Sternstunden der Wissenschaft


SternstundenRezension von Dr. Gerfried Pongratz: Lars Jaeger:

„Sternstunden der Wissenschaft

Eine Erfolgsgeschichte des Denkens“

© Südverlag GmbH, Konstanz 2020, ISBN 978-3-87800-140-9, 335 Seiten.

 

Dem Physiker, Unternehmer und Buchautor Lars Jaeger ist es ein wichtiges Anliegen, die Bedeutung von Wissenschaft und technologischer Entwicklung, aber auch von Philosophie und Geschichte, einem breiten Publikum nahe zu bringen, wissenschaftliches Denken in seinen Aus- und Wechselwirkungen zu erläutern und die Möglichkeiten, aber auch Gefahren neuester Technologien aufzuzeigen. Sein neuestes Buch beschreibt den Siegeszug der Wissenschaften auf der Basis von intellektuellen Tugenden, die unser Denken ausmachen und die es gerade in Zeiten von „fake news“ zu verteidigen gilt; es bietet historisch und thematisch weitumfassende, tiefgründige Lektüre auf populärwissenschaftlich hohem Niveau.

 

In vier Teilen mit zahlreichen Kapiteln und Unterkapiteln, deren Überschriften die Inhalte bereits erahnen lassen, wird dargestellt, „wie Europa als erster Kulturraum das wissenschaftlich-rationale Denken ´erfand`, das die westliche Welt letztlich zur wirtschaftlichen und politischen Vormachtstellung führte“. Lars Jaeger begründet diese Entwicklung mit vier wesentlichen Tugenden, die als einmalige Kombination aus kulturellen, ökonomischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten aufeinandertrafen und bis heute hohe Bedeutung besitzen.

 

Als erste Tugend nennt er „Die Abkehr von Dogmen“, deren Kern die wissenschaftliche Methode des methodischen Zweifels bildet. Über mehr als ein Jahrtausend war in Europa jegliches Denken über die Natur und den Menschen von religiösen Dogmen beherrscht. Erst ab dem 12. Jahrhundert nahm mit dem Theologen Peter Abaelard (1097-1142) ein langer Prozess seinen Anfang, der sie zunehmend infrage stellte. Uneingeschränktes Streben nach Wahrheit, verbunden mit intellektueller Redlichkeit und die Akzeptanz der Möglichkeit eigener Irrtümer bilden die Voraussetzung, die Welt immer besser so zu erfassen, wie sie wirklich ist: „Allumfassende Welterklärungsmodelle, philosophische Gedankengebäude und wissenschaftliche Theorien müssen immer wieder auf den Prüfstand.“

 

Vertrauen in die eigene Beobachtung“ bildet die zweite Tugend. „In der Wissenschaft kommt es auf die eigene, überprüfbare Wahrnehmung an, nicht auf einen kollektiven Glauben“. Die ersten Schritte zur Beobachtung der Natur mit dem Ziel, ihre Gesetze zu verstehen, unternahm der arabische Physiker Ibn al Haitham (965-1040). Nur sehr langsam setzte sich die Auffassung durch, dass sich die Welt nur durch den Einsatz der eigenen Sinne und der phänomenologischen Erfahrung realitätsnah erfassen lässt. Dieser empirische Ansatz bildete die Basis für das wissenschaftliche Experiment; Wissenschaftler begannen, Beobachtungen unter künstlichen Bedingungen durchzuführen, wobei die von Lukrez weitergeführte Lehre Epikurs über Roger Bacon und Francis Bacon vom Experiment zum Fortschrittsoptimismus führte.

 

„Die Suche nach dem Großen Ganzen“, verbunden mit „Vertrauen in die unbestechliche Mathematik“ ergibt die dritte Tugend. „Die Sprache der Natur ist die Mathematik“ (Galileo Galilei) – nur mit ihrer Hilfe lassen sich aus isolierten Beobachtungsdaten allgemeine Naturgesetze herleiten, aus deren Kenntnis die Möglichkeit entsteht, sich ihrer gezielt zu bedienen. Ausgehend von Archimedes, über Kopernikus, Newton, Leibniz usw. beschreibt der Autor den Siegeszug der Mathematik.

 

„Die Umsetzung von Wissen in Technologie“, bzw. „Die Anwendung von Wissen zum Wohlergehen der Menschheit“ bildet die vierte Tugend. Mit ihr wurde und wird das Wohlergehen der Menschen immer weiter gesteigert, wobei nicht übersehen werden darf, dass Technologien auch bewusst eingesetzt werden, Menschen zu schaden. Sie können aber auch unbewusst, bzw. unbeabsichtigt – siehe Klimawandel – dazu führen, dass ihr Einsatz gravierende Verschlechterungen der Lebensbedingungen mit sich bringt. Wissenschaft macht die Welt nicht besser, ihre Umsetzung in Technologien muss Risiken objektiv erfassen und ausschalten, oder zumindest minimieren.

 

Die Verankerung der vier Tugenden im Denken der Menschheit war und ist von ständigem Auf und Ab gekennzeichnet. Derzeit sieht sich der westliche Kulturkreis mit der großen Herausforderung konfrontiert, dass alle vier Tugenden gleichzeitig angegriffen werden; beispielsweise durch:

  • Fundamentalistisch-dogmatische Bewegungen mit großer Anhängerschaft.
  • Die Unterschätzung des Wertes kritischen Denkens und eigener Wahrnehmung, womit „fake news“ immer größere Bedeutung erlangen.
  • Die Aufteilung der Welt in Informations- und Wahrheitsblasen. Das große Ganze gerät aus dem Fokus, es wird salonfähig, sich eigene „Wahrheiten“ zurechtzubasteln.

 

„Sternstunden der Wissenschaft“ beschreibt, wie sich nach der Zerstörung antiken Wissens durch religiöse Fundamentalisten dessen Wiederentdeckung und Transfer aus dem oströmischen und arabischen Kulturraum vollzog und wie neben der Überwindung von Dogmen und der Verminderung kirchlich-religiöser Deutungshoheit zahlreiche weiterer Einflüsse – z.B. durch die Entdeckung der „Neuen Welt“, die Erstarkung des Bürgertums, die Erfindung des Buchdruckes – zu mehr Innovationswettbewerb führten. Neben der Beschreibung erzielter Fortschritte, aber auch eingetretener Rückschläge, würdigt der Autor eine Vielzahl bedeutender Denker mit ihren Beiträgen von der griechischen Antike bis zur Neuzeit, von Platon bis zu Albert Einstein, wobei er auch die bei dieser Entwicklung entstandenen Auseinandersetzungen und technologischen Umstürze beleuchtet. Last not least ist es ihm ein Anliegen, auf die Gefahren der Gegenwart durch „Populismus als Feind der wissenschaftlichen Tugenden“ hinzuweisen.

 

„Sternstunden der Wissenschaft“ bietet – erhellt durch zahlreiche aufschlussreiche Originalzitate und mehrere Abbildungen – eine lange, spannende Reise durch die Erfolgsgeschichte des wissenschaftlichen Denkens, der Autor verbindet damit „…eine große Hoffnung: Wenn wir erkennen, wie lang und mühsam der Weg war, bis das rationale Denken endlich den Glauben an Autoritäten und Magie vertreiben konnte, werden wir auch den vier wissenschaftlichen Tugenden wieder mehr Wertschätzung entgegenbringen. Denn dann erkennen wir, dass rationales Denken nicht selbstverständlich ist – und wir die Tugenden der Wissenschaft niemals kampflos preisgeben dürfen.“

 

Gerfried Pongratz 10/2020




Bücher, die die Welt veränderten


Bücher, dieRezension von Dr. Gerfried Pongratz:

Brian Clegg: „Bücher, die die Welt veränderten“

Die bedeutendsten Werke der Naturwissenschaften von Archimedes bis Stephen Hawking

© Haupt Verlag, Bern 2020, ISBN 978-3-258-08199-1, 272 Seiten.

Der 1955 in Rochdale, Lancashire, geborene englische Naturwissenschaftler und „Master in Operational Research“ Brian Clegg kann als Wissenschaftsjournalist und Buchautor auf ein bedeutendes Oeuvre verweisen, mehr als 30 populärwissenschaftliche Bücher sowie mehrere Biografien über bedeutende Persönlichkeiten wurden von einem breiten Publikum sehr positiv aufgenommen – Clegg gilt als einer der brillantesten Wissenschaftsautoren weltweit.

 

Bücher, die die Welt veränderten“ präsentiert eine Jahrtausendreise durch die Naturwissenschaften; anhand 150 herausragender Werke veranschaulicht Brian Clegg die Entwicklung der Wissenschaft vom Altertum bis zur Neuzeit und bietet gleichzeitig eine umfassende Geschichte der naturwissenschaftlichen Literatur und ihrer Autoren. Beginnend bei Aristoteles führt die literarische Reise über die bedeutendsten Namen und Werke der Wissenschaftsgeschichte bis zu Hawking, wobei es dem Autor gelingt, die jeweiligen Erkenntnisse, aber auch Irrtümer und Fehler, auf hohem Niveau, aber trotzdem auch für Laien gut verständlich, zu vermitteln. Eine Vielzahl von Abbildungen bibliophiler Raritäten und zahlreiche weitere Bilder zu den jeweils behandelten Themen erleichtern das Verstehen und erhöhen das Lesevergnügen.

 

Das Buch gliedert sich nebst Einführung, die die Bedeutung der Schrift und des Schreibens anhand ihrer geschichtlichen Entwicklung würdigt, in fünf Hauptkapitel und schließt mit bibliografischen Hinweisen sowie – sehr hilfreich – einem ausführlichen Register und umfangreichen Bildnachweisen.

 

Vom Altertum bis ins Mittelalter“ nennt sich das erste Hauptkapitel. Es beschreibt mit „fundamentalen Legenden“ u.a. wie sich aus Strichlisten Schriften entwickelten, welche Bedeutung Ton und Papyrus besaßen, wie sich das Universum Aristoteles’ entwickelte, wie wichtig Euklids „Elemente“ wurden, wie die Bücher Archimedes’ die Welt aus den Angeln hoben und was die Werke von Ptolemäus, aber auch früher arabischer Wissenschaftler, bewirkten.

 

Die Renaissance im Druck“ widmet sich den von Büchern ausgehenden geistigen Revolutionen, exemplarisch an Leonardo da Vinci, dem „Meister der Erfindung“, und Nikolaus Kopernikus, mit der „Revolution am Himmel“, dargestellt. Selbstverständlich dürfen dabei u.a. auch Johannes Kepler, William Gilbert, Galileo Galilei, René Descartes, Robert Hooke, Isaac Newton, Carl von Linné, Leonhard Euler nicht fehlen.

 

Klassik in der Moderne“ beschreibt die vom Autor so genannte „Viktorianische Stabilität“ (er ist schließlich Engländer).1804 wird im Deutschen erstmals der Begriff „Wissenschaftler“ geprägt, Berufs-, bzw. Vollzeitwissenschaftler beginnen verstärkt, sich im Gegensatz zu „Amateur-Naturphilosophen“ zu etablieren. An herausragenden Namen mit bedeutenden Werken nennt Clegg u.a. Henry Worthington, John Dalton, John Audubon, Charles Lyell, Alexander von Humboldt, Charles Darwin, Baden Powell, William Herschel, Michael Faraday, James Maxwell, Ernst Haeckel, Alfred Whitehead, Bertrand Russell und Alfred Wegener.

 

Nachklassik“ lässt die „Welt in neuem Licht“ erscheinen. Das Wesen der Realität (Marie Curie, Albert Einstein, Arthur Eddington, Linus Pauling, Erwin Schrödinger, Konrad Lorenz) wird hinterfragt, wie auch philosophische Fragen zur Wissenschaft und Logik mit in den Vordergrund rücken (Karl Popper, Richard Feynman). Auch Fragen zum Menschen als „aufgestiegenes Tier“ (Desmond Morris, Jacob Bronowski, James Watson, Gustav Eckstein, Richard Dawkins) und ökologische Fragestellungen gewinnen an Bedeutung; der Autor erwähnt dabei Rachel Carsons „Silent Spring“, das 1962 als neue Art von Wissenschaftsbuch auch Polemik in die Botschaft mit einbezog und damit großen Erfolg erzielte.

 

Die nächste Generation“ behandelt „Verständnis im Wandel“ u.a. mit der Interpretation der Quantenphysik (David Bohm, John Grippin). Neben Wissenschaftsgeschichte werden dabei auch erzählstarke Bücher mit Wissenschaftsgeschichten und Wissenschaftslegenden vorgestellt (Oliver Sacks, Bill Bryson, Yuval Noah Harari, Peter Atkins) sowie die Bedeutung von Frauen als Wissenschaftsbuchautorinnen (Angela Saini, Sabine Hossenfelder) gewürdigt.

 

Bücher, die die Welt veränderten“ bietet umfassendes Wissen zu 150 ausgewählten Wissenschaftsbüchern und deren Autoren mit zusätzlichen Erläuterungen zur Wissenschaftsgeschichte und der Evolution wissenschaftlichen Schreibens. Die Ausführungen des Autors beschränken sich dabei nicht auf die Vorstellung der Bücher mit ihren Inhalten und historischen Bezügen, sondern beleuchten und bewerten auch übergeordnete Zusammenhänge sowie in den Büchern enthaltene Aussagen – dass dabei britische Autoren ein wenig im Vordergrund stehen, sei ihm nachgesehen. Das mit einer Vielzahl hochwertiger bibliophiler Bilder ausgestattete sehr inhaltsreiche Lesebuch (besonders geeignet für lange Herbst- und Winterabende mit coronabedingten Ausgehsperren) bietet auch als Nachschlagewerk großen geistigen Gewinn und Genuss, wobei zu Letzterem wegen der kleinen Schrift manche Leserinnen und Leser eine starke Lesebrille benötigen werden.

Gerfried Pongratz 10/2020




Afrikanisches Sprichwort


Ohne-Beitragsbild_3zEine Rede von Deeyah Khan

Ohne Kommentierung

https://www.youtube.com/watch?v=0_W0HFy9Et4&feature=youtu.be

Zitat aus der Rede:

If the young are not initiated into the village, they will burn it down just to feel its warmth.
(African Proverb)

„Wenn die Jungen nicht in die Dorfgemeinschaft eingeführt werden, werden sie das Dorf niederbrennen, nur um seine Wärme zu spüren“.
(Afrikanisches Sprichwort)

Den vollständigen Text der auf Englisch gehaltenen Rede will ich auf Anfrage gern übersetzen.


Eckhardt Kiwitt
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Reduzierte Verkürzung


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nicht eignet

Im Verlauf der derzeitigen Pandemie wurden und werden wir täglich auf dem Laufenden gehalten über das Geschehen rund um den Globus, über Infektions- und Sterberaten, aber auch über so manche Verschwörungstheorien, die im Zusammenhang mit der Pandemie blühen und gedeihen. Auf die Details dazu möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen; man kann sich darüber ständig in den Medien informieren. Mir geht es, wie die Beitragsüberschrift bereits andeutet, um die logischen Verkürzungen, mit denen insbesondere Verschwörungstheoretiker und -praktiker gern operieren — und vermutlich auch operieren müssen.

Vor neun Monaten flog ein Storch übers Dorf. Gestern ist wieder ein Storch übers Dorf geflogen, und jetzt hat eine Frau dort ein Kind bekommen. Damit ist die Sache völlig klar, wir brauchen keine weiteren Beweise.

Bei diesem Beispiel handelt es sich zwar nicht um eine Verschwörungstheorie, sondern um einen märchenhaften Text, wie er kleinen Kindern bisweilen erzählt wird, denen man eine Erklärung für die Ursachen einer Schwangerschaft noch nicht anvertrauen oder zumuten möchte. Doch der Text enthält ein Element, das man bei Verschwörungstheorien regelmäßig vorfindet: Die logische Verkürzung, hier textlich aufs Notwendigste reduziert: Storch flog übers Dorf, Frau bekommt ein Kind, alles klar, keine weiteren Beweise nötig (oder erwünscht).

Einher geht die logische Verkürzung häufig mit dem Verwechseln oder Gleichsetzen von Koinzidenz und Kausalität, also dem zufälligen gleichzeitigen Eintreten zweier oder mehrerer Ereignisse einerseits (Koinzidenz) und dem Ursache-Wirkung-Prinzip (Kausalität) andererseits. Im Beispiel des Storches, der übers Dorf flog und der Frau, die ein Kind bekommt, treten zwei Ereignisse zufällig zeitgleich oder zeitnah ein, das eine ist jedoch nicht Ursache des anderen.

Bei Verschwörungstheorien kommt, soweit ich es beobachtet habe, ein weiteres unerlässliches Element hinzu:
Für Verschwörungstheoretiker hat Wissenschaft einen Nachteil. Sie (die Wissenschaft) lässt keine Sündenbockprojektionen zu, denn Naturgesetze sind wie sie sind — und das ist ganz schlimm!

Verschwörungstheorien benötigen Sündenböcke.
Wissenschaft taugt nicht als Sündenbock — Naturgesetze sind wie sie sind.
Verschwörungstheoretiker mögen keine Wissenschaft.

Zwar können Wissenschaften, z.B. die Psychologie, erklären, was eine Sündenbockprojektion ist und wie sie funktioniert, die Psychologie lässt sich deshalb jedoch nicht zum Sündenbock stempeln. Allenfalls der Wissenschaftler, in diesem Fall der Psychologe, kann zum Sündenbock auserkoren werden.

William Holman Hunt: The Scapegoat, 1854.

Nun könnte man einwenden, dass aber doch z.B. rund um den Klimawandel Verschwörungstheorien in beide Richtungen kursieren. Im Zusammenhang damit wurde mir kürzlich in einer Diskussion geschrieben:

Dass der westliche Mensch den Rest der Welt ausbeutet und Ursache des Klimawandels ist, wäre dann also auch eine Verschwörungstheorie erster Güte, oder?!

Dass „der westliche Mensch“ Ursache des Klimawandels ist, mag eine Verschwörungstheorie sein oder auch nicht, jedoch ist „der westliche Mensch“ keine Wissenschaft.

An anderer Stelle hieß es im Zusammenhang mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie (Zitat unverändert übernommen):

das es aus einem chinesischen Labor stammt….kann man denken, muss man aber nicht

Das kann man denken, ja. Doch damit, dass man denkt (respective glaubt), dass es aus einem chinesischen Labor stammt, wäre weder etwas bewiesen noch das Gegenteil davon. Man hätte aber für sich einen möglichen Sündenbock parat — allerdings nicht die Wissenschaft, sondern das chinesische Labor bzw. die dort beschäftigten Wissenschaftler.

Fazit:
Ohne mindestens einen Sündenbock scheinen Verschwörungstheorien nicht auszukommen und nicht zu funktionieren. Die Wissenschaft eignet sich als Sündenbock jedoch in keinem Fall, sondern es müssen wohl Menschen, manchmal auch andere Lebewesen, in seltenen Fällen sogar tote Gegenstände dafür herhalten.

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Beitragsbild oben:
Collage aus
Asian_Openbill_8279.jpg (Author: Alnus)
Bralitz_von_Westen.jpg (Author: Eva K. / Eva K.)
beide: commons.wikimedia.org

Beitragsbild mitte:
Ausschnitt aus Dollarnote_siegel_hq.jpg (Benutzer: Verwüstung)
commons.wikimedia.org

Beitragsbild unten:
Der Sündenbock, Gemälde von William Holman Hunt, 1854
commons.wikimedia.org


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Ramadan — Zeit der Heuchelei ?


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_____ Religiöse Werte _____

In vielen Religionen gibt es eine Fastenzeit, die der Besinnung auf religiöse Werte dienen soll. Allerdings sind wir Menschen nicht immer ganz perfekt, und so kann es vorkommen, dass Religionen manchmal ein wenig — menschlich, allzu menschlich — zweckentfremdet werden und von Heuchelei zu reden nicht ganz abwegig erscheint. Wir Menschen neigen nunmal dazu, unser Fehlverhalten zu rationalisieren, um uns wenigstens uns selbst gegenüber den Anschein von Lauterkeit zu verleihen.

In einem Beitrag zum Ramadan des Jahres 2017 in der FAZ schreibt Aylin Güler am 2. Juni 2017 im zweiten Absatz:

Aber auch moralische Sünden, wie Beleidigungen und Lügen dürfen in dieser Zeit nicht begangen werden.

 

Ah, nicht in dieser Zeit … Aber wie schaut es außerhalb dieser Zeit aus? Ist es dann erlaubt? Wir erfahren es leider nicht.

Aylin Güler fährt fort:

Wann findet Ramadan statt?

2017 dauert der Ramadan vom 27. Mai bis zum Ramadanfest am 24. Juni. Muslime, die in Skandinavien am Polarkreis leben, wo im Sommer die Sonne praktisch nie untergeht, halten sich an die Zeiten im saudi-arabischen Mekka oder der Türkei.

 

Dass der Ramadan für Muslime in der Nähe des Polarkreises in manchen Jahren zu einem existenziellen Problem werden kann, konnte man bereits in einem Aufsatz erfahren, der im Jahr 2006 erschienen ist. Dort ist im Kapitel 3 [Die fünf (eigentlich sechs) Säulen des Islams] in Unterpunkt 4. [Das Fasten während des Ramadans — Saum] zu lesen:

Der Ramadan kann in jede Jahreszeit fallen, da der islamische Kalender nicht dem neuzeitlichen, logischen Sonnenjahr folgt, sondern dem Mondjahr. Wie sich der Ramadan für einen Moslem gestaltet, der z.B. in Island oder auf Spitzbergen im Norden von Norwegen lebt, oder der z.B. als Wissenschaftler in der Antarktis tätig ist, sollte von islamischen Gelehrten erklärt werden; denn wenn der Ramadan in die Zeit des Sommers der Nordhalbkugel fällt, ist es dort mehrere Wochen lang „Tag“. Die Sonne geht dort dann nicht unter, und ein Moslem, ob Isländer, Norweger, Same, Türke, Araber oder Deutscher  … kann dort über diesen Zeitraum bei natürlichem Licht jederzeit „einen weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden“. Dann aber kann das Fasten während des Ramadans z.B. in Island oder auf Spitzbergen oder anderswo im Hohen Norden oder Süden für Muslime zu einem existenziellen Problem werden.

Warum sich Muslime, die "am Polarkreis" leben, gemäß der Beschreibung von Aylin Güler (FAZ) während des Ramadans "an die Zeiten im saudi-arabischen Mekka oder der Türkei" halten, wird leider nicht näher erläutert. Warum gilt dies nicht auch für Muslime, die z.B. nördlich oder südlich des 47sten Breitengrades leben? Ihnen könnte doch viel Ungemach erspart bleiben!

 

Müssen alle Muslime fasten?

Im Koran steht zum Ramadan geschrieben:

Der Monat Ramadan ist es, in dem der Qur’an als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klarer Beweis der Rechtleitung und der Unterscheidung. Wer also von euch in dem Monat zugegen ist, der soll in ihm fasten. Und wer krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll eine Anzahl anderer Tage (fasten) – Allah will es euch leicht, Er will es euch nicht schwer machen – damit ihr die Frist vollendet und Allah rühmt, daß Er euch geleitet hat. Vielleicht werdet ihr dankbar sein. [2:185]

 

Hat man im FAZ-Beitrag von Aylin Güler oben erfahren, dass sich "die 29- oder 30-tägige Fastenzeit immer um zehn bis elf Tage pro Jahr" [wegen des Jahreslaufs der Erde um die Sonne] verschiebt (siehe Screenshot 2: "Wann findet Ramadan statt?"), der Ramadan also über einen Zeitraum von mehr als einer Dekade durch das ganze Jahr wandert, so heißt es im Koran ([2:185]), dass der Koran im Ramadan — also während einer nur 29- oder 30-tägigen Periode — herabgesandt worden sei. Die medinesische Sure 2 "Die Kuh" (Al-Baqara) ist chronologisch die Nummer 91, also geraume Zeit vor Abschluss der 23-jährigen Entstehungszeit des Korans entstanden. Stimmig erscheint mir dies nicht.

Nachdenklich macht es, dass zur Teilnahme am Fasten während des Ramadans nur angehalten wird, wer "von euch in dem Monat zugegen ist" [2:185]. "Zugegen" wo? In Saudi-Arabien, in Mekka, in Medina, in oder auch außerhalb einer Moschee — oder auch woanders? Und was ist zu erwarten, falls jemand — entgegen dem Schlusssatz aus [2:185] ("Vielleicht werdet ihr dankbar sein.") — nicht dankbar ist?

Alles in allem erweckt die Geschichte rund um den Ramadan bei mir den Eindruck, dass sie unausgegoren ist.

+ + +

P.S.: Im Koran ist an 15 Stellen vom Nachdenken die Rede, recht eindringlich in der mekkanischen Sure "An-Nahl" (Die Bienen) in diesem Vers …

(Wir entsandten sie) mit den deutlichen Zeichen und mit den Büchern; und zu dir haben Wir die Ermahnung herabgesandt, auf daß du den Menschen erklärest, was ihnen herabgesandt wurde, und auf daß sie nachdenken mögen. [16:44]

… sowie in der medinesischen Sure "Muhammad" (Mohammed) in Vers 24:

Wollen sie also nicht über den Qur’an nachdenken, oder ist es (so), daß ihre Herzen verschlossen sind? [47:24]

Ich wollte es nicht unversucht lassen …

 

Den vollständigen Beitrag von Aylin Güler mit dem Titel "Wie erkläre ich’s meinem Kind? Was Muslime im Ramadan machen" finden Sie hier.

