alles von einem Schöpfer stammen muß, führt also zu einer unendlichen Kette von Personen, die alle nicht Gott sind. Um den postulieren zu können, muß man diese Regel im Verlauf der Argumentation wieder zurücknehmen, wodurch sie aber hinfällig wird. Als Argument für Gott ist sie somit völlig ungeeignet.

Der überflüssige Jenseits-Gott

Die Frage, ob der Mensch eine unsterbliche Seele hat, die seinen körperlichen Tod überlebt, oder nicht, wird nicht nur seit Jahrtausenden von Philosophen erörtert, sondern wohl auch von jedem Menschen im Laufe seines Lebens bisweilen nachdenklich erwogen. Es ist eine Frage, die viele beschäftigt und die kaum jemand unerheblich findet, egal welche Antwort darauf er für die richtige hält. Hinge die Antwort vom Willen des Menschen ab, so würden sicherlich die meisten zugunsten des Weiterlebens optieren. Aus diesem Grund werden Religionen, die genau das versprechen, von ihren Anhängern durchwegs als tröstlich empfunden.

Welche der beiden logisch möglichen Antworten die richtige ist, soll hier keiner Klärung nähergebracht werden. Das ist ein anderes Thema. Hier geht es allein um die Rolle, die Gott dabei spielt.

Streng genommen gibt es allerdings keinen Grund, warum er dabei überhaupt irgendeine Rolle spielen sollte, denn die Jenseits-Frage ist von der Gottes-Frage logisch völlig unabhängig. Alle vier Kombinationen sind denkbar: Gott und Jenseits, weder Gott noch Jenseits, Gott aber kein Jenseits und Jenseits aber kein Gott.

Damit ist das Thema aber noch nicht abgehakt, denn Menschen, die an Gott glauben, weil sie an ein Jenseits glauben wollen, das sie sich ohne Gott nicht vorstellen können, sind alles andere als selten. Was bringt sie zu dieser Einstellung?

Ein wichtiger Punkt ist sicherlich, daß etliche bedeutende Religionen (wie etwa die christliche) beides lehren. Wer keinen Grund sieht oder außerstande ist, da zu differenzieren, nimmt einfach die im Kombi-Pack angebotene weltanschauliche Ware aus dem religiösen Supermarkt-Regal und konsumiert sie ohne sich viele Gedanken zu machen. Bei echten Gläubigen macht das auch keinen Unterschied, denn die würden auch beides separat kaufen zusammen mit allem anderen, was auf dem für ihre Konfession bestimmten Regal steht.

Zum Problem wird das erst, wenn atheistische Argumente beginnen, Einfluß auf einen Theisten zu nehmen. Nach und nach wird ihm immer klarer, daß Gott überaus unwahrscheinlich ist und es keinen vernünftigen Grund gibt, an seiner Existenz festzuhalten. Aber die Angst, damit auch das Jenseits zu verlieren und beim Tod einfach ausgelöscht zu werden, führt zu einer Denk-Blockade.

Solche Menschen sagen dann beispielsweise am Ende einer Diskussion, wohl wissend, daß sie keine Argumente mehr haben: "Laß mir meinen Glauben an Gott, mir graut vor der Alternative". Dabei geht es in Wirklichkeit fast immer um das Jenseits und nicht um Gott, dessen Verlust man viel leichter verschmerzen könnte, weil er, mag es ihn nun geben oder nicht, ganz offensichtlich ohnedies nicht in Erscheinung tritt.

Würde den Menschen allen klar, daß der Atheismus über die Jenseits-Frage überhaupt keine Aussage macht, dann gäbe es wohl viel mehr Atheisten.

 Die "Gottlosigkeit"

Das Wort "gottlos" ist von seiner Denotation her eigentlich ein ganz neutraler Ausdruck. Es besagt soviel wie "nicht mit Gott im Zusammenhang stehend". Jede Formel aus Mathematik, Physik oder Chemie beispielsweise ist gottlos, denn Gott kommt in ihr nicht vor.

Allerdings hat dieses Wort "gottlos" auch eine Konnotation. Für viele Menschen (auch solche, die gar nicht an Gott glauben) ist es gleichbedeutend mit bösartig, unmoralisch, verwerflich oder ähnlichem. Um das zu bewerkstelligen, haben die Religionen lange und erfolgreich Propaganda und Verleumdung betrieben.

Sachlich ist diese Konnotation nämlich überhaupt nicht berechtigt. Auch wenn bezüglich mancher Details keine Einigkeit darüber besteht, was genau alles gut oder böse ist, gibt es doch im großen und ganzen einen sehr weitgehenden Konsens zwischen den meisten Menschen. Und dabei zeigt sich, daß das Wissen, ob jemand Theist oder Atheist ist, keinerlei Vorhersage darüber erlaubt, in welchem Ausmaß sein Handeln von seinen Mitmenschen als gut oder böse einzustufen wäre.

Das kann auch nicht verwundern. Die menschliche Moral ist – wenn man von zufallsbedingter statistischer Streuung absieht – primär biologisch und kulturell bedingt. Viele religiöse Verhaltens-Gebote sind deshalb gar keine zusätzlichen, sondern bloß solche, die es auch ohne diese Religion gäbe. Zusätzlich ist nur ihre religiöse Begründung.

Daß Gott im alten Testament beispielsweise das Stehlen verboten hat, kümmerte alle jene Kulturen, die davon gar nichts wußten, nicht im Mindesten. Trotzdem galt das Stehlen auch in diesen durchwegs als unmoralisch.

All die Greuel, die im Laufe der Geschichte im Namen irgendeines Gottes begangen wurden, brauchen hier gar nicht erwähnt zu werden. Auch wenn es die nie gegeben hätte, wäre die Behauptung, daß der Mensch einen Gott braucht um sich moralisch zu verhalten, eine pure Anmaßung.

Der beste Job – leider schon vergeben

Menschen und Tiere haben ein mühsames und oft unerfreuliches Dasein. Sie müssen immer wieder leiden und schließlich sogar sterben.

Für Gott trifft das nicht zu. Ihn kann weder Leid noch Tod treffen und zudem hat er noch Eigenschaften, die so großartig sind, daß wir Menschen sie uns kaum vorstellen können. Er weiß und kann so viel, daß Theologen gerne die Wörter "Allmacht" und "Allwissenheit" verwenden. Auch sein moralischer Leumund ist makellos und alle Wesen auf der Welt sind von ihm geschaffen worden und müssen ihm dafür dankbar sein.

Wahrlich, Gott zu sein ist ein höchst erstrebenswerter Umstand, der aber keinem außer diesem einen zuteil wird. Dazu kommt noch, daß Gott diese grandiose Position schon seit Ewigkeit innehat. Niemand hat ihm dazu verholfen, deshalb schuldet er auch keinem Dank dafür. Er braucht sie auch mit niemandem zu teilen. Er allein ist der absolut Höchste und unvergleichlich großartig.

Wenn man das alles bedenkt, so drängt sich allerdings die Frage auf, was Gott denn geleistet hat, um sich all das zu verdienen. Die Antwort ist klar: Er hat nichts dafür geleistet und konnte auch nichts dafür leisten, da er ja immer schon Gott war.

Andere Wesen hingegen können sich noch so sehr mühen und plagen, sie haben dennoch nicht die mindeste Chance, an Stelle des gegenwärtigen Inhabers diese Gottes-Position zu übernehmen oder auch nur eine gleichwertige Funktion neben ihm zu erhalten. Das ist für alle Ewigkeit ausgeschlossen.

Zwar deutet nichts darauf hin, daß es Gott tatsächlich gibt, aber eines ist klar: Gäbe es ihn, dann wäre das die größte nur vorstellbare Ungerechtigkeit. 

 

Die Meinung des Gastautors Argutus erschien zuerst im Juni 2011. Er muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

 

 




Buddhas Lehre I


Buddhas Lehre – eine Philosophie?

Sobald man über den Buddhismus spricht, steht man vor dem Problem, sich einen der Begriffe Religion, Lehre oder Philosophie auswählen zu müssen. Betrachtet man den Buddhismus als eine Philosophie, so gilt dies nur unter einem gewissen Vorbehalt: Philosophie im Sinne des Wortes, namentlich „Liebe zur Weisheit“, hätte der Buddha selber als eine treffende Bezeichnung erachtet, aber Philosophie im Sinne eines reinen gedanklichen Konstrukts, welches das Weltgeschehen dadurch zu „erklären“ versucht, daß der Philosoph einen rationalen Zusammenhang herstellt und dementsprechend die Welt auf diese oder jene Art beschaffen sein läßt, mal idealistisch, mal materialistisch, mit oder ohne Dialektik, transzendentaler Kritik oder was auch immer, hätte der Buddha entschieden abgelehnt. Das Denken steht somit unter der Kritik seiner Zweckmäßigkeit. Pragmatische Aspekte standen ihm eindeutig im Vordergrund. Aus buddhistischer Sicht stellt sich die Frage, welchen Wert ein welterklärendes Gebilde denn überhaupt haben soll. Gotama Buddhas Stellungnahme zu den zahlreichen (unnötigen) Theorien ist eindeutig:

Da weiß ein […] Weltling nicht, über welche Dinge man nachdenken soll und über welche nicht. […] Unweise denkt man: War ich in früherer Zeit, oder war ich nicht? […] Werde ich künftig sein, oder werde ich künftig nicht sein? […] Oder es steigen ihm Zweifel über die Gegenwart auf, und er denkt: Bin ich denn, oder bin ich nicht? […] Wer so unweise nachdenkt, verfällt auf eine dieser sechs Theorien: […] „Mein Ich ist“ oder „Mein Ich ist nicht“ oder die Theorie „Mit dem Ich erkenne ich das Ich“ oder die Theorie „Mit dem Ich erkenne ich das Nicht-ich“, oder die Theorie „Mit dem Nicht-Ich erkenne ich das Ich“, oder es bildet sich bei ihm folgende Theorie: „Dieses mein Ich ist […] unvergänglich, dauernd, immerwährend“ […]. Dies nennt man Theorien-Gestrüpp, Theorien-Gaukelei, Theorien-Sport, Theorien-Fessel. Mit einer Theorien-Fessel gefesselt kann ein unkundiger Weltling nicht frei werden von Geborenwerden, Altern und Sterben, von Sorge, Jammer […] und Verzweiflung; nicht wird er frei vom Übel, sage ich. [i]

Die Ursache für das „Theorien-Gestrüpp“ drückt der Buddhismus in einem bekannten Gleichnis aus: Ein König habe einmal alle Blindgeborenen aus Sâvatthi zusammenführen lassen und ihnen einen Elefanten gezeigt. Die Blinden betasteten das Tier und sollten dem König daraufhin schildern, wie ein Elefant aussehe. Die einen beschrieben den Kopf, andere die Füße und wieder andere Rüssel und Ohren. Wegen der abweichenden Meinungen darüber, wie denn das Tier letztlich aussehe, gerieten die Blindgeborenen in Streit, und es kam sogar zu Handgreiflichkeiten. Die Streitereien waren nichts anderes als das Ergebnis der eigentlichen Unkenntnis des gesamten Elefanten (Ud VI, 4).

Einst kam ein Brahmane, der zur Lokâyatika-Schule gehörte ¾ einer Richtung, die man als „Sophistik“ bezeichnen kann ¾ zum Buddha und stellte ihm einige Fragen, die ihm der Samaa aus dem Land der Sakiya sofort beantwortete:

– Steht es wohl so, Herr Gotama, daß alles ist?

– Behauptet man „alles ist“, so ist das, Brahmane die erste Sophistik.

– Steht es aber so, Herr Gotama, daß alles nicht ist?

– Behauptet man „alles ist nicht“, so ist das, Brahmane, die zweite Sophistik.

– Steht es wohl so, Herr Gotama, daß alles Einheit ist?

– Behauptet man, „alles ist Einheit“, so ist das Brahmane die dritte Sophistik.

– Steht es aber so, Herr Gotama, daß alles Vielheit ist?

– Behauptet man, „alles ist Vielheit“, so ist das die vierte Sophistik. Diese beiden Enden [daß alles ist oder nicht ist] vermeidend, Brahmane, verkündet in der Mitte der Tathâgata die wahre Lehre:

Aus dem Nichtwissen als Ursache entstehen die Gestaltungen; aus den Gestaltungen als Ursache entsteht das Bewußtsein […]. Auf solche Art kommt die ganze Masse des Leidens zustande. Aus dem restlosen Verschwinden aber und der Aufhebung der Gestaltungen folgt Aufhebung des Bewußtseins [von etwas …] Auf solche Art kommt die Aufhebung der ganzen Masse des Leidens zustande. [ii]

Die Worte Buddhas vermitteln in aller Deutlichkeit, daß der Sinn einer Lehre darin besteht, zu einem nützlichen Ziel zu führen. Die Frage aber nach der allgemeingültigen „Wahrheit“ oder dem eigentlichen Zustand der Welt, dem „Ding an sich“ etc., ist aus dieser Perspektive heraus gänzlich unwesentlich.

Nimm an, ein Mensch sei von einem vergifteten Pfeil getroffen worden, und seine Freunde und Verwandten holten einen tüchtigen Wundarzt, der Verwundete aber sagte: Nicht eher will ich den Pfeil herausziehen lassen, als bis ich weiß, ob der Mensch, der mich verwundet hat, ein Adliger oder ein Brahmane oder ein Bürger […] ist, wie er mit Vor- und Familiennamen heißt, ob er groß oder klein […] ist, aus welchem Dorf oder aus welcher Stadt er stammt, ob er einen Bogen oder eine Armbrust benutzt hat, woraus die Bogensehne bestand, welcher Art der Pfeil ist, ob die Pfeilfedern von einem Geier oder […] einem anderen Vogel stammen, ob die Sehne von einem Rind oder von einem Büffel […] oder einem anderen Tier stammt, wie die Pfeilspitze beschaffen ist. Dieser Mensch würde sterben, bevor er alles dies erfahren hat. […]

Darum, […] lasset das, was ich nicht erklärt habe, unerklärt sein und haltet euch an das, was ich erklärt habe. Nicht erklärt habe ich, ob die Welt ewig oder nicht ewig, begrenzt oder unbegrenzt ist, ob Seele und Leib dasselbe oder Verschiedenes ist, ob ein Vollendeter nach dem Tode lebt oder nicht lebt. Ich habe es deshalb nicht erklärt, weil es nicht zum Heile beiträgt […]. [iii]

„Inwieweit wären wir wohl in unserer Kultur bereit, anzunehmen, daß ein Mann, der den Beruf eines Philosophen ergreift, in den Besitz geheimnisvoller Kräfte gelange?“, hat Heinrich Zimmer einmal gefragt.[iv] Um ehrlich zu sein ¾ gar nicht. Die Gründe hierfür sind einfach zu benennen: Die Philosophie beansprucht, eine Wissenschaft zu sein und daher für die „Forschung“ allgemein nachvollziehbar. Somit wird ein X zu einem Gegenstand, der in einem rationalen Darstellungssystem mittels Theorien dargelegt wird. Dieser Gegenstand wird folglich aus einer gewissen Außenperspektive erfaßt und verarbeitet. Je nach Perspektive haben wir es mit einer bestimmten philosophischen Richtung zu tun. Warum aber der Idealist mittels Denktätigkeit zum Idealismus, der Materialist zum Materialismus und der Pessimist zum Pessimismus gelangt, ist eine Frage, die wesentlich eher eine psychologische ist.

Dabei aber ist die Philosophie heute ein reiner Selbstzweck, denn keine der gegenwärtigen Richtungen universitärer Philosophien verfolgt etwa „Weisheit“ oder einen Heilszweck. Das heißt, daß die Lebensweise und Person eines Philosophen völlig unabhängig ist von seinem Beruf. In der indischen Tradition hingegen sind Theorien nichts anderes als Beiwerk zum Zweck der Erlösung. Somit ist die Lebensweise von der jeweiligen Lehre nicht zu trennen. Dabei spielen die Praktiken, wie wir sie aus dem Yoga oder anderen Meditationsrichtungen kennen, eine entscheidende Rolle. Steht also die Person selbst im Mittelpunkt des Geschehens und greift auf derartige Methoden zurück, so kann man nicht länger von wissenschaftlicher Objektivität im westlichen Sinne sprechen, deren Resultate jedermann zugänglich sind. Die Qualität möglicher Erkenntnisse ist somit nicht zu sehen als ein Allgemeingut.

Ein Mann namens Sunakhatta hatte einmal die Lehre Buddhas verworfen mit dem Argument, sie sei ein reines Verstandesprodukt. In Vesâli hatte er verkündet:

Der Asket Gotama besitzt nicht den höchsten von Menschen erreichbaren Zustand, den Bereich der völligen Erkenntnis edlen Wissens. Der Asket Gotama predigt eine seinem Denken entsprungene Lehre, die durch seine Überlegung gewonnen ist, die aus seinem Verstande herrührt. Die Lehre, die er eben darum verkündet, führt nicht zur Befreiung von allem Übel bei dem, der nach ihr handelt. [v]

Nicht nur, daß hieraus die in Indien weit verbreitete Ernsthaftigkeit des Anliegens der Einheit zwischen Leben und Lehre hervorgeht, Gotama erklärte daraufhin, daß seine Einsichten und Erkenntnisse sehr wohl keine reinen Verstandesprodukte seien. Man sollte also, wenn man die Grundgedanken der buddhistischen Lehre betrachtet, bedenken, daß wir es nicht mit spekulativen Theorien, sondern vordergründig mit dem Resultat jahrelanger meditativer Praxis zu tun haben. Man kann dem Buddha als westlicher Philosoph glauben oder nicht, man kann diese Eigenheit des Buddhismus etwa mit Freud „erklären“ oder mit Kant wegerklären, aber kompetente Urteile dürften nur von demjenigen zu erwarten sein, der diese Praktiken selbst jahrelang angewandt hat, und dies tun unsere Philosophen und Psychologen nicht. Gotama hatte sich Letzterklärungen, wie wir sie etwa bei Hegel finden, konsequent enthalten, und zwar aus der vernünftigen Einsicht, daß sie nicht möglich sind und zu nichts Verwertbarem führen. So ist kaum eine Gedankenrichtung in dem Maße praktisch und heilsspezifisch ausgelegt wie der Buddhismus.

Werden in der Lehre Buddhas Erklärungen oder Darstellungen metaphysischer Zusammenhänge gegeben, dann jeweils unter dem Aspekt ihrer Zweckdienlichkeit. Die Lehre des Buddha ist somit eher „Liebe zur Weisheit“ als Philosophie, dabei ist sie freilich ebenso perspektivischer Natur wie jede andere Weltanschauung. Der Buddhismus ist eine auf Erlösung angelegte Interpretation des Daseins. Daß sich die Welt auch auf andere Weise interpretieren läßt, ist damit nicht ausgeschlossen.

Die buddhistische Lehre in kurzen Worten

Die Grundgedanken der buddhistischen Weltanschauung lassen sich schon allein aufgrund ihres pragmatischen Charakters in recht wenigen Sätzen, den „Vier Edlen Wahrheiten“, umreißen.

1) Das Leiden: Das Dasein ist als solches mit Leiden verbunden und unterliegt dem Entstehen und Vergehen, daher ist die Endlichkeit notwendiger Bestandteil des Lebens.

2) Die Ursache des Leidens: Das Leben vollzieht sich in einem Kreislauf der Wiedergeburten, die durch das unabänderliche Gesetz des Ausgleichs bestimmt ist. Taten und Tatabsichten bedingen die Daseinsformen ihrer Qualität entsprechend. Sowohl negative als auch positive Handlungen und Absichten fallen auf den Urheber zurück. Ursache für diesen mit Leiden verbundenen Mechanismus des Daseinskreislaufs sind der Lebensdurst und die Affekte des Begehrens und Hassens des Vergänglichen, als Ergebnis der Unwissenheit über den vergänglichen Charakter desjenigen, was eine Person liebt oder haßt. Aus der Unwis­senheit und den Affekten folgt das Haften am Dasein, welches notwendigerweise wieder zu einer Geburt und zu neuem Leiden führt.

3) Die Möglichkeit der Überwindung des Leidens: Die Unwissenheit läßt sich aufheben, die Leidenschaften und der Lebensdurst können überwunden werden, und der Kreislauf der Geburten kann beendet werden, indem die Grundlagen, die zu einer weiteren Geburt führen können, aufgelöstwerden. Die Erlösung ist damit realisiert.

4) Der Pfad zur Erlösung: Der Weg, der zur Erlösung führt, ist der achtteilige Pfad, der die drei Gebiete des Wissen, der Sittlichkeit und der Meditation umfaßt.

Daß wir es hier im wahrsten Sinne des Wortes mit einem „Heilsweg“ oder mit einer Heilmethode zu tun haben, zeigt sich an der Analogie zur damals in Indien verbreiteten Heilmethode der Medizin. Die nämlich diagnostizierte erst die Krankheit, fragte anschließend nach deren Ursache, suchte dann nach der Möglichkeit, die Krankheit zu behandeln, und bediente sich zuletzt des geeigneten Heilmittels.

 

[i] M 2, Schmidt 1961, S. 17.

[ii] S 12, 48, 3-7, nach der Übersetzung Geiger 1925, S. 111 (Hervorhebungen von mir. Der zweite Teil des Textes, Aus dem restlosen . . . ist S 12, 46, 5.).

 

 

 

 

[iii] M 63, Schmidt 1961, S. 193.

 

 

 

 

[iv] Zimmer 1992, S. 69.

 

 

 

 

[v] Jât 94, Dutoit 1908, Jât. Bd. I, S. 395f.

 

 

 

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 




Gläubigkeit im Lichte der Evolution. Über die evolutionären Wurzeln religiösen (und esoterischen) Glaubens


Religion EvolutionOb Religion oder Esoterik, die meisten Menschen hängen einem Glauben an, selbst Atheisten sind nicht selten von der Kraft der Homöopathie, der Macht der Astrologie oder von alternativen Heilmethoden in Form diverser „Wunderkuren“ überzeugt. Kann es sein, dass wir Menschen, wie manche Evolutionsbiologen und Erkenntnistheoretiker meinen, zum Glauben programmiert (verdammt) sind?

Woher rührt das Bedürfnis nach einem religiösen Weltbild, warum ist es so tief in der menschlichen Psyche verankert? Nach den Kriterien der evolutionären Selektion haben sich nur Eigenschaften durchgesetzt, die von Nutzen sind – was nützt Homo sapiens der Glaube an das Unbeweisbare, das oftmals völlig Absurde und warum hat die Evolution ein so kostspieliges Phänomen wie Religion überhaupt hervorgebracht und am Leben erhalten? Rätsel, die die Wissenschaft im Zusammenhang mit Glauben seit langem beschäftigen; dazu auch die Frage, ob Religiosität und bestimmte Formen von Esoterik genetisch bedingt sind, oder auf religiösen Memen (Ideen), die sich erfolgreich vermehrt haben, beruhen.

Der Begriff „Glaube“ ist mehrdeutig; im Alltagsgebrauch und auch in der Wissenschaft verstehen wir darunter Wahrscheinlichkeitsannahmen, bzw. Theorien, die grundsätzlich falsifizierbar sind. Religiöser Glaube unterscheidet sich davon durch die Postulierung absoluter, nicht falsifizierbarer „Wahrheiten“, die durch Offenbarungen, „heilige“ Bücher oder auch „besondere“ Menschen kundgetan wurden. Esoteriken verstehen sich als elitäre – intuitive – „Vernunftmodelle“ für Auserwählte, die „das Wahre“ schauen können; sie bilden zudem einen Sammelbegriff für Praktiken, Techniken und "Denkrichtungen“, die weder empirisch noch rational überprüfbar sind.

