Eine bedenkenswerte klerikale Sicht auf die säkulare Szene


611_0finke Der Verlag nennt das Buch "Mit Gott fertig?" die erste kultursoziologische Gesamtbetrachtung der "säkularen Szene“ in Deutschland und der dort handelnden atheistischen, freigeistigen und humanistischen Organisationen, ihrer Strukturen, Ziele und Programme.

Kann gar nicht sein, weil wissenbloggt nicht vorkommt, darf man darauf entgegnen. Die aktuelle Rezension (30.8.) von dem Kulturwissenschaftler & Journalisten Siegfried R. Krebs hat aber allerhand zu der Szene zu sagen, sogar dies: Mit Verlaub, liebe Leser, an dieser Stelle wird mir, das sei mir gestattet zu sagen, speiübel! Das bezieht sich auf den Buch-Passus mit der Aussage, die christlichen Kirchen hätten enorm viel zum Aufbau einer besseren und gerechteren Welt beigetragen – auf jeden Fall mehr, als "die nörgelnden atheistischen Kleingruppen".
 
 

Eine bedenkenswerte klerikale Sicht auf die säkulare Szene

WEIMAR. (fgw) In schneller Folge ist jetzt mit „Mit Gott fertig?“ schon der dritte Band der von Horst Groschopp herausgegebenen neuen Reihe „Humanismusperspektiven“ erschienen. Mit einer Besonderheit. Denn als Autor gewann er hierfür keinen „Säkularen“, sondern mit Andreas Fincke einen evangelischen Theologen.

Der Pfarrer Fincke ist höchst erfahren in der „Feindbeobachtung"; er verfügt daher über einen scharfen analytischen Blick. Und mit seinem Blick „von außen" konstatiert er tatsächlich vorhandene Defizite in der von ihm beobachteten Szene, denen der Rezensent weitestgehend leider zustimmen muß. Nicht so aber Finckes Schlußfolgerungen (letztlich klerikale Verdikte gegen diese Szene) und erst recht nicht seinen Empfehlungen für eine noch raffiniertere Missionierung unter den – insbesondere ostdeutschen – „Gottlosen".

Trotz Finckes Intentionen ist Horst Groschopp zu danken, daß er diesen für das Thema „Konfessionslosigkeit, Atheismus und säkularer Humanismus in Deutschland" gewinnen konnte. Denn in der weitgefächerten Szene selbst dürfte wohl kaum ein illusionsloser und unbefangener Analytiker zu finden sein. Und für religionsfreie Menschen dürfte es schon wichtig sein zu wissen, wie Kleriker die reale (und kaum organisierte) „säkulare" Welt einschätzen und welche (umarmenden) Strategien sie anempfehlen, um alles beim für sie vorteilhaften alten „Staat(s)-Kirchen-Verhältnis" zu belassen.

Aber gerade deshalb sollten Finckes Auslassungen Ansporn für die säkularen Vereine sein, konzeptionelle, organisatorische und politische Strategien zu entwickeln, um den religionsfreien Menschen in diesem Staat endlich zu ihren verfassungsmäßigen Rechten zu verhelfen und um die angemaßten bzw. von willfähriger Politik zugeschanzten Privilegien der Kirchen, konkret der Priesterkaste, zu beenden.

Konfessionslos und sonst nichts?

So hat Fincke sein erstes resümierendes Kapitel überschrieben, das zutreffenderweise so beginnt: „Die vorliegende Analyse der gegenwärtigen Konfessionslosigkeit ist für die säkulare Szene ernüchternd." Etwas weiter heißt es: „In Prozent umgerechnet sind derzeit weniger als 0,1 Prozent der Konfessionslosen und 0,031 Prozent der Gesamtbevölkerung Mitglied in einer solchen Organisation."

Daraus leitet der Herr Pfarrer ab, daß „damit die säkularen Organisationen auch nicht als Fürsprecher oder Repräsentanten der Konfessionslosen bzw. Konfessionsfreien angesehen werden [können]." Er muß diesen Organisationen aber dennoch zähneknirschend dies zugestehen: „Jedoch stehen sie den Konfessionslosen vergleichsweise nahe und können daher über die Befindlichkeiten und Positionen Auskunft geben." (S. 131) Was durchaus bedeutet, daß diese Organisationen trotz ihrer Kleinheit dennoch real Interessenvertreter sind bzw. es sein können!

Mit klarem Blick hat Fincke vor allem dieses erkannt: „Daß atheistische und humanistische Gruppen dennoch keinen großen Zulauf erfahren, hat mehrere Ursachen. (…) Diese stille Auswanderung aus den Kirchen zeigt jedoch auch, wie belanglos religiöse Fragen [für die große Mehrheit der Menschen hierzulande!; SRK] geworden sind. (…) Die humanistisch-freidenkerischen Organisationen brauchen sich über den mangelnden Zulauf nicht wundern, solange sie neben Kritik an Kirche und Religion keinen oder nur wenig positiven Inhalt liefern." (S. 132) Oder wenn das Bestreben einiger ihrer bezahlten Funktionäre nur noch in Richtung „staatliche Gelder und Fördermittel" geht.

Recht hat Fincke, leider, mit dieser inhaltlichen Feststellung: „Warum also sollte jemand Mitglied in einem Verein werden, der gegen dieses und jenes ist, aber ansonsten nebulöse Ziele wie eine 'Leitkultur Humanismus' (Giordano-Bruno-Stiftung) oder die Parole 'Humanismus bedeutet Toleranz, Meinungsstreit und Kooperation' (HVD) vor sich her trägt. Diese Worthülsen geben keinerlei Orientierung, sind selbstgefällig und derart konturlos, daß sie auch bei der Konkurrenz, das wäre in diesem Falle eine Kirchengemeinde, Zustimmung finden." (S. 132-133)

Mit insgeheimer Freude hat Fincke die seit einigen Jahren erkennbare Haupttendenz im Humanistischen Verband erkannt und preist diese unausgesprochen als Therapievorschlag: „Es könnte sein, daß sich der HVD so zu einem humanistischen Sozialverband, vergleichbar mit Caritas und Diakonie, entwickelt. Warum nicht?" (S. 133) Nun ja, das hätte der Klerus gerne, daß sich säkulare Organisationen selbst entmannen und nur noch auf bürgerliche Wohltätigkeit machen und so das Machtmonopol der Kirchen und ihrer Priesterkaste ungefährdet lassen… Den Humanisten gesteht er lediglich ein kleine Rolle in der Auseinandersetzung mit dem Islam zu, ansonsten konstatiert er, „daß es derzeit keinen weitergehenden Bedarf an humanistischen Organisationen gibt". (S. 134) – Wirklich nicht? Ist ein solcher Bedarf angesichts der zunehmenden Klerikalisierung des öffentlichen Lebens nicht nötiger denn je?

Empfehlungen für Seinesgleichen

Dennoch ist sich Fincke im Klaren darüber, daß säkulare Organisationen immer, selbst wenn sie nur über minimale Mitgliederzahlen verfügen, eine Gefahr für „die Kirchen" darstellen. Deshalb unterbreitet er im zweiten resümierenden Kapitel „Zwischen Ignoranz und Befremden – die Kirchen angesichts zunehmender Konfessionslosigkeit" diesen in acht Thesen „Therapievorschläge" zur Eindämmung des Humanismus. Auf diese Auslassungen soll aber nicht in der selben Breite eingegangen werden, wie zum Kapitel zuvor, denn vieles spricht für sich selbst.

Da heißt es auf den Seiten 135 bis 141 u.a.:

„Viele Pfarrerinnen und Pfarrer arbeiten bis zur Erschöpfung. (…) Die Kirchen (…) sind in ihrer Außenwirkung zu überdenken. (…) [zur ‚Botschaft von Jesu Tod und Auferstehung‘; SRK] gibt es ein grundsätzliches Vermittlungsproblem." (…)

In typischer Theologen-Rabulistik und überaus dreist behauptet der Herr Pfarrer dann aber so ganz nebenbei noch dieses:

„Zweifellos gab und gibt es Mißstände in den Kirchen, zweifellos gab und gibt es Schattenseiten in der zweitausendjährigen Organisationsgeschichte der Kirchen (…) Die christlichen Kirchen haben enorm viel zum Aufbau einer besseren und gerechteren Welt beigetragen – auf jeden Fall mehr, als die nörgelnden atheistischen Kleingruppen. Hinzu kommt, daß die Freidenker aus West und Ost nichts zum Gelingen der 'Friedlichen Revolution 1989' in der DDR und zur Wiedervereinigung beisteuerten."

Mit Verlaub, liebe Leser, an dieser Stelle wird mir, das sei mir gestattet zu sagen, speiübel!

Kurz zu den acht Thesen:

„1…. Die Kirchen könnten aus dieser Niederlage [Berliner Volksentscheid über Religionsunterricht; SRK] lernen, daß sie sich über ihren Rückhalt im Volk Illusionen machen." – Oho! (…) „3. Ein großer Teil der Bevölkerung erwartet von den Kirchen – nichts; keine Spiritualität, kein Sozialwort, keinen Beitrag zum interreligiösen Dialog und auch kein Wort zur politischen Lage." – Aber genau das maßen sich doch die Kirchenfürsten ungefragt an! (…) „4. So gibt es weiten Teilen der Gesellschaft gar kein Interesse an einem Dialog über religiöse bzw. theologische Fragen." – Also müssen Medien und Politik dieses eben herbeireden! (…)

Interessanter (und gefährlicher) für die Säkularen wird es hier: „5. …stellt sich die Frage, wie die Interessen der Konfessionsfreien im öffentlichen Leben stärker berücksichtigt werden. So ist es z.B. nicht nachvollziehbar, warum bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr für überwiegend konfessionslose Soldaten nur christliche Seelsorger zur Verfügung stehen." – Oh, hier ist die Leimrute ausgelegt, die zum Untergang des organisierten Humanismus führen kann (und wohl auch soll)!

Um Säkulare aber zu beschwichtigen, gestehen etwas weitsichtigere Vertreter der Priesterkaste ihnen auch etwas reales zu: Den Verzicht auf Brosamen, um so wesentlich Größeres bewahren zu können. Stichworte: „Staatsleistungen", „kirchliches Arbeitsrecht", Feiertagsregelungen…

Und welches Fazit zieht Fincke abschließend: „Hinter den Etiketten Atheismus und Konfessionslosigkeit verbirgt sich ein breites Spektrum von Haltungen. Viele Atheisten sind den Kirchen gegenüber kritisch eingestellt, weil sie von diesen enttäuscht wurden. Andere fragen völlig zu Recht, ob unsere Gottesvorstellungen nicht oftmals Projektionen sind." (S. 141) – Und er beendet das mit einer umarmenden Einvernahme der noch nicht wiedergewonnenen Schäfchen. Welch grandiose die Realität verfälschende Rabulistik!

Kommen wir nach dieser ausführlichen Therapiebetrachtung nun zu Finckes Diagnosen, die erst in dieser Reihung verständlicher werden.

Konfessionslosigkeit und Atheismus

Eingangs streift Fincke die religiös-weltanschaulichen Verhältnisse in der größer gewordenen Bundesrepublik und nennt diverse Zahlen, die er aber stets doch hinten herum im klerikalen Sinne deutet. Und er wendet sich Begrifflichkeiten zu, so der Frage, ob man von „Konfessionslosen" oder von „Konfessionsfreien" sprechen solle. Als christlicher Theologe kann er natürlich nur den Negatives ausstrahlenden Begriff mit der Endung „-los" für gut befinden. Desweiteren versucht er aufzuzeigen, wer denn die „Konfessionslosen" seien. Dabei kommt er zu bemerkenswerten Erkenntnissen, gerade was die formalen Kirchenmitglieder und deren tatsächliche Religiosität angeht. Interesant ist auch, was er seinen eigenen Kollegen mitzuteilen versucht: „Es ist eine Selbsttäuschung der Kirchen, wenn sie unterstellen, die Konfessionslosen seien 'eigentlich' religiös suchend und hätten Gott nur vergessen." (S. 32)

Weniger realitätsbezogen äußert Fincke sich aber, wenn er über die Ursachen der zunehmenden „Konfessionslosigkeit" in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert schreibt. Schlimm sind seine Unterstellungen zu den Verhältnissen in den Regionen, die einstens die DDR waren. Wegen des seinerzeitigen „aggressiven Staatsatheismus" sei heute hier das zivilgesellschaftliche Engagement schwächer ausgeprägt als im Westen. Ja, da äußert sie sich sehr deutlich, diese geistige Enge christlicher Pfarrhäuser mit ihrem begrenzten Weltbild. Ein Weltbild, das der 1959 in Halle/Saale geborene Fincke mehr als verinnerlicht hat. Ehrenamtliches Engagement von Hunderttausenden, das nicht mit dem kirchlichen Dunstkreis verbunden ist, ist für ihn nun mal keines…

Und natürlich sind die Menschen nur zu dumm, um „Gott" zu begreifen und deshalb empfänden sie nur falsch: „…man erwartet von den Kirchen keine Antworten und benötigt Kirche und Religion auch nicht zur Bewältigung des Alltags. Oftmals werden die Kirchen als fremd empfunden, als Teil des politischen Establishments, als Herrschaftsinstitution. (…) Die Nähe von Kirche und Staat, welche aus Sicht vieler Vertreter der Kirchen eine Errungenschaft darstellt, wird von vielen Menschen als problematisch empfunden." (S. 36-37) Solche Sätze, solche Rabulistik muß man sich auf der Zunge zergehen lassen. Oder einen solchen, der ein bezeichnendes Beispiel von pfäffischer Weltsicht abgibt: „Einem engagierten Atheisten ist das Thema Gott wichtig. Er bemüht sich um eine Widerlegung religiöser Glaubensvorstellungen und will (zumeist) zeigen, daß ein Leben ohne Gott erfüllender und sinnvoller als ein religiöses Leben ist." (S. 38) – Nun, den meisten religionsfreien Menschen ist das Thema „Götter", wie es nun mal korrekterweise heißen muß, einfach nur schnurzpiepegal…

Aber ach, für den Herrn Pfarrer sind Atheisten doch auch irgendwie Menschen: „Die Herausforderung der hohen Konfessionslosigkeit für die Kirchen und Religionsgemeinschaften besteht gerade darin, daß die Konfessionslosen sehr wohl ein an Werten orientiertes Leben führen. Sie widerlegen damit den in den Kirchen häufig zu hörenden Satz, daß Werte Religion brauchen. (…) Welche Werte sind außerhalb religiöser Werte tragfähig?" (S. 39) – Nun, christlich-religiöse Werte wie das erste Gebot (Intoleranz) oder das zehnte (Bejahung der Sklaverei und der Gleichstellung von Frauen, Sklaven und Vieh) sind es absolut nicht und widersprechen jedem Humanismus, Atheismus etc.!

Kirchen- und religionskritische Organisationen

In diesem Kapitel unternimmt Fincke einen knappen Streifzug vom Deutschen Freidenkerverband (DFV) über den Verband der Freidenker der DDR (VdF), den Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA), den Dachverband freier Weltanschauungsgemeinschaften (DFW) und den Bund für Geistesfreiheit Bayern (bfg) bis zur Humanistischen Union. Er nennt neben deren Geschichte auch aktuelle Daten und Fakten.

Gleich beim DFV unterläuft ihm ein gravierender Fehler, indem er behauptet, daß dieser organisatorisch im 1881 gegründeten bürgerlichen Deutschen Freidenkerbund wurzele. Richtig ist jedoch, daß der DFV in den 1920er Jahren aus zwei proletarischen Vereinen entstanden ist, dem 1905 in Berlin gegründeten Verein der Freidenker für Feuerbestattung und dem 1908 in Eisenach gegründeten Zentralverband Deutscher Freidenker. Hier hat Fincke bei Wikipedia unkritisch abgeschrieben… Was er jedoch zum Wirken und zum Einfluß des heutigen DFV schreibt, dem ist – leider – nicht zu widersprechen.

Hanebüchen sind dagegen sein Auslassungen zum VdF, auch wenn er eine zu verlogene Behauptung aus der „Nachwendezeit" etwas zurücknimmt. Dieser Verband sei zwar doch nicht auf Geheiß der Staatssicherheit gegründet worden, aber lt. Schreiben dieses Ministeriums sei dessen Aufgabe gewesen: „von den gesellschaftlichen Problemen in der DDR abzulenken, die Kirchen aus den politischen Diskussionen zu drängen und das Christentum als 'unwissenschaftlich' zu bekämpfen". (S. 50) Einen Beleg braucht ein Theologe natürlich nie und nimmer anzuführen, eine Behauptung hat zu genügen. Man kann aber in Band 8 der Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg auf den S. 93 – 95 dieses Dokument ungekürzt lesen und wird darin nichts dergleichen finden…

Was den IBKA angeht, so „verharrt dieser" Fincke zufolge „mental in der Frühzeit des Freidenkertums", weil dieser „auch immer wieder gegen Kreuze und Kruzifixe in öffentlichen Gebäuden protestiere". (S. 58-59) Zum DFW heißt es, „…ist nur bedingt handlungsfähig. Sein Grundproblem besteht darin, daß ihm ausgesprochen disparate Gemeinschaften und reine Traditionsvereine angehören". (S. 62) Und zum bfg schreibt Fincke: „Einen nenneswerten Erfolg konnte der bfg im Herbst 2016 verzeichnen. Damals entschied das Bundesverfassungsgericht, daß das bislang in Bayern geltende absolute Tanzverbot an Karfreitagen grundgesetzwidrig ist." (S. 65) Fincke hat in seine Übersicht auch die HU aufgenommen, obwohl diese als Bürgerrechtsorganisation „streng genommen gar nicht in diesen Kontext gehört" (S. 66). Die HU, deren „Zukunft ungewiß" sei, werde aber sehr oft mit dem HVD verwechselt und umgekehrt.

Humanistischer Verband Deutschlands

Diesem Verband hat Fincke ein eigenes, 14seitiges, Kapitel gewidmet. Und gerade HVD-Mitglieder sollten diese Analyse aufmerksam zur Kenntnis nehmen, denn Fincke hat mit sicherem Gespür sehr, sehr viele Schwachstellen und Defizite des HVD, insbesondere seines Berliner bzw. inzwischen Berlin-Brandenburger Landesverbandes, aufgespürt und genüßlich aufgelistet, wie die Abkehr von bisherigen Positionen zur Staat-Kirche-Trennung, die Fehlstellen im Entwurf des Humanistischen Selbstverständnisses, das Bemühen um „Staatsknete", das Gieren nach Beamtenstellen als „Humanistischer Soldatenseelsorger" etc. Fincke faßt zusammen: „…zeigen, daß der HVD keine atheistische oder kirchenkritische Weltanschauungsgemeinschaft im traditionellen Sinne sein will, sondern sich vielmehr um praktische Lebenshilfe und Sozialarbeit in einem religionsfreien Kontext bemüht, In den letzten Jahren ist der HVD daher auch verstärkt bemüht, das Image eines religionskritischen Verbandes abzuschütteln. (…) Es bleibt abzuwarten, ob der HVD diesen Weg auch in den nächsten Jahren weitergeht." (S. 82-83)

Und somit zum für die Priesterkaste ungefährlichen zahnlosen Bettvorleger wird, so wird Finckes Erwartungshaltung deutlich, wenngleich doch mit Sorge, daß das vielleicht doch nicht gelinge: „Intern gibt es durchaus Kräfte, die den HVD entschieden kirchenkritischer profilieren möchten. Sie tragen vor, daß der HVD als Sozialverband in der Öffentlichkeit kaum Aufmerksamkeit findet… (…) In dem Maße, in dem sich der HVD etabliert, wird die Frage lauter, was Humanismus in diesem Zusammenhang ist." (S. 83) Gerade mit diesem letzten Satz hat Fincke das derzeitige Grundproblem des HVD auf den Punkt gebracht: Den Widerspruch zwischen den ideellen Interessen der „einfachen Mitglieder" und den durchaus eigennützigen materiellen Interessen einer kleinen hauptamtlichen Funktionärsschicht. Die einfachen Mitglieder werden von Fincke allerdings dahingehend diffamiert, diese wollten nur deshalb am Alten festhalten, weil „polternde Kirchenkritik medienattraktiv ist". (S. 83)

„Neuer Atheismus" und gbs

Dem aus den USA übergeschwappten „Neuen Atheismus" (Richard Dawkins" widmet Fincke dann fünfeinhalb Seiten, um sich dann eingehender der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) zuzuwenden, die ihm wie der gesamten Priesterkaste mehr als suspekt ist. Erzielen doch gbs-ler mit ihrem ausgesprochen effektiven Aktionismus doch eine sehr große öffentliche Wahrnehmung. So mit der Aktion „Elftes Gebot – Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen!" Was Finckes Beschreibungen und Wertungen angeht, so verliert er gegenüber der gbs immer öfter an Contenance und verliert sich in Diffamierungen, auf die es nicht lohnt, näher einzugehen.

Statt behaupteter „Liebe" schimmert „Haß" überaus deutlich durch

Kann Fincke sich in bezug auf die gbs doch noch irgendwie mäßigen, so zeigt sich im Kapitel über die Jugendweiheverbände alles andere als sein Christentum, dessen Kern doch vorgeblich Nächstenliebe und sogar die Feindesliebe sei. Hier kommt sein Haß auf die weiland DDR und die immer noch erfolgreiche Jugendweihe offen zum Ausdruck.

Seinen Schwerpunkt legt er dabei auf den Dachverband „Jugendweihe Deutschland" (JWD), was ihm ermöglicht, die Teilnehmerzahlen kleinzurechnen. Die zahlreichen ebenso erfolgreichen selbständigen Jugendvereine außerhalb des JWD läßt er konsequent außer acht. Leider zu Recht weist er auf inhaltliche Defizite der vorbereitenden Veranstaltungen auf die eigentliche Jugendweihe hin und auch auf die Konkurrenz mit HVD mit dessen „Jugendfeiern": „Unübersehbar ist, daß Jugendweihen, zumal jene der Jugendweihe Deutschland, in weltanschaulicher Hinsicht profilloser werden." (S. 111)

Was Fincke allerdings über die Geschichte der Jugendweihe, die ihre Wurzeln in den 1850er Jahren in freiligiösen Gemeinden hat, das ist mehr als haarsträubend und alles andere als wissenschaftlich objektiv. Hier einige Beispiele:

„Die Einführung der Jugendweihe in der DDR und ihre massive Förderung durch den Staat war zweifellos ein aggressiver Akt gegen die Kirchen. Nicht nur die atheistische Begleitmusik und die antireligiösen Attitüden im langjährigen Jugendweihebuch 'Weltall-Erde-Mensch' belegen dies, auch der für die Jugendweihe gewählte Zeitpunkt war Ausdruck dieses Konfrontationskurses – denn er entspricht genau dem Alter, in welchem die Jugendlichen traditionell zur Konfirmation gehen." (S. 107)

Oh, das ist nicht nur unredlich, das ist verlogen. Wieder einmal redet der Herr Pfarrer von „Belegen". Nur… er zeigt auch hier keinen einzigen vor! Wer, wie der Rezensent Mitte der 1960er Jahre die Jugendweihe erhalten und später selbst ehrenamtlich In Jugdendweiheausschüssen mitgearbeitet hat, kann die erste Behauptung nicht bestätigen. Schlimmer aber wird es, wenn der Gottesmann Fincke den Zeitpunkt der Jugendweihe um den 14. Geburtstag herum als Konfirmationsdatum für das Christentum vereinnahmt. Die Jugendweihe ist, wie letztlich auch die Konfirmation, ein Passageritus, der in menschlichen Gemeinschaften seit alters her und weltweit zum üblichen Zeitpunkt der Geschlechtsreife stattfindet.

Dann erwähnt Fincke zur Untermalung seiner dreisten Behauptung noch „Walter Ulbricht und seine berüchtigte Rede in Thüringen" (S. 107) vom September 1957. Er zitiert daraus aber kein einziges Wort…

Der Gipfel, besser der Tiefpunkt, in Finckes haßerfüllten (und dreist verlogenen) Auslassungen ist jedoch in diesen Absätzen erreicht, zu denen sich wohl jeglicher Kommentar erübrigt:

„…war es der SED gelungen, die DDR-Jugendweihe als Speerspitze gegen die volkskirchliche Konfirmation zu etablieren. Deren Zahlen gingen (…) auf etwa 35 Prozent eines Jahrgangs zurück. Die römisch-katholische Kirche war von den Konflikten um die Jugendweihe ähnlich betroffen. Auch viele katholische Familien gerieten in Gewissensnot und mußten entscheiden, ob und wie sich diesem Zwangsritual entziehen. (…) Tausende von Jugendlichen haben mitunter schwere berufliche Benachteiligungen und entsprechende Hinweise in ihrer Personalakte hinnehmen müssen." (S. 108)

Und damit noch nicht genug, Pfarrer Fincke setzt sogar noch eins drauf:

„Die DDR-Jugendweihe war damit zu einem Unterwerfungsritual geworden. Man kann heute nicht mehr im Einzelnen klären, wie viele jener Familien, die vor dem Mauerbau in den Westen geflohen sind, diesen Schritt aus Verzweiflung über die Jugendweihe getan haben. Aber es liegt auf der Hand, daß der Konflikt um die Jugendweihe seinen Anteil an der Flucht Hunderttausender hatte." (S. 108)

Da möchte man doch glatt als gescholtener Atheist ausrufen: „Oh, Herr, laß Hirn in deine Verkündiger regnen!

Über Strategische Allianzen und Alternative Formen

Andreas Fincke wendet sich dann noch kurz den von ihm ausgemachten „strategischen Allianzen" zwischen Laizisten, Atheisten und weltlichen Humanisten zu. Er wirft einige oberflächlich bleibende und nur zum Teil wirklich zutreffende Blicke auf den Koordinierungsrat säkularer Organisationen (KORSO), auf die ihm verhaßte und daher diffamierte (weil wissenschaftlich-statistisch arbeitende) Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) und lazistische Arbeitsgruppen in einigen Bundestags-Parteien.

Gut weg kommt bei ihm allein der Humanistische Pressedienst (hpd), ja, er singt sogar Loblieder auf diesen. Wenn man aber weiß, daß dieser hpd nach der Berentung von dessen Gründer und langjährigen Chefredakteur nur noch ein Schatten seiner selbst ist, und daher dem Klerus und der Machtinstitution Kirche absolut ungefährlich, wird dies verständlich. Denn seit 2014 kommen beim hpd Humanismus oder Freidenkertum und erst recht die säkulare Welt kaum noch vor. Stattdessen ist der hpd mehr oder weniger nur noch eine Pinnwand für Pressemitteilungen von Dritten oder gar nur Spielwiese zum Austoben von Veganern und „Tierrechtlern"…

Hoffnungen zum „Einfangen" von Religionsfreien setzt Fincke schließlich auf außerkirchliche oder kirchennahe Veranstaltungen, wie die sogenannten religiösen Feiern zur Lebenswende. Letztere sind ihrem Kern wohl doch nur Zwangsveranstaltungen für nichtchristliche Schüler an Schulen in christlicher Trägerschaft.

Fazit

Dennoch sollte diese Schrift für die Aktiven aus der säkularen Szene ein Muß sein. Aber vor, und erst recht nach, der Lektüre sollte man Horst Groschopps Vorwort „Das 'säkulare Spektrum'" aufmerksam lesen. Der Herausgeber begründet darin u.a. die Wahl des Autors und geht auf Begriffe, wie Atheismus/Theismus oder Kirche, ein und faßt aus humanistischer Sicht Finckes Analyse zusammen.

 

Siegfried R. Krebs

 

Andreas Fincke: Mit Gott fertig? Konfessionslosigkeit, Atheismus und säkularer Humanismus in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme aus kirchennaher Sicht. 148 S. kart. Reihe Humanismus-Perspektiven Bd. 3. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2017. 16,00 Euro. ISBN 978-3-86569-281-8

Link zum Originalartikel bei Freigeist Weimar
 




Kritik an TV-Sendung "Um Himmels Willen"


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Der staatliche Fernsehsender ARD produziert gerade 13 Folgen für die 17. Staffel (insgesamt über 170 Folgen) der Nonnen-Sendung Um Himmels Willen. Der Link führt zu einer Übersichtsseite, auf der sich eine Menge Schauspielerinnen als christliche Burkaträgerinnen tummeln. Man kann sich über Folgen, Darsteller*innen und Videos informieren – nur unter die Oberfläche wird bei der ARD nicht geschaut. So etwas wie eine Besprechung der mittelalterlichen Verstrickungen oder gar eine Rechtfertigung für die Nonnen-Klamotte gibt die Site nicht her (Bild: reidy68, pixabay).

Dabei wäre es dringend nötig, den Muff von 1000 Jahren durchzulüften, der da verbreitet wird. Man stelle sich vor, eine staatliche Sendeanstalt in einem säkularen Staat hofiert den überkommenen Ausprägungen einer Religion – und die Allgemeinheit muss das zwangsfinanzieren.

Wie kann das sein?

Wer steckt hinter dieser Retro-Kutsche, die eine gefühlige heile Welt der Klosterfrauen vorspiegelt, wo in Wirklichkeit kranke, menschenverachtende Verhältnisse abgebildet werden? Wieso können die Macher unwidersprochen und unreflektiert so tun, als gäbe es einen Gott, und als wäre es irgendwie nett, dem zu dienen? Ist denen nicht klar, was für eine perverse Ideologie hinter den "Bräuten Christi" und ihrer mystischen Hochzeit mit einem religiösen Popanz steckt? Dass diesen ideologisch kastrierten Jungfrauen das Leben beschnitten wird, dass sie im Namen eines vermeintlichen Gottes und eines verlogenen "Heils" verführt, missbraucht und entmenscht werden?

Eigentlich ist es Skandal genug, dass der deutschen Bevölkerung der teuerste öffentlich-rechtliche Rundfunk der Welt aufgezwungen wird (ARD, ZDF, 9 dritte Fernsehprogramme, 3Sat, Phoenix, Ki.Ka, ZDFneo, ZDFinfo, ZDFmediathek, funk, sonstige Digitalkanäle, Arte zu 50% und über 60 Hörfunkprogramme). In einer Zeit, wo die Konsumgewohnheiten von der TV-Glotze weg ins Internet abdriften, ist es platterdings unangebracht, immer mehr staatliche TV-Sender immer teurer zu alimentieren. Und hunderte von Millionen für Sport- und Showstars auszuwerfen. Und Staatsmittel rauszuhauen, um im Internet zu dilettieren. Und das Ganze mit zwangsweise eingetriebenen Geldern – sogar von Leuten ohne Fernseh- und Radiogerät. Und am liebsten noch teurer als die bisherigen 8 Mrd. pro Jahr, mit automatischer "Gebühren"-Erhöhung.

Obendrauf kommt nun das Skandalon der zum Quotenmachen missbrauchten Nonnen, die in der echten Fassung schwerstens missbrauchte Menschen sind. Das sind Menschen, die bei lebendigem Leib einen überkommenen Mythos übergestreift bekommen – und der Mythos tut auch noch so, als hätten sie keine leiblichen Bedürfnisse. Wer kann es bloß verantworten, so einen Unfug, so einen Nonnen-Nonsens auf die Zuschauer loszulassen? Ist denn der Staatsfunk nicht zur Ausgewogenheit verpflichtet, wie es nachzulesen ist in Aufgabe und Funktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks/der ARD?

Dort steht auch, dass die Sender dem Gemeinwohl verpflichtet sind und zur Information, Bildung, Beratung, Kultur und Unterhaltung einen Beitrag zur Sicherung der Meinungsvielfalt und somit zur öffentlichen Meinungsbildung leisten sollen. Was bitte ist an den Klosterleuten Gemeinwohl, Information, Bildung, Beratung, Kultur und Meinungsvielfalt? Das ist doch bloß Unterhaltung auf Kosten von Verdummung.

Und was ist mit dem Anspruch, die ARD stärke die kulturelle Identität aller Bürgerinnen und Bürger im Land, weil sie in ihren Programmen Deutschland in seiner ganzen Vielfalt abbilde? Dieses Abbild ist ein Zerrbild, weil allzuviele Sendungen christlich kontaminiert sind, während die religionsfreie Bevölkerungsmehrheit (ohne Karteileichen gerechnet) fast gar nicht repräsentiert wird.

Religionskritik findet in den Sendungen der Staatsanstalten so gut wie nicht statt. Dafür dürfen Religiöse mit ihrem "Gott" ständig wie mit einer Tatsache umgehen, wie ja auch bei "Um Himmels Willen". Selbst der Islam ist repräsentativ abgebildet; man darf wohl spekulieren, dass als nächstes die muslimische Burka-Truppe kommt, zum Thema wir klöppeln unseren Gebetsteppich oder so.

Traurig, dass man sowas eher zu erwarten hat als Aufklärung. Das Wort Aufklärung kommt in der Aufgabenbeschreibung des Staatsfunks gar nicht vor. Das Wort Indoktrinierung auch nicht, obwohl genau das kräftig versucht wird. Dutzende von Sendern bringen synchron die "Tagesschau", eine mit der Staatspolitik verfilzte Nachrichtensendung, deren Nachrichten vor allem aus Hofberichterstattung und Sensationsmache zusammengemischt sind.

Nochmal traurig, dass Zwangsabgaben zwar zu immer mehr Ausweitung führen, dass sie dem TV aber keinen Anreiz für Qualität geben. Es sei denn, man sucht die Qualität im Ideenreichtum beim Nachweis der Existenzberechtigung. Für die Selbst-Legitimation wird der öffentliche Auftrag jeweils passend gemacht:

  • bei der Gründung der Anstalten war's die Knappheit der Frequenzen,
  • wo das durch den Technikfortschritt entfällt und nun ein "unübersichtlicher Überfluss" herrscht, lautet das Credo: "Wir kuratieren für euch das Dickicht der Informationen."

So beschreibt das der Artikel Demokratie in den Medien – Von Staatsrundfunk und Zwangsgebühr (Frankfurter Allgemeine Zeitung 26.8.): Nichts gegen Spaßköche und Heimatklänge, auch nichts gegen Arte und das Deutschlandradio. Doch wer behauptet, jeder müsse alles bezahlen, weil sonst das Gemeinwesen gefährdet sei, der verkauft die Bürger für dumm.

Apropos für dumm verkaufen, die Argumentation für öffentlich bezahlte Unterhaltung geht so, dass politische oder gesellschaftliche Fragen durch Spielfilme häufig eindrücklicher dargestellt werden können, als durch eine reine Nachrichtensendung. Unterhaltungsshows, Filme, Serien und Talksendungen sowie unterhaltende Sendungen im Radio sprechen die Zuschauer- und Zuhörerschaft direkt an und vermitteln auf diese Weise gesellschaftlich wichtige Themen (nochmal Aufgabe und Funktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks/der ARD).

Mit anderen Worten, die Zuschauer sind so doof, dass man ihnen die Information hinten reinschieben muss. Und man muss sie durch den "unübersichtlichen Überfluss" geleiten. Und ihnen so viel "Tagesschau" anbieten, dass sie kaum noch ausweichen können. Und ihnen eine Klosterfrauenbewegung unterjubeln, die dem letzten Trottel klarmacht, mit Gott ist alles gebongt.

Himmel hilf.

 

Links von wissenbloggt:

 




Roboter ohne Grenzen - Report 2017 II


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Weil es soviel Material gibt, ist der Artikel in 2 Portionen aufgeteilt. Er ist so etwas wie ein Jahresreport, auch wenn die Termine der Publikationen nicht das Kalenderjahr einhalten. Rund ein Jahr Roboterisierung wird präsentiert, nach Genres sortiert, aber nach Zufall ausgewählt. Auch wenn kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird, ergibt sich ein treffendes Bild der Situation (Bild: bamenny, pixabay).

Besonders auffällig ist die Häufung der Artikel zu den Baristas, Mac-Bratern & -Verkäufern und zu allen Arten von Lieferanten, die von Robotern verdrängt werden. Das ist momentan wohl der große Trend. Unglaublich, wie kreativ die Maschinen gebaut und eingesetzt werden. Ein vorweggenommenes Fazit dazu: Keiner kann sich auf seine jobmäßigen Besitzstände verlassen.

Im ersten Teil Roboter ohne Grenzen – Report 2017 I wurden die Bereiche Roboterwaffen, Jobverlust und Robotergefühle abgehandelt, in diesem 2. Teil geht es mit einer Mischung der restlichen Themen weiter, mit News, Menschlichem und Bots, mit Proletariat, KI, Service, Lieferung, Summarischem und Robotersteuer, bis zu einem Schlusswort von wissenbloggt.

