Zwischen Moschee und Moderne - Von Kantomas


Mein Vater und meine Mutter kamen Anfang der siebziger Jahre ins gelobte Land, genannt Deutschland, obwohl es ihnen in der Türkei nicht unbedingt schlecht ging. Ich weiß nicht, wie weit es stimmt, aber angeblich sollen sie mit Trompeten und Posaunen am Bahnhof empfangen worden sein.

Nachdem er einige Jahre bei BMW in München gearbeitet hatte, holte er mich, meinen Bruder und meine ältere Schwester 1978 nach. Ich war acht Jahre alt.

Fast zeitgleich zogen wir nach Hamburg, wo er einen Arbeitsplatz bei Mercedes bekam. Später machte er sich selbständig und machte einen Lebensmittelladen auf. Er war sehr fleißig. Ein Arbeitstier durch und durch. Ein religiöser Mensch, der fünf Mal am Tag betete, genauso wie meine Mutter auch.

Im Laufe der Jahre kamen noch zwei weitere Brüder auf die Welt. Mein Vater sorgte dafür, dass wir genug zu Essen hatten, und meine Mutter war vollauf mit uns beschäftigt. Es war nicht leicht für sie, fünf Kinder groß zu ziehen, zumal es ihr auch an Durchsetzungskraft fehlte. Mein Vater war da anders gestrickt. Eine sehr autoritäre Person. Hin und wieder gab es Prügel, wenn wir unartig waren. Ich denke, anders waren wir auch nicht wirklich in den Griff zu bekommen. Meine Mutter hat er nie geschlagen. Wer das Sagen im Haus hatte, war allerdings unumstritten. Ansonsten kamen sie gut miteinander aus. Es war eine klassische Rollenverteilung.

Wir mussten alle in die Koranschule. Eine Wahl gab es nicht. Wir konnten zwar unseren Unmut darüber ausdrücken, aber eine richtige Wahl gab es nie. Vater hatte im Notfall die "schlagenden" Argumente auf seiner Seite. Ich ging sehr ungern hin. Ich hätte lieber auf der Strasse Fußball gespielt. Die Koranschule war ein großes Kellergeschoss, und im Winter sehr schwer, warm zu halten. Man fror mit 50-100 Kindern stundenlang, und musste Koransuren in arabischer Schrift lesen und auswendig lernen. Man hat nicht verstanden, was man da gelesen hat. Nebenbei gab es auch theoretischen Unterricht.

Diskussionen waren eher die Ausnahme als die Regel. Man könnte in Kurzfassung eigentlich sagen: "Wenn du das und dies tust, kommst du in den Himmel. Wenn du aber dies und jenes tust, wirst du in der Hölle schmoren." Ich ging wirklich ungern hin, und ertrug es eher. Doch diese permanente Indoktrinierung wirkte nach einiger Zeit. Die Angst vor der Hölle, war bei mir größer als die Aussicht auf den Himmel, weil ich es sehr lästig fand, fünf mal am Tag zu beten. Prügel gab es auch zur Genüge, wenn man zu laut war.

Schließlich hatten die Lehrer (Imame) von den meisten Eltern einen Freifahrtschein bekommen. Ich kann mich noch erinnern, wie mein Vater, das erste Mal, als er mich zum Koranunterricht gebracht hatte, zum Hodscha sagte: "Sein Fleisch gehört dir, seine Knochen mir". Oder auf türkisch: "Eti senin, kemigi benim." Damit gibt man dem Hodscha sämtliche Vollmachten, alles zu tun, damit er Einem die Religion auch gut beibringt. Prügel mit einbezogen.

In der Moschee wurde nicht gegen Christen gehetzt. Man sah sie eher als Geschöpfe an, die vom wahren Weg abgekommen waren, weil ihr Buch im Laufe der Zeit von den Ungläubigen verfälscht wurde. Auch gegen Juden wurde nicht gehetzt. Das lag daran, dass die Moschee der Diyanet, der türkischen Religionsbehörde unterstand, und bestimmte Vorgaben hatte, was unterrichtet werden darf. Die "DITIP" untersteht heute der "Diyanet" – soweit ich das weiß. Sie vertritt türkische Interessen, ist aber verglichen mit anderen Vereinen, wie "Milli Görüs", doch sehr moderat, und sorgt dafür, dass sich keiner gegen den Staat stellt, weder den türkischen noch den deutschen. Jedenfalls war es damals so.

Die "Milli Görüs" betrachtete man sehr argwöhnisch. Auch Hadithen, die heute in islamkritischen Blogs auftauchen, wurden nicht gelehrt. Es ging viel mehr um das gute Wirken Mohammeds. Auch Geschehnisse, wie Kriege zur Zeit Mohammeds wurden historisch betrachtet und nicht als Anleitung für die heutige Zeit verstanden. Doch es ist nicht wirklich nötig, dass man gegen jemanden hetzt. Allein schon durch die Abgrenzung zu Ihnen, bekommt man das Gefühl, dass man selbst und sein Glaube etwas Besonderes ist, und man sieht den anderen eher von oben herab. Man bekommt ein Überlegenheitsgefühl, oder zumindest sieht man den anderen als ein Geschöpf, das Hilfe benötigt, um den richtigen Weg beschreiten zu können. Ich denke, dass passiert nicht nur, wenn man sich zu einer Religion oder Ideologie bekennt. Jede Art von Abgrenzung hat den gleichen Effekt. Zumindest bei den meisten.

Ich habe meinen Vater trotz allem sehr geliebt. Er gab mir immer das Gefühl, dass er mich liebt, und alles nur für mich tut. Das hat er wirklich gedacht. Er wusste es einfach nicht besser. Ansonsten hatte ich ein sehr gutes Verhältnis zu ihm. Ich habe ihn mein Leben lang bewundert. Wir mussten zwar alle in die Koranschule, um unsere Religion kennen zu lernen, aber er hat keinen von uns je genötigt, fünf mal am Tag zu beten. Er hätte es zwar gern gesehen, aber sogar meine  ältere Schwester musste kein Kopftuch tragen. Meine Mutter trug es freiwillig. Auch zum Fasten hat er keinen von uns gezwungen. Doch bei Schweinefleisch hätte er sicherlich auf den Putz gehauen. Da bin ich mir sicher. Das war jedoch nie ein Thema.

Übrigens esse ich selbst heute kein Schweinefleisch. Der anerzogene Ekel sitzt zu tief. Ich bekomme es nicht raus. Tut mir leid!  Also vermeide ich es. Abgesehen davon hat er uns alle durchgebracht, ohne Sozialhilfe zu kassieren. Fünf Kinder können sehr teuer sein. Er sagte mir mal: "Junge, Sozialhilfe ist nur für Menschen gedacht, die eine körperliche Behinderung haben und keiner Arbeit nachgehen können."

Meine Zweifel, die auch vorher schon da waren, nahmen als ich 19 Jahre alt war die Oberhand. Die Evolutionstheorie, die mich ziemlich überzeugte, drang immer mehr aus meinem Unterbewusstsein und forderte mich heraus. Ich versuchte zwar davor schon, mir Theorien auszudenken, wie ich meine Religion passend zur Evolutionstheorie zurechtzimmern konnte, doch ich wusste gleichzeitig, dass ich mir da etwas vormache, auch wenn ich es unterdrückt habe. Mit 19 klappte es nicht mehr.

Ich beschäftigte mich mit anderen Religionen, unter anderem dem Buddhismus, der mir eine Zeit lang ziemlich zusagte. Ich versuchte es mit Meditation und esoterischem Kram.

Da habe ich auch einige sehr interessante Erkenntnisse gewonnen. Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wie ein Mensch, der gewisse Erfahrungen macht, glauben kann, dass man mit Gott in Verbindung getreten ist. Und wenn er von Natur aus nicht ein Zweifler ist, oder sich ein bisschen mit Wissenschaft beschäftigt, könnte man nach diesen Erfahrungen wirklich versucht sein, eine Religion zu gründen, oder glauben, dass der Allmächtige sich einem gezeigt hat.

Doch im Grunde ist das alles totaler Blödsinn. Da werden bestimmte Botenstoffe und Synapsen durch die Medidationsübungen angeregt, und man deutet irgendwelche Halluzinationen als Gotteserfahrung. Die Wissenschaft hat diesen Vorgang zur Genüge geklärt. Im Grunde haben mir die Erfahrungen von damals meinen Weg zum Agnostizismus geebnet. Ich machte mich auf den Weg, Gott zu finden, und wurde endlich ein freier Mensch, ohne jegliche religiöse Vorstellungen und Dogmen, und von Gott war weit und breit nichts zu sehen.

Ich bezeichne mich heute als Agnostiker und bin der Meinung, dass man den "fundamentalen Islam" aus Deutschland unbedingt verdrängen muss. Die grösste Errungenschaft der westlichen Welt ist meines Erachtens die Demokratie. Sie muss verteidigt werden. Die Sharia hat in Deutschland nichts zu suchen. Allerdings distanziere ich mich dabei von jeder hetzerischen und menschenverachtenden Vorgehensweise. Ich hoffe, dass irgendwann Kulturmoslems – Hand in Hand mit den Einheimischen – den Kampf aufnehmen. Man darf dabei nicht verallgemeinern und muss unbedingt differenzieren. Normal Gläubige dürfen nicht als Angriffsziel gesehen werden.

Meine zweite Frau, die ich vor einigen Jahren kennen gelernt habe, könnte man auch als Agnostikerin bezeichnen. Wir fasten nicht, wir beten nicht. Wir essen allerdings beide kein Schweinefleisch. Unsere Tochter wird sehr frei erzogen werden. Sie wird im Mai drei Jahre alt und spricht nur Deutsch. Türkisch kann sie nur ein bisschen verstehen. Das liegt daran, dass wir zu Hause fast nur deutsch reden. Meine Frau beherrscht die deutsche Sprache ausgezeichnet. Mit der türkischen hapert es bei ihr ein bisschen. Ich kann beide Sprachen akzentfrei und einigermaßen gut.

Einer meiner Brüder könnte als Atheist durchgehen. Zwei andere bezeichnen sich als Moslems, würden aber als sehr moderat durchgehen. Sie fasten beide, essen kein Schweinefleisch, haben aber eine Moschee das letzte Mal vor 10 Jahren von innen gesehen. Ihre Frauen tragen kein Kopftuch und gebetet wird vielleicht nur dann, wenn man etwas von Gott will. Meine Schwester ist im Moment auf einem esoterischen Trip. Mit meinem Vater habe ich heute ein sehr gutes Verhältnis. Er hat akzeptiert, dass sein Sohn ein Ungläubiger ist. Es hat seine Zeit gedauert, bis ich mich durchgesetzt habe. Er betet manchmal für mich, damit mich Gott auf den rechten Weg bringt. 

