Plädoyer für den Universalismus

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Wenn man die Gesellschaften miteinander vergleicht, so gibt es Unterschiede in der Anerkennung von Individualrechten. Diese Unterschiede kann man auf zwei Arten betrachten: kulturrelativistisch und universalistisch. Der Kulturrelativist sieht Menschenrechte im Kontext der Kulturen. Das Modell vom Menschen und seinen Rechten ist ihm nicht übertragbar zwischen den Kulturen. Die Definition, wer ein vollberechtigter Mensch ist, kann somit zwischen den Kulturen unterschiedlich sein und ist nicht von außen zu bewerten. Die Welt besteht für ihn also aus verschiedenen Parallelwelten, in denen Menschen differierende Rechte genießen. Das findet er auch nicht schlimm, denn die Bewertung folgt ja nur der Binnenlogik. Strukturelle Unterdrückung ist also das eigene Problem der Unterdrückten. Der Universalist hingegen vertritt die Meinung, dass allen Menschen aller Kulturen die gleichen unveräußerlichen Rechte zustehen. Gesellschaften, in denen Menschenrechte von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind, bewertet er (und er darf das!) als undemokratisch und oft archaisch. Die Unterdrückung von Menschen ist ihm nicht deren Privatproblem, sondern Aufgabe und Herausforderung der Menschheit.

Nun wird dem Universalisten von Seiten des Kulturrelativisten manchmal vorgeworfen, er sei ein Kulturchauvinist. Das ist begrifflich etwas falsch, s.u., zeigt aber auf, wo die Grenzlinie verläuft. Sachverhalte, die den Kulturrelativisten in der eigenen Gesellschaft erheblich – vor allem, wenn es ihn selber träfe – stören würden, werden mit einer euphemistischen Wertschätzung für „Traditionen“ doch viel weniger schmerzhaft. Kulturrelativismus ist oft nichts weiter als ein beklagenswerter Mangel an Empathie, der aber als besondere Toleranz verkauft wird. Der „Andere“ wird als so fremd betrachtet, dass es da keine gemeinsamen Werte und Bewertungen geben kann.

Betrachtet man die ganze Welt, sind die Menschenrechte und da besonders die Frauenrechte und die von Minderheiten in einem beklagenswerten Zustand. Die Tendenz mag besser werden, da Vorgänge, die früher im Verborgenen blieben oder erst nach längerer Zeit publik wurden, heute früher zur Kenntnis der Weltöffentlichkeit gelangen. Doch aus der reinen Kenntnis folgt noch nicht, dass dem Einzelnen oder auch der Gruppe geholfen werden kann. Auch gibt es in vielen Gegenden der Welt etwas, das man strukturelle Mängel nennen kann; in diesen sind die minderen Rechte einiger fest in die Gesellschaftsstruktur integriert und haben eine lange Tradition. Menschenrechte im modernen Sinne können dort nur Fuß fassen, wenn die Gesellschaften tatsächlich „umgekrempelt“ werden. Das braucht mehr Zeit, als man meinen könnte, da diejenigen, die von der Hierarchie der Gesellschaft profitieren, meist nicht so menschenfreundlich sind, von ihrer Machtposition freiwillig abzurücken und es oft eines organisierten gesellschaftlichen Druckes bedarf, um Änderungen einzuleiten. Oft genug hat sich in der Vergangenheit jedoch gezeigt, dass es trotz Änderungsversprechen, das den Unterprivilegierten gegeben wurde, lediglich zu einem Austausch der Spitze kam und die Gesellschaftsstruktur und die Individualrechte nicht verbessert wurden.

Als Beispiel mag das immer noch einflussreiche Kastensystem Indiens dienen, in dem nicht nur Frauen per se eine schwache Position haben, sondern über zusätzliche Hierarchiestufen weitere Diskriminierungen gesellschaftlich verankert sind. Diese Traditionen bedingen u.a. Heiratsschranken, die die Fortgabe dieser Traditionen zementieren. Gerade in Indien wird die Lage durch Kinderarbeit, Schuldknechtschaft und Mitgiftproblematik noch erheblich verschärft, so dass Chancengerechtigkeit ein noch auf lange Zeit nicht erreichbarer Zustand bleiben wird und Menschenrechte für den urbanen, männlichen Brahmanen durchsetzbar sind, für alle anderen aber weniger bis garnicht. Das junge Paria-Mädchen ist faktisch rechtlos und nicht selten wird sie sogar von ihrer Familie preisgegeben, um ihre Mitgift selber zu „erwirtschaften“. Das heißt in vielen Fällen ein Ende in der Prostitution.

Es gibt ein paar Inseln der Menschenrechte in Staaten, in denen die Individualrechte relativ hoch gehalten werden und daran gearbeitet wird, Diskriminierungen abzubauen. Zu diesen Inseln zählt Europa. Es gibt hier Entfaltungsmöglichkeiten und – im Falle der Versagung – individuelle Klagemöglichkeiten, die weit über das hinausgehen, was Menschen in anderen Regionen auch nur zu träumen wagen. Ohne den beschützenden Clan, ohne die dahinterstehende Gruppe ist ein Mensch in vielen Staaten völlig hilflos, auch wenn in der Verfassung sogar anderes stehen mag.

Man kann Menschen von außen die Errungenschaften der Moderne nicht mehr als schmackhaft machen und vorleben. Es wird jedoch lange dauern, wenn die Schranken der Tradition die Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit abprallen lassen, traditionelles Verhalten konserviert und freieres Verhalten sanktioniert wird.

