® Reload 1970

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SPD1963(SPD-Plakat von 1970, als die SPD noch fürs Soziale war)

Reminiszenzen

Das Gegenteil vom Sozialen bestimmte die Geschäfte der Deutschen Bundesbahn unter dem damaligen DB-Chef Mehdorn (1999-2009). Die DB sollte in eine AG umgewandelt werden. Zum höheren Wohl des Profits wurde alles wegoptimiert, was nicht unbedingt nötig war, bis die DB äußerst knapp an Personal, an funktionierender Infrastruktur und auch an Motivation war. Das Projekt DB-AG ging schief, aber die DB hat Jahre gebraucht, um aus der Misere herauszukommen.

Was noch alles schiefging, ist das Thema dieses Artikels (aktualisierte Fassung vom 17.11.16). Der Ex-DB-Chef Mehdorn ist ja nicht der einzige, der so agiert. Wie kommt es, dass jemand eine Firma dermaßen auf Zack bringt, dass sie am Ende nicht mehr richtig funktioniert? Das ist der Logik des entfesselten Marktes geschuldet, der von der sozialen Rücksichtnahme befreit ist (die Motivation geht verloren), und wo der kurzfristige Profit wichtiger ist als alles andere (die Redundanz und damit die Sicherheit geht verloren). Diese Zustände haben sich über Jahre hinweg entwickelt.

Die letzten 40 Jahre haben uns die Deregulierung und die globale Abzocke beschert, Grund genug für ein paar Reminiszenzen an eine heile Welt. Ende der 1960er Jahre fuhr die DB noch ohne große Probleme. Da war die Wirtschaftswelt noch in Ordnung. Sie wurde von der Industrie beherrscht, und die Banken hatten eine dienende Funktion. Sie sammelten das Geld vom Sparer ein und vergaben es an die Produktionsbetriebe. Die Börsen sammelten das Kapital der Anleger ein und versorgten damit Wirtschaft und Industrie. Das Ganze unter strenger Aufsicht, weil man noch die Weltwirtschaftskrise  von den 1930ern in Erinnerung hatte.

Das war die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders, wo jeder Arbeitsfähige und -willige ganz selbstverständlich eine Perspektive mit Arbeitsplatz, Familiengründung, Hausbau und Autokauf vor sich sah. Gegen dies schreckliche System protestierte ein großer Teil der Jugend vehement, es kam zu Massendemonstrationen und sogar Terrorismus. Eine hässliche doofe Protest-Elite kam auf, die zu dogmatisch zum Denken war und unser bestes Gesellschaftssystem aller Zeiten bekämpfte. Parallel dazu gab es eine Enttabuisierungsbewegung, die uns von dem alten Muff befreite, bloß damit eine schöne doofe Pop-Elite aufkam, die Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll lebte und das Denken erst recht vergaß.

Der Rest der Jugend nutzte die Chancen, um sich eine Existenz aufzubauen. Die Leute haben viel gearbeitet und sich über die tollen Umwälzungen in Wissenschaft und Technik gefreut. Es war wirklich spektakulär, was sich da getan hat. Vor lauter Mitmachen wurden sich die meisten Leuten der weniger tollen Umwälzungen gar nicht bewusst. Keiner achtete groß darauf, wie die Entwicklung voranschritt. Die DB fuhr ja zuverlässig, falls das Auto mal streikte.

Seither hat die Technik enorme Fortschritte gemacht, bis hin zu ICEs, die vor lauter Technikproblemen nicht mehr aufs Gleis dürfen. Aber technische Fehlentwicklungen waren die Ausnahme, so dass die Wirtschaft immer mehr Werte schaffen konnte. Die Fehlentwicklungen auf dem sozialen Gebiet wogen schwerer, und die sorgten dafür, dass von den neu geschaffenen Werten immer weniger bei der Allgemeinheit ankam. Der Technikfortschritt bedeutete Rationalisierung, was einen "Produktivitätszuwachs" von 1-2% jährlich brachte. Im Klartext, die Maschinen übernahmen immer mehr Arbeit vom Menschen.  Mit dem Ausbruch der Computerzeit verstärkte sich dieser Trend.

