Meinungsmache

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Zum Standardrepertoire rechtsextremer „islamkritischer“ Publikationen gehört der Vorwurf, die so genannten Main Stream Media (MSM) unterdrückten Wahrheiten, verfälschten aufgrund eines angeblichen (linken) Bildungsauftrags Fakten und manipulierten Meinungen. Ich möchte an dieser Stelle nicht beurteilen, in welchem Umfang dies tatsächlich geschieht, schließlich gibt es praktisch wohl kein Medium, dass eindeutig politisch neutral sein kann. Aus dem Faktum, dass die MSM sich die schlichten „Wahrheiten“ extremer Publikationen nicht zu eigen machen, nun allerdings zu schließen, dass dort üble Meinungsmache betrieben würde, ist – mit Verlaub – ein Glaube, der in der normalen Welt außerhalb der „Islamkritiker“-Szene wohl  eher ausgestorben zu sein scheint.

Für das Gegenteil gibt es aber täglich eine Fülle von Beweisen. Man muss nur einmal mit klarem Verstand solche Hetzseiten wie PI, Dolomitengeist, SOS-Österreich oder Quotenqueen u.a. anklicken. Man wird sofort ohne größeres Suchen fündig. Den Vogel abgeschossen hat heute zweifellos das Hetzblättchen „Zukunftskinder“ mit einer „Reportage“ über Tunesien (Titel siehe oben). Dem Leser wird übrigens erst ganz am Schluss klar, dass dieser Beitrag 1 zu 1 abgekupfert wurde bei Africa-Live und von einer gewissen Ingrid Aouane stammt. Und diese schreibt:

Wir fahren vorbei an sehr vielen zerstörten Häusern, mit Brettern vernagelten geplünderten Geschäften und sogar einem Hotel in diesem Zustand. Hammamet hat sein Gesicht verloren, und das nicht etwa, weil alle Ben Ali-Porträts und Fähnchen abgehängt wurden.

Ich darf mich wohl als intimen Hammamet-Kenner bezeichnen und kenne die geschilderte Fahrstrecke wie meine Westentasche. Die „vielen zerstörten Häuser“ schrumpfen dann unmittelbar zusammen auf ein während der Revolution 2011 abgefackeltes Schuhgeschäft und zwei noch nicht wieder eröffnete Kioske. Am Gesicht Hammamets hat sich dadurch nichts geändert. Und auch diese Schäden werden sicherlich bald behoben sein.

Doch es geht munter weiter mit den Impressionen eines Taxifahrers:

" Es ist schlimmer jetzt als vorher. Die Lebensbedingungen haben sich verschlechtert, die Touristen bleiben aus, und Meinungsfreiheit gibt es noch immer nicht"! Vor einigen Tagen z.B. ist ein Künstler im Kulturzentrum von Hammamet aufgetreten, der die aktuelle Regierung durch den Kakao zieht. Sofort standen die Islamisten parat und wollten ihm den Mund verbieten, nur durch ein Riesenaufgebot von Polizisten konnte ein Eklat verhindert werden". Aha, das wars also! "Wir wollen die Islamisten nicht, wir wollen Ben Ali wieder haben" ereifert er sich. "Sehen Sie, Ben Ali hat sich bereichert, aber nur an den Reichen, den Armen hat er nichts weggenommen. Unter seiner Regierung lief die Wirtschaft, heute traut uns kein Investor oder Geschäftspartner mehr".

Ganz ohne Zweifel ist die Meinungsfreiheit heute in Tunesien erheblich besser geschützt als zu Zeiten der Diktatur. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die von Ennahdha dominierte Regierung versucht, ihre Gefolgsleute in den staatlichen Presseorganen zu platzieren – wogegen die Redakteure, unterstützt von der mächtigen Gewerkschaft UGTT, heftigst protestieren. Richtig ist zwar, dass die Salafisten (Islamisten) erhebliche Unruhe verbreiten (von der derzeitigen Regierung nur sehr lasch bekämpft) und am liebsten das gesamte kulturelle und künstlerische Leben als „unislamisch“ in Tunesien unterbinden möchten, doch eine breite Mehrheit in der Bevölkerung lehnt dies vehement ab. Dies ist ja gerade einer der Gründe, weshalb Ennahdha beständig an Rückhalt in der Gesellschaft verliert und derzeit bei Wahlen nicht die geringsten Chancen hätte.

Wenn der Taxifahrer nun wirklich gesagt haben sollte „wir wollen Ben Ali wiederhaben“, so ist dies eine Meinung, die ich noch nie vernommen habe. Die ehemaligen Mitglieder der einstweilen verbotenen RCD (Partei Ben Alis) sind längst in alle Winde verstreut und (wie man hört) bereits überwiegend in republikanisch-demokratischen Parteien tätig, was nicht von allen gern gesehen wird. Der Niedergang des Tourismus und der Wirtschaft (mangelnde Auslandsinvestitionen) ist dabei auch nicht dem Fehlen Ben Alis geschuldet, sondern entspringt der nach wie vor unklaren politischen Situation, was sich hoffentlich bei den Wahlen im nächsten Jahr grundlegend ändern wird.

Völlig ins Abstruse und Irrationale verliert sich die Autorin dann aber im Schlusssatz:

Ich frage ihn, ob das nur seine Meinung ist oder ob auch andere so denken. "Ich gebe Ihnen einen Beweis", antwortet er. "Aus Protest gegen die ungewollten Islamisten sind mittlerweile über 70.000 Tunesier zum Christentum übergetreten – ich auch!"