Mit den meisten Gläubigen habe ich keine Probleme. Sie kennen meinen Standpunkt und ein Anschlag auf mich scheint derzeit nicht geplant zu sein, und gemieden werde ich auch nicht. Die meisten kommen sehr gut damit aus, wenn man sich nicht über sie lustig macht, oder überheblich rüberkommt. Ich muss jedoch dazu sagen, dass ich nicht grade in Kreisen verkehre, die man als fundamentalistisch bezeichnen könnte.

Eine schlechte Erfahrung, wenn man sie denn so bezeichnen kann, habe ich mit einem Gläubigen gemacht, den meine Frau und ich im Urlaub kennen gelernt haben. Das Paar kam zufälligerweise auch aus Hamburg. Die Frau war ziemlich modern und kleidete sich auch sehr freizügig. Wir haben uns alle sehr gut verstanden und es war ein schöner Urlaub. Die Chemie hat irgendwie gepasst und wir wollten uns in Hamburg öfters treffen. Am letzten Tag kam das Gespräch irgendwie auf Religionen. Ich habe meinen Standpunkt erklärt und gemerkt, dass der Mann ein Problem damit hatte. Die Ablehnung meines Standpunktes, nach dem ersten Schock seinerseits, konnte er im ersten Moment nicht unterdrücken und verhielt sich auch den Rest des Abends distanziert. Wir hatten zuvor fest abgemacht, dass wir uns öfters in Hamburg besuchen werden. Doch aus diesen Treffen wurde nichts.

Wirklich schlechte Erfahrungen mit tief religiösen Moslems habe ich im Internet gemacht. Ich empfand sie als sehr beschränkt und ich muss zugeben, dass ich teilweise bei deren Ansichten wirklich Ekel empfand. Sie sind für Argumente nicht zugänglich. Von einer kritischen Betrachtungsweise ihrer Religion keine Spur. Dasselbe kann ich allerdings auch über tief religiöse Christen und Juden behaupten. Sie schenken sich wirklich nichts, außer das sie teilweise gebildeter wirkten. Doch die Hasssoftware im Gehirn ist absolut identisch.

Ich entdeckte, dass der Agnostizismus mein Empfinden am besten beschreibt. Also bezeichne ich mich als Agnostiker. An ein persönlichen Gott oder irgendwelche Religionen kann ich auf keinen Fall glauben. Doch kann ich die Möglichkeit einer Energie, Macht, Intelligenz oder einem Wirken, das die Evolution in Gang gesetzt hat, nicht komplett ausschließen.

Es ist mir auch irgendwie egal geworden. Ich lebe mein Leben und wenn ich tot bin, sehe ich dann weiter, oder auch nicht. Ich denke, ich bin am Ende meiner Suche angekommen.

Und es fühlt sich gut an.

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

Das Titelbild (Bosporus-Brücke) ist Wikipedia entnommen. Die Moschee in Bagdad stammt aus der Sammlung von Roger McLassus (mit freundlicher Genehmigung). Die restlichen wurden im CERN aufgenommen.




Lernen S’ Geschichte, Herr Reporter! – Bruno Kreisky, Episoden einer Ära


KreiskyRezension: Dr. Gerfried Pongratz: Zeitgeschichte, verbunden mit tiefen Einblicken in das Leben und die politische Bedeutung der großen Persönlichkeit Bruno Kreisky. Ulrich Brunner:

„Lernen S’ Geschichte, Herr Reporter! – Bruno Kreisky, Episoden einer Ära

© 2020 Ecowin Verlag bei Benevento Publishing Salzburg – München, ISBN 978-3-7110-0263-1

 

Lernen S’ a bisserl Geschichte…“ ein seit Jahrzehnten geflügeltes Wort in Österreich; ein Zitat, ein Diktum, das im sonor schleppenden Tonfall seines Sprechers vielen Österreicherinnen und Österreichern – auch durch oftmalige audiovisuelle Wiederholung bedingt – nach wie vor im Ohr klingt. Bruno Kreisky, legendärer österreichischer Bundeskanzler von 1970 bis 1983 maßregelte damit am 24. Februar 1981 den österreichischen Journalisten Ulrich Brunner, der in einem Pressefoyer zu einer aktuellen Begebenheit gegen einen Vergleich des Kanzlers mit der historischen Situation der 1930er Jahre Bedenken angemeldet hatte.

 

Ulrich Brunner, 1938 in Wien geboren, war als loyaler Sozialdemokrat Setzer und später Redakteur der SPÖ-Blätter „Arbeiter-Zeitung“ und „Neue Zeitung“. 1975 wurde er Redakteur beim „Aktuellen Dienst“ des ORF, den er auch 5 Jahre leitete. Ab 1984 bekleidete er die Funktion des Chefredakteurs im Hörfunk und ab 1990 bis zu seiner Pensionierung war er Intendant des ORF-Landesstudios Burgenland. Das vorliegende Buch beschreibt seinen aus einfachen Verhältnissen kommend Lebensweg (Schriftsetzerlehre, Arbeitermittelschule, Werkstudent der Rechtswissenschaften, Korrektor, Journalist, Redakteur etc.) und zeichnet dabei – mit kritischen Reflexionen – die hautnah miterlebte Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie nach, wobei sich sein Blick besonders auf die Persönlichkeit Bruno Kreiskys und dessen Bedeutung fokussiert.

 

Kreiskys Leben war durch viele Brüche und Kränkungen gekennzeichnet. Das soll in diesem Buch nachgezeichnet werden. Es gibt meine ganz persönlichen Erfahrungen wieder, die ich als Journalist mit Bruno Kreisky gemacht habe… Es schmälert nicht die Verdienste des bedeutendsten Regierungschefs der Zweiten Republik, wenn man auch an den jähzornigen, ungerechten Kreisky erinnert… Ausgespart in diesem Buch ist der Außenpolitiker Kreisky. Auf diesem Feld hat er geradezu seherische Fähigkeiten bewiesen“ (S. 16).

 

Der wesentliche Inhalt des Buches erschließt sich bereits durch die Titel der Hauptkapitel – „Kreiskys Weg ins Kanzleramt, Kreisky und die Journalisten, Kreisky und die Macht, Kreisky und das Judentum, Das Ende der Ära Kreisky“ – und die Überschriften der sehr zahlreichen Unterkapitel; als kleine Auswahl seien genannt:

„Kreisky im Gefängnis, Der Einzelkämpfer, Kreisky und die „kleinen Leute“, Die Quadratur des Kreisky, Das Pressefoyer, Der Meister der präzisen Unschärfe, Der Nimbus des Unbesiegbaren, Der rastlose Politiker, Politik als Kunst des Möglichen, Kreisky und Androsch, Der charismatische Kreisky, Kein Leben ohne Politik, Die Juden in der Sozialdemokratie, Die Angst vor dem Antisemitismus, Die Wiesenthal-Affäre, Kreiskys Humor, Kreiskys jüdische Identität, Kreisky im Alter, der Narzisst, Das Ende.“

 

Bruno Kreisky beherrschte die Finessen der deutschen Sprache wie kein Kanzler vor oder nach ihm“ (S. 118). Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem sprengen, auch nur ansatzweise auf Einzelheiten der beschriebenen Ereignisse und politischen Entwicklungen der „Kreisky-Ära“ näher einzugehen. Der Autor bewundert Kreiskys sozialdemokratische Überzeugungen, seine Fähigkeiten, politisch vorausschauend zu denken und pragmatisch zu handeln, er beleuchtet aber auch kritisch Kreiskys Autoritätsansprüche und Unduldsamkeit, die dazu führten, dass er abweichende Meinungen oftmals als Insubordinationen wertete – was letztendlich auch zum beschriebenen Zitat (und Titel des Buches) führte (und womit Ulrich Brunner als Fußnote in die Zeitgeschichte einging).

 

„Es ist heute kaum mehr vermittelbar, wie stark Kreisky die Politik damals dominierte“ (S. 132); man konnte die Ehrfurcht vor ihm schon an der Körpersprache sehen, mit der sich ihm Gäste, Reporter, Parteigänger, aber auch oppositionelle Politiker näherten. In Diskussionen agierte er mit untrüglichem Instinkt; er benötigte keine Ratschläge von Spindoktoren, um die Oberhand zu gewinnen. Neben seiner schlagfertigen Sprachmächtigkeit hatte er dabei stets auch Tricks auf Lager – so wurde z.B. seine Brille vom Sehbehelf zum Kommunikationswerkzeug. Auch gelegentlich Unbeherrschtheiten verstand er gezielt einzusetzen.

 

Kreisky war ein begnadetet Erzähler und konnte, wenn ihm danach zumute war und er das passende Publikum fand, stundenlang Geschichten erzählen – und damit Geschichte lehren. Er baute dazu immer wieder geschickt auch Ereignisse aus der Zwischenkriegszeit ein; Ereignisse, die ihn mit dem Bürgerkrieg von 1934 und den danach folgenden Katastrophen geprägt hatten und ihm stets präsent waren.

 

Einige Kapitel des Buches, wie z.B. „Der Fall Schranz als Medienereignis“, „Kreisky und Bacher“, „Ex-Nazis in Kreiskys Regierung“, „Kreisky und die Schulden“, „Das Mallorca-Paket“ wie auch der lang andauernde Konflikt mit Androsch beleuchten auch die Schwächen und Fehleinschätzungen des „großen Kommunikators“. Aus heutiger Sicht ist besonders interessant, nachzuverfolgen, wie Kreisky bei seinen großen Reformvorhaben, z.B. in der „Fristenlösung“, in der „Frauenbewegung“, in der Aussöhnung mit der katholischen Kirche, bei der Gleichstellung der Frauen etc. taktisch vorging, Reformen anstieß und gemeinsam mit Christian Broda und Johanna Dohnal unter anderem im Familien- und Strafrecht Entwicklungen ermöglichte, die heute Selbstverständlichkeiten bilden.

