Deutschland erringt (inter)sexuelle Führerschaft


woman-845850_1280Die Gender-Bewegung hat vor Gericht einen weiteren Erfolg erstritten. Das Bundesverfassungsgericht fordert für den Eintrag im Geburtenregister ein drittes Geschlecht – eine unausgegorene und inkonsequente Entscheidung. Denn die Gender*innen zählen längst 60 menschliche Geschlechter (wissenbloggt-Links unten Gender-Kritik, Bild: Comfreak, pixabay).

Die müssen aber alle mit den beiden vorhandenen Personalpronomen er und sie auskommen, es sei denn, die Gendersleut erfinden noch ein paar dazu. Auch sind nur die Artikel der, die, das verfügbar, während man/frau/weißnichwas geschlechtsspezifische Wortendungen in den komischsten Ausprägungen ersannen ("VerbraucherInnen", "Arbeiter_innen", "Krankenschwester/innen", "Mitglieder*innen" und "Einwanderinnen und Einwanderer").

Dabei war die rechtliche Regelung bisher schon ganz ok. Die Namensregelung wurde längst liberalisiert. Seit 2008 wurde den Eltern auf Entscheid vom Bundeverfassungsgericht erlaubt, ihre Kinder nicht mehr eindeutig männlich oder weiblich zu benennen. Uneindeutige Vornamen müssen seitdem nicht mehr durch einen eindeutigen Zweitnamen eingeordnet werden. Geschlechtsneutrale Vornamen wie Kim, Dominique, Jona können jetzt ohne Zusatz vergeben werden.

Falls das nicht Fortschritt genug war, wurde auch der Zwang zur Kategorisierung aufgehoben. Die Standesbeamten müssen Neugeborene nicht mehr entweder als männlich oder als weiblich eintragen. Seit 2013 dürfen sie diesen Eintrag offen lassen.

Die Rede ist nun von Verletzungen des allgemeinen Persönlichkeitsrechts und des Diskriminierungsverbots, wenn dieser Geschlechtseintrag offen bleibt. Davon kann man sich z.B. in einem Artikel der SZ überzeugen (1. Link unten). Dass die Sache nur Promillebruchteile der Bevölkerung betrifft, zeigen weitere Artikel (2.-4). Dort finden sich auch die Antworten zu den wichtigsten Fragen betreffs der 60 Varianten von Intersexualität. 

Das Bestreben, es allen recht zu machen, mag löblich sein. Aber macht es auch einen Sinn? Es wird doch hoffentlich nicht der Einstieg in neuen Wortwahnsinn sein, der alles und jedes mit Correctness besudelt? Er, sie, ser, eie usw. 60-fach? Welcher Ausländer soll so eine Sprache noch lernen?

Es ist ja auch nicht so, dass nun 3 Geschlechter an den Start gehen, wo gerannt oder gefußballert wird. Zu überlegen wäre, ob darin das richtige Kriterium steckt? Wenn sie kein Fußballteam von ihrer Sorte zusammenkriegen, dann gibt's auch keine spezielle Bezeichnung für sie?

Solche sportliche Argumentation wird wahrscheinlich nicht ankommen, denn die Protagonist*innen haben keinen Sportsgeist. Kein Fairplay, kein Pfiff bei Foulspiel, keine Rote Karte. Mit ihn*innen erringt Deutschland nicht bloß die (inter)sexuelle Führerschaft, sondern die correcte Führerschaft. Und das hat durchaus einen Anruch an die incorrecte Führerschaft von 1933, wie das bei autoritativer Führerschaft eben so ist.

Noch ein anderes Element kommt hier zum Tragen, das ein wortgewaltiger Artikel namens Kisslers Konter so beschreibt: In weiten Teilen der Öffentlichkeit fehlt es am Unterscheidungsvermögen. Nebensächlichkeiten verdrängen Zukunftsfragen, Randphänomene echte Probleme (5.). Mit dem Hype um Intersexualität und andere Banalitäten gehe die Aufklärung verloren, urteilt der Cicero-Ressortleiter Kissler.

Er spricht vom "Regiment der Nebensachen". Dann hebt er ab auf die wirklich wichtigen Dinge, die er allesamt mit Schmäh überzieht. Den "ollen Gassenhauer vom Steuervermeidungsehrgeiz der Reichen", die zu "Texten des Widerstands aufgeblasenen Anti-Trump-Polemiken", die "täglichen Titelseitenmeldungen von der globalen Klimakatastrophe", die (Jamaika-)"Provinzialisierung Deutschlands im Werden", die (MeToo-)"Entschuldigungsspektakel und Reuetremoli". Das ganze Spektakel ausgebreitet für die "vorurteilsfreudige, aburteilungsbedürftige, widerspruchsentwöhnte Mehrheitsöffentlichkeit", wo der "Skandal zur Grundwährung unseres Miteinanderredens" wurde. Die "zentralen Probleme" werden demnach nicht mehr erkannt, es bräuchte Aufklärung.

Zeit, dass sich was dreht, meint Kissler, und viele werden ihm da zustimmen.

 

Medien-Links:

  1. Urteil zur Intersexualität – Bundesverfassungsgericht fordert drittes Geschlecht im Geburtenregister (Süddeutsche Zeitung 8.11.): Das Bundesverfassungsgericht fordert ein drittes Geschlecht für den Eintrag im Geburtenregister, es verweist auf das im Grundgesetz geschützte Persönlichkeitsrecht. Ein intersexueller Mensch war zuvor mit seiner Klage auf Änderung seines Geschlechts auf "inter" oder "divers" vor sämtlichen Instanzen gescheitert. Der Gesetzgeber muss bis Ende 2018 eine Neuregelung schaffen.
  2. Was heißt Intersexualität? (stern 8.11.): Das Bundesverfassungsgericht hat ein drittes Geschlecht für den Eintrag im Geburtenregister gefordert. Der stern beantwortet häufig gestellte Fragen zum Zwischengeschlecht.
  3. Das dritte Geschlecht – Was bedeutet Intersexualität? (Spiegel Online 8.11.): Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass im Geburtenregister künftig ein dritter Geschlechtseintrag für intersexuelle Menschen möglich sein muss. Doch was ist Intersexualität eigentlich?
  4. Drittes Geschlecht – Weder Männlein noch Weiblein (Cicero 9.11.): Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass es neben dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht einen dritten Geschlechtseintrag für Intersexuelle geben soll. Doch was bedeutet „intersexuell“ eigentlich?
  5. Drittes Geschlecht – Das Regiment der Nebensachen (Cicero 9.11., Kisslers Konter): In weiten Teilen der Öffentlichkeit fehlt es am Unterscheidungsvermögen. Nebensächlichkeiten verdrängen Zukunftsfragen, Randphänomene echte Probleme.

Links von wb dazu:




Reichtum umverteilen - ein gerechtes Land für alle!


385b665109Bundesweiter Aktionstag am 16. September 2017 vom Bündnis “Reichtum umverteilen – ein gerechtes Land für alle!”

In Deutschland gibt es so viel Reichtum wie nie zuvor, doch seit Jahrzehnten nehmen soziale Ungleichheit, Unsicherheit und Ungerechtigkeit zu. Jede und jeder Sechste ist von Armut und Ausgrenzung betroffen, während sich ein kleiner Teil der Gesellschaft finanziell immer weiter absetzt. Das gesellschaftliche Gesamtvermögen wird zunehmend zulasten der Schwachen und zugunsten der Reichen verteilt. Der Staat steht vor großen Herausforderungen, doch den politischen Entscheidungsträgern fehlt der Mut, sich mit den Topverdienenden und Besitzenden großer Vermögen anzulegen. Damit muss jetzt Schluss sein! (Foto: Bündnis “Reichtum umverteilen – ein gerechtes Land für alle!”) Dazu ein Artikel von scharf links:

 

Bundesweiter Aktionstag am 16. September 2017 vom Bündnis “Reichtum umverteilen – ein gerechtes Land für alle!”

Das Bündnis „Reichtum umverteilen – ein gerechtes Land für alle!” ruft zum bundesweiten Aktionstag am 16. September 2017 auf.

Knapp eine Woche vor der Bundestagswahl wollen wir unseren Forderungen noch mal laut, kreativ und bunt Gehör verschaffen und laden alle herzlich ein, mitzumachen.

Eurer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Für Inspiration zu Aktionen könnt ihr aber gerne einen Blick in unseren Aktionsleitfaden werfen. Schließt euch mit Gleichgesinnten zusammen und organisiert bei euch vor Ort eigene Aktionen, Veranstaltungen, Kundgebungen/Demonstrationen oder Flashmobs. Vielleicht gibt es in eurer Gegend sogar schon lokale Strukturen und/oder Ansprechpartner*innen? Eine Übersicht findet ihr auf unserer Webseite. Eure Aktionen am 16. September und natürlich auch um den Termin herum, könnt ihr auf unserer Webseite in den Terminkalender eintragen. Wir bemühen uns, eure Aktionen auf Social Media zu verbreiten.

Auch wir auf Bundesebene planen eine bunte Aktion in Berlin, die sehr gerne in eurer Region/ Stadt nachgeahmt werden kann. Unter dem Motto „Wir fangen schon mal an: Superheld*innen verteilen um“, laden wir alle Superheld*innen der Umgebung um 12 Uhr zum Bundestag ein, um von dort symbolisch das Geld dahin umzuverteilen, wo es dringen benötigt wird – in die Kitas, Krankenhäuser, Jugendeinrichtungen, Schulen, bezahlbaren Wohnraum usw. Kurz vor der Wahl möchten wir die Politiker/-innen noch mal daran erinnern, dass genug Geld da ist, es braucht nur den Mut, es sich zu holen. Zur Superheld*in zu werden ist ganz leicht, ein paar Tipps zur Verwandlung findet ihr auf dem Foto im Anhang.

Egal für welche Aktion ihr euch entscheidet, ihr könnt dazu reichlich Aktionsmaterial (Comics, Flyer, Poster usw.) auf unserer Webseite bestellen und unter die Leute bringen. Außerdem freuen wir uns, wenn ihr uns im Anschluss zur Veröffentlichung Fotos von euren Aktionen zukommen lasst,  damit wir die Vielfalt aller Aktionen und  Unterstützer*innen publik machen können. Und natürlich reichlich Twittern nicht vergessen: #reichtumumverteilen

 

Link zum Originalartikel bei scharf links




Emanzen machen sich lächerlich


hair-1248717_1280_2196557Nun ist es nicht so, als wäre das aktuelle Emanzen-Thema ganz von der Hand zu weisen. Doch, ja, es gibt überall Leute, die spreizen sich über Gebühr. Eine Ausprägung davon ist das, was jetzt manspreading genannt wird, sogenanntes "Männerspreizen".

Gemeint ist, dass manche Männer in der New Yorker U-Bahn sich zu breitbeinig hinsetzen und auch dann nicht die Beine schließen, wenn andere deshalb keinen Sitzplatz finden. Macho-Gehabe – die Dame im Bild von 2196557 (pixabay) zeigt das vorbildliche gewünschte Verhalten. Dass es nicht immer klappt, zeigt das Gegenbeispiel von lightstargold (pixabay). Eine Art womanspreading gibt es also auch.

lady-in-red-2189102_1280lightstargoldSolch emanzipatorische Ausgewogenheit ist den derzeitigen Attacken fern. Sie haben auf andere Länder wie das deutsche Heimatland übergegriffen und sich damit von der New-Yorker U-Bahn emanzipiert. Aber sie haben sich nicht von der emanzipatorischen Blindheit emanzipiert, die sich derzeit in albernen Gender-Wortvorschriften äußert. Man findet die "VerbraucherInnen", "Arbeiter_innen", "Krankenschwester/innen", "Mitglieder*innen" und "Einwanderinnen und Einwanderer" in den komischsten Ausprägungen. Nur "Banker*innen" gibt es komischerweise nie zu sehen, die antikapitalistische Schelte gilt immer nur den "Bankern" (Beispiele siehe Wahlkampf IV – SPD-Kompress).

Die vermeintliche Geschlechtsneutralität und Correctness der Emanz*innen ist also bloß Populismus. Mehr noch, das Gendern ist Augenwischerei, es beinhaltet letztlich nur sprachpolizeiliche Allüren und sprachliche Idiotien, siehe Gender-Ideologie und -Idiotie kritisiert.

Dazu zählt der Glaubenssatz, das Geschlecht des Menschen ist nicht primär biologisch bestimmt, sondern gesellschaftlich-sozial konstruiert und daher form- und wandelbar. Diese dämliche These wird hergenommen, um genderisch correcte Schreibweisen zu begründen, z.B. SchülerInnen, Schüler_innen, Schüler/innen, Schüler*innen, Schülerinnen und Schüler, kurz Schüler_ oder gleich Lernende.

Was dabei aus dem Fokus gerät, ist die eigentliche Emanzipation, und die steht schließlich vor großen Aufgaben. Die wirklichen Aufgaben heißen aber nicht manspreading, feministische Linguistik oder qualifikationsunabhängige Frauenquoten. Die Gender*innen haben die echten Machos aus den Augen verloren, die in großer Zahl ins Land kamen und kommen. Die Frauenbewegt*innen wenden sich nicht gegen die sozialen/religiösen Prozesse, von denen die neuen eklatanten vergeschlechtlichten Ungleichgewichte konstruiert werden. Es fehlt nicht nur ihre vernehmbare Kritik am emanzipatorischen Rückschritt. Sogar ihr Einsatz für alleinerziehende Mütter lässt zu wünschen übrig, und um die üble Diskriminierung der DDR-Ex-Ehefrauen kümmert sie sich gleich gar nicht (siehe Diskriminierungspolitik & Emanzenversagen).

Den muslimischen Machos wird höchstens das Beinebreitmachen verübelt, alle anderen Vergehen gegen unsere emanzipatorische Kultur schlucken die Emanz*innen klaglos. Früher wären das "Chauvinistenschweine" gewesen, die ihre oft schon im Jugendalter geschwängerten Frauen in Verhüllungsgewändern drei Schritte hinter sich herlaufen lassen. Oder die freiheitlich gewandeten Frauen "Schlampe" hinterherrufen. Heutzutage dürfen's die Muslime unbehelligt von den Emanz*innen tun, weil das als "multikulturelle Breicherung" gilt.

Und die spreizbeinigen U-Bahn-Fahrer sind keine kulturelle Bereicherung? Da wird mit zweierlei Maß gemessen. Es ist einfach lächerlich, Aufhebens um solche Nichtigkeiten zu machen und die Wichtigkeiten platterdings zu ignorieren:

Emanzen, die solches tun, machen sich lächerlich.

ballerina-2409992_1280(Bild: bykst, pixabay) Der Ursprungsartikel bei wissenbloggt heißt Alter! Mach die Beine nicht so breit, bitte. Ein aktueller Artikel dazu ist Manspreading – Ein breites Feld (ZEITmagazin 17.6., mit Zahlsperre): In einigen Städten hängen jetzt Schilder in der U-Bahn, die Männer dazu auffordern, nicht mehr breitbeinig dazusitzen. Muss "manspreading" wirklich verboten werden?

Weitere Links dazu:




® Die Lügenkultur


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Die Weltreligionen wurden in einer Ära des Unwissens erfunden, als die moderne Zeit der Wissenschaft noch nicht abzusehen war. Als die Aufklärung dann kam, wäre es nur natürlich gewesen, wenn die Religion sich dem Erkenntnisfortschritt geöffnet hätte.

Anstatt ihre Dogmen an die moderne Welt anzupassen, setzt die Religion immer noch auf Unterdrückung und Desinformation als Mittel, die Welt an ihre Dogmen anzupassen (Bild: HypnoArt, pixabay).

Daraus resultiert die Fortschreibung des ethischen Vakuums, das den Fortschritt umgibt. Bis jetzt konnte sich kein wissenschaftskonformes Ethos durchsetzen, das uns sagt, wie wir mit der Technik umgehen müssen. Die Religion hat der Welt aus niederen Motiven (Selbsterhalt) ein Ethos der Vernunft vorenthalten – oder war's bloß eine Retourkutsche?

Die Wissenschaft hat das Ansehen der Religion beschädigt, und im Gegenzug beschädigt die Religion das Ansehen der Wissenschaft?

Darauf braucht man nicht herumzureiten. Festzustellen ist der Schaden, der entstanden ist. Zuviele Leute, die das Gute wollen, wurden davon abgehalten zu regeln, was geregelt gehört. Stattdessen waren sie damit beschäftigt, die Religion in ein Lügengespinst einzuspinnen, das sie gegen den Erkenntnisfortschritt immunisieren sollte. Da gebärdet sich die Religion als Besatzungsmacht im logikfreien Raum, um dem Geradeausdenken Stolperschwellen in den Weg zu legen. Komplikationen schaffen ist der Broterwerb der unredlichen Anwälte, aber aufgebracht haben das die Kleriker, die solche Sophistik treiben. Der drohende Niedergang des Abendlandes resultiert nun nicht daraus, dass wir die falsche Kultur hätten, sondern weil unsere wirkliche Kultur von einer falschen Kultur behindert, verkrüppelt und entstellt wird. Das bedarf der weiteren Begründung.

Die christlichen Agendasetzer möchten uns gern einreden, wir lebten in einer »christlich geprägten abendländischen Kultur«. Dabei liegen diese Zeiten 500 Jahre zurück. Im Mittelalter erreichte das Christentum seine volle Glorie, die »christliche Aufklärung« war mit Zangen und Daumenschrauben am Werke, und wenn sie vollbracht war, wurden die Delinquenten verbrannt – die wirkliche Aufklärung ging anders.

Als das Mittelalter zuendeging und die Welt von Europa aus kolonialisiert wurde, war das die Folge von Aufklärung, Technik und Wissenschaft, die gegen die christliche Religion erkämpft worden waren. Das war den Kolonisten wohl selber nicht klar; jedenfalls haben sie den Kolonien ihren christlichen Glauben aufgrund einer Täuschung eingeimpft: Die Eingeborenen hielten die Schiffe und Kanonen für Errungenschaften des Kolonisten-Gottes und beugten sich seiner Macht. Wenn sie geahnt hätten, dass die Hi-tec von damals gegen diesen Gott erkämpft worden war, wären sie wohl nicht so schlimm christianisiert worden.

Seither ist dieser Etikettenschwindel im Schwange. Die Leitkultur der Moderne sind Wissenschaft und Technik, und wo es gut gelaufen ist, auch Aufklärung und Menschenrechte. Von unten her setzt sich aber der Kommerz durch, und nach oben hin versucht die Religion, die Agenda zu setzen. Der Schaden liegt nicht nur im Ethosdefizit, sondern auch in der Täuschung. Was soll man den Leuten in einem Staat sagen, der an den religiösen Restriktionen krankt? Wo das Potential der Frauen auf ein Minimum reduziert wird, wo die Ausbildung religiös indoktriniert ist, wo die Demokratie von patriachalischen Bestrebungen behindert wird, wo ein Ramadan das Arbeitsleben schwer macht, wo sonstige Tabus und Dogmen stören?

Nehmt euch doch ein Beispiel an uns? Unsere Kultur ist Halleluja-Bim-Bam.

Die Welt bedankt sich und sagt, wir haben schon Hamdulillah-Ying-Yang.

Mit welchem Recht sollen wir das verurteilen? Wenn wir's tun, lachen sie uns aus, mit unserer Bibelchristlichen Politikerelite und unserer asozialen Marktwirtschaft, die sich zunehmend gegen die Allgemeinheit kehrt, um eine privilegierte Kaste reichzumachen. Und mit unseren Medien, die voll sind von der christlichen Sichtweise, und in denen allzuviel Geschichtsklitterung und Glaubensverbreitung getrieben wird statt einer rationalen Agenda.

Wenns um den Unterhosenreport bei Promis geht, kann keine Tabuzone unerforscht bleiben, aber bei der Religion liegt der Schleier über allem. Ob gläubig oder indifferent, die Menschen wissen erstaunlich wenig über die Faktenlage, dass Mohammed ein schreibunkundiger, fanatischer Judenhasser und wahrscheinlich Epileptiker war, dass es kaum belastbare Kunde über Jesus gibt, dass ganz massiv widersprechendes (apokryphes) Material aus der Zeit eliminiert wurde, dass es sich bei den vermeintlichen Göttern weder um etwas Vorzeigbares noch um etwas Beweisbares handelt.

Atheisten sind im allgemeinen besser über Religion informiert – oder andersrum, wer besser informiert ist, wird Atheist. Kein Wunder, dass der Atheismus von den Religionen wie etwas nicht Stubenreines behandelt wird. Wer vom Glauben zum Wissen konvertiert, ist für die Religion verloren.

Dabei ist es doch so offensichtlich. Es gibt nur eine wissenschaftliche Wahrheit und beliebig viele religiöse Wahrheiten, die sich alle voneinander unterscheiden. Schon das qualifiziert sie als Lügen, wenn man nicht gerade eine davon vertritt.

  • Religion ist die Fortschreibung vorwissenschaftlicher Irrtümer mit der Kraft des Wahns. Aus objektiver Sicht vermarktet die Religion ein Nichts. Da wird mit Nullsubstanz ein Riesengeschäft gemacht. Den Himmelsversprechungen fehlt die reale Substanz.
  • Das Entsprechende in der Geschäftswelt sind Geldversprechungen ohne Substanz. Die modernen Finanzkonstrukte und Derivate sind auf Blendung ausgelegt, aber um ihre Werthaltigkeit ist es oft schlecht bestellt. Auf der Grundlage der Realwirtschaft wird mit Finanzprodukten ein undurchschaubarer Überbau errichtet, unter dem die realen Besitzstände außer Sicht geraten. So können alle sich einreden, ihre Finanzprodukte wären enorm wertvoll. Kursgewinne schaffen aber keine realen Werte. Sie bringen nur eine Buchgeldschöpfung aus dem Nichts. Das Prinzip ist immer dasselbe, möglichst großen Abstand zur Realität gewinnen. Die ganze Illusionsbranche lebt von solcher Betrügerei, und die Religion macht vor, wie es geht.

Das ist fatal, wie man bei der Finanzkrise gesehen hat. Genauso fatal geht es mit der Eurokrise weiter, wo auch so viel gelogen wird, dass die Wahrheiten (und Verträge und Versprechungen) von gestern heute schon obsolet sind. Auch die Immigration wurde von Illusionen umzingelt, dass die Hilfsbedürftigesten herkämen, dass sie als Arbeitskräfte gebraucht würden, dass die Abholung im Mittelmeer keine vervielfachten Ströme verursache, usw.

Die Illusionsvermarktung wurde von den Religionen hoffähig gemacht, und damit wurde auch der allgemeinen Illusionsvermarktung der Weg bereitet. Wenn Ehrlichkeit herrschen würde, hätten die griechischen und italienischen Staatsfinanzen einen anderen Stand. Die Zocker setzen sogar die Macht der Gerüchte ein, um die Realität nach ihren Wünschen zu beeinflussen – frei nach dem Muster der religiösen Offenbarungen, die ja auch nichts anderes sind als Gerüchte. Dieser Gott, den man nicht sehen kann, und den man nicht beweisen kann, ist ein Gerücht. Die Rückzahlung der Griechenland-Kredite  ist auch nur ein Gerücht. Das ist so ähnlich wie das Versprechen, in den Himmel zu kommen.

Jenseitige Versprechen für diesseitige Leistungserbringung sind unseriös. Und nicht nur das, Himmelsversprechungen sind gefährlich. Sophistik ist oft gutgemeint, aber es kann eben auch böse gemeint sein. Das Böse ist real. Das Versprechen vom Himmel wird als niedlich angesehen, es kann aber genausogut eine Todesdrohung sein, wenn es die Selbstmordbomber motiviert.

So schlimm kommt es nicht oft, aber dafür gibt es ein ständiges Problem. Die Gläubigen werden ja insofern zur Verantwortungslosigkeit erzogen, als sie nach dem Prinzip des geringsten Widerstands zwischen zwei konkurrierenden Welten hin- und herzappen können, zwischen der Realwelt, die uns von der Wissenschaft erklärt wird, und der Phantasiewelt der Religion, wo der Dogmatismus herrscht. Nach den Maßstäben der Moderne beruht der Gottesglaube auf einer gestörten Beziehung zur Realität, und weil seine Dogmen an der Realität vorbeigehen und »göttliche« Interessen über die menschlichen stellen, heißen die allfälligen Religionsprodukte Lüge und Heuchelei. Wieso müssen die Gläubigen die menschliche Natur verleugnen, mit gespaltenen Zungen reden und zwischen den Zeilen lesen? Warum wird das allgemeine geistige Klima mit Lügenhaftigkeit besudelt?

Kreuz wegFestzuhalten ist, weil sie Mythen als Realität verkaufen, ist das Lügen allen Religionen gemein. Es geht nun nicht darum, die Gläubigen als arglistige Täuscher und bewusste Lügner hinzustellen, sondern es sei ihnen zugestanden, dass sie aufrichtig an ihre heilige Sache glauben. Aber der religiösen »Wahrheitsverkündung« liegt die Lüge zugrunde, und vieles, was man fahrlässig vorgebetet kriegt, wird wider besseres Wissen verbreitet. Wer im Glauben fest ist, der ist fest entschlossen, sich selbst zu belügen. Anders kann man das nicht nennen, wenn jemand seine Bauchgefühle partout über die Vernunft stellen will.

Gläubige sind Lügner, die sich selbst belügen.

Man kann darüber diskutieren, ob die Religion das Lügen erfunden hat, oder ob der Mensch so verlogen ist, dass er dazupassende Religionen befördert. Gemessen am hehren Anspruch, das Gute zu wollen, trifft die Religion in jedem Fall schwere Schuld. Ihr Wirken geht in die falsche Richtung; die Religion ist zum Urbild aller Lügen geworden. Indem sie ihren faulen Zauber mit Gott und Himmel und ewigem Leben vermarktet, leistet sie dem faulen Zauber von Glück und Geld und Gewinn Vorschub.

Die Religion hat uns keine Leitkultur beschert, sondern eine Lügenkultur; eine Unkultur aus Blendung, Heuchelei und Betrug.

 

(Dieser Artikel wurde am 5.8.13 eingestellt und am 15.7.17 überarbeitet)

Links zu verwandten Artikeln:




® Emanzipation von der Religion


free-2127615_1280Früher stand Emanzipation für Sklavenbefreiung, später ging es um die Gleichberechtigung der Frauen (Bild: andreas160578, pixabay) und der Homosexuellen. In der Folge brachte die Emanzipation Correctness für Schwarze, Körperbehinderte, Straftäter und und und – nur nicht für Götter.

Es ist noch nicht mal vom mutmaßlichen Gott die Rede, obwohl die Correctness in diesem Fall besonders angebracht wäre.

Die vermeintlichen Götter mussten herhalten für sehr konkrete Religionen, die den Gläubigen sehr konkrete Leistungen abverlangen. Die Erbringung der Leistungen hat im Diesseits zu erfolgen, während die Belohnung dafür im sogenannten Jenseits stattfinden soll. Dieses Jenseits wird von jeder Religion anders ausgemalt. Bei Christentum und Islam ist es ein himmlisches Paradies, in dem die Gläubigen ewig leben (sofern sie nicht in der Hölle schmoren müssen).

Das ist ein unseriöses Geschäftsmodell. Gegen wolkige Versprechungen und unter höllischen Drohungen werden Demut, Selbsterniedrigung, Paranoia (Beten) und materielle Kontributionen eingefordert. Eine ganze Illusionsbranche lebt von sowas, zum Schaden der Gläubigen. Religionen und ihre Institutionen liefern weder nützliche Beiträge zur Erkenntnis der Welt noch hilfreiche Beiträge zu ihrer ethischen Bewertung. Deshalb wird es auch auf diesem Gebiet Zeit für eine Emanzipation. Die Hoffnung geht also dahin, die Gläubigen mögen sich von der Religion emanzipieren.

Als Begründung für die Notwendigkeit soll ein geschichtlicher Miniatur-Rückblick die Vorwürfe aufzeigen, die der Religion zu machen sind. Ganz zwanglos tritt die Lügenhaftigkeit in Erscheinung, von der die Religion umgeben ist. Aber auch das Ethosdefizit und die Übervölkerung gehören zu den üblen Folgen. Am Beispiel der christlichen Religion ist das besonders gut zu sehen.

Lügenkultur, Ethosdefizit, Übervölkerung

Mit dem Ende des Mittelalters ging der schlimmste christliche Terrorismus zuende. Wissenschaft, Aufklärung, Humanismus und Menschenrechte wurden gegen die Religion erkämpft (dass streng religiöse Mitstreiter dabeiwaren, ist ein anderes Thema). Tausend Jahre hatte die Religion vorgegeben, nach welchen Maßstäben gelebt werden musste, und nun taten sich neue Welten auf. Dem vernunftfreien Glauben erwuchs die Konkurrenz des überprüfbaren, beweisbaren Wissens. Die Religion hat es dennoch geschafft, das allgemeine Ethos weiterhin zu bevormunden – mit gravierenden Folgen.

Die Wissenschaft hat sich überall in der technischen Welt durchgesetzt, denn dort funktioniert nur das, was auf der Wahrheit basiert und nicht auf irgendwelchen Phantasien. Deshalb gibt es keine christliche Technik, keine muslimische Technik usw., sondern nur eine wissenschaftsbasierte Technik.

In der sozialen, medialen und politischen Welt ist die Logik dummerweise anders. Am schlimmsten ist es in der ethischen Szene. Obwohl das ganze Leben heute von den modernen Errungenschaften bestimmt wird, ist das Ethos nach wie vor religiös okkupiert. Die Religion verstand es, die Wissenschaft verächtlich zu machen, so dass ihr nicht die gebührende ethosstiftende Akzeptanz zuwuchs.

Obwohl die vorwissenschaftlichen Irrtümer widerlegt sind, denen die Religion ihre Existenz verdankt, hat sie sich als dominierende Instanz in Sachen Ethik konserviert. Auch die Arbeiterbewegung vermochte es nicht, die Menschenrechte als übergeordneten Standard durchzusetzen. Daraus resultiert das ethische Vakuum, das den Fortschritt in Markt und Technik umgibt. Die moderne Zeit leidet unter einem überalterten Ethos.

Und sie leidet unter der Unwahrhaftigkeit, die sich aus der Diskrepanz von überaltert und modern ergibt. Als Wissenschaft und Technik in die Welt hineingetragen wurden, per Kolonialisierung und per Kommerz, geschah das mit Täuschung und Lüge. Schiffe und Kanonen standen für die Macht des christlichen Gottes und machten das Christentum in den Augen der Getäuschten zur überlegenen Religion. So wurde die überkommene christliche Religion zusammen mit den fortschrittlichen Errungenschaften verbreitet, anstelle des dazugehörigen modernen Ethos'. Dieser schwere Fehler ist niemals behoben worden.

  • Die rückständigsten Länder haben von Wissenschaft, Technik und modernem Ethos – sprich Menschenrechten – nur die Technik übernommen. Die wollen Autos, Internet und Atombomben haben, anstatt sich mit den Hervorbringungen ihrer wissenschaftsfeindlichen Kultur zu begnügen, sprich Esel reiten, Rauchzeichen geben und Stinkbomben bauen.
  • Andere Länder übernehmen Wissenschaft und Technik ohne die Menschenrechte und setzen die modernen Möglichkeiten in der Folge auch gegen Umwelt und Bevölkerung ein. Durch die Globalisierung trifft das die ganze Welt und alle Völker, und kein modernes Ethos verhindert das daraus resultierende Abwerten und Billigmachen der menschlichen Arbeitskraft.

Ein zeitgerechtes Ethos muss religionsfrei sein, um Wissenschaft, Technik und Menschenrechte zusammenzuzwingen, denn die Folgen der religiös verkrüppelten Ethik sind schlimm. Um die Hauptpunkte von hinten aufzurollen, soll nochmal von Übervölkerung, Ethosdefizit und Lügenkultur die Rede sein:

Die Übervölkerung war großteils religionsgemacht. Medizin und Hygiene senkten die Säuglingssterblichkeit, und die Religion tabuisierte die dazugehörige Familienplanung mittels Geburtenkontrolle und Abtreibung. Weil den Frauen Gebärzwang statt Emanzipation verordnet wurde, vermehrte sich die Menschheit über die Grenzen des Nachhaltigen und Umweltverträglichen hinaus. Heute sind die Geburtenraten außerhalb von Afrika gesunken, sogar in einigen Gottesstaaten, aber die Übervölkerung ist ja schon da. Religion, Armut und Bildungsmangel verstärken sich immer noch gegenseitig. Zusammen mit der ungerechten Verteilung des globalen Reichtums und der US-Kriegstreiberei erzeugt das Hungersnot, Völkerwanderung, Bürgerkrieg, Anarchie, Umweltzerstörung, Seuchen, Kriminalität, Menschenhandel und Organhandel (Ausführlicheres zum Thema im Artikel Die Übervölkerung).

Das Ethosdefizit entsteht durch die Überalterung der Religion. Die »heiligen Bücher« sind Fetische und dürfen nicht entrümpelt werden. Der »göttliche Allwissenheitsanspruch« erlaubt keine Nachbesserung der göttlichen Doktrinen, obwohl ihnen die Gegenwartstauglichkeit abgeht. Trotzdem wird die Religion von allzu vielen immer noch als ethosstiftende Instanz akzeptiert. Daraus resultiert das ethische Vakuum um den technischen Fortschritt herum. Der ethikfreie Raum wurde zum gesetzesfreien Raum, und als dieser Raum vom Kommerz erobert wurde, blieb das moralische Machtwort dagegen ungesprochen. Dank der religiösen Bevormundung gibt es keine ethischen Gebote für Existenzfragen wie die folgenden (weiter aufgeschlüsselt im Artikel Das Ethosdefizit):

  • Müssen die Roboter nicht für die Allgemeinheit arbeiten, statt nur für die Besitzenden?
  • Darf die Zunahme der Produktivität in Arbeitslosigkeit umgesetzt werden statt in Arbeitszeitverkürzung?
  • Dürfen Politiker Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren?
  • Ist es zulässig, dass mit viel Geld sehr viel Geld verdient wird und mit Arbeit kaum das Nötigste?
  • Dürfen Börsen, Finanz- und Rohstoffmärkte als Zockerparadies benutzt werden?
  • Dürfen die Banker und Manager in die Kasse greifen, soviel sie wollen?
  • Darf unter dem Diktat der Ökonomie die Lebensqualität wegoptimiert werden?
  • Ist es zulässig, dass die Krämerseelen unsere technischen Innovationen in die ganze Welt verkaufen, wo sie dann gegen uns eingesetzt werden?
  • Dürfen Staaten sich mit Steuerdumping gegeneinander ausspielen?
  • Müssen nicht ethische Standards mit tradiert werden, die einen adäquaten Umgang mit den technischen Standards bewerkstelligen?

Die Lügenkultur ist das dritte schlimme Religionsprodukt. Den Himmelsversprechungen fehlt die reale Substanz, aber die Religionen haben ihre Illusionsvermarktung trotzdem hoffähig gemacht. Das ebenso schlimme weltliche Äquivalent heißt Geldversprechungen ohne reale Substanz. Indem die Religion ihre zusammenphantasierten Götter als tiefste Wahrheiten verkauft und überzogene moralische Gebote erlässt, bereitet sie der allgemeinen Täuscherei, Heuchelei und Betrügerei den Weg. Schon die Kolonien wurden betrogen, als man ihnen den abgehafterten Christengott aufoktroyierte. Die Schiffe und Kanonen, die so überwältigend von der Macht des fremden Gottes zu künden schienen, waren in Wahrheit einer Technik gedankt, die gegen eben diesen Gottesglauben erkämpft wurde. Derselbe Etikettenschwindel ist immer noch gang und gebe. Wenn unsere politische Führung sich in einer christlichen Leitkultur wähnt, ist sie 500 Jahre hinter der Zeit zurück (zu dem Thema gibt es den Extraartikel Die Lügenkultur).

Emanzipation

In den meisten politischen Schlüsselpositionen sitzen Leichtgläubige, die auf die Gottesmär reingefallen sind; und wenn man denen das unterjubeln kann, auf was fallen sie dann noch alles rein? Tatsächlich hat die Finanzlobby sie immer wieder mit der Drohung vom (Finanz-)Weltuntergang über den Tisch gezogen, und was als Rettung der zahlungsunfähigen Euro-Staaten firmiert, ist zur Endlos-Subventionierung der Finanzkonzerne verkommen – Lüge und Betrug in gigantischem Ausmaß.

Doch die Lügenkultur kommt nicht nur teuer, sie schafft nicht nur Heuchelei und Betrug, sondern sie gefährdet weltweit die moderne Kultur von Freiheit, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit . Es ist dringend notwendig, alle Götter als die Phantasiegestalten hinzustellen, die sie sind – das ist dargelegt im Artikel Beweis für materielle Nichtexistenz Gottes.

Konsequenterweise wird damit auch die unsägliche »Gottesherrschaft« – oder in der muslimischen Version die Scharia – als das entlarvt, was sie ist: die Herrschaft selbstermächtigter Prediger. Diese Spinner (wenn sie selber dran glauben) bzw. Betrüger (wenn nicht) instrumentalisieren den Götterglauben, um den Weg ins Mittelalter freizumachen und religiöse Willkürherrschaft zu schaffen.

