Vom Islamisten zum Atheisten II


Ahmad O. ist Psychologe in Alexandria, er unterstützt aktiv den politischen Widerstand in Ägypten und berät Aussteiger aus der Islamistenszene.

Im Folgenden Teil 2 des Interviews

Präsident Mursi wirkt wie eine Marionette. Wer sind die wirklich mächtigen Männer in der Muslimbruderschaft? Wieviel Einfluss hat das Militär?

Die wahre Macht bei den Muslimbrüdern haben die Manager des Parteibüros, darüber besteht kein Zweifel. Der mächtigste von ihnen, der Multimillionär Khairat El-Shater, gilt als Hauptfinancier und Chefstratege. Mursi wird von vielen „El-Shaters Reservereifen„ genannt, Mursi ist nur deren Werkzeug, denn er ist inmitten der Moslembrüder aufgewachsen und hat es verinnerlicht, gehorsam und unterwürfig zu sein. Seine einzige Mission ist es, alle Ziele der MB durchzusetzen und ihre Gier nach Macht zu befriedigen. Auch in den ägyptischen Medien reden und versprechen die Führer der MB mehr als Mursi, man muss nur in die Medien sehen um zu entdecken, wer die wahren Führer sind.

Ich glaube nicht, dass das Militär noch Einfluss auf das politische Leben in Ägypten hat. Alles, was die Militärs interessiert, sind finanzielle Vorteile und die haben sie durch den Deal mit Mursi schon bekommen, abgesichert durch die "islamistische" Verfassung. Natürlich gibt es immer noch Theorien, die besagen, dass die SCAF (Supreme Council of the Armed Forces), also der oberste Rat der Streitkräfte, nur auf den richtigen Moment wartet, um zu putschen und wieder an die Macht zu kommen, ich denke das aber nicht, mittlerweile kann ich sogar sagen, dass ich auch nicht denke, dass das Militär jemals die Intention hatte, an der Macht zu sein, es war nur ein Spiel mit der MB, das ist alles, sie haben ihre Schäfchen jetzt im Trockenen.

Der IWF will Ägypten mit einigen Mrd. Dollar unterstützen. Alle bisherigen Finanzspritzen sind ja durch Korruption in den Taschen weniger gelandet (das zumindest unterscheidet sich nur unerheblich von Europa, Anm. der Interviewerin). Hinterfragen die Ägypter diese Finanzhilfen kritisch?

Es gibt keine Möglichkeit, diese Gelder so zu steuern, dass sie der ägyptischen Bevölkerung zugute kommen. Auch deshalb sind viele Menschen hier gegen diese internationale Hilfen, denn Sie wissen sehr wohl, dass das nur weitere Ketten an ihren Beinen bedeutet. Damit ist der Preisanstieg gemeint, der bald kommen wird, solche Finanzhilfen verschieben ihn nur auf einen wahltaktisch geeigneteren Moment. Die Geldgeber haben natürlich Bedingungen, die für die Bevölkerung eine zusätzliche Belastung wären und die das Leben nur weiter erschweren würden, daher sind viele Parteien und Bewegungen gegen diese Hilfen, von denen das Volk außer weiterem Leid nichts hätte!

Wer zahlt, schafft an“ gilt aber auch für die Golfstaaten, deren Einfluss seit den 90er Jahren schon anhand der jährlich steigenden Zahl von verschleierten Frauen auf den Straßen sehr deutlich zu erkennen ist, immer mehr saudische Männer reisen nach Ägypten, um mit jungen Frauen Orfi Ehen einzugehen (Anm: Orfi Ehen sind die sunnitische Form der Zeitehe,also eine Möglichkeit, das Verbot des außerehelichen Geschlechtsverkehrs zu umgehen) usw. Gibt es dafür auch eine kritische Öffentlichkeit?

Ich denke, diese Ölstaaten haben niemals aufgehört, in Ägypten mit zu regieren, nicht erst seit den 90ern. Es hat schon damit begonnen, dass viele Mitglieder und Sympathisanten der MB und anderer Islamisten in diesen Ländern Arbeit gefunden haben und nach ihrer Rückkehr auch die Kultur der Arbeitgeberländer mitgebracht haben und das hat den islamistischen Einfluss noch verstärkt. Natürlich hat das Geld aus den Ölstaaten viele Auswirkungen und so erleben wir jetzt, dass diese Länder versuchen, die ägyptische Wirtschaft zu dominieren durch Projekte, die in der Politik darauf Einfluss nehmen, dass sowohl der Machterhalt der MB als auch die Loyalität der Salafisten gesichert ist, das soll heißen, die Golfstaaten regieren immer mit!

Was die Orfi Heirat mit Ägypterinnen betrifft: das stimmt leider, es wird allerdings hauptsächlich praktiziert, um billig an minderjährige Mädchen zu kommen, was die Sache in meinen Augen noch widerlicher macht.