Die Erforschung von Glaubensvorstellungen mit wissenschaftlichen Methoden (Anthropologie, Erkenntnistheorie, Evolutions- und Hirnforschung, Psychologie, Ethnologie usw.) richtet sich auf Gründe und Bedingungen religiöser Glaubensentstehung sowie auf deren Erscheinungsformen und Ausprägungen. Die Grenzen zwischen Religionen und esoterischen Praktiken sind dabei fließend, Religionen beinhalten meist staatlich anerkannte und geförderte, Esoterik dagegen staatlich nicht anerkannte, nicht geförderte, Glaubensvorstellungen (wenn eine esoterische Lehre genügend Anhänger findet, kann daraus sehr leicht eine Religion entstehen – siehe Scientology).

Die Frage nach den Gründen für die Entstehung von Religionen beschäftigte Denker von der Antike bis zur Neuzeit, die (säkulare) Antwort bestand bis vor wenigen Jahren überwiegend darin, dass es sich bei religiöser Gläubigkeit um ein kulturell bedingtes Phänomen handle. Der Mensch sei, als sich Selbstwahrnehmung und Bewusstsein hinreichend entwickelt hatten, aus der Erkenntnis seines Ausgeliefertseins, seiner Sterblichkeit und im Hinblick auf die ihn umgebenden unzähligen – oftmals bedrohlichen – Rätsel und Notlagen seiner Existenz zur Erkenntnis gelangt, dass es „höhere Mächte“ geben müsse, die man ansprechen könne und um deren Wohlwollen man sich bemühen muss. Die zu dieser Annahme noch hinzukommenden unbezweifelbaren Vorteile – z.B. in Bezug auf Gruppenbildung mit gruppenspezifischer Kooperation – haben zusätzlich beigetragen, Religionen zu entwickeln: Als soziale Systeme, deren Mitglieder sich zum Glauben an übernatürliche Akteure bekennen und ihre Anhänger mit Symbolen, Werten, Ritualen und geistigen, oftmals auch weltlichen, Führern versorgen.

Neben diesen zweifellos richtigen und wichtigen Gründen für die Entwicklung von Religiosität vermitteln neuere Erkenntnisse einschlägiger Forschung, dass die evolutionären Wurzeln für religiöses (und esoterisches) Denken stammesgeschichtlich wesentlich tiefer liegen; entsprechende Untersuchungen zeigen, dass sie sogar bei höher entwickelten Tieren ansatzweise zu finden sind. Die nachstehenden Ausführungen versuchen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – den derzeitigen Erkenntnisstand darzulegen:

Evolutionäre Wurzeln für die Entwicklung religiöser (esoterischer) Gläubigkeit:

Vorbemerkung: Kausalität, als Bedingtheit des menschlichen Denkens und Fühlens in „Ursache und Wirkung“ sowie Zufall, als kausal nicht erklärbares Ergebnis einer bestimmten Ausgangssituation, prägen unsere Weltsicht. Die Idee des Zufalls ist jedoch evolutionär sehr jung und bei Naturvölkern auch heute noch nicht zu finden: Alle Ereignisse und Erscheinungen besitzen für sie Bedeutung, allen werden Verursacher zugeschrieben (die Wahrnehmung von Zufall bedingt eine Grundfähigkeit zur Wahrscheinlichkeitseinschätzung, wobei die Entdeckung des Zufalls eine größere Menschenzahl erfordert, die bei Frühmenschen, die in kleinen Gruppen auf großen Flächen lebten, noch nicht vorhanden war).

Akteurschaftsannahmen:
Menschen wie Tiere unterliegen einem leicht auslösbaren – evolutionär fürs Überleben in einer gefährlichen Umwelt notwendigen – Instinkt, allem, was sich bewegt, was Geräusche hervorruft, was kompliziert ist, einen Akteur mit ganz bestimmten Absichten (in Form von Annahmen, Wünschen und psychischen Zuständen) zuzuschreiben; die Annahme, es geschehe etwas ohne besonderen Grund, widerstrebt unserer Natur zutiefst. (Selbsttest: Nachtwanderung in einem unbekannten dichten Wald mit vielerlei unbekannten Geräuschen).

Intentionalitätsannahmen:
Die den unbekannten/unsichtbaren „Akteuren“ zugeschriebenen Absichten muss man zu erkennen versuchen, um dafür oder dagegen rationale Verhaltensweisen (Listen, Gegenlisten, Finten usw.) entwickeln zu können. Intentionalitätsannahmen entstanden, bzw. entstehen auf verschiedenen Kognitionsstufen: Zuunterst im Bemühen um Erkenntnis und Befriedigung eigener Bedürfnisse (bei allen höher entwickelten Säugetieren) bis zum (auf einer höheren Kognitionsstufe liegenden) Wunsch, die Bedürfnisse und Absichten anderer Wesen (auch von Ahnen, Geistern und Göttern) zu verstehen – eine „Theory of Mind“ zu entwickeln – und dabei zu versuchen, diese zu beeinflussen. In den noch höher entwickelten Kognitionsstufen („ich denke, dass du denkst, dass ich denke, dass du denkst…“) entsteht der Wille, auch göttliche Absichten zu erkennen und zu beeinflussen, wobei für diesen Zweck u.a. Rituale geschaffen werden. Die höchste Stufe der Intentionalitätsannahme kreiert komplexe Sozialsysteme und Strukturen und ist in religiöser Hinsicht vom Wunsch bestimmt, den Willen der Götter mit menschlichen Bedürfnissen und Wünschen zu versöhnen.

Alle höher entwickelten Lebewesen leben permanent mit intentionalen Annahmen, wobei die Hirnforschung zeigt, dass das Gehirnvolumen mit dem Intentionalitätsannahmevermögen korreliert; nichtintentionales, bzw. nichtteleologisches Denken fällt sehr schwer.

Filter und Voreinstellungen im Nervensystem:

Unser Gehirn besitzt aus guten Gründen Vorlieben für Anomalien, Ausnahmen und Rätselhaftes. Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut, eine selektive Wahrnehmung ist deshalb für unser geistiges Aufnahme- und Erinnerungsvermögen überlebenswichtig.

Hypothesenbildung und Mustererkennung:

Gehirnforscher bezeichnen das menschliche Gehirn als Fiktionserzeugungsapparat. Akteurs- und Intentionalitätsannahmen gemeinsam mit der Vorliebe unseres Gehirns für Anomalien und Rätselhaftes führen zu Hypothesen, wobei es nahe liegt – und entwicklungsgeschichtlich sinnvoll war – alle Rätsel unsichtbaren Kräften zuzuschreiben. Gleichzeitig produziert das Gehirn auch automatisch Wiederholungen seiner Zuschreibungen und Vorlieben, wodurch die Wirkung von Annahmen und bestimmten Eindrücken ganz wesentlich verstärkt wird.

Zusätzlich sind Menschen und Tiere – evolutionär sehr wichtig – darauf programmiert, Muster zu erkennen und in diesen Regelmäßigkeiten zu entdecken. Das menschliche Lernen, bei Kleinkindern z.B. auch der Spracherwerb, erfolgt hauptsächlich über Mustererkennung. Der Wunsch, bzw. Zwang, Muster zu erkennen, verleitet aber auch dazu, Muster dort zu sehen, wo keine vorhanden sind. Die Entdeckung von Mustern und Regelmäßigkeiten – tatsächlich oder vermeintlich – wird mit Verminderung von Angst vor Unvorhersehbarkeit und Unkontrollierbarkeit sich selbst zur Belohnung (Versuchspersonen mit starkem Glauben an Übersinnliches „entdecken“, wie in Hirnscans nachgewiesen wurde, wesentlich stärker als Skeptiker auch dort verborgene Muster und Zusammenhänge, wo es keine gibt).

Autoritätsgläubigkeit
bildet ein wichtiges Selektionsmerkmal für Kindergehirne und ist in frühen Entwicklungsstufen für das Überleben des Kindes mitentscheidend. Die uns angeborene Autoritätsgläubigkeit macht uns für frühkindliche religiöse Prägungen besonders empfänglich und sensibilisiert (verleitet) uns u.U. ein Leben lang zur Imagination omnipotenter höherer Wesen. Frühkindliche Prägungen und Vorstellungen sind im Erwachsenenalter nur schwer überwindbar und, wie die Menschheitsgeschichte zeigt, von überragender Bedeutung. Verstärkend dazu wirkt, dass Autoritätsgläubigkeit durch die Verminderung eigener Entscheidungsverantwortung nicht unwesentlich zum persönlichen Wohlbefinden beiträgt.

Neigung zu Zirkelschlüssen:

Das menschliche Gehirn neigt zu Zirkelschlüssen. Durch Selbstbestätigungen (z.B. durch „Gebetserhörungen“) werden diese zu Selbstbelohnungen und immunisieren gleichzeitig gegen innere Zweifel und Kritik von außen.

Beispiel eines Zirkelschlusses: Die Bibel ist Gottes Wort, denn es steht geschrieben „alle Schrift ist von Gott eingegeben“ (Neues Testament, Paulus Brief an Timotheus).

Religionsentwicklung verläuft in mehreren Stufen:

Aus stammesgeschichtlich erfolgreichen Erkenntnisformen und Verhaltensweisen entwickelten sich nach und nach religiöse Vorstellungen und Praktiken (wobei die Frage offen bleibt, ob diese ein Ziel der Evolution, oder eher ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt – einen Zufall der menschlichen Entwicklungsgeschichte – darstellen).

Im Animismus werden unsichtbare Akteure durch Opfer gewogen gemacht, die Zuschreibungen von Intentionen auf sich bewegende Dinge (Akteure) liefern strategische Informationen und bewirken „religiöse“ Verhaltensweisen (bereits seit ca. 120.000 Jahren gibt es rituelle Totenbestattungen mit Grabbeigaben, die ein Weiterleben nach dem Tode, bzw. die Wirkung von Verstorbenen als übernatürliche Akteure, als Grundannahme vermuten lassen).

Aus animistischen Religionen entwickeln sich Volksreligionen, die noch ohne Schrift und ohne Hierarchien, aber mit Vermittlern (Schamanen), religiöse Rituale vollziehen. Durch permanente Wiederholungen werden u.a. starke Zugehörigkeitsgefühle entwickelt, Weissagungstechniken sowie Immunisierungsstrategien (Mysterien) verstärken und vertiefen sie.

In höher entwickelten organisierten Religionen erhalten religiöse Meme Verwalter in Form von Priestern und Theologen. Die Religionsinhalte werden ausgefeilter, heilige (göttliche) Schriften sowie Initiationsriten (Taufe, Firmung etc.) und Totenkulte stärken die Gruppensolidarität. Organisierte Religionen durchdringen und beherrschen nach und nach alle Lebensbereiche (Erziehung, Kultur, Kunst, Politik), Götter werden zu Tauschpartnern, die man um etwas bitten kann, bzw. bitten muss, göttliche Gegenspieler (Teufel, Dämonen) bekommen große Bedeutung (Gott ohne Teufel wäre ein instabiles Konzept).

Die Vorteile religiöser Gläubigkeit liegen vor allem in der Vermittlung psychosozialer Geborgenheit; sie spendet Trost, angenehme Gefühle und positive Erwartungen. Gebete – als Gesprächstherapie – verstärken Selbstvertrauen und Gruppenzugehörigkeit, vermindern gleichzeitig Ängste und schenken Motivationsgewinn. Auch haben, wie religionsdemographische Studien zeigen, religiöse Menschen mehr Kinder und besitzen zudem meist auch stärkere Gruppenbindungen.

Esoterischer Glaube kann, wie Religionen auch, als Auslösemechanismus für positive Immunreaktionen und Selbstheilungsvorgänge dienen und vermittelt zusätzlich ebenfalls psychosoziale Geborgenheit.

Religiöser wie auch z.T. esoterischer Glaube bieten Orientierung im Dasein und können über Placeboeffekte positive Wirkungen entfalten, manchmal aber auch Noceboeffekte auslösen.

Neben den Vorteilen sind auch die Nachteile religiöser (und esoterischer) Gläubigkeit, die sich unter Berufung auf Offenbarungen und heilige Schriften im vermeintlichen Besitz absoluter Wahrheit wähnt, unübersehbar: Sie verleiten zu Absolutheitsansprüchen und Fundamentalismus sowie in weiterer Folge zu Intoleranz, Lernbehinderung, Wissenschaftsfeindlichkeit und Ablehnung von Andersdenkenden. Auch führt das in manchen Religionen vorherrschende negative Menschenbild der eigenen „Sündigkeit“ zu Rückschrittlichkeit, sexueller Bedrängt- und damit persönlicher Unsicherheit mit vielerlei Ängsten (z.B. vor Verdammnis). Wie die Menschheitsgeschichte zeigt, erweisen sich auf religiösem Glauben basierende Macht- und Herrschaftsstrukturen (Theokratien) oftmals als besonders kriegerisch, brutal und unmenschlich und brachten/bringen unendlich viel Leid über die Menschheit.

Religiöser (esoterischer) Glaube – genetisch und/oder kulturell verankert?

Diese Frage ist nicht völlig geklärt, die Erforschung von Gehirnaktivitäten im Zusammenhang mit religiös/spirituell gedeuteten Bewusstseinsänderungen (Meditation, Trance, Hypnose, Nahtoderfahrungen etc.) lässt jedoch eine hohe Wahrscheinlichkeit erkennen, dass die Neigung zu religiösen Gefühlen (zur Selbsttranszendenz) im Erbgut und die jeweilige Ausprägung des Glaubens kulturell verankert ist. Studien an eineiigen Zwillingen, durch Neurotransmittergaben, mit Elektrodenstimulation des Gehirns, wie auch Erkenntnisse zur Schläfenlappen-Herdepilepsie (die bei Paulus, Mohammed, Jeanne d‘Arc, Joseph Smith, Dostojewski, diversen Schamanen etc. mit hoher Wahrscheinlichkeit post mortem oder real festgestellt wurde) verstärken diese Annahme, wobei allerdings auch einige Untersuchungen, beispielsweise zum vermuteten Vorhandensein eines „Gottes-Gens“ in unserem Erbgut oder eines „Gottes-Moduls“ in unserem Gehirn, sich bis jetzt als nicht stichhaltig erwiesen haben. Trotzdem deutet nicht zuletzt die Hartnäckigkeit, mit der sich religiöse Überzeugungen (bzw. manche esoterischen Praktiken) in allen Kulturen der Welt halten, nach Meinung namhafter Biologen und Evolutionsforscher auf eine genetische Grundlage hin. Der Grazer Philosoph Gerhard Schurz meint dazu: „Wäre Religion nur ein Mem im Sinn von Dawkins, so hätte sie in gewissen Kulturen auch aussterben müssen und dort nicht spontan wieder entstehen dürfen“, der britische Entwicklungsbiologe Lewis Wolpert vertritt die Überzeugung, dass wir Menschen mit einer „Glaubensmaschine“, programmiert von unseren Genen, ausgestattet seien und der deutsche Religionswissenschaftler und Neurotheologe Michael Blume formuliert sogar: „Mit Hilfe unserer Kultur und unseres Verstandes können wir unsere religiöse Grundgläubigkeit so wenig überwinden wie unsere Musikalität“!

Auch wenn man dieser Aussage Michael Blumes nicht zustimmen mag, bleibt doch unbestreitbar, dass uns die Evolution eine gewisse Grundgestimmtheit, bzw. Grunddisposition, zu Gläubigkeit in die Wiege gelegt hat und dass Menschen eher zum Glauben als zum Nichtglauben neigen (Vernunft und Logik kommen selbst gegen abstruseste Glaubensinhalte meist nicht an – credo quia absurdum est).

Zusammenfassung und Schlussbetrachtung:

Als Summe aller bisher vorliegenden Erkenntnisse kann mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass religiöse (und z.T. esoterische) Gläubigkeit ein durch Evolution entstandenes, genetisch bedingtes, natürliches menschliches Phänomen darstellt, das sich in kultureller Evolution memetisch weiterentwickelt und verfestigt hat! Es setzt sich aus Ereignissen, Objekten und Strukturen zusammen, die den Gesetzen der Naturwissenschaften gehorchen und keine übernatürlichen Elemente enthalten!

Wie wir mit dieser Erkenntnis umgehen, bzw. ob wir die Disposition zu religiöser und/oder esoterischer Grundgläubigkeit überwinden können, hängt nicht zuletzt davon ab, wie stark wir frühkindlich diesbezüglich geprägt wurden und wie unsere daran anschließende Sozialisation erfolgte. Etwas überspitzt könnte man es so formulieren:

Wir neigen zu Gläubigkeit, wir müssen und sollten aber beileibe nicht alles glauben: Vor allem nicht Aussagen und Antworten mit Absolutheitsanspruch sowie Aussagen und Forderungen, die den Erkenntnissen von Aufklärung, Humanismus, Wissenschaft und kritischem Rationalismus widersprechen! Durch Erziehung, Bildung und Wissenschaft können wir unsere inhärente Gläubigkeit zum Teil überwinden, zum Teil kanalisieren und dadurch zur Vermeidung gravierend negativer Auswirkungen religiöser und esoterischer Glaubensvorstellungen beitragen!

 

Dr. Gerfried Pongratz, Osterwitz, Österreich




Ich bin der Ich-bin - Die Suche nach "Gott"


JahweDurch das Wort «Ich bin der Ich-Bin» (hebr. אֶֽהְיֶ֖ה אֲשֶׁ֣ר אֶֽהְיֶ֑ה eh'jeh asher eh'jeh) gab sich JahveElohim auf dem Berg Horeb im brennenden Dornbusch dem Moses kund als der Ich-Bin (griech. ἐγώ εἰμί ego eimi), der Ich-Seiende, der Bringer des Ichs, der in seinem wahren Wesen der Christus ist, das Welten-Ich, der aus der Sonnensphäre auf die Erde herabsteigt.

Zeuge: Moses, Aufschreibender: wer auch immer. Hat es jemand verstanden? Wir kommen darauf zurück.

Eine der ältesten Karten der Welt zeigt einen Erdenkreis mit einem himmelan strebenden Babylon in der Mitte, und je näher man sich der Peripherie nähert um so „unordentlicher“, chaotischer, ja anarchischer wird diese Welt. Dass man die Kapitale ins Zentrum setzt, ist dabei eher gewöhnlich in dieser Zeit. Ungewöhnlich, aber vielsagend, ist hierbei die indirekte Aussage: Nur in der Mitte akkumuliert sich alles Wissen dieser Welt, ein Wissen, das identisch ist mit dem Glauben an einen „Gott“, der irgendwo darüber thront. Jede Entfernung von dieser Zentralerkenntnis ist damit gleichsam gegen Wissen und Glauben gerichtet.

Dies war nicht immer so. Zu den Blütezeiten der Naturreligionen lebten die Dämonen, Geister und Götter im unmittelbaren Umfeld. Sie waren direkt verantwortlich für das konkrete Wohlergehen oder alle nur erdenklichen Schicksalsschläge, die die Menschen trafen. Also versuchte man, sie mit Opfergaben (meist Tiere) versöhnlich zu stimmen. Als man nun daranging, das nähere Umfeld abzusuchen, fand man die Geister nicht, allenfalls wilde Tiere, deren Gefährlichkeit aber nicht mit irgendwelchem „göttlichen“ Einfluss in Verbindung gebracht wurde. Also wurden die Götter auf Berge versetzt – der berühmteste wohl der Olymp. Als auch diese erforscht waren, mussten halt die inzwischen entdeckten Planeten („Wandelsterne“) als Sitz der Götter dienen – Venus, Mars und Jupiter zeugen noch heute davon. Schließlich kam man – übrigens an verschiedenen Orten unabhängig voneinander – auf die Idee, alle vorher sauber getrennten Eigenschaften einem einzigen „Gott“ zuzuschreiben, der damit zu einem Monsterwesen aufgebläht wurde mit den bekannten Zuschreibungen wie All-Macht, All-Wissen und anderen All-Bernheiten. Wir bewegen uns nunmehr im Bereich der Monotheismen, die derzeit weltweit dominant sind (Hinduismus und Buddhismus spielen dagegen eine nur untergeordnete Rolle).

Halt! werden nun Juden, Christen und Muslime gemeinsam rufen. Sooo einfach ist es ja nun nicht, schließlich handelt es sich bei der Basis unserer Religionen um Offenbarungen, also gleichsam von „Gott“ selbst vorgegebenen Fakten.

Doch kann nichts über die Tatsache hinwegtäuschen, dass alles, was man über „Gott“ zu wissen glaubt, Niederschriften vom Hörensagen sind. An keiner einzigen Stelle „spricht“ ein „Gott“ selbst zu seinen Fans. Alles über diesen „Gott“ Gesagte kann daher ebenso gut falsch wie richtig sein. Zu dieser Erkenntnis gelangten bereits die Kirchenväter, angefangen bei Augustinus (Si comprehendis non est deus = wenn du es verstehst, ist es nicht Gott) bis hin zu Thomas Cusanus – mithin den Begründern der klassischen negativen Theologie. Wenn also Papst Ratzinger sine erste Enzyklika “Gott ist Barmherzigkeit“ nennt, hätte er mit derselben Berechtigung behaupten können, dass „Gott“ unbarmherzig ist. Die moderne negative Theologie hätte ihm zugestimmt. Also wäre es wohl besser gewesen, sich jeder qualitativen Aussage zu enthalten. Er wäre es den Kirchenvätern schuldig gewesen. Dasselbe, was hier über das Christentum gesagt wird, trifft natürlich auf den Islam ebenso zu. Islamische Theologen wissen das und monieren es auch angesichts des optimistischen Werks von Mouhanad Khorchide „Islam ist Barmherzigkeit“. Bei beiden ist wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens als präzise theologische Überlegung. Ergänzend sei noch angemerkt, wie der große Philosoph der arabischen Hochzeit, Ibn Rushd, die Dinge sah. Er ging wohl im Gefolge von Aristoteles von einer „duplex veritas“ aus, also einem möglichen Auseinanderklaffen von Glaubenssatz und tatsächlichen weltbezogenen Anwendungen. Leider sind genau diese Werke nach Wiedererstarken des Islam, der Hochzeit ein abruptes Ende setzend, in einem frühen Autodafé verbrannt worden. Es lässt sich nur noch aus dem verbliebenen Rest erschließen.

Genau an dieser Stelle scheiden sich nun die Geister. Eine große Mehrheit der Religiösen ist eher geneigt, den orthodoxen Exegesen (im Arabischen entsprechend „tafsîr“) Folge zu leisten und keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen. Man glaubt weitgehend kritiklos, was – im Laufe der Zeit angereichert um zahllose Dogmen oder fatwat – vorgesetzt wird. Durch die allen Religionen eigene frühkindliche Indoktrination wird der klare Blick auf Tatsachen empfindlich gestört. Ein solcher Glaube, da schwer von außen beeinflussbar – sollte deshalb auch nicht angefeindet werden. Man hat ihn als Tatsache hinzunehmen. Nur wenigen gelingt es, über Zweifel allmählich zu anderen Erkenntnissen zu gelangen, die wegen der relativen Starrheit der Religionen dann natürlich schnell im Atheismus landen. Man hat eben keine wirkliche Wahl zwischen orthodoxen und liberal-säkularen Näherungen an die Religion.

