Zeuge Jonathan


Vor einigen Tagen erhielt ich per Email einen Artikel (Abschied vom Wachtturm), in dem 3 Frauen ihre Geschichte bei der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas erzählten. Als ich dann kurz darauf den gleichen Artikel verlinkt in der Facebookgruppe „Initiative Humanismus“ las, ergab sich ein recht langes Gespräch, in dem ich mehr oder weniger ausführlich diverse Fragen zu den Zeugen Jehovas und meiner Zeit dort beantwortete.

Als mich Frank Berghaus daraufhin fragte, ob ich nicht Lust hätte, die ganzen Infos zusammenzuschreiben und in einen zusammenhängenden Text umzuformulieren, sagte ich zu und sitze also nun am Samstag Abend vor meinem PC und versuche, dieser Bitte nachzukommen.

Vorab wäre mir jedoch etwas besonders wichtig: Alles, was ich aufschreibe, schreibe ich mit bestem Wissen und Gewissen. Mir ist absolut bewusst, dass die Erfahrungen bei den Zeugen Jehovas extrem unterschiedlich sind. Falls ich Dinge anders erlebte als andere, heißt das somit nicht, der eine lügt oder habe keine Ahnung – es ist einfach oftmals so, dass die vorgegebenen Richtlinien unterschiedlich angenommen und umgesetzt wurden. Falls dennoch Lust zur Kritik besteht – dafür bin ich immer offen, solange sie vernünftig und belegt ist.

Eine weitere Anmerkung ist, dass es schwer ist, von „den Zeugen Jehovas“ zu reden. Wenn ich also diese Formulierung benutze, möchte ich damit nicht jeden einzelnen Zeugen Jehovas meinen, sondern eher die Allgemeinheit, wie ich sie erlebte und wie sie sich durch die Richtilinien zu verhalten hat.

Zu guter letzt noch ein Wort an all jene, die eine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema Zeugen Jehovas erhoffen – ich muss leider enttäuschen. Weder ist mein Aufsatz wissenschaftlich, noch ist er eine sachliche Abarbeitung der Fakten. Es ist eine Aufarbeitung meiner Erfahrungen, gespickt mit Informationen. Sicherlich sagt das nicht jedem zu, und ganz bestimmt ist so ein Aufsatz für nicht wenige gähnend langweilig. Aber zum Glück sind die Geschmäcker unterschiedlich.

Tja, meine Gedanken zu Zeugen Jehovas… Wo soll ich anfangen? Vielleicht ganz am Anfang.

Vor einigen Jahren, 1987, erblickte ich das Licht der Welt. Und dieses Licht wurde immer heller, denn ich wurde in die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas hineingeboren. Eine christliche Ausrichtung, man mag sie fundamentalistisch nennen. Von den Großkirchen unterscheiden sie sich besonders durch einige Lehren. Zum Beispiel hat ihrer Ansicht nach Jesus nicht am Kreuz gelitten, sondern an einem Stamm. Aber wenn ich ehrlich bin, diese Unterschiede in den Lehren sind mir schnuppe. Ich halte allgemein wenig von monotheistischen Lehren, da sie im Kern immer wieder anti-ethisch, irrational und inhuman sind. Darum werde ich diese Unterschiede weitgehend außen vor lassen.

Wie dem auch sei, ich wuchs also bei den Zeugen Jehovas auf. Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit. Die regelmäßigen Gottesdienste, 3x pro Woche und anfangs 1x, später 2x pro Woche den ‚Haus zu Haus Dienst‘ durchführen, Großveranstaltungen in Fußballstadien, sogenannte ‚Kongresse‘ (ich kann behaupten, in fast allen großen deutschen Fußballstadien gewesen zu sein, ohne auch nur ein einziges Spiel gesehen zu haben). Oh, da wäre ich ja schon an der den Zeugen eigenen Sprache angelangt, aber dazu später mehr. 