Letztlich macht sich jeder mitschuldig, der die Gottesmär unwidersprochen hinnimmt. Sicherlich sind viele Ausprägungen der Religion friedlich und halbwegs menschenrechtskonform. Doch wer hier nicht Klartext redet und sagt alles Lüge! kann redlicherweise dort nicht Einhalt gebieten mit demselben Argument: alles Lüge! So gesehen gibt es keine lässliche Gotteslüge, die man mit Rücksicht auf die fundamentalistischen Religionen tolerieren könnte, sondern diese Lüge ist schädigend für eine moderne Welt der Freiheit, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit.

Es ist höchst bedauerlich, dass die Religion zwecks Selbsterhalt so schwere Schuld auf sich lädt, statt ihren Frieden mit der Vernunft zu machen und die menschlichen Bedürfnisse über die »göttlichen« zu stellen. Aus humanistischer und sozialer Sicht ist eine Erneuerung des Ethos’ zu fordern, die mit Übervölkerung, Ethosdefizit und Lügenkultur endlich Schluss macht. Jeder einzelne Gläubige sollte sich klarmachen:

Eine neue Emanzipation ist fällig, eine Emanzipation von der Religion.

 

(Dieser Text wurde am 11.9.13 zuerst eingestellt und am 12.7.17 überarbeitet.)

Links dazu:




Gesammelte Punkte zur Migrationsdebatte II


access-933151_1281.jpgIm ersten Teil Gesammelte Punkte zur Migrationsdebatte I wurden die Punkte Politik, Correctness, Seenotrettung, Zahlen, Hetze und Bestandserhaltungsmigration behandelt. Die meisten gehen zurück auf den Artikel Mittelmeer: Tausende Migranten aus Seenot gerettet (ZEIT ONLINE 18.7.). Mehr als 400 Kommentare wurden dazu verfasst, die weiterhin hier inhaltlich wiedergegeben und nach neuen Punkten geordnet werden  Dazu kommt eine Anzahl Textpassagen aus einschlägigen anderen Artikeln (Bild: geralt, pixabay).

Schmuggelgeschäft

Das Migranten-Schmuggelgeschäft ist jetzt ein großer, profitabler und ausgefuchster krimineller Markt, der sich mit dem europäischen Drogenmarkt vergleichen lässt. Diese Aussage stammt aus Europe's Leaders: Shielding Themselves from Reality (Gatestone Institute 23.5.): Nach einem Europol-Report über Migrantenschmuggel sollen die Verbrecherbosse 2015 bis zu 5,7 Mrd. Euros verdient haben. Das Geschäft ging allerdings 2016 auf 2 Mrd. runter, als nur noch 510.000 Menschen illegal die EU betraten. Trotzdem hat sich der Menschenschmuggel zu einer der profitabelsten und verbreitetsten kriminellen Aktivität in der EU entwickelt.

Das populistisch argumentierende Institut liefert ein paar Zahlen von 2016 dazu: 181.436 Menschen kamen nach Italien, 173.450 nach Griechenland. 2017 kamen von Januar bis Mitte Mai 55.374 Menschen übers Mittelmeer, wieder die meisten nach Italien, aber auch nach Spanien und Griechenland. Herkunftsländer sind Nigeria (17%), Bangladesch (10.7%), Guinea (9.7%), Elfenbeinküste (9.1%), Gambia (6.6%), Syrien (6.1%), Senegal (5.9%), Marokko (5.6%) und weitere 10% von nicht angegebenen Ländern. Die meisten Ankommenden sind keine Kriegsflüchtlinge, sondern Wirtschaftsflüchtlinge. Die politische EU-Führung scheint es nicht zu kümmern, dass die Verlockung ihrer Wohlfahrtssysteme eine ganze Industrie von Menschenschmugglern hervorbringt.

Die Zeit-Kommentare argumentieren ähnlich: Es kommen also Hunderttausende zu uns und riskieren ihr Leben, die weder ein Recht auf Asyl haben noch als Flüchtling anerkannt werden. Warum? Weil sie trotzdem eine Chance auf dauerhaften Aufenthalt sehen, der ihnen nicht zusteht, da zu wenige abgeschoben werden und zu viele bleiben können. Weil wir inzwischen einen Shuttledienst nach Italien haben, für den inzwischen offen geworben wird, und die Chinesen die passgenauen Flüchtlingsboote schneidern. Das ist absurd, gefährlich und verlogen und bindet in Deutschland Ressourcen, die für wirkliche Asylanten und Flüchtlinge fehlen.

Ein weiterer Kommentar präzisiert diese Sicht: Denn eher die etwas Wohlhabenderen unter den Armen zieht es nach Europa, so dass ganze Landstriche veröden, weil die Jugend nach Europa geht (ganz oft ohne Krieg, Hunger und Verfolgung).

(Im nächsten Abschnitt wird das Veröden relativiert.) Ein anderer Kommentar sagt, dass der Begriff Taxiservice nicht ganz so weit hergeholt sei: Die Migranten wissen mittlerweile, dass sie gar nicht mehr die 160 Seemeilen bis Lampedusa schaffen müssen, sondern nach 12 Seemeilen von Sea Watch und Co. aufgelesen werden. Die Schlepper setzen riesige Schlauchboote sein, die extra zu diesem Zweck angefertigt werden und über eine chinesische Handelsplattform für vergleichsweise kleines Geld zu haben sind. Wahnsinns-Profit sei garantiert, vor allem bei über 100 Leuten pro Boot, die pro Nase mehrere tausend Dollar abgedrückt haben.

Weitere Zahlenbeispiele aus dem finanziellen Rahmen: Im Zeitraum 1960-2014 errechnet die Weltbank 835 Mrd. Dollar Entwicklungshilfe für Afrika. Ein Kommentar nennt als deutsche Zahl im letzten Jahr ca. 50 Mrd. Ausgaben für "Flüchtlinge" (der Bund alleine 20 Mrd. – für Bildung übrigens nur 17 Mrd.).

Push-Faktoren

Ein wichtiger Punkt ist die Übervölkerung; damit befassen sich einige Kommentare. Dieser hier argumentiert dafür, dass die Wirtschaftsmigration keine Probleme löst, und dass es zumindest in Nigeria keine Verödung gibt: Das größte afrikanische Land Nigeria hatte 1950 ca. 40 Mio. Einwohner, 2009 stolze 155 Mio. und 2015 geschätzte 182 Mio. Hätte Deutschland ab 2009 jährlich auch nur 1 Mio. Menschen aus Nigeria aufgenommen, wäre die Bevölkerung in den 7 Jahren 2009-2015 nicht um 27 Mio. gewachsen, sondern lediglich um 20 Mio., und Deutschland wäre heute noch etwas bunter und abwechslungsreicher. Muss man wirklich ein emphatieloser, schlecht ausgebildeter, sozial marginalisierter Rechtsradikaler sein, um zum Ergebnis zu kommen, dass Deutschland noch nicht mal die Bevölkerungsprobleme Nigerias lösen kann, noch weniger die Afrikas, und schon gar nicht die von Afrika mitsamt dem Nahen und Mittleren Osten einschließlich Pakistan und Afghanistan?

Die Push-Faktoren sind vielfältig. Zig Millionen Menschen hungern, hält ein anderer Kommentar dagegen. Andere Kommentare versuchen es präziser zu fassen (Quelle: Hoffnung Europa: Woher kommen die afrikanischen Flüchtlinge? (DW 24.4.16). Die Afrikaner, die übers Mittelmeer fliehen, kommen in der Reihenfolge aus:

  • Eritrea
  • Nigeria
  • Somalia
  • Sudan
  • Gambia
  • Senegal

Bis auf Somalia sei das kein Land, in dem Krieg herrscht, und: Behörden, genauer das BAMF meldet, dass Flüchtlinge häufig in den Urlaub fahren, in die Länder aus denen sie geflohen sind (Behörden melden häufiger Heimat-Reisen von Flüchtlingen, Welt 15.6.).

Das kontern andere Kommentare mit den schlimmen Geschehnissen vor Ort, wobei teils auch gleich widersprochen wird: … Im Südsudan kämpfen 2 Rebellengruppen brutal um die Vorherrschaft versus Sie wissen aber schon, dass Sudan und Südsudan zwei verschiedene Länder sind, oder? Und: … In Nigeria ist der Norden Kriegsgebiet, da könnte man zur Not in den Süden fliehen. … In Eritrea fleht man vor dem Jahre andauernden Wehrdienst. … In Gambia floh man vor einem irren Diktator, der ist aber nun abgewählt und wurde von Soldaten der Nachbarländer vertrieben. Und: … In in Somalia ist Bürgerkrieg, im Süden vom Senegal ist Bürgerkrieg …

Ein anderer Kommentar fordert trotzdem, vielleicht ein bisschen besser zu recherchieren. Nicht mal der nun wirklich ordentlich linke "Guardian" hat in den letzten Jahren behauptet, dass die massenhafte Migration aus den gambischen Dörfern der Flucht vor der Diktatur geschuldet sei.

Die Motivation sei kein Push-Faktor wie Übervölkerung, Versteppung, Misswirtschaft, Perspektivlosigkeit, Bürgerkrieg, Krieg usw., sondern ein Pull-Faktor: Die meisten kommen ja auch nicht wegen irgendwelcher Kriege (Syrien, Afghanistan, Somalia und Jemen mal ausgenommen). Sie wollen leben wie Sie und ich. Für mich wäre das ein hinreichender Grund, die lebensgefährliche Fahrt auf mich zu nehmen.

Kolonien

Ausführliche Auseinandersetzungen gibt es um die Wirkungen der Kolonialzeit. Dazu der Standardkommentar: Jahrhunderte lang hat der weiße Mann den Kontinent ausgebeutet.

Und der Konter: Billige Ausrede. Die "Ausbeute" geht meist mit Handel einher. Das Problem ist, ob die Einnahmen sinnvoll verwendet oder vergeudet werden. Z.B. Fischereirechte werden an Fremde vergeben – würde man mit dem Geld die eigene Fischereiflotte modernisieren, könnte man nach Ablauf der Verträge selbst den Fisch fangen und verkaufen. Statt dessen versickert es – das ist kein "weißer Mann"-Problem. Es gäbe genug afrikanische Gelehrte, die Problemlösungen hätten. Das wiederum wird so gekontert:

  1. "Der weiße Mann" sind weder die heutigen europäischen Staaten noch deren Bürger, sondern hauptsächlich Private (bzw. deren Nachfahren), die derzeit immer noch mehrheitlich die Oberschicht in Teilen Afrikas stellen. Viele von ihnen wurden jedoch enteignet und vertrieben, und selbst in stabilen Ländern wie Südafrika werden sie aus sozialen, aber auch rassistischen Gründen diskriminiert.
  2. Die von Ihnen als "Versickern" umschriebene Korruption ist in der Tat nicht besagter Oberschicht im afrikanischen Ausland anzulasten, sondern westlichen Unternehmen sowie Regierungen, die als Protektoren für besagte Unternehmen auftreten sowie bedingt durch ihre überwältigende Verhandlungsmacht zu einseitige Handelsverträge aushandeln.

Darauf dann diese Entgegnung: Reden sie doch mal mit Hilfsorganisationen, die in Afrika etwas von den Einheimischen verlangen, da spreche ich von so Banalitäten wie der Wartung einer Trinkwasseraufbereitungsanlage, weil… das halt nötig ist, damit Infrastruktur auch auf lange Sicht funktionsfähig ist. Dann dürfen sie weinen und müssen sich nicht mehr wundern, dass da unten so gar nichts klappt (Diese Sicht kann der Zusammensteller mit eigenen Erfahrungen bestärken, Anmerkung wb).

Weiter mit diesen Kommentaren: Deutschland hat aber nicht vom Kolonialismus profitiert. Und zu behaupten, die Probleme, die Afrika heute hat, wären dem Kolonialismus zuzurechnen, ist Unfug. Ohne Kolonialismus würde es dem Kontinent noch schlechter gehen, weil viele Strukturen erst geschaffen wurden. … Afrikanische Staaten unter britischer, französischer oder portugiesischer Herrschaft gibt es seit fast 50 Jahren nicht mehr. Seit dieser Zeit wurden von vielen Ländern – ich weiß nicht von wie vielen – zig Milliarden als Entwicklungshilfe an diese afrikanischen Staaten überwiesen (Summe 835 Mrd. Dollar, Anmerkung wb). Hat nix genutzt; der Bevölkerung ging es damals unter Kolonialherrschaft wirtschaftlich besser als heute.Die sich bekriegenden mächtigen Clans, die möglichst viel von dem einstreichen, was die Rohstoffe des Landes und die Entwicklungshilfe so bringen, abzüglich der Kosten für Waffenkäufe, das ist keine Entwicklungsperspektive. Dazu in gut sozialistischer Gesinnung die aus der Kolonialzeit stammenden Strukturen verlottern lassen, bringt es auch nicht. Und es sind schon viele aus Afrika weggegangen, die besser gebildet waren, als die jetzt Ankommenden.

Zum mangelnden Know-how und zum sinnvollen Vorgehen weitere Kommentare: Es gibt schon einen Grund, warum die Länder, die diese Industrie verstaatlicht haben, damit häufig genug gegen die Wand gefahren sind. Immerhin sollte man zunächst die internationalen Konzerne endlich an die kurze Leine nehmen, die dort die Lebensbedingungen ruinieren!

Rückständigkeit

Das Thema mangelndes Know-how spiegelt sich in Beschwerden wie dieser Klage eines Lehrers in Deutsch-als-Zweitsprache-Klassen (nicht aus den Kommentaren): Neben naturgemäß nicht oder nur rudimentär vorhandenen Sprachkenntnissen in deutscher Sprache lässt sich aktuell bei den neuzugewanderten Schülern, verglichen mit gleichaltrigen, einheimischen deutschen Schülern, ein erhebliches Defizit im Bildungsniveau feststellen.

Dabei geht es nicht nur um das vielfach angeführte Sprachdefizit; gravierender und folgenschwerer seien offensichtlich grundlegende kognitive und Kompetenzschwächen in fast allen Regelfächern. Der  Kompetenzunterschied betrage nach ersten belastbaren Messungen und Beobachtungen im Schnitt bis zu 3 Schuljahre im Vergleich zu einheimischen, muttersprachlich deutschen Schülern. Dieser Befund treffe vor allem auf Schüler aus Teilen des Balkans wie Albanien und  dem Kosovo zu, sowie den Krisenländern des Nahen und Mittleren  Ostens wie dem Irak und Afghanistan, sowie den Maghrebstaaten.

Das geringe Bildungsniveau in den bunt zusammengewürfelten Deutsch-als-Zweitsprache-Klassen spiegelt sich demnach in fast allen Haupt- und Nebenfächern wider. Basiswissen (Grundrechenarten,  Grammatik, Lese- und Schreibkompetenz) müsse mühsam und zeitraubend vermittelt werden, so dass für solides Fachwissen zum  Lösen komplexer, dem Alter entsprechender Aufgaben keine Zeit bleibe. In den sogenannten "Willkommensklassen" sei funktioneller Analphabetismus als Massenphänomen eine nicht zu leugnende Tatsache.

Arbeit

Derlei Bildungslücken haben natürlich Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit der Immigranten, und da sind wieder die Kommentare gefragt: Wir haben jetzt schon mehrere Millionen Arbeitslose, die gut ausgebildet sind und die hiesige Sprache sprechen. In welchem Bereich sollten denn auf einmal die Arbeitsplätze entstehen, die dann besetzt werden?Der Markt an Arbeitslosen und Geringverdienern ist in Deutschland und in Europa mehr als gefüllt. Warum sollten afrikanische Arbeitslose und Geringverdiener unsere Rente garantieren?

Eben. Ganz klar sagt es ein anderer Kommentar: Und dann wird auch noch ein "Fachkräftemangel" u.a. im Bereich der Pflege beklagt, der angeblich durch Zuwanderung bekämpft werden müsste, während Pflegekräfte zu niedrigen Löhnen und schlechten Jobbedingungen arbeiten müssen und oft oftmals nur Teilzeit- und 450-Euro-Jobs angeboten werden, deren Bezahlung nicht zum Leben reicht.

Es geht ja auch um was anderes, wie der folgende Kommentar sagt: An der Antwort auf diese Frage wird deutlich, dass Migration zum Drücken von Löhnen genutzt wird. Spanien braucht angesichts einer gigantischen Arbeitslosigkeit sicherlich keine zusätzliche Migration unqualifizierter Arbeitskräfte. Aber dann müssten wohl die Löhne im Agrarsektor steigen.

Hier noch ein Verweis auf Deutschlands gelogene 2,5 Mio. Arbeitslose, die in Wirklichkeit 7.5 Mio. sind (dargelegt in Arbeitslosenzahlen gefaked). Interessant auch ein anderer Artikel, Wir führen nur sinnlose Debatten (The European 15.10.16): Die Flüchtlingsdebatten bringen nichts für die Weiterentwicklung unseres Landes, eher das Gegenteil ist der Fall. Sie führen weg von Leistungsprinzip und verraten teilweise sogar die Werte der Aufklärung, ohne die unser Wohlstand gar nicht denkbar wäre.

Da taucht die "vernünftige Frage" auf: Warum stellt die deutsche Industrie so wenig neue Stellen zur Verfügung für Menschen, die fast nichts können? Die Antwort lautet, weil es nicht ihre Aufgabe sei, Gefälligkeiten zu gewähren, sondern nach dem Leistungsprinzip einzustellen. Demnach haben wir vergessen, dass unser Wohlstand nur gedeihen kann, wenn wir im Wettbewerb mit China und den USA bestehen. Südeuropa habe in diesem Wettbewerb längst verloren, Afrika und Arabien haben nie teilgenommen. Die Arbeitslosigkeit in Italien, Griechenland, Spanien sei nur ein Vorgeschmack für Deutschland. Sie zeige, was einem Land blüht, wenn es sich jahrzehntelang weniger um die eigene Wettbewerbsfähigkeit kümmert als um "blödsinnige Fragen" bzw. "vernünftige Fragen".

Auf weitere Widersinnigkeiten weisen die Kommentare hin: Sie vergessen, dass wir schon bald aufgrund von Industrie 4.0 viele Millionen neue Arbeitslose haben werden. Die Rente werden in Zukunft nicht mehr durch mehr Menschen erzielt, sondern durch Steuerumlagen auf die Gewinne der neuen Roboter-Technisierung. Hier sind nur noch hochqualifizierte Spitzenkräfte gefragt.

Und der bedenkenswerte Satz: Billige Arbeitskräfte verführen dazu, neue Möglichkeiten nicht wahrzunehmen.

Ebenso bedenkenswert die Aussage: wie toll diese Jugend wäre, wenn sie mit dem gleichen Enthusiasmus im Altenheim Pflegebedürftige pflegen würde, als sich im Mittelmeer als Moralapostel aufzuspielen.

Pull-Faktoren

In dem wb-Artikel Flüchtlinge zwischen Push-Faktor und Pull-Faktor ist schon einiges zusammengetragen, hier kommt noch eine Auswahl aus den Medienberichten der letzten Zeit, Thema weitgehende Rechte werden bis zum Anschlag ausgenutzt oder missbraucht:

  • Gerichte – Mehr Klagen gegen Asylentscheide (Süddeutsche Zeitung 2.6.): 28 Prozent aller Asylbescheide des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge werden von den Betroffenen nicht akzeptiert. Sie ziehen vor die Verwaltungsgerichte. Die sind von der Klageflut überfordert. Demnach ziehen Flüchtlinge immer öfter gegen negative Asylbescheide vor Gericht. Die angegebenen 28% gelten für die Asylbescheide vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge BAMF Anfang des Jahres, 2015 waren es nur 16%. Weil das BAMF weniger Flüchtlinge anerkennt (Schutzquote 56% nach 69%), wird mehr geklagt. Das bedeutet immerhin 193 000 anhängige Asylklagen sowie 50.000 Klagen gegen nur subsidiären Schutz, d.h. kein Recht darauf, Ehepartner und Kinder  nachzuholen.
  • Schwangere Zuwanderinnen erhalten im Mutterschutz vorläufiges Asyl. Bestätige ein deutscher Sozialhilfeempfänger die Vaterschaft, erhalte das Kind die deutsche Staatsbürgerschaft und die Mutter ein Bleiberecht. Angeblich bezahlen manche Frauen den "Vätern" sowie Rechtsanwälten und Notaren bis zu 5000 Euros. Der (Schein)vater bezahlt dann als Sozialhilfeempfänger keinen Unterhalt für das Kind, sondern der Staat übernimmt die Zahlungen. Eine "gute, legale Zuverdienstmöglichkeit für Sozialhilfeempfänger" – "Väter" mit bis zu 10 Kindern seien bekannt. So schreibt es der Artikel Verdacht auf Asylbetrug – Justiz ermittelt wegen Scheinvaterschaften (SPIEGEL ONLINE 6.6.).
  • BAMF prüft religiöse Überzeugung von Konvertiten, der Evangelischen Kirche geht das zu weit (Wiesbadener Kurier 15.5.): „In ganz Deutschland treten muslimische Flüchtlinge zum christlichen Glauben über“, heißt es auf der Internet-Seite evangelisch.de. Und auf katholisch.de wird ein Pastor mit den Worten zitiert: „Es gibt unter Iranern einen Trend, sich taufen zu lassen, der sehr viel stärker ist als noch vor 15 Jahren.“
  • Was die Kirchen beitragen können, können die Sekten schon lange. Plötzlich Christ – Sekten locken Flüchtlinge in Angst vor Abschiebung mit Blitztaufen (Deutschlandfunk 13.2.): Mit Beginn der Sammelabschiebung nach Afghanistan ist die Angst der Flüchtlinge vor der unfreiwilligen Rückkehr gestiegen. Im Raum Frankfurt locken Missionare einer sektenähnlichen Gemeinschaft gezielt mit Blitztaufen und Familienanschluss. Die Hoffnung der neuen Christen: die Anerkennung ihres Asylantrags.
  • Germany Confiscating Homes To Use For Migrants (ZERO HEDGE 15.5.). Das gab's noch nie, sagt die populistische Site. In Hamburg wurden sechs leerstehende Häuser nache der Innenstadt konfisziert, um gegen den Willen der Besitzer an Fremde vermietet zu werden, die die Stadt da reinsetzt. Die zwangsweise durchgeführten Renovierungen zahlen die Besitzer. Zero Hedge berichtet von ähnlichen Absichten in Berlin, die aber wegen Gesetzwidrigkeit abgeblasen wurden.
  • Welcome To Sweden, Eldorado For Migrants! (ZERO HEDGE 21.2.). Wenn jemand in Arabien in Armut lebt und mehrere Kinder hat, gebe es gute Gründe für ihn, nach Schweden zu ziehen. Dort gebe es eine Menge Geld abzuholen, ohne dass dafür gearbeitet werden muss. Schweden also als Paradies für die Migranten der Welt, die nicht arbeiten wollen (gilt für Deutschland genauso, Anmerkung wb).
  • Türkische Soldaten erhalten Asyl in Deutschland (Süddeutsche Zeitung 9.5.): Insgesamt liegen dem BAMF etwa 7700 Asylanträge türkischer Staatsbürger vor. Da stellt sich die Frage, wie kann man Bürgern eines Staates Asyl gewähren, ohne den Staat gleichzeitig wegen Menschenrechtsverletzungen anzuprangern?

Bei den Kommentaren sind nicht alle diese Ausprägungen diskutiert, doch einige Pull-Faktoren tauchen auf: die Attraktivität der Transferleistungen, … die zweifellos die Flüchtlinge geradezu anlocken.Solange die EU nicht bereit ist, ist ihr Asylrecht, das auf der Erfahrung des 2. Weltkriegs fußt, an die Bedingungen der Moderne zu überführen, solange sie es unterlässt, diese falschen Anreize zu produzieren, die ganze Landstriche dieses Planeten … auf den Weg nach Europa in Gang setzen, wird es diese (Seenot-)Bilder tagtäglich geben.

Dazu nochmal die Kehrseite: Und schlimmer als alles ist, dass die ärmsten der Armen, die kein Geld für diesen Aufbruch haben, ihrem Schicksal überlassen werden, während hier so eine Art soziale Auslese, das survival of the fittest toleriert, befördert und produziert wird.

Ganz klar gesagt: Es ist unverantwortlich, dass man sich mit Geld die illegale Einreise nach Europa erkaufen kann. Was die Schlepper beginnen, führen die Retter dann erfolgreich zu Ende. Zudem weiß niemand, wer da in Wahrheit kommt. Die internationale Rechtsstaatlichkeit mit Botschaften, Konsulaten, Visa und Aufenthaltsgenehmigung wird demnach absurdum geführt. Solange die Geretteten nicht zum nächsten Hafen gebracht werden, und das ist meist in Afrika, wo die Fahrt mit ein bisschen Sprit im Kanister startet, wird es weiter Ertrunkene und wachsenden Fremdenhass geben. Soll das nun so weitergehen? Jahr um Jahr, ohne Ende? Es soll 200 Millionen willige Afrikaner geben, die sich von Europa das Paradies versprechen.

Natürlich: Die Not in Afrika ist groß. Aufgrund der modernen Kommunikationsmittel sind den Menschen in Afrika und anderswo auf dem Planeten die positiven Seiten der Lebensbedingungen in Europa bekannt. Ein Einwurf sagt nun: Dann wird man auch vermitteln können, wie schwer der Weg dahin war, und dass man in Afrika den Weg selber gehen muss.

Weiter im Kommentar zu den Pull-Effekten: Dadurch entsteht die Hoffnung, in Europa ein besseres Leben für sich und gegebenenfalls Familienangehörige zu finden, das frei ist von der begründeten Furcht vor Verfolgung, unter der die Menschen in Afrika leiden, wenn sie gegen die Verantwortlichen in ihrem Heimatland ob der miserablen Lebensbedingungen aufbegehren. Es ist also so, dass immer mehr Menschen versuchen werden, nach Europa zu gelangen.

Abwägungen

Es gibt überall Menschen, die rechnen können, einer tut es in diesem Kommentar: Der deutsche Standard kostet pro Person ca 15.000 bis 20.000 Euro pro Jahr. Pro Million 20.000.000.000 Euro pro Jahr. Betrachtet man das BIP-pro-Kopf in afrikanischen Ländern, so wird deutlich, dass diese Mittel im Rahmen einer "Hilfe vor Ort" besser investiert werden, als in einer Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme.

Und es gibt überall Menschen, die denken können. Erst ein weiterer Kommentar: Eine Alternative wäre eine mit sehr viel Kapital und noch mehr wirklichen Entwicklungshelfern/experten ausgestattete Organisation, die sich daran macht, die fehlende Entwicklung in Afrika voran zu bringen. Darauf folgt die skeptische Nachfrage: Ist das nicht das Modell "Afghanistan"? Ein teurer Fremdkörper, von vielen Einheimischen bekämpft?

Zur Frage wer warum migriert, gibt es noch mehr Kommentare: Leistungsträger bleiben diesem Land nicht fern, weil die Deutschen so schreckliche Menschen sind (im Gegenteil sind wir doch bei weltweiten Umfragen stets auf den ersten Plätzen beim beliebtesten Land), sondern weil wir eine der höchsten Abgabenlasten der Welt haben. Genau aus diesem Grund verlassen ja auch einheimische Akademiker massenweise dieses Land in Richtung liberalerer Länder. Deren Wegzug werden sie nicht dadurch ausgleichen können, Leute in dieses Land zu lassen, die in Teilen bestenfalls Grundschulbildung vorzuweisen haben.

Und nochmal die Kostenfrage: Wenn diese Gesellschaft sich nicht gegen diese von außen aufgepressten Verhältnisse wehrt, muss sie irgendwann entscheiden, ob sie das erwirtschaftete Geld dieser Volkswirtschaft für Schulen, Renten, Modernisierung etc. oder aber für die Dauer-Alimentierung von immer mehr Selbst-Eingewanderten ausgeben will. Dazu die Warnung: Man sieht daran. wie groß das Leid wird, wenn man das Bevölkerungswachstum nicht in den Griff bekommt. Ich möchte diesen Leidensdruck nicht importieren.

Ein Kommentar zieht nun ein vorläufiges Fazit: Wenn selbst hier bei Zeit Online inzwischen die Mehrzahl der Kommentatoren/Innen den Zusammenhang zwischen mehr "Hilfe" und Migrantenzahlen erkannt haben, lässt das ja fast hoffen. Müsste sich jetzt allerdings noch im Wahlverhalten widerspiegeln. Die aktuelle Regierung versteht, glaube ich, noch nicht, dass man das Problem am einfachsten lösen könnte, wenn hierzulande die finanziellen Anreize auf das Niveau von anderen Ländern gesenkt werden würden. Solange man natürlich alle per Selfie und BAMF-Video willkommenheißt und die Menschen fürs Nichtstun mehr bekommen als für harte Arbeit in ihren Ländern, wird sich da nichts ändern.

Bei diesem Stand endet der 2. Teil. Im 3. Teil geht es dann um Punkte wie Integrationsdruck, Kriminalität, Abgelehnte, Widersprüche, Lösungen, sowie eine Würdigung der Kommentare.

 

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Erster Schawwal 1438


islam-1299211_1280Nach gregorianischem Kalender am 24. Juni 2017 stellt sich die islamische Welt wieder vom Kopf auf die Füße: Der Ramadan kommt mit einem Fest namens Aïd el fitr – in deutschsprachigen Gegenden auch Zuckerfest genannt – zu seinem Ende. Dann liegen dreißig entbehrungsreiche Tage hinter den Moslems, soweit sie der Pflicht zum Ramadan nachgekommen sind, was mitnichten durchgängig der Fall ist. Nach Befragungen durch fowid nehmen in Deutschland allenfalls 50% der Moslems die Mühsal der täglichen Tortur auf sich. Das wird auch von islam.de bestätigt. Wer übrigens glaubt, dass das in so genannten „islamischen“ Ländern (mit Ausnahme der Hardliner-Staaten) völlig anders aussähe, täuscht sich über die wachsende Zahl der von mir gern als Kulturmoslems bezeichneten weniger an Religion Interessierten (Bild: OpenClipart-Vectors, pixabay).

Eines der Sprachrohre des organisierten Islams in Deutschland ist islam.de, eine Website, die darum bemüht ist, die „schönen“ und „edlen“ Seiten des Islams darzustellen. Hauptsprecher der Moslems ist Ex-FDP-Mitglied Aiman Mazyek. Durchaus lesenswert – wenn auch völlig aus der Zeit gefallen und weltfremd – ist seine Einführung in das Wesen des Ramadan http://islam.de/16161.php: „Wie einen guten Freund begrüßen Muslime den Fastenmonat Ramadan. Es ist ein Freund, der zum Innehalten anregt, zum Studium des Korans, zur Betrachtung unserer spirituellen Quellen, unserer religiösen Heimat. Es ist eine Zeit der körperlichen Entbehrung und der geistigen Erneuerung, der inneren Einkehr und der Gemeinschaft. Im Ramadan sind die Moscheen voller als gewöhnlich. Im Ramadan rücken Familien und Freunde enger zusammen, ist die Gemeinschaft der Gläubigen spürbarer als sonst. Das Fasten im Ramadan ist die dritte der fünf Säulen des Islams. Es ist ein vierwöchiger Gottesdienst, währenddessen der Mensch über die Beziehung zu seinem Schöpfer nachdenken kann und soll“.

Im Ramadan wird zudem an die Mildtätigkeit der Gläubigen appelliert. Der Zaket, eine weitere Säule des Islam, ist eine am 27. Ramadan festgelegte Summe, die jeder Moslem an Bedürftige entrichtet. Entweder man gibt dieses Geld oder auch eine Sachspende in Form von Nahrungsmitteln an einen Imam, der es an die bedürftigen Empfänger weiterleitet, oder man spendet direkt an eine karitative Einrichtung. Nicht selten werden Wohlhabende zu Banketten geladen, zu denen leicht 250 oder mehr Besucher zusammenkommen, die jeweils ein Iftar (das tägliche Essen zum  Fastenbrechen) zu bewusst sehr überhöhten Preisen einnehmen, damit eine stattliche Summe für die entsprechende Einrichtung zusammenkommt. Das sind – wenn man vom religiösen Hintergrund einmal absieht – sehr schöne Veranstaltungen, an denen sich zum Beispiel hier in Tunesien jeweils auch die ausländische Community lebhaft beteiligt. Auch meine Frau und ich haben mehrfach an so etwas teilgenommen.

Das ideale Bild des „Fastenmonats“ geht auf Mohammed selbst zurück, der angeblich während dieser Zeit seine ersten Begegnungen mit einem „Engel“ namens Gabriel hatte. Von diesem erfuhr er die Worte eines Gottes, den Moslems Allâh nennen. Gebündelt fanden diese Worte sich schließlich im Koran wieder. Erste schriftliche Aufzeichnungen der Visionen des schreibunkundigen Propheten finden sich etwa 40 Jahre nach dessen Tod. Wie viel während dieser Periode mündlicher Überlieferung von den Adepten verändert, umgestellt oder neu hinzugedichtet worden ist, entzieht sich natürlich der detaillierten Kenntnis. Viele der im Koran beobachtbaren Inkonsistenzen lassen sich aber wohl nur durch diesen Transmissionsweg erklären. Entsprechende wissenschaftliche Bemühungen um Klärung werden allerdings von nicht wenigen Moslems argwöhnisch beäugt, selbst wenn die Ergebnisse von der Universität Al Azhar in Kairo stammen, einem Forschungsort, der gemeinhin so etwas wie den Vatikan des Islam darstellt.

Die genaue Anwendung der Regeln verlangt von gesunden Moslems ab der Pubertät rund 14 bis 15 Stunden täglich (in Deutschland leicht auch 18-19 im Hochsommer) und trotz Temperaturen von über 40° im Schatten die totale Enthaltsamkeit: Essen, Trinken, Rauchen sind verboten – und natürlich auch Sex.

Weiterhin sind Meditationen und die vorgeschriebenen Gebete, im Ramadan sechs statt der üblichen fünf, einzuhalten. Zudem soll sich der Moslem dazu auch noch aller „unreinen“ oder feindseligen Einstellungen enthalten – soweit sich das überprüfen lässt. Theoretisch ist eine solche genaue Befolgung, wie auch Mazyek andeutet, nur in einer Gesellschaft möglich, die während dieser Zeit Ferien nimmt, oder die sich darauf beschränkt, eine Herde Schafe und Ziegen und allenfalls einige Kamele zu hüten. In der modernen Arbeitswelt, die der muslimische Gott Allâh entweder nicht voraussehen konnte oder wollte, ist dies praktisch unmöglich. Wie sieht also die Praxis aus?

Von den in Deutschland lebenden Moslems praktiziert nach Angaben von islam.de überhaupt nur in etwa die Hälfte den Ramadan, und auch wohl mehrheitlich (soweit sie im Arbeitsleben stehen) befolgen diese nur den Essens-, Trinkens- und Rauchensteil der Regeln (hier „le jeûne“ genannt), was natürlich bereits für sich allein genommen ungemein schwer fällt.

Für die geforderte Meditation dürfte am Arbeitsplatz genauso wenig Zeit verbleiben wie für die ordnungsgemäße Verrichtung der Gebete. Man stelle sich zum Beispiel einen Fließbandarbeiter vor, der seinen Arbeitsplatz verlässt, um neben dem Band den Gebetsteppich auszurollen! Oder einen Schullehrer, der den Unterricht unterbricht, um sein Gebet zu verrichten. Das würde die (ohnehin angeschlagene) Akzeptanz von Moslems in der westlichen, ergebnisorientierten Gesellschaft sicherlich nicht befördern. Also wird es unterlassen. Das ist auch hier in Tunesien so. Man mache sich da bitte keine falschen Vorstellungen. Von etlichen weiß ich, dass sie sich zwar am Arbeitsplatz selbst zurückhalten (um dem sozialen Druck zu entgehen), doch sobald sie das Firmengelände verlassen haben, wird die erste Zigarette angesteckt und zu Hause zumindest Wasser getrunken, weil es sonst nur schwer auszuhalten ist.

Wegen dieser Unmöglichkeiten verkommt der Grundgedanke des Ramadans zur Enttäuschung nicht weniger strenggläubiger Moslems zur bloßen Einhaltung der äußeren Regelstruktur, der eigentliche Inhalt höhlt sich zunehmend aus. Das sehen auch die moslemischen Verbände so, aber mehr als (fordernde) Appelle an die nicht-moslemischen Kollegen, doch bitte Rücksicht auf die Moslems zu nehmen, fällt ihnen dazu nicht ein. Die Mehrheit soll sich nach ihren Vorstellungen der Minderheit anpassen. Das gehört zu einer ganzen Serie stetiger Forderungen von moslemischer Verbandsseite: die Aufnahmegesellschaft soll sich bewegen – man selbst hat dies nicht nötig, weil man sich im Besitz der alleinigen Wahrheit glaubt. Dieses offensichtliche Integrationsproblem wird von vielen Moslems einfach dahingehend gelöst, dass sie entweder den Regeln des Ramadan nicht mehr folgen, oder die Exerzitien am Abend nach der Arbeit nachholen.

Eine adaptive Lösung der schwierigen Regel, die die Flüssigkeitsaufnahme verbietet, was nicht selten vor allem bei Älteren zu Dehydrationsbeschwerden bis hin zu echten gesundheitlichen Schäden oder gar zum Tod führt, lieferte bereits vor langer Zeit der Gründungspräsident des modernen Tunesiens, Habib Bourguiba, als er im Fernsehen die Frage, ob er den Ramadan befolge, schlicht mit „Nein, ich arbeite“ beantwortete. Ostentativ leerte er ein Glas Wasser nach seiner Antwort. Von den „Rechtgläubigen“ in der islamischen Gesellschaft wird er seither als Apostat bezeichnet. Der Koran verlangt für Menschen wie ihn die Todesstrafe. Die wird aber derzeit nur in den sehr extremen islamischen Ländern wie Saudi-Arabien oder Iran exekutiert.

