Dem Glauben Beine machen

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104px-Pfarrkirche_Waidegg_-_GlaubeDieser Bericht, den ich 2011 schrieb, gelangt zu Schlussfolgerungen, die sich die weitgehend unorganisierten Glaubensfernen endlich zu eigen machen sollten, wenn sie denn nachhaltig Erfolg mit ihren Bemühungen haben wollen. Der Organisationsgrad ist bisher so gering, dass die Stimme der Vernunft weitgehend ungehört verhallt. Ich setze diesen Artikel deshalb noch einmal ein (Bild von Raul de Chissota in der Pfarrkirche Waidegg, Wikimedia Commons):

Mein Volkswagen-Konzessionär ist ein gemütlicher und freundlicher Mittvierziger. Ich kenne ihn seit acht Jahren und bin mit ihm, er heißt Elyes wie der Prophet, so vertraut, dass ich ihm auch auf den stetig weiter anschwellenden Leib klopfen darf, ohne dass er mir die Frage, ob seine Frau wieder zu gut gekocht hat, übel nimmt. Elyes ist ein Hadj, aber er weigert sich beharrlich, dies auch im Namen zu führen, so wie es die Orient-Experten von Hadschi Halef Omar kennen (ja, ja, Karl May bildet). Er ist normal geblieben und bildet sich nichts darauf ein, dass er – wie es eine der fünf Säulen des Islams vorschreibt – nach Mekka gepilgert ist. Er berichtet aber gern über seine Pilgerreise. Er ist dadurch sicher – nach eigener Aussage – kein besserer Moslem geworden, aber er fand es beeindruckend, dass so viele Leute dort waren, die einfach nur um den schwarzen Block kreisen wollten, dem Teufel Steine hinterherwerfen durften und schließlich auf dem Berg Arafat ein Schaf ins für sie vorgesehene Paradies verfrachtet haben. Da leuchten seine Augen!

Szenenwechsel: Während meiner Zeit als Pilot hatte ich mehrfach die Aufgabe, Pilgergruppen nach Lourdes in Frankreich und nach Fatima in Portugal zu fliegen. Schon aus reiner Neugier blieb ich nicht wie sonst üblich im Flughafenhotel, um auf die Rückkehr meiner Gäste zu warten, sondern ich begleitete sie, übernachtete mit Ihnen in einem einfachen Pilgerhotel und wanderte auch (etwas abseits – gebe ich zu) zu den Erscheinungsstätten. Glücklicherweise ist die fleißige Jungfrau ja immer zur angenehmen Jahreszeit erschienen (was auch dem Tourismus zuträglich ist). Das erleichtert die Bekleidungsfragen. Die Devotionalienläden, die die Strassen säumen, ließen mich eher kalt – obwohl ich zugeben muss, eine kitschige Kerze meiner damaligen Frau als Andenken mitgebracht zu haben. Da konnte ich nicht widerstehen! Was mich viel mehr faszinierte, waren die Pilger selbst, die dort aus aller Herren Länder zusammen kamen. Hingabe im Blick wäre zu schwach als Ausdruck, nein, in den leuchtenden Augen stand regelrechtes Entzücken, eine nicht zu bremsende Freude, der geliebten Jungfrau jetzt so nahe zu sein.

Und dieses Leuchten traf ich bei Elyes wieder: zwei Religionen, die gegensätzlicher nicht sein könnten – dasselbe Leuchten!

Die Frage muss erlaubt sein, was denn das alles mit dem Glauben zu tun habe. Erzbischof Ludwig Schick hat eine Antwort darauf:  „Katholisch von der Wiege bis zur Bahre nimmt rapide ab. Der christliche Glaube und die Kirchen prägen unsere Kultur immer weniger“, sagt er laut kath.net vom 4. Mai 2011. Eine erstaunliche Einsicht für einen Kirchenmann. Also muss etwas anderes her: „Glaube, Kirche und Volksfrömmigkeit äußern sich immer mehr im Event-Bereich, beispielsweise bei Wallfahrten, traditionellen, kulturellen und folkloristischen Festen, bei Taufen, der Erstkommunion, Firmung, Eheschließung bis hin zur Beerdigung“, so Schick. Eine regelmäßige Teilnahme an der Sonntagsmesse und der lebenslange Sakramentenempfang seien hingegen nicht mehr selbstverständlich. Ganz offensichtlich hat er richtig erkannt, was die Schäfchen wirklich bei der Stange hält, das gemeinsame Erlebnis von etwas Besonderem, mit anderen Worten: die Event-Kirche. Das sei die einzige Rettung in einer Zeit der „Säkularisation, die mit Agnostizismus und ‚schweigendem’ Atheismus oder Desinteresse für Religion“ einhergehe. Der Bamberger Erzbischof preist also „Wallfahrten als Ein-Übungen des Glaubens gegen den Säkularisierungstrend unserer Zeit“ und: „Eine der wichtigsten Ein-Übungen ist seit eh und je die Wallfahrt und der Besuch der Wallfahrtsorte. Wallfahren bedeutet dem Glauben Beine machen und den Glauben unter die Füße nehmen“, betont Schick. „Glaube muss getan werden“, so der Erzbischof. „Wir landen bei Gott, bei Jesus Christus, bei der Gottesmutter, bei den Heiligen, die an den Wallfahrtsorten verehrt werden“.

