Salafisten vs. Sufisten


Solidaritaetskundgebung fuer Aegypten und TunesienIch stelle diesen Artikel aus 2012 noch einmal ein, da er nichts an Aktualität verloren hat, aber einigen die Augen öffnen könnte, die meinen, "der" Islam sei so etwas wie ein monolithischer Block.

Eine unscheinbare Gasse irgendwo im Zentrum von Tunis, eine große hölzerne Tür, die nichts Besonderes zu versprechen scheint: wir treten ein und befinden uns in dem, was man hier ein Mausoleum nennt. Im Vorraum verkaufen zwei Frauen Devotionalien und allerlei Heilmittel, sie sind freundlich und liebenswert. Sie fragen meine Frau, wie lange sie sich denn schon ein Kind wünsche und ob ich der Ehemann sei (angesichts des erkennbaren Altersunterschieds eine berechtigte Frage). Im Mausoleum selbst, der Grabstätte einer als „heilig“ verehrten Frau, die zu Lebzeiten werdenden Müttern (oder solchen, die es werden wollten) sehr geholfen haben soll, riecht es nach Weihrauch und einigen anderen für mich unidentifizierbaren Düften. Es ist kühl und still. Hier kann man – in der Nähe der „spirituellen Mutter“ – sein Gebet verrichten und Gott seine Wünsche darlegen. Anders als im Katholizismus wird dabei nicht die „Heilige“ angebetet, sondern es geht direkt zu Gott, aber in unmittelbarer Nachbarschaft der Verstorbenen.

Als wir – herzlich verabschiedet von den beiden Frauen – wieder ins Freie treten, muss wohl ein Schmunzeln auf meinem Gesicht liegen, das von meiner Frau etwas unwillig quittiert wird. Sie wusste ja vorher, dass ich die Geschichte nicht ernst nehmen würde, wollte deshalb diese Stätte auch ursprünglich allein aufsuchen und war nur meiner von Neugier getriebenen Bitte gefolgt, doch mitgehen zu dürfen.

Von diesen Mausoleen gibt es Tausende in Tunesien. Sie bilden das Rückgrat dessen, was man Sufismus nennt. Hier wird ein volkstümlicher Islam gelebt, der weit entfernt ist von den Schriften wie Qur’an oder den Ahadith. Für den Außenstehenden ist dies alles purer Aberglauben, vergleichbar mit Stätten wie Lourdes oder Fatima. Die große Mehrheit der Moslems in Tunesien kann man wohl zu Recht dem Sufismus zurechnen. Sufismus missioniert zwar, aber diese Mission artet nicht in Jihad aus wie bei den strenggläubigen Sunniten. Für diese ist der Sufismus ein wahrer Horror, weil er sich so weit den Büchern entfernt hat – für Salafisten ist Sufismus die reinste Häresie.

Vor diesem Hintergrund – neben den vielfältigen politischen Aspekten – darf man die derzeitigen  unfriedlichen Auseinandersetzungen in Tunesien betrachten. So schreibt etwa Detlef Urban (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/einewelt/2112324/): „Extremisten bekämpfen den liberalen Volksislam“. Diese Einschätzung trifft den Kern der Dinge und auch der Rest des Artikels ist lesenswert, besonders für alle diejenigen, die nicht sehen wollen, wie viele unterschiedliche Strömungen und Schulen es in diesem angeblich so monolithischen Block „Islam“ gibt. Urban weiter:

Der Sufismus verbreitete sich in Tunesien und im Maghreb ab dem 12. Jahrhundert. Es ist der religiös-kulturelle Humus, auf dem sich ein liberaler Volksislam in Tunesien bilden konnte. Scheich Ibrahim Riahi, ein Nachkomme des hier verehrten Sidi Ibrahim, war bis zu seiner Pensionierung Geschäftsführer einer großen Geschäftsbank. Er hat wie viele Sufisten ein asketisches Aussehen, ist fromm, doch äußerst weltgewandt.

"Der Sufismus in Tunesien ist ein guter Gegenpol zum religiösen Extremismus. Ganz allgemein gibt es gegenwärtig eine Tendenz in der islamischen Welt zur Intoleranz und zum religiösen Extremismus. Der Sufismus aber ist von seinem Wesen her Nächstenliebe, wie auch Liebe zu Gott und zu den Propheten."

Die Sufi-Bruderschaften waren stets auch soziale Anlaufpunkte und Schiedsstellen, besonders im ländlichen Bereich. Sie organisierten Armenhilfe, waren ein Netzwerk, das sich aber nicht parteipolitisch organisierte. Trotzdem wurde den Bruderschaften die finanzielle Unterstützung in Zeiten der Diktatur entzogen.

Ich empfehle allen die Lektüre des gesamten Artikels (siehe den oben angegebenen Link).

PS aus der Rückschau: Dass sich bei meine Frau trotz ihrer absoluten Säkularität gleichsam automatisch durch Erziehung und Umfeld einige stereotypische Aberglaubensinhalte nicht verflüchtigt haben, berichtete ich ja bereits an anderer Stelle. Im Jahr des Besuchs bei der "Heiligen" tat sich noch nichts mit dem gewünschten Nachwuchs. Aber im Jahr 2012 besuchten wir Fatima in Portugal, was meine Frau sehr beeindruckt hat (Gläubige, die auf Knien in Richtung Madonna rutschten, der ganze Kerzenzinnober, uvam.). Kurz nach unserem Besuch dort wurde sie tatsächlich schwanger (das Ergebnis kann man gelegentlich in meiner Chronik besichtigen) und ist nicht richtig, aber irgendwie doch davon überzeugt, dass die Jungfrau geholfen habe :D Sie verdrängt dabei nur zu gerne, dass ihr neuer, junger, gerade aus den USA heimgekehrter Gynäkologe einen kleinen minimalinvasiven Eingriff bei ihr vornehm (Video habe ich), der ihrem Anliegen zum Durchbruch verhalf.