Wortwitz in Tunesien - Humor in der Nachrevolution


Wie bekannt versuche ich gelegentlich, die Stimmung im nachrevolutionären Tunesien einzufangen und hier realitätsnah und ohne Überzeichnungen in Auszügen wiederzugeben. Leider musste ich dabei sehr viel Unangenehmes berichten wie zum Beispiel die Ermordung eines Homosexuellen in der Medina in Hammamet durch religiöse Eiferer. Zuletzt war es Chronistenpflicht, die wüsten, ja verheerenden Attacken auf die amerikanische Botschaft und die amerikanische Schule nachzuzeichnen. Doch gelegentlich ereignet sich eben auch Gutes, das zu Optimismus einlädt wie die Bestätigung durch das Parlament, dass Niqab und Burqa im öffentlichen Raum verboten bleiben, oder dass inzwischen rigoroser gegen Extremisten und Salafisten vorgegangen wird.

Eine ganz besondere Rolle bei der Aufdeckung schonungsloser Wahrheiten spielt dabei die Presse in Tunesien, die trotz etlicher Versuche der Beeinflussung oder gar Einschüchterung durch die Regierungspartei Ennahdha ihre erstaunliche Unabhängigkeit und Freiheit mit Zähnen und Klauen verteidigt – wirkungsvoll unterstützt vom einflussreichen Gewerkschaftsbund (UGTT) und den Juristenverbänden (Richter und Rechtsanwälte). Die Journalisten (Analysten wie Kommentatoren) befleißigen sich dabei einer sehr offenen und auch einfallsreichen Sprache, die ich häufig nicht oder nur unter großen Schwierigkeiten im Deutschen wiedergeben kann. Das liegt in der Natur der Sache – jeder Übersetzer weiß ein Lied davon zu singen. Auch die Karikaturisten spielen eine nicht unerhebliche Rolle beim Hinweis auf Missstände, oder indem sie schlicht den Finger in offensichtliche Wunden legen. Und wie im obigen Cartoon als Paradebeispiel nutzen sie nicht gerade selten die Zweisprachigkeit des Landes, um ihr Anliegen deutlich zu machen.

Einer meiner Lieblingskarikaturisten ist dabei „Lotfi“ mit seinem täglichen Cartoon auf der Seite eins von La Presse. Ich wette, dass kaum ein Leser von uns verstanden hat, worum es Lotfi im obigen Cartoon geht. Die Französischkundigen sind dabei sicher noch in der Lage, den Text wiederzugeben: „Selon les derniers sondages, la Troika est dans un état comateux“ mit „Nach den letzten Umfragen befindet sich die Troika (=die regierende Dreierkoalition) in einem komatösen Zustand“.  Nun gut, dass ist eine schlichte Aussage, die die Realität der erheblich nachlassenden Unterstützung der Ennahdha-dominierten Regierung wiedergibt. Nichts Neues also. Der Witz liegt in der Sprechblase! Und das ist kein französisches Wort, sondern ein arabisches: „houcoma“ = Regierung. Beim Leser verbindet sich jetzt automatisch "houcoma" mit "coma", also: diese Regierung hat abgewirtschaftet, ist am Ende, liegt im Koma. Das prägt sich ein.

Ihr seht also vielleicht, warum ich nicht häufiger mit Aussicht auf Erfolg aus diesem Land berichten kann.

Ich bitte darum, auch die Kommentare zum Artikel zu lesen. Da kommt nach einiges zum Schmunzeln und zur Aufkläung.