Der „gesunde“ Menschenverstand spielt hier eine entscheidende und gleichzeitig tragische Rolle. Abgesehen einmal davon, dass bereits die Etikettierung eine schlichte Unverschämtheit ist (was ist bitteschön ein „ungesunder“ Menschenverstand?), liegt hier im Grunde nichts anderes vor als eine Ansammlung von Vorurteilen, die sich bis zum 18. Lebensjahr verfestigen (das geht meines Wissens auf Dirac zurück, aber ich kann als „Nicht-Gott“ irren).

Wir sehen also, dass für manche ein „Gott“, extrahiert als alten Büchern, existiert, für andere wiederum nicht. Bei dieser Erkenntnis könnte man es belassen, aber ich möchte es noch einmal auf eine andere Art der Erklärung versuchen.

Das mit der damaligen Wissenschaft weitgehend kongruente Ideengebäude des Katholizismus wurde im 16. Jahrhundert gleich von zwei Seiten attackiert. Neben der Reformation Luthers war es die aufstrebende Wissenschaft, die alte Gedankengebäude zum Einsturz brachte. Das heliozentrische Weltbild mit auf Ellipsen (nicht einmal „göttlichen“ Zirkeln) um das Zentralgestirn kreisenden Planeten, die dazu auch noch rotierten, brachte die mittelalterliche christliche Vorstellung von „Oben“ und „Unten“ – mithin Himmel und Hölle – in ärgste Bedrängnis. Wir können uns das heute nur noch sehr schwer vorstellen, was damals an Umwälzungen tatsächlich passierte. Luther war gemessen daran sicher noch das kleinere Übel.

Seitdem haben sich die Wissenschaften mit zunehmender Geschwindigkeit von dem entfernt, was einmal fest begründeter Glaubenssatz war (siehe oben: Babylon). Die Diskrepanz wurde immer größer und bald schien es keinerlei Übereinstimmungen zwischen wissenschaftlichem und religiösem Weltbild mehr zu geben. „Gott“ trat nur noch als Lückenbüßer auf mit immer kleiner werdendem Einflussbereich. Doch stimmt das wirklich?

Betrachten wir einmal kurz die beiden „Außenbereiche“ heutiger Naturwissenschaft: Die Kosmologie einerseits und im Mikrokosmos die Quantenmechanik. Dem Laien sind beide Bereiche gleichermaßen verstandesmäßig unzugänglich. Sie enden in Formelwelten, die nur noch der Mathematik zugänglich sind. Und nicht einmal alle Mathematiker sind noch in der Lage, jeder Wendung in der Quantenmechanik zu folgen. Doch was passiert, wenn Physiker uns diese Welt zugänglich machen wollen?

Gleichungen werden zu Gleichnissen: es wird uns eine untote Katze präsentiert (Schrödinger), die man nur versteht, wenn man zumindest eine kleine Ahnung von der zugrunde liegenden Mechanik des Unbestimmten hat. Kleinstteilchen werden mit Farben versehen, so als ob sie dadurch erklärbarer würden. Und dabei ist man immer auf der Suche nach der „Urkraft“ (GUT, Konsolidierung der Gravitation mit den anderen bekannten Kräften), die man vielleicht niemals finden wird, auch wenn Hawkings felsenfest davon überzeugt ist. Und im Großen? Auch da ist der Erfindungsreichtum der Physiker erstaunlich groß. Ein „Urknall“, den es vielleicht niemals gegeben hat (obwohl Johannes-Paul II enthusiastisch darauf einging) hatte sicherlich keine Klangkomponente und die „Schwarzen Löcher“ rufen im französischen Sprachbereich (trou noir) eher sexuelle Konnotationen hervor, als dass sie etwas zur Sacherklärung beitrügen. Man hätte ein schwarzes Loch auch durchaus als „Kollapsator“ oder ähnlich bezeichnen können.

Der Islam ist übrigens noch weit davon entfernt, ähnliche Aussagen wie die von Johannes Paul II zu akzeptieren. Man behauptet immer, der Islam habe die Aufklärung versäumt und komme deshalb nicht voran. Es ist viel simpler: der Islam ist weitestgehend wissenschaftsfeindlich eingestellt, befindet sich also noch auf der Stufe der mittelalterlichen Catholica.

Warum all dies?

Heute äußern sich zumeist Naturwissenschaftler zu philosophischen Fragen. Die klassische Philosophie stirbt aus. Sie gibt uns nichts mehr, wandert allenfalls ab in soziologische Überlegungen, manche sagen: Spielereien. Und Naturwissenschaftler sind immer nah bei „Gott“, wie immer fern er auch sein mag. Sie können ihn nicht erklären und sie wollen das auch gar nicht. Aber ihrer Materie liegt es eben nahe, bisher Unerklärtes in eine Ecke zu schieben, die irgendwo und irgendwie „Gott“ ist.

Es macht fast den Eindruck, als ob auch Naturwissenschaftler sich nicht vollständig vom Transzendenten lösen könnten. Das klassische – und später bereute – Beispiel ist die Einsteinsche Konstante, mit der er sich ein gravitätisches, also quasi göttliches statisches Universum erhalten wollte, obwohl alle seine Formeln dagegen sprachen.

Reste von Religiosität oder das krampfhafte Bemühen, Dinge erklärbar zu halten? Ich weiß es nicht. Doch genau an dieser Stelle endet Wissenschaft, wenn sie sich nicht mit den psychologischen Grundproblemen der Menschen befasst.

Betrachten wir Religion doch einmal wissenschaftlich. Da die Theologie keine Wissenschaft ist, können wir das natürlich nur von außen betrachten. Dazu sollten wir uns mit dem Phänomen der Meme vertraut machen. Jeder Mensch unterliegt der genetischen Evolution – das darf als Allgemeinwissen vorausgesetzt werden. Dies ist ein höchst langwieriger Prozess, der sich in den überschaubaren Generationen so gut wie nicht bemerkbar macht und daher auch von überzeugten Kreationisten, die in kürzeren Zeiträumen denken, nicht wahrgenommen werden will.

Anders sieht es mit den Memen aus, die man auch als kulturelle Imitationen bezeichnen kann. Sie evolutionieren in aller Regel schnell, sind nachvollziehbar und greifbar. Ein solches Mem kann zum Beispiel ein Musikstück sein, das sich als Ohrwurm für eine Weile festsetzt, bis es irgendwann durch anderes ersetzt wird und verschwindet. Es kann sich aber auch als ein begleitendes Mem in einem größeren Mem-Komplex dokumentieren, wie beispielsweise die ehrfurchtgebietenden Sakralbauten der Religionen, oder die Riten, die mit Religion verbunden sind wie Eucharistie oder dem Zwang zu fünf Gebeten pro Tag. Das hat zwar alles nicht direkt mit dem jeweiligen Mem-Komplex Religion zu tun, unterstützt es aber nach Kräften. Dieser Zusammenhang ist den meisten Religiösen völlig unbekannt.

Unabhängig von den Kern-Memen folgen sie allem, was sich sonst noch so darum im Laufe der Zeit geschart hat – weil sie es nie gelernt haben zwischen primär und sekundär zu unterscheiden. Es ist ja auch für die Protagonisten der Religionen, die schließlich ihr Geld damit verdienen, viel leichter und vorteilhafter, sie in diesem Unglauben zu belassen.

Ich bin der Ich-Bin, obwohl nie von einem der Götter geäußert, erhält damit eine neue Dimension, wenn man es genau betrachtet. Es ist letztlich die Aussage, dass sich ein „Gott“ wie auch immer er beschaffen sein mag, jeder Erkenntnis entziehen wird, so sehr auch seine jeweiligen Fans sich bemühen werden, das Gegenteil zu behaupten. Weder die Physik und schon gar nicht die Religion werden jemals in der Lage sein, begründete Anlässe für seine Existenz zu geben.

So sagt denn auch ein jüdisches Sprichwort so treffend: „Der Mensch denkt und G‘tt lacht.“




Zeuge Jonathan


Vor einigen Tagen erhielt ich per Email einen Artikel (Abschied vom Wachtturm), in dem 3 Frauen ihre Geschichte bei der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas erzählten. Als ich dann kurz darauf den gleichen Artikel verlinkt in der Facebookgruppe „Initiative Humanismus“ las, ergab sich ein recht langes Gespräch, in dem ich mehr oder weniger ausführlich diverse Fragen zu den Zeugen Jehovas und meiner Zeit dort beantwortete.

Als mich Frank Berghaus daraufhin fragte, ob ich nicht Lust hätte, die ganzen Infos zusammenzuschreiben und in einen zusammenhängenden Text umzuformulieren, sagte ich zu und sitze also nun am Samstag Abend vor meinem PC und versuche, dieser Bitte nachzukommen.

Vorab wäre mir jedoch etwas besonders wichtig: Alles, was ich aufschreibe, schreibe ich mit bestem Wissen und Gewissen. Mir ist absolut bewusst, dass die Erfahrungen bei den Zeugen Jehovas extrem unterschiedlich sind. Falls ich Dinge anders erlebte als andere, heißt das somit nicht, der eine lügt oder habe keine Ahnung – es ist einfach oftmals so, dass die vorgegebenen Richtlinien unterschiedlich angenommen und umgesetzt wurden. Falls dennoch Lust zur Kritik besteht – dafür bin ich immer offen, solange sie vernünftig und belegt ist.

Eine weitere Anmerkung ist, dass es schwer ist, von „den Zeugen Jehovas“ zu reden. Wenn ich also diese Formulierung benutze, möchte ich damit nicht jeden einzelnen Zeugen Jehovas meinen, sondern eher die Allgemeinheit, wie ich sie erlebte und wie sie sich durch die Richtilinien zu verhalten hat.

Zu guter letzt noch ein Wort an all jene, die eine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema Zeugen Jehovas erhoffen – ich muss leider enttäuschen. Weder ist mein Aufsatz wissenschaftlich, noch ist er eine sachliche Abarbeitung der Fakten. Es ist eine Aufarbeitung meiner Erfahrungen, gespickt mit Informationen. Sicherlich sagt das nicht jedem zu, und ganz bestimmt ist so ein Aufsatz für nicht wenige gähnend langweilig. Aber zum Glück sind die Geschmäcker unterschiedlich.

Tja, meine Gedanken zu Zeugen Jehovas… Wo soll ich anfangen? Vielleicht ganz am Anfang.

Vor einigen Jahren, 1987, erblickte ich das Licht der Welt. Und dieses Licht wurde immer heller, denn ich wurde in die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas hineingeboren. Eine christliche Ausrichtung, man mag sie fundamentalistisch nennen. Von den Großkirchen unterscheiden sie sich besonders durch einige Lehren. Zum Beispiel hat ihrer Ansicht nach Jesus nicht am Kreuz gelitten, sondern an einem Stamm. Aber wenn ich ehrlich bin, diese Unterschiede in den Lehren sind mir schnuppe. Ich halte allgemein wenig von monotheistischen Lehren, da sie im Kern immer wieder anti-ethisch, irrational und inhuman sind. Darum werde ich diese Unterschiede weitgehend außen vor lassen.

Wie dem auch sei, ich wuchs also bei den Zeugen Jehovas auf. Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit. Die regelmäßigen Gottesdienste, 3x pro Woche und anfangs 1x, später 2x pro Woche den ‚Haus zu Haus Dienst‘ durchführen, Großveranstaltungen in Fußballstadien, sogenannte ‚Kongresse‘ (ich kann behaupten, in fast allen großen deutschen Fußballstadien gewesen zu sein, ohne auch nur ein einziges Spiel gesehen zu haben). Oh, da wäre ich ja schon an der den Zeugen eigenen Sprache angelangt, aber dazu später mehr. 

Die Tätigkeiten machten mir als Kind Spaß. Schließlich freuten sich die anderen Mitglieder darüber, wenn Kinder sich ‚engagierten‘, Lob und Anerkennung ist nunmal ein großer Ansporn. Jedoch wurde ich älter, die Pubertät schlug mit ihrer ganzen Härte zu, und um mir meinen Freiraum zu erkämpfen (naja, ich gebe zu, pubertäre Rebellion gegen die Eltern war mir auch sehr wichtig mit meinen damals 14 Jahren), gab ich bei den ‚Ältesten‘, geistliche Führer einer jeweiligen Gemeinde, an, dass ich nicht mehr dabei sein wolle. Nachdem diese versuchten, mit mir ein ernstes Gespräch über die Sachlage zu führen, wurde mir resigniert mitgeteilt, ich sei nun ‚von der Liste gestrichen‘. Diese Formulierung werde ich nie vergessen, weil sie für mich einen der wichtigsten Schritte meines Lebens einleitete. Großartige Folgen hatte dieses von der Liste gestrichen sein‘ für mich nicht. Immerhin hatte ich nur den Rang eines sogenannten ungetauften Verkündigers, das heißt, ich war kein vollwertiges Mitglied. Im Falle der Taufe wären die Konsequenzen extremer gewesen. Laut den Richtlinien soll der Kontakt zu ‚Abtrünnigen‘, wie die ‚Ausgeschlossenen‘ auch genannt werden, nämlich so weit wie möglich reduziert werden. Für Betroffene bedeutet das, unter Umständen ihr gesamtes (und ich meine es!) soziales Umfeld zu verlieren. Denn tiefe, freundschaftliche Kontakte sollen bitte möglichst innerhalb der Gemeinschaft geschlossen werden. Verliert man diese, ist man verlassen. Zweierlei wird dadurch erreicht:

Erstens, die Person bereut eventuell. Sie spürt den Schmerz und kehrt zurück und die Wärme des Gemeinschaftsnestes (die perverse Logik, Heuchelei und Unmenschlichkeit, Liebesentzug so zu begründen, ist mehr als eindeutig… Hinzu kommt die arrogante Anmaßung, ein jeder Aussteiger habe keine vernünftigen Gründe, denn diese Handhabe setzt sich nicht mit den Gründen auseinander, sondern soll jeden Fall gleich aburteilen. Demnach setzt das „Bereuen“ voraus, man habe „gesündigt“. Das schließt vernünftige Gründe direkt aus, denn das ist nichts, was man zu bereuen habe. Solche psychologischen bzw. psychopathischen Gedankenspiele sind in dieser Gemeinschaft leider keine Seltenheit.). Zweitens wird ein Dorn entfernt. Ein Ausgeschlossener verließ vielleicht aus gutem Grund diese Gemeinschaft. Und SOWAS gehört entfernt. Jegliche Kritik muss im Keim erstickt werden. Mehr noch, man muss davor fliehen. Und nein, diese Formulierung ist keine Übertreibung meinerseits, sondern ein geistiger Erguss der Zeugen Jehovas. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich vor einigen Jahren einen Zeugen fragte, wie Gottes Liebe mit den Qualen auf der Erde in Einklang zu bringen sei. Der kritikwitternde Zeuge verzog sein Gesicht zu einer wirklich hasserfüllten Visage und machte mir deutlich, dass er darüber nicht mit mir zu reden habe. Ich machte in Bezug auf dieses Thema zwar auch sehr, sehr viele positive Erfahrungen, jedoch war die Reaktion des erwähnten Zeugen alles in allem vorbildlich.

Aber gut, zurück zu meinem Ausstieg… Ich war jung, wollte Dinge erleben. Nichts Großes, eigentlich eher Stinknormales. Das erste Bier genießen (lustigerweise machte ich meine ersten Erfahrungen mit Alkohol Jahre vorher bei Feiern der Zeugen Jehovas. Die ‚Coolen‘ tranken um die Wette, wer bei denen sitzen wollte, musste trinkfest sein – ich war es mit 13 nicht, auch nicht, nachdem sie mich sanft zwangen.), Mädchen, vielleicht mal an einem Joint ziehen? Erfahrungen sammeln. ‚Weltlich‘ sein. Mein enger Zeitplan, den ich am Ende meiner Mitgliedschaft erfüllte, lies mir das nicht zu.

Montags – Buchstudium, Besprechung eines bibelerklärenden Buches der Zeugen Jehovas. Dienstags – Buchstudium mit einem ‚Interessierten‘, Mittwochs – Vorbereitung auf Donnerstag, an welchem ein Gottesdienst mit diversen kleinen Vorträgen stattfand (mit 9 oder 10 stand ich das erste Mal selbst vor der Gemeinde und las aus der Bibel), Freitags sowie Samstags stand dann der Haus zu Haus Dienst an und schließlich gab es am Sonntag nochmal einen Gottesdienst, d. h. einen langen Vortrag plus ‚Wachtturmstudium‘.

Aber da ist sie schon wieder, die Zeugensprache. Vielleicht sollte ich kurz einen Abstecher machen: Zeugen Jehovas besitzen eine eigene Terminologie. Meiner Ansicht nach ist das einfach ein Mittel, um sich abzugrenzen, sich elitär zu zeigen (und so wie ich das sehe, ist auch das mit ein Grund für viele Lehren, die vom allgemeinen christlichen Verständnis der Bibel abweichen, so z. B. das Thema um das Kreuz/den Stamm).

Worte wie „Wahrheit“ (= Die Lehre der Zeugen Jehovas), die „Welt“ (= alle Nichtzeugen), das „System der Dinge“ (= Die momentane Weltordnung unter der angeblichen Herrschaft des Satan). Aber auch „Haus zu Haus Dienst“ (= Das regelmäßige Missionieren), das „Bibelstudium“ (= Lesen und verstehen der Bibel unter alleiniger (!) Anleitung der Publikationen, welche für diesen Zweck von den Zeugen Jehovas herausgegeben wurden), „Feinde der Wahrheit“ (=Aufklärer, Kritiker) und so weiter, und so fort, all das ist sind in der ‚Zeugenwelt‘ normale Begrifflichkeiten. So wie man bei Scientology vom Thetan und Auditing redet und es normal ist, gibt es ebenso eigene Begriffe bei den Zeugen Jehovas. Gern Begriffe aus dem Alltag, die dann komplett umgedeutet werden, wie das Beispiel von der „Wahrheit“ zeigt. Natürlich könnte man nun noch auf die psychologie Wirkung dessen eingehen, aber ich muss ehrlich sagen, dass mir das nun doch zu weit führen würde.

Also das war nun mein Wechsel von der „Wahrheit“ in die „Welt“, welche mir als schlechter Ort ohne Freundschaft, ohne Liebe, ohne wahre Mitmenschen vermittelt wurde. Aber mein Wechsel war nur rein körperlich. Mein Verstand, mein Denken hing noch weiterhin dort, wo er die letzten eineinhalb Jahrzehnte verbrachte – im Gedankengut der Zeugen Jehovas. Ich teilte die Menschen weiterhin auf in die, die gerettet werden und die, die in Harmagedon, Gottes Strafgericht an der Menschheit, sterben würden.  Eben ganz so, wie ich es nun einmal lernte. In meiner Kindheit erlebte ich den ‚lustigen‘ Brauch noch, den einige wenige, vor allem alte, Zeugen aufrechterhielten: Verhielt sich jemand im Haus zu Haus Dienst ablehnend gegenüber den Zeugen, notierte man ihn sich als „Bock“. Als jemand, der in Harmagedon keine guten Karten hat. Aber das war nichts Offizielles, ein kleiner, unverbindlicher ‚Spaß‘.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit 17, knapp 18 in der Wohnung meines Bruders (der zu dem Zeitpunkt zu den „Untätigen“ zählte (= Zeugen Jehovas, die nicht ausgeschlossen sind, jedoch kaum mehr die Gottesdienste besuchen)) stand und wir beide uns sicher waren, dass WENN jemand richtig liegt, DANN seien es die Zeugen Jehovas.

Jedoch schlug mein Verstand meinem Willen ein Schnippchen, dachte sich seinen Weg durch die Hirnverrenkungen um 144000 Auserwählte für den Himmel (ja, auch das ist eine Zeugenlehre), landete im Garten Eden während des Sündenfalls, wich kurz der zupackenden Hand eines Jehovas aus, machte Halt vor dem Sündenbock Satan, tanzte eine Weile um das goldene Kalb und landete schließlich, nach jahrelangem Hin und Her, Diskutieren, Streiten, Verletzen und verletzt werden da, wo er heute ist – im Humanismus.

Wenn ich mit Menschen, die nie vorher von dieser Gemeinschaft hörten über die Zeugen rede, denken sie sofort an die Senioren mit mürrischem Blick in der Fußgängerpassage, die Zeitschriften mit den doofen Namen „Wachtturm“ und „Erwachet“ in der Hand halten. Die lieben Alten, die man belächelt. Nun ja, das ist die eine Seite. Die andere ist die interne.

Manipulation, Indoktrination, seelische Folter, genaue Kontrolle der Mitglieder, in früheren Jahren systematische Kindesmisshandlung, das sind Dinge, die leider Realität sind.

Vor kurzem las ich Hamed Abdel-Samads Prognose über die islamische Welt, in welcher er ein islamisches Kinderlehrbuch zitierte, das einbläuen sollte, Ungläubige kämen in die Hölle.

Nun, ich wuchs mit der Lehre auf, dass alle meine weltlichen Freunde in Harmagedon sicherlich verenden werden. Durch nette Illustrationen von schreienden Menschen, brennenden Häusern und zermalmten Tieren in den Publikationen wurde dieser Eindruck verstärkt.  Wo ist der Unterschied? In meinem Bücherregal steht ein Kinderbuch der Zeugen Jehovas (ein Mahnmal), welches Kindern nahelegt, Dämonen würden sich freuen, spielten sich die Kleinen an Penis und Scheide (Nur ums klarzustellen – wir reden hier von sogenannten Doktorspielen und dem vollkommen normalen Entdecken des eigenen Körpers).  Dieses Kinderbuch ist aktuell, es hat den Titel „Lerne von dem großen Lehrer“.

Beispiele dieser Art finden sich zuhauf in der zeugeneigenen Literatur. Ich persönlich wuchs noch mit der Lehre auf, dass das Schlagen von Kindern notwendig sei, um sie auf dem „Pfad der Rechtschaffenheit wandeln zu lassen“.  Wo ist der Unterschied zu einer Gesellschaft, die ihre Kinder vor „Ungläubigen“ warnt und diese verdammt? Natürlich gibt es inhaltliche Unterschiede, aber die geistige Vergewaltigung, die gesellschaftsfeindlichen Inhalte und die Indoktrination sind vom gleichen Kaliber.

Ich werde nie vergessen, wie ein „Kreisaufseher“ (ein von Gemeinde zu Gemeinde reisender Zeuge mit besonderem Ansehen) in einem seiner Vorträge glücklich jauchzend davon schwärmte, wie Kinder zu schlagen seien, sogar Witze darüber machte. Er lachte damit Kinder aus, die weinend verprügelt wurden. Es gibt eine „Sage“, eine Story, die bei Aussteigern und Mitgliedern gleichermaßen die Runde macht. Die kleine Geschichte vom Jungen, der während des Gottesdienstes nicht still sitzen will. Also nimmt ihn sein Vater an die Hand und führt ihn in den hinteren Bereich, um ihm den Hintern zu versohlen, wortwörtlich. Die Gemeinde weiß, was dem Jungen droht, der Junge ebenso. Er weint: „Jehova, hilf mir!“.

In der Gemeinde löste diese Story früher Gelächter aus, wie naiv der Junge sei.

Mir kommen beim Schreiben fast die Tränen, wenn ich darüber nachdenke.

