Beschneidungsdebatte im Bundestag

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Heute wird es heiß im Bundestag. Obwohl es gar kein Beschneidungsverbot gibt, soll es an dessen Aufhebung gehen. Die Bundesregierung hat als Handlanger religiöser Eiferer den Prozess in Gang gesetzt, der jetzt in die nächste Runde geht. In erster Lesung wird das von ihr vorgeschlagene entsprechende Gesetz diskutiert. Doch am Ziel ist die Regierung damit noch längst nicht, der Streit um das Wie wird weiter gehen.

Die Hoffnung, die die Beschneidungsbefürworter hatten, die gesellschaftliche Diskussion würde sich schnell verlaufen, ging in´s Leere. Wie wir hatten auch viele andere gefordert, "auch religiöse Gruppen müssen sich verfassungsrechtlichen Werten beugen". So kam ein Prozess in Gang, der  dazu führte, dass der Ethikrat, der die Bundesregierung in dieser Sache berät, Nachforderungen erhoben hat. Ihm scheint nicht genug ausformuliert, wie die Schmerzvermeidung bei dem Eingriff zu erfolgen hat, der für Betroffenen zum Schockerlebnis werden kann.

In der Bevölkerung ist die Ablehnung der Beschneidung ohne Einwilligung der Betroffen Mehrheitsmeinung, in der Politik ist es (noch?) umgekehrt. Wie der Riss dort quer durch die Parteien geht zeigt sich darin, dass die Grünen sich nicht auf eine gemeinsame Haltung einigen konnten und, wie auch SPD und Linke, bei der Abstimmung den Fraktionszwang aufgehoben haben.

53  Abgeordnete aus diesen Parteien haben sich nun zusammengetan und einen alternativen Antrag, der die Beschneidung erst ab 14 und mit Einwilligung der Betroffenen straffrei stellt, eingereicht. Weitere haben sich angeschlossen, jetzt sind es schon mehr als 60. Klar ist trotzdem, ohne weiteren gesellschaftlichen Druck wird  dieser Antrag keine Chance im Bundestag haben. Deshalb war ich froh, als sofort eine Petition gestartet wurde, um den den Abgeordneten nahe zu bringen. Völlig erstaunt war ich, als ich merkte, das findet ein Teil der Beschneidungsgegner überhaupt nicht gut.

Ihre Gründe sind nicht von der Hand zu weisen. Matthias Krause schreibt dazu auf Skydaddys Blog: "Meines Erachtens muss das Alter zur Einwilligung dem entsprechen, das auch bei Piercings oder Tätowierungen greift, und das ist in Deutschland die Volljährigkeit, also 18 Jahre. (16 mit Einwilligung der Eltern.) Wieso sollen Tätowierungen und Piercings mit Einwilligung der Eltern erst ab 16 erlaubt sein, die Amputation der Vorhaut aber schon mit 14?…Wieso sollen 14-jährige Jungen einwilligen können, ihre Genitalien beschneiden zu lassen, 14-jährige Mädchen aber nicht?…Natürlich geht es mir nicht darum, die Genitalverstümmelung von Mädchen zu legalisieren. Man kann aber bei der körperlichen Unversehrtheit nicht für Mädchen und Jungen unterschiedliche Gesetze machen!" und folgert " Dass aber selbst dieser sehr entgegenkommende Gesetzentwurf völlig inakzeptabel ist, belegt einmal mehr, dass es praktisch unmöglich sein dürfte, ein verfassungskonformes Gesetz zu verabschieden, das die Knabenbeschneidung erlaubt."

Er hofft scheinbar auf das Bundesverfassungsgericht. Bis das angerufen werden kann, was schon schwierig ist, und dann urteilt, bis es danach evtl. weiter bis ans Europäische Gericht geht, würden aber viele, viele neue religiös gemarkte Kinder Schmerzen erleiden und traumatisiert werden. 

Das könnte sich realtivieren, meinen andere. Ein guter Freund schrieb mir auf Facebook: "Ich würde nur zu gern zustimmen, wenn ich überzeugt werden könnte, dass ein 14-Jähriger schon in der Lage ist, die Tragweite einer Beschneidung zu beurteilen. Darüber hinaus bezweifle ich, dass ein 14-Jähriger dem verwandtschaftlichen und sozialen Druck standhalten kann, der auf ihn im Falle einer Weigerung, sich verstümmeln zu lassen, lasten würde. Ich halte eine Altersgrenze von 16 Jahren für die allerunterste Schranke, die gerade noch hinzunehmen wäre.

