Islam trifft Moderne


Je geringer die Bildung desto größer die Gewissheit, im Besitz der Wahrheit zu sein. Das ist eine Binsenweisheit, die sich an den verschiedensten Objekten eindeutig belegen lässt. Der Intelligente fragt sich, warum denn wohl der Apfel vom Baum gefallen ist, der Tölpel freut sich, ihn nicht erst pflücken zu müssen, und frisst ihn auf. Weitergehende Gedanken sind Zeitverschwendung.

Die richtigen Fragen zu stellen hängt dabei allerdings nicht nur von der persönlichen Intelligenz eines Individuums ab, sondern vor allem auch davon, wie viele Fragen eine Gesellschaft überhaupt zulässt. Repressive Strukturen begünstigen weder das Fragenstellen noch die Kreativität. Das beginnt in den Familien mit stark patriarchalischer Ausrichtung, setzt sich in Schulen fort, in denen die Autorität des Lehrers davon lebt, dass seine Meinung sakrosankt ist, endet beim Militär in einem starren System von Befehl und Gehorsam. Wer all dies durchlaufen hat – nie angereizt, eigene Fragen zu stellen – hat schließlich auch an der Universität das Fragen verlernt. Dergleichen geschlossene Gesellschaften können es sich sparen, Geld für Forschung und Wissenschaft zu investieren. Es wird nicht viel dabei herauskommen.

Wer an dieser Stelle vorankommen will, tut sich keinen Gefallen, wenn er diese Strukturen unangetastet lässt. Nur wer die Fesseln einer solchen Gesellschaft zu sprengen in der Lage ist kann eine gewaltige Welle an Kreativität freisetzen. Vollständig wird aber auch dies nur gelingen, wenn parallel zur Sprengung dieser allgemeinen Fesseln auch und vor allem die von der Gesellschaft den Frauen auferlegten Fesseln fallen. Ohne Gleichberechtigung der Geschlechter keine wahre Freiheit.

Mit der Auferlegung fesselnder Denkverbote haben vor allem die monotheistischen Religionen den Menschen über Jahrhunderte hin Schreckliches angetan. Dabei denke ich weniger an die physische Verfolgung von Häretikern oder Apostaten (so schlimm diese Verbrechen auch sein mögen), sondern an die allgemeine Lähmung, die sich aus solchen Denkverboten notwendigerweise ergibt. Eine attraktive Betrachtung der Wissenschaftsgeschichte ohne Einfluss solcher hemmenden Faktoren kam ja (vielleicht scherzhaft, aber durchaus überzeugend) zu dem Schluss, dass die ersten Züge im 11. Jahrhundert verkehrt hätten und im 15. Jahrhundert der Flug zum Mond geglückt wäre. Die Fantasie reicht wohl nicht so weit sich vorzustellen, wo wir heute stünden.

Der Befreiungskampf begann mit einem ersten kleinen Schritt vor nunmehr knapp 500 Jahren und manifestierte sich (der Sage nach) in einem ketzerischen Pamphlet eines kleinen Mönchs an einer Kirchentür in Wittenberg. Das mag gering klingen, doch immerhin ermöglichte diese daraufhin einsetzende „Reform“ zumindest das Gefühl, anders sein zu dürfen, dem Einheitsbrei entronnen zu sein. Das Entweichen aus der Uniformität ist immer ein erster Schritt zur individuellen Befreiung und damit sehr häufig zur geistigen Entfaltung. Die Geschichte von Aufklärung, technischen Revolutionen, Industrialisierung und Entwicklung in eine Forschungsgesellschaft muss ich hier wohl nicht nachzeichnen. Sie ist bekannt. Sie hat Gewaltiges erreicht, birgt in ihrer postmodernen Version allerdings auch erhebliche Risiken, die aber hier nicht unser Thema sind.