News

Was sich da alles tummelt, zeigt diese Auswahl. Soft-Robotik – Wer schwimmt denn da? (Frankfurter Allgemeine Zeitung 15.7.): Roboter sind auf dem Vormarsch: Sie springen, rennen fliegen und schwimmen können sie jetzt auch. Ein künstlicher Rochen ist die Krone der Soft-Robotik.

cartoon-1295224_1280-OCVVorboten spaßeshalber (Der Freitag 18.7.): Augmented Reality – Pokemon Go vermittelt einen Ausblick auf das, was uns erwartet, wenn vollständig autonome Systeme wie Roboter in unser Leben treten.
Das Stichwort hier ist Augmented Reality (Bild: OpenClipart-Vectors, pixabay).

Aber es kann auch konkreten Nutzen haben, Meet The Robots That Will Build Your Next House (Zero Hedge 17.4.): Per BLS statistics, the residential housing space employed over 1 million people at the height of the housing bubble and now accounts for nearly 750,000 jobs. Of course, just like the auto industry, many of those jobs can be done at a fraction of the cost and with much greater precision by industrial robots. … modern technology allows companies like Blueprint to manufacture far more complicated custom homes rather than the simple 'boxes' of the past. Am Computer werden sie entworfen und zugeschnitten, und natürlich bauen Roboter diese Häuser, bis hin zu Millionenobjekten.

Auch mit den Erntemaschinen geht es voran, Wenn Roboter ernten gehen (heise online 10.5.): Noch werden Äpfel ganz überwiegend mit der Hand gepflückt, doch das könnte sich bald ändern: Technische Fortschritte sorgen dafür, dass die Früchte von Maschinen sicher erkannt und sanft genug behandelt werden.

Menschliches

Wo das menschliche Gegenüber als unangenehm empfunden wird, bieten die modernen Computer Abhilfe. Amazon's Phone-Charging Robot Will Spare You The Indignity Of Talking To Strangers (Zero Hedge 20.7.): … there is clearly an unmet market that an army of mobile-charging robots for your personal use can fill (Bild gajahmada, pixabay).

monster-727194_1280-gajahmadaDamit es sich trotzdem nett anhört, kriegen die Roboter menschliche Stimmen,  Lebensecht Geklonte Stimmen für den Computer (Spiegel Online 13.8.): Dank einer neuen Technik können Computer die Stimme jedes beliebigen Menschen imitieren. In wenigen Jahren sollen die Automaten sogar große Gefühle beherrschen. (Im Teil 1 unter Robotergefühle wurden allerdings Quellen zitiert, nach denen es noch etwas länger dauert.)

Über Sexroboter wurde schon viel berichtet, z.B. in Fernmündliche Nächstenliebe. Wirklich neu ist das in der Sache nicht, aber in der Konnotation. Shakespeare zum Vögeln (Der Freitag 25.5.): Sexroboter Die neuen Spielzeuge der Lust bieten nicht nur Körper, sondern auch Geist. Sie sprechen mit ihrem Partner, etwa über Musik – und sie sind jederzeit bereit

Roboterhilfe gibt's längst auch in der Medizin, The Robot That Performed My Kidney Transplant Declined to Be Interviewed (New York Times 13.1.): Our surgeries were robot-assisted — a newer surgical technique for organ transplants.

Bots

Wenn die Roboter so tun, als ob sie Menschen wären, nennen sie sich Bots. Dann geht es um automatisierte Propaganda und um das maschinelle Streuen von Fake-Meldungen – besonders aktuell wird das zu Zeiten der Wahl (Bild: OpenClipart-Vectors, pixabay).

frankenstein-159403_1280-OCVEine Meldung dazu heißt Internet  und Meinungen – Der Bot, der mich liebte (Süddeutsche Zeitung 5.7.): Künstliche Intelligenzen pflügen durch soziale Netze und setzen dort Thesen zu Politthemen ab. Können Meinungen inzwischen von Codes manipuliert werden? Laut SZ gingen 2015 knapp 50% des Datenverkehrs im Netz auf das Konto derartiger Algorithmen, und die Bot-Aktivität rund um Wahltermine u.ä. ist besonders hoch.

Bedenken äußert eine teils umstrittene Site,  Algorithmen – Wir übernehmen keine Haftung (cicero 7.7.): Algorithmen bestimmen den Journalismus immer mehr. Subsumiert wird das dann unter dem Begriff Datenjournalismus. Wer aber trägt im Sinne des Presserechts die Verantwortung für jene Informationen, die aus Daten generiert werden? Die Rede ist von Kontrollverlust, weil die Kontrolleure in der Netzwelt noch nicht recht angekommen sind, wodurch die Betreiber von globalen Suchmaschinen und Social Media einen illegitimen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Massenmedien erringen. Durch die unzureichende Produkthaftung können sie sich auf gesamtgesellschaftlich verantwortungslose Weise exorbitante Unternehmensgewinne sichern. Unbehelligt können sie neuartige Institute für Künstliche Intelligenz gründen und nützliche Algorithmen für Profit- und Überwachungszwecke erarbeiten. Wegen der Dimensionen und der Komplexität ist das jenseits der Überprüfbarkeit, während die Arbeit der Informatiker an den öffentlich kontrollierbaren Forschungsinstituten wesentlich weniger gefördert wird. "Systemrelevante" Algorithmen werden kaum öffentlich hinterfragt und diskutiert. 

Proletariat

Es gibt nicht nur ein Daten- und Algorithmenproletariat, sondern auch ein neues "Pixelproletariat". Mit diesen "Clickworkern" ist wieder die gig economy gemeint, die schon in Teil 1 unter Roboterwaffen angesprochen wurde. In diesem Artikel wird das Los der Pixelschaffenden ausführlich und kompetent beklagt – Das neue Pixelproletariat (junge Welt 17.2.): Aus der einstmals vielgepriesenen digitalen Boheme sind längst panische Freelancer geworden – immer auf dem Sprung, ohne Rast und Ruh.

Das läuft unter "Digitaler Kapitalismus" und nennt sich "digitale Boheme" oder "Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung". Es ist laut junge Welt eine moderne urbane Klasse, die voller Optimismus loslegte. Sie schickte sich an, neue Technologien selbstbestimmt zu nutzen und Arbeit für sich neu zu definieren. Mit dem Laptop in der Hand machte sie sich auf ins Café, um in der Onlineökonomie leichtes Geld zu machen. Aber der Neid auf das coole, selbstbestimmte Künstlerleben dieser Bohème war nicht angebracht, auch wenn das mit ökonomischer Absicherung und finanziellen Spielräumen verbunden schien – Stichworte Selbständigkeit, freie Zeiteinteilung, Ineinandergreifen von Freizeit und Arbeit, Wechsel zwischen eigenen Projekten und bezahlten Aufträgen – zwischen Sachen, die Spaß machen, und lukrativen Jobs. Aber das moderne Gegenmodell zur grauen Angestelltenkultur mit Festanstellung, Kantine und Herzinfarkt zeigte bald seine Kehrseite.

Vielleicht gibt es eine neue Kreativklasse mit einer neuen Lebens- und Vorstellungswelt, und womöglich wird der alte Traum wahr von der Umwandlung kulturellen Kapitals in klingende Münze (so poetisch schreibt die junge Welt). Im Jahr 2000 zählte man 132.000 selbstständige Freiberufler im Kulturbetrieb, 2012 waren es 291.000. Das fiel mit den Stellenstreichungen der Großkonzerne wie IBM zusammen. Neue Organisationsmodelle wurden eingeführt, ("liquid"), die globalen Zugang zu hochqualifiziertem, online verfügbarem Personal gewährleisten sollten, über Zeitzonenbeschränkungen und nationale Arbeitsgesetzgebungen hinweg (Bild: 3888952, pixabay).

robot-1631721_1280-Ananya440Heute bekommt fast niemand mehr einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Wozu auch, wenn es eine weltweit einsetzbare kreative Reservearmee gibt, die "atomisiert" ist und ihren Auftraggebern machtlos gegenübersteht? Den großen Firmen steht heute eine riesige Zahl gut ausgebildeter, flexibler Freelancer "nicht etwa gegenüber, sondern zur Verfügung". Das sind die Clickworker. Die arbeiten in Heimarbeit im digitalen Akkord, und damit ähneln sie laut junge Welt mehr den Proletariern aus der Vorzeit des Kapitalismus als der Bohème. Was nicht zuletzt auch an der Verfügbarkeit rund um die Uhr liegt – im Wesentlichen müssen sie Tag und Nacht in den sozialen Medien aktiv sein. Und Networken allein ist nicht genug, sie müssen ein Produkt kreieren, als Vehikel für Marketing und Selbstinszenierung, sie müssen an Events teilnehmen, usw.

Das führt zu einer Rückblende auf den Klassenkampf: Einst kämpften die Kohlekumpel für ihre Arbeitsplätze und gegen Zechenschließungen, obwohl die Arbeit sie kaputt machte. Heute kämpfen die Freelancer für ihre "vermeintlich selbstgewählte" Freiheit, obwohl Burnout, Depression, Tinnitus und Altersarmut darin programmiert sind. Die junge Welt beklagt, dass die digitale Boheme eher zum Pixelproletariat geworden ist. Das schlechteste beider Welten sei für die meisten Realität geworden: Armut und soziale Unsicherheit wie bei der klassischen Bohème – und das bei gleichzeitiger Einbindung in den Projektstress der neuen "flüssigen" Arbeitswelt – eine Armee aus hochqualifizierten, flexiblen, multilingualen, interkulturellen Individuen sei entstanden, die sich selbst optimal ausbeuten.

KI

Uff, und das sind bloß ungewollte Kollateralschäden, wie etwa das Outsourcen und der Arbeitsplatzexport. Es ist noch nicht mal die eigentliche Roboterfähigkeit angesprochen, den Menschen komplett überflüssig zu machen.  Ein Bericht von einem Nebenschauplatz zeigt den Trend, Computer schlägt Profis im Poker (scinexx 3.3., nach einem Science-Artikel): Künstliche Intelligenz gewinnt erstmals im Heads-Up No-Limit Texas Hold'em. Das wird gefeiert als "Sieg fürs Maschinengehirn": Erstmals hat ein Computerprogramm Profispieler im Pokerspiel "Heads-Up No-Limit Texas Hold'em" besiegt. Demnach gewann das Programm DeepStack mit großem Vorsprung gegen seine 33 Gegner. Die Strategie beim Pokern ist ganz anders als bei Schach oder Go. Weil das Blatt beim Poker nicht offen auf dem Tisch liegt, ist die verfügbare Information unvollständig und erfordert von daher ganz neuartige Strategien (Bild: OpenClipart-Vectors, pixabay).

robot-151701_1280-OCVNoch wird vieles längs der Vorgabe durch den Menschen programmiert,  Künstliche Intelligenz übernimmt Vorurteile (scinexx 3.3.): Computer lernt beim Sprachenlernen aus Texten auch die Stereotypen. Der Artikel spricht von einer "rassistischen Maschine", denn wenn Künstliche Intelligenz aus Text-Datensätzen die Sprache lernt, übernimmt sie auch die enthaltenen Stereotypen. Wie ein Assoziationstest offenbart, zeigen solche Computerprogramme dann dieselben rassistischen Vorurteile bzw. Geschlechter-Klischees wie viele Menschen. Wenn Künstliche Intelligenzen immer mehr Aufgaben in unserem Alltag übernehmen, könnte das zu einem Problem werden, spekuliert der Artikel.

Zum Thema automatisiertes Zocken passt JPM Develops A.I. Robot To Execute High Speed Trades, Put Humans Out Of Work (Zero Hedge 31.7.): JPMorgan will soon be using a "first-of-its-kind robot" to do away with carbon-based traders altogether and execute trades across its global equities algorithms business using a "robot" after a recent trial of JPM's new artificial intelligence (AI) programme showed it was "much more efficient than traditional methods of buying and selling", the FT reports. Mit dem "Kohlenstoffbasierten" wird jetzt also aufgeräumt ("do away with carbon-based …").

Wie die KI sich sowas von alleine beibringen kann, zeigt ein weiterer Artikel, Robots teach other robots (TechXplore 10.5.): C-LEARN, which allows noncoders to teach robots a range of tasks simply by providing some information about how objects are typically manipulated and then showing the robot a single demo of the task.

The future of translation is part human, part machine (The Conversation 11.7.): Free tools like Google Translate – which is used to translate over 100 billion words a day – along with other apps and hardware that claim to translate foreign languages as they are spoken are now available, but something is still missing. Aber es fehlt nicht mehr viel, wie ein anderer Artikel besagt, Ein Dolmetscher für alle Fälle (Frankfurter Allgemeine Zeitung 27.8., nicht online): Weitgehend perfekt sind aber alle Apps noch lange nicht – doch wer übersetzt schon perfekt? Der Artikel bestätigt den Apps immerhin recht gute Brauchbarkeit.

Auch im schreibenden Gewerbe macht man sich Gedanken, Künstliche Intelligenz Wenn Roboter zu Kollegen werden (Spiegel Online 5.1.): In Zukunft können Roboter auch klassische Akademikerjobs machen, glauben Experten. Können die Maschinen gute Kollegen sein – oder nehmen sie uns die Arbeit weg? Die skeptische Sicht: Die künstliche Intelligenz kann irgendwann fast alle menschliche Arbeit übernehmen, nicht morgen, nicht übermorgen – aber in absehbarer Zukunft. Nach der Devise, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert / was vernetzt werden kann, wird vernetzt / was digitalisiert und vernetzt ist, wird automatisiert. Der Mensch wäre dann arbeitslos – aber wäre das ein Schreckensszenario? Nur solange man davon ausgehe, dass der Mensch zum Arbeiten geboren wurde – so der blauäugige Schluss, der geflissentlich ignoriert, dass dafür ein Kampf um die Maschinensteuer nötig wird.

The Future Of Artificial Intelligence: Why The Hype Has Outrun Reality (Zero Hedge 16.7.): In der nahen Zukunft brauche sich niemand Sorgen zu machen, weil die Maschinen noch reichlich tumb seien… Man könne es (z.B. im Haushalt) leichter und billiger selber machen. So, for the near future there are tons of jobs where it would be too expensive to replace them with machines. Fifty to 100 years from now, that’s likely to change, just as today’s world is different from 50 years ago. So ein Zeithorizont mutet angesichts der skizzierten Beispiele übertrieben an – aber die eigentliche Botschaft ist, es kommt.

Service

Beeindruckend ist, was schon da ist. Hier ein Video vom Burger Robot (YouTube). Es gibt schon Restaurants ohne sichtbares menschliches Personal, Roboter-Restaurant Eatsa [wodanaz News für Gastronomie, Hotels und Bars] (wodanaz 17.3., manche Browser beanstanden den Link, zumindest am 29.8., Bild: LeoNeoBoy, pixabay):

robot-2023619_1280-LeoNeoBoyNur in der Küche arbeiten noch Menschen. Alles weitere läuft voll automatisch. Bestellt wird über ein Tablett und das Essen erscheint in kürzester Zeit in einer beleuchteten Box, deren Front den Namen des entsprechenden Gastes anzeigt. Bisher gibt's das in San Francisco und an der US-amerikanischen Ostküste, in der Data Kitchen in Berlin, in den Filialen der CaliBurger-Kette.

Von da grüßt der Brat-Roboter Flippy die Salat-Automatin Sally, Meet Sally – Chowbotics' Chef-Slaying Robotic Salad Bar (Zero Hedge 4.4.): … Sally occupies about the same amount of space as a dorm room refrigerator, and uses 21 different ingredients – including romaine, kale, seared chicken breast, Parmesan, California walnuts, cherry tomatoes, and Kalamata olives – to craft more than a thousand types of salad in about 60 seconds, while the customer watches the process. Noch wiegt die Salatmaschine 160 kg, aber Sally wird auf Diät gehen und abspecken …

Für Pizzas gibt's natürlich auch schon die passenden Maschinchen, Will Robot Pizzamakers Help Revive American Productivity? (Zero Hedge 6.6.): …its kitchen can make 10 times more pizzas than a pizzeria with a comparable staff. It has a robot that squirts tomato sauce onto its pies. It has a robot that spreads the sauce,…

Und – wie könnte es anders sein – auch für Drinks gibt's Automaten, America's First Robot Bar Opens In Vegas: "Perfect Pours Every Time" (Zero Hedge 29.6.): Here’s a headline that should send a chill through the spine of every bartender and server in America: “Bionic bartenders deployed at Las Vegas Strip bar.”

Service wird die Domäne der Roboter, Meet "Aida" – The Perfect (Robot) Banker: End Of Branch Banks Coming Soon (Zero Hedge 31.7.): Sweden’s biggest banks are on a mission to get rid of branch banks and all the branch bank employees too. That’s where “Aida” comes in. Das Produkt, das die Banken anbieten, ist eben auch automatisierbar.

Dazu nochmal die Klage über die Verkaufsmaschinen allgemein, Vending Machines Are The Latest Threat To US Retailers (Zero Hedge 4.8.): “There’s no hassle…you get what you want"… Alles schön einfach, ohne dass Menschen stören …

Aber was soll mit den Bedienern und Verkäufern passieren? Von der roboterisierten Autoproduktion war schon oft die Rede, aber von Auto-Verkaufsmaschinen? There Is Now A Vending Machine For Luxury Cars (Zero Hedge 15.3.): Singapore has injected nitrous into its reputation as a playground for the superrich after a local used-car dealer launched a "vending machine" with 60 luxury cars, including Bentleys, Ferraris and Lamborghinis, on offer. Used car seller Autobahn Motors opened a 15-story showroom in December in a futuristic looking building, dubbing it the "world's largest luxury car vending machine." Das ist so ähnlich wie bei den Snack-Automaten, das richtige Fach wird hingedreht, und der Happen fällt raus. Nur dass es in dem Fall ein Luxusauto ist.

Lieferung

Die Hauptleistung unserer modernen Gesellschaft ist natürlich nicht bloß die Produktion und das Verkaufen von all den Sachen, die niemand braucht. Es ist auch die Lieferung an den glücklichen Kunden (und schließlich die Entsorgung von den Verpackungen und den verbrauchten Waren, Bild: Clker-Free-Vector-Images, pixabay).

package-36983_1280-Clker-Free-Vector-ImagesDas Liefern ist ein umfängliches Geschäft, es beginnt beim Lager, beim Routenplanen und beim ewigen Sortieren, was hierher gehört und was dahin. Bei diesem Artikel kann man einen Blick in die Zukunft werfen, Viral Video Shows Chinese Warehouse Where Humans Were Replaced By Robots (Zero Hedge 12.4.): An STO Express spokesman told the South China Morning Post on Monday that the robots had helped the company save half the costs it typically required to use human workers. They also improved efficiency by around 30% and maximised sorting accuracy, he said. Also ohne die Menschen geht's schneller und akkurater.

Während man in China mucklige kleine Diskusse zum Transportieren nimmt, haben sie in Italien ein schnuckeliges Design. Rollende Räder, die dem Herrchen folgen, Video im Artikel The Gita is your rolling robot porter (engadget 2.4.): It might not save the world, but it can at least carry your stuff.

Die Auswirkungen sind gar nicht schnuckelig, Wal-Mart Replaces More Than 4,000 Employees With Machines (Zero Hedge 19.7.). Hier kann man lesen, wie Walmart sich gegen die Niedergangs-Meldungen wehrt ... replaced more than 4,000 employees with machines … also says that the Cash360 machines we’ve put in some of our back offices have “eliminated jobs.” Neither of these statements are the case. Stimmt alles nicht, sagen sie, und sie reden von ihrer Politik, Die Büroleute an die Verkaufsfront. Bloß die Einbrüche in Aktienwert, Umsatz und Gewinn können sie nicht leugnen.

Dazu passt ein Artikel wie The Amazon Effect: Retail Bankruptcies Surge 110% In First Half Of The Year (Zero Hedge 31.6.): While it is far from empirically, and certainly scientifically established, every incremental retail bankruptcy should add approximately $5-10 billion to AMZN's market cap, further cementing Jeff Bezos as the world's richest monopolist man.

Also man spekuliert über die Gewinne, die Amazon aus den Pleiten der Einzelhändler zieht. Wenn Vollzeitjobs verloren gehen, heißt das nun schon The Amazon Effect: Part Time Jobs Soar By 393K, Full Time Jobs Slide (Zero Hedge 4.8.). Etwas andere Zahlen liefert dieselbe Site, Amazon Hosts Robotics Competition To Figure Out How To Replace 230,000 Warehouse Workers (Zero Hedge 28.7.): Amazon has mastered the art of moving bins around a warehouse floor with miniature robotic forklifts, but a solution to automating the simple task of picking individual items out of those bins has remained elusive.  And, with 1,000's of very expensive, sickly and generally needy humans currently fulfilling that task, you can bet Amazon is eagerly pursuing that solution with some level of urgency. Der sarkastische Kommentar stellt die menschlichen Arbeitskräfte als teuer, kränklich und generell pflegebedürftig hin, bald werden sie ersetzt sein. Und nochmal Amazon, gemischt mit McDonalds Is Replacing 2,500 Human Cashiers With Digital Kiosks: Here Is Its Math (Zero Hedge 23.6.). Alles nur eine Frage der Mathematik, heißt es – Summarizing all of the above: the workers you see in the photo … are now an endangered species.

Summarisches

Nun zu den Kollateralschäden, wo mittelbare Auswirkungen der Computerisierung und Roboterisierung das ökonomische Geschehen bestimmen, Another Reason Men Don't Work: Imaginary World More Enjoyable Than The Real World (Zero Hedge 19.7.): … primarily young men who are addicted to games. For such individuals, games provide a fantasy world that is far more enjoyable than the real world  (Bild: LolaKno, pixabay).

robotics-2180263_1280Unterdes soll die große Frage nach der Beschäftigung nicht aus den Augen geraten, Does the next industrial revolution spell the end of manufacturing jobs? (The Conversation 19.7.): Robots have been taking our jobs since the 1960s. So why are politicians and business leaders only now becoming so worried about robots causing mass unemployment? Hier werden die Szenarien der Industrie 4.0 diskutiert, und weil die Industry-4.0-Robots weitgehend selbstängig arbeiten, könnten sehr viel mehr Menschen von der Produktion ausgeschlossen werden, ohne dass andere Sektoren genug Jobs schaffen. Dann könnte es politische Bewegungen geben, um die menschliche Arbeitskraft zu schützen, etwa durch Robotersteuer.

Dazu eine flache, summarische Klage, "Robots, Drones" Mean Mass Layoffs For Whole Foods Employees (Zero Hedge 17.6.). Eher ein Panik-Artikel, Amazon breitet sich in den Einzelhandel aus, Aldi und Lidl kommen, Wal-Mart wird um 50% unterboten.

Und noch mehr Reaktionen auf all die Optimierung, Foodora & Co.: Die Revolte der neuen Dienstbotenklasse (Blätter für deutsche und internationale Politik 7/17): Umweltfreundlich, qualitätsbewusst, hipp: So präsentieren sich die Essenslieferdienste Foodora und Deliveroo ihren Kunden. Eine Flotte von Fahrradkurieren liefert für sie europaweit Gerichte von den laut Eigenwerbung „besten Restaurants“ ohne eigenen Lieferdienst direkt nach Hause oder ins Büro.

Robotersteuer

Das R-Wort fällt mal immer wieder, aber es ist politisch ungeliebt und von der Lobby gehasst. Durchsetzbar ist die Robotersteuer wohl auch nicht – wie denn auch, wenn Deutschland seine Vermögenssteuer abschaffte, die Erbschaftssteuer zu einer Subventionierung der (reichen) Erben machte und die Transaktionssteuer fallenließ?

Das macht skeptisch, wie es sich auch in diesem Artikel wiederspiegelt, Sollten Roboter Steuern zahlen? (Spektrum 6.6.): Immer mehr Stellen fallen durch die Automatisierung weg – und mit ihnen Steuereinnahmen. Was tun? Da ist nix zu wollen, so das Fazit. Historische Analogien hätten zwar nur bedingt Erklärungskraft, doch es spreche viel dafür, dass auch in der vierten industriellen Revolution einige wenige Entrepreneure den Kapitalbesitz – Maschinen, Roboter, Knowhow über künstliche Intelligenzen – unter sich aufteilen. Fragt sich nur, ob bald ein Maschinensturm wie im frühkapitalistischen England kommt.

Dazu müssten die Leute aber erstmal in die Puschen kommen. Dabei ist die Forderung nach Robotersteuer schlicht und ergreifend unumgänglich, wenn der soziale Friede gewahrt werden soll.

Das sehen viele so, aber eilig scheint es niemand zu haben. Diesen Eindruck vermittelt auch How Can America Afford A Universal Basic Income? Simple: "Tax The Robots" (Zero Hedge 1.8.): Stagnant wages, worsening labor-force participation and expanding deflationary prices have been linked by economists to increasing automation. In a recent study, PricewaterhouseCoopers estimates that 38% of US jobs will be in danger of being replaced by automation by 2030. “At the exponential rate of robotization, there isn’t a lot of time for legislators to figure out the intricacies of a solution – but they don’t seem to be in too much of a rush" (Bild: OpenClipart-Vectors, pixabay).

robot-155847_1280-OCV Noch ein umfangreicher Artikel dazu heißt San Fran Politician Considers Legislation To Tax Robots (Zero Hedge 4.4.). Was für San Francisco gilt, gilt allerorten. Unter dem Aspekt dürfen einige Statements aus dem Artikel zitiert werden: We need to think about investments in our society that don’t exacerbate the wealth and income gaps that we already see today. Und: We don’t want to become a third-world country where there’s a big divide between the very rich and very poor. Das sagt Jane Kim, San Francisco city manager, und sie hat recht.

Sie macht sich Gedanken, wieviel Steuern die Stadt verliert, wenn die Leute ihre Jobs an die Roboter verlieren, und welche Industrien am meisten davon betroffen werden (alle, wenn man nach dem obenstehenden geht, wb). Kim dazu: It’s not only going to be manufacturing and truck drivers. It’s also going to be restaurants, hotel workers, and health care, which form a strong base of employment in the city.

Kim will die Robotersteuer den Roboter-Anwendern auferlegen, nicht den Herstellen, und die Zahlungen möchte sie in Bildung investieren und ins Erschwinglichmachen der College-Bildung. Angesichts der US-Studentenkredit-Blase (siehe auch American Dream reloaded) wirkt die Begründung einleuchtend. Doch letztlich sichert auch gute Ausbildung auf Dauer keine Jobs (wb). Zusätzlich wird über Bremsmanöver nachgedacht, um den Fortschritt unter Kontrolle zu bringen: It may be that government needs to play a role in regulating automation over time, so we can absorb job displacement at a rate that’s more sustainable for our country.

Immerhin äußert sich mit Kim zum ersten mal ein Offizieller in den USA positiv zur Robotersteuer: We are the center of the tech world here in San Francisco. There is a broad concern about automation and job displacement in the future. We want to be the first to put ideas out there, so they can be explored. Then we want others to follow.

Schlusswort

Oder zeichnet sich noch ein anderer Silberstreif ab? Wie wär's mit dem Artikel Asimov’s Laws won’t stop robots harming humans so we’ve developed a better solution (The Conversation 10.7.): Robots should be empowered to pick the action that most helps humans. Leider geht es da nur darum, die Maschinen rechtzeitig zu stoppen, ehe sie Menschen plattwalzen. Die finanzielle Plattwalzung ist davon unbetroffen.

lego-2383112_1280Das Problem sind natürlich nicht die Roboter, sondern die Menschen, denen sie gehören. Die wollen die Roboter-Profite mit niemand teilen, und das ist der Konfliktstoff für unsere Zukunft.

Es läuft wieder auf Das Ethosdefizit hinaus, das bei wissenbloggt seit langem beklagt wird (unsere Schicksalsfragen kann man unter dem Link nachlesen). Gegen die unethische Haltung sollten wir rechtzeitig angehen – ehe die Roboter so daherkommen (Bild: WerbeFabrik, pixabay).

Als Fazit bleibt, wir können das doch nicht alles ignorieren? Auch wenn manches aus suspekten Quellen stammen mag, ist die Situation nur zu deutlich. Was da geschieht, das sind Umwälzungen, die wichtiger sind als alles andere in der politischen Landschaft. Die Roboter bleiben uns, auch wenn von Dieselmief, Trumpismus und faulen Eiern keine Rede mehr ist.

 

Links dazu:




Roboter ohne Grenzen - Report 2017 I


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Es ist vielleicht noch etwas zu früh, um einen Jahresreport abzuliefern, aber das Material bordet über. An der Roboterfront tut sich allerhand. Die Roboter mischen überall mit, nur die Berichte über sich selber schreiben sie noch nicht selber. Daher der Impetus, den bisherigen 30-40 wissenbloggt-Roboter-Berichten noch einen hinzuzufügen (Bild: bamenny, pixabay).

Das ganz große Roboterproblem nennt sich Singularität, jener Zeitpunkt, wo die Maschinen ihre eigene Verbesserung per Künstlicher Intelligenz übernehmen und dem technischen Fortschritt den Turbo verpassen. Davon kommt derzeit weniger in den Medien an, die Entwicklung sieht eher nach einer schrittweisen Verschärfng der Situation aus.

Die Probleme sind auch so gravierend genug. Was hier aufgelistet wird, ist vom Thema her alles schon mal drangewesen. Die Vielzahl der Berichte liefert aber neue Hinweise darauf, wo sich die Entwicklungen konzentrieren. Besonders haarsträubend ist die forcierte Entwicklung im militärischen Bereich, aber auch die sozialen und politischen Implikationen stimmen bedenklich.

Im derzeitigen Wahlkampf werden diese Grundprobleme weitgehend ignoriert. Dabei zeichnet sich die Logik ganz deutlich ab:

  • Die einfachen Jobs werden von Robotern übernommen, wobei Jobs mit höheren Ansprüchen entstehen,
  • derzeit werden immer mehr Jobs mit höheren Ansprüchen ersetzt,
  • demnächst kann der Mensch die höheren Ansprüche nicht mehr erfüllen.

Und wer zahlt dann die Steuern, wenn die Menschen massenweise durch Roboter ersetzt werden? Diese Frage wird immer drängender, weil jetzt schon die Jobs billiggemacht und prekär werden. Ein neues globales Prekariat entsteht, zu dem in Deutschland schon 2 Millionen Kinder gehören (die von Hartz IV leben), zahlreiche Menschen im besten Alter gehören dazu, und demnächst eine große Zahl von armen Rentnern.

Der Bundestagswahlkampf befasst sich kaum damit. Es ist, als hinge die Politik immer noch an den alten Legenden, nach denen die Computerisierung und Roboterisierung Unmengen von neuen, hochqualifizierten Jobs schaffen würde. Ein Beispiel ist der Artikel Why Robots Won't Cause Mass Unemployment (Mises Wire 28.2.): "The lamenters don’t seem to understand that increased productivity in one industry frees up resources and laborers for other industries, and, since increased productivity means increased real wages, demand for goods and services will increase as well. "

Das ist die ökonomische Logik von dunnemals, die von der großen Mehrheit nicht länger geteilt wird. Im Weiteren werden die herausgepickten Artikel sachbezogen sortiert aufgeführt und ggf. kommentiert. Der Artikel ist in 2 Teile zergliedert, dieser 1. Teil befasst sich mit Roboterwaffen, Jobverlust und Robotergefühlen:

Roboterwaffen

Der Roboter-Terrorismus ist ja so einfach: Einen Kampfrobot auf Wahnsinn schalten und loslassen, das ist dann sozusagen die Roboter-Tollwut. Angesichts der neuen Cyberwaffen gerät das in den Bereich des Möglichen. Ebenso Zeitbomben wie Roboter-Viren, die solche autonomen bewaffneten Maschinen ausflippen lassen. Mit diesem unerbaulischen Geleitwort geht's zu den ebenso unerbaulichen Meldungen:

The Pentagon’s ‘Terminator Conundrum’: Robots That Could Kill on Their Own (New York Times 25.10.16): The United States has put artificial intelligence at the center of its defense strategy, with weapons that can identify targets and make decisions. Die "Rätselfrage des Terminators" wurde auch mit einem anderen bezeichnenden Titel publiziert: Future warfare, where robots do the killing.

Laser Weapons Are HERE! AC-130 Gunships Laser Tests Within insect-1767183_1280-Thor_DeichmannYear (Hedgeaccordingly 3.3.): More than a year since news broke that Air Force Special Operations Command planned to install and test lasers on its fabulously lethal AC-130 gunships, the plan now is to get its top unfunded requirement tested within a year. Also wird die US-Luftwaffe innerhalb eines Jahres Kampflaser testen (Bild: Thor_Deichmann, pixabay)

Da darf die US-Navy nicht zurückstehen: Navy Unveils World's First Active Laser Weapon In Persian Gulf (Zero Hedge 18.7.): "It is more precise than a bullet…" Man versteht dann auch, warum die USA diese vielen Kriege brauchen: Sie müssen Übungsterritorium für ihre neuen Waffen vorhalten.

Die Laser sind nun erwerblich, The Future of Defense: Advanced Laser Weapons Are Now Available (Futurism 3/17): Teams at Lockheed Martin assert that laser weapons that are powerful enough to burst through two-inch steel (and are cheaper than current kinetic weapons) are now available.

Und sie können bald eingesetzt werden, zum Erstaunen des Publikums, "The Technology Is Getting Real" – Laser Weapons Edge Closer To Battlefield Use (Zero Hedge 29.5.): And now Military.com reports, the toy-like drones destroyed during an Army field exercise at Fort Sill, Okla., last month weren't anything special; however, the way they were brought down — zapped out of the sky by lasers mounted on a Stryker armored vehicle — might grab people's attention.

Neue Träger für die Waffen gibt's auch, Meet The Machine-Gun Wielding Robots And 'HyperSubs' Of Modern Warfare (Zero Hedge 28.4.). Das ist eine Art selbstfahrender Panzer, der mit allerlei Waffen bestückt werden kann.

Aber auch der Cyberkrieg wird weiterentwickelt, Obama Ordered Cyberweapons Implanted Into Russia's Infrastructure (Zero Hedge 28.4.): … US intelligence design and implant a series of cyberweapons into Russia’s infrastructure systems. US intelligence, das ist die NSA, die also auch beteiligt ist.

Immerhin gibt es auch Bedenken, zumindest wegen den Killerdrohnen, Moral Corrosion of Drone Warfare (Consortiumnews.com 12.6.): The U.S. government uses drones to eliminate risk to its soldiers and thus domestic opposition to war, but that heightens the moral imperative to challenge the remote-controlled killings, says ex-CIA analyst Ray McGovern.

Nur dass eben auch Stimmungsmache dagegen betrieben wird, denn die Russen könnten ja auch sowas bauen, Elon Musk's Worst Nightmare: Russian AK-47 Maker Builds Fully-Automated "Killer Robot" (Zero Hedge 17.6.): The debate over the role robots will play in the future of warfare is one that is taking place right now as the development of automated lethal technology is truly beginning to take shape. Predator drone style combat machines are just the tip of the iceberg for what is to come down the line of lethal weaponry and some are worried that when robots are calling the shots, things could get a little out of hand.

Und dann geht die Sache auch noch schief, wie bei dem Wachroboter, der in einen Brunnen stürzte, Robot Security Guard "Commits Suicide" In Mall Fountain (Zero Hedge 17.6.): … a robot which "commited suicide" by drowning itself in a public fountain.

Mit einem merkwürdigen Titel kommt ein Warnhinweis, Never mind killer robots – even the good ones are scarily unpredictable (Consortiumnews.com 25.8.): The heads of more than 100 of the world’s top artificial intelligence companies are very alarmed about the development of “killer robots”. In an open letter to the UN, these business leaders – including Tesla’s Elon Musk and the founders of Google’s DeepMind AI firm – warned that autonomous weapon technology could be misused by terrorists and despots or hacked to perform in undesirable ways. Ein einzelner Killerrobot könnte in den falschen Händen sehr gefährlich werden, aber ein unberechenbares System davon? Gar nicht dran denken – so endet der Artikel.

Jobverlust

Für Leute, die trotzdem weiterdenken wollen, kommt jetzt die nicht totzukriegende Debatte um Roboter & Jobs. Eine Facette davon ist die gig economy mit Freelancern statt Festangestellten. Über das Vordringen der fix angeheuerten und ebensofix freigesetzten Arbeitskräfte macht man sich auch Gedanken.