Als ich vor kurzem 2 Zeugen Jehovas die mich besuchten eben darauf ansprach, gaben sie sich sehr überrascht, als hörten sie zum ersten Mal davon. Nachdem ich ihnen eindeutige Stellen in ihrer eigenen Publikation zeigte, welche glasklar aussagten, dass das Versäumen der Prügelstrafe ein Mangel an Glauben, ein Fehlverhalten sei, für das man sich vor Gott zu rechtfertigen habe, fühlten sie sich sichtlich unwohl. Natürlich ist es richtig, dass vor gar nicht allzu langer Zeit die Prügelstrafe allgemein einfach ganz normal war. Mein Vater wuchs mit seinen 5 Geschwistern mit dem Gehstock zu Hause und dem Rohrstock in der Schule auf. Jedoch war es sicherlich nicht normal, Kindesmisshandlung als göttliches „Edikt“ anzusehen, es anzupreisen, zu fördern und zu fordern. Aber das Licht wurde heller (die offizielle Bezeichnung für das Eingeständnis, sich in der Vergangenheit getäuscht zu haben und nun eine Änderung der Lehre vorzunehmen), diese Lehre verschwand aus ihren Schriften und seit dem Jahr 2000 wird man Schwierigkeiten haben, das Anpreisen der Kindesmisshandlung in seiner alten Härte zu finden, eher im Gegenteil.

Besonders auffällig ist das ‚heller werdende Licht‘ auch im Punkt Bluttransfusionen, die dem Leser, der bis hierhin durchhielt, sicherlich schon durch den Kopf gingen, schließlich gibt es kaum ein Thema, für das Zeugen Jehovas so sehr bekannt sind. Waren in der Vergangenheit Bluttransfusionen absolut verboten (basierend auf dem biblischen Gebot, sich des Blutes zu enthalten), sind sie mittlerweile eine Gewissensentscheidung. Oh, wieder ein Zeugenbegriff. Eine Gewissensentscheidung beschreibt eine Sachlage, die zwar nicht offiziell verboten ist, jedoch auch nicht direkt gewünscht ist. Ob Eltern ihre Kinder mit auf weltliche Klassenfahrten gehen lassen, ob Zeugen einen Job annehmen, der ihnen weniger Zeit zum Missionieren lässt, oder ob man eine Bluttransfusion annimmt, das alles sind Gewissensentscheidungen.

Während meines Studiums schrieb ich in der Lerneinheit „Journalistisches Schreiben“ einen Artikel über eine junge Zeugin Jehovas, die aufgrund ihrer Verweigerung der Transfusion starb.  Natürlich wird hier in antrainierter Zeugenmanier erwidert, dass sie ja vielleicht trotzdem gestorben sei. Das ist sogar richtig. Aber unerhört heuchlerisch. Denn die Überlebenschance steht hierbei nicht im Mittelpunkt. Weniger noch, die zählt nicht die Bohne. Sondern einzig und allein das als göttlicher Wille betrachtete Gebot. Selbst wenn Transfusionen den Krebs oder Aids heilen könnten, Zeugen Jehovas müßten darauf verzichten, denn es ist ein biblisches Gebot, zumindest ihrer Auffassung nach. Der Versuch, die angeblichen Risiken von Bluttransfusionen als Grund vorzuschieben, diese zu verweigern, ist entweder Unwissenheit um den eigentlichen Sinn des Verbotes oder aber ganz direkt pure Heuchelei. Jedoch würde im Fall der Bluttransfusionen als 100%iges Heilungsmittel für diverse Krankheiten sicherlich das Licht schlagartig heller werden. So funktioniert nun einmal göttliche Inspiration. Halte so lange an der wirren Lehre fest, bis überhaupt rein gar nichts mehr geht und sage dann, Gott erleuchte dich mit neuem Licht. Er wird schon richtig liegen…

Wobei diese Sachlage mir half, mich zu lösen, mich zu befreien von diesem Glauben. Nie werde ich vergessen, wie ich als junger Teenager weinend im Bett saß, fest zu meinem Gott betend, er möge mir sagen, zeigen was richtig ist. Gar nicht so lange später kam erst der körperliche, später der geistige Ausstieg.

Für mich war später glasklar, ich brauche den klaren Cut. Ich muss mich deutlich von dieser Sache distanzieren. Blame my Rechtsempfinden. Meine Erfahrung war jedoch, dass viele diesen Cut nicht brauchen. Sie können den Spagat wagen und entweder auf die Schnauze fliegen oder aber es hinkriegen. Miterlebt habe ich beides. Wer damit glücklich wird, der soll es ruhig tun.

Vor einigen Jahren las ich ein Interview mit einem Lokalpolitiker, der mehrere Jahrzehnte in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas verbrachte. Er sagte etwas, das ich sehr interessant finde. Er als Mensch sei mit diesem Glauben einfach nicht kompatibel. Diese Worte sind die kurze Beschreibung, mehr noch, die Erklärung für etwas, dass ich sehr lange fühlte und bei anderen Menschen der Szene nie verstand.

Ich bin mit diesem Glauben einfach nicht kompatibel. Meine ethischen Grundlagen und mein Verstand können so nicht funktionieren.  Für andere Menschen klappt es wunderbar, sie passen in diese Form. Oder werden geformt.

Ich bin froh, dass es bei mir anders kam. Jedoch bin ich auch froh, meine Kindheit so verbracht zu haben, wie ich sie verbrachte.

Mehr als froh bin ich jedoch dankbar dafür, die Erfahrungen gemacht haben zu dürfen(und ich schließe all die unschönen Erfahrungen mit ein…), die mich schließlich zu dem Menschen machten, der ich heute bin. Kein anderer will ich sein außer ich selbst.

 

Ich bin mir sicher, viele sehr wichtige Dinge fehlen in meinem bisherigen Aufsatz. Und ich weiß auch, dass es sehr viele Dinge gibt, die bestimmt viel eingehender bearbeitet werden müßten und könnten, auch von mir. Eine Aufarbeitung in dieser Form fand bei mir jedoch schon seit einiger Zeit nicht mehr statt, darum bin ich wahrscheinlich ein wenig ungeübt im Abwägen dessen, was wichtig ist und was nicht. Gesetzt den Fall, dass es positive Rückmeldung geben sollte und falls es gewünscht wird, kann ich sehr gerne noch auf weitere Inhalte oder Fragen eingehen. Gespannt bin ich aber erst einmal, ob jemand bis hierher durchhält.

Die Uhr sagt 21.00 Uhr, seit mehreren Stunden sitze ich hier schon und schreibe, lösche, schreibe, lösche. Grad springt mein Winamp auf die Nummer 5323 meiner Playlist, Michael Jackson – Beat it. Die perfekt Musik für einen Abschluß.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Die Gottes-Antinomien


 LogikDie "Reductio ad absurdum" 

In der Logik gibt es ein sehr mächtiges Hilfsmittel um von Dingen, über die man sonst nur wenig zu wissen braucht, dennoch eines mit absoluter Sicherheit sagen zu können: daß es sie nämlich nicht gibt. Man nennt das die Reductio ad absurdum (also die Zurückführung auf das Unsinnige). Dabei werden aus der Existenz-Behauptung eines Objekts Schlüsse gezogen, die aufzeigen, daß die Eigenschaften dieses Objekts entweder miteinander oder aber mit anerkannten Fakten in unauflösbarem Widerspruch stehen. Die Nicht-Existenz des besagten Objekts ist dann gesichert und steht deshalb fortan außer Frage.

In der Mathematik macht man davon reichlichen Gebrauch. Das berühmteste Beispiel dafür ist die Erkenntnis, daß es unendlich viele Primzahlen gibt. Dabei ist eine Primzahl eine natürliche Zahl (1, 2, 3 …) mit folgenden Eigenschaften: Sie muß größer sein als 1 und sie darf durch keine natürliche Zahl ohne Rest teilbar sein ausgenommen durch 1 und durch sich selbst. Die Reihe der Primahlen beginnt also mit 2, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19 etc. Es gibt unendlich viele davon (das besagt der Satz von Euklid). Aber wieso weiß man das?

Dazu bedient man sich eben dieser Reductio ad absurdum, die in der Mathematik "indirekter Beweis" genannt wird. Zu diesem Zweck nimmt man einmal an, es gäbe nicht unendlich sondern nur endlich viele Primzahlen. Ausgehend von diesen endlichen Anzahl von Primzahlen läßt sich aber auf wenigstens eine weitere schließen, von der man beweisen kann, daß sie sowohl größer als die "größte Primzahl" als auch ebenfalls eine Primzahl ist.

Somit ergibt sich: Aus der Annahme, daß es eine größte Primzahl gibt, folgt logisch, daß es eine noch größere gibt. Das ist ein Widerspruch und deshalb ist klar: es gibt keine größte Primzahl. Man könnte auch sagen, daß der Begriff "größte Primzahl" einen inneren Widerspruch enthält, der zwar bei flüchtiger Betrachtung nicht auffällt, aber dennoch besteht, und das damit Gemeinte unmöglich macht.

Ebenso berühmt aber unter Nicht-Mathematikern viel weniger bekannt ist die Russellsche Antinomie. Bertrand Russell entdeckte zu Beginn des 20. Jahrhunderts, daß die Basis der damaligen naiven Mengenlehre falsch sein mußte. Das ergab sich zwingend daraus, daß es in ihr möglich war, eine Menge mit widersprüchlichen Eigenschaften zu konstruieren, weshalb eine völlige Revision dieses Zweigs der Mathematik nötig wurde.

Für jene, die es interessiert, sei diese sogenannte Russellsche Menge kurz vorgestellt: Sie ist definiert als die Menge aller jener Mengen, die sich selbst nicht als Element enthalten. (Manche Mengen tun das, beispielsweise ist die Menge aller Begriffe selbst ein Begriff etc.) Es läßt sich nun ohne Mathematik bloß mit den Mitteln der Logik zeigen, daß die Russellsche Menge genau dann sich selbst als Element enthält, wenn sie es nicht tut, und umgekehrt.

In der Mathematik können selbstverständlich nur innere Widersprüche in indirekten Beweisen auftreten, aber in den empirischen Wissenschaften sind Widersprüche zu gesicherten Fakten ebenfalls zu berücksichtigen. Auch hier gibt es ein berühmtes und sehr einfaches Beispiel: das Olbers-Paradoxon in der Astronomie.

Der deutsche Arzt und Amateur-Astronom Heinrich Wilhelm Olbers führte 1826 den Nachweis, daß ein Universum von der Art, wie man es sich damals vielfach vorstellte (nämlich unendlich groß, unendlich alt, durchsichtig und gleichmäßig mit Sternen angefüllt) nicht existieren kann. In diesem Fall dürfte es nämlich keine nächtliche Finsternis geben, sondern der Himmel wäre Tag und Nacht an jeder Stelle so hell wie die Sonnenscheibe. Da das ganz offensichtlich nicht zutrifft, war ein solcherart beschaffenes Universum somit abgehakt und man mußte nach anderen Modellen suchen.

Die Reductio ad absurdum, deren Nutzen für die Mathematik und die Naturwissenschaft ich nun kurz skizziert habe, ist aber universell gültig und somit auch auf Philosophie und Theologie anwendbar.

Der Widerspruch von Gottes Allmacht und Allwissenheit

Unter "Gott" soll im Folgenden das verstanden werden, was die christliche Theologie mit diesem Begriff bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine Person (also ein Wesen mit Bewußtsein und Willen), das seit Ewigkeit besteht und alles Existierende erschaffen hat. Gott ist die höchste Form des Seins und hat die Eigenschaften der Allmacht und der Allwissenheit. Außerdem ist er im moralischen Sinn unendlich gut.

Unter dem Begriff der "Allwissenheit" versteht man, daß es keinen Sachverhalt gibt (sei er vergangen, gegenwärtig oder zukünftig), der dem Allwissenden nicht mit vollkommener Genauigkeit bekannt ist. Das hat eine wichtige Konsequenz, die zwar noch keinen Widerspruch enthält, aber viele Menschen doch befremden dürfte: die totale Determiniertheit der gesamten Zukunft.

Ein zukünftiges Faktum, das gewußt werden kann (egal ob von Gott oder von sonst jemandem) muß sicher sein. Hätte es nämlich einen freien Spielraum, dann wäre kein Wissen möglich, sondern bloß eine Wahrscheinlichkeits-Abschätzung. Weiß Gott beispielsweise, daß es am 6. Juni des Jahres 2500 in Rom regnen wird, dann muß es an diesem Tag dort auch tatsächlich regnen, denn sonst hätte er entweder etwas Falsches "gewußt" oder gar nichts, sondern bloß etwas vermutet. Mit einem allwissenden Gott wäre die Welt also von vornherein bis ins kleinste Detail festgelegt. Unsicherheit könnte nur subjektiv eintreten, wenn man die Fakten nicht kennt. Der allwissende Gott aber müßte sie kennen.

Allerdings – und hier setzt der Widerspruch ein – könnte er daran nichts mehr ändern. Nicht nur Allmacht wäre unmöglich, sondern jedwede Macht. Wenn es einen allwissenden Gott gäbe, dann wäre dieser Gott (und jede andere Person ebenso) vollkommen unfähig, irgendetwas willentlich zu beeinflussen. Der Lauf der Welt würde sich abspulen wie ein Film, an dem nichts mehr zu ändern ist.

Fazit: Einen Gott, der sowohl allmächtig als auch allwissend ist, kann es nicht geben.

Die Widersprüchlichkeit des bloßen Allmachts-Begriffs

Jeder kennt wohl die alte Scherzfrage: "Kann Gott einen Stein erschaffen, der so schwer ist, daß er ihn selbst nicht heben kann?". Bei näherer Betrachtung steckt darin eine Menge philosophischer Sprengstoff.

Es kann darauf nur zwei Antworten geben – ja oder nein. Ich habe mit Menschen diskutiert, die entschieden die erste Alternative vertraten: Ja, Gott kann diesen Stein schaffen, weil Gott allmächtig ist. Und anschließend kann er ihn aus dem gleichen Grund auch heben. Der darin enthaltene logische Widerspruch kümmert Gott nicht, denn er steht über der Logik.

Diese Argumentation ist aber nichts weiter als ein sprachlich camoufliertes Eingeständnis der Unmöglichkeit. Was "über der Logik" steht, ist eben unlogisch und deshalb mit den Mitteln der Reductio ad absurdum widerlegbar. Einen in diesem Sinne allmächtigen Gott kann es somit nicht geben.

Das wissen mittlerweile auch die Theologen, weshalb sie die obige Frage verneinen. Ein Stein, den Gott nicht heben könnte, wäre ein Widerspruch zu seiner Allmacht und somit eine Unmöglichkeit. Etwas Unmögliches aber, so sagen sie, kann Gott auch nicht tun.

Das ist eine in zweierlei Hinsicht interessante Position. Erstens macht sie definitiv Abstriche vom semantischen Inhalt des Wortes "allmächtig". Darunter versteht man eine durch nichts eingeschränkte Macht. Wird sie aber durch Logik eingeschränkt, dann ist sie eben keine "All"-Macht im eigentlichen Sinn des Wortes mehr. Das hat übrigens auch nichts mit der Übersetzung zu tun. Was für das deutsche Adjektiv "allmächtig" gilt, trifft gleichermaßen auch auf das lateinische "omnipotens" und das griechische "pankrates" zu. Die Beschneidung der Allmacht zur Vermeidung des logischen Widerspruchs ist somit ein echter Rückzieher.

Allerdings ist das nur der kleinere der beiden Nachteile, die mit der negativen Antwort verbunden sind. Es stellt sich nämlich die Frage, wo die Logik herkommt, an die sich Gott halten muß, und die er nicht verletzen kann. Seine Schöpfung kann sie nicht sein, denn sonst würde sie ja seinem Willen unterliegen und hätte für ihn keine Zwingkraft. Er muß sie also schon vorgefunden haben (und das vor aller Ewigkeit!), denn sie steckt den Rahmen ab, innerhalb dessen er sich auswirken kann. Das absolut Höchste ist ein Gott dieser Art also nicht. Wird er dennoch so definiert, dann liegt ein Widerspruch vor. Einen eingeschränkt "allmächtigen" Gott, der dennoch die höchste Form des Seins ist, kann es somit nicht geben.

Das Theodizee-Problem

Von Gott heißt es, daß er unendlich gut ist, und obwohl dieses Adjektiv "gut" nicht mit gleicher inhaltlicher Strenge gefaßt werden kann wie andere ihm zuerkannte Eigenschaften, treten dennoch gerade hier so massive Widersprüche zur Realität auf, daß darüber in Philosophie und Theologie seit Jahrtausenden gerätselt wird.

Trivialerweise gibt es auf der Welt Dinge, die nicht gut sind, weil sie dazu führen, daß unschuldige Menschen leiden. Warum verhindert das Gott nicht? Will er nicht? Nein, das widerspräche seiner (noch dazu unendlichen) Güte. Oder kann er nicht? Nein, das stünde ja im Widerspruch zu seiner Allmacht. Warum also läßt er so etwas zu?

Die übliche theologische Antwort darauf lautet, daß das eine Folge der menschlichen Willensfreiheit ist. Das ist aber nicht schlüssig, denn viel Leid entsteht aus Ursachen, auf die der Mensch willentlich gar nicht Einfluß nehmen kann (wie beispielsweise ein Erdbeben).

Außerdem ist eine freie Willensentscheidung des Menschen nicht logisch zwingend mit deren kausalen Folgen verbunden. Auch wenn Gott beispielsweise einem bösen Menschen die Freiheit läßt, auf einen Unschuldigen zu schießen, könnte er immer noch die Kugel in ihrem Lauf ablenken, um trotz dieser Freiheit das Opfer vor Schaden zu bewahren. Das tut er aber nicht.

Eine weitere Antwort lautet, daß die Welt eben so beschaffen ist, daß die Freiheit der einen zum Leid der anderen führen kann. Nun, das ist sie offensichtlich, aber wenn Gott diese Welt geschaffen hat, dann ist er auch für ihre Eigenschaften verantwortlich. Er hätte ja auch eine bessere erschaffen können.

Im Gegensatz dazu nahm Leibnitz an, daß unsere Welt bereits die beste alle möglichen ist. Dem ist aber entgegenzuhalten, daß Menschen kein Problem damit haben, sich eine bessere Welt vorzustellen. Eine solche ist somit keineswegs denkunmöglich. Ein allmächtiger Gott könnte also mit Leichtigkeit eine bessere geschaffen haben, auch wenn er den Gesetzen der Logik unterworfen ist.

Eine weitere Antwort auf das Theodizee-Problem ist die Behauptung, daß alles Schlechte doch letztlich zu etwas Gutem führen wird. Aber abgesehen davon, daß das unschwer als Ausflucht zu erkennen ist, hat es auch keine argumentative Kraft. Einem allmächtigen Gott müßte es sicherlich möglich sein, Gutes auch ohne den Umweg über entsetzliches Leid zu erreichen, wenn er das nur wollte.

Das letzte Verzweiflungs-Argument der Theologie ist der Hinweis, daß das Wort "gut" für Gott eine ganz andere Bedeutung haben kann als für uns. Folgt man dieser Argumentation, dann würde es aber sinnlos, den Menschen zu sagen, daß Gott gut ist, weil der semantische Inhalt dieses Adjektivs für uns Menschen verloren ginge. Da könnte man ebensogut ein anderes nichtssagendes Wort verwenden und beispielsweise behaupten "Gott ist unendlich babig". Das wäre sogar noch besser, weil dann keine durch Synonymie hervorgerufene Irreführung mehr einträte.

Die Antwort der Theologie

Werden Gläubige mit den in diesem Artikel vorgebrachten logischen Einwänden so lange konfrontiert, bis ihnen klar wird, daß sie keine Chance mehr haben, sie zu zerstreuen, dann tritt üblicherweise eine charakteristische Reaktion ein: Sie versuchen, der ihnen lästig gewordenen Diskussion auf eine nicht-argumentative (und somit irrationale) Weise zu entfliehen. Kinder und einfache Menschen, die so reagieren, verwenden dabei gerne den Ausdruck "aber trotzdem!".

Theologen käme das wohl zu ungebildet vor, weshalb sie ein lateinisches Äquivalent vorziehen: "Est mysterium fidei" – das ist ein Geheimnis des Glaubens. Will man das auf die Spitze treiben, dann kann man sich noch eines weiteren berühmten lateinischen Satzes bedienen: "Credo, quia absurdum est" – gerade, weil es absurd ist, glaube ich. Na ja, dem ist dann wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Resümee

Der monotheistische Gott der christlichen Theologie hat dogmatisch festgelegte Eigenschaften, die zu logischen und faktischen Widersprüchen führen. Es ist somit sicher, daß es einen so beschaffenen Gott nicht geben kann. Zwar ist es möglich, den Gottesbegriff so abzuwandeln, daß alle hier beschriebenen Antinomien nicht mehr eintreten, aber das wäre dann eben ein anderer Gott und nicht mehr der hier besprochene christlich-monotheistische. Im Hinblick auf diesen jedenfalls ist die Gültigkeit des Atheismus beweisbar. 

 

Die Meinung des Gastautors Argutus muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

An dieser Stelle sei verwiesen auf den Folgebeitrag des Autors:
Gibt es Gott – Warum sollte es?

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Erster Schawwal 1439


islam-1299211_1280Nach gregorianischem Kalender am 14. Juni 2018 stellt sich die islamische Welt wieder vom Kopf auf die Füße: Der Ramadan kommt mit einem Fest namens Aïd el fitr – in deutschsprachigen Gegenden auch Zuckerfest genannt – zu seinem Ende. Dann liegen dreißig entbehrungsreiche Tage hinter den Moslems, soweit sie der Pflicht zum Ramadan nachgekommen sind, was mitnichten durchgängig der Fall ist. Nach Befragungen durch fowid nehmen in Deutschland allenfalls 50% der Moslems die Mühsal der täglichen Tortur auf sich. Das wird auch von islam.de bestätigt. Wer übrigens glaubt, dass das in so genannten „islamischen“ Ländern (mit Ausnahme der Hardliner-Staaten) völlig anders aussähe, täuscht sich über die wachsende Zahl der von mir gern als Kulturmoslems bezeichneten weniger an Religion Interessierten (Bild: OpenClipart-Vectors, pixabay).

Eines der Sprachrohre des organisierten Islams in Deutschland ist islam.de, eine Website, die darum bemüht ist, die „schönen“ und „edlen“ Seiten des Islams darzustellen. Hauptsprecher der Moslems ist Ex-FDP-Mitglied Aiman Mazyek. Durchaus lesenswert – wenn auch völlig aus der Zeit gefallen und weltfremd – ist seine Einführung in das Wesen des Ramadan http://islam.de/16161.php: „Wie einen guten Freund begrüßen Muslime den Fastenmonat Ramadan. Es ist ein Freund, der zum Innehalten anregt, zum Studium des Korans, zur Betrachtung unserer spirituellen Quellen, unserer religiösen Heimat. Es ist eine Zeit der körperlichen Entbehrung und der geistigen Erneuerung, der inneren Einkehr und der Gemeinschaft. Im Ramadan sind die Moscheen voller als gewöhnlich. Im Ramadan rücken Familien und Freunde enger zusammen, ist die Gemeinschaft der Gläubigen spürbarer als sonst. Das Fasten im Ramadan ist die dritte der fünf Säulen des Islams. Es ist ein vierwöchiger Gottesdienst, währenddessen der Mensch über die Beziehung zu seinem Schöpfer nachdenken kann und soll“.

