1933: Papst, Politik und Primaten

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Unterzeichnung des Reichskonkordats 1933.Ein Kommentar von Georg Korfmacher vom 10.8. befasst sich mit den Vorgängen vor 80 Jahren.

1933: Papst, Politik und Primaten
Es geht um das Reichs-Konkordat, das Hitler mit dem Heiligen Stuhl schloss:

In demselben Jahr, in dem Hitler die deutschen Gewerkschaften auflöste und deren Vermögen beschlagnahmte, schloss er zeitgleich das Konkordat mit dem Heiligen Stuhl, nachdem er sich mithilfe der Catholica durch das Ermächtigungsgesetz an die Macht manövriert hatte. 1933, vom seinerzeitigen Papst als „1. Ausserordentliche Heilige Jahr“ ausgerufen, war das Jahr einer unseligen Verbrüderung zwischen Papst, Politik und Primaten.

Die Glocken des Petersdoms läuteten und der Münchner Primat schrieb Hitler lobhudelnd: "Was die alten Parlamente und Parteien in 60 Jahren nicht fertig brachten, hat Ihr staatsmännischer Weitblick in sechs Monaten weltgeschichtlich verwirklicht", und der aus Aachen: „Diözese und Bischof werden am Aufbau des neuen Reiches freudig mitarbeiten“.

Und der vor 80 Jahren zwischen Hitler und dem Hl. Stuhl ausgekungelte "verbrecherische Vertrag“ (Thomas Dehler) gilt noch heute. Eingefädelt wurde er im Frühjahr 1933 auch vom katholischen Politikerprälaten Kaas, der mit seiner Zentrums-Partei dem Ermächtigungsgesetz zustimmte (die Sozialdemokraten verweigerten konsequent und gegen alle Bedrohungen der Nazis ihre Zustimmung) und damit die bestehende Verfassung verriet. Das Protokoll der Sitzung vermerkt lebhaften Beifall im Zentrum, bei der Bayerischen Volkspartei und bei den Nationalsozialisten. Damit kam Hitler an die Macht, während der Dreikäsehoch seine Zentrumspartei und auch die Bayerische Volkspartei gehorsamst auflöste. Alle „Rechte“ aus dem Konkordat mit dem Naziregime hat die Catholica bis in unsere Republik „gerettet“.

In seiner Regierungserklärung vom 23.3.1933 hatte Hitler das Christentum als
„unerschütterliches Fundament des sittlichen und moralischen Lebens unseres Volkes“ bezeichnet – welche Ähnlichkeit mit den Aussagen heutiger Politiker! -, und nur 5 Tage später liessen die deutschen Bischöfe ihre Warnungen vor der NSDAP, „ein Katholik könne der nationalsozialistischen Weltanschauung nicht beipflichten“, fallen. Unverzüglich danach wurde das Konkordat verhandelt und nur drei Monate danach paraphiert. Das zeigt, dass Hitler und der Hl. Stuhl mit viel Einvernehmlichkeit verhandelt bzw. geschachert haben. So z.B. Bekenntnisschulen und Religionsunterricht gegen Einschränkung der politischen Betätigung des Klerus im Zusammenhang mit dem CIC, can. 139. Alles ging von Hitler und vom Papst aus. K.-H. Deschner bringt es auf den Punkt: »Nicht das Gros der Katholiken … ging zuerst zu Hitler, wie man der Welt so gern vorgelogen hatte, dann der Episkopat, dann die Kurie; sondern umgekehrt: Der Papst entschloß sich, das mit Mussolini geglückte Experiment mit Hitler zu wiederholen, die deutschen Bischöfe gehorchten, und die Gläubigen mußten folgen.«

Der Catholica besonders gefällige Regelungen waren, dass Kirchenorganisationen Körperschaften des öffentlichen Rechts waren Kirchensteuer erhoben werden konnte und dass Staatsleistungen an die Kirche nur „im freundschaftlichen Einvernehmen“ abgeschafft werden durften, worüber gerade heute wieder heftig diskutiert wird. Dafür leisteten die Primaten einen Treueeid: „Vor Gott und auf die Heiligen Evangelien schwöre und verspreche ich, so wie es einem Bischof geziemt, dem Deutschen Reich und dem Lande … Treue. Ich schwöre und verspreche, die verfassungsmäßig gebildete Regierung zu achten und von meinem Klerus achten zu lassen …“. So war der Klerus auch verpflichtet, „für das Wohlergehen des Deutschen Reiches und Volkes“ zu beten.

Weniger bekannt dürfte das Geheimgutachten des Kirchenrechtlers und katholischen Priesters Hans Barion (1899-1973) sein. Dieser nationalsozialistische Theologe stellte das Konkordat als „eminente Niederlage des Staates gegenüber dem „politischen Katholizismus“ der römischen Kurie“ dar und machte auch noch Vorschläge für seine staatsfreundliche Auslegung. (Quelle: Thomas Marschler, Kirchenrecht im Bannkreis Carl Schmitts. Hans Barion vor und nach 1945, Bonn 2004).

Dass das unselige Konkordat auch in unserer Republik fortwirkt, verdanken wir wiederum einem katholischen Primaten, nämlich dem Apostolischen Nuntius, der gegenüber der seinerzeitigen Bundesregierung monierte, dass bestimmt catholica-freundlicher Regelungen im Reichskonkordat betreffend das Schulwesen nicht in unser Grundgesetz übernommen werden sollten. Anlass war das Vorhaben von Niedersachsen, in einem neuen Schulgesetz keinen Religionsunterricht mehr vorzusehen. Die tiefschwarze Regierung ging auf die Knie und rief das BVerfG an. Dieses beschied dann 24 Jahre nach dem Konkordat mit den Nazis, dass dieses gültig zustande gekommen sei. Dabei verwies es ausdrücklich auf seine Bekanntmachung im Reichsgesetzblatt durch Reichskanzler Adolf Hitler, Reichsminister des Auswärtigen Freiherr von Neurath und Reichsminister des Innern Frick am 12. September 1933. Unschädlich sei auch, dass das Konkordat auf Grundlage des nationalsozialistischen Ermächtigungsgesetzes abgeschlossen wurde und damit nicht im Verfahren zustande kam, das die Weimarer Reichsverfassung vorsah. Honi soit qui mal y pense.