Taylor Review: a high principled report into the gig economy that will fail to deliver (The Conversation 11.6.): … job creation alone is not sufficient to create a “thriving economy and fair society”. Rather, progress is also needed to create “better jobs”. The focus on the quality of work underscores a broader goal to promote “good quality work for all”.

Die Forderung nach guter Arbeit für alle findet sich sogar im Bundestagswahlkampf, nur dass der Zusammenhang mit Robotern zumeist ausgelassen wird – das wäre denn doch zuviel Realitätsbezug.

Diesen Bezug findet man in If You Think Your Job Is One That Cannot Be Automated, You're In For A Rude Awakening (Zero Hedge 7.5.): More “intelligent” machines below the scale of a true “A.I.” means a growing number of jobs will be “outsourced” to machines, and they will never be coming back.  Even now, you likely find yourself with less reason to visit the doctor, because you can just go on WebMD and see if there is a simple solution to what ails you. Es geht aber nicht nur um überflüssige Mediziner und Lastwagenfahrer, sondern um die neue Maxime “Humans Need Not Apply” (Menschen brauchen sich nicht zu bewerben). Und: if you think your job is “safe” because “a machine could never do it,” you better think again.

Nun also die lange Litanei von den Robotern, die die Jobs auffressen. How Machines Destroy (And Create) Jobs (Zero Hedge 5.7.): What if machines are better at driving long-haul trucks? What if machines are better servers at McDonald’s? What if robots did your taxes for you? … The point is, try not to be the 21st century version of a “blacksmith”.

Also die US-Jobs werden von Uber und den europäischen Robotern geklaut, Uber And European Robots Are Coming For Your Jobs (Zero Hedge 6.7.): robot-2180137_1280-LolaKnoThat minimum wage you thought was below your value line may start to look pretty good as Americans slowly learn their real value as a plug-and-play employee is approaching $0. On a long enough time line, someone ends up building a robot. As we've reported extensively here at Zero Hedge (Walmart, Google, FoxxConn, KFC,  Starbucks), robotics have been the clear go-to decision when one wishes to abolish those pesky employees always looking for timeoff and the proverbial "fair treatment". Und jetzt noch Uber, denn Uber hat nun Roboter-Sicherheitskräfte für Parkplätze. Der Artikel zeigt eine Demo des eiförmigen Roboters. Dazu auch ein Video Knightscope Security Robots Available NOW! (YouTube, Bild: LolaKno, pixabay).

Nochmal allgemein serviert, "Technology Is Replacing Brains As Well As Brawn" – Challenging The 'Official' Automation Narrative (& Social Order) (Zero Hedge 26.6.): Academics and economists have repeatedly underestimated the impact that immigration and automation would have on the labor market. As data on productivity gains and labor-force participation clearly show, the notion that innovation ultimately creates jobs by allowing workers to focus on higher-level problems is an illusion. Klare Aussage, die Innovation schafft nicht die vielen hochqualifizierten Jobs. Wenn dem so wäre, warum gibt es dann 20 Millionen Männer im besten Alter, die nicht mehr zum US-Arbeitsmarkt gehören? Der Spruch dazu:

Die Kluft ist nicht mehr zwischen den Haves und den Have-nots, sondern zwischen solchen, die dem Computer sagen, was er tun soll, und solchen, denen der Computer sagt, was sie tun sollen.

Nochmal das Thema, mit der Klage, die USA würden bei der Roboterisierung nicht mithalten, Why Foreign Robots Are The Real U.S. Job Killer (Zero Hedge 27.3.): But what is somewhat surprising is how poorly the U.S. is performing versus international competition in the development of advanced manufacturing robotics.  As the Wall Street Journal points out this morning, when it comes to automating a manufacturing floor, buying robotics 'Made in America' isn't even an option. Was die Firmen stark macht, ist demnach japanische und deutsche Fabrikausrüstung. Amerikanische Konkurrenz gebe es nicht (jedenfalls nicht bei den Produktionsrobotern, bei den Killer-Robotern ist das was anderes).

Nochmal das Thema, woanders machen sie es besser, China Is Building An Army Of Robot Workers (Zero Hedge 25.8.): As wages for Chinese workers’ skyrocket, the country’s manufacturers are scrambling to replace humans with machines.

Wo sind sie hin, die Jobs? Mehrfach zitiert wird die Studie Robots and Jobs: Evidence From US Labor Markets (National Bureau of Economic Research 3/17). Robots Are Slashing U.S. Wages and Worsening Pay Inequality (Bloomberg 28.3.): Robots have a real impact on jobs and wages, new research shows. Und New Study Says Robots Took All Of Detroit's Jobs, Not Mexico (Zero Hedge 28.3.). One additional robot per thousand workers reduces the employment-to-population ratio by 0.18 percentage points to 0.34 percentage points and slashes wages by 0.25 percent to 0.5 percent, based on their analysis. … the authors of the study found that the addition of 1 robot per 1,000 workers results in an 18-35 bps reduction in the employment-to-population ratio and 25-50bps reduction in wages (bps = Basispunkte).

Ein deutscher bzw. Schweizer Artikel dazu, Globalisierung und Beschäftigung – Folgen der vierten industriellen Revolution (Neue Züricher Zeitung 14.1.): Mit ihrer machtvollen Konvergenz von Digital-, Bio- und physischen Technologien stellt die vierte industrielle Revolution die Arbeitsmärkte auf den Kopf. Laut den Wirtschaftsexperten Michael Hicks und Srikant Devaraj sind 86 Prozent des Stellenabbaus in der US-Industrie zwischen 1997 und 2007 auf Produktivitätssteigerungen zurückzuführen, nur 14 Prozent auf den Handel. Demnach wird in immer mehr Berufen Arbeit durch Kapital ersetzt, und die neuen Technologien sind besonders schlechte Jobmotoren. Dazu wird eine Schätzung der Oxford Martin School zitiert, nach der nur 0,5% aller Arbeitnehmer in den USA Branchen angehören, die seit der Jahrtausendwende neu entstanden sind. Und nach einem Bericht der OECD wurde der Rückgang des Lohnanteils am Volkseinkommen zwischen 1990 und 2007 bis zu 80% von neuen Technologien verursacht.

Und nochmal was deutsches, wenn auch von einer Site mit Populismusanruch, Nur 14 Mitarbeiter für die Produktion von 500.000 Tonnen Stahl (Deutsche Wirtschafts Nachrichten 24.6): Ein Stahlwerk in Österreich zeigt, wie gravierend die Veränderungen durch die Technologie in der Industrie sind.

Das scheint der neue Trend zu sein, Factories May Be Coming Back To The U.S., But The Jobs Aren't: McKinsey (Zero Hedge 29.6.): American manufacturing could be poised to rebound as technological disruption shakes up global production chains, but that will offer little relief to displaced factory workers. Denn wenn die Fabriken zurückkommen, dann ohne die meisten Jobs.

Und die Essenz der pessimistischen Sicht, Watch: This is Why Robots are Going to Take Our Jobs…And Takeover the World (Futurism 3/17). Demnach ist es nicht die Frage, ob es passiert, sondern nur die Frage, wann es passiert. Hier der Link zum Futurism-Video Humans Need Not Apply.

Robotergefühle

In dieser Situation verblüfft es, dass es eine Willkommenskultur für Roboter gibt. Ja, man macht sich tatsächlich Gedanken um die Rechte der Roboter. Correctness für alle muss sein, deshalb auch für electronic persons. Robot Intelligence – Robots in Europe May Become “Electronic Persons” (Futurism 23.6.16): The European parliament's committee on legal affairs submitted a draft proposing the taxation of robot employees, asking companies employing them to pay social security for them. The draft also states that all robots smart enough to be considered "electronic persons" must be added to a registry for tracking purposes.

robot-2141095_1280+MonicfloresWeitergehende Gedanken macht man sich zur Moral, ob die wohl prigrammiert werden könne? Robot Intelligence – The Evolution of AI: Can Morality beProgrammed? (Futurism 1.7.): Our artificial intelligence systems are advancing at a remarkable rate, and though it will be some time before we have human-like synthetic intelligence, it makes sense to begin working on programming morality now. Die Rede ist von Forschern der Duke University , die schon dabei sind. Auch wenn es schwierig ist und noch eine Weile dauern wird: so yay! No Terminator-styled apocalypse…at least for the next few years. Der Text endet mit dem Spruch, willkommen zur Morgendämmerung der Computermoral (Bild Monicflores, pixabay).

Der 2. Teil Roboter ohne Grenzen – Report 2017 II kommt am 29.8.

 

Links dazu:




® Religion richtet schweren Schaden an


sky-115393_640Wenn die Religion keine oder nur geringe Macht hat und die staatlichen Gesetze über den religiösen stehen, kann man über die Skurrilitäten der Religion mit einem Lächeln hinwegsehen. Allenfalls ist zuweilen ein Skandal zu beklagen, ein unzulässiger Reviermarkierungsversuch oder sonst ein Übergriff (Bild: geralt, pixabay). 

Hat die Religion jedoch die Macht im Staat, gibt es keine gelegentlichen Skandale, sondern permanente. Dann werden die Skurrilitäten zur Schreckensherrschaft. Prinzipiell ist jede religiöse Kultur menschenverachtend, weil sie die Belange eines vermeintlichen Gottes über die der Menschen stellt. Wo solche Götter zum Maßstab der Gesetze werden, kommt etwas heraus wie bei uns das Mittelalter – die institutionalisierte Menschenverachtung.

Phantasie

Gott, Himmel, unsterbliche Seele, ewiges Leben usw. existieren aber nur in der Vorstellung der Gläubigen. Das sind Phantasieprodukte, nichts als religiöses Märchengut und vorwissenschaftliche Irrtümer. Das sind Konstrukte; in der Realwelt gibt es sowas nicht. In Wirklichkeit ist Religion das Ergebnis menschlicher Kreativität. Leute haben sich das ausgedacht, um andere Leute zu instrumentalisieren, denen man einreden kann, es gäbe einen "Gott" und "göttliche" Gesetze usw. Die "göttlichen" Regeln sind ein menschengemachtes Diktat, das mit Höllenangst und Indoktrinierung unters Volk gebracht wird, eine undemokratische und intransparente Willkürausübung.

Wer trotzdem daran glauben mag, der möge Konsequenz üben und sich mit den Hervorbringungen der Religionskultur bescheiden. Es gibt keine christliche oder muslimische Technik, denn in dem Bereich funktioniert nur das, was auf der Wahrheit beruht, also auf der Wissenschaft. Technik gibt's deshalb allein auf wissenschaftlicher Basis, und bei Religion kommt nur Alchimie raus. Den Religiösen frommt deshalb Eselreiten statt Autofahren, Trommelsignale statt Handy und Stinkbomben statt Atombomben.

Götterwirtschaft

Dass es nicht so eingerichtet ist, daran trägt die politische Führung der westlichen Welt schwere Schuld. Sie setzt der Götterwirtschaft nichts entgegen, solange das Etikett "christlich" draufsteht. Damit leistet sie der christlichen Religion Vorschub, auf ethischem Gebiet eine Inbestitznahme der modernen Technikkultur durchzuführen. Und das, obwohl Technik und Wissenschaft gegen die Religion erkämpft wurden. Die modernen Errungenschaften wurden vom antiquierten christlichen Ethos vereinnahmt, weil die Religion es verstanden hat, das Aufkommen eines modernen Ethos' zu unterdrücken.

Zwar gibt es Menschenrechte, Arbeitsrechte und Umweltrechte, aber der technische Bereich ist immer noch vom ethischen Vakuum umgeben. Die modernen Möglichkeiten sind in den "heiligen" Büchern nicht vorgesehen, und weil die Bücher sakrosankt sind, werden sie nicht upgedated. Die Folge sind Gesetzeslücken: Wo keine ethische Grundlage, da kein Gesetz. Das schafft Freiräume, die von den modernen Geschäftemachern erobert werden – zum Nachteil der Allgemeinheit.

Die ethische Vereinnahmung begann schon vor 500 Jahren, als die Konquistadoren die Kolonien eroberten. Die damaligen Hi-Tec-Produkte waren Schiffe und Kanonen. Der gesamte Aufbruch rund um die Welt inklusive der Technik musste gegen die (christliche) Religion erkämpft werden, aber in den eroberten Ländern wussten die Leute das nicht. Sie hielten Schiffe und Kanonen für die Gaben eines mächtigen Gottes, mächtiger als ihre eigenen Götter. U.a. deshalb konvertierten sie zum Christentum.

Täuschung

Die Täuschung, wir lebten in einer christlichen Kultur, hält sich bis heute aufrecht – zumal unter unserer christlichen Politiker-Elite. Das hat schwerwiegende Folgen. Der Technikexport erfolgt unter falschen Voraussetzungen. Wir haben es versäumt, unsere Technik und Wissenschaft von der Vereinnahmung durch die Religion abzukoppeln und mit einem zeitgemäßen Ethos zu verknüpfen. Wir exportieren Technik und Wissenschaft ohne passenden intellektuellen Überbau, ohne Menschenrechte, ohne Aufklärung, ohne Humanismus, und das rächt sich.

Mit welchem Recht können wir in der Fremde sagen, wenn ihr unsere Technik wollt, lasst ab von euren Phantasievorstellungen der Gottesherrschaft, solange bei uns vergleichbare Phantasien subventioniert werden? Wie soll das Bewusstsein verbreitet werden, dass das Gotteszeugs nur menschengemachter Unfug ist, um die Armen zu instrumentalisieren, solange die Agendasetzer öffentlich beten?

Schaden

Dass diese starken Argumente außer Kraft gesetzt werden, ist Schuld der christlichen Kontaminierung. Denn wo die wabert und labert, da fehlt die moralische Grundlage, um gegen die islamische Kontaminierung anzugehen. Das beginnt bei unserer Bundesregierung und ist bei den amerikanischen Politikern nicht zuende. Überall wird die Religion öffentlich hofiert, statt sie im stillen Kämmerlein auszuüben. 

Es ist kaum zu ermessen, wieviel Schaden die mangelnde Aufklärung anrichtet, die dahinter steckt. Ein ganzes Weltsystem wird davon desavouiert. Würden die Politiker auf der Schiene der Vernunft agieren, hieße die offizielle Agenda, die Götter stören bloß. Religion ist menschengemacht, und wer Gotteswerk predigt, der verfolgt im Verborgenen seine eigene Sache.

Die Staatsraison sollte die Politiker zwingen, öffentlich auf diese Linie der Vernunft einzuschwenken, statt den religiösen Wirrungen Vorschub zu leisten. Wenn man denen die hanebüchene Gottesmär unterjubeln kann, auf was fallen sie dann noch alles rein?

Das Missbrauchspotential hinter der Religion ist groß, weil sie schließlich genau dafür geschaffen wurde. Heutzutage können wir uns diesen Unfug nicht mehr leisten.

 

(Dieses Résumé aus verschiedenen wissenbloggt-Artikeln zu Gott & Co. wurde am 25.10.14 veröffentlicht und am 26.8.17 überarbeitet und mit ausführlichen Links versehen.)

Links dazu:




Wahlkampf XIII – betreutes Wählen und bereutes Wählen


paintbrush-316618_1280Bis zur Bundestagswahl am 24.9. herrscht ein merkwürdiger Zustand. Die Parteien versuchen sich gegenseitig zu schaden, ohne sich selber zu schaden. Deshalb werden die eigentlichen Probleme stillschweigend übergangen, und die Welt wird mit Weichzeichner schöngepinselt (Bilder: PublicDomainPictures, pixabay).

Wie schön, dass wissenbloggt mit einer Gestalt aus der Klamottenkiste aushelfen kann. Bittesehr, da ist sie – Amelia Mendekopf, die Kandidatin von Piepl Paaty Politics. Die PiPaPo-Kandidatin steht für ein getürktes Interview zur Verfügung, in dem sie Klartext redet und damit die gesamte heuchelnde Polit-Szene beschämt. Das Interview mit AM führt der wissenbloggt-Schreibknecht WM:


WM: Fräulein Wiedehopf, was sagen Sie zu …

AM: … hörnsiemal, sowas sagt man nicht. Das ist Manreducing, und außerdem heiße ich Mendekopf.

WM: Äh ja, Manreducing wie Mansplaining, Manterruption, Manspreading und Mendeköpfen?

AM: Das letztere ist noch nicht allgemein eingeführt. Manreducing ist, wenn Männer Frauen herabsetzen. Deshalb besteht die PiPaPo auch auf der Fräuleinquote …

WM: … auch wenn das jetzt Manterruption ist, Frau Wendekopf, es geht hier nicht um Pipapo, sondern um …

AM: … PiPaPo heißt unsere Partei, Herr Dingsda. Das sollten Sie sich merken. Piepl Paaty Politics. Moderne Volksparteipolitik, trendy, english, uptodate. PiPaPo.

paintbrush-316698_1280WM: Also gut, ich merk mir PiPaPo. Was will die PiPaPo? Wie verhält sie sich zum Atheistischen?

AM: Atheistisch, ist das sowas Ähnliches wie autistisch?

WM: Nein, das hat was mit Unglauben zu tun, Frau Wendepalette.

AM: Wendekopf. Wissen Sie, ich war früher bei den Bibelgeilen Christen. Da haben wir immer betreutes Wählen gemacht, aber es hat trotzdem nie gereicht. Wir müssen das für alle …

WM: … lassen wir das. Was sagen Sie zur Correctness?

AM: Also da bin ich ganz dafür. Der Gender-Mainstream ist sowas von correct. Nur bei den Burkaträger_innen bin ich geteilter Meinung.

WM: Gottseidank.

AM: Ja, wer würde sowas anziehen? Da ist doch gar kein Chic dabei. Wenn da vielleicht ein paar Schlitze drin wären, bis zur Taille hoch, das wär total angesagt, aber so …

WM: Mja. Also dann.

AM: Ich bin eben gegen alte Hüte, deshalb trage ich auch einen.

WM: Logo. Kommen wir zur Krötenwanderung.

AM: Die PiPaPo ist für Gleichberechtigung in allen Lagen, das gilt auch für Kröten und KrötInnen.

WM: Ich meinte mehr die Kröten auf dem Konto, Frau Mendehals.

AM: Wendezopf. Es ist ein alter Zopf, dass die Steuerflucht das Land schädigt. Da wird die Million zum bundespolitischen Pfennig, und keiner trauert ihm nach.

WM: Die Trauer gilt mehr der Mark, und damit wären wir beim Euro. Was sagt die PiPaPo zur Eurokrise?

AM: Wir wehren uns dagegen, dass die Regierungspolitik den Kopf in den Sand steckt, wir wollen aber auch nicht, dass sie mit dem Kopf durch die Wand geht.

paintbrush-316129_1280WM: Und der verschleppte Konkurs von Italien?

AM: Richtig, der auch. Da sind wir auch dagegen.

WM: Was sagen Sie zur Staatsschuld und den noch höheren impliziten Schulden?

AM: Implizite Schulden? Das muss ich mal bei Leakipedia nachgooglen. Ich hab nur ordinäre Schulden.

WM: Ich auch, äh, ich meine, was halten Sie von der Autobahnprivatisierung?

AM: Die PiPaPo steht auf dem Standpunkt, gut gehupt ist schlecht gebremst. Oder war's gut gebremst ist schlecht gehupt? Ich bring das immer durcheinander.

WM: Ich hupe gar nicht, und bremsen tu ich auch für Christ- Was ich fragen wollte, Frau Wendebein, Immigration, Integration?

AM: Mendebein. Ohne Immigration keine Integration, das ist doch klar. Die Regierungspolitik und die Mainstreammedien wiederholen es gebetsmühlenartig, nein, klapsmühlenartig, aber unsere Position ist ganz eindeutig. PiPaPo steht für Klarheit und Eindeutigkeit.

WM: Logo, logo, aber ist Otto Normaltrottel damit auch gedient?

AM: Na klar, ich trage mein Haar doch rot. Daran sieht man meine soziale Einstellung.

WM: Wenn sie sozial sein wollen, was machen dann die Schulzes-, wollte sagen …

AM: Die Regierungspolitik und die Mainstreammedien können sagen, was sie wollen, aber wir sagen, da haben die Experten es wieder schlechter gewusst.

WM: Fake News?

AM: Bitte gebrauchen Sie keine unanständigen Wörter. Das ist wieder mal typisches Manslurring.

WM: Man-was?

AM: -slurring, wie beschimpfen. Männer beschimpfen Frauen.

WM: Fang ich gleich mit an. Fake News! Fake News!

AM: Arrgh. Was heißt das eigentlich?

WM: Danke für das Interview, Fräulein Wendewunder.


So eipaintbrush-315641__480ne Wahl kann man wirklich nur als Persiflage abhandeln. Da passt die weichgezeichnete Kanzlerkandidatin der PiPaPo genau mittenmang. Noch nie war der Schritt vom betreuten Wählen zum bereuten Wählen so klein. Und die Wahlbetreuer sind überall …

 

Mehr Humor und Links von wb:

 




Die Enträtselung des Terrorismus - offener Brief von Frank Sacco


davMit gängigen Mitteln ist der Terrorismus nicht zu begreifen, schreibt Frank Sacco, Doktor der Medizin, an das Bundesamt für Verfassungsschutz. Er sieht die Ursachen im "religiösen Terrorismus", speziell in der Sure 4 aus dem Koran (siehe Vers 56, in der verlinkten Übersetzung anders als unten zitiert) und der dort erzeugten Höllenangst (Bild: Sacco).

Frank Sacco, Doktor der Medizin  www.frank-sacco.de   22.8.17

An das Bundesamt für Verfassungsschutz

Offener Brief

Sehr geehrte Damen und Herren,

anbei mein Artikel über den Terrorismus.

Die Enträtselung des Terrorismus

„Sie waren gute Jungen“, sagen die Eltern laut Berichten in der „Die Welt“ der Terroristen von Barcelona mit 14 Toten. Ja, jeder möchte Younes (22) zum Schwiegersohn haben, sieht man auf sein Lichtbild. Die Welt stehe vor einem Rätsel, ist zu lesen. Die „gängigen Erklärungen“ würden nicht  helfen“.  Die Allgemeinheit kann solche Taten nicht begreifen, weil die Erklärungen im kollektiven Unbewussten zwar vorhanden, aber dorthin verdrängt sind. Auch unsere etablierte Psychiatrie kann das Rätsel aufgrund einer eigenen Erkrankung, einem Sacco-Syndrom, nicht lösen.

Dabei wissen wir alle, wie es in Kirchen und Moscheen zugeht. Da lernen Kinder in Suggestion Texte auswendig. Die Sure 4 ist jedem Moslem ein fester Begriff. Ihr Inhalt ist jedem bekannt, wird aber weitestgehend verdrängt. Es heißt dort, Allah lege Sünder zuerst mit dem Gesicht, mit den Augen auf den ewigen Feuerrost. Dann komme die Rückenseite auf den Grill. Da solche Vorstellungen für Kinder nicht auszuhalten sind, verdrängen sie es zunächst. Doch Jahre später kommt die Angst erneut. So schreibt der Sohn der Andrea Shajan: „Er (Allah) rettet Euch vor dem Höllenfeuer“ (Stern TV, RTL, 14.1.2015).  Die Angst vor der Hölle ist ein „Geschäft“ der Geistlichkeiten, so Bischof N. Schneider in Der Spiegel 2014/43. Dieses Geschäft aber bildet die  Grundlage für einen religiösen Terrorismus.

Der Rest funktioniert recht simpel. Ein Prediger nimmt Jugendlichen diese Angst, indem er eine Garantie ausspricht, die es nur im Islam gibt: Die Garantie der Höllenvermeidung. Sie erklärt die zahlreichen Konversionen zum Islam, hat allerdings ein Märtyrertum zur Bedingung. Doch der Tod trete, so sagt man, schnell und nahezu unmerklich ein. Als weitere Droge muss ein Feindbild aufgebaut werden, damit Hass entstehen kann. Doch immer, und das wissen wir Deutschen aus der Hitlerzeit, immer ist zunächst Angst die Grundlage für eine Entstehung von Hass und einem Bedürfnis nach Rache. Aufgrund von in Kirchen gepredigter Angst vor Juden hassten deutsche „Arier“ Juden (siehe Buch „Gott segne den Führer. Die Kirchen im Dritten Reich“ Druffel-Verlag). Ein Hassprediger kann nur dann etwas bewirken, wenn vorher, möglichst in frühester Kindheit,  ein Angstprediger tätig gewesen war.

Die Gott- bzw. genauer die Höllenangst führt in ein Sacco-Syndrom. Die Heilung von dieser Angstkrankheit kann durch einen Imam geschehen, der diese Angst  wie oben beschrieben nimmt. Besser und weniger laut und blutreich geht es allerding mit einer EAT, einer Ecclesio-Adversative Therapie. Die jugendlichen „Terroristen“ sind auf katholischem Sektor Messdienern gleichzustellen. Auch Messdiener sehen lieb aus. Auch sie werden schnell zu gewalttätigen „Terroristen“. Sie werden es aber am eigenen Leib und an der eigenen Seele: So „produzieren“ Psychotiker masochistische, sie extrem quälende Halluzinationen, Depressive fühlen sich als Sünder und  opfern einem Gott ihre Fröhlichkeit und Borderliner verletzen ihren Körper (wie Ödipus es tat) bis hin zum Suizid. Masochismus ist der (innenaggressive) Terrorismus im Christentum, Sadismus der (außenaggressive) im Islam. Beide Verhaltensweisen führen zu einer Angstreduktion. Nachdem sich Ödipus beide Augen ausgestochen hatte, war er von seiner Höllenangst befreit. Seine Rechnung mit Zeus ging auf. Heute wissen wir: Es gab gar keinen Zeus. Sein Opfer war umsonst. Auch das Leiden der ecclesiogen Depressiven ist umsonst. Da ist kein Richter im Himmel.

Doch es ist schwer, einem Kollektiv bzw. der Psychiatrie, die immer einen Spiegel des Kollektivs anstatt deren Korrekturfaktor darstellt, diese Zusammenhänge zu verinnerlichen. Nichts wird verständlicher Weise so verteidigt wie die Betonmauer um das eigene Unbewusste. Dem Gedanken, man könne im Unbewussten noch seinem Kinderglauben anhängen, wird starker Widerstand entgegengesetzt. Ja man stellt ad hoc die skurrile Behauptung auf, Zugang zu seinem Unbewussten zu haben.  Ob Psychiater dumm seien, so eine Frage im Internet: Nein, wer studiert hat, kann nicht dumm sein. Ob sie gar feige sind, weil sie von der Kirche krank Gemachte zur „Therapie“ zum Klerus, also zu den Verursachern  abschieben, fragt mich ein Schweizer Psychiater. Nein, Angst und Feigheit sind zwei verschiedene Dinge.

Die beste Therapie  liegt natürlich in der Prophylaxe. Hier versagen Polizei, Staatsanwaltschaften, Richter, Verfassungsschutz und die zuständigen Minister. Bibel und Koran sind verfassungsfeindliche Schriften. Auch aus unbewusster Angst heraus bagatellisiert man hier übelste Folterandrohungen. Man will sich nicht mit dem zweitgrößten Arbeitgeber der BRD und dem größten der Psychiater  anlegen. Man hält das für politisch ungeschickt. Beide Schriften gehören aber verboten. Würde man sie verbieten, wäre man erstaunt, wie schnell verfassungskonforme Versionen beider Bücher herausgebracht würden. Die Entwürfe  liegen schon in den Tresoren der jeweils führenden Geistlichkeit. Denn dumm ist man in den Chefetagen der Religionserfinder auch nicht. Da sitzen Geschäftsleute, denen die Kollateralschäden ihres Tuns durchaus bekannt sind.  Nicht nur ich habe sie über Jahre hinweg intensiv aufgeklärt.                

Gez.  Frank Sacco

 

Frank Sacco ist Autor von Das Sacco Syndrom und Autor u.a. des Buches "Wenn Glaube krank macht", BoD, 404 Seiten, 12,99 €

Weitere Artikel von Frank Sacco




Rezension zu „Relativer Qantenquark - Kann die moderne Physik die Esoterik belegen?“ von Holm Gero Hümmler


9783662538289Diese Rezension von Dr. Gerfried Pongratz handelt von einem Buch, das nicht nur viel Wissen vermittelt, sondern auch der Esoterikszene und diversen Scharlatanen gekonnt Paroli bietet.(Pongratz). Laut Verlag räumt es mit der Vorstellung auf, dass esoterische und alternativmedizinische Konzepte mit der Relativitätstheorie und Quantenphysik zu begründen wären. Es unterscheidet demnach zwischen Grenzgebieten der Physik und Quantenunsinn. Aber warum wird dann der Quantenbegriff , wie ihn Pongratz unten wiedergibt, mit der "Welt dieser kleinsten Teilchen" assoziiert? Laut wiki ist das nur ein Teil der eigentlichen Bedeutung des Begriffs (8/2017):

Relativer Qantenquark – Kann die moderne Physik die Esoterik belegen?

„Viele Fälle, in denen die Relativitätstheorie oder die Quantenphysik als Belege für Heilmethoden, seltsame Gerätschaften oder Psychotechniken zitiert werden, dienen vor allem dazu, nicht verstanden und nicht hinterfragt zu werden“. Der in der Skeptikerszene aktive, promovierte Kern- und Teilchenphysiker Holm Hümmler räumt mit der Vorstellung auf, dass esoterische und alternativmedizinische Konzepte mit der Relativitätstheorie und/oder Quantenphysik zu begründen wären. Auf populärwissenschaftlich hohem Niveau erläutert er – auch für Laien mit Vorwissen gut verständlich – die Grundlagen der Relativitätstheorie und Quantenmechanik, wie auch Fragen zur wissenschaftlichen Theorienbildung und Spitzenforschung in der modernen Physik. Je ein Kapitel ist „Missverständlichem und Fehlgeleitetem – Jenseits der Grenzen des Seriösen“ sowie „Missbräuchlichem und Unbrauchbarem“ gewidmet; so z.B. der These, dass aus der berühmten Einsteinschen Formel E=mc² gefolgert werden könne, dass Materie aus der Energie von Gedanken entstehen und daraus „alles ist vorstellbar“ resultieren könne. Quantenheilung und Vieles mehr, was aus Unwissenheit und/oder Geschäftemacherei rund um die Themen Relativitätstheorie und Quantenmechanik angeboten wird, kann unter „Quantenquark“ zusammengefasst werden (irrationale Glaubenssätze existieren nicht im leeren Raum. Hinter ihnen stehen Welterklärungsansätze, die ein gefährliches Eigenleben entwickeln können).

Was steckt hinter den Theorien der modernen Physik? Das Buch bietet, beginnend bei geschichtlichen Entwicklungen und mit zahlreichen Quellen belegt, klare Definitionen und Erläuterungen mit einer weitgespannten Fülle neuester Erkenntnisse, die unsere Zukunft wesentlich mitgestalten werden. Vom „Welle-Teilchen-Dualismus“ über den „Tunneleffekt“ hin zur „Verschränkung und Nichtlokalität“ führt der Weg (über das unglückliche Beispiel von „Schrödingers Katze“) hin zu neuen Überlegungen wie der Stringtheorie und zu wahrscheinlichen Entwicklungen in der Quantenbiologie und im Quantencomputing.

Aus der Fülle der behandelten Themen einige Beispiele:

Was sind Quanten und was versteht man unter Quantenmechanik?

Als Quanten – sie sind keine besonderen Teilchen und keine andere Form von Materie – werden die kleinsten Energiemengen oder Wellenpakete bezeichnet, aus denen eine elektromagnetische Welle, wie zum Beispiel Licht aufgebaut ist. Die Quantenmechanik beschreibt die Welt dieser kleinsten Teilchen; man kann ihre Eigenschaften wie den Ort nicht messen, ohne sie durch die Messung zu verändern (bestimmte Eigenschaften sind nur in Form von Wahrscheinlichkeiten festgelegt). Wenn man sie perfekt von der Außenwelt isoliert, zeigen beschleunigte Teilchen Eigenschaften von Wellen, umgekehrt haben Licht und andere Wellenphänomene Teilcheneigenschaften, die sich bei Betrachtung sehr kleiner Energien zeigen (im Experiment verschwinden solche Effekte, sobald der Kontakt zur Außenwelt, zum Beispiel durch eine Messung, wieder hergestellt ist). Ein ähnlicher Effekt ist die Überlagerung von einem zerfallenen und einem nicht zerfallenen Zustand, im klassischen Sinne ist der Zustand des Teilchens hierbei bis zur Messung nicht definiert. Zwei Teilchen, die aus demselben Prozess hervorgegangen sind, können, auch wenn sie voneinander entfernt sind, quantenmechanisch einen gemeinsamen („verschränkten“) Zustand bilden, bis sie mit der Außenwelt wechselwirken (Einstein sprach von „spukhafter Fernwirkung“). All dies, und noch mehr, beschreibt die Quantenmechanik; so z.B. auch die Chemie auf der Basis von Physik (als Beschreibung der Welt der kleinsten Teilchen und der Eigenschaften von Atomen).

Was sind Quantencomputer?

Quantencomputer nutzen Quanteneffekte, um mit beliebigen Zahlen anstatt nur mit Nullen und Einsen zu rechnen; so können sie bestimmte Rechenaufgaben möglicherweise sehr viel effizienter lösen als klassische Computer. Sie befinden sich zur Zeit noch in einer frühen Phase der Entwicklung und da der technische Aufwand bei der Herstellung und dem Betrieb, wie auch bei der Programmierung, noch große Probleme bereitet, ist schwer absehbar, welche Rolle sie in Zukunft spielen werden.

Was versteht man unter Quantenbiologie?

Die Quantenbiologie erforscht das mögliche Auftreten von Quanteneffekten in Lebewesen. Einige der dabei gefundenen Effekte sind vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie in lebenden Zellen, also in warmen, ungeordneten Umgebungen, ablaufen. Ihre Ausdehnung beschränkt sich aber in der Regel auf Größenordnungen zwischen einzelnen Teilchen und dem Durchmesser großer Moleküle. Effekte der Quantenmechanik, die sich nicht auch mit klassischer Physik erklären lassen, kommen in biologischen Systemen allenfalls innerhalb einzelner Moleküle vor. Elektromagnetische Wellen oder Wellenlängen, die man als „Elektrosmog“ bezeichnet, wirken auf biologisches Gewebe praktisch nur in Form einer Erwärmung und „Quantenheilung ist nicht mehr als eine Suggestionstechnik, die als Form der Geistheilung praktiziert wird. Mit Quanten- oder sonstiger Physik hat sie absolut nichts zu tun (S. 178).

Quantenquark selbst angerührt (S. 212-214):

  1. Erwähne verblüffende Tatsachen aus der Relativitätstheorie oder Quantenmechanik:
    Z.B.: „In der Relativitätstheorie sind Masse und Energie äquivalent (E=mc²) und nach der Quantenmechanik können Teilchen an unterschiedlichen Orten miteinander verschränkt sein.“
  2. Verallgemeinere diese Tatsachen zu einer falschen Aussage, die in einem übertragenen Sinne noch einen wahren Kern enthält:
    Z.B.: „Da Masse und Energie äquivalent sind, ist Materie folglich nichts weiter als reine Energie. Da auch entfernte Teilchen miteinander verschränkt sind, hängt auf der Welt alles mit allem zusammen.“
  3. Nimm die Verallgemeinerung wörtlich und definiere die Begriffe so um, wie du sie brauchst:
    Z.B.: „Materie ist reine Energie, und diese Energie mobilisieren wir bei der Meditation. Da alles mit allem zusammenhängt, funktioniert Quantenheilung (sogar auch via Telefon).“

Ein großer Vorzug des Buches ist, dass jedem Themenbereich eine Zusammenfassung „Zum Mitnehmen“ beigeordnet wurde, die knapp, klar und präzise die Kernaussagen enthält. Allein das Lesen dieser 26 Kurzbeschreibungen würde genügen, einen guten Überblick und viel Wissen zu gewinnen. Zusätzlich zu diesen Zusammenfassungen enthält das Buch in zahlreichen Einschüben sogenannte „Quarkstückchen“, die beschreiben, was oftmals an Unsinn, Esoterik und Geschäftemacherei zum jeweiligen Thema verkündet und verkauft wird. Auch werden einige mehr oder weniger esoterische „An- und Einsichten“ ursprünglich seriöser Wissenschaftler (Hans-Peter Dürr, Burkhard Heim, Markolf Niemz) sowie fragwürdige Theorien, wie z.B. die „schwache Quantentheorie“ (formuliert von Harald Walach), mit sich daraus ergebenden pseudowissenschaftlichen Behauptungen und Methoden (z.B. in sogenannten „Familienaufstellungen“), kritisch beleuchtet: Die schwache oder verallgemeinerte Quantentheorie hat mit Quanten nichts zu tun. Sie entnimmt der Quantenmechanik lediglich Begriffe und Formalismen, gibt ihnen dabei aber neue Definitionen. Experimentelle Belege, dass dabei eine sinnvolle Theorie herausgekommen ist, gibt es nicht (S. 166).