Abgesehen davon halte ich eine Zustimmung für strategisch unzweckmäßig. Ein Gesetz, wie es jetzt von der Bundesregierung durchgepeitscht werden soll, lässt sich viel überzeugender als grundgesetzwidrig, menschenrechtsverletzend und kindeswohlmissachtend kennzeichnen als ein Gesetz, das einen zwar gut gemeinten, aber fragwürdigen Kompromiss vorschlägt. Dieser Kompromiss verdeckt das steinzeitliche Denken, das in diesem religiösen Ritus steckt. Das politische Ziel muss eine Lösung sein, die ein erwachsener Mensch von mindestens 18 Jahren in freier Entscheidung treffen kann."

Auch das ist nachdenkenswert und nicht einfach von der Hand zu weisen. 

Aus meiner langjährigen Tätigkeit als Jugendsozialarbeiter in dieser Altersgruppe weiß ich, die wissen schon ganz gut was sie wollen, können das auch begründen und gegebenenfalls durchsetzen. Auch dauert dieser familiäre und gesellschaftliche Druck weiter an. Es werden nicht viele sein, die sich mit 18 erfolgreicher dagegen wehren können. 

Auch ich bin klar dafür, die Beschneidung erst ab 18 mit persönlicher Einwilligung und vorheriger Belehrung über mögliche Folgen zu erlauben. Um aber, bis das eventuell möglich sein sollte, schon jetzt vielen Kindern die Möglichkeit zu geben, sich gegen diese Praxis zu wehren, bin ich hier für eine pragmatische Lösung. Da würde ich es schon als Riesenerfolg betrachten, wenn der Kompromissvorschlag der über 60 Abgeorneten angenommen würde. Er hat nur wenig Chancen, aber einer mit 18 hätte gar keine. Wenn dann aber erst mal überhaupt eine Altersgrenze eingeführt ist, dürfte es später leichter werden, die zu erhöhen.

Wichtig ist nun, den entsprechenden gesellschaftlichen Druck aufzubauen. Vieles tut sich schon. Am 23. und 25.11. wird z.B. in Berlin der Film "It´s a boy" gezeigt.

"Mit seiner Dokumentation hatte Victor Schonfeld in England für Furore gesorgt. „The Independent“ urteilte: „Schonfeld gelingt ein absoluter Glücksgriff; und wie alle guten Filmemacher macht er das Beste daraus.“  Für „The Times“ war Schonfelds „verheerende Anklage“ ein „Fernseh-Höhepunkt“. Linda Grant schrieb in „The Jewish Chronicle”, „It‘s  a Boy!“ solle „von jedem gesehen werden…  Die Aussage dieses Films verlangt nach einer Debatte” 

Dieser Film mit deutschen Untertiteln wird seinen Beitrag leisten.
Leisten auch wir unseren:  

 

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Original: Das Wort zum Freitag

 

 

 

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8 Antworten auf Beschneidungsdebatte im Bundestag

  1. Frank Berghaus sagt:

    Alle zartfühlenden Leser bitte ich um Verständnis für die abstossende Illustration.

    Das 41-minütige Video "It's a Boy" ist allerdings um Längen grausamer.

  2. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Frauen wird zugestanden zu sagen: "Mein Bauch gehört mir!" Warum nicht Männern ebenso "Meine Vorhaut gehört mir". Und nicht den religiösen Räubern. So verdienstvoll es ist, sich vom schnell gestricktem Gesetzesentwurf zu distanzieren – erst mit 18 dem zuzustimmen wäre schon die sauberste Lösung.

    Wenn über 30 % der Bevölkerung nicht religiös sind, vermute ich mal einen ähnlichen Prozentsatz bei den Bundestagsabgeordneten – also deutlich mehr als 60. Wo bleibt deren Ausdruck ihrer Überzeugung? Oder nur Angst vor der publizistischen Breitseite von Judentum und Islam?

  3. Frank Berghaus sagt:

    Hier ist der Link zum Film:

    http://www.realeyz.tv/de/its-a-boy.html

  4. Frank Berghaus sagt:

    Jorge Kosch kommentiert (bei IH und bei den Lasos):

    Liebe Freunde,

    dieses Foto allein reicht doch aus, um diese ganzen abergläubischen Fanatiker zu stoppen. Eine höher stehende Zivilisation wie die unsere, muss alle perversen Rituale wie Beschneidungen, die aus der späten Bronzezeit herrühren, grundsätzlich ausschliessen. Wer dadurch seine Religionsfreiheit verletzt sieht, darf sich ohne Weiteres hier aus Deutschland abmelden. Da verweise ich gern auf die Reisefreiheit. Gibt es nicht überall, eine grosse zivilisatorische Leistung. Kann gar nicht oft genug erwähnt werden.