So entstand die paradoxe Situation, dass in unserem heutigen demokratischen Staat und seiner Umgebung mit anderen Staaten dieser Art „das Reichskonkordat das einzige heute noch gültige außenpolitische Abkommen aus der Zeit des nationalsozialistischen Deutschen Reiches“ ist. Gleichwohl ist das Reichskonkordat bis heute umstritten, selbst wenn und gerade weil die deutsche Catholica es als „Grosstat von unermesslichem Segen“ pries.

Heute scheinen solcher Segen und solche Grosstat nicht  mehr möglich, selbst wenn die drei Staatsgewalten von gehorsamen Christen durchsetzt sind, haben sich doch die Proportionen in der Bevölkerung erheblich verschoben und hat die Catholica jetzt (laut Konrad-Adenauer-Stiftung) doch einen eher laizistisch eingestellten Pontifex.

Der ruft jetzt seine Primaten mit bisher nie gehörten klaren Worten zur Ordnung und Armut und das Volk zum Sich-Einmischen auf. Also nicht mehr von oben nach unten, sondern von unten nach oben, was für so manchen Primaten kräftiges Ohrensausen bedeuten muss. Zumal sich unverzüglich und überdeutlich die Bewegung Wir sind Kirche meldet: „Die von Papst Franziskus angestoßene Kurienreform ist von so zentraler Bedeutung für die Zukunft der römisch-katholischen Kirche, dass sie nicht hinter verschlossenen Türen stattfinden darf, sondern transparent und im offenen Dialog auch mit den Ortskirchen begonnen werden muss“. Das kecke Kirchenvolk verlangt Transparenz, kollegiale Pluralität und demokratische Regeln. Da ahnt man schon, wie sich so mancher Primat hinter dicken Palais-Türen verschanzt, sich für unbestimmte Zeit in den Urlaub abmeldet oder seine persönliche Referentin oder einen Sprecher an die Front schickt.

Obwohl die Äusserung eines deutschen Primaten zur Hitlerzeit mit der eindringlichen Warnung an seine Primatenkollegen, sich gegen einen Boykott jüdischer Geschäfte auszusprechen, weil es sich um einen wirtschaftlichen Kampf in einem in kirchlicher Hinsicht nicht nahestehenden Interessenkreis handele, nicht mehr vorstellbar erscheint, ist die Haltung der Catholica gegenüber Sinti und Roma und auch anderen Minderheiten und Migranten nicht immer nachvollziehbar. Besagter Primat hielt es für dringend geboten, der bedrängten jüdischen Minderheit jegliche Solidarität zu verweigern, da er andernfalls Nachteile für die Kirche fürchte. Im Übrigen habe sich "die überwiegend in jüdischen Händen befindliche Presse" auch nicht für die Katholikenverfolgungen in anderen Ländern interessiert. Ein wahrer Diener seiner Kirche kann der nicht gewesen sein, insbesondere wenn man die gelebten Beispiele des neuen Pontifex dagegen setzt. Natürlich muss es zwischen Staat und Kirchen Brücken geben. Aber eben Brücken der Verständigung und nicht Brückenköpfe, über die einseitige und grosse Volksteile benachteiligende Privilegien aus der Nazizeit verbissen verteidigt werden.

Link zur Seite von Georg Korfmacher: www.georgkorfmacher.com/aktuelles 

Link zu einem SPIEGEL-online-Artikel vom Juli über dasselbe Thema: http://einestages.spiegel.de/s/tb/29162/80-jahre-reichskonkordat-pakt-zwischen-vatikan-und-ns-regierung.html

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5 Antworten auf 1933: Papst, Politik und Primaten

  1. Argutus sagt:

    der Münchner Primat

    Im Plural kann man (lateinisch) "Primates" oder (eingedeutscht) "Primaten" sagen, aber im Singular heißt es "Primas".

  2. Die beiden Großkirchen haben damals den verbrecherischen Nazis nachweislich ihre Hand gereicht, auch nachdem sie wussten, was für Verbrechen geschehen sind und noch geschehen werden. Es waren zwar Pastoren im KZ, aber kein einziger Bischof. Alle Bischöfe, Kardinäle, bis hin zu Pius XI. und Pius XII. waren überzeugte Antisemiten, und immer wieder war von ihnen zu hören, die Juden hätten ihren Heiland getötet. Abgesehen von den Grausamkeiten, die von den Nazis, die nicht selten auch Christen waren, begangen wurden, muss man Menschen, welche dabei die sagen, Dummheit vorwerfen. Ein erwachsener Mensch, der die Menschen sagt, ist einfach dumm. Es ist für einen logisch denkenden Nichtchristen einfach nicht zu fassen, welches niedrige geistrige Niveau im 3. Reich – ein kurzes Reich – damit die Kirchenleitung hatte.

  3. Christoph Deblon sagt:

    "…überzeugte Antisemiten…"

    Antijudaisten, auch Antizionisten, nicht Antisemiten.

  4. Es ist richtig, entsprechend der Zeit waren es Antijudaisten. Der Antijudaismus hat in der christlichen Kirche eine lange Tradition, wobei man aber feststellen muss, dass Jesus selber natürlich Jude war.

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