Woran glauben Christen denn überhaupt noch, wenn sie auf diese Art und Weise  bei Laune gehalten werden müssen? Eine Antwort darauf geben die Pfarrer der Aktion „golife“ in Sachsen. Die Zeit führte ein ausführliches Interview mit Ihnen, das ich als Lektüre wärmstens empfehle. Sie erwecken dabei den Eindruck, dass „Gottes Wort“, die Bibel, so weit von den Menschen entfernt ist, dass sie nicht einmal mehr darauf rekurrieren. „Panta rhei“ – alles fließt, da gehen Fundamente flöten, auf denen diese Kirche seit 2.000  Jahren so fest gebaut schien. Mit dem, was ich als junger Mensch in der Kirche mitgeteilt bekam, hat das alles nur noch näherungsweise zu tun.

Zu diesem Schluss kommen auch wissenschaftliche Untersuchungen, die in den Vereinigten Staaten  angestrengt wurden: „Gemeinschaftsgefühl ersetzt den Glauben“.

Wenn religiöse Menschen von sich behaupten, glücklicher und zufriedener zu sein, dann liegt das nicht an ihrer Nähe zu irgendeinem Gott oder einer spirituellen Erleuchtung, sondern erst mal daran, dass Religionsgemeinschaften vor allem letzteres sind – Gemeinschaften. Mitglieder finden hier Anschluss an Freunde, und das sei vor allem, was sie glücklich mache, erklärt Chaeyoon Lim von der University of Wisconsin, gemeinsam mit Robert Putnam (Harvard University) Co-Autor des Papers über "Religion, Social Networks, and Life Satisfaction".

Sie kommen zu folgendem, bemerkenswerten Schluss:

Mit anderen Worten: Religionsgemeinschaften (zumindest die christlichen und jüdischen, von denen sich genug Teilnehmer in der Umfrage fanden – für relevante Aussagen über Muslime und Buddhisten reichten die Daten nicht aus) sind offenbar ebenso hilfreich wie ein Hobbyclub, ein Sportverein – wie jede andere Gemeinschaft, in dem man Menschen treffen und Freunde finden kann. Und die Nähe zu Gott – oder was auch immer – macht nicht wirklich zufriedener. Zumindest nicht in diesem Leben …

Dem ist wenig oder nichts hinzuzufügen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 

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16 Antworten auf Dem Glauben Beine machen

  1. Argutus rerum existimator sagt:

    Religiöse Aktivitäten, die nicht dem Bedürfnis entspringen, die empfundene Religiosität nach außen zu tragen, sondern die veranstaltet werden, um die Menschen daran zu erinnen, daß sie doch religiös sein sollten, sind ein Zeichen dafür, daß die Religion eigentlich schon tot ist.

  2. pinetop sagt:

    Auch die Amerikaner haben sich in den letzten zehn Jahren verstärkt zum Atheismus bekannt. Und ein großer Teil der Kirchennahen ist weniger gläubig, als vielmehr den Sitten oder Konventionen verhaftet. So kann man mit der richtigen Konfession eine bestimmte Stellung im sozialen Gefüge unterstreichen. Wer mehr volkstümlich erscheinen will tendiert möglicherweise zu den Methodisten und wer seinen Status als Angehöriger der Oberschicht andeuten will, ist eher ein protestant episcopal. Auch politische Karrieren profitieren hiervon. Wer in den Südstaaten ein politisches Amt anstrebt, ist gut beraten, eine Nähe zu den Baptisten zu offenbaren, während man in der Nähe zu Kanada besser Lutheraner ist.

