Jesus lebt nicht

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JesuslebtFisch

Die gläubigen Christen sagen "Jesus lebt". Vernünftige Menschen halten das für religiöse Propaganda, und kritische Menschen fragen sich, ob Jesus überhaupt gelebt hat. Es geht also nicht bloß um die angeblichen Wunder, die dem historischen Jesus zugeschrieben werden. An die glauben sowieso nur unkritische und gläubige Menschen. Es geht um die Frage, hat dieser Jesus überhaupt existiert, und wenn ja, was ist wahr von den Mythen, die sich um ihn ranken?

Der Religionskritiker Kurt Stützer hat dazu umfangreiches Material gesichtet und abgecheckt. Wissenbloggt bringt die Ergebnisse als erster. Die Thematik folgt einem religiösen Traktat des Vatikans, das z.B. am 22.6.2013 der Süddeutschen Zeitung beigelegt wurde, also hunderttausendfache Verbreitung fand. Das Heftchen hieß "Credo, Magazin zum Jahr des Glaubens" und stellte unter anderem die Frage "Wo ist Gott?"

Das ist schnell beantwortet: Gott ist in den Köpfen der Gläubigen; in der Realwelt gibts den nicht. Aber wie verhält es sich mit Jesus? Kurt Stützer überprüft das am Beispiel der Kolumne "Jesus: der Faktencheck" auf Seite 37 von Credo. Sein summarisches Urteil: Was in dieser Kolumne steht, ist schiere Kirchenpropaganda und eine bodenlose Unverschämtheit. Im einzelnen:

Credo – Welche Dokumente stehen zur Verfügung? … das wohl älteste nicht-christliche Zeugnis über Jesus stammt vom syrischen Historiker Mara bar Serapion (etwa 73 n. Chr.). Weitere Hinweise finden sich unter anderem in den Werken von Plinius des Jüngeren (um 110 n. Chr.), des römischen Historikers Tacitus (56-117 n. Chr.) und des jüdischen Geschichtssschreibers Flavius (ca. 37-100 n. Chr.). …

Stützer dazu: Die aufgeführten "Dokumente" sind durch die Bank Fälschungen oder zumindest von sehr wackeligem Wahrheitsgehalt. Es wird nicht darauf hingewiesen, dass es auch andere Meinungen gibt. Die Echtheit des "Testimonium Flavianum", der wohl wichtigsten Quelle außerhalb der Bibel, wird von den meisten Historikern angezweifelt. Eine sehr scharfsinnige, flüssig geschriebene Analyse ist in dem Buch Falsche Zeugen von Hermann Detering zu lesen (alle Links s.u.). Detering setzt sich dabei eben auch mit den Apolegeten der Historizität Jesu auseinander, was diese umgekehrt eigentlich nur begrenzt machen. Die Rezensionen bei Amazon zu lesen, ist hochinteressant! Auch das Buch Das-Jesus-Puzzle von  von Earl Doherty und Arnher E Lenz, ist sehr eindrucksvoll (wenn auch etwas chaotisch geschrieben).

Credo – Wie glaubwürdig ist das Zeugnis der Evangelisten? Die kritische Überprüfung rehabilitiert die Evangelisten als Augenzeugen oder als die Mitarbeiter von Augenzeugen. Die Autoren des Evangeliums haben als "Diener des Wortes" mit der Verpflichtung zur Wahrheit nicht nur eigenes Erleben berichtet, sondern auch frühe Texte ausgewertet und Zeugen befragt, ohne dabei aus Angst vor Widersprüchen die Botschaft zu entschärfen. …