Doch auch hier wollen Rechte wie Meinungs-, Presse- und Wissenschaftsfreiheit fast täglich verteidigt werden. Rechte, die man nicht nutzt, haben ein Verfallsdatum, da Kräfte, denen sie ein Dorn im Auge sind, nicht ruhen. Diese Kräfte gibt es auch hier, obwohl sie oftmals nicht so offensichtlich wirken oder in Erscheinung treten. Vieles ist subtil und manchmal durch Sprachregelungen verschleiert. Mißstände, deren Benennung zunächst zu gesellschaftlicher Ächtung führt, sind ein Beispiel dafür, dass die letzte Nestbeschmutzer-Debatte noch nicht geführt ist. Das beginnt bei dem anfänglichen Widerstand gegen die Aufklärung der Mißbrauchsskandale in der Kirche und hört bei manchen unangenehmen Realitäten im Zusammenleben nicht auf.

Wir sollten aber daran denken, dass Europa für viele Unterprivilegierte ein Beispiel sein kann, ein Beispiel dafür, was möglich ist in einer egalitäreren Gesellschaft als die meisten. Wenn hier nicht die Stimme für Menschenrechte erhoben wird, wo dann sonst auf der Welt? Wenn in der westlichen Welt Meinungs-, Presse- und Wissenschaftsfreiheit nicht hochgehalten werden, wo dann sonst?
Zudem: Nirgendwo sonst als in der sog. westlichen Welt ist es gefahrloser, so zu handeln. Wenn wir keinen Mut aufbringen, wie können wir ihn vom Menschenrechtler in China erwarten, von der unterprivilegierten Frau in Indien, vom Blogger in Ägypten?

In Debatten, in denen es um Kritik an Verhaltensweisen geht, die unserer Vorstellung von Menschenrechten zuwiderlaufen, ist manchmal eine seltsame Bereitschaft zur Relativierung zu beobachten: Verhaltensweisen, die hier (zu Recht) als völlig inakzeptabel betrachtet werden, werden bei anderem kulturellen Hintergrund milder betrachtet, ja oft genug wird dem Verfechter von Menschenrechten „Kulturchauvinismus“ vorgehalten. Was heißt dies nun? Ein Chauvinist, ein „Chauvi“, war ursprünglich jemand, der ohne weitere Begründung von der Überlegenheit seiner Nation ausging. Ein Nationalist also. Im erweiterten Sine jemand, der seine eigene Gruppe ohne Nennung vernünftiger Gründe oder individueller Betrachtung für überlegen hält. Der Vorwurf, ein Kulturchauvinist zu sein beinhaltet also das Vorurteil und die abwertende Bedeutung, ohne Gründe von der Überlegenheit seiner Kultur überzeugt zu sein. Besonders gerne wird dies verwendet, um Debatten über Menschenrechte dann abzuweisen, wenn die, um die es geht, aus anderen Gründen heraus als Gruppe Schutzreflexe genießen oder einfordern.

Natürlich ist das ein Strohmann, ein Popanz, der benutzt wird, um unerwünschte Debatten zu beenden.

Die Menschenrechte sind jedoch von universeller Gültigkeit. Sie nicht als universell anzusehen, ist durch keinen vernünftigen Grund getragen und ist immer Ausfluss von Traditionen und Erhaltung von Machtpositionen. Wer glaubt, dass nicht alle Personen die gleichen Rechte haben (sollten), kann dies nur religiös oder faschistoid „begründen“. Beide Ansätze sind klar abzulehnen und man muss ihnen – so sie nicht nur im Privaten betrieben werden – klar entgegentreten.

Es gibt zwei Typen von Protagonisten, die diesen Strohmann nutzt: Zum einen den im Grunde uninteressierten, der sich mit dem Gegenstand der Debatte nicht beschäftigt hat und auch nicht beschäftigen will. Er lässt die Opfer von Menschenrechtsverstößen eher unabsichtlich allein, denn er mag nicht mal vor der eigenen Tür kehren. Vielleicht würde er sich bewegen, wenn es ihn selbst beträfe, aber auch nicht vorher. Hier dient der Vorwurf des Kulturchauvinismus der Erhaltung der eigenen bequemen Haltung der Nichtpositionierung. Wer Kulturchauvinismus vorwirft, muss nicht überlegen, was für den Menschen, die Menschheit individuell oder als Gruppe, BESSER ist, sondern er lässt einfach alles gleichberechtigt nebeneinander stehen, sofern es andere betrifft,  und das wars. Die fleischgewordene Gleichgültigkeit im Gewande des Allesverstehers.

Zum anderen den Ideologen, der Fakten zwar zur Kenntnis nimmt, aber diese so umdeutet bzw. Entschuldigungen findet, dass auch klare Verstöße gegen Menschenrechte und Gleichheitsgedanken milder betrachtet werden können. Das ist die Fraktion derer, die einen „edlen Wilden“ (wenn das mal nicht herablassend ist) imaginieren und die Menschenrechtsverstöße z.B. in völliger Umdeutung „dem Westen“ anlasten. Und wenn man bis zur Kolonialherrschaft zurückgeht. Nach deren Sicht ist das Gegenmodell zur modernen Gesellschaft nicht nur gleichwertig, sondern eigentlich überlegen. Das sagen sie zwar nicht so offen, denn dann würde offensichtlich, dass sie eine Postkartenidylle für die Realität halten. Das sind oft welche, die die hiesigen Mißstände (die es gibt) mit dem Vergrößerungsglas betrachten, aber andere, weit schlimmere Dinge mit der bunten Exotikbrille betrachten. Für diesen Typus ist es z.B. selbstverständlich, eine Diskriminierung der kopftuchtragenden Frau sofort anzunehmen und als Strukturproblem der hiesigen Gesellschaft zu sehen, aber die Diskriminierung eben dieser Frau durch ihren Mann oder ihren Clan als harmlose Folklore, Privatsache und selbstgewählt zu betrachten. Gelegentlich wird sogar imaginiert, dass das Kopftuch Zeichen der Emanzipation sei. Ja, wovon denn eigentlich? Von den Traditionen der religiösen Gruppe kann es wohl nicht sein; es muss sich also um eine Emanzipation von den Werten der Mehrheitsgesellschaft (!) handeln. Freiheit durch Unfreiheit sozusagen. Wenn es selbstgewählt ist, mag das angehen. Es soll ja auch Sklaven gegeben haben, die ihr Los nicht änderungswürdig fanden.