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Beitragsbild:
Das Speisewunder. Aus der Prophetenbiographie Siyer-i Nebi, Osmanisches Reich, 1388, illustriert Ende des 16. Jahrhunderts.


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„Was wirklich wirkt“ von Dr. Natalie Grams – Werben für eine moderne patientenorientierte Medizin


Natalie IDr. med. Natalie Grams wurde 2015 bundesweit bekannt, nachdem sie – erfolgreiche homöopathische Ärztin mit gut laufender eigener Privatpraxis – bei dem Versuch, eine Verteidigung der Homöopathie in Buchform zu schreiben, erkennen musste, dass es für die bislang von ihr so geschätzte Methode keinerlei wissenschaftliches Fundament gab – im Gegenteil. Nach einem Jahr der Unsicherheit und des Ringens mit sich selbst schloss sie ihre Praxis und veröffentlichte das geplante Buch, das sich jedoch inzwischen von der geplanten Apologie zu einer wissenschaftlich fundierten Kritik der Homöopathie entwickelt hatte.

Nach einem zweiten Buch, „Gesundheit – ein Buch nicht ohne Nebenwirkungen“ und der englischsprachigen Ausgabe ihres ersten Buches („Homeopathy reconsidered“) hat sie nun ihr drittes Buch auf den Markt gebracht: „Was wirklich wirkt – Kompass durch die Welt der sanften Medizin“.

Mit ihrem zweiten Buch deutete sich bereits an, dass sie aus der ursprünglichen Rolle der Homöopathiekritikern heraustritt und sich des breiten Spektrums einer „insgesamt besseren patientenorientierten Medizin“ annimmt, für das zweifelhafte bis unsinnige „Alternativmethoden“ ja „nur“ ein Teilaspekt sind. Mit dem jetzt vorliegenden Werk unterstreicht sie den Anspruch, zwar kritisch, aber in erster Linie als Anwältin einer besseren, menschlichen, patientenorientierten Medizin der Zukunft aufzutreten. Es ist der Sache wert, sich dieses Anspruchs auch in einer Rezension anzunehmen, zumal vielfach in den Buchbesprechungen und Interviews doch immer wieder (zu) stark auf die „Alternativ-Kritikerin“ Grams und die im Buch im Detail behandelten „sanften“ Methoden fokussiert wird. Die Autorin hat jedoch weit mehr zu bieten: Sie liefert eine „Gebrauchsanleitung zur Stärkung der Gesundheitskompetenz“. Was auch nach Ansicht des Rezensenten, der täglich mit den Mythen und Legenden rund um Gesundheit und Krankheit konfrontiert wird, bitter nötig ist. Öffentliches Gesundheitswesen und auch die gesetzlichen Krankenkassen, deren gesetzliche Aufgabe dies eigentlich wäre, sind entweder „verschlankt“ worden oder haben eher Interesse daran, mit medizinischem Unfug um zahlungskräftige Mitglieder zu werben statt medizinischen Unfug als solchen zu benennen.

Eher Wegweiser als Ratgeber

Und das unterscheidet „Was wirklich wirkt“ grundlegend von der üblichen Ratgeberliteratur mancher populären Autoren aus der Medizinszene. In der Tat, „Ratgeber“ wäre für dieses Buch sicher kein richtiges Etikett. Viel eher ist es Wegweiser und Anregung zum eigenen Denken, als Schritt zur wirklichen, informierten Gesundheitsentscheidung in „eigener Sache“.

Die Crux benennt Dr. Grams deutlich: Ein Gesundheitssystem, das wichtiger Aspekte einer guten „Behandlung“ der Patienten längst verlustig gegangen ist, das trotz vielen Aufwandes und vieler gut ausgebildeter und helfen wollender Menschen inzwischen alle Beteiligten – Patienten genauso wie Insider vom Professor über Haus- und Fachärzte und Studierende bis zur Pflegekraft – inzwischen überfordert und frustriert. Die Autorin diagnostiziert genau an dieser Stelle einen wesentlichen Grund für die Hinwendung so vieler Patienten zur sogenannten Alternativmedizin – besser Pseudomedizin genannt (die Autorin zieht gerade keine Grenzen auf des Wortes Schneide, sondern orientiert sich allein daran, ob etwas nachweislich eine spezifische Wirkung als medizinische Intervention hat oder nicht – die Begriffe „alternativ“, „komplementär“ und „Integrativ“ scheinen dabei sinnentleert – „was wirklich wirkt“, ist auch Medizin). Das ist der Schlüssel zum Titel des Buches, will dem Rezensenten scheinen.

Ein solches, dem Patientenwohl gewidmetes Buch kann vielleicht nur aus einer dezidiert kritischen Sicht (in alle Richtungen) entstehen. Das Kunst besteht in der Tat darin, nicht in bloßer Kritik zu verharren, sondern die kritische Sicht auf die vielen Mängel und Unzulänglichkeiten allerorten in einen empathischen Appell an die richtig verstandene, nämlich informierte Patientenautonomie zu verwandeln – den Schritt von Kritik zu Aufklärung zu unternehmen. Dies ist das Verdienst der Autorin wie dieses Buches.

Ein wenig „Spoiler“

Und so erfährt man: Wo ist Vertrauen angebracht, wo eher Misstrauen? Wie erkennt man Grenzen zwischen seriös und zweifelhaft? Was unterscheidet Mängel im Gesundheitssystem und in der wissenschaftlichen Medizin von den falschen Versprechungen der Pseudomedizin? Warum darf man beides nicht gegeneinander aufrechnen, also billigen „Whataboutism“ betreiben? (Spoiler: U. a. weil – benennbare und behebbare – Mängel der wissenschaftlichen Medizin pseudomedizinische Mittel und Methoden keinen Deut richtiger bzw. wirksamer machen.)

Der aufklärerische Impetus wird besonders deutlich in den insgesamt drei Kapiteln, die sich ausführlich ganz unterschiedlichen Aspekten des Impfthemas widmen. Ganze gerodete Wälder an „impfkritischer“ Literatur finden sich in den Regalen der Buchhandlungen (virtuell oder real) unter „Gesundheit“. Diese wenigen Kapitel in Natalie Grams‘ Buch schicken sich an, es mit all diesen aufzunehmen. Hochinteressant ist übrigens, dass und mit welchen Gründen Dr. Grams darlegt, weshalb sie als unbedingte Impfbefürworterin keineswegs auch unbedingte Befürworterin einer Impfpflicht ist.

Und wer hat schon verstanden, dass „Wer heilt hat Recht“ zwar eine richtige Aussage, aber gleichzeitig eine öde, nichtssagende Plattitüde ist in den Zusammenhängen, wie sie meist gebraucht wird? Wer hat als medizinischer Laie aka Patient wirklich einmal durchdacht (und akzeptiert), dass persönliche Erfahrungen gut und schön sind und niemand abgesprochen werden sollen, aber die gesamte moderne Wissenschaft auf der Erkenntnis beruht, dass solche Einzelerfahrungen für allgemeine Schlüsse völlig wertlos sind? Wer nimmt nicht leichthin das Wort von der guten Mutter Natur und ihrem Segen für die Menschen in den Mund, ohne zu bedenken, dass dies als Generalisierung wahrlich nicht zutrifft und er dem (im Buch erläuterten) lange entlarvten „naturalistischen Fehlschluss“ erliegt? Es ist kein Zufall, dass diese drei einfachen Beispiele zu den Schlagworten gehören, mit denen die Anbieter pseudomedizinischer Methoden zu werben pflegen. An diesen Punkten – und mehr – setzt Natalie Grams mit ihrem Bemühen an, gut verständlich die Hintergründe solch scheinbarer Gemeinplätze zu enthüllen und sie als billige Werbesprüche interessierter Kreise zu entlarven, die nicht auf strenge wissenschaftliche Wirkungsbelege verweisen können.

Medizin – wirksam und patientenzentriert

Wobei Frau Grams an keiner Stelle den Standpunkt einer wissenschaftsgläubigen Materialistin einnimmt (was einer der zahlreichen so beliebten wie falschen Vorwürfe an ihre Adresse ist) – das würde ihrem Anliegen in keiner Weise gerecht werden. Wir alle sind Menschen. Patienten, Ärzte, Wissenschaftler, Laien, Buchautoren. Wir alle haben Bedürfnisse, die über das, was uns selbst unter besten Bedingungen technisierte Medizin und moderne Pharmakologie zu bieten haben, hinausgehen. Worauf uns das Buch aufmerksam macht, ist, dass gute Medizin – auch als ärztliche Kunst bezeichnet – dies keinesfalls außer Acht lassen darf. Deshalb darf man das Buch auch als Appell an die Verantwortlichen im Gesundheitswesen sehen, die Bedürfnisse nach menschlicher Zuwendung nicht den Anbietern von Pseudomethoden zu überlassen (die sich dies zwar in der Regel teuer bezahlen lassen, mehr aber meist nicht zu bieten haben) sondern die Potenziale der wissenschaftsbasierten Medizin um solche verlorengegangenen Aspekte wieder zu ergänzen. Hinter den Erkenntnissen, was insofern nötig und möglich ist, hinkt die reale Gesundheitspolitik leider gewaltig hinterher.

Das Buch schließt mit einem Kapitel, in dem die Autorin eine Reihe von „alternativmedizinischen“ Verfahren nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft kurz kommentiert und bewertet, übrigens keineswegs in Bausch und Bogen negativ. Dass Stimmen zum Buch aus dem pseudomedizinischen Lager sich auf diese wenigen Seiten (sogar auf einige wenige dieser wenigen Seiten) kaprizieren und die restlichen rund 200 Seiten des Buches offenbar überhaupt nicht zur Kenntnis genommen haben, ist bezeichnend. Um es noch einmal zu sagen: Längst ist Dr. Natalie Grams aus der Rolle der „spezialisierten“ Homöopathiekritikerin hinausgetreten und setzt sich mit ihren persönlichen Erfahrungen und ihren wissenschaftlichen Kenntnissen für eine insgesamt bessere Medizin auf wissenschaftlicher Basis ein, die den Menschen nicht vernachlässigt, sondern mitnimmt: Für eine ganzheitliche Medizin, die diesem Attribut auch gerecht wird und es nicht nur als billiges Etikett für zweifelhafte „Sonderangebote“ des Medizinmarktes verwendet. Dr. Grams folgt dabei den Grundsätzen der sich seit wenig mehr als 20 Jahren weltweit etablierenden Evidenzbasierten Medizin, die dem behandelnden Arzt im Einzelfall die bestmögliche vorhandene klinische Evidenz zur Verfügung stellen will, damit er sie im Rahmen seiner persönlichen ärztlichen Erfahrung und unter Beachtung der berechtigten Patientenbedürfnisse in einen Therapievorschlag umsetzt. Viele „alternative“ Verfahren vermögen dies nicht, weil ihnen die Basis, die klinische Evidenz, fehlt – daher bedarf es auch der Kritik an ihnen.

Fazit

Natalie Grams verbreitet in ihrem neuen Buch keine exklusiven Weisheiten oder sensationellen persönlichen Einblicke, irgendwelche Anpreisungen wird man vergeblich suchen. Jenseits wohlfeiler Ratschläge oder wundersamer Enthüllungen aus der güldenen Schatulle der Geheimmedizin erfährt der Leser, wie man sich in einer verwirrenden Gesundheitslandschaft orientiert und wie man Fakten von Fake dabei unterscheiden kann. Ein wenig Mitdenken ist dabei vonnöten – der Leser wird dafür aber belohnt mit Ehrlichkeit und Empathie und mit einem Kompass zur Einordnung des auf ihn einstürmenden Chaos von manchmal mehr, oft weniger sinnvollen „Gesundheitsinformationen“. Allen, denen das Thema Gesundheit nicht gleichgültig ist, einschließlich den Gesundheitspolitikern, sei die Lektüre ans Herz gelegt. Hier kommt kein wohlfeiles "Rezeptbuch", keine Kräuterküche, kein Detox, nichts, was die Grenze zwischen Wellness und Medizin, zwischen Befindlichkeit und Krankheit verschwimmen ließe, auch keine Anpreisung von Wundermedizin aus exotischen Fernen (was häufig mit einer Abwertung der wissenschaftlichen Medizin und ihrer Errungenschaften verbunden ist). Hier kommen Anregungen zur Besinnung auf Vernunft und ein wenig Rationalität, die im Bereich der persönlichen Gesundheit (über-)lebenswichtig sein können. Ein Buch, das bislang fehlte. Es wirbt um Vertrauen in die so oft gering geschätzte wissenschaftliche Medizin und der Wissenschaft im allgemeinen, um Vertrauen auf das ehrliche Bemühen der vielen Menschen, die im Interesse der Gesundheit professionell arbeiten und um eine kritische Sicht auf falsche Heilsversprechen unterschiedlichster Couleur, ohne zu vergessen, welche Bedürfnisse und Defizite die Menschen dazu bringen, nach solchen Heilsversprechen zu suchen. Und Lesevergnügen bietet das Buch zudem.

 

Nachschrift

Der Autor der vorstehenden Rezension war an der Entstehung des Buches mit dem einen oder anderen Hinweis oder Ergänzungsvorschlag beteiligt. Insofern soll es kein Geheimnis sein, dass er ein ideelles Interesse an dem Buch haben mag. (Dieses ideelle kollidiert mit keinerlei materiellem Interesse, ein Interessenkonflikt liegt daher nicht vor.) Der Rezensent ist selbst der Überzeugung, dass die Weichen für ein gleichzeitig konsequent wissenschaftsbasiertes und konsequent patientenorientiertes Gesundheitssystem in mancher Hinsicht neu gestellt werden müssen. Eine wichtige davon ist die Fokussierung auf Patientenaufklärung und Stärkung von Gesundheitskompetenz und – auf dieser Basis – Patientenautonomie. Als ein Baustein dafür ist das besprochene Buch gedacht und geschrieben und sollte so auch verstanden werden. Lobbyismus ja – Lobbyismus für eine menschliche Medizin, für eine informierte Patientenautonomie. Und in diesem Sinne ist auch dieser Versuch einer Rezension geschrieben.

 

Dr. Natalie Grams: Was wirklich wirkt – Kompass durch die Welt der sanften Medizin

Aufbau-Verlag (1. Auflage, 18. Februar 2020), broschiert, 18 Euro

ISBN-10: 3351034717  / ISBN-13: 978-3351034719




Blasphemiewächter und Gottesleugner


Maome_300dpi_10x10_mirror_rgbÜber die Gottesfürchtigkeit

Blasphemie, gemeinhin übersetzt mit „Gotteslästerung“, wenngleich es nur „Rufschädigung“ bedeutet, ist ein je nach persönlichem Rechtsempfinden unterschiedlich interpretierter und gewichteter Begriff. Mancherorts gilt „Gotteslästerung“ als todeswürdiges Verbrechen, andernorts ist sie juristisch nicht eingeordnet und nicht gewertet. Ich halte den Begriff für sinnlos, da es das zugehörige „Gott“ nicht nachweislich gibt (vlg. den Beitrag Nichtexistenz), sondern es sich bei „Gott“ lediglich um eine Idee in den Köpfen von Menschen handelt, dieses „Gott“ aus sich heraus jedoch keine Wechselwirkungen zeigt.

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Das Bilderverbot im Islam ist in einigen Ländern eine ernste Angelegenheit. So ernst, dass manch einer meint, die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen dazu würden — oder müssten — auch außerhalb des islamischen Kulturkreises gelten.

Am 3. Februar 2020 erreichte mich eine E-Mail von WordPress, in der es heißt:

A Pakistan authority has demanded that we disable the following content on your WordPress.com site:
https://islamprinzip.wordpress.com/mohammed-images/

Übersetzung: Eine pakistanische Behörde hat verlangt, dass wir die folgenden Inhalte auf Ihrer WordPress.com-Website deaktivieren …

Es folgt ein Hinweis darauf, wie man (staatliche) Restriktionen im Internet und speziell auf WordPress-Webseiten umgehen kann — «bypassing Internet restrictions» –, gefolgt vom Text der Beschwerde einer „Pakistan authority“:

Screenshot einer E-Mail vom 03.02.2020
(eigenes Werk)

The Pakistan case

Begin complaint

Dear WordPress Team,

It is highlighted that following links pertaining to Fake information and derogatory remarks against Prophet Muhammad (PBUH) by showing insulting images, which are unlawful under Blasphemous category as defined in Section 37 of Prevention of Electronic Crime Act (PECA-2016), Pakistan Penal code 295, 295A, 295B, 295C and Section 19 of the constitution of the Pakistan.
Keeping above in view, It is requested to please support in removing URL‘s from your platform at earliest please.
The below mentioned websites can be found on following URL’s:-
7. https://islamprinzip.wordpress.com/mohammed-images/
[…]
Looking forward for your prompt response please.
Regards
Web Analysis Team
+92 51 9214396

End complaint

WordPress wird dem Begehren der „Pakistan authority“ nicht folge leisten. Ich sehe dazu ebenfalls keinen Grund.

Besagte „Pakistan authority“ bzw. das die Beschwerde unterzeichnende Web Analysis Team ist, wie eine Google-Suche nach der in der Beschwerde angegebenen Telefonnummer ergibt, seit Jahren bemüht, Inhalte aus dem Internet entfernen zu lassen, die den Blasphemie-Gesetzen Pakistans zuwiderzulaufen scheinen.

Insbesondere der Hinweis des Web Analysis Teams auf „insulting images“ scheint mir in Bezug auf die von mir auf meiner Website veröffentlichten Mohammed-Bilder arg weit hergeholt, handelt es sich doch einerseits (vermutlich mit Ausnahme des letzten Bildes „Die Hauptmoschee von Medina mit dem Grab Mohammeds“, eines Stahlstichs aus dem 19. Jhdt.) ausschließlich um Bilder aus dem islamischen Kulturkreis (Osmanisches Reich, Persien, Arabien, Algerien, …), andererseits um Darstellungen, die das Leben des Islam-Erfinders von der Geburt bis zum Tod widerspiegeln. Inwieweit diese Bilder „beleidigend“ sind („insulting images“), bedürfte einer Erklärung.

Zwar ruft der Artikel 20 Absatz 2 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte dazu auf, „Die Verfechtung nationalen, rassistischen oder religiösen Hasses, welche zur Diskriminierung, Feindseligkeit oder Gewalt anstiftet.“ zu verbieten. Die Wiedergabe von Bildern des Propheten und Islam-Erfinders Mohammed, zumal wenn es sich um Bilder aus dem islamischen Kulturkreis handelt, scheinen mir dazu jedoch nicht geeignet. Nichtmal die im Jahr 2005 von einer Regionalzeitung in Dänemark veröffentlichten sogenannten Mohammed-Karikaturen scheinen dazu geeignet, da insbesondere die Frage bleibt, ob es sich bei dem in diesen Karikaturen Abgebildeten um einen Propheten handelt und woran man diesen erkennen kann.

Besonders pikant finde ich, dass die Beschwerde aus einem Land kommt, in dem die Religionsfreiheit einen schweren Stand hat und in dem ein bloßes Gerücht reichen kann, um jemanden vor Gericht zu bringen wo ein Todesurteil dann in so einem Fall nicht selten ist, oder von einem aufgebrachten Mob gelyncht zu werden. Dass Menschen aus welchen Gründen auch immer frustriert sein können und ihren Frust und den daraus entstehenden Hass an willkürlichen Opfern — Sündenböcken — auslassen, ist ein die Kulturgeschichte der Menschheit durchziehendes Verhalten. Eine Entschuldigung ist es nicht und kann es nicht sein.

William Holman Hunt: The Scapegoat, 1854.

William Holman Hunt: The Scapegoat, 1854.

Bemerkenswert finde ich, dass Menschen mit einem Glauben an ein Allmächtiges Gott meinen, in Fällen von „Blasphemie“ gegen den vermeintlichen Täter vorgehen zu müssen statt darauf zu vertrauen, dass sich das Allmächtige Gott höchstselbst der Sache annimmt und gegen den vermeintlichen Täter aktiv wird. Damit bringen sie m.E. einerseits zum Ausdruck, dass ihr Glaube nicht allzu stark ist, andererseits machen sie sich damit selbst der von ihnen angeprangerten „Blasphemie“ schuldig, weil sie ihrem Gott die Allmacht absprechen oder diese zumindest anzweifeln und ihm kein Vertrauen entgegenbringen, ja ihren Gott verleugnen. Sie sind — vielleicht aufgrund einer Unfähigkeit zur Selbstreflexion — Blasphemiewächter und Gottesleugner zugleich.

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Beitragsbilder (alle gemeinfrei):

Persian or central Asian illustration showing Muhammad (on the right) preaching., Wikimedia.org

William Holman Hunt (1827-1910), The Scapegoat (painting), Wikipedia.org

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Hinweis:
Diesen Beitrag habe ich am 16. Februar 2020 in Englischer Übersetzung (Rohfassung) auch auf der englischsprachigen Version meiner Website veröffentlicht.


Eckhardt Kiwitt
Pfalzgrafstr. 5
D-85356 FREISING
QS72@gmx.net




NEUER ANTISEMITISMUS


Der ewige Jude(Kurzfassung der Broschüre „Neuer Antisemitismus“ von Anton Grabner-Haider; 2020, 28 Seiten.)

Der neue Antisemitismus, bzw. Antijudaismus wendet sich gegen ein imaginäres “Weltjudentum”, dem er Weltherrschaft über die Kapitalmärkte und den Plan eines neuen Weltkrieges unterstellt. Warum ist diese Ideologie aus dem 19. Jh. heute wieder so erfolgreich? Die Antwort darauf lautet, dass die Erzeuger und Vermittler von Fake News Feindbilder benötigen, Juden bieten sich dafür an: Christliche Theologen und Kleriker hatten über 1.600 Jahre gepredigt, dass auf Juden ein göttlicher Fluch liege; Christen müssten diesen vollziehen.

Als die Juden ab 1870 in den meisten europäischen Ländern bürgerliche Rechte zuerkannt bekamen und alle Berufe ergreifen durften, entstanden Antisemiten-Vereine (Wilhelm Marr). Deren Mitglieder fürchteten die Überlegenheit jüdischer Geschäftsleute, Geldgeber und jüdischer Intelligenz in der Wirtschaft und in den Wissenschaften. Nicht zuletzt auch deshalb verkündeten Jesuiten in ihren Zeitschriften (z.B. in der „Civiltà cattolica“), die Juden seien eine akute Gefahr für den christlichen Glauben und die Moral. Sie müssten wieder, wie es im Mittelalter der Fall war, von Christen getrennt werden und sie dürften auch keinen Grund und Boden besitzen. In der NS-Diktatur wurden solche Forderungen 1935 mit den Nürnberger Gesetzen erfüllt; neben religiösem entwickelte sich auch religionsloser Antisemitismus, der zum Holocaust führte.

Woher stammt der Hass der frühen Christen auf die Juden, obwohl Jesus und die frühen Christen Juden waren? Der Hauptgrund liegt darin, dass die toratreuen Juden Jesus nicht als Messias anerkannten und die Christen aus ihren Synagogen ausschlossen. Damit praktizierten die Christen eine öffentlich nicht zugelassene Religion (religio illicita) und verloren alle staatlichen Privilegien – im Gegensatz dazu blieben toratreue Juden vom Staat geschützt (religio licita) und mussten keine Kaiseropfer darbringen.

Im Zuge dieser Auseinandersetzungen begannen christliche Prediger gegen toratreue Juden zu hetzen; sie bezeichneten sie als “Söhne des Teufels” (Joh. 8,33), auf denen der Zorn Gottes liege. Zwar blieben die Juden – auch nachdem das Christentum ab 381 n.Ch. zur römischen Reichsreligion wurde – weiterhin vom Staat geschützt, christliche Theologen predigten jedoch über Jahrhunderte gegen sie und christliche Fanatiker zerstörten ihre Synagogen (Kallinikon). Da, im Gegensatz zu den Klerikern, christliche Bauern, Handwerker und Händler weiterhin eng mit Juden zusammenarbeiteten, verboten Bischöfe Gastmähler und Eheschließungen zwischen Christen und Juden und Rabbis durften nicht mehr christliche Felder segnen. Im Jahr 1215 beschlossen die römischen Bischöfe (Lateran IV), dass Juden keinen Besitz an Grund und Boden haben dürfen, getrennt von Christen siedeln und zudem an ihren Kleidern (Judenfleck) als Juden erkennbar sein müssen. Als Handwerker und Händler konnten sie allerdings weiterhin tätig bleiben und ihr Geld gegen feste Zinsen verleihen. Diese bischöflichen Gesetze führten dazu, dass Juden zu Spezialisten der Geldwirtschaft wurden, wobei hasserfüllte Prediger (z.B. Georg Ratzinger) und andere Antisemiten bis heute immer wieder behaupten, Juden würden mit ihrem Geld die Welt beherrschen.