Stützer dazu: Dies ist eine Lachnummer. Es geht alles von der Prämisse aus, dass die Evangelienschreiber "ehrliche" Leute waren. Dann folgt leicht, dass sie wahrheitsgemäß über die "Zeugen" berichtet haben. Aber dass sich die Schreiber z.B. nicht outen, und nicht sagen, wer sie eigentlich sind, und dass sie keine Jünger Jesu sind, wird wohl auch als Ehrlichkeit ausgelegt. Dann der mysteriöse Satz: "… ohne dabei aus Angst vor Widerspüchen die Botschaft zu entschärfen". Äh? Die offensichtlichen Widersprüche in der Bibel, um die auch die frommen Bibelforscher nicht drumherum kommen, sind ein Indiz für die Wahrheit der Zeugenaussagen? Schräger gehts nicht. Dass die Evangelienschreiber, die im Römischen Reich lebten und es auch gut kannten, die Verhältnisse "präzise" beschrieben haben, ist kein Beweis und auch kein Indiz dafür, dass die geschilderte Story auch stimmt, sondern dass sie sehr wohl wussten, wie man Glaubwürdigkeit vortäuschen kann. Aber hier geht der Schuss nach hinten los.

Credo – Wie authentisch sind die Aufzeichnungen? Erste Aufzeichnungen der Worte Jesu wurden mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits zu Lebzeiten Jesu verfasst und dienten den Verfassern des Evangeliums als Grundlagenmaterial. In der Wissenschaft gilt heute als weitgehend anerkannt, dass die synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus, Lukas) zwischen Anfang der Vierziger- und Ende der Sechzigerjahre entstanden, also zehn bis dreißig Jahre nach Tod und Auferstehung Jesu. …

Stützer dazu: Das ist eine pure Frechheit. Viele der frommen Bibelforscher halten es für wahrscheinlich, dass Markus sein Evangelium nach 70 n.Chr. geschrieben, nach der Tempelzerstörung. Die Alternativvorstellung Anfang der Vierzigerjahre ist eine Minderheitenmeinung (siehe wiki-Link unten). Lukas und Matthäus kamen nach Markus, das ist Konsens, wird aber erst gar nicht erwähnt (wiki unten). Das abgehobene Johannes–Evangelium findet keine Erwähnung, denn hier wird der Wunsch des Evangelienschreibers, seine Christologie zu verbreiten und die Geschichte nur widerwillig zu schildern, sehr deutlich.

Credo – Gibt es Unterschiede zwischen christlichem und historischem Jesusbild? Der Jesus des Glaubens ist auch der historische Jesus. Es gibt keine "Formung" der Botschaft in dritter oder vierter Generation. Die Mitteilung über Tod und Auferstehung Jesu reicht unmittelbar an das Datum der Passion heran. Die Archäologie hat dabei "nie etwas zutage gefördert", so der Archäologe John McRay, "was in eindeutigem Widerspruch zur Bibel stand."

Stützer dazu: Achje. Dass im Frühchristentum am Jesusbild wie wild rumgebastelt wurde – vom Rabbi, der das kommende Reich Gottes propagiert hat, bis hin zu Gottes Sohn, der geopfert wurde – und die Apokryphen (die ausgemerzten widersprüchlichen Quellen),  das alles zeigt doch deutlich, dass die Schreiberlinge ihrer Fantasie und ihrem Glaubenseifer freien Lauf gelassen haben. Und dass man in der Archäologie nichts gefunden hat, "was in eindeutigem Widerspruch zur Bibel stand" – heißt doch, die Beweisführung umdrehen zu können: Die Beweislast liegt bei den Verfechtern der Historizität Jesu. Beweisen, dass es ihn nicht gab, geht nicht, auch durch die Archäologie nicht. (Man kann ja nicht mal beweisen, dass es keinen Weihnachtsmann gibt, denn dazu müsste man das ganze Universum absuchen).

Credo – Wurden die Evangelien im Laufe der Jahrhunderte modifiziert oder manipuliert? Gemeinsam mit namhaften Forscherkollegen versichert der Texthistoriker Ulrich Victor: "Die Evangelien sind in der Form verfasst worden, in der sie uns vorliegen." Wer heute das Neue Testament liest, liest es folglich – … – genau so, wie es vor 2000 Jahren aufgeschrieben wurde.