Von beiden ist wenig Unterstützung zu erwarten, wenn es um die ernsthafte Auseinandersetzung um Grundrechte geht. Mehr noch, sie vernebeln den klaren Blick, damit sie im einen Fall ihre Bequemlichkeit, im anderen Fall ihre Ideologie nicht auf den Prüfstand stellen müssen. Der eine hält die Analyse der Probleme um Menschenrechte für entbehrlich, der andere relativiert sie. Das schadet dem Diskurs nicht nur, es verunmöglicht ihn oft, da es auch immer Menschen gibt, die eine „gute“ (aber falsche) Nachricht prinzipiell der schlechten vorziehen und wenn sie zehnmal real existent ist.

Trotzdem darf man sich nicht von dem Wort Kulturchauvinismus beeindrucken lassen, wenn es in der genannten Weise gebraucht wird. Menschenrechte sind unteilbar und der Weg kann nur hin zu mehr Menschenrechten gehen. Wer da relativiert, gibt unser Grundgesetz und die Aufklärung preis. Das ist nicht nur geschichtsvergessen, sondern auch – undankbar. Man genießt selber gerne etwas, was einen beim anderen nicht interessiert und man bedenkt auch nicht die Opfer, die es hier kostete, bis wir so weit waren. Wer die Rechte anderer preisgibt vom Sofa aus, indem er sie nicht wahrnehmen will oder umdeutet und diese Preisgabe auch noch als Errungenschaft gelobt sehen will, als Zeichen gehobener Bildung und Toleranz, der macht sich mitschuldig daran, wenn sich nichts ändert.

Diese „Argumentation“ sollte also nicht davor abschrecken, weiter mutig Mißstände – auch hier – zu benennen. Vor der Lösung eines Problems steht immer die klare Analyse und auch das Bemühen um die Erkennung der Ursachen. Nur so kommen wir voran, nicht mit Scheuklappen. Damit die Menschheit endlich aus den Kinderschuhen kommt.

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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36 Antworten auf Plädoyer für den Universalismus

  1. Argutus sagt:

    Die Menschenrechte sind jedoch von universeller Gültigkeit.

    Kein Recht hat universelle Gültigkeit, denn die Natur kennt keine Rechte. Die entstehen erst dadurch, daß Machtstrukturen (beispielsweise Staaten) sie verbindlich als solche festlegen. Somit ist die Position der Kulturrelativisten (genauer: der Rechtspositivisten) offensichtlich korrekt.

    Daraus ist aber nicht der Schluß zu ziehen, daß Europa es hinnehmen muß, wenn andere Rechtsordnungen den Menschen weniger Rechte zugestehen als das in Europa der Fall ist. Man kann auch durch Vorleben, sowie durch politischen, wirtschaftlichen und (in Ausnahmefällen) auch militärischen Druck dahin wirken, daß unzivilisierte Rechts-Traditionen anderer Regionen zugunsten der Übernahme fortschrittlicher, europäischer Freiheitsrechte der Individuen abgeschafft werden.

    Gegner dieser Maßnahmen sprechen gerne von "Kultur-Chauvinismus" und da ist auch durchaus etwas Wahres dran. Nur ist ein solche Kultur-Chauvinismus nicht eo ipso etwas Schlechtes. Wenn er dazu dienen kann, die Menschheit auf ein höheres zivilisatorisches Niveau zu bringen, dann ist er nicht nur gerechtfertigt sondern sogar ausdrücklich moralisch geboten.

  2. Frank Berghaus sagt:

    #1 Argutus am 19. November 2012 um 07:25

    Und keinesfalls dürfen wir angesichts der erreichten zivilisatorischen Standards in Europa zulassen, dass diese unter dem Einfluss weniger zivilisierter, eingewanderter Kulturen verwässert werden.

    Ihre Durchsetzung – auch in den entstandenen Parallelgesellschaften – ist ein wichtiges Integrationsziel.

  3. Frank Berghaus sagt:

    Im Grunde geht es hier um den uralten Streit zwischen positivem Recht und Naturrecht. Die wohl früheste Behandlung dieser Dichotomie sehen wir in der "Antigone" mit dem Aufeineinanderprallen des rechtspositivistischen Kreon und der Naturrechtsverfechterin Antigone, wobei dieses Naturrecht göttlicher Natur ist.

    Darauf bezieht sich ja auch Ratzinger gerne, wenn er – zum Beispiel in seiner Predigt vor dem Bundestag – die Volksvertreter anhält, "gutes" Recht zu verabschieden, aber niemals zu vergessen, dass quasi über allem eben dieses göttliche Naturrecht schwebe. Das macht es ihm auch leicht, gegen eine Unterschrift unter die Menschenrechtsdeklaration von 1948 zu sein. Dabei merkt er offensichtlich nicht einmal, in welch fatale Nähe er sich damit zu den Scharia-gesteuerten Vehinderern zivilisatorischer Standards in der OIC stellt.

    Wenn also überhaupt, so muss dafür gekämpft werden, dass die zivilisatorischen Rechtsnormen, die wir erreicht haben, möglichst überall positive Rechtsnorm werden. Und da sollten wir im eigenen Haus beginnen!