Die Reduzierung des Ramadan auf die nur äußere Einhaltung der Fastenregeln unter Auslassung der meditativen Anforderungen gibt einen Hinweis darauf, in welche Richtung sich ein sogenannter moderater Islam entwickeln könnte, nicht etwa durch Selbstreform, dazu erscheint er derzeit unfähig, sondern durch den Druck moderater Moslems, die angesichts der doppelten Anforderungen zwischen Religion und Arbeitswelt praktische Lösungen suchen. So wird auch die Flüssigkeitsaufnahme tagsüber nicht auf ewig das Tabu bleiben können, das es heute vielfach noch ist. So bedienen sich zum Beispiel die 60 Arbeiterinnen, die im Unternehmen meiner Frau arbeiten, nach anfänglichem scheuen Zögern inzwischen wie selbstverständlich an den aufgestellten Automaten, die in der nur schwach klimatisierten Halle gekühltes Wasser anbieten.

Romdhane MubarakDie Adaptation an modernere Erkenntnisse und Notwendigkeiten, von Christen und Juden kulturell längst umgesetzt, wird auch den Islam nicht ausklammern, wenn er sich dauerhaft in den europäischen Kulturen etablieren will. Einen Anfang zu den erforderlichen Veränderungen hat in Deutschland der inzwischen emeritierte Göttinger Professor Bassam Tibi gemacht, dessen Vorschläge für einen „Euro-Islam“, ausgerichtet an dem von ihm eingeführten Begriff der „Leitkultur“, vieles von dem, was am Islam stört wie etwa die Shari‘ah oder die Rolle der Frauen, als entweder zweitrangig einstufen, oder dessen völlige Abschaffung einfordern. Inzwischen gibt es auch im Netz, oft von Frauen betrieben, säkular-moslemische Seiten, auf denen Angleichungen der strengen Systematik an das moderne Leben gefordert werden. Unter „säkular-moslemisch“ wird generell ein Islam verstanden, der sich den Anforderungen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung stellt und die Trennung zwischen Religion und Staat fordert. Man kann solche Bestrebungen nur voll unterstützen, denn genauso wenig, wie es gelingen wird, zum Beispiel den Katholizismus völlig abzuschaffen, wird es möglich sein, etwa den Islam zu verbieten. Also muss er gemeinschaftsverträglicher werden, wie dies ja in Teilen zumindest selbst mit den Kirchen gelungen ist – nicht von heute auf morgen, aber immerhin in überschaubarer Zukunft. In Deutschland wurde gerade ein vielversprechender Ansatz zu einem solchen säkularen Islam mit der Gründung der Ibn Rushd-Goethe-Moschee in Berlin gebildet. Die Protagonisten streben dabei als Integrationsbeitrag einen regen Austausch mit der Gesellschaft an – und zwar nicht nur mit der religiösen, sondern auch mit den humanistischen Teilen. Das ist sehr begrüßenswert und wird von vielen Humanisten unterstützt. 

Wenn auch nicht gerade in Saudi-Arabien, so doch in den Randländern des Islam wie zum Beispiel in Tunesien, beginnt der innere Widerstand gegen die als unangemessen empfundene Tortur auf weniger intellektuelle Weise. Man beginnt zu erkennen, in welchem Umfang die Volkswirtschaft durch die strikte Einhaltung der Ramadan-Regeln beeinträchtigt wird. Ein vernünftiges, durchgehendes Arbeiten ist häufig gar nicht möglich, wenn man nur noch in miesepetrige und unleidliche Gesichter blickt. Die Auswirkungen von Nährstoffmangel auf das Wohlbefinden und die Denkfähigkeit sind in den fortschrittlicheren Ländern längst wissenschaftlich detailliert erforscht und gut bekannt. Selbst einfacher veranlagte Hijab-Trägerinnen trauen sich inzwischen trotz des enormen sozialen Drucks, bei anstrengenden Arbeiten in der Hitze, die Wasserflasche in Griffweite zu haben. In manchen Belegschaften finden sich die strikten Befolger bereits in der Minderheit. Dies gilt nota bene in Tunesien, mit Einschränkungen auch in Algerien. In Marokko hindert der §222 des Strafgesetzbuches eine Aufweichung der religiösen Vorschriften. Öffentliches Ramadanbrechen untertags wird mit 6 Monaten Gefängnis bestraft. Immerhin existieren bereits an den König gerichtete Initiativen, dieses Gesetz aufzuheben oder abzumildern.

Ein gesondertes Problem stellt die ständige Übermüdung dar, was sich in einer stark erhöhten Unfallrate auf den Straßen zeigt. Zum Verständnis dieses Phänomens muss man sich den Ablauf einer typischen Nacht im Ramadan vor Augen führen. Abends um ca. 19 oder 20 Uhr ist Iftar, das Ramadanbrechen. Da wird dann wegen des tagsüber erlittenen Mangels gegessen was das Zeug hält (man spricht selbst hier in Tunesien respektlos von „la grande bouffe“ wie der gleichnamige Film: Das große Fressen). Anschließend geht es auf die Straße, um sich mit Freunden und Bekannten in den proppenvollen Cafés zu treffen, was bis ungefähr Mitternacht dauert. Dann ab nach Hause und noch ein paar Süßigkeiten hineingestopft. Spätestens kurz nach 3 Uhr bimmelt der Wecker (in Kairo und anderen großen Städten geht eigens ein Ausrufer um, der die Leute weckt), denn spätestens gegen 4 Uhr ist es wieder vorbei mit der Nahrungsaufnahme. Dass dieser Schlafmangel nicht gerade dazu beiträgt, die Sicherheit im Verkehr zu erhöhen, liegt auf der Hand. Ich war selbst Zeuge der bizarrsten Unfälle, die unter normalen Bedingungen einfach nicht passieren. Der Grund immer wieder derselbe: am Steuer sanft entschlafen!

Das selbst auferlegte Leiden dokumentiert sich am besten in der Reaktion der Betroffenen selbst: Spätestens eine Woche vor Ablauf des „heiligen“ Monats beklagt sich die Mehrheit und zählt nur noch die Tage, bis endlich der 1. Schawwal erreicht ist. Dann beginnt das Leben erneut. Die islamische Welt steht wieder auf den Füßen.

Nachtrag: In der besonderen Situation Tunesiens sei mir eine Randbemerkung erlaubt. Nach der Revolution wurden alle einsitzenden Extremisten (soweit es nicht Schwerstkriminelle waren) aus den Gefängnissen entlassen. Sie bilden das harte Rückgrat extremistischer Parteien wie Ennahdha des Sheikhs Rachid al-Ghannouchi. An derem extremem Rand wiederum befinden sich die eingefleischten Salafisten, die bereits Kinos in Brand gesteckt haben, Frauen ohne Kopftuch gern mal an den Haaren ziehen, oder Sommer-leicht bekleidete Mädchen auffordern, sich züchtig zu bekleiden. Da etliche Cafés in den größeren Städten den Nichtbefolgern weiterhin Getränke und Essen anbieten, befürchtet die Polizei nun Anschläge auf solche Orte und hat die Sicherheitsvorkehrungen entsprechend erhöht. Ich kann nur hoffen, dass diese Maßnahmen von Erfolg gekrönt sein werden, da ich keinen höhnischen Artikel zu einem evtl. Fall in bestimmten Publikationen lesen möchte.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.




Social Credit Systems – Big Brother 2.0 ?


Ministerium für Wahrheit 1984 Wiki ak

Bild: Ministerium für Wahrheit, nach George Orwell „1984“ (Quelle: Wikipedia – Jordan L'Hote)

Ein Social Credit System (SCS) ist eine vernetzte Datenbank, in der ständig nach bestimmten Regeln Daten und Informationen über die Bürger und Institutionen eines Staates gesammelt und aufgrund bestimmter Algorithmen ausgewertet werden. Dadurch soll das aktuelle Verhalten bewertet und – wenn möglich – auch das zukünftige Verhalten vorhergesagt werden. Beispiele sind in Deutschland die Schufa und der Bußgeldkatalog in Flensburg sowie in China das System für soziale Vertrauenswürdigkeit, das sich dort bereits im Piloteinsatz befindet. Chinas System "focuses on credit in four areas, including administrative affairs, commercial activities, social behavior, and the judicial system." (Wikipedia SCS). Auch Facebook und Google sind auf dem Weg dorthin. Ihre Schwerpunkte sind aber bisher noch – soweit bekannt – die Beeinflussung und Vorhersage des kommerziellen Verhaltens ihrer Anwender.

Wie jede mächtige Technologie kann die Anwendung eines SCS großen Nutzen oder großen Schaden erzeugen, abhängig davon, mit welchem Ziel, in welchem Bereich (kommerziell, sozial, …) und nach welchen ethischen Regeln es angewandt wird. Letztlich wird das durch die Kultur und die Weltanschauung bzw. gegenwärtig die jeweilige Ideologie des Staates bestimmt, der das System plant und einsetzt. Ungerechtfertigte Beschuldigungen durch Dritte und eine vollständige Kontrolle der Bürger, wie sie schon in der DDR von der Stasi mit den damaligen, technisch noch unvollkommenen Mitteln umgesetzt worden waren, sind eine der abschreckenden Möglichkeiten eines SCS.

Über Chinas System für soziale Vertrauenswürdigkeit (ab hier Chinas SCS genannt) schreibt Kai Strittmatter in der SZ vom 20.5.17 unter dem Titel „Schuld und Sühne“, dass es bis 2020 für jeden einzelnen Bürger Chinas eingesetzt werden soll. Der aussagekräftige Untertitel lautet: Was Georg Orwell in seinem Buch „1984“ noch nicht zu Ende zu denken wollte, wird in China jetzt Realität: Mit Big Data, Social Media und einem digitalen Punktesystem soll der neue, brave Mensch geformt werden. Das System befindet sich bereits in der Phase der Pilotierung. Der Hintergrund ist, dass China aufgrund des schnellen wirtschaftlichen Wachstums ab den 1980er Jahren und den damit verbundenen großen wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen wie z.B. der Landflucht, in eine Vertrauenskrise geraten ist. Zitate dazu von chinesischen Gesprächspartnern aus dem Strittmatter-Artikel: „Unsere Gesellschaft ist noch unreif, unser Markt chaotisch“, und „Der Ehrliche ist der Dumme.“ „Betrüger werden nicht zur Rechenschaft gezogen, selbst die Staatsmacht verletzt das Gemeinwohl.“

Bei Chinas SCS geht es deshalb um „mehr Vertrauen“, und um eine Prognose zukünftigen Verhaltens und um die harmonische Ordnung der Gesellschaft im Sinne des historischen Konfuzianismus und des gegenwärtigen Kommunismus als Ideologie der Staatsführung. Das Ziel sei, dass die Partei eine vollständige Sammlung von grundlegenden Daten über alle Menschen anlegen muss, die auch als effektives und schlagkräftiges Frühwarnsystem dienen kann. Es sei der Regierung sehr wichtig, die Stabilität des Staates zu erhalten. (Auf dieses gesammelte Wissen haben vor der Wende auch die zentralistischen Systeme des Ostblocks gesetzt. Wie die Geschichte gezeigt hat, ohne Erfolg. Die „Anmaßung von Wissen“ nach Fr. v. Hayek konnte das dezentrale pluralistische Know How der Menschen und ihr persönliches Engagement nicht ersetzen.)

Zurück zu Chinas SCS: Jeder Bürger bekommt zu Beginn 1000 Punkten. Für „gute Taten“ gibt es Zusatzpunkte, z.B. für Blut-, Knochenmark- und Geldspenden sowie staatliche Auszeichnungen. Für „schlechte Taten“ gibt es Punktabzüge, z.B. Hundekot im öffentlichen Rasen nicht beseitigen, schlechte Behandlung der Eltern, Verbreitung von „Gerüchten“ oder „negativen Informationen“ im Internet. Wer einen guten Punktestand hat, genießt bestimmte Privilegien, wer unter 600 Punkte gerät, gilt als Vertrauensbrecher, wird öffentlich bekannt gemacht und hat bestimmte Nachteile, abhängig von seinem Punktestand. Eine komplette online-Vernetzung aller Aktivitäten der Bürger ist geplant, sowie ein (noch unbekannter) Algorithmus, der alle Infos laufend sammelt, einordnet und bewertet.  Bei der Pilotierung wird die Bevölkerung in „Zellen“ von 400 Familien aufgeteilt, „wo man aufeinander achtet“. Es gibt SCS-Beauftragte, die andere Bürger über die Missetäter befragen und Fotos und Videos von Missetaten machen.

Bewertung von Chinas SCS

Traditionelle chinesische Ziele für ihre Gesellschaft wie Harmonie und Vertrauen werden verknüpft mit Kontrollen zur Stabilisierung der Diktatur der kommunistischen Partei und moderner IT-Technologie. Chinas SCS wird – soweit es überhaupt bekannt ist – bisher offenbar weitgehend von den Bürgern toleriert, denn die Chinesen haben anscheinend aufgrund ihrer historisch gewachsenen Kultur nur geringe Ansprüche an eine Privatsphäre. „Zellen“ beispielsweise soll es in China schon vor 2400 Jahren gegeben haben, als das Volk in Einheiten von 5 – 10 Familien eingeteilt worden war.

Es gibt aber auch Kritiker des Systems (vgl. SZ-Artikel), die meinen: „Die Regierung legt die Regeln fest. Ausgerechnet die, die am wenigsten Vertrauen verdienen.“ Oder: Wäre die Regierung vertrauenswürdig, würde das Volk von selbst ehrlich. Oder auch: „Sie sprechen von Vertrauen. In Wirklichkeit geht es um Kontrolle.“

In Deutschland sind einzelne Bausteine vergleichbarer Funktionalität schon im Einsatz wie die Schufa, der Bußgeldkatalog in Flensburg, die Lieferantenbewertung von Amazon und andere Kundenzufriedenheitsabfragen, die Nutzerinformationen von Google, aber auch die seit kurzem ohne gesetzliche Grundlage tätige Maas-Taskforce zur Internet-Zensur (Spitzname „DDR 2.0“, dazu fehlt bisher – soweit bekannt – nur noch die Funktion des „Blockwarts“ bzw. der „Informellen Mitarbeiter“) und Facebook. Außerdem wird Deutschland – nach immer noch gültigen Klauseln der Besatzungsmächte offenbar völlig legal – ständig von der USA ausspioniert.

Facebook als SCS

Der Stand und die Gefahren von Facebook als SCS werden von Moritz Michels wie folgt bewertet:

Mark Zuckerberg präsentiert sich mit der von ihm vertretenen Vision einer neuen Welt als Hoffnungsträger in Zeiten des sich abzeichnenden Niedergangs der westlichen Kultur: „Erschaffen wir die Welt, die wir wollen“. Facebook hat bereits die Daten von gut einem Viertel der Weltbevölkerung (etwa 1,86 Milliarden Nutzern) gespeichert. Ein geheimer Algorithmus von Facebook erzeugt mit Hilfe individueller Filtereinstellungen einen persönlichen Informationsfluss für den Newsfeed jedes einzelnen Nutzers. Diese vollständige Erfassung des digitalen Soziallebens birgt aber nicht nur die gerne betonten Möglichkeiten, sondern auch riesige Gefahren in sich: So erwirbt Facebook im angeblichen Kampf gegen sog. Fake News grundsätzliche die Legitimation dafür, Inhalte nach eigenen Maßstäben als fragwürdig zu kennzeichnen und gar zu entfernen. Zuckerberg plant schon lange die Erschließung des gigantischen fernöstlichen Marktes und ist deshalb eine Allianz mit der chinesischen Zentralregierung und ihrem SCS eingegangen.

Möglicher Nutzen eines SCS

Nutzen oder Schaden durch ein SCS sind abhängig von seiner Anwendung. Der Merics China Monitor #39 bewertet Chinas SCS überwiegend sehr euphorisch als Ansatz zu einem “highly competitive economic systems”, mit dem „… potential to become the most globally sophisticated and fine-tuned model for IT-backed and big data-enabled market regulation.” Er sieht dort aber auch Risiken: “… given its limitations and weaknesses, (Chinas) SCS might just as easily result in a massive decline in investments, the failure of whole industries, low innovative power, and little entrepreneurial initiative.” Hinter dieser Sorge steht die Gefahr des durch ein SCS massiv eingeschränkten Pluralismus und der Subsidiarität. Letztlich wird in diesem Artikel aber offensichtlich nur der kommerzielle Aspekt betrachtet.

Unter gewissen Bedingungen, auf die ich gleich noch eingehe, könnte durch ein SCS ein besser fundiertes Vertrauen in Bürger und Institutionen ermöglicht bzw. Betrug und Korruption erschwert werden. Bei nicht-korrupter Anwendung durch Politiker und andere Machthaber auch für diese. Man könnte sogar auf die Idee kommen, dass dadurch besser qualifizierte demokratische Wahlen durch besser qualifizierbare Wähler ermöglicht würden. Aber beides sind „heiße Pflaster“.

Sehr viel größer ist aber die Gefahr des Missbrauchs eines SCS zur ideologischen Kontrolle und Bevormundung durch politische, kommerzielle oder ideologische Machthaber. Darum möchte ich last but not least einige ethisch orientierte Forderungen zusammenstellen, die jedes SCS erfüllen muss, um die Würde und Freiheit der Bürger und Institutionen zu respektieren.

Einige unabdingbare Forderungen an jedes SCS

  • Ein SCS muss für alle Bürger transparent sein, im Hinblick auf alle Aspekte der Erfassung, Speicherung und Verwertung seiner Inhalte.
  • Die Regeln für Erfassung, Speicherung und Löschung der Inhalte müssen einfach verständlich sein und dürfen keine Schlupflöcher bieten
  • Nur objektiv feststellbare oder gerichtlich festgestellte Tatbestände dürfen durch ein SCS erfasst werden.
  • Subjektive Denunziationen oder Lobhudelei darf es nicht geben. Wenn ein Dritter tadelt bzw. lobt, muss der ggfs. daraus resultierende SCS-Eintrag verifiziert und der Betroffene informiert werden, und ggfs. eine Gegendarstellung möglich sein. Bei Uneinigkeit muss eine Art Friedensrichter über die Zulässigkeit des Eintrags entscheiden.
  • Ein SCS muss – im Sinne einer Vierten Gewalt – uneingeschränkt für alle Bürger und Institutionen eines Staates gelten, auch für Politiker und andere Machthaber. Die heute übliche Zwei-Klassen-Moral darf es hier (wie natürlich auch anderswo) nicht geben. Um das möglich zu machen, müssen Aufgaben und Verantwortungen für Politiker festgelegt werden, nach denen sie bewertet werden können.
  • Ebenso müssen diejenigen, die die Regeln und Algorithmen festlegen, denselben unterworfen und damit an der für alle Bürger und Institutionen gültigen Moral gemessen wird. Es darf keinesfalls Privilegien und Ausnahmen geben.

Da ich kein Fachmann für Datenschutz bin, ist diese Aufzählung sicher noch nicht vollständig.

Link zur Internet-Seite des Autors: Emergenz-Netzwerk
Link zum Buch des Autors: Die Kraft der Naturgesetze – Emergenz und kollektive Fähigkeiten von den Elementarteilchen bis zur menschlichen Gesellschaft; Verlag tredition, zweite Auflage 2015.




Potentielle Migranten statistisch erfasst


access-933139_1280Der weltweite Wunsch nach Migration wurde in den Jahren 2007-2009 mit 16% beziffert. 2010-2011 lautete die Zahl 13%, 2013-2016 wollen der Statistik nach 14% der Weltbevölkerung migrieren. Wenn man der Zahl trauen darf, sind das 710 Millionen Menschen, die gerne in ein anderes Land ziehen würden, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten (Bild: geralt, pixabay).

Das besagt der Artikel Number of Potential Migrants Worldwide Tops 700 Million (Gallup 8.6.). Demnach gibt es kaum Rückgänge beim Wunsch nach Migration, aber durchaus Zunahmen. Insgesamt bleibt das Niveau enorm hoch, wie die Gallup-Tabelle zeigt:

gallup1Die aktuelle Gallup-Umfrage erfasste 586.806 Erwachsene in 156 Ländern, die 98% der Weltbevölkerung repräsentieren (Telefonumfragen und persönliche Befragungen). Die vorige Umfrage hatte aus 521.182 Interviews in 154 Ländern bestanden und 93% repräsentiert. Die erste erwähnte Umfrage bestand aus 259.542 Interviews in 135 Ländern. Die war also nicht ganz so repräsentativ, was die 16% erklären mag; alternativ mag die große Rezession als Erkärung dienen.

Gallup sieht die Ursachen des Migrationswunschs in den globalen ökonomischen Verhältnissen, in Konflikten, Hunger, Krankheit und sonstigen Katastropen. Am meisten stieg der Migrationswunsch in den Nicht-EU-Ländern Europas, in Lateinamerika und der Karibik, im Nahen Osten und in Nordafrika. In Afrika südlich der Sahara ist der Wunsch von jeher am höchsten.

Gebietsweise aufgeschlüsselt, findet Gallup 31 Staaten, wo mindestens 30% der interviewten Erwachsenen den Wunsch äußerten, auf Dauer in ein anderes Land zu ziehen. Die Staaten umfassen alle Erdteile außer Asien, Ozeanien und Nordamerika. Dahinter stehen auch Ursachen wie der Syrienkrieg, chronische Arbeitslosigkeit (auch Albanien, Italien), der Ebola-Ausbruch in Sierra Leone:

Gallup2Unter den gewünschten Zielen sind die USA mit weitem Abstand die Nummer 1. Das ist seit dem Beginn der Erfassung vor 10 Jahren unverändert. In die USA wünschen sich 21%, entsprechend 147 Millionen potentielle Migranten. Deutschland liegt jetzt auf Platz 2 mit 6% und 39 Millionen, danach Kanada und Großbritannien mir jeweils über 30 Millionen Wunschkandidaten. Ungefähr 20 Staaten sind Wunschziel für mehr als 2/3 der weltweiten potentiellen Migration.

Deutschland ist dabei am meisten vorgerückt, von 28 Millionen auf 39 Millionen. Diese Zunahme "koinzidiert" in der vorsichtigen Gallup-Ausdrucksweise mit dem Höhepunkt der europäischen Migrantenkrise von 2015-2016, wärend der Kanzlerin Merkel versprach, es gäbe keine Schranke ("no limit") für die Anzahl der Flüchtlinge, die ihr Land (her country) aufnehmen würde.

Demgegenüber verlor Großbritannien an Attraktivität als Wunschziel, weil die Begrenzung der Immigration eine der treibenden Kräfte hinter dem Brexit war. So ging die Zahl von 43 Millionen auf 35 Millionen potentielle Kandidaten zurück. Die Werte sind auf einem Konfidenzniveau von 95% auf +-1% genau:

Gallup3

Gallup erlaubt sich die Spekulation, dass die USA unter Präsident Trump an Attraktivität verlieren könnten, weil dessen Regierung die Zuwanderung verhindern will und den vorhandenen Zuwanderern das Bleiben erschwert. Nach Gallup ist es evident, dass die Einstellung der Regierung zur Attraktivität der Staaten beiträgt. Als Beispiel werden Deutschland (erhöhte Attraktivität durch die Politik) und Großbritannien (verminderte Attraktivität) genannt.

 

Link zu Gallup's Country Data Set details

Link zu Gallup World Poll

Links zu passenden wissenbloggt-Artikeln:

Passend dazu die UN-Statistik mit den tatsächlichen Ausreise- und Aufnahmezahlen insgesamt – auch dort ist das kleine und übervölkerte Deutschland auf Platz 2 der Aufnahmeländer:

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Gegen die Verklärung der 68er


protest-155927_1280Durch die Medien geht just die Retrospektive der 68er-Bewegung. Die Proteste von Studenten und linksgerichteten Bürgerrechtsbewegungen werden gefeiert als Aufbegehren gegen den Autoritarismus der Elterngeneration, als Kampf für gesellschaftliche Werteveränderung, Demokratie, Emanzipation, sexuelle Freiheit, Umweltschutz, Entnazifizierung usw. Diskutiert wird: Wie haben die 68er Deutschland verändert – wo prägen sie die Republik bis heute? (Artikel ZEIT ONLINE, Bild: OpenClipart-Vevtors, pixabay)

Diesem Aspekt der 68er haftet so etwas wie Wehmut an. Ja, der alte Muff wurde entsorgt, die Enttabuisierung fand statt. Aber jetzt läuft die Gegenbewegung, der Rückschritt, der von Millionen Immigranten und islamistischer Indoktrinierung ins Land gebracht wird. Das wird als kulturelle Bereicherung gefeiert, und nicht als Aufgabe der errungenen Werte kritisiert.

Political correcte Medien trauen sich nicht, die Errungenschaften von Emanzipation und Enttabuisierung direkt zu verteidigen; um so intensiver können sie dem damaligen Aufbruch nachtrauern. Die Frauenbewegung erfuhr damals einen Aufschwung, aber jetzt liegt sie darnieder, in anti-islamophobe Tabus und oberlehrerhaften Genderismus verstrickt. Von dort ist keine Verteidigung der emanzipativen Werte zu erwarten.

Die Antwort auf die Zeit-Frage ist deshalb in aller Kürze, die 68er haben Deutschland durch Emanzipation und Enttabuisierung verändert, nur lässt diese Prägung stark nach – aber die Veränderungen umfassen noch ganz andere Punkte.

Das sind Aspekte, die in dem Diskurs zu kurz kommen. Die Rede ist vom aufkommenden Terrorismus, in den sich die Ableger der 68er verstrickten, ohne dass die Konsequenzen des überzogenen Protests diskutiert würden. Es wurde ja nicht bloß gegen den Vietnamkrieg demonstriert. Auch gegen unser "Schweinesystem" wurde heftigst protestiert, mit allen Schikanen bis zu Geiselmord und Bombenterror. Es wurde lautstark diskutiert, von Schreihälsen, die mit unverstandenen kommunistischen Zitaten alles niederbrüllten. 

So brachte die Generation '68 eine hässliche doofe Protest-Elite hervor, zusammen mit einer schönen doofen Pop-Elite, die Sex and Drugs and Rock 'n' Roll predigte – das System kaputtmachen oder aussteigen.

Dabei hatte Deutschland sich damals eine ziemlich heile Welt erarbeitet, wo jeder eine auskömmliche Lebensperspektive hatte. In den 1960er-Jahren war alles in Ordnung bis auf ein wenig Spießbürgertum. Damals hatten die Arbeitsplätze noch keine Beine, um wegzulaufen. Die Banken sammelten noch das Geld der Sparer ein, um es den Unternehmern als Kredit zu geben, und die Börsen taten dasselbe mit dem Geld der Anleger. Die Finanzwelt hatte noch nicht zu ihrem wahnwitzigen Eigennutz-Wirbel abgehoben, und die Vorstufen der totalen Globalisierung liefen sozialverträglich ab.

Die Rückbesinnung sagt uns, dass wir bis zu den 1970er Jahren einen einmaligen Höhepunkt erlebt haben (jedenfalls die damals schon anwesenden von uns). Das haben die vielen Protestler der 68er-Generation bekämpft – und dann haben sie tatenlos zugeschaut, wie das Aufgebaute und Erreichte dereguliert und niedergemacht wurde.

Kaum jemanden scherte es, dass die Deregulierung das Land eroberte, die Finanzwelt, die Wirtschaftswelt. Die '68er konnten noch Kleinbürgers Traum vom auskömmlichen Job, Famile und Eigenheim ausleben, und sie verachteten das. Die danach kamen, konnten den Spießer-Traum oft nicht mehr wahrmachen, und die verachteten das nicht mehr.

Und jetzt herrscht eine Abzocker-Elite, wo die Großbanker und Topmanager nur glücklich sind, wenn sie die Finger bis zur Achsel in der Kasse haben. Der Schaden, den sie mit ihrem Eigennutz angerichtet haben, wird von der Allgemeinheit bezahlt, und die Politik tut ein übriges und häuft Billionenschulden und -risiken an.

"Arbeitskräfte" sind heute nur noch was Negatives, das wegoptimiert gehört, oder ausgelagert, offgeshored und billiggemacht. Oder gleich durch Roboter ersetzt. Denn der Profit der Privilegierten ist wichtiger als alles andere, zumal wenn's sich bei dem anderen bloß um Menschen handelt. Und erst recht, wenn's nur Jugendliche sind – heute kann man denen alles zumuten, die lassen sich alles gefallen.

  • Gegen unsere besten Zeiten unter der sozialen Marktwirtschaft wurde irre protestiert.
  • Als das Soziale abgebaut wurde und sich die Lebensperspektiven immer mehr verschlechterten, wurde der Mund gehalten.

Man möchte fast meinen, dass es den Leuten möglichst gut gehen muss, damit sie einen Protest zustandebringen statt umgekehrt. Als der Protest unangemessen war, kam er. Als er wirklich nötig war, blieb er aus, während Ungerechtigkeit und Ungleichheit triumphierten. Warum nicht je ungleich desto Ramba-Zamba?

Die US-Kriegstreiberei triumphiert wieder in mehreren Staaten des Nahen Ostens, Arabien und Afrika, ohne dass die Leute auf die Straße gehen wie damals gegen den Vietnamkrieg. Keinerlei Lerneffekt aus Vietnam, Afghanistan, Irak usw. Die europäischen Staaten dürfen nun von Aufrüstung und militärischen Eingriffen in aller Welt reden, ohne dass es massenhafte Proteste gibt.

Ist das der Effekt Schnauze voll von Schnauze voll? Wie auch immer, der gehätschelten 68er-Generation wird man den Niedergang anlasten müssen, der in den 1970ern mit der Deregulierung einsetzte, der in den 1990ern schlimmer wurde, als der Zusammenbruch des Sowjetimperiums dem Kapitalismus freie Bahn bescherte, und der jetzt in einen neuen Militarismus mündet.

Kein Grund also, die 68er zu verklären. Sie sind die Generation mit der größten Schuld an den herrschenden Verhältnissen von Prekariat, Sozialabbau und kaputten Lebensperspektiven.

(Der Schreiber dieses gehört der 68er-Generation an.)

 

Links dazu:




Pragmatische Überlegungen zur Flüchtlingshilfe II


think-2234711_1281Der zweite Teil der Gedanken um die Immigration soll sich mit demokratischen und ethischen Erwägungen befassen. Wie sollte die Flüchtlingshilfe angesichts knapper Ressourcen gestaltet werden? (Bild: jbmacros67, pixabay)

Im ersten Teil Pragmatische Überlegungen zur Flüchtlingshilfe I war die Rede von der nützlichen Gefühlsgrundlage, auf der unsere Hilfsbereitschaft aufgebaut wurde, während es im Anschluss sinnvoll wäre, pragmatische Hilfe auf Vernunftbasis zu leisten. Der Ist-Zustand wurde dem Soll-Zustand gegenübergestellt und die Frage aufgeworfen, wie man von Ist nach Soll kommt. Dabei wurde klar, dass die postulierten Menschenrechte die Hilfe vor Ort umschreiben, während die Flüchtlingsrechte erst dann einsetzen, wenn die Menschen sich auf Wanderung begeben, so dass die Hilfe vor Ort logisch vorgeordnet ist.

Es wurde festgestellt, dass unser Asylrecht eine Übererfüllung von Menschen- und Flüchtlingsrechten beinhaltet, indem es Hilfen anbietet, die in den Konventionen nicht auftauchen, z.B. Bleiberechte von abgelehnten Asylbewerbern und Familiennachzug. Zudem herrscht Willkür, weil Anerkennung nach Staaten getrieben wird (Afghanistan nein, Syrien ja). Dabei kommen die meisten Flüchtlinge ohnehin aus Flüchtlingslagern vor Ort oder in der Nähe, so dass ihnen auch dort geholfen werden könnte.

Problem der Zahl

In den Konventionen und im Asylrecht finden sich fast gar keine Überlegungen zu knappen Ressourcen und Verteilungsproblemen. Im Grunde ist alles auf eine kleine Zahl von Hilfsbedürftigen ausgelegt, für die ohne große Umschichtungen gesorgt werden kann.

Doch aus dogmatischer Sicht sollen die uneingeschränkten Bedingungen unabhängig von der Zahl gelten, und das Problem der großen Zahl wird genauso ignoriert wie die Begrenztheit aller Ressourcen. Dogmatisch und frei von pragmatischen Gedanken in dieser Richtung sind auch die Wahlprogramme von SPD, Linken und Grünen, während die CDU die 360-Grad-Kehre hingelegt hat: 2014 Grenzen zu, 2015 Grenzen auf, 2016 Grenzen zu (siehe auch Wahlkampf X – Familiennachzug)

Die Dogmatiker stellen sich gegen Limits und Prioritäten, mit der Wirkung, dass die hintenrum längst eingeführt sind. Z.B. sind Europas Grenzen dichtgemacht, und eine Priorisierung gab es von vornherein – Flüchtlingshilfe ja, Vor-Ort-Hilfe nein.

Was bei dieser Heuchelei völlig fehlt, ist eine demokratische und pragmatische Diskussion, welche und wieviel Hilfe die Allgemeinheit leisten kann und will. Angesichts der allgemeinen großen Hilfsbereitschaft ist das ein unnötiges Manko. Auf der einen Seite steht die große Hilfsbereitschaft, auf der anderen eine noch größere Hilfsbedürftigkeit, und beides kommt nicht sinnvoll zusammen.

Diskussion

Die Agenda ist belastet durch Dogmatismus ("alle sollen herkommen und integriert werden") und Lügen ("wir brauchen die Arbeitskräfte"). Das alte Sünder-Prinzip wurde neu strapaziert: Die Religion machte einst alle zu Sündern, weil sie unzüchtige Gedanken hatten. Dann gab es die Nazi-Sippenhaft, die alle Deutschen zu Nazi-Sündern erklärte. Und nun eben der Öko-, Klima- und Flüchtlings-Sündenfall, nach dem wir exklusiv die globale Verantwortung tragen.

Als Resultat gab es praktisch gar keine Diskussion, wer kommen durfte und integriert werden sollte, und wem zeitweise oder vor Ort geholfen werden konnte oder durch reine Geldzuwendungen. Aus allen Diskussionen heraus fielen diejenigen, die nicht flüchten konnten, und die am hilfsbedürftigsten sind (siehe auch „Krisenmüde“: Hilfsbereitschaft überbeansprucht – Solidarisierungspotential überreizt). Dabei gibt es wichtige Fragen zu diskutieren:

  • Soll die ganze Hilfe an die Zugereisten gehen, und die Leute vor Ort werden ignoriert?
  • Sollen wirklich die Schlepper entscheiden, wer kommt?
  • Kann nicht für das Geld, was ein zu Integrierender kostet, 10 Leuten vor Ort geholfen werden?
  • Wenn den Etablierten substantielle Einschränkungen, Umverteilungen und Verzichte auferlegt werden, müssen sie dann nicht mitreden dürfen?
  • Und muss über die Hilfsgelder nicht genauso abgestimmt werden wie über alle Haushaltspositionen?
  • Sollen Limits und Grenzen wirklich weggeheuchelt werden?
  • Muss es nicht Priorisierungen geben wie in fast allen anderen Ländern, wo das Land nach persönlichen Kriterien und nicht nach Ursprungsland entscheidet, wer einwandern darf?
  • Müssen nicht diejenigen besonders zur Hilfeleistung herangezogen werden, die das System besonders reich gemacht hat?
  • Und diejenigen, die die Flüchtlinge "generieren"?
  • Muss nicht ein Pflichtenkatalog für Migrationswillige aus Nicht-Kriegsgebieten aufgestellt werden, der den Rechtekatalog ergänzt?
  • Ist Einwanderung überhaupt eine Lösung für das afrikanische Übervölkerungsproblem?

Es gibt aber noch weiter gefasste Fragen, die aus diesem Rahmen fallen. Damit sind die ethischen Grundlagen angesprochen, die in die Hilfs-Problematik hineinregieren.

Ethisches Fundament

Anderen Menschen zu helfen, ist ein natürliches menschliches Bedürfnis. Gern und zu Unrecht nehmen die Religionen das Urheberrecht dafür in Anspruch. Gegen die Religionen gibt es aber zwei schwerwiegende Argumente:

  • Es gibt keine Religion, der weltweit alle Menschen zustimmen. Vielmehr konkurrieren die Religionen teilweise sogar gewalttätig untereinander.
  • Die Götter, auf denen die Religionen aufbauen, existieren nicht real. Sie sind Konstrukte, die nur dadurch existieren, dass Menschen sie denken (siehe Beweis für materielle Nichtexistenz Gottes). Dessenungeachtet predigt jeder Gläubige seinen Gott mit Absolutheitsanspruch, und indem jeder was anderes predigt, erbringt er sogleich den Beweis für die Subjektivität der Götter-Vorstellungen.

Das bedeutet, es gibt keine ernstzunehmende religiöse Autorität, sondern bloß viele widerstreitende Autoritätsansprüche. Die ethische Grundlage ist deshalb nicht beim Glauben zu suchen, sondern beim Verstand, sprich Wissenschaft und Technik.

Es gibt keine christliche Technik und keine muslimische Technik. Technik kann ja nicht auf irgendwelchen Phantasien aufbauen, sondern nur auf der Wirklichkeit, wie die Wissenschaft sie beschreibt. Die Technik sorgt für die materielle Freiheit des Menschen; sie befreit den Menschen vom Überlebenskampf, von Hunger und Not.