Stützer dazu: Das ist die Krönung. Das Matthäusevangelium muss x-mal redigiert worden sein. Hier werden völlig verschiedene Aussagen in einen Topf geworfen. Das haben die Theologen am Ausgang des Mittelalters bereits entdeckt. Man gucke sich Matthäus 5,17, 5,44, 10,5, 10,23, 10,33, 13,41, 13,49, 28,18 an. Gerade der Taufbefehl weist daraufhin, dass der Schreiber bereits die Heilige Dreifaltigkeit vertrat, die aber erst im 2. Jahrhundert "entwickelt" wurde. Auch hier verweise ich auf ein gut recherchiertes Buch, das spannend zu lesen ist: Der Jesuswahn von Heinz-Werner Kubitza. Meine Empfehlung: dazu die 60 (!) Kundenrezensionen bei Amazon lesen!

Credo – Zusammenfassung: Es gibt in den vier Evangelien vertrauenswürdige Zeugen. Es gibt die bestmöglichen Aufzeichnungen, dessen, was geschehen ist. Und es gibt diese Aufzeichnungen trotz der vielen Übertragungen in einer etwa 99,5-prozentigen Übereinstimmung mit den Ursprungstexten.

Stützer dazu: Zahlen klingen immer toll: 99,5 Prozent. Was wurde hier wie berechnet?? Die ältesten Originalpapyri stammen aus dem 5. Jahrhundert. Was der Inhalt in der Zwischenzeit durchgemacht hat, kann keiner abschätzen. Wir haben kaum die Vorstellung, wie es den Menschen damals ein Bedürfnis war, eine historische Person zu generieren und zu erfinden. So wurden die abstrakten und schwer verständlichen Lehren eines Paulus, der mit dem Menschen "Jesus" nix am Hut hatte, als spannende Story zu präsentiert. Dasselbe gilt für andere, gnostisch orientierte Lehren, die wir explizit gar nicht kennen (die berüchtigte Spruchquelle Q, die im apokryphen Thomasevangelium durchschimmert). Man weiß heute, dass diese Story auch erst Mitte des 2. Jahrhunderts im Imperium Romanum bekannt wurde. Vorher kannten die Christen diese Story nur lokal. Sie kannten auch das Kreuzsymbol nicht sondern den Fisch (wiki unten). Dazu ist auch dies Buch empfehlenswert – Lebt Jesus? von Hermann Detering.

Kurt Stützer resümiert: Heutigentags haben wir die Schwierigkeit, uns vorzustellen, dass es Menschen gab, die in ihrem Eifer aus einer mythologischen Gestalt eine historische machen wollten. Und die es dann auch geschafft haben, infolge eines Scheeballeffektes vielleicht. Alle haben mitgemacht, bis hin zum Schreiben von ganz peinlichen Evangelien (z.B. das Kindheitsevangelium des Thomas), die dann später nicht in den Kanon aufgenommen wurden. Man kann auch nicht kritiklos nach Wikipedia gehen. Der Wikipedia-Artikel über Jesus iat stark getränkt von christlichen Kommentatoren. Keiner von denen lehnt sich so weit aus dem Fenster und sagt: Die Historizität eines
Jesu ist alles andere als gesichert. Statttdessen wird unter dem Absatz der Radikalinskis "Bruno Bauer, Albert Kalthoff und Arthur Drews" verkündet (meine Einfügungen):

"Der meisten dieser Argumente haben sich jedoch inzwischen relativiert [wie das?], so dass [Ursache?] nur noch einzelne Forscher heute Jesu Existenz in Frage stellen.[16] Das Vertrauen in einen historischen Kernbestand der Logienüberlieferung ist gerade durch die Fortschritte der außerchristlichen sozialgeschichtlichen und judaistischen Forschung gewachsen [hier fehlt die Quelle]. Die Tatsache, dass schon die früheste Überlieferungsschichten ein eschatologisches Verkündigungsinteresse zeigen, wird heute eher [ach, gab es doch auch schon früher] als Wirkung des historischen Jesus gesehen."

