Zwischen Moschee und Moderne - Von Kantomas


Mein Vater und meine Mutter kamen Anfang der siebziger Jahre ins gelobte Land, genannt Deutschland, obwohl es ihnen in der Türkei nicht unbedingt schlecht ging. Ich weiß nicht, wie weit es stimmt, aber angeblich sollen sie mit Trompeten und Posaunen am Bahnhof empfangen worden sein.

Nachdem er einige Jahre bei BMW in München gearbeitet hatte, holte er mich, meinen Bruder und meine ältere Schwester 1978 nach. Ich war acht Jahre alt.

Fast zeitgleich zogen wir nach Hamburg, wo er einen Arbeitsplatz bei Mercedes bekam. Später machte er sich selbständig und machte einen Lebensmittelladen auf. Er war sehr fleißig. Ein Arbeitstier durch und durch. Ein religiöser Mensch, der fünf Mal am Tag betete, genauso wie meine Mutter auch.

Im Laufe der Jahre kamen noch zwei weitere Brüder auf die Welt. Mein Vater sorgte dafür, dass wir genug zu Essen hatten, und meine Mutter war vollauf mit uns beschäftigt. Es war nicht leicht für sie, fünf Kinder groß zu ziehen, zumal es ihr auch an Durchsetzungskraft fehlte. Mein Vater war da anders gestrickt. Eine sehr autoritäre Person. Hin und wieder gab es Prügel, wenn wir unartig waren. Ich denke, anders waren wir auch nicht wirklich in den Griff zu bekommen. Meine Mutter hat er nie geschlagen. Wer das Sagen im Haus hatte, war allerdings unumstritten. Ansonsten kamen sie gut miteinander aus. Es war eine klassische Rollenverteilung.

Wir mussten alle in die Koranschule. Eine Wahl gab es nicht. Wir konnten zwar unseren Unmut darüber ausdrücken, aber eine richtige Wahl gab es nie. Vater hatte im Notfall die "schlagenden" Argumente auf seiner Seite. Ich ging sehr ungern hin. Ich hätte lieber auf der Strasse Fußball gespielt. Die Koranschule war ein großes Kellergeschoss, und im Winter sehr schwer, warm zu halten. Man fror mit 50-100 Kindern stundenlang, und musste Koransuren in arabischer Schrift lesen und auswendig lernen. Man hat nicht verstanden, was man da gelesen hat. Nebenbei gab es auch theoretischen Unterricht.

Diskussionen waren eher die Ausnahme als die Regel. Man könnte in Kurzfassung eigentlich sagen: "Wenn du das und dies tust, kommst du in den Himmel. Wenn du aber dies und jenes tust, wirst du in der Hölle schmoren." Ich ging wirklich ungern hin, und ertrug es eher. Doch diese permanente Indoktrinierung wirkte nach einiger Zeit. Die Angst vor der Hölle, war bei mir größer als die Aussicht auf den Himmel, weil ich es sehr lästig fand, fünf mal am Tag zu beten. Prügel gab es auch zur Genüge, wenn man zu laut war.

Schließlich hatten die Lehrer (Imame) von den meisten Eltern einen Freifahrtschein bekommen. Ich kann mich noch erinnern, wie mein Vater, das erste Mal, als er mich zum Koranunterricht gebracht hatte, zum Hodscha sagte: "Sein Fleisch gehört dir, seine Knochen mir". Oder auf türkisch: "Eti senin, kemigi benim." Damit gibt man dem Hodscha sämtliche Vollmachten, alles zu tun, damit er Einem die Religion auch gut beibringt. Prügel mit einbezogen.

In der Moschee wurde nicht gegen Christen gehetzt. Man sah sie eher als Geschöpfe an, die vom wahren Weg abgekommen waren, weil ihr Buch im Laufe der Zeit von den Ungläubigen verfälscht wurde. Auch gegen Juden wurde nicht gehetzt. Das lag daran, dass die Moschee der Diyanet, der türkischen Religionsbehörde unterstand, und bestimmte Vorgaben hatte, was unterrichtet werden darf. Die "DITIP" untersteht heute der "Diyanet" – soweit ich das weiß. Sie vertritt türkische Interessen, ist aber verglichen mit anderen Vereinen, wie "Milli Görüs", doch sehr moderat, und sorgt dafür, dass sich keiner gegen den Staat stellt, weder den türkischen noch den deutschen. Jedenfalls war es damals so.