Zumindest sollte sie das tun. Die Menschenrechtserklärungen bauen unausgesprochenermaßen auf diese Leistung der Technik, nur sprechen sie das Wort Technik nicht aus. Hier wird nun dafür plädiert, nicht bloß Rechte zu postulieren, sondern auch die Gewährung der Rechte explizit zu diskutieren.

Rechte, Pflichten

Muss man allen Hilfsbedürftigen gleichermaßen helfen, oder darf man Prioritäten einführen? Kann man ihnen im Gegenzug zur Hilfe auch Pflichten auferlegen?

Beide Fragen werden aus Sicht der Dogmatiker verneint. Keine Prioritäten, keine besonderen Pflichten. Dabei gibt es die Prioritäten längst in jedem Land, das eine geordnete Einwanderungspolitik betreibt. Da ist es gang und gebe, gewünschte Einwanderer auszusuchen und die anderen nicht einwandern zu lassen. Theoretisch ist sogar das deutsche Asylrecht eine Priorisierung, nur orientiert sie sich nicht an den Bedürfnissen des Staates, sondern an denen der Flüchtlinge, und de facto bekommen letztlich alle Staatshilfe.

Bei den Pflichten gibt es die selbstverständlichen Bürgerpflichten, die für alle gelten. Darüber hinaus werden den Immigranten kaum Pflichten auferlegt, keine Pflicht zur Integration, zur Emanzipation, zur Fortschrittlichkeit. Auch keine Pflicht zur Liberalität: Konservative Muslime können sehr liberal sein, wo es ihnen passt, z.B. um andere von ihrem Glauben zu überzeugen. Umgekehrt können sie dieselbe Freiheit verdammen, wenn sie dahin führt, dass Muslime vom Glauben abfallen; manche halten Apostasie für ein todeswürdiges Vergehen.

Unter den Dogmatikern gilt die Einwanderung aus fernen Kulturen als Bereicherung. Von vielen Bürgern wird sie aber als falsch empfunden. Ihnen wird keinerlei Einflussmöglichkeit zugestanden. Selbstausgewählte Zuwanderer kommen und müssen mit unbeschränkter Rechtepalette aufgenommen werden. Das einzige, was die Bürger dürfen, ist dafür zu zahlen. Daraus entsteht erhebliche Unzufriedenheit.

Wissenschaftliches Weltbild

Hier wird nun der Vorschlag unterbreitet, das wissenschaftliche Weltbild zur Pflicht zu machen. Wer einwandern will, soll sich das zu eigen machen, oder er wird eben nicht eingebürgert. Die Forderung ist also:

  • Wer an der modernen Technik in unserer Zivilisation teilhaben möchte, möge seinen Geist für die Wissenschaft öffnen und sich die intellektuellen Grundlagen aneignen. Das Wissen eröffnet ihm neue Perspektiven auf seinen Glauben und sollte ihn von der Verdummung genauso erlösen wie von der Verdammung der Wissenskultur.
  • Wer die Wissenschaft leugnet oder den Glauben über die Wissenschaft stellt, wird in unsere Zivilisation nicht eingebürgert. Hilfe wird gewährt, temporärer Aufenthalt oder Hilfe vor Ort. Aber keine Bürgerrechte mit Wahlrecht usw.

Damit wird auch dem Problem der Verbreitung insuffizienter Kulturen begegnet. Viele Einwandernde fliehen ja vor den Defiziten ihrer Kultur, die den Staat zuhause unerträglich machen. Zugleich wollen sie diese Kultur mitnehmen und hier danach leben. Das sollte nicht unterstützt werden.

Argumente

Klarerweise verstößt das gegen den vorherrschenden Dogmatismus, nach dem es keine Menschen zweiter Klasse geben darf und nach dem jeder seine Kultur bei uns ausleben darf. Im Extremfall der Einwanderungsgesellschaft gilt die bedingungslose Gleichstellung von Menschen aus aller Welt mit den Einheimischen. Niemand wird ausgeschlossen, und alle Einwanderer "mehren den kulturellen Reichtum". Es sei humanitäre Verpflichtung, die Flüchtlinge aufzunehmen und ihnen die Staatsangehörigkeit zu schenken.

Das stimmt aber nicht und wird so extrem nicht mal von der Flüchtlingskonvention verlangt. Die humanistische Verpflichtung ist doch nur, Flüchtlingen zu helfen und ihnen einen sicheren Platz zu verschaffen, der nicht unbedingt bei uns sein muss. Besser ist die Hilfe vor Ort gemäß der Menschenrechtskonventionen.

Was die dogmatische Argumentation ganz aushebelt, ist die Tatsache, dass der Anspruch maximale Rechte für alle de facto zu besonders ungerechten Priorisierungen führt. Wo nicht abgewogen werden darf, gibt es keine ausgewogenen Prioritäten. Wo der Dogmatismus die allgemeine Hilfsbereitschaft überfordert, wird die Hilfe von den medial Bestverkauften abgeräumt, und bei denen vor Ort kommt nichts mehr an.

Mag sein, dass die Vorschläge mit Grenzen, Prioritäten und wissenschaftlicher Weltbildpflicht vielen nicht gefallen. Wer aber ehrlich ist, muss ihnen zugestehen, dass sie für mehr Gerechtigkeit und letztlich bessere Hilfe stehen. Unterm Strich ist der Dogmatismus dem Pragmatismus immer unterlegen: Dogmatismus heißt das Beste wollen, Pragmatismus heißt das Beste draus machen.

 

 

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Pragmatische Überlegungen zur Flüchtlingshilfe I


think-2234711_1280Abseits vom Streit um die Immigration sollen hier ein paar Gedanken verfolgt werden, die vielleicht etwas Klarheit in die Positionen bringen können. Was derzeit darüber geschrieben wird, läuft oft auf Kritik an der real existierenden Flüchtlingshilfe hinaus. Und dann sind da natürlich noch die unguten Kriminalitätszahlen – unten sind ein paar Links dazu versammelt. Zunächst aber geht es um grundsätzliche Gedanken (Bild: jbmacros67, pixabay).

Besonders grundsätzlich wird es im zweiten Teil des Artikels, wo das ethische Fundament zur Sprache kommen soll. Zunächst wird aber hier von zwei Ansätzen ausgegangen, die sich konträr gegenüberstehen, und die aus ganz verschiedenen Quellen motiviert sind:

  • Gefühl: Viele Menschen haben sich von der Welle der Hilfsbereitschaft tragen lassen, als die Welle der Immigranten kam. Der Vorteil des gefühlsmäßigen Engagements liegt darin, dass etwas in Bewegung kommt, dass ein Problembewusstsein entsteht, und dass Hilfsbereitschaft aufgebaut wird, wo so lange Leere war. Die reale Behandlung der Probleme auf Gefühlsbasis ist allerdings ineffizient, dogmatisch und ungerecht (siehe u.a.„Krisenmüde“: Hilfsbereitschaft überbeansprucht – Solidarisierungspotential überreizt)
  • Verstand: In einer Welt, wo alle Ressourcen begrenzt sind, sind auch die seriösen ökonomischen Etats begrenzt. Bei verstandesorientierter Handlungsweise müssen Grenzen und Prioritäten beachtet werden, auch wenn das dem vorherrschenden Dogmatismus widerspricht. De facto gibt's ja nun eine undemokratisch eingeführte Grenzziehung. Und es gab von vornherein eine Priorisierung, die nur jenen selbstausgewählten Privilegierten das volle Hilfsprogramm zugesteht, die per Schlepperhilfe anreisen können. Vernünftiger wäre die Überlegung, wie man mit den begrenzten Hilfsetats die beste Hilfe für die Bedürftigsten schafft.

Allein auf Verstandesbasis tut sich allerdings kaum was. Jeder weiß schon lange um die Mißstände und Probleme, ohne dass es adäquate Hilfe gegeben hätte. Es gibt sogar Organisationen, die Hilfeleistungen für die Allerbedürftigsten kanalisieren. Aber das ist mehr ein Geheimtip für diejenigen, die für ihre Hilfsgelder optimale Wirkung anstreben. Generell wird viel Hilfsgeld suboptimal ausgegeben. Deshalb ist der Willkommens-Gefühlsaufruhr ein nützliches Feature, um Hilfeleistungen überhaupt in Gang zu bringen. Wenn aber die Hilfsbereitschaft aufgebaut ist, wird es Zeit für Pragmatismus.

A – Ist-Zustand

Kriegstreiberei, Ausbeutung und Klimawandel von außen, Kleptokratie, Übervölkerung und Umweltzerstörung von innen – damit ist der Zustand von einigen Staaten umrissen. Hier muss nicht diskutiert werden, ob der Krieg von den USA, der Nato, Großbritannien, Frankreich, Russland, Saudi-Arabien oder der ISIS hineingetragen wird, oder ob er interne Ursachen hat. Hier spielt auch keine Rolle, inwieweit Fundamentalismus, Ignoranz, Ineffizienz und Korruption die Zustände verschlimmern, und inwiefern das internationale Bankensystem dabei mithilft.

Real ist, dass Millionen Menschen vor den heimischen Zuständen fliehen, die meisten innerhalb ihres Landes, viele aber auch über die Grenzen hinweg. Das Motiv muss durchaus nicht immer eine Notlage sein. Oft ist es auch der Versuch, bessere Lebensumstände zu erlangen.

B – Soll-Zustand

Wie es sein soll, ist in verschiedenen Konventionen niedergelegt:

  1. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte  postuliert für jeden das Recht auf einen bekömmlichen Lebensstandard, spricht aber auch von jedermanns Pflichten gegenüber der "Gemeinschaft". Es wird offengelassen, auf welches Land und auf welche Gemeinschaft sich das bezieht oder ob immer das eigene Land und die eigene Gemeinschaft gemeint sind.
  2. Die Europäische Menschenrechtskonvention definiert allgemeine Rechte und Freiheiten, das Verbot von Diskriminierung und Missbrauch. Wenn von Pflichten die Rede ist, sind immer die Pflichten des Staats gemeint. Die Menschenrechte von 1. und 2. sind logisch vorgeordnet, weil sie Hilfe vor Ort verlangen, ehe geflüchtet wird.
  3. Die Genfer Flüchtlingskonvention beschreibt, wer als Flüchtling gilt und welche Rechte ihm zustehen. Es ist sogar von Pflichten die Rede: Jeder Flüchtling hat gegenüber dem Land, in dem er sich befindet, Pflichten, zu denen insbesondere der Verpflichtung gehört, die Gesetze und sonstigen Rechtsvorschriften sowie die zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung getroffenen Maßnahmen zu beachten.
    Ursprünglich galt die Flüchtlingskonvention für politische Flüchtlinge, dann auch für Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge. Sie ist logisch nachgeordnet, weil sie Hilfe nur für diejenigen verlangt, die schon geflüchtet sind. Ihnen wird übrigens nicht das Recht zugestanden, selber das Land auszusuchen, von dem sie Hilfe wollen, wenn sie auf dem Weg dahin durch andere sichere Plätze kommen. Dafür heißt es aber, die … Staaten werden so weit wie möglich die Eingliederung und Einbürgerung der Flüchtlinge erleichtern.
  4. Das deutsche Asylrecht baut auf diesen Grundlagen ein aufwendiges, willkürliches, missbräuchliches und letztlich nutzloses Procedere auf, wo die Anerkennung als Asylant an Ursprungsländer gekoppelt ist (Afghanistan nein, Syrien ja). Aber ein weggeworfener Pass, Schwangerschaft oder die Konvertierung zum Christentum (Links unten) helfen auch. Die meisten Flüchtlinge kommen nicht direkt aus Kriegsgebieten, sondern aus Flüchtlingslagern und hätten von daher keinen Anspruch auf Hilfe nach 3. Erst recht nicht diejenigen, die aus sicherer Existenz in Nachbarstaaten kommen und teils sogar vermögend sind.
    Ohnehin bedeutet Nichtanerkennung nur, dass es mit anderen Hilfsangeboten weitergeht, statt Asyl eben mit "subsidiärem Schutz", Abschiebungsverbot oder sonstigem Duldungsstatus, der später zum Daueraufenthaltsrecht wird – obwohl das Asylrecht eigentlich nur einen zeitlich begrenzten Aufenthalt gewährt.
    Als Topleistung darf der Familiennachzug gelten, der Anker in Form von jungen Männern und unbegeleiteten Jugendlichen schafft. Nach deutschem Asylrecht dürfen die ihre Familie nachholen, was ein schiefes Licht auf die anerkannten Fluchtursachen wirft: Wenn die Familie zuhause abwarten kann, handelt es sich wohl kaum um erzwungene Flucht, sondern um kalkulierte Lebensverbesserungsmaßnahmen. Übrigens kennen 1., 2. und 3. weder den Begriff Anker noch Familiennachzug. Die Familie soll geschützt werden, ja, aber dass sie nachkommen soll, gehört zur Überhöhung des deutschen Asylrechts.
  5. Wo nun vom Missbrauch der Flüchtlingsrechte die Rede ist, könnte man die 5. Kolonne erwähnen, die von der Türkei und arabischen Staaten wie Saudi-Arabien aus aufgebaut werden soll. Doch nur 20% der Türkischstämmigen hören auf die Ditib und ähnliche Indoktrinierer und Integrationsverhinderer. Eher sind die Parallelgesellschaften zu fürchten, die einen weiteren Missbrauch darstellen.

C – Wie kommt man von A nach B?

Die Forderungen aus 1., 2. und 3. (Menschenrechte und Flüchtlingskonvention) sind unangefochten wünschenswert, auch wenn es Probleme durch das Ungleichgewicht zwischen den postulierten Rechten und der Gewährung dieser Rechte gibt. Solange es sich um eine begrenzte Zahl von Flüchtlingen handelt, tritt das Problem noch nicht auf.

Aber es gibt ein Problem der Zahl. Wenn Hunderttausende oder Millionen von Flüchtlingen kommen, werden bei den Einheimischen substantielle Einschränkungen, Umverteilungen und Verzichte fällig. Dann geht es nicht mehr ohne Grenzen und Priorisierungen, denn Haushaltsgelder können nur einmal ausgegeben werden.

Bei 4. (Asylrecht) wird die wohlmeinende Grundlage zu einer Übererfüllung. Zuerst das Dogma, Grenzen auf, alle können herkommen, dann das Dogma, alle müssen integriert werden, und ihre Familien dazu. Das erste Dogma ist von der CDU stillschweigend begraben, lebt aber weiter bei SPD, Grünen und Linken. Das zweite Dogma gilt noch, zumindest die erste Hälfte. Gegenwärtig ist der Familiennachzug ausgesetzt, weil die Allgemeinheit den nicht akzeptieren mag, und weil bald Wahl ist.

Solche Entscheidungen gehören aber nicht einfach postuliert, sondern demokratisch diskutiert. Der Souverän ist das Volk, nicht das Grundgesetz, nicht die Menschenrechtskonventionen und schon gar nicht die Regierungspolitiker.

Über 5. (5. Kolonne) muss nicht diskutiert werden, das wünscht kaum jemand im Land. Als Folgerung ergibt sich dabei der Imperativ, dass der Staat über die Agenda wachen muss. Indoktrinierung von außen her muss verboten sein. Die Religionsfreiheit darf nicht über der Staatsraison stehen.

Hilfe in Gang

Bleibt festzustellen, dass schon viel getan wird. Die mentale Mobilisierung war erfolgreich, die Hilfsbereitschaft ist groß. Nun geht es darum, die Hilfsanstrengungen in die richtige Richtung zu bringen. Dazu muss man den Profiteuren aus der Flüchtlingshilfeindustrie (Schlepper, Vermieter …) Grenzen aufzeigen, und die Zwecklügerei ("wir brauchen die Arbeitskräfte")  beenden. Und die Dogmen gehören komplett geschleift.

Den Menschenrechten ist ja mit vorübergehenden Hilfsmaßnahmen Genüge getan, die auslaufen, wenn die Fluchtursachen enden. Wenn man die Menschenrechtskonventionen ernstnimmt, müssen die Fluchtursachen beseitigt werden, und die Hilfe muss vor Ort erfolgen.

Allmählich werden pragmatische Überlegungen salonfähig, bei denen in Kosten-Nutzen-Kategorien gedacht wird, und wo überlegt wird, wie die knappen Hilfsgelder am besten eingesetzt werden können. Und woher die Hilfsgelder kommen – es fehlt noch die Überlegung, dass die Verursacher von den Ausbeutungs-Verhältnissen und die superreichen Profiteure besonders herangezogen werden müssen. Auch die staatlichen Bombenwerfer, die so viele Flüchtlinge "generieren", gehören zur Flüchtlingshilfe herangezogen.

Was außerdem fehlt, ist ein Pflichtenkatalog für die Wirtschaftsflucht-Aspiranten. Nirgends ist die Rede von wünschenswerten Bemühungen zur Geburtenbeschränkung, wo Übervölkerung herrscht. Nirgends ist die Rede von den Pflichten zuhause, um dort einen gedeihlichen Staat aufzubauen.

Einwanderung ist nicht die Lösung

Diese Überlegungen schlagen sich inzwischen in der Diskussion nieder, warum Einwanderung nicht die globalen Probleme löst. Die Argumentation fußt vor allem darauf, dass nur bessergestellte Flüchtlinge die Schlepperkosten aufbringen können, eine Elite, die zuhause mehr bewirken könnte. Man mag gegenrechnen, dass die meisten Immigranten Geld nach Hause schicken und damit Hilfe leisten. Aber viel Geld geht für den Overhead drauf, der hierzulande alles teuer macht. Das ist ein starkes Argument dafür, Geld direkt an die Menschen vor Ort zu verteilen anstelle der herkömmlichen Entwicklungshilfe. Dann hat jeder Euro den zehnfachen Nutzen.

Das zweite Argument ist natürlich die Zahl. In Afrika herrscht immer noch Bevölkerungsexplosion. Immer noch kommen weltweit jährlich 80 Millionen Menschen dazu, die meisten in Afrika. Wenn 1 Million von dort auswandert, macht es kaum einen Unterschied. Das löst dort kein Problem, aber es schafft hier welche.


Um das ethische Fundament geht es in Pragmatische Überlegungen zur Flüchtlingshilfe II (ab 10.5.)

Links von wb zum Thema:

Fremde Links:

  • Glaubenswechsel zum Christentum begründet Asylrecht in Deutschland (JURAFORUM 11.10.16): Wechselt ein iranischer Asylbewerber in Deutschland vom muslimischen zum christlichen Glauben über, kann dies einen Asylanspruch begründen. Voraussetzung hierfür ist, dass der neue Glauben des Flüchtlings tatsächlich Teil seiner religiösen Identität geworden ist, entschied das Verwaltungsgericht Augsburg in einem am 6. Oktober 2016 veröffentlichten Urteil (Az.: Au 5 K 16.30957). Bei einer Rückkehr in den Iran drohe ihm religiöse Verfolgung.
  • Eine Verschwörungstheorie mit den "Linksgrünen", die auf Allahs Anhänger reinfallen (Thema 5. Kolonne) – Die Feinde Europas – Linksgrüne arbeiten mit den Islamisten zusammen. Über den Anschlag auf die europäische Identität. (Basler Zeitung 20.2.): Der Hintergrund ist der zunehmende Anteil von Migranten aus Afrika, Asien und dem Nahen Osten an der Gesamtbevölkerung Europas. Es wird zwar nicht gerne gehört und gilt als politisch nicht korrekt, und doch ist es wahr, dass die Neuankömmlinge eher Ansprüche stellen und weniger geneigt sind, wertemässig Europäer zu werden; sie verstärken eher den Trend, die europäische Identität infrage zu stellen. Unter der Maske beziehungsweise dem Vorwand, eine humanitäre Politik gegenüber den Flüchtlingen zu betreiben, würden die "Linksgrünen" demnach diesen Trend unterstützen. Die individuelle Bestimmung des Menschen werde als zentrale Leistung Europas dargelegt – diese Vorstellung gebe es im Islam nicht. Im Islam sei der Mensch ein Bestandteil des Umma-Kollektivs, das heisst der Weltgemeinde des Islam. 
  • Nochmal das Thema Blindheit gegenüber dem Islam (Thema 5. Kolonne) – Mohammeds leichtgläubige Sympathisanten (The European 2.5.): Die „Verdammten dieser Erde“, wie es in der Internationalen heißt, sind endlich da! Demnach kann man sich in Deutschland für die Rechte von Homosexuellen einsetzen, aus kultureller Rücksichtsname aber trotzdem darüber hinwegsehen, dass Schwule und Lesben es fast überall unter dem Halbmond äußerst schwer haben. Man kann sich auch im eigenen Atheismus einrichten, aber Zwangsbeschneidungen unter Brauchtum subsumieren. Man lebt auch die eigene Promiskuität fröhlich aus, billigt aber aus irgendeinem absurden gedanklichen Antiimperialismus heraus die drakonischen Strafen, die der Koran für Ehebruch vorsieht.
  • Zum Thema Kriminalität – Bericht des BKA Zahl der tatverdächtigen Zuwanderer steigt um 52,7 Prozent (WELT N24 23.4.). Demnach machen die Zuwanderer höchstens 2% der Gesamtbevölkerung in Deutschland aus, während die  tatverdächtigen Zuwanderer 8,6% der tatverdächtigen Gesamtbevölkerung stellen. Nicht berücksichtigt ist dabei die Tatsache, dass die meisten Zuwanderer junge Männer sind. Es fehlt also die Gegenüberstellung der tatverdächtigen Zuwanderer zu den tatverdächtigen jungen Männern – und da dürften 2% rauskommen.
  • Dasselbe Thema reißerisch – Germany Hit By Merkel's Imported Crime Wave (ZERO HEDGE 3.5.): In a sane world, the government would take steps to protect its own citizens from such "protection-seekers". Not in Merkel's Germany.



Wahlkampf XI - Leitkultur-Debatte


doll-1820543_1280Unser Innenminister Maziere wollte mit einem Thesenkatalog zur Leitkultur Punkte sammeln. Die Thesen sind unten komplett wiedergegeben. Sie stießen auf einige Kritik und erfüllten so ihren Wahlkampf-Zweck (Bild: geralt, pixabay). Zwei Zeit-Artikel umreißen das Thema ganz gut, ein Bericht und eine Replik:

Bei wissenbloggt wird die Replik des Zeit-Redakteurs Ludwig Greven referiert. Dabei wird ergänzend angemerkt, was wb an den Punkten und an der Replik hervorheben möchte oder nicht akzeptabel findet.

Die Replik sieht die "angebliche deutsche Leitkultur" zunächst als Gegenbild zum Multikulturalismus. Den "Reizbegriff" habe der CDU-Politiker Merz vor ca. 20 Jahren in die Debatte eingebracht. Die Kanzlerin Merkel bereicherte ihn durch ihre "christlich-jüdische Leitkultur" (wb), und nun darf der Innenminister dran, um für die CDU ein paar AfD-Wähler "abzugreifen", die durch die Massenzuwanderung der vergangenen Jahre "auf den Zinnen" sind.

Kulturnation

Greven bezeichnet den Minister ironisch als Wahrer "unverbrüchlicher nationaler Werte". Was da in den 10 Punkten steht, seien oft nur Platitüden, manches sei schräg, manches fragwürdig, einiges bloß Blödsinn. Z.B. dass bei einem Festakt oder Schuljubiläum Musik gespielt wird (Punkt 5.), zeige nicht unbedingt, dass wir eine "Kulturnation" sind. Fähnchenschwenken sei auch nicht unbedingt Ausdruck eines "aufgeklärten Patriotismus". Und ganz übel: der "Leistungsgedanke" (Punkt 3.), als ob der nur bei uns grassierte. Kindergartenmäßig sei die Feststellung, "Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns die Hand zur Begrüßung" (Punkt 1.).

Alles nur Wahlkampfgetöse?  Die Leitkultur-Debatte habe schon in der Vergangenheit nicht der Integration gedient, sondern dem Ausgrenzen. Die Frage nach dem "Wer sind wir?" übersetzt sich dann in "Wer gehört nicht dazu?" Es geht also weniger darum, uns selber zu beschreiben, sondern darum, anderen Vorschriften zu machen, um sie für uns passend zu machen (wb).

Zuwanderung

Immerhin konzediert Greven, die starke Zuwanderung seit Beginn der Flüchtlingskrise habe unbestreitbar zu einer erheblichen Verunsicherung in Deutschland geführt, sogar in aufgeschlossenen Kreisen. Da käme bei vielen die Frage hoch, "Was gilt bei uns noch? Was darf man denken und noch laut sagen?"

Die Kölner Silvesternacht habe nach der Anfangseuphorie der Willkommenskultur von 2015 wie ein Schock gewirkt. Vielen wurde da erst klar, dass die Menschen nicht bloß vor Krieg, Gewalt oder Not geflüchtet sind, sondern dass darunter auch viele sind, die aus ganz anderen Gründen gekommen sind. Auch solche, so beschönigt der Artikel, die mit den "sozialen Normen und Werten, die wir zum Glück ganz überwiegend teilen", nichts oder wenig am Hut haben.

Da ist sie also wieder, die Leitkultur, auch wenn sie nun anders heißt. Vielleicht sollte man Snuw sagen für "soziale Normen und Werte". Also, wir haben vielleicht keine Leitkultur, aber gemeinsame Snuw. Als Beispiel genannt: Würde und Gleichwertigkeit der Frau.

Das Händeschütteln dagegen nicht so sehr. Was die Jugendlichen heute machen, ist mehr so eine Art Faustgymnastik. Aber es geht um die Verweigerung des Handschlags, der durchaus eine missachtende Bedeutung haben kann (Punkt 1.). Wenn ein arabischer oder türkischer Vater der Lehrerin seines Kindes den Handschlag verweigert, dann äußert sich Frauenverachtung. Nach Ansicht traditioneller muslimischer Männer hat weibliches Personal seinen Kindern nichts zu sagen.

Macho

Dazu kommt das betont aggressive Auftreten von männlichen Migranten und sogar Eingebürgerten (wb) im öffentlichen Raum. Darin zeigt sich nicht bloß "krasses adoleszentes Verhalten", sondern auch Machogehabe. Und das wird nicht nur in der fernen Heimat tradiert, wie Greven richtig sagt, es kommt neuerdings auch hierzulande auf (wb).

Ganz recht, so eine Gewaltkultur sollte bei uns keinen Raum haben. Auch nicht die Burka-Kultur. Man erschrecke, wenn man Burkas in einer deutschen Großstadt sieht. Also, das Gesicht zu zeigen gehöre ohne Zweifel zu den Errungenschaften unserer westlichen Kultur (Punkt 1.). Es sollte in den Schulen und in Ämtern genauso selbstverständlich sein, sagt der Autor, wie im Internet, wo sich viele hinter einem Pseudonym verbergen.

Auch die Unterdrückung von Minderheiten werde aus vielen fremden Zivilisationen mitgebracht, und das, wo man endlich die ganz konservativen Deutschen davon abbringt. Dass manche Deutsche noch immer so rückschrittlich denken, sei keine Rechtfertigung, es Migranten durchgehen zu lassen.

Regeln

Aber es gibt natürlich keine einheitliche deutsche Kultur, nur ein bisschen Snuw. Ansonsten viele Subkulturen mit unterschiedlichen Lebensstilen. Das Problem sind die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln. Das heißt, die geschriebenen Regeln sind eigentlich klar, sprich Recht, Gesetz, Grundgesetz. Die sind nicht verhandelbar und müssen notfalls mit Gewalt und Strafen durchgesetzt werden.

Die ungeschriebenen Normen sind variabel. Sie sind Ergebnis des permanenten gesellschaftlichen Diskurses. Sie können nur vorgelebt werden, in  Familien, in Schulen, in der Politik. Diese Regeln sollen quer durchs Land gelten, und sogar quer durch Europa. Wo sie nicht spezifisch deutsch sind, da bilden sie das "verbindende Ethos einer westlichen, offenen, christlich geprägten Kultur". Noch ein paar Schlagworte: Toleranz, Respekt, Gleichberechtigung, die Würde des Individuums.

Also, die sozialen Regeln sind nicht starr. Das, was man tun sollte und nicht unbedingt tun muss, ist veränderlich. Von daher kann es keine für alle Zeiten festgeschriebene "Leitkultur" geben. Das heißt nicht, dass man nicht darüber streiten sollte, welche Verhaltensweisen erwünscht sind. Der Autor lädt alle zu dieser Debatte ein, Feministinnen, Konservative, Einheimische, Eingewanderte, Christen, Muslime und Ungläubige.

Ängste seien da zu bezwingen, die Furcht vor fremden Kulturen, vor anderen Religion, vor "angeblicher kultureller Überfremdung". Um gesellschaftlichen Frieden zu bewahren bzw. neu zu stiften, sei eine Debatte über verbindende soziale Spielregeln sinnvoll, natürlich über die rechtlichen Mindestvorschriften hinaus. Wenn also keine Leitkultur-Debatte, dann eine Snuw-Debatte – und die solle man nicht "einseitigen Kulturbannerträgern" überlassen – soweit Greven.

Nett

Er bleibt dabei auf der netten Seite, wo es nur um solche oder solche Kultur geht. Es ist nicht die Rede von der Ruhestörung, die viele Deutsche angesichts von nachtaktiven Zugewanderten empfinden, von der Ignoranz der deutschen Müllverdelungsvorschriften und schon gar nicht vom Geld. Aber fremde Kulturen reinholen heißt fremde Menschen reinholen, und die meisten davon muss der Staat alimentieren.

Das wäre nun ein Punkt für die Leitkultur, inwieweit die weltweite Flüchtlingshilfe unabhängig von den nationalen Kosten gesehen werden kann. Die meisten Leute erleben schließlich jeden Monat, wie schnell das Geld zuendegeht. Deshalb denkt auch die Mehrheit in Etats: Soviel Geld können wir aufbringen, und dafür wollen wir die bestmögliche Hilfe schaffen. Dass erstmal Ansprüche angesammelt werden, und dann macht man sich Gedanken darüber, wie die befriedigt werden können, ist eine undeutsche Eigenart. Die muss heftig beworben werden, damit die Banken ihr Geschäft darauf basieren können (nehmt Kredite, macht Schulden). Dass die Politik ständig so handelt, macht es nicht deutscher.

Veraltet

Was bei der 10-Punkte-Kritik ganz untergeht, ist der beklemmende Anhauch aus dem Gartenzwerg-Land, wo sich die letzten 50 Jahre nix geändert hat. Wie sollen die deutschen Jugendlichen zu "Pa­tri­oten" werden, wenn ihnen ständig das "Bekenntnis zu den tiefs­ten Tie­fen un­se­rer Ge­schich­te" abverlangt wird? (Punkt 4.)

Inzwischen sind 2/3 der deutschen Jugend areligiös. Die Mehrheit glaubt der Religion nicht mehr (Punkt 6.). Die Vorstellung von einer christlichen Leitkultur ist sowieso 500 Jahre überkommen. Da fehlt die Aufklärung (die findet sich nur bei den "auf­ge­klär­ten Pa­trio­tien" von Punkt 4.).

Aber es fehlt auch jede Erwähnung, dass wir in einer weltweiten wissenschaflich-technischen Leitkultur leben, wo die Technik alles umwälzt und sich in einen ethosfreien Raum hinein entwickelt. Dadurch haben wir eine weltweite Ausbeutungskultur – unser Land ist maßgeblich von Wissenschaft, Technik und Kommerz geprägt, und nicht mehr von der Religion. 

Für Europa (Punkt 9.) fehlt die Erwähnung der Menschenrechte, die zu den wichtigsten Bestimmungsgrößen der deutschen, europäischen und "westlichen" Leitkultur gehören. Die klassische Hochkultur (Punkt 5.) ist gut und schön, aber es gibt auch eine weltweite Popkultur. Die Jugend ist in einer weltweiten Party-Kultur zuhause, viele verstehen unter Selbstverwirklichung das Abhotten.

Sowas kommt bei den 10 Punkten nicht vor. Ob weltweit, europäisch oder deutsch, da fehlen die wichtigsten Entwicklungen der letzten 50 Jahre. Und was ist mit den Punkten, die unser Land besonders beeinflusst haben, mit Emanzipation, Enttabuisierung, Entglaubung? Die sind auf der Agenda des Ministers nicht präsent. Dabei sind das die Punkte, die unsere Leitkultur anderen Kulturen voraus hat, und genau diese Punkte sind es, die es zu verteidigen gilt.