Ein weiterer Einfluss war die Bevölkerungsexplosion, durch die sich die Zahl der Menschen in 40 Jahren verdoppelte. Weltweit gab es immer mehr Menschen ohne Existenzgrundlage, der internationale Bevölkerungsdruck nahm zu. Die Ansprüche der Menschen wuchsen noch schneller als die Zahl der Menschen. Die ersten Ölkrisen zeigten auf, dass die Ressourcen nicht unendlich sind und keine unendliche Vermehrung der Menschen und ihrer Ansprüche erlauben werden.

Alles zusammen machte den Menschen entbehrlicher. Zumindest die schlecht ausgebildeten fanden schwer Arbeitsplätze, und viele gut ausgebildete ebenso. Die Zeit der Vollbeschäftigung war vorbei, von nun an wurden die Arbeitslosen nach Millionen gezählt. Eine neue Erfahrung für das Wirtschaftswunderland. Aber es sollten noch ganz andere Erfahrungen kommen.

Deregulierung

In den 1970er Jahren war es noch harmlos, da begann das Zeitalter der Deregulierung erst. Zuerst wurde das System fester Wechselkurse aufgehoben (unter US-Präsident Nixon), womit die Leitwährung Dollar an Stabilität verlor. In den folgenden 40 Jahren beseitigten die Industrienationen die Schutzwälle, die sie um die Wirtschaft herum errichtet hatten – genau so, wie es die Neoliberalen wollten (unter dem Agendasetzer Friedman, dessen erklärtes Ziel der Kampf gegen die Sozialstaatlichkeit war). Die Entfesselung der Märkte nannte sich Liberalisierung, und sie hatte großen Erfolg bei der Bereicherung des obersten 1% und vor allem bei dem obersten 0,1%, der obersten Oberschicht.

Was dabei in Vergessenheit geriet, war die Tatsache, das Herumschieben von Geld schafft keine Werte. Aber es schafft Scheingewinne (solange die Kurse steigen) und echte Gewinne für die, die das Dealen am besten verstehen und die Provisionen nehmen. Dazu die Stimme der Vernunft: Der kapitalistische Finanzmarkt ist ja völlig intransparent; dort findet eine Fülle von Transfers statt, die nicht auf die Produktion von Gütern, also auf die Bedürfnisse der Menschen, angelegt ist; da werden Forderungen und Beteiligungen x-mal verkauft, auf jeder Stufe gibt es Käufer und Verkäufer, Berater und Prüfer, Versicherer und Rückversicherer, die alle damit beschäftigt sind, Gewinne abzusaugen. Darüber begeisterten sich die Banker, und die Politiker taten willfährig, was die Finanzleute ihnen eintrichterten.

Immer voran die US-Politiker aller Couleur (der Republikaner Nixon, der Demokrat Carter, der Republikaner Reagan). Sie alle lockerten die Regeln für die Finanzmärkte, sie hoben die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken auf und ließen seriöse Firmen damit zu Spekulationsbuden verkommen. Außerdem ermöglichten sie es den Hedgefonds, auf Pump zu spekulieren, so dass lauter Leute Kapitalist spielen durften, die kein Kapital hatten: Sie konnten Firmen kaufen, verkaufen und ausschlachten. Es wurde dereguliert, bis das nutzlose »Eigengeschäft« der Finanzindustrie die Geschäfte der Realwirtschaft um das zigfache übertraf, und bis sich die Finanzleute aus der Wall Street zu den Herren der Welt aufgeschwungen hatten.

Europa folgt

Die britische Regierung (unter Premierministerin Thatcher) wollte die heimische Bankenszene auch an dem Riesenrad mit immer neuen und immer windigeren Derivaten (Produkte aus Wertpapieren) teilhaben lassen, und Mitte der 1980er Jahre kam die Entfesselung der Märkte in Großbritannien an. Zu den Herren der Welt in Wall Street gesellten sich die Herren der Welt in der City of London.