Uneingeschränkte Leseempfehlung für physikaffine Leserinnen und Leser, die nicht nur von moderner Physik mehr verstehen möchten, sondern auch Interesse daran finden, esoterische Glaubensvorstellungen sachlich fair, ohne Häme, widerlegt und Scharlatane entlarvt zu sehen.

 

Gerfried Pongratz

Holm Gero Hümmler: "Relativer Qantenquark – Kann die moderne Physik die Esoterik belegen?", Springer-Verlag, 2017, ISBN 978-3-662-53828-9, , 233 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




Gender-Kritik: die Märchenerzähler und ihre Richtigstellungen


women-149577_1280Nicht jeder mag sich mit dem Gedanken an 60 menschliche Geschlechter abfinden. Klarerweise ist viel Willkür und Ideologie im Spiel, wenn die Geschlechter so am Biologischen vorbei definiert werden. Kein Wunder, wenn die Kritik am Gendern überall und immer mehr um sich greift (Bild oben: OpenClipart-Vectors, pixabay, Bilder unten: GDJ / janeb / 3* ClkerFree-Vector-Images, alle pixabay, Tabelle unten: nach wikimannia).

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  2. androgyn
  3. bigender
  4. weiblich
  5. Frau zu Mann
  6. gender variabel
  7. genderqueer
  8. intersexuell
  9. männlich
  10. Mann zu Frau
  11. weder noch
  12. geschlechtslos
  13. nicht-binär
  14. weitere
  15. Pangender, Pangeschlecht
  16. transsymbol-1179119__480
  17. transweiblich
  18. transmännlich
  19. Transmann
  20. Transmensch
  21. Transfrau
  22. trans*
  23. trans* weiblich
  24. trans* männlich
  25. Trans* Mann
  26. Trans* Mensch
  27. Trans* Frau
  28. transfeminin
  29. Transgender
  30. transgender weiblichmale-307737__480
  31. transgender männlich
  32. Transgender Mann
  33. Transgender Mensch
  34. Transgender Frau
  35. transmaskulin
  36. transsexuell
  37. weiblich-transsexuellgender-24170__480
  38. männlich-transsexuell
  39. transsexueller Mfemale-307738__480ann
  40. transsexuelle Person
  41. transsexuelle Frau
  42. Inter*
  43. Inter* weiblich
  44. Inter* männlich
  45. Inter* Mann
  46. Inter* Frau
  47. Inter* Mensch
  48. intergender
  49. Intergeschlechtlich
  50. zweigeschlechtlich
  51. Zwitter
  52. Hermaphrodit
  53. Two Spirit drittes Geschlecht     
  54. Viertes Geschlecht
  55. XY-Frau
  56. Butch
  57. Femme
  58. Drag
  59. Transvestit
  60. Cross-Gender

Um dem Rechtfertigungsdruck nachzukommen, für all die bunten Gender-Spielarten und die damit verbundenen greulichen Tabuisierungen und Spechverbote, werden nun Verteidigungsschriften lanciert, in denen die heile Gender-Welt verteidigt wird:

  1. "Gender raus!" 12 Richtigstellungen zu Antifeminismus und Gender-Kritik (Heinrich-Böll-Stiftung 17.8.): … (gegen) rassistische, sexistische und anti-egalitäre Parolen und Verunglimpfungen … Geschlechterverhältnisse und Geschlecht zu leben, bedeutet eben nicht, biologische Faktoren gesellschaftlichen Verhältnissen voranzustellen, sondern zu verstehen, dass Erziehung, Kultur, Ökonomie und Machtstrukturen sich auf Geschlechterverhältnisse und Lebensweisen strukturierend auswirken.
  2. Das Märchen von der Gender-Verschwörung – Argumente für eine geschlechtergerechte und vielfältige Gesellschaft (Friedrich Ebert Stiftung 19.8.) – gebrauchte Worte: Märchen, Ideologie, Gender-Bashing, Gender-Verschwörung …ist zum Glück alles Quatsch!

Es wird also recht fetzig argumentiert, so dass man sich nicht wundern muss,wenn die Entgegnungen die gleiche Wortwahl zeigen. Der wissenbloggt-Titel "Märchenerzähler" dürfte damit abgedeckt sein. Doch nun zum Inhalt der beiden Schriften, erst die recht populistischen Richtigstellungen (1.), dann die seriöseren Argumente (2.), die umfassender auf die Knackepunkte eingehen:

1. Vorwurf Gegenargument Kommentar wb

»Die Gender-Ideologie will die Ehe und die Kernfamilie abschaffen.«

In Wirklichkeit ist sie nur gegen Bevormundung und Benachteiligung.

Gendern ist doch selber Bevormundung.

»Die Gender-Ideologie will unsere Kinder in ihrer sexuellen Identität verunsichern und frühsexualisieren oder sogar homosexualisieren.«

In Wirklichkeit soll sie nur kindgerecht und offen über Liebe, Gefühle, Sexualität, Geschlecht und über körperliche Entwicklung aufklären. Ideologie ist keine Aufklärung.

»Gender Mainstreaming will Männer und Frauen gleichmachen.«

In Wirklichkeit soll sie nur Diskriminierung im Handeln von Politik, Behörden und Institutionen vorbeugen.

Offiziell Strategie zur Gleichstellung aller Geschlechter, hintenrum Einführung eben dieser exotischen "Geschlechter".

»Muslime und Migrantinnen bringen rückständige Frauenbilder nach Deutschland; muslimische Männer gefährden deutsche Frauen.«

Natürlich gibt es auch Geflüchtete oder Migrant*innen mit konservativen Geschlechterbildern …     Wir haben es hier mit pauschalen rassistischen Behauptungen zu tun; hier wird sexualisierte Gewalt für rechtspopulistische Stimmungsmache instrumentalisiert.

Verniedlichung hilft da nicht, und wird Gewalt wirklich damit entschuldigt, dass es auch heimische sexuelle Brutalitätlichkeit gibt?

»Migrantinnen bekommen viele Kinder und belasten die Sozialsysteme, während die Deutschen aussterben.«

Migrant*innen in Deutschland bekommen nicht erheblich mehr Kinder. … Unabhängig davon besteht das Recht aller, über die Anzahl ihrer Kinder selbst zu entscheiden. Dabei haben sie die Geburtenrate von 1,3 auf 1,5 erhöht. Fremden, die aufgenommen werden wollen, möchte allenfalls eine Minderheit beliebig viele Kinder zugestehen.

»Feminismus ist Männerhass. Männer sind die eigentlichen Verlierer der Gleichstellung.«

Auch Männer können benachteiligt sein. De facto kommt das in den Gender-Texten nicht vor, symptomatisch: Mitglieder*innen, aber Banker
»Die Gender-Ideologen übertreiben. Wir sind längst gleichgestellt.« Die Situation von Frauen in Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert. Kein Ton von der Verschlechterung durch die Immigration.
»Die Gender Studies sind keine objektive Wissenschaft, sie sind ideologisch.«

Sie sind entstanden, weil die vorherrschende Wissenschaft oft nur die Geschichte und das Leben von Männern untersucht, also nicht objektiv forscht, sondern einseitig.1

Nur dass die Gender*innen es überzogen haben.
»Die Biologie legt fest, wie Männer und Frauen ticken und dass sie verschieden sind.« Wie Menschen »ticken«, war zu verschiedenen historischen Zeiten extrem unterschiedlich und verändert sich auch jetzt laufend. Aber wer darf das verändern?
»Abtreibung ist Mord. Frauenrechte dürfen nicht über das werdende Leben gestellt werden.«  Schwangerschaftsabbrüche zu verbieten, ist Ausdruck einer Geschichte, in der weibliche Körper, Gebärfähigkeit und Sexualität regelmäßig unterworfen und zum Gegenstand von Politik und Regulierung gemacht werden. Zustimmung!
»Man darf ja Frauen nicht mal mehr ein Kompliment machen. Wenn Frauen einen Minirock tragen, wollen sie doch angemacht werden.« Sexismus ist klar definiert, es geht um Ungleichbehandlung und Abwertung aufgrund von
Geschlechterstereotypen.

Eben nicht nur, da werden überzogene Empfindlichkeiten kultiviert, siehe auch trigger warning und safe space.

»Die Gender-Ideologie will die Geschlechterdifferenz abschaffen. Jeder soll sich sein Geschlecht aussuchen können.«

Viele Menschen sind nicht eindeutig weiblich oder männlich und leiden darunter, entweder weiblich oder männlich sein zu müssen.

Für die allermeisten passt das aber, für die anderen reicht 1 undefiniertes Geschlecht statt Abweichungen zu kultivieren.
2. Frage Argument Kommentar wb
Eins, zwei, drei, viele Geschlechter? Zeitgemäße Vorstellungen sehen Geschlecht daher nicht als Gegensatz von Mann und Frau. Vielmehr können sich Personen an jeder beliebigen Position zwischen den beiden Polen ‚männlich’ und ‚weiblich’ oder auch jenseits dieser Pole verorten. Deswegen muss man ihnen nicht hofieren, Gleichstellung reicht.

Sind Mann und Frau nicht von Natur aus verschieden?

Überall werden Menschen in die Schublade ‚männlich’ oder ‚weiblich’ einsortiert. Doch das hat nichts mit ‚natürlichen’ Eigenschaften zu tun, umso mehr aber mit gesellschaftlichen Geschlechternormen. Das "nichts" ist eine Leugnung der Biologie.
Ist Gender nicht ‚Gleichmacherei’? Soll eine Frau nicht mehr Frau, ein Mann nicht mehr Mann sein können? Das Entscheidende ist: Niemand soll zu einer bestimmten Geschlechtsidentität, sexuellen Orientierung oder bestimmten Lebensform gezwungen werden. Im deutschen Kulturraum ist das längst realisiert.

Die Kleinfamilie: Soll abgeschafft werden?

Familie kann ganz unterschiedlich aussehen.

Ist auch längst Realität.

Wird die Familie durch die Gleichstellung verschiedener Lebensformen zerstört?

Jede Gemeinschaft, in der Menschen auf Dauer Verantwortung für andere und füreinander übernehmen, sollte als Familie anerkannt werden. Das hört sich gut an, aber dann kriegen wir die muslimische Familie mit 1 Mann & 4 Frauen, und das ist hier unerwünscht.

Leiden die Kinder unter alternativen Familienformen, weil sie Vater und Mutter brauchen?

Ein Kind benötigt mindestens eine erwachsene Person, die es liebt, die für es sorgt und es beschützt (egal welche Personen). Das dürfte stimmen.

Sexualerziehung in Kita und Schule: Indoktrination?

Im Zentrum stehen Respekt und Akzeptanz für unterschiedlichste Lebensentwürfe. Kinder brauchen Richtlinien. Es ist bestimmt nicht gesund, sie zu früh auf die totale Wurtstigkeit einzustimmen. Damit schafft man das, was man propagiert.

Werden Kinder durch Sexualpädagogik in der Kita oder Schule ‚frühsexualisiert’?

Kinder haben ein Recht darauf, Antworten auf ihre Fragen zur Sexualität zu bekommen. Man muss sie aber nicht zu exotischen Lebensentwürfen animieren.

Schränkt staatliche Sexualerziehung das Elternrecht ein? Werden Kinder gegen den Willen der Eltern ‚umerzogen’?

Kinder sollen ihre Persönlichkeit frei entfalten sowie entsprechend ihrer geschlechtlichen Identität und ihrer sexuellen Orientierung leben können. Persönlichkeit und sexuelle Identität formen sich aber erst aus, und das sollte erstmal bio-kompatibel versucht werden.

Werden Kinder und Jugendliche durch eine Sexualpädagogik der Vielfalt in ihrer geschlechtlichen Identität verwirrt?

Ein Verständnis von Geschlecht, das sich nicht auf die Polarität von ‚männlich’ und ‚weiblich’ beschränkt, stellt eine Herausforderung dar. Es begegnet jedoch allen Heranwachsenden mit Wertschätzung und unterstützt sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Das ist ein ideologischer Spruch.

Fördert eine Sexualpädagogik der Vielfalt sexuellen Missbrauch von Kindern?

In der Sexualerziehung in der Kita und Schule lernen Kinder zu bestimmen, wer ihnen körperlich nahe sein darf und wer nicht. Wenigstens da herrscht Vernunft. Die Ideologie könnte ja noch anders ticken, das wäre auch alles möglich.
Sexuelle Selbstbestimmung: Emanzen-Gehabe? Reproduktive Rechte: Gegen das Leben? Für sexuelle Selbstbestimmung und reproduktive Rechte haben Frauenbewegungen in vielen Jahren hart gekämpft. Und sie sind noch längst nicht in allen Ländern Realität geworden. In Polen konnten massive Proteste ein Abtreibungsverbot verhindern. Und in Deutschland wird gar nicht gegen die islamische Reconquista gekämpft.
Sind Frauen selber schuld an sexuellen Belästigungen, wenn sie sich aufreizend kleiden oder benehmen? Der Mann ist kein seinen Trieben ausgeliefertes Wesen, das sich beim Anblick sexueller Reize nicht beherrschen kann. Diese Antwort wird zurecht als Diskriminierung des Manns benannt.
Müssen wir das Leben der Ungeborenen vor den Selbstbestimmungswünschen der Frau schützen? Der Fetus lässt sich nicht gegen den Willen der Schwangeren, sondern nur mit ihr schützen, denn er ist Teil ihres Körpers. … Ethische Fragen und religiöse Überzeugungen müssen dabei mit dem Selbstbestimmungsrecht der Frau abgewogen werden. Diese Abwägung ist längst mit den Menschenrechten erfolgt, zugunsten der Schwangeren.
Muss der Staat etwas gegen die Schrumpfung der Bevölkerung tun? Der Staat darf Menschen nicht in ihrer Lebensgestaltung bevormunden. Zustimmung.
Geschlechterforschung: Überflüssige Produktion von Ideologie?

Fragestellungen: Wie formen Geschlecht, Geschlechterverhältnisse und Sexualität die Welt? Welche Bedeutug hat die Kategorisierung in ‚männlich’ und ‚weiblich’? Wie ‚entsteht’ Geschlecht überhaupt? Wieso kleben wir persönlichen usw. das Etikett ‚männlich’ und ‚weiblich’ an?

Und was ist mit den Tabuisierungen & Diskriminierungen "mansplaining …", dem Gepampere "trigger warnings & safe spaces"?

Warum muss über etwas geforscht werden, das doch völlig klar ist? Ist Geschlechterforschung nicht eine Spielwiese, die viel Geld verschlingt und nichts bringt?

 

Die Einteilung in die ‚natürlichen Gegensätze’ Frau und Mann ergibt nicht die einzig denkbare Vorstellung von Geschlecht. Auch zeitgemäß ist sie nicht mehr. Diese Erkenntnis gehört in fast allen wissenschaftlichen Disziplinen zum gesicherten Wissen, sei es in der Biologie, der Medizin oder auch in den Sozialwissenschaften.

Ja, die Erkenntnis ist schon da. Aber warum machen sich die beamteten Gender*innen mit Sprachpanschereien und Tabuisierungen usw. unbeliebt?
Ist Geschlechterforschung eine Ideologie, die sich als Wissenschaft tarnt? Geschlechterforschung kritisiert gesellschaftliche Verhältnisse und Missstände mit dem Ziel, Ungerechtigkeiten und Hierarchien zu verändern. Solche Ziele sind Ideologie und nicht Wissenschaft.2
Geschlechterforschung wird überwiegend von Frauen betrieben, fehlt es da nicht an Objektivität?  Objektivität hängt nicht vom Geschlecht der Forschenden ab, sondern von deren Fähigkeit zur (Selbst-)Reflexion. Männer sind unwissenschaftlich (s.o.1), Frauen wissenschaftlich?!3

Geschlechterpolitische Strategien: Schnee von gestern?

Mädchen und junge Frauen wachsen in dem Bewusstsein auf, alles erreichen zu können, wenn sie sich nur tüchtig anstrengen. Doch spätestens beim ersten Kind merken sie: Das stimmt nicht! Bedingte Zustimmung.

Wir haben seit zwölf Jahren eine Kanzlerin. Ist das nicht genug der Frauenförderung?

Der Anteil von Politikerinnen in den Medien stagniert.

wb verkneift sich einen Kommentar.
Wozu brauchen wir Gender Mainstreaming oder Gender Budgeting? Das ist doch viel zu kompliziert. Geschlechtsblinde Flecken bei der Planung und Umsetzung politischer Maßnahmen sollen möglichst schon im Vorhinein thematisiert und bereinigt werden. Nicht erwähnt, dass damit Quoten, Sprachvorschriften  und Tabuisierungen gemeint sind.

Mädchen haben die besseren Schulabschlüsse. Sind jetzt nicht endlich mal die Jungen dran?

Vor allem junge Menschen mit Migrationshintergrund, und hier insbesondere die jungen Männer, sind so genannte Bildungsverlierer. Ein gewundenes Teil-Eingeständnis der Immigrations-Probleme.
Verhunzt das Gendern nicht unsere Sprache, macht sie schwer verständlich und ist überflüssig? Was nicht benannt ist, wird nicht wahrgenommen. Nicht benannt werden ist daher eine Form der Diskriminierung. Sprachpanscher  finden immer Argumente, das war schon bei der Rechtschreibreform so – aber wo ist ihre Legitimation?

Ist Frauenförderung nicht von gestern? Keine moderne Frau will ‚gefördert’ werden.

Ziel ist, Potenziale nutzen sowie Strukturen und Prozesse verändern, die Frauen behindern. Warum setzen sie dann nicht bei den unterdrückten Musliminnen an?
Wie wir leben wollen: weltoffen, demokratisch, geschlechtergerecht … die Gleichbehandlung aller Menschen unabhängig von ihrer geschlechtlichen
Zuordnung, sozialen, kulturellen oder ethnischen Herkunft oder religiösen
Überzeugung …
Unterdrückte Musliminnen in Deutschland werden nicht gleichbehandelt.

1: "Wissenschaftler sind unobjektiv"
2: zur Ideologie das Folgende
3: "Wissenschaftlerinnen sind objektiv"

Als Antwort auf die Texte gibt es u.a. den Artikel Die Glaubensgemeinschaft schlägt zurück (cicero 19.8.). Dort weist der Autor Alexander Grau darauf hin, wie die Aussage "Geschlechterforschung kritisiert …"2 das eigene Anliegen konterkariert: Denn ein intellektuelles Unternehmen, das normative Ziele verfolgt, ist niemals Wissenschaft, sondern eben Ideologie. Und auch wenn immer wieder in der Geschichte das Gegenteil behauptet wurde: Es gibt keine wissenschaftliche Ideologie.

Dort ist auch der Widerspruch aufgezeigt, von Frauen betriebene Gender-Studies sind objektiv3, von Männern betriebene Wissenschaft hingegen nicht1. Aha, sagt der Autor, und viele andere sagen das wohl mit.

Einen anderen Aha-Effekt bot schon der wb-Artikel Neue Schlagworte der Gender-Polizei zum Einsatz gebracht. Beim Nachforschen zeigte sich keine ordentlich nachgewiesene Quelle für die Gender-Behauptung "Frauen bei Einstellungsgesprächen benachteiligt". Dessenungeachtet wurde eine Menge Mediengetöse darauf aufgebaut, incl. der diskriminierenden Begriffe Mansplaining, Manterruption, Manspreading.

Also getösemäßig sind die Gender*innen gut dabei, nur ihre Hausaufgaben machen sie nicht. Muslimische Frauenunterdrückung bereichert nämlich die Kultur, und Kritik daran ist so tabu wie die anderen importierten Probleme durch Immigration und Radio Erdogan. Die Gender-Texte weisen ihrem Genre selbst unfreiwillig Unwissenschaftlichkeit nach, und sie entlarven die "Gleichbehandlung der Männer" (Gender Nr. 9) als scheinheilig. Dafür werden die anderen 59 Genders hochgehalten, vor allem die Frauen (Nr. 4). Bedenklich ist, wenn Kinder mit sowas indoktriniert werden, und man sie womöglich noch zu der Überlegung ermuntert, ob sie wohl Nr. 42 oder Nr. 46 sind. Damit schafft man bestimmt nichts Gutes.

 

Links aus den Medien:

  • The Conceptual Penis as a Social Construct: A Sokal-Style Hoax on Gender Studies (SKEPTIC). Der Artikel ist eine Persiflage aufs Gendern und auf den Wissenschaftsbetrieb und zeigt, wie man einen zusammenphantasiertes Gender-Artikel in ernsthaften wissenschaftlichen Zeitschriften unterbringt.
  • Gender Studies sind mehr Ideologie als Wissenschaft (Richard Dawkins Foundation 6.4.): Alternative Geschlechter – Die große Umerziehung. Ein Diskussionsbeitrag von Axel Meyer.
  • Genderfragen – Bin ich transweiblich, cross-gender oder inter*? (cicero 17.6.). Der Autor ist auch Alexander Grau, und er findet es ein Ärgernis, dass diese "eigenwillige Form von Wohlstandsnarzissmus" überhaupt "seine intellektuellen Reservate an einschlägigen Universitätsinstituten" verlassen hat: Denn unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaftlichkeit werden tausende Studenten mit kruden Theorien vollgestopft und schließlich in die Welt entlassen. Da sie aber kaum eine Qualifikation haben und lediglich bizarre Theoriefragmente im Kopf, finden sie nur dort Unterschlupf, wo man im Zweifelsfall auch so ganz gut durchkommt: im Kunst-, Kultur- und Medienbereich. Dort sitzen sie laut Grau an den Hebeln der Meinungsbildung und beginnen, den eigenen Jargon und die ihm implantierte Ideologie durchzusetzen. Wer sich diesem Druck widersetzt, heißt es, wird als intolerant oder diskriminierend denunziert. – Politisch funktioniert das so: Weil niemand in den etablierten Parteien als gestrig gelten will, wird über die Jahre hinweg aus der ehemaligen Ideologie politischer Splittergrüppchen eine offizielle Regierungsprogrammatik.

Links von wb dazu:

 




Ich bin der Ich-bin - Die Suche nach "Gott"


JahweDurch das Wort «Ich bin der Ich-Bin» (hebr. אֶֽהְיֶ֖ה אֲשֶׁ֣ר אֶֽהְיֶ֑ה eh'jeh asher eh'jeh) gab sich JahveElohim auf dem Berg Horeb im brennenden Dornbusch dem Moses kund als der Ich-Bin (griech. ἐγώ εἰμί ego eimi), der Ich-Seiende, der Bringer des Ichs, der in seinem wahren Wesen der Christus ist, das Welten-Ich, der aus der Sonnensphäre auf die Erde herabsteigt.

Zeuge: Moses, Aufschreibender: wer auch immer. Hat es jemand verstanden? Wir kommen darauf zurück.

Eine der ältesten Karten der Welt zeigt einen Erdenkreis mit einem himmelan strebenden Babylon in der Mitte, und je näher man sich der Peripherie nähert um so „unordentlicher“, chaotischer, ja anarchischer wird diese Welt. Dass man die Kapitale ins Zentrum setzt, ist dabei eher gewöhnlich in dieser Zeit. Ungewöhnlich, aber vielsagend, ist hierbei die indirekte Aussage: Nur in der Mitte akkumuliert sich alles Wissen dieser Welt, ein Wissen, das identisch ist mit dem Glauben an einen „Gott“, der irgendwo darüber thront. Jede Entfernung von dieser Zentralerkenntnis ist damit gleichsam gegen Wissen und Glauben gerichtet.

Dies war nicht immer so. Zu den Blütezeiten der Naturreligionen lebten die Dämonen, Geister und Götter im unmittelbaren Umfeld. Sie waren direkt verantwortlich für das konkrete Wohlergehen oder alle nur erdenklichen Schicksalsschläge, die die Menschen trafen. Also versuchte man, sie mit Opfergaben (meist Tiere) versöhnlich zu stimmen. Als man nun daranging, das nähere Umfeld abzusuchen, fand man die Geister nicht, allenfalls wilde Tiere, deren Gefährlichkeit aber nicht mit irgendwelchem „göttlichen“ Einfluss in Verbindung gebracht wurde. Also wurden die Götter auf Berge versetzt – der berühmteste wohl der Olymp. Als auch diese erforscht waren, mussten halt die inzwischen entdeckten Planeten („Wandelsterne“) als Sitz der Götter dienen – Venus, Mars und Jupiter zeugen noch heute davon. Schließlich kam man – übrigens an verschiedenen Orten unabhängig voneinander – auf die Idee, alle vorher sauber getrennten Eigenschaften einem einzigen „Gott“ zuzuschreiben, der damit zu einem Monsterwesen aufgebläht wurde mit den bekannten Zuschreibungen wie All-Macht, All-Wissen und anderen All-Bernheiten. Wir bewegen uns nunmehr im Bereich der Monotheismen, die derzeit weltweit dominant sind (Hinduismus und Buddhismus spielen dagegen eine nur untergeordnete Rolle).

Halt! werden nun Juden, Christen und Muslime gemeinsam rufen. Sooo einfach ist es ja nun nicht, schließlich handelt es sich bei der Basis unserer Religionen um Offenbarungen, also gleichsam von „Gott“ selbst vorgegebenen Fakten.

Doch kann nichts über die Tatsache hinwegtäuschen, dass alles, was man über „Gott“ zu wissen glaubt, Niederschriften vom Hörensagen sind. An keiner einzigen Stelle „spricht“ ein „Gott“ selbst zu seinen Fans. Alles über diesen „Gott“ Gesagte kann daher ebenso gut falsch wie richtig sein. Zu dieser Erkenntnis gelangten bereits die Kirchenväter, angefangen bei Augustinus (Si comprehendis non est deus = wenn du es verstehst, ist es nicht Gott) bis hin zu Thomas Cusanus – mithin den Begründern der klassischen negativen Theologie. Wenn also Papst Ratzinger sine erste Enzyklika “Gott ist Barmherzigkeit“ nennt, hätte er mit derselben Berechtigung behaupten können, dass „Gott“ unbarmherzig ist. Die moderne negative Theologie hätte ihm zugestimmt. Also wäre es wohl besser gewesen, sich jeder qualitativen Aussage zu enthalten. Er wäre es den Kirchenvätern schuldig gewesen. Dasselbe, was hier über das Christentum gesagt wird, trifft natürlich auf den Islam ebenso zu. Islamische Theologen wissen das und monieren es auch angesichts des optimistischen Werks von Mouhanad Khorchide „Islam ist Barmherzigkeit“. Bei beiden ist wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens als präzise theologische Überlegung. Ergänzend sei noch angemerkt, wie der große Philosoph der arabischen Hochzeit, Ibn Rushd, die Dinge sah. Er ging wohl im Gefolge von Aristoteles von einer „duplex veritas“ aus, also einem möglichen Auseinanderklaffen von Glaubenssatz und tatsächlichen weltbezogenen Anwendungen. Leider sind genau diese Werke nach Wiedererstarken des Islam, der Hochzeit ein abruptes Ende setzend, in einem frühen Autodafé verbrannt worden. Es lässt sich nur noch aus dem verbliebenen Rest erschließen.

Genau an dieser Stelle scheiden sich nun die Geister. Eine große Mehrheit der Religiösen ist eher geneigt, den orthodoxen Exegesen (im Arabischen entsprechend „tafsîr“) Folge zu leisten und keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen. Man glaubt weitgehend kritiklos, was – im Laufe der Zeit angereichert um zahllose Dogmen oder fatwat – vorgesetzt wird. Durch die allen Religionen eigene frühkindliche Indoktrination wird der klare Blick auf Tatsachen empfindlich gestört. Ein solcher Glaube, da schwer von außen beeinflussbar – sollte deshalb auch nicht angefeindet werden. Man hat ihn als Tatsache hinzunehmen. Nur wenigen gelingt es, über Zweifel allmählich zu anderen Erkenntnissen zu gelangen, die wegen der relativen Starrheit der Religionen dann natürlich schnell im Atheismus landen. Man hat eben keine wirkliche Wahl zwischen orthodoxen und liberal-säkularen Näherungen an die Religion.

Der „gesunde“ Menschenverstand spielt hier eine entscheidende und gleichzeitig tragische Rolle. Abgesehen einmal davon, dass bereits die Etikettierung eine schlichte Unverschämtheit ist (was ist bitteschön ein „ungesunder“ Menschenverstand?), liegt hier im Grunde nichts anderes vor als eine Ansammlung von Vorurteilen, die sich bis zum 18. Lebensjahr verfestigen (das geht meines Wissens auf Dirac zurück, aber ich kann als „Nicht-Gott“ irren).

Wir sehen also, dass für manche ein „Gott“, extrahiert als alten Büchern, existiert, für andere wiederum nicht. Bei dieser Erkenntnis könnte man es belassen, aber ich möchte es noch einmal auf eine andere Art der Erklärung versuchen.

Das mit der damaligen Wissenschaft weitgehend kongruente Ideengebäude des Katholizismus wurde im 16. Jahrhundert gleich von zwei Seiten attackiert. Neben der Reformation Luthers war es die aufstrebende Wissenschaft, die alte Gedankengebäude zum Einsturz brachte. Das heliozentrische Weltbild mit auf Ellipsen (nicht einmal „göttlichen“ Zirkeln) um das Zentralgestirn kreisenden Planeten, die dazu auch noch rotierten, brachte die mittelalterliche christliche Vorstellung von „Oben“ und „Unten“ – mithin Himmel und Hölle – in ärgste Bedrängnis. Wir können uns das heute nur noch sehr schwer vorstellen, was damals an Umwälzungen tatsächlich passierte. Luther war gemessen daran sicher noch das kleinere Übel.

Seitdem haben sich die Wissenschaften mit zunehmender Geschwindigkeit von dem entfernt, was einmal fest begründeter Glaubenssatz war (siehe oben: Babylon). Die Diskrepanz wurde immer größer und bald schien es keinerlei Übereinstimmungen zwischen wissenschaftlichem und religiösem Weltbild mehr zu geben. „Gott“ trat nur noch als Lückenbüßer auf mit immer kleiner werdendem Einflussbereich. Doch stimmt das wirklich?

Betrachten wir einmal kurz die beiden „Außenbereiche“ heutiger Naturwissenschaft: Die Kosmologie einerseits und im Mikrokosmos die Quantenmechanik. Dem Laien sind beide Bereiche gleichermaßen verstandesmäßig unzugänglich. Sie enden in Formelwelten, die nur noch der Mathematik zugänglich sind. Und nicht einmal alle Mathematiker sind noch in der Lage, jeder Wendung in der Quantenmechanik zu folgen. Doch was passiert, wenn Physiker uns diese Welt zugänglich machen wollen?

Gleichungen werden zu Gleichnissen: es wird uns eine untote Katze präsentiert (Schrödinger), die man nur versteht, wenn man zumindest eine kleine Ahnung von der zugrunde liegenden Mechanik des Unbestimmten hat. Kleinstteilchen werden mit Farben versehen, so als ob sie dadurch erklärbarer würden. Und dabei ist man immer auf der Suche nach der „Urkraft“ (GUT, Konsolidierung der Gravitation mit den anderen bekannten Kräften), die man vielleicht niemals finden wird, auch wenn Hawkings felsenfest davon überzeugt ist. Und im Großen? Auch da ist der Erfindungsreichtum der Physiker erstaunlich groß. Ein „Urknall“, den es vielleicht niemals gegeben hat (obwohl Johannes-Paul II enthusiastisch darauf einging) hatte sicherlich keine Klangkomponente und die „Schwarzen Löcher“ rufen im französischen Sprachbereich (trou noir) eher sexuelle Konnotationen hervor, als dass sie etwas zur Sacherklärung beitrügen. Man hätte ein schwarzes Loch auch durchaus als „Kollapsator“ oder ähnlich bezeichnen können.

Der Islam ist übrigens noch weit davon entfernt, ähnliche Aussagen wie die von Johannes Paul II zu akzeptieren. Man behauptet immer, der Islam habe die Aufklärung versäumt und komme deshalb nicht voran. Es ist viel simpler: der Islam ist weitestgehend wissenschaftsfeindlich eingestellt, befindet sich also noch auf der Stufe der mittelalterlichen Catholica.

Warum all dies?

Heute äußern sich zumeist Naturwissenschaftler zu philosophischen Fragen. Die klassische Philosophie stirbt aus. Sie gibt uns nichts mehr, wandert allenfalls ab in soziologische Überlegungen, manche sagen: Spielereien. Und Naturwissenschaftler sind immer nah bei „Gott“, wie immer fern er auch sein mag. Sie können ihn nicht erklären und sie wollen das auch gar nicht. Aber ihrer Materie liegt es eben nahe, bisher Unerklärtes in eine Ecke zu schieben, die irgendwo und irgendwie „Gott“ ist.

Es macht fast den Eindruck, als ob auch Naturwissenschaftler sich nicht vollständig vom Transzendenten lösen könnten. Das klassische – und später bereute – Beispiel ist die Einsteinsche Konstante, mit der er sich ein gravitätisches, also quasi göttliches statisches Universum erhalten wollte, obwohl alle seine Formeln dagegen sprachen.

Reste von Religiosität oder das krampfhafte Bemühen, Dinge erklärbar zu halten? Ich weiß es nicht. Doch genau an dieser Stelle endet Wissenschaft, wenn sie sich nicht mit den psychologischen Grundproblemen der Menschen befasst.

Betrachten wir Religion doch einmal wissenschaftlich. Da die Theologie keine Wissenschaft ist, können wir das natürlich nur von außen betrachten. Dazu sollten wir uns mit dem Phänomen der Meme vertraut machen. Jeder Mensch unterliegt der genetischen Evolution – das darf als Allgemeinwissen vorausgesetzt werden. Dies ist ein höchst langwieriger Prozess, der sich in den überschaubaren Generationen so gut wie nicht bemerkbar macht und daher auch von überzeugten Kreationisten, die in kürzeren Zeiträumen denken, nicht wahrgenommen werden will.

Anders sieht es mit den Memen aus, die man auch als kulturelle Imitationen bezeichnen kann. Sie evolutionieren in aller Regel schnell, sind nachvollziehbar und greifbar. Ein solches Mem kann zum Beispiel ein Musikstück sein, das sich als Ohrwurm für eine Weile festsetzt, bis es irgendwann durch anderes ersetzt wird und verschwindet. Es kann sich aber auch als ein begleitendes Mem in einem größeren Mem-Komplex dokumentieren, wie beispielsweise die ehrfurchtgebietenden Sakralbauten der Religionen, oder die Riten, die mit Religion verbunden sind wie Eucharistie oder dem Zwang zu fünf Gebeten pro Tag. Das hat zwar alles nicht direkt mit dem jeweiligen Mem-Komplex Religion zu tun, unterstützt es aber nach Kräften. Dieser Zusammenhang ist den meisten Religiösen völlig unbekannt.

Unabhängig von den Kern-Memen folgen sie allem, was sich sonst noch so darum im Laufe der Zeit geschart hat – weil sie es nie gelernt haben zwischen primär und sekundär zu unterscheiden. Es ist ja auch für die Protagonisten der Religionen, die schließlich ihr Geld damit verdienen, viel leichter und vorteilhafter, sie in diesem Unglauben zu belassen.

Ich bin der Ich-Bin, obwohl nie von einem der Götter geäußert, erhält damit eine neue Dimension, wenn man es genau betrachtet. Es ist letztlich die Aussage, dass sich ein „Gott“ wie auch immer er beschaffen sein mag, jeder Erkenntnis entziehen wird, so sehr auch seine jeweiligen Fans sich bemühen werden, das Gegenteil zu behaupten. Weder die Physik und schon gar nicht die Religion werden jemals in der Lage sein, begründete Anlässe für seine Existenz zu geben.