 

Links dazu:

Die 10 Thesen des Ministers (Quelle: dpa/BamS):

  1. Gesicht zeigen
    Wir legen Wert auf ei­ni­ge so­zia­le Ge­wohn­hei­ten, nicht weil sie In­halt, son­dern weil sie Aus­druck einer be­stimmten Hal­tung sind: Wir sagen un­se­ren Namen. Wir geben uns zur Be­grü­ßung die Hand. Bei De­mons­tra­tio­nen haben wir ein Ver­mum­mungs­ver­bot. "Ge­sicht zei­gen" – das ist Aus­druck un­se­res de­mo­kra­ti­schen Mit­ein­an­ders. Im All­tag ist es für uns von Be­deu­tung, ob wir bei un­se­ren Ge­sprächs­part­nern in ein freund­li­ches oder ein trau­ri­ges Ge­sicht bli­cken. Wir sind eine of­fe­ne Ge­sell­schaft. Wir zei­gen unser Ge­sicht. Wir sind nicht Burka.
  2. Bildung
    Wir sehen Bil­dung und Er­zie­hung als Wert und nicht al­lein als In­stru­ment. Schü­ler ler­nen – manch­mal zu ihrem Unver­ständ­nis – auch das, was sie im spä­te­ren Berufsleben wenig brau­chen. Ei­ni­ge for­dern daher, Schu­le solle stär­ker auf spä­te­re Be­ru­fe vor­be­rei­ten. Das entspricht aber nicht un­se­rem Ver­ständ­nis von Bil­dung. All­ge­mein­bil­dung hat einen Wert für sich. Die­ses Bewusstsein prägt unser Land.
  3. Leistung
    Wir sehen Leis­tung als etwas an, auf das jeder Ein­zel­ne stolz sein kann. Über­all: im Sport, in der Ge­sell­schaft, in der Wis­sen­schaft, in der Po­li­tik oder in der Wirt­schaft. Wir for­dern Leis­tung. Leis­tung und Qua­li­tät brin­gen Wohlstand. Der Leis­tungs­ge­dan­ke hat unser Land stark ge­macht. Wir leis­ten auch Hilfe, haben so­zia­le Sicherungs­sys­te­me und bie­ten Men­schen, die Hilfe brauchen, die Hilfe der Ge­sell­schaft an. Als Land wol­len wir uns das leis­ten und als Land kön­nen wir uns das leisten. Auch auf diese Leis­tung sind wir stolz.
  4. Traditionen
    Wir sind Erben un­se­rer Ge­schich­te mit all ihren Höhen und Tie­fen. Un­se­re Ver­gan­gen­heit prägt un­se­re Gegenwart und un­se­re Kul­tur. Wir sind Erben un­se­rer deut­schen Ge­schich­te. Für uns ist sie ein Rin­gen um die Deut­sche Ein­heit in Frei­heit und Frie­den mit un­se­ren Nach­barn, das Zu­sam­men­wach­sen der Län­der zu einem fö­de­ra­len Staat, das Rin­gen um Frei­heit und das Bekenntnis zu den tiefs­ten Tie­fen un­se­rer Ge­schich­te. Dazu ge­hört auch ein be­son­de­res Ver­hält­nis zum Existenz­recht Is­raels.
  5. Kultur
    Wir sind Kul­tur­na­ti­on. Kaum ein Land ist so ge­prägt von Kul­tur und Phi­lo­so­phie wie Deutsch­land. Deutsch­land hat gro­ßen Ein­fluss auf die kul­tu­rel­le Ent­wick­lung der gan­zen Welt ge­nom­men. Bach und Goe­the "ge­hö­ren" der gan­zen Welt und waren Deut­sche. Wir haben unser ei­ge­nes Verständ­nis vom Stel­len­wert der Kul­tur in un­se­rer Gesellschaft. Es ist selbst­ver­ständ­lich, dass bei einem poli­ti­schen Fest­akt oder bei einem Schul­ju­bi­lä­um Musik ge­spielt wird. Bei der Er­öff­nung eines gro­ßen Konzerthauses sind – wie selbst­ver­ständ­lich – Bundesprä­si­dent, Ver­tre­ter aus Re­gie­rung, Par­la­ment, Recht­spre­chung und Ge­sell­schaft vor Ort. Kaum ein Land hat zudem so viele Thea­ter pro Ein­woh­ner wie Deutschland. Jeder Land­kreis ist stolz auf seine Musikschu­le. Kul­tur in einem wei­ten Sinne, unser Blick dar­auf und das, was wir dafür tun, auch das ge­hört zu uns.
  6. Religion
    In un­se­rem Land ist Re­li­gi­on Kitt und nicht Keil der Gesellschaft. Dafür ste­hen in un­se­rem Land die Kir­chen mit ihrem un­er­müd­li­chen Ein­satz für die Ge­sell­schaft. Sie ste­hen für die­sen Kitt – sie ver­bin­den Men­schen, nicht nur im Glau­ben, son­dern auch im täg­li­chen Leben, in Kitas und Schu­len, in Al­ten­hei­men und ak­ti­ver Ge­mein­de­ar­beit. Ein sol­cher Kitt für un­se­re Ge­sell­schaft ent­steht in der christ­li­chen Kir­che, in der Syn­ago­ge und in der Mo­schee. Wir er­in­nern in die­sem Jahr an 500 Jahre Re­for­ma­ti­on.
    Für die Tren­nung der christ­li­chen Kir­chen hat Eu­ro­pa, hat Deutsch­land einen hohen Preis ge­zahlt. Mit Krie­gen und jahr­hun­der­te­lan­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Deutsch­land ist von einem be­son­de­ren Staat-Kir­chen-Ver­hält­nis geprägt. Unser Staat ist welt­an­schau­lich neu­tral, aber den Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten freund­lich zugewandt. Kirch­li­che Fei­er­ta­ge prä­gen den Rhyth­mus un­se­rer Jahre. Kirch­tür­me prä­gen un­se­re Land­schaft. Unser Land ist christ­lich ge­prägt. Wir leben im re­li­giö­sen Frie­den. Und die Grund­la­ge dafür ist der un­be­ding­te Vorrang des Rechts über alle re­li­giö­sen Re­geln im staatlichen und ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­le­ben.
  7. Zivilkultur
    Wir haben in un­se­rem Land eine Zi­vil­kul­tur bei der Regelung von Kon­flik­ten. Der Kom­pro­miss ist kon­sti­tu­tiv für die De­mo­kra­tie und unser Land. Viel­leicht sind wir stärker eine kon­sens­ori­en­tier­te Ge­sell­schaft als an­de­re Ge­sell­schaf­ten des Wes­tens. Zum Mehr­heits­prin­zip gehört der Min­der­hei­ten­schutz. Wir stö­ren uns daran, dass da ei­ni­ges ins Rut­schen ge­ra­ten ist. Für uns sind Re­spekt und To­le­ranz wich­tig. Wir ak­zep­tie­ren unterschied­li­che Le­bens­for­men und wer dies ab­lehnt, stellt sich au­ßer­halb eines gro­ßen Kon­sen­ses. Ge­walt wird weder bei De­mons­tra­tio­nen noch an an­de­rer Stel­le ge­sell­schaft­lich ak­zep­tiert. Wir ver­knüp­fen Vor­stel­lun­gen von Ehre nicht mit Ge­walt.
  8. Aufgeklärter Patriotismus
    Wir sind auf­ge­klär­te Pa­trio­ten. Ein auf­ge­klär­ter Pa­tri­ot liebt sein Land und hasst nicht an­de­re. Auch wir Deutschen kön­nen es sein. "Und weil wir dies Land verbes­sern, lie­ben und be­schir­men wir‘s. Und das liebs­te mag‘s uns schei­nen, so wie an­dern Völ­kern ihrs, so heißt es in der Kin­der­hym­ne von Bert Brecht. Ja, wir hat­ten Proble­me mit un­se­rem Pa­trio­tis­mus. Mal wurde er zum Na­tio­na­lis­mus, mal trau­ten sich viele nicht, sich zu Deutsch­land zu be­ken­nen. All das ist vor­bei, vor allem in der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on. Un­se­re Na­tio­nal­fah­ne und unsere Na­tio­nal­hym­ne sind selbst­ver­ständ­li­cher Teil unseres Pa­trio­tis­mus: Ei­nig­keit und Recht und Frei­heit.
  9. Teil Europas
    Unser Land hatte viele Zä­su­ren zu be­wäl­ti­gen. Ei­ni­ge davon waren mit Grund­ent­schei­dun­gen ver­bun­den. Eine der wich­tigs­ten lau­tet: Wir sind Teil des Wes­tens. Kul­tu­rell, geis­tig und po­li­tisch. Die NATO schützt un­se­re Frei­heit. Sie ver­bin­det uns mit den USA, un­se­rem wich­tigs­ten außer­eu­ro­päi­schen Freund und Part­ner. Als Deut­sche sind wir immer auch Eu­ro­pä­er. Deut­sche In­ter­es­sen sind oft am bes­ten durch Eu­ro­pa zu ver­tre­ten und zu verwirklichen. Um­ge­kehrt wird Eu­ro­pa ohne ein star­kes Deutsch­land nicht ge­dei­hen. Wir sind viel­leicht das europäischs­te Land in Eu­ro­pa – kein Land hat mehr Nach­barn als Deutsch­land. Die geo­gra­fi­sche Mit­tel­la­ge hat uns über Jahr­hun­der­te mit un­se­ren Nach­barn ge­formt, frü­her im Schwie­ri­gen, jetzt im Guten. Das prägt unser Den­ken und un­se­re Po­li­tik.
  10. Kollektives Gedächtnis
    Wir haben ein ge­mein­sa­mes kol­lek­ti­ves Ge­dächt­nis für Orte und Er­in­ne­run­gen. Das Bran­den­bur­ger Tor und der 9. No­vem­ber sind zum Bei­spiel ein Teil sol­cher kol­lek­ti­ven Er­in­ne­run­gen. Oder auch der Ge­winn der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaf­ten. Re­gio­na­les kommt hinzu: Kar­ne­val, Volks­fes­te. Die hei­mat­li­che Ver­wur­ze­lung, die Markt­plät­ze un­se­rer Städ­te. Die Ver­bun­den­heit mit Orten, Ge­rü­chen und Tra­di­tio­nen. Lands­mann­schaft­li­che Men­ta­li­tä­ten, die am Klang der Spra­che jeder er­kennt, ge­hö­ren zu uns und prä­gen unser Land.



Flüchtlinge zwischen Push-Faktor und Pull-Faktor


spain-650550_1280In der menschenverachtenden Agenda der Immigrationskritik wird inzwischen vom "Push-Faktor" geredet, wenn über den unmittelbaren Anstoß für die Mittelmeer-Überquerung gesprochen wird. Der wissenbloggt-Bericht Libysche Höllenlöcher diskutiert spricht darüber, ohne das Wort zu nennen.

Die libyschen Flüchtlingszentren werden von brutalen Milizen verwaltet. Flüchtlinge werden gefoltert, gegängelt, erniedrigt, vergewaltigt, um mehr Geld aus ihnen und ihren Angehörigen zu pressen. Das berichtet zum Beispiel Ärzte ohne Grenzen laut dem Bericht Italien – Unbeliebte Lebensretter (Süddeutsche Zeitung 15.4., Bild: Dodgey, pixabay):

Wer eine Chance hat, sich aus einem dieser Lager zu befreien und auf ein Boot zu steigen, der tut das. Auch wenn es lebensgefährlich ist. … Der Drang der Flüchtlinge, diese schlimmen Orte zu verlassen, ist größer als die Angst vor der Todesroute durch das Mittelmeer. Manche werden sogar auf die Boote gezwungen, heißt es ohne weitere Belege.

Der "Pull-Faktor" ist dann die Attraktion, welche die Flüchtlinge in die europäischen Länder kanalisiert. In dem wissenbloggt-Artikel Punkte, die in den Parteiprogrammen fehlen wird von "Einladungen" gesprochen: 

  1. Die Grenze öffnen, wie es die Merkel-Regierung 2015 tat, ist eine unmissverständliche Einladung.
  2. Wen Frontex im Mittelmeer aufgreift, der wird in die EU gebracht; noch eine unmissverständliche Einladung.
  3. Dass sich ein weggeschmissener Pass vorteilhaft für die Immigration auswirkt, kommt ebenfalls einer Einladung gleich.
  4. Dass nicht Anerkannte Bleiberecht bekommen, und dass Abschiebungen nur zaghaft durchgeführt werden, wird ebenfalls als Einladung wahrgenommen.
  5. Nur wer herkommt, bekommt volle Hilfe; das ist eine ultimative Einladung.
  6. Merkels Wirschaffendas ist heimlich beerdigt, wirkt aber als Einladung nach.

Als Pull-Faktor wird speziell der Punkt 2. diskutiert, zumal sich immer mehr NGOs dabei engagieren. Die privaten Organisationen sind zu einem bedeutenden Teil der Rettungsmaschinerie geworden, besagt der Artikel Mittelmeer – Wer Flüchtlinge rettet, der hilft auch Schleusern (Süddeutsche Zeitung 19.4.). Etwa ein Drittel der geborgenen Flüchtlinge werde zunächst von ihnen an Bord genommen, und dafür stünden die NGOs nun in der Kritik. Sie zögen die Flüchtlinge aktiv an, indem sie so nah an der libyschen Küste operierten, dass es jeder zu den Booten der NGOs schaffen müsste.

Diese Kritik an den privaten Flüchtlingsrettern – fünf deutsche, eine maltesische und eine spanische NGO – wird schon seit einiger Zeit von Seiten der Frontex erhoben. Je mehr Retter in den Gewässern vor Libyen operieren, desto voller können die Schmuggler ihre nicht seetüchtigen Boote packen. Im Wissen, dass die Insassen vor der Küste gerettet würden, können die Schleuser ihr Geschäft beflügeln.

Insofern begünstigen die Retter das Geschäft der Menschschmuggler. Unbestätigt sind die Vorwürfe, einzelne Rettungsvereine würden sich mit den Schleusern absprechen. Da gibt es als Quelle nur die Aussagen einzelner Flüchtlinge, deren Identität Frontex aber geheimhält. Die NGOs streiten ab, mit Schleusern zu kooperieren und sehen sich als Opfer einer Verleumdungskampagne.

Auf diesem Niveau bewegen sich auch weitere Vorwürfe, bei denen es um die Geldfrage geht. Wieso sind plötzlich 13 Schiffe von NGOs in Sizilien unterwegs, während es vor kurzem noch 5 waren? Wieso dringen sie in libysche Gewässer vor, und woher kommt das Geld für die erweiterten Einsätze? 

In der Gegenrichttung wird von NGOs wie Moas, Sea Watch oder Sea-Eye argumentiert, Europa stelle zu wenig Rettungsschiffe zur Verfügung und nehme so den Tod Tausender hin. Sea-Eye stach hervor, weil ihr Schiff so viele Flüchtlinge aufnahm, dass es selber gerettet werden musste (Rettungsaktion auf der Sea Eye ist glücklich beendet BR 17.4.).

Die offizielle Rettung ist eigentlich eine Schleuserverfolgung und firmiert als EU-Mission Sophia.  Ein britischer Parlamentsbericht zu Sophia vom Mai 2016 sprach schon von der Unzulänglichkeit dieser EU-Mission, die Netzwerke der Schmuggler zu zerschlagen und das Geschäft mit dem Menschenhandel einzudämmen.

Immerhin werden 9 Kriegsschiffe, 1 U-Boot, Aufklärungsflugzeuge und -hubschrauber und sogar Drohnen eingesetzt. Ob das reicht, um es mit geschätzten 350.000 bis 500.000 in Libyen wartenden Flüchtlingen aufzunehmen, steht dahin. Die Zahl der Mittelmeerüberquerer ist für 2017 bereits 35.000, und das sind mehr als 2016.

Bemerkenswert ist die Objektivität der SZ bei diesem Thema. Sie verdammt die Frontex-Kritik nicht von vornherein. Beide Seiten haben bedenkenswerte Argumente, aber welche Seite tut das Richtige?

Wenn 2017 wieder eine große Flüchtlingswelle kommt, dürfte die Antwort leicht fallen. Die NGOs mit ihrem Pull-Faktor setzen letztlich noch mehr europäische Abschiebeeffekte in Gang – umgekehrte Push-Effekte -, denn die Flüchtlinge werden nicht in Europa aufgenommen werden können. Dem steht die europäische Stimmung entgegen, die ein klares Nein zu weiterer Immigration hervorgebracht hat. Ansonsten würde der nationalistische Populismus noch mehr Auftrieb erfahren.

Wie das Problem gehandhabt werden kann, zeigt das übel beleumdete australische Beispiel, das bei näherem Hinsehen allemal menschlicher ist als unser Beispiel im Mittelmeer mit bereits 900 Toten 2017. Dazu gibt es den wissenbloggt-Artikel Australische Migrationsverhinderung in der Kritik:

Die "gescheiterte" australische Flüchtlingspolitik sorgt sich um 1.700 Flüchtlinge, die aufgegriffen und deportiert wurden, während es bei der deutschen Politik seit 2015 um rund das Tausendfache geht. Die Zahl der vor Australien Ertrunkenen geht gegen 0, seit die konsequente Abschottungspolitik gegen eigenmächtig Einreisende gilt. Insofern ist die australische Politik viel erfolgreicher dabei, Menschen zu retten, als es die NGOs sind, die immer mehr Flüchtlinge anlocken.

Das soll kein Argument gegen Hilfe sein, sondern nur gegen die eigenmächtige Anreise. Australien ist ja keineswegs fremdenfeindlich; fast die Hälfte der australischen Bevölkerung ist im Ausland geboren. Der Unterschied ist, dass Australien selber bestimmt, wer rein darf und wer nicht, und es hat diesen Standpunkt durchgesetzt.

Hilfe vor Ort ist also das Schlüsselwort, Ersetzung der libyschen Flüchtlingszentren durch menschengerechte Auffanglager, mithin Abschaffung des Push-Faktors. Dann muss auch der Pull-Faktor mitsamt des ganzen Schleuser-Unwesens beendet werden. Wird das erreicht, können die Hilfsgelder ihre volle Wirkung entfalten. Anstatt Privilegierte zu integrieren, wird mehr Bedürftigen mehr geholfen – und der innere Frieden wird auch gewahrt.

 

Links von wissenbloggt dazu:

 




"Krisenmüde": Hilfsbereitschaft überbeansprucht - Solidarisierungspotential überreizt


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Dieser Artikel verfolgt zwei Skandale. Der eine ist umschrieben mit den aktuellen Hungerkrisen in Afrika, der andere ist der schlechte Nutzen, der aus den Hilfsanstrengungen gezogen wird.
Als drittes kommen noch ein paar Idiotien der Argumentation dazu (Bild: geralt, pixabay).

Zunächst die Problemlage aus der Sicht der Medien. Ein Kommentar heißt Hungerkrisen – Unterlassene Hilfeleistung (Süddeutsche Zeitung 22.3.): 20 Millionen Männer, Frauen und Kinder sind in Teilen Afrikas und in Jemen in Gefahr. Doch die reichen Geberländer sind nun der Krisen müde.

1. Hungerkrisen in Afrika

Das ist schändlich, findet die Autorin Isabell Pfaff, und sie hat recht. In ihrer zynischen Formulierung könnte man sagen, es gäbe bessere Zeitpunkte für eine Hungersnot, etwa friedlichere Zeiten ohne Syrien-Krieg, Jemen-Krieg, Ukraine-Konflikt, Libyen-Konfilkt, Türkei-Konflikt. Diesen Gefallen tut uns die Gegenwart nicht. Die Welt ist offenbar müde geworden. Die internationale Gemeinschaft hat für die neue Hungersnot offensichtlich keine Aufmerksamkeit übrig. Wie sonst könnten die Vereinten Nationen von der schlimmsten Hungerkatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg sprechen – und trotzdem passiert so gut wie nichts?

20 Millionen Menschen in Teilen Afrikas und im Jemen sind vom Hungertod bedroht, und laut UN-Angaben fehlen 90% der nötigen Mittel für ihre Rettung, die auf insgesamt 4 Mrd. Euros veranschlagt werden. Wenn nicht bald gehandelt wird, ist es zu spät.

Jene Staaten, die jetzt als Geber gefordert sind, müssen sich zugleich auch als Verursacher sehen. Sie haben Anteil daran, dass es in den Hungergebieten so weit gekommen ist. Denn nicht das Klima ist schuld, außer in den seltensten Fällen. Es sind fast überall Kriege und Konflikte, die nicht durch internationale Maßnahmen gestoppt wurden. Sei es aus Krisenmüdigkeit oder aus Kalkül, man ließ die Machthaber fast überall gewähren. Es gab kein Waffenembargo, es gab keinen schlagkräftigen UN-Einsatz im Bürgerkriegsland Südsudan. Während die internationale Gemeinschaft in Somalia eine Staatenruine stützt, stacheln die USA mit ihrem Drohnenkrieg den islamistischen Terror weiter an. Derweil wird Äthiopien zum Lieblingspartner der Europäer in Sachen Fluchtbekämpfung, obwohl es mit seiner autoritären Wirtschaftspolitik nachhaltige Landwirtschaft verhindert.

Ergebnis: Märkte werden zerstört, Felder liegen seit Jahren brach. Inzwischen ist die Lage am Horn von Afrika, im Südsudan, in Nigeria und im Jemen jenseits aller politischen Möglichkeiten. Nur noch mit Nothilfe sind die 20 Millionen Männer, Frauen und Kinder noch zu retten.

Die Autorin verkennt nicht, dass damit die alten Probleme bestehen bleiben. Mit Nachhaltigkeit hat es nichts zu tun, wenn importierte Säcke mit Reis und Mehl unter hohen Kosten in entlegene Dörfer gekarrt werden. Oder wenn Wassertanks losgeschickt werden und nicht Auffangbecken oder Brunnen gebaut werden. Oder wenn erhebliche Teile der Hilfsgelder für internationale Helfer und Fachleute ausgegeben werden. Die Gehälter der Experten seien nicht immer gerechtfertigt, ihre Anzahl sei schon mal zu hoch. Deshalb der Wunsch der Geberländer nach Kontrolle, wie das Geld verwendet wird – und auch das ist ein Kostenfaktor. Es zwingt die Hilfsorganisationen, viel Zeit in Nachweise und Projektberichte zu investieren.

Diese Argumentation läuft unter "berechtigter Kritik". Aber insgesamt werden die Leistungen der Vereinten Nationen und der von ihr koordinierten privaten Hilfsorganisationen als beeindruckend geschildert. Einmal, weil die UN oft der einzige zuverlässige Lieferant für Daten aus Krisengebieten ist, anhand von denen andere Hilfsorganisationen arbeiten können. Zudem wird die Koordinierungsrolle der UN mit ihrem Nothilfe-Büro Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (Ocha) gewürdigt – das bringt private, staatliche oder internationale Hilfsorganisationen an einen Tisch und verhindern so laut Autorin, dass die Hilfe doppelt oder einseitig in bestimmte Regionen oder Projekte fließt. Außerdem wird die Zusammenarbeit der UN mit lokalen Partnern gelobt, weil die die Lage vor Ort besser einschätzen können; noch ein Ansatz zur Fehlervermeidung. Und ohne die UN und ihre Flugzeuge wären viele Gebiete in den entlegensten Winkeln gar nicht mehr zugänglich.

Was aber, wenn die finanzstarken UN-Mitgliedstaaten gar kein Interesse an Nothilfeanstrengungen haben? Nicht nur die UN klagen über die geringe Spendenbereitschaft, das tun auch andere Organisationen. Die Bürger sind "krisenmüde", und die Regierungen erst recht. Auf den Geber-Konferenzen, jüngst in Oslo z.B. für den Tschadsee, werden öffentlichkeitswirksame Versprechungen gemacht. Gehalten werden die Versprechungen nur manchmal, oft viel zu spät oder gar nicht.

2. Schlechter Nutzen aus Hilfsanstrengungen

Die SZ-Autorin erwähnt einige Fakten nicht, die auch zur "Krisenmüdigkeit" beitragen. Darin folgt sie der üblichen Einseitigkeit, die nur von europäischen Verursachern reden mag. Die hausgemachten Konflikte durch Rassenhass und Übervölkerung tauchen nicht auf. Ohne die Übervölkerung in den Griff zu kriegen, ist aber keine Nachhaltigkeit möglich. Jobs schaffen und Brunnenbauen ohne Geburtenkontrolle verlagert das Problem nur in die Zukunft.

Nicht nur darauf beruht der schlechte Wirkungsgrad der Entwicklungshilfe, der den UN-Bemühungen seit jeher trotzt. Nach all den Jahren setzte sich die Sicht durch, dass sich wirtschaftliche Entwicklung von Ökonomen nicht planen lässt und Entwicklungshilfe vor allem den Helfern hilft – ganz neue Konzepte müssen har.

Der Nobelpreisträger Angus Deaton vertritt die Meinung, es wäre überhaupt unmöglich, ein Land von ausserhalb zu entwickeln, und Entwicklungshilfe sei geradezu schädlich. Es gibt Studien, nach denen die Korrelation zwischen Wachstum und Entwicklungshilfe praktisch null ist (Hristos Doucougliagos und Martin Paldam: The ineffectiveness of development aid on growth).

Ähnliches steht in Aid and Growth: What Does the Cross-Country Evidence Really Show? (MIT Press Journals 2008): …we find little robust evidence of a positive (or negative) relationship between aid inflows into a country and its economic growth. We also find no evidence that aid works better in better policy or geographical environments, or that certain forms of aid work better than others.

Demnach finden die Wissenschaftler nach der Auswertung der Daten von 239 Entwicklungsländern (andere Quellen reden von 206 Ländern überhaupt), dass es keinen Zusammenhang zwischen Entwicklungshilfe und Wachstum gibt und es dabei keinen Unterschied macht, in welchen Regionen der Welt die Hilfe gewährt wird, wie die Wirtschaftspolitik der Empfängerländer aussieht, oder in welcher Form die Entwicklungshilfe erfolgt.

Geimeinsam das Urteil, Entwicklungshilfe wirkt negativ, jedenfalls wenn man es im Durchschnitt betrachtet. Wunder was, angesichts dieser Fragen: Wieso verkaufen die europäischen Staaten Waffen an Regime, denen sie gleichzeitig Entwicklungshilfe zahlen? Warum erheben sie Zölle auf deren Produkte? Als wollten sie mit der einen Hand zunichtemachen, was die andere Hand schafft.

Dann muss die Rede sein von der Plünderung durch globale Konzerne; die Gewinne aus den Entwicklungsländern werden über die Grenzen verschoben. Durch Steuertourismus verlieren die Länder mehr, als sie durch Entwicklungshilfe gewinnen. Ganz zu schweigen von den Milliardenprofiten der Räuberhäuptlinge und Despoten, die das Volk aussaugen und seine Rohstoffe außer Landes bringen – und dann werden die Eliten dieser Länder auch noch von den europäischen Ländern gegen eigene Bevölkerung in Schutz genommen: Ihre Konten sind sicher, ihre Kleptokratie genießt diplomatischen Schutz.

Ein paar Zahlen, die von der Global Financial Integrity GFI in Umlauf gebracht wurden: Die illegalen Geldgeschäfte in 145 Entwicklungs- und Schwellenländern wurden 2003-2012 auf 6.6 Billionen US-Dollar geschätzt. Laut GFI-Report ist China mit 125 Mrd. $ pro Jahr dabei, Russland mit 97 Mrd. $ und Mexico mit 51 Mrd. $. In Brasilien waren es über 400 Mrd. $ von 1960-2012. Was an Kapital auf illegalen Wegen verschoben wurde, ist also bald das 10-fache der 809 Mrd. Entwicklungshilfe in derselben Zeit. Für den Zeitraum 1960-2014 rechnet die Weltbank mit 835 Mrd. $ für Afrika alleine.

Aufgerechnet gegen den Marshallplan ist es das 6- oder 7-fache, sagt der Artikel Pipers Welt – Marshallplan (Süddeutsche Zeitung 2.3.): Die Bundesregierung will die Zusammenarbeit mit Afrika grundlegend erneuern. Minister Müller ist auf dem richtigen Weg, nur drückt er sich irreführend aus. Damit meint Piper den Vorschlag von einem europäischen Marshallplan für Afrika.

Nach heutiger Kaufkraft war der Marshallplan von 1948-1952 ungefähr 120 Milliarden Dollar wert. Eine enorme Leistung, die auch sinnvoll genutzt wurde, weil damit Vorhandenes neu gestartet wurde. Es gab Waren, es gab Geld, um nötige Waren zu kaufen. Damit wurden die Arbeiter ernährt und die Fabriken wieder in Gang gebracht. Nur so machte das Konzept des Marshallplanes laut Piper überhaupt Sinn.

Anders ist der Fall Afrika. Die afrikanische Entwicklungshilfe nutze bisher so wenig, dass viele Experten innerhalb und außerhalb von Afrika davon reden, das Geld habe eher geschadet als genutzt. Weil noch nicht viel von einer eigenständigen afrikanischen Industrie zu sehen ist, läuft ein Marshallplan auf die "sinnlose Forderung nach sehr viel Geld" hinaus. Denn wie das vergangene halbe Jahrhundert zeigte, war mit der Entwicklungshilfe keine eigene Industrie aufzubauen.

Von neuen Konzepten ist nun die Rede, die allerdings etwas diffus klingen: Wenn Afrika eine Chance haben soll, muss es in das System der globalen Arbeitsteilung eingebunden werden. Also nach den Billigarbeitern aus China nun die Superbilligarbeiter aus Afrika?

Das funktionert bestimmt nicht, weil schon Indien und Fernost dran ist, und dann kommen die Roboter. Viele Afrikaner haben ohnehin nicht die passende Malocher-Mentalität. Das Problem, wie geholfen werden soll, ist schon von daher groß.

Und natürlich, weil das schlechte Gewissen überstrapaziert wurde. Erst die deutsche Wiedergutmachung, dann die Bankenrettung alias Griechenlandrettung, dann die Flüchtlingshilfe. Alle, alle sind unsere Opfer, von den Nazis, von den Ausbeutern, vom Kolonialismus. Dass wir selber Opfer der Ausbeutung sind, ging dabei unter.

Und einige andere Details, z.B. dass die Bankenrettung eine Umverteilung von den Armen zu den Reichen war, und dass unsere Flüchtlinge eine Elite der Bessergestellten sind, von der die wenigsten direkt aus Krisengebieten kommen. Dort in den Kriegs- und Krisengebieten sitzen nicht nur die 20 Millionen von der UN beklagten Opfer. Dort sitzen die vielen, die sich keine Schleuser leisten können, und denen mit einem Bruchteil des Geldes geholfen wäre, das hier in den Overhead der Flüchtlingshilfe geht.

Die "Krisenmüdligkeit" kommt daher, dass die Hilfsbereitschaft überbeansprucht wird, weil sie ineffizient und ungerecht ist. Und sie kommt daher, dass unser Solidarisierungspotential durch den Überschwang überreizt wird, der immer neue Opfer ins Bild hebt und dabei oft die Schlechtergestellten ignoriert.

Angesichts der dringend notwendigen Hilfe für jene ist es nicht bloß eine bedauerliche Fehlallozierung, was mit den Hilfsgeldern passiert bzw. nicht passiert – es ist ein veritabler Skandal.

3. Idiotien der Argumentation

Argumentativ wird das nicht nur mit dem typisch deutschen Schuldreflex abgearbeitet – "jederzeit schuldbereit". Da geht es auch um ein Missverständnis bei der Nachhaltigkeit.

Nachhaltigkeit ist sehr angesagt, bei Pflanzen, Tieren, Umwelt. Nur bei den Menschen nicht. Dabei ist die Logik dieselbe: Mehr Menschen sind nirgends nachhaltig. Mehr Menschen bei uns reinzuholen, bedeutet mehr Importe von Energie und Rohstoffen und mehr Zerstörung unserer gemeinsamen Lebensgrundlagen. Am unsinnigsten ist es, wenn die Importe von da kommen, wo auch die Immigranten herkommen, etwa aus Nigeria. Das ist ein starkes Argument für Hilfe vor Ort incl. Geburtenkontrolle.

Damit kommt das Wichtigste zuletzt, weil ja wieder 20 Millionen potentielle Flüchtlinge winken. Nach der gehandhabten Rechtsprechung dürften die alle als Asylanten anerkannt werden, wenn sie es nach Deutschland schaffen. Stets und ständig erschallt die Predigt von der Endlichkeit aller Ressourcen, nur für die "Obergrenze" soll das nicht gelten. Obergrenzen sollen per Definition inhuman sein, ob es nun ums Helfen geht oder um die Geburt der Hilfsbedürftigen.

Dabei handelt es sich um ein grundlegendes Missverständnis namens Realitätsverweigerung. Manche Leute wollen nicht wahrhaben, dass alles eine Frage der Zahl ist. In der Realwelt gelten für andere Größenordnungen andere Gesetze. Selbst wenn der Blumenkohl über 5 Größenordnungen selbstähnlich ist, bei der sechsten gilt dann was anderes.

Ein paar Immigranten sind kein Problem, einige zehn, hundert oder Tausend auch nicht. Wenn es aber Milliarden sind, dann stimmen die Argumente mit Integration und reichen Kassen nicht mehr. Einige Millionen, das ist der Bereich dazwischen, wo die Argumente kippen. Wer dagegen blind ist, der setzt Ideologie und Dogma über den Verstand.

Grenzenlosigkeit ist ein Konzept der Illusion. Mit begrenzten Mitteln das beste erreichen, das ist realistisch. Hätte man danach gehandelt, dann wäre die Finanzierung der UN-Nothilfegelder kein Problem.

 

Links von wissenbloggt dazu:




Libysche Höllenlöcher diskutiert


unicefchildren2Unter der Schlagzeile Frauen- und Kinder-Flüchtlinge vergewaltigt, geschlagen und festgehalten, ging gerade ein Report vom United Nations International Children's Emergency Fund durch die Presse (Bild: UNICEF/UN052613/ROMENZI). Von dort aus macht das Wort "Höllenlöcher" die Runde, obwohl es in dem Bericht nur 1,5* vorkommt (hellhole, …s). Die Schlagzeilengenerierung machte vor allem bei britischen Medien mehr draus. Die deutsche Qualitätspresse blieb seriöser, und bei der Zeit fand eine sehr gute Diskussion des Themas statt, an die wissenbloggt sich dankend anhängt.

Zuerst der eigentliche UNICEF-Report, der sich auf die Kinder konzentriert und die misshandelten Frauen nur nebenbei erwähnt. Aber was er sagt, ist schlimm. In der eigenen Zusammenfassung:

  • Im September 2016 wurden ungefähr 256.000 Migranten in Libyen gezählt, davon 28.031 Frauen (11%) und 23.102 Kinder (9%), wovon 1/3 unbegleitet war. UNICEF schätzt die tatsächlichen Zahlen dreifach höher. Allein in der letzten Januarwoche wagten 1.852 Menschen die gefährliche Reise, 8* mehr als im Vorjahr.
  • Im gesamten Jahr 2016 kamen in Italien 181.436 Flüchtlinge über die zentrale Mittelmeerroute an, 28.223 davon waren Kinder (16%).
  • Von den Kindern, die 2016 das Mittelmeer überquerten, waren 9/10 unbegleitet. Insgesamt waren es 25.846 Kinder, doppelt soviele wie 2015.
  • Geschätzte 4.579 Menschen starben 2016 beim Versuch der Überquerung zwischen Libyen und Italien, unter ihnen mehr als 700 Kinder. In diesem Jahr rechnet man schon mit 228 Toten.

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Jeden Tag reisen Tausende auf diesen Routen, getrieben von der Hoffnung, in Europa Sicherheit zu erreichen. Sie fliehen vor Krieg, Gewalt und Armut. Sie müssen Ausbeutung, Missbrauch, Gewalt und Interlierungen aushalten. Tausende sterben (schon zu Lande). Es ist nicht nur eine gefährliche Route, eine der tödlichsten für Kinder überhaupt. Es ist auch ein Multimilliarden-Business, das von einem kriminellen Netzwerk kontrolliert wird. Man nennt es die zentrale Mittelmeerroute.

Der gefährlichste Abschnitt ist die 1000-Kilometer-Reise von der Südgrenze der libyschen Wüste bis ans Mittelmeer, zusammen mit den 500 Kilometern der Seepassage nach Sizilien. Jeder vierzigste starb beim Versuch, diese Strecke zu bewältigen (in diesem Jahr geht die Quote auf ein Zwanzigstel zu). Die Verhältnisse in Libyen sind hart, Sicherheit gibt es nicht, Gewalt ist allgegenwärtig. Die militärischen Konflikte lassen überall Kämpfe aufflackern zwischen Regierungstruppen und Milizen, die ihre eigenen Gesetze machen. Sie kontrollieren auch die Grenzen und halten Flüchtlicnge und Migranten nach Belieben fest, um sie auszubeuten. Mit dabei: der Missbrauch.

UNICEF hat über die Jahre viele Fälle von Vergewaltigung dokumentiert. Der Report basiert auf einer Studie an 82 Frauen und 40 Kindern (25 Jungen und 15 Mädchen), die als 11 Nationen stammten und zwischen 10 und 17 Jahren alt waren (der Report nennt Fallbeispiele). Fast alle Kinder wurden verbal oder emotional angegriffen, 3/4 der waren Gewalt, Schikane und Aggression ausgesetzt, die Hälfte wurde geschlagen, manche mussten Hunger leiden. Die Hälfte der Frauen war sexueller Gewalt oder Vergewaltigung ausgesetzt, mehrfach und vielerorts. Die sexuelle Gewalt wurde überall an Grenzen und Checkpoints ausgeübt. Frauen mussten sich für den Grenzübertritt prostituieren, und es ging so weit, dass Männer getötet wurden, die sich dem entgegenstellten. Die Täter waren zu 1/3 Militärs.

In den 34 libyschen Interlierungslagern fehlte es den Menschen an allem. In jedem der 24 Regierungslagern leben etwa 4000-7000 Menschen, manchmal mussten sich 20 Menschen eine Zelle teilen. Die Lager der Milizen sind lauter provisorische Behausungen, in denen Tausende eingekerkert sind – Höllenlöcher, in denen die Menschen monatelang festgehalten wurden. Sie wurden nicht mal mit Namen angeredet, sondern mit "entmenschenden Bezeichnungen". Die Menschen aus Mittelafrika wurden noch schlechter behandelt als die aus Nordafrika.

Der Deal mit den Menschenschmugglern ging um 200-1200 Dollar pro Person. Oft hieß es auch ‘pay as you go’, was die Betroffenen quasi zu Sklaven machte. Die meisten wurden lange Zeit festgehalten, um Geld für die nächste Reiseetappe zu verdienen, vor allem dort, wo die Übergabe zwischen den Schmugglerbanden stattfand, in den "connection houses".

Die zentrale Mittelmeerroute ist eine massive Menschenschmuggel-Operation, die außer Kontrolle geraten ist, weil es keine sicheren Migrationssysteme gibt. Sie nutzt löcherige und korrupte Grenzkontrollen, die Weite des Landes und das Machtvakuum des Libyschen Kriegs.

Einfach hatten es die Helfer nicht, da durchzusteigen – durch die nötigen Sicherheitsvorkehrungen und weil man sie in die Militärgefängnisse nicht reinließ. Trotzdem haben sie wichtige Einsichten gewonnen. In der Welt sind 50 Millionen Kinder auf der Flucht, vor Gewalt, Armut und Klimawandel. Die UNICEF plädiert dafür, dass sie nicht in die Hand von Menschenschmugglern fallen sollten und fordert Maßnahmen zum Kinderschutz. Es ist Zeit, die Mißstände zu beheben. Frauen und Kinder verdienen, geschützt zu werden. Ihnen sollten legale Wege eröffnet werden. Die UNICEF fordert sichere Passagen für alle Flüchtlinge und migrierenden Kinder – "wenn es unsere eigenen Kinder wären, würden wir handeln."

Kommentare

Dieser Teil besteht vor allem aus den referierten Argumenten von den 160 Kommentaren zu dem Artikel Gewalt, Missbrauch, Haft (ZEIT ONLINE 28.2.). Der Inhalt des Zeit-Artikels entspricht dem Obigen. Was die Kommentatoren dann zu sagen hatten, war quasi die Stimme der Vernunft. Die Kommentare wurden redaktionell gehegt, das Ungute wurde von der Zeit-Redaktion ausgemerzt: "Entfernt. Verzichten Sie auf Behauptungen. Die Redaktion." Interessant ist, dass einige Kommentatoren mit Zeit-Artikeln argumentieren. Die Argumente werden hier passend sortiert:

Schöne Worte von UNICEF, stellt ein Kommentator fest, aber leider wieder kein Wort über die Kosten für die Hilfe, kein Wort über die Folgen für die Aufnahmeländer, kein Wort über das weitere Vorgehen, nämlich was soll mit diesen Personen in den kommenden Jahren geschehen und welche Pläne habe UNICEF dafür?

Nach dieser generellen Kritik die konstruktive: Mit den Milliarden, die hierzulande für minderjährige Flüchtlinge ausgegeben werden, welche die Schlepper für uns aussuchen, könne man für hilfsbedürftige Kinder in Afrika sehr, sehr viel tun. Dazu der Link auf Migration: Milliardenkosten für junge Migranten (ZEIT ONLINE 22.2.): Laut einem Bericht des Familienministeriums kostet ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling 175 Euro pro Tag. 61.893 junge Migranten leben derzeit in Deutschland. Laut (unaufspürbarem) Bericht des Bundesfamilienministeriums, "der der Welt vorliegt", wird die Aufnahme unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge 2017 ca. 3,95 Milliarden Euro kosten, im Durchschnitt 5.250 Euro pro Person und Monat.

Eine weitere Anmerkung zu den schrecklichen Dingen, welche die übers Mittelmeer flüchtenden Kinder erleiden, und die die UNICEF nicht erwähnt – es ist nicht nur der lokale Missbrauch: Und nicht zu vergessen durch andere Flüchtlinge; dazu der Link zu Sexueller Missbrauch: Weitere Traumata von Flüchtlingen verhindern (ZEIT ONLINE 18.9.15): Auf der Flucht sind Menschen oftmals sexuellen Übergriffen ausgesetzt.

Diskussion

Die eigentliche Diskussion entzündet sich an dem vom Report übernommenen Zeit-Satz: Um das zu verhindern, müssten sichere und legale Einreisewege eingerichtet werden.

