® Die Übervölkerung

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crowd-2152653_1280In der Serie der Schuldzuweisungen an die Religion geht es weiter mit dem naheliegenden Thema Übervölkerung. Man sollte meinen, der Fall ist klar, je religiöser, desto übervölkerter. Die Statistiken sprechen aber dagegen. Laut denen ist die Übervölkerung kein Produkt der Religion, sondern nur eine Folge der elenden Lebensumstände. Das verdient genauere Betrachtung (Bild: DasWortgewand, pixabay). Zunächst die Standardargumentation:

Standardargumentation

Die Religion trägt schwere Schuld an der Übervölkerung der Welt, weil sie die Gläubigen zum Kinderkriegen anhält, auch wo gar kein Lebensraum mehr ist. Durch Tabuisierung der Familienplanung und durch moralischen Druck zum Kinderkriegen fördert die Religion jedoch nur ihren Eigennutz. Eine Religion ist um so erfolgreicher, je mehr Nachwuchs sie schafft; bloß für die Menschheit und die Umwelt ist das katastrophal. Beide werden in Not und Elend gestürzt. Das ist ein selbstverstärkender Prozess, denn in Not und Elend gedeiht die Religion am besten, und die Übervölkerung nimmt noch mehr zu.

Die Natur ist hart zu überflüssiger Population. Bei den Kaninchen wird die Übervölkerung durch die Staupe reguliert, bei den Ratten durch die Pest; dann sterben die meisten weg. Bei den Menschen drohen sogar noch mehr Gefahren. Mit der steigenden Bevölkerungsdichte nehmen nicht nur die Seuchen zu. Es gibt Hungersnot, Völkerwanderung und Bürgerkrieg. Es gibt Umweltzerstörung durch Verwüstung, Versteppung und Überflutung. Aus dem Überangebot von Menschen ohne Existenzgrundlage heraus gibt es Kriminalität, Menschenhandel und Organhandel.

Die Schuld an der Übervölkerung muss man zuförderst der Religion zuschreiben. Die Schuld lässt sich nicht auf Medizin und Hygiene abwälzen, mit denen vor allem die Kindersterblichkeit eingedämmt wurde. Da stellt sich sofort die Frage, warum wurden die modernen Methoden eingeführt ohne dazupassendes Ethos? Wieso Medizin und Hygiene ohne Modernisierung des Ethos' mit Familienplanung und Geburtenkontrolle? Das wurde von der Religion verhindert – zumal von der christlichen, die damit besonders viel Schuld auf sich geladen hat.

Tabuthemen

Allen Religionen gemein sind die Bestrebungen zur Unterdrückung von Bildung und Emanzipation, zwei der Hauptfaktoren, die gegen die Bevölkerungsexplosion wirken. Man sollte sich darüber im klaren sein, dass Mitteleuropa mit seinen reichlich 200 Menschen pro Quadratkilometer übervölkert ist. Das sind viel mehr, als das Land erhalten kann. Deshalb muss Mitteleuropa Energie und Rohstoffe importieren und insofern auf Kosten von anderen Ländern leben. Die notwendigen Importe machen die Europäer mehr oder weniger erpressbar, und Erpressungspotentiale bleiben heutzutage nicht lange ungenutzt (mit dem Erdöl funktioniert das derzeit allerdings nicht).

Erpressung ist auch die sogenannte "Bevölkerungswaffe". Die wird eingesetzt als Drohung mit massiver Vermehrung. Weil es Beispiele für die gezielte Zunahme einer ethnischen oder religiösen Gruppe bis zur demokratischen Mehrheit gibt (Kosovo, Libanon, Bermuda), ist das Drohpotential realistisch. Das gilt auch für die Zuwanderung. "Gebt uns Geld, oder wir halten die Wirtschaftsflüchtlinge nicht mehr auf", kann es zum Beispiel heißen (Türkei). Damit ist ein Tabuthema angesprochen.