  4. Argutus sagt:

    #3 Frank Berghaus am 19. November 2012 um 08:34

    muss dafür gekämpft werden, dass die zivilisatorischen Rechtsnormen, die wir erreicht haben, möglichst überall positive Rechtsnorm werden.

    Ja, genau! Und das macht nur dann Sinn, wenn diese Normen vom Menschen gesetzt werden können und nicht ohnedies naturgesetzlich (oder durch göttlichen Willen) gültig sind.

    Für die weltweite Einhaltung des Gravitationsgesetzes brauchen wir nicht zu kämpfen. :-)

  5. Uwe Lehnert sagt:

      
    Ein hochmoralischer Aufsatz, im besten Sinne des Wortes. Zu Recht werden jene Kulturrelativisten angeklagt, die als Allesversteher alles tolerieren und sich damit der Verletzung universaler, im Menschen gründender Rechte schuldig machen. Wir finden sie bei uns bis in den höchsten intellektuellen Kreisen. So werden von Leitartiklern und Feuilletonisten sogar renommierter Blätter – hier sei exemplarisch der FAZ-Feuilleton-Chef Patrick Bahners und Autor des Buches »Die Panikmacher« genannt – spitzfindige Überlegungen angestellt, dass auch Menschenrechte wie Meinungsfreiheit, sexuelle Selbstbestimmung oder Schutz vor ehelicher Gewalt gelegentlich vor religiös-kulturellen Eigenarten zurückzustehen hätten. Und auch die jüngste Debatte um die Beschneidung zeigt, dass elementare Menschenrechte irrational-religiösen Vorgaben geopfert werden. Sigrid H.-M. stellt zu Recht fest, die Menschenrechte »nicht als universell anzusehen, ist durch keinen vernünftigen Grund getragen und ist immer Ausfluss von Traditionen und Erhaltung von Machtpositionen«. Es geht den meisten dieser Allesversteher und »Gutmenschen« bei uns tatsächlich um den Erhalt des Einflusses der Religion, speziell der von Christentum und Islam. Um den Islam nur insofern, als er zunächst Rolle und Bedeutung der Religionen wieder stärken soll. Da man sich insgeheim dem Islam überlegen fühlt, glaubt man ihn – kulturchauvinistisch – eines Tages auch überwinden zu können. Die Menschenrechte, dessen Kern die Selbstbestimmung ein Wesensmerkmal des Menschen darstellt, weltweit einzufordern ist dann nicht mit dem Erhalt oder gar Etablierung von Machtpositionen verbunden, wenn ihre Deklaration durch Aufklärung und beispielhaftes Vorleben – wie Sigrid H.-M. feststellt – erfolgt.

  6. pinetop sagt:

    Liebe Sigrid,
    vielen herzlichen Dank für diesen großartigen Artikel. Da kann ich nur noch mit voller Überzeugung zustimmen.
    Der Artikel macht mir Mut, auch weiter gegenüber jene Kulturrelativisten zu streiten, die mir westliche oder europäische Arroganz vorwerfen.
     

  7. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Kulturrelativismus ist oft nichts weiter als ein beklagenswerter Mangel an Empathie, der aber als besondere Toleranz verkauft wird. Der „Andere“ wird als so fremd betrachtet, dass es da keine gemeinsamen Werte und Bewertungen geben kann.

    Wobei diese doch angeblich so tolerante Geisteshaltung die wahre Herablassung ist – lassen wir den Wilden seine wilden Bräuche behalten. So kann man auch für ihn "verantwortlich" sein, d.h. Macht ausüben. Es ist immer wieder verwunderlich, wie europäische Genderfrauen ihre Geschlechtsgenossinnen lieber im Gefängnis primitiven Brauchtums lassen, statt sie zu unterstützen, sich von ihren archaischen Fesseln zu befreien.

  8. pinetop sagt:

    Noch eine Anmerkung zum Naturrecht. Wenn Menschen eine Rechtsordnung als ungerecht empfinden, ist es irgendwie verständlich, wenn sie ihre Hoffnung auf ein gerechtes Naturrecht setzen. Ich vermute, dass auch der sozialdemokratische Rechtsphilosoph Gustav Radbruch durch die Erfahrung mit dem nationalsozialistischen Unrechtsstaat so empfand. Aber der Glaube an ein Naturrecht ist ebenso eine Illusion wie der Glaube an einen Gott. Auffallend ist auch, dass die verschiedensten weltanschaulichen Auffassungen auf der Suche nach ihrem speziellen Naturrecht sind bzw.waren. Da gibt es z. B. ein katholisches Naturrecht. Aber auch viele Aufklärer im 17. und 18. Jahrhunderts wollten sich nicht von ihrer Naturrechtsauffassung trennen. Wenn man eine Gesellschaft gerechter machen will ist es zwecklos das Naturrecht zu suchen; es bleibt nur die Möglichkeit, das positive Recht zu verbessern. 

  9. Argutus sagt:

    #8 pinetop am 19. November 2012 um 10:19

    Aber der Glaube an ein Naturrecht ist ebenso eine Illusion wie der Glaube an einen Gott.

    Völlig richtig! Und es ist wichtig, das zu erkennen und somit davon Abstand zu nehmen, die wichtige Forderung nach einer zivilisierten Rechtsordnung mit derartigem philosophischen Müll zu belasten.

    Das menschliche Zusammenleben soll auf eine zivilisierte Weise erfolgen und durch zivilisierte Gesetze geregelt sein, weil zivilisierte Menschen das wollen und weil es für alle Menschen ein großer Vorteil ist. Darum müssen wir uns weltweit bemühen. Auf die Unterstützung durch Gott oder irgendwelche (der Wissenschaft bisher völlig unbekannte) Naturgesetze ist nicht zu hoffen.