 

Mit Lernen S’ Geschichte, Herr Reporter!“ legt Ulrich Brunner ein sehr persönlich geprägtes, aus nächster Nähe erlebtes Zeitzeugnis vor, das eine Fundgrube an Wissen zur österreichischen und europäischen Geschichte und damit älteren Leserinnen und Lesern auch zahlreiche „Aha-Erlebnisse“ bietet. Der Autor versteht es, pointiert humorvoll zu erzählen und ins Geschehen einzubeziehen. 2007, als der SPÖ-Vorsitzende Alfred Gusenbauer als Führer der stärksten Partei alle wichtigen Ministerien (Finanzen, Wirtschaft, Inneres, Äußeres) der ÖVP überließ, trat Ulrich Brunner, obwohl nach wie vor überzeugter Sozialdemokrat, nach 50 Jahren Mitgliedschaft aus der SPÖ aus; in einem langen Brief „Über das Elend eines Sozialdemokraten“ begründet er im Epilog des Buches diesen Schritt.

 

Ein mit zahlreichen Fotos ausgestattetes, in mehrfacher Hinsicht empfehlenswertes Buch zu einem wichtigen Abschnitt der österreichischen Zeitgeschichte, verbunden mit tiefen Einblicken in das Leben und die politische Bedeutung der großen Persönlichkeit Bruno Kreisky.

 

 

 

Gerfried Pongratz 7/2020




fowid über die Bundeswehr: Religion und Militärseelsorge


fowidWEIMAR. (fowid/fgw) Seit Aufstellung der Bundeswehr (1955) ist die Militärseelsorge ein integraler Bestandteil der Bundeswehr, der konzeptionell mit der „Inneren Führung“ verbunden ist. Seitdem hat sich die religiöse Situation in Deutschland stark verändert („Säkularisierung“). Die Frage ist, ob sich diese Veränderungen auch hinsichtlich der Aufgaben, der Anzahl der Militärgeistlichen und ihrer Finanzierung entsprechend verändert darstellt.

 

Historisches

Ein umstrittenes Thema, denn einerseits heißt es (pro Militär und Militärseelsorge) „Macht aus euren Pflugscharen Schwerter und aus euren Sicheln Spieße! Auch der Schwache rufe: Ich bin stark!" (Bibel, Joel 4,10) bzw. andererseits (contra Militär und Militärseelsorge) „Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen." (Bibel, Matthäus 26, 52), auch: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen." (Bibel, Micha 4, 3) oder wie es der Pazifist Martin Niemöller, Kirchenpräsident von Hessen-Nassau, es am 25.1.1959 sagte:

 

„Jede Ausbildung zum Soldaten und zu Führungspositionen in übergeordneten Kommandotruppen muss heute als eine hohe Schule für potentielle Berufsverbrecher bezeichnet werden."

 

Die evangelische Kirche in Deutschland hat eine starke pazifistische Tradition und nach dem wiederum verlorenen Weltkrieg war man sich einig, als auch der spätere Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß 1949 sagte: „Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfallen".

 

Dieser Frieden war beendet, als im Zuge der West-Integration auch Bundesdeutsche wieder zu den Waffen greifen mussten. Die Katholiken hatten damit keine Probleme, war doch bereits im Reichskonkordat von 1933 mit den „Nationalsozialisten" im Artikel 27 vereinbart worden, wie eine katholische Militärseelsorge zu organisieren sei. Die Evangelische Kirche in Deutschland hätte es dagegen fastzerrissen.

 

Es war nicht nur die generelle Weigerung weiter Kreise der evangelischen Kirche – nach „Nationalsozialismus" und Zweitem Weltkrieg -, überhaupt Waffen zu segnen, sondern auch die besondere Dienststellung der Priester im Militärdienst. Die (in anderen westlichen Demokratien übliche) Integration in militärische Strukturen wurde grundsätzlich abgelehnt. Man verhandelte und fand 1957 einen Kompromiss: Die Militärpfarrer sind inhaltlich der Kirche verpflichtet, formal aber (trotz Uniform im Manöver oder Kampfeinsatz) keine Soldaten, sondern Bundesbeamte auf Zeit. Unterstellt sind sie dem ‚Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr‘ – einer oberen Bundesbehörde. Diese Regelung hatte sich in der Folgezeit bewährt, da beide Seiten sehr vorsichtig miteinander umgingen, bis dann mit der Wiedervereinigung die ausgeprägt pazifistische Haltung der östlichen Gliedkirchen („Schwerter zu Pflugscharen") 1991 für große Unruhe innerhalb der EKD sorgte. Die östlichen Landeskirchen weigerten sich, die westlichen Militärseelsorgeverträge zuübernehmen.

 

Schließlich wurde – in bewährter evangelischer Tradition – eine „Übergangslösung" vereinbart, bei der die ev. Ost-Kirchen reguläre Pfarrer für die Militärseelsorge abstellten (die also keine Staatsbeamten auf Zeit waren), und das BMVg die Kosten dafür erstattete. 2004 wurde der evangelische Militärseelsorgevertrag dann für alle Landeskirchen verbindlich.

 

Einen Überblick zur Geschichte der Militärseelsorge in der Bundeswehr gibt der Forschungsbericht 83 des Sozialwissenschaftliches Instituts der Bundeswehr von Prof. Dr. Angelika Dörfler-Dierken : „Zur Entstehung der Militärseelsorge und zur Aufgabe der Militärgeistlichen in der Bundeswehr" aus dem Jahr 2008.

 

(…)

 

Rechtliches

Im Grundgesetz heißt es in Artikel140 in Verbindung mit Art. 141 der Weimarer Reichsverfassung:

 

„Soweit das Bedürfnis nach Gottesdienst und Seelsorge im Heer, in Krankenhäusern, Strafanstalten oder sonstigen öffentlichen Anstalten besteht, sind die Religionsgesellschaften zur Vornahme religiöser Handlungen zuzulassen, wobei jeder Zwang fernzuhalten ist."

 

Im evangelischen Militärseelsorgevertrag von 1957 wird in Artikel 3 bestimmt: „Für je 1500 evangelische Soldaten wird ein Militärgeistlicher berufen." Für die katholische Militärseelsorge gilt paritätisch dasselbe.

 

Ein katholischer Militärseelsorgevertrag wurde nicht als notwendig erachtet, da im Reichskonkordat von 1933 im Artikel 27 bereits alles geregelt ist. Diese Regelungen wurden im April 1986 durch die Apostolische Konstitution „SPIRITUALI MILITUM CURAE" und im November 1989 durch „Statuten für die Seelsorge in der deutschen Bundeswehr" (Apostolisches Breve „Moventibus quidem") ergänzt.

 

(…)

 

Nach einem fast acht Jahre dauernden Prüfprozess wurde im Frühjahr 2019 entschieden, die Militärseelsorge um einen jüdischen Anteil zu erweitern. Am 20. Dezember 2019 wurde der Staatsvertrag für die jüdische Militärseelsorge von der Verteidigungsministerin und dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland unterzeichnet. Am 28. Mai 2020 hat der Deutsche Bundestag diesen Staatsvertrag bestätigt, der für die rund 300 jüdischen Soldaten die Tätigkeit von 10 Militärrabbinern vorsieht.

 

Weitere Regelungen für muslimische Soldatinnen und Soldaten sind im Gespräch bzw. finden für Konfessionsfreie und Humanisten (mittlerweile rund 50 Prozent der Soldatinnen und Soldaten) nicht statt.

 

Religionszugehörigkeiten in der Bundeswehr

Die Klärung der Religionszugehörigkeiten der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr steht in dem Widerspruch, dass einerseits die Nennung der Religionszugehörigkeit freiwillig ist, d. h. nicht erfragt werden darf – entsprechend Grundgesetz Art. 140 in Verbindung mit Art. 136, Satz 3 der Weimarer Reichsverfassung, in dem es heißt:

 

„Niemand ist verpflichtet, seine religiöse Überzeugung zu offenbaren. Die Behörden haben nur soweit das Recht, nach der Zugehörigkeit zu einer Religionsgesellschaft zu fragen, als davon Rechte und Pflichten abhängen oder eine gesetzlich angeordnete statistische Erhebung dies erfordert."

 

Andererseits besteht seit 1934 in Deutschland die staatliche Anordnung des Eintrags der Religionszugehörigkeit für Mitglieder von Religionsgemeinschaften, die den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts haben, auf der Lohnsteuerkarte bzw. in den Steuerunterlagen. Insofern ist die Religionszugehörigkeit für diese Kirchenmitglieder bekannt bzw. feststellbar, was ja auch bei der Berechnung und Abführung der Kirchensteuer der Soldatinnen und Soldaten erfolgt.

 

(…)

 

Nach diesen Schätzungen gibt es (2020) Angehörige von 12 Religionsgemeinschaften, davon rund 300 jüdische und 3.000 muslimische Soldatinnen und Soldaten. Zu den Muslimen heißt es: „Diese seien jedoch eine sehr heterogene Gruppe mit sehr unterschiedlichem Hintergrund und nicht alle an Religiosität im Dienstalltag interessiert."

 

(…)

 

Humanistische Berater sind dagegen unerwünscht

Die Beschäftigung von säkularen Beratern für die größte weltanschauliche Gruppe, die Konfessionsfreien, sowie die Erteilung des Lebenskundeunterrichts durch Militärgeistliche ist umstritten und so heißt es in dem Bericht des Bischofs für die Evangelische Seelsorge in der Bundeswehr für die Synode 2006 unter der Überschrift „Auseinandersetzung mit dem Humanistischen Verband" (S. 33), dass Konfessionslosigkeit keine Weltanschauung sei.

 

„Anfang Juni 2006 hat der Humanistische Verband beim Bundesminister der Verteidigung Einspruch erhoben gegen das vom Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr und dem Katholischen Militärbischofsamt erarbeitete Konzept des Lebenskundlichen Unterrichts (LKU) mit dem Argument, der ausschließlich von den Militärpfarrern in der Bundeswehr erteilte Lebenskundliche Unterricht verstoße gegen die verfassungsmäßigen Grundsätze des religiös-weltanschaulichen neutralen Staates.

 

Der Humanistische Verband fordert deshalb, dass Pflichtunterricht für Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten nur durch staatliche Lehrkräfte, die nicht im kirchlichen Pflichtverhältnis stehen, erteilt wird.

 

Auf der Linie des Humanistischen Verbandes, der bestrebt ist, sich in der Öffentlichkeit als Weltanschauungsverband neben den Kirchen zu platzieren, steht weiterhin die Forderung, im Falle eines Festhaltens der Führung des Bundesverteidigungsministeriums am LKU müsse für die religionsfreien Bundeswehrangehörigen ebenfalls ein LKU ohne religiöse Bindung eingeführt werden, ‚wie er etwa vom HVD an Schulen in einigen Ländern angeboten wird‘.