Die Gesellschaft hat erst begonnen, sich über all das Sorgen zu machen, als die Moslembrüder an die Macht kamen, es braucht aber noch viel Aufklärungsarbeit aller Aktivisten, um die Menschen vor dieser Gefahr zu warnen. Die politischen Parteien müssten sich dieses Themas auch verstärkt annehmen, denn es geht dabei besonders darum, dass Freiheit und Menschenrechte aus dieser Einflussnahme nicht erwachsen werden können. Ich hoffe, dass die neuen säkularen Kräfte in Ägypten das stoppen können und ich bin sicher, dass wir es schaffen werden, Fundamentalismus und Wüstenkultur früher oder später in die historische Bedeutungslosigkeit zurück zu werfen!'

Es ist so evident, dass das Land sehr viele Investitionen bräuchte von der Infrastruktur über Bildung bis hin zum Gesundheitswesen. Glauben die Menschen wirklich, dass man alles nur mit der Sharia erreichen kann?

Vor der Machtübernahme durch die MB glaubten das in der Tat sehr viele und auch, dass die Sharia alle ihre Problem lösen würde. Das ist ja auch der Slogan der MB: „Islam ist die Lösung", und das propagieren sie nach wie vor. Sie haben immer von der mangelnden Bildung der Leute profitiert in den armen Gegenden des Landes, die nicht nur unter schlechter Bildung und Hunger leiden, sondern auch unter Überbevölkerung, die ja auf mangelnde Bildung zurückzuführen ist. Und dabei wurde und wird diesen Menschen auch noch eingeredet: Du bist ein Opfer, also handle auch so, nimm meine Almosen und ansonsten schweige! Das war schon unter Mubarak so, aber die Moslembrüder haben es perfektioniert und mit ihren Essenslieferungen an die Armen auch ihr falsches Bild über den „Allesproblemlöser“ Sharia mit transportiert.

Aber nachdem Morsi und seine Parteifreunde jetzt an der Macht sind sehen die Menschen nun die Fakten und sie beginnen zu erkennen, dass die Sharia kein einziges ihrer Probleme löst – Gesundheitswesen? Bildung? Sicherheit? – da haben die Islamisten überhaupt nichts getan und nun wissen gar nicht so wenige, dass sie an der Nase herumgeführt wurden von Worthülsen und Slogans, die mit unseren wirklichen Problemen überhaupt nichts zu tun haben.

Deshalb denke ich, dass die Popularität der Islamisten im Moment sehr stark nachgelassen hat und deshalb sagen wir den Menschen immer und immer wieder: Wacht auf, die Sharia ist und war eine Utopie!

Haben die ägyptischen Arbeiter eine starke Stimme und wie schwer ist es, Gewerkschaften zu gründen? Wie sieht die Linke generell das Erstarken der Islamisten?

Die ägyptischen Arbeiter haben eine starke Stimme, zumal die Revolution von den Arbeitervororten ausgegangen ist. Sie sind stark, aber nicht gut organisiert, was sich hoffentlich ändern wird.

Die Bildung von Gewerkschaften war schon immer schwer bis unmöglich, mit der neuen Verfassung dürfen solche Vereinigungen nur von der Regierung gebildet werden, weil sie denken, dass sie damit die Arbeiterbewegung kontrollieren können, was aber zeigt, dass sie vor dem Druck der Straße sehr wohl Angst haben!

Seit die Islamisten an der Macht sind, ist auch ein verstärkter Zulauf zu den Linken zu bemerken und diese sind jetzt auch viel aktiver als vorher. Es gibt jetzt viele sozialistische und kommunistische Bewegungen, die gegen das System und gegen einen Gottesstaat kämpfen, so dass ich befürchte, dass bald wieder Blut von linken Aktivisten und Anführern fließen wird.

Sehen Sie im Ansteigen der Lebensmittelpreise, den fast täglich teurer werden Grundnahrungsmitteln wie Brot und Reis, der immer größer werden sozialen Kluft die Gefahr einer sozialen Revolte bis hin zum Bürgerkrieg?

Nun, ich denke, dass die hohe Inflation sicher zu einer vermehrten Unzufriedenheit mit Mursi führen wird und dass das die Revolution gegen das System noch mehr anheizen wird, aber das wäre sicher nicht der einzige Grund.
Unsere Revolution sollte nicht nur Reaktion auf etwas sein, sondern die Ideen dahinter sollten der Motor sein, Prinzipien ausgesprochen von Menschen müssen die Triebfeder sein ,so können wir zu Recht sagen, es gibt eine Revolution, nicht nur eine Reaktion auf Alltagsprobleme, nur so können wir eine nachhaltige Änderung der ägyptischen Gesellschaft erreichen, einen nachhaltigen Paradigmenwechsel, der uns endlich würdevoll leben lässt!

© Edith Bettinger / freidenker.at

Original: http://www.freidenker.at/index.php/blog/2252-vom-islamisten-zum-atheisten-teil-2.html

 

 

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