Takfir : das innerislamische Chaos

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Die Debatte über den Islam hat die zivilisierte Welt erreicht. Allerdings fällt es ihr schwer, zu wirklich sauberen und analytisch korrekten Bewertungen zu kommen, da außerhalb (aber teilweise auch innerhalb) der islamischen Umma wenig bekannt ist, wie weit die Fraktionierung der moslemischen Welt bereits vorangeschritten ist. Den meisten ist allenfalls bekannt, dass es Sunniten gibt (gesteuert von Al-Azhar in Kairo) neben den Schiiten, deren überwiegender Teil im Iran siedelt (gesteuert von der geistlichen Hochburg Qom). Man hört auch gelegentlich, dass Schiiten sunnitische Moscheen in die Luft sprengen – vor allem im Irak – und im Gegenzug sich Sunniten als Selbstmordattentäter auf vornehmlich von Schiiten besuchten Märkten betätigen. Hinter diesem Getöse bleibt der Außenwelt zumeist verborgen, was sich hinter den Kulissen abspielt.

Häufig wird nur wahrgenommen – vor allem von den so genannten Islamkritikern – was die Extreme sich leisten: Gewalt im Namen Allâhs. Dass die große Masse „normaler“ Moslems in den „gemäßigten“ Staaten wie zum Beispiel Tunesien längst andere Vorstellungen davon hat, wie der Glauben sich in ein modernes Weltbild einfügt, passt ganz offensichtlich nicht ins Bild. Allerdings ist es genau so falsch, wenn die Kanzlerin in ihrer Entschuldigung für die Äußerungen anlässlich des Todes von Bin Laden meint, dieser habe den Koran missverstanden. Genau das Gegenteil ist der Fall: er hat ihn wörtlich genommen. Siehe hierzu den viel diskutierten Artikel auf  Wissenrockt.

Genau dies aber wollen die so genannten „Kulturmoslems“ bereits seit längerem nicht mehr akzeptieren. Sie wollen leben und arbeiten wie im Westen und sich nicht fünf Mal am Tag um ihre Religion kümmern. Sie verhalten sich in diesem Punkte fast deckungsgleich mit der Masse der „Kulturchristen“, die die christlichen Feiertage begehen, sich aber das restliche Jahr von Herzen wenig darum kümmern, was die Oberbosse ihrer Institutionen täglich von sich geben. Die relative Anzahl der Kulturmoslems ist in den einzelnen Ländern natürlich völlig unterschiedlich. Am weitesten fortgeschritten auf dem Weg in eine Säkularisierung der Religion sind dabei solche Gesellschaften, die seit vielen Jahren mit intensiven Ausbildungsanstrengungen für den Aufbau einer funktionierenden Mittelschicht gesorgt haben. Bestes Beispiel bleibt für mich dabei Tunesien, doch auch im Iran existiert diese Mitte, die nur derzeit noch weitestgehend vor sich hin vegetiert, da sie von Staats wegen sich nicht entfalten kann. Dass diese erkennbare Abwendung von den strengen Normen des 1.400 Jahre alten Glaubens nicht allen passt, und dass sich Gegenbewegungen extremer und extremster Art herausbilden, ist nur logisch und verständlich. Doch irgendwann werden vielleicht auch die Protagonisten der scharfen Auslegung erkennen: Allâh schafft keine Jobs!

In einer lesenswerten Studie hat nun Christian H. Meier unter dem Titel „Der Kampf um Deutungshoheit über den Islam“ eine Diskussion eröffnet, die hoffentlich auch über die Seite Qantara hinaus in Zukunft wahrgenommen werden wird.

  

 

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Eine Antwort auf Takfir : das innerislamische Chaos

  1. Dr. Frank Berghaus sagt:

    Ich begrüsse ganz herzlich die Leser, die aufgrund meines Hinweises auf Facebook hierher gefunden haben. Ich hoffe, man sieht sich öfter hier :-)

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