Marx, die Ethik und das Strafrecht

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Kardinal Reinhard Marx betonte bei einer Veranstaltung der Technischen Universität München die ethische Verantwortung des Einzelnen. Da diese Feststellung so trivial ist wie das Amen in der Kirche, musste er vor dem anspruchsvollen Publikum wohl oder übel nachlegen. Und das hörte sich dann so an.

„Es ist ein großer Irrtum zu glauben, wir könnten darauf verzichten, dass Menschen in sich eine sittliche Verantwortung haben", dozierte der Erzbischof von München und Freising. Für ihn reiche eine Rahmenordnung wie das Strafrecht nicht aus.

Also da scheint der Großmeister des Marxismus der Catholica etwas durcheinander zu bringen. Ein eherner Grundsatz aller Juristen besagt, dass ein Blick ins Gesetzbuch die Rechtsfindung erleichtert. Und die Rahmenordnung in unserer Demokratie ist das Grundgesetz, an das sich alle in unserem Staat zu halten haben. Tun sie das nicht, bestimmen andere Gesetze, wann und wie das zu sanktionieren ist.

Und damit muss der Kardinal in eine fatale Gewissensnot geraten, hat er doch seinem Papst absoluten Gehorsam geschworen. Die Ergebnisse eines solchen Schwurs wurden nicht nur in unserer Demokratie eindrucksvoll vorgeführt. Jahrelang hat die Catholica sexuellen Missbrauch an Minderjährigen an der Justiz vorbei auf ihre Weise behandelt und solange zu vertuschen versucht, bis die Schandtaten nach den Regel des Rechts „verjährt" wären.

Von Ethik keine Spur!

„Die richtige Verantwortlichkeit wahrzunehmen, dazu gehört mehr, als ins Gesetzbuch zu schauen." Glaubt der hohe Herr wirklich, was er da im Brustton seiner Überzeugung von sich gibt? Wie soll sich unser Gemeinwesen denn geordnet organisieren, wenn sich nicht einmal die Catholica an das vom Kardinal so bezeichnete „Minimalprogramm" hält?

Der „schwarze" Marx muss sich gefallen lassen, dass er nicht nur an seinen Worten, sondern auch und vor allem an seinen Werken gemessen wird. Es lässt sich leicht plaudern, wenn die Werke christlicher Caritas und insbesondere das eigene Auskommen (ca.12.000 Euro pro Monat) großzügig voll aus öffentlichen Steuermitteln der Allgemeinheit und nicht aus der sogenannten Kirchensteuer finanziert werden.

Und was mit den prekären Arbeitsverhältnissen und der Missachtung unseres Grundgesetzes mit dem Diskriminierungsverbot wegen Rasse und Bekenntnis in den Betrieben im Eigentum der Catholica? Was schon Grundschüler im Ethikunterricht lernen, scheint der große Kardinal mit dem kleinen roten Käppchen zu ignorieren. Der "dritte Weg" ist wohl ein Weg in den Irrtum außerhalb unserer Rechtsordnung.

In Sachen Ethik ist man mit Kant offensichtlich besser bedient als mit den Marx'schen Worthülsen. Aber Kant hat der Kardinal in Schule oder Studium wohl verpasst oder in seiner Rolle der Macht schlicht und einfach verdrängt. Kategorisch ist er nur in Sachen Demokratie. Und die hat er qua CIC und Schwur auf den Stellvertreter Gottes aus seinem Bewusstsein verbannt. Insofern stellt sich der Kardinal selbst ins Abseits. Aber was dann?

Als Demokrat und ethisch handelnder Mensch fällt er offenbar aus. Da kann er sich wohl nur noch demütig auf seine Rolle als „Eunuch für das Himmelreich" (Mt 19,12) konzentrieren. Aber, oh Graus, da wird er möglicherweise in seinem prunkvollen Haus abgelenkt, das seinerzeit für einen Bastard von Bayern und dessen Maitresse gebaut worden ist.

Titelbild: Die bescheidene Wohnstätte des Kardinals: Seit 1818 ist das Palais Holnstein im Staatsbesitz (!) und seit 1821 Dienstsitz der Erzbischöfe von München und Freising. (Bildquelle: Erzbistum)

 

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7 Antworten auf Marx, die Ethik und das Strafrecht

  1. Zu wünschen wäre an erster Stelle – bevor Herr Kardinal im Amt solche Brusttöne von sich gibt – das "Minimalprogramm" – das Gesetz als solches überhaupt erst einmal zu LESEN wie zu KENNEN. Vielleicht könnte er dann auch einmal darlegen, WAS denn konkret fehlen soll.
    WO bitteschön soll die Gesetzgebung Mängel haben? Welche verbindlichen (!!!) Verantwortungen haben Menschen denn darüberhinaus? Das Menschen individuell – über das gesetz hinaus – eigene Wertigkeiten und Werte haben / entwickeln, liegt in seiner Natur. Nicht? Es liegt an jenem, der behauptet, das der Mensch allein kein "richtiger" Mensch sei bzw. sein könne, hierfür Belege anzubringen.
    Natürlich hat der Mensch – er ist ein soziales Lebewesen bzw. Tier – auch "in sich" soziale Verantwortung, wenn auch verschiedentlich ausgeprägt. Aber auch das ist wichtig, richtig wie natürlich. Kein mensch kann ohne andere menschen leben – so ist selbst jedwedes "Mitfühlen", jedwedes soziales Handeln letztlich dem Egoismus geschuldet.
    Warum sollte der Mensch – auch wenn typisch Katechistenlogik – eine geborener "Sünder" sein, der nur durch das Befolgen der Anweisungen einer (nicht minder menschlichen) Priesterkaste zum "richtigen Menschen" wird? Welch schlichtweg kranke Ideologie…
    Ich wäre schon zufrieden, wenn sich die Kirchen – bevor sie anderen Wertekunde geben meinen müssen – selbst erst einmal auf einen halbwegs modernen Stand der Aufklärung begeben und das Grundgesetz als solches zu achten lernen würden. Damit wäre allen wohl mehr als geholfen…

  2. ingres sagt:

    Ach ja, aber wo ist der Unterschied, ob nun ein Kardinal irgendetwas schwätzt oder ein weltlicher Schmarotzer oder gar Berufschaot, in Brüssel oder sonstwo? 

