Würde im Alter

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Essay von Georg Korfmacher:

Rolle rückwärts in der Rente

Wie immer preschte die Dame forsch – aber auch naiv – mit einer mehr als erschreckenden Botschaft vor die Presse, um ihren Vorschlag einer Zuschussrente zu verkaufen. Ein makaberes Beispiel von Politik: erst Bange machen und dann eine Mogelpackung anbieten und per Mehrheitsentscheid durchsetzen. Durch einen Kuhhandel mit dem Koalitionspartner soll das Schmierentheater zum Erfolg geführt werden. Praxisgebühr gegen Altersarmut. Dazu noch ein Bruch in unserem Rentensystem.

Leben wir in der falschen Republik? Oder haben wir alle nicht aufgepasst, was unsere Volksvertreter aus dem Versprechen der sicheren Rente im Laufe der Jahre scheibchenweise gemacht haben? Wenn nach heutigen Berechnungen fest steht, dass ein Drittel aller Vollzeitbeschäftigten in gut 15 Jahren eine Rente unter der dann sicher höher als heute liegenden Grundsicherung erhalten sollen, dann haben unsere Politiker bisher unverantwortlich gehandelt und handeln weiter unverantwortlich, wenn sie das Ruder nicht sofort herumreissen.

Schon heute ist Armut im Alter evident, selbst wenn die dafür Verantwortlichen das nicht sehen wollen. In nur 15 Jahren wird unsere Wirtschaft zusammenbrechen, wenn ein Drittel der Bevölkerung für den Konsum ausfällt. Heute stolz € 2500 brutto verdient, 35 Jahre lang treu Steuern und Sozialabgaben bezahlt, vielleicht sogar etwas gespart für’s Alter, und dann Grundsicherung vom Sozialamt, ganze € 688. Da ist man unter ganz anderen Vorstellungen angetreten. Die Rente war ja sicher (Blüm). Alles Schall und Rauch!

Die vorgesehene Zuschussrente kann das Problem nicht lösen. Zunächst stellt sie mit ihrer Finanzierung durch Steuern einen eklatanten Bruch mit dem bestehenden Rentensystem dar, soll dann eine Verbesserung bringen, die in Wirklichkeit keine ist, denn auch von € 850 dann kann schon heute keiner wohlverdient leben, verlagert ferner die Kosten nur auf die nächste Generation und ist schliesslich an Bedingungen geknüpft, die in Summe kaum zu erfüllen sind. Eine Luftnummer, eine Lachnummer, wäre die Sache nicht so ernst.

Getoppt wird der Gesetzesentwurf von einem Kuhhandel, der unwürdiger nicht sein kann. Was hat die Praxisgebühr mit unserem Rentensystem zu tun? Für € 40 mehr Netto vom Brutto heute soll unsere Jugend Milliardenkosten in der Zukunft stemmen!

Solcher Mist geht auf keine Kuhhaut! Aber mehr noch: er treibt unsere Gesellschaft auseinander.

In unserem Grundgesetz ist an erster Stelle die Würde des Menschen geschützt. Dieses Grundgesetz sollte man unseren Politikern um die Ohren hauen, wenn sie solch unwürdigen und rechtlich kaum haltbaren Gesetzesvorhaben einbringen und per Koalitionskungel durchsetzen wollen. Die von der Bundesregierung vorgesehene und in Teilen schon fest eingeplante Rentenreform verdient diesen Namen nicht. Sie ist vielmehr eine dramatische und unverantwortliche Rolle rückwärts in der Rente und erschüttert unser Gesellschaftsgefüge.

 

Arbeiten aus Jux und Dollerei

Zur besten Sendezeit in den Nachrichten lässt die Bundesregierung und ihr treu ergebene Journalisten eine offensichtlich wohlsituierte Rentnerin mit der Feststellung auftreten, dass ihr die Arbeit im Alter Spass mache und sie sich freue, noch 12 Stunden in der Woche in ihrem Beruf als Buchhalterin arbeiten zu können. Kein Hinweis auf Rentner, die abends putzen gehen, Regale in Supermärkten einräumen und andere miserabel bezahlten Minijobs verrichten müssen, nur um überleben zu können.