Territorialverteidigung gehört zwar zur biologischen Grundausstattung unserer Spezies, und früher betrieb man Reviermarkierung durch Kirchtürme bzw. Minarette. Aber um politisch correct zu sein, darf man heute nicht mehr gegen die Immigration sein. In Deutschland schlägt sich das besonders problematisch nieder. Unsere Immigranten werden nicht nach den gewünschten Fähigkeiten ausgesucht wie sonst in der Welt, und im Gegensatz zum Rest der Welt dürfen sie nicht arbeiten (während sie lange auf ihre Anerkennung zum Asyl, subsidiären Schutz, Abschiebungsverbot oder sonstigem Duldungsstatus warten).

Bevölkerungsrückgang / Bevölkerungsexplosion

Die Integrationsdebatte kaschiert das eigentliche Problem, nämlich die Übervölkerung. Die übermäßige Vermehrung der Menschen wird umdefiniert in ein Menschlichkeitsproblem bei der Immigration. Dabei sind es hunderte von Millionen, die ihr eigenes Land übervölkert haben und noch mehr übervölkern, und die gern anderswo mit der Übervölkerung weitermachen würden (siehe Potentielle Migranten statistisch erfasst). Der Gedanke an die hunderte von Millionen muss aber die Vernunft über das Mitleid stellen. Es sind zu viele, die Hilfe brauchen. Die können nicht alle in die entwickelten Länder emigrieren, sondern allenfalls ein kleiner Teil. Weil die Betroffenen mehr oder weniger zufällig ausgewählt werden und eher nicht nach der Bedürftigkeit, hat das mit Gerechtigkeit wenig zu tun.

Solange sich so viele auf so engem Raum drängen, ist bei uns in Deutschland keine Förderung des Kinderkriegens angebracht. Wir haben unsere Bevölkerungsexplosion schon hinter uns (Verfünffachung seit dem Mittelalter). Wenn die Geburtenrate niedrig bleibt, normalisiert sich bloß die die Bevölkerungsdichte – und das sollte eigentlich keine Einladung an die ganze Welt sein hierherzuziehen. Woanders soll man bitte auch dem Trend zum Wenigerwerden folgen. Wenn das der Religion zuwiderläuft, dann muss die Religion zurückstecken.

Die Religion muss sich den Bedürfnissen der Menschen anpassen, und nicht umgekehrt. Nur so kann sie überhaupt eine Existenzberechtigung haben.

Bevölkerungsrückgang steht für Nachhaltigkeit und Umweltschutz, deshalb wäre ein weltweiter Rückgang der Bevölkerung das beste. Selbstverständlich geht es auch um den schonenden Umgang mit den Ressourcen, der allen Menschen eine Verpflichtung sein sollte. Maßgeblich ist am Ende das Produkt Zahl mal Durchschnittsbedürfnisse – und sinnvollerweise sollten beide Faktoren runtergehen. Im Interesse der Menschheit und der Natur muss also die Tabuisierung der Geburtenkontrolle genauso abgeschafft werden wie jeder moralische Druck aufs Kinderkriegen. Es darf keinen wie auch immer gearteten Gebärzwang geben. Die einzige gute Bevölkerungspolitik heißt sinkende Geburtenraten.

Die Prognosen sehen aber anders aus. Die Bevölkerungsexplosion geht weiter, auch wenn nicht mehr soviele Milliarden Menschen pro Jahr dazukommen. Aktuell wird von 9-10 Milliarden als Spitzenwert ausgegangen. Manche Staaten arbeiten sogar daran, den Wert hochzutreiben. In Ägypten wurde unter Präsident Mursi die Familienplanung abgeschafft. "Der Schöpfer wird schon für seine Geschöpfe sorgen", heißt es dazu, genau wie bei den christlichen Fundamentalisten. Dabei kann jeder sehen, dass das nicht stimmt. Für viele Menschen ist eben nicht gesorgt. Soweit der konventionelle Standpunkt.