Der letzte Satz ist ein Hammer. Warum sollen nicht andere oder andere Gruppen wie die Essener ein "eschatologisches Verkündigungsinteresse" gehabt haben?! Vielleicht war das der Abschnitt, der viele Leute zum Schluss hat kommen lassen, dass die "Existenz Jesu" als bewiesen gilt. Aber keine Seite hat einen schlagenden Beweis, es gibt nur Indizien. Dabei werden nicht alle Indizien gegen die Historizität Jesu in dem Wikipedia-Artikel aufgeführt. Empfehlen kann ich nur das bereits erwähnte Jesus-Puzzle und Falsche Zeugen, sehr scharfsinnig und schön zu lesen. Detering (ein Theologe) zeigt, dass ALLE außerchristlichen "Jesuszeugnisse" nicht haltbar sind, sondern höchstwahrscheinlich gefälscht sind. Dazu die Vorstellungen des niederländischen Theologen van Eysinga, der in Jesus eine mythologische Gestalt sah, die vom Judenschristentum und später von der rechtgläubigen Kirche zu einem realen Menschen konstruiert wurde, gleichzeitig aber als Gottes Sohn und später als Gott angesehen wurde.

Marcion, der die weitaus stärkste christliche Strömung (Häresie) im zweiten Jahrhundert angeführt hat, der als erster so etwas wie ein Neues Testament mit einem modifizierten Lukasevangelium herausgegeben hat, hat Jesus als einen menschgewordenen Halbgott angesehen, der auf die Erde gesandt wurde. Eine geschichtliche Gestalt kannte er nicht. Überhaupt kannte man in den Christengemeinden bis tief in das 2. Jahrhundert keinen jüdischen Prediger, der von den Römern ans Kreuz gehängt wurde und der diesen Christus darstellen soll. Freilich gab es bereits die Evangelien (ab 70 n.Chr.?), aber der Jesuswahn, der später aufkam, war den ganz frühen Christen völlig fremd.

Unklar bleibt, warum auch die scharfsinnigsten Theologen (wie Detering) nicht den Schluss ziehen wollen, dass nach allen Indizien Jesus nur als mythologische Gestalt auftrat, im Rahmen der Gnosis nur als göttlicher Heilsbringer galt und erst von den Judenchristen zu einer historischen Gestalt präpariert wurde. Das erfolgte zuerst zaghaft durch Markus, noch ohne Geburtslegende, ohne Vater und Mutter, ohne Stammbaum, ohne Jungfrauengeburt, ohne Wiederauferstehung (siehe Kubitza, Der Jesuswahn, S. 183) und schon gar ohne Himmelfahrt. Dann aber mit allem Drum und Dran von Lukas und Matthäus, da wurde Jesus mit allem mystischen Zeugs ausgestattet. Beide zeigen damit ganz deutlich ihr Propagandainteresse, Markus eigentlich nur durch seine Teufelaustreibungs- und Wundergeschichten. Paulus selbst kannte das alles nicht, musste es aber besser gewusst haben, als alle Evangelienschreiber zusammen. Kein Propangandainteresse zeigt hingegen das Thomasevangelium, nur weise und zum Teil unverständliche Sprüche, die später mit dem Vorsatz "Jesus spricht:" versehen wurden. Also: da gab es jemand, der klar wusste, diese Sprüche stammen nicht von Jesus.

