Welches sind die „christlichen Werte“, die die Kirche vermittelt?

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WertechristlichWir bringen einen Artikel von Prof. Dr. Uwe Lehnert bei Freigeist-Weimar.de (7.8.): Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit werden die sog. christlichen Werte beschworen. Aber gibt es eigentlich “christliche Werte”? Was wird eigentlich unter den “christlichen Werten” verstanden?

Es sind nach christlicher Lehre die Anerkennung "Gottes" als Schöpfer der Welt und des Menschen und zugleich als oberste Moralinstanz, die Zehn Gebote und die wesentlichen Aussagen der Bergpredigt wie Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Barmherzigkeit. Alle diese normstiftenden Prinzipien würden aus der Bibel folgen, deshalb habe dieses Buch als Grundlage allen täglichen, vor allem moralischen Handelns zu gelten.

Unterziehen wir diese sogenannten christlichen Werte einer kurzen Beurteilung.

Erstens: Den christlichen Gottesglauben für alle Menschen verbindlich zu machen, ist in einer multi-weltanschaulichen Gesellschaft undemokratisch. Dies ist konkret der Fall, wenn Verbote, wie z. B. zum Schwangerschaftsabbruch, zur Sterbehilfe oder zur Embryonenforschung, mit dem christlichen Menschenbild begründet, aber als Gesetze allgemein verbindlich gemacht werden, also auch für Anders- und Nichtgläubige gel¬ten sollen.

Zweitens: Die Zehn Gebote (vgl. 2. Buch Mose, dort steht der Originaltext!) stammen aus archaischer Zeit. Das 1. Gebot verneint die Religionsfreiheit und droht mit Sippenhaft ("bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation"), das 10. Gebot spricht wie selbstverständlich von Sklaven (neuerdings schönfärberisch "Diener" genannt) und stellt Frauen den Sklavinnen und Haustieren gleich, quasi als natürlichen Besitz des Mannes dar, von Gleichberechtigung der Geschlechter ist keine Rede.

Die Gebote 5 bis 9 sind selbstverständliche Verhaltensnormen, die weltweit in jeder Gesellschaft Gültigkeit haben, also nicht als typisch christlich gelten können, sie finden sich im Grundsatz bereits im Ägyptischen Totenbuch und im Codex Hammurabi des antiken Mesopotamien – also schon lange vorher niedergeschrieben.

Drittens: Auch die Grundaussagen der Bergpredigt entsprechen in weiten Teilen einem weltweit gültigen Ethos. Die gern als spezifisch christlich bezeichnete Barmherzigkeit und Nächstenliebe findet sich auch in anderen Religionen und Kulturkreisen und entspricht im Übrigen dem, was mit Solidarität bezeichnet wird, ein Prinzip gegenseitig praktizierter, evolutionär entwickelter Mitmenschlichkeit.

Viertens: Die in vielen Teilen Gewalt (z.B. Landraub) und Inhumanität (z.B. Sklaverei) rechtfertigende sowie heutige moralische Standards negierende Bibel als Grundlage moralischen Verhaltens zu bezeichnen, zeugt von sträflicher Unkenntnis weiter Teile der Bibel.

Es gilt vielmehr festzustellen:

Die uns heute wichtigen Werte und Normen stammen gerade nicht aus der Bibel, sie sind Ergebnis moralisch-ethischer Weiterentwicklung des Menschen und der menschlichen Gesellschaft selbst. Es sind dies die Menschenrechte wie Meinungsfreiheit als geradezu grundlegendes Recht, das Recht auf Selbstbestimmung, Gleichheit und Gleichberechtigung, Religions- und Wissenschaftsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und vieles andere mehr.

Nichts davon steht in der Bibel, sie steht einem demokratischen, die Menschenrechte verbürgenden Staat geradezu entgegen. Alle diese Rechte mussten vielmehr dem Christentum bzw. einer politisch agierenden Kirche in verlustreichen Kämpfen abgetrotzt werden. Die Kriterien, nach denen selbst Christen die Steinigung von Ehebrecherinnen, das Töten von Homosexuellen oder das Kaufen und Halten von Sklaven ablehnen, obwohl diese Gebote bzw. Aufforderungen biblisch legitimiert sind, stammen gerade nicht aus der Bibel, sie sind ein Ergebnis der auf Vernunft gründenden Aufklärung.

Uwe Lehnert

Kommentar wissenbloggt: also noch ncht mal die Nächstenliebe ist originär christliches Kulturgut, wie in dem Cartoon von Jacques Tilly beschworen …

Der Beitrag ist dem Buch von Uwe Lehnert entnommen: Warum ich kein Christ sein will – Mein Weg vom christlichen Glauben zu einer naturalistisch-humanistischen Weltanschauung. Berlin 2012, 5. Auflage, 478 S. 19,95 Euro: http://www.amazon.de/dp/3939520705

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13 Antworten auf Welches sind die „christlichen Werte“, die die Kirche vermittelt?

  1. Indianerjones sagt:

    Prädikat…Besonders wertvoll! :nerd:

  2. Walter Bornholdt sagt:

      Das jüdisch-christliche Abendland begründet sich auf 3 Säulen:    

    1. griechische Philosophie

2. römisches Recht

3. christliche Ethik      

    Das bedeutet:   Sklavenhaltergesellschaft – Korruption – Inquisition

  3. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Walter Bornholdt sagt: 7. August 2013 um 12:01

    Viel Platz verschwendet für eine substanzlose Aussage. Meriten der Antike werden nicht dadurch ungültig, weil sie mit Menschenrechtsverletzungen verbunden sind. Ein klein wenig differenzierter als mit diesen Schlagworten ist die Sache sicher zu sehen.