Gegenstandpunkt

Bei Seiten wie gapminder wird eine andere Ansicht vertreten. Dort werden beeindruckende Kurven gezeigt, die jede Relation der Geburtenrate zur Religion negieren und nur eine Abhängigkeit vom mangelnden Wohlstand zeigen sollen. Je ärmer, desto mehr Geburten, je reicher, desto weniger Geburten, und die Religion spielt keine Rolle. Wie mag das zu erklären sein?

Ist es wirklich vorstellbar, dass der religiöse Druck gar keine Wirkung haben soll? Verbot der Geburtenkontrolle, Sex nur zwecks Zeugung, Abtreibung ist Mord – das soll einfach so verpuffen? Oder die Behandlung der Frauen als Gebärmaschine, wo das ungeborene Kind viel wertvoller ist als die Mutter, vor allem, wenn es ein Junge ist? Das soll keinen Unterschied machen? Kaum zu glauben, oder?

Nun, die Religion ist bei gapminder nicht analog dargestellt, sondern digital (durch Farbcodierung ohne Zwischentöne). Die graduellen Unterschiede fallen deshalb weg, und sowas kann die feineren Trends eliminieren. Aber der wirkliche Grund für die befremdliche Entkoppelung Religion – Geburtenrate dürfte woanders stecken.

Es war ja gleich anfangs dieses Textes die Rede davon, wie eng die Religion mit Not und Elend verwoben ist. Beides geht Hand in Hand. Es geht also um den Einfluss von Religion (und Ideologie und Kleptokratie) auf die wirtschaftlichen Lebensumstände und damit letztlich auch auf die Geburtenrate. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind eindeutig: Die Ärmeren sind frömmer, und die Frömmeren sind ärmer, und zwar beides als Kausalzusammenhang.

Eine Statistik wie von gapminder verschleiert diese Zusammenhänge und verschiebt die Wirkung der Religion in den dort unsichtbaren Bereich des Armmachens. Gegenüber dem Armmachen sollte man heutzutage allerdings besonders sensibel sein. Das wird ja schließlich mit großer Expertise an uns allen durchexerziert.
 

UNO-Fertilitätsratenanalyse_und_-prognose_(1950–2050)(Bild: .84.150.203.194, german Wikipedia)

(Der Artikel vom 8.8.13 wurde am 20.7.17 überarbeitet)

Links zu Statistiken und weiteren wissenbloggt-Artikeln:

 

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7 Antworten auf ® Die Übervölkerung

  1. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Nun sind diese Zahlen und Entwicklungen ja seit Jahren bekannt. Wobei besonders die von der UN  dokumentierte Entwicklung Afrikas von 250 Millionen um 1960 über 1 Milliarde jetzt zu erwarteten 3,5 Milliarden um 2050 auffällig ist. Entwicklungshilfe dahin hat also doch etwas gebracht – die Bevölkerung hat sich auf das Vierfache entwickelt. Die Länder und Gesellschaften allerdings weniger.

    Solange hier der in Lampedusa landende Einzelfall in das Gebet des neuen Papstes eingeschlossen wird, wird sich auch nichts ändern. Dieses Thema wird die Brisanz der Zukunft sein und Leute als Neger zu bezeichnen wird in Zukunft die allermildeste Form von Rassismus werden. Viele humanistischen Überlegungen werden zu Glasperlenspielen. Es sei denn, Europa gibt sich auf.

  2. Wilfried Müller sagt:

    Die Ausbreitung der Bevölkerung ist naturgegeben, und genauso natürlich gibt es Zoff, wenn schon welche da sind. Da gibt es nur eins: Schluss mit der religiösen oder ideologischen Bevormundung zur Vermehrung, das passt nicht mehr in die Welt. Wo keine gedeihlichen Lebensumstände herrschen, soll jedes Kind das Recht haben, nicht geboren zu werden.

  3. Wirtschaftswachstum korreliert mit Bevölkerungswachstum: das funktioniert nur eine Zeit lang. Das Wachstumsdenken ist empirisch nicht haltbar.

    Der Worst Case ist die Auslöschung der Menschheit im 21. Jahrhundert – darauf steuern Weltwirtschaft und Religion zu.