Die "Milli Görüs" betrachtete man sehr argwöhnisch. Auch Hadithen, die heute in islamkritischen Blogs auftauchen, wurden nicht gelehrt. Es ging viel mehr um das gute Wirken Mohammeds. Auch Geschehnisse, wie Kriege zur Zeit Mohammeds wurden historisch betrachtet und nicht als Anleitung für die heutige Zeit verstanden. Doch es ist nicht wirklich nötig, dass man gegen jemanden hetzt. Allein schon durch die Abgrenzung zu Ihnen, bekommt man das Gefühl, dass man selbst und sein Glaube etwas Besonderes ist, und man sieht den anderen eher von oben herab. Man bekommt ein Überlegenheitsgefühl, oder zumindest sieht man den anderen als ein Geschöpf, das Hilfe benötigt, um den richtigen Weg beschreiten zu können. Ich denke, dass passiert nicht nur, wenn man sich zu einer Religion oder Ideologie bekennt. Jede Art von Abgrenzung hat den gleichen Effekt. Zumindest bei den meisten.

Ich habe meinen Vater trotz allem sehr geliebt. Er gab mir immer das Gefühl, dass er mich liebt, und alles nur für mich tut. Das hat er wirklich gedacht. Er wusste es einfach nicht besser. Ansonsten hatte ich ein sehr gutes Verhältnis zu ihm. Ich habe ihn mein Leben lang bewundert. Wir mussten zwar alle in die Koranschule, um unsere Religion kennen zu lernen, aber er hat keinen von uns je genötigt, fünf mal am Tag zu beten. Er hätte es zwar gern gesehen, aber sogar meine  ältere Schwester musste kein Kopftuch tragen. Meine Mutter trug es freiwillig. Auch zum Fasten hat er keinen von uns gezwungen. Doch bei Schweinefleisch hätte er sicherlich auf den Putz gehauen. Da bin ich mir sicher. Das war jedoch nie ein Thema.

Übrigens esse ich selbst heute kein Schweinefleisch. Der anerzogene Ekel sitzt zu tief. Ich bekomme es nicht raus. Tut mir leid!  Also vermeide ich es. Abgesehen davon hat er uns alle durchgebracht, ohne Sozialhilfe zu kassieren. Fünf Kinder können sehr teuer sein. Er sagte mir mal: "Junge, Sozialhilfe ist nur für Menschen gedacht, die eine körperliche Behinderung haben und keiner Arbeit nachgehen können."

Meine Zweifel, die auch vorher schon da waren, nahmen als ich 19 Jahre alt war die Oberhand. Die Evolutionstheorie, die mich ziemlich überzeugte, drang immer mehr aus meinem Unterbewusstsein und forderte mich heraus. Ich versuchte zwar davor schon, mir Theorien auszudenken, wie ich meine Religion passend zur Evolutionstheorie zurechtzimmern konnte, doch ich wusste gleichzeitig, dass ich mir da etwas vormache, auch wenn ich es unterdrückt habe. Mit 19 klappte es nicht mehr.

Ich beschäftigte mich mit anderen Religionen, unter anderem dem Buddhismus, der mir eine Zeit lang ziemlich zusagte. Ich versuchte es mit Meditation und esoterischem Kram.

Da habe ich auch einige sehr interessante Erkenntnisse gewonnen. Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wie ein Mensch, der gewisse Erfahrungen macht, glauben kann, dass man mit Gott in Verbindung getreten ist. Und wenn er von Natur aus nicht ein Zweifler ist, oder sich ein bisschen mit Wissenschaft beschäftigt, könnte man nach diesen Erfahrungen wirklich versucht sein, eine Religion zu gründen, oder glauben, dass der Allmächtige sich einem gezeigt hat.

Doch im Grunde ist das alles totaler Blödsinn. Da werden bestimmte Botenstoffe und Synapsen durch die Medidationsübungen angeregt, und man deutet irgendwelche Halluzinationen als Gotteserfahrung. Die Wissenschaft hat diesen Vorgang zur Genüge geklärt. Im Grunde haben mir die Erfahrungen von damals meinen Weg zum Agnostizismus geebnet. Ich machte mich auf den Weg, Gott zu finden, und wurde endlich ein freier Mensch, ohne jegliche religiöse Vorstellungen und Dogmen, und von Gott war weit und breit nichts zu sehen.

Ich bezeichne mich heute als Agnostiker und bin der Meinung, dass man den "fundamentalen Islam" aus Deutschland unbedingt verdrängen muss. Die grösste Errungenschaft der westlichen Welt ist meines Erachtens die Demokratie. Sie muss verteidigt werden. Die Sharia hat in Deutschland nichts zu suchen. Allerdings distanziere ich mich dabei von jeder hetzerischen und menschenverachtenden Vorgehensweise. Ich hoffe, dass irgendwann Kulturmoslems – Hand in Hand mit den Einheimischen – den Kampf aufnehmen. Man darf dabei nicht verallgemeinern und muss unbedingt differenzieren. Normal Gläubige dürfen nicht als Angriffsziel gesehen werden.

