Mythos Integration


„Eine Korrektur“ möchte Rainer Oechslen, Islambeauftragter der bayrischen Landeskirche, am Begriff der „Integration“ vornehmen. Er meint, erst eine „Richtigstellung der Begriffe“ erlaube nach Konfuzius eine gute Regierung. Allerdings gewinnt man bei Lesen seines Artikels, in dem er mit den sechs Mythen der Integration aufräumen will, eher den Eindruck, als sollten hier Wörter verbogen werden mit dem Ziel, jedwede Integration der Zuwanderer in Deutschland generell überflüssig zu machen. Er sagt zwar ausgesprochen wortreich, was alles nicht Integration bedeute, und das mit einer teilweise Schwindel erregenden Faktenakrobatik, gibt aber nirgendwo einen einzigen Hinweis darauf, wie Integration sich denn nun abzuspielen habe. Doch schauen wir uns seine „Mythen“, hier veröffentlicht, in kleinen Auszügen aus der Nähe an:

1. Mythos: Integration heißt Assimilation

Häufig wird in der gegenwärtigen Debatte gesagt, Zuwanderer müssten sich 'anpassen' oder 'angleichen'. Fragt man nach, was das bedeutet, so kann man etwa hören, dass muslimische Frauen kein Kopftuch tragen sollten. Derlei hat mit Integration nichts zu tun.

Die völlige Angleichung von neuen Mitgliedern einer Gruppe oder Gesellschaft an die bisher herrschenden Sitten und Ideen nennt man Assimilation. Diese von Zuwanderern zu verlangen würde bedeuten, dass sich Zuwanderer von ihren Wurzeln abschneiden und auf ihre kulturelle Identität verzichten müssen.

Er benutzt also, nur unwesentlich umschreibend, genau das Argument Erdogans, dass Assimilation ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei. Mithin hat Deutschland dieses Verbrechen in seiner Geschichte schon des Öfteren begangen. Die Nachfahren der Polen, Italiener, Spanier, Griechen und so weiter müssen sich also umgehend diskriminiert fühlen, weil sie die Frechheit hatten, sich in die Aufnahmegesellschaft nicht nur zu integrieren, sondern in ihr aufzugehen, ja, sich mit ihr auch genetisch zu vermischen, so dass außer bei den Namen nichts mehr von der ehemaligen Fremdartigkeit zu spüren ist. Das Kopftuch ist eben nur das äußere Merkmal der mangelnden Integrationsbereitschaft und nicht kulturelle Folklore, die man den Zugewanderten natürlich zugestehen muss. Also hat es sehr wohl mit Integration zu tun, auch wenn es Herrn Oechslen ganz und gar nicht schmeckt.

2. Mythos: In Deutschland spricht man Deutsch
Zweisprachigkeit in Deutschland keine Seltenheit: Sogar zweisprachige Ortsschilder gibt es in der Gegend von Cottbus/ChóĹ›ebuz. Bis 1918 lebte im Deutschen Reich eine große polnische Minderheit. Natürlich bedarf es zur Kommunikation in einer Gesellschaft einer gemeinsamen Sprache. Aber auch hier muss man irrige Vorstellungen korrigieren.

Deutschland war auch vor den Zuwanderungswellen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts kein sprachlich einheitliches Land. Es gibt zwar eine einheitliche Landessprache, aber die sorbische Minderheit im Südosten und die Dänen im Norden pflegten und pflegen ihre Muttersprachen neben dem Deutschen.

Er findet es nicht einmal peinlich, auf die Viersprachigkeit der Schweiz hinzuweisen, und merkt nicht, dass ihn dies und die oben genannten Beispiele auf sehr glattes Eis führen. Die Schweiz in ihrer heutigen Form ist bereits als viersprachiges Gebilde zusammengewachsen, die Sorben und Dänen sind so zu sagen Opfer deutscher Landnahme in der Vergangenheit. Der Vergleich wäre also nur dann passend, wenn im Laufe der Geschichte Deutschland Teile der Türkei oder Nordafrikas annektiert hätte. Dann sollte diesen Landesteilen sehr wohl eine offizielle Zweisprachigkeit zugestanden werden. Oder stellt sich Herr Oechslen vor, wir sollten gleich ganze Regionen in Deutschland als Türkisch, Arabisch oder sonst wie deklarieren, nur damit seiner hinkender Vergleich auf die Beine kommt? Und wenn dies die geeignete Form von Integration sein sollte, warum schlägt er solche Regionen nicht auch für die Ex-Polen, Ex-Italiener etc. vor? Ach ja, ich vergaß: an diesen ist das „Menschenrecht“ bereits vor langer Zeit vorbeigeschlittert.