So sagt denn auch ein jüdisches Sprichwort so treffend: „Der Mensch denkt und G‘tt lacht.“




Philosophie: Freier Wille II - Entscheidungsverarbeitung


animal-17474_1280Solange die klassische Physik das Sagen hatte, galt die Welt als vollständig deterministisch: Alles war schon entschieden, es folgte nur dem Gesetz von actio und reactio. Die Weltläufte waren vorherbestimmt. Erst vor gut 100 Jahren wurden Effekte gefunden, die das Bild störten. Es waren kleine Effekte mit großer Wirkung. Die Quantentheorie befreite die Welt von der Vorstellung der Vorbestimmung und führte das Zufallselement ein. Im Lauf der Zeit merkte man, dass dies Element allgegenwärtig in allen Atomen und allen ihren Elektronenhüllen vorhanden ist, dass es in allen Zeitskalen auftritt und auch in diversen Energiebereichen (Bild: entscheidungsverarbeitender Schimpanse, PublicDomainPictures, pixabay. Der Artikel kam ursprünglich am 16.4.14 und wurde am 18.8.17 neugefasst und überarbeitet).

Oft verstecken sich die Zufallseffekte in niedrigen Energiespektren, und durch ihre Vielzahl mitteln sich die meisten weg, was sicherlich nicht zu ihrer Entdeckung beitrug. Aber sie eröffnen den Weg in eine Welt, die nicht für alle Zeiten festgelegt ist, sondern in der echte Entscheidungen fallen. Es sind nicht die großen Willkürakte, wie man sie in vorwissenschaftlicher Zeit den Göttern, Geistern und Gespenstern zutraute. Gemäß den neuen Vorstellungen läuft die Welt nach wie vor weitestgehend deterministisch ab, und die echten Entscheidungen fallen ganz unmerklich. Aber wenn man die ganze Welt in den Zustand von vor ein paar Minuten zurücksetzen könnte, würde sie sich trotz identischer Ausgangsbedingungen anders entwickeln, als sie jetzt ist – und die Unterschiede würden immer weiter zunehmen.

Entscheidungen

Spätestens jetzt muss man über die Definition von "Entscheidungen" sprechen. Eine Entscheidung auf Quantenebene (Mikroebene) hat nicht viel mit dem zu tun, was im Alltagsgebrauch als Entscheidung gilt (Makroebene). Das gilt für Entscheidungen in der Natur (kippt um / bleibt stehen) genauso wie für menschliche Entscheidungen (ich mach dies / ich mach das). Am besten verständigt man sich zuerst über den Gegensatz Determinismus ↔ Zufall:

  • Im Sprachgebrauch wird mit dem "Zufall" das klassische Konzept gemeint, wo der Zufall aus der menschlichen Unkenntnis über alle Eigenschaften des thermodynamischen Systems resultiert – das ist sozusagen der deterministische Zufall. Wo diese Art von Zufall waltet, fallen entsprechend determinierte Entscheidungen. So eine Entscheidungen mag aus Unkenntnis unvorhersehbar sein, prinzipiell ist sie jedoch schon festgelegt.
  • anders ist es beim echten oder Quanten-Zufall, dem intrinsischen, fundamentalen Zufall der Quanteneffekte, die prinzipiell nicht vorhersagbar sind (außer dass man ihre Statistik kennt) – dieser Zufall steht im klaren Gegensatz zum Determinismus. Wo solche Quanten-Zufälle passieren, fallen Entscheidungen, die ergebnisoffen sind. Das sind echte Entscheidungen. Zur besseren Unterscheidung soll hier Entscheidunq mit End-q geschrieben werden, wenn die Quantenebene gemeint ist.

Quanteneffekte

Diese ergebnisoffenen Entscheidunqen auf der Mikroebene sind der Grund für die Nichtvorherbestimmtheit der Weltläufte. Die wenigsten Quanteneffekte sind allerdings so stark, dass sie Entscheidungen in der Makrowelt direkt hervorrufen können. Solch ein Effekt kann nicht bewirken, dass sich die Erde ab morgen andersrum dreht oder etwas in der Güteklasse. Die Auswirkungen sind viel subtiler. Sie kommen zum Tragen, wo sensible Stellen sind und wo labile Situationen vorliegen. Selbst da können nur starke Quanteneffekte direkt angreifen, z.B. der Röntgenstrahl, der eine Genmutation verursacht oder das noch energiereichere Photon, das einen Gammablitz im Auge erzeugt.

Die Mehrzahl der Quanteneffekte setzt viel weniger Energie um. Doch die  Photonen vom Sonnenlicht haben das Potential, die allgegenwärtige Wärmebewegung zu beeinflussen, und dasselbe gilt für chemische Reaktionen. Die Quanten-Entscheidunq ist dann, diesen winzigen Schubs einen Tick früher oder später zu geben und ihn hier oder da anfallen zu lassen (bei Photonen und Partikeln ändert sich mit dem Emissionszeitpunkt auch die Emissionsrichtung) – und schon läuft die Welt anders weiter.

Was aus den Myriaden von winzigen Schubsern wird, ist nicht berechenbar. Das allermeiste wird sich allerdings wegmitteln, und damit wird das Quanten-Etikett quasi abgestreift. Man befindet sich dann im Bereich des klassischen, deterministischen Zufalls, und es ist nicht mehr erkennbar, wo die Ursache für den Schubs lag, geschweige denn, was am Ende daraus wird. In dynamischen Systemen wie der Atmosphäre kann sich das aufschaukeln. Bekannt ist der Schmetterlingseffekt, wo ein winziger Flügelschlag das Wetter umkippen lässt. Es muss kein Flügelschlag sein, eine winzige thermodynamische Ungleichverteilung tut's auch.

Beim Menschen sind Schmetterlingseffekte vor allem in der Leibesmitte bekannt (Schmetterlinge im Bauch). Ob es sie im Hirn gibt, ist unbewiesen. Aber es liegt nahe, weil das Hirn ein dynamisches System ist, ein Areal voll von elektrochemischer Aktivität, wo Impulse es über eine Potentialschwelle schaffen oder auch nicht, wo Erregungszustände den Fokus des Bewusstseins auf sich ziehen oder nicht, usw.

Entscheidungsprozess

Das Hirn ist ein Prozessor, der Informationen verarbeitet und Entscheidungen generiert. Was genau der Wille ist, von dem die Entscheidungen bestimmt werden, wird durch die viele Literatur zur Intention nicht recht klar, weil das meiste aus der Makro-Sicht geschrieben ist. Hier geht es aber darum, wie die Mikro-Welt in die Makro-Welt hineinagiert.

Zumindest weiß man, dass es eine Vielzahl von unbewussten Entscheidungen gibt (Sorum oder andersrum ums Hindernis laufen?). Dagegen können andere Entscheidungen das Bewusstsein hochgradig strapazieren (Wen heiraten? Oder nicht oder doch oder doch nicht?).

Klar ist zumindest, dass die Entscheidungen schon fallen, bevor sie ins Bewusstsein dringen (und selbst das tun nur die wichtigsten). Man kann es selber ausprobieren, wenn man morgens döst und sich sagt, man möchte noch 5 min im Bett bleiben. Irgendwann spürt man dann, die Entscheidung ist auf einmal da, sie wird einem bewusst, und man steht auf (dazu gibt's auch das Libet-Experiment).

Unstrittig dürfte sein, dass fürs Entscheiden Alternativen gefunden oder erfunden werden müssen (rechts vorbei oder links vorbei / Tom oder Susi oder sonstwen oder keinen heiraten). Die Alternativen werden gewichtet, was anscheinend kurz und schmerzlos erfolgen kann (rechts/links), es kann aber auch mit großem Einsatz von Schweiß, Tränen und Hormonen verbunden sein (Ted oder Sophie).

An diesen aufwendigen Wertungen und Gewichtungen ist über das Hormonsystem der ganze menschliche Organismus beteiligt. Mit unbewussten Entscheidungen sind zumindest größere Hirnregionen befasst. Die Auswirkungen der Quanten-Entscheidunqen fließen so oder so in alles ein, in Wertungen, in Gewichtungen, ins Bewusstsein und in alle menschlichen Entscheidungen, notwendigerweise, da die Entscheidunqen ja die ganze Welt steuern.

Fern- oder Nahwirkung

A) Im Normalfall werden die Quanten-Entscheidunqen von der Wärmebewegung quasi denaturiert und sind nicht mehr als solche erkennbar. Sie können irgendwann und irgendwo als Bestandteil einer Entscheidung in die unendliche actio-reactio-Kette der deterministischen Abläufe geraten und spielen sozusagen hundertmal über die Bande, bis ihre Auswirkung ein Hirnareal erreicht, wo Entscheidungen stattfinden. Das ist das Minimum, was die Gesamtheit der Quanten-Entscheidunqen leistet.

B) Zusätzlich mag es im Hirn sensible Bereiche geben, die den Quanten-Entscheidunqen helfen, sich direkt in makroweltliche Entscheidungen zu verstärken. Introspektiv spricht dafür, dass man labile Bereiche in sich spürt, wo es floatet, wenn die ordnenden Strukturen mal die Zügel schleifen lassen. Man kann den Eindruck gewinnen, bei Kindern schlägt der Zufall oft durch. Bei Erwachsenen kommen Entscheidungen manchmal auch so spontan, dass die Entscheider selbst ganz baff sind. Da kann man spekulieren, ob es einen Mechanismus (oder einen Fehler) gibt, der sowas deterministisch zuwegebringt, oder ob eine Quanten-Entscheidunq unmittelbar durchschlägt.

Warum soll die Evolution nicht Strukturen hervorgebracht haben, wo Zufall in Kreativität umgesetzt wird? Macht es überhaupt evolutionären Sinn, den vielen Aufwand zu leisten, um die Strukturen 100%ig und nicht 99,99%ig gegen Zufall abzusichern? Warum sollte das menschliche Hirn nicht besonders viel Nutzen aus dem Zufall ziehen?

Einwände

Viele Leute sträuben sich dagegen, menschliche Entscheidungen und Willensakte aus Quanten-Zufall abzuleiten ("Zufallssklaverei"). Doch aus physikalischer Sicht geht es schlicht nicht anders, als dass der Quanten-Zufall irgendwie mitspielt. Vollständiger Determinismus = Unfreiheit, und echte Entscheidungen nur außerhalb vom Determinismus, das wurde hier hinlänglich begründet. Weitere Argumente:

  • Die traditionelle Vorstellung von der "bewussten" Entscheidung ist  falsch, wie man heute weiß. Erst fällt die Entscheidung, dann gerät sie in den Fokus des Bewusstseins (sofern wichtig genug).
  • Dass unser Bewusstsein extern verursachte Entscheidungen (z.B. durch elektrische Stimulation) als eigene Willensakte vereinnahmt, ist konsistent damit. Irgendeine Hirninstanz erkennt frisch getroffene (oder induzierte) Entscheidungen und liefert bei Bedarf Gründe dafür – tatsächliche wenn parat, gern auch mal falsche wo die Erinnerung verblasst, und sogar ad hoc konstruierte wo keine aufzufinden sind. Willensakte werden keineswegs wie Behördenakten geführt, mit protokollierten Gewichtungen und dokumentiertem Ausgang (7:5 für diese Alternative). Während die Entscheidungen selbst lebenswichtig sein können, sind die Gründe eher unwichtig. Deshalb können sie evolutionär so sparsam abgehandelt werden, um nicht zu sagen, schlampig.
  • Im übrigen gibt es genug Entscheidungen oder Willensakte, wo erkennbar der Zufall getobt hat.
  • Meist beobachtet man ja Entscheidungen, die offenbar durch Einflüsse von Kultur, Erziehung, Erfahrung usw. kontrolliert sind. Aber dies Wertekostüm entstand unter Mitwirkung vom Quantenzufall; die aktuellen Wertungen und selbst das Bewusstsein werden ebenfalls von ihm beeinflusst.
  • Ebenso wie vom "Diktat des Zufalls" könnte man davon reden, der Mensch wäre Sklave seiner Hormone. Die Hormone sind aber Bestandteil des Menschen, und der (Quanten-)Zufall ist sogar Eigenschaft aller Materie. Die Definition von Freiheit als Abwesenheit von Zufall definiert Determinismus als Freiheit – das ist eine Vekehrung der tatsächlichen Verhältnisse.

Freier Wille

Die Voraussetzungen sollen nun genug diskutiert sein, unsere Entscheidungsverarbeitung kann in die Endphase gehen. Die Prämissen für den Freien Willen lassen sich demnach so fassen:

  • Echte, nichtdeterministische Entscheidungen sind möglich, das ist durch das Bisherige hinreichend belegt, egal, ob es der Fall A) oder B) ist oder irgendwas dazwischen.
  • Solche echten Entscheidungen sind nötig, um dem vollständigen Determinismus zu entkommen, wie gleich eingangs geschildert wurde. Nichts kann frei sein, wo alles vorbestimmt ist.
  • Auf der Mikro-Ebene sind die Quanten-Entscheidunqen die Basis des Freien Willens. Sie allein brechen den Determinismus und bewirken auf vielfältigen Umwegen freie, ergebnisoffene Entscheidungen auf der Makroebene. Sie verhindern, dass es für Wertekostüm, Wertungen, Bewusstsein usw. nur eine einzige mögliche Entwicklung gibt. Es sind auch andere Entwicklungen möglich; der menschliche Wille hat dadurch einen vieldimensionalen individuellen Möglichkeitsraum.
  • Der menschliche Wille könnte als Navigator im persönlichen Möglichkeitsraum gesehen werden. Aus vielfältigen Einflüssen wie Kultur, Erziehung, Erfahrung und Quanten-Entscheidunqen werden Entscheidungen gewonnen, die den Weg durch den Möglichkeitsraum steuern; das sind die Willensakte. Wo sich mehrere Möglichkeiten ergebnisoffen realisieren lassen, ist der Wille frei.

Unser Freiheitsgefühl kommt wohl daher, dass wir um die Ergebnisoffenheit wissen. Wir können uns so oder so entscheiden, wir können den Konventionen folgen oder unseren Gefühlen nachgeben oder auch nicht – und was wir tun, bleibt offen, bis wir es tun. Wir sind so frei, und das fühlt ein jeder. Der Freie Wille ist intuitiv einsichtig vorhanden. Nicht umsonst gilt ein philosophisches Credo, nach dem Deutungen möglichst nicht konträr zur Realität vorgenommen werden sollten. Und die Mär vom unfreien Willen ist sowas.

Dass die mikroskopische Basis für die makroskopische Freiheit der Quanten-Zufall ist, sollte niemanden abschrecken. Wer dem materialistischen Weltbild folgt, muss ja auch die Struktur der Materie akzeptieren, deren Enträtselung viel Befremden hervorrief. Wir bestehen aus vibrierenden Atomkernen und jagenden Elektronen? Daran musste man sich erst gewöhnen. Unser Freier Wille basiert auf Quanten-Entscheidunqen? Dafür gilt dasselbe.

Manipulationen

Die Freiheit des Willens ist allerdings nicht unabhängig von äußeren Einschränkungen. Der Möglichkeitsraum bzw. der potentielle Entscheidungsbereich wird traditionellerweise von der Kultur manipuliert und kupiert. Erziehung ist darauf ausgelegt, Bremsen für soziopathische Tendenzen zu errichten und Verstärker für gesellschaftlich erwünschte Verhaltensweisen zu schaffen. Enttabuisierungs- und Emanzipationsbewegungen erweitern den Möglichkeitsraum, Tabuisierungsbewegungen (Correctness, Gendern, Rassismus) schränken ihn ein.

Doch auch Sklaven haben einen Freien Willen; man muss ihnen Strafen androhen, damit sie diesen Willen unterdrücken und gehorchen. Sie wollen was anderes, aber ehe sie Strafen in Kauf nehmen, wollen sie lieber parieren. Oder auch nicht, das entscheiden sie selber. Wenn die nächste Generation entsprechend indoktriniert wird, hat sie allerdings unbewusste Bremsen intus, die ihren Möglichkeitsraum bzw. ihr Entscheidungsspektrum einschränken. Selbiges ist das große Ziel von Religionen und Ideologien, sich den Entscheidungsbereich der Menschen durch Bremsen und Verstärker passend zu machen.

Die moderne Technik ist auch in den Wettbewerb eingetreten. Sie versucht es nicht nur mit automatisiertem Psychodruck, sondern auch mit dem Chip im Kopf.

Das Umgekehrte gibt's ja schon, dass Entscheidungen des Hirns abgescannt und in Bewegungen von Prothesen umgesetzt werden. In Zukunft könnte nicht nur die Bewegung von Beinen so gesteuert werden, sondern auch die Bewegung von Baggern usw, verlustfrei ohne den Umweg über menschliche Hände.

Es gibt auch schon diverse Wege, dem Hirn Informationen direkt einzugeben, dem Blinden Sehimpulse, dem Tauben Hörsignale. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es den Chip im Kopf für Jedermann gibt, damit er direkt Radio empfängt oder immer online sein kann. Irgendwer wird's schaffen, einen Draht dorthin zu legen, wo die guten Gefühle gemacht werden, und die kann man dann bei Google downloaden.

Von da ist es nicht weit bis zu den Entscheidungsarealen. Wenn man sie abscannen kann, kann man sie auch beeinflussen; es wurde ja schon getan. Wenn das in den Hirn-Chip eingebaut wird, macht es den Weg frei für eine ganz neue Art der Fremdbestimmung. Spendiert man noch einen kleinen Höllenschalter dazu, kriegt man den perfekten Zombie, der immer gehorchen muss. Es wird sich für ihn so anfühlen, als ob's sein eigener Wille ist, und falls nicht … dann wird die Hölle kurz angeschaltet.

Schlusswort

Soweit kommt es hoffentlich nicht. Aber das Gesagte mahnt zur Skepsis, was die eigenen Empfindungen angeht. Was sich wie eigener Freier Wille anfühlt, muss im indoktrinierten, verdrahteten Zustand keiner mehr sein. Wenigstens zeigt sich dabei, dass die materielle Sicht der Welt tatsächlich richtig ist, und dass der Mensch nicht das dualistische gemeimnisvolle Wesen ist, das manche gern in im sehen möchten. Der Wille ist ein Produkt neuronaler Aktivität, und er ist (zumeist & noch) frei, weil Quanten-Entscheidunqen den kompletten Determinismus verhindern und ergebnisoffene Willensentscheidungen möglich machen.

 

Anmerkung: Der Begriff Determinismus wird hier im überwiegend gebräuchlichen engen Sinn verstanden. Z.B. bei Bunge wird stattdessen der Begriff "Kausalität" verwendet, während unter Determinismus nur "Gesetzmäßigkeit" verstanden wird, also auch die probabilistische Gesetzmäßigkeit der Quantenereignisse. Diese Definition wird hier abgelehnt.

Wissenbloggt-Links dazu:




Philosophie: Freier Wille I - Quanteneffekte und Freier Wille


512px-Klassifizierung_von_Interpretationen.svgDieser Artikel erschien schon in anderer Form, zuletzt bei wissenbloggt am 16.4.14. Passend zum Diskurs um den Freien Willen werden hier die physikalischen Grundlagen dargestellt. In Abstimmung mit einem Quantenphysiker wurden sie formuliert und am 18.+20.8.17 überarbeitet (Bild: Klassifizierung von Interpretationen der Quantenmechanik, Belsazar at de.wikipedia):

 

Quanteneffekte und Freier Wille

In einer deterministischen Welt sind alle Entscheidungen gefallen, die Welt wird quasi nur noch abgewickelt. Alles geht nach actio und reactio, die Weltläufte sind in alle Ewigkeit vorherbestimmt. Die Physik sagt aber eindeutig: So ist unsere Welt nicht. Es gibt kein Kismet und keine Vorbestimmung. Das ist gesicherter physikalischer Erkenntnisstand, der auf der Quantenphysik beruht.

Die Quantenmechanik wird durch ein Grundprinzip bestimmt, das sich in der sogenannten Unschärferelation widerspiegelt: Die erforderlichen Größen für eine deterministische Beschreibung der Welt lassen sich auch im Idealfall nicht in Gänze bestimmen. Für die Betrachtungen um Determinismus und Vorherbestimmung ist speziell die Stochastik maßgeblich, die bei den Quantenereignissen waltet, also der Zufall, der da herrscht.

Es geht nicht darum, dass die Welt zu komplex zum Vorausberechnen ist, sondern sie ist dem Zufall unterworfen. Sie ist prizipiell (intrinsisch) nicht bis letzte Detail vorhersehbar. Der Zufall (=Gegenteil von Determinismus) ist normalerweise schwer aufzuspüren, weil die makroskopische Welt immer deterministisch zu sein scheint. Selbst die Chaostheorie, die sich mit dynamischen Systemen befasst (Atmosphäre, Ozeane, flüssiges Erdinneres, Sonne, auch Strömungen aller Art bis hin zu Verkehrsströmen) ist eine mathematische Beschreibung der klassischen Physik. In solchen Systemen herrscht nur scheinbar der Zufall. In Wirklichkeit resultiert die Unvorhersagbarkeit aus der menschlichen Unkenntnis über die gesamten Eigenschaften des thermodynamischen Systems (dort herrscht quasi ein deterministischer Zufall), im Gegensatz zur Quantenphysik, wo es um einen tiefergehenden, intrinsischen, fundamentalen (Quanten-)Zufall geht – und der ist überall.

Quantenereignisse sind weit weg in den Schwarzen Löchern (und im Urknall) zuhause; in unserer Makrowelt werden sie z.B. beim Doppelspaltexperiment oder als Nordlicht sichtbar, ansonsten verstecken sie sich myriadenfach auf atomarer Ebene. Alle Ereignisse im Atomkern und in der Elektronenhülle sind Quantenereignisse. Dazu gehört auch, was die Quarks und Gluonen im Atomkern treiben, auch wenn von dort  nur die Zerfallsereignisse nach außen dringen.

Atomzerfall

Atomzerfall war das erste Quantenereignis, das man beobachtete. Dabei fand man schon heraus, dass Quantenereignisse nicht deterministisch sind, sondern stochastisch (=zufällig), wobei sie einer Wahrscheinlichkeitsverteilung folgen: Nach der Halbwertszeit hat die Hälfte der Zerfallsereignisse stattgefunden, nach zweimal der Halbwertszeit vom Rest wieder die Hälfte usw. Es ist nicht vorhersehbar, wann das einzelne Ereignis stattfindet, aber man kann für jeden Zeitpunkt die Wahrscheinlichkeit angeben.

Dieser Wahrscheinlichkeitsfunktion folgen alle Quantenereignisse, allerdings auf verschiedenen Zeitskalen. Die radioaktiven Atome zerfallen mit Halbwertszeiten von Sekunden, Minuten, Tagen, Jahren. Übrigens hat kein Atom ewig Bestand, die "stabilen" Elemente haben Halbwertszeiten von Jahrmilliarden.

Am anderen Ende der Zeitskala liegt die Elektronenhülle. Die Quantenereignisse der Elektronen haben Halbwertszeiten im Milli-, Mikro-, usw bis Femtosekundenbereich: Photonen senden/empfangen (=der ganze Elektromagnetismus), chemische Reaktionen (sobald die Moleküle auf Reaktionsdistanz sind), Energiebarrieren tunneln in Transistor, Diode, LED (=die ganze Festkörperphysik), das sind alles Quantenereignisse.

Zufall

Deshalb lag es nahe, die Quantenereignisse für die Gewinnung von Zufallszahlen zu nutzen. Mathematische und algorithmische Verfahren liefern zwar auch Zahlen, die schön zufällig aussehen, die aber in Wirklichkeit deterministisch sind. Insofern stehen sie auf derselben Stufe wie der thermodynamische Zufall. Hier taucht also wieder die Unterscheidung vom deterministischen Zufallsereignis und vom Quanten-Zufallsereignis auf. Das eine ist wegen der Komplexität nicht als deterministisch zu erkennen (=Unkenntnis), das andere ist intrinsisch nicht-deterministisch (auch wenn man alles darüber weiß, ist der Zeitpunkt nicht vorhersehbar). Das ist eine maßgebliche Unterscheidung.

Für den nicht-deterministischen Zufallsgenerator nimmt man radioaktives Material und misst die Zerfälle. Daraus berechnet man (auf den Bereich 0…1 normierte) Zufallszahlen. Damit hat man etwas Entscheidendes geleistet, das über den reinen Zahlengenerator hinausgeht. Zugleich hat man nämlich einen Generator für echte nicht-deterministische Entscheidungen erzeugt (unter ½→nein / drüber→ja). So kann man ein einziges Quantenereignis hernehmen, um es mit technischer Unterstützung in eine makroskopische Entscheidung umzusetzen (ja→Strom an, die Rakete geht los, die Welt ändert sich, ohne dass es vorhersehbar wäre).

Die technische Hilfestellung mit dem Atom-Zufallsgenerator soll die Konsequenz verdeutlichen, nämlich die prinzipiell nicht vorhersehbare Entwicklung der Welt. Es gibt diese Zufallsgeneratoren (ohne Rakete hoffentlich), aber die physikalische Welt kann's auch so. Sie hat auch ohne Technik genug Mittel, um derartige Entscheidungen herbeizuführen. Eine willkürliche Aufzählung fängt mit energiereichen Quantenereignissen aus unserer Umwelt an; zum Atomzerfall kommt da die Höhenstrahlung. Beides hat genug Energie, um DNS zu verändern (Gammastrahlung löst Mutationen aus), um Wahrnehmungen im visuellen System zu erzeugen (Gammablitze), um Geruchsempfindungen und hormonelle Reaktionen auszulösen, um elektrische Impulse (Beta-Teilchen vom Atomzerfall=Elektronen) zu erzeugen. Wo hochsensible Bereiche sind, können die energiereichen Quanten direkt in der Makrowelt Einfluss nehmen.

Wenn chemische Reaktionen, die z.B. im Gehirn ablaufen, einen Energieüberschuss hervorbringen, muss der auch irgenwo bleiben. Daraus ergeben sich energetisch angeregte Zustände mit dem Potential zu weiterer nicht-deterministischer Einflussnahme. Und wer wollte garantieren, dass die Myriaden von weniger energiereichen Quantenereignissen ohne Einfluss bleiben?

Auf der Kippe

In dynamischen Systemen gibt es immer Situationen, wo die Entwicklung auf der Kippe steht, wo unentschieden ist, ob es sorum oder sorum weitergeht (in Verkehrsströmen hat das Ergebnis der kippeligen Situation sogar einen Namen: Stau aus dem Nichts). In so einer kippeligen Situation reicht eine Winzigkeit, um den Ausschlag in die eine oder andere Richtung zu geben. Dafür gibt es das beliebte Bild vom Schmetterling auf der anderen Seite der Welt, dessen Flügelschlag unser Wetter bestimmt. Den Schmetterlingseffekt rechnet man der klassischen Physik zu. Also prinzipiell wär's berechenbar, nur kann man den thermodynamischen Zustand und die Befindlichkeit des Schmetterlings nicht bis ins Detail erfassen.

Man kann nun nicht ausschließen, dass die Quantenereignisse mitregieren. Die Wärmebewegung der Moleküle wird ja allemal von Quantenereignissen beeinflusst, und bei instabilen Zuständen werden die allergeringsten Einflüsse maßgeblich. Ein Photon vom Sonnenlicht (=nach dem Quanten-Zufall in der Sonne erzeugtes Lichtteilchen) mag hernieden auf der Erden auf ein Staubpartikel treffen, einen Teil seiner Energie in die Wärmebewegung des Staubteilchens hinein abgeben, und schon geht die Karambolage der Wärmebewegung anders weiter. Daraus resultiert eine minimal andere Druckverteilung, und schon ist der Ablauf geändert.

Dies sind nur ein paar von den denkbaren Szenarien, wie die mikroskopischen Quanteneffekte in makroskopische Entscheidungen hinein verstärkt werden können. Unabhängig davon, wie wahrscheinlich die einzelnen Abläufe sind, ist die Konsequenz unausweichlich. Die Welt ist nicht deterministisch. Man kann bloß mit guter Näherung davon ausgehen, dass sie sich weitgehend deterministisch verhält, zumal sich die Myriaden von Quantenereignissen meistens wegmitteln, so dass wiederum der Eindruck des Determinismus entsteht (das nennt man Quantendeterminismus).

Weltläufte

Aber auf Quantenebene passiert ½ vor der Halbwertszeit, ½ danach, mit definierter Wahrscheinlichkeit, doch absolut zufällig; und das ist nicht dasselbe wie Determinismus. Mehr noch:

Weil die Quanteneffekte das einzige Nicht-Deterministische in der Welt sind, bestimmen diese winzigen Effekte die Weltläufte. Sie tun es, indem sie als nicht-deterministische Entscheidungen bis in die makroskopische Welt hineinregieren.

Als Gegenbeispiel (=Quantendeterminismus) soll nun der Computerchip dienen: Was da drin abläuft, sind lauter Quantenereignisse (Tunneln durch die Energiebarriere); aber jedes Bit wird durch Dutzende Elektronen repräsentiert (=wegmitteln), und die Schaltzeiten liegen um Größenordnungen über den Halbwertszeiten (dann merkt man eh nichts mehr vom Zufall). In der Folge verhalten sich die Chips normalerweise 100% deterministisch, außer wenn besonders energiereiche Quanten dazwischenfunken.

Die interessante Frage ist nun, wie verhält es sich im Hirn? Ist das auch so gut wie 100% deterministisch? Man sollte sich nicht von den Forschungsergebnissen der Neurologie irritieren lassen, die den Neuronen deterministisches Verhalten attestieren. Das bestätigt ja nur die naturalistische Weltsicht, nach der alles mit rechten Dingen zugeht und keine Wunder wirken. Es muss weitestgehend deterministisch sein, sonst würde da das Chaos toben. Aber das bedeutet nicht, dass es gar keine kippeligen Stellen gibt, keine hochsensiblen und instabilen Bereiche (das auszuschließen dürfte unmöglich sein).

Die Frage wäre zum Beispiel: Schafft es ein Impuls über eine Potentialschwelle oder nicht? Schafft es ein Erregungszustand in den Fokus des Bewusstseins und erlangt Durchgriff? Ist es überhaupt möglich, sowas mit den elektrochemischen Mitteln des Gehirns 100%ig deterministisch zu organisieren? Oder gibt es da Fälle, wo es unentschieden steht und der Zufall eine Chance hat? Der Zufall kann dann wiederum mehr als der thermodynamische (deterministische) Zufall sein.

Es lässt sich nicht mal ausschließen, dass Quanteneffekte das Hirn unmittelbar beeinflussen. Schließlich hat das Hirn Raum für eine Unzahl von elektrischen und chemischen Reaktionen, die sich als Objekte dafür anbieten – und selbst wenn das Hirn 100% deterministisch funktionieren sollte, existiert es in einer nicht-deterministischen Welt. D.h. eine mittelbare Einflussnahme ist immer gegeben.

Freier Wille

Deshalb kann man die quantenmechanischen Effekte beim mikroskopischen Bild des Freien Willens nicht ignorieren. Man macht den Freien Willen an unabhängigen Entscheidungen fest. Wenn die Entscheidungen deterministisch zustandekommen, so die Argumentation, ist alles schon vorher entscheiden, und es gibt den Freien Willen nicht. Aber außer den deterministischen Entscheidungen des neuronalen Netzwerks ist die Welt mitbestimmt von nicht-deterministischen Zufallsentscheidungen. Das lehrt uns die Quantenphysik – auch wenn es nicht ihre Sache ist, uns zu sagen, wo genau die sich in einzelnen ereignen, wie das im konkreten Fall vonstatten geht und wie groß der Anteil an welchen Stellen ist.

Sicher ist aber, dass solche quantenmechanische Einflussnahme im Hirn wie auch sonst in der Welt gegeben ist. Wer also der Abfolge Quantenereignisnicht-deterministische EntscheidungFreier Wille widersprechen will, muss beweisen, dass das Hirn nicht von Quanten-Zufallsereignissen zu Entscheidungen veranlasst wird. Das stünde aber im Widerspruch zur Physik, die uns schließlich sagt, dass die ganze Welt davon betroffen wird.

Allenfalls kann die Definition des Freien Willens so gesetzt werden, dass Entscheidungen (und ihre Folgewirkungen) irgendwo in der Welt oder im eigenen Erbgut nicht als Willensentscheidungen anerkannt werden, sondern dass das Nicht-Deterministische immerzu im eigenen Hirn stattfinden muss, oder mindestens im eigenen Körper, der das Denken und Fühlen ja auch beeinflusst. (Genausogut kann man aber sagen, meine Entscheidungen gehören mir, ebenso wie meine Atome mir gehören, obwohl man auch über letzteres diskutieren könnte.) Damit rückt jedenfalls die Frage nach der computermäßigen Zuverlässigkeit der neuronalen Schaltungen in den Fokus: Wie viele nicht-deterministische Entscheidungen gibt es, die auf Quanten-Ereignisse im Gehirn zurückgehen, und welche? Da ist gewiss noch Raum für interessante Erkenntnisse.

 

Anmerkung: Der Begriff Determinismus wird hier im überwiegend gebräuchlichen engen Sinn verstanden. Z.B. bei Bunge wird stattdessen der Begriff "Kausalität" verwendet, während unter Determinismus nur "Gesetzmäßigkeit" verstanden wird, also auch die probabilistische Gesetzmäßigkeit der Quantenereignisse. Diese Definition wird hier abgelehnt.

Links zum Thema:




Einführung in die Tiefenpsychologie / Das Sacco-Syndrom von Frank Sacco


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Von oberflächlichen Tiefenpsychologen und Kastrationsängsten in der therapeutischen Sackgasse ist in diesem Artikel die Rede. Frank Sacco, Doktor der Medizin, stellt sein Sacco-Syndrom und die EAT-Therapie vor und gibt damit eine mögliche Erklärung für de übervollen psychiatrischen Einrichtungen.

Einführung in die  Tiefenpsychologie / Das Sacco-Syndrom  von Frank Sacco

Es gibt bislang kaum wirkliche Tiefenpsychologen. Die Vertreter dieses Berufszweiges verbleiben im Oberflächlichen. Ängste, und nahezu nur um die geht es bei den psychischen Erkrankungen, sollen auf Strafen oder deren Androhungen durch frühkindliche Bezugspersonen zurückgehen – oder genetisch bedingt sein. Sigmund Freud führte dazu die unglückselige Angst vor einer Kastration durch den Vater an. Er bezeichnet sie als größte „Angst jedes Knaben“. Damit lenkte er die Psychiatrie bis zum heutigen Tag in eine diagnostische und therapeutische Sackgasse. So brauchte es erst einen Gynäkologen (Eberhard Schaetzing), den vermeintlichen Tiefenpsychologen den Weg in die wirklichen Abgründe einer Seele zu weisen. Doch man bewirkte als Psychiatrie, Schaetzings Idee zum Verschwinden zu bringen. Er hatte behauptet, kirchlich vermittelte Gottangst sei eine bedeutende Ursache psychischer Erkrankungen. Er versuchte vergeblich, die Diagnose ecclesiogene Neurose zu etablieren. Bis heute kennt nicht einmal „Word“  diesen Begriff.