Im Mittelalter siedelten Juden als Spezialisten des Handels und Geldverleihes hauptsächlich in den Städten am Rhein (Köln, Mainz, Worms, Speyer) und an der Donau (Regensburg, Passau, Wien). Zahlreiche Herrscher, wie z.B. die Babenberger und Habsburger holten jüdische Händler aus Italien und gestatteten Wohnsitze an den großen Handelsstraßen, wobei ihnen erlaubt wurde, den Fernhandel mit Bodenschätzen (Salz, Eisen, Silber, Kupfer, Gold) zwischen Böhmen und Italien zu organisieren. Da viele Juden mehrsprachig (Hebräisch, Latein, frühes Italienisch, Mittelhochdeutsch) waren, wurden sie von den Fürsten auch als Steuerverwalter eingesetzt. Nebenbei finanzierten sie die Kriege der Habsburger gegen Böhmen, Türken, Hussiten, Protestanten und Napoleon, wobei ihnen als Gegenleistung für begrenzte Zeit Schürfrechte in Bergwerken erteilt wurden.

Kaiser Joseph II. (1781) räumte den Juden weitere Rechte ein. 1816 wurde Samuel Rothschild von Frankfurt nach Wien geholt, womit ein Anschluss an die großen Bankhäuser in Paris und London gegeben war. In der Folge finanzierten jüdische Geldgeber den Bau der Palais an der Ringstraße in Wien, bauten in ganz Österreich große Industrieanlagen (Fam. Wittgenstein), gründeten Zeitungen sowie Eisenbahnlinien und prägten sehr wesentlich das kulturelle Leben am Ende des 19. und Beginn des 20. Jhs. In ganz Europa wurden jüdische Mitbürger führend in den Naturwissenschaften (Biologie, Physik, Chemie, Astronomie), in der Musik, in Literatur und Malkunst. Die Salzburger Festspiele wurden im Jahr 1920 von jüdischen Künstlern gegründet (Max Reinhard, Hugo von Hofmannsthal, Stefan Zweig), die österreichische Verfassung stammt vom jüdischen Juristen Hans Kelsen und jüdische Philosophen (z.B. Ludwig Wittgenstein und Karl Raimund Popper) fanden und finden bis heute weltweite Anerkennung.

Fazit: Der alte und der neue Antisemitismus/Antijudaismus bedeutet Kampf der wenig Gebildeten gegen die geistigen und wirtschaftlichen Eliten der globalen Zivilisation sowie Kampf gegen rationale Aufklärung, gegen die Erkenntnisse der kritischen Vernunft und gegen die allgemeinen Menschenrechte. Er behindert friedvolles Zusammenleben und muss mit allen rechtlich möglichen Mitteln entschieden bekämpft werden.




Prognosencheck 2019


GWUPAussendung von e-Skeptiker – Newsletter für Wissenschaft und kritisches Denken – GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) – vom 12.12.2019

Kein Polsprung und kein harter Brexit:
Die Prophetenpleiten des Jahres 2019

Ein innerhalb weniger Tage um 5000 km springender magnetischer Nordpol, der die Erdachse verschiebt und den europäischen Kontinent in ein Inselarchipel zerbrechen lässt – die Katastrophenprognosen der selbst ernannten Nostradamusdeuterin Rose Stern für die im Dezember 2019 beginnende Endzeit erweisen sich glücklicherweise als ebenso falsch wie der vom US-amerikanischen Pastor Peter Begley für den 21. Januar vorhergesagten Weltuntergang nach einer Mondfinsternis. Die alljährliche Prognosenpleite von Wahrsagern, Hellsehern und Astrologen setzte sich auch 2019 fort.

Der Mainzer Mathematiker Michael Kunkel, der für die GWUP alljährlich die Prognosen auswertet, fand auch für 2019 kaum Treffer. Neben den üblichen Naturkatastrophen (Vulkanausbrüche, Erdbeben, Tsunamis, Waldbrände) floppten auch realistischere Prognosen wie ein harter Brexit (Craig Hamilton-Parker), das Ende von Facebook (Julie McKenzie) oder der Rücktritt der Bundesregierung im Frühjahr (Udo Golfmann). Beim US-Präsidenten waren sich die Auguren gar nicht einig: Er tritt zurück (Rose Smith), bleibt Präsident (Susan Rowlan) oder wird Opfer eines Anschlags (Nikki Pezaro, Craig Hamilton-Parker und andere). "Anschläge auf US-Präsidenten werden in jedem Jahr vorhergesagt", kommentiert Kunkel, dem absurde Prognosen wie die Entdeckung eines Riesenaffen à la King Kong, ein ins Weiße Haus einbrechender Papagei (beide Nikki Pezaro) oder der gleichzeitige Bundesligaabstieg von Bayern München und Borussia Dortmund (Martin Wagner) wesentlich besser gefallen: "Mit solchen Prognosen wird wenigstens keine Angst unter Leichtgläubigen geschürt."

Die Mehrzahl der Astrologen wagt sich dabei seltener auf das dünne Eis exakter Prognosen. Naturkatastrophen, Kriege oder irgendwelche gesellschaftlichen Umwälzungen werden zwar erwähnt (z.B. bei Michael Allgeier, Cord Kleinschmidt, Karin Mayer, Elizabeth Teissier), aber der in der Regel verwendete Konjunktiv verwässert die sowieso schon vagen Aussagen zusätzlich. Mancher Astrologe gibt auch offen zu, dass er gar nicht weiß, was passieren wird. "… welchen Bereich dies betrifft, sehen wir erst, wenn es soweit ist, und zwar von Mai bis Juli" wird Martin A. Banger zum Thema "Verunsicherungen in der Bevölkerung" zitiert. "Wenn es soweit ist, dann weiß ich es auch", reagiert Kunkel amüsiert. Glaubt man dem Deutschen Astrologen-Verband, dann sind Prognosen sowieso nicht das zentrale Thema der Sterndeutung – umso überraschender, dass sein Vorsitzender Klemens Ludwig im Wirtschaftsteil des Spiegel eine relativ genaue Voraussage wagte: "Der DAX wird bis 2024 auf mindestens 8500 Punkte fallen, da lege ich mich fest." Kunkel verspricht, diese Prognose nicht zu vergessen.

Die in der Regenbogenpresse beliebten Promiprognosen lieferten auch 2019 die üblichen Themen: Promipaare trennen sich, Singles finden einen Partner, bei Älteren werden Gesundheitsprobleme, bei Frischvermählten eine Schwangerschaft vorhergesagt – für Kunkel sind solche Voraussagen zumindest teilweise prüfbar, allerdings meist auch sehr trivial: "Die Hälfte der Auguren dürfte das Geschlecht des Kindes von Prinz Harry und Herzogin Meghan richtig vorhergesehen haben." Der britische Hellseher Nicolas Ajula gehörte nicht dazu, er sah die Geburt eines Mädchens – und eine Schwangerschaft bei der 52-jährigen Nicole Kidman. Kaum prüfbar ist, ob Angela Merkel im November wirklich an Rücktritt dachte (Elizabeth Teissier) oder ob Helene Fischer sich irgendwann wieder für Florian Silbereisen interessieren könnte (Astrologin Susy Schädler).

Hintergrundinfos zu den Prognosen: https://tinyurl.com/PrognosenFAQ2019
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Impressum:
Herausgeber und Redaktionsanschrift: Zentrum für Wissenschaft und kritisches Denken, GWUP e.V., Arheilger Weg 11, 64380 Roßdorf. Redaktion: Inge Hüsgen (V.i.S.d.P.), Michael Kunkel, Dr. Martin Mahner. Alle Texte – soweit nicht anders gekennzeichnet – ©2019 GWUP.
Die Weiterverbreitung dieses Newsletters zu nicht-kommerziellen Zwecken mit Quellenangabe und/oder diesem Impressum ist erwünscht.
Die GWUP im Internet:
http://www.gwup.org (offizielle Website)
http://blog.gwup.net (offizieller Blog)
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Mehr von den Skeptikern in Web (Blogs, Facebook-Gruppen, Tweets, RSS- Feeds…) unter http://www.gwup.org/index.php?view=article&id=889.
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Wolfgang Sotill: „ISRAEL – 40 einfache Fragen, 40 überraschende Antworten“


SotillRezension von Gerfried Pongratz: 

Der Israelkenner, Journalist, Buchautor, Reiseleiter und Theologe Wolfgang Sotill nennt als Hauptziel seines Buches, Fakten zu Israel zu vermitteln, Zusammenhänge aufzuzeigen und Klischees aufzubrechen. Was als Buchtitel nach einfacher Reiseliteratur klingt, erweist sich als fundierte Auseinandersetzung mit Israel in seinen vielen Facetten zur Geschichte, Religion, Kultur, Politik und zum Alltagsleben; das inhaltliche Spektrum ist dementsprechend breit und reicht vom Nahost-Konflikt bis zum jüdischen Witz. Der Autor nennt Israel ein Verwirrspiel des Intellekts, aber auch der Gefühle, es sei weder kulturell, noch religiös, noch politisch eindimensional. Die Beschäftigung mit diesem Land erfordere eine offene Gedankenwelt, in der es viele Fragen mit zahlreichen unterschiedlichen Antworten gibt, die zu neuen Kategorien der Kultur-, Religions- und Geschichtsbetrachtung führen. Sotill wünscht sich, dass Israel nach der Lektüre des Buches mit neuen Augen gesehen wird; ohne unkritische Jubelstimmung, aber auch ohne Vorurteile: „Das ist es, was Israel verdient. Nicht mehr und nicht weniger“.

 

Das Buch gliedert sich in drei große Abschnitte: „LAND & LEUTE“ behandelt in 14 als Fragen formulierten Kapiteln Themen, die für das Verstehen Israels wichtig sind und die man kennen sollte, wenn man das Land bereist. Wie gefährlich ist eine solche Reise? Welche Orte sollte man unbedingt besuchen? Was macht Jerusalem so heilig, so schwierig, so einzigartig? Wer ist das überhaupt, ein Jude? Was hat Europa mit dem Konflikt im Nahen Osten zu tun? Wann hören die Juden endlich auf, vom Holocaust zu reden? Diese und zahlreiche weitere Fragen bieten mit ihren zum Teil tatsächlich überraschenden Antworten ein Kaleidoskop des Lebens, wie auch der Probleme und Krisen in Israel. Auch humorige Anmerkungen und persönliche Anekdoten kommen dabei nicht zu kurz; so z.B. wird die spirituelle Dimension von Jerusalem mit „heilig für die halbe Menschheit“ und „jedes Gebet ist ein Ortsgespräch mit Gott“ nahe gebracht und das Sprachengewirr Israels (hebräisch, jiddisch, arabisch) mit mehreren Beispielen erhellt.

 

Der Abschnitt „JUDENTUM –CHRISTENTUM – ISLAM“ widmet sich mit 24 Fragen vorwiegend der Bedeutung von Israel, insbesondere von Jerusalem, für die drei monotheistischen Weltreligionen und den sich daraus ergebenden Folgen; dass der Autor auch Theologe ist, wird dabei deutlich erkennbar. Woran glauben Juden? Warum ist der Platz des Felsendoms auch Juden heilig? Wer ist ein orthodoxer Jude? War Jesus Jude? Warum lehnen die Juden Jesus als Messias ab? Warum ist Jerusalem die drittheiligste Stadt im Islam? Warum steht über Maria im Koran mehr als in der Bibel? Die Antworten beleuchten die Entwicklungen dieser drei Religionen bis hin zu den Problemen, die sich aus ihren Verbindungen, Verflechtungen, Verschränkungen in ihren Varianten und Auslegungen – von moderat bis ultraorthodox – im heutigen Israel ergeben. Historische Betrachtungen über das Land zur Zeit Jesu, zu Aussagen des alten und neuen Testaments, zur Kreuzigung als „grausamste und fürchterlichste Todesstrafe der Menschheitsgeschichte“ (Cicero) ergänzen die Ausführungen, wobei auch Antworten zu Fragen des alltäglichen Lebens nicht zu kurz kommen: Wird an der Klagemauer nur geklagt? Wie begehen Juden den Schabbat? Wie schmeckt koscheres Essen?

 

Neben Betrachtungen über Land und Leute vermittelt das Buch sehr viel religionskundliches Wissen; ohne inhaltliche Wertung beschreibt Wolfgang Sotill Grundlegendes der drei Religionen, bis hin zu ihren heiligen Schriften und Ritualen, wobei Außenstehenden Vieles extrem seltsam erscheint. Die starke Zunahme orthodoxer Juden (sie haben wesentlich mehr Kinder als säkulare) in Israel mit ihrem Beharren darauf, dass ihnen das Land von Gott zugeeignet worden sei, führt zur Vertiefung innerisraelischer Spannungen und vermindert neben anderen Erscheinungen – auch von arabischer Seite – die Chancen auf eine Friedenslösung in der Region. Die Antworten auf Fragen wie „Sind Araber in Israel auch Palästinenser? Warum versetzen die Kreuzfahrer die Araber noch immer in Angst? Sind die Siedler ein Hindernis für den Frieden?“ verdeutlichen das schwierige Verhältnis Israels zu Palästina, bzw. von Juden zu Arabern, wobei der Autor die derzeitige Entwicklung mit wenig Optimismus bewertet.

 

Neben den Problemen und negativen Erscheinungen beschreibt das Buch auch zahlreiche alltägliche – heitere und ernste, tiefgründige und oberflächliche – Aspekte des Lebens in Israel. Mit der Frage „Was hat das Judentum für die Welt geleistet?“ werden die zentralen Errungenschaften von Monotheismus, das Verbot von Menschenopfern, die Demokratisierung der Religion und der Rechtsgrundsatz der Verhältnismäßigkeit von Vergehen und Strafe und damit von der Wertgleichheit der Menschen, erörtert. Dass das jüdische Lehr-, Lern- und Bildungssystem weltweit einzig dasteht und überragende Erfolge zeitigte, bzw. noch immer zeitigt (1/3 aller Nobelpreisträger seit 1901 sind Juden) ist unbestritten, die Frage „Sind Juden intelligenter als Nichtjuden?“ wird vom Autor mit dem Hinweis auf das Bildungssystem verneint. „Sind die Juden ein auserwähltes Volk?“, wie ihre orthodoxen Religionsvertreter meinen, wird von ihm ebenfalls verneint; Juden sind seiner Ansicht nach kein „auserwähltes“, aber ein „besonderes“ Volk. Das Judentum mit seiner 4.000jährigen Geschichte und Kulturentwicklung könne nicht nur auf eine einzigartige Beständigkeit unter allen (untergegangenen) antiken Völkern, sondern auch auf eine einzigartige Entwicklung unter allen Völkern verweisen.

 

Der dritte Abschnitt des Buches „Zeittafel“ vermittelt unter „WAS WAR WANN“ gut gegliedert die Geschichte der Israeliten, bzw. Israels seit 3.760 vor Christus, als Zeitpunkt der Schöpfung der Welt nach mythologisch jüdischer Zeitrechnung. Nach Jahreszahlen geordnet werden die Zeit der Patriarchen, der Richter, der Könige, die hellenistische Zeit, Römerherrschaft, Kreuzfahrerzeit, Zeit der Osmanen usw. bis hin zur Staatsgründung 1948 mit wichtigen Kenndaten und Ereignissen beschrieben. Diese Ausführungen und die darauf folgenden Anmerkungen und Literaturhinweise sowie eine Empfehlung für Orte, die man als Israelbesucher unbedingt aufsuchen sollte, bilden eine gute Ergänzung der vorangegangenen Inhalte.

 

Das vorliegende Werk führt in ein orientalisches Land voller Heiligtümer und kultureller Sehenswürdigkeiten, voll alter und aktueller Geschichte, voller Konflikte, aber auch voller erstaunlicher Erfolge. Es gelingt dem Autor, die zahlreichen Aspekte und Gegensätze Israels nicht nur sachlich darzulegen, sondern Geschichte auch mit Geschichten zu verbinden und damit emotionell nahe zu bringen. Man spürt des Autors Bemühen, neutral und möglichst unparteiisch zu berichten – seine Affinität für Religionen und zum Staat Israel bleibt dabei erkennbar. Wolfgang Sotill versteht es, ein vielseitiges, farbiges Gesamtbild von Israel auf literarisch hohem Niveau zu vermitteln, negative Entwicklungen und kritische Anmerkungen werden nicht ausgespart. „ISRAEL – 40 einfache Fragen, 40 überraschende Antworten“ ist ein Buch, das einschlägig Interessierten ohne Einschränkung empfohlen werden kann.

Wolfgang Sotill: „ISRAEL – 40 einfache Fragen, 40 überraschende Antworten“

© Styria Verlag, Wien-Graz, 2019, ISBN 978-3-222-13634-4, 239 Seiten.

 

Gerfried Pongratz 10/2019

 

 




Esoterik ist die neue Weltreligion...


Woman Consulting The Stars - Zodiac Signs In The Sky - Contain Illustration And elements furnished by NASA

Woman Consulting The Stars – Zodiac Signs In The Sky – Contain Illustration And elements furnished by NASA

…und sie verblendet die Massen

Darüber ist seit 13.7.2019 auf https://www.watson.ch zu lesen,
es heißt dort einleitend:

"Esoterik der harten Sorte kann bedenkenlos als neue Weltreligion bezeichnet werden. Es ist zwar weder eine klar definierte Heilslehre noch eine geschlossene Glaubensgemeinschaft, doch die pseudospirituelle Lehre hat einen gemeinsamen Kern: Der Glaube an paranormale übersinnliche Phänomene, bei denen alles für wahr gehalten wird, was die Fantasie von überspannten Gurus und spirituellen Meistern ausspuckt."

Weiterlesen auf der Watson-Site!

Ja, die alten Religionen verlieren an Bedeutung, die Gläubigen werden zunehmend weniger! Aber das "Opium des Volkes" existiert weiter! In Form der Esoterik! Menschen die sich in diese Richtung orientieren sind ebenfalls Gläubige, man nennt sie allerdings "Abergläubische"!

Warum das passiert, ist nachvollziehbar! Früher als die traditionellen Religionen noch im Volke verankert waren, beinhalteten sie auch entsprechende esoterische Elemente: Zum Beispiel zogen Bauern in Prozessionen mit dem Pfarrer über ihre Felder, der Pfarrer besprengte diese mit Weihwasser und man betete um die Hilfe Gottes für gute Ernten. Und wenn man selber oder jemand in der jeweiligen Umgebung Unglück erlitten hatte, dann betete man selber zum HErrn um Hilfe und andere schlossen von Unglücken Betroffene in ihre Gebete ein. Wenn dann die Ernte gut war und das Unglück bewältigt werden konnte, hatte der Herrgott geholfen. Wenn es nicht geklappt hatte, dann war der Herrgott beleidigt worden, die Beter hatten vielleicht zuwenig gebetet oder zuviel gesündigt oder der Herrgott prüfte die Menschen oder seine Wege waren unerforschlich.

In der Esoterik ist das einfacher und zielgerichteter, die Gurus haben ihre Bereiche und ihre transzendenten Welterklärungen, die Käufer der Angebote erleben dasselbe wie Beter und Prozessionsteilnehmer, manchmal wird ein Problem gelöst, manchmal verschlechtert es sich wenigstens nicht, manchmal placebot etwas, man kann also durchaus subjektive Erfolgserlebnisse haben, denn Einbildung ist die Bildung der Abergläubischen! Klarerweise kann im wirklichen Ernstfall die Esoterik nicht helfen, aber dann hat man es wenigstens probiert…

Das Schöne dabei ist in jedem Fall, die Gurus strafen ihre Kunden direkt, esoterischer Aberglaube ist Dummheit, Dummheit tut normalerweise nicht weh, aber für diese Dummheit wird der Nutzer vom Anbieter sofort mit einer entsprechenden Geldstrafe belegt, die durchaus wehtun und dadurch Lernfähigkeit und Besserung bezüglich des Aberglaubens auslösen kann…

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




Verfassung oder Grundgesetz


Carlo-Schmid_Was-heisst-eigentlich-Grundgesetz

In Kommentaren und Berichten höre und lese ich immer mal wieder, dass das «Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland» keine Verfassung sei, sondern nur ein Provisorium. Dieser Meinung mag man zustimmen oder auch nicht. Kritiker berufen sich dabei gern auf den Artikel 146, in dem es heißt

Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.

Einen Volksentscheid, in dem unser Grundgesetz als Verfassung von einer Mehrheit (der Wahlberechtigten / der Teilnehmer an einem entsprechenden Volksentscheid) angenommen und beschlossen worden wäre, hat es m.W. bislang tatsächlich nicht gegeben. Trotzdem scheue ich mich nicht, das Grundgesetz als Verfassung zu bezeichnen und auch zu akzeptieren.

Bekanntlich gewährleistet (garantiert) uns das Grundgesetz eine ganze Reihe von Grundrechten (Artikel 1 bis 19), und obendrein im Artikel 79 eine „Ewigkeitsgarantie“ für bestimmte Rechtsgrundsätze, niedergelegt in den Artikeln 1, Sätze 1-3, und 20, Sätze 1-4.

Von Kritikern, die eine Volksabstimmung über unser Grundgesetz wünschen bzw. fordern, würde ich gern erfahren, welche Artikel des Grundgesetzes sie

  • ergänzt
  • geändert (in welcher Weise ?) oder
  • abgeschafft sehen wollten.

Zur Vertiefung empfehle ich die Lektüre der Rede des Abgeordneten Dr. Carlo Schmid (SPD) im Parlamentarischen Rat am 8. September 1948 «Was heißt eigentlich: Grundgesetz?»

Ein Satz aus dieser Rede ist mir besonders in Erinnerung:

Demokratie ist nur dort mehr als ein Produkt einer bloßen Zweckmäßigkeitsentscheidung, wo man den Mut hat, an sie als etwas für die Würde des Menschen Notwendiges zu glauben. Wenn man aber diesen Mut hat, dann muß man auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.

Darüberhinaus ist ein gelegentlicher Blick in unsere Verfassung (in unser Grundgesetz) für mich immer eine interessante Lektüre.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Den Text der Rede von Carlo Schmid habe ich der Website costima.de/beruf/Politik/CSchmid.htm entnommen.
(aufgezeichnet in „Der Parlamentarische Rat 1948-1949, Akten und Protokolle“, Band 9, herausgegeben vom Deutschen Bundestag und vom Bundesarchiv, Harald Boldt Verlag im R. Oldenbourg Verlag, München 1996, Seite 20 ff. im Archiv des Bundestages stehen die Protokolle gebunden im Büro von Günther J. Weller)




Eigenverantwortung in Gesundheitsfragen – Freiheitsrecht oder Missbrauchspotenzial?


EigenverantwortungDieser Artikel von Udo  Endruscheit erschien zuerst auf https://die-erde-ist-keine-scheibe.de/2018/05/02/eigenverantwortung-in-gesundheitsfragen-freiheitsrecht-oder-missbrauchspotenzial

I.

Bei Verfechtern einer „eigenverantwortlichen Impfentscheidung“ wie auch bei solchen, die Homöopathie „unter die Leute bringen“ wollen, beobachte ich seit einiger Zeit gleichermaßen eine diskreditierende Strategie gegenüber den jeweiligen Kritikern, mit der diesen Absichten zu einer „Beschneidung von Freiheitsrechten“, einer „Einschränkung der Therapiefreiheit“ und gar eine Nichtachtung demokratischer Regeln vorgeworfen wird. Gleichzeitig werden – hierzu spiegelbildlich – gegenüber der eigenen Klientel „bürgerliche Freiheitsrechte“, „Therapiefreiheit“ und „Patientenautonomie“ als emotionale Ankerpunkte gesetzt. Im Grunde reicht darauf die Entgegnung: Wer sich auf Autonomie und Wahlrechte der Patientenschaft beruft und gleichzeitig die für deren Wahrnehmung wesentlichen Informationen unterdrückt und verfälscht, gleich ob aus Unkenntnis oder aus Ignoranz, hat sein eigenes Argument schon ad absurdum geführt. Und ja: Beide genannten Fraktionen betreiben Faktenleugnung und Desinformation, dass sich die Balken biegen.

II.

Hier geht es mir aber um etwas anderes. Warum „wirken“ diese auf persönliche Freiheitsrechte, auf demokratische Prinzipien und ihren Erhalt abzielenden Argumentationen so sehr, dass sich so viele Menschen sich in diesen Kontexten tatsächlich auf sie berufen? Woher dieser Mentalitätswandel, von der tiefen Dankbarkeit bei der Einführung der Impfungen gegen Masern und Polio, die damals die Gesellschaft durchdrang bis zur heutigen Einstellung, die häufig unter Missachtung der objektiven Fakten den Vorrang der Individualität gegen jede Vernunft und auch gegen jede Solidarität als absoluten Wert hochhält?

Natürlich liegt ein Teil der Faktenresistenz beim Impfthema darin begründet, dass schlicht und einfach die drastischen Folgen epidemisch auftretender Kinderkrankheiten nicht mehr augenfällig sind. Aus den Augen – aus dem Sinn, so ist es nun einmal. Im Falle der Homöopathie ist es nicht so viel anders. Die Fälle, in denen die Homöopathie eine notwendige Behandlung verzögert oder gar verhindert, werden statistisch nicht erfasst und gelangen auch aus anderen Gründen in aller Regel nicht zur Kenntnis einer breiten Öffentlichkeit. Nicht im Auge – nicht im Sinn, müsste man hier sagen. Und die heutige medizinische Versorgung in einem – trotz aller Verbesserungsbedarfe – besten Gesundheitssysteme der Welt bildet für so manchen Anhänger von „sanft, natürlich und unwirksam“ letztlich eine hochwillkommene Rückversicherung.