 

Der HVD setzt sich weiterhin für ‚religionsfreie humanistische Berater‘ als Partner für sogenannte ‚glaubensfreie‘ bzw. ‚andersgläubige‘ Soldatinnen und Soldaten ein.

 

Gemeinsam mit dem zuständigen Referat im Verteidigungsministerium hält die Evangelische Seelsorge in der Bundeswehr dagegen.

 

Denn weiterhin ist der LKU kein Religionsunterricht, sondern hat die „Auseinandersetzung mit sittlichen und ethischen Grundfragen der Lebensführung" zum Ziel und ist ‚Teil der Gesamterziehung der Soldaten‘.

 

Die Seelsorger übernehmen diesen Unterricht als besonders qualifizierte Lehrkräfte.

 

Ebenfalls wenden sich die beiden Zweige der kirchlichen Seelsorge und das zuständige Referat im BMVg gegen die Einstellung von ‚religionsfreien humanistischen Beratern‘.

 

Die 41 % konfessionslosen Soldaten sind eine in sich vielfältige Gruppe, deren Beratung der HDV nicht für sich beanspruchen kann. Konfessionslosigkeit ist keine Weltanschauung, der HDV ist eine Weltanschauung."

 

 

(…)

 

Finanzierung der Militärseelsorge

Im Grundgesetz Artikel 140 in Verbindung mit Art. 141 der Weimarer Reichsverfassung, wird bestimmt, dass „die Religionsgesellschaften zur Vornahme religiöser Handlungen zuzulassen [sind], wobei jeder Zwang fernzuhalten ist." Diese „Zulassung religiöser Handlungen" wird dann im evangelischen Militärseelsorgevertrag von 1957 konkretisiert, indem es in Art.2 heißt:

 

„(1) Die Militärseelsorge als Teil der kirchlichen Arbeit wird im Auftrag und unter der Aufsicht der Kirche ausgeübt. ( 2 ) Der Staat sorgt für den organisatorischen Aufbau der Militärseelsorge und trägt ihre Kosten."

 

Als Kurzformel: Die Kirche bestimmt die Inhalte, der Staat bezahlt….

 

Mehr dazu auf der Webseite der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland.

 

Carsten Frerk & Matthias Krause


 
21.07.2020

Von: Dr. Carsten Frerk & Matthias Krause
 

http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/fowid-ueber-die-bundeswehr-religion-und-militaerseelsorge/




Intelligent Design aus Menschenhand?


Gibt es etwas Schöneres auf der Welt als das glucksende Lachen eines fröhlichen gesunden Kindes? Gibt es etwas Befriedigenderes im Leben als zuzuschauen wie sich dieses Produkt der Liebe unter tätiger Hilfe der Eltern zu einem freien selbständigen und selbstbewussten Wesen entwickelt? Die meisten Frauen und zunehmend wohl auch Männer werden dem ohne jede Einschränkung zustimmen. Nur Narren können auf die abwegige Idee verfallen, ein solches Glück einschränken zu wollen oder es gar zu verbieten. Jeder, der nur einen Rest von Herz und Verstand im Körper hat, wird unvoreingenommen vermuten, dass es solche Narren gar nicht geben könne. Und doch, sie leben unter uns, drängen sich ungefragt in die Öffentlichkeit und wollen jungen Familien unter Berufung auf religiöse Grundsätze dieses Glück verbieten.

In der Fruchtbarkeitsklinik in Tunis

Die langen Stuhlreihen im Wartesaal der Klinik „Les Jasmins“ in Tunis sind bereits um 7.30 Uhr bis auf den letzten Platz mit jungen Frauen besetzt. Die zugehörigen Männer lehnen sich an die Wände oder rauchen draußen auf der Terrasse nervös eine Zigarette. Ich komme mit den Männern ins Gespräch, das endlose Warten öffnet die Münder, vor allem auch deshalb, weil alle dieselben Gedanken hegen: „Wird es denn diesmal klappen? Wir hatten doch schon so viele Versuche.“ Viele bemühen sich seit Jahren, damit sich endlich der gewünschte Nachwuchs einstellt. Wir sind in der wohl renommiertesten Fruchtbarkeitsklinik des gesamten Maghreb. Neben Tunesiern finden sich Algerier, Libyer und auch einige Europäer, die zumeist wegen der noch einigermaßen erschwinglichen Kosten „Fruchtbarkeitsurlaub“ in Tunesien machen. „In Kopenhagen hat es fast fünfmal so viel gekostet“, erzählt mir einer, „und die Erfolgschancen sind wohl überall gleich groß oder gering.“ Die Spezialisten hier haben alle eine europäische oder amerikanische gynäkologische Ausbildung genossen. Sie stehen den okzidentalen Kollegen in nichts nach. Die Wände ihrer Arbeitszimmer sind zugepflastert mit den Bildern „ihrer“ Kinder, dem Nachweis, dass es irgendwann doch funktioniert, wenn keine komplette Unfruchtbarkeit vorliegt.

Die Probleme der einzelnen sind verschieden, doch unter dem Strich steht immer dasselbe Resultat. Es klappt nicht ohne fremde Hilfe. Aber für (fast) jeden gibt es eine individuelle Lösung. Alle beherrschen die Fachtermini, seien es nun Ovulationszyklus, Spermazytogramm, Insemination in corpore oder In-Vitro-Fertilisation. Bei manchen genügt es, den richtigen Zeitpunkt für die Zeugung zu erwischen („Montag morgen sechs Uhr“), oder eine günstigere Stellung einzunehmen („Macht es bitte a tergo“). Doch die meisten Fälle sind delikater. Nicht gerade selten liegt es an der Spermiendichte im Ejakulat der Männer, weshalb sich alle einem Spermientest unterziehen müssen. Das „Masturbationszimmer“, ein kleiner verspiegelter Raum mit einer grünen Ledercouch wird von jedem hier herzhaft gehasst. Vor lauter Verlegenheit greifen manche sogar zu Äußerungen, die sie andernorts niemals machen würden. So erzählt ein Tunesier in die Runde, sein „zizi“ (das grobe arabische Pendant vermied er) sei wohl etwas klein geraten, so dass das Sperma nie dahin hätte gelangen können, wo es denn nun einmal hinmuss. Niemand grinst oder lacht. Bei vielen Frauen stimmt die Produktion der ovulae nicht. Da helfen nur Spritzen und Hormone. Die Gefahr von Mehrlingsgeburten ist bekannt, sie beunruhigt niemanden wirklich. Besser zwei in einem Aufwasch als noch einmal diese Tortur zwischen Hoffen und Bangen.

Religiöse Fanatiker sind nicht an der Wirklichkeit interessiert

Wenn alles nicht mehr weiterhilft bleibt als letzter Ausweg nur die In-Vitro-Fertilisation, eine wahre Tortur für die Frau. Die Eiproduktion wird für einen gewissen Zeitraum mit chemischen Hilfsmitteln so stark angeregt, dass der Arzt am Ende der Behandlung etwa bis zu einem Dutzend Eier entnehmen kann, eine unangenehme Prozedur, die eine Woche der Schmerzen, der Übelkeit und des Kopfwehs abschließt. Dann wird in der Petrischale der virile Anteil des männlichen Samenergusses dazugegeben in der Hoffnung, dass möglichst viele Samen- und Eizellen zueinander finden. Doch dann kommt der entscheidende Augenblick. Welche der befruchteten Eizellen hat es verdient, in die Gebärmutter eingesetzt zu werden? Ein kleiner aber teurer Test gibt Auskunft über manche genetischen Probleme – bei weitem nicht alle wie vielfach vermutet wird. Er dient als Entscheidungshilfe. Denn eine Entscheidung muss nun notwendigerweise getroffen werden. Und wenn man schon wählen muss, nimmt man natürlich die besten, die mit den höchsten Erfolgschancen.

Pränatale Diagnostik wird seit Jahrzehnten mit zunehmendem Erfolg praktiziert. Mittels einer Fruchtwasseruntersuchung oder anderen Methoden lassen sich schwere Schäden wie Down-Syndrom (früher Mongolismus genannt) oder Mukoviszidose (eine Verschleimung der Lungen), die ein späteres Leben für alle Beteiligten zur Qual machen können, erkennen. Auch in diesen Fällen muss eine Entscheidung getroffen werden, aber eine, die für die Frau ungleich schwieriger ist: Austragen oder Abtreiben. Die Antwort der fundamentalistischen, selbsternannten „Lebensschützer“ in den Kirchen ist eindeutig: Jeder hat ein Recht auf Behinderung, basta. Da gibt es keine Diskussion. Ob das spätere Kind überlebt, ob die Familie das überlebt, oder ob sie unter der Belastung zusammenbricht – all das interessiert die Fanatiker nicht. Und dabei haben sie sogar immer noch die derzeitige Gesetzeslage auf ihrer Seite. Was viele nicht wissen: Abtreibung ist nach wie vor im Prinzip strafbewehrt. Sie wird nur unter bestimmten, sehr eingeschränkten Bedingungen nicht strafverfolgt. Der Kampf in den siebziger Jahren für die Abschaffung des §218 des Strafgesetzbuchs war kein durchschlagender Erfolg. Denn die Frage, wo menschliches Leben beginnt, ist auch mit naturalistischem Blick auf die Wirklichkeit nicht einfach zu beantworten.

PID – Präimplantationsdiagnostik

Und nun das Urteil des Bundesgerichtshofs vom 6. Juli 2010. Ein Grundsatzurteil, in dem die Bundesrichter Gentests an Embryonen für zulässig erklärten. Es interpretiert das herrschende, restriktive Embryonenschutzgesetz im Fall der PID freier, als es den religiösen Fanatikern lieb ist. Es akzeptiert, dass der Sinn der PID darin liegt, gesundes Werden von Leben zu ermöglichen. Dass dabei nicht alle befruchteten Eizellen Berücksichtigung finden können, müsse als Nebeneffekt in Kauf genommen werden. Der Schwerpunkt liegt also darauf, Leben zu ermöglichen, das andernfalls niemals entstehen würde. Ergänzend sollte nicht vergessen werden, dass auch die Natur selbst in großem Umfang befruchtete Eizellen entsorgt, wenn irgendetwas mit der Entwicklung nicht richtig läuft. Wer zählt die Zahl der Fehlgeburten? Erst wenn man sich einmal in der Nachbarschaft oder Bekanntschaft gezielt umhört, erfährt man, dass die Mutter mit den zwei prächtigen Kindern, davor und zwischendrin bereits mehrere Fehlgeburten hatte. Niemand berichtet ohne Anlass davon, da muss man wirklich nachfragen.