Im Ramadan wird zudem an die Mildtätigkeit der Gläubigen appelliert. Der Zaket, eine weitere Säule des Islam, ist eine am 27. Ramadan festgelegte Summe, die jeder Moslem an Bedürftige entrichtet. Entweder man gibt dieses Geld oder auch eine Sachspende in Form von Nahrungsmitteln an einen Imam, der es an die bedürftigen Empfänger weiterleitet, oder man spendet direkt an eine karitative Einrichtung. Nicht selten werden Wohlhabende zu Banketten geladen, zu denen leicht 250 oder mehr Besucher zusammenkommen, die jeweils ein Iftar (das tägliche Essen zum  Fastenbrechen) zu bewusst sehr überhöhten Preisen einnehmen, damit eine stattliche Summe für die entsprechende Einrichtung zusammenkommt. Das sind – wenn man vom religiösen Hintergrund einmal absieht – sehr schöne Veranstaltungen, an denen sich zum Beispiel hier in Tunesien jeweils auch die ausländische Community lebhaft beteiligt. Auch meine Frau und ich haben mehrfach an so etwas teilgenommen.

Das ideale Bild des „Fastenmonats“ geht auf Mohammed selbst zurück, der angeblich während dieser Zeit seine ersten Begegnungen mit einem „Engel“ namens Gabriel hatte. Von diesem erfuhr er die Worte eines Gottes, den Moslems Allâh nennen. Gebündelt fanden diese Worte sich schließlich im Koran wieder. Erste schriftliche Aufzeichnungen der Visionen des schreibunkundigen Propheten finden sich etwa 40 Jahre nach dessen Tod. Wie viel während dieser Periode mündlicher Überlieferung von den Adepten verändert, umgestellt oder neu hinzugedichtet worden ist, entzieht sich natürlich der detaillierten Kenntnis. Viele der im Koran beobachtbaren Inkonsistenzen lassen sich aber wohl nur durch diesen Transmissionsweg erklären. Entsprechende wissenschaftliche Bemühungen um Klärung werden allerdings von nicht wenigen Moslems argwöhnisch beäugt, selbst wenn die Ergebnisse von der Universität Al Azhar in Kairo stammen, einem Forschungsort, der gemeinhin so etwas wie den Vatikan des Islam darstellt.

Die genaue Anwendung der Regeln verlangt von gesunden Moslems ab der Pubertät rund 14 bis 15 Stunden täglich (in Deutschland leicht auch 18-19 im Hochsommer) und trotz Temperaturen von über 40° im Schatten die totale Enthaltsamkeit: Essen, Trinken, Rauchen sind verboten – und natürlich auch Sex.

Weiterhin sind Meditationen und die vorgeschriebenen Gebete, im Ramadan sechs statt der üblichen fünf, einzuhalten. Zudem soll sich der Moslem dazu auch noch aller „unreinen“ oder feindseligen Einstellungen enthalten – soweit sich das überprüfen lässt. Theoretisch ist eine solche genaue Befolgung, wie auch Mazyek andeutet, nur in einer Gesellschaft möglich, die während dieser Zeit Ferien nimmt, oder die sich darauf beschränkt, eine Herde Schafe und Ziegen und allenfalls einige Kamele zu hüten. In der modernen Arbeitswelt, die der muslimische Gott Allâh entweder nicht voraussehen konnte oder wollte, ist dies praktisch unmöglich. Wie sieht also die Praxis aus?

Von den in Deutschland lebenden Moslems praktiziert nach Angaben von islam.de überhaupt nur in etwa die Hälfte den Ramadan, und auch wohl mehrheitlich (soweit sie im Arbeitsleben stehen) befolgen diese nur den Essens-, Trinkens- und Rauchensteil der Regeln (hier „le jeûne“ genannt), was natürlich bereits für sich allein genommen ungemein schwer fällt.

Für die geforderte Meditation dürfte am Arbeitsplatz genauso wenig Zeit verbleiben wie für die ordnungsgemäße Verrichtung der Gebete. Man stelle sich zum Beispiel einen Fließbandarbeiter vor, der seinen Arbeitsplatz verlässt, um neben dem Band den Gebetsteppich auszurollen! Oder einen Schullehrer, der den Unterricht unterbricht, um sein Gebet zu verrichten. Das würde die (ohnehin angeschlagene) Akzeptanz von Moslems in der westlichen, ergebnisorientierten Gesellschaft sicherlich nicht befördern. Also wird es unterlassen. Das ist auch hier in Tunesien so. Man mache sich da bitte keine falschen Vorstellungen. Von etlichen weiß ich, dass sie sich zwar am Arbeitsplatz selbst zurückhalten (um dem sozialen Druck zu entgehen), doch sobald sie das Firmengelände verlassen haben, wird die erste Zigarette angesteckt und zu Hause zumindest Wasser getrunken, weil es sonst nur schwer auszuhalten ist.

Wegen dieser Unmöglichkeiten verkommt der Grundgedanke des Ramadans zur Enttäuschung nicht weniger strenggläubiger Moslems zur bloßen Einhaltung der äußeren Regelstruktur, der eigentliche Inhalt höhlt sich zunehmend aus. Das sehen auch die moslemischen Verbände so, aber mehr als (fordernde) Appelle an die nicht-moslemischen Kollegen, doch bitte Rücksicht auf die Moslems zu nehmen, fällt ihnen dazu nicht ein. Die Mehrheit soll sich nach ihren Vorstellungen der Minderheit anpassen. Das gehört zu einer ganzen Serie stetiger Forderungen von moslemischer Verbandsseite: die Aufnahmegesellschaft soll sich bewegen – man selbst hat dies nicht nötig, weil man sich im Besitz der alleinigen Wahrheit glaubt. Dieses offensichtliche Integrationsproblem wird von vielen Moslems einfach dahingehend gelöst, dass sie entweder den Regeln des Ramadan nicht mehr folgen, oder die Exerzitien am Abend nach der Arbeit nachholen.

Eine adaptive Lösung der schwierigen Regel, die die Flüssigkeitsaufnahme verbietet, was nicht selten vor allem bei Älteren zu Dehydrationsbeschwerden bis hin zu echten gesundheitlichen Schäden oder gar zum Tod führt, lieferte bereits vor langer Zeit der Gründungspräsident des modernen Tunesiens, Habib Bourguiba, als er im Fernsehen die Frage, ob er den Ramadan befolge, schlicht mit „Nein, ich arbeite“ beantwortete. Ostentativ leerte er ein Glas Wasser nach seiner Antwort. Von den „Rechtgläubigen“ in der islamischen Gesellschaft wird er seither als Apostat bezeichnet. Der Koran verlangt für Menschen wie ihn die Todesstrafe. Die wird aber derzeit nur in den sehr extremen islamischen Ländern wie Saudi-Arabien oder Iran exekutiert.

Die Reduzierung des Ramadan auf die nur äußere Einhaltung der Fastenregeln unter Auslassung der meditativen Anforderungen gibt einen Hinweis darauf, in welche Richtung sich ein sogenannter moderater Islam entwickeln könnte, nicht etwa durch Selbstreform, dazu erscheint er derzeit unfähig, sondern durch den Druck moderater Moslems, die angesichts der doppelten Anforderungen zwischen Religion und Arbeitswelt praktische Lösungen suchen. So wird auch die Flüssigkeitsaufnahme tagsüber nicht auf ewig das Tabu bleiben können, das es heute vielfach noch ist. So bedienen sich zum Beispiel die 60 Arbeiterinnen, die im Unternehmen meiner Frau arbeiten, nach anfänglichem scheuen Zögern inzwischen wie selbstverständlich an den aufgestellten Automaten, die in der nur schwach klimatisierten Halle gekühltes Wasser anbieten.

Romdhane MubarakDie Adaptation an modernere Erkenntnisse und Notwendigkeiten, von Christen und Juden kulturell längst umgesetzt, wird auch den Islam nicht ausklammern, wenn er sich dauerhaft in den europäischen Kulturen etablieren will. Einen Anfang zu den erforderlichen Veränderungen hat in Deutschland der inzwischen emeritierte Göttinger Professor Bassam Tibi gemacht, dessen Vorschläge für einen „Euro-Islam“, ausgerichtet an dem von ihm eingeführten Begriff der „Leitkultur“, vieles von dem, was am Islam stört wie etwa die Shari‘ah oder die Rolle der Frauen, als entweder zweitrangig einstufen, oder dessen völlige Abschaffung einfordern. Inzwischen gibt es auch im Netz, oft von Frauen betrieben, säkular-moslemische Seiten, auf denen Angleichungen der strengen Systematik an das moderne Leben gefordert werden. Unter „säkular-moslemisch“ wird generell ein Islam verstanden, der sich den Anforderungen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung stellt und die Trennung zwischen Religion und Staat fordert. Man kann solche Bestrebungen nur voll unterstützen, denn genauso wenig, wie es gelingen wird, zum Beispiel den Katholizismus völlig abzuschaffen, wird es möglich sein, etwa den Islam zu verbieten. Also muss er gemeinschaftsverträglicher werden, wie dies ja in Teilen zumindest selbst mit den Kirchen gelungen ist – nicht von heute auf morgen, aber immerhin in überschaubarer Zukunft. In Deutschland wurde gerade ein vielversprechender Ansatz zu einem solchen säkularen Islam mit der Gründung der Ibn Rushd-Goethe-Moschee in Berlin gebildet. Die Protagonisten streben dabei als Integrationsbeitrag einen regen Austausch mit der Gesellschaft an – und zwar nicht nur mit der religiösen, sondern auch mit den humanistischen Teilen. Das ist sehr begrüßenswert und wird von vielen Humanisten unterstützt. 

Wenn auch nicht gerade in Saudi-Arabien, so doch in den Randländern des Islam wie zum Beispiel in Tunesien, beginnt der innere Widerstand gegen die als unangemessen empfundene Tortur auf weniger intellektuelle Weise. Man beginnt zu erkennen, in welchem Umfang die Volkswirtschaft durch die strikte Einhaltung der Ramadan-Regeln beeinträchtigt wird. Ein vernünftiges, durchgehendes Arbeiten ist häufig gar nicht möglich, wenn man nur noch in miesepetrige und unleidliche Gesichter blickt. Die Auswirkungen von Nährstoffmangel auf das Wohlbefinden und die Denkfähigkeit sind in den fortschrittlicheren Ländern längst wissenschaftlich detailliert erforscht und gut bekannt. Selbst einfacher veranlagte Hijab-Trägerinnen trauen sich inzwischen trotz des enormen sozialen Drucks, bei anstrengenden Arbeiten in der Hitze, die Wasserflasche in Griffweite zu haben. In manchen Belegschaften finden sich die strikten Befolger bereits in der Minderheit. Dies gilt nota bene in Tunesien, mit Einschränkungen auch in Algerien. In Marokko hindert der §222 des Strafgesetzbuches eine Aufweichung der religiösen Vorschriften. Öffentliches Ramadanbrechen untertags wird mit 6 Monaten Gefängnis bestraft. Immerhin existieren bereits an den König gerichtete Initiativen, dieses Gesetz aufzuheben oder abzumildern.

Ein gesondertes Problem stellt die ständige Übermüdung dar, was sich in einer stark erhöhten Unfallrate auf den Straßen zeigt. Zum Verständnis dieses Phänomens muss man sich den Ablauf einer typischen Nacht im Ramadan vor Augen führen. Abends um ca. 19 oder 20 Uhr ist Iftar, das Ramadanbrechen. Da wird dann wegen des tagsüber erlittenen Mangels gegessen was das Zeug hält (man spricht selbst hier in Tunesien respektlos von „la grande bouffe“ wie der gleichnamige Film: Das große Fressen). Anschließend geht es auf die Straße, um sich mit Freunden und Bekannten in den proppenvollen Cafés zu treffen, was bis ungefähr Mitternacht dauert. Dann ab nach Hause und noch ein paar Süßigkeiten hineingestopft. Spätestens kurz nach 3 Uhr bimmelt der Wecker (in Kairo und anderen großen Städten geht eigens ein Ausrufer um, der die Leute weckt), denn spätestens gegen 4 Uhr ist es wieder vorbei mit der Nahrungsaufnahme. Dass dieser Schlafmangel nicht gerade dazu beiträgt, die Sicherheit im Verkehr zu erhöhen, liegt auf der Hand. Ich war selbst Zeuge der bizarrsten Unfälle, die unter normalen Bedingungen einfach nicht passieren. Der Grund immer wieder derselbe: am Steuer sanft entschlafen!

Das selbst auferlegte Leiden dokumentiert sich am besten in der Reaktion der Betroffenen selbst: Spätestens eine Woche vor Ablauf des „heiligen“ Monats beklagt sich die Mehrheit und zählt nur noch die Tage, bis endlich der 1. Schawwal erreicht ist. Dann beginnt das Leben erneut. Die islamische Welt steht wieder auf den Füßen.

Nachtrag: In der besonderen Situation Tunesiens sei mir eine Randbemerkung erlaubt. Nach der Revolution wurden alle einsitzenden Extremisten (soweit es nicht Schwerstkriminelle waren) aus den Gefängnissen entlassen. Sie bilden das harte Rückgrat extremistischer Parteien wie Ennahdha des Sheikhs Rachid al-Ghannouchi. An derem extremem Rand wiederum befinden sich die eingefleischten Salafisten, die bereits Kinos in Brand gesteckt haben, Frauen ohne Kopftuch gern mal an den Haaren ziehen, oder Sommer-leicht bekleidete Mädchen auffordern, sich züchtig zu bekleiden. Da etliche Cafés in den größeren Städten den Nichtbefolgern weiterhin Getränke und Essen anbieten, befürchtet die Polizei nun Anschläge auf solche Orte und hat die Sicherheitsvorkehrungen entsprechend erhöht. Ich kann nur hoffen, dass diese Maßnahmen von Erfolg gekrönt sein werden, da ich keinen höhnischen Artikel zu einem evtl. Fall in bestimmten Publikationen lesen möchte.

Auf den diesjährigen Stand gebracht am 7. Juni 2018.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.




"Endlich frei von Göttelei" von Helmut Monreal. Rezension von Udo Endruscheit


GötteleiDer Rezensent zeigt sich überrascht. Sowohl vom Umfang des Buches (über 300 recht dicht bedruckte Seiten) als auch von seiner Konzeption. Helmut Monreal legt hier eine Art Kompendium der Widersprüche, Unsinnigkeiten und Zumutungen vor, die das institutionalisierte Christentum in historischer, geistesgeschichtlicher, dogmatischer und alltäglicher Hinsicht von der gottesfürchtigen Herde einfordert. All dies stellt ersichtlich eine Reflexion und Aufarbeitung vieler Dinge dar, die den Autoren lebenslang beschäftigt haben.

Es sei gleich vorweg verraten: Es handelt sich um eine sehr persönliche Bestandsaufnahme des im Klima des rheinischen Katholizismus aufgewachsenen Autors, ohne Zweifel um eine Aufarbeitung persönlicher Kenntnisse, Erfahrungen und Prägungen. Helmut Monreal nimmt seine Sache ernst und pflügt den steinigen Acker der religiösen Begrifflichkeiten, Lehrsätze und Dogmen mit großer Ausdauer. Nahezu alles, was das religiöse Lehrgebäude für den praktischen Glauben enthält, nimmt er sich vor. Und zwar mit ebenso großer Akribie wie Ernsthaftigkeit. Ich gestehe, dass ich bisher kein religionskritisches Werk gelesen habe, das sich mit einer derartigen Intensität dem „täglichen Brot“ des religiösen Themenkreises widmet.

Nach eigenem Bekunden des Autors ist das Buch das Ergebnis des Wunsches, die aufgehäufte „Gedankenlast“, die ihn „drückte und erdrückte“ mit der Niederschrift zu mindern. Nun, man darf anhand des vorliegenden Ergebnisses mit einiger Sicherheit mutmaßen, dass dies eine große Gedankenlast war, zu deren Verarbeitung es erheblicher Mühe und Zeit bedurft hat.

Nun soll es ja Aufgabe des Rezensenten sein, dem Leser der Rezension zu vermitteln, aus welchem Grund er das besprochene Buch lesen (und erwerben) möge. Dazu sei gesagt: Der Leser wird überrascht sein von der Vielfalt der Themen und von der Art ihrer Behandlung – sie werden auf oft überraschende Weise „zu Ende gedacht“. Der Leser wird auch als erfahrener Religionskritiker Gedanken, Schlussfolgerungen und Begründungen finden, die ihm so noch nicht begegnet sind. Er wird aber auch eine Reise unternehmen, die nicht ganz anstrengungslos ist. Das Lesen des Buches ist am ehesten zu vergleichen mit einer langen Wanderung in wechselnden Landschaften mit immer anderem Gelände, mal mit weiten Ausblicken, mal in einem Auf und Ab einer Hügellandschaft. Es mag der stärker verbindende Gedanke fehlen, der eher konzeptionell-monothematisch angelegten Werken zu eigen ist (natürlich ist der verbindende Gedanke per se eine fundierte Kritik am Bestand der religiösen Ramschkiste) – aber das wird ohne Weiteres ausgeglichen durch die unglaubliche, manchmal fast kaleidoskopartige Vielfalt von Themen und Darstellung. Und an so mancher Ecke wartet eine überraschende Wendung oder ein ungewöhnlicher Gedankengang. Ein Kompendium, in gewisser Weise – das aber stets der Gefahr widersteht, ins Lexikalisch-Unlesbare abzugleiten.

Ja, man liest eine Weile an dem Buch. Es erfordert Konzentration. Es gehört aber dann auch zu denjenigen, die man immer wieder einmal in die Hand nimmt, entweder um etwas aus dem Gedächtnis nochmals nachzuschlagen oder aber auch, um ein beliebiges Kapitel oder gar eine beliebige Stelle einfach noch einmal zu lesen.

Von Gottvater selbst über die Schöpfung, über den Begriff der Seele, wie uns die Bibel ihn vermitteln und die Kirche ihn uns weiterhin aufdrängen will, über den für den Nichtgläubigen inhaltsleeren Begriff der Frohen Botschaft bis hin zur jedem mit freiem Blick als Zumutung erscheinende Opfergeschichte des Gottessohnes und noch weit mehr geht das theologische Spektrum. Helmut Monreal spart aber auch die religiöse Last der Lebensrealität nicht aus. Aktuelle Themen wie die Missbrauchsskandale der Kirchen behandelt er ebenso wie die Monstrositäten der Kirchengeschichte, wobei er in diesem Kontext seine Bewunderung für Karlheinz Deschners großes Werk nicht verhehlt.

Dieses Buch ist keine Biografie und auch kein Bekenntnisbuch im eigentlichen Sinne. Trotzdem ist es sehr persönlich und lässt erkennen, dass die Lebenserfahrung des Autors in hohem Grade in diesem Werk zusammengeflossen ist. Er hat mit „Endlich frei von Göttelei“ der aktuellen religionskritischen Literatur einen besonderen, sehr individuellen Akzent hinzugefügt. Einen Akzent, der mit durchaus persönlicher Färbung die „großen Themen“ ins Auge fasst, aber den Blick ebenso auf die unzähligen Zumutungen des religiösen Glaubens richtet, denen der Gläubige durch die Forderungen seiner Kirche – im speziellen der katholischen – ständig in allen Alltags- und Lebenssituationen ausgesetzt ist. Helmut Monreal gibt insofern eine nachvollziehbare Antwort auf die Frage vieler Verunsicherter, was sie von alledem wirklich „glauben sollen“: Nichts.




Dem Glauben Beine machen


104px-Pfarrkirche_Waidegg_-_GlaubeDieser Bericht, den ich 2011 schrieb, gelangt zu Schlussfolgerungen, die sich die weitgehend unorganisierten Glaubensfernen endlich zu eigen machen sollten, wenn sie denn nachhaltig Erfolg mit ihren Bemühungen haben wollen. Der Organisationsgrad ist bisher so gering, dass die Stimme der Vernunft weitgehend ungehört verhallt. Ich setze diesen Artikel deshalb noch einmal ein (Bild von Raul de Chissota in der Pfarrkirche Waidegg, Wikimedia Commons):

Mein Volkswagen-Konzessionär ist ein gemütlicher und freundlicher Mittvierziger. Ich kenne ihn seit acht Jahren und bin mit ihm, er heißt Elyes wie der Prophet, so vertraut, dass ich ihm auch auf den stetig weiter anschwellenden Leib klopfen darf, ohne dass er mir die Frage, ob seine Frau wieder zu gut gekocht hat, übel nimmt. Elyes ist ein Hadj, aber er weigert sich beharrlich, dies auch im Namen zu führen, so wie es die Orient-Experten von Hadschi Halef Omar kennen (ja, ja, Karl May bildet). Er ist normal geblieben und bildet sich nichts darauf ein, dass er – wie es eine der fünf Säulen des Islams vorschreibt – nach Mekka gepilgert ist. Er berichtet aber gern über seine Pilgerreise. Er ist dadurch sicher – nach eigener Aussage – kein besserer Moslem geworden, aber er fand es beeindruckend, dass so viele Leute dort waren, die einfach nur um den schwarzen Block kreisen wollten, dem Teufel Steine hinterherwerfen durften und schließlich auf dem Berg Arafat ein Schaf ins für sie vorgesehene Paradies verfrachtet haben. Da leuchten seine Augen!

Szenenwechsel: Während meiner Zeit als Pilot hatte ich mehrfach die Aufgabe, Pilgergruppen nach Lourdes in Frankreich und nach Fatima in Portugal zu fliegen. Schon aus reiner Neugier blieb ich nicht wie sonst üblich im Flughafenhotel, um auf die Rückkehr meiner Gäste zu warten, sondern ich begleitete sie, übernachtete mit Ihnen in einem einfachen Pilgerhotel und wanderte auch (etwas abseits – gebe ich zu) zu den Erscheinungsstätten. Glücklicherweise ist die fleißige Jungfrau ja immer zur angenehmen Jahreszeit erschienen (was auch dem Tourismus zuträglich ist). Das erleichtert die Bekleidungsfragen. Die Devotionalienläden, die die Strassen säumen, ließen mich eher kalt – obwohl ich zugeben muss, eine kitschige Kerze meiner damaligen Frau als Andenken mitgebracht zu haben. Da konnte ich nicht widerstehen! Was mich viel mehr faszinierte, waren die Pilger selbst, die dort aus aller Herren Länder zusammen kamen. Hingabe im Blick wäre zu schwach als Ausdruck, nein, in den leuchtenden Augen stand regelrechtes Entzücken, eine nicht zu bremsende Freude, der geliebten Jungfrau jetzt so nahe zu sein.

Und dieses Leuchten traf ich bei Elyes wieder: zwei Religionen, die gegensätzlicher nicht sein könnten – dasselbe Leuchten!

Die Frage muss erlaubt sein, was denn das alles mit dem Glauben zu tun habe. Erzbischof Ludwig Schick hat eine Antwort darauf:  „Katholisch von der Wiege bis zur Bahre nimmt rapide ab. Der christliche Glaube und die Kirchen prägen unsere Kultur immer weniger“, sagt er laut kath.net vom 4. Mai 2011. Eine erstaunliche Einsicht für einen Kirchenmann. Also muss etwas anderes her: „Glaube, Kirche und Volksfrömmigkeit äußern sich immer mehr im Event-Bereich, beispielsweise bei Wallfahrten, traditionellen, kulturellen und folkloristischen Festen, bei Taufen, der Erstkommunion, Firmung, Eheschließung bis hin zur Beerdigung“, so Schick. Eine regelmäßige Teilnahme an der Sonntagsmesse und der lebenslange Sakramentenempfang seien hingegen nicht mehr selbstverständlich. Ganz offensichtlich hat er richtig erkannt, was die Schäfchen wirklich bei der Stange hält, das gemeinsame Erlebnis von etwas Besonderem, mit anderen Worten: die Event-Kirche. Das sei die einzige Rettung in einer Zeit der „Säkularisation, die mit Agnostizismus und ‚schweigendem’ Atheismus oder Desinteresse für Religion“ einhergehe. Der Bamberger Erzbischof preist also „Wallfahrten als Ein-Übungen des Glaubens gegen den Säkularisierungstrend unserer Zeit“ und: „Eine der wichtigsten Ein-Übungen ist seit eh und je die Wallfahrt und der Besuch der Wallfahrtsorte. Wallfahren bedeutet dem Glauben Beine machen und den Glauben unter die Füße nehmen“, betont Schick. „Glaube muss getan werden“, so der Erzbischof. „Wir landen bei Gott, bei Jesus Christus, bei der Gottesmutter, bei den Heiligen, die an den Wallfahrtsorten verehrt werden“.