Die Tätigkeiten machten mir als Kind Spaß. Schließlich freuten sich die anderen Mitglieder darüber, wenn Kinder sich ‚engagierten‘, Lob und Anerkennung ist nunmal ein großer Ansporn. Jedoch wurde ich älter, die Pubertät schlug mit ihrer ganzen Härte zu, und um mir meinen Freiraum zu erkämpfen (naja, ich gebe zu, pubertäre Rebellion gegen die Eltern war mir auch sehr wichtig mit meinen damals 14 Jahren), gab ich bei den ‚Ältesten‘, geistliche Führer einer jeweiligen Gemeinde, an, dass ich nicht mehr dabei sein wolle. Nachdem diese versuchten, mit mir ein ernstes Gespräch über die Sachlage zu führen, wurde mir resigniert mitgeteilt, ich sei nun ‚von der Liste gestrichen‘. Diese Formulierung werde ich nie vergessen, weil sie für mich einen der wichtigsten Schritte meines Lebens einleitete. Großartige Folgen hatte dieses von der Liste gestrichen sein‘ für mich nicht. Immerhin hatte ich nur den Rang eines sogenannten ungetauften Verkündigers, das heißt, ich war kein vollwertiges Mitglied. Im Falle der Taufe wären die Konsequenzen extremer gewesen. Laut den Richtlinien soll der Kontakt zu ‚Abtrünnigen‘, wie die ‚Ausgeschlossenen‘ auch genannt werden, nämlich so weit wie möglich reduziert werden. Für Betroffene bedeutet das, unter Umständen ihr gesamtes (und ich meine es!) soziales Umfeld zu verlieren. Denn tiefe, freundschaftliche Kontakte sollen bitte möglichst innerhalb der Gemeinschaft geschlossen werden. Verliert man diese, ist man verlassen. Zweierlei wird dadurch erreicht:

Erstens, die Person bereut eventuell. Sie spürt den Schmerz und kehrt zurück und die Wärme des Gemeinschaftsnestes (die perverse Logik, Heuchelei und Unmenschlichkeit, Liebesentzug so zu begründen, ist mehr als eindeutig… Hinzu kommt die arrogante Anmaßung, ein jeder Aussteiger habe keine vernünftigen Gründe, denn diese Handhabe setzt sich nicht mit den Gründen auseinander, sondern soll jeden Fall gleich aburteilen. Demnach setzt das „Bereuen“ voraus, man habe „gesündigt“. Das schließt vernünftige Gründe direkt aus, denn das ist nichts, was man zu bereuen habe. Solche psychologischen bzw. psychopathischen Gedankenspiele sind in dieser Gemeinschaft leider keine Seltenheit.). Zweitens wird ein Dorn entfernt. Ein Ausgeschlossener verließ vielleicht aus gutem Grund diese Gemeinschaft. Und SOWAS gehört entfernt. Jegliche Kritik muss im Keim erstickt werden. Mehr noch, man muss davor fliehen. Und nein, diese Formulierung ist keine Übertreibung meinerseits, sondern ein geistiger Erguss der Zeugen Jehovas. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich vor einigen Jahren einen Zeugen fragte, wie Gottes Liebe mit den Qualen auf der Erde in Einklang zu bringen sei. Der kritikwitternde Zeuge verzog sein Gesicht zu einer wirklich hasserfüllten Visage und machte mir deutlich, dass er darüber nicht mit mir zu reden habe. Ich machte in Bezug auf dieses Thema zwar auch sehr, sehr viele positive Erfahrungen, jedoch war die Reaktion des erwähnten Zeugen alles in allem vorbildlich.

Aber gut, zurück zu meinem Ausstieg… Ich war jung, wollte Dinge erleben. Nichts Großes, eigentlich eher Stinknormales. Das erste Bier genießen (lustigerweise machte ich meine ersten Erfahrungen mit Alkohol Jahre vorher bei Feiern der Zeugen Jehovas. Die ‚Coolen‘ tranken um die Wette, wer bei denen sitzen wollte, musste trinkfest sein – ich war es mit 13 nicht, auch nicht, nachdem sie mich sanft zwangen.), Mädchen, vielleicht mal an einem Joint ziehen? Erfahrungen sammeln. ‚Weltlich‘ sein. Mein enger Zeitplan, den ich am Ende meiner Mitgliedschaft erfüllte, lies mir das nicht zu.

Montags – Buchstudium, Besprechung eines bibelerklärenden Buches der Zeugen Jehovas. Dienstags – Buchstudium mit einem ‚Interessierten‘, Mittwochs – Vorbereitung auf Donnerstag, an welchem ein Gottesdienst mit diversen kleinen Vorträgen stattfand (mit 9 oder 10 stand ich das erste Mal selbst vor der Gemeinde und las aus der Bibel), Freitags sowie Samstags stand dann der Haus zu Haus Dienst an und schließlich gab es am Sonntag nochmal einen Gottesdienst, d. h. einen langen Vortrag plus ‚Wachtturmstudium‘.