Dazu gleich mehrfach die Aussage: Das sei der gänzlich falsche Ansatz, es sollte sich doch mittlerweile herumgesprochen haben, dass Veränderungen der Lebensbedingungen vor Ort weit effektiver seien, was die eingesetzten Mittel angeht. Generell fasst es einer in die Worte, echte Humanisten würden die Frage stellen, ob die Mittel auf diese (bisherige) Weise wirklich sinnvoll aufgebracht werden. Dazu Unterstützung von anderer Seite: Ja richtig, und gleichzeitig müssten die Menschen in Afrika Verantwortung für sich übernehmen und ihren Kontinent zu einem friedvollen und lebenswerten Kontinent machen. Ressourcen seien im Überfluss vorhanden, der Kontintent sei reich an allem.

Und nochmal anders: Afrika habe jedes nur denkbare Potential, ein prosperierender Kontinent zu werden; einzig an Bildung fehle es. Da würden auch die ständigen Ausreden der Kolonialpolitik nicht helfen – am Ende des Tages müssten die Afrikaner Armut, Korruption, Gewallt, Hass und Kriege selbst in den Griff bekommen. Das könne Europa nicht für sie lösen, von der Überbevölkerung mal ganz zu schweigen.

Wieder Zustimmung von anderer Seite: Die Entwicklungshilfe für Afrika müsse sich endlich auf Geburtenkontrolle konzentrieren. In Ländern wie Niger (ganz hinten in allen Entwicklungsrankings) liege die Geburtenrate über 7 Kinder pro Frau. Die Bevölkerung habe sich in wenigen Jahrzehnten verfünffacht – da brächten "sichere Einreisewege" genau gar nichts.

Einem andereren kommen Bedenken, mal ganz ehrlich, ob man sich auch nur ungefähr vorstellen könnte, was los wäre, wenn Deutschland Geburtenkontrolle vorschlagen / fordern / unterstützen würde? Damit ist gewiss ein großes Problem angesprochen.

Kinder

Ein weiterer zentraler Diskussionspunkt war, wieso die Kinder alleine unterwegs sind: Natürlich sollten Familien nicht auseinandergerissen werden, aber wer schicke denn seine Kinder verantwortungslos ohne Begleitung los? Wer glaube denn noch immer, dass Verhütung eine Sünde ist und zeuge Kinder mit dem Wissen, dass sie keine Zukunft haben werden?

Ein anderer Kommentator geht darauf ein: Er glaube nicht, dass diese Kinder alleine auf die Idee kommen, hier einzureisen. Sie würden von Ihrer Familie auf diese gefährliche Reise geschickt – wohlmerklich im Bewußtsein der Gefahren. Ziel sei die anschließende Familienzusammenführung. Angesichts dieses Szenarios fragt der Kommentator sich, ob wir wirklich diejenigen belohnen wollen, die ihre Kinder dieser Gefahr aussetzen, und sie anschließend in unsere Gesellschaft aufnehmen und im Notfall alimentieren? Ob sie mit dem Losschicken ihrer Kinder in diese Gefahr nicht schon gezeigt hätten, dass sie eigentlich nicht in unsere Gesellschaft passen? Und wieso sich jetzt alle über die Gefahr für die Kinder aufregten, aber diejenigen, die mitverantwortlich sind, hierherholten?

Ein weiterer Kommentator fasst zusammen: Die vielen Milliarden sollten dort ausgegeben werden, wo sie mit der größten Effizienz wirken können – jedenfalls nicht bei uns. Obgleich ihm jedes Einzelschicksal leid tue, möchte er diese Menschen, von denen uns Jahrhunderte Entwicklung trennen, nicht bei uns haben. Sorry, es passe einfach nicht.

Zur Aufklärung darüber wird eine weitere konstruktive Idee geliefert: Demnach haben wir so viele gute GEZ-bezahlte Filmemacher. Ob da nicht mal wenigstens einer eine sachliche Reportage über den Weg bis zum Mittelmeer oder die Türkei machen könnte und diese in den aktuellen "Aufbruchsländern" kostenlos an die Bevölkerung verteilen könnte? Damit die Menschen dort sehen, was sie ihren Kindern oder sich selbst zumuteten, wenn sie nach Europa "flüchten".

Ganz cool überlegt ist der Kommentar, die Schlussfolgerung, dass man mit legalen Wegen irgendetwas besser macht, werde nicht logisch begründet, sondern sei eine rein ideologische Forderung. Weiter die bedenkenswerte Überlegung:

Wir könnten (ganz davon zu schweigen wollten) nicht alle Menschen, die vor absoluter oder relativer Armut fliehen, in Europa aufnehmen. Entsprechend, wenn man sage, wir nehmen jährlich als EU 1 Million auf, ändere man am Problem nichts – man entlaste hingegen die Staaten. So verhindere man, dass sie zu einer vernünftigen Geburtenpolitik finden, während gleichzeitig die illegale Migration weitergehe oder sogar noch verstärkt werde, weil die legalen Migranten ihren Familien Geld zuschicken, um nachzukommen. Auch wenn man lese, dass die Flucht Ort von Verbrechen werde, dürfe man doch keine Anreize schaffen, zu anderen Orten zu fliehen – sei es Europa direkt oder eine Flucht zu Stellen, wo Anträge gestellt werden können. Insbesondere sei es verwerflich, wenn Familien Minderjährige vorschicken. Gesetze müssten so geändert werden, dass Ankerkinder sich für die Familien nicht mehr auszahlten, sodass sie keine Minderjährigen auf den gefährlichen Weg schickten. Nachhaltige Hilfe könne nur vor Ort geschehen. Und das wichtigste Anliegen dabei müsse Geburtenreduktion sein, sodass die Wirtschaft überhaupt eine Chance habe, so schnell zu wachsen wie die Bevölkerung – und damit Perspektiven bietet, bevor ein Krieg oder Bürgerkrieg ausbricht, der alles wieder zerstört.

Folgeeffekt

Ein anderer Aspekt dabei ist, den Menschenschmugglern den Job abzunehmen. Je mehr wir zu uns kommen ließen, umso mehr würden ihr Leben riskieren, um zu uns zu kommen – und es auch verlieren. Jedes verlorene Leben gehe dabei nicht nur auf das Konto der Schmuggler, sondern auch jener, die sich vor harten Entscheidungen drücken. Das sei keine bloße Spekulation: Ab 2008 sei die Zahl illegaler Einwanderer nach Australien über die See dramatisch angestiegen – und damit die Zahl der Menschen, die bei diesem Versuch ertranken. Jeden Monat haben etwa 20 Menschen – Männer, Frauen und Kinder – diese Fahrlässigkeit mit ihrem Leben bezahlt. Die Politik habe jedoch fünf Jahre und einen Machtwechsel gebraucht, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Erst ab September 2013 habe die neue Regierung die Migrantenboote nicht mehr nach Australien gelassen, sondern zurück an ihren Ursprung schleppen lassen. Die Folge: Nach Dezember 2013 starb bei solchen Fahrten kein einziger Mensch mehr.

Das sehen auch andere so: Solange wir Flüchtlinge bei uns aufnehmen, solange würden neue Flüchtlinge nachkommen. Solange unsere Schiffe im Mittelmeer Flüchtlingen entgegenfahren und sie sicher nach Europa transportieren, solange würden sich neue in die Schlauchboote setzen. Solange, bis wir finanziell und empathisch am Ende angelangt seien und alles kollabiere.

Was zu tun ist, sagen andere: Es sei wichtig, Armut aus dem Weg zu räumen. Wichtiger als alles andere sei Emanzipation der Frauen, aber auch der Männer. Man müsse einfach von dieser rückständigen kulturellen Denkweise weg, was natürlich leichter gesagt als getan sei. Aber wenn man nichts unternehme und auf Schönwetter hoffe, ändere sich sowieso nichts.

Afrika

Das Problem in Afrika wird auch diskutiert: Korrupte Eliten, mit denen wir zusammenarbeiten, und die wir unterstützen. Ausbeutung durch einflussreiche Konzerne, Überbevölkerung usw..

Sehr bedenkenswert diese Einlassung zur Afrikahilfe: Verrückt daran ist, dass die Afrikaner sich das mutmaßlich nicht gefallen ließen. Der "weiße Mann" an sich, und dann noch Ungläubiger, sei dort nur unter einem einzigen Aspekt willkommen: Wenn Geld fließt. Jede Form von groß angelegter, systematischer und militärisch gesicherter Aufbauleistung vor Ort unter Maßgabe und Schutz z.B. der Europäer würde massiv als Einmischung und Wiederauferstehung der Kolonialzeit angefeindet. An erster Stelle die Clan- und Vetternwirtschaft wüßte solche Bemühungen früh und nachhaltig zu torpedieren – weil sie nicht reich werde daran, und weil eine gebildete und aufgeklärte Bevölkerung Gift sei für kleptokratische Regime.

Noch ein Hinweis: Aus Nigeria würden die Kinder fliehen, und gleichzeitig werde in Lagos das "ganz große Rad gedreht". Der Kommentator denkt, am Beispiel dieser Stadt werde vieles deutlich, was Afrikas Probleme angeht. Lagos ist die größte Stadt Afrikas und der ökonomische Motor Nigerias Etwa 14 Millionen Menschen leben hier. Es gebe Drogenbarone und Start-up-Millionäre, es gebe mächtige Ringe von Internetbetrügern und riesige Kirchen, die ihre Pastoren zu Millionären mit Privatjets machen, während die Gläubigen ihre wenigen Scheine in die Klingelbeutel steckten. Das stammt aus der Zeit selber, Lagos: Die Masche der Big Boys (ZEIT ONLINE 23.2.): In Lagos, der größten Stadt Afrikas, boomt das Onlinegeschäft. Start-up-Millionäre konkurrieren mit Internetkriminellen um die Vorherrschaft. Der Kommentator meint dazu, die afrikanischen Probleme müssten in Afrika gelöst werden, durch deren Verlagerung auf europäischen Boden werde sich vort Ort nichts ändern.

Ein anderer zieht das Fazit: Wer [in Nigeria] richtig gut verdienen möchte, müsse ins Ölgeschäft einsteigen. Wenn das nicht klappt, müsse man in die Politik gehen. Funktioniert auch das nicht, gründe man eine Kirche.

… Wer nun auf die Idee kommt, Kirchen hätten etwas mit menschlicher Hilfe zu tun, der dürfte was missverstanden haben. Ansonsten ist aus der Sicht von wb bemerkenswert, wie weitgehend der Konsens contra Grenzenlosigkeit und pro Hilfe vor Ort ist. Bei den Zeit-Lesern ist das nicht selbstverständlich, weil die Zeit zu den Vertretern der Willkommenskultur gehörte. Anders als wb, wo es von Anfang an hieß Plädoyer für Hilfe vor Ort.

 

Links zu den Höllenlöchern:

Links von wissenbloggt dazu:




Gender-Ideologie und -Idiotie kritisiert


gender-1341368_1280Fundamentalkritik ist angebracht, wo etwas völlig danebengeht, und so ein Gebiet ist die Gender-Ideologie. Da geht es nicht um die ultimative Gleichberechtigung, sondern um die Gleichstellung – also nicht um die Chancengleichheit, sondern um die Ergebnisgleichheit. So lautet ein Versuch, das Problem zu benennen; weitere folgen (Bild: Elionas, pixabay).

Zunächst ein kleiner zeitlicher Abriss. Diese "Gender-Geburtstage" stammen aus Ulrich Kutscheras unten verlinktem Buch Das Gender-Paradoxon:

  1. Vor 150 Jahren Gründung der deutschen Frauenbewegung und erste SexGender-Definition.
  2. Vor 70 Jahren auf UN-Gründungsversammlung Gleichberechtigung von Mann und Frau festgeschrieben.
  3. Vor 60 Jahren Formulierung „Gender-Theorie“: Menschen werden als geschlechtsneutrale Unisex-Wesen geboren und erfahren erst später erzieherische Prägung in männliche bzw. weibliche Richtung.
  4. Vor 50 Jahren zum „Beweis“ der Gender-These Kastration eines eineiigen Zwillingsbruders, und aus dem Säugling wurde ein Mädchen – vor gut 10 Jahren beging der gepeinigte Kastrat Selbstmord.
  5. Vor 30 Jahren der Artikel „Sex and Gender“ mit Begriffsdefinition und Kritik an feministischer Gleichmacher-Ideologie.
  6. Vor 20 Jahren Beschluss der „Gender-Agenda“ = Macht-Gleichstellung von Mann und Frau = „Gender Mainstreaming“ (GM) = verbindliche Leitlinie der rot/grünen Bundesregierung.
  7. Vor 10 Jahren Entdeckung dass genetischer Unterschied Mann-Frau 1,5%.= evolutionär herausgebildete Geschlechter-Verschiedenheit = Basis geschlechtergerechte Tier- bzw. Menschen-Forschung =  Gender-Biomedizin (GB).
  8. Vor 3 Jahren Etablierung GB als neue Wissenschaftsdisziplin entgegen der soziologisch begründeten GM-Ideologie (Moneyismus).

GM ist demnach nicht „Frauenförderung bzw. Gleichberechtigung“, sondern der Glaubenssatz, das Geschlecht des Menschen ist nicht primär biologisch bestimmt, sondern gesellschaftlich-sozial konstruiert und daher form- und wandelbar – eine Sichtweise, die laut Kutschera mit dem biblischen Kreationismus geistesverwandt ist.

Nebenbei dreht es sich auch um den gender gap, den Unterstrich _, der die Lücke zwischen den Geschlechtern symbolisieren soll. Zu Deutsch wird auch gern das Binnen-I verwendet, und die genderisch correcte Schreibweise ist dann SchülerInnen, Schüler_innen, Schüler/innen, Schüler*innen, Schülerinnen und Schüler oder gleich Lernende. Sparsamerweise wird der gap auch so gebraucht Schüler_ – da stört es kaum noch, und es ist dicht am Oldtime-Wort Schülers dran.

Ein aktuelles Beispiel für die Auswüchse liefert der Artikel Parteienkritik (anlässlich der Bundespräsidentenwahl, scharf links 12.2.): Die Mitgliederinnen und Mitglieder des Deutschen Bundestages …

Mitgliederinnen, also wirklich. Das ist komplett idiotisch, und der folgende Essay begründet das – Das missbrauchte Geschlecht (Süddeutsche Zeitung 2.3.): Wie kann man Frauen in der Sprache sichtbarer machen? Muss man sich dafür zum Herren oder zur Herrin über die Grammatik aufschwingen? Mit dem Gendern gehen sprachpolizeiliche Allüren einher.

Der Linguist und Autor Peter Eisenberg spricht nicht nur von Allüren, er demaskiert auch die Fehler und Idiotien, die hinter der genderischen Sprachverhunzung stehen. Bei wissenbloggt gibt's hier ein Kompress davon. Der Ausgangspunkt liegt diesmal 40 Jahre zurück und fällt mit der Abschaffung des Fräuleins zusammen (wenn man's recht bedenkt, war das die Vernichtung einer weltweit renommierten, kostbaren Marke).

Egal drum, zu der Zeit begann das Gendern, und es begann schon damals mit Denkweisen, "die sich als irreführend herausstellen mussten". Der Bäcker wurde durch Bäckerin und Bäcker ersetzt, mit der Vorstellung, Bäckerin sollte die Frauen bezeichnen und Bäcker die Männer dieses Berufsstandes. Es ist aber prinzipiell unzutreffend, dass das Femininum zur Bezeichnung von Frauen dient und das Maskulinum zur Bezeichnung von Männern. Gemäß des deutschen Wortschatzes haben grammatisches und biologisches Geschlecht nämlich wenig miteinander zu tun:

Nach den Wortbildungslehren kommt der Bäcker vom Backen und ist definiert als "Person, welche die vom Verb bezeichnete Tätigkeit ausübt." Vom Mann ist bei diesem Nomen Agentis nicht die Rede; daher bezeichnet das Maskulinum Bäcker ebenso wenig nur Männer wie das Femininum Person nur Frauen bezeichnet. Im Deutschen bezeichnet das Wort Bäckerin ausschließlich Frauen, aber es gibt kein entsprechendes Wort, das ausschließlich Männer bezeichnet. Sprachlich sind die Frauen zweimal und die Männer nur einmal sichtbar.

Der Autor führt aus, wie bei den indoeuropäischen Sprachen das Belebte zum Maskulinum wurde und das Unbelebte zum Neutrum. Dazu kam das Femininum als drittes Genus für Kollektiva und Abstrakta. Das hatte nichts mit dem natürlichen Geschlecht weiblich zu tun. Weiter wird ausgeführt, dass in allen Gruppen von grammatischen Kategorien immer eine als die unmarkierte (d.h. allgemeine) fungiert, und die Aufteilung der Benennungsbereiche ist niemals pari, sondern folgt dem Prinzip Hintergrund (unmarkiert) und Bild (markiert). Im Deutschen steht das Femininum meist fürs Unmarkierte.

Diese "Markiertheitstheorie" sagt laut Eisenberg unzweideutig, dass es Gendergerechtigkeit nicht geben kann, zumindest wenn man sie durch Manipulationen am Genussystem erreichen will. Dazu wäre eine vollkommene Symmetrie im Kategoriengefüge nötig, und die gibt es in natürlichen Sprachen nicht – so weit, so falsch.

In der Folge kam es zu einer ganzen Flut von Bäckersleuten, von denen man früher nichts ahnte. BäckerInnen, Bäcker/innen, Bäcker_innen und Bäcker*innen. Ausspracheregeln für I/_* gab's nicht, und aus dieser Not versucht man eine Tugend zu machen: Die Fixierung auf das Geschriebene bringe die Sprecher ins Grübeln – man sollte sich an solche Formen gewöhnen, ohne aufzuhören überrascht zu sein, so der Autor. Er spricht sogar von "neueren Thesen über den wahren Charakter des Geschlechts", die in _* ihren Ausdruck fänden. Und die maßgebenden Gruppen LGBT (Lesbian, Gay, Bi, Trans) sieht er "inzwischen mindestens bei LSBTTIQ angelangt" (Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell, Transgender, Intersexuell und Queer).

Die Philosphie des _ spricht von "einem Abgrund der Leere" – zu verwenden, wenn man gar kein Geschlecht mehr will. Der "über allem sich erhebende" * soll die ungefähr 60 Geschlechter überstrahlen. Das ist erheblich mehr als die 3 Genera der deutschen Sprache, die 60 finden keinen Platz in der Grammatik. Sie sind laut Eisenberg Pluralia tantum: substantivische Ausdrücke, die keinen Singular haben. Das wäre also die Bäcker*in als Femininum zur Bezeichnung von Frauen. Die Männer sind dann vermutlich der Bäcker*in. Bleibt die hübsche Frage, was wird aus Bäckerhandwerk, Bäckerlehrling usw.? Bäcker*innenhandwerk, Bäcker*innenauszubildende*r? (Es ist eben krauses Zeug und nicht zuendegedacht, Anmerkung wb.)

Für Eisenberg geht es noch weiter: Für den Grammatiker sei das nur die Spitze des Eisbergs. Bei einer natürlichen Sprache könne keiner überblicken was passiert, wenn man irgendwo ins System reinpfuscht. Damit meint er nicht mal die Rechtschreibreform. Ihm gefallen Substantive wie Lehrende, Lkw-Fahrende, Autobahnbenutzende nicht. Sie richten keinen Schaden an, solange sie nicht die Lehrer, LKW-Fahrer usw. ersetzen, aber er nimmt es halt genau mit den Bildungsfunktionen und ihren semantischen Funktionen.

Beispiele: Schüler, die eine Lehre antreten wollen, sind Auszubildende, aber Lehrlinge sind sie erst mit einem Lehrvertrag. Und ein sterbender Studierender stirbt beim Studieren, während ein sterbender Student auch im Schlaf oder beim Wandern sterben kann. Und ein Geflüchteter kann vor einem Regenguss geflüchtet sein, während ein Flüchtling vor Krieg usw. flieht.

Es gibt also einen inhaltlichen Grund, die Worte Lehrling, Student Flüchtling nicht abzuschaffen. Aber die Gender-Ideologie will sie durch Auszubildende, Studierende, Geflüchtete ersetzen, weil sich das schöner gendern lässt. Der Autor sieht darin Überheblichkeit und Diffamierung.

Zu den Spitzenprodukten ("extreme Ausformungen") gehören Wortschöpfungen vom Berliner Koalitionsvertrag wie Berliner*innen, Bürger*innen, Senator*innen, während man/frau sich mit Straftätern und Intensivtätern zufriedengibt statt Straftäter*innen und Intensivtäter*innen. Ebenso steht es um die Gefährder, die nicht Gefährder*innen oder Gefährdende heißen.

Ist das denn keine haarsträubende Diskriminierung!? Und nun sollen nur noch Drucksachen in gegenderter Sprache angeschaut werden dürfen. Eine neue Agenda soll durchgedrückt werden wie damals bei der Rechtschreibreform – schade dass man sich damals nicht besser gewehrt hat (Anmerkung wb). Abschließend schwebt dem Autor vor, dass sich jemand findet, der ein Klagerecht besitzt und den Aufwand nicht scheut – solche sprachpolizeilichen Allüren sollten unterbunden werden.

Bei der Rechtschreibreform hat's aber auch nix genutzt, und die kam mit ebensolchen Idiotien daher. Und wenn man die Falschschreibungen lange genug durchhält – seien sie auch noch so dämlich -, sind's irgendwann Rechtschreibungen. Nun noch ein Blick über den Großen Teich, um zu sehen, was sich noch Schönes tut:

Students Fight Back Against Political Correctness – The Rise Of "Cultural Libertarianism" (Zero Hedge 19.8.16, aus diesem Artikel stammt das Bild von Ben Garrison). Der Artikel beklagt das reaktionäre und kindische Verhalten der US-Studenten mit ihren safe spaces und trigger warnings. Princeton University Kindly Requests You Stop Using "Gender-Binary" Hate Speech Like "Freshman" (Zero Hedge 19.8.16). Dort finden sich don't use/use-Listen, auszugsweise wiedergegeben:

Don't use Use
businessman, businesswoman businessperson, people in business
forefathers anchestors
mailman mail carrier, postal worker
mankind humanity, people
Each participant must present his ID badge at the door. All participants must present their ID badges at the door.
Each employee is expected to turn in his annual disclosure form by the deadline. Employees are expected to turn in the annual disclosure forms by the deadline.

Die "gender-binary"-Sprache soll gemieden werden und durch "gender-inclusive"-Sprache ersetzt werden, also ohne geschlechtsbezogene Worte. Z.B. die Personalpronomen his, her sollen durch den Plural their ersetzt werden oder gleich ganz weggelassen werden.

Der deutsche Vorkämpfer Ulrich Kutschera wurde oben schon erwähnt. Von ihm stammt die Kopplung Gendern – Kreationismus. Damit erregte er Anstoß, wie man hier lesen kann: Evolutionsbiologe – Universität Marburg lädt Genderkritiker aus (idea 24.3.16 mit Zugangssperre). Der kritische Biologe Ulrich Kutschera, wendet sich gegen Kreationisten genauso wie gegen die Genderbewegung. Er hält Anhänger der Genderbewegung für Pseudo-Wissenschaftler, die auf derselben Stufe stehen wie Wünschelrutengänger und Homöopathen. Er tritt gegen die Behauptung an, es gebe nicht nur Mann und Frau, sondern zahlreiche unterschiedliche geschlechtliche Orientierungen. Er unterscheidet Gender-Biomedizin (GB) als echte Wissenschaft vom Gender Mainstreaming (GM) bzw. Genderismus als soziologisch begründete Ideologie bzw. quasi-religiöse Strömung. Die GB-Theorien basieren auf Fakten, während die GM-Sozialkunde vor sich hin theoretisiert. Diese Aussagen gibt's inzwischen als Buch:

Ulrich Kutschera – „Das Gender-Paradoxon“. Ein paar Takte aus dem Inhalt: Vertreter der Gender-Ideologie wollten für alle Schulen und Fächer vorschreiben, dass die Schüler von nun an „gendersensibel“ erzogen werden. Achtklässler (14 Jahre alt) sollten im Biologieunterricht z.B. gefragt werden, ob sie wirklich „heterosexuell seien oder sein wollen“. Ihnen sollte vermittelt werden, dass die „Heteronormalität“, d. h. die Tatsache, dass etwa 95 % aller Männer und Frauen über einen evolutionär verankerten, dem anderen Geschlecht zugewandten „Fortpflanzungstrieb“ verfügen, als konservativ-reaktionäre Weltanschauung zu gelten habe. Weiterhin sollte vermittelt werden, die Vater/Mutter-Kind-Familie sei überholt, während eine homoerotische Neigung als frei wählbarer Life Style propagiert wurde.

Das stammt von besonders dämlichen Genderern aus der Stuttgarter Landesregierung und wurde nach Protesten gecancelled. Aber die Genderer sitzen überall und verbreiten ihre pseudofeministischen Idiotien. Es gibt wirklich Wichtigeres.

 

Weitere Links dazu:




Aktuelle Kapitalismuskritik


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Darum werden … die Rechtspopulisten stärker: Weil es keine Linke mehr gibt, die sich um zentrale gesellschaftliche Probleme … kümmert, schreibt atheisten-info.at. In dem kritischen Text darf man die "Sozialdemokratische Partei Österreichs" SPÖ in SPD übersetzen und die rechtspopulistische "Freiheitliche Partei Österreichs" FPÖ in AfD. Weiter schreibt atheisten-info.at: Wir würden das wieder brauchen, was es seinerzeit gegeben hat. Parteien, die im Bereich der arbeitenden Klasse tatsächlich kämpferisch tätig sind. So isses (Bild: Clker-Free-Vector-Images, pixabay)

Anmerkungen zu den neuen schlechten Zeiten

Die Neugestaltung der Produktionsverhältnisse nach dem Endsieg des Kapitalismus brachte den globalen Neoliberalismus hervor, der grenzenlos und unkontrolliert den Weltkonzernen und der Finanzindustrie unter der politisch-militärischen USA-Führung die Möglichkeit gab, die Profitmaximierung als einziges Ziel zu institutionalisieren. Die politische Linke hat es defakto kampflos aufgeben, gesellschaftspolitisch für die Interesse der arbeitenden Klasse in Erscheinung zu treten.

Der Kommunismus ging wegen des in den Staaten des realexistierenden Sozialismus komplett fehlenden Marktsystems in Konkurs. Dort hatte man sich praktisch nur darum gekümmert, dass die elementaren Bedürfnisse kostengünstig gesichert wurden: Nahrung, Wohnung, Bildung, Gesundheit. Es war weder gelungen, haltbare sozialistische Gemeinschaften zu formen, noch eine gesellschaftliche und materielle Weiterentwicklung über den Grundbedürfnissen liegenden menschlichen Bereichen zu ermöglichen. All die Elemente, die heutzutage zum Alltagsleben gehören, wurden nicht im Realsozialismus entwickelt, sondern waren Folgen der kapitalistischen Marktwirtschaft, man braucht nur an all die heutigen digitalen Dinge zu denken. Eine Planwirtschaft konnte solche Entwicklungen nicht schaffen, weil dort wurden tendenziell nur Grundbedürfnisse verwaltet, wenn alle genug zu essen, ein Dach über den Kopf, einen Schulabschluss und gesundheitliche Betreuung hatten, dann war man im Sozialismus und es gab nix mehr, das als Bedürfnis wahrgenommen wurde.

Der seinerzeit 'soziale Marktwirtschaft' genannte Kapitalismus fand und schuf neue Massenbedürfnisse, nach dem Endsieg wurde sofort aus der 'sozialen Marktwirtschaft' eine prinzipielle Marktwirtschaft, sie richtet sich nunmehr ausschließlich an der Profitmaximierung aus, alles was in der Produktion menschliche Arbeitskosten erforderte, wurde möglichst in Niedriglohnländer ausgelagert, im kapitalistischen Stammbereich verblieben die nicht auslagerbaren Dienstleistungen, die jetzt rund Dreiviertel der Wirtschaft umfassen.

Die heutige politische Linke hat im Laufe der Zeit die Art ihrer Schwerpunktsetzung dorthin verlagert, wo sie sich speziell im Gefolge der 68er-Zeit, nach dem Zusammenbruch der revolutionistischen 'Neuen Linken', hingewandt hatte: in die Dritte Welt, weil dort waren die Klassenwidersprüche deutlicher, dramatischer und die politische Freiheit war gering bis gar nicht vorhanden, die Klassenunterschiede waren dramatischer. Dieses absorbierte Sein der Dritten Welt veränderte bei den linken Aktivisten das Lebensbewusstsein und die linken Traditionen: Statt um die Positionen der Arbeiterbewegung, also den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, ging es nun um die Obsorge für Mühselige, Beladene, Elende.

Aber dieses Art linken Engagements lag dann nicht nur in der Dritten, sondern auch in der Ersten Welt: Sarkastisch-polemisch gesagt wurden abgeschrägte Gehsteigkanten für Rollstuhlfahrer und Obdachlosenzeitungen nun weitaus wichtiger als der Widerstand gegen den neoliberalen Klassenkampf der herrschenden Klasse gegen die arbeitende Bevölkerung. Der Westen ist eine böse Ausbeutungsgesellschaft, in der die Superreichen immer superreicher und mächtiger werden, aber keiner ist konkret dagegen. Weil der Kampf für Ampelmännchen, Ampelweibchen, Binnen-Is und Willkommenskultur ist viel wichtiger, weil das hebt das Selbstbewusstsein von scheinlinken Bildungsbürgern…

Darum werden auch die Rechtspopulisten stärker: Weil es keine Linke mehr gibt, die sich um zentrale gesellschaftliche Probleme und die dadurch praktisch schon naturwüchsig produzierten Verschlechterungen für die breite Masse der Bevölkerung kümmert, sondern eben nur um am gesellschaftlichen Rand liegende Bereiche.

Die FPÖ weiß nicht einmal, warum sie bei Wahlen so gut abschneidet, das sieht man auch daran, wo sie Schwerpunkte setzt und was sie gar nicht wahrnimmt. Die FPÖ tut für die arbeitende Klasse auch nicht mehr als die SPÖ und die heutige Barmherzigkeitslinke, aber die politisch korrekte Ablehnung der FPÖ durch die politisch korrekten Konkurrenzparteien und die politisch korrekten Meinungsbilder führt dazu, dass gerade die politisch gänzlich unkorrekt alleingelassene Klasse der arbeitenden Menschen ihren Zorn und die ihr von der neoliberalen Defakto-Diktatur aufgezwungene Hilflosigkeit in Proteststimmen an die Partei verwandelt, die von all den politisch Korrekten verabscheut wird. Weil über politisch unkorrektes Wahlverhalten ärgern sich die politisch korrekten Etablierten und gesellschaftspolitischen Versager ständig und laut, das freut dann die Opfer des von den Etablierten kaum je als inkorrekt gesehenen neoliberalen Systems und sie wählen aus Trotz und aus Freude über den etablierten Ärger rechtspopulistisch.

Wir würden das wieder brauchen, was es seinerzeit gegeben hat. Parteien, die im Bereich der arbeitenden Klasse tatsächlich kämpferisch tätig sind und keine grünen Almosensozialisten, die eine Denkweise haben, über die vor Jahren Nikowitz im PROFIL einmal blödelte, sie wären für 'bei Kindergartenelternabenden gemobbte bisexuelle Alleinerzieher mit Migrationshintergrund '….

Dazu wieder einmal die von Abraham Maslow aufgestellte Bedürfnispyramide:
1. Physiologie (Hunger, Durst, Geschlechtstrieb),
2. Sicherheit,
3. Zuwendung, Identität und Gemeinschaft
4. Wertschätzung,
5. Selbstverwirklichung.

Im untergegangenen Realsozialismus wurde hauptsächlich der Punkt 1 bedient, die Grundversorgung. Der Punkt 2, die Sicherheit hatte dort bereits Druckstellen, wer nicht für den Sozialismus war, hatte auch weniger bis keine Sicherheit. Punkt 3 war dort nicht evolutionär gewachsen, sondern wurde von oben verordnet, wer sich nicht mit der sozialistischen Gemeinschaft identifizierte, stand außerhalb und konnte Probleme bekommen. Punkt 4 wurde ebenfalls verordnet, Wertschätzung für Parteifunktionäre war Bürgerpflicht, der Punkt 5 war Gestalten wie Stalin oder Mao vorbehalten, da war ein Fidel Castro, der sich wirklich der Wertschätzung großer Bevölkerungsteile erfreuen konnte, schon eine Ausnahmeerscheinung.

In unseren aktuellen neoliberalen Welt kümmern sich z.B. die Grünen um den Punkt 1, soweit dieser nicht sowieso schon von den (noch) vorhandenen Einrichtungen des Sozialstaates abgedeckt wird, sie suchen nach den Mühseligen und Beladenen und bauen sich damit das Selbstbild der eigenen Wertschätzung auf, ein guter Mensch ist ein guter Mensch! Und die Selbstverwirklichung gilt für die allergutesten guten Menschen, welche die ganze Gesellschaft dazu anhalten wollen, möglichst die ganze Welt retten zu müssen. Der Blick auf die Masse der Bevölkerung, die (noch) keine akute Nothilfe braucht, ist dabei verloren gegangen.

So wird sogar schon der Punkt 2 wieder zu einem Bedürfnis, um das gekämpft werden muss: die Sicherheit der Arbeitsplätze sinkt, die Sicherheiten des Sozialstaates werden immer wieder in Diskussion gestellt, auch die persönliche Sicherheit vor Kriminalität wird als sinkend wahrgenommen.

Der Punkt 3 ist für die Masse der Menschen immr mehr im Verschwinden. Die Sozialdemokratie hat ihren Status verloren, der Repräsentant der Gemeinschaft der arbeitenden Menschen zu sein. Die SPÖ hatte zur Kreiskyzeit 1979 einen Mitgliederhöchststand von 721.262, dann begann er langsam zu fallen, 1990 waren es noch rund 620.000, fünf Jahre später weniger als eine halbe Million, heute sind es nicht einmal mehr 200.000. Die Gemeinschaft hatte früher auch die Aufgabe, sich um persönliche Anliegen, also z.B. Arbeitsplatz und Wohnung, zu kümmern, das wurde "entpolitisiert" und es kümmert sich im praktischen Alltag niemand mehr darum, es gibt die sozialdemokratische Gemeinschaft früherer Zeiten nicht mehr.

Dadurch ist auch die gemeinschaftliche Zuwendung weg und die Identifizierung im Sinne der Zugehörigkeit zu einer Klasse mit gemeinsamen Interessen. Und gemeinsame Kämpfe für gemeinsame Interessen hatte es ja seit der hohen Zeit der Sozialpartnerschaft nicht mehr gegeben, jetzt gibt es auch die Sozialpartnerschaft nicht mehr, mit dem EU-Beitritt wurden die üblichen jährlichen Erhöhungen der Reallöhne eingestellt, Wirtschaftswachstum und Produktivitätssteigerung bringt nur der Klasse der Besitzer der Produktionsmittel, also den Aktionären und Multimillionären neue Reichtümer, die dann – weil man sie für Investitionen gar nicht verbrauchen kann – auch in Spekulationsblasen zumindest teilweise vernichtet werden. Und die Masse der arbeitenden Klasse erlebt sich tagtäglich als überfordert, alleingelassen, als ignoriert, aber gleichzeitig als von den selbsternannten guten Menschen gefordert, die restliche Welt zu retten.

Die allgemein in der Gesellschaft gewachsenen traditionellen Gemeinschaften fühlen sich zudem durch Parallelgesellschaften, speziell durch die islamischen, in ihrer Identität bedroht. So wird der ständige Aufmarsch von religiösen Kopftuchbrigaden als feindselige Manifestation gefühlt und keinesfalls als multikulturelle Bereicherung. Als Mensch, der basisnahe lebt, weiß man, dass "die Ausländer" in buntester Mannigfaltigkeit als Schuldtragende dienen. Der übliche Umgang damit, wirkliche Probleme ebenso zu behandeln wie eingebildete, sie nämlich zu leugnen, zu minimalisieren, zu bagatellisieren, hilft nicht nur nicht, sondern schadet! Weil dies zum Reflex führt: wenn ich was brauche, dann werde ich abgewiesen, wenn Ausländer was brauchen, wird's ihnen nachgetragen. Darum FPÖ!

Zusammenfassend: Mit den Menschen, die mit ihrer tagtäglichen Arbeit das Werkl am Rennen halten, die Werte schaffen, die sich die Ausbeuter aneignen, befasst sich die aktuelle Linke nicht. Weil das sind ja keine obdachlosen Bettler oder sonst was, woran man sich ohne großen Aufwand als edler Wohltäter erfolgreich beweihräuchern kann. Im Klassenkampf kann man keine selbstgerechte Darstellung des eigenen Edelmenschentums erwerben. Sollte die Linke das nicht irgendwann doch begreifen und sich statt ausschließlich mit Güte und Barmherzigkeit auch wieder mit Gesellschaftspolitik befassen, so gibt es vielleicht noch Chancen. Weiterzumachen wie bisher, das heißt nur noch: Strache kann lachen! Dieser kann zwar auch an seiner eigenen Dummheit noch scheitern (wenn er z.B. wieder einen religiösen Wahlkampf macht), aber die etablierten Parteien sind entweder an ihrer gesellschaftspolitischen Blindheit gescheitert (SPÖ und Grüne) oder sehen ihre Aufgaben sowieso nur als Diener des neoliberalen Systems (ÖVP, NEOs).