Das Geschäft wurde immer heißer, weil immer mehr Banken mit solchen Derivaten zockten und weil immer mehr Anleger sie kauften; das Volumen und die Kurse stiegen. Und es wurde immer schmutziger, weil immer mehr versteckte Risiken eingebaut wurden. Die Aufsichtsbehörden schauten weg, die Politiker verstanden es nicht, und die Banker bastelten sich ein Schattenbanken-System (Handel an den regulären Börsen vobei, »Auslagerungen«, Hochrisiko-Zockerei auf Pump, Gewinnflucht in die Steueroasen). Die 1990er Jahre brachten dann Verbriefungen (Investment-Papiere aus zusammengemischten Hypotheken), und damit wurde das Spitzenprodukt des Geldzaubers kreiert: die AAA-subprimes.

Das höchste Rating AAA (»triple A«=angeblich risikolos) wurde für Verbriefungen von subprime (minderwertigen) Hypotheken hergegeben, und damit es nicht auffiel, wurden die Verbriefungen nochmal verbrieft und nochmal. So wusste keiner, was er da kaufte. Aber gekauft wurde es von vielen Banken (allen voran die deutschen Landesbanken (LB) und die HRB und die KfW, »denen kann man alles verkaufen«).

An dieser Stelle haben zwei Aktivisten eine ehrende Erwähnung verdient, der damalige Landes-Finanzminister und nachmalige Kanzlerkandidat Steinbrück und der damalige Ministerpräsident Stoiber. Die gingen gegen EU-Vorgaben an, die den deutschen Landesbanken die staatliche Bevorzugung wegnahmen, weil sie den LBs zuviel Wettbewerbsvorteile verschafften. Ein anderes Geschäftsmodell als solche leichten Profite hatten sie aber nicht, und so besorgten Steinbrück und Stoiber den LBs die Lizenz zum Zocken. Am Ende haben die LBs denn auch ca. 50 Mrd. verzockt.

Die ganze deutsche Finanzindustrie durfte jetzt mitmischen, weil die deutschen Regierungen nicht untätig zusehen wollten, wie die US-Amerikaner und die Briten immer mehr Geld hervorzauberten und herumschoben. Mitte der 1990er kam als »Stärkung vom Finanzplatz Deutschland« eine radikale Aufweichung der bestehenden Gesetze (unter der CDU-Regierung Kohl). Das hieß dann Finanzmarktförderungsgesetz und Investmentmodernisierungsgesetz und erleichterte das Zocken ungemein, durch Abschaffung der Börsenumsatzsteuer und anderen Spekulationsbremsen. Die folgende SPD-Regierung (unter Schröder) machte genauso weiter und erlaubte die Anteilsverkäufe jetzt, ohne Steuern dafür zu erheben. In der Folge wurde hin- und herverkauft wie noch nie. Der Finanzindustrie wurden immer mehr Steuervorteile zugeschanzt, die Finanzmarktaufsicht wurde geschwächt (unter der CDU-SPD-Regierung Merkel).

Tonangebend war eine Lobby-Truppe »Initiative Finanzstandort Deutschland« (IFD, mit dem einschlägig bekannten Deutsche-Bank-Chef Ackermann), die den Abbau von Hindernissen und Regulierungen durchsetze, um Deutschland zu einem »Produktionsstandort von Kapital« zu machen.

Geldproduktion

Diese »Produktion« lief international jetzt auf Hochtouren. Die 2000er Jahre brachten nicht nur eine neue Währung namens Euro, die mit einer Ermächtigungsaktion der Eurokraten durchgedrückt wurde. Davon soll nicht die Rede sein, weil der Euro ein paar Jahre lang ohne Auffälligkeiten funktionierte. Was die 2000er zunächst brachten, war das Millisekundentrading, das die Umlaufszeit der Investitionen auf perverse Sekundenbruchteile reduzierte. Die Computerisierung war schon in den 1990er-Jahren ernsthaft losgegangen und hatte den Handel mit Finanzartikeln immer mehr beschleunigt, bis das  Zocken die Überhand über die seriösen Investments gewann. Dazu kam nun noch der unregulierte Handel mit »Credit Default Swaps« (CDS, Ausfallversicherungen), mit denen bis heute Wetten auf Pleite-Unternehmen und -Staaten eingegangen werden dürfen. Damit können Banken sogar auf die Pleite ihrer Kunden spekulieren und an der Pleite mehr verdienen als am regulären Geschäft.