Schaetzing wollte man nicht. Zu nahe war er den verdrängten eigenen religiösen Ängsten unserer Psychiater. Nur über Angst erklärt sich deren Abneigung, auf religiöse Thematiken ihrer Patienten ernsthaft einzugehen. So habe ich im Jahr 2015 das Sacco-Syndrom vorgestellt. Es umfasst jetzt nicht nur das, was man als  Neurosen bezeichnet, sondern erkennt auch in Psychosen, Autismus-Störungen, Zwängen, Süchten, Sexualneurosen und dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom die nach Karl Jaspers und dem Priester und Religionspsychologen Eugen Biser größte Angst des Menschen, die Gottangst. Ich differenzierte beim Über-Ich  ein Eltern-Ich und ein Gott-Ich mit jeweils einer Angst vor elterlicher bzw. einer göttlichen, ewigen Strafe. Während Eltern im Normalfall nicht über- bzw. unmenschlich  strafen, auch weil es ihnen per Gesetz verboten ist, straft der über Informationen von Eltern, Geistlichen und Medien Kindern vermittelte Gott angeblich und nach der Bergpredigt bekanntlich unendlich lange und unendlich grausam. So schreibt der Kirchenmann Hans-Werner Deppe im Büchlein für Kinder mit dem Titel „Wie wird es in der Hölle sein?“, Jesus sei in seinen ewigen Höllenstrafen „schlimmer als Hitler“. Deppes Verlag wird von der katholischen Kirche als „Partner“ unterstützt. Der Hitlervergleich ist eine Blasphemie, eine Gotteslästerung. Und diese ist in der BRD strafbar, wenn sie wie hier den gesellschaftlichen Frieden, die öffentliche Ordnung stört. Schon Jesu Vater, Gott-Vater, sei schlimmer als jeder irdische Despot. Das wird unseren Kleinen in jeder Kirche über dessen angebliche Taten vermittelt, als da sind Sintflut, Sodom, Gomorrha, Fegefeuer etc. Es soll keinerlei negative Auswirkungen haben, wenn Kindern ein derartiges Gottesbild als „Glaubensgewissheit“ implantiert wird, so der Psychiater meiner Ärztekammer am 17. 11. 2009 in einer offiziellen Sitzung über Glaubensgrundsatzfragen. Mein Kollege beweist damit Folgendes: die Psychiatrie ist über ihre Verharmlosung seelischer Maximalgewalt Kindern gegenüber selbst wahnhaft-paranoid. Sie ist damit ein Spiegel der Gesellschaft, statt ihr und den Amtskirchen ein notwendiger Korrekturfaktor zu sein. Nahezu alle hier wissen, dass Kirchen Kinder mit der Hölle indoktrinieren, denn sie ist, wenn man nachfragt,  ihr festgeschriebenes Dogma. Ja wer nicht an die Hölle glaube, so Papst Benedikt, der „versündige“ sich gegen den Heiligen Geist. Die Mehrheit der  hiesigen Bürger ist der irrigen Meinung, dass niemand an diesen Unort  glaubt, und unsere Kinder schon gar nicht. Nie habe man als Kind Angst vor der Hölle gehabt, ja nie sei davon in einer Kirche die Rede gewesen. Das ist ein fataler Irrtum. Die Amtskirchen nehmen sich schon 2-jährige, die sie mit der Hölle ängstigen – wobei ein einziges Mal oder schon ein einziges Kirchenlied ausreichen. Ja es reicht schon aus, wenn Kinder in den Medien lesen, in Syrien sei es „wie in der Hölle“. Ein derartiger Satz kann einem Kind, auch dem eines Atheisten,  die Existenz dieses fiktiven Ortes schon „beweisen“. Die Hölle und damit die Angst vor ihr werden nur sogleich vom Kind in das Unbewusste verdrängt. Ohne eine derartige Verdrängung könnte es nicht in einer gewissen Ruhe weiter existieren. Doch im Unbewussten  richtet Höllenangst Unglaubliches an.

Sie führt beim Patienten mit einer depressiven Persönlichkeit zu einer Ich-schwäche: Er stellt seine eigenen Wünsche gemäß den Weisungen der Bergpredigt völlig zurück. Gute Menschen kommen in den Himmel – schlechte  in die Hölle, so der Grundsatz. Wer „zu wenig Liebe gegeben“ habe, der komme in die „das ewige Feuer Jesu“, so Bischof Nikolaus Schneider. Ein Reicher kommt nicht durch das biblische Nadelöhr, so das Dogma. Ein Depressiver mag zum Asketen werden, wobei die modernen Asketen sich oft jedes Glück, ja jede Zufriedenheit nicht gönnen. Eine Depression, so hart sie auch sein mag, stellt oft eine Eigenstrafe für begangene „Sünden“ dar. Sie ist ein dem Erkrankten unbewusstes Opfer an einen Gewaltgott, analog (auf somatischem Gebiet) dem Opfer des Ödipus, der sein eigenes Augenlicht zur Beschwichtigung seines Gottes Zeus hergab. Der griechische Held hatte ja seine Mutter geschwängert und erwartete Bestrafung. Zudem demonstriert der sog. Sündenfall, bei dem es um einen Apfel (!) ging,  einem Depressiven anschaulich die absolute Kleinlichkeit eines Bibelgottes, wenn es um irgendwelche „Sünden“ geht. Die sog. „Sünde“ ist übrigens eine klerikale Erfindung und stellt eine Erhöhung einer Schuld ggf.  ins unermesslich-transzendentale dar.

Der später Schizophrene ist zur Krankheitsbeginn ganz anders gestrickt. Er behauptet sich vor dem grausamen Rachegott der Kirchen. Er kämpft seine angestammte Religion nieder. Ja er mag, so etliche Beispiele, auch den Heiligen Geist verfluchen. Doch er scheitert. Der fiktive Gegner ist ihm letztlich übermächtig. Und ihm kommt weder von seinen Eltern, noch von seinen Therapeuten oder Geistlichen eine effektive Hilfe zu, die es ihm gestatten würde, die Androhung ewiger jenseitiger Strafen als ein „Geschäft“ zu erkennen, als Politik der Kirchen. Dass es ein reines Geschäft ist, sagt uns der ehemalige Leiter der Evangelischen Kirchen Deutschlands, der schon oben zitierte Bischof Nikolaus Schneider in einem Interview im “Spiegel“ 43/2014. Es ist geschäftsmäßiger Terror. Wahn und Halluzinationen mit oft masochistischen Inhalten sind beim Erkrankten die Folge seines Kampfes. Beide Symptome sind Versuche zur Selbstheilung, so bedrückend sie auch sein mögen. Dass dem so ist, ist der Psychiatrie nicht bewusst. Sie unterdrückt diese Symptome  konsequent und über Jahre als sog. „produktive Symptomatik“ mit persönlichkeitsumformenden Neuroleptika. Dabei sollte sie die Ursachen angehen.

Der später Zwangskranke meidet zwanghaft “Unregelmäßigkeiten“, die einen Weg zur Sünde darstellen könnten. So wäscht er sich beispielsweise in einem Waschzwang Sünde ab, vermeintliche und verdrängte Sünde. Die ist oft mit einer frühkindlich stattgefunden sexuellen Aktivität  verbunden. Die war natürlich kindlich-harmlos, ist jedoch bekanntermaßen religiös-dogmatisch immer schmutzig-sündig. Sexualität hat nur ihren herausragenden Stellenwert in der Psychiatrie aufgrund ihrer Einordnung als „Sünde“. Nahezu immer ist der Zwangskranke ein Perfektionist. In Korrektheit, Ritual und Ordnung findet er Schutz. Seine ihm unbewusste Gottangst zwingt ihn zu ständiger Perfektion. Das führt über eine Überforderung oft in eine Psychosomatik mit Migräne, Hochdruck, Herzinfarkt oder Stoffabhängigkeit. Seine Umwelt kann unter seiner Pedanterie massiv leiden.

Der Hysteriker fällt wie Sigmund Freud aus der Realität und klassisch in eingebildete Krankheiten oder in Ohnmachten. Die Ohnmacht führt ihn weg vom Gedanken an eine begangene „Sünde“. So erging es Sigmund Freud in Situationen, die ihn an seinen Jahwe – Mord erinnerten. Als er aus der Bewusstlosigkeit erwachte, äußerte er, dass man an dieser seiner Neurose arbeiten müsse. Freud hatte in seiner Behauptung, Jahwe sei Wahn, die größte denkbare Sünde eines Juden begangen. Er driftete in die Nikotin- und später Morphinabhängigkeit ab. Heilung konnte sich bei ihm nicht einstellen, war der Analytiker ja in dem Irrglauben befangen, areligiös zu sein. Das Gegenteil war der Fall, so nachzulesen in meinem Buch „Die Neurose Sigmund Freuds als Kollektivneurose“, BoD.  Sein „Analytiker“ Carl Gustav Jung schreibt, Freud habe das Religiöse noch tiefer verdrängt als das Sexuelle.

Am härtesten trifft es die Depressiven. Sie weisen oft nicht die Möglichkeiten einer Defektheilung auf. Häufig enden sie im Suizid. Den verhindert nur oft der Gedanke, danach noch elender in Gottes angeblicher Hölle gefoltert zu werden. Verlustangst sei deren größte Angst, so die etablierte Psychiatrie.  Nein, die  größte Sorge „endogen“ Depressiver ist die Angst vor dem Begehen einer „Sünde“, denn  sie führt in eine überschäumende Strafangst. Die Schuldgefühle eines solchen Depressiven sind Sündengefühle. Regelmäßig erwarten die Erkrankten göttliche Strafen, ohne dass  ihnen dies bewusst wäre. Schon ein „Nein“-sagen fassen sie unbewusst als die Sünde eines unterlassenen Liebesdienstes auf. Man willigt in alle Forderungen ein. Für dieses Gefühl habe ich den Terminus Sündengefühl in die psychiatrische Nomenklatur eingeführt. Oft äußert ein Erkrankter, er glaube nun wirklich nicht an die Hölle zu. Ihm ist schnell und eindrucksvoll mit dem Kierkegaard-Test „geholfen“, siehe Internet. Der Manisch-Depressive ist ein Depressiver, dessen Unbewusstes mit Hilfe einer Manie einer drohenden Depression zu entkommen versucht. Meist vergeblich. Es sind die Optimisten  unter den Patienten mit einer sog. depressiven Persönlichkeitsstörung.

In welche der gezeigten Erkrankungen man gerät, ergibt sich aus der angelegten oder frühkindlich erworbenen Persönlichkeitsstruktur. Die Eltern spielen häufig als modulierende Faktoren eine Rolle. Sie fungieren als somatische Trigger über ihre Gene oder als psychische Trigger mit ihrer jeweiligen Erziehungspraktik. Schon die Eltern sind meist angstkrank und übertragen ihre Weltsicht und Ängste. Freud rätselte in seinen Werken: Wie kann ein Über-Ich so überaus grausam-streng sein, wenn die Eltern nichts streng sind? Nun, das Sacco-Syndrom war ihm „unbekannt“.  Dabei war es seine Krankheit. Und das Sacco-Syndrom war letztlich über eine Nikotinsucht auch seine eigentliche Todesursache. Hier verweise ich auf die heutigen Aufdrucke deutscher Tabakwaren. Freuds Mörder war, wenn man so will, die katholische Kirche. Die ließ verlauten, die Psychoanalyse sei „vom Teufel“. Sie machte Freud zu einem Teufel.

Die Therapie des Sacco-Syndroms liegt neben einer EAT, einer-Ekklesio-adversativen Therapie, überwiegend in einer Prophylaxe. Das amtskirchliche „Geschäft mit der Angst“ vor jenseitigen Strafen ist in der BRD illegaler Terror. Jeder Wunderglaube, auch der der Auferstehung eines Gekreuzigten oder jeder sonstigen Person, zählt in der bundesdeutschen Justiz natürlich nicht. Jesus, der angebliche Verwalter einer Hölle, ist definitiv tot, so die Staatsanwaltschaft Freiburg im Breisgau.  Er ist juristisch nicht „existent“. Die Amtskirchen drohen somit in eigener Täterschaft mit dem „ewigen Feuer Jesu“. Mit ewiger Feueranwendung droht auch o. g. Bischof Schneider in seinem Buch „Von Erdenherzen und Himmelschätzen“, Seite 54. Er erhielt nach Abmahnung eine Strafanzeige wegen Kindesmisshandlung und Bedrohung. Doch Kirchen dürfen heute noch alles. Es bedarf einiger  aufklärender Arbeit, das zu ändern. Denn auch in der Bevölkerung bildet verdrängte Gottangst das eigentliche Zentrum des kollektiven Unbewussten. Sie führt zu einer kranken und von außen betrachtet skurrilen Toleranz der Straftaten unserer Geistlichen. Das Ergebnis ist erschütternd und liegt in übervollen psychiatrischen Einrichtungen.

dav(Bilder: Sacco)

Frank Sacco ist Autor von Das Sacco Syndrom und Autor u.a. des Buches "Wenn Glaube krank macht", BoD, 404 Seiten, 12,99 €

Weitere Artikel von Frank Sacco




American Dream reloaded


dollar-sign-2028565_1280Ein aktueller Artikel beklagt, wie die Großen Ackerland an sich reißen, Griff nach den Ressourcen – Landgrabbing (junge Welt 9.8.): Konzerne der EU-Staaten sichern sich Zugang zu Ackerflächen weltweit. Spielraum für Kleinbauern verringert sich.

Es geht aber längst nicht mehr bloß um Ackerland. Die Großen reißen alles an sich (Bild: "Gier ist gut", GDJ, pixabay). Das ist das Thema eines anderen aktuellen Artikels, der das Gedankenexperiment zur Erklärung der Niedriglöhne direkt fortsetzt.

Dieser Artikel heißt The new American Dream: rent your home from a hedge fund (SOVEREIGNMAN 15.8.). Wenn man der Aussage folgt, hat der alte American Dream ausgedient, nach dem jeder sein Glück selber schmieden kann und es zu Familie, Eigenheim und Wohlstand bringen kann. Schon der wiki-Link warnt, dass der erreichbare soziale Status eines Menschen in den USA sehr viel stärker von seiner Herkunftsfamilie und deren Klassenzugehörigkeit abhängt, als dies zum Beispiel im heutigen Westeuropa der Fall ist. Als Ursache dieser mangelhaften Chancengleichheit wird die stark gestiegene ökonomische Ungleichheit angeführt.

Was das für Ausprägungen annimmt, macht der Text von Simon Black klar. Vordergründig geht es um den amerikanischen Immobilienmarkt, aber letztlich heißt die Aussage: The big banks and hedge funds pretty much monopolize everything elsedie großen Banken und Hedgefonds monopolisieren so gut wie alles.

Sie besitzen den Aktienmarkt, sie besitzen den Wertpapiermarkt, sie besitzen die ganzen Geschäftsimmobilien. Sie besitzen sogar das Ackerland (und das bald weltweit, s.o.). Und die Abfolge von Fressen und Gefressenwerden geht so:

  • Die Kleinen kaufen ein paar Immobilien zusammen,
  • die mittelgroßen Fonds kaufen die Kleinen auf,
  • und die Großen wie Blackstone schlucken die Mittleren.

Dabei waren die Einfamilienhäuser eine der letzten Bastionen für freie Investitionen des kleinen Manns. Aber das ändert sich jetzt. Der amerikanische Traum ist durch die fehlenden Aufstiegschancen schon schwer beschädigt, und nun löst er sich endgültig auf. Das Geschehen zeigt die kapitalistische Logik in aller Schärfe:

Die Großen können nicht jedes Haus einzeln kaufen, für diese arbeitsintensive Prozedur fehlt ihnen das Personal. Deshalb haben die Kleinen ihre vorübergehende Nische, in der sie vielleicht 10 oder mehr Häuser zusammenkaufen können. Sie zahlen viel mehr Zinsen für das Geld, das sie dafür aufnehmen müssen, als die Mittleren. So können die Mittleren ihnen die Immobilien abkaufen, und für beide bleibt ein Profit. Nach derselben Logik werden dann die Mittleren von den mega players wie Blackstone aufgekauft. Am Ende drücken die Großen mit ihrer Marktmacht alle kleineren Investoren aus dem Markt. Die großen Hausbesitzer sind dann die Vermieter fürs Volk.

Diese Sicht wird durch die Statistik des US Census Bureaus gestützt. In den letzten 10 Jahren wuchs die Zahl der gemieteten Häuser, während die Zahl der Eigenheime fiel. Es trat also genau das Gegenteil von dem ein, was die amerikanische Politik mit großem Aufwand und noch größerem Ungeschick betrieb: Die Politik des Eigenheims für alle, sogar für Leute ohne Besitz und ohne Einkommen (beschrieben in Gedankenexperiment zur Erklärung der Niedriglöhne).

Jetzt haben die US-Amerikaner vor allem Schulden: 1 Billion Schulden im wesentlichen vom Kreditkarten-Überziehen (im Schnitt 3000 $ pro Nase) und sagenhafte 1,3 Billionen Schulden durch Ausbildungskredite (bei 20 Millionen US-Studenten im Schnitt 65.000 $) – ein paar Artikel, um diese neue Zinsknechtschaft der US-Studenten zu illustrieren:

Damit ist erklärt, warum vor allem die jungen US-Amerikaner zu schwer verschuldet sind, um auch nur die Anzahlung für ein Haus zu leisten (dazu gibt's den passenden Artikel Housing Bubble 2.0: Number Of Homebuyers Putting Less Than 10% Down Soars To 7-Year High, Zero Hedge 15.8., es gab also seit 7 Jahren nicht so viele Hauskäufer, die keine 10% Anzahlung leisten konnten).

Dabei ist in dem American-Dream-Artikel noch nicht mal die Rede von den 20 Billionen US-Staatsschulden (60.000 $ pro Nase). Immerhin besagt er, man solle sich nicht von dem Bohei ("hoopla") um die niedrigen Arbeitslosenzahlen täuschen lassen. Die neuen Jobs sind meistens für Kellner und Barkeeper, so dass die Löhne keinen Trend nach oben bekommen. Der Durchschnittsamerikaner verdient kein zusätzliches Geld, er kann nichts sparen. Derweil gehen die Immobilienpreise wieder hoch (nach 8,7 Millionen Zwangsvollstreckungen noch vor ein paar Jahren) wo doch die großen Fonds nun die Häuser verschlingen ("gobble").

Das schafft eine neue Realität in Amerika – vor allem für junge Leute, die das Glück haben, nicht mehr im Hotel Mama zu wohnen. Sie werden nun zunehmend gezwungen, ihr Haus bei Blackstone zu mieten. Noch sind nur 17 Millionen Häuser in der Hand der Vermieter, der Markt ist also noch ausbaufähig. Das veranlasst den Autor Black zu dem Tip, man möge doch selber einsteigen und Häuser aufkaufen. Und dann mit Profit an die mittelgroßen Fonds verkaufen …

Also wer bis zum nächsten bubble-burst mitgobblen mag, der kaufe US-Immos. Wenn's wieder crasht, ist er in guter Gesellschaft mit all denen, die beim vorigen Mal reingefallen sind.

 

Links dazu, 1* Medien und Rest wissenbloggt:




Gedankenexperiment zur Erklärung der Niedriglöhne


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Dr. Steven Englander, vormals Citygroup-Strategiechef, ist der Forschungschef von Rafiki Capital Management. Von ihm stammt ein bemerkenswertes Gedankenexperiment, das klar macht, warum viele Löhne immer niedriger werden (Bild: stevepb, pixabay).

Beschrieben ist das Gedankenexperiment in dem Artikel A Thought Experiment On Why Wages Are So Weak (Zero Hedge 12.8.). Man kann sich der Logik schwer entziehen, die da vorgelegt wird. Aber nun Schritt für Schritt in freier Nacherzählung:

  1. Man stelle sich eine Ökonomie vor, die aus einer Busfahrerin, einem Taxifahrer, einer Köchin, einem Übersetzer, einer Babysitterin, einer Doktorin und einem Finanzexperten besteht. Gegeben sei die Qualifikation der Leute, die Busfahrerin beherrscht das sichere Lenken, der Taxifahrer kennt das Straßennetz, die Köchin versteht sich auf gute Rezepte, der Übersetzer ist in seinen Sprachen firm, die Babysitterin hat ihre Verlässlichkeit bewiesen, die Doktorin hat das medizinische Wissen intus, der Finanzexperte weiß, wie man ‘current account’ sagt.
  2. In der Ökonomie A würde es erhebliche Probleme geben, wenn die Leute zufallsmäßig ausgetauscht werden. Zum Beispiel wenn der Finanzexperte kochen soll, wenn die Köchin den Arztjob übernehmen soll, wenn die Doktorin Taxi fährt usw. Für jeden Job braucht es in Ökonomie A spezielles Wissen, Können und Charaktereigenschaften. Der Austausch bringt Chaos und Produktionsausfall, weil die ausgetauschten Leute nicht mehr die passenden Qualifikationen haben.
  3. In Ökonomie A kriegen die Leute deshalb angemessenen Lohn, der Prämisse folgend, dass der Lohn sich an der Angst der Bosse orientiert, ihre Beschäftigten zu verlieren. Sie müssen ja dann ausgebildete Nachfolger suchen, sie schulen und einarbeiten und warten, bis sie die Nützlichkeitsschwelle erreichen. Das ist teuer, deshalb zahlen sie lieber mehr – außer für Leute im Hamsterrad; um die Unqualifizierten scheren sie sich nicht.

Wie sieht es aber in einer Ökonomie B aus, wo die moderne Technik ihre Möglichkeiten entfaltet? Dann ist die Logik ganz anders.

  1. Es sind wieder dieselben Leute da, und sie werden zufallsmäßig ausgetauscht.
  2. In der Ökonomie B gibt es dann weniger Probleme, denn der Bus ist jetzt programmgesteuert und vermeidet von sich aus Konfliktsituationen, die Taxis haben alle ein Navi (außer anscheinend in New York, wie der Autor mokant anmerkt), zum Kochen gibt's intelligente Herde und fertig gemixte Zutaten, das Übersetzen geht automatisch am Computer, die Babysitter wissen, dass Haus und Barschrank videoüberwacht sind, für die Doktoren gibt's allwissende Diagnoseprogramme, und die Finanzexperten haben virtuelle Assistenten, die ‘current account’ sagen können. Der zufällige Austausch macht nicht mehr viele Probleme.
  3. In Ökonomie B kriegen die Leute deshalb weniger Lohn, so die Folgerung. Es ist ja nicht mehr so wichtig, sie an ihrem Arbeitsplatz zu halten, wo sie doch leicht ersetzbar sind, ohne große Einbußen an Produktivität.

Daraus leitet der Autor Englander ab, dass das Vordringen der Billiglöhne eine Folge vom Übergang der Ökonomie A in Ökonomie B ist – die Prämie, die man für spezielles Wissen und Können erhält, fällt bald flach. Zusammen mit der sharing economy und den economies of scale bedeitet das für viele gut und halbwegs gut ausgebildete Mitglieder der Arbeiterklasse einen finanziellen Abstieg.

Englander macht sich daran, Beweise zu sammeln, um seine These zu stützen. Dazu legt er Kurven vor, die das Geschehen für die Automobilindustrie belegen. Wo die Roboter zuerst massiv eingesetzt wurden, stagniert der einst hohe Lohnfortschritt besonders deutlich. Wo viel gezahlt wurde, wachsen die Löhne kaum noch, wo wenig gezahlt wurde, ist das Wachstum derzeit noch besser (jedenfalls nach Englanders Kurven).

Im Weiteren wird über die Einflüsse von Zentralbankpolitik und Inflation raisoniert. Am liebsten hat die Ökonomie einen Boom, aber die flächendeckende Ersetzung der gutausgebildeten Arbeitskräfte durch weniger gute ist auch ein schönes Geschäft. Der Autor postuliert zusätzlichen Bedarf und Lohnanstieg für niedrigqualifizierte Arbeitskräfte, was angesichts der prekären Entwicklung zweifelhaft erscheint. Realistischer ist seine Vermutung, ein Anstieg des Lebensstandards sei eher über niedrigere Verbraucherpreise als über höhere Löhne zu erwarten – das sei nicht gerade der American dream. Er hält es für möglich, dass es zwar weniger Jobs für Ärzte und Anwälte gibt, aber mehr für andere Hochqualifizierte wie etwa dancers with the stars.

Kommentar wb

Wenn er sich da mal nicht täuscht. Tanzchoreographien werden bald im Computer produziert, und die Zeit ist auch nicht mehr fern, wo Schauspieler computermäßig animiert werden. Die virtuelle Welt entledigt sich der Menschen immer mehr. Das Argument ist aber nicht totzukriegen, nach dem der Technikfortschritt zwar viele Entlassungen mit sich bringt, aber auf anderen Gebieten viele neue Jobs schaffe.

Nur heißt die Realität hohe Arbeitslosigkeit in der ganzen Welt, ausgenommen ein paar privilegierte Staaten. Selbst in Deutschland sind 3* so viele Menschen arbeitslos, wie die Statstik behauptet (siehe Arbeitslosenzahlen gefaked). Die Wanderbewegung der Jobs kehrt sich allmählich um: Erst in Billiglohnländer, dann in Super-Billiglohnländer und nun zurück in die entwickelten Länder. Bloß sind die Jobs dabei futschgegangen, denn jetzt können ganz wenig Leute mit Roboterhilfe alles Benötigte produzieren. Das Billigmachen, das Steven Englander beschreibt, ist nur ein Schritt in der Abfolge. Der nächste Schritt ist dann die Vollautomatisierung:

Bus und Taxis fahren fahrerlos, das Kochen besorgen Automaten, das Übersetzen besorgt der Computer allein. Fürs Babysitten gibt's Roboter, für die Medizin Analyseautomaten, und die Finanzexperten sind durch virtuelle Assistenten ersetzt. Die Software, die ‘current account’ sagen kann, wird nur einmal geschrieben und auf Millionen Assistenten, Roboter und Rechner gespielt. Die Hardware wird in Großserien automatisch hergestellt.

Das heißt, keine neuartigen Arbeitsplätze mehr, denn die Roboter bauen und programmieren sich dann selber. Der Zeitpunkt, wo das eintritt, hat schon einen Namen: Singularität. Man streitet noch darum, ob und wann es soweit ist, aber angesichts der Entwicklung wird es immer schwerer, nicht daran zu glauben.

 

Links dazu:




® Größte Fake-Agentur enttarnt


animal-1821737_1280"Wir waren erschrocken, dass es trotz offensichtlicher Fehler bei so vielen Medien geklappt hat", so die markante Aussage zum Thema (Bild: Gellinger, pixabay). Es ging um eine Werbeagentur, die eine Falschmeldung produzierte, um Publicity zu generieren. Demnach wurde ein Pistenbully nach Seefeld in Schleswig-Holstein anstatt nach Seefeld in Tirol geliefert. Ein Bericht von vielen dazu heißt Pistenbully auf Abwegen war PR-Aktion (NDR.de 28.11.16).

Anscheinend gehört es nicht nur zum Geschäft von Werbeagenturen, Fakes zu generieren. Bei derselben Quelle liest man über Fake News: "Spiegel"-Klon wirbt bei Facebook (NDR.de 21.11.16): Sie kopieren das Aussehen seriöser Medien wie "Spiegel Online", stehlen Fotos normaler Nutzer und locken mit irreführenden Anzeigen: Ein Ausflug in die bizarre Welt dubioser Internetseiten, die auch über bekannte Medienmarken verbreitet werden. Offenbar reicht die Kontrolle über die bei Google und Facebook geschalteten Anzeigen nicht aus.

Vom elektronifizierten Bullshit berichtet schon der wissenbloggt-Artikel Qualitätslügen für die Qualitätsmedien. Die "Softwareagenten", "Social Bots" und sonstigen "programmierten Gerätschaften" haben 2015 geschätzte 70% zum Datenverkehr beigetragen, 2012 waren es noch 51%.

An den Börsen wird auch schon mehr als die Hälfte des Handels vom automatisierten flash trading durchgezogen, und von dem ist wiederum ein großer Anteil fake orders und spoofing, d.h. die Orders dienen nur zum Testen und Täuschen und werden zurückgezogen, ehe sie wirksam werden.

Verdummung & Unterdrückung

Das ist klarer Betrug. Solange es nur um Publicity geht, mag das Reiten auf der Fake-Welle noch harmlos sein. Aber das Ziel ist Manipulation bis hin zu kriminellen Zwecken. Wahlen sollen beeinflusst werden, Geld soll abgezockt werden, Leute sollen verdummt und unterdrückt werden.

Letzteres liest sich wie die Aufgabenbeschreibung einer weltweiten Verdummungs- und Unterdrückungsmacht namens Religion.

Ja, bei diesem Stand der Bullshit-Schelte kommt unweigerlich das ganz große Gottesthema ins Visier. Worauf basiert denn die Religion, wenn nicht auf fakes? Gott ist ein fake, Allah ist ein fake, das ganze Götter-Bestiarium ist ein fake.

Die Kirchen, Sekten, Gemeinden, die Glaubens-Agenturen und sonstigen Gottes-Verweser sind fake-Produzenten. Die katholische Kirche als No. 1 auf der Liste ist auch die größte Fake-Agentur.

Beweise

An diesem Punkt tritt immer die Forderung nach Beweisen auf: Die Gottesleugner mögen beweisen, dass es den Gott nicht gibt, ansonsten gehe man weiter von seiner Existenz aus.

Nach rationalen Maßstäben sind aber die Gottesbehaupter im Obligo, ihren Standpunkt zu beweisen, und nicht die Gottesleugner. Nur können's die Behaupter nicht. Sie liefern bloß spekulative und wissenschaftswidrige Existenzbehauptungen von Gott, Himmel, unsterblicher Seele, ewigem Leben ab, ohne irgendwelche ernstzunehmende Grundlage. Nichts davon hält einer objektiven Überprüfung stand. Dafür strotzt es von Widersprüchen; die gütigen Götter haben höchst unangenehme Verhaltensweisen wie übelnehmen, diskriminieren, foltern, töten und zum Mord anstiften.

Wenn man dran glaubt, versteht sich.

Wenn nicht, kann man klarerweise keinen direkten Nichtexistenz-Beweis führen, denn dafür müsste man das ganze Universum absuchen. Man kann ja nicht mal beweisen, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Trotzdem weiß jeder vernünftige Mensch, dass der Weihnachtsmann ein Phantasieprodukt ist. Das gilt für Mickey Mouse und Gott genauso.

Fakt & Fake

Gott, Himmel, unsterbliche Seele, ewiges Leben – das alles existiert nur in der Phantasie der Gläubigen. In der Realwelt gibt es sowas nicht. Die Tatsache, dass die Wissenschaft nicht alles erklären kann, hebt den Schluss auf ein höheres Wesen nicht übers Spekulative hinaus. Wem das als Gegenargument noch nicht reicht, der möge sich die Sophistik der Gottesbehaupter anschauen: Der Mensch kann es nicht verstehen, er soll blind glauben und auf das feste Glaubens-Fundament vertrauen – das passt alles 1:1 auf das Spaghettimonster. Es ist also ein unspezifischer Verdummungsversuch, reine Verarsche, nix wie fake.

Religion ist unseriös. Zwischen Fakt und Fake ist da kein Unterschied – und diese unselige Geisteshaltung verbreitet sich auf immer mehr Gebieten. Beklagt wird das von wb in Die Lügenkultur: Religion ist die Fortschreibung vorwissenschaftlicher Irrtümer mit der Kraft des Wahns. Aus objektiver Sicht vermarktet die Religion ein Nichts. Da wird mit Nullsubstanz ein Riesengeschäft gemacht. Den Himmelsversprechungen fehlt die reale Substanz.

Das Entsprechende in der Geschäftswelt sind Geldversprechungen ohne Substanz, und die modernen Finanzkonstrukte werden nun allerorten durch die substanzlosen fakes ergänzt – die Fortsetzung der Derivate auf anderen Gebieten. Am Ende zeitigt die Geburt der Götter ganz andere Folgen als gedacht. Unredlichkeit und Heuchlertum sind nicht mehr die Domäne der Glaubens-Agenturen und sonstigen Gottes-Verweser. Die göttlichen Features gerinnen zu globalisierten fakes.

In dem wb-Artikel Wie das wohl zuging wird die Gottserfindung humoristisch und realistisch nachvollzogen. Ob die Protagonisten auch erschrocken waren, dass es trotz offensichtlicher Ungereimtheiten bei so vielen Medien geklappt hat? Und was würden sie wohl sagen, wenn sie die Kultur der post-truth fakes als Derivate ihrer Gottesidee erkennen müssten?

 

(Dieser Artikel wurde zuerst am 29.11.16 veröffentlicht und am 8.8.17 überarbeitet)

Weitere Links:




Der Bankenkrise zum 10-jährigen Jubiläum - eine erschütternde Analyse


drowning-2049247_1280Seit 10 Jahren laborieren Finanzwirtschaft und Finanzpolitik an den Auswirkungen der Bankenkrise, ohne dass ein Ende absehbar wäre. In manchen Banktresoren schlummern noch unbekannte Risiken, und die Zentralbanken trauen sich kaum, von der Rettungs-Politik der Geldfluten abzukehren (Bild: HypnoArt, pixabay).

In diese Situation stößt ein Artikel, der ganz neue Aspekte der Bankenkrise hervorhebt, die bisher totgeschwiegen wurden, The secret history of the banking crisis (Prospect 14.7.). Demnach war es anders, als man bisher glaubte. Bis dato ergab die Aufklärung das folgende Szenario (frei nach Wiedergutmachung für den Bankencrash?):

Der Bankencrash 2008 wurde verursacht von Banken wie JP Morgan und auch der Deutschen Bank, die phantastische Geschäfte mit amerikanischen Eigenheimhypotheken machten. Die amerikanische Wohnungspolitik hatte dazu geführt, dass Millionen Leute Häuser bauten, die kein Einkommen und kein Kapital besaßen (no income, no assets, sogenannte "ninas"), die aber trotzdem Geld von den Banken kriegten, um zu bauen. Unterstützt wurde das von demokratischen und republikanischen US-Präsidenten mit der Direktive "no redlining" (niemand ausgrenzen). Die Finanzierung funktionierte über den Anstieg der Immobilienpreise; das Haus wurde zu 100% von der Bank finanziert, stieg im Wert und wurde mit Gewinn verkauft.

Solch windige Konstruktionen mit Käufern, die keinerlei Sicherheiten besaßen, funktionieren nur solange der Immobilienmarkt auf dem Weg nach oben ist. Die Amerikaner wussten, dass das nicht ewig laufen konnte, nicht umsonst hatten sie ein paar Jahre zuvor schon einen Immobiliencrash gehabt. Was tun? Die Antwort hieß AAA-subprimes.

Damit wurden die faulen Risiken anderen Anlegern untergejubelt. Es war die große Zeit der Derivate, d.h. mehr oder weniger unseriöse Konstruktionen von Geldpapieren. In diesem Fall waren es sogenannte Verbriefungen (CDOs, collaterated debt obligations, die dann den Ehrentitel "Massenvernichtungswaffen" bekamen). Viele Hypthekenkontrakte wurden gebündelt und "verbrieft" und in dieser Form weiterverkauft, wo nicht mehr zuordenbar war, was eigentlich drin steckte. Damit das auch wirklich kein Käufer rauskriegte, wurden die Verbriefungen nochmal verbrieft und nochmal. Man nannte diese Papiere subprime (=dreiviertelfaul) und gab ihnen trotzdem das Spitzenrating AAA.

Da haben die Betrüger von JP Morgan, der Deutschen Bank  und anderen Banken perfekt mit den Betrügern von den Ratingagenturen zusammengearbeitet. Sie hatten gewaltigen Erfolg, die gut verzinsten Papiere verkauften sich in die ganze Welt. In Erinnerung bleibt die Inkompetenz der deutschen Landesbanken und der KfW ("die kaufen alles"), die sich bis zur Halskrause mit den AAA-subprimes eindeckten. Als der US-Immo-Markt kippte und die Finanzierungen millionenfach floppten, waren die auf einmal nichts mehr wert. Die superteuren Folgen sind bekannt als Bankencrash.

Dies Szenario findet sich auch in dem Prospect-Artikel von Adam Tooze. Dort wird das Geschehen aus der britischen Perspektive aufbereitet: Der bank run auf die Bank Northern Rock, die Auswirkungen auf die USA, Südkorea, Russland, Deutschland, Frankreich, Belgien, die Niederlande, Spanien, Irland und Island. Das Ganze zur Überraschung der allermeisten Pundits, die nichts dergleichen vorhergesehen hatten.

Bei all den Rettungsanstrengungen wurde kaum Ursachenforschung betrieben, es waren einfach "systemrelevante" Banken und Versicherungen, die gerettet werden mussten, mit rückzahlbarem Staatsgeld – außer in Deutschland und Irland, wo der Staat den Banken das Geld schenkte (und dazu Kredite bei den Banken aufnahm und in der Folge Zinsen an die Banken zahlt statt umgekehrt, Anmerkung wb).

Die Schuldzuweisungen gingen erstmal blind an "die Globalisierung". Eigentlich wurde eine US-China-Krise erwartet. Weil die USA zuviel Staatsanleihen nach China verkauft hatten, hätten sie ihre Kreditwürdigkeit verlieren müssen. Aber was wirklich die Kreditwürdigkeit verlor, war der US-Immobilienmarkt mit seinen 8,7 Millionen Zwangsvollstreckungen, das "Fiasko des amerikanischen Traums". In Spanien und Holland ging's ähnlich bergab, wenn auch in kleinerem Maßstab.

Was hinter den Bankenproblemen steckte, war aber die Krise der kurz- und langfristigen Fälligkeiten (“maturity mismatch"), sagt der Autor Tooze. Letztlich ist demnach das Finanzierungssystem der Banken schuld. Die ganzen Finanzautoritäten haben sich stillschweigend enger denn je zusammengeschlossen, um dieses System zu retten. Die Frage ist, hält das geflickte System, und ist es überhaupt vernünftig, das System zu erhalten?