Das Suggerieren, eine „eigenverantwortliche Impfentscheidung“ sei das Nonplusultra der modernen, selbstbewussten und demokratisch-freiheitlichen Familie, ist der Hauptaspekt der Impfgegnerschaft zur Beeinflussung ihrer potenziellen Klientel. So versteht es beispielsweise der Verein „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“, die epidemiologischen Erkenntnisse der Wissenschaft auf der Grundlage von Millionen von Impfungen, die zu den öffentlichen Impfempfehlungen führen, auf eine individuelle Problematik des Einzelfalles herunterzubrechen und daraus die absolute Notwendigkeit einer Einzelfallentscheidung von medizinischen Laien – den Eltern – abzuleiten. Niemand leugnet, dass jede Impfung eine Einzelentscheidung ist – natürlich, aber eben auf der breiten Basis der vorliegenden epidemiologischen Daten und unter Beurteilung der Impffähigkeit des Kindes. Aber nicht in dem Sinne, Risiken und Nutzen von Impfungen in jedem Einzelfall abzuwägen – das ist blanker Unsinn und würde – ernstgenommen – mehr Unsicherheiten in sich bergen als die Verlässlichkeit der vorhandenen epidemiologischen Daten. Jede Wette: Kein Fachepidemiologe würde eine solche Form der „eigenverantwortlichen Impfentscheidung“ für seine Kinder andenken. Aber – der Appell im eingangs geschilderten Sinne scheint Wirkung zu zeigen.

Die Homöopathie, obwohl es ihr ja nicht um die Verhinderung einer Maßnahme, sondern um die Förderung ihrer Methode durch die Schaffung eines größtmöglichen Marktes geht, argumentiert im Grunde genauso. Wir erleben derzeit in der laufenden Werbekampagne der Deutschen Homöopathie Union (DHU), dem deutschen Marktführer für homöopathische Mittel, einen ebensolchen lautstarken Appell an persönliche Einstellungen und Erfahrungen der geneigten Kundschaft vor der Folie der Eigenverantwortlichkeit für Gesundheitsbelange [1] , ausdrücklich wird diese Kampagne als „Eintreten für die Therapiefreiheit“ deklariert. Ebenso agiert die organisierte Homöopathielobby im Vorfeld des in Kürze stattfindenen Deutschen Ärztetages, der – angeregt vom Münsteraner Memorandum Homöopathie – über die Abschaffung oder Beibehaltung der „ärztlichen Zuatzbezeichnung Homöopathie“ beraten wird. „Therapiefreiheit“ wird beschworen (wer wollte die abschaffen?), auch in der simplifizierten Variante von „Die Leute wollen es aber“! Genauso wie bei den Impfgegnern wird dabei die wissenschaftliche Faktenlage ausgeblendet – in diesem Falle, dass Homöopathie niemals einen Wirkungsnachweis erbringen konnte und naturwissenschaftlich unplausibel ist, Dies geschieht zugunsten eines Appells an eine scheinbare Patientenautonomie (scheinbar, weil es sie nur unter einer faktenbasierten Information der Patientenschaft geben kann). Die DHU geht so weit, den Kritikern ihrer Kampagne, die auf den Unwert der Homöopathie als medizinische Methode hinweisen, direkte Angriffe auf die Therapiefreiheit zu unterstellen und in deren Kritik eine Verletzung demokratischer Freiheitsrechte zu sehen. [2]

III.

Die Absurdität all dieser Positionen spricht für sich und soll hier auch gar nicht – wiederholter – Gegenstand der Betrachtung sein. Vielmehr wollen wir nach diesen Beispielen auf die grundsätzliche Frage zurückkommen: Woher kommt diese Gewichtung des Freiheitlich-Individuellen, das selbstverständlich ein sehr hoher Wert an sich ist – aber angesichts wissenschaftlicher Fakten, wie in den Fällen der Impfgegnerschaft und der Homöopathie-Propaganda, sehr schnell in einen Aufruf zur Irrationalität umschlägt? Warum verfängt dieser Aspekt und bekommt bei vielen Menschen einen spontan höheren – vielfach emotionalen – Stellenwert als die zum Thema gehörenden wissenschaftlichen Fakten? Warum ist offenbar der Freiraum vorhanden, mit solchen Appellen die Faktenlage völlig in den Hintergrund geraten zu lassen?

In den letzten zwei Jahrzehnten ist auch das öffentliche Gesundheitswesen einem neoliberalen Gedanken zugeneigten Wandel ausgesetzt gewesen. Einerseits fand ein Abbau öffentlicher Gesundheitsdienstleistungen im Sinne eines „schlanken Staates“ statt, andererseits – als „Gegenstück“ – wurde erhöhte „Eigenverantwortung“ der Menschen auch in Gesundheitsfragen propagiert. Auch in dieses Bild gehört die heutige Ausprägung der oft beschworenen „Pluralität“ des Gesundheitswesens, der Selbstverwaltung und Eigenverantwortung der „Player“ im Konzert des öffentlichen Gesundheitswesens und die damit verbundene Scheu, notfalls klar Position für evidenzbasierte, wissenschaftliche Medizin zu beziehen. Gesundheitliche Aufklärung in Sachen Impfen, auch zu pseudomedizinischen Methoden, ist mit dem Austrocknen der Gesundheitsdienste „vor Ort“ ein Mangel geworden. Das gibt Raum einerseits für Verunsicherung der Menschen und andererseits für die Einflüsterungen von der hier in Rede stehenden „Eigenverantwortung“, ohne dass ein Gleichgewicht dazu durch eine wirkliche gesundheitliche Aufklärung vor Ort noch vorhanden ist.

Der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) ist in einem beklagenswerten Zustand. Gerade berichtet das Ärzteblatt darüber, dass selbst die übriggebliebenen Strukturen des ÖGD bei der Nachwuchsgewinnung „chancenlos“ seien. [3] Ein typisch neoliberaler „Erfolg“ der Ideologie vom Ausdünnen öffentlicher Dienstleistungen und der Zuweisung von „Eigenverantwortung“ an den Einzelnen, ob er nun fähig ist, eine solche überhaupt wahrzunehmen oder nicht. Und ja, die Zuweisung von „Eigenverantwortung“ wirkt, hat ihren Effekt auf den modernen Bürger – lockend verpackt in die glänzende Folie der autonomen Wahrnehmung demokratisch-freiheitlicher Bürgerrechte, aber ohne die solide Basis ordentlicher Sachinformation, wie sie beispielsweise ein gut funktionierender Öffentlicher Gesundheitsdienst leisten könnte.

So bleibt es letztlich mehr oder weniger privaten Initiativen überlassen, die notwendige Basisaufklärung wenigstens in Ansätzen zu leisten und den Desinformationskampagnen von interessierter Seite wenigstens hier und da entgegenzutreten. Dafür trifft sie dann, wie aktuell im Falle der DHU-Werbekampagne, der „Bannstrahl“, sie wollten allerlei undemokratisches Teufelszeug durchsetzen, von der Einschränkung der Therapiefreiheit bis zur Missachtung individueller Freiheitsrechte. Vielen Dank dafür.

IV.

Dieser Beitrag bezieht keine politische Position, sondern analysiert die Fakten. Gleichwohl könnten die Überlegungen dieses Beitrags – so rudimentär sie sind – zu einem grundsätzlichen Nachdenken darüber anregen, ob und wo sich Gewichte in der Gesundheitspolitik und in der Positionierung der Bevölkerung zu Gesundheitsfragen so verschoben haben, dass Kurskorrekturen notwendig sind.

Es könnte dabei sehr hilfreich sein, für eine Ausrichtung von Gesundheitspolitik die Ottawa-Charta [4] der Weltgesundheitsorganisation zur Hand zu nehmen. Diese fordert für alle Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung für ihre Gesundheit und die Möglichkeit, selbst Entscheidungen in Bezug auf ihre persönliche Gesundheit treffen zu können. Liest man dies richtig, ist dies eben keine Gebrauchsanweisung für eine neoliberale Gesundheitspolitik, die dem Einzelnen kurzerhand die Verantwortung überbürdet, die die öffentliche Hand durch den Rückzug aus elementaren öffentlichen Gesundheitsdiensten freisetzt. Man muss die Ottawa-Charta als Langzeitziel verstehen, dessen Erreichung voraussetzt, dass die Menschen überhaupt erst in die Lage versetzt werden, die angestrebte Eigenverantwortung wahrzunehmen: Durch solide öffentliche Aufklärungskampagnen, durch staatlichen Verbraucherschutz im Gesundheitswesen und die Verbreitung der Evidenzbasierten Medizin, die die wissenschaftlichen Grundlagen einer Therapie, die ärztliche Kunst des Behandlers und die wohlverstandenen Belange des Patienten gleichgewichtig berücksichtigt sehen will. Desinformation und emotionale Appelle von interessierter Seite statt faktenbasierter Aufklärung an die Adresse einer längst nicht verwirklichten, deshalb manipulationsfähigen Autonomie des Bürgers in Gesundheitsfragen sind ein Missbrauch des Eigenverantwortungsgedankens.


[1] https://homöopathie-natürlich.de/

[2] https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2017/10/11/homoeopathie-boom-flaut-ab

[3] https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/94844/Oeffentlicher-Gesundheitsdienst-sieht-sich-bei-Nachwuchsgewinnung-chancenlos

[4] http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0006/129534/Ottawa_Charter_G.pdf


Bildnachweis: Pixabay




Hahnemanns Chinarindenversuch – Grundirrtum statt Grundlegung


chinarinde-malariamittel-chinin-heilpflanzen-f0emmeArtikel von Udo Endruscheit:

Wenn etwas in der ansonsten uneinheitlichen, in Unvereinbarkeit vereinten homöopathischen Szene als Gemeinsamkeit gilt, dann ist es die Gründung der Methode auf Hahnemanns Chinarindenversuch von 1790. Er begründete Hahnemanns Postulat des „simila similibus curantur“, „Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden“, das Ähnlichkeitsprinzip, als das „ewige, unumstößliche Gesetz der Natur“.

Chinarinde war eines der wenigen damals bekannten tatsächlich kurativ wirksamen „Gegenmittel“ – Hahnemann wusste selbstverständlich, dass die Wirkung des Mittels gegen „Wechselfieber“ (intermittierendes Fieber, malariatypisch) evident war. Sein Ansatz war, im Selbstversuch mehr über diese Wirkung zu erfahren, möglicherweise durch die Einnahme von Chinarinde eine „Gewöhnung“ an solches Fieber zu erzeugen. Dies ist durchaus ein Ansatz wissenschaftlicher Art, wenn auch die Versuchs“gruppe“ mit n=1 jede nur mögliche Unwägbarkeit, jeden denkbaren Wahrnehmungs- und Deutungsfehler in sich barg, was Hahnemann nicht bewusst war (und auch heute vielen, wenn nicht den meisten Menschen nicht intuitiv zugänglich ist). Aber – Hahnemann wusste durchaus, dass Chinarinde ein effektives Mittel gegen ein bestimmtes Krankheitsbild war und wollte dies näher erforschen.

Nach eigenem Bekunden nahm Hahnemann, angeregt durch das Studium von Cullen , im Selbstversuch „einige Tage täglich zweimal vier Quentchen pulverisierter guter Chinarinde“ ein (nach Kritzler-Kosch 1,0 bis 1,5 g Alkaloid, also eine ordentliche „allopathische“ Menge) ein und beobachtete anschließend an sich Symptome, die er mit seinen ärztlichen Erfahrungen bei einen Malariaausbruch in Siebenbürgen assoziierte: Primär „Ohrensausen, Blutandrang, Benommenheit, Ängstlichkeit, Durst, Steifheit der Gelenke, Abgeschlagenheit, kalte Hände und Zittern“, „Mein Körper wurde von Fiebern geschüttelt“. Hieran sah Hahnemann, sieht heute noch die homöopathische Gemeinde die „Geburtsstunde“, das „Heureka!“ des Belegs des Simileprinzips, von Hahnemanns „Naturgesetz“ und knüpft daran auch weitere scheinbar beweiskräftige Implikationen für andere „Säulen“ der homöopathischen Lehre (insbesondere der „verstimmten geistigen Lebenskraft“ und der Gültigkeit von Arzneimittelversuchen am Gesunden). Seit jeher weist die Kritik auf die Nichtreproduzierbarkeit und offensichtliche Subjektivität von Hahnemanns Selbstversuch hin, seit jeher wird versucht, dies wahlweise zu ignorieren oder Erklärungsversuche für die „Wirkungsumkehr“ der Chinarinde anzubieten. Die Homöopathiekritik sieht im Chinarindenversuch nicht die Grundlegung, sondern den Grundirrtum der Homöopathie.

Die erste experimentelle Widerlegung einer „Wirkungsumkehr“ von Chinarinde fand 1821 In Leipzig statt. Jörg führte mit neun Studenten der medizinischen Fakultät, die nicht mit der Homöopathie vertraut waren, einen regelrechten Blindversuch mit Chinarinde durch. Die Probanden wurden „durch Ehrenwort verpflichtet, genau zu beobachten und nur bei gesundem Körper und frischem Geist“ das Prüfmittel zu nehmen. Die Bedeutung der Sache wurde dadurch unterstrichen, dass betont wurde, dass durchaus Lebensgefahr bei den Versuchen gegeben sein könne… Für die damals bestmögliche Standardisierung des Mittels wurde durch Einkauf bei der „damals besten Apotheke Leipzigs“ gesorgt.

Im Ergebnis trat bei keinem der Probanden Fieber ein. Insgesamt wurden 1.143 Symptome (wir würden sagen: ganz überwiegend Befindlichkeiten trivialer Art, dies ist aber heute noch so bei den Arzneimittelprüfungen) der Probanden berichtet, die nicht mit den Hahnemannschen Symptomen in Übereinstimmung gebracht werden konnten.

Keiner der seit damals recht zahlreich durchgeführten Reproduktionsversuche war erfolgreich. Die heutige Pharmakologie geht von anderen Erklärungsmodellen von Hahnemanns Symptomatik aus, bei denen die hohe Subjektivität (heute würde man sagen: der confirmation bias, der durch einen Selbstversuch stark angefacht wurde) zu berücksichtigen ist. Dessen ungeachtet wird der Chinarindenversuch bis heute als gültig angesehen und verteidigt (Behnke 2017 ), etliche frühere Autoren weisen auf die Möglichkeit einer Temperaturerhöhung durch Chinineinnahme hin, allerdings nur als bedingte Reaktion bei bereits bestehender latenter Malariaerkrankung ).

Der oben gegebene Hinweis auf die klar allopathische (eben nicht homöopathische) Dosis, die Hahnemann verwendete, führt zu der Schlussfolgerung einer möglichen allergischen Reaktion (Lendle 1952 und andere), jedenfalls als einer individuellen Überempfindlichkeitsreaktion eventuell auch toxischer Art. Seltsamerweise gibt es Stimmen unter Homöopathen, die dies nicht als Widerlegung, sondern als Bestätigung von Hahnemanns Ableitung des Simileprinzips aus dem Chinarindenversuch ansehen. In der Tat gibt es bei einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung eine spezifische Überempfindlichkeitsreaktion auf Chinin, den Chinoismus (Hopff 1991 ). Nur wäre das eine klar allopathische Reaktion, die mit einem Beweis des Simileprinzips nichts zu tun hat – im Gegenteil.

Pharmakologie des Chinins

Im Nachfolgenden soll gezeigt werden, wie die Grundirrtümer des Chinarindenversuchs und die daran von Hahnemann und seinen Exegeten geknüpften Folgerungen durch die fortschreitenden Erkenntnisse der Pharmakologie vollends als solche nachgewiesen wurden.

Von den 65 homöopathischen Mitteln, die in Hahnemanns erster Materia medica verzeichnet waren, gab es nur ein einziges Mittel, das als solches zur Heilung einer Krankheit tatsächlich geeignet war: die Chinarinde. Seine „Erfahrung“ damit setzte Hahnemann nun gleich mit zwar physiologisch wirkenden (symptomauslösenden) Mitteln wie Atropin und Belladonna, die aber nicht zur Heilung einer Krankheit geeignet sind. So geriet Hahnemann über den Trugschluss des „Naturgesetzes“ des Ähnlichkeitsprinzips zu den Symptomen statt zu den Krankheiten. Er begann, den bekannten physiologischen Effekten von z.B. Opium, Belladonna oder Atropin durch die scheinlogische Anwendung seines Simileprinzips eine kurative Wirkung auf alle Symptomatiken zuzuschreiben, die denen bei der Einnahme dieser Mittel ähnelten. Die Abkehr von einem kategorisierbaren Krankheitsbegriff (den er für den Rest seines Lebens ableugnete) war damit vollzogen. Homöopathie wurde zur Symptomentherapie, die sich um Ursprünge von Krankheiten nicht schert (was seltsamerweise umgekehrt ein häufiger Vorwurf von Homöopathen gegenüber der wissenschaftlichen Medizin ist). Eine Ironie, dass er zum Fehlschluss des Ähnlichkeitsprinzips ausgerechnet über einen Versuch mit einem der ganz wenigen Mittel kam, die zu seiner Zeit tatsächlich eine kurative Wirkung hatten!

Das Modell des Ähnlichkeitsprinzips auf der Basis von Symptomatiken ergänzte Hahnemann – aus seiner Sicht logisch – durch die Annahme der „verstimmten geistigen Lebenskraft“, die mit einer „Kunstkrankheit“, hervorgerufen durch die nach dem Simileprinzip bestimmbaren Mittel, zu kurieren sei. Es soll nun gezeigt werden, dass die Verwendung von Chinin in diesem Sinne geradezu eine Widerlegung dieses Prinzips der „geistigen Lebenskraft“ ist, ganz abgesehen von dessen Widerlegung durch die Begründung der organischen Chemie (Bausteinerkennung und quantitative Analyse organischer Verbindungen durch Lavoisier und Gay-Lussac, 1828 Synthetisierung des Harnstoffs durch Wöhler – die uralte, von Berzelius noch ausformulierte These, dass organische Verbindungen nur durch eine besondere Lebenskraft – Hahnemann! – entstehen können, war damit hinfällig).

1820, also schon zu Hahnemanns Lebzeiten, isolierten Pellentier und Caventou das Chinin, das gegen Malaria wirksame Alkaloid, aus der Chinarinde. Als im späteren 19. Jahrhunderts die Ätiologie (Lehre von der Krankheitsentstehung) auf der Grundlage krankheitserregender Keime ihre Blüte erlebte (Semmelweis, Pasteur, Koch, Ehrlich), wurde nachgewiesen, dass Malaria durch einzellige parasitäre Keime (Plasmodien) erst in infiziertem Gewebe, dann im Blut des Wirts ausgelöst wird (Laveran 1880 ). Parasitäre Infektion statt „verstimmter geistiger Lebenskraft“! Später gelang dann auch der Nachweis des genauen Wirkmechanismus. In ausreichender (toxischer) Dosis wirkt Chinin als Zell- und Plasmagift. In der Zelle hemmt es enzymatische Prozesse, was die Zellatmung vermindert. Dies hat systemisch eine Temperatursenkung beim – makroskopischen – System Mensch zur Folge, beim – mikroskopischen – Plasmodium, dem Malariaerreger, allerdings, entsprechend dem Prinzip der Dosis-Wirkungs-Beziehung eine letale Stoffwechselblockade, also das  Absterben der parasitären Erreger (Hopff 1991 aaO).

Nicht nur, dass damit das Konzept „geistiger Lebenskraft“, ihres Pendants, der „geistigen Arzneikraft“ und die darauf aufbauende Hypothese der „verdrängenden Kunstkrankheit“ obsolet ist, es ergibt sich hieraus auch die Möglichkeit einer Deutung von Hahnemanns „Fieberphänomen“. Es mag bei der Einnahme der nicht geringen Dosis Chinarinde eben eine solche systemische Temperatursenkung mit der Folge von Schüttelfrost und Zittern eingetreten sein, dies ist ohne Temperaturmessung (die es zu Hahnemanns Zeiten noch nicht gab), allein als empfundenes Symptom, durchaus als das wahrnehmbar, was Hahnemann als „kalte Hände und Zittern“ beschrieb . Was aber nur durch die hohe allopathische Dosis, nach Hopff (1991) eindeutig eine Überdosis, erreichbar gewesen sein dürfte.

Eine glatte Widerlegung des auf der Grundlage des Chinarindenversuchs fälschlich geschlussfolgerten Ähnlichkeitsprinzips, wird man feststellen müssen. Wie sollte die über einen biochemischen Vorgang spezifisch wirkende Chinarinde eine „geistige Lebenskraft“ im Sinne einer Kunstkrankheit verstimmen können, die zudem der Malaria entspräche? Dies ist unmöglich. Und darauf baute Hahnemann sein gesamtes Gedankengebäude auf – was für ein Irrtum. Dem man ihm nicht vorwerfen mag, wohl aber seinen Exegeten, die bis zum heutigen Tag hieran festhalten. Bis auf – neuerdings – einige wenige „Abtrünnige“, denen die Sache möglicherweise zu heiß zu werden beginnt, die aber mit einer sozusagen ersatzlosen Streichung dem Gedankengebäude Homöopathie auch keine größere Glaubwürdigkeit verschaffen dürften.

 

Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie die Entwicklungen in Naturwissenchaft und Medizin die Homöopathie in ihren Kernelementen schon recht früh widerlegten (eine viel wichtigere Widerlegung der „verstimmten Lebenskraft“ liegt in der Zellularpathologe Rudolf Virchows, die sich wenige Jahre nach Hahnemanns Tod etabliert, in ihr wird man den Beginn der modernen Medizin sehen dürfen). Wer dies nicht als Fakten anerkennen will, der begibt sich auf das Gebiet des Wunderglaubens. Zumal als Angehöriger eines Heilberufes, wo angesichts derart klarer Fakten ein Festhalten an der Irrlehre Homöopathie gegenüber dem Patienten nach Ansicht des Autors ein gewaltiges ethisches Problem aufwirft. Auch dann, wenn Homöopathika als „Placebo“ eingesetzt werden – die Begründung dazu sei einem Folgeartikel vorbehalten.

 

 

1. Cullen, W, A Treatise of the Materia Medica, übersetzt von S. Hahnemann, 1790

2. Kritzler-Kosch, H, Christian Friedrich Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie – Dtsch. Homöop. Monatsschrift 12, 431 (1952)

3. Nach Lochner, GF, Die Homöopathie in ihrer Nichtigkeit dargestellt. Eine Entgegnung auf das Sendschreiben des Dr. J.J. Reuter an Dr. E.Fr. Wahrhold. Zeh’sche Buchhandlung, Nürnberg (1835)

5. So nach Prokop/Prokop (1951) noch Donner (1948) unter Berufung auf Tommaselli (1888), Karamitcas (1879), Goodmann und Plehn  Plehn und Gudden (1905), Herrlich (1885)

6. Lendle, I, Medizin und Homöopathie. Dtsch. Med. Wochenschr. 10, 293 (1952)

7. Hopff WH, Homöopathie kritisch betrachtet, Thieme Stuttgart (1991)

8. Analyse chimique de quinquina, 1827, https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1510003w.image

9. Nature parasitaire des accidents de l’impaludisme. Description d’un nouveau parasite trouvé dans le sang des malades atteints de fièvre palustre. J. B. Baillière, Paris 1881

10. In Übereinstimmung mit der Deutung von Dellmour: „Mit dem Begriff „Fieber“ wurden in der damaligen Medizin Erregungszustände des gesamten Körpers bezeichnet, die mit Kältegefühl, Hitze, Pulserhöhung, Müdigkeit und einem vom individuellen Kranken, seinen Umständen und der Lokalisation der Störung abhängigen, spezifischen „Charakter“ einhergingen.“ http://www.dellmour.org/userfiles/files/seitenpdf/homoeopathie/Homoeopathie_2-0_1709.pdf

 




The Shape of Science von Jan Kurz


Jan KurzIn 2014 haben drei spanische Historiker einen Algorithmus entwickelt, der wissenschaftliche Journals visuell zu einander anhand diverser auswählbarer Kriterien in Relation setzt. Die Daten stammen dabei von Scimago Journal Rating. Heraus kommt dabei folgende Karte:

https://www.scimagojr.com/shapeofscience/

Der Algorithmus fand verschiedene Fachbereiche in der Wissenschaft, hier in verschiedenen Farben angezeigt. Grün sind die Geisteswissenschaften, blau Mathematik, Informatik & Physik, violett Chemie, gelb Biologie, pink Medizin und orange Psychologie. Interessant ist, dass die Übergange der Farbwolke die Interdisziplinarität der Disziplinen wiedergeben. Biologie überlappt zu großen Teilen mit Medizin und Chemie, ganz wie man es erwartet und auch mit Psychologie.

Die Humanities besitzen über den Managementzweig einen ziemlich weichen Übergang in die Entscheidungswissenschaft und Informatik, genauso in die Geowissenschaften über die Schnittstelle der Archäologie und Klimawissenschaften. Das ist vielleicht schon unerwarteter.

Die härteste Grenze findet man hier zwischen der Psychologie, genauer Entwicklungspsychologie und experimenteller Psychologie auf der einen und Gender Studies und Linguistik auf der anderen Seite. Verglichen mit der Interdisziplinarität der Naturwissenschaften ist die Abgrenzung hier recht deutlich.