  10. Uwe Lehnert sagt:

    #8 pinetop am 19. November 2012 um 10:19

    Ohne es hier ausführlicher darstellen zu können, dazu fehlen mir die philosophischen und anthropologischen Detailkenntnisse, meine ich doch, dass der Wille zur Selbstbestimmung, der Drang zur Entfaltung des eigenen Willens, in uns – wie wohl in jedem Lebewesen – natürlich angelegt ist. Da meines Erachtens das Recht auf Selbstbestimmung den Kern der Menschenrechte bildet, aus denen sich die anderen logisch, zumindest mit guten Gründen ableiten lassen, gibt es schon so etwas wie ein naturgegebenes Recht, ein Naturrecht. Ich lasse mich aber gern durch bessere Argumente belehren.

  11. pinetop sagt:

    # 10 Uwe Lehnert,
    meine Ablehnung des Naturrechts basiert am stärksten auf den Schriften von Ernst Topitsch.
    Vom Ursprung und Ende der Mataphysik, Wien 1958, und Sozialphilosophie zwischen Ideologie und Wissenschaft, Neuwied, Berlin 1967. Man kann auch die Begriffe "Naturrecht" und "Topitsch" in die Suchmaschine eingeben. Wenn ich jetzt nicht irre findet man auch was:
    http://www.gkpn.de

  12. Argutus sagt:

    #10 Uwe Lehnert am 19. November 2012 um 10:35

    Auch wenn der Wille zur Selbstbestimmung und andere Wünsche des Menschen, deren Mißachtung die Menschenrechte verbieten, naturgegeben sein sollten (das herauszufinden ist Aufgabe der empirischen Wissenschaften), so ist dennoch daraus kein Schluß auf ein "Naturrecht" zulässig, denn Rechte sind der Natur völlig fremd.

    Sollte (was zumindest denkbar wäre) das Bedürfnis vieler Menschen, einen Gott über sich zu haben, eine Konsequenz der biologischen Evolution und somit naturgegeben sein, dann ließe sich daraus ja auch nicht folgern, daß es ihn tatsächlich gibt.

    Die Wünsche von Menschen und die von ihnen gewünschten Dinge gehören gänzlich unterschiedlichen Seins-Kategorien an. Das muß man klar trennen.

    Und noch ein Punkt ist zu bedenken: Naturrechte haben nicht nur den Nachteil, daß man sich unter diesem Begriff überhaupt nichts Sinnvolles vorstellen kann, sondern sie wären auch darüber hinaus gänzlich irrelevant.

    Wenn eine menschliche Gesellschaft den Willen hat, nach zivilisierten Regeln zu leben, dann ist das doch wohl eine ausreichende Rechtfertigung dafür, diese Regeln zu erlassen. Ob diese Rechte dann in irgendeinem Sinn des Wortes "natürlich" sind oder nicht – wen kümmert das?

  13. Uwe Lehnert sagt:

    #11 pinetop am 19. November 2012 um 10:57

    Zu bedenken ist, dass Topitzsch noch nichts davon wusste, dass sich auch Moral, zumindest ihre Kernelemente Kooperation und Mitgefühl, evolutionär herausgebildet hat. Ich vermute, dass er bei Kenntnis dieses Sachverhalts – wie viele Philosophen heute – zu anderen Schlussfolgerungen gekommen wäre.

    #12 Argutus am 19. November 2012 um 10:58

    „Wenn eine menschliche Gesellschaft den Willen hat, nach zivilisierten Regeln zu leben, dann ist das doch wohl eine ausreichende Rechtfertigung dafür, diese Regeln zu erlassen. Ob diese Rechte dann in irgendeinem Sinn des Wortes "natürlich" sind oder nicht – wen kümmert das?“

    Auch die katholische Kirche hat über Jahrhunderte Regeln des Zusammenlebens erlassen, die in vielfältiger Weise, z.B. die Sexualität betreffend, gegen die Natur des Menschen verstießen. Ihnen ist, wie die Erfahrung zeigt, kein dauerhafter Bestand beschieden. Eine Moral dagegen, die sich an den elementaren, evolutionär entstandenen Empfindungen orientiert, wie z.B. der Bereitschaft, dem in Not befindlichen Menschen (Tiere eingeschlossen) zu helfen, oder einer natürlich gegebenen Sexualität zu folgen, bedarf keiner außerweltlichen Begründung, sie wird (fast) von selbst akzeptiert. Insofern rücke ich inzwischen von der geradezu mantrahaft gepredigten Getrenntheit der Bereiche des Sollens vom Sein ab, da meines Erachtens – eben aufgrund der Forschungsergebnisse zur Moral (z.B. des Primatenforscher Frans de Waal u.a.) – doch zumindest Brücken zwischen diesen beiden Bereichen bestehen. Kurz: Eine naturalistische Moral (besser: Ethik) beachtet die biologische Steuerung allen menschlichen Handelns. Von daher glaube ich nicht, dass »Rechte der Natur völlig fremd sind«, wie Du oben schreibst. (Zugegeben, das müsste alles etwas ausführlicher begründet werden. Habe ich ansatzweise im 5. Kapitel meines Buches »Warum ich kein Christ sein will«, 5. Auflage, S. 194ff. versucht.)

  14. Frank Berghaus sagt:

    #13 Uwe Lehnert am 19. November 2012 um 12:03

    Ich denke wir sollten in unseren Zusammenhängen den Begriff "Naturrecht" nicht benutzen, da er doch bereits stark überstrapaziert wurde durch die "göttlichen" Einmischungen.