    Ich schäme mich ausdrücklich und ganz besonders für "meine" Partei, die SPD, die ja nun alle (Arbeiter-) Rechte , egal welcher muffigen Geruchsrichtung, gegen die Popen erkämpfen musste. Der Gedanke, dass in meiner Partei wider alle Erfahrungen, Leute in der Führungsriege ihr Dasein fristen dürfen, die offen ihren Glauben propagieren, wie dummbackige C-Promis ihr langweiliges Sexleben, anstatt das richtigerweise privat zu halten, erschüttert
    viele Mitglieder, nicht nur mich.

    Viele MdB´s halten dieses Thema wie Schröder selig die Familienpolitik, für Gedöns. Das wird viele Leute motivieren, Links zu wählen oder gleich zuhause zu bleiben.

    Ich halte der SPD nur noch die Treue, weil ich hinter Caren Marks und vielen anderen Tapferen stehe, die auch gegen solchen Unfug kämpfen, und die ich aktiv und moralisch unterstütze und nicht allein lassen werde.

    Angesichts der Tatsache, dass die Erwartungen der Bevölkerung an die SPD, auch im Fall eines Regierungswechsels, erwartbar gering sind, und es überhaupt kein Regierungswechsel in der letzten Zeit, mangels Persönlichkeiten und entsprechendem Willen dazu geführt hat, diesen Staat zu reformieren (was dringend notwendig und unvermeidbar ist), halte ich es für total verantwortunglos, dass es bei den Kinderrechten eine solche Ignoranz gibt. Da fehlt es leider an Interesse und an Rückgrat.

    Parteimitgliedschaft zählt jetzt nicht mehr, ich kann nicht Leute unterstützen, die meine gesellschaftlichen Gegner sind.

    Lasst Euch nichts gefallen, schliesst Euch nicht aus, liebe Mitbürger! Und vergesst niemals, die Parteien brauchen gesellschaftliches Engagement mehr denn jemals zuvor. Sonst sind sie weg. Nehmt Stellung! Empört Euch!

    Mein Name ist Jorge Kosch
    und ich bin vor allem anderen ein unabhängiger stolzer deutscher Bürger.

    Glückauf

    No pasarán

  5. Argutus sagt:

    Jorge Kosch kommentiert:

    Eine höher stehende Zivilisation wie die unsere, muss alle perversen Rituale wie Beschneidungen, die aus der späten Bronzezeit herrühren, grundsätzlich ausschliessen.

    Mit der Abschaffung der Beschneidung ist es heute so wie früher mit der Abschaffung der Sklaverei: Für zivilisierte Menschen ist das selbstverständlich und alles politische Rumgerede, alle Kompromiß-Vorschläge und Rücksichtnahmen auf geheiligte alte Bräuche sind im Nachhinein nur noch peinlich.

  6. pinetop sagt:

    Vor einigen Tagen habe ich "meinem" Bundestagsabgeordeneten zu diesem Thema einen Brief geschrieben. In seiner ausführlichen Antwort wies er mich auch freundlich und sinngemäß darauf hin, dass die ganze leidige Debatte von der Giordano-Bruno-Stiftung angezettelt wurde.

  7. Argutus sagt:

    #6 pinetop am 23. November 2012 um 12:12

    In seiner ausführlichen Antwort wies er mich auch freundlich und sinngemäß darauf hin, dass die ganze leidige Debatte von der Giordano-Bruno-Stiftung angezettelt wurde.

    Dieser Hinweis ist völlig irrelevant und dumm. Es kommt ja darauf an, wessen Argumente die richtigen sind, und nicht darauf, wer damit beginnt die seinigen vorzubringen.

  8. Frank Berghaus sagt:

    #7 Argutus am 23. November 2012 um 12:32

    Viele hatten gehofft, dass überhaupt keine Debatte zu diesem Thema aufkommt und man die Angelegenheit klammheimlich im Schnellverfahren zugunsten der Religioten durchpeitschen kann.

    Da stören Einwände natürlich enorm – und flugs ist der Teufel ausgemacht: die GBS :-)

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