Link zum Originalartikel bei atheisten-info.at

Links von wissenbloggt:




Asyl von Oktober 2015 bis September 2016


hand-1602489_1280Die Originalzahlen findet man auf der site von Eurostat, da klickt man auf der rechten Seite die Tabellen an und dann unten original file. Atheisten-info.at hat sich die Mühe gemacht, die Namen einzudeutschen und die Zahlen besser aufzubereiten. Ähnliches gibt es in den Qualitätsmedien nicht. Da wird sehr zurückhaltend berichtet, wenn überhaupt. So etwas wie der frappierende Rückgang der skandinavischen Asylbewilligungen findet medial nicht statt, ebensowenig wie die deutsche relative und absolute Spitzenleistung. Dieser Artikel wurde von atheisten-info.at übernommen (Bild: geralt, pixabay)

Asyl von Oktober 2015 bis September 2016

Hier wurde diese Entwicklung ja schon dargestellt, aber aus zwei Quellen zusammengebastelt und darum eher nicht 100%ig genau. Jetzt hat die EU eine Komplettdarstellung für den o.a. Zeitraum online gestellt und es damit sogar geschafft, dass dieser Tage auch die Medien darüber berichteten. Allerdings wie üblich eher zurückhaltend über die enorme Überbelastung für das merkelsche Willkommensland Deutschland und noch zurückhaltender über das von Merkel schwerst mitgeschädigte Österreich, hier die Zahlen für die zwölf Monate laut Überschrift und für die ersten neun Monate 2016:

Wie man sieht ist in Merkels Deutschland der Monatsschnitt 2016 sogar ohne das starke 4. Quartal 2015 noch gestiegen.

Aber interessant ist in erster Linie der Vergleich 2015/2016:

Deutschland hat heuer pro Million Einwohner ein sattes Plus, Schweden ein schweres Minus. Interessant ist dabei, dass Schweden im Dezember 2015 seine Grenzen dichtgemacht hat und das in der EU zu keinem medialen Thema wurde. Denn Schweden war ja die ganzen Jahre her das attraktivste Land fürs Asyl gewesen. Da die EU als Ganzes in der Asylfrage völligst versagt hat und der Asylstrom eben dorthin strömte, wo die Willkommenskultur am höchsten war, konnte sich Schweden das irgendwann einfach politisch und auch sonst nimmer leisten, Tür zu, over and out! Davon war dann in erster Linie Deutschland betroffen, weil die Durchwanderer nach Schweden nun in der BRD verbleiben mussten, der Merkel-Asylrekord für 2016 geschah mit schwedischer Hilfe! Und mit österreichischer! Weil auch hierzulande den Weiterwanderern, die dem Ruf der Frau Merkel folgen wollten, nicht aufgehalten wurden. Am 15. Dezember 2016 hat die BRD darum dann Grenzkontrollen an den österreichischen Grenzen eingeführt. Lustig übrigens, die Versechsfachung der Asylzahlen in Kroatien (von 49 auf 292 pro Mio Einwohner) und die Vervierfachung in Slowenien (132 auf 550).

Ungarn hat durch die Schließung seiner Südgrenzen denselben Effekt wie Schweden erzielt, was auch Österreich half: weil es blieben die in Ungarn registrierten Asylwerber kaum dort, die weitaus meisten gingen auf Wanderschaft nach Österreich, Deutschland und Schweden, nun kommen sie so schon recht schwer nach Ungarn.

Zum Abschluss die Reihung nach den Asylwerbern pro Million Einwohner im Vergleich 2015 und 2016 (2016 wieder hochgerechnet auf 12 Monate):

Deutschland belegt den ersten Platz, aber Österreich ist – dank der wertvollen Merkelhilfe vom Sommer 2015 – immer noch auf Platz zwei, die Slowakei hat in aller Stille den letzten Platz erobert. Griechenland liegt zwar im Prokopfaufkommen noch hinter Östererich, aber zwangsläufig sind Außenstaaten durch die hilflose und reaktionslose EU die Erstbetroffenen. Da 2016 die Balkanroute geschlossen wurde, ist das eben Griechenland, das bisherige Durchwanderungsland in die drei Schlaraffenländer Österreich, Deutschland und Schweden. Das immer am lautesten schreiende Italien liegt deutlich weiter hinten, in Griechenland verdreifachten sich die Zuwanderer, in Italien war der Anstieg nur ein Drittel.

Zusammenfassend kann man sagen, das Asylwesen funktioniert in der EU nicht einmal ansatzweise. Wer nicht mittun will, tut nicht mit, wer an Außengrenzen liegt, hat ein Pech gehabt und wer eine Merkel hat, der hat den großen Spezialpechpokal für übergroße politische Dummheit errungen.

Über Pläne des österreichischen Verteidigungsministers Doskozil (SPÖ) berichtete am 6.1.2017 die Kronenzeitung (Screenshot):

Was natürlich sofort gutmenschliche rabiate Kritik hervorrief, wahrhaft gute Menschen müssen schließlich dafür eintreten, dass die FPÖ noch stärker wird, und darum alles für den Asylzustrom und damit alles für die FPÖ tun. Weil wie – laut Meinungsumfragen – bekannt ist, lehnen 85 Prozent der Österreicher die Willkommenskultur ab. Aber die 15 % Gutmenschen, die sich als Nächsten- und Fernstenlieber selbstverwirklichen, für die steht die Pflicht des Volkes, alles auf sich zu nehmen, um Asyl- und Menschenrechte 200%ig überzuerfüllen über allem in der Welt.

Warum es solche Gutmenschen besonders in Österreich und Deutschland gibt, ist nicht ganz klar, weil – siehe oben – in Tschechien, der Slowakei, Kroatien, Portugal, Spanien, in den baltischen Staaten usw. gibt's praktisch überhaupst keine Gutmenschen und in den meisten anderen EU-Staaten sind sie auch recht selten. Aber dafür haben wir eine der stärksten rechtspopulistischen Parteien, die von den guten Selbstverwirklichern so selbstlos unterstützt und gefördert wird! Alles für eine FPÖ-Alleinregierung 2018, da haben dann die edlen österreichischen Weltretter die Folgen ihres grenzenlosen Eifers verdientermaßen erreicht. Weil dauernd gegen das Volk und seine Wünsche und Meinungen zu agieren und zu agitieren, das schuf die neue Volkspartei FPÖ. Zu unseraller weiterem Schaden. Hallelujah.

Link zum Originalartikel bei atheisten-info.at

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® Globalisierter Vertrauensbruch


Seit der Bankenwater-waves-2091854_1280krise und der Euro-Krise kommt die Finanzwirtschaft nicht mehr aus den Schlagzeilen raus. Darüber wird leicht vergessen, was für andere unheilvolle Kräfte walten. Da gibt's ja noch die Globalisierung, die nicht nur Gutes tut. Anlässlich des Artikels Globalisierungskritik in der Kritik wurde der vorliegende Text upgedated (29.11., Bild: geralt, pixabay).

Rückblick

Als die Welt noch in Ordnung war, wurde in Deutschland produziert, und viele wussten noch nicht mal, was ein Standort ist. Es wurde in die Hände gespuckt und drauflosproduziert, und die Firmen waren anständig und bodenständig. Pauschal gesagt, Umzugsgedanken gab es kaum. Dafür gab es Arbeit in Hülle und Fülle. Die Firmen gaben Geld und kein Fersengeld. Unausgesprochenermaßen war es für alle selbstverständlich, dass die Produktion am Ort blieb und für Arbeitsplätze sorgte. Angesichts des stabilen Aufschwungs diskutierten die Gewerkschaften über Lohnerhöhung oder Aktien-Beteiligung. Die Lohnerhöhung gewann, weil Cash auf die Hand bevorzugt wurde. Das brachte uns noch mehr Konsum und Wachstum, und alle waren zufrieden.

Nur die Science-Fiction-Autoren und die Teilnehmer von manchen wirtschafts-wissenschaftlichen Seminaren reflektierten darüber, was die technische Entwicklung alles ändern könnte. Einige sahen schon ganz gut voraus, was wir heute erleben. Sie sprachen von einer Robotersteuer. Dieses Thema Robotersteuer wurde nicht vor zehn Jahren diskutiert und nicht vor zwanzig, sondern vor fünfzig Jahren – und das war's dann auch. Seither wurden keinerlei politische Konsequenzen aus dem Fortschritt der Robotertechnik gezogen. Kaum jemand hat auf die Vorausschauenden gehört. Warum auch? Es gab Naheliegenderes, von der Fresswelle über die Reisewelle bis la ola. Für die Masse von uns war der ausufernde technische Fortschritt deshalb kein Thema. Die Erdverbundenheit der Unternehmen erschien unverrückbar. Dass bei den Unternehmen das Reisefieber genauso ausbrechen könnte wie unter den Normalverbrauchern, hat niemand im Kalkül gehabt. Wer in die Tarifver­träge etwas von »Arbeitsplätze in Deutschland lassen« geschrieben hätte, wäre ausgelacht worden, denn das war einfach eine Selbstverständlichkeit.

Bis sich dann Kommerz und Technik Bahn brachen und alles disponibel machten.

Aber auf dem Papier steht nichts von den Selbstverständlichkeiten drauf, son­dern in den Arbeitsverträgen steht im wesentlichen drin Maloche gegen Knete. Nun lösen sich die Selbstverständ­lichkeiten durch die technische Entwicklung auf, und die Balance ver­schiebt sich. Es gilt nur das, was auf dem Papier steht, und die vermeint­lichen Besitzstände von früher sind perdu. Unsere Ansprüche sind null und nichtig. Viele gute Jobs sind weg, und viel von unserer Würde auch.

Globalisierung

Weltweiten Handel gibt es schon lange, und er hat auch in der Vergangenheit zu Verwerfungen geführt. In der heutigen Form erleben wir das technisch/kommerzielle Spitzenprodukt Globalisierung als gewaltige Umwälzung. Die regionalen Märkte werden durch die globalen ausgelöscht; mit der entsprechenden Konzentration der Begehrlichkeiten. Globale Märkte heißt riesige Profitchancen, und das lockt die Skrupellosesten auf den Plan. Die gehen voran mit Billigmachen, Ausbeuten und Abzocken. Alle müssen folgen, sonst können sie nicht mehr konkurrieren und werden aus dem Markt gedrängt. Keiner kann ausweichen, weil es nur noch den einen globalen Markt gibt.

Der technische Fortschritt erlaubt immer neue Gemeinheiten, die früher noch nicht möglich waren, und die globale Marktlogik verlangt ihren Einsatz mit dem Argument »konkurrenzfähig bleiben; wenn wir es nicht tun, dann die anderen.« Als Betroffene müssen wir eine neue Logik der globalisierten Märkte lernen.

Wettbewerbsfähige Löhne heißt: Weil die anderen ausgebeutet werden, müssen wir auch ausgebeutet werden, und wir müssen uns solange billiger machen, bis die Maschinen endgültig noch billiger sind als wir.

Konkurrenzfähige Firmen heißt: Sobald eine Firma mit neuen Skrupellosig­keiten vorprescht, müssen alle anderen nachziehen und verschlanken und frei­setzen und umstrukturieren und outsourcen und offshoren. Nebenbei verschieben sie noch unser Know-how in die ganze Welt und nehmen uns damit unseren Standortvorteil.

Innovation ist technischer Fortschritt, und der technische Fortschritt steigert die Produktivität jedes Jahr um 0,5-2%. Indem die Computer und Roboter immer mehr Arbeit übernehmen, bleibt für die Menschen weniger Arbeit übrig. Inzwischen werden fünfzig Prozent der Wertschöpfung maschinell erbracht, und der Anteil der Menschen sinkt unter die Hälfte. Der technische Fortschritt ver­nichtet langfristig unsere Arbeitsplätze, so dass unsere Arbeit uns letztlich die eigene Existenzgrundlage raubt.

Weil wir brav daran arbeiten, uns langfristig selber überflüssig zu machen, werden wir mittelfristig mit Arbeitsplätzen belohnt. Wenn wir uns weigern, bei dieser Abart von Kannibalismus mitzutun, verkrümeln sich die Arbeitsplätze kurzfristig nach sonstwohin. Wenn wir's doch tun, können sie sich dessenungeachtet auch verkrümeln. Ob unsere Innovationen und unser Know-how uns überhaupt zugutekommen oder nicht, steht ganz im Belieben der Besitzenden.

Das Geschaffene steckt jetzt im Computer drin und kann leicht um die Welt herum verlagert werden, wo es dann gegen die Schöpfer eingesetzt wird. In den Arbeitsverträgen steht nichts Gegenteiliges drin, weil eben früher niemand auf die Idee gekommen ist, dass sowas möglich wäre, und jetzt hat sich die Machtverschiebung verfestigt.

Diese alarmierenden Wirkmuster basieren auf dem technischen Fortschritt und dem menschlichen Rückschritt. Der Fortschritt der Technik macht Dinge möglich, die früher noch nicht gemacht werden konnten, und der Verfall der Schamschran­ken lässt es zu, dass sie tatsächlich gemacht werden.

Wir werden armgemacht und entrechtet. Das ist es, worauf es hinausläuft. Globalisierung bedeutet, Ausbeuter aller Länder, vereinigt euch!

Innovationen

Seit ein paar Dezennien leben wir in einer Zeit der Technisierung, wo der Kommerz regiert. Zu den Auswüchsen gehört nicht nur der Arbeitsplatz­export, sondern auch die grassierende Steuerflucht. Was nutzen uns da Innovationen, die nur den Firmen gehören? Wenn deutsche Firmen mit Innovationen Erfolg haben, bedeutet das im Zwei­felsfall nur, dass deren (internationale) Besitzer lukrative Gewinne machen. Der deutsche Staat hat aber nichts davon, wenn die Steuern auf Bermuda anfallen. Die deut­schen Werktätigen haben nichts davon, wenn in Rumänien produziert wird. (Dazu wird unten das Beispiel Apple vorgeführt.)

Die Innovationen kommen uns zugute oder auch nicht, ganz wie es den Unter­nehmen gefällt. Wenn die Erfindung mal gemacht ist und die Verfahrenstechnik dafür entwickelt ist, dann braucht der Computer nur noch einen Knopfdruck für den Technologietransfer in die weite Welt. Unsere Innovationen werden dann woanders eingesetzt und wenden sich in­folgedessen gegen uns. Es ist wirklich wie beim Kannibalismus, wo die Leute sich gegen­seitig aufessen. Die alte Denkweise stimmt nicht mehr. Es hieß, aus Gewinnen werden Inves­titionen, und aus Investitionen werden Arbeitsplätze. Jetzt wird massiv wo­anders investiert, und so nebenbei wird unser Know-how in die ganze Welt getragen.

  • Der Arbeitsplatztransfer beendet unseren Wohlstand.
  • Der Technologietransfer beendet unsere Vorrangstellung.
  • Was wir an Exzellenz entwickelt haben, wird uns genommen, und wir müssen uns neu dafür abstrampeln.

Zum Dank dafür wird jetzt woanders produziert, sofern's nicht gleich die Ro­boter erledigen. Die Arbeitsplätze werden durch die Welt durchgereicht und dabei immer billiger gemacht, bis alle Welt auf das billigste Niveau reduziert ist. Zuerst werden die Arbeitsplätze aus den Hochlohnländern in die Billiglohnländer transfe­riert, dann werden sie aus den Billiglohnländern in die Superbilliglohnländer weiterverschoben, und zuletzt übernehmen die Roboter die Sache ganz. Das ist eine von den Umwälzungen, die unser Leben durcheinanderbringen.

Wir haben kaum Einfluss darauf, weil das Ganze im Belieben der Besitzenden steht. Die entscheiden, ob sie uns an den Früchten unserer Arbeit teilhaben lassen oder nicht. Wenn sie wollen, können die Besitzenden unser Werk genausoleicht gegen uns einsetzen. Viele von unseren Brötchengebern geben uns nur noch Krümel, und dann verkrümeln sie sich ganz. Weil dies mit den Innovationen der Vergangenheit ohne jede Scham ge­schieht (siehe Apple), spricht nichts für einen anderen Verlauf bei den Innovationen der Zukunft. Was wir den anderen Ländern voraushatten, ist weitgehend weg. Das Know-how der Zukunft wird uns genauso skrupellos genommen werden, weil es logischerweise mehr Rendite abwirft, sobald es uns nicht mehr zugutekommt. Andere Schätze als unser Know-how haben wir aber kaum. Wir haben weniger Rohstoffe, als wir brauchen, und wir haben noch keine ausreichenden Energiequellen für die Menschenmillionen in unserem Land.

Was uns bleibt, ist unsere Arbeits­kraft, mit der wir gegen die Billiglöhner der ganzen Welt anstrampeln sollen. Vielleicht gelingt es uns sogar, unsere Standortnachteile bei Rohstoffen und Energie durch besondere Schaffenskraft und Kreativität auszugleichen. Dann kopiert und plagiiert man uns, bis wirklich nichts mehr von unserem Vorsprung übrig bleibt. Das Fazit ist, wir müssen verarmen.

Vertrauensbruch

Am perfidesten ist die Tatsache, dass es alles erst durch die Arbeit der Werk­tätigen möglich wurde. Der Fortschritt ist ja von Menschen gemacht, und nun geht er nahtlos in den Kannibalismus über. Wenn man diese Entwicklung vorausgesehen hätte, wäre es anders ge­kommen. Die historische Arbeiterbewegung hat sich ein Gleichgewicht mit den Unternehmern erkämpft. Da hatte garantiert niemand vor, mit den Auswirkungen seiner Arbeit die Existenzgrundlagen seiner Nachkommen zu verzehren. Auf sol­che kannibalischen Errungenschaften hätten sich die damaligen Arbeitervertreter sehenden Auges nicht eingelassen. Dass es nun so kommt, ist ein historisches Ver­sagen der Gewerkschaften.

Weltweiter Handel, Fall der Zollschranken, europäische Verbrüderung usw. zeigen ihre Schattenseiten mit outsourcing, offshoring, border hopping, Lohndumping und Steueroasen. Das Geschaffene ist jetzt mobil. Es ist anderweitig verfügbar geworden, und die Vorteile liegen exklusiv bei der Unternehmerschaft. Immer mehr Know-how steckt in den Computern drin und wird somit nach sonstwohin transferierbar, wo es gegen uns eingesetzt werden kann. Das Wissen und Können, das nicht im Computer drinsteckt, geht mit den entschwindenden Arbeitsplätzen auch verloren. Die Fähigkeit, Dinge herzustellen und zu bearbeiten, wird woanders geschult und nicht mehr bei uns. Eine stillschweigende Übereinkunft ist gekündigt, und die meisten haben es noch nicht mal gemerkt.

Was da passiert ist, ist der größte Vertrauensbruch der Arbeitsgeschichte.

Das ist es, was dahintersteckt. Wir haben nur gefühlsmäßige An­sprüche. Wir sind die Enterbten. Wir Normalbürger haben es versäumt, maßgebliche Anteile an den Firmen zu erwerben oder zumindest eine Rechtsposition für unsere Ansprüche zu erwirken, und nun lösen sich unsere Ansprüche in Luft auf. Im Grunde hat die Globalisierung schon gegen uns gewonnen. Mit herkömm­lichen Mitteln kommen wir aus der Falle nicht mehr raus:

  • National können wir den Marktkräften nicht beikommen, denn wenn wir dem Kapital nachgeben, wird die Arbeit billiger, und wenn nicht, dann wandert die Arbeit ins Ausland. So oder so sind wir die Verlierer.
  • Global gibt's auch keine absehbare Regelung, die unseren Stand erhält. Die Rückkehr zu allgemeinen Schutzzöllen wäre nur noch schädlich für uns, denn das Know-how, das unser Standortvorteil war, ist ja schon nach sonstwohin ex­portiert. Die Bodenschätze, die den Standortvorteil unserer Handelspartner bilden, sind aber zumeist noch dort. Wir haben weniger zu bieten als früher, wir sind nur noch ein übervölkertes Land mit zuwenig Energie und Rohstoffen, und unsere Position ist daher grundlegend geschwächt. Da brauchen wir nicht auf eine globale Übereinkunft zu hoffen, die unsere Privilegien zur Ausbeutung der billigen Dritte-Welt-Rohstoffe konserviert.

Wir sitzen also mitten in der Bredouille, wenn wir keine auskömmliche Regelung mit den Besitzenden treffen können. Ob das wohl möglich ist? Die Entwicklung geht genau in die andere Richtung.

Spielregeln

Eine gedeihliche Zusammenarbeit gibt's nur, wenn beide Seiten Vorteile daraus ziehen. Dafür werden die Gesetze gemacht, um jedem das Seine zu gewähren, und genau das ist nicht mehr der Fall. Wer das bestreiten will, kann behaupten, die Globalisierung schafft Märkte und hält unsere Wirtschaft am Laufen, also profitieren wir alle davon. Tja, wir müssen nur aufpassen, dass wir uns nicht bankrottprofitieren. Schließlich sind wir auf dem besten Weg in den allgemeinen Staatsbankrott. So richtig gut kann uns der globalisierte Fortschritt nicht tun – nicht mit einem Schulden­berg, der sich auch ohne crashträchtige Mitwirkung der Finanzwirtschaft dermaßen auftürmt.

Wenn wir die einzigen mit so vielen Schulden wären, könnte man dem Argu­ment der Wirtschaft vielleicht folgen. Dann wäre es die Überalterung oder eine sonstige spezielle deutsche Unfähigkeit, die uns arm macht. Wenn aber die Staats­haushalte überall in der Welt so tief in die Miesen geraten, zieht das Argument nicht mehr. Dann sind die Geldpumpen eben falsch gepolt, beschrieben in Arbeitsprofite für alle. Die Mär vom allseitigen Profit stimmt einfach nicht, so dass wir lieber andere Regelun­gen hätten.

Wir müssen uns doch fragen, wer macht denn die Spielregeln? Gebote fallen nicht vom Himmel, auch wenn Moses dermaleinst was anderes behauptet hat. Gesetze werden von Menschen gemacht. In einer Demokratie sollten die Gesetze doch bitte den Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Wenn sie jedoch unaus­gewogen sind und die eine Seite gegenüber der anderen bevorzugen, dann gehören die Gesetze geändert.

Leider schaffen unsere Politiker noch nicht mal die einfachen Aufgaben:

  • Bei denjenigen Unternehmen ordentlich Steuern kassieren, die nicht weg können, zum Beispiel bei den Versorgungsunternehmen.
  • Die öffentliche Geldverschwendung beenden, an der die Rechnungshöfe zahnlos herumkauen.
  • Die Schattenwirtschaft beenden, weil sich doch die Investitionen gegen Schwarzarbeit, Steuerflucht und Kriminalität enorm auszahlen.
  • Die Investitionen in aufgeblasene Finanzprodukte erschweren, und dafür dauerhafte Investitionen in reale Innovationen erleichtern.
  • Die Interessen des Volks vertreten, anstelle der Interessen der Volksvertreter.

Gar nicht zu reden von den schwierigeren Aufgaben, wie der Zähmung der Finanzwirtschaft, der Bändigung der Lobby und dem Trockenlegen der Steueroasen. Da liegt fast alles im argen, und das nutzt der Kommerz radikal aus.

Apple

Ein schönes Beispiel dafür liefert eine Computerfirma. Apple ist die Computermarke mit dem Kultstatus, nur dass der Nimbus inzwischen angekratzt ist. Das liegt an der Aufklärung über Apples Geschäftsmethoden. Die Firma steht für eine neue Unternehmenskultur, wie es sie vor der Globalisierung noch nicht gab.

Die ganz modernen Firmen verändern sich auf eine nie gekannte Weise. Die Fertigung wird ins Ausland verlegt, und die Entwicklung nach Möglichkeit auch. Was bleibt, ist eine Agentur  für Entwicklung, Marketing und Design, wo die Ideologieproduktion stattfindet, die das Label teuer und profitabel macht.

Profitabel ist das Auslagern der eigentlichen Arbeit zum Beispiel nach China, wo zu Dumpinglöhnen produziert wird. Die Entwicklung wird in Indien kostensenkend betrieben, und der Service sitzt in billigen call centern irgendwo in der Welt. Mit diesem Lohndumping wird den heimischen Werktätigen der Ertrag an der Technik vorenthalten, die sie über Jahrzehnte hinweg entwickelt haben. Das Know-How steckt ja jetzt im Computer drin und kann überall in der Welt gegen sie eingesetzt werden. Dabei spielt außer Lohndumping auch Menschenrechtsmissachtung und Umweltzerstörung eine Hauptrolle. Ordentlich bezahlte Arbeiter mögen die fortschrittlichen Agenturen nicht haben, oder nur so wenig wie irgend möglich.

Zugleich bezahlen sie Scharen von teuren Lobbyisten, Anwälten und Steuerexperten, um die Firmen (und ihre CEOs) mit größter Expertise der Besteuerung zu entziehen. Apple ging mit Rekordwerten von weniger als 1% Steuer durch die Presse, mit abenteuerlichen Steuerflucht-Modellen durch irische Trickfirmen und um die halbe Welt herum.

Obendrein wird Patentmissbrauch betrieben, um die Konkurrenz niederzuhalten. Es ist normal, dass Innovationen sich in Patenten niederschlagen, nur dass es jetzt mehr juristische Innovationen sind als technische. Die modernen Agenturen beschäftigen Stäbe von Patentanwälten, die jeden Unfug patentieren, den die Patentämter durchgehen lassen (die wirklichen Innovationen werden lieber nicht patentiert, weil sie dann veröffentlicht werden und die Konkurrenz auf die Spur bringen). So raffen diese Firmen tausende von Patenten zusammen, mit dem einzigen Zweck, alle anderen zu blockieren.

Kleine und mittelständische Firmen können sich keine teuren Patentanwälte leisten. So reißen die Großen alles an sich, auch wenn gar kein Gehalt hinter ihren Patenten steckt oder bloß geklaute Ideen. Bei der Konkurrenzverdrängung leisten sich die Großen Titanenkämpfe mit ungeheuerlichem Aufwand an Material und Personal. Vor Zeiten errang Apple dabei einen Sieg über Samsung, der wohl eher den Juristenkniffen geschuldet ist als einer tatsächlichen Patentverletzung.  

Das wirkt sehr ungerecht, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Apple die Firma ist, die ihre basics selber geklaut hat (das Windows-System von Rank Xerox), und die auch sonst freizügig fremde Ideen kopiert. Gewiss werden auch viele Apple-Ideen andernorts verwendet, aber so ist das eben. Man kann der Konkurrenz doch nicht dreieckige Tablets vorschreiben, weil Apple das Recht auf die viereckigen hat.

Zu all dem kommt noch das unsoziale Prinzip, mit dem Apple seine Interessen gegenüber den anderen abgrenzt, die datenmäßige Abschottung. Die Software wird jenseits der apps als closed shop betrieben, Schnittstellen mit anderen sind nicht gewollt. Man kommt kaum an seine eigenen Dateien dran, wenn man sich keine jailbreaker-Software verschafft. Wer sich darauf einlässt – also die gesamte Kundschaft -, wird zur Markentreue gezwungen.

Das sind die Bestimmungsgrößen, die Apple zu einem besonders erfolgreichen profit center machen, in dem sich mehr unverdiente als verdiente Gewinne ansammeln. Anstatt noch länger auf den Apple-Kult einzusteigen, machen sich immer mehr Leute klar, dahinter steckt asoziales Verhalten von vorn bis hinten. Apple ist eine Agentur für Lohndumping, Steuerflucht, Patentmissbrauch, Konkurrenzverdrängung und Abschottung. Das ist das wahre Wesen von Apple – und von den anderen modernen Firmen auch. Die sind asozial, weil sie uns ihren Obolus zum Gemeinwohl vorenthalten.

Was bei der Art von Geschäftemacherei förmlich in der Luft liegt, ist eine datenmäßige Machtergreifung. Das sogenannte cloud computing ist nur ein Teil davon, der aber für viele Aspekte steht – meine Daten sind irgendwo im Internet, und ich komme von überall dran. Bald lebt jeder in Abhängigkeit vom jederzeitigen und allgegenwärtigen Datenaustausch. Man kann sich leicht vorstellen, wie das dahinterstehende Machtpotential die Entskrupelten umtreibt und die Abzocker elektrisiert. Die Freiräume sind groß, der Missbrauchsmöglichkeiten gibt es viele, und es sind reichlich Firmen vorhanden, die man einschlägig verdächtigen darf.

Wachstum

Von solchen Firmen gibt's immer mehr; das ist ein Wachstumsmarkt. Das ewige Wachstum ist das Credo unserer Wirtschaft, sein Ausbleiben wird bejammert, auch wenn jeder weiß, dass es nicht immer so weitergehen kann. Letztlich hat der kategorische Wachstums-Imperativ eine profane Verhüllungsfunktion: Er soll die Probleme der Wirtschaft bemänteln, sich an die tatsächlichen Bedürfnisse anzupassen. In der Realität verhält es sich nämlich genau andersrum, und die Menschen müssen sich an die Bedürfnisse der Wirtschaft anpassen.

Durch die Zunahme der Produktivität gilt – unabhängig von der Lohndrückerei – der Satz Wachstum her, oder Arbeitslosigkeit. Die Idee war eigentlich eine ganz andere, nämlich dass die Roboter für die Menschen arbeiten und nicht gegen sie. Oder dass die Besitzenden wenigstens halbe-halbe mit ihren Arbeitskräften machen. Die Einkommensverteilung sagt aber was anderes. Da sieht man stagnierende Arbeitseinkommen seit der 1980er-Jahren, während das oberste 1% die gesamten Wohlstandgewinne einkassiert. Die Finanzwirtschaft hat auch ihren Anteil daran, aber die darf momentan ausgeblendet bleiben. Der globalisierte Kommerz ist schon schlimm genug, und er entfesselt sich immer weiter.

Ethische Restriktionen kennt der Kapitalismus nun mal nicht – wozu auch? Der real existierende Kommunismus kannte ja auch keine. So werden die Arbeitsplätze von allen Seiten bedroht. Wenn Investitionen in die Realwirtschaft nicht genug Gewinn abwerfen, kann das Kapital dort abgezogen werden, um in der Finanzwelt auf Abenteuer zu gehen. Ansonsten werden die Arbeitenden weltweit gegeneinander ausgespielt, und immer mehr Arbeit kann von Robotern und Automaten übernommen werden.

Solange die Roboter nur für die Besitzenden arbeiten, sind die Profite enorm, und das steht einer Reform enorm entgegen. Es wäre sehr sinnvoll, sich diesem Dilemma zuzuwenden, statt noch länger das Mäntelchen des Wachstums drüberzubreiten. Das Wachstum findet bald nur noch bei den Robotern statt. In einer ersprießlichen Zukunft müssen die Roboter unvermeidlich für alle Menschen arbeiten, und nicht nur für einige wenige. In einer gedeihlichen Zukunft muss sich die Wirtschaft an den Bedarf der Menschen anpassen.

Ihr Zweck ist es nicht, uns in Existenznöte aus Arbeitslosigkeit, Sozialkürzung, Rentendefizit und Roboterdämmerung zu stürzen und von Crash zu Crash auf unseren Ruin hinzuarbeiten. Es ist auch nicht der Sinn der Sache, die Lebensqualität unter dem Diktat der Ökonomie wegzuoptimieren, und die verbliebene Arbeit zu reinen Stressjobs zu machen.

Der Sinn der Wirtschaft ist es, uns vom Überlebenskampf zu befreien und uns damit die materielle Freiheit zu bringen. Darum geht es, und nicht darum, ein paar entsozialisierte Profiteure stinkreich zu machen. Wir wollen nicht, dass unser Wohlstand über Gebühr geschmälert und in den Reichtum der Privilegierten umgewandelt wird. Bloß wer vertritt unsere Interessen?

Die Politik wurde widerstandslos von der Globalisierung überrollt. Eigentlich hätte die Entwicklung eine globalisierte Politik erforderlich gemacht, aber was wir an hochbezahlten internationalen Organisationen haben, hat versagt. Es gibt keine globalen Finanzmarktregeln, außer dass fast alles verboten ist, was die Finanzkünstler einschränkt. Die politischen Bemühungen gegen die Steuerflucht bleiben hilflos und unwirksam.

Die technisch-wissenschaftlichen Umwälzungen dürfen sich aber nicht länger einen regelfreien Raum schaffen. Ihre Auswirkungen führen zu enormen Verwerfungen, zu Missbrauch, zu Umschichtungen, zu Systemkrisen.

Jede Krise bietet wiederum die Chance dafür, dass sich doch mal was bewegt – und diese Chance wird immer wieder vertan. Es hapert also schon an den Voraussetzungen. Unter den Agendasetzern gibt es gar keinen Willen zu ernsthaften Reformen. Die tun nur so als ob. Und die Wähler lassen sich von anderen Themen ablenken – oder nicht?

 

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Wunschhelplinge


In der Zeit findet man wirklich die interessantesten Artikel. Einer davon spricht von Wunschhelplingen und heißt Dienstboten: Danke, ich bin bedient (ZEIT ONLINE 17.11.): Online-Plattformen schaffen eine anonyme Dienstbotenklasse (deren Mitglieder keineswegs mit dem abgebildeten Experten gleichzusetzen sind).

Die Autorin Julia Friedrichs sieht überall Plakatwände und Flyer, auf denen neue Serviceunternehmen ihre Dienste anbieten: Einkäufe erledigen, Kleidung abholen und reinigen, putzen, ein Menü bis an die Tür fahren. Für Friedrichs heißt das, die Dienstboten sind zurück. Sie nutzt den Service und schämt sich dafür: Und so lege ich jetzt neben all dem anderen Kram manchmal auch Servicekräfte in den Warenkorb.

Für Friedrichs ist es anrüchtig, Dienstboten zu beschäftigen. Sie war sogar schockiert, als sie in Südamerika eine richtge Dienerin kennenlernte. Aus Solidarität wollte sie mit ihr am Dienertisch essen. Andere finden eine Dienerschaft ganz normal, vor allem in Ländern mit viel Armut: Ohne diese Arbeit wären die Diener noch ärmer.

Die Erfahrungen mit den modernen Dienstleistern sind schnell gemacht. Schwupps, wird der perfekte "Helpling" für sie gefunden. Nach Fabiana kamen dann Igor, José Luis, Istvan, Valentina, Pamela. Und die Autorin plagt das schlechte Gewissen, weil sie sich die Namen nicht merken kann – jedesmal kommt ein anderer, der "Wunschhelpling" ist nicht mehr verfügbar.

Bald redet sie selber von Helpling und schämt sich dafür. Beim Buchen verschwendet sie kaum einen Gedanken daran, dass sie da gerade einen Menschen anheuert. Die neuen Dienstboten verbergen sich online unter einer angenehmen Benutzeroberfläche. Die Plattform hält alles "anstrengend Zwischenmenschliche" von den Kunden fern. Noch ein Grund zum Schämen für die Zartbesaitete.

Die lästigen moralischen Fragen nagen an ihr: Wo man sich bedienen lässt, muss gedient werden, wo möglichst günstig geordert wird, wird für niedrigste Löhne geschuftet. Was in den US-Großstädten längst Standard ist, geht in Berlin und München in die Pilotphase. Und es klappt. Lieferung in 1 std, kontrollierbar auf dem Stadtplan im Handy, wo der nahende Dienstbote als Punkt angezeigt wird.

Das macht der Autorin Angst vor der Zukunft. Wird bald alles und jedes von angeheuerten Kräften erledigt? Frühstück bringen, putzen, Batterien austauschen, bis man nichts mehr selber erledigen kann? "Arbeitsteiliger Kapitalismus in Reinform", findet sie, wollen wir das überhaupt?

Es gibt noch Momente des direkten Kontakts mit dem Dienstboten, wenn man die Tür für sie aufmacht, und da merkt Friedrichs, wie peinlich ihr das alles ist. All die Sklaven, die schleppen und putzen und fahren müssen, damit sie ein, zwei Stunden ihrer wertvolleren Lebenszeit gewinnt. Sie will aber nicht in einem Land leben, das nach hochbezahlten Leistungsträgern und Niedriglöhnern differenziert, nach Bedienten und Dienern.

Die ethische Lösung heißt bei ihr, nutze nur die Dienstboten, die du gut behandeln und bezahlen kannst. Wem die Hilfen unter solchen  Bedingungen zu teuer sind, der soll die Arbeit halt selber machen.

Kommentare

Der Artikel hat großen Zuspruch und auch einige Kritik hervorgerufen. Die Kommentare sind weitgefächert und oft sehr lesenswert. Für wissenbloggt war es quasi eine Pflicht, alles durchzuscannen und eine anonymisierte, umsortierte Auswahl hier hereinzubringen.

Besonders treffend meldet ein Kommentar, er beschäftige auch eine Servicekraft. Sie heiße Julia Friedrichs und schreibe ihm Artikel. Er bezahle sie höchst indirekt … Er wisse, er sollte sich seiner Ignoranz schämen, aber es sei ihm relativ wurscht, ob sie dabei über die Runden kommt.

Dienstleistungen ubiquitär

In diese Richtung gehen viele Kommentare: Überall arbeiten versteckt "Dienstboten", für wenig Geld. In Hotelzimmern, Kliniken, Restaurants, Supermärkten, Dritte-Welt-Plantagen und -Produktionshallen. Und wer bringt den Müll weg, wer fegt die Straße, wer fährt Bus und Bahn, wer sorgt für Strom, Wasser, Internet, wer schafft die IT-Dienstleistungen? Und hat die Autorin Probleme damit, sich im Restaurant bedienen zu lassen? Hat sie Probleme, sich im Fachgeschäft bedienen zu lassen? Putzt die Autorin in einem Hotel selbst nochmal schnell durch alle Ecken, bevor sie das Zimmer zurückgibt?