Zuletzt kann man hier auch die "Zwei Kulturen" nach C. P. Snow leicht identifizieren. Literaturwissenschaften liegen der technischen Chemie diametral gegenüber. Wie auch die Journale "Zeitschrift für Kirchengeschichte" und "Propellants, Explosives & Pyrotechnics". Was der Algorithmus damit auch immer ausdrücken mochte.

Wer das interessant findet, dem empfehle ich zusätzlich mit den Optionen im Menü zu spielen. Dieses schöne Tool bietet einen Überfluss an grafischen Informationen. Würde gedruckt auch ein hübsches Poster abgeben.

Das Paper der Autoren:
http://www.elprofesionaldelainformacion.com/…/2…/mayo/07.pdf

 

 




Martin Moder: „GENPOOL PARTY“


GenpoolRezension von Gerfried Pongratz:

Wer Martin Moder als Science-Slammer, Science Buster und Buchautor („Treffen sich zwei Moleküle im Labor“) kennt, weiß, was ihn erwartet: Seriöse Wissenschaft, locker leicht – nicht seicht! – dargeboten; gekonnt nach alter Medienweisheit: „Humor ist der beste aller Informationsträger“.

Mit Anekdoten zur Wissenschaftsgeschichte und mit neuen Erkenntnissen zu ausgewählten Kapiteln biologischer Forschung vermittelt das Buch populärwissenschaftlich fundiertes Wissen. Der Untertitel, „Wie die Wissenschaft uns stärker, schlauer und weniger unausstehlich macht“, gibt die Hauptrichtungen der Ausführungen vor: Ist es möglich – und wenn ja, mit welchen Methoden –, sich unter Zuhilfenahme von Genetik körperlich und geistig weiter zu entwickeln und das eigene Verhalten zu optimieren?

Das Thema „Stärker werden“ im Sinne von „Genoptimierung“ beschreibt einerseits Grundlegendes zum menschlichen Körper (30 Billionen Zellen in >200 Zelltypen) und dessen Genom und andererseits die derzeit vorhandenen Möglichkeiten, Letzteres positiv zu verändern. „Optimierung“ durch „Gendoping“ ist schwierig, aber – besonders an Embryonen – gut möglich; vor allem Defekte an einzelnen Genen können bereits erfolgreich behandelt werden, für die Zukunft ergeben sich noch sehr viele weitere (auch komplexere) positive Aspekte. Martin Moder erklärt dazu das CRISPR/Cas9–System und die sich daraus entwickelnden Chancen – aber auch Risiken und ethischen Probleme („Designer Babys“). Um Gene gezielt zu verändern, besteht die Methode aus zwei Komponenten: eine legt fest, an welcher Stelle die DNA verändert werden soll (gRNA), die andere (Cas9) führt an der betreffenden Stelle die gewünschte Veränderung (enzymatisch, als Genschere) durch. Die CRISPR/Cas9 Methode steht erst am Anfang ihrer möglichen Entwicklungen, weitere Schritte folgen laufend. So wird es z.B. auch einmal möglich sein, „Genom-Komplettsynthesen“ herzustellen, bzw. den Code des Lebens grundlegend umzuschreiben; derzeit klingt das noch utopisch, in Anfangsstadien ist es aber bereits mit einem Bakterium gelungen und zeigt bei Hefen Fortschritte.

Zum Thema „Klüger werden“ definiert das Buch Persönlichkeit und Intelligenz im Zusammenhang mit Genetik und beschreibt deren Vermessung mittels Korrelationen und IQ-Tests. Die „Anlage-Umwelt-Kontroverse“ fragt nach Einflüssen der Umwelt im Vergleich zu genetischen Dispositionen. Mit Zwillingsstudien (eineiige Zwillinge im Vergleich zu zweieiigen) gelang es, die genetische Veranlagung von Intelligenz unter weitgehender Ausschaltung von Umweltfaktoren mit folgendem Ergebnis zu erforschen: „Bei der Intelligenz ist eine Vererbbarkeit von 50 Prozent… ein Mittelwert. … Mit zunehmendem Alter wächst… auch der Einfluss unserer Gene auf die Intelligenz. Während die Vererbbarkeit bei Kindern nur etwa 20 Prozent beträgt, lassen sich die Intelligenzunterschiede zwischen Erwachsenen zu etwa 80 Prozent genetisch erklären“ (S. 82). Dass solche Erkenntnisse auch kontroversiell bewertet und die Methoden im Hinblick auf ihre jeweiligen Vor- und Nachteile hinterfragt werden, versteht sich von selbst, wobei das Thema Chancengleichheit je nach Herkunft und Lebensbedingungen der Menschen eine große Rolle spielt. Aus den daraus resultierenden Erkenntnissen ergibt sich: „Je fairer eine Gesellschaft ist, desto höhere Werte sind für die erbliche Komponente der Intelligenz zu erwarten“.

Neben den Vorteilen von Intelligenz u.a. bei der Partnerwahl („Macht Intelligenz sexy?“) beschreibt Martin Moder auch den „Flynn-Effekt“ (die weltweiten IQ-Werte stiegen seit 100 Jahren etwa 3 Punkte pro Jahrzehnt, stagnieren aber derzeit) sowie dessen Auslöser und erläutert dabei verschiedene Methoden zur Intelligenzsteigerung: z.B. durch „Smart Drugs“, wie Ritalin und Modafinil, durch „Hirnstimulation per Magnetstab“, durch „Transkranielle Gleichstromstimulation“ und durch „Rotlicht-Kopfbestrahlungen“.

„Die Biologie menschlichen Verhaltens“ bildet einen weiteren Abschnitt des Buches; sie beschäftigt sich mit dem Einfluss der Biologie auf Entscheidungsverhalten, Persönlichkeit, politische Haltung etc. Ein evolutionär entwickeltes „Verhaltens-Immunsystem“ schützte unsere Vorfahren vor Infektionen; die oftmals unbewusste Angst vor Infektionen und Parasiten kann heutige Menschen zu Überreaktionen, autoritärem Denken und zur Ablehnung Fremder bis zu Fremdenhass führen: „Dass sich unser Moralverständnis durch simple biologische Umstände beeinflussen lässt, ist nicht neu“(S. 124).

„Die Vermessung der Persönlichkeit“ geschieht mit dem „Big-Five-Persönlichkeitstest“, der den Charakter eines Menschen in fünf Bereiche unterteilt: „Extraversion“ (Geselligkeit), „Neurotizismus“ (Emotionale Labilität), „Offenheit“ (für Erfahrungen), „Verträglichkeit“ (Rücksichtnahme, Mitgefühl), „Gewissenhaftigkeit“ (Perfektionismus, Fleiß). Das Buch beschreibt die aus dieser Einteilung sich ergebenden Konsequenzen im Hinblick auf Individualität, Verhalten, Chancengleichheit etc. bis hin zu Wegen und Möglichkeiten, Verbesserungen des eigenen Verhaltens zu erzielen. Dabei wird auch der Einsatz von Drogen, speziell z.B. von Psilocybin (halluzinogener Wirkstoff in Pilzen) nicht ausgeklammert; die Erforschung von Drogenwirkungen im Hinblick auf das Bewusstsein, das „Ich“ und die Überwindung von (Todes)Angst führte zu wichtigen Erkenntnissen.

„Das Streben nach Glück“ wird vom Belohnungssystem im Gehirn ausgelöst; es motiviert zu Aktivitäten, steht aber auch Gefühlen der Zufriedenheit entgegen. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der positive Gefühle vermittelt, besonders in hoffnungsvollen Erwartungen. Das Glücksniveau von Menschen lässt sich ebenfalls durch Zwillingsstudien ermitteln; nach derzeitigen Erkenntnissen beruht Glücksempfinden zu etwa 50 Prozent auf genetischer Veranlagung, 40 Prozent resultieren aus täglich getroffenen Entscheidungen und 10 Prozent lassen sich durch allgemeine Lebensumstände erklären. Die größte Glücksquelle bildet der Umgang mit positiv gesinnten Mitmenschen – möglichst verbunden mit gemeinsamen Erlebnissen. Zu einem zufriedenen Leben gehört auch, diesem Sinn zu geben; Zufriedenheit fördert auch die Gesundheit, das Risiko für Schlaganfälle, Alzheimer etc. wird deutlich vermindert. Bewusstes Streben nach Glück wirkt kontraproduktiv; es führt zu Unzufriedenheit – zu einer „Hedonistischen Tretmühle“ -, die vielfältig negative Auswirkungen zeitigt.

Ein wichtiges Thema des Buches bilden Fragen des gedeihlichen Miteinanders. Studien zeigen, dass sich die Unterschiede im Empathieempfinden zwischen Menschen zu etwa 20 bis 70 Prozent genetisch erklären lassen; antisoziale Persönlichkeitsstörungen, wie etwa das völlige Fehlen von Empathie, betreffen etwa ein Prozent der Bevölkerung. Diese Störungen sind stark durch Genetik geprägt und beinhalten große Risiken. In diesem Zusammenhang beschreibt der Autor auch Gefahren, die von genveränderten Mikroorganismen („Biowaffen“) ausgehen und die gesamte Menschheit bedrohen. Manche Forscher stellen dazu die Idee einer ethischen Optimierung des Menschen – genetisch oder medikamentös – in den Raum, einige Präparate wie Prozac (Serotoninspiegelerhöhung im Gehirn) bieten positive Ansätze. Insgesamt meint der Autor allerdings, dass diese Vorhaben nicht zielführend sind und es außerdem keiner ethischen Optimierung bedarf, die Welt zu retten: „Sie ist nicht so schlecht, wie sie uns oftmals erscheint“.

Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die grundlegende Veränderung unserer Biologie erstmals in Reichweite ist“. „Die Verlockung, sich selbst oder andere genetisch zu verbessern, wird immer vorhanden sein – sei es getrieben von Egozentrik, Größenwahn oder Nächstenliebe“ (S. 179). „Ich habe mich in diesem Buch bewusst darauf beschränkt, zu beschreiben, was derzeit möglich ist, was nicht und was demnächst möglich sein wird. Die Frage, in welchen Fällen es sinnvoll und gut ist, den Menschen zu verändern, überlasse ich gerne den Wissenschaftsphilosophen“ (S. 181).

Das Buch belegt mit alten und neuen Forschungsergebnissen wieder einmal, wie sehr wir Menschen biologisch determiniert sind. Martin Moder vermag es, diese Tatsache in bester Science-Slam-Manier auf hohem Level heiter – z.T. slapstickartig – zu präsentieren und damit eventuelle Frustrationen über „wie wenig Herr im eigenen Haus wir sind“ zu entkrampfen. Für manche Leserinnen und Leser könnte die Häufigkeit humoriger Nebenbemerkungen und die Flapsigkeit mancher Formulierungen eventuell reduzierter sein, die jugendliche Frische dieser Form von Wissensvermittlung wird aber vermutlich viele, vor allem jüngere Leser ansprechen, bzw. begeistern. GENPOOL PARTY ist ein vergnüglich zu lesendes Buch für Menschen, die entweder erst am Beginn einer biologischen „Wissenskarriere“ stehen, oder als „alte Hasen“ ihr Wissen auffrischen und mit neuen Erkenntnissen (auch zu ihren beschleunigt ablaufenden Alterungsprozessen) schmunzelnd erweitern möchten.

Martin Moder: „GENPOOL PARTY“

© Carl Hanser Verlag GmbH, München, 2019, ISBN 978-3-446-26190-7, 208 Seiten

 

 

Dr. Gerfried Pongratz 4/2019




„Anthroposophie – Eine kurze Kritik“ von André Sebastiani


AntroposRezension von Udo Endruscheit.

Im Bewusstsein der Allgemeinheit wenig präsent, aber die größte, aktivste und auch wirkmächtigste Weltanschauungsgemeinschaft in Deutschland, darüber hinaus weltweit vertreten: Die Anthroposophen. Weltanschauungsgemeinschaft? Nun, das wäre nach Ansicht des Rezensenten schon zu viel der Ehre. Wer diese Sicht auf die Anthroposophie nach der Lehre des Rudolf Steiner bislang hatte (oder über noch gar keinen Bezug zum Thema verfügte), dem sei die Lektüre von André Sebastianis neu erschienenem Buch „Anthroposophie – Eine kleine Kritik“ dringend ans Herz gelegt, einem Buch, dessen Informationsgehalt im umgekehrt proportionalen Verhältnis zu seinem eher bescheidenen äußeren Umfang steht.

Es öffnet den Blick auf eine nichts weniger als esoterisch-okkulte Gemeinschaft, die durch ihre „Realpräsenzen“ – vor allem in der Pädagogik und der Medizin, aber auch mit der sogenannten biologisch-dynamischen Landwirtschaft – gesellschaftlich stark verankert ist. Das didaktisch außerordentlich gut gegliederte Buch stellt den thematischen Abschnitten „Thesen“ voran, die mal Behauptungen der Anthroposophen über sich und ihre Lehre, mal verbreitete Annahmen und (Vor-)Urteile über die Anthroposophie heranziehen und dann im Nachfolgenden behandeln.

Dabei schält sich nach und nach das für rational Denkende kaum fassbare Bild einer auf purem Okkultismus beruhenden Weltsicht heraus, die den Anspruch erhebt, über nur ihren eingeweihten Mitgliedern zugängliche Einsichten in eine übergeordnete, alles beeinflussende „geistige Welt“ zu verfügen. Die Anthroposophie stellt der realen Welt eine komplette zusätzliche „Geisteswelt“ (und auch ganz im Wortsinne auch eine „Geisterwelt“) an die Seite – oder ordnet sie dieser über – , die den Anthroposophen als „Folie“ für ihre Sicht auf die „normalen“ existenziellen Erscheinungsformen dient.

Sowohl die Grundlagen als auch die Ausformungen dieses esoterisch-okkulten („geheim-verborgenen“) Systems orientieren sich an den „Schauungen“ des „Herrn Doktors“ Rudolf Steiner, der unangefochtenen und unanfechtbaren Autorität der anthroposophischen Gemeinde. Steiner postulierte den Anspruch, mit der Anthroposophie die wahre, alles übergreifende „Geisteswissenschaft“ eingeführt zu haben, in einer völlig anderen Wortbedeutung als der üblicherweise im wissenschaftlichen Kontext verwendeten. „Geisteswissenschaft“ im Steinerschen Sinne bedeutet nämlich den Anspruch, alles Wahre und Wirkliche, die Sicht auf die „kosmische Evolution“ sei nur durch „geistige Schau“ zu gewinnen. Die anthroposophische „Geisteswissenschaft“ sollte nach Steiner nach und nach die „profanen“ Wissenschaften in sich aufnehmen – dies geschah ersichtlich nicht, der Anspruch aber ist unverändert und wirkt sich z.B. in der anthroposophischen Medizin auch aus.

Der Autor verdeutlicht insbesondere, dass die Anthroposophie durch die Rückführung auf die Person Rudolf Steiners und seiner nicht begründbaren Lehre ein autoritär-dominantes System ist, das von Glauben, Gehorsam und „Geführtwerden“ bestimmt ist und nicht durch Intersubjektivität, also die Fähigkeit, unabhängig von Lehrern und Autoritäten durch die Prüfung und Bewertung von Prämissen, Hypothesen und Belegen zu Ergebnissen zu kommen, die von anderen auf gleichem Wege mit gleichem Inhalt erreicht werden können. Anthroposophischer Jünger kann nur werden, wer die Autorität des „geistigen Führers“ anerkennt – der nahezu totalitäre Einschlag der Lehre ist offensichtlich. Hier, so verdeutlicht Sebastiani, liegt auch der Grund für das Verbot der führenden anthroposophischen Vereinigung im Dritten Reich. Nicht eine Gegnerschaft „der“ Anthroposophie oder auch nur einer wesentlichen Anzahl ihrer Anhänger war der Grund für die Missliebigkeit des Verbandes, wie Sebastiani schlüssig darlegt. Vielmehr konnte ein totalitäres System wie das der NS-Zeit kein anderes System neben sich dulden, das mit einem ganz ähnlich „begründeten“ Anspruch auf Leitung, Lenkung und Führerschaft antrat.

Neben erhellenden Einsichten in Person und Biografie Rudolf Steiners sind Schwerpunkte des Buches die realen Manifestationen der Anthroposophie in der heutigen Gesellschaft, vor allem die Pädagogik in der konkreten Ausformung der Waldorfschulen und die anthroposophische Medizin. Beide sind bestimmt von den Steinerschen Grundpostulaten des Durchmachens einer „kosmischen Evolution“, bei der der uralte Gedanke des „wie oben, so unten“, der kosmischen „Gleichheit“ von Mikro- und Makrokosmos einschließlich der menschlichen Existenz, in Kombination mit seiner „Entwicklungslehre“ eine zentrale Rolle spielt. Steiners Verbindung mit fernöstlich entlehnten Vorstellungen von Karma und Wiedergeburt prägen zudem seine Entwicklungslehren in der Pädagogik ebenso wie die Ansätze der anthroposophischen Medizin. Pure Esoterik unter Rückgriff auf die alten Lehren des Hermes Trismegistos, verbunden mit eklektizistisch umgeformten Anleihen bei fernöstlichen Lehren, vermengt mit dem Anspruch einer „seherischen“ Autorität zu einer letzten Endes bezugslos im reinen Raum der Vorstellung schwebenden, am eigenen Anspruch auf „Wissenschaftlichkeit“ kläglich scheiternden Prophetie.

Mit dem oft positiv besetzen Image dieser „Realmanifestationen“ der Anthroposophie räumt André Sebastiani sachlich, gründlich und gut nachvollziehbar auf.

So lässt das Buch den bislang vielleicht nur grob in der Sache orientierten Leser mit der Erkenntnis zurück, dass sich mit der Anthroposophie ein komplett okkult-esoterisches, auf Autorität beruhendes System gesellschaftlich, insbesondere in Pädagogik und Medizin, mit dem Ruf eines „ganzheitlich“ auf den Menschen orientiertes System durchaus etabliert hat, ohne mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und humanistischem Gedankengut kompatibel zu sein. Anthroposophie ist einflussreich – und hat Vertreter vielfach gerade in den höher gebildeten Schichten. Es sei daran erinnert, dass es eine anthroposophische Lobby war, die 1978 bei der Neufassung des Arzneimittelgesetzes eine Ausnahme von der wissenschaftlichen Fundierung der Arzneimittelzulassungen für ihre „Heilmittel“ durchsetzte (und für die Homöopathie gleich mit), ein Privileg, das bis heute besteht und mit allen Mitteln zu bewahrt werden soll.

„Anthroposophie“ von André Sebastiani, ein überfälliges und dringend notwendiges Buch, zudem gut lesbar und als Nachschlageband gut zu handhaben.

 

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Der Autor dieser Rezension hat sich selbst bereits mehrfach mit der anthroposophischen Medizin, insbesondere mit deren Haltung zu Infektionskrankheiten und zum Impfen, auseinandergesetzt. Unter anderem ist von ihm dazu ein Beitrag beim hpd unter dem Titel „Eigenverantwortliche Impfentscheidung – wirklich?“ erschienen: https://hpd.de/artikel/eigenverantwortliche-impfentscheidung-wirklich-15883




Neue Waffe gegen Klimawandel?


FlorencePläne zur Beeinflussung der Erdatmosphäre als Waffe gegen Klimawandel werden konkreter

Ein Blick auf den Hurrican "Florence" aus der Internationalen Raumstation ISS (14. September 2018) – Quelle: www.globallookpress.com

In Kenia tagt gegenwärtig die UN-Umweltkonferenz. Dort wird diskutiert, ob und wie sich der Klimawandel mit Geoengineering-Technologien aufhalten ließe. Harvard-Forscher setzen auf eine Beeinflussung der Erdatmosphäre zur Reduzierung des Treibhauseffekts.

Spätestens seit den allwöchentlichen Schülerprotesten ist das Thema Klimawandel in aller Munde. Angesichts einer drohenden Entgleisung der Biosphäre bis zum Jahr 2060, die der Focus am Dienstag etwas fehlgeleitet als "Biosphären-Bombe" bezeichnete, scheint der Handlungsbedarf zur Eindämmung des Klimawandels drängender denn je. Daher richten immer mehr Wissenschaftler ihr Augenmerk auch auf mögliches "Geoengineering", also auf technische Eingriffe in die geochemischen oder biogeochemischen Kreisläufe der Erde.

Die dabei debattierten Lösungsansätze fallen mitunter radikal und verstörend aus. Dazu zählt etwa die Idee, in der Erdatmosphäre großflächig feine Schwebeteilchen (sogenannte Aerosole) auszusetzen, die einen Teil der Sonneneinstrahlung reflektieren und somit die Erderwärmung verlangsamen sollen. Das käme einer Imitation eines Vulkanausbruchs gleich, bei dem massenhaft Partikel, beispielsweise Staub und Schwefel, ausgestoßen werden, wodurch die Erdoberfläche gegen Sonneneinstrahlung abgeschirmt wird.

UN debattiert derzeit Geoengineering-Technologien

Noch bis zum 15.3. tagt in Kenias Hauptstadt Nairobi die 4. UN-Umweltkonferenz, die sich mit der Frage des Geoengineerings beschäftigt – insbesondere mit der künstlichen Reduzierung der Sonnenstrahlung, die die Erdoberfläche erreicht. Dabei soll ein Vorschlag der Schweiz diskutiert werden, um Geoengineering-Technologien auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen.

"Das Verständnis neuer Technologien und ihr potentieller Nutzen zum Wohle der Menschheit ist eine der entscheidenden Fragen unserer Zeit", erklärte am Montag der ehemalige UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon. "Zukünftige Generationen werden es uns nicht verzeihen, wenn wir keine überzeugende Antwort finden."
"Aber derzeit haben wir keine Ahnung, welche unvorhergesehenen und unbeabsichtigten Folgen der Einsatz dieser neuen Technologien haben könnte. Die unbekannten Unwägbarkeiten – insbesondere beim solaren Geoengineering – könnten genauso schlimme Folgen haben wie der Klimawandel", so Ban Ki-Moon.

Franz Xaver Perrez, Umweltbotschafter und Leiter der schweizerischen Delegation in Nairobi, sagte gegenüber Reuters, sein Land habe Bedenken, dass insbesondere das "Dimmen" des Sonnenlichts "enorme negative Auswirkungen" haben könnte. "Dennoch sollten wir uns nicht von Sorgen leiten lassen, sondern zuerst ein besseres Verständnis der Situation haben", so Perrez, der zudem betont, dass "wir möglicherweise eine multilaterale Kontrolle dieser Technologien benötigen".

"Dosis macht das Gift": Harvard-Forscher mit neuer Risikoanalyse

Im November veröffentlichen Forscher der Harvard-Universität in den USA eine Studie, laut der die "Impfung" der Erdatmosphäre mit Aerosolen technisch machbar und kostengünstig umsetzbar wäre. Kritiker warnen allerdings vor den unabsehbaren Nebenwirkungen, etwa auf die globalen Zirkulationspfade von Stürmen und Niederschlägen, wodurch manche Regionen überflutet, andere zur Wüste werden könnten. Zudem bemängeln sie, dass solche Maßnahmen nicht auf die Reduzierung von Treibhausgasen setzen, sondern auf die Bekämpfung ihrer Auswirkungen.

Laut einer neuen Harvard-Studie sind solche Befürchtungen allerdings übertrieben. Demnach sei das Versprühen von Partikeln in die Atmosphäre zwar kein Allheilmittel, mit dem der Temperaturanstieg des Planeten vollständig aufgehalten werden könne. Würde man eine solche Methode aber behutsam mit dem Ziel einsetzen, den globalen Temperaturanstieg lediglich zu halbieren, dann würde diese Technik ohne größere Nebenwirkungen funktionieren.

"Einige der in früheren Studien identifizierten Probleme, bei denen solares Geoengineering die gesamte Erwärmung ausgleicht, sind Beispiele für das alte Sprichwort, dass die Dosis das Gift macht", so der Harvard-Physiker David Keith. Laut ihm bestünden weiterhin "große Unsicherheiten", aber Klimamodelle deuteten darauf hin, dass Geoengineering "überraschend einheitliche Vorteile ermöglichen" könnte.
Ich sage nicht, dass wir wissen, dass es funktioniert und wir es jetzt machen sollten. Tatsächlich würde ich mich absolut gegen den Einsatz zum jetzigen Zeitpunkt aussprechen. (…) Es gibt viel Ungewissheiten", sagte der Physiker gegenüber dem Guardian.

Keith betont zudem, dass solares Geoengineering mit der Reduzierung von Treibhausgasen einhergehen müsse und keinesfalls als Vorwand dienen dürfe, diese dann unbekümmert weiter zu produzieren.

Feldexperiment soll empirische Daten liefern

Zur Frage der Reduzierung der Sonneneinstrahlung existieren bereits Dutzende Studien. Sie basieren aber alle auf Computermodellen und -simulationen. Die Harvard-Wissenschaftler wollen das ändern und ihr Modell anhand eines Feldexperiments mit empirischen Daten füttern. Zu diesem Zweck wollen sie noch in diesem Jahr im Rahmen des Projekts "Stratospheric Controlled Perturbation Experiment" (SCoPEx) einen Ballon in 20 Kilometer Höhe in die Stratosphäre steigen lassen, der dann eine kleine Wolke aus Kalziumkarbonat-Aerosolen freilassen soll.