Aber da ist sie schon wieder, die Zeugensprache. Vielleicht sollte ich kurz einen Abstecher machen: Zeugen Jehovas besitzen eine eigene Terminologie. Meiner Ansicht nach ist das einfach ein Mittel, um sich abzugrenzen, sich elitär zu zeigen (und so wie ich das sehe, ist auch das mit ein Grund für viele Lehren, die vom allgemeinen christlichen Verständnis der Bibel abweichen, so z. B. das Thema um das Kreuz/den Stamm).

Worte wie „Wahrheit“ (= Die Lehre der Zeugen Jehovas), die „Welt“ (= alle Nichtzeugen), das „System der Dinge“ (= Die momentane Weltordnung unter der angeblichen Herrschaft des Satan). Aber auch „Haus zu Haus Dienst“ (= Das regelmäßige Missionieren), das „Bibelstudium“ (= Lesen und verstehen der Bibel unter alleiniger (!) Anleitung der Publikationen, welche für diesen Zweck von den Zeugen Jehovas herausgegeben wurden), „Feinde der Wahrheit“ (=Aufklärer, Kritiker) und so weiter, und so fort, all das ist sind in der ‚Zeugenwelt‘ normale Begrifflichkeiten. So wie man bei Scientology vom Thetan und Auditing redet und es normal ist, gibt es ebenso eigene Begriffe bei den Zeugen Jehovas. Gern Begriffe aus dem Alltag, die dann komplett umgedeutet werden, wie das Beispiel von der „Wahrheit“ zeigt. Natürlich könnte man nun noch auf die psychologie Wirkung dessen eingehen, aber ich muss ehrlich sagen, dass mir das nun doch zu weit führen würde.

Also das war nun mein Wechsel von der „Wahrheit“ in die „Welt“, welche mir als schlechter Ort ohne Freundschaft, ohne Liebe, ohne wahre Mitmenschen vermittelt wurde. Aber mein Wechsel war nur rein körperlich. Mein Verstand, mein Denken hing noch weiterhin dort, wo er die letzten eineinhalb Jahrzehnte verbrachte – im Gedankengut der Zeugen Jehovas. Ich teilte die Menschen weiterhin auf in die, die gerettet werden und die, die in Harmagedon, Gottes Strafgericht an der Menschheit, sterben würden.  Eben ganz so, wie ich es nun einmal lernte. In meiner Kindheit erlebte ich den ‚lustigen‘ Brauch noch, den einige wenige, vor allem alte, Zeugen aufrechterhielten: Verhielt sich jemand im Haus zu Haus Dienst ablehnend gegenüber den Zeugen, notierte man ihn sich als „Bock“. Als jemand, der in Harmagedon keine guten Karten hat. Aber das war nichts Offizielles, ein kleiner, unverbindlicher ‚Spaß‘.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit 17, knapp 18 in der Wohnung meines Bruders (der zu dem Zeitpunkt zu den „Untätigen“ zählte (= Zeugen Jehovas, die nicht ausgeschlossen sind, jedoch kaum mehr die Gottesdienste besuchen)) stand und wir beide uns sicher waren, dass WENN jemand richtig liegt, DANN seien es die Zeugen Jehovas.

Jedoch schlug mein Verstand meinem Willen ein Schnippchen, dachte sich seinen Weg durch die Hirnverrenkungen um 144000 Auserwählte für den Himmel (ja, auch das ist eine Zeugenlehre), landete im Garten Eden während des Sündenfalls, wich kurz der zupackenden Hand eines Jehovas aus, machte Halt vor dem Sündenbock Satan, tanzte eine Weile um das goldene Kalb und landete schließlich, nach jahrelangem Hin und Her, Diskutieren, Streiten, Verletzen und verletzt werden da, wo er heute ist – im Humanismus.

Wenn ich mit Menschen, die nie vorher von dieser Gemeinschaft hörten über die Zeugen rede, denken sie sofort an die Senioren mit mürrischem Blick in der Fußgängerpassage, die Zeitschriften mit den doofen Namen „Wachtturm“ und „Erwachet“ in der Hand halten. Die lieben Alten, die man belächelt. Nun ja, das ist die eine Seite. Die andere ist die interne.

Manipulation, Indoktrination, seelische Folter, genaue Kontrolle der Mitglieder, in früheren Jahren systematische Kindesmisshandlung, das sind Dinge, die leider Realität sind.

Vor kurzem las ich Hamed Abdel-Samads Prognose über die islamische Welt, in welcher er ein islamisches Kinderlehrbuch zitierte, das einbläuen sollte, Ungläubige kämen in die Hölle.