Unglücklicherweise hat sich die Menschheit in diesen Fragen nicht symmetrisch entwickelt. Was lange Zeit zunächst durch Kolonialismus, später den Ost-West-Konflikt fast völlig verdeckt wurde, tritt nun zunehmend als „Clash of Civilisations“ in den Vordergrund und führt vor allem an den Nahtstellen zu erheblichen Verwerfungen und teilweise auch großen Ängsten. Auf diese außerhalb Europas stattfindenden Konflikte, bei denen sehr viel Blut fließt, mag ich hier nicht eingehen.

Vielleicht ist es etwas überspitzt, aber man kann cum grano salis sagen, dass auch in Deutschland, oder allgemein in Westeuropa, eine fortschrittliche, menschenrechtsorientierte Zivilisation auf archaische Kulturen trifft, die so gar nicht ins Weltbild passen wollen. Entsprechend hilflos wirken viele Reaktionen auf diese neue gesellschaftliche Herausforderung. Und nun ist es wieder ähnlich wie mit dem fallenden Apfel. Der Intelligente analysiert die Situation und entwickelt Lösungsmöglichkeiten, der Tölpel will das Problem dadurch umgehen, dass er den störenden Faktor aus dem Lande wirft, was aber ohne Missachtung unserer zivilisatorischen Errungenschaften kaum möglich ist. Da es auch müßig ist, sich darüber Gedanken zu machen, wie es zu dieser Situation gekommen ist, bleibt zunächst einmal festzuhalten: in Europa leben Moslems – für manche noch immer eine geradezu entsetzliche Vorstellung! Doch: „der“ Islam ist hier angekommen, er wird nicht wieder weichen. Das sei allen Träumern ins Gebetbuch geschrieben, die da immer noch glauben, nur eine neue Reconquista führe zur Rettung des untergehenden „jüdisch-christlichen“ Abendlandes. Wer davon träumt, ohne aktiv etwas zur Lösung der zweifellos anstehenden Probleme beizutragen, wird eines unguten Morgens aufwachen und einsehen müssen, dass sein Kampf verloren ist.

Der erste große Fehler einer falschen Betrachtungsweise liegt ja bereits darin, von dem Islam und den Moslems zu sprechen, wenn das Problem angegangen wird. Diese Pauschalierung führt dann schnell zu einigen unguten Unterstellungen. Ich will es einmal versuchen anders deutlich zu machen worum es geht. Wenn ich hier in Tunesien Leute befrage, was sie denn so vom Christentum wissen (und ich tue das seit nunmehr 14 Jahren), so kommt unter dem Strich immer wieder dasselbe heraus: Christen haben den Propheten Isa Ben Mariam zum Gott erhoben, sind also Polytheisten, und repräsentieren eine archaische Urform von Glauben, die sie möglichst bald gegen den viel weiter entwickelten Islam eintauschen sollten. Der letzte Gesandte Gottes war ja schließlich Mohammed – also muss der die Wahrheit wissen und nicht die fehlgeleiteten Christen. Auf weitergehende Fragen nach der Aufspaltung des Christentums in Hunderte von konkurrierenden Konfessionen, Sekten und Grüppchen kommt in aller Regel nur ein unwissendes Kopfschütteln.

Ganz Vergleichbares, Pauschalierendes findet sich in Europa, wenn man Christen nach dem Islam befragt. Zum Beispiel ist auch hier wenig bekannt, in welche Gruppen und Grüppchen sich all das aufgespalten hat, was gemeinhin unter „Islam“ subsummiert wird. Es ist nicht unser Thema, doch der Interessierte lese es hier in Kurzform nach: Welche Strömungen gibt es im Islam?. Der größte Fehler der so genannten christlichen Islamkritiker liegt aber in einer viel weitergehenden Unterstellung: Ein Moslem ist nur dann ein Moslem, wenn er buchstäblich nach den überkommenen Rezeptbüchern (Koran und Ahadith) lebt. Für alle diejenigen, auf die das nicht zutrifft (und das ist die übergroße Mehrheit) gilt dann eben: „Da ist der Chip drin“. Sie werden also denunziert als Schläfertruppe oder fünfte Kolonne, die im Fall der Fälle sofort bereit ist, für Ihre Religion einzuspringen und alle Ungläubigen abzumurksen. Das ist erkennbar aus Angst geborener Unsinn.