Die Jonglage mit dem Geld wurde immer abgehobener, zumal die Leitzinsen nahezu auf 0 runtergefahren wurden. Das brachte eine Geldschwemme, und es schuf einen enormen Druck auf das Kapital, angelegt zu werden. Passend dazu gab es immer mehr Staatsverschuldung, und das Geld, das die Staaten nicht pumpten, wurde in immer unsolidere Anlagen hineingetrieben. So wurden den Hedgefonds Hebelsätze bis zu 30 ermöglicht (1 Teil eigenes Geld auf 30 gepumpte Teile), und auch in den Immobilienmarkt wurden Unmengen von Geld gepumpt.

Das passte der Häuslebauen-für-alle-Bewegung ins Konzept, mit der diverse US-Regierungen (unter Clinton, Reagan, Bush) ihr Volk beglücken wollten. Schon in den 1980er Jahren hatte es eine US-Immobilienblase gegeben, man wusste also, wie der folgende Crash abläuft. Die neue Geldschwemme brachte noch spektakulärere Folgen: Sie erlaubte es Besitz- und Einkommenslosen, ein Haus zu 100 % auf Pump zu bauen, das sie dann mit Gewinn verkauften – solange die Immobilienpreise stiegen. Das Know How aus den 1980ern besagte ganz klar, dass die Preise nie sinken dürfen, weil solche windigen Finanzierungen dann crashen.

Die US-Eigenheime wurden zu Millionen mit dem billigen Geld hochgezogen, und genau diese Heime fanden sich in den Verbriefungen, jenen AAA-subprimes, die sich so wunderbar verkauften. Natürlich nur, bis die Blase platzte.

Das war 2007, aber bis dahin war der Schwarze Peter längst woanders abgeladen. Bis zuletzt machte die Lobby-Initiative IFD mit dem Sprecher Ackermann in Abwiegelung: »Der Handel mit notleidenden Krediten entlastet die Bilanzen von Problem-Aktiva.« Aber dann war Schluss mit Handel, und der Schwarze Peter lag in Form der Verbriefungen bei den leichtgläubigen Banken und Investoren; und plötzlich waren sie nicht mehr AAA, sondern D wie default (zahlungsunfähig). Die Schöpfer der betrügerischen Papiere waren dagegen fein raus, die wussten ja, was los war und hatten rechtzeitig verkauft (unter anderen großen Investmentbanken auch die Deutsche Bank mit dem damaligen Chef Ackermann).

Man gab dem Geschehen den Namen Bankenkrise, weil nun viele Banken auf Papieren saßen, die kaum noch was wert waren. Es nutzte nichts, dass sie die vielen US-Häuser besaßen; die waren nicht mehr zu verkaufen, weil sie am Markt vorbei gebaut wurden, oder weil einfach zu viele auf dem Markt waren. Weil immer eine Bank Papiere der nächsten besaß, hatte die Immo-Krise das Potential, alle nacheinander in die Insolvenz zu reißen. Schließlich hatten sich die hohen Kurswerte des Derivatzaubers verflüchtigt, weil das Herumschieben von Geld trotz aller Ackermänner und ihrer »Kapitalproduktion« immer noch keine realen Werte schaffen konnte.

Rettung

Mit dem Schlagwort too big to fail wurden jetzt »systemrelevante« Finanzinstitute auserkoren. Es hieß, deren Konkurs würde so viel Schaden anrichten, dass darob das ganze Finanzsystem zerstört würde. Die Politik ließ sich nicht nur beschwatzen, bestechen, besponsern, bespenden und mit Pfründen bedenken, sondern sie fiel auch der Panikmache anheim. Von der Behauptung des Finanzweltuntergangs ließ sie sich dermaßen alarmieren, dass hinfort eine panische Rettungsaktion an die andere gereiht wurde, maßgeblich in den USA, Großbritannien und Deutschland. So ging die Retterei los.