Nun, ich wuchs mit der Lehre auf, dass alle meine weltlichen Freunde in Harmagedon sicherlich verenden werden. Durch nette Illustrationen von schreienden Menschen, brennenden Häusern und zermalmten Tieren in den Publikationen wurde dieser Eindruck verstärkt.  Wo ist der Unterschied? In meinem Bücherregal steht ein Kinderbuch der Zeugen Jehovas (ein Mahnmal), welches Kindern nahelegt, Dämonen würden sich freuen, spielten sich die Kleinen an Penis und Scheide (Nur ums klarzustellen – wir reden hier von sogenannten Doktorspielen und dem vollkommen normalen Entdecken des eigenen Körpers).  Dieses Kinderbuch ist aktuell, es hat den Titel „Lerne von dem großen Lehrer“.

Beispiele dieser Art finden sich zuhauf in der zeugeneigenen Literatur. Ich persönlich wuchs noch mit der Lehre auf, dass das Schlagen von Kindern notwendig sei, um sie auf dem „Pfad der Rechtschaffenheit wandeln zu lassen“.  Wo ist der Unterschied zu einer Gesellschaft, die ihre Kinder vor „Ungläubigen“ warnt und diese verdammt? Natürlich gibt es inhaltliche Unterschiede, aber die geistige Vergewaltigung, die gesellschaftsfeindlichen Inhalte und die Indoktrination sind vom gleichen Kaliber.

Ich werde nie vergessen, wie ein „Kreisaufseher“ (ein von Gemeinde zu Gemeinde reisender Zeuge mit besonderem Ansehen) in einem seiner Vorträge glücklich jauchzend davon schwärmte, wie Kinder zu schlagen seien, sogar Witze darüber machte. Er lachte damit Kinder aus, die weinend verprügelt wurden. Es gibt eine „Sage“, eine Story, die bei Aussteigern und Mitgliedern gleichermaßen die Runde macht. Die kleine Geschichte vom Jungen, der während des Gottesdienstes nicht still sitzen will. Also nimmt ihn sein Vater an die Hand und führt ihn in den hinteren Bereich, um ihm den Hintern zu versohlen, wortwörtlich. Die Gemeinde weiß, was dem Jungen droht, der Junge ebenso. Er weint: „Jehova, hilf mir!“.

In der Gemeinde löste diese Story früher Gelächter aus, wie naiv der Junge sei.

Mir kommen beim Schreiben fast die Tränen, wenn ich darüber nachdenke.

Als ich vor kurzem 2 Zeugen Jehovas die mich besuchten eben darauf ansprach, gaben sie sich sehr überrascht, als hörten sie zum ersten Mal davon. Nachdem ich ihnen eindeutige Stellen in ihrer eigenen Publikation zeigte, welche glasklar aussagten, dass das Versäumen der Prügelstrafe ein Mangel an Glauben, ein Fehlverhalten sei, für das man sich vor Gott zu rechtfertigen habe, fühlten sie sich sichtlich unwohl. Natürlich ist es richtig, dass vor gar nicht allzu langer Zeit die Prügelstrafe allgemein einfach ganz normal war. Mein Vater wuchs mit seinen 5 Geschwistern mit dem Gehstock zu Hause und dem Rohrstock in der Schule auf. Jedoch war es sicherlich nicht normal, Kindesmisshandlung als göttliches „Edikt“ anzusehen, es anzupreisen, zu fördern und zu fordern. Aber das Licht wurde heller (die offizielle Bezeichnung für das Eingeständnis, sich in der Vergangenheit getäuscht zu haben und nun eine Änderung der Lehre vorzunehmen), diese Lehre verschwand aus ihren Schriften und seit dem Jahr 2000 wird man Schwierigkeiten haben, das Anpreisen der Kindesmisshandlung in seiner alten Härte zu finden, eher im Gegenteil.

Besonders auffällig ist das ‚heller werdende Licht‘ auch im Punkt Bluttransfusionen, die dem Leser, der bis hierhin durchhielt, sicherlich schon durch den Kopf gingen, schließlich gibt es kaum ein Thema, für das Zeugen Jehovas so sehr bekannt sind. Waren in der Vergangenheit Bluttransfusionen absolut verboten (basierend auf dem biblischen Gebot, sich des Blutes zu enthalten), sind sie mittlerweile eine Gewissensentscheidung. Oh, wieder ein Zeugenbegriff. Eine Gewissensentscheidung beschreibt eine Sachlage, die zwar nicht offiziell verboten ist, jedoch auch nicht direkt gewünscht ist. Ob Eltern ihre Kinder mit auf weltliche Klassenfahrten gehen lassen, ob Zeugen einen Job annehmen, der ihnen weniger Zeit zum Missionieren lässt, oder ob man eine Bluttransfusion annimmt, das alles sind Gewissensentscheidungen.