Also stehen sie wieder auf dem Podium und krakeelen, wenn es darum geht, eine übrigens gar nicht mehr so neue Technik, die PID, in Grund und Boden zu verdammen. Einer der ersten, die sich zu Wort meldeten, war Hubert Hüppe (CDU), seines Zeichens Behindertenbeauftragter der Bundesregierung: „Die Präimplantationsdiagnostik muss jetzt ausdrücklich verboten werden“. Die Deutsche Bischofskonferenz stieß in dasselbe Horn: „Die Tötung von Embryonen, die nach einer Untersuchung auf genetische Schäden nicht mehr in die Gebärmutter eingesetzt werden sollen, kann nicht erlaubt sein“. Der Bundesverband für Lebensrecht (BVL), eine fundamentalistisch christliche Organisation sieht einen „schlimmen Tag für die Unantastbarkeit der Würde des Menschen“. In Zukunft werde es wohl nur noch „PID-geprüfte Kinder“ geben und „die Aussortierten“ werden getötet. Er sieht gar eine Diskriminierung der Behinderten, „eine schallende Ohrfeige“. Auch die Evangelischen stimmen in den Chor ein.

Die klerikale Meinungsmaschinerie scheute sich schließlich auch nicht, mit Darstellungen von menschlichen Schicksalen Stimmung zu machen: „Ärzte wollten Bocelli abtreiben“ oder „Abtreibung überlebt – Tim feiert 13. Geburtstag“. Schonungsloser Populismus in den Grenzbereichen ethischer Problemstellungen, in dem auch grenzwertige Rhetorik nur zu gern in die Hand genommen wird: “Der Mensch darf nicht am Wegesrand liegen gelassen werden”, so der Münsteraner Bischof Felix Genn zum Gerichtsurteil. Kein PID-Befürworter und kein Richter hatten jemals dafür plädiert, Menschen am Wegesrand liegen zu lassen. Es ist eine schauerliche Polemik, die ihresgleichen sucht.

Polemik der Kirchen dient nur dem Selbsterhalt

Hintergrund dieser üblen Meinungsmache ist die unzutreffende Behauptung, der Mensch entstünde im Moment der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle – eine christliche Hypothese, die einer Ideologie entspringt und  wissenschaftlichen Tatsachen nicht standhält. Medizinisch gesehen, was etwa die Herausbildung eines Nervensystems anbelangt, ist die islamische Ansicht zu dieser Fragestellung näher an der Wahrheit als die vatikanische: erste Nervenzellen des Gehirn bilden sich ab etwa der achten Schwangerschaftswoche, erst rund 130 Tage nach der Befruchtung der Eizelle entsteht ein zentrales Nervensystem. Etwa die Hälfte aller befruchteten Eizellen geht nach etwa zwei bis drei Wochen unbemerkt ein, bis zur zwölften Schwangerschaftswoche kommt es nicht selten zu Frühaborten. Legt man deshalb, wie der Islam es tut den Beginn des menschlichen Lebens auf den Zeitpunkt 40 Tage nach der Befruchtung fest, entfällt das christlich-religiös aufgebauschte Scheinproblem. Gut für alle hoffenden Paare, dass der ansonsten so menschenfeindliche Islam zumindest in diesem einen Kasus realistischer mit den Dingen umgeht.

Nicht etwa PID, sondern die Natur beendet zahllose Menschenleben vor der Geburt. Die PID dagegen hilft Eltern Entscheidungen zu treffen, noch lange bevor der kleine Zellklumpen aus Ei und Spermium eine Form menschlichen Lebens annimmt. Für Denkansätze, die sich in ihrer Differenziertheit an der Komplexität der wirklichen Welt anpassen,  darf jedoch kein Platz in der Kirchenwelt sein – einmal zugelassen, stünde das gesamte Ideengebäude der Theologen vor dem Kollaps. So geht es für diese also nicht um verantwortungsbewusste ethische Entscheidungen, die sich in ihren Überlegungen an der Realität und schützenswerten Bedürfnissen von Menschen orientieren. Für die Kirchen geht es um den Selbsterhalt und da ist offensichtlich jedes Mittel recht.

PID für jedermann?

In einem Punkte sind sich alle Apologeten des Unsinns einig. Die PID gehört so schnell wie möglich abgeschafft und verboten. Wissen diese Herren denn überhaupt wovon sie reden? Unbestritten hat ein jeder das Recht, auch ein erkennbar missgebildetes oder krankes Kind zur Welt zu bringen. Das liegt in der Verantwortung der Eltern, oder besser: letztlich der Frau. Aus diesem Recht wollen die meist klerikalen älteren Herren in ihren farbenfrohen Gewändern aber nun einen Zwang konstruieren. Sind sie wirklich der Meinung, in Zukunft würde jede Frau die Mühen einer In-Vitro-Fertilisation auf sich nehmen, um damit in höchst begrenztem Umfang Einfluss auf das zukünftige Leben zu nehmen? Sprechen diese Herren denn gelegentlich einmal mit den betroffenen Frauen? Wohl eher nicht, denn sonst würden sie unisono hören, was wir in „Les Jasmins“ von jeder einzelnen Frau gehört haben: „Ich würde viel dafür geben, wenn es auf natürlichem Wege klappte. Leider steht vor unserem Glück das Leid, das Bangen, die immer wieder zerstörte Hoffnung.“ Eventuell vorhandene, mehr oder weniger deutlich artikulierte Wünsche nach Geschlecht, Augenfarbe oder Intelligenz des zukünftigen Familienmitglieds treten hinter dem grundsätzlichen Wunsch zum möglichst gesunden, nicht erblich vorbelasteten Nachwuchs in den Hintergrund. Von einer “eugenischen Rutschbahn” kann nicht im Mindesten die Rede sein.

Nichts von dem, was von den Feinden der PID hineingeheimnist wird, kann PID wirklich leisten. Nicht einmal ein Down-Syndrom-Test per PID liefert ein auch nur annähernd verlässliches Ergebnis, da in diesem Stadium des Embryos durchaus überzählige Chromosomen auftreten können, die erst später im Mutterleib abgestoßen werden – oder aber im schlimmsten Fall verbleiben. Bei Verdacht auf Down Syndrom bleibt weiterhin nur die pränatale Diagnostik – mit der anschließenden Entscheidung für oder gegen Abtreibung. Man kann PID also ohnehin nur in den wenigen Fällen einsetzen, in denen eine klare Diagnose vor Implantation überhaupt möglich ist, also zum Beispiel bei der genetischen Veranlagung auf Mukoviszidose. Ein massenhafter „Missbrauch“ der PID hin zum Designer-Baby, mithin das an die Wand gemalte Schreckgespenst, kann mit Fug und Recht ausgeschlossen werden. Aber mit Gespenstern haben Narren ja bekanntlich weitestgehende Erfahrungen.

Ein ausgewiesener Experte der PID, der Lübecker Humangenetiker Professor Eberhard Schwinger, erklärt in einem kenntnisreichen Artikel im Spiegel (Nr. 28 vom 12. Juli 2010): „Nun endlich hat, 15 Jahre zu spät, die Vernunft gesiegt“. An eindrucksvollen Beispielen aus seiner Praxis schildert der 70-Jährige die Möglichkeiten, aber auch die natürlich gegebenen Beschränkungen der Gen-Diagnostik und damit ihre Verwendbarkeit auf die PID. Ein „Intelligent Design“ aus Menschenhand wird es also in absehbarer Zeit nicht geben. PID kann zwar hoffenden Paaren helfen, das Menschenrecht auf gesunde Nachkommen zu gewährleisten und Menschen vor absehbarem Leiden zu bewahren. PID aber kann vor allem eines nicht: Menschen modellieren, die nicht ihrer Eltern Kinder sind.

Und die wenigsten würden so etwas überhaupt wollen und dafür sogar Kosten und Schmerzen auf sich nehmen. Den meisten geht es ausschließlich darum, endlich das glucksende Lachen eines fröhlichen, gesunden Kindes zu hören. Ist dieser Wunsch derart verdammenswert ?

Siehe hierzu auch die Meinung unserer ehemaligen Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger





Trump mit Corona-Beißkorb


TrumpMaskeJetzt ist US-Präsident Trump so unterwegs:

Ist er einsichtig geworden, dass der Corona-Virus doch gefährlich ist? Die USA sind schließlich das Land mit den meisten Infektionen! (Bild YouTube-Screenshot))

Mit den Zahlen bis 13.7.2020 schaut das in der statistischen Graphik so aus:

Die Kurve der Neuinfizierten wird immer steiler!
Bis zum 13.7. hatten die USA 138.247 Corona-Tote. Das wurde in gut vier Monaten geschafft! Die USA hatten seinerzeit – von August 1964 bis zur endgültigen amerikanischen Niederlage Ende April im Jahre 1975 im Vietnamkrieg rund 58.000 gefallene Soldaten zu beklagen. Also pro Jahr knapp 5.000. Wenn die jetzt immer noch ungebremsten Infektionen in den USA so weiter gehen, dann schafft man in einem Jahr deutlich über 400.000!

Im Vergleich dazu die weltweiten Kurven:

Die Kurven der Neuinfektionen werden auch hier steiler, hauptsächlich durch neue Ansteckungsgebiete, aber etwas weniger als in den USA!

Vergleichen wir einmal die konkreten Zahlen in Prozenten, nehmen wir dazu die letzten dreißig Tage, also vom 14.6. bis zum 13.7.2020:
US-amerikanischer Zuwachs der Infektionen: knapp 61 %, weltweit knapp 65 %, bei der Steigerung der täglichen Infektionen: USA auf das 2,3fache, weltweit um 60 %, bei den Toten gibt's ein US-Plus von rund 17 %, weltweit durch die Ausweitung eines von fast 32 %, bei den Nochkranken liegen die USA durch das dortige profitorientierte Medizinsystem mit über 52 % vorne, weltweit gibt's trotz des Anteils der Ausweitung der Infektionen nur 42 %.