Diese Zahl – falls sie jemals so genannt wurde – entspringt wohl eher dem Wunschdenken unter Christen, als dass sie in der Realität auch nur den geringsten Bestand haben könnte. Die Zahl von rund 2.000 einheimischen Christen (siehe dazu meinen Artikel Christen in Tunesien) hat sich praktisch nicht verändert. Wozu sollte man auch den einen Gott gegen einen anderen Gott eintauschen? Und schon gleich gar nicht, wenn man damit (angeblich) den Wunsch verbindet, der überzeugte Moslem Ben Ali möge doch zurückkehren. Der Bericht auf Zukunftskinder ist dermaßen sinnlos zusammengestoppelt, dass man ihm (auch ohne Bezichtigung der Lüge) überdeutlich den Zweck entnehmen kann, zu dem er verfasst wurde: billigste Meinungsmache zur Befriedigung eines ganz speziellen Publikums.

 

 

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7 Antworten auf Meinungsmache

  1. ingres sagt:

    Nun, dass die MSM in Sachen Islam reine Propaganda betreiben, hat ja zuletzt hier der Beitrag "Verschleierungsgebiet ZDF", dargelegt. Diese Feststellung wird nicht dadurch falsch und auch in keiner Weise dadurch relativiert, dass irgendwer Fakten über Tunesien falsch darstellt, bzw, eine manipulierte Darstellung übernimmt. 

  2. Frank Berghaus sagt:

    #1 ingres am 13. September 2012 um 19:13

    Wenn Sie genau lesen, werden Sie feststellen, dass ich nichts von dem gesagt habe, was Sie unterstellen :-)

  3. Ein Teil von jener Kraft sagt:

    Die Zahl von rund 2.000 einheimischen Christen … hat sich praktisch nicht verändert.

    Werden in der offiziellen Statistik Konvertiten mitgezählt? Und kann man in Tunesien überhaupt offiziell vom Islam zum Christentum konvertieren oder bleibt man offiziell Muslim?
    Keine Ahnung ob und in wieweit die Evangelikalen in Tunesien Erfolg hatten. Im benachbarten Algerien gibt es einen größeren Ort (Tizi-Ouzou) wo angeblich bis zu 10% der Bevölkerung zum Christentum konvertiert ist.

  4. Frank Berghaus sagt:

    #3 Ein Teil von jener Kraft am 13. September 2012 um 20:09

    Werden in der offiziellen Statistik Konvertiten mitgezählt?

    So weit ich weiss, gibt es keinerlei offizielle Statistiken – ausser bei den Juden, die gezählt werden.

    Alle Angaben (auch in meinem zitierten Artikel) beruhen auf den Angaben der christlichen Gemeinden (also im Wesentlichen Katholiken, Orthoxe und Evangelikale). Es mag durchaus einige Konvertiten geben (das gibt es wohl immer), doch die genannte Zahl (70.000 in nicht einmal einem Jahr!) scheint mir völlig aus der Luft gegriffen zu sein.

    Auch der Augenschein hilft: so ist die katholische Kathedrale jeden Sonntag brechend voll, aber erkennbar mit weit überwiegend Farbigen aus allen afrikanischen Ländern, die hier seit der Ansiedlung der Afrikanischen Entwicklungsbank (BAD = Banque Africaine de Développement) in grossen Mengen wohnen, zudem etliche Studenten aus afrikanischen Ländern, die aufgrund der im Vergleich guten Ausbildung an tunesischen Unversitäten eiingeschrieben sind.

    Demgegenüber herrscht bei den Evangelikalen weitestgehend Leere, ein versprengtes Häuflein, das sich dort regelmässig versammelt (auch wieder inklusive der afrikanischen Pfingstler, zum Beispiel aus Nigeria).

    Dieses Urteil stützt sich auf die Verhältnisse in Tunis und anderen grösseren Städten. Ich bezweifle aber, dass die auf dem "platten" Land überhaupt vertreten sind.

  5. Ein Teil von jener Kraft sagt:

    Na gut, die Katholiken werden sich hüten, offiziell zu missionieren oder irgendwelche Konvertiten, falls es sie gibt, allzu offen vorzuzeigen. Siehe die Webseite der Erzdiözese Rabat/Marokko, die auf ihrer Homepage verkündet (Hervorhebung von mir):
    « Au Maroc, CHRETIENS ETRANGERS invités à vivre l'amitié, la solidarité, la prière, nous vous souhaitons la Bienvenue »
    http://www.dioceserabat.org
    Die anderen Amtskirchen werden es wohl ähnlich halten. Und die missionarisch veranlagten Evangelikalen treffen sich wohl eher im Verborgenen. 70.000 Konvertiten halte ich aber auch für zu dick aufgetragen (und Taxifahrer sind sicher nicht unbedingt eine zuverlässige Informationsquelle über Bevölkerungsstatistiken). Die erwähnten Missionierungserfolge in Algerien waren in der Kabylei, also unter Berbern.

  6. Frank Berghaus sagt:

    #5 Ein Teil von jener Kraft am 13. September 2012 um 21:27

    Ich kenne persönlich zwei Konvertiten (Freikirchler). Die berichten aber nichts von enormem Zulauf. Das scheint mir herbeiphantasiert.

  7. ilex (E. Ahrens) sagt:

    ….. dass dieser Beitrag 1 zu 1 abgekupfert wurde bei Africa-Live und von einer gewissen Ingrid Aouane stammt.

    Wobei diese Webseite offensichtlich die Hauptaufgabe hat, Touristenreisen nach Afrika zu organisieren und dies mit ein wenig Nachrichten im Gutmenschenstil verbrämt. Einzig interessant ist dabei der Bericht über einen Taxifahrer, der es lieber im Nachbarland durch Arbeit zu etwas bringt, statt nach Europa auszuwandern und einige biologische Informationen über Löwen und Savannenbäume, die es bis in unsere Nachrichtrn noch nicht geschafft haben.

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