Warum solle sich jemand über den inländischen Pizzaboten große Gedanken machen, während er T-Shirts kaufe, die in asiatischen Textilfabriken zusammengeschraubt sind, und Nahrung esse, die irgendwo auf der Welt zu völlig unbekannten Bedingungen produziert worden ist?

Keine Dienstboten, sondern Dienstleister

Außerdem sind das heute keine Dienstboten mehr, befinden einige Kommentare: Die 24/7 Dienstboten waren de facto Anfang des 20. Jahrh. noch Leibeigene.

Dienen bedeutete in der Zeit dieser Dienerschaft vieles, was auch direkt mit dem Wohnen beim Herrn oder der Dame zu tun hatte. Es hieß, loyal zu sein, verschwiegen, sich keine eigene Meinung zu leisten, es gab kaum eine Möglichkeit, bei schlechten Zeugnissen wieder eine Anstellung zu bekommen oder gegen falsche Aussagen anzugehen usw. Die heutigen "Diener", wie man die Arbeitskräfte mittlerweile polemisch nenne, haben all diese Möglichkeiten.

Nun, es sind Dienstleister und keine Diener. Wie der Mann der den Kabelanschluss einrichtet oder die Pizza bringt. Das sei nicht mit früher zu vergleichen, wo eine persönliche Abhängigkeit von der "Herrschaft" bestand.

Umweltschäden?

Und wie steht's mit der Umweltverträglichkeit? Eine Menge billige Arbeitskräfte herumfahren zu lassen sei umweltmäßig wohl besser? Die Antwort kann tatsächlich positiv ausfallen.

Spezialisierte Dienstleister sind in der Lage, Aufgaben wesentlich effizienter auszuführen als man selbst. Zum Beispiel wird ein Wäschewascher nicht nur eine Waschmaschine anwerfen, sondern gleich mehrere Wäschen parallel durchführen. Ein Pizzalieferant trägt mehrere Pizzen gleichzeitig aus.

(Insgesamt kann die Umweltbilanz der Bringdienste besser sein, als wenn jeder selber einkaufen fährt, Ergänzung wb.)

Zukunft & Vergangenheit

Säter machen's eh die Roboter, ist das Standardargument: Dann wird alles vollautomatisiert mit Drohnen und Robotern abgewickelt werden.

Hierher gehören auch die Erfahrungen, die ein Kommentator mit einem Online-Händler machte, der all das (Gewünschte) liefern konnte, sogar frei Haus. Das ging solange reibungslos (und gedankenlos) von statten, bis sich der unsichtbare Buchhändler zum Händler für Waren aller Art mauserte und ungebetene Angebote machte, "Interesse" wecken wollte. Online ließen sich diese Aufdringlichkeiten nicht aus der Welt schaffen.

Vermeiden lässt sich das Ganze auch anders, wie ein Pragmatiker sagt: Wer putzen lässt -> zieh' in eine kleinere Wohnung, das spart nicht nur Geld für PutzfrauMann sondern auch Miete. Wer öfters Essen liefert lässt -> lern' kochen, du willst nicht wissen, unter welchen Umständen dein Essen vom Lieferservice zubereitet wird.

Eigene Erfahrungen

Viele Kommentare sprechen von eigenen Erfahrungen, und von dem guten Trinkgeld, das sie geben: Diese Jobs seien super für Studenten und Teilzeitkräfte, durch die geschickte Arbeitsverteilung könne man sich aussuchen wann man arbeiten kann/will und die Bezahlung sei durchschnittlich. Schlimm werde es aber dann, wenn Menschen solche Jobs in Vollzeit machen (müssen). DHL-Subunternehmer, die in ihren Transportern schlafen, seien nur eine Ausprägung davon.

Wenn die Arbeiter von vornherein fair bezahlt würden (von ihrem Arbeitgeber), könnten sich viele Durchschnittsverdiener die Dienstleistung nicht mehr leisten bzw. würden darauf verzichten, und diese Jobs würden verschwinden. Sie können nur existieren, weil sie auf Ausbeutung beruhen – das züchte eine neue Lakaienschaft heran, die oft lange in diesen Beschäftigungsverhältnissen stecken bleibe.

Ethische Erwägungen

Damit sind die Fragen schon angesprochen, zu denen es am meisten zu sagen gab. Zur Frage "Wollen wir das?"

Ja, sonst würde es diese Angebote nicht geben. Die freie Wirtschaft, also nicht die Subventionswirschaft, biete ehrliche Leistungen an: Sie bleiben solange im Markt wie sie sich lohnen.

Die Frage sei doch einfach nur, ob die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung in Ordnung sind. Wenn da alles passe, sei es doch ok. Schließlich haben wir uns zu einer Dienstleistungsgesellschaft entwickelt: Immerhin sei es doch besser, wenn die Mittel-/Oberschicht wieder etwas von ihrem Geld abgibt, statt es ausschließlich für Konsumgüter rauszuschleudern oder zu horten.

Und schließlich ist das Argument "Gönnen Sie mir doch meinen Job" geeignet, um einen zum Nachdenken zu bringen. Ja, er kann es sich durch seinen (eigenen besserbezahlten) Job leisten, so manche Handgriffe von jemand anderem erledigen zu lassen. Und er zahle (direkt oder indirekt) auch dafür.

Das Problem liegt nicht darin, bedient zu werden, sondern eher darin, dass immer mehr Dienstleistungen so billig sind, dass man sich frage, wie das wirtschaftlich überhaupt funktionieren kann.

Die Rechnung sei ganz simpel. Fast alles, was man online verlagere oder im Laden selber erledige, gefährde örtliche Arbeitsplätze. Die tollen Online-Platformen beschäftigen kaum Menschen, und Steuern zahlen sie meist auch nicht. Vor allem nicht in Deutschland. Millionen von Menschen in der BRD rennen den ganzen Tag mit der Axt rum und hauen aus Bequemlichkeit den Sozialstaat zu Kleinholz. Weil es ja so praktisch ist.
Währenddessen veröden die Städte.

Z.B. UBER sei nichts Neues, es sei schlichtweg nur das Aufbürden des kompletten sozialen und sonstigen Haftungsrisikos auf den schwächsten in der Kette, den Fahrer und den Kunden.

Diese Sicht führt auch zur Forderung nach dem Bedingungslosen Grundeinkommen. Eine längere Passage aus einem Kommentar findet diese Worte: Das Problem beginnt dann, wenn die Menschen so niedrig bezahlt werden, dass sie davon kaum leben können. Das Problem setzt sich fort, wenn sich die Auftraggeber als etwas besseres vorkommen und arrogant werden. – Und das wiederum hängt eng damit zusammen, welche Wertschätzung man für seine Mitmenschen entwickelt und damit, was man sich selbst wert ist. – Leider gibt es bei vielen, notgedrungen oder aus zu geringer Selbstachtung, den Hang, sich zu billig zu verkaufen. – Und viele Konsumenten u. Auftraggeber denken nur an sich und nehmen das günstigste Angebot. – Hier haben wir einen weiteren Hinweis auf das Problem: zu viele Wahlmöglichkeiten, die uns überall angeboten u. schmackhaft gemacht werden. – Nun ist diese Entwicklung aber kein Naturgesetz! – Wir, die Bürger, die Wähler, die Menschen, haben es in der Hand, wie wir miteinander umgehen!

 

Links dazu:

Vorwärts nach Downton Abbey? (TELEPOLIS 15.10.): Seitdem die Frau sich ebenfalls in das Erwerbsleben ganztags integrieren muss, existiert hier eine Haushaltslücke, welche das Bürgertum zunehmend durch die Einstellung von Hauspersonal kompensiert.

Links von wb dazu:

 




Diskrepanzen und Defizite in USA und Deutschland


Diskrepanzen gibt's bei der argumentativen Aufarbeitung der US-Wahl, und die Defizite sind es, die dabei untergehen. Oder anders gesagt, die Medien arbeiten sich gern an den falschen Themen ab, und sie vergessen darüber wirklich wichtige Themen wie die gewaltigen Defizite bei der Gerechtigkeit.

Das soll hier anhand von ein paar Links und einem stupenden Video ausgeführt werden. Schon lange vor der US-Wahl wurde das Stichwort geliefert, z.B. im Artikel Geld und Politik in den USA – "Der amerikanische Traum ist ausgeträumt" (n-tv 18.4.): Sehr vielen Amerikanern geht es sehr schlecht, während es einigen wenigen sehr gut geht. Der amerikanische Traum, dass man es aus eigener Kraft und ohne staatliches Zutun schaffen kann, längst ausgeträumt. Für Deutschland und andere Länder gilt das genauso, und da liegt die Diskrepanz zur öffentlichen Wahrnehmung.

Für die USA ist das sogar optisch aufbereitet: Das Vermögen in den USA, Ideal und Wirklichkeit (brilliante Visualisierung). So heißt das Video von dem texanischen freelance filmmaker Politizane, Wealth Inequality in America 2012 in der Übersetzung von Dirk Hannemann. Wer sich das anschaut, bekommt die Diskrepanzen und Defizite eindringlich vorgeführt.

Der Kapitalismus lebt von dem Versprechen: Sei fleißig und tüchtig, dann schaffst du es – und das ist inzwischen eine Lüge. Fleiß und Tüchtigkeit garantieren gar nix mehr. Nach 40 Jahren Deregulierung haben wir in Deutschland keine soziale Merktwirtschaft mehr, und in den USA ist der American dream geplatzt. Um es auf sozialistisch zu sagen: Die reichen Ausbeuter und die armen ausgebeuteten Massen sind Realität.

Eine willkürlich ausgewählte Liste von Artikeln bringt Details dazu, erst zu den USA, dann zu Deutschland. Dass einige Quellen ihre Informationen reißerisch darstellen, entwertet diese nicht, solange sie sich z.B. auf das U.S. Census Bureau beziehen:

  • Dieser Artikel ist quasi die Fortführung des Videos – Poor America: 7 In 10 Americans Have Less Than $1,000 In Saving (Zero Hedge 10.10., basierend auf USA Today): Last year, GoBankingRates surveyed more than 5,000 Americans only to uncover that 62% of them had less than $1,000 in savings. Last month GoBankingRates again posed the question to Americans of how much they had in their savings account, only this time it asked 7,052 people. The result? Nearly seven in 10 Americans (69%) had less than $1,000 in their savings account. Breaking the survey data down a bit further, we find that 34% of Americans don’t have a dime in their savings account, while another 35% have less than $1,000. Of the remaining survey-takers, 11% have between $1,000 and $4,999, 4% have between $5,000 and $9,999, and 15% have more than $10,000.
  • 21 Facts About The Explosive Growth Of Poverty In America That Will Blow Your Mind (The Economic Collapse 2.11.15): 47 Millionen US-Amerikaner leben in Armut, 46 Millionen besuchen die Tafeln, 1,6 Millionen Kinder schlafen in öffentlichen Behelfseinrichtungen, 65% aller Kinder leben in Haushalten, die irgendeine Form von Unterstützung bekommen, aber 0,1% der Amerikaner an der Spitze besitzen soviel wie die unteren 90%.
  • Viele versinken in Schulden – Drowning In Debt: 35% Of Americans Have Debt That Is At Least 180 Days Past Due (Zero Hedge 5.10.): We truly are a “buy now, pay later” society.  We were the wealthiest and most prosperous nation on the entire planet, and previous generations handed us the keys to the greatest economic machine in world history, but that wasn’t good enough for us. We always had to have more, more, more – and now we have accumulated more debt than any society in the history of the globe. It is inevitable that this giant debt bubble is going to burst.  Anyone with an ounce of common sense can see that.
  • NYC Homelessness Surges To The "Highest Levels Since The Great Depression" (Zero Hedge 5.10.). Hier geht es um die Obdachlosen in New York, von denen es so viele gibt wie noch nie.
  • Es gibt sogar immer mehr Zeltstädte, Tent Cities Full Of Homeless People Are Booming In Cities All Over America As Poverty Spikes (Zero Hedge 13.9.):  … more than half a million people are homeless in America right now, but that figure is increasing by the day.  And it isn’t just adults that we are talking about.  It has been reported that that the number of homeless children in this country has risen by 60 percent since the last recession, and Poverty USA says that a total of 1.6 million children slept either in a homeless shelter or in some other form of emergency housing at some point last year.
  • Hunger and the social catastrophe facing America’s youth (die trotzkistische World Socialist Web Site 13.9.): Two reports released this week cast a sharp light on the social catastrophe in the United States and its impact on America’s youth: “Impossible Choices: Teens and Food Insecurity in America” (Urban Institute) and “Bringing Teens to the Table: A Focus on Food Insecurity in America” (Feeding America).
  • Viele US-Amerikaner haben keinen Arbeitsplatz mehr und finden keinen neuen. Der Unmut dieser Menschen ist verständlich, und dass sich ihr Zorn gegen das politische Establishment richtet, ist berechtigt. Die US-amerikanische Politik hat wirklich wenig für sie getan. Die Reintegration arbeitsloser Menschen in den Arbeitsmarkt findet praktisch nicht statt, und es gibt ebensowenig staatlich finanzierte Weiterbildungsmaßnahmen wie einen funktionierenden Sozialstaat, zudem gibt die Regierung relativ wenig Geld für eine aktive Arbeitsmarktpolitik aus (das bei 10 Bio. Schulden in 8 Jahren). Die Folgen belegt der Artikel Machtverschiebung in den USA – Der Niedergang von Obamas Partei in 5 Grafiken (Neue Züricher Zeitung 15.11.): Die Wahl Donald Trumps hat die amerikanischen Demokraten in einen Schock versetzt. Aber ganz überraschend ist die Niederlage nicht. In den acht Jahren demokratischer Herrschaft hat die Partei auf allen Ebenen an Rückhalt verloren. Am besten zeigt die letzte Kurve, was passiert, wenn die Demokraten eine neoliberale Politik machen.
  • Die andere Arbeiterklasse (der Freitag 3.10.): Die Fight for 15$-Bewegung zeigt, dass die amerikanischen Arbeiterinnen und Arbeiter mehr sind als die verzweifelte Wahlklientel Donald Trumps. … Über Nordamerika breitete sich die zunächst als völlig absurd betrachtete Idee des existenzsichernden Mindestlohns aus: Seattle, San Francisco und New York führten per Gesetzt eine Verdopplung des Mindestgehalts ein. Zum Vergleich nennt der Freitag den in Deutschland durchgesetzten Mindestlohn von 8,50 Euro/Stunde.

Ein kleines Kontrastprogramm dazu: Meet California's 218,667 Public Employees Making Over $100,000/Year (Zero Hedge 15.11.): This spring, at Forbes, we exposed 50,000 Illinois public employees earning six-figure salaries who cost taxpayers $8 billion. In California the numbers are exponentially larger:  218,667 employees making six-figures who cost $35 billion. For example, Illinois has 72 ‘city managers’ out-earning every governor of the 50 states. But, in California, the salaries of 171 assistant city managers average $201,550! Das sind an die 100 $ pro Stunde für die Leute mit Vitamin B.

bertelsmannyouthunemploymentrateAndere Artikel zeigen, dass die Lage in Deutschland und anderen europäischen Ländern nicht viel besser ist, wenn man vom besser funktionierenden Sozialhilfe- und Gesundheitssystem absieht.

  • Bertelsmann-Stiftung: Mehr Menschen in der EU trotz Vollzeitjobs von Armut bedroht (ZEIT ONLINE 14.11.): Weniger Arbeitslosigkeit führt laut einer Studie nicht zu sinkendem Armutsrisiko. Deshalb sei auch die Legitimität unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung bedroht. Die Studie ist einzusehen unter Social Justice in the EU – Index-Report 2016. Aus der Studie stammt die Grafik zur EU-Jugendarbeitslosigkeit, einem der größten Defizite, wo Deutschland ausnahmsweise ganz gut abschneidet.
  • Armut – Die neue Not (Süddeutsche Zeitung 17.10., geblockt): Die Tafeln versorgen demnach 1,5 Millionen Kunden mit Lebensmitteln – und nun stellen sich auch noch 280.000 Flüchtlinge an. Die Konkurrenz ängstigt viele, die schon lange angewiesen sind auf den Überfluss eines reichen Landes. 920 Ausgabestellen gibt es in Deutschland, und die reichen kaum mehr.

Jetzt noch eine konstruktive Abhandlung zum Thema Verteilungsgerechtigkeit (der Freitag 11.11.): Ein Plädoyer Wie entwickelt sich die Wohlstandsverteilung in Deutschland und welche Alternativen gibt es, auch unter Berücksichtigung des ökonomischen Anreizsystems?

Der Artikel von Gedankenprotokolle listet die heimischen Diskrepanzen und Defizite auf, das reichste Zehntel unserer Gesellschaft besitzt 66,6%, die reichsten 0,1% besitzen 23% des Vermögens. Den reichen Familiendynastien mit ihren Milliardeneinkommen steht ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft gegenüber, der am Existenzminimum lebt, und diese Kluft ist In keinem anderen Staat der Euro-Zone größer. Dazu wird auf einen älteren Artikel verwiesen,  Vergleich in der Euro-Zone Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland am größten (SPIEGEL ONLINE 26.2.14): Laut einer DIW-Studie sind die Vermögen in keinem Euro-Land so ungleich verteilt wie in Deutschland. Der durchschnittliche Besitz von Arbeitslosen hat sich seit 2002 fast halbiert.

Eine Erklärung vom Bundesbildungsministerium besagt, es "entscheidet in keinem anderen Industriestaat die sozio-ökonomische Herkunft so sehr über den Schulerfolg und die Bildungschancen wie in Deutschland."  Also auch hier ist der Traum vom Aufstieg ausgeträumt.

Der Autor kann sich ein Gesetz zur Höhe von Löhnen vorstellen, nach dem Löhne innerhalb eines Unternehmens nicht weiter auseinander liegen dürfen als Faktor 10. Mehr Besteuerung wäre auch eine Lösung, und eine Rente ohne Betrachtung der Einkommenshöhe: Die Gutverdienenden sind finanziell ohnehin schon besser aufgestellt. Das würde den Konsum heben und den Binnenmarkt stärken.

Das Prinzip Güterverteilung nach Leistungsfähigkeit sei unsolidarisch, irrational und ökonomisch unvernünftig. Weil die Medienlandschaft sich zum großen Teil in Händen der reichsten Familien Deutschlands befinde, leiste sie seit Jahrzehnten gute Arbeit beim Widerstand gegen solche Reformen.

Wenn ein Kommentar von wissenbloggt erlaubt ist: Auch viele andere würden Widerstand leisten, wenn's um die Abschaffung vom Prinzip der Güterverteilung nach Leistung geht. Was da aus dem Blick gerät, ist ein anderes Defizit: Die Güterverteilung nach Leistung gibt's ja kaum noch, seit der unverdiente Reichtum Einzug gehalten hat. Das Schlimme ist eben, dass die meisten Reichen einfach bloß an den richtigen Stellen zum Abgreifen sitzen, und dass viele überhaupt nix zum Gedeihen der Realwirtschaft beitragen. Ganz im Gegenteil, die destabilisieren unsere Finanzwelt mit ihrer Abzocke.

Als letztes ein Abschweif in die Niederungen der realen Agendasetzung, an der sich zeigt, wie weit weg die Politik vom Volk sein kann. Merkel urges Germans to stay 'open-minded' (REUTERS 14.11.). Demnach forderte Kanzlerin Merkel die Deutschen auf, weiterhin für ein aufgeschlossenes Land einzutreten. Als Antwort auf Donald Trumps Verurteilung der deutschen Willkommenskultur als "Irrsinn" bringt die Kanzlerin ihre Klischees von "Karten auf den Tisch", "Flagge zeigen" und Grundrechte für alle, unabhängig von Religion, Land, Sex, Geschlecht. Und – unausgesprochenermaßen – unabhängig von der Frage, wer das bezahlen soll.

Das sei es, was uns leitet, das sei es, wofür wir stünden.

Also die Kanzlerin und auch Vizekanzler Gabriel mögen dafür stehen –  aber andere machen sich mehr Gedanken um den Sinn von Grenzöffnungen und vernünftigem Einsatz begrenzter Mittel. Die Diskrepanz in diesem Fall ist, dass die Kanzlerin wieder grün-linke SPD-Politik vertritt und damit der AfD Vorschub leistet.

Und dass die nicht mal thematisierten Lasten völlig selbstverständlich von den Ausgebeuteten bezahlt werden sollen. Nicht einen Gedanken verschwendet die Kanzlerin daran, wie man den unverdienten Reichtum heranziehen kann, um die sozialen Aufgaben zu lösen.

Das Plakat von qpress trifft es auf den Punkt:

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Weitere Links dazu:




Fluchtursache: sexualisierte Kriegsgewalt


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Die Frauenrechtsorganisation medica mondiale unterstützt Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten. Die Grundsätze ihrer Arbeit kann man unter dem Link nachlesen. Bei scharf links publizierte medica mediale am 30.9., dem bundesweiten Tag des Flüchtlings, einen Aufruf (Bildmontage: HF, scharf links):

Fluchtursache: sexualisierte Kriegsgewalt

Millionen von Frauen und Mädchen erleben täglich sexualisierte Gewalt in den Kriegs- und Krisenregionen, aus denen Menschen nach Deutschland fliehen. Zum bundesweiten Tag des Flüchtlings am 30. September fordert die Frauenrechtsorganisation medica mondiale die deutsche Bundesregierung auf, die Situation von Frauen und Mädchen in den Herkunftsländern, auf der Flucht und in Unterkünften endlich ernst zu nehmen und zu handeln. "Die Konzepte der Bundesregierung beschränken sich bislang darauf, die EU-Außengrenzen mithilfe sogenannter Migrationspartnerschaften abzuschotten", kritisiert Monika Hauser, Gründerin von medica mondiale. "Partnerstaaten Deutschlands und der Europäischen Union sind dabei Länder wie der Sudan, Südsudan oder Mali, in denen sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen gezielt als Kriegswaffe und Vertreibungsstrategie eingesetzt wird. Eine Migrations- und Asylpolitik, die Fluchtursachen damit bekämpfen will, dass die von Krieg und Gewalt bedrohten Menschen an einer Flucht gehindert werden sollen, ist zynisch und naiv zugleich."

medica mondiale fordert von der deutschen Bundesregierung:
Sexualisierte Gewalt muss als Fluchtursache anerkannt und gleichzeitig nachhaltig bekämpft werden. Insbesondere Soldaten staatlicher Armeen und Kämpfer der Opposition setzen Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen gezielt ein, um ihre Gegner zu terrorisieren und zu bezwingen, aber auch ganze Bevölkerungsgruppen zu vertreiben. Gerade letzteres macht klar: Sexualisierte Kriegsgewalt ist ein Fluchtgrund.

Frauen müssen auf der Flucht und in Unterkünften besser geschützt werden. Insbesondere alleinreisende Frauen und solche mit Kindern sind auf der Flucht massiv von sexualisierter Gewalt betroffen. Nicht selten bezahlen sie mit ihrem Körper für die Überfahrt, werden zwangsverheiratet oder zur Prostitution gezwungen. Täter sind nicht nur Schlepper und andere Geflüchtete, sondern auch Polizisten, Grenzbeamte, UN-Soldaten oder ziviles Hilfspersonal. Deutschland muss anerkennen, dass Frauen und Mädchen grundsätzlich dem Risiko geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt sind, auch in Unterkünften.

Es gilt, Angebote für Frauen und Mädchen in Unterkünften auf Landes- und Kommunalebene ausreichend zu finanzieren – auch durch Bundesmittel. Geflüchtete Frauen und Mädchen müssen über ihre Rechte in Deutschland und Hilfsangebote bei Gewaltfällen informiert werden. Mehrsprachige Informationsflyer alleine, wie es sie in vielen Flüchtlingsunterkünften in Deutschland gibt, sind hierfür nicht ausreichend. Vielmehr müssen Frauen und Mädchen direkt angesprochen und angemessen beraten werden. Die Bundesregierung sollte daher gezielt Gruppenangebote für geflüchtete Frauen und Mädchen, aber auch für Männer und Jungen in Flüchtlingsunterkünften finanziell unterstützen.


Link zum Originalartikel bei scharf links



Gaga-Genderitis


women-149577_1280Zwei Meldungen, die kausal nichts miteinander zu tun haben, liefern die aktuelle Aufrege. Inhaltlich sind sie über das Thema Gender und Correctness verbunden, der eine Vorfall am einen, sinnhaften Ende davon und der andere am gegenseitigen, unsinnigen Ufer (Bild: OpenClipart-Vectors, pixabay).

Für die sinnhafte Aufregung sorgte ein CDU-Senator der Berliner Landes-CDU, indem er einer Berliner CDU-Politikerin eine Menge Publizität verschaffte. Er nannte sie "eine große süße Maus", und in ihrer Partei wurde ihr auch noch vorgeworfen, sie habe sich "hochgeschlafen". Unbezahlbare Reklame für die Frau.

Das pflichtschuldige Abwatschen des Chauvi-Übergriffs übernehmen Artikel wie Sexismus in der Politik – Wenn eine Frau am Ende doch die "Maus" ist (Süddeutsche Zeitung 26.9.): Die Herabwürdigung von Frauen, wie sie offenbar im politischen Betrieb üblich ist, beleidigt Prinzipien, die gerade Konservativen sonst heilig sind: die Höflichkeit und das Leistungsprinzip. Erwähnt wird auch der Wahlkreis Main-Kinzig, wo "in kleiner CDU-Herrenrunde" ein Text mit dem Titel "Pflegehinweise für das Kaninchen" zirkulierte, was auf die CDU-Kreisgeschäftsführerin abzielte.

Nun könnte der geneigte Leser wissenbloggt das Mitspracherecht verweigern, weil bei wb keine süße Maus und kein gepflegtes Kaninchen mitwirken. Hochgeschlafen hat sich auch niemand, und rausgemobbt wird auch keiner – aber darum geht es gar nicht.

Was hier angesprochen wird, ist der überkandidelte Umgang mit dem Gender-Thema, die Genderitis. Das soll keine Entschuldigung für die CDU- oder irgendwelche anderen Übergriffe sein. Aber ist die Ursache nicht reichlich dünn für eine gesamtdeutsche Aufregung?

Den größten Aufreger produzierte allerdings die Bild-Zeitung nach einer Steilvorlage der Flensburger DIE LINKE. Wer mag, kann die Details nachlesen in Linke Nummer mit der/die ComputerIn – Gender-Gaga in Flensburg (BILDblog 26.9.): DIE LINKE will männliche Geräte-Namen abschaffen. Ja, bei „Bild“ gab es heute auf der Titelseite mal wieder eine richtig schöne Möglichkeit, sich aufzuregen. Demnach lieferte Bild.de der Stammleserschaft die Vorlage zum Blutdruckhochschrauben und Empören über den „GENDER-GAGA“.

Aus lauter Jux hatte die Partei gefordert, Begriffe wie "Papierkorb", "Scanner" und "Briefkopf" durchzugendern ("der Papierkorb/die Papierkörbin", "der/die ScannerIn", "der/die Briefkopf/köpfin"). Der Scherz/die Scherzin hinterließ einigen Unmut. Bei humorlosen Linken etwa, die ihre Partei nicht als Juxpartei verstehen mögen. Nicht ganz zu Unrecht, sarkastische Texte können schließlich über Jahre hinweg durchs Internet geistern und als ernsthafte Forderungen missdeutet werden.

Hier der Link zur Flensburger Linken, Von Damen, Frauen und anderen Wesen, wo man sich über den Anlass schlaumachen kann (die Diskussion um Ratsherren und -herrinnen, – frauen oder -damen). Resutat war jedenfalls der besagte Unmut, der  natürlich auch das Genderlager betraf, weil es da immer schwerer wird, Persiflage und Ernsthaftigkeit auseinanderzuhalten.

Damit ist das Thema am Knackepunkt angelangt, oder muss es nun heißen, an der Knakepunktin?

Möglich wär's, wenn man sich anschaut, was die Genderitis so hervorbringt.

genderDiese Gegenüberstellung stammt von der Universitätsfrauenbeauftragten der Ludwig-Maximilians-Universität München. Das Ganze firmiert unter Leitfaden gendergerechte Sprache: Dieser Leitfaden soll Ihnen die praktische Umsetzung einer gendersensiblen Sprache erleichtern. Wir möchten Ihnen Beispiele für geschlechtergerechtes Formulieren geben. Sie können alle Möglichkeiten auf kreative Art und Weise miteinander verbinden.

gender2Die Beispiele steigern sich. Da sind "Universitätsfrauenbeauftragte" allen Ernstes damit beschäftigt, sich als Sprachpolizei aufzuspielen, siehe auch Nur noch „Professorinnen“ an der Uni Leipzig (Frankfurter Allgemeine Zeitung 5.6.13).

gender3Da könnte man papierkorb- und scannermäßig fragen, wieso die Einladung und die Vertretung? Richtig gendergerecht wird doch erst das Einladungsschreiben an das vertretungsberechtigte Gremium …

Traurig zu sehen, wo der emanzipatorische Aufwand versickert. Schon der wb-Artikel Warnung vor Warnhinweisen sollte genug Warnung sein. Da geht es um Triggerwarnungen, mit denen Sensibelchen vor den Fakten des Lebens geschützt werden sollen. Genauer gesagt, nicht vor den Fakten selbst, sondern vor der Berichterstattung darüber.

Die Triggerei ist genau auf den feministischen Bedarf zugeschnitten, fällt also völlig flach z.B. im religiösen Bereich. Bloß wäre sie da tatsächlich angebracht, weil es nicht um Fakten geht, sondern um höllische Fiktionen, mit denen Kinder schwer geschädigt werden können. Correctness für vermeintliche oder mutmaßliche Götter sucht man vergebens, etwa diesen

Warnhinweis: Für die Existenz vermeintlicher Götter gibt es keine belastbaren Hinweise. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Osterhasen.

Inzwischen läuft die Trigger-Diskussion unter dem Rubrum "safe space vs. free speech". Die Überbleibsel der Frauenbewegung versuchen sich auch noch an esoterischen Gender Studies, arbeiten an "feministischer Linguistik", agitieren gegen "die Unterrepräsentanz der Vagina in der deutschen Gesellschaft" oder sie setzen qualifikationsunabhängige Frauenquoten durch. Dabei verlieren die GenderInnen die echten Machos aus den Augen, die in großer Zahl ins Land kamen und kommen, und sie ignorieren die sozialen Prozesse, von denen die neuen vergeschlechtlichten Ungleichgewichte konstruiert werden.

Das Gendertum ist nur eine Gaga-Genderitis; die getriggerte Sensibilität hört bei den harten Fakten von Verhüllungsgewand und muslimischer Frauenunterdrückung auf. Schande über die Vertreterinnen solch schlagseitiger Frauenansprüche.

 

Weitere Links dazu:




Schönborn schöpft Gipfelkreuze aus der Schöpfung


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Nachdem Österreich berggipfelmäßig höchste Kompetenz zukommt, muss atheisten-info.at das Thema natürlich in mehr als einem Artikel covern (siehe Links unten). Zurecht regt sich Erwin Peterseil, der atheisten-info.at-Macher und Ex-Metawelten-Schöpfer, über einen katholischen Vereinnahmungsversuch auf (10.9., Bild mit Gipfelkreuz-Geier: Neypomuk-Studios, pixabay):

Schönborn schöpft Gipfelkreuze aus der Schöpfung

Am 9.9.2016 befasste sich Kardinal Schönborn in seiner Freitagspredigt in der Straßenbahnzeitung "Heute" mit der Kritik von Reinhold Mesner an den Gipfelkreuzen. Der Wiener Bischof schreibt unter dem Titel "Gipfel ohne Kreuze?":

"Einmal mehr wird das Kreuz zum Ärgernis. In Oberbayern, unweit der Grenze zu Tirol, wurden drei Gipfelkreuze mutwillig mit Axthieben zerstört. Wer steht hinter diesem Vandalismus?
Ein Fall von religiösem Hass? Bislang gibt es keine Erklärung. Reinhold Messner, der frühere Extrembergsteiger, hat sich dazu geäußert: 'Gipfelkreuze gehören nicht auf den Berg!' Er meint: 'Das Kreuz ist das christliche Symbol schlechthin. Die Gipfel aber, die doch der ganzen Menschheit gehören, sollen nicht mit dieser einen Weltanschauung besetzt werden'. Er selbst würde zwar niemals eines zerstören, hätte jedoch auch nichts dagegen, wenn es künftig keine weiteren mehr gäbe.
Gegenfrage: Haben wir die Berge erschaffen? Sind wir die Eigentümer dieser Welt? Gerade heute tut es uns gut, an den Schöpfer erinnert zu werden. Wem verdanken wir die Schönheit der Berge? Und wem die Kraft, sie zu besteigen? Ist es nicht eine Freude, am Gipfel des Berges dem Schöpfer zu danken? Das wussten unsere Vorfahren, die die Gipfelkreuze errichtet haben. Sind wir so viel gescheiter geworden als sie?"

Die Meinung von Messner war natürlich auf der atheisten-info-Site nachlesbar, siehe "Gipfelkreuze", selbstverständlich zitiert Schönborn die Worte Messners über den Ursprung der Gipfelkreuze nicht: "Anfangs waren sie bei uns auch Symbole des Widerstands gegen die Aufklärung: Als die gläubigen Tiroler gegen die Fremdherrschaft der Bayern und Franzosen kämpften, stellten sie die Kreuze als Protest gegen die Franzosen auf, die ja ihren Machtkampf gegen die katholische Kirche führten. Danach verselbständigte sich die Sache, und es setzte eine regelrechte Verspargelung der Alpen mit Kreuzen ein."

Aber schauen wir uns die straßenbahnzeitungsliche Verkündung der christlichen Gipfelkreuzlehre genauer an!

Nein, wir haben die Berge nicht erschaffen, sie sind eine Folge der Kontinentbildung, Gebirge sind durch die Kontinentalverschiebungen verursachten Auffaltungen, die katholische Kirche hat dabei nicht mitgefaltet, das war schon lange entstanden, bevor es Leben auf der Erde gab. Aber der Schönborn hat ja seine Bibel! Denn in Genesis 1,9-10 steht: "Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels sammle sich an einem Ort, damit das Trockene sichtbar werde. So geschah es. Das Trockene nannte Gott Land und das angesammelte Wasser nannte er Meer. Gott sah, dass es gut war."

Wann der katholische Gott trockene Landesteile zu Gebirgen gewölbt hat, steht nicht in der Bibel, weil auf der biblischen Erdenscheibe gab es keine schönen Berge, hier ein Wikimedia-Bild vom Lieblingsberg des katholischen Vatergottes, dem Sinai, Blick vom Gipfel auf die Umgebung:

und am Gipfel des Berges Sinai ist keinerlei Kreuz zu sehen, wie das nächste Wiki-Bild zeigt:

Wenn der katholische Gott so ein Berge-Fan gewesen wäre, wie der Herr Kardinal vermutet, dann hätte er seine zehn Gebote wohl vom Glockner oder einem anderen schönen Berg verkündet!

Edward Compton hat dieses Bild vom Glockner 1921 gemalt, Wikipedia verwendet es heutzutage.

Und was meint der Herr Schönborn dazu, warum er alle anderen Götter diskriminiert und fest glaubt, ausgerechnet sein Gott, also die erste Falte seines dreifaltigen Christengottes, der Schöpfer der gebirglichen Schönheit sei? Warum nicht Osiris oder Zeus? Jupiter oder Manitu? Teutates oder Wotan? Allah oder Quetzalcoatl?

Daher ein atheistischer Vorschlag:

Die Berge wurden nicht durch katholische oder sonstige Götter geschaffen, sie sind ein Bestandteil der hunderte Millionen Jahre dauernden Formung des Planeten Erde durch seine materiellen Um- und Zustände. Christliche Bergsteiger können sich ja ein Kreuz mitnehmen und sich dann am Gipfel bei ihrem Kreuz dafür bedanken, dass sie so eine göttliche Bergbesteigung auf einen göttlich schönen Berg geschafft haben. Und wenn ein christlicher Bergsteiger beim Bergsteigen hinunterfällt, braucht er nicht verzweifelt einen letzten Blick zum Gipfelkreuz richten, sondern kann sich am mitgebrachten Kreuz festhalten und ein Rettungsstoßgebet an seinen Gott loslassen…

PS: Achja, selbstverständlich sind wir gescheiter geworden seit der Zeit als die ersten Gipfelkreuze gesetzt wurden! Die damaligen tirolersch-katholischen Kämpfer sind auch in den Kampf gezogen, um die französisch-bayrischen Versuche abzuwehren, in Tirol die Pockenimpfung einzuführen, weil wenn der katholische Gott nicht nur schöne Berge, sondern auch böse Krankheiten schickt, so darf der Mensch seinem Gott nicht ins Handwerk pfuschen. Seither sind alle gescheiter geworden, sogar auch dumme Katholiken, die ja heute nimmer gegen Impfungen sind…

PPS: Habe mir gerade den Schönborn-Text nochmal gelesen! Man fasst es nicht, dass ein Mensch im 21. Jahrhundert immer noch so schlicht zu denken vermag! Aufklärung und Wissenschaft sind an diesem Kopf spurlos vorbeigezogen…

Link zum Originalartikel bei atheisten-info.at

Links von atheisten-info.at und wissenbloggt: