Zeuge Jonathan

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Vor einigen Tagen erhielt ich per Email einen Artikel (Abschied vom Wachtturm), in dem 3 Frauen ihre Geschichte bei der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas erzählten. Als ich dann kurz darauf den gleichen Artikel verlinkt in der Facebookgruppe „Initiative Humanismus“ las, ergab sich ein recht langes Gespräch, in dem ich mehr oder weniger ausführlich diverse Fragen zu den Zeugen Jehovas und meiner Zeit dort beantwortete.

Als mich Frank Berghaus daraufhin fragte, ob ich nicht Lust hätte, die ganzen Infos zusammenzuschreiben und in einen zusammenhängenden Text umzuformulieren, sagte ich zu und sitze also nun am Samstag Abend vor meinem PC und versuche, dieser Bitte nachzukommen.

Vorab wäre mir jedoch etwas besonders wichtig: Alles, was ich aufschreibe, schreibe ich mit bestem Wissen und Gewissen. Mir ist absolut bewusst, dass die Erfahrungen bei den Zeugen Jehovas extrem unterschiedlich sind. Falls ich Dinge anders erlebte als andere, heißt das somit nicht, der eine lügt oder habe keine Ahnung – es ist einfach oftmals so, dass die vorgegebenen Richtlinien unterschiedlich angenommen und umgesetzt wurden. Falls dennoch Lust zur Kritik besteht – dafür bin ich immer offen, solange sie vernünftig und belegt ist.

Eine weitere Anmerkung ist, dass es schwer ist, von „den Zeugen Jehovas“ zu reden. Wenn ich also diese Formulierung benutze, möchte ich damit nicht jeden einzelnen Zeugen Jehovas meinen, sondern eher die Allgemeinheit, wie ich sie erlebte und wie sie sich durch die Richtilinien zu verhalten hat.

Zu guter letzt noch ein Wort an all jene, die eine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema Zeugen Jehovas erhoffen – ich muss leider enttäuschen. Weder ist mein Aufsatz wissenschaftlich, noch ist er eine sachliche Abarbeitung der Fakten. Es ist eine Aufarbeitung meiner Erfahrungen, gespickt mit Informationen. Sicherlich sagt das nicht jedem zu, und ganz bestimmt ist so ein Aufsatz für nicht wenige gähnend langweilig. Aber zum Glück sind die Geschmäcker unterschiedlich.

Tja, meine Gedanken zu Zeugen Jehovas… Wo soll ich anfangen? Vielleicht ganz am Anfang.

Vor einigen Jahren, 1987, erblickte ich das Licht der Welt. Und dieses Licht wurde immer heller, denn ich wurde in die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas hineingeboren. Eine christliche Ausrichtung, man mag sie fundamentalistisch nennen. Von den Großkirchen unterscheiden sie sich besonders durch einige Lehren. Zum Beispiel hat ihrer Ansicht nach Jesus nicht am Kreuz gelitten, sondern an einem Stamm. Aber wenn ich ehrlich bin, diese Unterschiede in den Lehren sind mir schnuppe. Ich halte allgemein wenig von monotheistischen Lehren, da sie im Kern immer wieder anti-ethisch, irrational und inhuman sind. Darum werde ich diese Unterschiede weitgehend außen vor lassen.

Wie dem auch sei, ich wuchs also bei den Zeugen Jehovas auf. Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit. Die regelmäßigen Gottesdienste, 3x pro Woche und anfangs 1x, später 2x pro Woche den ‚Haus zu Haus Dienst‘ durchführen, Großveranstaltungen in Fußballstadien, sogenannte ‚Kongresse‘ (ich kann behaupten, in fast allen großen deutschen Fußballstadien gewesen zu sein, ohne auch nur ein einziges Spiel gesehen zu haben). Oh, da wäre ich ja schon an der den Zeugen eigenen Sprache angelangt, aber dazu später mehr. 

Die Tätigkeiten machten mir als Kind Spaß. Schließlich freuten sich die anderen Mitglieder darüber, wenn Kinder sich ‚engagierten‘, Lob und Anerkennung ist nunmal ein großer Ansporn. Jedoch wurde ich älter, die Pubertät schlug mit ihrer ganzen Härte zu, und um mir meinen Freiraum zu erkämpfen (naja, ich gebe zu, pubertäre Rebellion gegen die Eltern war mir auch sehr wichtig mit meinen damals 14 Jahren), gab ich bei den ‚Ältesten‘, geistliche Führer einer jeweiligen Gemeinde, an, dass ich nicht mehr dabei sein wolle. Nachdem diese versuchten, mit mir ein ernstes Gespräch über die Sachlage zu führen, wurde mir resigniert mitgeteilt, ich sei nun ‚von der Liste gestrichen‘. Diese Formulierung werde ich nie vergessen, weil sie für mich einen der wichtigsten Schritte meines Lebens einleitete. Großartige Folgen hatte dieses von der Liste gestrichen sein‘ für mich nicht. Immerhin hatte ich nur den Rang eines sogenannten ungetauften Verkündigers, das heißt, ich war kein vollwertiges Mitglied. Im Falle der Taufe wären die Konsequenzen extremer gewesen. Laut den Richtlinien soll der Kontakt zu ‚Abtrünnigen‘, wie die ‚Ausgeschlossenen‘ auch genannt werden, nämlich so weit wie möglich reduziert werden. Für Betroffene bedeutet das, unter Umständen ihr gesamtes (und ich meine es!) soziales Umfeld zu verlieren. Denn tiefe, freundschaftliche Kontakte sollen bitte möglichst innerhalb der Gemeinschaft geschlossen werden. Verliert man diese, ist man verlassen. Zweierlei wird dadurch erreicht:

Erstens, die Person bereut eventuell. Sie spürt den Schmerz und kehrt zurück und die Wärme des Gemeinschaftsnestes (die perverse Logik, Heuchelei und Unmenschlichkeit, Liebesentzug so zu begründen, ist mehr als eindeutig… Hinzu kommt die arrogante Anmaßung, ein jeder Aussteiger habe keine vernünftigen Gründe, denn diese Handhabe setzt sich nicht mit den Gründen auseinander, sondern soll jeden Fall gleich aburteilen. Demnach setzt das „Bereuen“ voraus, man habe „gesündigt“. Das schließt vernünftige Gründe direkt aus, denn das ist nichts, was man zu bereuen habe. Solche psychologischen bzw. psychopathischen Gedankenspiele sind in dieser Gemeinschaft leider keine Seltenheit.). Zweitens wird ein Dorn entfernt. Ein Ausgeschlossener verließ vielleicht aus gutem Grund diese Gemeinschaft. Und SOWAS gehört entfernt. Jegliche Kritik muss im Keim erstickt werden. Mehr noch, man muss davor fliehen. Und nein, diese Formulierung ist keine Übertreibung meinerseits, sondern ein geistiger Erguss der Zeugen Jehovas. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich vor einigen Jahren einen Zeugen fragte, wie Gottes Liebe mit den Qualen auf der Erde in Einklang zu bringen sei. Der kritikwitternde Zeuge verzog sein Gesicht zu einer wirklich hasserfüllten Visage und machte mir deutlich, dass er darüber nicht mit mir zu reden habe. Ich machte in Bezug auf dieses Thema zwar auch sehr, sehr viele positive Erfahrungen, jedoch war die Reaktion des erwähnten Zeugen alles in allem vorbildlich.

Aber gut, zurück zu meinem Ausstieg… Ich war jung, wollte Dinge erleben. Nichts Großes, eigentlich eher Stinknormales. Das erste Bier genießen (lustigerweise machte ich meine ersten Erfahrungen mit Alkohol Jahre vorher bei Feiern der Zeugen Jehovas. Die ‚Coolen‘ tranken um die Wette, wer bei denen sitzen wollte, musste trinkfest sein – ich war es mit 13 nicht, auch nicht, nachdem sie mich sanft zwangen.), Mädchen, vielleicht mal an einem Joint ziehen? Erfahrungen sammeln. ‚Weltlich‘ sein. Mein enger Zeitplan, den ich am Ende meiner Mitgliedschaft erfüllte, lies mir das nicht zu.

Montags – Buchstudium, Besprechung eines bibelerklärenden Buches der Zeugen Jehovas. Dienstags – Buchstudium mit einem ‚Interessierten‘, Mittwochs – Vorbereitung auf Donnerstag, an welchem ein Gottesdienst mit diversen kleinen Vorträgen stattfand (mit 9 oder 10 stand ich das erste Mal selbst vor der Gemeinde und las aus der Bibel), Freitags sowie Samstags stand dann der Haus zu Haus Dienst an und schließlich gab es am Sonntag nochmal einen Gottesdienst, d. h. einen langen Vortrag plus ‚Wachtturmstudium‘.

Aber da ist sie schon wieder, die Zeugensprache. Vielleicht sollte ich kurz einen Abstecher machen: Zeugen Jehovas besitzen eine eigene Terminologie. Meiner Ansicht nach ist das einfach ein Mittel, um sich abzugrenzen, sich elitär zu zeigen (und so wie ich das sehe, ist auch das mit ein Grund für viele Lehren, die vom allgemeinen christlichen Verständnis der Bibel abweichen, so z. B. das Thema um das Kreuz/den Stamm).

Worte wie „Wahrheit“ (= Die Lehre der Zeugen Jehovas), die „Welt“ (= alle Nichtzeugen), das „System der Dinge“ (= Die momentane Weltordnung unter der angeblichen Herrschaft des Satan). Aber auch „Haus zu Haus Dienst“ (= Das regelmäßige Missionieren), das „Bibelstudium“ (= Lesen und verstehen der Bibel unter alleiniger (!) Anleitung der Publikationen, welche für diesen Zweck von den Zeugen Jehovas herausgegeben wurden), „Feinde der Wahrheit“ (=Aufklärer, Kritiker) und so weiter, und so fort, all das ist sind in der ‚Zeugenwelt‘ normale Begrifflichkeiten. So wie man bei Scientology vom Thetan und Auditing redet und es normal ist, gibt es ebenso eigene Begriffe bei den Zeugen Jehovas. Gern Begriffe aus dem Alltag, die dann komplett umgedeutet werden, wie das Beispiel von der „Wahrheit“ zeigt. Natürlich könnte man nun noch auf die psychologie Wirkung dessen eingehen, aber ich muss ehrlich sagen, dass mir das nun doch zu weit führen würde.

Also das war nun mein Wechsel von der „Wahrheit“ in die „Welt“, welche mir als schlechter Ort ohne Freundschaft, ohne Liebe, ohne wahre Mitmenschen vermittelt wurde. Aber mein Wechsel war nur rein körperlich. Mein Verstand, mein Denken hing noch weiterhin dort, wo er die letzten eineinhalb Jahrzehnte verbrachte – im Gedankengut der Zeugen Jehovas. Ich teilte die Menschen weiterhin auf in die, die gerettet werden und die, die in Harmagedon, Gottes Strafgericht an der Menschheit, sterben würden.  Eben ganz so, wie ich es nun einmal lernte. In meiner Kindheit erlebte ich den ‚lustigen‘ Brauch noch, den einige wenige, vor allem alte, Zeugen aufrechterhielten: Verhielt sich jemand im Haus zu Haus Dienst ablehnend gegenüber den Zeugen, notierte man ihn sich als „Bock“. Als jemand, der in Harmagedon keine guten Karten hat. Aber das war nichts Offizielles, ein kleiner, unverbindlicher ‚Spaß‘.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit 17, knapp 18 in der Wohnung meines Bruders (der zu dem Zeitpunkt zu den „Untätigen“ zählte (= Zeugen Jehovas, die nicht ausgeschlossen sind, jedoch kaum mehr die Gottesdienste besuchen)) stand und wir beide uns sicher waren, dass WENN jemand richtig liegt, DANN seien es die Zeugen Jehovas.

Jedoch schlug mein Verstand meinem Willen ein Schnippchen, dachte sich seinen Weg durch die Hirnverrenkungen um 144000 Auserwählte für den Himmel (ja, auch das ist eine Zeugenlehre), landete im Garten Eden während des Sündenfalls, wich kurz der zupackenden Hand eines Jehovas aus, machte Halt vor dem Sündenbock Satan, tanzte eine Weile um das goldene Kalb und landete schließlich, nach jahrelangem Hin und Her, Diskutieren, Streiten, Verletzen und verletzt werden da, wo er heute ist – im Humanismus.

Wenn ich mit Menschen, die nie vorher von dieser Gemeinschaft hörten über die Zeugen rede, denken sie sofort an die Senioren mit mürrischem Blick in der Fußgängerpassage, die Zeitschriften mit den doofen Namen „Wachtturm“ und „Erwachet“ in der Hand halten. Die lieben Alten, die man belächelt. Nun ja, das ist die eine Seite. Die andere ist die interne.

Manipulation, Indoktrination, seelische Folter, genaue Kontrolle der Mitglieder, in früheren Jahren systematische Kindesmisshandlung, das sind Dinge, die leider Realität sind.

Vor kurzem las ich Hamed Abdel-Samads Prognose über die islamische Welt, in welcher er ein islamisches Kinderlehrbuch zitierte, das einbläuen sollte, Ungläubige kämen in die Hölle.

Nun, ich wuchs mit der Lehre auf, dass alle meine weltlichen Freunde in Harmagedon sicherlich verenden werden. Durch nette Illustrationen von schreienden Menschen, brennenden Häusern und zermalmten Tieren in den Publikationen wurde dieser Eindruck verstärkt.  Wo ist der Unterschied? In meinem Bücherregal steht ein Kinderbuch der Zeugen Jehovas (ein Mahnmal), welches Kindern nahelegt, Dämonen würden sich freuen, spielten sich die Kleinen an Penis und Scheide (Nur ums klarzustellen – wir reden hier von sogenannten Doktorspielen und dem vollkommen normalen Entdecken des eigenen Körpers).  Dieses Kinderbuch ist aktuell, es hat den Titel „Lerne von dem großen Lehrer“.

Beispiele dieser Art finden sich zuhauf in der zeugeneigenen Literatur. Ich persönlich wuchs noch mit der Lehre auf, dass das Schlagen von Kindern notwendig sei, um sie auf dem „Pfad der Rechtschaffenheit wandeln zu lassen“.  Wo ist der Unterschied zu einer Gesellschaft, die ihre Kinder vor „Ungläubigen“ warnt und diese verdammt? Natürlich gibt es inhaltliche Unterschiede, aber die geistige Vergewaltigung, die gesellschaftsfeindlichen Inhalte und die Indoktrination sind vom gleichen Kaliber.

Ich werde nie vergessen, wie ein „Kreisaufseher“ (ein von Gemeinde zu Gemeinde reisender Zeuge mit besonderem Ansehen) in einem seiner Vorträge glücklich jauchzend davon schwärmte, wie Kinder zu schlagen seien, sogar Witze darüber machte. Er lachte damit Kinder aus, die weinend verprügelt wurden. Es gibt eine „Sage“, eine Story, die bei Aussteigern und Mitgliedern gleichermaßen die Runde macht. Die kleine Geschichte vom Jungen, der während des Gottesdienstes nicht still sitzen will. Also nimmt ihn sein Vater an die Hand und führt ihn in den hinteren Bereich, um ihm den Hintern zu versohlen, wortwörtlich. Die Gemeinde weiß, was dem Jungen droht, der Junge ebenso. Er weint: „Jehova, hilf mir!“.

In der Gemeinde löste diese Story früher Gelächter aus, wie naiv der Junge sei.

Mir kommen beim Schreiben fast die Tränen, wenn ich darüber nachdenke.

Als ich vor kurzem 2 Zeugen Jehovas die mich besuchten eben darauf ansprach, gaben sie sich sehr überrascht, als hörten sie zum ersten Mal davon. Nachdem ich ihnen eindeutige Stellen in ihrer eigenen Publikation zeigte, welche glasklar aussagten, dass das Versäumen der Prügelstrafe ein Mangel an Glauben, ein Fehlverhalten sei, für das man sich vor Gott zu rechtfertigen habe, fühlten sie sich sichtlich unwohl. Natürlich ist es richtig, dass vor gar nicht allzu langer Zeit die Prügelstrafe allgemein einfach ganz normal war. Mein Vater wuchs mit seinen 5 Geschwistern mit dem Gehstock zu Hause und dem Rohrstock in der Schule auf. Jedoch war es sicherlich nicht normal, Kindesmisshandlung als göttliches „Edikt“ anzusehen, es anzupreisen, zu fördern und zu fordern. Aber das Licht wurde heller (die offizielle Bezeichnung für das Eingeständnis, sich in der Vergangenheit getäuscht zu haben und nun eine Änderung der Lehre vorzunehmen), diese Lehre verschwand aus ihren Schriften und seit dem Jahr 2000 wird man Schwierigkeiten haben, das Anpreisen der Kindesmisshandlung in seiner alten Härte zu finden, eher im Gegenteil.

Besonders auffällig ist das ‚heller werdende Licht‘ auch im Punkt Bluttransfusionen, die dem Leser, der bis hierhin durchhielt, sicherlich schon durch den Kopf gingen, schließlich gibt es kaum ein Thema, für das Zeugen Jehovas so sehr bekannt sind. Waren in der Vergangenheit Bluttransfusionen absolut verboten (basierend auf dem biblischen Gebot, sich des Blutes zu enthalten), sind sie mittlerweile eine Gewissensentscheidung. Oh, wieder ein Zeugenbegriff. Eine Gewissensentscheidung beschreibt eine Sachlage, die zwar nicht offiziell verboten ist, jedoch auch nicht direkt gewünscht ist. Ob Eltern ihre Kinder mit auf weltliche Klassenfahrten gehen lassen, ob Zeugen einen Job annehmen, der ihnen weniger Zeit zum Missionieren lässt, oder ob man eine Bluttransfusion annimmt, das alles sind Gewissensentscheidungen.

Während meines Studiums schrieb ich in der Lerneinheit „Journalistisches Schreiben“ einen Artikel über eine junge Zeugin Jehovas, die aufgrund ihrer Verweigerung der Transfusion starb.  Natürlich wird hier in antrainierter Zeugenmanier erwidert, dass sie ja vielleicht trotzdem gestorben sei. Das ist sogar richtig. Aber unerhört heuchlerisch. Denn die Überlebenschance steht hierbei nicht im Mittelpunkt. Weniger noch, die zählt nicht die Bohne. Sondern einzig und allein das als göttlicher Wille betrachtete Gebot. Selbst wenn Transfusionen den Krebs oder Aids heilen könnten, Zeugen Jehovas müßten darauf verzichten, denn es ist ein biblisches Gebot, zumindest ihrer Auffassung nach. Der Versuch, die angeblichen Risiken von Bluttransfusionen als Grund vorzuschieben, diese zu verweigern, ist entweder Unwissenheit um den eigentlichen Sinn des Verbotes oder aber ganz direkt pure Heuchelei. Jedoch würde im Fall der Bluttransfusionen als 100%iges Heilungsmittel für diverse Krankheiten sicherlich das Licht schlagartig heller werden. So funktioniert nun einmal göttliche Inspiration. Halte so lange an der wirren Lehre fest, bis überhaupt rein gar nichts mehr geht und sage dann, Gott erleuchte dich mit neuem Licht. Er wird schon richtig liegen…

Wobei diese Sachlage mir half, mich zu lösen, mich zu befreien von diesem Glauben. Nie werde ich vergessen, wie ich als junger Teenager weinend im Bett saß, fest zu meinem Gott betend, er möge mir sagen, zeigen was richtig ist. Gar nicht so lange später kam erst der körperliche, später der geistige Ausstieg.

Für mich war später glasklar, ich brauche den klaren Cut. Ich muss mich deutlich von dieser Sache distanzieren. Blame my Rechtsempfinden. Meine Erfahrung war jedoch, dass viele diesen Cut nicht brauchen. Sie können den Spagat wagen und entweder auf die Schnauze fliegen oder aber es hinkriegen. Miterlebt habe ich beides. Wer damit glücklich wird, der soll es ruhig tun.

Vor einigen Jahren las ich ein Interview mit einem Lokalpolitiker, der mehrere Jahrzehnte in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas verbrachte. Er sagte etwas, das ich sehr interessant finde. Er als Mensch sei mit diesem Glauben einfach nicht kompatibel. Diese Worte sind die kurze Beschreibung, mehr noch, die Erklärung für etwas, dass ich sehr lange fühlte und bei anderen Menschen der Szene nie verstand.

Ich bin mit diesem Glauben einfach nicht kompatibel. Meine ethischen Grundlagen und mein Verstand können so nicht funktionieren.  Für andere Menschen klappt es wunderbar, sie passen in diese Form. Oder werden geformt.

Ich bin froh, dass es bei mir anders kam. Jedoch bin ich auch froh, meine Kindheit so verbracht zu haben, wie ich sie verbrachte.

Mehr als froh bin ich jedoch dankbar dafür, die Erfahrungen gemacht haben zu dürfen(und ich schließe all die unschönen Erfahrungen mit ein…), die mich schließlich zu dem Menschen machten, der ich heute bin. Kein anderer will ich sein außer ich selbst.

 

Ich bin mir sicher, viele sehr wichtige Dinge fehlen in meinem bisherigen Aufsatz. Und ich weiß auch, dass es sehr viele Dinge gibt, die bestimmt viel eingehender bearbeitet werden müßten und könnten, auch von mir. Eine Aufarbeitung in dieser Form fand bei mir jedoch schon seit einiger Zeit nicht mehr statt, darum bin ich wahrscheinlich ein wenig ungeübt im Abwägen dessen, was wichtig ist und was nicht. Gesetzt den Fall, dass es positive Rückmeldung geben sollte und falls es gewünscht wird, kann ich sehr gerne noch auf weitere Inhalte oder Fragen eingehen. Gespannt bin ich aber erst einmal, ob jemand bis hierher durchhält.

Die Uhr sagt 21.00 Uhr, seit mehreren Stunden sitze ich hier schon und schreibe, lösche, schreibe, lösche. Grad springt mein Winamp auf die Nummer 5323 meiner Playlist, Michael Jackson – Beat it. Die perfekt Musik für einen Abschluß.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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45 Antworten auf Zeuge Jonathan

  1. Frank Berghaus sagt:

    Jonathan, was ich bisher vergessen habe zu fragen: Wie halten es die ZJ eigentliich mit dem Religionsunterricht? Lassen sie die Kinder befreien?

  2. Limette sagt:

    Wough, harter Tobak!
    Wieso 144000 Auerwählte? Wie viele Z.Jehovas gibt es denn in Deutschland?
    Hast du denn noch Kontakt zu deiner Familie?
     
    Glückwunsch zu deiner offenen Zukunft!!
     

  3. Indianerjones sagt:

    Eindrucksvoller Bericht Jonathan, habe ihn mir bereits zum 2. mal durchgelesen und komme dabei latent gesehen auf mich als Exkatholik zurück, man kann es nicht vergleichen, denn ich hatte keinerlei nennenswerte Problem mich von der katholischen Kirche zu entfernen, bei dir war das sicherlich schwerer ,wie ich lesen konnte, gleichwohl ist es wieder eine durchgreifendes Beispiel das die Religonen im gesamten das Problem sind, nicht nur die eine Gute zur anderen Schlechten. Da ich 3/4 meines Lebens als überzeugter Religionsloser zubrachte, verstehe ich mehr und mehr nicht die Leute die einer Religion anhängen……[…] :nerd:

  4. Jonathan Nehrke sagt:

    Danke erstmal noch an Frank fürs Veröffentlichen ;)…
    Frank, während der Grundschule wurde ich vom Religionsunterricht befreit. Ich saß in der Zeit im Lehrerzimmer und machte Hausaufgaben… Später nahm ich dran daran teil. So weit mir bekannt, war diese Sache ebenso eine "Gewissensentscheidung". Zumindest habe ich sie als solche erlebt.
     
    Limette, es gibt im Bibelbuch Offenbarung 2 Stellen, an denen eindeutig von 144000 Menschen die Rede ist, die beim 'Lamm' stehen. In Abgrenzung dazu steht die "große Volksmenge" VOR dem Lamm. für die Zeugen ist das ein Zeichen dafür, dass eben diese 144000 im Himmel seien, die "große Volksmenge" aber, die, die in Harmagedon errettet werden, würden auf der Erde bleiben und in einem Paradies leben.
    Aber ich gestehe, die Argumentation nicht mehr ganz genau zu kennen, wirklich richtig durchblickt habe ich sie wahrscheinlich eh nie.
    Kontakt zu meiner Familie habe ich übrigens. Zu meinen Eltern und Brüdern ein besonders gutes Verhältnis ;). Die Brüder sind ebenso nicht mehr dabei, ein Elternteil hat sich vor einiger Zeit auch distanziert und das 'Überbleibsel' hat sich sehr gut damit arrangiert.
    Auch mit anderen Verwandten, die noch "in der Wahrheit" sind, habe ich Kontakt, wenn auch unregelmäßig, weil ich einfach nicht in der Umgebung wohne. Aber das liegt sicherlich zum Teil auch daran, dass ich mich nicht habe taufen lassen. In dem Fall wäre mein Ausstieg ein sogenannter "Ausschluß" gewesen, d. h. ich sei als Ausgeschlossener zu behandeln gewesen, was gemäß den Richtlinien den Kontaktabbruch nach sich zöge. Natürlich gibt es auch hier immer wieder Ausnahmen und auch darum ist es schwer, von "den Zeugen" zu reden.
    Aber die Richtlinien sind eindeutig. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mir klargemacht wurde, ich solle Ausgeschlossene nicht grüßen, ihnen bloß nicht die Hand geben. Ein "Ausgeschlossener" ist nunmal einer, der sich gegen die "Wahrheit" gestellt hat.
     
    Indianerjones, ich denke tatsächlich, dass oftmals der Ausstieg aus einer Sekte (und die Zeugen weisen so unheimlich viele sektenartige Strukturen auf, dass sie, neben der offiziellen Definition einer Abspaltung, auch im Sinne des negativ konnotierten Wortes als Sekte zu bezeichnen sind) ungleich schwieriger ist als die Distanzierung zu einer der Kirchen. Immerhin ist der Ausstieg bei den Zeugen oftmals mit dem Verlust des sozialen Umfeldes verbunden. Für viele sicherlich ein Grund, es sich zweimal zu überlegen.
    Wobei für mich die Herausforderung mehr im ideologischen Abschied bestand. Ich hatte in dieser Gemeinschaft kaum wirkliche Freunde, also war es nicht weiter schlimm, die Leute während der Gottesdienste nicht zu sehen. Zwar "straften" mich einige mit kompletter Ablehnung, also nicht einmal mehr ein Gruß auf der Straße, aber das machte mir nicht sonderlich viel.
    Viel schwieriger war es, aus diesem alten Denken herauszukommen. Irgendwann, so mit ca. 19 glaube ich, saß ich dann im Bus auf dem Weg von der Schule. Da kamen mir auf einmal Gedanken zur Widersprüchlichkeit zwischen Gottes Liebe und seiner Allmacht. Die Gedanken ließen mich nicht los, ich sprach mit anderen Menschen darüber, mit meinen Eltern, Zeugen Jehovas, sogar einen Mönch in Gerleve fragte ich, schließlich unterwanderte ich grade mein gesamtes Weltbild…. Ich schrieb meine Gedanken auf und versuchte mich zu widerlegen, was einfach nicht klappte. Und so wandelte sich mein Denken. Zwei Fliegen mit einer Klappe, erstmal der Abschied vom Zeugendenken und die Aufgabe eines bekloppten Glaubens über göttliche Gespenster und jüdische Zombies….
     
    Ich muss übrigens gestehen, dass ich sehr gut verstehen kann, wie und warum Menschen glauben, auch wenn es die beklopptesten, hirnrissigsten und verschrobensten Ideen sind, die man sich nur vorstellen kann.
    Zum einen gibt es Hoffnung und für viele sicherlich Trost, dass dieses Leben nicht alles sei. Dass da mehr ist. Viele sehnen sich danach. Aber ein weiterer besonderer Grund bei den Zeugen ist meiner Meinung nach das sogenannte Lovebombig. Grade Neue werden mit Zuwendung und Warmherzigkeit wirklich überschüttet. Wo so liebe und nette Leute sind, da MUSS doch der richtige Glaube sein!
     
    Mist, 4:08, ich sollte schlafen :D!!!

  5. Indianerjones sagt:

    Ich habe mal jemanden geantwortet, der mir die Werte der Religion aufzählte, das war sehr säkular , denn  betreffende Person ,zählte die 10 Gebote auf, einzeln und mit wirklich ethnischen Wesen in seinen Gesichte, nachher gab ich ihm Recht, sagte aber ………* Braucht man dazu eine Religion?……..[…] :nerd:
    Er wahr sichtlich erstaunt, aber keinerlei feindselig, denn sichtlich hatte es ihn auch erschüttert, aber auch ein Nachdenken setze ein. Das ist auch der hauptsächliche Unterschied zwischen Christlichen Religionen und zum Beispiel dem Islam, da gerade ist eine normale Kritik mit Sicherheit der Auslöser zu einer kriegerischen Handlung und zwar sofort. 8-O

  6. Indianerjones sagt:

    #5
    Bei anderen Religionen kommen halt die feindseligen Handlungen etwas zeitversetzt, aber das Ergebnis ist dasselbe. Gleichwohl wie auch immer, Religionen haben im 21. Jahrhundert nichts zu suchen, in der  Politik schon mal gleich gar nicht, außer sie sind säkular und wirklich auf die Privatsache beschränckt. :nerd:

  7. Sigrid Herrmann-Marschall sagt:

    Hallo Jonathan,
    vielen Dank für diesen Bericht und herzlichen Glückwusch zur Emanzipation. ;-) 
    Mich würde einmal interessieren, wie es sich mit der Hinführung von Kindern zu "weltlichem" Wissen verhält. In den Publikationen, die ich sah, wird ja oftmals ein sehr einfaches Weltbild verbreitet und auch noch mit vielen Bildern geschmückt. Werden die für alle Länder zentral erstellt und dann nur übersetzt? Ich hatte häufiger lange Diskussionen mit Zeugen an der Haustür z.B. über die Evolutionslehre und hatte den Eindruck, dass man seine "Kenntnisse" tatsächlich aus diesen Schriften bezieht. Meine Verweise auf das eine oder andere Biologie-Buch wurde mit dünnen Heftlein gekontert, in denen die "Wahrheit" stünde (man berief sich darauf, dass man auch Wissenschaftler in seinen Reihen habe, etwas, was ich nach Lesen der Traktätchen nicht glauben kann, zumindest keine Naturwissenschaftler). 
    Die Sache mit der Ausbildung würde mich auch wegen zweier anderer Aspekte interessieren: 1. Warum sollte man eine evtl. lange Ausbildung machen, wenn immer wieder mal das nahende Ende der Welt ausgerufen wird? 2. Wie verhält es sich bei Berufen, bei denen man mit Blut in Kontakt kommt? Bezieht sich das nur auf die Transfusion oder gibt es da auch noch andere Tabus?
     
    Danke fürs Antworten.
    Sigrid

  8. Jonathan Nehrke sagt:

    Das Weltbild ist wirklich sehr einfach. Es gibt Böcke und Lämmer. Gute Menschen, böse Menschen, fertig.
     
    So weit mir bekannt, werden sämtliche Schriften mitsamt Bildern zentral erstellt, an Ausstenstellen übersetzt, gedruckt, versandt. Eine dieser Stellen ist in Selters. Genannt "Bethel". Ein großer, recht imposanter Komplex, in dem (bevorzugt junge, ledige) Mitglieder arbeiten, wohnen, Gottesdienste abhalten. Eine riesige Druckerei, Verwaltung, Kantine, und und und.
    Jedenfalls, besonders auf Bildern wird eben dieses Weltbild wunderbar übermittelt. Zeugen Jehovas bzw. Menschen, die ihnen zugewandt sind, werden regelmäßig glücklich, zufrieden dargestellt. Alle andere Menschen sind wütend, verzweifelt, hasserfüllt, gleichgültig und so weiter.
     
    Ich habe einen Scan einer Seite aus dem "Erwachet!" von vor 60 Jahren. Dort sieht man die glückliche Zeugenfamilie, daneben den wütenden, hassenden Ausgeschlossenen mit verzogener Miene. Klar, das ist alt und heute sind sie sehr subtiler. Dennoch hat sich nicht viel daran geändert, wie einfach sie ihre Welt erklären. Menschen wie ich, die ihnen absolut kritisch gegenüberstehen, aber sie weder hassen noch verdammen, kommen in den Publikationen herzlich wenig vor.
     
    Was ihre Konter angeht, dazu wieder ein Beispiel: Es gibt das Büchlein "Unterredungen anhand der Schriften", kurz "das Unterredungsbuch". Zu meiner Zeit wurde es regelmäßig benutzt, ich denke, das ist heute immer noch. Es ist ein Buch voller Einleitungen und Konter, die Einwände schnell abwehren sollen, ohne HIntergrundwissen zu haben. Du findest dort Formulierungen wie "Gib Zeit zum Antworten. Zeige Interesse und lobe den Wohnungsinhaber für seine Gedanken. Fahre dann mit dem Bibeltext xy fort." Es wird nirgends an keiner Stelle erwähnt, mal solle auf die Argumente eingehen, sich Gedanken darüber machen.
    Davon abgesehen gibt es sehr, sehr viele Bücher der Zeugen Jehovas, die 1. falsches Wissen verbreiten und 2. Wissen vortäuschen. Sie brachten vor vielen Jahren das "Evolutionsbuch" heraus, das u. a. mit der Argumentation aufwartete, durch eine Explosion (Big Bang) sei niemals Leben entstanden. An anderen Stellen findet man Argumentationen, die die Radiokarbonmethode widerlegen soll, da sie die mär von 6000 Jahre Menschheitsgeschichte natürlich easy vom Tisch wischt. Jedoch betonen sie, wie brauchbar diese Methode sei, wenn sie ihre eigenen Argumente stützt, z. B. bei der Datierung von alten Schriften.
    WIe gesagt, Halbwissen, wenn man überhaupt sowas "Wissen" nennen kann. Hintergründe und Fakten sind kaum bekannt.
    Ich erinnere mich, wie ich vor einigen Jahren eine Argumentation las, die besagte, ein WIssenschaftler fand durch Krokodilsskelette auf Bergen heraus, dass es die Sintflut gegeben haben muss. Dass dieser "Wissenschaftler" vor hunderten Jahren starb und kaum nach heutigen Standards forschen konnte, wurde natürlich nirgendwo erwähnt.
    Auch werden mit Vorliebe Zitate von Wissenschaftlern verfälscht durch lückenhaftes Zitieren.
     
    Was die von dir angesprochene Ausbildung angeht, es wird davon öfters (früher stärker, heute weniger, so weit mir bekannt) abgeraten, nach 'höherer Bildung zu streben'. Das ist natürlich klar, denn was lernt man in vielen Studiengängen? Analysieren, hinterfragen, forschen, forschen, forschen. Das ist bei Zeugen nicht gewünscht. Ich könnte da stundenlang rumerzählen, aber ein Beispiel zeigt hervorragend ihre Einstellung dazu. Ein Beispiel, das ein Redner auf einem 'Kongress' brachte, war das folgende:
    Ein Mann hatte einen schweren Schaden im Gehirn. Dieser Schaden brachte ihn so weit, sich ein Schrotgewehr zu nehmen und sich in den Kopf zu schießen. Der Schuß ging daneben, traf den beschädigten Teil des Gehirns, heilte den Mann.
    Aber nur, weil er es überlebte heißt das nicht, dass man so einen Schaden im Gehirn behandeln sollte.
    Ebenso gibt es Leute, die ein Studium unbeschadet überstehen, aber das heißt doch nicht… Den Rest kann man sich denken ;).
     
    Auf deine Frage zum Blut brauch ich nur eines sagen: Gewissensentscheidung ;). Da gibt es meines Wissens nach keine genauen Vorgaben. Meine Erfahrung war jedoch, dass die, die sich komplett 'rein' halten, besser angesehen sind.
     
    Sorry übrigens, wenn die Antworten immer so lang werden ;D..

  9. Limette sagt:

    Kein Problem mit langen Antworten! Ist ja Spannend, hast du eine Ahnung , wie viele Zeugen es in Deutschland gibt?

  10. Jonathan Nehrke sagt:

    Ich meine, die letzten offiziellen Zahlen sind um die 160000. Aber das ist schwer genau zu sagen, es hängt immer davon ab, wie sie zählen. Inaktive Zeugen, die nicht ausgeschlossen sind, zählen meines Wissens nach nämlich auch dazu…
    Jedenfalls, es sind nicht viele. Weltweit sind es zwischen 6 und 7 Millionen.

  11. esserant sagt:

    Hallo Jonathan,
    Dank und Respekt zu Deinem sehr eindrucksvollen Artikel zu den ZJ.
    Ich erinnere mich an meine Kindheit, in der mir elternweise eingebläut wurde, wie ZJ an der Haustüre abzufertigen seien, wenn sie Hausbesuche machten.
    Meine Lapidare Antwort sollte sein: Ich bin katholisch – und damit sei alles gesagt.
    Heute, wo ich Konfessionsfrei bin, weiß ich, dass alle Religionen zu hinterfragen sind, dass alle indoktrinieren wollen, alle nur die eine Wahrheit besitzen wollen und alle nur den Menschen beherrschen wollen. Kurz, Wege von Religionen führen in die Irre – seien wir froh, es durchschaut und gegengesteuert zu haben.

  12. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #8 Jonathan Nehrke am 28. Mai 2012 um 08:45

    Nach meiner Erinnerung wird in der Tat argumentativ nachgearbeitet. Zeugen Jehovas ließen sich vor etwa 40 Jahren darauf ein, mich und meine Frau bekehren zu wollen. Ich hatte ihnen zwar gesagt, das sei sinnlos, aber sie wollten es dennoch versuchen. Wie zu erwarten ohne Ergebnis. Ich hatte die Sache schon abgehakt, da kamen nach einigen Wochen zwei – nennen wir sie "Führungsoffiziere" – und unterhielten sich sehr sachlich mit mir über meine Gegenargumente und machten sich eiftig Notizen und verabschiedeten sich zum Schluß sehr höflich. Ich hatte den Eindruck, sie waren auf einer ideologisch höheren Ebene und damit beschäftigt, ihre Argumentationsstrukturen durch Studium "der Gegners" zu verbessern.

  13. Firithfenion sagt:

    Sehr interessanter Artikel. Zu DDR-Zeiten hatte ich regelmässigen Kontakt zu den Zeugen Jehovas. Damals wohnte ich noch bei meinen Eltern und diese liessen sich (vermutlich mehr aus Langeweile) zu einem wöchentlichen Bibelstudium überreden. Einiges gefiel mir an den Zeugen Jehovas ganz gut. Beispielsweise ihre Opposition zum SED Staat. Offiziell waren sie in der DDR verboten, deshalb waren ihre Hausbesuche für die ZJ mit einem gewissen Risiko verbunden. Da auch ich dem SED Staat ablehnend gegenüber stand, erweckten die ZJ natürlich automatisch eine gewisse Der-Feind-deines-Feindes-ist-dein-Freund Sympathie bei mir. Mit ihnen konnte ich mich offen darüber unterhalten, was mich am SED-Staat ankotzte, vieles sahen sie ganz genau so. Weiterhin fand ich es gut, das sich die Zeugen Jehovas um ihre Mitglieder kümmern und eine Gemeinschaft bildeten, während die evangelische Kirche, der ich damals noch angehörte, sich um alles mögliche kümmerte, bloss nicht um ihre zahlenden Mitglieder. Für eine kurze Zeit jedoch bekam die evangelische Kirche einen starken Pluspunkt bei mir, durch ihre ausserordentlich positive Rolle, die sie bei der friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR spielte. Da jegliche oppositionelle Versammlungen in der DDR streng verboten waren und oppositionelle Gruppierungen keinerlei legale Möglichkeit hatten, Versammlungsräume zu bekommen, öffnete die evangelische Kirche kurzerhand ihre Kirchenräume für oppositionelle Gruppierungen und erlaubte ihnen, sich dort zu versammeln und zu diskutieren. Nach der Wende jedoch verspielte die evangelische Kirche ihre Sympathie bei mir wieder vollends, als ich sah wie sie anfingen, sich massiv bei der SED-Nachfolgepartei anzubiedern und wie evangelische Pfarrer anfingen, PDS-nahe Postionen zu vertreten.

  14. Firithfenion sagt:

    Um zu den Zeugen Jehovas zurück zu kommen. Die Gründe die mich dann doch wieder in Opposition zu den ZJ brachten, waren wohl hauptsächlich wissenschaftlicher Natur, ich war schon immer naturwissenschaftlich interessiert. Für einen mathematisch und naturwissenschaftlich interessierten Menschen ist Kreationismus natürlich völlig inakzeptabel. Interessant fand ich allerdings, das ich durch die Zeugen Jehovas zuerst überhaupt von der Existenz des Kreationismus hörte. Ich habe als Kind die Mondlandungen im Fernsehen mitverfolgt und sie haben einen ungeheuerlichen Eindruck auf mich hinterlassen und sind wohl hauptverantwortlich für mein lebenslanges Interesse an der Wissenschaft. Bis zu meinem Kontakt mit den ZJ hatte ich keine Ahnung, das heute noch ausserhalb von geschlossenen Anstalten Menschen existieren die ernsthaft die Evolution in Frage stellen. Als ich dann mit den pseudowissenschaftlichen Argumenten konfrontiert wurde, stellte ich fest das es doch nicht ganz so einfach ist. Ich stellte fest, das viele Menschen nur ein oberflächliches Wissen über die Evolutionstheorie besitzen und teilweise existieren auch Mißverständnisse. Meine erste Diskussion mit einem Kreationisten habe ich deshalb verloren. Dadurch war aber meine Neugier geweckt. Ich stellte fest, das mein Schulwissen über die Evolution nicht ausreichte um gewisse Fragen zu beantworten. Ich besorgte mir Darwins Entstehung der Arten und ähnliche Bücher. Heute muss ich sagen, das ich über ein überdurchschnittlich gutes Wissen (im Vergleich zum Durchschnittsbürger)  zum Thema Evolution verfüge. Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, das dieses Interesse bei mir durch Beschäftigung mit dem Kreationismus der Zeugen Jehovas geweckt wurde.  Anzumerken wäre dabei noch, das die Zeugen Jehovas zumindest keine "Junge Erde Kreationisten" sind, sondern einräumen, das es sich bei den "Schöpfungstagen" um symbolische "Gottestage" gehandelt haben könnte, die geologische Zeiträume repräsentieren.

  15. Firithfenion sagt:

    Problematisch fand ich auch die "Timeline" für "Harmageddon", also den göttlich sanktionierten Holocaust an der Menschheit. Während die Zeugen Jehovas sich in der Vergangenheit mehrmals mit konkreten Datumsvorhersagen blamiert hatten, ging man in den späten 80er Jahren, also in der Zeit als ich mit den Zeugen Jehovas Kontakt hatte, nicht mehr von einem konkreten Datum aus. Stattdessen lautete die Definition wie folgt. Man las aus der Bibel irgendwie heraus, das die Generation die das Jahr 1917 bewusst erlebt hatte, nicht vergehen würde, bevor all diese Dinge (also Armageddon) geschehen sein würde. Im Klartext: Armageddon wird passieren, bevor die Generation die 1917 bewusst erlebt hat, komplett verstorben ist. Das war schon in den späten 80er Jahren ganz schön eng. Wer 1917 bewusst erlebt hatte, war schon damals um die 80 wenn er überhaupt noch lebte. Also hielten viele ZJ Armageddon als kurz vor der Tür stehend und glaubten bei jedem Erdbebenbericht jetzt wäre es ganz sicher so weit.

  16. Argutus sagt:

    #4 Jonathan Nehrke am 28. Mai 2012 um 04:08

    Zum einen gibt es Hoffnung und für viele sicherlich Trost

    Das ist ein Punkt, der mich seit Jahrzehnten verwundert und den ich bis heute nicht verstanden habe:

    Wieso kann eine religiöse Lehre Hoffnung geben oder tröstlich sein, wenn sie gar kein Wissen enthält, sondern bloß etwas, das man glauben kann – oder auch nicht.

    Ohne diese Lehren sind manche Dinge, die den Menschen interessieren, ungewiß (beispielsweise ob es ein Jenseits gibt). Diese Ungewißheit ist unangenehm, wird aber durch die Religion nicht beseitigt. Dadurch, daß ich beschließe (oder mich überreden lasse) etwas zu glauben, wird es ja nicht wahrscheinlicher.

    Der Glaube verwandelt unentschiedene Fragen wie beispielsweise "Gibt es Gott?" oder "Gibt es ein Jenseits?" in eine neue aber ebenso unentschiedene Frage: "Ist mein Glaube der richtige?".

    Das Ganze ist so unnütz wie ein Münzwurf, der einem eine Entscheidung abnehmen soll. Das tut er aber nicht, denn er verwandelt ja bloß die Frage "Was von zwei Alternativen soll ich tun?" in die neue Frage "soll ich tun, was die Münze sagt, oder das Gegenteil?".

  17. Frank Berghaus sagt:

    #16 Argutus am 28. Mai 2012 um 12:15

    Wieso kann eine religiöse Lehre Hoffnung geben oder tröstlich sein, wenn sie gar kein Wissen enthält, sondern bloß etwas, das man glauben kann – oder auch nicht.

    Das wird uns, die in "non prophet organisations" wirken, wohl für immer verscchlossen sein.

  18. Frank Berghaus sagt:

    Holger Fehmel schreibt:

    Ich frage mich manchmal, was wäre aus mir geworden, wäre ich nicht zufällig in ein konfessionsfreies, liberales Elternhaus hineingeboren. Gut, den säkularen Humanismus habe ich mir weitgehend selbst angeeignet, aber meine Eltern haben hier schon gute Vorarbeit geleistet, ich habe mich nicht weit von ihnen entfernt. Wäre ich unter anderen Umständen heute ein frommer Katholik, ein überzeugter Moslem ? Oder hätte ich es geschafft, mich aus so einem Umfeld zu lösen ? Umso größer meine Sympathie und mein Kompliment für Dich, Johnatan und alle, die es geschafft haben, sich aus einem streng religiösen Umfeld zu befreien…
  19. Jonathan Nehrke sagt:

    Erstmal danke für die ganzen Blumen :)….
     
    Esserant, das ist auch eine Standartantwort, "Ich habe meine Religion und bin zufrieden damit.". Das ist eigentlich ja soweit auch okay. Diese Antwort gibt es auch im angesprochenen "Unterredungsbuch". Der Konter wird sein, Interesse und Sympathie vorzutäuschen, in etwa "Das ist schön, denn viele Menschen interessieren sich für so wichtige Themen nicht. Haben sie sich schon einmal gefragt, was die Bibel zum Thema bla bla bla sagt…?", und so weiter. "Abwimmeln" lassen sie sich natürlich. Wenn ich partout keine Lust habe, sage ich einfach die Wahrheit, dass ich 14 Jahre dabei war und mich nicht weiter mit ihnen unterhalten möchte. Wenn man es ihnen freundlich klar macht, sollten sie normalerweise das auch akzeptieren. Gibt natürlich auch da wie immer Ausnahmen ;)…
     
    Firith, Sympathie für Widerstand gegen menschenunfreundliche Systeme schreiben sich Zeugen Jehovas auch gern auf die Fahne. Was irgendwo auch zum Teil stimmt, z. B. leisteten sie 'Widerstand' gegen das NS Regime. Dafür haben sie meinen allergrößten Respekt. Aber ich differenziere da ganz klar. Ich habe Respekt und Achtung vor dem Einsatz der Menschen damals. Jedoch habe ich keinerlei Respekt vor ihrer Ideologie, vor ihren 'Machenschaften' heutzutage und ganz direkt vor ihrem gesamten Glauben.
     
    Argutus, vor 3 Wochen hatte ich Besuch von zweien. Wir hatten uns verabredet, meine Brüder waren dabei und ich hatten 'n langes und echt gutes Gespräch. Dabei erzählte einer der beiden, dass er diese Hoffnung, nach diesem Leben weitermachen zu können, wirklich braucht. Und das kann ich auch nachvollziehen, das ist eine tolle Hoffnung.
    Aber ich habe auch den Wunsch, supermegahoch springen zu können, das wär total knorke. Aber nur weil ich es mir wünsche, kommt ja davon noch lange nichts. Religiöse Menschen oder hierbei direkt Zeugen sehen das anders. Sie lassen sich 'überzeugen' von einer halb brauchbaren Argumentation, die jegliche Kritik ausblendet und verbietet. Da ist es ja klar, dass man überzeugt ist, wenn man die Gegenseite nicht kennenlernen DARF. Erst recht, wenn man sie als 'sinnlos' im negativen Sinne verachtet. Mein Gegenargument dazu war, dass ich ein "sinnleeres" Leben als Privileg ansehe, da es dann an mir liegt, für mein Leben einen Sinn zu finden. Damit konnten die beiden jedoch wenig anfangen, was eigentlich nicht schlimm wäre. Aber die Tatsache, dass sie die Gegenseite nicht verstehen können und dementsprechend sie allgemein aburteilen, ist total daneben.
     
    Oh, was ich bislang vergaß: Es gibt einen schwedischen (oder dänischen?) Film, der da lautet "To Verdener – Worlds apart". Das ist ein unglaublich authentischer Film zum Thema Zeugen Jehovas. Ich habe ihn mit so einigen Aussteigern geguckt, alle, restlos alle hatten eine Gänsehaut, mitunter Tränen. Eine sagte sogar, dass sie das Gefühl habe, ihr Leben sei verfilmt worden.
    Ich kann ihn nur jedem empfehlen, der sich ein wenig für das Thema Zeugen bzw. Sekten im Allgemeinen interessiert.
    Vor einiger Zeit gab es ihn komplett auf Youtube mit englischem Untertitel, ich hoffe, das hier ist der richtige Link:
    http://www.youtube.com/watch?v=EIDwXYACfmM

  20. Firithfenion sagt:

    #20 Jonathan Nehrke am 28. Mai 2012 um 17:48
    Es gibt einen schwedischen (oder dänischen?) Film, der da lautet "To Verdener – Worlds apart". Das ist ein unglaublich authentischer Film zum Thema Zeugen Jehovas.
     
    Ich habe mir den Film angeschaut und er scheint mir, nach allem was ich über die ZJ weiss, tatsächlich ziemlich authentisch zu sein. Jedenfalls wurde er von Leuten geschaffen, die sich tatsächlich mit der Thematik auskennen. Einige ZJ mögen tatsächlich so fundamentalistisch sein, aber einige die ich kennen gelernt hatte, waren auch wesentlich lockerer drauf. An Lucy (oder Luzi) die meine Eltern regelmässig an den Wochenenden besuchte, meist in Begleitung einer älteren Dame, habe ich durchaus positive Erinnerungen. Auch meine Eltern mochten Lucy und es war wohl einer der Gründe, warum sie sich auf diese Bibelstunden einliessen. Irgendwann kam sie jedoch nicht mehr, und indirekt erfuhren wir, das es wohl eine ähnliche Situation wie in dem Film gegeben hatte. Lucy hatte wohl jemanden kennen gelernt, mit dem die Gemeinde nicht einverstanden war. Sie musste sich entscheiden. Sie entschied sich für ihren Freund. Es berührte mich und meine Eltern unangenehm das man so mit Lucy umgegangen war und sie einfach sang- und klanglos aus der Gemeinde verstossen hatte, obwohl sie sich doch so stark engagiert hatte und jedes Wochenende für ihre Glaubensgemeinschaft unterwegs war. Ohne Lucy, die immer gerne lachte und mit der man sich auch über andere Sachen unterhalten konnte, machten die Bibelstunden überhaupt keinen Spaß mehr so das meine Eltern die Kontakte zu den ZJ dann einschlafen liessen.
     
    Auch die Wachturm und Erwachet Hefte finde ich manchmal gar nicht so schlecht. Manchmal sind sie ganz interessant, auch wenn sämtliche Themen natürlich aus der Weltsicht der ZJ präsentiert werden. Aber das ist ja bei der sogenannten "Qualitätspresse" auch nicht anders. Auch dort wird die Realität nur unter dem Blickwinkel der vorherrschenden Gutmenschen-Weltsicht präsentiert. Das muss man wissen, das weiss man normalerweise auch und dann kann man im allgemeinen damit umgehen. Vor einiger Zeit las ich mal in einem Wachturm Heft einen Artikel zum Thema "Junge Leute fragen sich: Soll ich micht tätowieren lassen?". Darin hiess es u.a.: "Würdet ihr euch für ein modisches Kleidungsstück entscheiden, wenn damit die Verpflichtung verbunden wäre, das ihr dieses Kleidungsstück für den Rest eures Lebens Tag und Nacht am Körper tragen müsst, auch wenn es eines Tages aus der Mode kommen sollte?" Diesen Vergleich fand ich recht gelungen, zumal ich der Tätowierungshysterie ohnehin etwas skeptisch gegenüber stehe.

  21. Bluttransfusion sagt:

    Guter Artikel, der aber leider beim Thema Blut falsche Informationen enthält.

    Während die Annahme sog. Blutfraktionen mittlerweile tatsächlich der „Gewissensentscheidung“ der Mitglieder unterliegt, ist das bei den Hauptbestandteilen, also allem, was im allg. Sprachgebrauch unter dem Begriff „Bluttransfusion“ verstanden wird, leider nicht so.

    Die willentliche Annahme einer Bluttransfusion (also einer Transfusion von Vollblut, Thrombozyten, Erythrozyten oder Plasma) wird von der Religionsgemeinschaft als aktives „Verlassen der Gemeinschaft“ gewertet – mit allen Konsequenzen hinsichtlich sozialer Ächtung etc., wie sie in Herrn Nehrkes Artikel beschriebeb werden.

  22. Jonathan Nehrke sagt:

    Firithfenion, natürlich gibt es auch bei den Zeugen viele Inhalte, die gar nicht verkehrt sind und in ihren Zeitschriften gibt es natürlich auch Artikel, die ganz interessant sind.
    Aber das ändert ja nichts an den weiteren Inhalten. Auch sind diverse Schlußfolgerungen sehr…. bemerkenswert. Ich erinnere mich da an Artikel, die hoch wissenschaftlich die Anpassungsfähigkeiten von Insekten hochlobten, nur um danach in ganz typischer Dödelmanier zu schlußfolgern, dass sowas ja NUR ein Gott machen könne…
     
    Bluttransfusion, da würde mich doch direkt die Quelle interessieren. Ich habe hier die WTGLib von 2011, konnte darin aber nichts eindeutiges finden.
    Meine Infos zum aktuellen Stand basieren auf Gesprächen mit aktiven Zeugen. Könntest du dazu Quellen nennen? Mir wurde dagegen von vielen Fällen berichtet, in denen die Annahme von Vollblut eben keinen Gemeinschaftsentzug nach sich zog. Wobei ich mir auch gut vorstellen könnte, dass das Thema wiederum mittlerweile regional bedingt ist.

  23. Bluttransfusion sagt:

    Auf die Schnelle von der Watchtower Library gezogen:
     
     
    *** w08 1. 10. S. 30 Wie mir mein Glaube bei Schicksalsschlägen geholfen hat ***
    Ärzte empfehlen oft eine Bluttransfusion — nicht um den Krebs zu heilen, sondern um der Aggressivität der Chemotherapie entgegenzuwirken. Als Zeugen Jehovas gehorchen wir aber dem göttlichen Gebot, uns des Blutes zu enthalten (Apostelgeschichte 15:19, 20)
     

    *** w08 1. 10. S. 31 Wie mir mein Glaube bei Schicksalsschlägen geholfen hat ***
    Da sich Jehovas Zeugen ebenfalls des Blutes enthalten möchten, können sie auch keiner Bluttransfusion zustimmen. Daher kommen für sie nur andere Behandlungsmethoden infrage.
     

    *** lv S. 215-216 Blutfraktionen und bei Operationen verwendete Verfahren ***
    Christen lehnen Transfusionen von Vollblut oder dessen Hauptbestandteilen ab. Sollten sie in Behandlungsmethoden einwilligen, bei denen Blutfraktionen (Derivate) verwendet werden? Die Bibel geht auf diese Einzelheiten nicht ein, daher muss jeder vor Gott nach seinem eigenen Gewissen entscheiden. Manche lehnen alle Fraktionen ab mit der Begründung, dass man gemäß Gottes Gesetz für Israel Blut, das aus dem Körper eines Geschöpfes ausfloss, „auf die Erde ausgießen“ musste (5. Mose 12:22-24). Andere haben nichts gegen die Behandlung mit Fraktionen und begründen dies eventuell damit, dass Fraktionen, die aus Blut gewonnen werden, nicht mehr das Leben des Geschöpfes darstellen, von dem das Blut stammt.
    Quelle: "Bewahrt euch in Gottes Liebe", WTG 2008
     

    *** lv S. 217 Blutfraktionen und bei Operationen verwendete Verfahren ***
    EMPFOHLENE FRAGEN AN DEN ARZT
      Überprüfe vor einer Operation oder einer Behandlung, bei der ein Blutprodukt verwendet werden könnte, ob die entsprechenden rechtswirksamen Dokumente ausgefüllt sind, wie das „Dokument zur ärztlichen Versorgung“ und die „Ergänzende Patientenverfügung und Vollmacht mit Betreuungsverfügung“, die dich vor Bluttransfusionen schützen sollen. Außerdem könntest du den Arzt Folgendes fragen:
    ▪ Weiß jeder vom Krankenhauspersonal, der mit meinem Fall zu tun hat, was ich als Zeuge Jehovas verfügt habe, nämlich, dass mir auf keinen Fall eine Bluttransfusion (Vollblut, Erythrozyten, Leukozyten, Thrombozyten oder Blutplasma) gegeben wird?
    Quelle: "Bewahrt euch in Gottes Liebe", WTG 2008
     

    *** bh Kap. 13 S. 131 Abs. 16 Das Leben so sehen, wie Gott es sieht ***
    Treue Diener Gottes sind heute fest entschlossen, Gottes Anweisungen über die Verwendung von Blut zu befolgen. Sie essen kein Blut — egal in welcher Form. Und sie lassen sich auch zu medizinischen Zwecken kein Blut geben. Sie sind sicher, dass der Erschaffer des Blutes weiß, was das Beste für sie ist. Glauben wir persönlich das auch?
    Quelle: "Was lehrt die Bibel wirklich?", WTG 2005
     

    *** km 11/06 S. 3 Wie stehe ich persönlich zu Blutfraktionen und zu Therapieverfahren, bei denen Eigenblut verwendet wird? ***
    Die Bibel gebietet Christen, ‘sich von Blut zu enthalten’ (Apg. 15:20). Deshalb lehnen Jehovas Zeugen Transfusionen von Vollblut oder den vier Hauptbestandteilen des Blutes, also Erythrozyten, Leukozyten, Thrombozyten und Blutplasma, ab. Ferner lassen sie sich kein Blut zu Transfusionszwecken abnehmen, auch nicht für eine Eigenbluttransfusion (3. Mo. 17:13, 14; Apg. 15:28, 29).
    Anmerkung: Auf diesen Artikel wird im Königreichsdienst (internes Mitteilungsblatt der ZJ) vom Januar 2009 verwiesen, womit er auch in 2009 noch aktuell war.
     
    Ich lese in allen diesen Fundstellen kein Wort von Gewissensentscheidung. Und jeder, der die interna der ZJ kennt, weiß was es heißt, wenn die WTG wie oben stehend zitiert formuliert: Das sind allesamt nicht diskutable Anweisungen, deren nichtbefolgen sanktioniert wird.
     
    Und nebenbei: Hätte es die im obenstehenden Artikel beschriebene Reform der ZJ zum Thema Blut tatsächlich gegeben, dann wäre sie weltweit von allen einschlägigen Internetplattformen zu den ZJ thematisiert und diskutiert worden. 

  24. Jonathan Nehrke sagt:

    Ich muss ehrlich sagen, aus den zitierten Quellen geht für mich kein direkter Ausschluß als Konsequenz hervor, aber ich denke auch nicht, dass sie's so direkt schreiben würden.
     
    Voriges Wochenende sprach ich noch mit meinen Eltern über genau dieses Thema, beide versicherten mir, dass die Annahme einer Transfusion NICHT den Ausschluß als Konsequenz haben muss, sondern es als Gewissensentscheidung behandelt wird.
     
    Naja, wieder was dazu gelernt, dann scheint's tatsächlich regional unterschiedlich gehandhabt zu werden.

  25. Bluttransfusion sagt:

    Da mein eben geposteter Beitrag so ganz ohne Formatierungen unlesbar ist, hier ein zweiter Versuch mit einigen Absätzen und eingerückten Zitaten. Der andere Beitrag kann gerne gelöscht werden.
    Im internen (und eigentlich strikt geheimzuhaltenden) Anweisungsbuch für "Älteste" (so heißen die Gemeindevorsteher bei den ZJ) wird u.a haarklein vorgeschrieben, wie die Ältesten alle möglichen "Verfehlungen" ihrer Schäfchen zu sanktionieren haben.
    <br>
    Wen es interessiert, der googele nach "Hütet die Herde Gottes" und lade es sich selbst herunter. Es ist teilweise amüsant, teilweise aber auch erschütternd nachzulesen, wie diese Religionsgemeinschaft das Leben ihrer Mitglieder reglementiert.
    <br>
    Dieses Buch wurde das letzte Mal im Jahr 2010 überarbeitet und neu aufgelegt. Dort findet man auf den Seiten 111, 112 im Kapitel "Verlassen der Gemeinschaft" Anweisungen für den Fall, dass ein ZJ willentlich eine Bluttransfusion annimmt.

    <br>
    "Jemand lässt sich bereitwillig Blut transfundieren
    und bereut nicht. Willigte jemand in
    eine Bluttransfusion ein, weil er eventuell unter
    großem Druck stand, ermittelt das Komitee den
    Tatbestand und versucht herauszufinden, wie der
    Betreffende eingestellt ist. Ist er reuig, hilft ihm
    das Komitee im Sinne von Galater 6:l und Judas
    22, 23. Da er in geistiger Hinsicht schwach ist, eignet
    er sich fur eine gewisse Zeit nicht mehr für
    spezielle Vorrechte und vielleicht ist es sogar notwendig,
    ihm bestimmte grundlegende Vorrechte
    zu entziehen. Die Umstände könnten es erfordern,
    dass das Komitee Folgendes bekannt machen
    lässt: „Die Ältesten haben sich mit einer
    Amgelegenheit befasst, die mit Bruder
    [Schwester] . . . zu tun hat. Älteste sind dabei,
    Hilfe zu leisten." Stellt das Komitee jedoch fest,
    dass der Betreffende reuelos ist, lässt es bekannt
    geben, dass er die Gemeinschaft verlassen hat."

    Im Klartext: Lässt sich ein ZJ willentlich eine Bluttransfusion verabreichen und hält diese "Sünde" nicht geheim und "bereut" diese auch nicht, wird das mit einem Verlassen der Gemeinschaft gleichgesetzt. Wie oben bereits ausgeführt, sind die Konsequenzen identisch mit denen eines sog. "Gemeinschaftsentzugs".
    <br>
    Was die ZJ unter "Reue" verstehen, wird im selben Buch auf Seite 91 ausgeführt:

    <br>
    "Feststellen, ob echte Reue vorliegt
    6. Im Griechischen werden für ,,bereuen zwei Verben
    gebraucht. Das erste bezeichnet eine Sinnesänderung
    oder eine Änderung des Standpunkts. Das zweite
    drückt ein Gefühl des Bedauerns aus. Bei Reue geht es
    somit um ein tiefes Bedauern wegen eines gestörten
    Verhältnisses zu Jehova und der Schande, die man auf
    seinen Namen und sein Volk gebracht hat, sowie um
    den aufrichtigen Wunsch, Jehova wieder zu gefallen.
    Die schlechte Handlungsweise wird von ganzem Herzen
    abgelehnt, als abstoßend empfunden und gehasst
    (Röm. 12:9). Eine solche Einstellung sollte an ,,Früchten
    . . ., die der Reue entsprechen", zu erkennen sein,
    ,,Früchten, die beweisen, dass der Sünder die Missetat
    (ihrer Schwere entsprechend) bereut (Luk. 3:8; it-2
    S. 692-700)."