Es wurde das Unmögliche möglich gemacht, nur eben das falsche. Die betreffenden Großbanken waren de facto pleite, und nun wurden ihnen horrende Mengen von Staatsgeld mehr oder weniger geschenkt, Motto: koste es, was es wolle, sie sind zu groß zum Pleitegehen. Dabei gab es schon 2007 die Stimme der Vernunft, die ein ganz anderes Verfahren forderte, nach dem die Allgemeinheit zuletzt haftet und nicht zuerst. Diese Ansicht setzte sich mit 5 Jahren Verspätung durch, nachdem sich manche Politiker vom Bann der Banker-Lobby befreit haben. Im Klartext, was da passiert ist:

  • die Banken sind pleite, und der Staat schenkt ihnen hunderte von Mrd., um die Pleite abzuwenden (der irische Staat schenkte sogar soviel her, dass er selber pleite ging). Das war ein hirnrissiger Fehler.
  • der Staat hat ja kein Geld, also nimmt er neue Schulden für die Bankengeschenke auf, und zwar bei den Banken (nicht unbedingt denselben). Die Banken dürfen nämlich inzwischen Geld schöpfen (früher waren die Notenbanken für die Geldschöpfung zuständig, und sie gaben es den Geschäftsbanken als Kredit; inzwischen können die Geschäftsbanken selber Geld schöpfen, jedesmal, wenn sie einen Kredit vergeben, entsteht "Giralgeld"). Was man den Banken erlaubt hat, blieb dem Staat verwehrt. Das Dogma "keine monetäre Staatsfinanzierung" steht dem entgegen, und das ist noch ein hirnrissiger Fehler. Das zwingt die Staaten in unselige Allianzen mit den Banken, das wirkt wie eine Geldpumpe für die Banken, und das gibt den Banken eine Macht, die ihnen überhaupt nicht zusteht. Und das, nur um ein ausgehöhltes Dogma zu heiligen, das für Solidität sorgen soll. Mit der Solidität ist es aber nicht mehr weit her. In Wirklichkeit betreibt die EZB längst monetäre Staatsfinanzierung, bloß hintenrum. Wenn der Bruch des Dogmas ordentlich geregelt würde, hätte man die Banken nicht mehr als ewige Schmarotzer dabei.
  • für das gepumpte Geld zahlt der Staat den Banken Zinsen. Die Zinsen fließen also in die falsche Richtung. Die Banken müssten dem Staat Zinsen für die Geschenke zahlen, nicht umgekehrt! Das ist noch ein hirnrissiger Fehler.

Diese Fehler verhinderten, dass der Schaden dort abgeliefert wurde, wo er hingehört, nämlich bei den Verantwortlichen. Nach 40 Jahren Fehlentwicklung hat sich das Abzock-System selber in die Pleite getrieben – und man rettet es, damit es genauso weitermachen kann. Zur Unterstützung wurde das Geld billionenweise von unten nach oben umverteilt. Die Schulden der Banken wurden zu Staatsschulden. Das System als solches war stabilisiert worden und kann ungestört weiter daran arbeiten, das obere 1 % zu bereichern. In den USA hat das inzwischen dazu geführt, dass sie zu einer Oligarchie geworden sind, wo die Oberschicht niedrigere Steuern zahlt als ihre Bediensteten.

Erfolg

Verblüffend ist, wie reibungslos das ging. Die große Koalition fast aller Parteien wirkte daran mit, die internationale Linke blieb praktisch unsichtbar, der Aufschrei der moralischen Empörung blieb aus (bis die Occupy-Bewegung sich daran versuchte). Von Regulierung ist nun zwar gern die Rede, aber die Macht der Finanzlobby ist so groß, dass nichts Wirksames in der Richtung geschieht. Die Herren der Welt in Wall Street und City of London haben die Lage im Griff. Die Börsen und Finanzmärkte sind Zockerbuden geworden. Sie dienen den Zockern statt der Realwirtschaft. Gezockt wird im Milli- und Mikrosekundentakt, eine hysterische Pervertierung der ursprünglichen Investitionsidee. Man darf raten, wann uns der Millisekundencrash ereilt, denn das Verfahren ist äußerst unseriös, mit Manipulation durch getürkte Orders, die im letzten Moment zurückgezogen werden, und mit Reaktionen schneller als irgendjemand denken kann.

Die Geldschwemme hält an, und wegen der Deregulierung kommt sie überall hin, nur nicht dorthin, wo seriöse Investitionen gebraucht werden: bei der Realwirtschaft, der Infrastruktur (außer den hochsubventionierten Bereichen). Es ist viel sexier, mit CDS gegen die Staaten zu zocken, es ist profitabler, das Geld in die Lebensmittel-Märkte zu stecken (typische Zahlen von der Nahrungsmittelbörse: der Umsatz ist das 75-fache vom Warenwert, d.h. alles wird von den Spekulanten 75-mal hin- und herverkauft, ehe es in den Einzelhandel kommt). Oder in die Ackerland-Spekulation (Landraub) oder in die Devisenspekulation. 