Woran glauben Christen denn überhaupt noch, wenn sie auf diese Art und Weise  bei Laune gehalten werden müssen? Eine Antwort darauf geben die Pfarrer der Aktion „golife“ in Sachsen. Die Zeit führte ein ausführliches Interview mit Ihnen, das ich als Lektüre wärmstens empfehle. Sie erwecken dabei den Eindruck, dass „Gottes Wort“, die Bibel, so weit von den Menschen entfernt ist, dass sie nicht einmal mehr darauf rekurrieren. „Panta rhei“ – alles fließt, da gehen Fundamente flöten, auf denen diese Kirche seit 2.000  Jahren so fest gebaut schien. Mit dem, was ich als junger Mensch in der Kirche mitgeteilt bekam, hat das alles nur noch näherungsweise zu tun.

Zu diesem Schluss kommen auch wissenschaftliche Untersuchungen, die in den Vereinigten Staaten  angestrengt wurden: „Gemeinschaftsgefühl ersetzt den Glauben“.

Wenn religiöse Menschen von sich behaupten, glücklicher und zufriedener zu sein, dann liegt das nicht an ihrer Nähe zu irgendeinem Gott oder einer spirituellen Erleuchtung, sondern erst mal daran, dass Religionsgemeinschaften vor allem letzteres sind – Gemeinschaften. Mitglieder finden hier Anschluss an Freunde, und das sei vor allem, was sie glücklich mache, erklärt Chaeyoon Lim von der University of Wisconsin, gemeinsam mit Robert Putnam (Harvard University) Co-Autor des Papers über "Religion, Social Networks, and Life Satisfaction".

Sie kommen zu folgendem, bemerkenswerten Schluss:

Mit anderen Worten: Religionsgemeinschaften (zumindest die christlichen und jüdischen, von denen sich genug Teilnehmer in der Umfrage fanden – für relevante Aussagen über Muslime und Buddhisten reichten die Daten nicht aus) sind offenbar ebenso hilfreich wie ein Hobbyclub, ein Sportverein – wie jede andere Gemeinschaft, in dem man Menschen treffen und Freunde finden kann. Und die Nähe zu Gott – oder was auch immer – macht nicht wirklich zufriedener. Zumindest nicht in diesem Leben …

Dem ist wenig oder nichts hinzuzufügen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




1. Schawwal 1437


islam-1299211_1280Am 28. Ramadan zeitlich angepasste Fassung:

Nach gregorianischem Kalender irgendwann am 5. oder 6. Juli 2016 stellt sich die islamische Welt wieder vom Kopf auf die Füße: Der Ramadan kommt mit einem Fest namens Aïd el fitr – in deutschsprachigen Gegenden auch Zuckerfest genannt – zu seinem Ende. Dann liegen dreißig entbehrungsreiche Tage hinter den Moslems, soweit sie der Pflicht zum Ramadan nachgekommen sind, was mitnichten durchgängig der Fall ist. Nach Befragungen durch fowid nehmen in Deutschland allenfalls 50% der Moslems die Mühsal der täglichen Tortur auf sich. Das wird auch von islam.de bestätigt. Wer übrigens glaubt, dass das in so genannten „islamischen“ Ländern (mit Ausnahme der Hardliner-Staaten) völlig anders aussähe, täuscht sich über die wachsende Zahl der von mir gern als Kulturmoslems bezeichneten weniger an Religion Interessierten (Bild: OpenClipart-Vectors, pixabay).

Eines der Sprachrohre des organisierten Islams in Deutschland ist islam.de, eine Website, die darum bemüht ist, die „schönen“ und „edlen“ Seiten des Islams darzustellen. Hauptsprecher der Moslems ist FDP-Mitglied Aiman Mazyek. Durchaus lesenswert – wenn auch völlig weltfremd – ist seine Einführung in das Wesen des Ramadan http://islam.de/16161.php: „Wie einen guten Freund begrüßen Muslime den Fastenmonat Ramadan. Es ist ein Freund, der zum Innehalten anregt, zum Studium des Korans, zur Betrachtung unserer spirituellen Quellen, unserer religiösen Heimat. Es ist eine Zeit der körperlichen Entbehrung und der geistigen Erneuerung, der inneren Einkehr und der Gemeinschaft. Im Ramadan sind die Moscheen voller als gewöhnlich. Im Ramadan rücken Familien und Freunde enger zusammen, ist die Gemeinschaft der Gläubigen spürbarer als sonst. Das Fasten im Ramadan ist die dritte der fünf Säulen des Islams. Es ist ein vierwöchiger Gottesdienst, währenddessen der Mensch über die Beziehung zu seinem Schöpfer nachdenken kann und soll“.

Im Ramadan wird zudem an die Mildtätigkeit der Gläubigen appelliert. Der Zaket, eine weitere Säule des Islam, ist eine am 27. Ramadan festgelegte Summe, die jeder Moslem an Bedürftige entrichtet. Entweder man gibt dieses Geld oder auch eine Sachspende in Form von Nahrungsmitteln an einen Imam, der es an die Empfänger weiterleitet, oder man spendet direkt an eine karitative Einrichtung. Nicht selten werden Wohlhabende zu Banketten geladen, zu denen leicht 250 oder mehr Besucher zusammenkommen, die jeweils ein Iftar (das tägliche Essen zum  Fastenbrechen) zu bewusst sehr überhöhten Preisen einnehmen, damit eine stattliche Summe für die entsprechende Einrichtung zusammenkommt. Das sind – wenn man vom religiösen Hintergrund einmal absieht – sehr schöne Veranstaltungen, an denen sich zum Beispiel hier in Tunesien jeweils auch die ausländische Community lebhaft beteiligt.

Das ideale Bild des „Fastenmonats“ geht auf Mohammed selbst zurück, der angeblich während dieser Zeit seine ersten Begegnungen mit einem „Engel“ namens Gabriel hatte. Von diesem erfuhr er die Worte eines Gottes, den Moslems Allâh nennen. Gebündelt fanden diese Worte sich schließlich im Koran wieder. Erste schriftliche Aufzeichnungen der Visionen des schreibunkundigen Propheten finden sich etwa 40 Jahre nach dessen Tod. Wie viel während dieser Periode mündlicher Überlieferung von den Adepten verändert, umgestellt oder neu hinzugedichtet worden ist, entzieht sich natürlich der detaillierten Kenntnis. Viele der im Koran beobachtbaren Inkonsistenzen lassen sich aber wohl nur durch diesen Transmissionsweg erklären. Entsprechende wissenschaftliche Bemühungen um Klärung werden allerdings von nicht wenigen Moslems argwöhnisch beäugt, selbst wenn die Ergebnisse von der Universität Al Azhar in Kairo stammen, einem Forschungsort, der gemeinhin so etwas wie den Vatikan des Islam darstellt.

Die genaue Anwendung der Regeln verlangt von gesunden Moslems ab der Pubertät rund 14 bis 15 Stunden täglich und trotz Temperaturen von über 40° im Schatten die totale Enthaltsamkeit: Essen, Trinken, Rauchen sind verboten – und natürlich auch Sex.

Weiterhin sind Meditationen und die vorgeschriebenen Gebete, im Ramadan sechs statt der üblichen fünf, einzuhalten. Zudem soll sich der Moslem dazu auch noch aller „unreinen“ oder feindseligen Einstellungen enthalten – soweit sich das überprüfen lässt. Theoretisch ist eine solche genaue Befolgung, wie auch Mazyek andeutet, nur in einer Gesellschaft möglich, die während dieser Zeit Ferien nimmt, oder die sich darauf beschränkt, eine Herde Schafe und Ziegen und allenfalls einige Kamele zu hüten. In der modernen Arbeitswelt, die der muslimische Gott Allâh entweder nicht voraussehen konnte oder wollte, ist dies praktisch unmöglich. Wie sieht also die Praxis aus?

Von den in Deutschland lebenden Moslems praktiziert nach Angaben von islam.de überhaupt nur in etwa die Hälfte den Ramadan, und auch wohl mehrheitlich (soweit sie im Arbeitsleben stehen) befolgen diese nur den Essens-, Trinkens- und Rauchensteil der Regeln (hier „le jeûne“ genannt), was natürlich bereits für sich allein genommen ungemein schwer fällt.

Für die geforderte Meditation dürfte am Arbeitsplatz genauso wenig Zeit verbleiben wie für die ordnungsgemäße Verrichtung der Gebete. Man stelle sich zum Beispiel einen Fliessbandarbeiter vor, der seinen Arbeitsplatz verlässt, um neben dem Band den Gebetsteppich auszurollen! Oder einen Schullehrer, der den Unterricht unterbricht, um sein Gebet zu verrichten. Das würde die Akzeptanz von Moslems in der westlichen, ergebnisorientierten Gesellschaft sicherlich nicht befördern. Also wird es unterlassen. Das ist auch hier in Tunesien so. Man mache sich da bitte keine falschen Vorstellungen. Von etlichen weiß ich, dass sie sich zwar am Arbeitsplatz selbst zurückhalten (um dem sozialen Druck zu entgehen), doch sobald sie das Firmengelände verlassen haben, wird die erste Zigarette angesteckt und zu Hause zumindest Wasser getrunken, weil es sonst nur schwer auszuhalten ist.

Wegen dieser Unmöglichkeiten verkommt der Grundgedanke des Ramadans zur Enttäuschung nicht weniger strenggläubiger Moslems zur bloßen  Einhaltung der äußeren  Regelstruktur, der eigentliche Inhalt höhlt sich zunehmend aus. Das sehen auch die moslemischen Verbände so, aber mehr als Appelle an die nicht-moslemischen Kollegen, doch bitte Rücksicht auf die Moslems zu nehmen, fällt ihnen dazu nicht ein. Die Mehrheit soll sich nach ihren Vorstellungen der Minderheit anpassen. Das gehört zu einer ganzen Serie stetiger Forderungen von moslemischer Verbandsseite: die Aufnahmegesellschaft soll sich bewegen – man selbst hat dies nicht nötig, weil man sich im Besitz der alleinigen Wahrheit glaubt. Dieses offensichtliche Integrationsproblem wird von vielen Moslems einfach dahingehend gelöst, dass sie entweder den Regeln des Ramadan nicht mehr folgen, oder die Exerzitien am Abend nach der Arbeit nachholen.

Eine adaptive Lösung der schwierigen Regel, die die Flüssigkeitsaufnahme verbietet, was nicht selten vor allem bei Älteren zu Dehydrationsbeschwerden bis hin zu echten gesundheitlichen Schäden oder gar zum Tod führt, lieferte bereits vor langer Zeit der Gründungspräsident des modernen Tunesiens, Habib Bourguiba, als er im Fernsehen die Frage, ob er den Ramadan befolge, schlicht mit „Nein, ich arbeite“ beantwortete. Ostentativ leerte er ein Glas Wasser nach seiner Antwort. Von den „Rechtgläubigen“ in der islamischen Gesellschaft wird er seither als Apostat bezeichnet. Der Koran verlangt für Menschen wie ihn die Todesstrafe. Die wird aber derzeit nur in den sehr extremen islamischen Ländern wie Saudi-Arabien oder Iran exekutiert.

Die Reduzierung des Ramadan auf die nur äußere Einhaltung der Fastenregeln unter Auslassung der meditativen Anforderungen gibt einen Hinweis darauf, in welche Richtung sich ein sogenannter moderater Islam entwickeln könnte, nicht etwa durch Selbstreform, dazu erscheint er derzeit unfähig, sondern durch den Druck moderater Moslems, die angesichts der doppelten Anforderungen zwischen Religion und Arbeitswelt praktische Lösungen suchen. So wird auch die Flüssigkeitsaufnahme tagsüber nicht auf ewig das Tabu bleiben können, das es heute vielfach noch ist. So bedienen sich zum Beispiel die 60 Näherinnen, die im Unternehmen meiner Frau arbeiten, nach anfänglichem scheuen Zögern inzwischen wie selbstverständlich an den aufgestellten Automaten, die gekühltes Wasser anbieten.

Die Adaptation an modernere Erkenntnisse und Notwendigkeiten, von Christen und Juden kulturell längst umgesetzt, wird auch den Islam nicht ausklammern, wenn er sich dauerhaft in den europäischen Kulturen etablieren will. Einen Anfang zu den erforderlichen Veränderungen hat in Deutschland der inzwischen emeritierte Göttinger Professor Bassam Tibi gemacht, dessen Vorschläge für einen „Euro-Islam“, ausgerichtet an dem von ihm eingeführten Begriff der „Leitkultur“, vieles von dem, was am Islam stört wie etwa die Scharia oder die Rolle der Frauen, als entweder zweitrangig einstufen, oder dessen völlige Abschaffung einfordern. Inzwischen gibt es auch im Netz, oft von Frauen betrieben, säkular-moslemische Seiten, auf denen Angleichungen der strengen Systematik an das moderne Leben gefordert werden. Unter „säkular-moslemisch“ wird generell ein Islam verstanden, der sich den Anforderungen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung stellt und die Trennung zwischen Religion und Staat fordert. Man kann solche Bestrebungen nur voll unterstützen, denn genauso wenig, wie es gelingen wird, zum Beispiel den Katholizismus völlig abzuschaffen, wird es möglich sein, etwa den Islam zu verbieten. Also muss er gemeinschaftsverträglicher werden, wie dies ja in Teilen zumindest selbst mit den Kirchen gelungen ist – nicht von heute auf morgen, aber immerhin in überschaubarer Zukunft.

Wenn auch nicht gerade in Saudi-Arabien, so doch in den Randländern des Islam wie zum Beispiel in Tunesien, beginnt der innere Widerstand gegen die als unangemessen empfundene Tortur auf weniger intellektuelle Weise. Man beginnt zu erkennen, in welchem Umfang  die Volkswirtschaft durch die strikte Einhaltung der Ramadan-Regeln beeinträchtigt wird. Ein vernünftiges, durchgehendes Arbeiten ist häufig gar nicht möglich, wenn man nur noch in miesepetrige und unleidliche Gesichter blickt. Die Auswirkungen von Nährstoffmangel auf das Wohlbefinden und die Denkfähigkeit sind in den fortschrittlicheren Ländern längst wissenschaftlich detailliert erforscht und gut bekannt. Selbst einfacher veranlagte Hijab-Trägerinnen trauen sich inzwischen trotz des enormen sozialen Drucks, bei anstrengenden Arbeiten in der Hitze, die Wasserflasche in Griffweite zu haben. In manchen Belegschaften finden sich die strikten Befolger bereits in der Minderheit. Dies gilt nota bene in Tunesien, in Einschränkungen auch in Algerien. In Marokko hindert der §222 des Strafgesetzbuches eine Aufweichung der religiösen Vorschriften. Öffentliches Ramadanbrechen untertags wird mit Gefängnis bestraft. Immerhin existieren bereits an den König gerichtete Initiativen, dieses Gesetz aufzuheben oder abzumildern.

Ein gesondertes Problem stellt die ständige Übermüdung dar, was sich in einer stark erhöhten Unfallrate auf den Strassen zeigt. Zum Verständnis dieses Phänomens muss man sich den Ablauf einer typischen Nacht im Ramadan vor Augen führen. Abends um ca. 19 Uhr ist Iftar, das Ramadanbrechen. Da wird dann wegen des tagsüber erlittenen Mangels gegessen was das Zeug hält (man spricht selbst hier in Tunesien respektlos von „la grande bouffe“ wie der gleichnamige Film: Das große Fressen). Anschließend geht es auf die Strasse, um sich mit Freunden und Bekannten in den Cafés zu treffen, was bis ungefähr Mitternacht dauert. Dann ab nach Hause und noch ein paar Süßigkeiten hineingestopft. Spätestens kurz nach 3 Uhr bimmelt der Wecker (in Kairo und anderen großen Städten geht eigens ein Ausrufer um, der die Leute weckt), denn spätestens gegen 4 Uhr ist es wieder vorbei mit der Nahrungsaufnahme. Dass dieser Schlafmangel nicht gerade dazu beiträgt, die Sicherheit im Verkehr zu erhöhen, liegt auf der Hand. Ich war selbst Zeuge der bizarrsten Unfälle, die unter normalen Bedingungen einfach nicht passieren. Der Grund immer wieder derselbe: am Steuer sanft entschlafen!

Das selbst auferlegte Leiden dokumentiert sich am besten in der Reaktion der Betroffenen selbst: Spätestens eine Woche vor Ablauf des „heiligen“ Monats beklagt sich die Mehrheit und zählt nur noch die Tage, bis endlich der 1. Schawwal erreicht ist. Dann beginnt das Leben wieder. Die islamische Welt steht wieder auf den Füssen.

Nachtrag: In der besonderen Situation Tunesiens sei mir eine Randbemerkung erlaubt. Nach der Revolution wurden alle einsitzenden Extremisten (soweit es nicht Schwerstkriminelle waren) aus den Gefängnissen entlassen. Sie bilden das harte Rückgrat extremistischer Parteien wie Ennahdha des Sheikhs Rachid al-Ghannouchi. An deren extremem Rand wiederum befinden sich die eingefleischten Salafisten, die bereits Kinos in Brand gesteckt haben, Frauen ohne Kopftuch gern mal an den Haaren ziehen, oder sommer-leicht bekleidete Mädchen auffordern, sich züchtig zu bekleiden. Da etliche Cafés in den größeren Städten den Nichtbefolgern weiterhin Getränke und Essen anbieten, befürchtet die Polizei nun Anschläge auf solche Orte und hat die Sicherheitsvorkehrungen entsprechend erhöht. Ich kann nur hoffen, dass diese Maßnahmen von Erfolg gekrönt sein werden, da ich keinen höhnischen Artikel zu einem evtl. Fall in bestimmten Publikationen lesen möchte.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Schmuddelkinder ausgegrenzt


dirty-59783_960_720In seinem Kommentar vom 27.12. protestiert der HABO-Sprecher Dennis Riehle (Web, Blog) gegen die Ausgrenzung vom Protest. Genauer gesagt, geht es um die Gleichberechtigung der Säkularen beim Thema Glaube und Weltanschauung. Riehles Fragen: Nur „Vergessen" oder gezielte „Ausgrenzung"? Sind wir die „Schmuddelkinder" der der Gesellschaft? (Bild: Hans, pixabay)

 

Säkulare bleiben bei Stuttgarter Protestaktion außen vor…

Am 16. Januar 2016 protestiert ein breites Bündnis von Parteien, Gewerkschaften und Kirchen in Stuttgart für ein gemeinsames Einstehen gegen jegliche Form von Rassismus in Baden-Württemberg. Eingeladen wurden Veranstalter, die die breite Bevölkerung repräsentieren sollen: Von der Eisenbahnergewerkschaft über die Linkspartei bis hin zur Erzdiözese. Soweit erkennbar, sind die jüdische und muslimische Gemeinde unter den Mitveranstaltern. Und von Seiten der säkularen Szene? Blickt man auf die Bandbreite der vielen Logos, die auf der Ankündigung als Mitwirkende aufgelistet sind, sucht man vergeblich nach Humanisten, Freidenkern oder Atheisten. Ihre Verbände wurden offenbar gar nicht erst angefragt, ob auch sie sich beteiligen wollen, ein Zeichen für eine tolerante Gesellschaft zu setzen.

Meint man es gut, könnte man schlicht feststellen, die Organisatoren hätten uns einfach „vergessen". Böswillig könnte man aber auch sagen, die säkularen Vertreter wurden wieder einmal ausgegrenzt. Wenn die Kirchen berücksichtigt sind, so dürfte wohl die landläufige Meinung sein, ist das breite Spektrum der Weltanschauungen abgedeckt. Da kann man leicht übersehen, dass die glaubensfreien Menschen mittlerweile die größte „Konfession" in unserem Land bilden. Entweder ist man katholisch oder evangelisch, so scheinen es auch die Verantwortlichen der Demonstration in Stuttgart als Selbstverständlichkeit anzusehen. Dass dabei aber mindestens 30 Prozent der Bürger einfach unter den Tisch fallen, darf man gerade bei einer Veranstaltung unter dem Motto „halt!zusammen" als bezeichnend betrachten.

Man kann sich viele Gedanken darüber machen, weshalb es noch immer nicht alltäglich ist, beim Thema Glaube und Weltanschauung diejenigen als gleichberechtigt anzusehen, die säkularer Überzeugung sind. Sind wir die „Schmuddelkinder" der Gesellschaft, kaltherzig und ohne Empathie, weil wir die Nächstenliebe nicht über Gott, sondern über das Menschsein definieren – und damit (zumindest in den Köpfen vieler Einwohner) weiterhin als Minderheit zu betrachten sind, die nicht in die von Kirchen oktroyierte Geschichtsdeutung des „christlichen Abendlandes" passen? Nicht zum ersten Mal sind Humanisten, Freidenker und Atheisten herausgefordert, sich der Provokation zu stellen. Sich klein machen, sich ducken und demütig mit einer leisen Stimme ganz zaghaft darauf hinzuweisen: „Wir sind auch noch da!".

So hätte es gerade die Kirche vermutlich am liebsten: Das Betteln der „Ungläubigen", mitmachen zu dürfen. Es stellt sich wiederum die Frage, ob eine Demonstration, die von einem breiten Bündnis zivilgesellschaftlicher Vereinigungen ausgerichtet wird, derart klerikal unterwandert ist, dass sich von Sozialverbänden über Lesben- und Schwulenvertretungen bis zu Menschenrechtsorganisationen verschiedenste Gruppen derart vereinnahmen lassen, um schlussendlich uns Säkulare (un-)bewusst zu übergehen. Mitleidig könnten wir es als unwürdig anprangern, dass erst ein Nachfragen nötig wird, um beim „halt!zusammen" aufgenommen zu werden. Doch das braucht es gar nicht: Mit ihrem Verhalten der Selektion hat sich die Protestaktion „gegen Rassismus und Gewalt" schon selbst degradiert. Die Botschaft, die man aussenden will – den Zusammenhalt der Gesellschaft zu forcieren –, wurde von eigener Seite bereits vor Beginn des 16. Januar 2016 gebrochen.

„Wir sind die Vielen […] in unserem Land" – so das Aushängeschild für die Demonstration – die sich gegen eine Benachteiligung wenden. So weit, dass ich den Organisatoren unterstelle, sie würden uns Säkulare in die Reihen von „Rassisten" verorten, will ich nicht gehen. Aber meine Verärgerung ist offenkundig. Denn wer den Anspruch erhebt, für ein Bündnis zu stehen, das sich bei näherer Betrachtung als unvollständig herausstellt, der hat entweder seine Absichten unzureichend definiert – oder ist eben doch nicht in der Lage, den persönlichen Anforderungen nach einer breiten Integration standzuhalten. Insofern wünsche ich den Veranstaltern eine nachdenkliche Protestaktion, die nicht in erster Linie die Finger auf Andere richtet, sondern ihr eigenes Verständnis hinterfragt…

 

Dennis Riehle, Sprecher
Humanistische Alternative Bodensee
Säkular-humanistischer Zusammenschluss

 

 




Marx möchte gern…


euro-1002807_960_720Einen unweihnachtlichen Kommentar erhalten wir am 24.12. von  Georg Korfmacher. Auf seiner Site steht AugenÖffner und Laizität für eine bessere Demokratie. Thema ist ein Marxismus besonderer Art – das Bild von McLac2000, pixabay, zeigt, worauf es ankommt:

 

Marx möchte gern…

von Georg Korfmacher, München

Berockt, berückt und in barockem Ambiente plaudert der Primat von der Isar kürzlich in Pressegesprächen darüber, was ihn zu bewegen bzw. zu bedrücken scheint. „Wichtig ist doch, dass wir über alle Probleme reden, sie ansprechen“, so Marx. Na dann. Aber bitte, nur ansprechen, nicht anpacken.
 