  3. Frank Berghaus sagt:

    #2 ingres am 20. Dezember 2012 um 09:30

    Der Unterschied liegt im "hohen und hehren" Anspruch!

  4. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Es ist doch mit allen Religiösen dasselbe. Solange man "Gott mehr gehorchen muss als den Menschen" wird das Zusammenleben mit diesen Leuten immer Probleme bereiten, seien es – was hierzulande eben am häufigsten vorkommt – Christen, Islamer oder Juden. Da hat zwar jede Sorte ihre spezifischen Probleme, aber in der Sache sind sie alle gleich – mehr Rechte, Beachtung und Aufmerksamkeit für sie. Kinderkram.

  5. Frank Berghaus sagt:

    #4 ilex (E. Ahrens) am 20. Dezember 2012 um 11:35

    Unter "normalen" Umständen wäre das sicherlich als Kinderkram zu bewerten.

    Dummerweise haben solche Typen aber einen enormen Einfluss auf Gesellschaft und Politik und prägen immer umfangreichere Teile der Gesetzgebung ohne Rücksicht darauf, dass diejenigen, die diesem Aberglauben nicht anhängen, massiv davon betroffen sind.

  6. Frank Berghaus sagt:

    Wer immer noch nicht wahrhaben will, wie der Hase läuft, und weiterhin glaubt, man könne dieses dumme Gewäsch der Popen ignorieren, der macht sich nicht klar wie die tatsächliche Ausgangsposition derzeit ist. Gerade diejenigen, die Angst vor der „Islamisierung Deutschlands“ haben (die ja noch nicht einmal richtig begonnen hat), sollten doch mal dem folgenden Gedankengang nachgehen:

    Ethikkommissionen: Wieviel Pfaffen sind dort platziert und wieviele Imame?

    Fernsehräte: Wieviele Pfaffen sind dort platziert und wieviele Imame?

    Religiöse pressure groups in den Parlamenten: Wieviele sind christlich, wieviele sind islamisch?

    … etc.

    An diesen Stellen (und einigen mehr, an denen es immer gleich aussieht) wird Einfluss auf unsere Gesellschaft, unsere Meinungsbildung und Politik genommen.

    Wer davor die Augen verschliesst und selig weiterschläft, wird eines morgens erwachen und sich verwundert die Augen reiben: an eben diesen Schaltstellen wird es dann nämlich auch vor Imamen nur so wimmeln. Und die werden mit ihrer ungezügelten mittelalterlichen, durch keinerlei Aufklärung gebremsten Religion im Rücken noch viel gewaltigeren Schaden anrichten können als es derzeit „nur“ mit Pfaffen der Fall ist.

    Die bisherigen Islamisierungsansätze wie in Hamburg mit dem Staatsvertrag (bald auch in Bremen), mit dem islamischen Religionsunterricht in NRW (bald auch in Hessen) und wie der Einrichtung islamischer Fakultäten an den Hochschulen sind doch nur der Beginn und nicht etwa das Ende islamischer Einflussnahme auf Deutschland.

    Die ersten Ansätze (wie auch die Konsequenzen aus dem oben Gesagten) kann man doch nur verhindern oder abbremsen, wenn die Politik endlich endlich ihrem grundgesetzlich (und nach Weimarer Verfassung) vorgegebenen Auftrag zur Trennung von Staat und Religion nachgekommen wäre.

    Wer da immer noch meint, man könne bei den „etablierten“ Religionen alles beim alten lassen, ja müsse es eher noch verstärken mit einem Zurück ins Mittelalter (Rechristianisierung), wie man es täglich auf katholibanischen so genannten islamkritischen Seiten nachlesen kann, der muss sich nichht wundern, wenn er mit dieser kurzsichtigen Haltung die Ausbreitung des Islam fördert.  Alle Befürchtungen, die auf diesen Seiten geäussert werden, realisieren sich in Windeseile und niemand tut etwas dagegen.

    Hoffen wir, dass sich die Partei DIE HUMANISTEN so positiv entwickelt, dass sie an dieser Stelle so bald wie möglich eingreifen kann. Wir arbeiten daran mit Hochdruck :-)

  7. pinetop sagt:

    #6 Frank Berghaus,
    vor dreißig Jahren war für mich die Beschäftigung mit der Religion nur eine Schrulle. Ich hätte es damals nicht für möglich gehalten, dass man eines Tages um der Freiheit Willen die Religionen in die Schranken weisen muss.
     
    Ärgerlich auch Jörg Uwe Hahn (FDP), der den Islamunterricht durchgesetzt hat und sich damit als einen liberalen Reformer feiern läßt. Die religionsfreundliche (oder religionsschleimende?) Haltung der FDP ist mir als einem Liberalen höchst zuwider.

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