Weihnachten ohne Gott und Kirche

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Wovon spricht man in seiner ersten Weihnachtsbotschaft, die man nicht mehr als Prädikant und nicht mehr als Mitglied der Kirche formuliert? Tatsächlich fiel es in mir in den vergangenen Jahren noch deutlich einfacher: Das Kind in der Krippe, das zieht immer. Schon automatisch erweckt die Hilflosigkeit so eines Babys zwischen dem Heu ein unvermitteltes Gefühl von Wärme und Liebe. Dazu noch die vielen Tiere, heilige Engel, Sterne und Weisen  – was kann man da nicht alles an Wünschen, Forderungen und Aufrufen ableiten.

Jeder Bischof, jeder Pfarrer und auch der Papst versuchen jedes Jahr neu, diese uralte Geschichte in einen aktuellen Zusammenhang zu stellen. Ihr Glück dabei: Zumeist können sie auf ein positives Ende verweisen. Immerhin wurde der Retter der Welt geboren. Schon allein das ist die ultimative Hoffnung, die auch das Auseinandersetzen mit den wirklichen Schwierigkeiten unnötig werden lässt. Auch in diesem Jahr merkte man es wieder: Da wurde die Gewalt im Fernsehen kritisiert, ein anderer Kirchenvertreter bemängelte das fehlende Hingucken, ein dritter vermisst die Solidarität.

Letztlich aber können sich diese Botschaften neben einer Bestandsaufnahme ganz und gar auf eine göttliche Lösung verlassen. Da irritiert auch kaum, dass beispielsweise das ZDF in einer kritisch-hinterfragenden Sendung am ersten Weihnachtsfeiertag die ganze Geburt Jesu massiv unter die Lupe nahm; kurz zuvor hatte ja selbst der Bundespräsident jedem von uns einen „Stern von Bethlehem“ gewünscht, den ein Wissenschaftler nur etwa 20 Minuten später als „Unfug“ widerlegte. So schrecklich einfach kann Glaube sein – muss er sich doch nur selten an der Wirklichkeit messen lassen, kann blind auf die Zukunft vertrauen und schlussendlich seine Unergründlichkeit als Alibi vorschieben, wenn alles nicht so kommt, wie es versprochen war.

Und nun an Weihnachten also das Jesus-Kind, mit dem Ende alles zum Guten führt. Zweifelsohne: Die Geburt dieses Jungen möchte ich gar nicht abstreiten. Und auch nicht, dass in ihn viel Hoffnung gesetzt worden sein mag. Doch das wurde schon in viele Menschen. Nein, Weihnachten ist für mich nicht das Fest der Deprimiertheit, nur, weil ich ihm nicht mehr als eine parabelartige Bedeutung zuschreibe. Das ist doch immerhin schon etwas: Denn betrachtet man den Zeitrahmen, zu der die Weihnachtsgeschichte entstand, war es ein tatsächlich revolutionär festgehaltener Umstand. Da wurde ganz offen von einer Frau berichtet, die nur ein Kind zur Welt brachte – für damalige Verhältnisse völlig unnormal. Die Geburt in einer Grotte, eigentlich verpönt. Ein Vater, der irgendwie für die Familie kaum eine Rolle spielte. Ein Sohn, dem man eine übermäßige Kenntnisgabe zubilligte. Und die Sternenforscher von weit her, die damals höchst angesehensten Wissenschaftler, um sich in einem kleinen Dorf nach einer angeblichen besonderen Konstellation am Himmel zu erkundigen. All das war zeitgeistig bis futuristisch.

Die Geschichte von Jesus, ob wahr oder nicht, hat sich etwas getraut: Ihre Verfasser haben es gewagt, mit einer bildhaften Darstellung Tatsächlichkeiten zu benennen, die es in den Köpfen damals gar nicht hätte geben dürfen. Ob sie nun Querdenker, „Science-Fictioner“ oder einfach nur Vorausschauende waren – das weiß ich nicht. Doch sie haben offenbar die Gunst der (politischen) Stunde genutzt, das in Worte zu fassen, was man damals in Tradition für nahezu verbotenen „Mainstream“ gehalten hätte. Würde man tatsächlich den Zeitsprung vollziehen, so könnte man die dort festgehaltenen Darstellungen heute mit anderem Reformwerk vergleichen. Das, was 2012 beispielsweise die „Lindenstraße“ schafft, hat damals die Weihnachtsgeschichte übernommen:

In einer Darstellung des alltäglichen Lebens wurde abgebildet, was eigentlich umbruchartig gang und gäbe war: Auch damals sprach man wohl nicht gern über non-konservative Umstände, die gleichermaßen so menschlich waren: Armut, außergewöhnliche familiäre Konstruktionen, Sternenforschung. Wo uns heute das unumwundene Sprechen von Altersnot, homosexuelle Ehen oder die Frau als Unternehmenschefin als Fortschritt begegnen, waren es damals die in der Weihnachtsgeschichte beschriebenen „Das darf nicht sein“ – die Denk- und Sprechverbote, die die Autoren durch eine eigensinnige Erzählung gebrochen haben.

Daher kann uns die biblische Geschichte anspornen: Nein, nicht als pauschales Zugeständnis, unsere Sorgen und Nöte in die Wiege eines Krippenkindes zu legen und uns selbst gemütlich in den Sessel zu lehnen. Sondern als Zeugnis davon, dass sich Neuerung und Wandel stets selbstständig Bahn brechen. Ob nun durch eine Weihnachtserzählung, die erst viel später deutlich macht, wie weitreichend sie für ihren historischen Kontext war, oder als Fernsehsendung, die das zum Thema macht, was Realität ist – und viele Köpfe noch erreichen muss. Weihnachten ermutigt, mutig zu sein!

 

 

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4 Antworten auf Weihnachten ohne Gott und Kirche

  1. Ein Teil von jener Kraft sagt:

    Da wurde ganz offen von einer Frau berichtet, die nur ein Kind zur Welt brachte – für damalige Verhältnisse völlig unnormal.
    Nun, die Bibel erwähnt mehrere Geschwister Jesu namentlich. Es ist zwar nirgends ausgesagt ob sie jünger oder älter als Jesus waren und somit Kinder von Maria sind oder vielmehr einer früheren Ehe Josefs entstammen. Gegen letztere Annahme spricht aber dass sie nicht im Zusammenhang mit der Geburtsgeschichte Jesu erwähnt werden.  Unabhängig davon gab es natürlich auch im Altertum schon Ein-Kind-Ehen, etwa wenn der Ehemann bald nach Geburt des ersten Kindes starb (und außerhalb der Geburtsgeschichte taucht Josef nirgends mehr auf)  

  2. Vermutlich brauchen wir Menschen gleichnishafte, gleichwohl für eine Kultur oder kulturelle Epoche identitätsstiftende Geschichten — Märchen — damit sich eine Kultur etablieren kann.
    Unabhängig davon, ob sie sich zur Zivilisation entwickelt oder nicht.

  3. Frank Berghaus sagt:

    #2 Eckhardt Kiwitt, Freising am 26. Dezember 2012 um 21:40

    Selbst solche vom christlichen Sinn entkernte Hüllen halten sich – mit welcher Zielrichtung auch immer – weil die Leute einen Bedarf dafür haben. Das ist auch nicht schade. Wie man dieses Fest dann nennt ist eine zweitrangige Frage.

  4. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Zumindest ist Weihnachten unheimlich praktisch. Um zu feiern, braucht man kein Christ zu sein, das schadet aber auch nicht
    ° auch wenn man es noch nicht deutlich merkt, so weiß man doch, dass die Tage wieder länger werden
    ° man ist mit der Familie zusammen (wenn man denn will)
    ° das Leben ist nach dem 24.12, 12:00 merkbar entschleunigt
    ° Man kann den Nachbarn und dessen Kinder erfreuen, wenn einer der Söhne den Weihnachtsmann darstellt
    ° es lohnt, ordentliche Lammkeulen, Enten oder Gänse für mehre Leute zuzubereiten
    ° man bekommt Bücher, mit denen man nie gerechnet hätte und die man nie selbst gekauft hätte und die dennoch meist interessant sind.
    ° der Kater freut sich über seinen Thunfisch, den er nur einmal im Vierteljahr bekommt.
    ° and so on

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