Anschließend soll gemessen werden, wie sich die Partikel verhalten und in der Luft verteilen. Gerechnet wird mit einem Korridor von einem Kilometer Länge und einigen hundert Metern Breite, der von den Partikeln abgedeckt wird. Laut den umstrittenen Thesen von Anhängern sogenannter Chemtrail-Theorien wäre dieses Feldexperiment jedoch überflüssig, da sie überzeugt sind, dass solche Programme zur gezielten Manipulation der Atmosphäre bereits seit Jahren insgeheim durchgeführt werden.

Mehr zum Thema – "Leugnen unmöglich": Klare Anzeichen für menschengemachte globale Erwärmung

Entnommen bei  http://www.atheisten-info.at/infos/info4501.html

 

 




Von Ebenbildern und Ängsten


Gott-und-das-Baertierchen_excfvUnsatirisch über’s Gottvertrauen

Es gilt manchen als unumstößliche Gewissheit, dass Gott uns Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hat. Im 1. Buch Mose, der Genesis, 1,26 und 1,27 heißt es dazu:

Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.

Warum Gott uns Menschen auserkoren hat, sein Ebenbild zu sein, und nicht eines seiner anderen Geschöpfe — oder gleichberechtigt auch alle anderen neben uns Menschen — ist sein Geheimnis, das er wohl mit ins Grab nehmen wird. Unverständlich erscheint mir auch, warum Frauen und Männer in manchen Sozialgefügen oder Vereinen nicht gleichberechtigt sind, obwohl Gott sie laut den zitierten Sätzen aus der Genesis doch beide als seine Ebenbilder erschaffen hat.

So manchen, die von unserer Ebenbildlichkeit überzeugt sind, reicht diese jedoch möglicherweise nicht, und so meinen sie, ein wenig nachhelfen und in die Resultate der Schöpfung eingreifen, aus religiösen Gründen ein wenig nachbessern zu müssen.

* * *

Im Mai 2012 fällte das Landgericht Köln ein vielbeachtetes Urteil zur Knabenbeschneidung, wie sie insbesondere im Judentum und im Islam üblich, aber auch z.B. in den Philippinen und den USA bei Christen weit verbreitet ist, und wertete dieses Ritual, das mich mehr an Voodoo denn an Religion (Gottes- / Göttinverehrung) erinnert, als strafbewehrte Körperverletzung (gemäß § 223 StGB). Im Verlauf der anschließenden öffentlichen Debatte wurde, soweit ich diese verfolgt habe, von keinem Politiker, keinem Journalisten und auch keinem Juristen die Frage aufgeworfen, was das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung mit dem im Artikel 4 Satz 2 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland zwar gewährleisteten, aber keineswegs uneingeschränkt garantierten Recht der „ungestörten Religionsausübung“ zu tun hat. Auch wurde m.W. nicht erörtert, inwieweit es das Erziehungsrecht der Eltern beinhaltet, kleine Kinder oder wehrlose Babies zu verstümmeln, Kinder dadurch „erzogen“ werden.

Aus Angst ?

Stattdessen wurde – m.E. mehr in Wort­hülsen und in Sprechblasen, die bei mir teils den Eindruck von Drohungen hinterließen statt mit Fakten unterlegt zu sein – „argumentiert“, die Religionsfreiheit würde eingeschränkt oder es würden Menschen deswegen gar ihrer Identität oder ihrer Lebensgrundlage beraubt.

Die Zirkumzision mag in Einzelfällen aus medizinischen Gründen geboten sein, aber: Wenn ich jemandem auf der Straße begegne, sehe ich ihm gar nicht an, ob er beschnitten ist oder nicht, kann seine mögliche Religionszugehörigkeit an diesem Merkmal folglich nicht erkennen — und habe auch nicht das Bedürfnis, dies näher zu untersuchen.

Falls das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung – entgegen der Aussage in unserem Strafgesetzbuch – keine Straftat sein sollte, was ist es dann? Oder ist Körperverletzung nur dann keine Straftat, wenn sie „religiös“ intendiert ist? Soll also das Begehen von Straftaten dann legitimiert sein, wenn dies als zur „ungestörten Religionsausübung“ gehörend deklariert wird? Das könnte einen beträchtlichen Interpretations- und Handlungsspielraum eröffnen. Siehe auch: BGB § 1631d, in Kraft getreten am 28.12.2012 sowie die Begründung dazu.

* * *

Das Vertrauen in die Fähigkeiten Gottes sowie in die Überzeugung, dass er uns Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hätte, scheint mir bei jenen sehr gering zu sein, die meinen, seine Schöpfung z.B. durch ein Herumschnippeln an wehrlosen Babies oder an unmündigen Kindern verbessern zu müssen um damit möglicherweise einen Bund mit ebendiesem Gott herzustellen. Hat sich Gott dazu schon geäußert, ist er damit einverstanden? Vielleicht verhöhnen sie ihren Gott damit sogar als jemanden, der die Sache nicht perfekt auf die Reihe bekommen hat. Diesbezüglich von Hybris zu sprechen, erschiene mir jedoch unpassend, da diese voraussetzen würde, dass es besagten Gott tatsächlich und nachweislich geben müsste. Auch die Gleichberechtigung von Frau und Mann nicht anzuerkennen, spricht nicht davon, dass jemand von der Ebenbildlichkeit überzeugt wäre. Es ist wohl eher ein Ausdruck von der Angst davor, gesellschaftliche sowie politische Gestaltungsmöglichkeiten und Macht teilen zu müssen.

Eckhardt Kiwitt, Freising

Siehe auch den Beitrag Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit und Fehlverhalten auf dieser Website

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Beitragsbild:
Collage / Bearbeitung aus Michelangelo: Die Erschaffung Adams (Wikipedia) und
Das Bärtierchen Milnesium tardigradum (Wikipedia)




Kreation vs. Evolution


land-iguana-894478_1280Video von Prof. Dr. Walter Veith – eine Kritik von Klaus Steiner:


Walter Veith, geb. 1949, ist ein südafrikanischer Zoologe. Nach seinem Beitritt zur Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten verwarf er die Evolutionstheorie zu Gunsten eines Kreationismus und musste den Lehrstuhl für Zoologie an der Universität Kapstadt aufgeben. In Vorträgen, Videos und Büchern stellt er weltweit kreationistische und adventistische Überzeugungen sowie Verschwörungstheorien dar.

Video: Prof. Dr. Walter Veith – Kreation vs. Evolution

Zitate aus dem Video sind teilweise im Wortlaut verändert oder gekürzt, da Herrn Veiths Deutsch etwas unbeholfen ist, was er zu Anfang des Videos selbst anmerkt. Nachstehend sind Herrn Veiths Behauptungen durch Kursivstellung mit Minutenangaben in Klammern kenntlich gemacht.

Es gäbe heute angeblich viele Wissenschaftler, die an eine „höhere Hand“ glaubten, sie würden es nicht Gott nennen wollen (1:55).

Diese Aussage ist verzerrt, denn 2009 kam eine Studie des „Pew Research Center for the People and the Press“ zu dem Ergebnis, dass lediglich 18% der Wissenschaftler an einen „universalen Geist“ oder an eine „höhere Macht“ glauben, 33% glauben an Gott. Nun kommt der springende Punkt: 41% glauben weder an eine höhere Macht oder an einen Gott. Und was Herr Veith unterschlägt: Nur ein verschwindend kleiner Teil der Naturwissenschaftler vertritt kreationistische Ideen, glaubt also an einzelne Schöpfungsakte (Quelle 1).

Lamarck hätte behauptet, wenn man Giraffen betrachte, wäre da ein Streben um „höher und höher“ in den Bäumen gewesen, womit der Hals länger geworden wäre (5:56).

Hier verwechselt Herr Veith jedoch den Lamarckismus mit der Standard-Evolutionstheorie – deren Erklärung ist recht simpel: Giraffen mit einem längeren Hals hatten einen Überlebensvorteil und somit bessere Fortpflanzungschancen (7:06).

Dies ist zwar zutreffend, tatsächlich sind die Verhältnisse jedoch komplizierter: Giraffen fressen die Akazienblätter der Kronen nur während der Regenzeit (wenn die Blätter proteinreich und in großen Mengen vorhanden sind); hier trifft die „klassische Erklärung“ also zu. Während der Trockenzeit, wenn die Konkurrenz um die Nahrung mit verschiedenen Antilopen am härtesten ist, weiden die Giraffen jedoch üblicherweise die Sträucher unterhalb einer Höhe von zwei Metern ab, in der Reichweite auch einiger anderer Tiere. Die Giraffe verbringt mehr als 50 Prozent der Zeit damit, Nahrung in ihrer Schulterhöhe oder noch niedriger abzuweiden. Genauer gesagt: So machen es die Giraffenweibchen und die rangniedrigen Männchen, während die dominanten Giraffenbullen aus den afrikanischen Savannen herausragen. Weibchen fressen am häufigsten in 1,5-2,5 Metern Höhe, Männchen in Männchengruppen in der Höhe von etwa drei Metern, Männchen in Männchengruppen in der Höhe von etwa drei Metern, Männchen in Weibchengruppen in der Höhe von fünf Metern.

Neben der ökologischen Komponente symbolisiert der lange Giraffenhals Dominanz, ist also das Produkt der sexuellen Selektion. Tatsächlich nutzen Giraffenbullen ihre Hälse für eine Form des Dominanzkampfes, der unter Säugetieren ganz einzigartig ist. Weil die Energie des Halsschlags mit der Kopfmasse und der Länge und Stärke des Halses wächst, kann man erwarten, dass Männchen mit langen, massiven Hälsen siegen werden. Kein Wunder also, dass die Hälse der Männchen im Verhältnis länger und mächtiger sind als die der Weibchen. Und es ist ebenso kein Wunder, dass die dominanten Männchen gerade die mit den längsten und dicksten Hälsen sind. Dass es sich um ein sexuell selektiertes, dem Pfauenrad nicht unähnliches Merkmal handelt, zeigt auch die Tatsache, dass ein gut entwickelter Hals seinen Träger im Normalleben eher behindert. Obwohl die Giraffenbullen etwa um die Hälfte schwerer sind als die Weibchen, fallen sie fast zweimal häufiger Löwen zum Opfer. In Giraffenpopulationen überwiegen die Weibchen, was ebenfalls den Verdacht nährt, dass die Männchen eine höhere Sterblichkeit haben (Quelle 2, S. 294 f.).

Darwin wäre der Gedanke gekommen, dass die Vielfalt der verschiedenen Formen der Finkenschnäbel auf eine Entwicklung zurückgehe, womit die Evolutionslehre entstanden sei (9:13).

Lediglich ergänzend sei hier darüber aufklärt, dass die Evolution der verschiedenen Schnabelformen auf dem Gründereffekt in einer isolierten Population beruht, wodurch letztlich auch Arten entstehen können (Quelle 2, S. 59).

Dann fragt sich Herr Veith, wie die Moleküle, die die Bausteine des Lebens darstellen, entstanden seien, ohne Enzyme, um diese Moleküle zu zeugen (16:48). Das wäre noch nie in einem Labor zustande gekommen.

Herr Veith weiß offensichtlich nicht (oder verschweigt es), dass Carl Woese, Francis Crick und Leslie Orgel bereits in den 60er Jahren die Theorie einer primordialen RNA-Welt entwickelten, da RNA sowohl die Fähigkeit zur Informationsspeicherung als auch zur enzymatischen Aktivität (darunter Polymerase-Aktivität) hat. Da DNA und RNA in der Entstehung voneinander abhängig sind, wird mit der zuletzt genannten Theorie das Henne-Ei-Paradox gelöst (Quelle 3)!

Nicht alles in unserem Genotyp komme zum Ausdruck (in der äußerlichen Erscheinung), aber im Phänotypus (20:32).

Hier hätte Herr Veith – im Zuge einer umfassenden Aufklärung – auf Pseudogene verweisen können, die früher mal eine nützliche Funktion hatten, jetzt aber an den Rand gedrängt und somit nicht mehr transkribiert oder translatiert werden (Quelle 4).

Dann wird zwischen einem starken, langen Menschen und einem kleinen, dicken Menschen verglichen (Phänotypen) (21:37). Herr Veith stellt die Frage, welcher mit höherer Wahrscheinlichkeit dem Löwen, der beide jagte, zum Opfer fällt (22:03).

Dieses Beispiel mag zwar anschaulich erscheinen, ist aber völlig falsch. Die Anlage zur Fettleibigkeit gab es schon seit Jahrmillionen als Anpassung an Nahrungsmangel: Wer sich in guten Zeiten ein Reservepolster „anfuttern“ konnte, war im Vorteil. Fettleibigkeit gibt es jedoch erst in unserer Überflussgesellschaft! Und da die Evolution nicht vorausdenkt oder -plant, kann sich nicht „ahnen“, unter welchen späteren Umständen eine positive selektierte Eigenschaft negative Folgen zeitigen mag.

Die natürliche Auslese bevorzuge den starken, schlanken, der kleine dicke würde von ihr entfernt (22:41).

Später heißt es dann, durch das „survival of the fittest“ überlebe der Fittere. Hat die natürliche Auslese „mehr“ oder „weniger“ gezeugt? Herr Veith bringt ein mathematisches Beispiel, was offenbar das Aussterben verdeutlichen soll: 2-1=1. Laut Herrn Veit hätte die natürliche Auslese weniger „gemacht“ (47:07). Jährlich würden wir zigtausende Tierarten verlieren. Würde die natürliche Auslese so weiter machen, würde nichts mehr übrigbleiben (49:00).

In Bezug auf Aussterbeereignisse offenbart Herr Veith seine völlige ökologische und paläontologische Unkenntnis. In der Tat sterben regelmäßig Arten aus; der Fossilbericht dokumentiert sogar 5 große Aussterbe-Ereignisse. Demgegenüber steht eine stetige Artbildung und -differenzierung, die den Verlust durch Aussterben entgegenwirkt.

Zum Thema „survival of the fittest“ – was ist mit diesem Fachausdruck gemeint? Selektion (Auslese) beruht auf dem unterschiedlichen Fortpflanzungserfolg (Fitness) von selektierten Einheiten (Individuen bzw. Allelen). Üblicherweise vererben die Bestangepassten ihre Allele in höherer Rate an die Folgegeneration als schlechter Angepasste – und sind damit die Fittesten. Selektion bedeutet also eine ungleichmäßige Vererbungsrate der von verschiedenen Individuen stammenden Allele in den Genpool der nächsten Generation, und damit im Laufe der Zeit eine systematische, z. T. sogar vorhersagbare, nichtzufällige Änderung der Allelfrequenzen in der Population (Quelle 2, vgl. S. 12). Die Selektion ist einer der wesentlichen Motoren der Reproduktionsdynamik (Quelle 2, vgl. S. 51).

Welche Faktoren sind für das Aussterben von Arten verantwortlich? Hier sind v.a. zu nennen: Zu schnelle Änderungen der Umweltbedingungen, Dominoeffekt, (natürliche) Einwanderung/ (anthropogen) Einführung neuer Arten und die (natürliche und anthropogen) Zerstörung der natürlichen Lebensräume (Quelle 5, vgl. S. 448 f.).

Was ist mit dem „Dominoeffekt“ gemeint? Jede Art ist auf andere Arten angewiesen, als Nahrungsquelle oder zur Schaffung ihres Lebensraums. Somit stehen alle Arten in einem Beziehungsgeflecht, das man mit sich verzweigenden Ketten von Dominosteinen vergleichen kann. So, wie das Umkippen eines Dominosteins in einer Kette auch andere zu Fall bringt, kann die Ausrottung einer Art andere mit ins Verderben reißen, die wieder andere mitreißen und so weiter (Quelle 5, S. 447 f.).

Es ist also eine völlig falsche Sicht zu sagen: „Würde die natürliche Auslese so weiter machen, würde nichts mehr übrigbleiben“. Selektion und Aussterben sind die eine Seite der Medaille, Selektion und Artenentstehung sowie -differenzierung die andere.

Kurz darauf wird die Biogenetische Grundregel von E. Haeckel angesprochen, wonach Organismen (richtig müsste es „Wirbeltiere“ heißen) eine ähnliche Entwicklung durchliefen und damit einen gemeinsamen Ursprung hätten (37:53). Diese ganze Theorie würde heute nicht mehr gelehrt werden (38:06).

Mit „diese ganze Theorie“ ist offenbar das „biogenetische Grundgesetz“ gemeint – Haeckels Rekapitulationsprinzip wird heute nicht mehr als "Gesetz", wohl aber als biogenetische Regel bezeichnet, die Abweichungen und Ausnahmen vom Embryonengrundbauplan zulässt. Übrigens: Das „Gesetz der Embryonenähnlichkeit“ wurde 38 Jahre vor Haeckels „biogenetischem Grundgesetz“ von dem Kreationisten Karl Ernst von Baer formuliert – ein Faktum, das von Kreationisten allzu gerne verschwiegen wird. Haeckel hat diese Beobachtung lediglich in einem phylogenetischen Kontext gestellt. Beim genauen Hinsehen können bei der Entwicklung von z. B. Huhn, Maus oder Mensch durchaus Unterschiede auftreten, gleichwohl sind die frühen Stadien erstaunlich ähnlich. Dieses Stadium wird phylotypisches Stadium genannt. Evolutive Altertümlichkeiten sind von der Evolution nicht „aus purer Traditionsliebe“ konserviert worden, sondern haben immer noch wichtige Funktionen in der Frühentwicklung zu erfüllen – das ist der Grund, warum Haeckel Regel (immer noch!) gilt. Im Laufe der Evolution entstandene und bewährte Lösungen können nicht einfach durch andere ersetzt werden, man nennt diese „constraints“ (entwicklungsphysiologische Zwänge). So manches passt nicht in das Bild einer getreuen Rekapitulation, denn hierbei treten z. B. auch Heterochronien auf (relative zeitliche Verschiebungen in der Anlage von Organen, bei Vorgängen des Wachstums oder beim Eintreten der Sexualreife).

Das Ziel der neuen Disziplin der Evolutionären Entwicklungsbiologie (Evo-Devo) ist die Entschlüsselung von Entwicklungsprozessen und die Ergründung der Entstehung von Körper-Bauplänen. Hox-Gene legen die positionelle Identität der Zellen entlang der Körperachse fest. Die Homologie der Hox-Gen-Cluster bei Menschen, Mäusen und Fliegen belegt, dass der von Ernst Haeckel initiierte Ansatz Früchte getragen hat. Somit ist die (molekulare) Analyse der Ontogenese (Individualentwicklung) ein Schlüssel zum Verständnis der Phylogenese (Stammesentwicklung) geworden (Quelle 3).

Hat die Raupe die Gene für den Schmetterling (42:16)?

Eine mehr als merkwürdige Frage – selbstverständlich hat sie diese! Ein und dasselbe Genom kann eine Raupe, eine Puppe und einen Schmetterling herausbilden. Verschiedene Entwicklungsstadien sind Beispiele für einen altersabhängigen Polymorphismus (Vielgestaltigkeit) (Quelle 2, vgl. S. 227 f.).

Es mag Herrn Veiths Geheimnis bleiben, wieso dies nicht evolutionsbiologisch erklärbar sein soll.

Daraufhin geht es um Birkenspanner. Es würde behauptet, es gäbe helle und schwarze Variationen, während die hellen auf hellem und die schwarzen auf schwarzem Hintergrund einen Vorteil hätte. Dabei handle es sich „nur“ um ein Modell, man hätte die Varianten auf einen schwarzen Hintergrund gesteckt, um das zu erklären. In Wirklichkeit wäre es nie so passiert, diese Varianten würden einfach existieren (47:49).

Am Beispiel des Industriemelanismus – dieser Fachbegriff bleibt von Herrn Veith unerwähnt – wird der Selektionsdruck sehr schön deutlich. Herr Veith liegt richtig, es gab bereits eine Mutante, die dunkel gefärbt und deshalb für Vögel ein leichteres Opfer war (Quelle 6, S. 97).

Dass es sich bei den Experimenten von Kettlewell „nur um ein Modell“ handle, ist falsch. Es wurden diesbezüglich Freilandexperimente durchgeführt.

Evolutionsgegner wollen dieses Beispiel für Selektion insofern entkräften, indem sie einwenden, dass Birkenspanner sich für gewöhnlich nicht auf Baumstämmen aufhalten würden. Es ist richtig, dass Majerus und andere Forscher die freiliegenden Baumstämme nicht zur üblichen Ruheposition der Birkenspanner rechnen. Experten stellen fest, dass in luftverschmutzten Gegenden nicht nur die Baumstämme, sondern auch die abgeschatteten Äste und Blätter durch Ruß kontaminiert werden. Die Hypothese, dass Vögel auch in schattigen Bereichen nach den Faltern suchen und in umweltbelasteten Regionen bevorzugt die weiß gefärbten Birkenspanner herauspicken, gilt allgemein als empirisch hinreichend belegt.

Dass ein Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und der Häufigkeit dunkler Faltervarietäten besteht, deutet allein schon auf den Einfluss der Selektion hin. Insofern ist die Detailfrage, wo genau sich die Falter aufhalten, nicht von Bedeutung (Quelle 7).

Nun wird auf das Gezanke zwischen Taxonomen eingegangen. Warum zanken sie sich? Es gäbe zwei Gruppen von Taxonomen, die im Englischen „Lumper“ und „Splitter“ genannt würden (51:39). Ein Splitter würde sagen, er hätte eine neue Art entdeckt. Ein Lumper würde sagen, es wäre nur eine Variation. Und dann würden sie sich schon streiten (52:37).

In diesem „Streit“ sieht Herr Veith einen Beleg für die Willkürlichkeit und Unwissenschaftlichkeit „der Evolutionstheorie“. Herr Veith bleibt jedoch eine Erklärung schuldig, warum man sich „zankt“.

Die Evolutionssystematik (Systematik = Taxonomie) ist bestrebt, die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den Organismen zu rekonstruieren. Bei der Systemerstellung berücksichtigt sie neben der Kladogenese (Arten-Aufspaltung) auch die Anagenese (Weiterentwicklung), d. h. die Diversifizierung der Merkmale. Wenn irgendeine phylogenetische Linie eine bedeutende Veränderung der phänotypischen Eigenschaften (Erscheinungsbild) aufweist (sich also eine wichtige Innovation evolvierte), halten es die Evolutionssystematiker für sinnvoll, diese Linie gegenüber anderen Linien in ein selbständidges Taxon auszugliedern. Der größte Nachteil dieser Methode beruht darin, dass die Auswahl der Kriterien, nach denen der erreichte Grad der Anagenese beurteilt wird, nicht objektivierbar und die Abgrenzung einzelner Taxa somit subjektiv ist (Quelle 2, S. 166)!

Anders gesagt: Der Evolututionsprozess ist kleinschrittig, und es gibt niemals einen „Knall“, bei dem eine neue Art entsteht. Ergo ist es kein Wunder, dass es für Taxonomen immer eine Herausforderung ist, graduelle Prozesse in starre Kategorien wie Art, Gattung etc. einzuteilen.

Im Anschluss bringt Herr Veith ein Beispiel von einem Maikäfer, den Wissenschaftler früher als unterschiedliche Art bezeichnet hätten. Man stellte fest, dass sie zu bestimmten Jahreszeiten (wenn sie entschlüpfen) einen schwarzen oder einen schwarz-roten Phänotyp haben, der durch Gene an- oder ausgeschalten wird (55:32).

Es handelt sich bei den abgebildeten Käfern nicht um Maikäfer, sondern um Asiatische Marienkäfer (Harmonia axyridis) (Quelle 8).

Herr Veith fragt sich, wie Männchen und Weibchen entstanden sind (57:59). Genetisch durch Zufall (58:17). Dann findet er folgende Antwort: Laut der Bibel hätte er (Gott) sie als Mann und Frau geschaffen. Die Wissenschaft müsse sagen, Mann und Frau kamen durch Zufall (59:53).

Es ist nicht klar, warum es überhaupt zur sexuellen Fortpflanzung kam (Quelle 9, S. 14). Vermutlich begann die sexuelle Fortpflanzung damit, dass zwei ähnlich große Einzeller miteinander verschmolzen und dann Tochterzellen bildeten (Quelle 9, S. 19).

Alternativ muss man fragen, worin der Vorteil von zwei Geschlechtern und von Sex liegt.

Der Vorteil der sexuellen Fortpflanzung ist die Erhöhung der genetischen Variabilität des Individuums. Beim Menschen mit seinen 23 Chromosomen in den Keimzellen sind 223 Kombinationen möglich, was theoretisch bedeutet, dass jeder Mensch mehr als acht Millionen genetisch unterschiedlich kombinierter Keimzellen bilden kann. Bei der Meiose kommt es außerdem zu einem Vorgang, der sich „Crossover“ nennt (intrachromosomale Rekombination). Dabei legen sich die jeweils homologen Chromosomen von Vater und Mutter kreuzweise übereinander und tauschen kleinere oder größere Abschnitte untereinander aus: Gene aus der mütterlichen und väterlichen Entwicklungslinie werden neu kombiniert und nach dem Zufallsprinzip auf die Chromosomen der Keimzellen verteilt.

Axel Meyer sagte einmal: „Durch sexuelle Fortpflanzung erzeugte genetische Variation hilft Organismen, unsichere Umweltbedingungen zu überstehen (Quelle 10).“

Nach einer anderen Vorstellung dient die Sexualität der Elimination von „schlechten“ rezessiven Genen (Quelle 2, S. 67).