Die heutigen Kritiker wie Drewermann, Deschner, Kubitza, Detering, Lüdemann u.a. halten an der Existenz Jesu fest. Lüdemann sagte mir, als ich ihn fragte, ob er Jesus für eine historische Figur hält: Ja, da Jesus in den Geschichten teilweise negativ geschildert wird. Z.B. Jesu Verhalten seiner Mutter gegenüber. Komisches Argument. Deschner schreibt in seinem sehr empfehlenswerten Buch "Abermals krähte der Hahn" am Anfang, nachdem er die Existenzskeptiker kurz geschildert hat: "Mit der Forschung wird Jesu Existenz im folgenden jedoch vorausgesetzt". Warum sagt er das? Mein Eindruck ist, dass er den etablierten Kirchen und Christen einen hochmoralischen Jesus vorhalten will, einen der das gepredigt hat, was man heute in den Kirchen nicht mehr hört. Und dieses Jesusbild, das Bild von einem Sozialrevolutionär, von einem hochintegren Menschen, soll auf keinen Fall geopfert werden, auch nicht durch einen negativen Ausgang  der Leben-Jesu-Forschung. Er könnte ja auch ein Zelot gewesen sein, irgendeiner, der ganz was anderes gesagt hat, was in der Bibel steht.  Eigentlich wertlos fürs Christentum.

Für die kritischen Theologen, die das Mystische und Fantastische gestrichen haben bzw. gestrichen haben möchten (Harnack, Bultmann),  die alles nur symbolisch aufgefasst haben möchten (Drewermann), für die wäre eine fehlende Historizität Jesu gleichbedeutend mit einem Zusammenbruch des christlichen Glaubens. Denn der christliche Glaube ist ein geschichtlicher Glaube (siehe die Faktenaussagen im Glaubensbekenntnis) und wenn dieser auch noch zusammenfällt – wo bleibt dann noch der religiöse Kernpunkt? (Antwort bringt übrigens Detering am Ende seines Buches. ) Und wie stehen dann die Evangelisten und Briefeschreiber da? Alles Betrüger! Die mit den Apokryphen ja sowieso. Die waren bereits im Frühchristentum peinlich. Was bleibt? Nur eine verschwurbelte religiöse Fantasievorstellung, von denen es in der Menschheit genug gibt.

Hermann Detering – Falsche Zeugen: http://www.alibri-buecher.de/Buecher/Kirchenkritik/Hermann-Detering-Falsche-Zeugen::371.html
Earl Doherty – Das Jesus-Puzzle: Basiert das Christentum auf einer Legende? http://www.amazon.de/Das-Jesus-Puzzle-Basiert-Christentum-Legende/dp/3933037263
Wiki – Markus-Evangelium: http://de.wikipedia.org/wiki/Evangelium_nach_Markus#Entstehungszeit_und_-ort.
Wiki – Lukasevangelium: http://de.wikipedia.org/wiki/Lukasevangelium#Datierung.
Heinz-Werner Kubitza – Der Jesuswahn: http://www.tectum-verlag.de/der-jesuswahn.html
Wiki – Fisch: http://de.wikipedia.org/wiki/Fisch_%28Christentum%29
Hermann Detering – Lebt Jesus?: – oder hat er nur gelebt? http://www.amazon.de/Lebt-Jesus-oder-hat-gelebt/dp/3839167019/ref=pd_sim_b_6
Katharina Ceming – Die verbotenen Evangelien: Apokryphe Schriften: http://www.buchhandel.de/detailansicht.aspx?isbn=9783865391469
Karlheinz Deschner – Abermals krähte der Hahn – http://www.goodreads.com/book/show/1392847.Abermals_kr_hte_der_Hahn_Eine_kritische_Kirchengeschichte

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8 Antworten auf Jesus lebt nicht

  1. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Ob ein Mann wie Jesus nun lebte oder nicht, um das Jahr 30 eine Schar zusammenbrachte oder nicht und von der römischen Provinzverwaltung als Aufständischer bestraft wurde oder nicht, ist eigentlich ziemlich irrelevant. Auf jeden Fall ist er nicht der Sohn Gottes und nicht von den Toten auferstanden.  Um die Menschen, die an ihn "glauben", von ihren "Sünden" zu erlösen ist logischerweise seine reale Existenz nicht unbedingt nötig.