    Zu den verschiedenen Gruppen in den USA:

    http://www.valpo.edu/geomet/geo/courses/geo200/religion.html

  3. Argutus rerum existimator sagt:

    #10 pinetop am 28. Juli 2011 um 15:15

    So kann man mit der richtigen Konfession eine bestimmte Stellung im sozialen Gefüge unterstreichen.

    Wer seine Religion nach einem derart oberflächlichen Kriterium auswählt, dem liegt überhaupt nichts an ihr.

    Wäre es glaubhaft, daß eine Frau ihren Mann liebt, wenn man weiß, daß sie ihn nur deshalb auserwählt hat, weil seine Haare farblich so gut zum neuen Teppich passen?

  4. Rechtspopulist sagt:

    Der Mensch als Herdentier: Da spricht die Religion Instinkte an, die ein freier Typus Mensch gar nicht schätzt. Bezeichnenderweise gibt es diverse Ideologien, die nach einem identischen Schema funktionieren.

  5. Rene sagt:

    „Gemeinschaftsgefühl ersetzt den Glauben“. Ich habe mich bisher nicht allzuviel mit Glauben auseinandergesetzt, der Grund hierfür ist bereits mit dem Begriff an sich erklärt. Nichts für mich. Was mich mehr beunruhigt, ist der Begriff Gemeinschaftsgefühl. Um so mehr, als ich diesen erhellenden Artikel lese, der Glauben und Gemeinschaftsgefühl in Relation oder sogar zur Deckung bringt.
    Ich bin Anfang der 80er aus einem Anfall von leichtsinniger Blauäugigkeit heraus zum Miteigentümer einer schloßähnlichen Immobilie geworden. Oder besser, aus Blödheit, weil meine damalige Lebensgefährtin sich das soooo gewünscht hatte. Nach kurzer Zeit stellte ich fest, dass es sich bei den restlichen Miteigentümern um eine grün-links-militant-alternativ-verblödete Gemeinschaft handelte. Meine Ex lief sofort über, und unsere beiden (unehelichen) Kinder mussten fortan eine Waldorfschule über sich ergehen lassen. Die wenigen verbliebenen Gespräche mit den Anderen endeten stes nach dem Muster: Schau mal, wir sind hier 13 Leute, und wir sind alle einer Meinung. Nur Du nicht. Denk doch mal darüber nach! Später kamen von meiner Ex Ernährungsgebote, Rauchverbot, Isolation von meinem Freundeskreis und einiges andere hinzu. Wie man es eben so kennt.
    Man kennt diesen verklärten, dummen Gesichtsausdruck von manchen Menschen, die aus der Oper kommen oder Bach gehört haben, damals ersatzweise tapes von Osho (Baghwan). Auf dieses blöde Dauerlächeln angesprochen, meinte meine Ex: (singsang) Wir sind die neuen Nazis …
    Ich bin in mein Zimmer gegangen, habe meine Autoschlüssel geholt, und fuhr zurück in die echte Welt. Nicht zu glauben, was Oxytocin so alles auslöst.

  6. KDL sagt:

    Ich habe vor ein paar Jahren  Portugalrundreise gemacht, inklusive Aufenthalt in Fatima. Der riesige Platz mit den Menschenmassen war in der Tat beeindruckend, und dazu eine in Latein gehaltene Messe. Psychologen haben für dieses Massenphänomen sicher ein paar passende Fachausdrücke (so ähnlich wirkten wohl auch die Parteitage der Nazis oder Kommunisten).
     
    OK, was mich aber entsetzt hat, war zu sehen, wie zahlreiche Pilger auf Knien hunderte Meter zu einem Heiligtum gekrochen sind. Oder auch, dass viele Pilger Bündel mit mindestens 2m langen Kerzen in ein Feuer geworfen haben. Offensichtlich gilt für Katholiken, je länger umso potenter ;-)  . Entsprechend stank der ganze Platz nach Dieselabgasen.

  7. Russenkind sagt:

    Ein — imaginierter und (deshalb ?) unsterblicher — Gott als oberste Autorität oder Instanz und gewissermaßen Führungsfigur einer Gemeinschaft birgt gegenüber anderen höchsten Instanzen den Vorteil, dass er von Generation zu Generation weitergegeben wird, weiter oberste Autorität und Instanz der Gemeinschaft ist und so den Zusammenhalt der Gemeinschaft über viele Generationen, ja sogar über Jahrhunderte und Jahrtausende gewährleisten kann.

    Im Fall des Judentums hat sich diese Funktion Gottes selbst — oder vor allem — in der Diaspora bewährt.