    Wie es aussieht, sind die Menschen zu blöd, die eigene Ausrottung abzuwenden.

  4. Wilfried Müller sagt:

    Heutzutage korreliert es umgekehrt, wie die Statistik-Links oben zeigen. Wenn die Weltwirtschaft nix anderes kann als Wachstum, dann braucht sie eben alle 50 Jahre den Crash oder den Krieg. Insofern ist es gar nicht so klar, dass die Menschheit auf ihre Ausrottung zusteuert. Da sehe ich eher das biologische Problem wie in Der Mensch als Mutant beschrieben.

  5. Russenkind sagt:

    Allen Religionen gemein sind die Bestrebungen zur Unterdrückung von Bildung und Emanzipation …

    Es geht immer um Überlegenheitsansprüche.

    Religionen — und andere Ideologien — sind dabei nur Mittel zum Zweck, Ideengebäude, deren Erfinder, Träger, Nutznießer oder Leidtragende Menschen sind.

    Wer andere unterdrückt oder klein hält, der glaubt sich überlegen — egal, ob er es tatsächlich ist oder nicht. Evtl. solange, bis andere ihn vom Gegenteil überzeugen.

  6. Wilfried Müller sagt:

    8. Dezember 2013 um 10:50

    Heutzutage korreliert es umgekehrt, wie die Statistik-Links oben zeigen. Wenn die Weltwirtschaft nix anderes kann als Wachstum, dann braucht sie eben alle 50 Jahre den Crash oder den Krieg. Insofern ist es gar nicht so klar, dass die Menschheit auf ihre Ausrottung zusteuert.

    Das Wirtschaftswunder nach dem 2. Weltkrieg – der Crash spielte sich vor dem Krieg ab – wäre ein Beispiel dafür, doch die goldenen 70er Jahre sind vorbei und Europa befindet sich in einer Dauerkrise. Und was ein Weltkrieg im 21. Jahrhundert bedeuten würde, kann sich jeder vorstellen.

    Ich meinte allerdings vielmehr den Klimawandel, die Zerstörung der Weltmeere, die zunehmende Trinkwasserknappheit und damit verbundene Konflikte, und schließlich sollte man sich fragen, was in etwa hundert Jahren vom Regenwald noch übrig bleibt, wenn man so weiter macht, der als die "Lunge" der Atemluft der Welt bezeichnet wird, was generell die weitere Überschreitung der Funktionsgrenze der Erde an ökologischen Folgen mit sich bringt, wenn doppelt so viele Menschen wie heute Wirtschaftswachstum anstreben. Die auf Wachstum angewiesene Weltwirtschaft besitzt eine unkontrollierbare Eigendynamik – die Natur bleibt auf der Strecke und mit ihr der Mensch.

  7. pinetop sagt:

    Die Naturzerstörungen sind offensichtlich, aber ich denke nicht, dass die Wirtschaft den Untergang der Menschheit befördert. Noch vor fünfzig Jahren waren die rauchenden Schornsteine an der Ruhr ein Zeichen für eine prosperierende Wirtschaft. Die Kraft einer Volkswirtschaft wird heute nicht mehr an der Menge des erzeugten Stahls gemessen. Neben alternativen Energien und der Informatik gehören auch Tätigkeiten im Bereich der Bildung, Kultur, Naturschutz oder Pflege zu den Dienstleistungen, die eine Vokswirtschaft prägen. Wer z. B. die Verschmutzung der Ozeane mit Plastikabfällen wahrnimmt könnte verzweifeln. Aber wir haben Grund und auch die moralische Verpflichtung optimistisch zu sein. Menschen verändern ihre Perspektiven und in der Folge auch die Wirtschaft. Und eine freie Wettbewerbswirtschaft halte ich was die Flexibilität betrifft anderen Wirtschaftsformen überlegen.

    Wer sich über die Ursachen der goldenen Jahre von 1955 bis 1975 und andere Megatrends des 20. Jahrhunderts informieren möchte, der greife z. B. zu Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme, Geschichte des 20. Jahrhunderts 

     

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