Wahnsinnssystem

Und so geht das System: Die Banken besorgen sich Kredite mit kurzen Laufzeiten zu günstigen Zinsen. Das verleihen sie mit langen Laufzeiten zu geringfügig höheren Zinsen – und davon leben sie. Weil es immer mal einen bank run geben kann, gewähren die Regierungen bis zu einem gewissen Maß Garantien. Dadurch haben die Kunden Sicherheit, allerdings nur bis zu einem gewissen Betrag.

Die großen Investoren werden nicht so gesichert. Das waren jene, die billige Großkredite aufnahmen (am neuen "wholesale money market") und zur Verzinsung in Banken wie Northern Rock steckten (ihr Anteil war 77% gegenüber 23% der Sparer). Die Großinvestoren waren mit Dutzenden von Milliarden dabei und kriegten die Panik. Indem diese Investoren beim Ausbruch der Krise ihre Gelder abzogen, trieben sie Northern Rock in die Pleite – schuld waren also nicht die Sparer, die dann vor der Tür Schlange standen..

Die Banken pumpen sich gegenseitig Geld, über Nacht, nur für kurze Zeit, um hier oder da bessere Zinsen zu erhaschen. Die Margen sind klein, also werden riesige Beträge herumgeschoben, um substantielle Gewinne zu generieren. Das war immer die Domäne der Investmentbanker, aber seit den 1990ern stiegen auch Geschäfts- und Hypothkenbanken in dies “market-based” banking ein, mit seiner Absicherung durch die besagten US-Hypotheken. Diese gewaltige Expansion des US- und europäischen Bankings begann 2007 zu crashen.

Crash vorprogrammiert

Dafür war es nicht mal nötig, dass die Hypotheken floppten. Es reichte schon aus, dass die Flop-Wahrscheinlichkeit bei einigen stieg. Das war Grund genug, um das gegenseitige Geldleihen der Banken und damit die Finanzierung des Geldmarkts zu einem abrupten Halt zu bringen. Die europäischen Geldmärkte machten am 9.8.07 dicht. Danach war es nur noch eine Frage von Tagen, bis den Banken das Geld ausging, das sie ja als kurzfristige Kredite aufgenommen hatten und alle paar Tage neu aufnehmen mussten.

Worin lag die Attraktivität von so einem riskanten System? Es befreite die Banken von der mühsamen Arbeit, Einlagen einzuwerben. Über die Geldmärkte konnten die Banken sich weltweit Geld abholen. Südkoreanische Banken liehen sich billige Dollars, um sie in südkoreanischen Won zu verleihen. Amerikanische Banken mit Standort London liehen sich Yen im schwachen Markt Japan und verliehen sie als Dollars im boomenden Brasilien.

Das größte Geschäft hieß “round tripping” der Dollars zwischen Amerika und Europa. Dazu wurden Fonds in den USA aufgemacht, und die eingesammelten Dollars in europäische Finanzinstitute exportiert. Die wiederum reinvestierten sie in den USA, oft in US-Hypotheken.

Der größte Geldfluss in die USA kam nicht aus China, sondern aus diesem Zyklus. Seit 1990 wurden die europäischen Banken dadurch zu einem transatlantischen Anhang des US-Finanzsystems. Damit das gutging, mussten die Immo- und sonstigen Vermögenspreise weiter steigen, die Geldmärkte mussten weiterhin Vertrauen haben, und am besten sollte auch noch der Dollarkurs sinken (weil man ja Dollars gepumpt hatte).

Circulus virtuosus

Was nicht passieren durfte war das Gegenteil dieser Trends. 2007 passierte aber genau das, alle 3 kehrten sich in die falsche Richtung. Man redete nur von den AAA-subprimes (Wortschöpfung wb), also vom direkten Betrug, aber das war nur ein Teil der Katastrophe. Noch schlimmer war der Zusammenbruch des circulus virtuosus'. Die ersten Immo-Fonds wurden geschlossen, und die Geldmärkte folgten sofort. Ein Mangel an Dollars im europäischen und asiatischen Finanzsystem war die Folge.

Die Firmen saßen dort auf riesigen Dollarkrediten, die sie kurzfristig zurückzahlen mussten. Im Fall Koreas warfen sie dann viele Won auf den Markt, um Dollars zu kaufen. Folge: der Won fiel, der Dollar stieg, die Kredite waren kaum zurückzuzahlen. In Europa waren es geschätzte 1-2 Billionen Dollars, die kurzfristig zurückzuzahlen waren. Mit dem Euro und dem britischen Pfund passierte dasselbe wie mit dem Won. Die Europäer hatten einen gewissen Vorteil durch das round-tripping-System, aber sie konnten ihre US-Investitionen auf die Schnelle nur mit Verlust verkaufen.

Der Artikel diskutiert die besten Strategien für die Zentralbanken, um das Geschehen zu kontrollieren, und erklärt die Geldfluten, die dann immer noch zu klein waren. Bei wissenbloggt wird auf die verschärfte Zentralbankpolitik und die Regulierung der Märkte nicht weiter eingegangen. Am Ende wirft der Autor Tooze eine Menge Fragen auf, ob die Zentralbankpolitik mit den Zukunftsproblemen fertig wird, zumal wenn der ökonomische Nationalismus um sich greift? Und wenn ein Trump im Weißen Haus residiert?

Die Spekulationen kann man in dem Artikel nachlesen. Was hier hervorgehoben werden sollte, ist der Wahnsinn des Finanzsystems, der am normalen Betrachter völlig vorbeigeht. Kurzfristiges Geldleihen rund um die Welt, um längerfristige Kredite zu vergeben. Riesige Beträge herumschieben, um winzige Margen auszunutzen (d.h. riesige Risiken zur Generierung von Gewinn). Das Ganze auf der wackeligen Basis von Voraussetzungen, die nicht lange erfüllt sein können. Man versteht jetzt die Zentralbank-Geldfluten, die dieses System stützen sollen. Aber man wünscht sich 1970 zurück (dazu ein Stück aus Reload 1970):

Da war die Wirtschaftswelt noch in Ordnung. Sie wurde von der Industrie beherrscht, und die Banken hatten eine dienende Funktion. Sie sammelten das Geld vom Sparer ein und vergaben es an die Produktionsbetriebe. Die Börsen sammelten das Kapital der Anleger ein und versorgten damit Wirtschaft und Industrie. Das Ganze unter strenger Aufsicht, weil man noch die Weltwirtschaftskrise  von den 1930ern in Erinnerung hatte.

Welche Partei tritt für die Restaurierung dieser Zustände ein?

 

Links von wissenbloggt:




Der Eier-Skandal ist ein Gurken-Skandal


expressions-francaises-1300615_1280Genauer gesagt, ist der Gurken-Skandal ein Saure-Gurken-Zeit-Skandal. Darum geht es nämlich: Die Ferienzeit ist chronisch arm an Aufregern, und da muss eben der nächste beste Hype als Skandal herhalten (Bild: OpenClipArt-Vectors, pixabay).

Warum lange herumeiern? werden die Meinungsbildungsbeflissenen sich gefragt haben, greifen wir doch zu den Eiern. Die sind sowieso alle paar Monate dran, und wenn wir jetzt Filzläuse drin finden … Wie, keine Filzläuse, sondern nur ein Läusegift? Und nur ein winziges Bisschen davon? Das ist doch wurst. Moment, können wir nicht die Wurst hernehmen? Nein, kein aktueller Gammelfleisch-Skandal in Sicht; Salmonellen-Salami war grad im Juli dran. Na, dann eben die Eier.

egg-2151896_1280So oder so ähnlich dürfte das abgelaufen sein. Die Eier waren mal wieder dran, nachdem sie die vorigen Male nicht so recht zum Zuge kamen. Im März waren's die Salmonellen auf Eiern, letzten Oktober gab's deswegen schon einen großen Rückruf von Eiern, im letzten August auch, und im Jahr zuvor gab's den werweißwievielten Skandal um Eier aus Niederbayern. Wann? Im August natürlich. Zwischendurch, im vorigen April gab's eine Rückrufaktion wegen Salmonellen auf Eierschalen, und vor 4 Jahren ging der Skandal um die falsche Etikettierung von Bio-Eiern (Bild: ElisaRiva, pixabay).

So geht das immer weiter, wie die Deutsche Skandal-Chronik von den Tierschützern PeTA auflistet. Man konzentriert sich dort auf die tierischen Probleme: In den heutigen Formen der Tierhaltung sind alle Prozessabläufe auf Kostensenkung und Gewinnmaximierung ausgerichtet. Die Bedürfnisse der Tiere und die Gesundheit der Verbraucher finden kaum Beachtung.

Für die pflanzliche Nahrung gilt natürlich dasselbe, auch wenn nicht jeder den Pflanzen Bedürfnisse zugesteht. "Pflanzenschutzmittel" gibt's ja reichlich, Herbizide, Insektizide, Fungizide, Piepmatzide – Momentchen, die Piepmätze werden als Kollateralschaden eliminiert, siehe Alle Vögel sind schon weg.

Zeit für den Hinweis auf die erstaunliche Parallele: Wer ausdrücken möchte, dass jemand ohne rechtes Ziel vor sich hin trödelt, der spricht nicht von Herumwursten und nicht von Herumtomaten, nein, es ist die Rede von Herumeiern und von Herumgurken. Eier und Gurken hängen irgendwie zusammen. Es ist das Verdienst dieses Artikels, darauf hinzuweisen.

Und noch ein Hinweis: Es ist Zeit für beyond eggs, den pflanzlichen Eier-Ersatz, siehe Schluss mit Hühnereiern!

 

Links dazu:

 




Wie geheim ist das Geheimnis Gottes?


slow-lane-474288_1280HansKlerikale können nicht nach ihrem Gott fragen, ohne die Verschleierungsmaschine anzuwerfen und scholastische Fragen aufzuwerfen. Bei atheisten-info.at werden die richtigen Antworten gegeben, wobei der Atheisten-info.at-Macher Erwin Peterseil als "meinereiner" fungiert. Das Gottesbild von Hans, pixabay, ist in Wirklichkeit kein Gottesbeweis, sondern eine Schneckenspur.
 

Wie geheim ist das Geheimnis Gottes?

Am 12.8.2017 stellte Stefan Fleischer auf kath.net diese Frage und wusste auch gleich die Antworten. Antworten weiß auch meinereiner!

Kath.net: "Gott ist ein Geheimnis!" Wer von uns regelmäßigen Kirchgängern hätte diesen Satz nicht schon oft gehört. Und wer würde ihm nicht zustimmen. Schon Gott an sich ist ein Geheimnis. In einem rein materiellen Denken ist Gott absolut nicht evident, und selbst mit den Mitteln der Philosophie bleibt alles Denken und Reden über ihn reine Spekulation, es sei denn, Gott selbst habe sich dem Menschen in irgendeiner Form geoffenbart, wie die Theologie dies behauptet.
Atheistische Gegenrede: Das hat der Stefan recht gut beschrieben! Im rein materiellen Denken ist Gott absolut nicht evident, das kommt jedoch davon, dass er eben in der Realität nicht evident, also offensichtlich vorhanden ist. Philosophisch sind Götter reine Spekulationen, brav erkannt! Dann fangen die theologischen Fehler an, weil eine göttliche Offenbarung müsste für "den Menschen" wahrnehmbar sein und nicht nur in irgendwelchen alten Texten stehen oder aus den Mündern von Verkündern dröhnen.

Kath.net: Aber auch wenn der Mensch glaubt, dass es einen Gott gibt oder geben könnte, so bleibt ihm dieser ein Geheimnis, das er von sich aus nicht zu lüften vermag. Was Gott ist, wie er ist, in welcher Beziehung er zu uns steht und wir zu ihm, auch das alles ist reine Spekulation, außer Gott selbst offenbare sich uns in irgendeiner Form.
Atheistische Gegenrede: Ja, warum offenbart sich Gott dann nicht? Das Christentum beruht auf einer 2000 Jahre alten unüberprüfbaren Sage. Erhalten sind auch die Sagen des klassischen Altertums, in denen haben sich z.B. der Gott Zeus und seine göttliche Umgebung den Menschen geoffenbart, aber gesehen hat auch Zeus & Co nie jemand und an den Zeus und seine Firma glaubt heute auch niemand mehr, beim Wotan oder beim Teutates ist es dasselbe. An diese alten Götter wurde länger geglaubt als bis heute an die Christengötter geglaubt wurde, bzw. werden musste. Warum offenbart sich Gott dann nicht? Er dürfte bestimmt im Fernsehen auftreten und könnte der Welt alles erklären!

Kath.net: Tatsache ist, dass die Menschen aller Zeiten und Kulturen sich mit der Gottesfrage beschäftigt haben, dass die meisten von uns sich bewusst sind, in einer Beziehung zu ihm zu stehen, und wenn es auch nur die Angst ist, es könnte ihn wirklich geben. Das ist zwar kein zwingender Beweis, aber doch ein starker Hinweis darauf, dass es Gott gibt einerseits, und dass er selbst mit dem Menschen in Kontakt tritt und sich ihm offenbart.
Atheistische Gegenrede: Ja, die Götter waren eben genau das, was im Titel stellt, sie waren das Geheimnis, das hinter allem Geheimnisvollen stand, solange man z.B. nichts über die elektrische Spannung wusste, mussten zwangsläufig Götter blitzen und donnern. Jetzt tun sie das nimmer und man geht bei Krankheit zum Arzt und nimmer mit einer Opferkerze in die Kirche, statt Klostersuppe und Armenhaus gibt's das Sozialwesen, darum ist heute bei den meisten von uns keine Beziehung zu Götten mehr vorhanden. Oder man hat statt der Götterbeziehungen solche zu esoterischen Scharlatanen. Das Letztere ist ein Hinweis darauf, dass es entsprechende Dummheit und Scharlatane gibt, die Angst, es könne Götter wirklich geben, ist ein Hinweis auf die Funktionsweise der Pascalschen Wette, aber reale Hinweise auf Götterexistenzen gibt's trotzdem immer noch keine.

Kath.net: Dass diese Offenbarung begrenzt ist, hat zwei Gründe. Zum einen ist der Mensch mit all seinen Fähigkeiten gar nicht in der Lage Gott so zu erkennen, wie er wirklich ist. Könnte er dies, so wäre er selber auch Gott oder Gott wäre auch nur ein Mensch. Zum anderen lehrt uns die Theologie, dass Gott dem Menschen die Freiheit geschenkt hat, ihm zu glauben, in eine Beziehung zu ihm zu treten, oder auch nicht, und diese Freiheit nie zurücknimmt.
Atheistische Gegenrede: Da sieht der Stefan das Problem wieder richtig! Ein Gott muss so überdrüber sein, dass er nicht erfassbar ist, weil wenn er erfassbar wäre, müsste er erkannt werden können und da es keine Götter gibt, geht das nicht. "Uns" lehrt die Theologie gar nichts, sie lehrt nur die, welche noch Götterbedürfnisse haben und die werden heutzutage von Jahr zu Jahr weniger. Ja, in heutigen Zeiten gibt's die Religionsfreiheit, in unseren Breiten wird ein Gott den Menschen nicht mehr mit Staatsgewalt aufgezwungen! Der eine glaubt an den Jesus, der andere an den Allah, irgendwer anderer glaubt an die Wünschelrute oder das ewige Leben der Maikäfer und wer einen Schrebergarten hat, klaubt in der Erntezeit das Fallobst auf. Die Religionsfreiheit ist keine von Gott gewährte Freiheit, sondern eine von den Menschen gegen die Religionsgemeinschaften durchgesetzte Freiheit, die in der Verfassung steht!

Kath.net: Wenn wir also von Gott sprechen, so kommen wir um Offenbarung nicht herum. Auf sie sind wir angewiesen um überhaupt etwas über ihn denken oder sagen, sein Geheimnis irgendwie in Worte fassen zu können. Auf sie sind wir dann auch angewiesen, wenn wir mehr über ihn wissen, in eine konkrete Beziehung zu ihm treten wollen. Auf sie sind wir angewiesen, wenn das Geheimnis Gottes für uns nicht ganz geheim bleiben soll.
Atheistische Gegenrede: Also ein kleinbisschen Geheimnis über seinen Gott kennt der Stefan doch! Weil ein ganz geheimer Gott würde ja gar keine Religionen zulassen! Da wäre es auch geheim, dass es ein Geheimnis Gottes geben täte! Zum Glück gibt's die Bibel und da steht ja eine Menge über die göttlichen Abenteuer auf Erden! Da kann man z.B. nachlesen, dass Gott den Menschen nicht einmal das Geheimnis offenbarte, dass die Erde um die Sonne und nicht die Sonne um die Erde kreist! Als Menschen trotzdem draufkamen, wurden sie von der Kirche verfolgt und seit 1992 glaubt offiziell sogar der Vatikan diesbezüglich nimmer an die Bibel, sondern an Galilei!

Kath.net: Aber selbst dann noch bleibt Gott ein Geheimnis. Falsch wird diese Aussage erst, wenn damit versucht wird, Gottes Offenbarung an uns zu relativieren oder sie ganz auszuhebeln. Das kommt einer Ablehnung Gottes gleich. Das ist jenes selber wissen, selber entscheiden zu wollen, was gut und was böse, was Gott ist und was nicht. Deshalb ist es immer ratsam dort vorsichtig zu sein, wo allzu viel vom Geheimnis Gottes die Rede ist. Es könnte sein, dass wir es dann mit irgendeinem Guru zu tun haben, der uns seine eigene "Offenbarung" aufzuschwatzen versucht.
Atheistische Gegenrede: Ja, andere Gurus mit anderen Göttern und anderen Geheimnissen sind eine störende Konkurrenz! Der Mensch muss sich also hinwendend mit Gott und seinen Geheimnissen befassen, seine Geheimgeheimnisse wird er nicht erfahren, aber deswegen darf er Gott nicht ablehnen. Oder – wie heute mehrheitlich gebräuchlich – Gott einfach ignorieren und sich nach sich selber bei der Gestaltung des Lebens ausrichten. Die heranwachsenden Generationen von heute suchen sich weit überwiegend ihren Lebenssinn selber und für religiösen Unsinn interessieren sie sich gar nimmer. So ein Pech aber auch für den Stefan und die anderen Theologen! Theologie ist nicht nur theounlogisch, sondern wird überhaupt immer bedeutungsloser!

 

Link zum Originalartikel bei atheisten-info.at

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Schreiben eines enttäuschten Religions-kritischen Genossen an den Bundesvorstand der LINKEN


tangle-774853_1280Der religionspolitische Kurs der LINKEN gleicht dem Knäuel im Bild von geralt, pixabay. Hier wird das Schreiben von Wolf-Jürgen Aßmus wiedergegeben, der den Bundesvorstand für den unnötigen Abfall der LINKEN vom Säkularismus kritisiert (beim Parteitag im Juni). Mit dem Religions-Schmusekurs hat die LINKE vor einiger Zeit begonnen, siehe Links unten.

"Schreiben eines enttäuschten Religions-kritischen Genossen an den Bundesvorstand der LINKEN"

Werte Genossinnen und Genossen,

ich trat am 1.10.2014 aus innerer Überzeugung der Partei der LINKEN bei, weil ich alle (!) meine politischen Vorstellungen im Programm trefflich vertreten sah und ich mich nach wie vor angenommen fühle, sowohl in meiner Eigenschaft als verpartnerter Homosexueller als auch als überzeugter Humanist.
 
Bei aller großen Bedeutung sozialer Gerechtigkeit (jenseits von Martin Schulz‘ leeren Worthülsen!), fairer Arbeitsbedingungen und lebenswürdiger Bezahlung auch der Rentner, der Abrüstung mit dem Ziel der Friedenssicherung in der Welt erkannte ich die besondere Glaubwürdigkeit der LINKEN – damals – auch und gerade in der für mich ganz wesentlichen Rolle als einziger säkular orientierter Organisation innerhalb des bundesdeutschen Parteienspektrums.
 
Leider hat die LINKE in jüngster Zeit – spätestens mit dem äußerst zweifelhaften, weil von der Parteiführung undemokratisch aufoktroyierten „Rückholungsantrag“ über Nacht zum bereits getroffenen Beschluss der Auflösung aller Staats-Kirchen-Verträge – beim letzten Parteitag im Juni vollkommen ohne Not dem Säkularismus abgeschworen und damit sicher einige überzeugte Genossen vor den Kopf gestoßen wenn nicht gar deren Austritt aus der Partei provoziert oder zumindest billigend in Kauf genommen. Ralf Michalowsky, einer der Sprecher der BAG Laizismus in der LINKEN, brachte das kürzlich in einem Kommentar auf den Punkt:
https://hpd.de/artikel/linke-verbiegt-sich-gerade-14514
 
Die Parteiführung widerspricht mit diesem Kniefall – nicht etwa vor den Gläubigen, sondern vor deren organisierten Anführern – u.a. der humanistischen „Amsterdam-Deklaration“ vom IHEU-Kongress 2002, insbesondere nachstehenden wesentlichen Zielen:

  • „Humanisten glauben, dass die Lösungen zu den Problemen der Welt im menschlichen Denken und Handeln liegen statt in göttlicher Intervention.“ (Artikel 2)
  • „Humanismus ist undogmatisch und erlegt seinen Anhängern kein Glaubensbekenntnis auf. Er ist daher der Bildung und Erziehung frei von Indoktrination verpflichtet.“ (Artikel 4)
  • „Die großen Weltreligionen behaupten, sie basierten auf Offenbarungen, die für die Ewigkeit feststünden, und viele trachten danach, der gesamten Menschheit ihre Weltsicht aufzuerlegen.“ (Artikel 5)

Womit wir bei der unsäglichen „Ewigkeitszusage“ des Genossen Bodo Ramelow angelangt sind, die dieser wider besseren Wissens um den wahren (nämlich auf die verbleibende Lebenszeit damaliger natürlicher Personen beschränkten!) Inhalt des „Reichsdeputationshauptschlusses“ qua seines Amtes postulierte und damit m.E. den Anstoß zur zunehmenden Hinwendung zahlreicher Parteigrößen zu „Übersinnlichem“ gab – wie zuletzt auch zu meinem großen Entsetzen seitens der von mir wegen ihrer stets rationalen Gedankenführung hoch geschätzten Sahra Wagenknecht im domradio-Interview vom 7.7.2017, anlässlich dessen sie die von den Kirchen übernommenen „traditionell wichtigen sozialen Aufgaben“ lobend erwähnte, ohne jedoch die nahezu 100%ige öffentliche Finanzierung dieser „Tendenzbetriebe“ zu erwähnen oder das von diesen dennoch durchgesetzte haarsträubende kirchliche Arbeitsrecht zu kritisieren oder auch nur in Frage zu stellen. Und ausgerechnet die Kirchen, die sie bei ihrer Kritik an einer „Gesellschaft, in der Wenige immer größeren Reichtum anhäufen“ als „Gewinnler“ offenbar vollkommen aus den Augen verloren hatte, „könnten noch viel stärker eine kritische Stimme, ein kritisches soziales Gewissen der Gesellschaft sein.“ Kein Sterbenswörtchen (!) über deren Intoleranz in vielen gesellschaftlichen Fragen – von deren kategorischem Nein zur „Ehe für alle“ (die sie angesichts eines rein säkularen Rechtsaktes sowieso nichts angeht!) über die Verweigerung der „Pille danach“ (egal für wen, aber in einem besonders krassen Fall sogar für ein Vergewaltigungsopfer durch zwei selbstherrlich konfessionell geführte Krankenhäuser in Köln!) bis zu deren lobbyistisch-aggressiver Einmischung beim Thema „Selbstbestimmten Sterben“, um nur wenige Beispiele zu nennen! Den Rückfall in ein solches „soziales Gewissen“ (?!) – bestimmt von einer Kritik-resistenten, da seit Jahrhunderten bequem „gebetteten“ Organisation, die sich stets mit jeglichen Machthabern „einzurichten“ wusste – als „moralischer Instanz“, in dem ich keinerlei Forderung nach Entgegenkommen entdecken kann, verbitte ich mir als „Selbstdenker“.
Sollten wir's nicht besser erst mal aus eigener Überzeugung versuchen als in blinder Abhängigkeit von klerikalen Tendenzbetrieben? Um es mit Christopher Hitchens‘ Worten zu sagen: „Der menschliche Anstand (bzw. Ethik) ist nicht von der Religion (bzw. Moral) abgeleitet. Er geht ihr voran.“
 
Während sich dem offensichtlichen Beschluss der Parteiführung (zur Wiederholung der Abstimmung auf „Biegen und Brechen“ solange, bis das Ergebnis passt!) führende Köpfe wie Dietmar Bartsch, Gregor Gysi, Petra Pau und Oskar Lafontaine (wie im Beitrag „Die Linke versagt im Kampf um ein aufgeklärtes Europa“ in der MIZ 2/16 geschildert) kritiklos, wenn nicht sogar überschwänglich lobend beugen wie – nicht völlig überraschend! – auch die religionspolitische Sprecherin der Linksfraktion Christine Buchholz, schwindet – trotz aller übrigen großartigen Diskussionsbeiträge und politischen Entwürfe! – mein Vertrauen in die gesellschaftlich offene, unverklärte und Vernunft-gesteuerte Zukunft (m)einer Partei leider umgekehrt proportional.
 
Mit nachdenklich-solidarischen Grüßen

Wolf-Jürgen Aßmus
 
P.S.: Dieser Text darf/soll gerne an die vorstehend genannten Personen weitergeleitet werden.
 

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Studie: Wer wählt Rechtspopulisten?


afdbroeselDie Befunde zeigen, dass politische  Angebote zur Gestaltung der Arbeitswelt und zur Sicherung von Beschäftigteninteressen der Anziehungskraft von Rechtspopulismus entgegenwirken – diese nicht ganz unerwartete Erkenntnis schließt die lesenswerte Kurzfassung der Studie ab (Kerndaten aus der Studie der Hans-Böckler-Stiftung, Grafiken aus der Präsentation zur Pressekonferenz).

Die eigentliche Studie von Richard Hilmer, Bettina Kohlrausch, Rita Müller-Hilmer und Jérémie Gagné heißt Einstellung und soziale Lebenslage. Eine Spurensuche nach Gründen für rechtspopulistische Orientierung, auch unter Gewerkschaftsmitgliedern (Working Paper der Forschungsförderung in der Hans-Böckler-Stiftung Nummer 44, Juli 2017). Wir bringen die Pressemitteilung:


Neue Studie – Wer wählt Rechtspopulisten? Erfahrung von Unsicherheit und Kontrolle im Arbeitsleben sowie Zukunftssorgen wichtige Faktoren

Die meisten Menschen in Deutschland nehmen die aktuelle wirtschaftliche Situation positiv wahr – doch viele machen sich Sorgen um ihre Zukunft. Weitaus mehr Bürger als früher haben das Gefühl, auf sich selbst gestellt zu sein und sich in eigener Verantwortung behaupten zu müssen. Globalisierung, Freihandel und technischer Wandel sorgen für Verunsicherung, auch starke Zuwanderung und Kriminalität werden als Probleme wahrgenommen, der soziale Zusammenhalt gilt vielen als gefährdet. Soziale Gerechtigkeit ist für mehr als 90 Prozent ein zentraler Wert und Anspruch, ebenso die Durchsetzung von Recht und Ordnung. Abstiegsängste und die Sorge, die Kontrolle über persönliche und gesellschaftliche Lebensumstände zu verlieren, sind verbreitet. Daraus könnten Rechtspopulisten Kapital schlagen: Menschen, die befürchten, dass es ihnen und ihren Kindern künftig schlechter gehen wird oder die der Meinung sind, dass auf mehreren Ebenen über sie hinweg entschieden wird, neigen überdurchschnittlich häufig der AfD zu. Das gilt insbesondere mit Blick auf das Arbeitsleben und für Beschäftigte, die Überwachung und Kontrolle am Arbeitsplatz erleben. Gewerkschaftsmitglieder sind davon im gleichen Maße wie Nichtmitglieder betroffen, zeigt eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie auf der Basis neuer repräsentativer Befragungsdaten.* Die Untersuchung wird heute auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt. Die Präsentation zur PK mit weiteren Kerndaten finden Sie unten verlinkt.

„Kontrollsorgen, Abstiegsangst, Angst vor Arbeitslosigkeit und Verunsicherung über die Zukunft fördern laut dieser Studie nachweislich den Zulauf zu Rechtspopulisten“, sagt Reiner Hoffmann, Vorsitzender des DGB und des Vorstands der Hans-Böckler-Stiftung. „Unsere Antwort kann nur lauten: Mehr Sicherheit im Betrieb mit Tarifverträgen und einer starken Mitbestimmung, und eine Ordnung auf dem Arbeitsmarkt, die Gute Arbeit fördert und sichert, also prekäre Beschäftigung wie Leiharbeit eingrenzt und sachgrundlose Befristung abschafft. Wer noch mehr Zeitarbeit will, mehr Befristung oder die Arbeitszeit deregulieren will, wer nicht mal die Begriffe Tarifvertrag und Mitbestimmung im Wahlprogramm verankert hat, hat nicht verstanden, was auf dem Spiel steht.“

Für die Untersuchung haben der Soziologe und Wahlforscher Richard Hilmer, die Soziologieprofessorin Dr. Bettina Kohlrausch, die Soziologin Rita Müller-Hilmer und der Politikwissenschaftler Jérémie Gagné von Mitte Januar bis Anfang Februar 2017 knapp 5.000 Personen ab 18 Jahren zu ihren politischen Einstellungen, Wertorientierungen sowie Sichtweisen auf die Arbeitswelt befragt. Die Stichprobe der Online-Umfrage ist für die Wahlberechtigten in Deutschland repräsentativ. Über multivariate Analysen können die Forscher Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Antworten identifizieren. Die zentralen Ergebnisse:

– Die Mehrheit der Bundesbürger ist mit ihrer aktuellen Lebenssituation zufrieden. Drei von vier bezeichnen die wirtschaftliche Lage in Deutschland als gut oder sehr gut. 56 Prozent bewerten auch die eigene finanzielle Situation positiv. Aber viele Bürgerinnen und Bürger äußern Sorgen mit Blick auf die Zukunft. Globalisierung, Freihandel und Digitalisierung sorgen für Verunsicherung. Der Aussage „Unsere Gesellschaft treibt immer weiter auseinander“ stimmen 53 Prozent der Befragten zu. „In unserer Gesellschaft gibt es noch viel Zusammenhalt“ sagen nur 23 Prozent. 55 Prozent der Befragten sorgen sich um die Zukunft ihrer Kinder, 49 Prozent um ihre Altersversorgung.

– Rund die Hälfte der Befragten hat das Gefühl, dass ihre Interessen durch Politik und Institutionen nicht in ausreichendem Maße vertreten werden. 49 Prozent der Befragten sind der Ansicht, die Politik tue für sie weniger als für andere Gruppen der Bevölkerung, 23 Prozent sehen sich explizit nicht benachteiligt.

– Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenslage ist der wesentliche Treiber, die derzeit stärkste rechtspopulistische Partei – die AfD – zu wählen. Dabei kommt es weniger auf die objektive soziale Lage an, sondern vor allem auf die subjektive Wahrnehmung der eigenen Lebenslage. Menschen, die AfD wählen oder es in Erwägung ziehen, befinden sich überwiegend nicht in einer finanziell prekären Situation, aber sie fühlen sich vor möglichen Krisen in der Zukunft nicht ausreichend geschützt, zeigt die Analyse: 67 Prozent der AfD-Wähler geben an, dass sie sich Sorgen um ihre persönliche Zukunft machen; in der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil bei 46 Prozent.

– Die Wahrnehmung von Menschen, die anfällig für Rechtspopulismus sind, ist geprägt durch das Gefühl persönlicher Zurücksetzung: AfD-Wähler ordnen sich unabhängig von ihrem realen Einkommen in der Gesellschaft niedriger ein. Sie geben überdurchschnittlich häufig an, im Vergleich zu den Eltern einen sozialen Abstieg erlebt zu haben.

Gleichzeitig treibt die Empfindung eines dreifachen Kontrollverlusts zur AfD-Wahl:

  • In persönlicher Hinsicht: mit Blick auf den technologischen Wandel und Zukunftsängste
  • In politischer Hinsicht: Politik und Institutionen werden als abgehoben wahrgenommen.
  • In nationalstaatlicher Hinsicht: Der Staat kommt aus Sicht AfD-affiner Bürger seiner Aufgabe nicht ausreichend nach, die eigene Bevölkerung zu schützen.

– AfD-Wähler zeichnen sich durch ihre Distanz zur Demokratie aus: Nur 40 Prozent der AfD-Wähler halten Deutschland für durch und durch demokratisch und nur 38 Prozent sehen die Meinungsfreiheit als gegeben an. Ferner misstrauen sie den maßgeblichen Institutionen ausgesprochen stark und befürworten stattdessen Prinzipien, die den „Volkswillen“ direkt zur Geltung bringen.

– Der Großteil der AfD-Wähler ist laut der Studie zwar in der unteren Mittelschicht zu finden, bei den Berufsgruppen sind Arbeiter überrepräsentiert. Allerdings sind es keinesfalls ausschließlich die „sozial Abgehängten“, die die AfD wählen. Auch Menschen mit besonders hohen Nettoeinkommen weisen – im Vergleich zur oberen Mittelschicht – eine erhöhte Wahrscheinlichkeit auf, AfD zu wählen oder es zumindest in Betracht zu ziehen. Dass Rechtspopulisten verstärkt von Arbeitslosen gewählt werden, stimmt ebenfalls nicht. Wer keine Arbeit hat, wählt deshalb nicht häufiger AfD als der Rest der Bevölkerung. Aber: Menschen, die um ihren Arbeitsplatz fürchten, und das Gefühl haben, im Falle einer Arbeitslosigkeit keinen neuen Job finden zu können, sind empfänglicher für rechte Parteien. Auch dies zeigt, dass Abstiegsängste ein entscheidender Faktor sind.

– Die Situation am Arbeitsplatz spielt eine wichtige Rolle dafür ob rechtspopulistische Positionen als attraktiv wahrgenommen werden: Das Gefühl von Kontrollverlust und Ausgeliefertsein erhöht die Wahrscheinlichkeit, rechts zu wählen – und zwar insbesondere dann, wenn in einem Kleinbetrieb gearbeitet wird. Unter AfD-Wählern und Sympathisanten sind Aussagen wie „Durch die Digitalisierung wird die Überwachung und Kontrolle meiner Arbeitsleistung immer größer“, „Ich stecke in unsicheren Billigjobs fest“ und „Dass ich für meinen Arbeitgeber leichter erreichbar bin, bedroht mein Privatleben“ verbreiteter als in der Gesamtbevölkerung. Die Zustimmung zu diesen Aussagen hat einen signifikanten Einfluss auf eine Wahl der AfD.

– Eine besonders AfD-affine Gruppe, nämlich Personen bis zu einem mittleren Einkommen (unter 2500 Euro) und mittlerer Bildung (maximal mittlere Reife), die der Aussage zustimmen „Was mit mir passiert, wird irgendwo draußen in der Welt entschieden“, zeigt wie unter einem Brennglas, dass die konkrete Erfahrung von Mitbestimmung und Sicherheit am Arbeitsplatz für sie einen Unterschied macht: Unterliegt das Arbeitsverhältnis dieser Beschäftigten keinem Tarifvertrag oder sind sie befristet beschäftigt, so rücken sie deutlich wahrscheinlicher in die Nähe der AfD als Personen in einem festen bzw. tarifvertraglich geregelten Arbeitsverhältnis – ein Zusammenhang, der sich im Durchschnitt aller Befragten nicht ergibt. „Diese Befunde zeigen, dass gerade für diese spezielle Gruppe der unteren Mittelschicht Unsicherheitserfahrungen und mangelnder tarifvertraglicher Schutz treibende Faktoren für die AfD-Wahl sind“, schreiben die Wissenschaftler. Die beschriebene Gruppe umfasst rund 5 Millionen Wahlberechtigte, von denen gut ein Fünftel angibt, AfD wählen zu wollen.

