Totaliter aliter

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Der gelegentliche Blick in die Mailbox fördert zumeist nur Banales, Informatives  oder Persönliches zutage. Doch heute morgen fand ich wirklich Erstaunliches vor, das ich dem Leser nicht vorenthalten möchte. Doch dazu gleich!

Ab einem gewissen Alter kommen viele – und ich schließe mich da nicht aus – nicht umhin, sich zumindest gelegentlich Gedanken darüber zu machen, dass dieses Leben endlich ist und irgendwann (in hoffentlich ferner Zukunft) zuende gehen wird. Man kann prophylaktisch, obwohl niemand so recht daran glaubt, schon einmal die Einladungen zum 100. Geburtstag verschicken und sich dann besser fühlen. Doch selbst solch eine Verlängerung, die wohl nur die wenigsten von uns erreichen werden, ändert keinen Deut am Grundproblem: irgendwann ist einfach Schluss. Aus, basta!

Seit Epikur müssen wir uns immerhin keine Gedanken darüber machen, dass „Tod“ etwas Furchterregendes sei. In Kürze: „Solange du bist ist er nicht – und wenn er ist bist du nicht mehr. Also wovor fürchtest du dich, mein Freund?“ Damit wird allenfalls die Art des Hinübergleitens von einem Zustand in den anderen zu einem möglichen, Furcht auslösenden Problem. Es kann von Schmerzen und Ängsten begleitet sein, oder es präsentiert sich wie die Verabreichung einer Narkose, sanft und unmerklich nur ohne Wiedererwachen. Wie auch immer!

Wenn man nicht so skurrilen Gedanken wie dem Glauben an ein ewiges Leben in Paradies oder Hölle anhängt, stellt sich die Angelegenheit schon sehr viel einfacher dar. Ja, auch der Gedanke an ein ewiges Leben im Paradies ist furchterregend, wenn man genau hinschaut. Machen die Apologeten dieser Unsinnsidee sich eigentlich keinerlei Gedanken darüber, wie lang in Wirklichkeit eine Ewigkeit ist? Eine unendliche Abfolge von Tagen – und nicht ein einziger bringt uns dem Ende näher. Alle (inklusive mein Ahnherr Luther) stehen in voller Blüte,  man schreitet über die sanften Almen, muss sich um nichts Banales wie etwa Essensbeschaffung kümmern, ein Tag vergeht wie der andere ohne die geringste Herausforderung, nicht einmal ein kleiner Streit mit der (nun gleichaltrigen) Schwiegermutter ist eingeplant. Selbstmord durch Langeweile würde wohl zur liebsten Freizeitbeschäftigung werden.

Zum Glück sind aufgeweckte Menschen nicht gezwungen, einem solchen Horrorszenario auch nur eine Sekunde lang Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn das Licht einmal final abgeschaltet ist, kümmert uns nicht mehr, was denn wohl Verwandte oder Bekannte über den Verblichenen zu sagen haben – wir wissen es halt nicht, und Empfindungen wie Neugier sind sicherlich beim Toten nicht mehr vorhanden. So in etwa dachte ich mir das auch immer – bis mich heute morgen diese vetrackte Mail erreichte. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass Absender und Empfänger identisch waren. Doch lesen Sie selbst:

 

Totaliter aliter

Als ich heute nachmittag meinen üblichen Rundgang durch die Nachbarschaft machte, bemerkte ich plötzlich, dass mir die Beine weich wurden, mein Bewusstsein begann auszusetzen und ich stürzte der Länge nach hin auf den Gehweg. Herzinfarkt, Gehirnschlag, was auch immer – das passiert halt. Ich machte mir keine Gedanken darüber. Doch halt: wieso „ich“? „Ich“ war doch nicht mehr, „ich“ lag doch dort auf dem Gehsteig und einige Leute scharten sich um mich. Sie sprachen miteinander, doch ich konnte nichts hören, einer bediente sein Telefon, wahrscheinlich orderte er eine Ambulanz. „Ich“ entfernte mich zusehendst von mir, erst langsam, dann immer schneller nach oben, bis ich die Gruppe um meine Leiche herum kaum noch wahrzunehmen vermochte. Schließlich war ich so weit weg vom Geschehen, dass ich nunmehr völlig allein immer weiter emporgetragen wurde wie ein Lichtwesen, das einem unbekannten Licht entgegen strebte.