    Soweit wir naturalistisch denken, gibt es sicherlich evolutionär entwickelte Dispositionen, aus denen man positive Rechte ableiten könnte, wenn man es denn mag und sich eine Mehrheit dafür findet. Damit werden diese aber nicht automatisch zum Naturrecht, da sie einer – notwendigerweise von Menschen gemachten – Kodifizierung bedürfen, die man dann so zu sagen als allgemein verbindlich erklären kann, was bei uns durch die Akzeptanz der Menschenrechtserklärungen sicherlich weitestgehend geschehen ist. In vielen – nach meinem  Geschmack zu vielen – Gesellschaften bleiben sie aber immer noch ein dringliches Desiderat, für das sich einzusetzen auch ein enormer Aufwand lohnt.

    In diesem Sinne verstehe ich auch Sigrids Artikel – als Ansporn sich einzubringen und bei Menschenrechtsverletzungen nicht beschämt aus "kulturrelativistischen" Gründen beiseite zu schauen.

  15. Argutus sagt:

    #13 Uwe Lehnert am 19. November 2012 um 12:03

    Die Natürlichkeit eines Bedürfnisses wird zwar Einfluß auf seine Akzeptanz in der Gesellschaft haben, aber als Kriterium dafür, welche Rechte zu gewähren und welche zu versagen sind, taugt sie nicht viel.

    Ein kurzer Hinweis mag das verdeutlichen: das Bedürfnis nach Vergewaltigung ist evolutionär entstanden und somit natürlich. Radfahren hingegen ist unnatürlich. Ich ziehe aber eine Rechtsordnung, in der ersteres verboten und zweiteres erlaubt ist dem umgekehrten Fall entschieden vor.

  16. Schöner Artikel!
    Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass der Kulturrelativismus im Kern rassistisch ist.
    Was ihn aber freilich nicht daran hindert, sich antirassistisch zu kostümieren.

  17. Uwe Lehnert sagt:

     
    #14 Frank Berghaus am 19. November 2012 um 12:17
     
    Frank, ich kann Deiner Sicht weitgehend zustimmen. Wenn Du sagst
     
    »Soweit wir naturalistisch denken, gibt es sicherlich evolutionär entwickelte Dispositionen, aus denen man positive Rechte ableiten könnte, wenn man es denn mag und sich eine Mehrheit dafür findet«,
     
    dann stimmt das überwiegend für den heutigen Zustand. Ich bin aber überzeugt, dass wir uns nach und nach jenem Zustand nähern werden, der die Rechte immer enger an diese evolutionär entwickelten Dispositionen orientieren wird. Deren Kern sind Kooperationswille und Mitempfinden. Ihnen stehen elementarere Triebe wie Egoismus und Aggression gegenüber. Aber die Evolution hat gezeigt, dass eine Gesellschaft nur dann überlebt und auch besser überlebt, wenn rücksichtloser Egoismus und blinde Aggression gebändigt werden durch die Bereitschaft zur Zusammenarbeit bei der Nahrungssuche oder Abwehr von Feinden etwa und die Aggression sich nicht gegen den Stammesbruder(schwester) richtet sondern eher nur gegen den nicht zum Stamm Gehörenden. Ich denke, dass die in vielerlei Hinsicht intuitiv zustande gekommenen Menschenrechte nachträglich ihre Begründung in diesen, sich evolutionär bewährt habenden Verhaltensweisen finden werden. Ich meine, dass langfristig eben nicht nur eine Naturalisierung des Geistes stattfinden wird, was die Hirnforschung derzeit zu leisten versucht, sondern auch eine solche der Moral. (Ob ich das in allen Einzelheiten schon richtig sehe, will ich nicht behaupten, ich sehe lediglich eine klare Tendenz in dieser Richtung.)
     
    #15 Argutus am 19. November 2012 um 12:31
     
    Argutus, das Beispiel mit dem Vergewaltiger ist mir etwas zu platt. Wenn er nicht krank ist im Sinne fehlender Einsichtsfähigkeit, dann weiß er natürlich, dass er Unrecht tut. Er empfindet sehr wohl, dass er in das Selbstbestimmungsrecht eines anderen Menschen gewaltsam eingreift, eine Handlung also begeht, die er an sich auch nicht dulden würde.
     

  18. Argutus sagt:

    #17 Uwe Lehnert am 19. November 2012 um 12:59

    dann weiß er natürlich, dass er Unrecht tut

    Er wird wohl wissen, daß er damit sowohl gegen den Willen seines Opfers handelt als auch die in seiner Gesellschaft geltenden Normen verletzt. Mit mangelnder Natürlichkeit hat aber beides nichts zu tun.

    Daß Vergewaltigungen nicht sein sollten, darüber besteht ein weitgehender Konsens unter zivilisierten Menschen. Deswegen wird eine zivilisierte Rechtsordnung sie verbieten. Die Natur aber hätte nichts dagegen. Die hat ja ganz im Gegenteil jene Gene hervorgebracht, die unzivilisierte Männer dazu bringen, so etwas zu tun.

  19. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Nun werden als "natürlich" von den meisten Menschen die Regeln einfacher Anständigkeit empfunden – eben zu vermeiden, anderen das anzutun, was man selbst nicht erleiden möchte. Wie weit ein solches Verhalten evolutionär bedingt ist, sei dahin gestellt. Zumindest hat es eine praktische Zweckmässigkeit.

    Wird dann bei anderen Gesellschaften gesehen, wie der Verhaltenskodex dort gravierend abweicht (generelle Frauenbenachteiligung, Priviligierte und unterdrückte Menschenklassen), dann ist es schon "natürlich", diese Sozialformen nicht als kulturell bloß anders und damit gleichwertig zu sehen, sondern als weniger wert. Das hat so garnichts mit "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" zu tun, sondern im Gegenteil mit Solidarität der in jenen Gesellschaften Benachteiligten.

  20. Argutus sagt:

    #19 ilex (E. Ahrens) am 19. November 2012 um 14:43

    Nun werden als "natürlich" von den meisten Menschen die Regeln einfacher Anständigkeit empfunden – eben zu vermeiden, anderen das anzutun, was man selbst nicht erleiden möchte. Wie weit ein solches Verhalten evolutionär bedingt ist, sei dahin gestellt.