– Die Forscher weisen erstmals nach, dass es keinen Zusammenhang gibt zwischen der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft und der Wahrscheinlichkeit, AfD zu wählen. Das bedeutet: Bei gleicher Ausgangslage verschiedener Personen (jeweils gleiches Einkommen, berufliche Position, Bildungsabschluss, Alter, Geschlecht und Wohnsitz in Ost- bzw. Westdeutschland) macht es bei der Wahrscheinlichkeit, AfD zu wählen, keinen Unterschied, ob jemand Gewerkschaftsmitglied ist oder nicht. Wer sich in seiner Gewerkschaft aktiv engagiert, neigt signifikant seltener Rechtspopulisten zu als wer dies nicht tut – so wie andere ehrenamtlich Engagierte auch.

– Gewerkschaftsmitglieder sind besonders sensibel für Gerechtigkeitsfragen am Arbeitsplatz: Ob sie gemäß ihrer Qualifikation beschäftigt sind oder nicht, ob sie sich den Veränderungen ohnmächtig gegenüber stehen sehen und auch die erlebte Überwachung und Kontrolle am Arbeitsplatz beeinflusst ihre Entscheidung, AfD zu wählen oder es in Erwägung zu ziehen, in stärkerem Maße als bei Nicht-Gewerkschaftsmitgliedern.

Fazit: Die Auswertung liefert konkrete Anhaltspunkte für politisches Handeln. Sie zeigt, welche Einstellungen und soziale Lebenslagen die rechtspopulistische Orientierung verstärken und damit das rechte Lager vergrößern – und dass dabei ein Gefühl des „Ausgeliefertseins“ am Arbeitsplatz eine große Rolle spielt. Genauso lassen sich aber auch Faktoren identifizieren, die vor Rechtspopulismus „schützen“ und damit Demokratie und Zusammenhalt in der Gesellschaft wie auch in der Arbeitswelt stärken. Menschen, die mit ihrem eigenen Leben zufrieden sind, wählen seltener AfD. Deutlich hervorstechende „Haltepunkte“ sind auch eine hohe Zustimmung zu Werten wie Weltoffenheit und Toleranz, Solidarität der Menschen untereinander und sozialer Gerechtigkeit. Nicht zuletzt ist es ehrenamtliches Engagement, das die Wahrscheinlichkeit verringert, in die Nähe von Rechten zu geraten.

 

Weitere Links von wissenbloggt:




Neue Schlagworte der Gender-Polizei zum Einsatz gebracht


pop-art-2185496_1280JanBabyDieser Artikel versucht, die Entstehung einer Gender-Meldung aufzuspüren und ihre Entwicklung nachzuvollziehen. Das ist schwierig, weil einer vom anderen abschreibt und anscheinend keiner die Quelle nachprüft. Sie ist jedenfalls nirgends genannt. Da ist nur vage von einer wissenschaftllichen Studie die Rede, die an der University of California und der University of Southern California durchgeführt wurde (davon gibt es viele, hier die Top 50). Für die Studie wurden 119 Bewerbungsgespräche aufgezeichnet, analysiert und im Journal of Social Sciences publiziert, mit dem griffigen Ergebnis, dass es die Frauen schwerer haben (Bild: JanBaby, pixabay).

Im Mittel wurden Frauen nämlich fünfmal unterbrochen und Männer viermal. Bei ihnen wurde 17 Mal nachgefragt gegenüber 14 Mal bei Männern. Verbale Hinweise legen demnach nahe, dass Frauen sich eher zur Eile gedrängt fühlen, sie hasten eher durch ihre vorbereiteten Vorträge, ihre Aussagen dazu: "Das überspringen wir, damit's schneller geht", "Es ist keine Zeit mehr, da machen wir schnell", "Ich mache hier schnell, weil ich zum zweiten Teil kommen will."

Das führt zu der vollmundigen Aussage: Diese subtilen Muster bei der Konversation bilden eine fast unsichtbare Voreingenommenheit, die ein beharrliches Klima des Zweifels an der weiblichen Kompetenz erzeugen.

In diesem Text werden eher beharrliche Zweifel an der Kompetenz der Berichterstatter*innen geäußert. Sie liefern keine überprüfbare Quelle, denn bei der Suche nach dem Journal of Social Sciences gibt es viele Treffer, nur findet sich bei den diversen Sites kein Treffer für einen passenden Artikel:

Pustekuchen also bei der Quellenforschung. Die erste Spur in den googlebaren Medien findet sich Ende Juni, und dann ging's Anfang Juli weiter. Nachdem die englischen Medien es durch hatten, geht es aktuell im August auf deutsch los:

Auf die deutsche Publikation musste man nicht umsonst warten, denn sie rundet das Thema ab. Neue Begriffe tauchen auf, die seit 1, 2 Jahren die Gender-Szene bereichern:

  • Mansplaining (überhebliche, herablassende Erklärungen von ahnungslosen Männern gegenüber Frauen)
  • Manterruption (Unterbrechen einer Frau bei einer Konversation durch einen Mann)

Das firmiert als weitere Symptome des Unconscious Bias (unbewusste Vorurteile). Sowas wurde auch in einer anderen Studie festgestellt, nämlich dass eine weibliche Oberrichterin 3 Mal so oft unterbrochen wurde wie ihre männlichen Kollegen, schreibt ze.tt. Eine brasilianische Werbeagentur Woman Interrupted liefert sogar eine App dafür. Die zählt dann, wie oft die eigene Stimme von einer männlichen Stimme unterbrochen wird (von entsprechender Man-Interrupted-Software keine Rede).

Im weiteren leistet der Artikel Lebenshilfe. Fragen dazu: Schenken wir dem Gegenüber zu wenig Respekt, zu wenig Daseinsberechtigung? Ist es ein großes Einander-ans-Bein-pinkeln? Dazu die ze.tt-Antworten von Kommunikationsexperten und Coaches auf Was kann frau überhaupt tun?

  1. Wahrnehmen und weiterreden
  2. Nicht erschüttern lassen
  3. Konzentration
  4. Prägnant formulieren
  5. Auf Stimme und Körper achten

Bei den Punkten 1. und 2. wird manchen Leuten die Bundeskanzlerin in den Sinn kommen, die sich ja ungern unterbrechen lässt. Punkt 3. darf man ihr auch zubilligen, wo sie doch selber gesagt hat, dass es schwer ist, zugleich zu reden und zu denken. Der Punkt 4. ist für Politiker*innen allerdings außer Kraft gesetzt. Politiker formulieren erfolgreicher nach juristischen Kriterien, also eher kleingedruckt. Und Punkt 5.? Naja, manche haben eine Stimme, und manche haben einen Körper, und manche eben nicht.

Diese Abschweifung ins pfuiteuflisch incorrecte bringt diesen Artikel zu seinem Schlusswort. Das liefert der Telegraph-Artikel: Die Studie steht in krassem Widerspruch zu den Uni-Trends in Großbritannien, wo weibliche Studenten in 2/3 der Vorlesungen zahlreicher sind als männliche ("The research comes in stark contrast to recent undergraduate trends in the UK, with female students now outnumbering men in two-thirds of undergraduate courses").

Das wird in keinem der Folgeartikel wiedergegeben. Verständlich, sonst müssten die Gender*innen ja was gegen's Womenoutnumbering erfinden. Eine Männerquote vielleicht?

 

Weitere Links dazu:




Scharfe Kritik an "Deutsche Umwelthilfe e.V."


beach-298255_1280In seiner Selbstdarstellung schreibt der 1975 gegründete Verein "Deutsche Umwelthilfe": Sie ist eine nichtstaatliche Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation in Deutschland. Gleichzeitig ist die DUH ein klageberechtigter Verbraucherschutzverband nach dem Unterlassungsklagegesetz (UKlaG). Die DUH ist eines der Deutschen Mitglieder des Europäischen Umweltbüros (EEB) in Brüssel. Außerdem hat sie aus dem Umwelt-Rechtsbehelfsgesetz das Recht zur Verbandsklage (Bild: andrelyra, pixabay).

Normal ist das nicht, dass ein Verein auch ein Abmahnbüro ist, findet der Berliner Tagesspiegel – Millionen mit Abmahnungen Die guten Geschäfte der Deutschen Umwelthilfe (Tagesspiegel 13.4.): Wie der Öko-Verein DUH mit zahlreichen Abmahnungen seine Kasse füllt – und dies mit dem Versagen des Staates rechtfertigt.

Bei wissenbloggt wird der Inhalt des Artikels von Markus Grabitz referiert, angefangen mit der Präambel aus zwei Lesermeinungen: "Die Umwelthilfe führt sich auf wie eine Firma mit Gewinnerzielungsabsicht. Dass man Rechtslücken ausnutzt, um mit Anwälten (den) Firmen Geld abzupressen, mag rechtlich legal sein, aber in meiner Moralvorstellung ist das nur schäbig", aber: "… solange sich bei der DUH niemand persönlich bereichert, gibt es da vernünftigerweise nichts zu meckern."

Und dann kommt ein inhaltsreicher Artikel, in dem der Tagesspiegel sehr wohl meckert – und sehr wohl begründet. Garniert wird das mit einem Zitat aus einem typischen DUH-Abmahnungs-Schrieb: "Uns ist der nachstehend geschilderte Wettbewerbsverstoß Ihrer Firma bekannt geworden.“ Sowas schreibt die DUH an Händler von Elektrogeräten, Autohäuser oder Immobilienmakler – auf Umweltpapier, unterschrieben vom DUH-Chef Jürgen Resch.

Der Vorwurf: ein Verstoß gegen die Verordnung zur Energieverbrauchskennzeichnung, z.B. fehlt im Fall eines Makler-Angebots für ein Haus die "Angabe zum wesentlichen Energieträger für die Heizung“. Dagegen muss der Angeschriebene kurzfristig eine Unterlassungserklärung abgeben, ansonsten droht die DUH mit dem Rechtsweg. Für diese Drohschrift stellt die DUH 245 Euros in Rechnung, und bei einem erneuten "Verstoß" wird eine Vertragsstrafe von 5001 Euros (plus Anwaltsgebühren) fällig. Gezahlt wird an die Umwelthilfe.

Viele Leute haben von den miesen Touren der Abmahnindustrie die Nase voll; wissenbloggt spricht da aus eigener Erfahrung. Die Gesetzeslage ist so, dass die Abmahner kassieren dürfen, sobald sie irgendeinen Verstoß entdecken, von dem der paragraphenunkundige Betroffene selber oft nicht mal was ahnt. Sogar wenn die Abmahnung unbegründet ist, kostet es was, denn der Betroffene muss quasi zwangsweise anwaltliche Hilfe suchen, ansonsten ist er den Machenschaften schutzlos ausgeliefert. Die Anwaltskosten bleiben auch bei erfolgreicher Abwehr der Abmahner am Betroffenen hängen.

Bei der DUH sind 5 Mitarbeiter auf Provisionsbasis damit beschäftigt, relevante Verstöße gegen ca. 15 Rechtsverordnungen (im Internet) zu suchen, aufgrund derer die Betroffenen abgemahnt werden können. Zwei von den Mitarbeitern sind im Außendienst tätig und besuchen Autohäuser und Einzelhandelsgeschäfte mit denselben Zielen. 2015 führte das zu 1265 Abmahnungen, in 438 Fällen auch zu Gerichtsverfahren.

Das summiert sich zu Millionenbeträgen: 2009 kassierte die DUH 0,676 Mio., 2013 schon 1,79 Mio. (entsprechend 22% der DUH-Einnahmen), 2015 dann 2,323 Mio. (entsprechend 28%), 2016 dann 2,47 Mio. (entsprechend 31%). Man findet die Zahlen unter "Verbraucherschutz" im Jahresbericht 2016 auf S. 36 und im Jahresbericht 2015 auf S. 37. Ein Blick in die Jahresberichte lohnt sich, da stehen auch viele gute Sachen drin.

Die betroffenen Autohäuser, Immobilienmakler und Händler sehen das DUH-Geschäftsgebaren mit Empörung. Ein Möbelhaus wurde z.B. abgemahnt, weil in der Ausstellung seiner Küchen die Zettel mit der Energiekennzeichnung fehlten. Gegenstand der Abmahnungen kann auch die Schriftgröße notwendiger Hinweise sein, deren Plazierung in Anzeigen oder fehlende Hinweise beim Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Die Rede ist von "banalsten Verstößen", "nicht nachvollziehbaren Verstößen" und "abstrusen Beispielen".

Das Ganze läuft unter einer "unsicheren Rechtslage", die versierten Paragraphenreitern tolle Abkassier-Chancen bietet. Allein bei Autohändlern konnte die DUH in den letzten 6 Jahren ca. 4 Mio. Euros per  Abmahnung kassieren. Der Vorwurf: Die Organisation missbrauche die Rechtslage für das eigene Geschäftsmodell. An die verantwortliche EU-Kommission ging bereits die Aufforderung, "der von der Umwelthilfe aufgebauten Abmahnindustrie den Nährboden zu entziehen“, dort wird jetzt gestritten.

Bis dahin darf die DUH hoheitliche Aufgaben wahrnehmen, denn sie ist 2004 in die Liste der „qualifizierten Organisationen“ beim Bundesamt für Justiz aufgenommen worden (wie 78 andere Organisationen auch). Das beinhaltet laut Selbstdarstellung die Verpflichtung, "festgestellte Verstöße gegen den Verbraucherschutz rechtlich zu verfolgen". Leider mache sich der Staat einen schlanken Fuß und kontrolliere nicht selber, weil Industrie und Handel es geschafft haben, dass sich die eigentlich zuständigen Landesbehörden raushalten.

Solange dieser "Kniefall der Regierenden vor der Wirtschaft" dauert, engagiert sich die DUH weiter für die Durchsetzung von nationalen und europäischen Gesetzen zur Luftreinhaltung und umweltbezogenen Verbraucherschutzgesetzen. Dass aus Profitgründen abgemahnt würde, bestreitet der Verein, er habe mit der "Marktüberwachung“ noch nie einen Überschuss erwirtschaftet. Da wird also auch gestritten.

Einer der Artikel dazu heißt Umwelthilfe-Chef Jürgen Resch – Der Mann, der die Autoindustrie vor Gericht zermürbt  (Der Tagesspiegel 28.7.): Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, hat vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart einen neuen Teil-Sieg gegen die Autoindustrie erstritten.

Weitere, auf Skandal gebürstete Artikel dazu heißen Deutsche Umwelthilfe: Abmahnverein als Aktionärsschreck (BÖRSE am Sonntag 6.8.) und fast genauso Deutsche Umwelthilfe: Wer ist Herr Resch? (The European 6.8.): Kaum jemand wagt es, das Gebaren und die Ziele der Deutschen Umwelthilfe zu hinterfragen – denn wer vorgibt, die Umwelt zu schützen, muss doch per se gut und anständig sein! Was aber, wenn ein Inkasso-Unternehmen dahintersteckt, das lediglich raffiniert getarnt ist? Was, wenn hier verdeckte wirtschaftliche Interessen verfolgt werden?

Auf die vom Autor Sebastian Sigler verbreiteten Gerüchte und Spekulationen wird hier nicht weiter eingegangen. Er spricht von "Tugendterror“ und trägt weitere Kritik an der DUH zusammen: Die Organisation mit rund 80 Mitarbeitern werde als "Wirtschaftsbetrieb" straff geführt. Die wichtigste Geldquelle sei immer die Auftragsarbeit für Konzerne gewesen, z.B. das Verfassen von Nachhaltigkeitsberichten. Noch mehr Geld werde aber werde mit Schnüffelei gemacht; verdeckte Ermittler gingen durch Möbelhäuser, Supermärkte und Gaststätten. Die DUH schlage mit Abmahnungen zu, sobald irgendeine Verordnung auch nur ein bisschen verletzt werde.

Kritisiert wird auch, dass die DUH in Toyota einen "Großspender" von angeblich 80.000 Euros jährlich habe – damit die DUH nicht moniert, dass  die Toyota-Werke größtenteils mit Atomstrom betrieben werden. Zudem habe Toyota ein vitales Interesse an der Schädigung von VW, die von der DUH in vorderster Linie mitbetrieben werde. Auch die Hersteller von Rußfiltern spenden großzügig an die DUH, die wiederum politischen Druck zur Einführung von Filteranlagen für Diesel-Autos macht.

Kritiker sprechen von einem "grün angestrichenen Abmahnverein“. Der Artikel zitiert die Süddeutsche Zeitung mit einem nicht spezifizierten Bericht: Von "guten“ Unternehmen nehme die Umwelthilfe bereitwillig Spenden an, "schlechte” Unternehmen stelle sie gnadenlos an den Pranger. Wer gut oder schlecht ist, bestimmt die DUH.

Der Verein habe kaum Mitglieder heißt es, wobei mit Zahlen von 243 bis 1000 spekuliert wird. Das ist allerdings wenig im Verhältnis zum BUND Naturschutz (585.000), der NABU (620.000) und dem WWF (über 5.000.000).

Während die DUH das Internet für die Abmahnungs-Recherche entdeckt hat, sind Videokonferenzen dort anscheinend noch unbekannt. Der DUH-Chef ist als Vielflieger Mitglied des HON-Circles bei der Lufthansa und hat damit den höchsten Vielfliegerstatus von mindestens 600.000 Meilen innerhalb von zwei Jahren.

Gerade gibt es einen Artikel mit eigener Recherche dazu, Deutsche Umwelthilfe – Wie sich der größte Schreck der deutschen Autoindustrie finanziert (Süddeutsche Zeitung 7.8., in der Druckversion Transparenz sieht anders aus): Der kleine Öko-Verband mit lediglich 273 Mitgliedern klagt quer durch die Republik gegen Städte und Konzerne, um Fahrverbote für Dieselautos durchzusetzen.

Die SZ hat wegen den Geldgebern angefragt und die folgenden genannt bekommen, jeweils Firma/Jahresbeitrag:

  • Deutsche Telekom/200.000
  • Rapunzel Naturkost/120.000
  • Gelsenwasser
  • Krombacher Brauerei
  • Kyocera
  • Toyota/80.000
  • Tomra (Recycling)
  • Garpa (Gartenfirma)
  • eine ungenannte Auto-Zulieferfirma
  • zusammen 39 Firmen/1.200.000

Man scheut sich, Namen zu nennen, weil die Firmen aus der Industrie Druck bekommen könnten. Das Gegenargument der SZ: Wer wie die Umwelthilfe ständig Transparenz fordert, der sollte selbst seine Finanzierung offenlegen.

Der größte Teil sind mit 3,1 Mio. ohnehin "Projektzuschüsse". Die stammen von Stiftungen wie der European Climate Foundation oder der C&A-Foundation, oder es sind öffentliche Gelder von Bundesministerien, Behörden, Bundesstiftungen und der Europäischen Union. Pikant findet die SZ, wie die Staatsknete für Klagen gegen Städte und Konzerne verwendet wird, um Fahrverbote für Dieselautos durchzusetzen.

Sonst ist die DUH eher zimperlich. Mitglied kann nicht jeder werden. Davor steht eine Überprüfung, eine Bürgenaussage oder ein Interview. "Die DUH könnte ansonsten leicht unterlaufen und lahmgelegt werden", so der DUH-Chef.

Nochmal der nicht aufzufindende SZ-Bericht, wie ihn The European zitiert: "Zuweilen wird der DUH mangelnde Trennschärfe zwischen gemeinnützigen und kommerziellen Aktivitäten vorgeworfen.“ Im direkten Anschluss werden wieder Gerüchte verbreitet: Ungeprüften Angaben zufolge gibt die Deutsche Umwelthilfe von ihrem aktuellen Etat von 8,1 Millionen Euro jährlich etwa 250.000 auch wirklich für Umweltprojekte aus. Im Jahresbericht 2016 stehen auf S. 37 allerdings ganz andere Zahlen.

Interessant wäre gewesen, die Abteilung Verwaltung/Öffentlichkeitsarbeit/Spendenwerbung (1,941 Mio.) aufzuschlüsseln, damit man sieht, wieviel in die Gehälter geht. Es gibt ja seit einiger Zeit eine allgemeine Kritik, die NGOs seien mittlerweile Karrierestellen mit besten Gehältern geworden. Wieviel verdient wohl der vielfliegende DUH-Chef? Und würde jemand anders mit so einer Umweltbilanz die DUH-Aufnahmeprüfung bestehen?

 

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Weitere wissenbloggt-Links:

 




Die Diesel-Verschwörung


car-312338_1280 VW ist radlos, weil Rad ab – so könnte man das nennen, wenn es witzig wäre. Es ist aber ein Trauerspiel, was da abläuft. Die Rede ist nicht von den Kartellvorwürfen gegen die deutsche Autoindustrie, sondern vom Dieseln an sich (Bild: Clker-Free-Vector-Images, pixabay).

Der sogenannte Dieselgipfel war nur eine Peinlichkeit in einer Reihe von Vorfällen, bei denen die Dummheit regierte; gewürdigt in der Presseschau zum Dieselgipfel: "Die Politik lässt sich an der Nase herumführen" (ZEIT ONLINE 3.8.). Die Chose begann mit der dummdreisten Manipulation der VW-Abgas-Software und zieht sich durch die ganze Aufarbeitung der Causa.

Dass daraus eine globale VW-Abmelk-Aktion wurde, lässt sich eigentlich nur mit einer Verschwörung erklären: Deutsche Schuld trifft auf die internationale Finanzgeier-Industrie, und nach dem Motto allzeit schuldbereit fügen sie sich und blechen. Dass es völlig ungerecht und übertrieben zugeht, spielt keine Rolle. Bei wissenbloggt sollen ein paar Daten genannt werden, welche die Asymmetrie belegen.

Dieseltote: Phantasiezahlen

Hier soll nicht die reale Gefährdung heruntergespielt werden, die aus der Luftverschmutzung herrührt. Aber wenn irreale Zahlen ins Spiel gebracht werden, erfolgt der Übergang von Aufbauschen zu Desinformation und Fake News. Beispiele:

  • Neue Studie zu Stickoxiden 107.000 Tote durch Dieselabgase (MDR 15.5.): Über ein Drittel der Todesfälle durch Dieselabgase betrifft nicht eingehaltene Abgaswerte. Sie kosten jedes Jahr weltweit 38.000 Menschen das Leben – 11.400 davon in Europa.
  • Jährlich 7000 Tote durch Abgase – Gefährliche Stoffe kommen aus dem Auspuff  (Osnabrücker Zeitung 23.10.16): In Deutschland gibt es jährlich rund 7000 Todesfälle durch Abgase aus dem Straßenverkehr … Demnach sterben hierzulande daran etwa doppelt so viele Menschen wie an Verkehrsunfällen – beides bezieht sich auf die Studie Mehr Tote durch Luftverschmutzung (Max-Planck-Gesellschaft 16.5.15).

Man sieht, wie die Zahlen angereichert werden. 11.400 Dieselopfer in Europa, 7000 Auto-Abgasopfer in Deutschland. Aber wieviel davon sind Opfer der zusätzlichen Diesel-NOx durch die Manipulation? 100? 1000? Wo sind die Zahlen, und wie belastbar sind sie?

Realistische Todeszahlen

Es bestehen keine Meinungsverschiedenheiten darüber, dass häusliche Kleinfeuer die schlimmsten Luftverschmutzer sind. Schon das Grillen dürfte die Diesel-Abgase als Todesursache überflügeln, wenn man solche Zurechnungen machen mag.

man-1519667_1280Dem Alkohol werden in Deutschland jählich 80.000 Tote zugeschrieben, und dem Rauchen sogar 140.000. In 1 l Tabakrauch sind 10.000 Mal soviel Schadstoffe wie in 1 l Luft von einem Verkehrsknotenpunkt. Die 140.000 Raucher-Toten verursachen pro Jahr 80 Mrd. Kosten durch Arbeitsausfall, Frühverrentnerung und Operationen, und dabei ist das frühere Sterben der Raucher und damit der Renten-Spareffekt schon eingerechnet (Bild: intographics, pixabay).

Wo bleiben die anderen?

Das ist die Standardfrage bei der Wiedergutmachung. Wieso trifft es nur Deutschland, und die anderen üben keine Wiedergutmachung? Die USA nicht für Vietnam, Libyen …, die Russen nicht für Afghanistan, die Saudis nicht für den Jemen …

Im speziellen Fall des Dieselskandals ist die große Frage, wieso bleiben die anderen Hersteller ungeschoren? Obwohl sie doch die Grenzwerte oft noch mehr verletzen als VW? Diese Frage wird vor allem von der Zeit gestellt, eine Auswahl von Artikeln:

  • Diesel-Skandal – Renault, Fiat und Ford unter Schummelverdacht (Süddeutsche Zeitung 3.8.16): Eine französische Kommission hat 86 Dieselfahrzeuge auf ihre Abgaswerte untersucht. Die Ergebnisse sind teils verheerend. Die Experten stellten fast dass illegale Abschalteinrichtungen wohl gleichermaßen bei Marken aus Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Korea und den USA eingesetzt werden. Auch die Nachprüfung durch das Bundesverkehrsministerium hat gezeigt, dass die Hersteller illegale Abschalteinrichtungen verwenden. Stets geht es darum, dass die Abgastests unter Laborbedingungen besser ausfallen als auf der Straße.
  • Abgasskandal: Nicht allein VW gehört an den Pranger (ZEIT ONLINE 16.10.16): Beim Dieselskandal herrschen zwei Irrtümer: Nur VW-Fahrzeuge hätten das Abgasproblem und die Politik sei überrascht worden. Man hätte längst mehr kontrollieren müssen.
  • Abgas : Volkswagen ist nicht allein (ZEIT ONLINE 3.11.16): Merkwürdig, dass weiterhin nur VW in der Kritik steht. Tatsächlich überschreiten die Autos vieler Hersteller unter realen Bedingungen die Abgaslimits erheblich.
  • Abgaswerte: Auch Daimler und BMW sind auffällig (ZEIT ONLINE 16.12.16) Der VW-Abgasskandal lässt grüßen: Auch Wagen von BMW und Mercedes haben sich in Labortests anders als auf der Straße verhalten. Klimaschützer fordern Konsequenzen. Die ermittelten NOx-Werte waren erheblich höher als angegeben, beim BMW um das 2,8-fache, beim Mercedes um das 2,7-fache, beim VW Passat um das 3,7-fache.
  • VW-Skandal: Verdächtige Abgaswerte bei mehreren Autoherstellern (ZEIT ONLINE 15.4.) Fast alle Autokonzerne beeinflussen einer Untersuchung zufolge die Abgase ihrer Modelle. Der Stickoxid-Ausstoß ist bei niedrigen Temperaturen auffällig hoch.
  • Hurra, wir schlachten die deutsche Autoindustrie! (The European 4.8.) Fahrradpflicht für alle!

Der letzte Artikel geht sarkastisch an das Thema heran. Die Fakten sind danach: Die anderen sind nicht sauberer, andere Marken mogeln genauso, schmutzige Diesel sind demnach beileibe kein exklusives deutsches Problem: Ausländische Hersteller machen sich einen schlanken Fuß.

Normen und Realität

So kann man das auch nennen. Andere Stimmen sprechen von industriepolitischen Machenschaften, weil die Dinge grenzenlos aufgebauscht werden, um der eigenen Industrie Vorteile zu verschaffen. Die US-amerikanische Umweltgesetzgebung kann man demnach als Handelsprotektionismus verstehen. Die US-Standards für NOx können als Versuch gelten, die angeschlagene amerikanische Automobilindustrie gegen den Import energieeffizienter Dieselmotoren zu schützen. Diese US-Standards für Stickoxide wurden 2007 gesetzt, im Jahr der europäischen Dieseloffensive in den USA. Dafür gingen die US-Standards über die EU-Standards hinaus, sogar über die Euro-6 Standards – allerdings nur für die hauptsächlich importierten kleinen Motoren. Die großen Dieselmotoren der US-Straßenlokomotiven blieben durch laxere Standards unbehelligt. Ob das der Grund für den VW-Betrug war?

Wo die Standards liegen, und wie sie überschritten werden, zeigt der Artikel Stickoxid-Belastung durch Diesel-Pkw noch höher als gedacht Auch Euro-6-Diesel stoßen sechs Mal mehr Stickstoffoxide aus als erlaubt (Umweltbundesamt 25.4., Bild: Umweltbundesamt).
diagramm_pkw-diesel_neuMan sieht, die Euro-6-Diesel erfüllen tatsächlich nicht mal die Euro-3-Norm. Aus dem Bild lässt sich keine Rechtfertigung ableiten, alle Dieselfahrzeige außer Euro 6 zu sanktionieren. Der Artikel Abgas-Anarchie (NachDenkSeiten 3.8.) betont dazu ebenfalls, dass die ausländischen Hersteller fatalerweise aus dem Sichtfeld der Öffentlichkeit geraten. Der Text liefert Details zur Skandal-Lage, Fazit: Das Ergebnis des Diesel-Gipfels ist also eine staatlich tolerierte Anarchie. Gesetze, Verordnungen, Normen und Grenzwerte existieren zwar auf dem Papier, haben aber keine Bedeutung, wenn sie von industriell übergeordnetem Interesse sind.

Das hört sich wieder nach Verschwörung an: Was nicht sein darf, kann nicht sein – Es werden nur ausgesuchte Hersteller belangt – Die Sache wird unsachlich aufgebauscht – Die realen Verhältnisse geraten außer Sicht.

Würdigung der Argumente

Was hier zusammengetragen ist, soll keine Entschuldigung sein für Täuschung statt Forschung. Sowas muss genauso als Betrug gelten wie Doping statt Training beim Sport. Aber aus den verschleierten Werten eine Weltuntergangsstimmung zu konstruieren, oder wenigstens ein Diesel-Armageddon, ist fehl am Platz.

Was allerdings angebracht wäre, ist eine Haftbarmachung derjenigen, die für all den Unverstand verantwortlich sind. Das fordert z.B. der Artikel Managergehälter – Auch VW-Vorstände sollen Boni zurückzahlen (Der Tagesspiegel 21.11.16): Millionengehalt trotz Abgasskandal: Aktionärsschützer fordern bei Volkswagen eine mögliche Rückforderung von Managerboni.

Wie groß muss die Unfähigkeit vom VW-Management sein, wenn es lieber Milliarden abdrückt statt mit Testreihen von Konkurrenzfahrzeugen zu belegen, dass VW nicht schlimmer ist? Und warum laviert man immer noch um die ordnungsgemäße Bereinigung der Schmutzaffäre herum, wo es doch die SCR-Technik gibt, die 90% der NOx rausfiltert?

Das kostet 1500 Euros pro Fahrzeug. Zum Vergleich: Der Ex-VW-Boss Winterkorn kassiert eine Betriebsrente von 3100 Euros pro Tag.

 

Links von NDS, SZ und wb dazu:




Neue Möglichkeiten für Lügendetektoren werfen ethische Fragen auf


meditation-1000056_1280Die Zukunft gewährt neue Zugänge zur Lügeneliminierung. Speziell im Bereich der gerichtlichen Wahrheitsfindung kann der Lügenapparat der Angeklagten (und Ankläger) ausgehebelt werden, indem das Hirn direkt gescannt wird. Man stellt die Fragen und lokalisiert die Hirnaktivitäten – dabei wird der Unterschied im Magnetresonanzbild sichtbar. Die Hirnareale werden unterschiedlich aktiviert (Bild: johnhain, pixabay)

Die Frage ist nicht mehr, Kann man das? sondern Darf man das verwenden?

Ein Artikel, der sich damit auseinandersetzt, heißt If a brain can be caught lying, should we admit that evidence to court? Here’s what legal experts think (THE CONVERSATION 2.8.). Gleich eingangs wird festgestellt, dass die Genaugikeit des Gehirnlesens (“mind reading technology”) zunimmt.

Verschiedene Methoden werden genannt, mit denen falsche Angaben oder zurückgehaltenes Wissen erkannt werden können. Dabei gibt es große Unterschiede – der herkömmliche Lügendetektor ist gegenüber den neuen Methoden primitiv. Er testet physische Reaktionen, Herzschlag, Blutdruck, Pupillenweitung, Schweißabsonderung.

Dagegen wirken die neuen Methoden mit Magnetresonanzbildern sehr modern, denn sie schauen direkt ins Hirn und erkennen dort "Signaturen" fürs Lügen. Die Namen für solche Scans sind “brain fingerprinting”, “guilty knowledge tests” oder “concealed information tests”. Sie unterscheiden sich vom klassischen Lügendetektor. Mit ihrem Anspruch, die "Fingerabdrücke von Wissen" zu entschleiern, wollen sie die ganzen Informationsfragmente einzeln abprüfen und so die Wahrheit herausdestillieren.

Wenn also jemand mit der Frage gelöchert wirtruth-2069843_1280d, Haben Sie Ihre Frau geschlagen? hebt sich der Wissensbereich von Schlagen im Detail hervor. Was allerdings bei Trickfragen passiert, wie etwa Haben Sie aufgehört, Ihre Frau zu schlagen? wird nicht gesagt – eine Art Kernschmelze wahrscheinlich (Bilder: GDJ, pixabay).

Die neue Technik sammelt elektrische Hirnimpulse durch die Schädeldecke ("scalp") mittels Elektroenzephalografie (EEG). Dabei wird ein "P300-Signal" erkannt, das ein Indikator für Antwortreaktionen des Hirns auf Fragen oder visuelle Stimuli ist. Es indiziert die Erkennung von bestimmten Informationsstücken.

Zur Kontrolle enthält der Test auch neutrale Fragen, die keine solchen Reaktionen hervorrufen, während andere gezielt nach einzelnen Wissensstücken sondieren. Das P300-Signal kommt laut Artikel typischerweise nach 300 bis 800 Millisekunden, und das ist zu schnell für die Lügner, um es zu verbergen. Indem die Sondierungen den Fokus auf jene Wissensbereiche setzen, die nur der Schuldige besitzen kann, wird die Entschleierung bewirkt. Der Test geht beim Schuldigen positiv ("accurate") aus. Die Fürsprecher dieser Methode sind davon überzeugt, dass viel mehr Beweiskraft darin steckt als bei normalen Befragungen durch Menschen.

Die Frage ist nun, Wenn die Methode zuverlälssig verborgenes Wissen über krimninelle Akte zum Vorschein bringt, darf sie dann vor Gericht angewendet werden?

Vor britischen Gerichten ist sie noch nicht zulässig und wird es womöglich auch niemals sein. Andere Jurisdiktionen sind nicht so zurückhaltend und erlauben die Methode, z.B. Indien. Ein indischer Mordfall wird genannt, wo die Hirnreaktionen auf die Täterin hinwiesen, von der Planung über den Kauf von Arsen bis zur Ausführung des Mordes. Sie wurde verurteilt, nach heftiger Diskussion wurde das Urteil jedoch aufgehoben.

Das bedeutet keine generelle Ablehnung dertruth-2069846_1280 Methode. Das indische Obergericht will sie weiterhin für Freiwillige zulassen. Zur Argumentation zählen auch weiter gefasste Gründe, aus denen Wissen zurückgehalten werden kann. Wer nichts mit dem Verbrechen zu tun hat, kann immer noch lügen.

Dann geht es darum, andere zu schützen oder illegale Verbindungen zu verbergen. Der Test liefert dann Aufklärung, es geht es um Wissen, nicht um Schuldfeststellung. US-Forscher haben nun untersucht, inwieweit gehirnbasierte Beweise einen unzulässigen Einfluss auf Juries ausüben können oder eine Vorverurteilung verursachen würden. Das hielten die Forscher möglicherweise für übertrieben. Mag sein, dass Juroren beeinflusst werden, im Sinne von Schuld oder Unschuld, aber andere Beweise wiegen schwerer, Motiv oder Gelegenheit.

Wenig überraschend, findet der Artikel. Es kommt eben auf den Zusammenhang an, in dem neurowissenschaftliche Beweise vor Gericht eingebracht werden. Sie können zu einem Fall beitragen, aber nur in Abhängigkeit von der Beweislage insgesamt. Der Ausgang des Verfahrens wird nicht von den Neuro-Beweisen allein bestimmt, auch wenn die gelieferte Information noch so signifikant ist.

Der Fortschritt geht aber weiter. Die Technik der Gedächtniserkennung ("memory detection technologies") wird besser. Auch wenn sie genauer wird – wie auch immer man "accurate" definiert -, muss sie nicht automatisch vor Gericht zugelassen werden. Das müssen die Betroffenen ausdiskutieren. Die Gesellschaft als ganzes und die Rechtspflege im speziellen müssen entscheiden, ob das Gedächtnis privat bleibt, oder ob die Bedürfnisse der Justiz das Eindringen in die Privatsphäre rechtfertigen. Der Schlußsatz: Unsere innersten Gedanken wurden immer als privat angesehen; sind wir bereit, sie zugunsten der Rechtspflege aufzugeben?

 

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