    Die Nichtexistenz von etwas zu beweisen ist stets vergeblicher Versuch. Selbst wenn man den Beweis für die Existenz vermisst, beweist eben dies nicht die Nichtexistenz. Es kann nur um Wahrscheinlichkeiten gehen. So ist die Existenz eines Menschen Jesus wahrscheinlicher als die Existenz eines Wesens wie "Gott". Was aber nicht viel bringt, denn es geht um Auferstehen von den Toten und so weiter. Da ist ein Mensch Jesus nur Vehikel, um dies glaubwürdiger in Raum und Zeit zu verorten, egal ob er real gelebt hat oder nicht.

    Religiöse fordern stets Atheisten auf, die Nichtexistenz Gottes zu beweisen – wohl wissend, dass dieser Beweis nicht geführt werden kann. Warum unterziehen sich dann Atheisten der Mühe, die Nichtexistenz des Menschen Jesu zu beweisen? Ist ebenso vergebliche Liebesmühe. Kann natürlich nicht schaden hin und wieder den Fakt darzustellen, dass Jesu Leben in außerchristlichen zeitgenössischen Quellen nicht dokumentiert ist.

  2. pinetop sagt:

    Wer eine Behauptung aufstellt trägt die Beweislast. Der Zweifler hat diese Aufgabe nicht.

  3. pinetop sagt:

    Durchaus wahrscheinlich, dass Jesus gelebt hat. Dann war er einer der vielen Wanderprediger. Dass er in Erinnerung blieb lag wohl an besonderen Fähigkeiten. Die hatte ein Uri Geller auch. Tja, damit konnte man sich damals noch politische oder religiöse Anhänger schaffen.

  4. Patrick Sele sagt:

    Die Evangelien beanspruchen, auf Augenzeugenberichten zu beruhen (Lukas 1,1-4, Johannes 21,24), und in der Tat haben die Evangelien Merkmale, die sie als solche Berichte auszeichnen. Dies kann am Beispiel des in allen Evangelien überlieferten Wunders der Speisung der Fünftausend (Matthäus 14,13-21, Markus 6,31-44, Lukas 9,10-17, Johannes 6,1-13) veranschaulicht werden. Im Lukasevangelium steht, dass dieses Wunder bei Betsaida stattfand. Das Matthäusevangelium gibt keinen Ort an, Matthäus 11,21 kann jedoch als weiterer Hinweis auf Betsaida als Ort dieses Ereignisses gelesen werden. Im Johannesevangelium wiederum lesen wir, dass Jesus seinen Jünger Philippus kurz vor diesem Ereignis fragt, woher man für alle Zuhörer Brot kaufen könne. Dass Jesus diese Frage gerade Philippus stellt, könnte darin begründet sein, dass Philippus aus Betsaida stammte (Johannes 1,44) und somit mit den dortigen Gegebenheiten vertraut war.

    Dass verschiedene Berichte zu einem Ereignis einander ergänzende Angaben enthalten ist ein Hinweis darauf, dass sie auf Aussagen von Augenzeugen beruhen. Dies ist desto eher der Fall, wenn einander ergänzende Angaben aus verschiedenen Zusammenhängen stammen, was die Annahme, dass bewusst vorgenommene Ergänzungen vorliegen unwahrscheinlich macht. Im obigen Beispiel liefert das Lukasevangelium die im Matthäus- und im Johannesevangelien fehlenden Ortsangaben und erklärt zudem, worauf die in Matthäus 11,21 erwähnten Wunder in Betsaida sich beziehen könnten. Die Deutung solcher Berichte als Augenzeugenberichte wird noch wahrscheinlicher, wenn die Berichte zusammen genommen Informationen liefern, welche ihnen, wenn man sie für sich liest, nicht entnommen werden können. Im obigen Beispiel wäre dies die Information, dass Jesus Philippus die erwähnte Frage stellt, weil dieser aus Betsaida stammte.