    Gerade das aber ist der entscheidende Punkt, von dem es abhängt, ob diese "Natürlichkeit" bloß von den meisten Menschen so empfunden wird oder tatsächlich als evolutionsbiologisches Faktum existiert.

    Kann ja durchaus sein (das wäre wissenschaftlich zu erforschen), denn vieles, was wir moralisch nennen, hat ja tatsächlich evolutionäre Wurzeln. Vieles Unmoralische aber auch. Der Natur geht es nämlich nur um die reproduktive Fitness. Moral hingegen ist kein Faktor, der die Evolution steuert.

  21. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #20 Argutus am 19. November 2012 um 14:53

    Nun hat #17 Uwe Lehnert am 19. November 2012 um 12:59 einen wichtigen Aspekt angeführt – die eigene Gruppe, in der Solidarität biologisch sinnvoll ist. Mag auch im Laufe der Zeit die "eigene Gruppe" immer größer geworden sein – Stamm, Nation, Europa – für manche auch alle Menschen. Eben hier ist doch das Spannungsfeld zwischen dem Prinzip allgemeiner Menschenrechte und dem Bewußtsein, dass andere Gesellschaften durchaus anders und nicht nachahmenswert sind.

  22. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #20 Argutus am 19. November 2012 um 14:53 = Gerade das aber ist der entscheidende Punkt, von dem es abhängt, ob diese "Natürlichkeit" bloß von den meisten Menschen so empfunden wird oder tatsächlich als evolutionsbiologisches Faktum existiert.

    Für praktische Zwecke genügt das Empfinden. Das Bewußtsein macht das Sein.

  23. Argutus sagt:

    #21 ilex (E. Ahrens) am 19. November 2012 um 15:12

    die eigene Gruppe, in der Solidarität biologisch sinnvoll ist.

    Schon klar, keine Frage. Ein Teil dessen, was wir moralisch, anständig etc. nennen, hat (wie ich oben schon schrieb) evolutionäre Wurzeln, aber anderes (wie beispielsweise Vergewaltigungen) eben auch.

    Die Evolution hat eben für viele menschliche und gesellschaftliche Phänomene, moralische wie unmoralische, eine beträchtliche Erklärungskraft. Aber ein "Naturrecht" findet in ihr keine Basis.

    Die Rechtsordnung, in der wir zivilisierte Menschen leben wollen, müssen wir uns schon selbst überlegen. Das kann man nicht der Biologie oder sonst einer Naturwissenschaft überlassen. Dort ist das "Recht" ein sinnloser Begriff.

  24. Frank Berghaus sagt:

    Ich zitiere dazu einfach mal aus unserem – in diesem Zusammenhang sehr vorausschauenden – Manifest (Art. 4):

    Humanisten wissen, dass die grundlegenden sozialen Kompetenzen des Menschen – wie Hilfsbereitschaft, Verantwortungsgefühl, Kooperationsfähigkeit und Altruismus– sowohl eine genetische wie auch darüber hinaus eine hormonelle Basis haben. Sie sind deshalb in ihren materiellen Grundlagen wissenschaftlich erforschbar, begründbar und kulturell weiter entwickelbar. Das gilt ebenso auch für die am wenigsten sozialen Eigenschaften des Menschen wie die Fähigkeiten zu lügen, zu betrügen, Bosheiten und Verbrechen zu begehen.

    Kodifiziert werden muss nun einmal beides, a) zur Förderung der positiven Entwicklungen, b) zur Ächtung (und Poenalisierung) der negativen Entwicklungen.

    Letztlich bleiben es aber immer Ableitungen aus Dispositionen – von Naturrecht (schon gar nicht göttlich!) weit und breit keine Spur, so gern wir das vielleicht auch hätten.

  25. pinetop sagt:

    Naturrecht ist nicht zu fassen, genau so wenig wie Gott. Es besteht bei seinen Anhängern, die Auffassung, dass es unabhängig von Menschen existiert, aber noch nicht vollständig erkannt ist. Das gibt Ideologen ein breites Feld der Manipulation; man behauptet es erkannt zu haben und fordert Menschen zum Gehorsam auf. Beliebt ist auch die starke Verwendung von Leerformeln, die sofern ihr Charakter nicht erkannt wird, am Ende das zu Tage fördert, was man am Anfang in die Prämissen gelegt hat.
     
    Wenn man der Überzeugung ist, dass menschliches Verhalten durch die Natur oder die Evolution wesentlich bestimmt ist und man dem auch mit der Gesetzgebung Folge leisten will, so kann man dies klar und deutlich sagen. Es entsteht dann eben ein neues positives Recht. Der Bezug auf ein Naturrecht ist überflüssig und ideologisch motiviert. 

  26. Argutus sagt:

    #24 Frank Berghaus am 19. November 2012 um 15:40

    von Naturrecht (schon gar nicht göttlich!) weit und breit keine Spur

    So ist es. Die biologische Entstehung und Entwicklung dieser Dispositionen und ihr historischer Einfluß auf Kulturen und deren Rechtsordnungen sind natürlich Gegenstand wissenschaftlicher Forschungen. Die daraus gewonnen Erkenntnisse sind zwar interessant, aber für die Rechtsordnung nicht wichtig, denn die muß fom Konsens derer abhängen, für die sie gilt, und nicht von irgendwelchen wissenschaftlichen Details.

    Soweit so klar. Was ich dabei aber nicht verstehe, ist, was sich jene Menschen, die an ein "Naturrecht" glauben, darunter vorstellen.