Gezeigt wird ein Grossraumbüro, in dem besagte Rentnerin in dicken Akten wühlt, während ihre jüngeren Kollegen alles am Computer erledigen. Keiner fragt sich, warum diese nette Rentnerin eigentlich einer händeringend einen Arbeitsplatz suchenden jüngeren Dame den Arbeitsplatz streitig macht. Zynisch ist die Minikampagne über die arbeitswütigen Rentner aber vor allem deshalb, weil sie über die echte Not der Rentner hinwegtäuschen will, die zum blanken Überleben unwürdige und miserabel bezahlte Arbeiten verrichten müssen, wenn sie solche überhaupt finden. Die in Mülltonnen nach Verwertbarem suchenden Rentner will die Regierung nicht sehen. Würde sie dann doch zugeben, dass wir 2012 eine Situation haben, die wir aus den Nachkriegsjahren noch verdrängt in Erinnerung haben, zumindest diejenigen jenseits der Altersgrenze.

Wenn dann die rüstige Rentnerin aus den Nachrichten irgendwann ihre Arbeit aus Jux und Tollerei aufhört, weil sie irgendwann ja zugeben muss, dass sie zu alt dafür ist, wird es für den zwangsarbeitenden Rentner kritisch. Auch er möchte gerne aufhören, aber er kann es nicht, weil es dann zum Überleben nicht mehr reicht. Vor solch grausamer Wirklichkeit darf keiner Augen und Herz verschliessen, schon gar nicht die auf das Wohl des Volkes eingeschworene Regierung.

Anstatt nun das Übel bei der Wurzel zu packen und die Arbeitswelt der Menschen zu verbessern, nutzt die Regierung unser Rentensystem weiterhin als Durchlauferhitzer für kurzfristige Gefälligkeiten und aus wahltaktischen Motiven. So ist die von der Regierung geplante Zusatzrente ein Rohrkrepierer, weil er das Prinzip unseres Rentensystems aushebelt und Sonderregelungen schafft, die dann über kurz oder lang zur Regel zu werden drohen. Wer hätte je gedacht, dass man nach ehrlicher Arbeit über eine vernünftige Lebenszeit schnurstracks in der Grundsicherung landet. Das hat mit der in unserem Grundgesetz geschützten Würde des Menschen nichts mehr zu tun. Wer ehrlich gearbeitet hat, muss sich heute betrogen fühlen. Heute trifft es zunächst die Alten, jedoch sind die Jungen schon vielfach unterwegs auf diesem Weg ohne Umkehr.

Reiche Rentner in Arbeit sind nicht die Lösung und schon gar kein Aushängeschild für den Erfolg unseres Systems. Sie sind vielmehr ein Armutszeugnis für unsere Politik.

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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6 Antworten auf Würde im Alter

  1. Peter Ofenbäck sagt:

    Man muss es so hart sagen: Schon Norbert Blüm war entweder ein Dummkopf oder ein Lügner. Entweder hat er 1986 nicht die richtigen Leute gefragt, die damals schon die demografische Entwicklung voraussagen konnten, dann ist er ein Dummkopf. Oder er wusste genau Bescheid, hat dies aber verheimlicht. Dann ist/war er ein Lügner. Kann jemand noch eine dritte Alternative nennen? Und komme mir niemand mit den Lasten der Wiedervereinigung!

