® Wie das Wunder in die Tüte kommt

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paper-bag-507929_1280Zum Sonntag jetzt eine kleine Satire,  die allerseits einen positiven Mundwinkelkrümmungsgrad verschaffen soll. Dieser Text ist von 2008 und wurde 2013 bei wissenbloggt und atheisten-info.at wiedergegeben (Bild: brennoob, pixabay).

In Österreich und in der Schweiz ist der Begriff Tüte nicht so gebräuchlich, daher ein paar Worte des weisen Wiki: Tüten sind verformbare Transportbehälter aus Papier, Kunststoff oder anderen biegsamen Materialien zur Aufnahme von Lebensmitteln, losen kleineren Gegenständen und pulverförmigen Materialien … eine Wundertüte ist eine verschlossene runde oder rechteckige Tüte aus Papier, die man käuflich erwerben kann und in der sich eine oder mehrere sogenannte Überraschungen befinden.

Im Übrigen hat der deutsche Bußgeldkatalog mit dem Flensburger Punktesystem auch im Ausland einen Ruf erworben. Soviel sei gesagt: Um in die Punkteränge vorzustoßen, bedarf es eines Fahrverhaltens, das die besondere Aufmerksamkeit der Verkehrspolizei auf sich zieht. Alkoholmäßig reichen schon bescheidene Promillewerte (=angetütert), um an der Punktevergabe teilzunehmen. Aber mit Religion hat das nichts zu tun. Irgendwelche Ähnlichkeiten der beschriebenen Kirchen mit den real existierenden wären rein zufällig, oder etwa nicht? Also nun zur Tütler-Prophezeiung:

Wie das Wunder in die Tüte kommt

Eines Tages geschieht das Wunder. Vorher ist die Tüte leer und geschlossen – hinterher ist die Tüte geschlossen und leer, aber sie ist dennoch von einem Wunder erfüllt.

Die Skeptiker äußern zunächst noch Zweifel, weil die Tüte unverändert aussieht; geschlossen, leer und kein bisschen aufgebläht. Aber das Wunder tut sich durch ein heiligmäßiges Fluidum kund. Gläubige können sogar eine Gloriole sehen, von der die Wundertüte erleuchtet wird.

Inspiriert von dem eingetüterten Wunder, entzündet sich der Tütler-Glaube. Fortan ist die Wundertüte heilig. Die ersten Tütler-Gemeinden bilden sich.

Die Tütler-Lehre kämpft gegen die Irrlehren, und alsbald wird ein Schisma fällig. Die Gläubigen spalten sich in die paradoxen Tütler und die capriolischen Tütler. Die Paradoxen beten die Tüte lieber im Stehen an, während die Capriolischen es auf den Knien tun. Der capriolische Vorbeter ist Seine Heiligkeit, der Capo von Rom.

Bald nach der Aufspaltung muss eine Tütenteilung beschlossen werden, denn keiner kann mehr ohne Wundertüte sein. Die Paradoxen bekommen die eine Tütenhälfte, die Capriolischen die andere. Dem Capo fällt die schwere Aufgabe der Teilung zu.

Beim Trennungsritual erweist sich die Tüte als … leer.

Schon erheben die ewigen Zweifler ihre Stimme. In einer leeren Tüte könne kein Wunder sein, befinden sie. Und in der Tüte war ja nur ein Nichts.

»Aber das Wunder ist doch, wie es hineinkam!« betet der erleuchtete Capo vor. Wenn das Nichts hineingelangen konnte, könne ja auch alles andere hineinkommen. Um so erhabener sei demzufolge das Wunder. »Wollt Ihr den Glauben etwa dadurch schmälern, dass Ihr Beweise sucht?«

Da verstummen die Kleinmütigen, und die Gläubigen triumphieren. Die Frohe Botschaft ist ungeschmälert! Von nun an heißt es überall: »Ungetütert könnt ihr die Glückseligkeit nicht erlangen.« Und: »Angetütert sollt ihr sein!«

In der Folge erzwingt das erste capriolische Konzil eine Novellierung des Bußgeldkatalogs. Aus Gründen der Religionsfreiheit gibt es keine Punkte mehr für angetütertes Autofahren, Es reicht, wenn man den Tütler-Mitgliedsausweis vorzeigt oder mindestens tüt, tüt macht. Entsprechende Novellen werden von den paradoxen Tütlern weltweit unterstützt.

Das Tütlertum nimmt daraufhin einen rasanten Aufschwung. Die etablierten Religionen geraten ins Hintertreffen. Beim Reli-Rating sinkt das Christentum auf B-C, und der Islam muss sich mit D minus mit Bedenken zufriedengeben. Es wird eingewendet, die Leute von der Rating-Agentur seien angetütert gewesen, aber damit kann man den Tütlern nichts anhaben.

Um ein Gegengewicht zu schaffen, gründen die Christen einen Tütenrat, in dem sie ihre tüteligsten Typen zusammenfassen. Der Islam wehrt sich mit einem muslimischen think tank, in dem die Erleuchtungssuchenden den ganzen Tag lang floorbanging betreiben. Die vom Kotaumachen weichgeklopften Köpfe erwecken wiederum die Begehrlichkeit der Scientologen. Scientology startet einen unfreundlichen Übernahmeversuch, der jedoch weggebetet wird.

Als Ergebnis der religiösen Kontemplation verkünden die Sunniten, der Koran sei in einer Tüte ausgeliefert worden, während die Schiiten darauf beharren, der ganze Mohammed sei eingetütert gewesen. Die Christen stellen dagegen fest, dass Kreuze traditionsgemäß in Tüten geliefert würden, und die Scientologen meinen, man könnte sie mal kreuzweise …

Damit ist dem Tütlerglauben nicht beizukommen, zumal man jetzt immer mehr Angetüterte sieht. Die letzten Unentschlossenen werden zum Tütlern bekehrt. Wenn jemand einwendet: »Na, ich weiß nicht …«, so antwortet man ihm: »Wenn Du nichts weißt, dann hast Du alle Voraussetzungen.« Denn wer nichts weiß, der glaubt am besten. Und wer tütelig ist, der ist schon so gut wie angetütert.

Dann begreift er auch den Unterschied zwischen wissen und glauben: Mit offenen Augen fahren heißt wissen, die Ampel ist grün.

Und mit geschlossenen Augen fahren heißt glauben, die Ampel ist grün.

Selbstverständlich ist das Glauben viel aufregender und erhabener. Für die Angetüterten gibt's deshalb keine Alternative zu den geschlossenen Augen – oder was meinen Sie?

Kommt   nicht   in   die   Tüte!

 

Eingetütert von Wilfried Müller, upgedated 2.7.17

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