    Ein göttliches Recht ist klar. Gäbe es einen Gott, dann könnte der natürlich wie ein Diktator nach Belieben irgendwelche Regeln erlassen und jene bestrafen, die sie verletzen. Für Atheisten kommt diese Möglichkeit allerdings nicht in Betracht.

    Was aber soll ein "Naturrecht" sein? Die Natur ist je keine handelnde Person, die Soll-Bestimmungen erlassen kann. In ihr gibt es nur Naturgesetze (wie beispielsweise das Gravitationsgesetz), aber die können wir ohnedies nicht verletzen. Was wir dort, wo wir die Freiheit des Handelns haben, tun "sollen", ist der Natur nicht zu entnehmen – und aus wissenschaftlicher Sicht ist die Frage einfach sinnlos.

  27. pinetop sagt:

    Wenn sich in Europa Freiheit, Demokratie, Menschenrechte usw. durchgesetzt haben bedeutet dies auch eine entsprechende Änderung des positiven Rechts. Das hat mit Naturrecht nicht das Geringste zu tun. Das Recht auf Freiheit, auf Menschenwürde steht nicht nur Deutschen oder sonstigen Europäern zu, sondern allen Menschen. Wer Angehörigen von Minderheiten in Europa Menschenrechte mit dem Hinweis auf deren spezielle Kultur verweigert ist genau genommen der Rassist.  Die speziell von Feuilletonisten geforderte Toleranz gegenüber kulturellen Kollektiven ist nichts anderes als Zynismus und Verachtung gegenüber Individuen.

  28. Frank Berghaus sagt:

    #26 Argutus am 19. November 2012 um 16:06

    Der Begriff des "Naturrechts" wurde erst seit kurzem eingeworfen und zwar eben von jenem Herrn Ratzinger, der ja immer behauptet, zu seinem seltsamen Glauben bedürfe es der Vernunft. Wenn Ratzinger also sieht, dass göttliches "Naturrecht" bereits vor dem Christentum existierte (siehe mein Antigone-Beispiel) und dort auf "Götter" zurückgeführt wird, so hat er es doch leichter zu sagen, dass dies, was die Griechen (hier Sophokles) mit den Mitteln der Vernunft versuchten den Göttern zuzuschreiben, in Wahrheit natürlich auf den einen und alleinigen Gott zurückgeht. So fortschrittlich ist das Christentum! :-)

    Von Evolutionsbiologen und davon sich ableitenden philosophischen Strömungen habe ich dergleichen bisher nie gehört.

  29. pinetop sagt:

    @ Argutus,
    das Naturrecht ist ein ähnliches Ding wie die Vorsehung, der Weltgeist oder der nicht veränderbare Verlauf der Geschichte.

  30. pinetop sagt:

    Dass einige Feuilletonisten Schaum vor´m Maul haben, wenn von individuellen und universellen Rechten die Rede ist, bemerkt man häufig, wenn die Namen Necla Kelek oder Ayaan Hirsi Ali fallen.

  31. Argutus sagt:

    #28 Frank Berghaus am 19. November 2012 um 16:15

    Nicht nur aus naturwissenschaftlicher Sicht ist das "Naturrecht" ein sinnloser Begriff sondern auch im Rahmen der christlichen (oder sonst einer monotheistischen) Theologie.

    Wenn dieses Recht direkt von Gott ausgeht, dann hat es mit der Natur nichts zu tun und die Bezeichnung "Naturrecht" wäre irreführend.

    Wäre es aber mit den Mitteln der Vernunft aus der Natur ableitbar, dann könnte man Gott als unnötig einsparen und die vielen verschiedenen Religionen mit all ihren Unterschieden ebenfalls, denn die Natur ist ja für alle die gleiche.

    Zudem ist diese Ableitung prinzipiell unsinnig. Der Natur können wir ja nur entnehmen, welche Ursachen (Handlungen) welche Folgen haben oder haben können. Ob wir diese Folgen aber anstreben oder ablehnen oder in Kauf nehmen wollen, ergibt sich daraus nicht.

  32. Frank Berghaus sagt:

    #31 Argutus am 19. November 2012 um 16:32

    Ich habe ja auch nicht gesagt, dass das meine Ableitung ist :-)

  33. Argutus sagt:

    #29 pinetop am 19. November 2012 um 16:16

    das Naturrecht ist ein ähnliches Ding wie die Vorsehung

    Ja, das ist ein guter Vergleich. Ein bis zur Sinnlosigkeit schwammiger Begriff, der an religiöse Ausdrücke erinnert und sich nach Belieben mit irgendwelchen Inhalten füllen läßt.

    Jene, die uns diese Inhalte vermitteln wollen, immunisieren sich damit gegen die Kritik derer, die andere Inhalte bevorzugen.

  34. Frank Berghaus sagt:

    Diesen Naturrechtsquark kann man hier nachlesen:

    http://www.kath.net/detail.php?id=38912

  35. Argutus sagt:

    #32 Frank Berghaus am 19. November 2012 um 16:40

    Ich habe ja auch nicht gesagt, dass das meine Ableitung ist

    Das habe ich auch nicht so aufgefaßt. :-)

  36. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #13 Uwe Lehnert am 19. November 2012 um 12:03 = Eine Moral dagegen, die sich an den elementaren, evolutionär entstandenen Empfindungen orientiert, wie z.B. der Bereitschaft, dem in Not befindlichen Menschen (Tiere eingeschlossen) zu helfen, oder einer natürlich gegebenen Sexualität zu folgen, bedarf keiner außerweltlichen Begründung, sie wird (fast) von selbst akzeptiert.

    Zumindest haben es Rechtsetzungen nach diesen Grundsätzen einfacher, breiter akzeptiert zu werden als künstliche Regeln, die angeblich "von oben" kommen – seien es Götter oder ideologische Führer.

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