Ich konnte nicht feststellen, dass mein ICH von irgendetwas wie einem Körper begleitet würde. Und dennoch verlangsamte sich plötzlich mein Aufwärtsstreben, so als ob es von der Schwerkraft zurückgehalten und abgebremst würde. Im Gegenteil  begann ich nunmehr zu fallen, musste hilflos mitansehen, wie ich mich der Erde wieder näherte – ganz so wie es früher in Träumen so häufig passierte. Doch kein schweißgebadetes Erwachen erlöste mich aus dem Albtraum. Ich schlug mit großer Geschwindigkeit auf – zu meinem Erstaunen war dieser Aufprall völlig schmerzfrei. Erst im Zurückfedern erkannte ich, um welchen Ort es sich bei meinem Aufschlag handelte: die Tastatur eines Laptops! Augenblicklich sah  ich die Chance, die sich durch diesen Zufall bot. Jetzt musste es nur noch gelingen, dass ich meinen erneuten Fall gezielt auf die Buchstaben richten konnte – es funktionierte zu meiner großen Freude. Wer hat schon ein solches Glück, authentisch von seiner letzten Reise berichten zu können?

Während ich dies tippe merke ich, dass meine Aufprallgeschwindigkeit auf die Tasten mit jedem Buchstaben geringer wird. Es scheint eine Kraft an mir zu zerren, die mich wohl endgültig von der Erdenschwere befreien wird und mich auf eine Weiterreise mit unbekanntem Ziel expediert. Ich muss jetzt nur aufpassen, dass ich mit dem letzten Schwung noch die Absendetaste erreiche, sonst war alles vergeblich.

Ich grüße alle, die mich kannten, und wünsch

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Da brach es ab. Keine Unterschrift, kein Absender außer meinem eigenen – wer hatte mir dies übermittelt und vor allem: was wollte er mir mitteilen?  Soll sich der Leser selber einen Reim darauf machen – ich bin zu müde dazu.

PS: Wer Schwierigkeiten mit demTitel der Mail haben sollte, der wende sich vertrauensvoll an unseren Experten für Latein, der hier allen bestens bekannt ist.

 

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7 Antworten auf Totaliter aliter

  1. Frank Berghaus sagt:

    Franz Derendinger kommentaiert das so:

    zwei aus der gesellschaft der minderbrüder vereinbarten, dass, wer zuerst stürbe, noch, kurz gefasst, eine meldung über das jenseits abgeben sollte, es war ein gegenstand von größtem interesse. ein 'totaliter' durchgegeben bedeutete, dass das jenseits so beschaffen sei, wie die allein seligmachende es sich vorstellte, ein 'aliter' dagegen würde signalisieren, man hätte sich geirrt. als eines der brüderchen starb lauschte das andere in sein inneres und äußeres und tatsächlich: es kam eine durchsage mit gänzlich unerwartetem inhalt und doch kurz und wie vereinbart. nämlich: 'totaliter aliter'

  2. Frank Berghaus sagt:

    Franz Derendinger des weiteren:

    der artikel ist sehr schön gemacht und vielen dank dafür. manche sagen ja, die story gehe auf karl barth zurück, doch die das behaupten irren vermutlich und es ist der kern wesentlich älter, doch egal. ein kleiner hinweis hat mich auf einen anderen zusammenhang darin gebracht: den tod fürchten wenige, denn vor der geburt waren sie auch im nix, wohin sie nun zurück kehren. doch das sterben als finales ereignis im leben, als vorgang und erlebnis, das haben wir verdrängt und hinausgeschoben in den bereich der geschäftemacher
  3. Argutus sagt:

    Die Geschichte, der die Überschrift entnommen ist, geht ein bißchen anders:

    Ein doktrinärer Theologe und ein geistig offener Philosoph diskutierten oft auf Latein darüber, wie wohl das Jenseits beschaffen sein mag. Auf die Fragen "qualiter?" (wie beschaffen?) des Philosophen antwortete der Theologe stets mit einem "taliter" (so beschaffen), womit er die Lehre der Kirche meinte.

