Dem Glauben Beine machen


fatima-pilger-1280x853Dieser Bericht, den ich 2011 schrieb, gelangt zu Schlussfolgerungen, die sich die weitgehend unorganisierten Glaubensfernen endlich zu eigen machen sollten, wenn sie denn nachhaltig Erfolg mit ihren Bemühungen haben wollen. Der Organisationsgrad ist bisher so gering, dass die Stimme der Vernunft weitgehend ungehört verhallt. Ich setze diesen Artikel deshalb noch einmal ein:

Mein Volkswagen-Konzessionär ist ein gemütlicher und freundlicher Mittvierziger. Ich kenne ihn seit acht Jahren und bin mit ihm, er heißt Elyes wie der Prophet, so vertraut, dass ich ihm auch auf den stetig weiter anschwellenden Leib klopfen darf, ohne dass er mir die Frage, ob seine Frau wieder zu gut gekocht hat, übel nimmt. Elyes ist ein Hadj, aber er weigert sich beharrlich, dies auch im Namen zu führen, so wie es die Orient-Experten von Hadschi Halef Omar kennen (ja, ja, Karl May bildet). Er ist normal geblieben und bildet sich nichts darauf ein, dass er – wie es eine der fünf Säulen des Islams vorschreibt – nach Mekka gepilgert ist. Er berichtet aber gern über seine Pilgerreise. Er ist dadurch sicher – nach eigener Aussage – kein besserer Moslem geworden, aber er fand es beeindruckend, dass so viele Leute dort waren, die einfach nur um den schwarzen Block kreisen wollten, dem Teufel Steine hinterherwerfen durften und schließlich auf dem Berg Arafat ein Schaf ins für sie vorgesehene Paradies verfrachtet haben. Da leuchten seine Augen!

Szenenwechsel: Während meiner Zeit als Pilot hatte ich mehrfach die Aufgabe, Pilgergruppen nach Lourdes in Frankreich und nach Fatima in Portugal zu fliegen. Schon aus reiner Neugier blieb ich nicht wie sonst üblich im Flughafenhotel, um auf die Rückkehr meiner Gäste zu warten, sondern ich begleitete sie, übernachtete mit Ihnen in einem einfachen Pilgerhotel und wanderte auch (etwas abseits – gebe ich zu) zu den Erscheinungsstätten. Glücklicherweise ist die fleißige Jungfrau ja immer zur angenehmen Jahreszeit erschienen (was auch dem Tourismus zuträglich ist). Das erleichtert die Bekleidungsfragen. Die Devotionalienläden, die die Strassen säumen, ließen mich eher kalt – obwohl ich zugeben muss, eine kitschige Kerze meiner damaligen Frau als Andenken mitgebracht zu haben. Da konnte ich nicht widerstehen! Was mich viel mehr faszinierte, waren die Pilger selbst, die dort aus aller Herren Länder zusammen kamen. Hingabe im Blick wäre zu schwach als Ausdruck, nein, in den leuchtenden Augen stand regelrechtes Entzücken, eine nicht zu bremsende Freude, der geliebten Jungfrau jetzt so nahe zu sein.

Und dieses Leuchten traf ich bei Elyes wieder: zwei Religionen, die gegensätzlicher nicht sein könnten – dasselbe Leuchten!

Die Frage muss erlaubt sein, was denn das alles mit dem Glauben zu tun habe. Erzbischof Ludwig Schick hat eine Antwort darauf:  „Katholisch von der Wiege bis zur Bahre nimmt rapide ab. Der christliche Glaube und die Kirchen prägen unsere Kultur immer weniger“, sagt er laut kath.net vom 4. Mai 2011. Eine erstaunliche Einsicht für einen Kirchenmann. Also muss etwas anderes her: „Glaube, Kirche und Volksfrömmigkeit äußern sich immer mehr im Event-Bereich, beispielsweise bei Wallfahrten, traditionellen, kulturellen und folkloristischen Festen, bei Taufen, der Erstkommunion, Firmung, Eheschließung bis hin zur Beerdigung“, so Schick. Eine regelmäßige Teilnahme an der Sonntagsmesse und der lebenslange Sakramentenempfang seien hingegen nicht mehr selbstverständlich. Ganz offensichtlich hat er richtig erkannt, was die Schäfchen wirklich bei der Stange hält, das gemeinsame Erlebnis von etwas Besonderem, mit anderen Worten: die Event-Kirche. Das sei die einzige Rettung in einer Zeit der „Säkularisation, die mit Agnostizismus und ‚schweigendem’ Atheismus oder Desinteresse für Religion“ einhergehe. Der Bamberger Erzbischof preist also „Wallfahrten als Ein-Übungen des Glaubens gegen den Säkularisierungstrend unserer Zeit“ und: „Eine der wichtigsten Ein-Übungen ist seit eh und je die Wallfahrt und der Besuch der Wallfahrtsorte. Wallfahren bedeutet dem Glauben Beine machen und den Glauben unter die Füße nehmen“, betont Schick. „Glaube muss getan werden“, so der Erzbischof. „Wir landen bei Gott, bei Jesus Christus, bei der Gottesmutter, bei den Heiligen, die an den Wallfahrtsorten verehrt werden“.

Woran glauben Christen denn überhaupt noch, wenn sie auf diese Art und Weise  bei Laune gehalten werden müssen? Eine Antwort darauf geben die Pfarrer der Aktion „golife“ in Sachsen. Die Zeit führte ein ausführliches Interview mit Ihnen, das ich als Lektüre wärmstens empfehle. Sie erwecken dabei den Eindruck, dass „Gottes Wort“, die Bibel, so weit von den Menschen entfernt ist, dass sie nicht einmal mehr darauf rekurrieren. „Panta rhei“ – alles fließt, da gehen Fundamente flöten, auf denen diese Kirche seit 2.000  Jahren so fest gebaut schien. Mit dem, was ich als junger Mensch in der Kirche mitgeteilt bekam, hat das alles nur noch näherungsweise zu tun.

Zu diesem Schluss kommen auch wissenschaftliche Untersuchungen, die in den Vereinigten Staaten  angestrengt wurden: „Gemeinschaftsgefühl ersetzt den Glauben“.

Wenn religiöse Menschen von sich behaupten, glücklicher und zufriedener zu sein, dann liegt das nicht an ihrer Nähe zu irgendeinem Gott oder einer spirituellen Erleuchtung, sondern erst mal daran, dass Religionsgemeinschaften vor allem letzteres sind – Gemeinschaften. Mitglieder finden hier Anschluss an Freunde, und das sei vor allem, was sie glücklich mache, erklärt Chaeyoon Lim von der University of Wisconsin, gemeinsam mit Robert Putnam (Harvard University) Co-Autor des Papers über "Religion, Social Networks, and Life Satisfaction".

Sie kommen zu folgendem, bemerkenswerten Schluss:

Mit anderen Worten: Religionsgemeinschaften (zumindest die christlichen und jüdischen, von denen sich genug Teilnehmer in der Umfrage fanden – für relevante Aussagen über Muslime und Buddhisten reichten die Daten nicht aus) sind offenbar ebenso hilfreich wie ein Hobbyclub, ein Sportverein – wie jede andere Gemeinschaft, in dem man Menschen treffen und Freunde finden kann. Und die Nähe zu Gott – oder was auch immer – macht nicht wirklich zufriedener. Zumindest nicht in diesem Leben …

Dem ist wenig oder nichts hinzuzufügen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.