  2. Matthias Stein sagt:

    Es war schon in den  70er des letzten Jahrhunderts bekannt, dass das Rentensystem so nicht weiter funktionieren wird!
    Die Politiker ALLER Parteien haben sich nur nie der Mühe unterzogen Fachleute zu fragen und das Rentensystem entsprechend umzubauen.
    Das Umlageverfahren = eingezahlte Rentenbeiträge werden sofort in laufende Rentenzahlungen umgewandelt funktioniert nur dann, wenn Vollbeschäftigung und stabile Lohnstrukturen vorhanden sind.
    Spätestens 1970 hätte man eine Umstellung auf Kapitalanlage einleiten müssen und es hat die Mögliochkeit gegeben für einen Zeitraum von ca. 25 Jahren ein Übergangssystem zu schaffen.
    Man hat aber das Kapitalanlageverfahren, wie es Lebensversicherungen jahrzenhtelang erfolgreich praktizierten, madig gemacht, indem man von schlechten Renditen sprach ( 6 – 8 Prozent galten als mickrig) und als Hebel nutzte man die – angeblich unberechtigten – Verdienste der Vermittler.
    Verbraucherschützer animierten Verbraucher zu Kündigungen bestehender Verträge, zugunsten windiger Bankanlagen. Hinzu kommt, dass Versicherungsvermittler bei Falschberatungen haften mussten – Rückdeckungen durch die Gesellschaften, jetzt muss jeder persönlichdafür haften, während die Banken bis heute in keine echteHaftung für Falschberatungen eintreten müssen.
    Die angebliche Alternative "Riester-Rente" hat so viele "Auflagen", dass die Flexibilität, die von jedem Arbeitnehmer im Berufsleben gefordert wird, in der Verwendung der Altersvorsorge brutal zusammengeschnitten wird.
    Lösungsvorschläge:
    Rücknahme des Wegfalles der Steuervorteile für Altersvorsorge-Lebensversicherungen und, wie früher steuerfreei Auszahlung der Altersvorsorge, egal ob als Kapitalleistung oder Altersrente. 
    Verbot an die Banken Altersvorsorge in Form von Lebensversicherungen zu betreiben – es sei denn die Banken treten als Versicherungsvermittler mit gleichen Auflagen und Haftungszusagen wie geprüfte Versicherungsvermittler und/oder -Makler auf.
    Wegfall der Anrechnung von Altersvorsorgeleistungen aus privaten Altersvorsorgeverträgen im Fall von Altersarmut, d. h. wenn die gesetzliche Rente unter dem Existenzminimum liegt.
    Sukzessive Umstellung des Rentensystems vom Umlage- auf ein kapitalgedecktes Rentensystem.
    Im Übergangszeitraum könnte eine Mindestrente von z. B. 850 EUR gezahlt werden, eine Aufstockung auf den derzeitigen Rentendurchschnitte von ca. 1.000 bis 1.100 EUR müsste aus Steuergeldern erfolgen, bis nach ca. 25 Jahren die kapitalgedeckte Rente greift.
    Renditezusagen von mehr als 10 Prozent seitens anderer Anlageformen sollten als Spekulationsgewinn zu 90Prozent besteuert werden, um damit die Attraktivität von Spekulationen zu reduzieren, die in der Vergangenheit  lediglich zu zeitweiligen "Blasen" mit anschließendem Crash geführt haben.
    Reicht das, Peter Ofenbäck, als Antwort?

  3. pinetop sagt:

    Einen Aspekt sollte man nicht übersehen. Millionen, die privat für die Rente vorgesorgt haben, sind in der gegenwärtigen Schuldenkrise die Gekniffenen. Es gibt keine befriedigenden Anlagemöglichkeiten und Millionen von Besitzern von Lebensversicherungen werden eiskalt enteignet. Das ist die Folge der staatlichen Schuldenpolitik und dem Streben nach niedrigen Zinsen. 

  4. Berthold Fritz sagt:

    Rentengelder sollten tabu sein. Ein Esser konnte mit den Rücklagen für die Alten spielen, verzocken und bekam doch noch 60 Millionen Mark fürs rechtzeitige Verschwinden! Wo bleibt der Ankläger? Ohne Kläger kein Richter!
    Mögen Juristen wie Schloßhunde sein, die so lange am Fuß des Einbrechers festhalten, bis jemand gekommen ist, der ihn festnimmt und „Täter vor Ort“ meldet!

  5. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Wer ehrlich gearbeitet hat, muss sich heute betrogen fühlen.

    Man fragt sich schon, wo das ganze Geld bleibt. Geld aufzubringen, das für ein menschenwürdiges und gerechtes Alter langt, wird allerdings auch dadurch schwerer, dass Geld ausgegeben wird für Leute, die bei der Berechnung der nötigen Beträge primär nicht vorgesehen waren. Jobs, die so gering entlohnt werden, dass der Staat dazu bezahlen muss, sind eine weitere Komponente. Vor einigen Jahrzehnten sprach man schon von der "Brasilianisierung" unserer Gesellschaft – die Schere zwischen ganz arm und ganz reich öffnete sich immer mehr.

    Solange aber christliche und soziale Demokraten weiter wursteln wie bisher und auf der einen Seite Geschenke von Geld verteilen, dass sie nicht haben und auf der anderen Seite bei denen sparen, die nicht laut gröhlen, wird sich daran nicht viel ändern. Insofern hat "Jörg" schon Recht – das deutsche Volk wählt diese Typen.

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