Aber vergleichen wir dazu auch diese Prozente mit einem besser aufgestellten Land, nämlich mit Österreich, hier die Graphik:

Zwar gab es durch voreilige Grenzöffnungen zu ansteckungstüchtigen Nachbarländern auch in Österreich ein Aufwärts der Infektionskurve, aber wesentlich geringer als weltweit und in den USA, hier die Austria-Numbers vom 14.7. bis zum 13.7.:
Plus knapp 11 % bei den Infizierten, 4,5 % bei den Toten, das 2,3fache bei den Nochkranken (durch den Anstieg der Neuinfektionen aus sehr niederigen Zahlen). Aber dazu kann man ja auch noch den Anteil der Nochkranken mit der Gesamtzahl der Infizierten prozentuell vergleichen: Weltweit 37,5 %, in den USA 51,5 %, in Österreich weniger als sieben Prozent!

Aber wir haben ja keinen Trump und daher deutlich weniger Corona!

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




USA: Kein Raum für Arbeiterpartei


Friedrich_Engels_portrait_(cropped)Warum es in den USA nie eine politisch wirksame Partei der arbeitenden Bevölkerung gegeben hat, erklärte am 11.7.2020 die marxistische  "Junge Welt"  mit Texten von Friedrich Engels aus dem Jahre 1892 und 1893.

Auszüge aus: Friedrich Engels an Friedrich Adolph Sorge, Brief vom 6. Januar 1892. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke (MEW), Band 38. Dietz Verlag, Berlin 1974, Seiten 245-246 – Friedrich Engels an Friedrich Adolph Sorge, Brief vom 2. Dezember 1893. In: MEW, Band 39. Dietz Verlag, Berlin 1973, Seite 173:

Friedrich Engels an Friedrich Adolph Sorge in Hoboken, London, 6. Januar 1892

In Amerika ist, glaube ich, noch kein Raum für eine dritte Partei. Die Interessenverschiedenheit selbst derselben Klassenfraktion ist auf dem ungeheuren Gebiet so groß, dass in jeder der beiden großen Parteien, je nach der Lokalität, ganz verschiedene Fraktion und Interessen vertreten sind und zu sehr großem Teil fast jede besondre Schicht der besitzenden Klasse Vertreter in jeder der beiden Parteien hat, obwohl die Großindustrie im ganzen heute den Kern der Republikaner wie der südliche Großgrundbesitz den der Demokraten bildet. Diese scheinbare Zufälligkeit der Zusammenwürfelung gibt eben den famosen Boden ab für die Korruption und Staatsausbeutung, die dort so herrlich blüht. Erst wenn der Boden – die öffentlichen Ländereien – ganz in den Händen der Spekulanten, wenn also die Ansiedlung mehr und mehr erschwert respektive der Prellerei verfallen ist, erst dann scheint mir bei ruhiger Entwicklung die Zeit für eine dritte Partei gekommen. Der Boden ist die Basis der Spekulation, und die amerikanische Spekulationswut und -möglichkeit ist der Haupthebel, der die eingebornen Arbeiter im Bann der Bourgeoisie hält. Erst wenn ein Geschlecht eingeborner Arbeiter da ist, das von der Spekulation nichts mehr erwarten darf, erst dann haben wir festen Boden in Amerika. Aber freilich, wer darf in Amerika auf ruhige Entwicklung rechnen! Da gibt’s ökonomische Sprünge wie politische in Frankreich – sie haben freilich auch dieselben momentanen Rückschläge.

Die kleinen Farmer und Kleinbürger werden es kaum je zu einer starken Partei bringen, sie bestehen aus zu rasch wechselnden Elementen – der Bauer dabei oft noch Wanderbauer, zwei, drei, vier Farmen in verschiednen Staaten und Territorien (Gebiete, die noch nicht die von der US-Verfassung vorgeschriebene Bevölkerungszahl hatten, um einen Bundesstaat zu bilden. Marx sprach von »inneren Kolonien«, jW) nacheinander bebauend – Einwanderung und Bankrott befördern den Personenwechsel bei beiden – die ökonomische Abhängigkeit vom Gläubiger hindert auch die Selbständigkeit -, aber dafür sind sie ein famoses Element für Politiker, die auf ihre Unzufriedenheit spekulieren, um sie nachher an eine der großen Parteien zu verkaufen.

Die »Zähigkeit« der Yankees, die sogar den Greenback-Humbug (1874 bildete sich in den US-Weststaaten die Greenback-Party, die sich gegen die Einziehung der sogenannten Greenbacks, Staatspapiergeldes mit grüner Rückseite, das während des Bürgerkrieges 1861 bis 1865 in großen Mengen ausgegeben worden war. Die Einziehung war mit einer Entwertung verbunden. Die Farmer nahmen aber fälschlich an, dass sich durch den Umlauf einer großen Menge Papiergeldes der Preis für landwirtschaftliche Produkte erhöhen würde. Die Partei zerfiel 1892, jW) wieder aufwärmen, ist Folge ihrer theoretischen Zurückgebliebenheit und angelsächsischen Verachtung aller Theorie. Dafür werden sie gestraft durch den Aberglauben an jeden philosophischen und ökonomischen Unsinn, religiöse Sektiererei und ökonomisch blödsinnige Experimente, wovon aber gewisse Bourgeoiscliquen Vorteil ziehen.

Friedrich Engels an Friedrich Adolph Sorge in Hoboken, London, 2. Dezember 1893

(…) Ist doch nicht zu leugnen, dass die amerikanischen Verhältnisse sehr große und eigentümliche Schwierigkeiten für eine stetige Entwicklung einer Arbeiterpartei einschließen.

Erstens die auf Parteiherrschaft, wie in England, gegründete Verfassung, die jedes auf einen nicht von einer der beiden Regierungsparteien aufgestellten Kandidaten fallende Votum als verloren erscheinen lässt. Und der Amerikaner wie der Engländer will auf seinen Staat einwirken, wirft seine Stimme nicht weg.

Dann und besonders die Einwanderung, die die Arbeiter in zwei Gruppen scheidet, die eingebornen und die fremden; und diese letztere wieder in 1. Irländer, 2. Deutsche, 3. die vielen kleinen Gruppen, die sich jede nur untereinander verstehen, Tschechen, Polen, Italiener, Skandinavier etc. Dazu noch die Neger. Um daraus eine einige Partei zu bilden, dazu gehören ganz besonders mächtige Antriebe. Manchmal plötzlich ein gewaltsamer Elan, aber die Bourgeois brauchen nur passiv auszuhalten, und die ungleichartigen Elemente der Arbeiterschaft fallen wieder auseinander.

Endlich muss auch das Schutzzollsystem und der stetig anwachsende innere Markt die Arbeiter einer Prosperität ausgesetzt haben, von der wir hier in Europa (außer Russland, wo aber nicht der Arbeiter, sondern nur der Bourgeois davon profitiert) seit Jahren keine Spur mehr sehen.

Ein Land wie Amerika, wenn es wirklich für eine sozialistische Arbeiterpartei reif ist, kann sicher nicht durch die paar deutschen sozialistischen Doktrinäre daran gehindert werden.


Soweit Genosse Engels. Es ist jedoch politisch alles so geblieben, wie es damals war, die Einwanderungsstrukturen konnten nicht überwunden werden, eine wirkungsvolle Partei der Klassensolidarität entwickelte sich bis heute nicht….

In unseren Breiten kam nach dem Konkurs der Sowjetunion der Endsieg des Kapitalismus, die Sozialdemokratie ging in den neoliberalen Ausgleich. Zwar blieben sozialstaatliche Errungenschaften bisher in den Ländern, in denen solche geschaffen worden waren, noch erhalten, aber die Einkünfte der arbeitenden Klassen stagnieren, der Arbeitsdruck nimmt zu….

 




Missbraucht


MissbrauchtAussteiger warnt vor religiösen Fundamentalisten
-Eine Kindheit voller Angst und in ständiger Alarmstimmung-

Bernd Vogt erlebte seine Kindheit als Außenseiter in Schule
und Gesellschaft und warnt heute vor strenggläubigen christlichen Gruppen.

Wie bringt man Eltern dazu, ihr 10-jähriges Kind allen Ernstes vor die Wahl zu stellen: »Wenn der Herr Jesus Mama und Papa geholt hat, wo willst du dann bleiben, bei Oma oder lieber bei Tante Helga« oder völlig emotionslos zu sagen: »Wenn du erst in der Hölle bist, dann können wir dir auch nicht mehr helfen«! Willkommen in der Welt einer Evangelischen Freikirche! Einer Welt, die Bernd Vogt um einen Großteil seines Lebens betrogen hat.

Bernd Vogt wurde in eine evangelikale Freikirche hineingeboren. Seine mittlerweile verstorbenen Eltern waren bekennende Mitglieder, enge Verwandte sind es noch heute. Über seine Erfahrungen und Erlebnisse hat der 63-Jährige nun ein Buch geschrieben. »Missbraucht im Namen des Herrn« heißt das kurzweilige Werk, das er im Bod-Verlag  Hamburg veröffentlicht hat – sein Lebensvermächtnis, wie er betont.

Der Rödinghauser wächst in dem felsenfesten Glauben auf, dass die Erde nur noch kurze Zeit Bestand haben wird, weil Gott in Kürze seinen »großen Krieg, das Armageddon«, beginnt. Unmittelbar zuvor wird Jesus in den Wolken erscheinen und seine Eltern gemeinsam mit allen wiedergeborenen Christen in einer Nacht- und Nebelaktion in den Himmel abtransportieren. Bis dahin müssen alle »Weltmenschen«, also die Ungläubigen, missioniert werden. »Es war eine Kindheit voller Angst und in permanenter Alarmstimmung«, sagt er rückblickend. Der kleine Junge erfüllt augenscheinlich die Erwartungen seiner Eltern und der Prediger. In Wahrheit ist er innerlich schon längst zerbrochen. Einen Ausweg gibt es für ihn lange nicht.

Vogt berichtet von einer Kindheit, die er als Außenseiter in Schule und Gesellschaft erlebte. »Während meine Freunde im Fußballverein spielten, später dann in die Disco gingen, musste ich in den christlichen Versammlungen jubeln und beten – ständig überwacht von einem strafenden Gott, der alles sieht und den lieben langen Tag nur mit Gedankenlesen beschäftigt ist. Das hat mich innerlich zermürbt«, erinnert er sich. Anstatt Spaß mit den Freunden gibt es Bibelarbeit; anstatt weltlicher Musik muss er stundenlange Lobpreis- und Jubelorgien über sich ergehen lassen. »Ich habe die volle Jesus-Dröhnung abbekommen«, sagt Bernd Vogt.