Natürlich treibt auch ihn die fratzenhaft verzerrte Islamisierung um, zumal da bei ihm unangenehme Erinnerungen an grauenhafte Christianisierungen hochkommen müssen. Also wiegelt er lieber ab. Nein, man dürfe die Muslime, die man ja zur Sicherung des eigenen Wohlstandes ins Land eingeladen hätte, zur Ausübung ihres Glaubens nicht in Garagen verbannen. Das wäre dann wirklich ähnlich den ersten Christen im alten Rom, die in den Untergrund der Katakomben gezwungen waren. Und überhaupt sei religiöse Vielfalt auch eine Möglichkeit für viele Christen, wieder vertiefter zu ihrem eigenen Glauben zu finden. Wenn die also schon nicht mehr in die eigenen Kirchen gehen, könnten sie also einmal bei den Muslimen vorbeischauen. Vielleicht gefällt es ihn dann dort doch nicht so mit dem vielen auf und nieder und sie kommen dann doch lieber in die Kirchen zurück, wo man sich wenigstens ordentlich setzen kann. Ansonsten gab er zu diesem Thema vom Primaten nichts Neues.

Ach ja, die Flüchtlinge. Erst als junge Menschen am Münchner Hauptbahnhof mit weltweitem Medienecho vormachten, wie es auch gehen könnte, lief auch er eilig dorthin und zeigte sich beifallheischig. Bis dahin hatte man von Marx zu diesem Thema nichts gehört und gesehen. Wo war er z.B. als Asylanten auf dem Münchner Rindermarkt wegen miserabler Bedingungen in den Hungerstreit getreten waren und von der Polizei weggeschleppt wurden? Seinerzeit war das Thema wohl zu heikel, heutzutage ist es telegen. Da muss man sich zeigen. Und ausserdem sei das von Gott auf die Tagesordnung gesetzt. Da sei es ein humanitärer Skandal und kurzsichtig, wenn die westliche Welt nicht genügend Mittel für die Flüchtlinge bereitstelle. Aber warum geht die weltweit tätige Catholica da nicht mit gutem Beispiel voran? Weil sie gerade für eine Stange Geld den Domberg in Freising aufwendig renovieren muss? Diskussionen über Obergrenzen hält er für Scheingefechte, weil sie in die Irre führten. Gleichwohl müsse man über eine Begrenzung der Zuwanderung nachdenken, zumal „den Kirchen in Deutschland langfristig die Aufgabe zuwachse, besonders den Christen unter den Flüchtlingen nahe zu sein“. Menschenwürde also doch eher nur für Christen? Also doch Abschottung und Präferenz? Eine ziemlich vermurkste Argumentation.

Tiefgründig aber nicht ganz neu die Gedanken zu Kirche und Staat. „Kirchen wollten nicht selbst Politik machen, sondern Politik möglich machen. Dazu überprüften sie, ob die konkrete Politik mit dem christlichen Menschenbild vereinbar sei“. Wie das genau geht, kann man in „Kirchenrepublik Deutschland“ von Carsten Frerk nachlesen. Einfach grauenhaft!

Ebenso bemerkenswert wie dümmlich die Aussage, dass sich die Kirche früher – früher? – mit Demokratie und Liberalismus schwer getan habe, während er heute wisse: „Eine freie und offene Gesellschaft entspricht dem Evangelium." Die Zukunft liege "in einer offenen und vielfältigen Gesellschaft". Diese Erkenntnis scheint nagelneu, geradezu revolutionär und sicherlich mit seinem kurialen Primaten-Kollegen Müller nicht abgestimmt. Der bayerische Vorgängerpapst hatte dazu auch eine dezidiert andere (unfehlbare) Meinung. Es muss ein marx‘sches Geheimnis bleiben, wo und was in der Bibel über eine freie und offene Gesellschaft nachzulesen sein soll. Nach gesicherter allgemeiner Erkenntnis ist die Catholica in Geist und Struktur zutiefst anti-demokratisch und hat bis heute die UN-Menschenrechtskonvention von 1948 nicht ratifiziert. Zu brennenden Gesellschaftsfragen schweigt sich der Primat von der Isar höchst vorsorglich und beharrlich aus. Da möchte er wohl gerne lieber nichts. Sein Papst wird’s mit seinen Inspirationen schon richten.

Ach ja, er wolle die Finanzstrukturen seines Bistums transparenter machen. Das verspricht er zwar schon seit dem Skandal von Limburg, geschehen ist bisher nichts. Ist ja auch sooo kompliziert bei all den Körperschaften des öffentlichen Rechts bis hinab in die kleinsten Pfarreien. Auch da wäre dem Kardinal eine Nachhilfestunde bei Carsten Frerk zu empfehlen.

Zum neuerlichen Einsatz deutscher Soldaten in Syrien vermerkt er sybillinisch, dass er nicht erkennen könne, „dass das der richtige Weg wäre". Erst mit einem Friedensplan hält er einen militärischen Einsatz für moralisch gerechtfertigt. Auch nicht neu. Seit Konstantin hat die Catholica jeweils mit einem Heilsplan verheerende militärische Einsätze gegen Andersdenkende gefördert und/oder geführt. Militärische Einsätze sind immer mit Mord verbunden. Das ahndet die Catholica eigentlich in einem Gebot, scheint es aber durch Militärseelsorge eher zu fördern.

Die Freiheit! Natürlich! Theologisch müssten die Religionsgemeinschaften intensiver über Freiheit nachdenken. Nein! Nur ja nicht theologisch, sondern nach den Regeln der Demokratie! Gerade noch hatte sein Pontifex öffentlich verkündet, dass Religion Krieg in sich trägt, weil sie Menschen beherrschen und kontrollieren will. Freiheit ist spätestens seit der Französischen Revolution ein unveräusserliches Menschenrecht, das keinerlei theologischen Nachdenkens bedarf. Das sollte der vielgereiste Kirchenmann spätestens seit seinem Studium in Paris wissen. Aber da war er vielleicht zutiefst mit Schöpfungstheologie beschäftigt. Und da kommt demokratische Freiheit nicht vor.

Bei seiner Aufforderung, "auf der Basis echter Kenntnisse und in ernster Weise" zu diskutieren, sollte sich der Primat von der Isar an die eigene Nase packen. Geplaudert hat er viel und praktisch doch nichts gesagt. Was möchte Marx eigentlich gern?

Link zur Seite von Georg Korfmacher

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Was malen, was tun Schizophrene – und warum?


saccokondkreuzNachtrag 28.12.: Überschrift, Text und Bilder ergänzt und überarbeitet – Ein neuer Beitrag von Frank Sacco, Doktor der Medizin und Religionskritiker, befasst sich mit dem wirklichkeitsentrückten Denken der Schizophrenen. Anhand von Bildern demonstriert Sacco, wie traumatisch die Androhung einer ewigen Folterhölle und andere kirchlich eingeredete Schuld wirken kann. Saccos Fazit: Während der „gesunde“ Erwachsene und der Schizophreniepatient die Brutalität ihrer Religion erfolgreich verharmlosen, sind Kinder ihr hilflos und mit allen Folgen  ausgeliefert.
 

Was malen, was tun Schizophrene – und warum?     von Frank Sacco

Stellt das wirklichkeitsentrückte Denken der Schizophrenen den Versuch einer Heilung dar? C. G. Jung und einige alte Meister waren dieser Meinung.  Wir sprechen von Defektheilung, wenn die Erkrankung im Prinzip  bestehen bleibt, jedoch erträglicher wird. Nur isoliert (z. B. mittels Neuroleptika) einen Wahn zu behandeln, ohne zuvor die Krankheitsursache anzugehen, ist ein heute regelmäßig begangener Fehler in der Psychiatrie, die sich mit einer erlebnisbedingten Genese der Erkrankung heute so gut wie nicht mehr beschäftigen mag. Man äußert, und das ohne Beweis, die Angelegenheit sei „genetisch“ bedingt. Dabei ist es in der Regel Gottangst, die  größte Angst des Menschen, die in eine „rettende“ Psychose führt.

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von einem Psychotiker nachempfundenes Bild (Ausschnitt)

(Original von Werner Voigt,  Die Alsterdorfer Passion II, 1986) 

Werner Voigt, ein Patient mit einer Schizophrenie,  ist einer der bekanntesten Künstler der Gruppe „Die Schlumper“ in Hamburg. Er starb im Alter von 79 Jahren im Sommer 2015. Er überlebte die Euthanasiebestrebungen des 3. Reiches. Der Aufenthalt in den kirchlich geleiteten Alsterdorfer Anstalten war eine Qual. In dem hier zu besprechenden Gemälde (Die Alsterdorfer Passion von 1986) berichtet er uns darüber schriftlich: „Erst haben sie mich geschlagen und gepettet, dann haben die Pfleger mich in Wachsaal getragen… In der Schneiderei hat mich der Meister mit dem Bügelbrett auf den Kopf geschlagen.“ Voigts Bilder, auch das hier diskutierte, sind teilweise  im Internet im Original zugänglich:

http://www.schlumper.de/en/verein/sammlung/werner-voigt.html

Voigt lebte ganz seine Religion. Er zeigt darin zwanghafte Züge. So hat er sein Zimmer in eine Kapelle verwandelt, so malt er vorwiegend biblische Motive.  Oft  betete und missionierte er, ein Merkmal ja so vieler Schizophrener. Tiefenpsychologisch wird man in der Regel solcherart Missionar oder Prediger, um jenseitige Strafen seines Rachegottes zu verhüten oder zumindest abzumildern. Im oben gezeigten Gemälde klagt Voigt sich an: „Auch ich habe gesündigt. Bei Karstadt habe ich Mundwasser gestohlen und 8×4 und Tabak-Rasierwasser.“ Man bemerke die subjektive Wichtigkeit dieser „Sünden“, die ja als Schuld objektiv wirkliche Bagatellen darstellen. Die Amtskirchen nutzen  über Evas Apfelnehmen ihre Chance, wirklich kleinste Vergehen zu einer tod- oder gar höllenwürdigen Sünde zu erklären, ein Trick, der sich finanziell seit Jahrhunderten auszahlt. Ein kleinlicheres Wesen als der Christengott ist nicht denkbar. Er bestraft sogar Gedanken und straft damit das schöne Lied „Die Gedanken sind frei“ Lügen.

Ein fröhlich lachender „Engel“ ist über dem zentral gemalten „Heiland“ abgebildet, einem fröhlich  lachenden Heiland am Kreuz, flankiert von den zwei ebenfalls Gekreuzigten. Warum, so fragen wir uns, warum diese Heiterkeit am Kreuz? Es fließt kein Blut. Es ist eine von jeder Realität abweichende Kreuzes-Heiterkeit, die wir auch auf Gemälden anderer Schizophrener wahrnehmen.

Nun, hier wird eine weit größere „Sünde“ als das Stehlen eines Mundwassers (weg) – bagatellisiert: Diese kirchlich eingeredete „Schuld“ eines jeden Menschen – eben durch seine Sünden – am Kreuzestod Jesu. Diese „Maximalschuld“ wiegt in der Seele psychisch Kranker besonders zu Krankheitsbeginn  mehr als jedes entwendete Mundwasser, ja sie hat an der Krankheitsentstehung mitgewirkt bzw. sie bewirkt. Ein am Kreuz wahnhaft bzw. realitätsentrückt fröhlich gemalter Jesus mindert das Leid Jesu und damit die persönliche „Schuld“ des Erkrankten  an diesem Foltertod. Da bei jedem Abendmahl diese „Schuld“ dem Abendmahlsnehmer geradezu mit Brot und Wein als „Gift“, wie uns schon Rilke lehrt, inokuliert wird, versucht ein ekklesiogen schizophren Gewordener diese seine größte „Schuld“ zu verniedlichen bzw. überhaupt Leid und damit Realität zu bagatellisieren. Das von Rilke identifizierte Gift wird sozusagen über den Wahn abgebaut, das Sterben am Kreuz  im Jahr 32 n. Chr. sei leicht gewesen.

Das skurrile Schuldgeben an einem Foltermord, wo objektiv gar keine Schuld ist,  ist das Unheilige am unheiligen Abendmahl und ein erneuter Kirchentrick, der so viele Menschen, die hier künstlich zu Meuchelmördern gemacht werden, in die oft lebenslange psychische Erkrankung führt – auch in die Psychose.  Man will Demut  – und erntet Erkrankungen. Diese unsere kollektiv kirchenängstliche Gesellschaft gibt ihren Amtskirchen die Freiheit, ihren per Gesetz schuldunfähigen Kindern (§19 StGb) und Psychotikern (§20 StGb) einen begangenen Mord mitsamt der vollen Schuld daran einzureden. Die angesprochene kollektive Gottangst zeigt sich in der Unfähigkeit, Gottkritik zu üben: Die Veranstalter bzw. Planer eines Holocaust (Gott mit der Sintflut, Jesus mit der Apokalypse)  werden sogar „geliebt“. Hier spielt Verdrängung eine Rolle, die im Prinzip auch zu einem Wahn führt, dem Wahn, die Götter im Christentum  könnten so etwas wie „Die Liebe“ sein. Sie sind das Gegenteil.

Auch die offene und ernstgemeinte Androhung einer ewigen Folterhölle, von unserer leider so kirchenabhängigen Psychiatrie als Bagatelle ohne Schädigungspotential eingestuft, erweist sich als schizophrenogen. Der Erkrankte, in diesem Fall Voigt, ergreift die Möglichkeit, auch ohne Theologiestudium „Priester und Missionar“ zu werden und sich zur Gänze dem Dogma seiner Kirche zu unterwerfen.

In einer kirchlich geleiteten Alsterdorfer Psychiatrie wird das natürlich allzu  gern gesehen. Man hat einen friedlichen, konservativ-demütigen  Gläubigen vor sich, der ein „Beispiel“ für die Allgemeinheit abgibt, die sich aus einer erklärlichen inneren Abneigung heraus nur vom 2. bis 16., und dann ab dem 75-zigsten Lebensjahr länger in einer Kirche aufhält. Schizophrene sind sozusagen aufgrund ihrer Angst immer in der Kirche. Doch nicht aus freiem Willen. Dieses aus einer Not heraus gewählte Gefängnis beruhigt ihre Nerven. Es gibt sogar Patienten, die sich gleich wahnhaft zu Maria, Jesus oder Gott ausgestalten, Personen also, die nach dem Dogma nicht einer ewiger Strafe unterliegen.  Das ist, weil man eben auch irgendwo „weiß“, dass man auch Herr  Friedrich Meyer ist, nur mit zwei Personen in einer Person möglich. Man ist in einer Symbiose mit einem biblischen Rettungsring innerpsychisch gespalten: schizophren.

Ein anderer schizophrener Patient  malt sich nicht ohne Unterlass die Schuld (die keine ist) von der Seele, er sammelt ohne Unterlass Sterntaler. Er führt akribisch Buch wie der Bibelgott nach Angabe des Vatikan akribisch Buch führt. Der Grund: Der Psychotiker hofft, am Ende jeden Monats seinem Gott eine positive Bilanz vorweisen zu können. Denn bei negativer Sterntaler-Bilanz winkt die zeitlich unbegrenzte Folter (Hölle), die als Idee nur einen weiter Kirchentrick darstellt. Denn welcher Gott hat nach Auschwitz schon Lust auf die Einrichtung eines ewigen KZs? Hier kommt zur Anschauung so eine Seite einer rettenden Sterntalersammlung:

Monat Juli      01.07.2015

Rubrik # 1: Fleiß im Haushalt

  1. Ich putzte das Bad. 1 *
  2. Ich verrichtete den Küchendienst. 1 *
  3. Ich hielt, wie immer, nach Post wenigstens Ausschau. 182 *
  4. Ich ging, wenn auch mit Hilfe meines Vaters, bei Rewe nur das Nötigste Einkaufen. 1 *
  5. Vorher fertigte ich den Zettel an. 1 *
  6. Das selbstständige Bezahlen der Ware hat gut geklappt. 1 *
  7. Ich trug meine Einkäufe hoch. 1 *
  8. Ich räumte sie größtenteils weg. 1 * das sind ja 189 * von eigentlich 35 * und das sind dann 154 * extra.

Rubrik # 2: Betragen

  1. Ich verhielt mich den Nachbarn, soweit es mir bekannt ist, immer löblich gegenüber. 2727 *
  2. Ich hielt dreimal am Tag Frieden am Tische. 3 *
  3. Ich war Vater dankbar, dass er mit mir zum Edeka-Markt ging. 1 *

Donnerwetter! Das sind ja 2731 * das sind also 2 Sondersterne, 7 Ferienbonussterne, 0 Wochensterne, 3 Bedürfnissterne und 1 Rechtestern; und zur Belohnung habe ich dafür einen Kartenspielabend in Aussicht.

Rubrik # 3: Religionsaufgabe

  1. Bis jetzt betete ich immer, was ich nicht aufschreiben durfte, alle Rosenkränze täglich, die es gibt. 182 *
  2. Das gilt auch in Puncto Innere Beichte. 182 *
  3. Das gilt auch in Puncto Inneres Beten. 182 *
  4. Das gilt auch in Puncto Inneres Buße tun. 182 *
  5. Das gilt auch in Puncto Innerer Exorzismus. 182 *
  6. Das gilt auch für die Innere Andacht. 182 *
  7. Das gilt auch für die größtenteils gelebte Askese. 182 * das sind ja, mein lieber Mann

und Scholli, 1274 * das sind also 1 Sonderstern, 2 Ferienbonussterne, 1 Wochenstern, 2 Bedürfnissterne und 4 Rechtesterne. Also, dafür habe ich zur Belohnung einen Schokoladenriegel einmal in der Woche oder ein schönes Ayovedisches Patchuliduschgel in Aussicht. Einmal muss es doch einen Ablass geben dafür.

Rubrik # 4: Dienst für die eigene Gesundheit

  1. Ich trank genug. 1 *
  2. Ich schrieb es auf. 1
  3. Ich verweigerte die Tabletten nicht. 1 *
  4. Ich verweigerte die Pillen nicht. 1 * das sind 4 von 25 *

Rubrik # 5: Zusatzaufgaben zur Erreichung von Extrasternen: 0 * Rubrik # 6: gute Gedanken: 0 *

Gesamttagessterntalerpunktzahl: 4198 * das sind 4 Sondersterne, 1 Ferienbonusstern, 1 Wochenstern, 4 Bedürfnissterne und 8 Rechtesterne. Dafür habe ich zur Belohnung in Aussicht, ausnahmsweise einmal am Supernintendo spielen zu dürfen.     Ende 1. Juli 2015

Als oft problematisch, und auch daher schreibe ich diesen Artikel,  sehe ich die Zusammenarbeit der Schlumper mit den Kindern der Hamburger integrativen Ganztagsgrundschule "Louise Schroeder Schule"  an, die deren Werke “nachmalen“, also z. B. die Kreuzigung nachmalen. Was Schizophrene durch ihre spezifische Malweise erleichtert, belastet ein (noch) gesundes Schulkind. Am 11.12.2015 fiel mir im Atelier der Schlumper ein Gemälde (unter „Anonym“ verzeichnet, „galeriepädagogisches Angebot“) auf, Größe ca. 70 x 85 cm. Nach Angabe der Aufsicht sei es  „unverkäuflich“, da von einem Schulkind gemalt.

 

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 „Gesundes“ Kind malt Kind am Kreuz

Obiges Bild zeigt ein nacktes rosafarbenes Baby in Windeln, das Gesicht eine Fratze. Es hängt am Kreuz und blutet  am Kopf und aus den fünf Todeswunden Jesu. Es fließt viel Blut. Kinder sind Realisten. Hier hat ein Kind die Kreuzigung ohne die Möglichkeit des Wahnes eines Schizophrenen oder der Verdrängung eines Erwachsenen nachempfunden. Es hat sich selbst oder das Geschwisterchen „stellvertretend“, wie die Kirchen lehren, am Kreuz gemalt. Jesus sei ja „stellvertretend“ für dieses Sünder-Kind ans Kreuz gegangen, so das ebenso leidige wie krankmachende Dogma. Dieses Kind kann die Rollenspannung nicht aushalten, gibt die Rollendistanz auf und macht sich (oder sein Geschwisterchen) dem Geglaubten in einer inneren Theatralik gleich. Hier ergibt sich möglicher Weise  eine Unachtsamkeit der Pädagogen im Atelier: An dieser Stelle ist ein Kind traumatisiert worden und präsentiert uns seinen Schaden in seinem Gemälde. Und irgendwann wird es vielleicht als Folge dieses Traumas, das auch in jedem Abendmahl stattfindet,  ebenfalls den Weg der Erleichterung sehen, den jeder Schizophrene einmal ging: den Weg in die Realitätsflucht und den Wahn. Kein Kind hält es ohne Schaden aus, die Schuld an einem Kreuzestod zugesprochen zu bekommen oder gar selbst den Kreuzestod erleiden zu müssen. Kein Kind hält einen Gott aus, der, hätte der Stellvertreter Jesus „nein“ gesagt, nach dem Dogma alle sündigen Kinder an ein Kreuz genagelt hätte. Kein Kind hält einen Gott aus, der mit der Sintflut einen Holocaust hingelegt hat und alle Kinder in Sodom und Gomorrha lebendig verbrannte.

Zeigt man Kindern die Realitäten dieser Welt zu früh und zu unbedacht  auf, und führt man ihnen als Eltern oder Erzieher die Brutalitäten und Tricks unserer Religion nicht korrigierend vor Augen, so wählen sie evtl. später auch andere „Lösungen“ im Rahmen eines Sacco-Syndroms. Ich denke da vor allem an Süchte, ADS, Autismus, die masochistische ekklesiogene Depression und deren mögliche tragische Folge: den ekklesiogenen Suizid.

Ein entsetzliches Trauma für jedes denkende Kind im Rahmen der Kreuzigungsstory stellt auch die Nichtrettung Jesu dar: Der als allmächtig geschilderte „Vater“ wird durch seine grausam unterlassene Hilfeleistung in diesem besonders schweren Fall zum eigentlichen Judas. Ein mitfühlender Gott würde eine Vergebung von Sünden nicht zwangsläufig von einem Foltertod seines Sohnes abhängig machen. Da sind, und so denkt jedes Kind, auch  andere Wege denkbar. Die  Allmacht Gottes ist, das wissen wir spätestens seit Auschwitz,  kirchliche Reklame. Ein allmächtiger Christengott hätte die Gashähne wieder zugedreht.