    Diese Art von Analyse von biblischen Texten zu gleichen Ereignissen geht auf den anglikanischen Theologen William Paley (1743-1805) zurück. In seinem Buch „Horae Paulinae“ (London 1790) beschränkte er sich dabei auf diejenigen biblischen Texte, die einen Bezug zum Apostel Paulus haben. Paley benutzte für die so gewonnenen Hinweise auf das Vorhandensein von Augenzeugen den Ausdruck „undesigned coincidences“, was in diesem Zusammenhang wohl am besten mit „zufällig entstandene Hinweise auf Augenzeugenschaft“ zu übersetzen ist.

    John James Blunt (1794-1855), ebenfalls anglikanischer Theologe, wandte Paleys Vorgehen bei der Analyse biblischer Texte in seinem Buch „Undesigned coincidences in the writings of the Old and New Testaments“ (London 1847) auf die ganze Bibel sowie auf die Schriften des antiken jüdischen Historikers Josephus an. Sein Buch erlebte – wie übrigens auch dasjenige Paleys – mehrere Auflagen.

    Die erwähnten Werke wurden auch in den USA veröffentlicht. Dort hielt der Jurist Edmund H. Bennett (1824-1898) Vorträge, in denen er im Sinne Paleys und Blunts Analysen von Texten aus den neutestamentlichen Evangelien demonstrierte. Diese Vorträge wurden nach Bennetts Tod von seiner Frau Sally unter dem Titel „The Four Gospels from a Lawyer’s Standpoint“ (Boston und New York 1899) veröffentlicht.

    Eine gute Einführung in das Thema sowie anschauliche Beispiele für „undesigned coincidences“ in den Evangelien bietet der folgende Vortrag des Philosophen Timothy McGrew:

    https://www.youtube.com/watch?v=9wUcrwYocgM

    Was „undesigned coincidences“ sind, wird ab 0:07:31 erklärt.

  5. Argutus sagt:

    Ich sehe keinen schlüssigen Grund, warum Jesus nicht gelebt haben sollte. Wanderprediger wie er waren damals ja keine Seltenheit. Durch verschiedene Zufälle (beispielsweise daß Zeit und Ort seiner Geburt irgendwelchen alten Weissagungen entsprachen) ist eben dieser eine berühmt geworden, woraufhin man seine Vita dann mit allen möglichen Wunder-Stories verzierte.

    Sollte sich aber eines Tages herausstellen, daß Jesus doch nie gelebt hat (wie es bei Mohammed der Fall zu sein scheint), dann ist das auch egal. Im Gegensatz zu all dem, was sich in den letzten zwei Jahrtausenden auf ihn berufen hat, ist der Mann selbst ja historisch gänzlich unbedeutend.

  6. @ Patrick Sele

    Die exegetische Forschung ist sich einig, dass die Evangelisten, genannt Markus, Matthäus, Lukas und Johannes, weder Augen- noch wenigstens Zeitzeugen von Jesus – falls dieser überhaupt gelebt hat, was ja absolut nicht sicher ist – waren. Es ist bewiesen, dass wir die wirklichen Namen der Evangelisten nicht kennen.

    Die drei Evangelien nach Markus, Matthäus und Lukas – ich behalte zur Unterscheidung diese Namen bei – bezeichnet man seit dem Ende des 18. Jh. als "synoptische Evangelien". Sie sind in vielen Dingen ähnlich oder sogar gleich, weil von dem ersten Evangelisten abgeschrieben worden ist und/oder alle drei teilweise die gleichen Vorlagen benutzt haben.

  7. Wilfried Müller sagt:

    Mir gefällt die Replik von pinetop besonders gut – Jesus als eine Art Uri Geller. Wenn man sich darauf einigen kann, gibt es auch kein Problem mit dem gemeinsamen Kern der Evangelien. Ob das nun Augenzeugen waren, ist nach Lage der Daten anzuzweifeln, allein schon wegen des Zeitabstands. Das klingt doch nach Gerüchteküche über mehrere Generationen hinweg.