 

Immer wird ihm eingehämmert, als Mensch nicht »in Ordnung« zu sein. Die Ferien muss der Junge auf christlichen Freizeiten verbringen. Dort ging es nur darum, die Kinder auf Spur zu bringen und die Bevölkerung vor Ort zu missionieren. Mit 12  treibt ihm ein Prediger auf einer Freizeit in Bielefeld den Teufel aus. »Ich musste mich auf den Fahrersitz seines Autos setzen. Dann hat der Prediger, der noch heute auf der Kanzel steht, meinen Kopf gefasst und versucht, ihn wie eine Zitrone auszupressen. Dabei schrie er, dass der Satan aus mir fahren solle«, erzählt der Rödinghauser.  


Mit 16 gelingt Vogt, der später auch in Fernsehsendungen über seine Erfahrungen berichtete, der Ausstieg aus der fanatischen Glaubensgemeinschaft. Auf einer Freizeit in Bremen packt er klammheimlich seine Tasche und steigt in den nächsten Zug Richtung Heimat. »Eine unbeschreibliche Freude durchflutete meinen Körper. Endlich war ich frei! Ich hätte es so hinausschreien können«, sagt er. Seine Eltern und die Prediger sind dagegen alles andere als  begeistert. »Sie haben mich mit negativen Prophezeiungen überschüttet, mir mit Krankheit gedroht, weil  Gott sich meine Abkehr nicht bieten lassen würde«.

 

Obwohl seine Eltern glauben, dass der Junge nur eine Krise durchlebt, gelingt Bernd Vogt dennoch der Absprung. Endlich kann er Fußball spielen, mit Freunden weltliche Musik hören, in Discos gehen. »Dabei hatte man mir doch eingetrichtert, dass die Bands vom Teufel besessen seien«. Als Fußballer erhält er den Spitznamen »Hexer«. Das macht ihn nachdenklich. »Kurz nachdem ich Jesus den Rücken gekehrt hatte, nannte man mich ‚Hexer‘. Schließlich war mir lange genug eingebläut worden, was Gott mit Zauberern, Wahrsagern und Hexern macht – er würde sie ausrotten«, sagt er.

 

So lässt ihn die Gehirnwäsche, die er als Kind erfahren hat, lange nicht los. Als Erwachsener fühlt er sich immer krank. Das zermürbt ihn. »Manchmal war ich an einem Tag bei drei Ärzten«, schildert er. Doch keiner kann eine Diagnose stellen. Später leidet er unter Depressionen, wird dazu auch noch körperlich schwer krank. »Ich war zeitweise nicht in der Lage, den Kinderwagen zu schieben«, berichtet Vogt von seinem Leidensweg. Mit 30 Jahren erlebt er fast eine Art Rückfall und droht wieder in die Freikirche abzugleiten. Erst dann wagt er es, sich psychologische Hilfe zu holen und beginnt in einem jahrzehntelangen Prozess, seine Kindheit und die eingetrichterten Glaubenssätze aufzuarbeiten. »Schließlich hatte man mir als Kind beigebracht, dass ich durch Heilmethoden wie Psychologie, Yoga, Autogenes Training etc. unter einen dämonischen Bann geraten würde«, schildert er.  

 

Mit seinem Buch gewährt der Rödinghauser Einblicke in die fromme Parallelwelt, von der der Normalbürger kaum etwas weiß; oder wie Vogt es in seinem Buch schreibt: »Er entführt die LeserInnen in ein Irrenhaus, das er Familie nannte, in eine »Heil«Anstalt, die er Gemeinde nannte«. Es sind mal tieftraurige, schockierende Schilderungen, dann wieder urkomische Szenen, die Bernd Vogt beschreibt, wie etwa sein verzweifelter Versuch, »im Freibad wie Jesus übers Wasser zu laufen«.

 

Mit seinem aufrüttelnden, ausgesprochen humorvollen Buch will er zeigen, was ein fundamentalistischer Glaube gerade bei Kindern anrichten kann, sagt er. Weil die strenggläubigen Gemeinden immer mehr Zulauf haben, warnt er vor charismatischen Predigern, sogenannten »Pastoren«, die Menschen in einer Lebenskrise mit einfachen Lösungen in ihren Bann ziehen und sich so ganz nebenbei ihre »schmucken Häuschen und dicken Autos« durch üppige monatliche Spenden der folgsamen Gläubigen finanzieren lassen. »In diesen Kirchen gibt es keinen Mief. Da wird gelacht, gesungen und gejubelt, was das Zeug hält«, berichtet er. Methoden, die Bernd Vogt aus eigener Erfahrung kennt. Methoden, die ihm seine Kindheit geraubt haben. Das möchte er heute jungen Menschen ersparen. Das Buch ist in jeder deutschen Buchhandlung und in allen relevanten Online-Shops wie Amazon, Thalia, uvm. erhältlich.

 

Die Giordano-Bruno-Stiftung empfiehlt das Buch in ihrem Newsletter vom 20.5.2020 wie folgt: „Bernd Vogt: Missbraucht im Namen des Herrn. Die Geschichte einer gestohlenen Kindheit in einer Evangelischen Freikirche. Mit ‚Mission Gottesreich‘ (Ch. Links-Verlag) haben Oda Lambrecht und Christian Baars 2009 einen wichtigen Einblick in das verstörende Weltbild fundamentalistischer Christen in Deutschland gegeben. Authentische Insiderberichte von Aussteigern aus evangelischen Freikirchen waren bislang jedoch rar. Bernd Vogt schließt diese Lücke mit seiner bewegenden Autobiographie. Ein mutiges, aufrüttelndes Buch, das ebenso berührend wie humorvoll aufzeigt, was es bedeutet, in einer von Verschwörungsmythen geprägten, hermetisch abgeriegelten Glaubenswelt aufwachsen zu müssen“.

 

 

 

 




Ein Selbst-Test - per Rundmail verbreitet am 4.7.2020


RipotaDenkmäler werden gestürzt, S-Bahn-Stationen umbenannt, Kinderbücher verboten und die deutsche Sprache bereinigt, alles wegen der Vorwürfe des Rassismus. Und wie rassistisch bist du? Beantworte die folgenden Fragen, am Ende erfährst du, wieviel Rassismus in dir steckt.

Wem sollte ein Denkmal errichtet werden?
(a) Fred Astaire
(b) Bismarck
(c) Flipper

Welche Reis-Sorte bevorzugst du?
(a) Onkel Ben
(b) Wildreis
(c) Ich ess lieber Kartoffeln

Welche Kinderbücher hast du gelesen?
(a) Zehn kleine N-Wörterchen
(b) Tim und Struppi
(c) Meckis neue Abenteuer

Wie beginnst du ein Gespräch mit einer fremden Person?
(a) Wo kommst du her?
(b) Wo haben sich deine Eltern getroffen?
(c) Willst du mir eine Geschichte erzählen?

Welches Kompliment würdest du einem sympathischen Gegenüber machen?
(a) Du siehst gut aus heute.
(b) Gute Wahl!
(c) Passt scho.

Wie bezeichnet man korrekt Menschen mit dunkler Hautfarbe?
(a) Schwarze
(b) Farbige
(c) Menschen von Farbe

Welche Karten- oder Brettspiele magst du?
(a) Schwarzer Peter
(b) Monopoly
(c) Mensch ärgere dich nicht

Dein Lieblingsfilm?
(a) Vom Winde verweht
(b) Von der Sonne gebräunt
(c) Vom Leben gezeichnet

Sollen muslimische Frauen ohne Kopftuch unterrichten?
(a) Ja, wenn's das Gesetz vorschreibt.
(b) Schon, wenn keiner was dagegen hat.
(c) Keinesfalls, wenn sie nicht wollen.

Dürfen Säuglinge genitalverstümmelt werden?
(a) Wenn die Betroffenen damit einverstanden sind.
(b) Wenn's sein muss.
(c) Wenn's die Religion vorschreibt.

Welches der folgenden Produkte kann unbedenklich verwendet werden?
(a) Heftpflaster
(b) Nivea-Creme
(c) Dosensuppe

Welche Speisen magst du?
(a) Mohrenkopf
(b) Zigeunerschnitzel
(c) gegrillte Grillen

Auswertung:
Für jedes (a) gibt es 2 Punkte, für (b) einen, für (c) 0 Punkte. Je höher die Summe, desto rassistischer bist du. Hier eine grobe Charakterisierung:

0 bis 6 Punkte: Entweder du hast einen abartigen Geschmack, oder du kennst die ganzen rassistischen Schlüsselwörter und verbalen Verbotszonen, bist also selbst ein Mensch von Farbe. So oder so, genieße trotzdem das Leben!
7 bis 12 Punkte: Du kennst immer noch nicht alle verbalen Verbotszonen oder hast wirklich Meckis neue Abenteuer gelesen. Sei doch nicht so naiv!
13 bis 18 Punkte: Gutes Mittelmaß heißt nie was Gutes. Streng dich an, sonst bist DU in zehn Jahren eine Minderheit!
18 bis 24 Punkte: Hab's schon immer gewusst: Du bist ein alter weißer Mann, rücksichtslos, egoistisch und unberührt von Medienströmungen. Das wird noch ein schlimmes Ende nehmen! Für dich oder für die anderen, wer weiß.
über 24 Punkte: Lern erst mal zählen!

 

 




Die Betonung des Andersseins


Trabajando_pieza_de_metal_72dpiKulturgeschichtliche
Variationen von
„Rassismus“

In der Folge des gewaltsamen Todes von George Floyd in den USA am 25. Mai 2020, der in den Medien weltweit diskutiert und debattiert wurde und dem die Wikipedia einen Artikel gewidmet hat, wurde u.a. auch der „Rassismus“-Begriff vielfältig thematisiert. Im Verlauf der Berichterstattungen und Debatten wurden Themen und Sachverhalte miteinander vermengt, die mit dem eigentlichen Ereignis, der, wie ich es nenne, Ermordung des George Floyd im Rahmen einer in den USA nicht ungewöhnlichen polizeilichen Überreaktion miserabel ausgebildeter und entsprechend in der Situation überforderter Polizisten, nichts zu tun hatten.

So wurden Statuen gestürzt, was in der Geschichte der Menschheit eine lange Tradition hat, Statuen, die für mein Empfinden allzu häufig ohnehin nur der Verklärung, manchmal gar der Verkitschung dienen;
der Philosoph Immanuel Kant wurde wegen seiner frühen Schriften kritisiert, was aus der Perspektive und mit dem Wissen des 21. Jahrhunderts wohlfeil erscheint, Schriften, in denen er sich — seiner Zeit entsprechend — über menschliche „Rassen“ geäußert hatte, Äußerungen, die später revidiert worden sind, obwohl Charles Darwin mit seinen Beiträgen zur Evolutionstheorie und Gregor Mendel mit der Vererbungslehre noch nicht auf der Bühne erschienen waren.