Dass das Abendmahl krank macht, hier also Schizophrenie bedingt, wollte mir die Staatsanwaltschaft Hannover im Jahr 2009 nicht bestätigen. Ich hatte Bischöfin Käßmann nach zwei Abmahnungen wegen Kindesmisshandlung angezeigt. Sie hatte das Abendmahl für Vierjährige (!) etabliert. „Gänzlich unverdächtig“, so der Staatsanwalt, sei es, diesen 4-jährigen  die Kreuzesschuld im Abendmahl zu geben und sie mit einer ewigen Folterhölle zu bedrohen. Dass die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer mir damals mit den Worten, sie sei wegen der von mir geschilderten  „Grausamkeiten“ der Kirchen ausgetreten, Recht gab, durfte in einer Sitzung über Glaubensgrundsatzfragen nicht in das offizielle Protokoll. Das wäre eine grundsätzliche Kritik an den Kirchen gewesen und hätte diese verpflichtet, die Kosten der Behandlungen bei kirchenbedingten Gesundheitsschäden aufgrund des Verursacherprinzips zu übernehmen. Es hätte den finanziellen Ruin der Amtskirchen bedeutet. Hier hat der für das Protokoll zuständige Jurist meiner Ärztekammer also gut aufgepasst und das Gegenteil eines Ruins der Kirchen stabilisiert: Der hauptsächliche Träger deutscher Psychiatriekliniken produziert sich also die Erkrankten (und damit die Einnahmen) weiterhin selbst. Er verpflichtet bereits bei der Einstellung seine ärztlichen Angestellten, sich dem geltenden Dogma zu unterwerfen. Er lässt, so meine Vermutung,  deren Diagnose „ekklesiogene Erkrankung“ nicht zu. Fazit: Während der „gesunde“ Erwachsene und der Schizophreniepatient die Brutalität ihrer Religion „erfolgreich“ verharmlosen, verdrängen und negieren können, sind Kinder ihr hilflos und mit allen Folgen  ausgeliefert.

 

Weitere Artikel von Frank Sacco




Animierte Weihnachten


caganerDas Fest der Liebe hat weltweit eine lange Tradition. Da ist es kaum verwunderlich, dass dabei auch einige kuriose Bräuche entstanden sind – smava hat die ungewöhnlichsten Fakten über Weihnachten zusammengetragen, siehe Die Facts aus der Infografik. Viel Spaß damit, wünschen smava & wissenbloggt!


Created by smava

Anmerkung: der smava-Link bietet die Möglichkeit, die Grafik mit eigenem Namen zu personalisieren.

 




Was macht ein Humanist zu Weihnachten?


candle-flame-1062513_960_720Zum "ganz bewusst gesegneten und frohen Weihnachtsfest" liefert uns der HABO-Sprecher Dennis Riehle (Web, Blog) einen Kommentar betreffs Jahresend-Glückseligkeit. Solange die Säkularisierung das Weihnachtsfest nicht abschafft, nimmt Riehle die „Gunst der Stunde“ wahr, um sich Gedanken über das Fest zu machen. Dabei gibt er auch die Antwort auf die Titelfrage (im Bild von Waldkunst, pixabay, werden die Kerzenflammen höllisch suggestiv):

 

Was macht ein Humanist zu Weihnachten? – Feiern!

Das muss ja ziemlich langweilig sein für einen Humanisten“, so frotzelte ein christlich gläubiger Freund, als wir darüber sprachen, was jeder von uns beiden für Weihnachten 2015 plant. Ja, einige atheistische Kollegen beharren ganz explizit darauf: „Für mich ist das ein Tag wie jeder andere auch“. Und wiederum andere Religionsfreie fordern gar, sich als nicht gläubiger Mensch deutlich von den christlichen Festen zu distanzieren und allerlei Brauchtum bewusst und erkenntlich zu meiden.

Ich finde das irgendwie schade, denn soll ich mir durch eine Religion die Möglichkeit nehmen lassen, die von ihr durch eine Geschichte besetzte Zeit des Jahresabschlusses auch für mich zu nutzen? Entsprechend war meine Antwort an meinen Freund auch eindeutig: „Nein, langweilig es ist es überhaupt nicht, ich feiere einfach mit!“. Aber was es denn da für mich zu feiern gäbe, wenn sich die Christenheit jedes Jahr neu über ein Kind in einer Krippe freut? Zugegeben, an diesen Sohn Gottes kann ich nicht (mehr) glauben. Er mag dort in Bethlehem geboren sein, auch in einem Stall. Aber dass er der „auserkorene“ Retter sein soll, von einer jungfräulichen Mutter zur Welt gebracht, daneben ein dann doch unbeteiligter (menschlicher) Vater und einige Hirten, ein „Stern“ mit wissenschaftlich fundierter Erklärung und gleichsam wenig wundersamen Königen, umrahmt von der schönen Vorstellung der unserer ganzen Welt diese frohe Botschaft lauthals verkündenden Engelscharen – eine Mischung aus Wunschvorstellung und gewöhnlichem Alltag, der eigentlich keinerlei Aufstand wie den bräuchte, der immer wieder um den 24. Dezember in unserer Gesellschaft zelebriert wird.

Gleichsam sage ich mir aber: Braucht es aber stattdessen diese Eitelkeit, mich mit aller Vehemenz von einem religiösen Fest distanzieren zu müssen, um zum Ausdruck zu bringen, dass ich einen derartigen Hype, einen doch merkwürdigen Rummel, nicht verstehen kann? Ich bin möglicherweise ein bisschen darüber neidisch, dass es ausgerechnet eine Religion ist, die den Anlass liefert, heute eine – aber ohnehin oftmals als „Schein“ herauskristallisierende und künstlich daherkommende – Glückseligkeit zu verbreiten und von Frieden und Freude zu philosophieren. Aber nun ist es eben so, dass in unseren Breiten Weihnachten zu einer Tradition geworden ist, die ich sicherlich nicht werde verdrängen können, solange ich mich nicht auf die Ebene der Religionen stellen möchte, die ihre Anhänger durch Mission gewinnen will. Solange ich darauf vertraue, dass sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg eine Säkularisierung fortsetzt, die auf der Einsicht von Menschen durch Information statt einer Indoktrination beruht und schlussendlich vielleicht irgendwann die Weihnachtsgeschichte nicht nur in Frage stellt, sondern möglicherweise ihres „Wundersamen“ beraubt, bleibt mir lediglich die Auswahl: Ich kann dieses jährliche Ritual bekämpfen, indem ich mich ihm vollkommen zu entziehen vermag – oder ich bleibe gelassen und nehme die „Gunst der Stunde“ wahr, um auch für mich persönlich zu überlegen, was aus humanistischer Sicht eine Aussage dieser Parabel der Evangelien sein kann. Mein Vorteil ist: Ich kann das auch das restliche Jahr tun, ich brauche dafür keinen biblischen Grund.

Und sobald ich diesem Kind in der Krippe seine religiöse Bedeutung nehme, bleibt etwas übrig, was auch ohne gläubiges Aufgeladensein durchaus bedenkenswert ist: Mancher Evolutionist mag in einer Geburt ein bedeutungsloses und alltägliches Ergebnis menschlicher Fortpflanzung sehen. Letzteres stimmt zweifelsohne – Geburten geschehen jeden Tag. Daher verwahre ich mich auch einer besonderen Hervorhebung der Geburt im Stall von Bethlehem. Aber bedeutungslos ist eine Geburt für mich in keinem Fall. Sie bleibt für mich ein Geschenk – Absender unbekannt. Denn sie zeigt mir Dynamik und bringt mir auch eine gewisse Sicherheit: Das Leben besteht fort. Gerade, wenn für mich die Vergänglichkeit eben ganz „normal“ ist und ich nicht an eine Ewigkeit glaube, ist ein Kind für mich ein Grund zum Freuen. Nicht nur, weil sich in den allermeisten Fällen glückliche Eltern schon lange darauf vorbereitet haben und jetzt ein neuer Lebensweg beginnt – sondern gerade auch, weil die Vitalität eines Neugeborenen für mich Symbolcharakter hat. Wie lebendig bin ich eigentlich noch? Im Sinne von Energie, von Ambition, von Ideen und auch von Sinn? Wenn ich ansonsten so wenig Konzentration finde, mich wieder einmal für neues Engagement zu sammeln – nicht für den Frieden in der Welt, sondern im Kleinen –, dann habe ich sicherlich mehr erreicht, als mich von Weihrauch und Myrrhe betören zu lassen. Zweifelsohne überprüfe ich mich auf die substanziellen Fragen meiner sozialen und individuellen Bedeutung immer wieder – und nicht nur an Weihnachten. Doch warum sollte ich die Gelegenheit auslassen, mitzufeiern, wenn in unserem Land endlich einmal alles ruht, der Stress sich zu legen versuchen will und ich zumindest – wie viele andere Mitbürger auch – anstrebe, einige Tage für das Nachdenken und die Dankbarkeit heranzuziehen, dass ich eben lebe.

Ich benötige dafür auch keinen personifizierten Gott, dem ich die Hand schütteln und ihm sagen kann, dass ich es toll finde, wonach er mich geschaffen hat. Mir reicht es, nicht alles als selbstverständlich hin- und anzunehmen. Denn auch wenn hinter der Existenz von Milliarden Erdenbewohnern keinerlei Sinn oder auch Zweck stecken mag, bleibe ich ein Mensch, der nicht nur da ist, sondern staunen kann. Und das tue ich bei jedem Baby, von dessen Geburt ich erfahre. Dafür bräuchte es kein Weihnachten, aber es tut gut, diese Übereinkunft über eine Zäsur im Jahr zu haben, in der ich mir dessen ganz ohne den Trubel der sonstigen Tage gezielt bewusst werden kann…

 

Dennis Riehle, Sprecher, Nicolas Kienzler (Stellvertreter), Manuel Oexle (Stellvertreter)
Humanistische Alternative Bodensee
Säkular-humanistischer Zusammenschluss




Meine Höllenfahrt


ibiza-strand-cala-d-hortNun ging es also ans Sterben. Das wurde mir in dem Augenblick klar, als die beiden Ärzte am Fußende des Klinikbettes den Kopf schüttelten. Sie bemerkten nichts von meiner Beobachtung, da ich die Lider nur ein ganz klein wenig angehoben hatte. Eine Krankenschwester schwebte herbei mit einer dieser winzigen, segenbringenden Spritzen auf einem Tablett. Ein kleiner Pieks und fast umgehend ergriff den schmerzenden Körper ein wohliges Gefühl von Schwerelosigkeit. Morphine machen süchtig, aber das schien in diesem  Augenblick eher nebensächlich zu sein (Bild: Berghaus).

Meine Gedanken kreisten nur noch kurz. Ich schlief ein.

Und dann auf einmal dieses Licht! Oh nein, muss das nun wirklich sein? Doch es war da und ganz ohne Zweifel kam es auf mich zu. Jetzt bitte nicht auch noch dieser Engel mit seinen Wallerflügeln! Er blieb mir erspart. Aber plötzlich stand ich auf meinen Beinen – ja, ich konnte gehen – und bewegte mich auf dieses magische Licht zu, ganz leichtfüßig und ohne jeden Schmerz. Ich achtete nicht auf den Untergrund, war angezogen von dem Gleißen vor meinen Augen.

Und dann geschah es: ein Spalt tat sich vor mir auf und ich fiel, nein, ich rutschte eine glatte Felswand hinab, rundum in ein tiefes dunkles Rot getaucht. Die rasende Rutschpartie entschleunigte sich als die Neigung der Felswand geringer wurde, und das Licht wechselte vom aggressiven Rot über Lila, Blau hin zu einem wärmenden Grün, das immer heller wurde. Endstation! Ich plumpste sanft auf weichen, warmen Sand, der mich fast ganz umschloss. Ich prüfte, ob alles an mir noch heile war und kam zu einem befriedigenden Ergebnis. Mir war nicht klar, dass man mich schon eine Weile beobachtet hatte, bis ich zwei ausgesprochen hübsche und freundliche Damen hinter etwas entdeckte, was wohl eine Rezeption sein sollte. Mit einladenden Handbewegungen forderten sie mich zu sich. Auf dem kurzen Weg dorthin wurde mir zwar klar, dass ich nackt war, aber es machte mir nichts aus – und auch die beiden schien es nicht zu stören.

Sie begleiteten mich in eine Art Hotelzimmer, in dem mich bereits ein Begrüßungsstrauß mit meinen Lieblingsblumen erwartete. Nach der Dusche trockneten die Damen, oder soll ich sagen, Hostessen, mich gründlich ab und halfen mir beim Anziehen lockerer und bequemer Kleidung. Zurück in „meinem“ Zimmer fand ich endlich meine Sprache wieder, bisher war alles lautlos abgegangen. Wir setzten uns, sie reichten mir eine Weinschorle und ich fragte: „Wo bin ich denn hier?“ Knapp aber klar kam: „Hölle, Abteilung gehobener IQ“. Wir traten ans Fenster und sie zeigten mir die große Bar, an der eine Menge Leute  in eifrige Gespräche vertieft waren, dahinter ein Gebäude, das wie ein Restaurant aussah und wohl auch war. Der feine Sandstrand schien sich endlos zu dehnen, im Hintergrund klares, blaues Meer, in dem einige Kinder herumtollten. „Und das soll ‚Hölle‘ sein?“. Die beiden kicherten: „Dort unten erfährst du alles weitere, aber vielleicht willst du dich auch erst ein wenig ausruhen“. Sie verließen mich.

Ich war viel zu neugierig, um mich jetzt etwa ausruhen zu wollen. Ich ging zur Strandbar.

Der Barkeeper hatte einen roten Kopf und links und rechts daran zwei Buckel, die man wohl Hörner nennen könnte. Ohne mich zu fragen servierte er mir einen Martini Bianco Tonic. Wie konnte er wissen, was ich am Strand gern trinke?

„In die anderen Teile der Hölle gehe ich nicht so gerne“, begann er seine Antwort auf meine Frage, wieso es hier so angenehm sei. „Dort sieht es längst nicht so gut aus wie hier, sondern in manchen Partien sogar genauso, wie es euch die Pfaffen auf der Erde in den wüstesten Farben schildern. Das liegt einfach daran, dass wir hier in diesem Teil die besten Köpfe der Weltgeschichte versammelt haben, die schon seit Jahrhunderten daran arbeiten, es hier lebenswert zu gestalten. Ich habe sie natürlich machen lassen, denn die mir ‚von oben‘ zugeteilte Aufgabe hat mir von Beginn an nicht gefallen.“ – „Und da oben“, fragte ich, „wie geht es denn da zu? Der Rotbackige kicherte: „Gelegentlich muss ich ja zum Rapport hin. Der Alte weiß nicht, wie wir hier unten leben, und ich werde den Teufel tun ihn aufzuklären. Gelegentlich meint er zwar, unser Kohleverbrauch sei zu hoch, aber er akzeptiert es, obwohl er nicht weiß, dass wir damit den Strom für unsere Klimaanlagen und all die anderen Annehmlichkeiten erzeugen, die nun einmal für ein vernünftiges Leben nötig sind.“ – „Und er kommt selbst nie hierher?“ Nun lachte er wirklich lauthals: „Nein, er hat immer noch Angst, er könne sich seinen weißen Rauschebart verbrennen. So singt er weiterhin mit seinen Paradieslingen ‚Halleluja‘ und verputzt jede Menge Manna. Irgendwie scheint ihm das in dieser ewigen Langeweile dort oben zu genügen. Nun ja, sonderlich intelligent war er ja nie.“

„Gibt es denn keine Möglichkeit, die Menschen auf der Erde über die Wahrheit zu informieren? Kann man nicht einfach jemanden – zum Beispiel mich, kokettierte ich – zurückschicken, damit ich es ihnen erzähle und damit den Pfaffen das Wasser abgrabe?“ Sein Gesicht wurde traurig und die Stirn runzelte sich: „Erstens habe ich nicht die Autorität, das eigenständig zu bewirken – die Rutsche kommt niemand mehr hoch – und zweitens wäre in demselben Augenblick Schluss mit unserem Wohlleben hier. Das könnte ich den vielen guten Freunden einfach nicht antun. Nein, die Menschen müssen schon selber herausfinden, dass das so nicht stimmen kann, was ihnen die frommen Herren erzählen. Macht stetig weiter mit der Aufklärung bis eines fernen Tages niemand mehr auf den Unsinn hereinfällt.“

Er wandte sich anderen Gästen zu, viele Gesichter kamen mir bekannt vor, doch ich war zu sehr in Gedanken versunken, um jetzt noch mit jemandem zu reden. Nach einer Weile ging ich zurück auf mein Zimmer, trank noch eine Weinschorle und fiel schließlich auf meinem Bett in einen tiefen Schlaf.

Als ich erwachte war ich in Schweiß gebadet, aber glücklich. Mein Fieber war wohl abgeklungen, der Kopf dachte klar und frei. Der Kaffee, den meine Frau mir ans Bett brachte, duftete köstlich und alle Lebensgeister kehrten zurück. „Geht es dir besser, mein Schatz?“ – „Oh ja, das kann man wirklich sagen“. Ich erzählte ihr nichts.




Kircheneintritt.de


irrlichtervernunft2Komplementär zu einem Skandalon, das wissenbloggt in Betrügerische Kirchenaustrittsseite schildert, wird hier ein alternatives Modell entwickelt – man nennt es auch Retourkutsche. Es handelt sich um eine Willkommenskultur der etwas anderen Art. Im Klartext: dies ist die Antwort auf die shanghaite Seite kirchenaustritt.at, die man in eine Missionsseite umgebürstet hat. Die gesperrten Texte sind 1:1-Übersetzungen von dort. Der andere Text kommentiert das aus atheistischer Sicht. Nun denn …

Willkommen bei Kircheneintritt.de!

Sie sind entschlossen, in die Kirchengemeinschaft einzutreten, und für Sie führt kein Weg daran vorbei? Zudem haben Sie gründlich überdacht, was auf Sie zukommt?

Als da wäre: Die Unterwerfung unter eine menschengemachte Phantasiegestalt, die mit jenseitigen Versprechungen lockt und dafür diesseitige Leistungen einfordert. Vor der sollen Sie auf den Knien liegen, sie anbeten und sie Ihren "Herrn" nennen. Das nennt man Selbstversklavung.

In die Kirche eintreten heißt, eine Freundschaft mit Gott zu beginnen. Es ist der Verzicht auf einen erprobten Weg und eine Begrüßung in einer Gemeinschaft. In die Kirche einzutreten, schafft Nähe nicht nur zu ihren Schattenseiten, sondern auch zu ihren Sonnenseiten – und Nähe auch zu den Menschen in der Kirche, die viel Gutes tun.

Diese "Freundschaft mit Gott" soll heißen, der nichtexistente Gott kujoniert Sie mit menschenverachtenden Regeln, deren Einhaltung Ihnen bei Höllenstrafe abgepresst wird. Zu den allerwärmsten "Sonnenseiten" der Kirche zählt das Rösten in der Hölle. Wollen Sie wirklich zu den Guten gehören, die von so einem Popanz motiviert werden?

Eintritt in die evangelische Kirche: Der ernsthafte Wunsch genügt. In die Evangelische Landeskirche … kann man auch per Telefonanruf zurückkehren.

Ja, die Kirche hat eine Telefonnummer (die hier nicht weitergegeben wird, sonst ruft womöglich jemand an). Beim Boss selber kann man nicht anrufen, und bei seinem Einheizer in der Hölle auch nicht. Allerdings muss gesagt werden, dass die evangelisch-lutherische Kirche sehr zivilisiert geworden ist und auf das Rollenspiel Herr/Sklave weitgehend verzichtet. Doch wenn man sich in der Gemeinschaft der Guten befindet, bleibt immer die gruselige Frage, ob die wirklich an die Hölle glauben? Fühlen sie sich ernsthaft bedroht, wenn sie nach Kirchenmaßstäben nicht gut genug sind? Oder glauben sie ernsthaft, dass sie im Himmel an Gottes Seite sitzen werden? Bittesehr, Gutes zu tun ist immer respektabel, aber das Gruseln bleibt trotzdem.

Wer katholisch ungetauft / getauft und entlaufen / ausgetreten ist, für den gilt: Ihr erster Schritt: Nehmen Sie Kontakt auf mit einem Atheisten/ einer Atheistin, der / die Ihr Anliegen und alle Fragen zu Ihrem Weg zur Taufe mit Ihnen bespricht. Dazu können Sie unsere Ansprechpartnersuche oder das Infotelefon nutzen – Wenn Sie auf den Anruf verzichten, können Sie wenigstens Erbauliches dazu lesen: Ist Glaube unvernünftig, altmodisch und weltfremd? Es geht um die Sehnsucht nach wirklichem Leben… Es mag viele äußere Gründe geben, Christ zu werden. Zentral ist: Christlicher Glaube meint eine Beziehung des Menschen mit Gott.

Auch hier wieder das Ungleichgewicht: Eintritt per Telefon, Austritt nur bürokratisch. Als Taufe gilt wahrscheinlich bald der nächste Regenguss. Aber ja, Glaube ist unvernünftig, altmodisch und weltfremd. Deshalb muss Ihnen das Eintreten leichter gemacht werden als das Austreten. Das "wirkliche Leben" ist die Beziehung zu einem nichtexistenten Popanz, d.h. Sie sollen so paranoid werden, dass Sie Gespräche mit niemand führen können ("beten") und sich auch noch wohl dabei fühlen.

… Glaube ist also ein Notnagel dort, wo das Wissen angeblich versagt, und ein unvernünftiges Unwissen besonderer Art, das etwas mit der tiefsten Bestimmung des Menschen und der Welt zu tun hat. Christen glauben, dass Gott die Antwort auf die tiefsten und zentralen Fragen ihres Lebens ist. Sie vertrauen sich diesem Ur-Grund des Lebens an. Christlicher Glaube ist also das Vertrauen und die Hoffnung, dass Gott da ist und im Sinne des wahren Lebens handelt, und das über den Tod hinaus. …

Tja, das Wissen versagt nun mal nicht. Dass die Wissenschaft nicht für alles eine Erklärung hat, besagt wenig. Der Glaube erklärt Ihnen schließlich gar nichts, solange Sie den Unterschied zwischen Wissen und Glauben erkennen können. Der Glaube ist kein "vernünftiges Wissen besonderer Art", wie der Originaltext behauptet – er weiß nichts, deshalb heißt er ja Glaube und nicht Wissen. Mit einem Phantasieprodukt "Gott" die "tiefsten Fragen" zu beantworten, und das einen "Ur-Grund" zu nennen, ist doch recht kess. Wird ja auch relativiert, wenn Sie's richtig lesen: "Glaube ist Vertrauen und Hoffnung" aufs Unvernünftige, d.h. an Gott und an Ihr Leben nach Ihrem Tode.

… Gemeinsam und einzeln sind Christen Zeuginnen und Zeugen für das Evangelium, die Frohe Botschaft von Gottes Nähe, im Tun und im Sprechen. Denn neben der inneren Dimension als eine Entscheidung für Gott, die ein wechselvolles Auf und Ab kennt, hat der christliche Glaube auch Inhalte, die man erlernen kann und über die man Auskunft geben kann. …

Solche Zeugenaussagen nennt man Hörensagen, nicht wahr? Der eine sagt's dem anderen, der erzählt es weiter, und irgendwann wird aus dem Tratsch eine Tatsache. Die Inhalte des Glaubens sind dünn. Sie sind nur hergebetet, sie sind durch nichts belegt, was einer objektiven Überprüfung standhält. Wenn Sie sich das wirklich antun wollen, dann verrät Ihnen wissenbloggt doch die Nummer. Der Ausgewogenheit halber ist es der Mittelwert von mehreren kostenlosen Info-Telefonnummern: 5937 517 396. Wer weiß, vielleicht meldet sich der Allmächtige ja selber, um seine Schäfchen einzufangen. Wenn Sie das glauben, dann geschieht's Ihnen recht.

Mehr Humor

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