Während meines Studiums schrieb ich in der Lerneinheit „Journalistisches Schreiben“ einen Artikel über eine junge Zeugin Jehovas, die aufgrund ihrer Verweigerung der Transfusion starb.  Natürlich wird hier in antrainierter Zeugenmanier erwidert, dass sie ja vielleicht trotzdem gestorben sei. Das ist sogar richtig. Aber unerhört heuchlerisch. Denn die Überlebenschance steht hierbei nicht im Mittelpunkt. Weniger noch, die zählt nicht die Bohne. Sondern einzig und allein das als göttlicher Wille betrachtete Gebot. Selbst wenn Transfusionen den Krebs oder Aids heilen könnten, Zeugen Jehovas müßten darauf verzichten, denn es ist ein biblisches Gebot, zumindest ihrer Auffassung nach. Der Versuch, die angeblichen Risiken von Bluttransfusionen als Grund vorzuschieben, diese zu verweigern, ist entweder Unwissenheit um den eigentlichen Sinn des Verbotes oder aber ganz direkt pure Heuchelei. Jedoch würde im Fall der Bluttransfusionen als 100%iges Heilungsmittel für diverse Krankheiten sicherlich das Licht schlagartig heller werden. So funktioniert nun einmal göttliche Inspiration. Halte so lange an der wirren Lehre fest, bis überhaupt rein gar nichts mehr geht und sage dann, Gott erleuchte dich mit neuem Licht. Er wird schon richtig liegen…

Wobei diese Sachlage mir half, mich zu lösen, mich zu befreien von diesem Glauben. Nie werde ich vergessen, wie ich als junger Teenager weinend im Bett saß, fest zu meinem Gott betend, er möge mir sagen, zeigen was richtig ist. Gar nicht so lange später kam erst der körperliche, später der geistige Ausstieg.

Für mich war später glasklar, ich brauche den klaren Cut. Ich muss mich deutlich von dieser Sache distanzieren. Blame my Rechtsempfinden. Meine Erfahrung war jedoch, dass viele diesen Cut nicht brauchen. Sie können den Spagat wagen und entweder auf die Schnauze fliegen oder aber es hinkriegen. Miterlebt habe ich beides. Wer damit glücklich wird, der soll es ruhig tun.

Vor einigen Jahren las ich ein Interview mit einem Lokalpolitiker, der mehrere Jahrzehnte in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas verbrachte. Er sagte etwas, das ich sehr interessant finde. Er als Mensch sei mit diesem Glauben einfach nicht kompatibel. Diese Worte sind die kurze Beschreibung, mehr noch, die Erklärung für etwas, dass ich sehr lange fühlte und bei anderen Menschen der Szene nie verstand.

Ich bin mit diesem Glauben einfach nicht kompatibel. Meine ethischen Grundlagen und mein Verstand können so nicht funktionieren.  Für andere Menschen klappt es wunderbar, sie passen in diese Form. Oder werden geformt.

Ich bin froh, dass es bei mir anders kam. Jedoch bin ich auch froh, meine Kindheit so verbracht zu haben, wie ich sie verbrachte.

Mehr als froh bin ich jedoch dankbar dafür, die Erfahrungen gemacht haben zu dürfen(und ich schließe all die unschönen Erfahrungen mit ein…), die mich schließlich zu dem Menschen machten, der ich heute bin. Kein anderer will ich sein außer ich selbst.

 

Ich bin mir sicher, viele sehr wichtige Dinge fehlen in meinem bisherigen Aufsatz. Und ich weiß auch, dass es sehr viele Dinge gibt, die bestimmt viel eingehender bearbeitet werden müßten und könnten, auch von mir. Eine Aufarbeitung in dieser Form fand bei mir jedoch schon seit einiger Zeit nicht mehr statt, darum bin ich wahrscheinlich ein wenig ungeübt im Abwägen dessen, was wichtig ist und was nicht. Gesetzt den Fall, dass es positive Rückmeldung geben sollte und falls es gewünscht wird, kann ich sehr gerne noch auf weitere Inhalte oder Fragen eingehen. Gespannt bin ich aber erst einmal, ob jemand bis hierher durchhält.

Die Uhr sagt 21.00 Uhr, seit mehreren Stunden sitze ich hier schon und schreibe, lösche, schreibe, lösche. Grad springt mein Winamp auf die Nummer 5323 meiner Playlist, Michael Jackson – Beat it. Die perfekt Musik für einen Abschluß.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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