    Im Prinzip gelten die gleichen Vorschriften übrigens auch für Eltern, die Bluttransfusionen bei ihren Kindern zulassen. Glücklicherweise fackeln aber heutzutage die Krankenhäuser nicht lange und erwirken im Handumdrehen gerichtliche Verfügungen, die den Eltern vorübergehend das Sorgerecht für medizinische Behandlungen entziehen, so dass die meisten Kinder von ZJ gerettet werden können.
    <br>
    Wer sich mit dieser Thematik näher befassen will, der lade sich das Protokoll der Rechtsausschuss-Sitzung vom 16.02.2011 der bremischen Bürgerschaft im Anerkennungsverfahren der ZJ als KdöR herunter und lese dort im besonderen die Ausführungen des damaligen ärztlichen Direktors der Prof. Hess Kinderklinik im Klinikum Bremen-Mitte, Prof. Dr. Huppertz, nach.
    <br>
    Der Bürgerschaftsabgeordnete Horst Frehe bietet eine wörtliche Abschrift des Protokolls unter folgendem Link zum Download an:
    <br>
    http://www.horstfrehe.de/Download/2011-02-16%20RechtsAussch%20Protokoll%20Zeugen%20Jehovas.pdf
    <br>
    Dort berichtet Prof. Huppertz auf den Seiten 60, 61 von einem konkreten Fall. Anzumerken ist noch, das Prof. Huppertz eine ZJ-spezifische Lehre (bezüglich der 144.000 Auserwählten) falsch wiedergibt, was aber den Rest seiner Aussage IMHO nicht in Frage stellt:

    <br>
    "Ich möchte in diesem Zusammenhang einen Fall schildern, an den ich mich erinnere. Sie verzeihen mir, dass ich einige Einzelheiten zurückhalte, weil natürlich sonst die ärztliche Schweigepflicht nicht gewährleistet wäre. Es handelt sich um ein sehr kleines Frühgeborenes von drei Wochen, das, wie es dann auch häufig der Fall ist, trotz aller Maßnahmen einen deutlichen Abfall des Blutes, der Blutbestandteile, hatte. Das Kind hatte Atemnot, hatte einen sehr schnellen Herzschlag und gedieh nicht mehr. Alles Zeichen dafür, dass die Blutarmut so ausgeprägt ist, dass man etwas machen muss. Wir haben vorgeschlagen, eine Transfusion durchzuführen. Die Eltern haben gesagt, dass sie als Zeugen Jehovas dieser Transfusion nicht zustimmen können. Es kamen dann weitere Mitglieder dieser Glaubensgruppe und haben sich auch als Helfer der Eltern vorgestellt. Es wurde gemeinsam diskutiert und das Ergebnis war, dass die Transfusion abgelehnt wurde.
    Nachdem diese Betreuer dann gegangen waren, kamen die Eltern noch einmal zu uns und haben uns von ihrem Konflikt erzählt, dass sie auf der einen Seite natürlich alles Gute für das Kind möchten und eingesehen haben, dass die Transfusion das Beste für das Kind wäre, dass sie aber auf der anderen Seite große Angst haben, dass möglicherweise dieses Kind dann nicht zu den 144 000 Gerechten gehören würde, wenn es eine Transfusion bekäme. Sie wollen das Beste für ihr Kind. Sie haben dann zusätzlich auch davon erzählt, dass die anderen Mitglieder der Glaubensgemeinschaft ihnen großen Druck gemacht haben, dass sie Angst haben, aus dieser Gemeinschaft, der sie gern angehören, in der sie gern Mitglied sind, mit der sie gut auskommen, möglicherweise ausgestoßen zu werden oder dass sie ihr Kind nicht mehr sehen dürften. Es waren also sehr viele Ängste, und wir haben natürlich in dieser Situation dann für das Kind entschieden. Wir haben den Richter angerufen, der die Erlaubnis zur Transfusion gegeben hat. Wir haben die Trans-fusion gegeben, die sich sehr günstig für das Kind ausgewirkt hat, und den Eltern war eine große Erleichterung anzumerken. Die Eltern waren sehr erleichtert, vor allem weil ihnen die Entscheidung abgenommen worden ist, sie brauchten dann diese Entscheidung nicht zu treffen. Wir haben diese Entscheidung für sie getroffen, und als dann später die Betreuer wieder kamen, konnten sie denen sagen, dass sie auf internen Zwang gehandelt haben, und dass sie auch Reue zeigten, dass diese Transfusion nun gegeben war, aber dem Kind war damit geholfen."
    <br>
    Dieser Schilderung ist meiner Meinung nach nichts mehr hinzuzufügen.

     

  26. Bluttransfusion sagt:

    Das mit den html-Tags scheint wohl nicht so zu funktionieren, wie ich dachte.
    @Jonathan: Sei mir bitte nicht böse, aber glaubst Du wirklich allen Ernstes, dass deine Eltern in bezug auf deine Kritikpunkte an ihrer Religion ehrlich zu Dir sind?
    Ich kann es mir nicht vorstellen, schließlich wollen sie Dich gerne zurückgewinnen und dein ewiges Leben retten.
    Dass die ZJ eine ganz eigene Definition von Wahrheit und Lüge haben, hast Du selbst in deinem Artikel bereits angedeutet. Denk mal an das Stichwort "theokratische Kriegslist", verknüpfe das mit dem Wunsch deiner Eltern, dich zu "retten" und bewerte dann noch einmal, wie glaubwürdig die Aussagen deiner Eltern sind, wenn es um ihre Religionsgemeinschaft geht.

  27. Bluttransfusion sagt:

    Zitat Johnathan:

    Voriges Wochenende sprach ich noch mit meinen Eltern über genau dieses Thema, beide versicherten mir, dass die Annahme einer Transfusion NICHT den Ausschluß als Konsequenz haben muss, sondern es als Gewissensentscheidung behandelt wird.

    Natürlich hat eine Transfusion keinen "Ausschluss" zur Folge, da er ja als aktives "Verlassen der Gemeinschaft" gewertet wird.
    Von daher ist es in den Augen deiner Eltern noch nicht einmal die Unwahrheit, wenn sie behaupten, eine Transfusion zieht keinen Ausschluss nach sich.
    Hast Du echt schon alles vergessen? Doppeldenk und Neusprech gibt es nicht nur bei Orwell…
     
    Zitat Johnathan:

    Naja, wieder was dazu gelernt, dann scheint's tatsächlich regional unterschiedlich gehandhabt zu werden.

    Definitiv nicht. Du wurdest lediglich bewusst in die Irre geführt.
     

  28. Jonathan Nehrke sagt:

    Da muss ich dir ein wenig auf die Finger hauen ;).
    Eingangs in meinem Aufsatz schrieb ich bewußt, dass man schwer von "den Zeugen Jehovas" reden kann. Das Beispiel mit meinen Eltern ist der beste Beweis, denn sie wollen mich NICHT zurück zu den Zeugen bringen. Das hat wenig mit der 'theokratischen Kriegslist' zu tun. auch gibt es dabei kein 'bewußtes in die Irre führen'. So wie ich das sehe, sind es 'einfach' unterschiedliche Erfahrungen.
    Auch das sprach ich bereits an.
     
    Ich war über 3, 4 Jahre sehr aktiv im Forum des Vereins Infolink, die wohl größte Anlaufstelle für Aussteiger im deutschen Raum, die versucht, Informationen zu Fakten und Hintergründen zu liefern und Ausstiegshilfe zu leisten, wenn gewünscht.
    In den Jahren des sehr aktiven Schreibens wurde mir immer und immer wieder vorgeworfen von gewissen Leuten, ich habe keine Ahnung, würde Lügen, Verharmlosen, unpassend Relativieren, habe alles vergessen und und und.
    Was aber weniger der Fall ist. Tatsache ist, und das habe ich nicht zuletzt in vielen persönlichen Gesprächen mit Aussteigern gemerkt, dass sehr, sehr viele Dinge regional absolut unterschiedlich gehandhabt werden. Das heißt nicht, dass du Unrecht, ganz im Gegenteil. Es ist sogar sehr gut möglich, dass gemäß den Vorschriften die Blutannahme ohne 'Reue' ein Ausschluß zur Folge hat, die entsprechende Stelle aus dem 'Ältestenbuch' kannte ich nicht, ehrlich gesagt.
    Aber das ändert ja nichts an den Erfahrungen, die damit gemacht wurden. Und diese scheinen interessanterweise sehr unterschiedlich zu sein.
     
    Das ist ähnlich wie mit der in früheren Zeiten geforderten Kindesmisshandlung. Obwohl direkt dazu aufgerufen wurde, seine Kinder zu schlagen und ein Vernachlässigen dessen etwas sei, wofür man sich vor Gott zu verantworten habe, gab es dennoch Familien, die diesem direkten Aufruf zur Kindesmisshandlung eben NICHT Folge leisteten.
     
    Aber wie gesagt, wieder etwas gelernt ;).

  29. Sigrid Herrmann-Marschall sagt:

    Vielen Dank noch mal für die Infos.
    Es ist irgendwie sehr traurig, wie viel Angst aus dem, was über manche Personen berichtet wird, herausleuchtet. Hätten z.B. die Eltern des Frühchens nicht diese völlig irrationale und eingeredete Angst, bei Nichtbefolgung der Regeln NICHT zu den 144.000 Gerechten zu zählen, sie könnten sich frei entscheiden nach Vernunft und ihrem inneren Bedürfnis.
     
    Mal eine ganz dumme Frage: 144.000 Gerechte. Wie viele Zeugen Jehovas gab es bislang? Muss man dann nicht irgendwann aufhören, Kinder zu bekommen, da "der Flug sonst überbucht" wird? Gibt es dafür eine Vorgabe?

  30. Jonathan Nehrke sagt:

    Hey Sigrid,
     
    da muss ich ganz ehrlich passen… So weit mir bekannt, gab es einige Änderungen in der Lehre bezüglich der 144000, aber welcher Gedankenverirrung sie im Moment anheim fielen, kann ich wirklich nicht sagen (und ich bin auch froh darüber :D).
     
    Aber diese Zahl der 144000 trifft ja nicht auf alle Zeugen zu, sondern nur auf eine ganz bestimmte Auswahl, sogenannte "Gesalbte". Diese sind beim 'Gedächtnismahl', der Feier vom letzten Abendmahl, dazu berechtigt, vom Brot und Wein zu nehmen. Aber da es ja nicht auf alle Zeugen zutrifft, ist Zuwachs immer gern gesehen.
    Ich bin mir jedoch 100% sicher, dass die Anzahl derer, die sich selbst zu den "Gesalbten" insgesamt zählten und zählen die 144000 weit überschreitet ;).
    Wie man merkt, dass man ein "Gesalbter" ist? Eingebung. Meiner Erfahrung nach nahmen gerne Leute von diesen Symbolen, welche eine besondere Stellung inne hatten.
    Danach wurde immer getuschelt, wer sich wohl etwas erhoffte, gern auch mal gelästert, wenn es jemand war, von dem man's eigentlich weniger erwartet hätte :P.
     