  8. valtental sagt:

    Zwei Aussagen des Verfassers zu H. Detering sind m.E. nicht richtig:

    1. "Unklar bleibt, warum auch die scharfsinnigsten Theologen (wie Detering) nicht den Schluss ziehen wollen, dass nach allen Indizien Jesus nur als mythologische Gestalt auftrat…"
    2. "Die heutigen Kritiker wie Drewermann, Deschner, Kubitza, Detering, Lüdemann u.a. halten an der Existenz Jesu fest."

    Nach allem, was ich von H. Detering gelesen habe, insb. "Falsche Zeugen" und "Der gefälschte Paulus", treffen die angeführten Aussagen des Artikels auf ihn gerade nicht zu. Detering hat sich seinen Schriften nach komplett von der Vorstellung einer historischen Jesus- (und Paulusgestalt) verabschiedet. In diesen führt er ja gerade ausführlichst Indizien an, die für einen mythologischen Jesus und gegen einen historischen sprechen.

    Zu Erwähnung Deschners im Artikel:

    "Deschner schreibt in seinem sehr empfehlenswerten Buch "Abermals krähte der Hahn" am Anfang, nachdem er die Existenzskeptiker kurz geschildert hat: "Mit der Forschung wird Jesu Existenz im folgenden jedoch vorausgesetzt". Warum sagt er das? Mein Eindruck ist, dass er den etablierten Kirchen und Christen einen hochmoralischen Jesus vorhalten will, einen der das gepredigt hat, was man heute in den Kirchen nicht mehr hört."

    Das Bezeichnete mag eine Intention Deschners gewesen sein. Doch Deschner stand seinerzeit vor dem selben Problem, wie Kritiker heute mit Wikipedia: "Mit der [mehrheitlichen] Forschung wird Jesu Existenz im folgenden jedoch vorausgesetzt."
    Was ja auch heute noch der Fall ist. Der behauptete wissenschafliche Diskurs der Leben-Jesu-Forschung wird von den theologischen Fakultäten, also gläubigen Christen bestimmt (Wen sonst interessiert schon ein "Jesus"?). Diese legen schlicht durch Beachtung oder Nichtbeachtung (Erwiderung, Rezension), notfalls auch durch Lehrentzug fest, wer an diesem "wissenschaflichen" Diskurs teilnehmen darf, bzw. wer als für die "Forschung" irrelevanter Außenseiter abgestempelt wird. Und die Wikipediaregeln zementieren dies, weil nur belegbare Diskursmeinungen eingearbeitet werden dürfen. Der Fehler liegt aber nicht bei den Wikiregeln, sondern darin, dass akademische theologische "Forschung", sobald sie Grundsatzfragen des christlischen Glaubens betreffen, nicht mehr ergebnisoffen geführt wird, und damit jeden Anspruch auf Wissenschaftlichkeit verliert. Deschner blieb gar nichts anderes übrig, als die hier kritisierte Vorgehensweise, um nicht von vornherein als "Verirrter" abgetan zu werden. Solange nicht der akademischen Theologie ihr Anspruch auf Wissenschaftlichkeit in weiten Teilen ihres Wirkens abgesprochen wird, muss man wohl noch weiterhin quasievangelikale Wikiartikel dulden müssen. Unsere christlichen Wikipedianer verstecken sich hinter den ihnen in die Hände spielenden Wikiregeln, wohlwissend, dass ein offener wissenschaftlicher Diskurs über eine Gestalt Jesu gar nicht stattfindet. Allerdings mit dem Ergebnis, dass bei den derart schöngefärbten Artikeln, eigentlich schon ein Blinder sich verwundert die Augen reiben müsste. Immerhin stellt man sich auf diese Weise selbst bloß, was ja auch eine Art von Information darstellt, allerdings nicht der Sinn einer Enzyklopädie ist.

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