Die Kosten der sexuellen Fortpflanzung sind die scheinbar „unökonomische“ Verteilung der Geschlechter, sowie die Kosten der Partnersuche (sie kostet Zeit, Energie und ist mit Gefahren der Ansteckung durch Krankheitserreger verbunden) (Quelle 2, vgl. S. 66). Die Rote-Königin-Hypothese betont die zeitlichen Veränderungen und betrachtet die Sexualität als eine adaptive Strategie im Kampf gegen Parasiten (Quelle 2, S. 67).

Im Gegensatz zur geschlechtlichen Fortpflanzung hat die ungeschlechtliche Fortpflanzung durchaus auch Vorteile:

Sie spart Energie, und ihr Ergebnis sind identische Nachkommen, die an die aktuellen, vorherrschenden Umweltbedingungen gleich gut angepasst sind. Wenn sich die Umwelt verändert, können Organismen, die sich ungeschlechtlich fortpflanzen und demzufolge nur eine geringe genetische Variabilität aufweisen, jedoch ins Hintertreffen geraten (Quelle 10).

Ein von Herrn Veith beschriebener Höhlenfisch habe keine Pigmente und keine Augen. Das sei ein Beweis der Evolution. Darauf fragt sich Herr Veith, ob hier etwas neues vorhanden sei, oder ob etwas abwesend sei. Herr Veith erklärt die fehlenden Pigmente und Augen nicht durch Evolution, sondern durch das Ausschalten von Genen (1:01:11).

Sicherlich handelt es sich bei diesem Beispiel um Evolution, speziell um „Mikroevolution“. Das An- bzw. Ausschalten der Gene wird durch die Epigenetik beschrieben. Epigenetik bezeichnet die Weitergabe bestimmter Eigenschaften an die Nachkommen, die nicht auf Abweichungen der DNA-Sequenz beruhen (wie es bei einer Mutation der Fall wäre), sonder auf einer vererbbaren Änderung der Genregulation und Genexpression. Welche Segmente der DNA in RNA transkribiert und welche RNA-Moleküle in Proteine übersetzt werden, entscheidet der gesamte Molekularapparat der Zelle (Quelle 2, S. 124).

Die Einteilung der Evolution in Mikro- und Makroevolution ist eine beliebte Taktik der Kreationisten, die dann zwar die Möglichkeit einer Mikroevolution einräumen, doch mit der Idee der Makroevolution polemisieren und hier die Rolle des Schöpfers ansiedeln. Mikroevolution fasst die Evolutionsprozesse zusammen, die über eine graduelle Akkumulation kleiner Mutationen ablaufen und sich auf der Populationsebene (also der intraspezifischen Ebene) abspielen. Mikroevolution kann man in der Natur auch in kleinen Zeiträumen beobachten und erforschen. Unter Makroevolution werden dann die Entstehung und Entwicklung von Taxa der Arten (Gattungen, Familien, Ordnungen, Stämmen) verstanden, d. h. die höhere Kladogenese. Makroevolutionsereignisse bedürfen langer Zeitperioden, gehören der Vergangenheit an, sind damit nicht wiederholbar und lassen sich auch nicht experimentell verfolgen. Hier spielt der Zufall eine stärkere Rolle (auf den Zufall wird in dem Vortrag mehrmals eingegangen, z. B. 17:58, 24:57). Makroevolution beruht vor allem auf Mutationen (z. B. in den Genen, die die Morphogenese steuern) in kleinen isolierten Populationen. Unter den Biologen gibt es keinen Konsens in der Frage, welchen Anteil die Mikro- und die Makroevolution jeweils an der Entstehung neuer Arten und Formen haben. Darwinisten und Neodarwinisten gehen davon aus, dass die Vorgänge der Makroevolution nach den gleichen Prinzipien wie die der Mikroevolution ablaufen. Die Unterscheidung zwischen Mikro- und Makroevolution ist somit eher methodisch-semantischer Natur (Quelle 2, S. 433).

Herr Veit hat nichts dagegen, wenn jemand sagen würde: „Ich glaube an die Naturwissenschaft“, aber es sei ein Glaube (1:15:01).

Herr Veith weiß nicht, wie Naturwissenschaft „funktioniert“. Theorien können zwar nicht „bewiesen“ werden, wohl aber nach wohldefinierten Kriterien beurteilt, bewertet und miteinander verglichen werden. Auch haben die Naturwissenschaften einen hohen Grad an Zuverlässigkeit erreicht, und die Verwendung wissenschaftlicher Theorien ist rational. Empirische Wissenschaft kann also auf keinen Fall dogmatisch sein, weil sie sonst die Mindestbedingung für Rationalität (Kritisierbarkeit) nicht erfüllen würde. Man kann die Lehre ziehen, dass es kein „sicheres Wissen“ (im Sinne mathematischer Beweisbarkeit) gibt. Das Ziel der Wissenschaft ist, sich durch die Elimination des Falschen der Wahrheit zu nähern, gleichsam empor zu irren. Die von religiösen Systemen angestrebte Wahrheit ist hingegen eine absolute. Der Fallibilismus (= Kritisierbarkeit, Widerlegbarkeit) wird in der Religion keine Rolle spielen: Ziel ist schließlich Glaubensgewissheit. Was immer Wissenschaftler privat glauben, sie müssen alle nichtnaturalistischen Ideen bei ihrer theoretischen wie praktischen Arbeit außen vorlassen, weil ihre Daten und Erklärungen bei Annahme supranaturalistischer Entitäten oder Manipulation wertlos wären (Quelle 11).

Quellen:

Quelle 1: Pew Research Center: Scientists and Belief
Quelle 2: Evolution Ein Lese- Lehrbuch, J. Zrzavy, D. Storch, S. Mihulka, 2009
Quelle 3: Kritische Studie zur Evolutionstheorie
Quelle 4: Amazon Rezension zu R. Dawkins: Die Schöpfungslüge
Quelle 5: Der dritte Schimpanse, Jared Diamond, 2012
Quelle 6: Evolution, Das große Buch vom Ursprung des Lebens bis zur modernen Gentechnologie, Rosemarie Benke-Bursian, 2009
Quelle 7: http://www.martin-neukamm.de/loennig_kritik2.html
Quelle 8: Researchgate – Der Asiatische Marienkäfer
Quelle 9: Alles begann mit Sex. Neue Fragestellungen zur Evolutionsbiologie des Menschen, Robert D. Martin, 2015
Quelle 10: Warum es zwei Geschlechter gibt, Michael Wink
Quelle 11: Gott im Fadenkreuz

Hier geht's zum Originalartikel…




Ben Rhodes: „IM WEISSEN HAUS – Die Jahre mit Barack Obama“


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Rezension von Gerfried Pongratz:

Im Mai 2007 erreicht den 29jährigen schreib- und redebegabten „Master of Creative Writing“ Ben Rhodes das Angebot, in Barack Obamas Wahlkampfteam als Redenschreiber anzuheuern. Und damit beginnt für den ambitionierten jungen Mann ein intellektuelles und persönliches Abenteuer, das ihn ins Zentrum der US-Macht katapultiert, in komplexe politische Vorgänge und schwierigste Entscheidungsfindungen einbindet und ihm später als Sicherheitsberater sowie engem Mitarbeiter und Vertrauten von Barack Obama hohe Verantwortung überträgt.

Kaum ein anderer kann die Welt so sehr mit meinen Augen sehen wie Ben…“ (Barack Obama).

Acht Jahre sah und erlebte Ben Rhodes in Spitzenpositionen hautnah mit, wie nationale und internationale US-Politik funktioniert und was in Obamas Präsidentschaft gut gelang, oder katastrophal misslang. Das Buch bietet tiefe Einblicke in die administrativen Vorgänge hinter den Kulissen und in die Abläufe politischer und wirtschaftlicher Prozesse der Regierungsarbeit; es vermittelt Insider-Hintergrundwissen und verdeutlicht dabei auch die Grenzen der Machbarkeit im politischen Geschehen.

Ein Buch, das anregt, aufregt und gleichzeitig deprimiert. Es beschreibt, wie ein hochintelligenter, charismatischer junger Präsident, auf dem die Hoffnungen der Welt ruhen, aus „Sachzwängen“ sein Ziel, eine gerechtere, friedvollere Welt zu ermöglichen, immer mehr aus den Augen verliert. Den Großteil seiner Zeit muss er damit verbringen, unzählige Blockaden und Hindernisse zu überwinden, täglich neu auftretende politische und/oder wirtschaftliche Krisen zu meistern und dabei Entscheidungen treffen, die seiner politischen Agenda entgegenstehen und seinem Naturell widerstreben. Die Notwendigkeit, verschiedenste gleichzeitig ablaufende Vorgänge im Auge zu behalten, dazu auch immer wieder auftauchende Absurditäten des politischen Alltags zu bewältigen und die häufige Erfordernis, Maßnahmen mit oftmals dramatischen Auswirkungen kurzfristig in die Wege zu leiten, führen zu ungeheurem Druck, der ständig auf dem Präsidenten und seinen engsten Mitarbeitern lastet – Ben Rhodes Bericht lässt ihn einfühlsam erahnen.

Barack Obamas Präsidentschaft war von Anfang an damit belastet, bzw. beschäftigt, den innen- und außenpolitischen Scherbenhaufen seines Vorgängers George W. Bush aufzuräumen, auf „ererbte“ Krisen und Fehlentwicklungen (Irak, Afghanistan, al-Qaida, IS etc.) angemessen zu reagieren und gleichzeitig auch die 2008 ausgebrochene globale Wirtschaftskrise zu bewältigen. Das Buch bietet ein buntes Kaleidoskop aller bedeutsamen Vorgänge in Obamas Regierungszeit. Es gliedert sich in vier große Teile, die markante Abschnitte der beiden Amtsperioden Obamas beschreiben und dabei auch die zahlreichen Widersprüchlichkeiten, Fehlentscheidungen, Versäumnisse und Fehlschläge nicht ausklammern. Oft ging es nur darum, Fehlentwicklungen zu beenden, Schäden zu begrenzen, wobei von Obama geplante, großangelegte Reformen von der Opposition und diversen Medien mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln (Intrige, Häme, Verleumdung, Unwahrheiten) wütend bekämpft, bzw. – siehe Gesundheitsreform – behindert wurden.

Zusätzlich zum politischen Geschehen vermittelt das Buch gute Einblicke in die Werkstatt von Redenschreibern, speziell in die Arbeit von Ben Rhodes. Große, wichtige Reden werden über Monate vorbereitet und erfordern ausgedehnte Recherchen sowie komplizierte Feinabstimmungen mit verschiedenen politischen Institutionen und politischen Akteuren; jedes Wort muss auf implizite Inhalte und mögliche Fehlinterpretationen geprüft werden. Ben Rhodes verfasste nahezu alle großen Reden Obamas; sie wurden im Ausland überwiegend positiv bis begeistert aufgenommen, zu Hause aber scharf kritisiert und negativ bewertet. Obamas Regierungszeit war davon gekennzeichnet, dass ihm von Anfang an eine gnadenlose, extrem gehässige Opposition gegenüberstand, die auch nicht davor zurückschreckte, ihn mit Hilfe feindlich gesinnter Massenmedien (z.B. Fox News) persönlich zu diffamieren, zu verleumden („er ist kein Amerikaner“) und als entscheidungsunfähig darzustellen. Gleichzeitig unternahm sie alles erdenkbar Mögliche, seine Pläne und Vorhaben mit populistischer Propaganda zu verunglimpfen und mittels juristischer und politischer Blockaden zu verhindern, bzw. zu verzögern.

Ben Rhodes, der darunter litt, Monate fern seiner Familie leben und ständig – rund um die Uhr – erreichbar sein zu müssen, wurde nach und nach ebenfalls zur Zielscheibe oppositioneller Angriffe und bösartiger Unterstellungen. Als „Obamas Schmierfink“ und „Lügenverbreiter“ wurde er in Hasskampagnen attackiert und in absurde Verschwörungstheorien mit einbezogen, was den Verlust von Lebensfreude zur Folge hatte und negative persönliche Veränderungen auslöste („Ich zog mich in mich selbst zurück, entfernte mich von Freunden und Kollegen… konnte nicht einschlafen… trug tiefen Groll mit mir herum…“ S. 334). Er dachte mehrmals daran, den Job zu quittieren; nur das Vertrauen Obamas („Sie sind nicht nur ein Berater, Sie sind ein Freund“ S. 273) und die stark empfundene Verpflichtung, ihm, und damit auch dem Land zu dienen, ließen ihn ausharren und selbstausbeuterisch weiterarbeiten.

Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem sprengen, auch nur ansatzweise alle im Buch beschriebenen Vorgänge in und um Obamas Regierungszeit darzustellen. Der auf Obama ständig ausgeübte Druck von Partnern und Verbündeten, in diverse Krisen militärisch einzugreifen und die von ihm selbst gefühlte Verpflichtung, kriegerischen Entwicklungen, bis hin zur Verhinderung von Genoziden, militärisch zu begegnen, bestimmten seine außenpolitische Agenda. Die dabei erlittenen Niederlagen sowie auch die zahlreichen vergeblichen Versuche, Eskalationen (z.B. in Syrien) zu befrieden und militärische Einsätze zu vermeiden, bzw. zu beenden, führten zu großen persönlichen Enttäuschungen (und negativen Reaktionen der Bevölkerung), die seine Amtszeit mehr und mehr überschatteten (und ihn einsam werden ließen) – von vielen politischen Beobachtern, in vielen Kommentaren und Beurteilungen, wird die Regierungszeit Obamas, gemessen an seinen Ankündigungen und Vorhaben, zwiespältig bis negativ gesehen. (Anmerkung des Rezensenten: Im Hinblick auf das Agieren seines Nachfolgers könnte er aber als „Lichtgestalt“ gelten).

Das Buch liest sich flüssig, auch unterhaltsam. Die Beschreibung bedeutsamer Begebenheiten und dramatischer Vorfälle, aber auch von kritischen Reflexionen zur eigenen Rolle im oft desillusionierenden Geschehen besitzt literarisches Niveau. Leider verliert sich der Text manchmal in Details und Nebenschauplätze, eine deutliche Kürzung und Beschränkung auf die allerwichtigsten Ereignisse und Akteure hätte ihm gut getan. Trotz dieses Vorbehalts bietet das Buch zeitgeschichtlich und politikwissenschaftlich Interessierten sehr informative Lektüre mit einer großen Fülle an Einsichten, Hintergrundinformationen und einem – aus „Obama naher“ Sicht – spannenden Blick auf die Welt.

 

Ben Rhodes: „IM WEISSEN HAUS – Die Jahre mit Barack Obama“

© Verlag C.H.Beck, München, 2019, ISBN 978-3-406-73507-3, 576 Seiten.

 

Dr. Gerfried Pongratz 2/2019




Pupsglobuli – Köstliches von Udo Endruscheit.


Linda 17-09-13Paderborner Spezialitäten oder: Wie Absurdes in Absurdem verpackt werden kann.

Der Beitrag erschien ursprünglich auf der homöopathiekritischen Seite „Susannchen braucht keine Globuli“ (www.susannchen.info). Bei wissenbloggt wird er nun in erweiterter Form veröffentlicht.

Wie bekannt, balanciert die Homöopathie auf drei Grundsäulen. Die erste ist das Ähnlichkeitsprinzip, das sich in dem bekannten Satz similia similibus curentur ausdrückt, also der Annahme, ein Mittel, das beim Gesunden bestimmte Symptome auslöst, sei in der Lage, ähnliche Symptome beim Kranken zu heilen. Dies manifestiert sich in der zweiten Säule, der Arzneimittelprüfung am Gesunden. Symptome, die die Gabe einer Substanz beim Gesunden auszulösen scheint, sollen beim Kranken damit zum Verschwinden gebracht werden. Und dies mit tatkräftiger Unterstützung der dritten Säule: Dem Potenzierungsprinzip, wonach bei fortlaufender Verdünnung in Zehner- oder Hunderterschritten durch rituelles Schütteln und Schlagen der Lösungen auf einen federnden Untergrund zwar eine physikalische Verdünnung eintritt, aber angeblich eine „geistige Arzneikraft“ frei werde, die sich mit jedem Potenzierungsschritt auch noch steigere.

Nun ist nichts von alledem haltbar. Ein auf menschliche Belange bezogenes Ähnlichkeitsprinzip gibt es nicht, eine solche Annahme ist ein Relikt aus ebenso magischen wie anthropozentrischen Zeiten. Die aufgezeichneten „Ergebnisse“ von Arzneimittelprüfungen am Gesunden, von Homöopathen als therapeutischer Schatz gehütet, zeigen bei Licht nichts, was man als Kausalität von Substanzeinnahme und Symptomatikbetrachten dürfte – sie strotzen vor Unspezifität und Beliebigkeit. Und eine geistige Arzneikraft, die durch rituelles Schütteln und Schlagen aus jeder beliebigen Substanz „herauspotenziert“ wird, gibt es nicht. Zumal eine wie auch immer geartete substanzielle Zunahme von Irgendetwas (Veränderung des energetischen Zustandes) durch Schütteln nicht mit der Thermodynamik und einephysiologische Wirkung minimalster und meist gar nicht mehr vorhandener Mittelnicht mit dem Massenwirkungsgesetz vereinbar ist.

Ein nicht unbedingt aus der Luft gegriffenes Bonmot besagt, es gebe so viel Homöopathien, wie es Homöopathen gibt. In der Tat – etwas als „die Homöopathie“ Faßbares und Beschreibbares gibt es nicht. Bereits Hahnemanns Grundlehre krankte an inneren Widersprüchen, die Fantasie und Kunstfertigkeit seiner Exegeten haben daran wahrlich nichts verbessert. So ist es nicht ungewöhnlich, dass Homöopathen oft leicht mit ihren eigenen Grundannahmen widerlegt werden können.

Ein ganz besonders Beispiel hierfür soll uns heute interessieren. Der Autor schickt voraus, dass er für die Echtheit des Sachverhaltes garantiert und es sich nicht um Satire handelt.

Schon mal von "P-Globuli" gehört, den sogenannten "Pupsglobuli" oder, vollständig, "Paderborner Pupsglobuli", der „Spezialität“ einer Paderborner Apotheke, die sich viel auf ihre Homöopathie-Kompetenz zugute hält? Gibt’s schon länger, wurde vom früheren Eigentümer „entwickelt“ und heute offenbar voller Überzeugung weiter vertrieben von der Geschäftsnachfolgerin. Wie man hört, ein Präparat, das sich bei den jungen Muttis der Umgebung durchaus einer gewissen Beliebtheit erfreut. Dieses "Mittel" sogar den Weg in einen Artikel der „Neuen Westfälischen“ gefunden, der zwar eine Ahnung von Kritik spüren lässt, aber mehr eben auch nicht.

Jedoch: Ein näherer Blick lohnt sich trotz oder gerade wegen des spontanen Gefühls von Absurdität.

Es zeigt sich, dass es sich um – mäßig – homöopathisch verdünnte Stoffe wie Fenchel und Kümmel handelt, also um Stoffe, die bei Bauchschmerzproblemen von Säuglingen und Kleinkindern als Gaben von Tee oder Aufgüssen durchaus ihre Meriten haben. Ja und? Ist doch gut dann – oder?

Mitnichten. Man beachte: Mittel, die bei ihrer normalen Verabreichung die Beschwerden genauso lindern sollen wie in der homöopathischen Form!?

Wir erinnern uns: Das Simileprinzip in der Homöopathie beruht auf der Grundannahme, dass ein Stoff, der beim Gesunden eine Krankheit auslöst, diese bei einem Kranken zu heilen imstande sein soll. Nun, lösen Fenchel, Minze, Kümmel und Co. etwa Blähungen und Bauchschmerzen aus? Im Gegenteil! Und im Wissen darüber schreibt die homöopathische Logik eine klare Schlussfolgerung vor: Die Globuli mit diesen Mitteln müssen Blähungen auslösen! Gleiche Wirkung von Stoffen in allopathischer wie in homöopathischer Darreichung gibt es nicht, kann es nicht geben, denn das ist komplett unvereinbar mit der homöopathischen Lehre. Das hier ist – von der Verdünnung abgesehen – keine Homöopathie, sondern Allopathie reinsten Wassers (besser Zuckers), was Hahnemann aus tiefstem Herzen verdammte.

Hier wird die Verrücktheit Homöopathie mit einer weiteren Verrücktheit auf eine neue Stufe der Absurdität gehoben – und dazu gehört schon was. Dagegen könnten höchstens die sogenannten Placebo-Globuli ankommen, die ein Apotheker tatsächlich vertreibt. Und zwar zur Beruhigung gesunder Geschwisterkinder, die auf ihre kranken Brüderchen oder Schwesterchen wegen deren Globuli neidisch sind… (Auch das ist nicht aus den Fingern gesogen, sondern bittere Wahrheit und persönliche Erfahrung des Autors.) Aber im Grunde gehört die Trophäe des „Hohlen Globuli“ doch nach Paderborn…

Na, die Welt ist voller Absurditäten. Nicht mehr als ein Wochenendwitz zum Schmunzeln. Oder?

Was zeigt uns diese Geschichte? Sie zeigt, dass man den Menschen mit dem über Jahrzehnte geschickt aufgebauten Image der Homöopathie (sanft, natürlich, nebenwirkungsfrei, hochwirksam, der „Schulmedizin“ überlegen) jeden Mist andrehen kann und dieseMenschen sich dafür dann auch noch mit Lobeshymnen bedanken. Sie zeigt ferner, dass von gestandenem Apothekenpersonal mit wissenschaftlich-pharmazeutischer Ausbildung keineswegs erwartet werden kann, offen zutage liegende Widersprüche auszumachen. (Was die Frage nach Sinn und Unsinn homöopathischer „Beratung“ in Apotheken erneut aufwirft.) Diese Geschichte zeigt also, welche Folgen eine über Jahrzehnte mit allerlei Euphemismen, Des- und Fehlinformationen betriebene Imagekampagne pro Homöopathie in den Köpfen der Menschen anrichten kann. Man bedenke einmal, was für eine Chuzpe es von Seiten der Homöopathielobby bedeutet, erst dieses Image, diese Stimmung aufzubauen und dann -wie es derzeit allerorten geschieht – in einem klassischen Zirkelschluss eben aus diesem Image heraus die Existenz der Homöopathie rechtfertigen zu wollen. Und so sehen wir am Beispiel der P-Globuli aus Paderborn die ganze Problematik der Aufklärung über Homöopathie schlaglichtartig beleuchtet: Dem positiven Image, der "sozialen Reputation" der Homöopathie ist kaum beizukommen. Im Gegenteil. Image und Reputation reichen offenbar völlig aus, um den absurdesten Unsinn unter die Leute zu bringen, sogar solchen, der mit Homöopathie überhaupt nichts zu tun hat, Hauptsache, das Wort "Homöopathie" oder "Globuli" steht drauf und der Apothekenpflicht ist Genüge getan (übrigens teutonisch korrekt unter „P-Globuli“, „Pups-Globuli“ wäre unstatthaft, weil ein Vertrieb mit einer Indikationsangabe unzulässig ist) . Niemand aus der homöopathischen Szene wendet sich gegen diese Absurdität, weil alles, was positives Interesse weckt, unantastbar ist in Sachen Homöopathie. Das ist nicht weniger als eine Verhöhnung ernsthafter auf wissenschaftlicher Basis betriebener Medizin und ihrer Vertreter.




Antisemitismus in der Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“ – Eine Untersuchung von Anneliese Pongratz


Civilta

Seit 165 Jahren erscheint alle zwei Wochen – weltweit verbreitet und in viele Sprachen übersetzt – die 1850 von Jesuiten in Neapel gegründete Zeitschrift „La Civiltà Cattolica“ (CC), deren Hauptaufgabe darin besteht, die Ansichten der katholischen Kirche zu zeitgenössischen Themen zu verbreiten. Das Autorenkollegium steht dabei in enger Verbindung zum Papst, bzw. dem Apostolischen Stuhl, bis Mitte des 20. Jahrhunderts musste der Inhalt der Zeitschrift vom jeweiligen Direktor dem Papst und dem Kardinalstaatssekretär persönlich vorgelegt werden.

Seit ihrer Gründung beschäftigte sich die CC immer wieder auch mit dem Thema Judentum, in der Zeitschrift meist als „Judenfrage“ bezeichnet, wobei sich der Ton antijüdischer Kampagnen und Artikel ab 1880 bis zum 2. Weltkrieg laufend verschärfte; erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 kam es diesbezüglich zu einem Kurswechsel (11, S.13).

Welchen Stellenwert die Zeitschrift für die Katholische Kirche auch heute noch besitzt, zeigt eine Ansprache, die Papst Franziskus, selbst Jesuit, am 14. Juni 2013 im Saal der Päpste hielt:

„Die Jesuiten von »La Civiltà Cattolica« gehen seit 1850 einer Arbeit nach, die in besonderer Verbindung zum Papst und zum Apostolischen Stuhl steht(1).

In Bezug auf den Inhalt meinte Papst Franziskus:

„Anfangs waren die Haltung und der Stil von »La Civiltà Cattolica« kämpferisch und oft auch erbittert polemisch, wie es der allgemeinen Atmosphäre der Zeit entsprach. Wenn man an die 163 Jahre des Bestehens der Zeitschrift zurückdenkt, zeigt sich eine reiche Vielfalt an Positionen, die sowohl der Veränderung der geschichtlichen Umstände als auch der Persönlichkeit der einzelnen Autoren geschuldet sind“ (1).

