® Der Quaker

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FroschEs war einmal vor langer Zeit in einem gelobten Land, als es dort noch Frösche gab. Heute sind die vertrocknet und quaken nicht mehr. Doch damals geschahen ja noch Zeichen und Wunder. Überall fanden sich Teiche und Tümpel. In einem dieser trüben Tümpel, der Bethlehem  genannt wurde, geschah es: Das Wasser schlug Blasen, es gurgelte vernehmlich und plötzlich teilte sich die Oberfläche. Der Kopf eines Frosches erschien, er schüttelte sich ein wenig und gab ein laut vernehmliches „Quak“ von sich. Niemals zuvor hatte man in diesem Teich Vergleichbares wahrgenommen, nie war Laich gesichtet worden – kein Anzeichen, dass so etwas je geschehen könnte. Ein Frosch entsteht ganz ohne Laich, das ist ein Wunder! Und das begab sich zu der Zeit, als gerade am Himmel der Halleysche Komet vorbeizog, ein deutliches Zeichen des Unheils. So wurde es jedenfalls immer gesehen.

Von den nahe gelegenen Teichen kamen sie herbeigehüpft, um das ungeheuerliche Geschehen zu betrachten. „Ich bin die Mutter“ quakte eine Fröschin voller Freude und nahm sich des Winzlings an. Ihr Ehemann schaute zwar etwas betroffen, denn er war ja nicht der Vater, aber er stellte keine weiteren Fragen und fügte sich in sein Schicksal. Frau Fröschin, die aus dem Nachbarteich Nazareth stammte, hatte sofort eine griffige und allgemeinverständliche Erklärung parat, wie es denn zu diesem Wunder gekommen sein könnte, wo doch allen klar war, dass Herr Frosch nicht der Vater sein konnte: „Es war ein Geist, der mich des nachts überkam“. Damals glaubte man so etwas und beließ es dabei, schließlich kursierten viele solcher Stories im Lande. Warum sollte man der Frau also die Freude nehmen?

Der frische Frosch wuchs heran und entwickelte sich prächtig. Seine Lieblingsbeschäftigung war quaken. Er quakte von früh bis spät und sammelte viele um sich, die ihm gerne zuhörten, so schön machte er das. Diese Zuhörer nannten sich Jünger, obwohl sie zumeist viel älter waren als der junge Quaker*. Er wurde immer bekannter, auch in den Kreisen, die damals das Land beherrschten. Das waren die Kröten und die sprachen eine ganz andere Sprache als die heimischen Frösche. Sie waren mit ihrer Sprache und ihrer überlegenen Technik ins Land der Frösche eingedrungen und hatten diese sehr bald unterjocht. Den Emporkömmling nannten sie in ihrer „lingua“ Rana. Es lässt sich nicht mehr genau klären, warum sie die weibliche Form benutzten. Wahrscheinlich lag es daran, dass der Fremde bei allem Quaken immer sehr sanftmütig daherkam und niemandem mit guten Ohren etwas zuleide tat. Oder vielleicht war es auch nur eine frühe krötische Variante von Gender Mainstreaming. Wie auch immer: die Frösche hielten sich an die Bezeichnung.

Rana zog dann eines Tages in das Zentrum der Krötenmacht. Einige der Frösche glaubten, dass dies nun ihr zukünftiger König sei, der sie endlich von der Herrschaft der Kröten befreien könne. Andere, die Einflussreichen und Gelehrten, sahen sich in ihrer Kooperation mit den Kröten gestört und betrachteten den Eindringling als Aufwiegler und Aufrührer. Als Rana keinen Hehl aus seiner Verachtung für die Kollaborateure machte, riss denen schließlich der Geduldsfaden. Es kam wie es kommen musste: Sie schwärzten Rana bei den krötischen Besatzern an. Die waren zwar nicht völlig überzeugt, dass der junge Quaker wirklich eine Gefahr für das Krötenimperium darstellen könne – aber endlich willigten sie ein, den Störenfried zu beseitigen. Zu jener Zeit war es üblich, jede Art von Verbrechern nach krötischem Brauch an ein Kreuz zu nageln, bis der Delinquent, daran hängend, jämmerlich zu Grunde ging. Das war nicht sehr nett, aber moderneres Material zur Störenfriedbeseitigung stand eben damals nicht für Verfügung.

Zur Verhöhnung Ranas brachten die Kröten eine Inschrift auf dem Querbalken des Kreuzes an – wie oben zu sehen. Für diejenigen, die heutzutage Krötisch nur unzulänglich  oder überhaupt nicht mehr beherrschen sollten: RNRR steht für Rana Nazarena Regina Ranarum, was etwa so viel heisst wie „Frosch aus Nazareth, Königin aller Frösche“. Damit wollten sie jegliche Hoffnung der Frösche auf Widerstand gegen die Kröten endgültig zunichte machen.

Alles verlief zunächst nach Plan, doch dann ging so gut wie alles schief. Rana starb zwar wie vorgesehen. Doch er dachte gar nicht daran, den Weg ins Frosch-Jenseits anzutreten. Unvermittelt wachte der Totgeglaubte wieder auf und hüpfte munter quakend weiter durch die Gegend. Er berichtete von seinen Begegnungen mit dem spirituellen Vater, dem er seine Existenz verdankte und dass nun fortan alle Frösche dies zu glauben hätten. Schließlich aber verließ er seine Jünger. Der Tag des Abschieds wird bis auf den heutigen Tag mit Biergelagen und bunten Ausflügen gefeiert, seltsamerweise nur von den männlichen Fröschen. Diejenigen, die dem nun verschwundenen Quaker glaubten, nannten sich fortan Ranisten und sie verbreiteten die Botschaft Ranas über die ganze Welt.

Die Existenz der frohen Botschaft dieses Artikels verdanken wir dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Er verhindert, dass nunmehr Ranisten daherkommen können, um den Urhebern solcher Erzählungen mit unsinnigen Vorwürfen wie „Blasphemie“ oder ähnlichem an die Karre fahren zu können. Herzlichen Dank, Gerichtshof!

Wenn nun das Gericht noch die Güte hätte, den Koran mit Grimms Märchen auf eine Stufe zu stellen, wäre auch hier der mögliche Blasphemie-Vorwurf ausgeräumt.

*Quaker ist ganz schlicht der Begriff für jemanden, der quakt. Mit einer ähnlich lautenden Gemeinschaft im fernen Amerika hat er nichts zu tun.

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3 Antworten auf ® Der Quaker

  1. Berthold Fritz sagt:

    Das war eine flotte, phantasievolle Geschichte, nicht wie es gewesen sein könnte, nein, so war es in echt! Bis heute werden im Kampf des Froschpapstes mit dem Krötenkönig Lebewesen auf dem Altar der Froschenkel-Verliebten geopfert.
    Jeder müsste in einer Jugendweihe schwören: Die Wahrheit unverfälscht weitergeben!!

  2. Christoph Deblon sagt:

    Boooh, wie geeeeiiiiistreeeeiiiiich!

  3. Argutus sagt:

    #2 Christoph Deblon am 20. August 2012 um 19:47

    Boooh, wie geeeeiiiiistreeeeiiiiich!

    Die Satire ist gerade so geistreich wie das, wogegen sie sich richtet – und zwar mit Absicht.

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