In Debattenbeiträgen wurde vereinzelt festgestellt, dass es gar keine menschlichen Rassen gibt — was den „Rassismus“-Begriff, der im Laufe der Jahrzehnte zu so abenteuerlichen Wortschöpfungen wie „Altersrassismus“ geführt hat, unsinnig macht. Dennoch wird er immer noch und immer wieder verwendet statt von „Diskriminierung“ zu sprechen.

Der Begriff „Rassismus“ wird in manchen Zusammenhängen mglw. verwendet, weil er effekthaschender, aufsehenerregender ist als das Wort „Diskriminierung“. Obendrein gibt es bei der Diskriminierung (Ausgrenzung; „trennen, absondern, abgrenzen, unterscheiden“) zwei Möglichkeiten, die negative, die mit Herabsetzung oder Herabwürdigung verbunden sein kann, sowie die positive mit Aufwertung, Erhöhung oder sogar Überhöhung gegenüber anderen. Insbesondere die Möglichkeit der positiven Diskriminierung mag manchen aus ideologischen Gründen ein Dorn im Auge sein, da sie für die Einordnung von Menschen in eine (institutionalisierte und positiv besetzte) Opferrolle ungeeignet ist und keine (negativ besetzte) Täterrolle aufzeigbar macht. Hinzu kommt die Möglichkeit der Selbstdiskriminierung, Selbstausgrenzung, die den „Rassismus“-Begriff vollends ad absurdum führt.

In einem Beitrag des britischen Guardian vom 25. Juni 2020 wurde immerhin festgehalten, dass Atheisten und Humanisten in acht Ländern Diskriminierung widerfährt und sie dort wegen ihrer Weltanschauung, und nicht etwa „rassistisch“ verfolgt und unterdrückt werden.

Es wurde vorgeschlagen, den Begriff „Rasse“ im Artikel 3 (3) der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, dem Grundgesetz, durch ein anderes Wort zu ersetzen. Kosmetik, durch die weder Ursachen noch Folgen irgendeiner Diskriminierung aus der Welt geschafft würden. Man könnte dieses Ansinnen auch Selbstbetrug nennen. Dass in dem Satz 3 aus Artikel 3 GG nicht nur von Benachteiligung, sondern auch von Bevorzugung die Rede ist, wurde in diesen Diskussionen geflissentlich übersehen.

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.

In manchen Debattenbeiträgen wurde versucht, die Religionszugehörigkeit von Menschen als ein unveränderliches Merkmal ähnlich Herkunft oder Abstammung hinzustellen. Dabei wurden mehrfach klischeehafte Bilder verwendet, und es konnte der Eindruck entstehen, dass vermittelt werden solle, Angehörige einer bestimmten Religion seien gegenüber anderen exponiert und bedürften einer besonderen Beachtung, ihnen müssten eine höhere Wertigkeit und damit verbunden mehr Rechte als anderen zuerkannt werden, wie dies in manchen „heiligen“ Büchern vorformuliert ist, in denen Angehörige bestimmter Religionen als „auserwähltes Volk“ irgendeines Gottes oder als „die beste Gemeinde, die für die Menschen entstand“ ([3:110]) bezeichnet werden. In Fällen von Selbsterhöhung oder Selbstüberhöhung spricht man dann von Chauvinismus, oder auch von Arroganz, Anmaßung, Überheblichkeit und Hochmut.
Doch die Aufwertung der einen ist die Abwertung anderer, und umgekehrt, was gesellschaftliche Spannungen erzeugt sowie Ressentiments und Gegenreaktionen heraufbeschwört.

In einem kurzen Meinungsaustausch mit einer WerteInitiative via Facebook am 3. Juni 2020 hatte ich u.a. angemerkt, dass das Zufügen einer irreversiblen Körperverletzung m.E. eine Straftat ist, und zwar auch dann, wenn dies im Rahmen der Religionsausübung geschieht, was damit beantwortet wurde, dass es sich in einem solchen Fall „natürlich NICHT um eine Straftat“ handle. Auf meine weitere Nachfrage, was es denn dann sei, habe ich (bislang) keine Antwort erhalten. Ob das Verweigern einer Antwort Ausdruck von Selbstgerechtigkeit, von der Unfähigkeit zur Selbstreflexion oder von etwas anderem ist, sei dahingestellt. Herkunft, religiöses Bekenntnis oder Weltanschauung sind zwar kein Fehlverhalten, Kindern aus religiösen Gründen eine irreversible Körperverletzung zuzufügen ist es nach meinem Verständnis jedoch sehr wohl (vgl. Kritik und Angst — Wider die Selbstgerechtigkeit).
Siehe auch den Beitrag The Unanswered Question / Umkehrschluss auf dieser Website:

Wenn es […] was-auch-immer-feindlich wäre, Menschenrechtsverletzungen und Despotismus sowie anderes Unrecht zu kritisieren: Was bedeutete dies dann im Umkehrschluss ?

Jemandem mit einem Hinweis auf dessen Religion das sanktionsfreie Begehen von Straftaten zu ermöglichen und zu erlauben, verstößt in Deutschland jedoch mglw. gegen den Artikel 3 Satz 3 GG.

Menschen mit dunkler oder einer anderen Hautfarbe, als sie bei Europäern weit verbreitet ist, werden in Medienberichten etc. oft als „People of Color“ bezeichnet, ein Begriff, der auf Anderssein und damit auf Abgrezung gegenüber „Weißen“ und auf Ausgrenzung (Diskriminierung) zielt und allen Bestrebungen, „Rassismus“ zu überwinden, zuwider läuft. Abgesehen davon sind auch „Weiße“ nicht weiß, sondern haben meist wohl eine schweinchenrosa Hautfarbe. Weiß sind die Wände in meiner Wohnung.

In dem Buch Identitätslinke Läuterungsagenda zeigen insbesondere die Herausgeberin Sandra Kostner sowie die beiden Autorinnen Maria-Sibylla Lotter und Elham Manea auf, wie vermeintliche Antirassisten den „Rassismus“ und die Segregation der Gesellschaft dadurch fördern, dass sie u.a. darauf hingewirkt haben, dass Menschen z.B. allein wegen ihrer Herkunft bei der Stellenvergabe in manchen Berufen bevorzugt werden (müssen), ohne dass ihre sonstige Qualifikation berücksichtigt würde, was von der Mehrheitsgesellschaft als Ungerechtigkeit empfunden und entsprechend beantwortet wird, und dass vermeintliche Antirassisten dabei selber wie „Rassisten“ argumentieren und agieren.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 29. Juni 2020 unter der Überschrift „Es wird schmerzhaft“ sagt Saraya Gomis unter anderem:

Rassismus als Struktur ermöglicht, dass Ungleichheit legitimiert und damit „normalisiert“ wird.

Genau dies, „Rassismus“ als Struktur ermöglichen und Ungleichheit legitimieren ist es, was Sandra Kostner et al. in dem Buch Identitätslinke Läuterungsagenda beschreiben.

Ein Artikel in der SZ vom 26. Juni 2020 beklagt unter der Überschrift „Rassismus ist da, er ist alltäglich“ unter anderem:

„In Freising haben etwa 20 Prozent der Menschen Migrationshintergrund, aber ich kenne keine einzige Lehrkraft, die farbig oder andersgläubig ist.“
[…]
„Die Mehrheit der Kinder mit Migrationsgeschichte bleibt der Weg zum Abitur aus diversen Gründen verwehrt“

Welche „diversen Gründe“ es sind, wird in dem Artikel nicht thematisiert, Gründe werden nicht benannt.

In Brief an die Heuchler geht Stéphane Charbonnier (CHARB) argumentativ teils in eine ähnliche Richtung wie Sandra Kostner et al. Das Buch von CHARB, der sich ausdrücklich gegen „Rassismus“ und Intoleranz ausspricht, habe ich seit Erscheinen der deutschsprachigen Ausgabe im Juli 2015 vielen Leuten empfohlen, darunter auch solchen, die von sich selbst sagen, dass sie Antirassisten und Kämpfer gegen Intoleranz seien. Etliche dieser vermeintlichen Antirassisten und Kämpfer gegen die Intoleranz reden deshalb nicht mehr mit mir — nur, weil ich ihnen das Buch von CHARB empfohlen habe. Seltsam.

In einem Text, den Leonid Luks am 4. Juni 2020 auf der Website Die Kolumnisten veröffentlicht hat, schreibt er:

Zum Wesen des totalitären Denkens gehört die Diskursverweigerung mit Andersdenkenden.

Einige der in diesem Beitrag von mir angerissenen oder thematisierten Aspekte sind manch einem möglicherweise ein zu heißes Eisen — auch wenn ich längst nicht alle Aspekte zum Thema „Rassismus“ respektive Diskriminierung aufgegriffen habe.

Den „Rassismus“ damit zu kontern, dass man die Opfer des „Rassismus“ heraushebt, ihnen eine gesellschaftliche Sonderstellung zuschreibt, konterkariert die Bemühungen gegen „Rassismus“. Mit der Betonung des Andersseins wird der „Rassismus“ nicht bekämpft, sondern aktiv gefördert.

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Beitragsbilder (von oben nach unten):

  • Trabajando_una_pieza_de_metal_al_rojo_sobre_un_yunque.jpg, Wikimedia.org, Author: kurtsik
  • Sturz_des_Idstedter_Löwen.jpg, Wikimedia.org, Flugblatt – unbekannt; Scan – James Steakley
  • Screenshot von der Website des britischen Guardian, eigenes Werk
  • Cover des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland, arabischsprachige Ausgabe
  • Screenshot aus einem Beitrag der Facebook-Seite von „Gesicht zeigen – für ein weltoffenes Deutschland“, eigenes Werk
  • Akan_MHNT.ETH.2010.25.009.jpg, Wikimedia.org, Photographer: Roger Culos
  • Screenshot aus einem Beitrag der Facebook-Seite von „Werteinitiative“, eigenes Werk
  • Buchcover zu „Identitätslinke Läuterungsagenda“
  • Buchcover zu „Brief an die Heuchler“
  • Bildliche Darstellung eines Zitats von Leonid Luks, Die Kolumnisten, eigenes Werk

  • Eckhardt Kiwitt
    Pfalzgrafstr. 5
    D-85356 FREISING
    QS72@gmx.net