Positionen der Civiltà Cattolica im Umgang mit jüdischen Mitbürgern von 1880 bis 1938

Im Dezember 1880 startet die Zeitschrift eine Kampagne mit 36 scharf formulierten Artikeln von Pater Giuseppe Oreglia di Santo Stefano, „ Sondergesetze für eine Rasse einzuführen, die in so außergewöhnlicher Weise durch und durch verdorben ist“. Die von der französischen Revolution geforderte Gleichberechtigung aller Bürger sieht man im Hinblick auf Juden als Bedrohung der sozialen Ordnung; man unterstellt ihnen eine Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft und, wie Papst Leo XIII. befürchtet, die Absicht zur Zerstörung der katholischen Kirche. Auch konvertierte Juden erregen Misstrauen, denn als geborene Juden würden sie ja doch immer noch Juden bleiben: „Sie sind Juden auch und besonders aufgrund ihrer Rasse“. Die aufgehobene Trennung von Christen und Juden durch jüdische Ghettos werden von der Kirche als Gefahr bewertet (11, S. 181 ff); Juden mussten im Herrschaftsgebiet des Papstes bis ins 19.Jhdt. ein gelbes Abzeichen tragen und in den wenigen Städten leben, wo es Ghettos gab (11, S 15).

Im Jahr 1881 greift Pater Oreglia auch das Thema der sogenannten „Ritualmorde“ wieder auf; in den darauffolgenden Jahren werden oftmals Darstellungen mit detailreichen Schilderungen schrecklicher angeblicher Taten publiziert, wobei immer wieder auch ausgeführt wird, dass der Talmud vorschreibe, „Christen das Blut auszusaugen“ (11, S. 214 ff).

1890 erscheint eine Artikelserie unter dem Titel Die Judenfrage in Europa, in der man von einer „Gefährdung der christlichen Kultur und Moral“ durch die „jüdische Rasse“ berichtet (und dabei Überlegungen diskutiert, die wie Handlungsanweisungen für die spätere NS-Zeit klingen):

„Das 19. Jahrhundert wird in Europa zu Ende gehen und es in den Zwängen eines sehr traurigen Problems zurücklassen, aus dem sich im 20. Jahrhundert möglicherweise derart erbärmliche Konsequenzen ergeben werden, die Europa dazu veranlassen werden, diesem durch eine endgültige Lösung ein Ende zu setzen. Wir spielen auf die unglückliche semitische Frage an, die man richtiger die jüdische nennt…“ (2) (CC, Die Ursachen, I., 1890, eigene Übersetzung).

„Noch einmal müssen wir das Beispiel Österreich-Ungarn aufzeigen, vom Judentum zerfressen, schlechter als ein Weinberg, der einer Reblaus zum Opfer gefallen ist.“ (2) (CC, Die Wirkungen, III., 1890, eigene Übersetzung).

„Nun berichten wir von Vorschlägen von Autoren, die noch nicht von den Ideen des Sozialismus verdorben und blind gegenüber den Reichtümern der Hebräer sind, die sich mit Eifer für die Religion und das Vaterland einsetzen.

Es gibt in Deutschland, in Österreich-Ungarn und Frankreich eine Denkschule, die Hilfsmittel zur Befreiung von der jüdischen Pest vorschlägt. Das radikalste Instrument aber entspricht nicht dem Geist des Christentums und ist gegenwärtig nicht durchführbar. Sie legen viele Beweise vor, dass die Hebräer eine Plage für die christliche Gesellschaft sind, dass sie eine Geißel für die Kirche Christi sind. Daraus leiten sie das Recht ab, diesen Feinden offen den Krieg zu erklären. Da man sich nicht einig ist, ob man das Blutvergießen riskieren soll, werden zwei Ziele angestrebt: Die Juden sollen alles, was sie geraubt haben, den Christen zurückgeben; und sie sollen von unserem Boden verwiesen werden.“ (CC, Die Abhilfen, III., 1890), (5, S. 244).

„In der Geschichte gibt es viele Beispiele, wo die Juden aus Königreichen und Staaten vertrieben worden sind; das geschah auf gesetzliche Weise, weil die Vertreibung von der staatlichen Autorität angeordnet wurde. Nun ist die Frage, ob das in zivilisierten Ländern möglich ist und wohin man acht Millionen Juden ansiedeln soll, die sich überall einnisten.“ (CC, Die Abhilfen, IV, 1890), (5, S 246 f).

„Denn es könnte ein Sturm ausbrechen, den sie mit ihrer Überheblichkeit provozieren, dass sie in einen Abgrund stürzen, den die Geschichte bisher noch nicht gesehen hat.“ (CC, Die Abhilfen, V, 1890), (5, S. 249 f).

„Nun so möge der neue Attila losgelassen werden über ihre Republiken und Monarchien, ihre Institutionen und Börsen, ihre Theater, Werkstätten und Vergnügungsorte, er möge sie und die Juden in die Vernichtung treiben. Denn beide haben Christus verleugnet, so sollen sich beide wie Barabbas freuen.“ (CC, Die Abhilfen, VII, 1890), (5, S. 253).

Der Rundumschlag trifft auch Freimaurer und das Bürgertum als Mitträger der französischen Revolution, denn „erst durch Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit habe sich ein Abgrund aufgetan“ (5, S. 249), der zur Zerstörung des Glaubens und der Kultur mit dem Ziel der Errichtung eines gottlosen Staates aufrufe. Die Hauptschuld an der französischen Revolution trage allerdings „die jüdische Pest“, „Plage“ (5, S. 244), „Geißel“ (5, S.246), „der Käfig mit wilden Tieren, der sich aufgetan hat“ (5, S. 246), kurzum das Volk, das mit dem „Fluch des Gottesmordes“ (5, S. 247) behaftet ist und sich daher auch nicht assimilieren soll.

Das „Gift der Freiheit“ (5, S. 252), „die allgemeinen Menschenrechte“ (5, S. 243), „das Spielchen mit der Gleichheit“ (5, S. 248), haben „diesen gefräßigen Polypen“ (5, S. 251) in eine selbst verschuldete Situation gebracht, die die Retter des Christentums zur Notwehr zwinge. Enteignung, Vertreibung und Blutvergießen – wenn „riskiert“ (5, S. 244) – werden diskutiert, gemäßigte Lösungen dabei als „schwer verwirklichbar“ (5, S. 247) eingeschätzt und „das radikalste Instrument gegenwärtig“(!) als „nicht durchführbar“ (5, S. 244) eingestuft. Dabei bringt der Autor alle diskutierten „Lösungen der Judenfrage“ mit christlicher Nächstenliebe und Gerechtigkeit in Verbindung und begründet den „göttlichen Willen“ mit zwei Bibelzitaten („…Beseitigt das treulose Volk…“, „…sein Blut komme über uns…“ 5, S. 247).

Um die eigene antisemitische Position zu untermauern, werden auch antisemitische Beobachtungen und Vorschläge aus anderen Ländern breit diskutiert, an manchen Stellen mit der abschwächenden Bemerkung, dass manches wohl nicht ganz dem christlichen Geist entspräche. (Anmerkung: Der Autor des obigen zitierten Artikels ist sich bewusst, dass der Klerus nicht zum Mord aufrufen kann, daher baut er Konstrukte wie Gottes Wille, Schuld des Opfers, Notwehr der Mörder in seine Texte ein.)

Der Philosoph und Religionswissenschaftler Anton Grabner-Haider schreibt in seinem Buch „Hitlers mythische Religion“, aus dem einige der Zitate stammen, dass sowohl nationalsozialistische (Der Stürmer) wie auch faschistische Zeitungen in Italien (Il Regime fascista), dieses Gedankengut übernommen und damit im „Neuen Attila“ Mussolini, bzw. Hitler, vorweggenommen hatten (5, S. 113/114, vgl. 8, S. 64). Der amerikanische Historiker David Kertzer zitiert in diesem Zusammenhang ein Mitglied des faschistischen Großrates – Roberto Farinacci -, der 1939 in einem Vortrag festgestellt hatte, dass die Verfassung des Jesuitenordens noch strenger als der deutsche Rassismus sei: „Jesuiten benötigen einen nichtjüdischen Nachweis bis in die 5. Generation und seien stetige Vorläufer und Meister in der jüdischen Frage“ (11, S. 376 f).

Obwohl zwischen der CC und dem NS-Hetzblatt Der Stürmer, der in seiner Primitivität, Verlogenheit und Brutalität nicht seinesgleichen hat, keine Vergleichbarkeit gegeben ist, erstaunt doch, wie sehr sich manche antisemitische Aussagen ähneln (16); der Verdacht liegt nahe, dass sich Julius Streicher früherer Aussagen der CC – z.B. im Hinblick auf „Beweise“ zu „Ritualmorden“ – bediente (17). Das Sonderheft Nr. 1 des Stürmers im Mai 1934 bringt unter der Zusammenstellung „jüdischer Ritualmorde“ aus der Zeit von Christus bis 1932 auch ein direktes Zitat aus der CC vom Dezember 1881 (3). Auch im Stil und in manchen Formulierungen ähneln sich CC und Stürmer; in einer Ausgabe der CC aus dem Jahr 1914 heißt es beispielsweise, dass „der Judaismus die Juden lehre, das Blut von christlichen Kindern so zu betrachten, als wäre es ein Getränk wie Milch“(14) – sehr ähnliche Formulierungen findet man auch mehrmals im Stürmer. In Abhandlungen zur „jüdischen Weltherrschaft“, zu „Ritualmördern“, zur Gleichsetzung von Juden mit Freimaurern, Sozialisten und Kommunisten sowie zu Talmuddiskussionen usw. ähneln sich Der Stürmer und die CC in der Wortwahl ebenfalls sehr stark, auch wenn Der Stürmer Quellen nicht zitiert; in Ausgabe 15 von 1936 fügt Der Stürmer allerdings zum Thema „Sowjetjuden vergasen Russen“ eine Passage aus der katholischen Zeitung „Schönere Zukunft“ ein (12).

In Artikelserien der CC in den 1920er und 1930er Jahren verwendet der Chefredakteur (und Jesuit) Enrico Rosa viele weitere antisemitische Formulierungen; z.B. zu den Themen „Die Weltrevolution und die Juden“, 1922 (9), und „Die jüdische Frage“, 1938 (10). Unter dem späteren Chefredakteur und Jesuiten Felice Rinaldi ist es Pater Mario Barbera, der in den Jahren 1937/38 in Artikelserien wie z.B. „Die Judenfrage und der Zionismus“, „Die Judenfrage und die Konversionen“, „Die Judenfrage und das katholische Apostolat“, zur Eliminierung oder Absonderung der Juden aufruft (4), (5, S. 133/114), (7, S. 150), (11, S. 368 ff).

Enrico Rosa, 1922: „Die Welt ist krank… Der Wolf bleibt immer Wolf: Alte Schläge nähren neuen Verdacht und eine Wunde, die an den Rand gedrängt ist, aber nie heilt… Auf jeden Fall halten wir gegen ihre Festigkeit des Versteckens das Recht zu stöbern und das ans Licht der Sonne zu ziehen, was uns angeht…“ (9, eigene Übersetzung)

Rosa spricht auch von der starken „Kasse ihres Wuchers und Egoismus“ und, „dass sich diese Rasse… als Herren aufspielt“. (9, eigene Übersetzung)

In mehreren Artikeln betont die CC, dass die Juden selbst daran schuld seien, wenn es zu Pogromen komme. Diesen „bösen“ Antisemitismus müsse man vom „gesunden“ Antijudaismus unterscheiden, demzufolge die Bekämpfung des Judaismus ja nicht die Bekämpfung der Juden selbst bedeute, sondern nur die Bekämpfung dessen, was die Werte der christlichen Gemeinschaft, die es zu schützen gelte, bedrohe.

Zu dem o.a. Artikel von Pater Mario Barbera aus 1937, in dem die Trennung („segregazione“) von Juden und Christen wie vor der frz. Revolution empfohlen wird, meint Rosa, dass die Absonderung in christlicher Nächstenliebe zu erfolgen habe (5, S. 113 ff. und 7, S. 147/150).

Im Herbst 1938 berichtet die CC von den neuen italienischen Rassengesetzen und verweist dabei auf ihre Artikel aus 1890, die das faschistische Regime für seine Rassengesetze als Rechtfertigung benütze. Enrico Rosa spricht sich hier – bei gleichzeitig massiven Angriffen gegen Juden – vehement dafür aus, dass die katholische und die faschistische Sicht in der jüdischen Frage klar voneinander zu trennen seien (11, S. 380 f, 7, S. 154).

Enrico Rosa, 1. 10. 1938: „… Sicher ist, dass der Liberalismus, wie vom Judaismus und den Freimaurern entstellt und protegiert, sich selbst bestrafen wird, mit den gleichen tristen Auswirkungen… Und darüber können wir das sagen, was über Letzteres unser Kollege 1890 schrieb, gut vorausahnend was sich dann zu entwickeln begann und dem wir aufs Lebhafteste in der letzten Zeit begegnen können: Er (Anm.: „der Jude“) hört schon von Ferne das Gewitter jener gesellschaftlichen Revolution rumoren, die er zum Großteil ausgelöst hat und es scheint, er müsse sich selbst auslöschen und die Renegaten, die mit ihm im Bund sind… Die Worte sind hart, aber härter ist der Ausgang, der sie bis jetzt ankündigte und in der Gegenwart schon in verschiedenen Ländern bewahrheitet sieht, während man in anderen leider schon darangeht, sie zu verwirklichen.“ (10, eigene Übersetzung)

Italienische Faschisten und deutsche Nationalsozialisten stützten sich zur eigenen Rechtfertigung immer wieder auch auf Aussagen der CC. Dies wurde von den Autoren der Zeitschrift öfters ablehnend diskutiert, da man Wert darauf lege, „nicht für Rassismus missbraucht“ zu werden. Rassisch biologische Gründe würde die CC in ihrem Kampf gegen Juden vermeiden, sie wolle „nur“ die Gesellschaft vor einem „verdorbenen und gefährlichen Volk“ schützen.

Wenige Tage nach dem Erlass der Rassengesetze in Italien heißt es in der CC (Pater Rosa), der Kampf müsse “als ein Kampf verstanden werden, der allein in der Notwendigkeit der legitimen Verteidigung der Christenheit gegen eine in den Nationen, in denen sie lebt, fremde Nation und den geschworenen Feind ihres Wohlergehens begründet ist. Daraus folge die Notwendigkeit von Maßnahmen, die dieses Volk unschädlich machen.“ (11, S. 381).

Schlussbemerkung:

Die heute zugänglichen Quellen aus der Civiltà Cattolica zeigen, dass diese – im katholischen Umfeld sehr wichtige – Zeitschrift an der Entstehung des modernen Antisemitismus maßgeblich beteiligt war und an der Dämonisierung der jüdischen Bevölkerung starken Anteil hatte. Die auch heute noch als Rechtfertigung vorgebrachte Behauptung, es hätte sich bei den Artikeln der CC nicht um Antisemitismus, sondern „nur“ um Antijudaismus gehandelt, mag jeder Interessierte anhand der im Internet, oder als E-Books abrufbaren Ausgaben der CC selbst beurteilen; auf der italienischen Webseite von CathopediaL`Enciclopedia Cattolica – heißt es auch heute noch, Pater Enrico Rosa habe im Kampf gegen die Irrtümer des Modernismus, Liberalismus und Sozialismus die Wahrheit verteidigt (3).

Papst Franziskus rühmte in seiner eingangs zitierten Ansprache von 2013 auch das Expertentum der Jesuiten im Herausfinden der Wahrheit:

„… Der Jesuit ist ein Experte der Unterscheidung der Geister, auf dem Gebiet Gottes ebenso wie auf dem Gebiet des Teufels. Man darf keine Angst haben, die geistliche Unterscheidung fortzusetzen, um die Wahrheit zu finden…“ (1).

Nachbemerkung:

Im Jahr 2001 wurde „Die Judenfrage in Europa“, zitiert aus der CC 1890, vom Pro Fide Catholica Verlag (Anton A. Schmid) erneut publiziert, die Artikel liegen in deutscher Übersetzung und im italienischen Originaltext vor (6).

Am 28. 2. 2002 widersprach der Jesuitenpater Giovanni Sale S.I. im Corriere della Sera einem kritischen Artikel des Historikers David Kertzer und behauptete, dass die Jesuiten nie Antisemiten gewesen seien, sie hätten nur „die These eines jüdisch-freimaurerisch-bolschewistischen Komplotts gegen die christliche Gesellschaft unterstützt“, Schuld am modernen Antisemitismus träfe die Kirche nicht (13).

 

Literatur:

1: Ansprache von Papst Benedikt XVI. an die Teilnehmer der 35. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu, 21. Februar 2008; in O.R. dt., Nr. 10, 7.3.2013, S. 6.

2: La Civiltà Cattolica, 1890, Google Books

(Della questione giudaica in Europa, I-VII, serie XIV, vol. 7, fasc. 961, 23 ottobre 1890 (Ursachen), I-X, serie XIV, vol. 8, fasc. 970, 4 novembre 1890 (Wirkungen), I-VII, serie XIV, vol. VIII, fasc. 972, 9 dicembre 1890, anno quarantesimo primo, (Abhilfen). Die gesammelte Ausgabe der Artikel in Ursachen, Wirkungen, Abhilfen erfolgte in den Folgejahren.

3: Der Stürmer, Sondernummer 1, Nürnberg, im Mai 1934, 12. Jahr.

4: La Civiltà Cattolica, 1937: La questione giudaica e il Sionismo, in La Civiltà Cattolica, Bd. II, quad. 2087, 28. Mai 1937, S. 418-431; La questione giudaica e le conversioni, Bd. II, quad. 2088, 11. Juni 1937, S. 497-510; La questione giudaica e l‘apostolato càttolico, Bd. III, quad. 2089, 23. Juni 1937, S. 27-39, in: Passelecq/Suchecky, Die unterschlagene Enzyklika, München, Wien, 1997, Fußnote 54, S. 308).

5: Anton Grabner Haider, Hitlers mythische Religion, Theologische Denklinien und NS-Ideologie, Anhang S. 241-253: „Über die Judenfrage in Europa“, Die Abhilfen, La Civiltà Cattolica, Rom 1890, S. 641-655 (in dt. Übersetzung), Böhlau Verlag, 2007.

6: Johannes Rothkranz, Die jüdische Frage in Europa, Eine Artikelserie aus der römischen Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“ aus dem Jahre 1890, Pro Fide Catholica Verlag (Anton A. Schmid), 2001. (Deutscher und italienischer Text)

7: G. Passelecq/B. Suchecky, Die unterschlagene Enzyklika, Der Vatikan und die Judenverfolgung, Kap.: Die Civiltà Cattolica, die Juden und der Antisemitismus S. 147-160, (aus dem Französischen F. M. Sedlaczek), Carl Hanser Verlag, München, Wien 1997.

8: Anton Grabner Haider, Hitlers Theologie des Todes, topos 682, 2009.

9: Enrico Rosa, Die Weltrevolution und die Juden in: La Civiltà Cattolica, Roma, 12 ottobre 1922, LXXIII, vol. IV, quad. 1736, pp. 111-121, La rivoluzione mondiale e gli ebrei. http://www.cdec.it/dsca/vaticano/CC1736.html

10: Enrico Rosa, Die jüdische Frage in: La Civiltà Cattolica, Roma, anno 89 – Vol. IV, 1 ottobre 1938, quad. 2119, La questione giudaica. http://www.cdec.it/dsca/vaticano/CC2119.htm

11: David I. Kertzer, Die Päpste gegen die Juden, Der Vatikan und die Entstehung des modernen Antisemitismus, s. Kap.: Die katholische Presse, S. 179 – 203, Jüdische Vampire, S. 204 – 223, Auf der Schwelle zum Holocaust, S. 350 – 349, dt. Klaus-Dieter Schmidt, List Verlag 2004, München. (Originalausgabe: The Popes agaist the Jews, 2001, New York, Alfred A. Knopf).

12: Der Stürmer, Julius Streicher, Nürnberg, Nr. 15, 1936, 14. Jahr.

13: „Corriere della Sera“ del 28 febbraio 2002, Altro che „leggenda nera“, i gesuiti non furono mai antisemiti di P. Giovanni Sale S.I.

14: „Corriere della Sera“ del 26 febbraio 2002, La Chiesa e la trappola del “sano antisemitismo” di David I. Kertzer.

15: http://it.cathopedia.org/wiki/Enrico_Rosa

16: Six Million Crucifixions, How Christian Teachings About Jews Paved the Road to the Holocaust, Gabriel Wilensky, Quenty Publishers, San Diego, U.S.A., 2010, S. 271-274.

17: Wiley Feinstein, The Civilization of the Holocaust in Italy, Associate University Presses, NY, 2003, S. 143.

 

Dr. Anneliese Pongratz, Osterwitz, Österreich




Wenn die Realität mit der Wirklichkeit kollidiert… Gedanken von Udo Endruscheit


Wasser-zu-WeinUns allen ist der Spruch des „Was nicht sein kann, das nicht sein darf“ aus dem Munde des Herrn Palmström und der Feder des unvergänglichen Christian Morgenstern geläufig. Eine Alltagsweisheit – aber wussten Sie schon, dass es die menschliche Neigung zu verrückten Konstellationen fertigbringen kann, dass es auch zu einem „Was nicht sein darf, das nicht sein kann“ kommt? Es verwundert nicht, dass ein Beispiel hiervon uns ausgerechnet aus dem Bereich der Pseudomedizin auf die Füße fällt.

Bekanntlich hat der Gesetzgeber die Pseudomethode Homöopathie (mit zwei anderen Bereichen) mit dem Arzneimittelgesetz von 1978 in den Adelsstand einer sogenannten „besonderen Therapierichtung“ erhoben, die gegenüber echten pharmakologischen Arzneimitteln besondere gesetzlich verankerte Privilegien genießt. Diese Privilegien kulminieren darin, dass an die Stelle einer wissenschaftlich fundierten Prüfung eines Wirkungsnachweises, wie er nach strengen Regeln für jegliches pharmazeutische Mittel vorgeschrieben ist, das als Arzneimittel einen Marktzugang begehrt, der sogenannte „Binnenkonsens“ tritt. Der Binnenkonsens ist nichts anderes als die Regelung, dass es für die Marktzulassung und die Arzneimitteleigenschaft von Homöopathika lediglich notwendig ist, dass Angehörige der Therapierichtung Homöopathie (also nur „eigene Experten“) die Mittel als wirksam ansehen. Was beispielsweise ja dann genauso für eine Expertengruppe denkbar wäre, die sich über die Existenz fliegender Teppiche einig ist und der die offizielle Deutungshoheit über dieses Phänomen vom Gesetzgeber zuerkannt wird.

Um auch institutionell diese höchst erstaunliche Regelung abzusichern, wurde beim Gemeinsamen Bundesausschuss, dem obersten Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, die besondere „Kommission D“ eingerichtet, die im eigenen Kreis, geschützt und gefeit vor der wissenschaftlichen Kritik an der Homöopathie durch die gesetzliche Garantie einer nahezu unanstastbaren Deutungshoheit, nach eigenem Dafürhalten den Segen über Homöopathika sprechen kann.

Und so ist durchaus erwartbar, dass die Realität des wirklichen Lebens irgendwann mit der Wirklichkeit innerhalb der Kommission D kollidiert. Es gab vor einiger Zeit einen Rechtsstreit eines Herstellers, der ein Mittel mit homöopathisch hergestellten Bestandteilen als „Medizinprodukt“ auf den Markt bringen wollte. Der Ausgang soll uns hier gar nicht weiter interessieren, wohl aber der Umstand, dass dieser Rechtsstreit sich auf den Begriff der „pharmakologischen Wirksamkeit“ zuspitzte. Die im wissenschaftlichen Sinne zweifellos -und das wissen auch die Richter- für Homöopathika durchweg zu verneinen ist. Aaaaber…

Was sollen die Richter tun? Sich nach den wissenschaftlichen Fakten richten? Oder danach, dass eine Gesetzeslage besteht, die eben diese wissenschaftlichen Fakten ersichtlich nicht interessiert, ja beiseite schiebt? Richter sind an das Gesetz gebunden… Man vernehme, wie hier entschieden wurde:

Die Richter argumentierten, dass „der Rechtsbegriff über die naturwissenschaftliche Begriffsbestimmung der ‚pharmakologischen Wirkung‘ hinaus unter den rechtlichen Wertungen des Gesetzgebers auszulegen sei. „Homöopathika sind also Arzneimittel kraft gesetzlicher Erstreckung“, erklärten sie. „Erstreckt der Gesetzgeber den Arzneimittelbegriff auf diese Präparate, so ist auch der Begriff der pharmakologischen Wirkung in rechtlicher Hinsicht auf diese zu erstrecken.“

Da gab es doch mal so eine Geschichte, wo jemand Wasser in Wein verwandelt hat. Das ist ja nun gar nichts gegen die Leistung des Gesetzgebers, per Dekret Zuckerkugeln in pharmakologisch wirksame Arzneimittel verwandelt zu haben.

Schon schwierig, wenn die Realität Probleme mit der Wirklichkeit bekommt. Was nicht sein darf, das nicht sein kann, wie eingangs erwähnt. Es ist nicht nur ein Skandal, dass ein Schutzraum für unwirksame Mittel im Gesundheitswesen existiert, es ist eine Groteske. Schluss damit!