Meine zweite Frau, die ich vor einigen Jahren kennen gelernt habe, könnte man auch als Agnostikerin bezeichnen. Wir fasten nicht, wir beten nicht. Wir essen allerdings beide kein Schweinefleisch. Unsere Tochter wird sehr frei erzogen werden. Sie wird im Mai drei Jahre alt und spricht nur Deutsch. Türkisch kann sie nur ein bisschen verstehen. Das liegt daran, dass wir zu Hause fast nur deutsch reden. Meine Frau beherrscht die deutsche Sprache ausgezeichnet. Mit der türkischen hapert es bei ihr ein bisschen. Ich kann beide Sprachen akzentfrei und einigermaßen gut.

Einer meiner Brüder könnte als Atheist durchgehen. Zwei andere bezeichnen sich als Moslems, würden aber als sehr moderat durchgehen. Sie fasten beide, essen kein Schweinefleisch, haben aber eine Moschee das letzte Mal vor 10 Jahren von innen gesehen. Ihre Frauen tragen kein Kopftuch und gebetet wird vielleicht nur dann, wenn man etwas von Gott will. Meine Schwester ist im Moment auf einem esoterischen Trip. Mit meinem Vater habe ich heute ein sehr gutes Verhältnis. Er hat akzeptiert, dass sein Sohn ein Ungläubiger ist. Es hat seine Zeit gedauert, bis ich mich durchgesetzt habe. Er betet manchmal für mich, damit mich Gott auf den rechten Weg bringt. 

Mit den meisten Gläubigen habe ich keine Probleme. Sie kennen meinen Standpunkt und ein Anschlag auf mich scheint derzeit nicht geplant zu sein, und gemieden werde ich auch nicht. Die meisten kommen sehr gut damit aus, wenn man sich nicht über sie lustig macht, oder überheblich rüberkommt. Ich muss jedoch dazu sagen, dass ich nicht grade in Kreisen verkehre, die man als fundamentalistisch bezeichnen könnte.

Eine schlechte Erfahrung, wenn man sie denn so bezeichnen kann, habe ich mit einem Gläubigen gemacht, den meine Frau und ich im Urlaub kennen gelernt haben. Das Paar kam zufälligerweise auch aus Hamburg. Die Frau war ziemlich modern und kleidete sich auch sehr freizügig. Wir haben uns alle sehr gut verstanden und es war ein schöner Urlaub. Die Chemie hat irgendwie gepasst und wir wollten uns in Hamburg öfters treffen. Am letzten Tag kam das Gespräch irgendwie auf Religionen. Ich habe meinen Standpunkt erklärt und gemerkt, dass der Mann ein Problem damit hatte. Die Ablehnung meines Standpunktes, nach dem ersten Schock seinerseits, konnte er im ersten Moment nicht unterdrücken und verhielt sich auch den Rest des Abends distanziert. Wir hatten zuvor fest abgemacht, dass wir uns öfters in Hamburg besuchen werden. Doch aus diesen Treffen wurde nichts.

Wirklich schlechte Erfahrungen mit tief religiösen Moslems habe ich im Internet gemacht. Ich empfand sie als sehr beschränkt und ich muss zugeben, dass ich teilweise bei deren Ansichten wirklich Ekel empfand. Sie sind für Argumente nicht zugänglich. Von einer kritischen Betrachtungsweise ihrer Religion keine Spur. Dasselbe kann ich allerdings auch über tief religiöse Christen und Juden behaupten. Sie schenken sich wirklich nichts, außer das sie teilweise gebildeter wirkten. Doch die Hasssoftware im Gehirn ist absolut identisch.

Ich entdeckte, dass der Agnostizismus mein Empfinden am besten beschreibt. Also bezeichne ich mich als Agnostiker. An ein persönlichen Gott oder irgendwelche Religionen kann ich auf keinen Fall glauben. Doch kann ich die Möglichkeit einer Energie, Macht, Intelligenz oder einem Wirken, das die Evolution in Gang gesetzt hat, nicht komplett ausschließen.

Es ist mir auch irgendwie egal geworden. Ich lebe mein Leben und wenn ich tot bin, sehe ich dann weiter, oder auch nicht. Ich denke, ich bin am Ende meiner Suche angekommen.

Und es fühlt sich gut an.

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

Das Titelbild (Bosporus-Brücke) ist Wikipedia entnommen. Die Moschee in Bagdad stammt aus der Sammlung von Roger McLassus (mit freundlicher Genehmigung). Die restlichen wurden im CERN aufgenommen.