    Ungeachtet dessen können Götter mächtig daneben liegen, wie im Artikel "Rassismusforschung in der Tora" (http://www.wissenbloggt.de/?p=20631) thematisiert. Dort hat ein Gott zufällig jenes Volk zum "auserwählten Volk" auserkoren und bestimmt, dessen Gott er ist (auserwählt zu was und wofür auch immer). Oder wie im Koran, wo Muslime von ihrem Gott zur "besten Gemeinde, die für die Menschen entstand" erklärt werden (Sure 3 Vers 110).

    Derlei liegt aber in der Natur von uns Menschen, die wir uns diese Götter samt der schönen oder schaurigen Geschichten drumherum erschaffen haben.

    Bis hin zu Schillers <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/9._Sinfonie_%28Beethoven%29">"alle Menschen werden Brüder"</a> ist es also noch ein weiter Weg.

  8. Russenkind sagt:

    Das mit den HTML-Tags scheint hier nicht richtig zu funktionieren. Mal sehen. TEST

    Bis hin zu Schillers <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/9._Sinfonie_%28Beethoven%29">alle Menschen werden Brüder</a> ist es also noch ein weiter Weg.

  9. Statt der tags haben wir eine sehr breite Palette von Möglichkeiten eingerichtet (über dem Kommentarfeld), die alle tags völlig überflüssig machen :-)

  10. Russenkind sagt:

    Bis hin zu Schillers <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/9._Sinfonie_%28Beethoven%29"&gt; alle Menschen werden Brüder </a> ist es also noch ein weiter Weg.

  11. Russenkind sagt:

    Frank Berghaus: 26. Oktober 2013 um 21:10

    Statt der tags haben wir eine sehr breite Palette von Möglichkeiten eingerichtet (über dem Kommentarfeld), die alle tags völlig überflüssig machen.

    Da müsste ich lange rumprobieren. Ich ziehe es vor, funktionierenden html-Code von anderswo zu kopieren, ein wenig abzuändern (Weblink austauschen, Text ändern) und dann einzufügen. So ähnlich steht es auch direkt unter dem Kommentarfeld in grauer Schrift (Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: …).

  12. Russenkind sagt:

    Quellcode:
    Bis hin zu Schillers alle Menschen werden Brüder ist es also noch ein weiter Weg.

  13. Russenkind sagt:

    Quellcode mit target=“_blank“ (sorry für die Tests, bitte anschließend löschen):

    Bis hin zu Schillers alle Menschen werden Brüder ist es also noch ein weiter Weg.

  14. Übe nur, das sei dir unbenommen! :-)

    Ich benutze die nie.

  15. Russenkind sagt:

    Ein — imaginierter und (deshalb ?) unsterblicher — Gott als oberste Autorität oder Instanz und gewissermaßen Führungsfigur einer Gemeinschaft birgt gegenüber anderen höchsten Instanzen den Vorteil, dass er von Generation zu Generation weitergegeben wird, weiter oberste Autorität und Instanz der Gemeinschaft ist und so den Zusammenhalt der Gemeinschaft über viele Generationen, ja sogar über Jahrhunderte und Jahrtausende gewährleisten kann.

    Im Fall des Judentums hat sich diese Funktion Gottes selbst — oder vor allem — in der Diaspora bewährt.

    Ungeachtet dessen können Götter mächtig daneben liegen, wie im Artikel „Rassismusforschung in der Tora“ (http://www.wissenbloggt.de/?p=20631) thematisiert. Dort hat ein Gott zufällig jenes Volk zum „auserwählten Volk“ auserkoren und bestimmt, dessen Gott er ist (auserwählt zu was und wofür auch immer). Oder wie im Koran, wo Muslime von ihrem Gott zur „besten Gemeinde, die für die Menschen entstand“ erklärt werden (Sure 3 Vers 110).

    Derlei liegt aber in der Natur von uns Menschen, die wir uns diese Götter samt der schönen oder schaurigen Geschichten drumherum erschaffen haben.

    Bis hin zu Schillers alle Menschen werden Brüder ist es also noch ein weiter Weg.

  16. Russenkind sagt:

    Frank Berghaus: 26. Oktober 2013 um 22:06

    Übe nur, das sei dir unbenommen!

    Werde mir Kommentare, in die Verlinkungen eingebaut sind, künftig im Quellcode anschauen (oben links über diesem Fenster). Damit ist man auf der sicheren Seite.

    Nur das target="_blank" innerhalb einer Verlinkung versteht diese Website wohl nicht.

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