    Das "christlich-jüdische" Abendland begründet sich also auf diesen 3 Säulen – zwei heidnischen und eine christliche. Wo bleibt die jüdische? Dass die Auffassung, man könne sich seiner feindlichen Umgebung nur erwehren, wenn man sich nur mit einem vertraglich verbundenem Freund ganz oben sicher fühlen kann, erstens illusorisch ist und zweitens die Abhängigkeit eines Kindes ausdrückt, sollte dann noch zur Ergänzung gesagt sein.

  4. Argutus sagt:

    Uwe Lehnerts ausgezeichnetem Text ist nichts hinzuzufügen – allenfalls noch der Wunsch, daß die darin beschriebenen Sachverhalte möglichst vielen Menschen zu Bewußtsein kömmen mögen.

  5. Ralph Wuerfel sagt:

    Heute versteht man unter Nächstenliebe die „Bereitschaft einer Person, ihren Mitmenschen zu helfen“ (Wikipedia). Nächstenliebe ist also eine Form des Altruismus. Das Christentum übernimmt den Begriff direkt aus dem Judentum. Das Gebot der Nächstenliebe stammt aus 3. Mose 19,18 wo es heißt „An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

    Gemeint ist damit also das Verbot der Blutrache unter Verwandten, da man sich sonst innerhalb der Familie (des Clans, des Stamms, des Volkes Israel) gegenseitig abschlachten würde. 

    Im Neuen Testament wird die Nächstenliebe an verschiedenen Stellen erwähnt und wird insbesondere bei Markus als zweitwichtigstes Gebot an die Gottesliebe geknüpft („Es gibt keine Gottesliebe ohne Nächstenliebe“). Es ist natürlich logisch, denn wenn ich meinen Nächsten liebe, kann ich ihn nicht gleichzeitig, töten, belügen, bestehlen etc. pp.

    Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch auch: dass es keine Nächstenliebe ohne Gott(esliebe) geben kann. Man möge sich diese Unverschämtheit auf der Zunge zergehen lassen, die also jedem anders Denkenden von vornherein die Möglichkeit des Altruismus abspricht.

    Bei Lukas kriegt das ganze aber noch eine andere Färbung – nämlich in der Geschichte vom barmherzigen Samaritaner, der einen völlig Fremden auf der Straße verletzt und ausgeraubt liegen sah und ihm half. Was häufig übersehen wird: Die Ausgangsfrage ist die nach dem Erreichen des ewigen Lebens, also eine komplett eigennützige („Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.“ Lk 10, 25-27). Das Christentum versteht Nächstenliebe also als den einzigen Weg, um sich selbst zu erretten. Altruistische Fragestellungen (was nützt der Gemeinschaft) sind ihm völlig fremd – es geht letztlich nur um das eigene Seelenheil.

  6. Argutus sagt:

    Ralph Wuerfel sagt: 7. August 2013 um 15:47

    "Es gibt keine Gottesliebe ohne Nächstenliebe" … Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch auch: dass es keine Nächstenliebe ohne Gott(esliebe) geben kann.

    Nein, das folgt daraus logisch nicht.

  7. pinetop sagt:

    Noch in den 50er Jahren scheuten sich die christlichen Kirchen die Menschenrechte ohne wenn und aber zu akzeptieren. Das taktische Verhalten der Kirchen ist immer wieder gleich. Gesellschaftliche Entwicklungen, die möglicherweise ihre Autorität untergraben können, werden bekämpft. Sind sie nicht aufzuhalten, wird versucht Wesentliches zu retten und das (für sie) Schlimmste abzumildern. Ist die Entwicklung über sie hinweggegangen, stellt man sich hin und behauptet im Brustton der Überzeugung, dass man diese Entwicklung schon immer gefördert habe und dass man an der Spitze des Fortschritts stehe.

  8. Frank Berghaus sagt:

    Altruismus scheint ohnehin unter Nichtchristen weiter verbreitet zu sein:

    http://www.wissenrockt.de/2012/05/01/atheisten-helfen-eher-aus-mitleid-als-fromme-glaubige-26717/

  9. Christoph Deblon sagt:

    Obige Studie zeigt ausdrücklich nicht, "dass fromme Menschen weniger Spende- und Hilfsbereitschaft zeigen" , sondern daß sich Gläubige dabei weniger von Gefühlen (dort "Mitgefühl" und "Barmherzigkeit" genannt)  motivieren lassen.

    In dem Text von U. Lehnert ist es m.E. die Bedeutung der Bibel zumindest für das katholische und orthodoxe Christentum schief einschätzt. Diese kann nicht losgelöst von den tasächlichen Lehren der Kirche gesehen werden. Man muß also schon schauen, was sagt die Kirche wann z.B. zur Sklaverei usw.

  10. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Christoph Deblon sagt: 7. August 2013 um 21:24 = Man muß also schon schauen, was sagt die Kirche wann z.B. zur Sklaverei usw.

    In der Tat – und da war sie ja ganz flexibel. Als die Indianer im neu eroberten Südamerika sich so garnicht zur Sklaverei bequemen wollten, attestierte man ihnen flugs auch eine Seele und da ja nun irgendwer arbeiten musste, führte man Negersklaven ein. Schönes Beispiel gehobenen Rassismus.

  11. Frank Berghaus sagt:

    ilex (E. Ahrens) sagt: 7. August 2013 um 21:29

    Kirche hat im Zweifelsfall immer erheblich perverser reagiert als es die Schriften hergeben.

  12. Pingback: Kirche heute, 10. August 2013 | Christliche Leidkultur

  13. Saco sagt:

    Auch die ewige Feuerfolter ist ein christlicher Wert aus der Bergpredigt.

    Gewisse Sünder seien  "des höllischen Feuers schuldig", steht dort. 

    Traurig, aber wahr.

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