® Zwischen Scharia und Demokratie

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coexist-1211709_1280Bei der Islamkritik wird gern das mittelalterliche Scharia-System der modernen Demokratie gegenübergestellt. Wer sich vom Christentum emanzipiert hat, der findet die rückschrittlichen Aspekte der Religion beim Islam noch stärker ausgeprägt (Bild: GDJ, pixabay).

Für Menschen, die selbstbestimmt leben wollen oder auch nur einer anderen Religion anhängen möchten, ist das unerträglich. Der islamische Freiheitsbegriff unterscheidet sich zu stark von dem der Menschenrechte, er ist ganz anders und ganz unzeitgemäß.

Er geht noch auf die Epochen zurück, wo die ganze Sippe zusammenhalten musste, um zu überleben. Persönliche Freiheit und Selbstverwirklichung sind dann ein Vergehen gegen den Gemeinschaftsgeist. Wenn jeder in der ihm zugewiesenen Rolle funktionieren muss, ansonsten droht allen der Untergang, gelten andere Prioritäten. Unter solchen Umständen ist es verständlich, wenn persönliche Freiheit beim Islam ein Schimpfwort ist.

Die Umstände sind jetzt aber anders. Wo die Moderne herrscht und materielle Freiheit gebracht hat, sind die Zeiten von Not und Elend vorbei. Damit ist in unserer Kultur die ideelle Freiheit für alle möglich geworden – selbstbestimmtes Leben gegenüber der Fremdbestimmung in früheren Kulturen. Zugleich hat das die Auflösung der alten Bindungsstrukturen mit sich gebracht. Die Sippe muss nicht mehr zusammenhalten und kann trotzdem leicht überleben. Man muss sich jetzt seine Beziehungen selber gestalten.

Viele Menschen in unserer Kultur kommen damit nicht zurecht. Auch außerhalb der Altersheime sind viele Menschen ungeliebt. Liebe ist eine Hochleistungsangelegenheit mit vielfachen Optionen geworden. Was bleibt, ist der Bindungsverlust, der die Menschen in die Arme von Esoterik oder Religion treibt.

Beim Islam steht schlicht die Familie im Vordergrund; dadurch ist für Bindungen gesorgt. Die christliche Religion inszeniert die Gläubigkeit gern als eine Art Liebesbeziehung zu ihrem vermeintlichen Gott, und für viele funktioniert das auch.

"Lieber so eine Beziehung als gar keine."

Der Humanismus kann das nicht kompensieren, weil er keine Liebesversprechungen abgeben kann. Und mit vernünftigen Argumenten braucht man nicht gegen Liebesdinge anzugehen.

Insofern hat die Religion selbst in der urtümlichen islamischen Fasson einen Vorteil gegenüber unserer kalten, modernen und demokratischen Welt. Aber nicht nur das – funktioniert sie denn, unsere Demokratie? Vom Volk gewählt, bestimmen die Parlamentarier eine Regierung, die vom Volkeswillen beseelt Gutes für uns tut? Nun ja, es hat eher den Anschein, als seien die Euro-Politiker von der Bankenlobby beseelt, um Gutes für die Banken zu tun. An den Parlamenten geht das so schnell vorbei, dass man dort mit dem Abnicken kaum hinterherkommt. Das Abnicken geht synchron durch alle Parteien durch, und falls mal welche den Kopf schütteln wollen, kriegen sie Druck.

Was ist dadran besser als an einer paternalistischen Gesellschaft voll Nepotismus und Korruption? Bei der weiß man wenigstens, wer am meisten kassiert. Das ist ehrlicher als Rettungsrabulistik und Geldschwemmenpropaganda, und am Ende kriegen das Geld doch die Banken. Wenn man sich die Beträge anschaut, um die es dabei geht, muss man sich fragen, ob diese zivilisierte Form des Ausraubens wirklich eine positive Errungenschaft ist.

Womöglich wär's besser wenn sie's mit Gewalt täten. Da würden alle sagen, he, Moment mal, das könnt ihr mit uns nicht machen. Aber wenn es heißt EFSF, ESM, OMT, PSPP, SMP, ANFA, EFSI, TLTRO, SBBS, T2, EBA, ELA, versteht man am Ende nur noch LMA.

Der Systemvergleich entartete Demokratie vs. Scharia fällt gar nicht so überzeugend aus. Mit den Bindungsproblemen zurechtzukommen, ist schon schwer genug, aber mit LMA? Wir erleben eine umfassende Machtverschiebung von demokratischen Institutionen hin zu nichtdemokratischen, gefolgt von umfassenden Kapitalverschiebungen hin zur Finanzwirtschaft. Weil das so teuer ist, dass es unsere materielle Freiheit noch auf Generationen hinaus bedroht, und weil so viele Elemente der Blindgläubigkeit hineinspielen, sollte das noch einige aufklärerische Berichte wert sein.

Dies ist beileibe kein Plädoyer für die Scharia, sondern dafür, dass Humanisten und sonstige Durchblicker ein Mindestmaß an Wissen über die aktuellen Finanzdinge kultivieren. Wer einfach nur sagt, das ist mir zu kompliziert, der hat zwar recht, aber er liegt trotzdem falsch: um viele Tausend Euros.

 

(Dieser Artikel erschien zuerst am 29.7.13 und wurde am 28.7.18 überarbeitet und ergänzt.)

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