    Schließlich kamen sie überein, daß derjenige von beiden, der als erster stirbt, dem anderen erscheinen und berichten soll. Der Theologe starb zuerst, und als er verabredungsgemäß dem Philosophen erschien und sagte, daß er im Jenseit sei, wurde er sofort gefragt: "qualiter? … taliter?" (wie ist es? ist es so?).

    Die Antwort lautete "totaliter aliter" (völlig anders).

  4. Saejerlaenner sagt:

    Der Tod ist nicht das Problem, das Problem ist das Sterben; oder die Angst davor… Wer denkt nicht von Zeit zu Zeit darüber nach, wie das bei ihm persönlich aussehen wird? Jeder, der eine Weile hier auf diesem Planeten herumgesprungen ist, kennt Leute, die gestorben sind – Verwandte, Bekannte, Freunde, auch mehr oder weniger Fremde. Oft kennt man auch Todgeweihte, entweder aus Alters- oder auch aus Krankheitsgründen, wo es klar ist, daß es nur noch eine Frage der Zeit ist.
     
    Der Tod ist ganz offensichtlich ein Thema, das jedes denkende Wesen mehr oder weniger beschäftigt, aus der Erkenntnis daraus, daß es von dieser Thematik dereinst selber betroffen sein wird. Aber was solls. In Unvermeidliches soll man sich schicken, und solange man Arme und Beine gebrauchen kann, hat man die Möglichkeit, selbst reguliernd einzugreifen, wenn man meint, daß der Zeitpunkt gekommen ist.

  5. Frank Berghaus sagt:

    #4 Saejerlaenner am 12. Mai 2012 um 22:20

    Oder, wie ein inzwischen friedlich verrstorbener Freund von mir einmal meinte: "Sollte ich jemals bis zum Hals querschnittsgelähmt sein, gehe ich zum Bahnhof und besorge mir eine Pistole".

  6. Saejerlaenner sagt:

    #5 Frank Berghaus am 12. Mai 2012 um 22:26
     
    So lange sollte man nach Möglichkeit natürlich nicht warten :lol: Wenn erstmal der Punkt zur Handlungsunfähigkeit überschritten ist, ist es zu spät.
     
    Ansonsten bleiben einem natürlich mannigfaltige Optionen, ob man sich nun mit laufender Motorsäge auf dem Beifahrersitz zur Ruhe begibt, sich ne Kugel in den Kopf schießt, oder sich als pflanzenkundiger Mensch ne Mischung aus Eisenhut, Schierling und Opium verpaßt; selbst ne Überdosis Insulin ist sicherlich für den Normalbürger im Bereich des Möglichen.

  7. Argutus sagt:

    „Solange du bist ist er nicht – und wenn er ist bist du nicht mehr. Also wovor fürchtest du dich, mein Freund?“

    Das hört sich im ersten Moment klug an, bei genauerer Analyse ist es aber bloß ein sprachlicher Trick um das nach wie vor bestehende Problem des ungewollten Todes weg zu schieben.

    Wenn die die gleiche Methode anwenden um einem reichen Mann die Angst zu nehmen, er könnte verarmen, dann sieht das so aus:

    "Sei getrost, ein Reicher kann nicht verarmen, denn solange der Reiche ist, gibt es für ihn keine Armut, und kommt die Armut, dann gibt es den Reichen nicht mehr. Der Reiche und die Armut werden also nie zusammentreffen."

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