Betrachtet man „moderne“ islamische Gesellschaften (auf die Gefahr hin, eine contradictio in adiecto zu produzieren), so stellt man schnell fest, dass dem durchaus nicht so ist. Das Stichwort heißt auch dort Frauen und Bildung. Vom stark westlich geprägten Libanon einmal abgesehen, hat zweifellos Tunesien unter den arabischen Ländern den höchsten Bildungsstandard und die am besten entwickelten Freiheitsrechte für Frauen. Allein diesem Umstand ist es zuzuschreiben, dass im Gefolge der Revolution vom 14. Januar 2011 (der neue Nationalfeiertag, es wird bereits fleißig geschmückt) die Extremisten zwar einen relativen Erfolg verbuchen konnten, aber weit davon entfernt sind, die Geschicke dieses Landes in Richtung der Shari’âh zu verändern. Selbst bei ihnen setzt sich die Erkenntnis durch, dass eine moderne Wirtschaft ohne bürgerliche Freiheiten nicht zu realisieren ist. Das bringt zwar den Salafisten Zulauf (teilweise auch den Terroristen von Al-Qaida du Maghreb Arabe), doch sind das überschaubare Größen, die mit sicherheitstechnischen Mitteln weitgehend unter Kontrolle gebracht werden können.

Welche Erkenntnisse ermöglicht das für die Situation in Europa, speziell in Deutschland? Da nach unserem Selbstverständnis restriktive und undemokratische Methoden ausscheiden, kann es auch hier nur ein Motto geben: Bildung und Frauenbefreiung. Wenn man mir an dieser Stelle entgegenhält, dass auch ein Mohammed Atta „gebildet“ war, dann sei gesagt, dass Bildung nicht vor Torheiten schützt, doch die Chancen dazu im statistischen Mittel erheblich reduziert. Beide Ansätze zu diesen Problemlösungen sind kürzlich auf Wissenbloggt zu Gehör gekommen. Am besten bringen sich ohne Zweifel an dieser Stelle nicht irgendwelche gebildeten deutschen Oberlehrer ein, sondern diejenigen, die ganz nahe am Sachstand sind wie Ali Utlu mit Ali Utlus Appell oder die Damen von FreeMinds mit Waiting for your rescue. Ihnen sollte unsere vollste Sympathie, Unterstützung und Ermutigung gelten. Ich gehe davon aus, dass sich solche Initiativen in zunehmenden Umfang bilden werden. Wo immer möglich, sollten gerade Humanisten an ihrer Seite stehen. Auch eine ganz und gar nicht untypische Erfolgsgeschichte durften wir auf WB bereits lesen: Zwischen Moschee und Moderne

Einen ganz schwierigen Punkt in unserem Zusammenhang stellen dabei die islamischen Organisationen dar, die ganz offiziell vorgeben, „die“ Moslems in Deutschland zu vertreten, obwohl dies nur für einen ganz geringen Teil gilt. Sie greifen dennoch nach dem Vorbild der Staatskirchen nach politischer Macht mit Einfluss auf Medien und Gesellschaft. Die humanistische Antwort dürfte auch an dieser Stelle klar sein, obwohl das unseren christlichen Freunden überhaupt nicht schmeckt.

Ich hoffe, mit diesem Aufsatz ein wenig zur Versachlichung der Diskussion beizutragen und würde mich freuen, wenn er bei der Formulierung unseres Programms zur Integrationspolitik von DIE HUMANISTEN Berücksichtigung fände.

Der Artikel stammt vom Januar 2013.

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.