® Wo Aberglaube wirklich gefährlich ist

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Dieser Artikel erschien zuerst in Scienceblogs

Auf dem 6. World Skeptics Congress haben wir schon jede Menge gute Vorträge gehört (zum Beispiel den von Samantha Stein über Kartoffeln und Giraffen). Keinen Vortrag hält Leo Igwe. Der Menschenrechtsaktivist und Vertreter der Skeptikerbewegung in Nigeria, der momentan an der Uni Bayreuth an einem Forschungsprojekt über den Umgang mit angeblicher Hexerei in Afrika arbeitet, ist aber auch auf der Konferenz anwesend. Und statt eines Vortrags hat er ein Poster aufgehängt, über das ich auch berichten möchte. Darin beschreibt Igwe die Probleme, die der Aberglaube in Afrika verursacht.

Wenn sich Skeptiker hierzulande mit klassischem Aberglaube wie Wünschelruten, Horoskopen oder Pendeln beschäftigen, dann bekommen sie oft zu hören, dass sie den Leuten doch ihren Spaß lassen sollen. Wenn die so einen Unsinn treiben wollen, dann sollen sie doch. Und es stimmt ja auch ein wenig: Wir leben in einer Welt, die wir in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten dank der Erkenntnisse der Wissenschaft und der Aufklärung einigermaßen komfortabel für uns eingerichtet haben. Jetzt können wir es uns erlauben, all diese Erkenntnisse zu ignorieren und wieder dem Aberglauben zu fröhnen. Wenn was passiert haben wir ja immer noch das Sicherheitsnetz unserer hochzivilisierten Welt, dass uns auffängt. Aber nicht allen Ländern geht es so gut wie uns in Europa. Wenn bei uns gelangweilte Teenager schwarze Kerzen anzünden und den neuesten Liebeszauber aus der Teenager-Zeitschrift ausprobieren wollen, weil Hexen halt schon irgendwie cool sind, dann ist das erstmal nur ein wenig dumm und nicht sonderlich gefährlich (was nicht heißt, das es nicht gefährlich werden kann).

In Afrika sind Hexen aber nicht "irgendwie cool". In Afrika werden angebliche "Hexen" immer noch verfolgt und teilweise auch getötet! Wenn bei uns die wohlhabenden Freizeit-Ökos mit dem Auto vor der Apotheke parken und sich ein paar ganz sanfte und natürliche Globulis gegen ihren Schnupfen oder ihre Kopfschmerzen kaufen, dann schmeißen sie erstmal nur ihr Geld raus und sonst passiert nicht viel. Und wenn doch, dann gibt es immer noch die echten Ärzte, auf die man zurückgreifen kann. In Afrika ist nicht nur die medizinische Versorgung stellenweise katastrophal schlecht, die Leute haben auch wirklich schwere Krankheiten. AIDS zum Beispiel. Wenn dann jemand kommt und den Menschen Pseudomedizin andrehen will, dann ist das nicht nur gefährlich, sondern widerlich. Und wenn sogar der Präsident von Gambia seinem Volk erzählt, er können AIDS/HIV durch Beten heilen, dann wird klar, das Aberglaube in Afrika ein völlig anderes Problem darstellt, als bei uns.

Mit diesen Problemen kann man auch nicht auf die gleiche Art und Weise umgehen wie bei uns. Wie Igwe in der Einleitung seines Posters schreibt, wird Wissenschaft in Afrika oft immer noch als Instrument der westlichen/weißen Unterdrückung gesehen und deswegen abgelehnt. Hinzu kommen die fehlenden Bildungseinrichtungen und der ganze restliche Riesenhaufen von Problemen, der auf diesem Kontinent lastet. Das ist alles nicht sonderlich optimistisch. Aber zumindest gibt es Leute wie Leo Igwe, die sich trotz der aus unserer Sicht absurden Übermacht des Aberglaubens entgegenstellen. Das ist schon mal ein Anfang…

 

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4 Antworten auf ® Wo Aberglaube wirklich gefährlich ist

  1. Dieser Beitrag zum Thema Aberglaube gefällt mir richtig gut. Vielleicht schreibst du bald mehr darüber. Bis dann, Ann-Kathrin.