    Für die Zeugen ist dieses Datum übrigens etwas sehr besonderes, da nach eigenen Angaben vieler Zeugen für sie das einzige Fest im Jahr ist, das sie wirklich Feiern.
    Diese "Feiern" sind dabei ziemlich langweilig. Ein Redner steht auf der Bühne, bemüht sich, dieses Thema würdevoll zu 'moderieren'. Zwischendurch wird dann ein Teller mit Brot und ein Glas mit Wein durch die Reihen der Anwesenden gereicht.
     
    Naja, für manche ist das ein echtes Highlight. Ich persönliche finde dieses christliche Ritual udn den symbolischen Kannibalismus dahinter total meschugge, aber gut, jedem wie er's beliebt :P..

  31. Bluttransfusion sagt:

    Das meinte ich, als ich schrieb, dass der Arzt die Lehre bezüglich der 144.000 falsch wiedergibt. Es ist ein häufig anzutreffendes Missverständnis der Lehren der ZJ, dass nur 144.000 gerettet würden.
    Tatsächlich glauben die ZJ, dass 144.000 sog. "Gesalbte" in den Himmel kommen um dort als "Könige und Priester" zu regieren, nachdem in "Harmagedon" alle Nichtzeugen brutalstmöglich von himmlischen Mächten niedergemetzelt wurden (es gibt da sehr "schöne" Illustrationen in der Literatur der ZJ, insbesondere auch in Kinderbüchern!!!).
    Die restlichen Zeugen, die sog. "große Volksmenge", auch die "anderen Schafe" genannt, werden gemäß der Lehre der ZJ stattdessen nach "Harmagedon" ewig und in Vollkommenheit auf der zu einem Paradies umgestalteten Erde leben.
    Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit meinten die genannten ZJ-Eltern das zweite Wolkenkuckuksheim und nicht das erste.
    Wie gesagt: Wer sich nicht näher mit der Lehre der ZJ befasst hat, bekommt das gerne mal durcheinander…

  32. Berthold Fritz sagt:

    Ach hätt ich doch den ersten Artikel vor dem Zweiten gelesen. Meine Reaktion auf den „Falschspieler“ war etwas hart, auch wenn ich es so gemeint habe. Aber das Verständnis für deinen Background habe ich erst jetzt bekommen.
    Interessante Artikel, schön geschrieben, ehrlich bis auf die Knochen und gut durchdacht! Weiter so, ich freue mich auf neue Beiträge, so wie sie deinem Geist, deiner Erfahrung und deinem So-Sein entspringen. Jede Minute am PC lohnt sich für den Kampf gegen den Aberglauben. wenn ich mir vorstelle, dass die Zahl der Christen auch einmal bei „nur“140 000 gelegen hat….

  33. Sinuhe sagt:

    Hallo, Jonathan. Schön, mal wieder von dir zu lesen. Deinen Bericht finde ich sehr interessant. Er hat ein großes Echo gefunden. Habe alle Kommentare gelesen. Warst ein schönes Kind, ich meine das Bild auf der Treppe.
    Kindererziehung. Die wurde und wird unterschiedlich gehandhabt. Unser Sohn wurde "gewaltfrei" erzogen und das war in den frühen 60ern. Andere Eltern nahmen "die Zucht Jehovas" etwas wörtlicher. Der Gewalttätige findet in der Bibel seine Vorgehensweise bestätigt und auch der Sanfte findet seine Texte oder legt sie sich halt aus, wie sie seinem Naturell entsprechen.
    Bildung. Die Oberen der ZJ sind bildungsfeindlich, müssen sie sein, sonst klappt irgendwann der Laden zusammen. Aber trifft das nicht auf alle Religionen zu. Die ZJ sind da keine Ausnahme. Das Evolutionsbüchlein ist eine Sammlung von Falschverstehen, Verdrehen, Falschzitieren und Angstmache. Auf Seite 248 und 249 wird dem Leser erklärt, daß die Evolutionstheorie den Zwecken Satans dient. Es wird gefragt: "Wer könnte eine so unverschämte Lüge in die Welt gesetzt haben? Jesus machte den Urheber kenntlich, als er sagte:"Er (der Teufel) ist ein Lügner und der Vater der Lüge." (Johannes 8:44).""

  34. Jonathan Nehrke sagt:

    Berthold, danke für die Worte, und deine Reaktion im zweiten Aufsatz von mir war doch voll in Ordnung :)…
     
    Hey Sinuhe, lange her, dass wir schrieben, hm ;)?
    Mein Bruder hat sich vor kurzem zwei alte Evolutionsbücher der Zeugen auf Ebay ersteigert, jeweils aus unterschiedlichen Jahren. Einmal die Originalversion, einmal die revidierte Version. Die Unterschiede darin sind herzlich amüsant….
     
    Übrigens, wenn der Teufel der Vater der Lüge ist, ist dann Gott der Großvater der Lüge?

  35. Sinuhe sagt:

    Ja, Jonathan, so muß es wohl sein. Und wenn ich deiner schlüssigen Analyse in "Der Falschspieler" folge, dann kann ich den Titel so stehen lassen. Weißt du was, ich glaube, der Teufel und Gott, die müssen sich einfach die Zeit vertreiben, vielleicht halt mit Wetten und dabei eben trixen, wie sich das für raffinierte Spieler gehört.
    Und wegen der ganzen Spielerei und Rechthaberei hat Gott vergessen, sich um seine Geschöpfe zu kümmern. Um die von ihren Eltern verkauften Kinder in Indien zum Beispiel, die 7 Tage die Woche von morgens bis spät abends giftigen Müll sortieren müssen (Erste Nachricht heute im Ersten).
    Da ist sogar der Teufel mitfühlender, wenn man dem von Goethe mitgehörten und aufgeschriebenen Gespräch im Himmel glaubt: "Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen; Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen."

  36. Frank Berghaus sagt:

    #36 Sinuhe am 11. Juni 2012 um 23:32

    Wobei die ganze Überlegung reichlich überflüssig zu sein scheint – bei allem Respekt, denn weder für die Existenz eines Gottes noch für die eines Teufels gibt es auch nur den geringsten Beleg.

    Das Leben könnte sehr viel einfacher sein, wenn es sich schlicht an den Tatsachen orientierte ohne irgendwelche transzendentale Spinnereien.

  37. Fafnir sagt:

    #37 Frank Berghaus am 11. Juni 2012 um 23:40
     
    Es gibt so viele Götter und Glaubensvorstellungen, dass man sich nur schlicht selbst überfordert sich alle Möglichkeiten auszumalen und es ist wohl am Besten dem ganz gelassen und mit beiden Beinen im Leben gegenüberzustehen.
     
    Ich hatte vor einiger Zeit eine Diskussion mit einem Christlich-Orthodoxen Bekannten und als er immer verzweifelter versuchte Argumente zu finden, fragte er mich schließlich was ich denn am Tag meines Todes machen würde, wenn ich vor meinem "Schöpfer" stünde, den ich mein Leben lang verleugnet habe.
    Ich antwortete ganz gelassen: Dann habe ich mein leben gut gelebt und bin mit anderen tolerant umgegangen ohne es von irgendwem vorgeschrieben bekommen zu haben. Wenn Gott wie behauptet gütig ist, wird er dies wohl respektieren. Wenn nicht sag ich auf Wiedersehen und gehe.
     
    Der Ausdruck in seinem Gesicht war unbezahlbar ;)

  38. Argutus sagt:

    #37 Frank Berghaus am 11. Juni 2012 um 23:40

    weder für die Existenz eines Gottes noch für die eines Teufels gibt es auch nur den geringsten Beleg.

    Schlimmer noch – alles, was wir wissen, spricht gegen deren Existenz.

    Das Leben könnte sehr viel einfacher sein, wenn es sich schlicht an den Tatsachen orientierte ohne irgendwelche transzendentale Spinnereien.

    So ist es. Solange wir nichts Sicheres (oder wenigstens einigermaßen Plausibles) über diese Dinge sagen können, ist es schlicht unsinnig, sie in irgendeiner Weise in unserem Leben zu berücksichtigen.

    Dazu kommt noch, daß es ja nicht nur ein System solcher transzendentalen Spinnereien gibt, sondern zahlreiche. Selbst wenn man eines davon berücksichtigen wollte, müßte man erst würfeln welches.

  39. Jonathan Nehrke sagt:

    Natürlich wirken Überlegung über so einen Quatsch überflüssig, da sind pure Fantasie zu sein scheinen und mit der Realität nicht viel zu tun haben.
    Aber zu dieser Einsicht muss man erst einmal kommen!
     
    Rassismus ist überflüssig, kontraproduktiv und fußt meistens auf totalem Schwachsinn. Trotzdem ist es nicht verkehrt, sich damit auseinanderzusetzen, sich Argumente dafür und dagegen anzusehen um schlüssige Argumente dafür oder dagegen herauszufiltern. Schließlich ist der Rassismus ein Phänomen, dem wir fast tagtäglich begegnen.
     
    Ähnlich sehe ich es mit Gedanken zu Spinnereien über Gott und die Welt. Vom Wahrheitsgehalt steckt darin ungefähr so viel wie in den Märchen der Brüder Grimm. Dennoch nehmen diese Spinnereien mitsamt ihren Vertretern heute noch viel Platz ein. Und immer noch lernen viele von Kindesbeinen auf, dass Respekt vor Gott gut sei, man sich vor dem Teufel zu fürchten habe, und und und. In der von mir beschriebenen Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas wird die Furcht vor einem realen 'Gespenst' namens Satan dem Teufel tatsächlich geschürt, so albern es klingt.
     
    Insofern finde ich es in diesen Bezügen eigentlich ganz hilfreich, sich Gedanken über diese Inhalte zu machen. Sei es, um sich selbst davor zu schützen oder aber möglicherweise andere zu Nachdenken anzuregen.

  40. Frank Berghaus sagt:

    #40 Jonathan Nehrke am 12. Juni 2012 um 12:47

    Das sollte in keiner Weise als Kritik gemeint gewesen sein. Natürlich macht es Sinn, sich über die innere "Logik" religiöser Gedankengänge klar zu werden und auf die Widersprüchlichkeiten hinzuweisen.

    Man muss sich nur selbst darüber im Klaren sein, dass es sich in Wirklichkeit um Hirngespinste handelt – aber wem sage ich das? :-)

  41. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #42 telson am 15. Juli 2012 um 10:23

    Ein Blinder erzählt dem anderen Blinden, dass er sich die Farben falsch vorstellt? Toll.

  42. Frank Berghaus sagt:

    #43 ilex (E. Ahrens) am 15. Juli 2012 um 15:53

    Sekten unter sich – Aberglaube gegen Aberglaube. Was soll da schon herauskommen? :-)

  43. Wer, wie z.B. so manche Religionsgemeinschaften, aber auch andere Despotien, auf Einschüchterung setzen muss um zu "überzeugen", hat m.E. keine Argumente, mit denen er etwas erläutern könnte.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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