3. Mythos: Die Deutschen integrieren sich im Ausland ohne weiteres

Bekanntlich sind im 19. Jahrhundert in immer neuen Wellen Deutsche in die Vereinigten Staaten von Amerika ausgewandert. Zwischen 1850 und 1914 kamen etwa fünf bis sechs Millionen in die neue Welt. 'Ghettobildung' war völlig normal. In New York gab es ein "Little Germany" mit deutscher Kirche, deutschem Metzger, deutschem Bäcker, deutscher Zeitung.

Auf dem Land gab es nicht nur deutsche Dörfer, die etwa "Frankentrost" oder "Frankenmuth" hießen und heißen. Es gab ganze deutsche Landkreise. Man verlangte für die Schulen in diesen Landkreisen ausschließlich deutsche Lehrer und unterrichtete weitgehend nach deutschen Lehrplänen.

Und wieder verwechselt Oechslen (mit Absicht?) Äpfel mit Birnen. Im 19. Jahrhundert suchte dieses große, weitgehend menschenleere Land fast schon verzweifelt Siedler, die das Land urbar machten. Deutsche waren hochwillkommen, da sie als besonders fleißig und anspruchslos galten. Natürlich wurden ihnen in abgeschlossenen Regionen zunächst Sonderrechte eingeräumt, die sich Stück um Stück verloren. Der falsche Vergleich beruht aber im Wesentlichen darauf, dass heute im Gegensatz zum 19. Jahrhundert eine erheblich größere Mobilität herrscht und auch aus wirtschaftlichen Erwägungen durchaus wünschenswert ist. Mit der Mobilität beginnt auch automatisch die Durchmischung und damit die schreckliche Assimilation. Es ist doch erstaunlich, dass die nach dem zweiten Weltkrieg ausgewanderten Deutschen niemals dieselben Sonderrechte erlangten und verlangten, wie sie den frühen Siedlern zugestanden wurden. Sollten wir also den Einwanderern in Deutschland unbesiedelte Landschaften zur Urbarmachung zur Verfügung stellen, damit wir Oechslens „Gedankengang“ nachvollziehen können? Eine abstruse Vorstellung.

4. Mythos: Haupthindernis für die gesellschaftliche Integration ist der Islam

Ist es nicht erstaunlich, welch prägende Kraft man von interessierter Seite der Religion der Muslime zuschreibt, während man andererseits meint, die gesellschaftliche Bedeutung des Christentums liege nunmehr seit Jahrzehnten im Schwinden? Läge es nicht viel näher, bei Muslimen wie Christen die Religion als einen Identität stiftenden Faktor unter anderen anzusehen?

Das ist alles, was Oechslen zur Religion zu sagen hat. Er stellt sich schlicht nicht einmal die Frage, warum denn wohl das weitgehend zur Folklore mutierte Christentum keinesfalls mit dem Ideologiesystem Islam verglichen werden kann. Wir begegnen hier einmal mehr der üblichen Gedankenlosigkeit, die in unseren etablierten Kirchen vorherrscht, der Islam sei schließlich auch nur eine Religion wie das Christentum. Damit ist das Thema Religion für Oechslen auch bereits abgehakt und er wendet sich den „wahren“ Ursachen der Abschottung zu.

Das entscheidende Hindernis für die volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist bei Muslimen genau wie bei anderen Zuwandern und bei Alteingesessenen ein geringes Einkommen und eine niedrige formale Bildung.

Sollen die Arbeiter aus Ostanatolien, die ihr Heimatdorf bei der Ausreise nach Deutschland zum ersten Mal verlassen haben, auf einmal die FAZ lesen oder im Restaurant Filet Bourguignon bestellen, um zu beweisen, dass sie sich nicht in einer Parallelgesellschaft abschotten?

Ich bin nicht bereit, einen solchen offenkundigen Unsinn (unter verschiedenen Aspekten!) mit einem Kommentar zu bedenken. Der Absatz spricht für sich, aber gegen den Urheber. Doch schließlich kommt Oechslen so ganz nebenbei noch einmal auf das Thema Religion zurück.

Natürlich spielt auch die Religion eine Rolle, aber oft erst sekundär: wenn etwa Leute, die sich in Deutschland fremd fühlen, in eine Religion flüchten, die ihnen früher gar nicht soviel bedeutet hat, nun aber ein wenig Halt bietet.