  2. pinetop sagt:

    Kartenlegen, Horoskope und ähnlicher Hokuspokus scheinen in Europa eine harmlose Spinnerei zu sein. Ich weiß nicht, ob ich über diese Praktiken lachen oder ob ich mich ärgern soll, weil hiermit das klare Denken vernebelt und die psychischen Voraussetzungen für einen politisch bedenklichen Irrationalismus bereitet werden können. 

  3. Argutus sagt:

    #2 pinetop am 25. Mai 2012 um 15:41

    weil hiermit das klare Denken vernebelt …

    Nein, diese Kraft haben die verschiedenen Formen von Hokuspokus nicht. Sie sind bloß attraktiv für Menschen, die aus Mangel an Fähigkeit oder Zuneigung dem klaren Denken ohnedies fernstehen. Gäbe es das alles nicht, dann würden sich diese Leute eben selbst irgendeinen haarsträubenden Unsinn ausdenken.

    Gefährlich ist nur der Hokuspokus der Religionen, mit dem Kinder (und nicht nur Kinder) systematisch indoktriniert werden.

  4. Saco sagt:

    Schlimmer Aberglaube ist auch das Chrtistentum.

    „Ein Ergebnis christlicher Missionsarbeit in Südafrika“ sind die AUK, die Afrikanischen unabhängigen Kirchen, so Hans-Jürgen Becken in „Verkündigung und Verantwortung, Theologie der Heilung“, Verlag Missionshandlung Hermannsburg. Sie ist zahlenmäßig die stärkste kirchliche Gruppe in Südafrika. Die Missionare lehrten und lehren fundamentalistischen Glauben: Die Bibel sei Gottes Wort und heilig. Daran hält man sich in Afrika, denn man möchte ja schließlich nicht in die Hölle. Nach Ansicht der AUK sei das Heilen nicht medizinisch sondern theologisch abzuhandeln. Alles Heilen komme von Gott, wissen die AUK. „Solche Aussagen machen deutlich, dass die AUK die Bibel als undiskutierte Autorität betrachten…“, so im Buch. Krankheit wird als Ergebnis von Schuld und Sünde angesehen, die als „lebenszerbrechende“ Mächte bezeichnet werden. Alle Krankheiten würden geheilt, so glaubt man, „wenn der Kranke alle Sünden bekennt“. Wer dennoch zum Arzt geht, muss von dieser Sünde rein gewaschen werden. Die schwer Kranken würden teilweise als Besessene in Ketten zur Kirche gebracht. Mit einem gesegneten Stock werde der Kranke geschlagen und entsprechend Jesu Krankenheilung (Matth. 3, 30ff., Luk. 9, 49-50) ein Exorzismus durchgeführt. Im „Spiegel“ stand, „Besessene“ würden in eingezäunte Fußballfelder getrieben und von herbeigerufenen Priestern en gros für je 200 € pro Kopf exorziert. Das ist viel Geld für eine arme Familie. Ob auch in Deutschland eine akute Blinddarmentzündung durch Schläge ausheilt, könnte in größeren Studien an Universitäten untersucht werden. Das Erbe der Missionen lebe in der Bewegung weiter, so der Autor. So ein Erbe sollte man lieber ausschlagen. „Ich bin der Herr, dein Arzt“, wird Exod.15, 26 zitiert. Zu den 17 Millionen Kondomtoten und 22 Millionen an Aids Infizierten gesellen sich so noch weitere Millionen, denen ärztliche Hilfe ebenso klerikal wie radikal ausgeredet wird. Das hat mit „Verkündigung und Verantwortung“ nichts zu tun. In Europa ist es längst als schwerer Kunstfehler erkannt, auf Gottes Hilfe zu warten. In Afrika hat man zu übereifrig und zu fundamentalistisch einfach denkende Menschen verantwortungslos missioniert. Diese Mission ist Missbrauch. Helmuth Schmidt prangert in seinem Buch „Religion in der Verantwortung“ solche Formen von Mission an.

     

     

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