Dabei kommt ein sehr strenger religiöser Orientierungsrahmen dem Bedürfnis nach Geborgenheit unter Umständen entgegen. Man spricht dann von 'Fundamentalismus' – aber eigentlich geht es um Komplexitätsreduktion: Eine als unübersichtlich und bedrohlich empfundene gesellschaftliche Wirklichkeit soll vereinfacht werden.

Es geht also, das lernen wir nun, um „Komplexitätsreduktion“, um Flucht in die Religion angesichts der bösen Mehrheitsgesellschaft. Oechslen kommt nicht einmal auf die Idee, dass er Ursache und Wirkung hemmungslos vertauscht. Erst die von Beginn an vorhandene Verachtung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft mit ihren als skandalös empfundenen Sitten und Bräuchen verhindert jeden Ansatz zur Integrationswilligkeit und –fähigkeit. Wer sich nicht vermischen will, kann sich auch nicht vermischen, da kann die Gemeinschaft der hier bereits länger Lebenden so viele Integrationsanstrengungen unternehmen wie sie will. Hinzu kommt der unabdingbare Wunsch, die Deutschen hätten sich geflissentlich den Moralvorstellungen einer im Mittelalter stecken gebliebenen Ideologie anzupassen, und nicht etwa umgekehrt. Solche Forderungen sind offensichtlich noch nicht bis in die Kirchenspitzen vorgedrungen, und wenn, dann werden sie gar noch als gerechtfertigt empfunden, weil man unter Strich für das Christentum Gleiches anmahnt.

Den nächsten Punkt kann man aufgrund nunmehr gelebter Praxis nur unterstreichen, er reflektiert allerdings Vergangenes, das keinen Bezug mehr zur heutigen Situation hat. :

5. Mythos: Deutschland ist kein Einwanderungsland

Der Satz "Deutschland ist kein Einwanderungsland" ist eine langjährige Lebenslüge der deutschen Politik. Er wurde von manchen Politikern auch dann noch bis zum Überdruss wiederholt, als das Gegenteil bereits mit Händen zu greifen war.

Doch kommen wir zum sechsten und letzten Mythos des Herrn Oechslen :

6. Mythos: Integration ist eine Bringschuld der Zuwanderer

Die Rede von den "Integrationsverweigerern" ist verräterisch. Denn damit sind ja stets Migranten gemeint. Sie "verweigern" – so sagt man – die Integration, indem sie z.B. nicht ausreichend Deutsch sprechen oder ihre Kinder nicht zur Schule schicken. In Wahrheit ist Integration ein Veränderungsprozess, der 'neue' und 'alte' Mitglieder einer Gesellschaft betrifft.

Wiederum wird die „Schuldfrage“ schlicht umgekehrt. Die ‚alten’ Mitglieder sind die „Integrationsverweigerer“, und da sie zahlenmäßig um ein Vielfaches schwerer wiegen, muss natürlich auch ihre Schuld größer sein. Welch groteske Verdrehung der tatsächlichen Gegebenheiten!

Natürlich dürfen in einer solchen Darstellung auch die Angriffe auf Alice Schwarzer und Thilo Sarrazin nicht fehlen. Es wäre ja sonst unvollständig.

Vieles wurde erreicht. Und nun, im siebten Jahrzehnt ihres Lebens, begegnen Frau Schwarzer massenhaft Frauen und Mädchen mit Kopftuch, das sie nicht anders verstehen kann, denn als Symbol der Unterdrückung.

Und Thilo Sarrazin: Auf einem Podium in München nannte man ihn einen "Kleinbürger, der mit einer ungeordneten Welt nicht klarkomme". Das trifft die Sache recht genau. Aber das "gediegene Münchner Bürgertum" tobt vor Wut, als man sein neues Idol angreift (SZ vom 1.10.10). Hier meldet sich Verweigerung zu Wort, Weigerung eine neue gesellschaftliche Wirklichkeit zu akzeptieren, Ablehnung eines Lern- und Veränderungsprozesses, von dem man doch dunkel ahnt, dass er unvermeidlich ist.

Ich möchte dem nur hinzufügen, was ich selbst von Frauen denke, die mir mit Kopftuch entgegen treten (und ich sage dies auch laut in „meinem“ Land). Ich empfinde dieses religiös verbrämte Outfit als Provokation, als Beleidigung meiner Intelligenz, weil ich genau weiß, was diese Frau mir gegenüber zum Ausdruck bringen will: Ich trage dieses Kopftuch, weil Du ein mieses Schwein bist, das mich sofort vergewaltigen würde, sobald ich es ablege. Ich finde, dass mich dieser Satz durchaus beleidigt.