Oder in das Horten von knappen Rohstoffen, mit dem die Spekulanten die Preise treiben wollen. Da tat sich gerade die einschlägig bekannte Bank Goldman Sachs hervor, die Kaderschmiede der Abzocker, aus der auch der EZB-Chef Draghi kommt. Man hat sie dabei ertappt, wie sie einen Großteil der amerikanischen Aluminiumproduktion aufgekauft und in Riesenlagern festgehalten hat, um durch die künstliche Verknappung einen Reibach zu machen. Man darf gespannt sein, ob sie die dagegen gerichteten Prozesse gewinnt, und ob das dadurch als Vorbild für die nächsten Abzockrunden durchgeht.

Von einer Regulierung der schwerstens missbrauchten Märkte ist jedenfalls nicht ernsthaft die Rede, geschweige denn von Wiedergutmachung des Schadens, den die Finanzwirtschaft angerichtet hat (Anmerkung 17.11.16: Die USA sind aktiv geworden und haben >100 Mrd. $ zurückerobert, Deutschand aber fast nichts). Man huldigt weiter der Theorie, die Spekulation wäre an sich nützlich, weil sie die Kurse stabilisiere und Rationalität ins Marktgeschehen bringe. Aber wo es bloß noch eine hysterische Pervertierung der ursprünglichen Marktidee ist, dürfte der Nutzen für die Realwirtschaft sehr bescheiden sein gegenüber dem unermeßlichem Schaden, zu dem das System imstande ist.

Ergebnis

Aber der Missbrauch ist jetzt etabliert. Das Finanzsystem ist zum Selbstzweck geworden. Das große Geld soll durch Zocken mit Kundengeldern und mit der volkswirtschaftlich nutzlosen Derivatenwirtschaft verdient werden, statt in der Realwirtschaft. Die Zockerbuden dürfen weiterhin über das allgemeine Wohl und Wehe bestimmen, statt dass sie Umsatzsteuer zahlen wie alle anderen, und statt dass Haltefristen dem Spuk ein Ende bereiten. Die Deregulierung hat sich als volksfeindlich erwiesen; sie schafft keinen realen Nutzen, nur Umverteilung von unten nach oben. Die Früchte des Technikfortschritts kommen unten nicht an, die realen Arbeitseinkommen stagnieren seit bald 40 Jahren, nur das obere 1 % bereichert sich immer mehr. Die Finanziers, die der Realwirtschaft dienen sollten, haben sich zu den Herren der Welt aufgeschwungen. Es handelt sich um eine feindliche Übernahme (d.h. gegen den Willen der Betroffenen).

Für die Euro-Staaten wird die Krise natürlich noch durch den Euro verstärkt. Das wurde an dieser Stelle schon abgehandelt und kann deshalb summarisch erwähnt werden. Wir erleben ganz moderne Techniken der Machtergreifung von Euro-Politikern, die sich auf die just-in-time-Anlieferung von frischem Rettungsgeld spezialisiert haben. Was die Finanziers in 40 Jahren beharrlicher Lobbyarbeit für sich durchgedrückt haben, setzen die Euro-Politiker nun auch für sich selber durch.

Das Schlimme ist, dass sich kein Ausweg zeigt. Die Staaten haben sich mit ihrer Verschuldung und dem daraus folgenden Aktionismus in die Hände einer Finanzwelt begeben, der sie fast alle Hemmnisse aus dem Weg geräumt haben. Die ganze Retterei dient nach wie vor dazu, den Banken die Risiken abzunehmen und sie den (noch kreditwürdigen) Staaten aufzuerlegen. Jahrelang war der Vorrang der Gläubigeransprüche vor den Bürgerrechten institutionalisiert. Und man muss bedenken, 70 % des betroffenen Kapitals sind im Besitz der 5 % weltweit reichsten Individuen, und beim oberen 1 % konzentriert es sich nochmal. Es geht also um eine Bereicherung der Reichen.

Was da etabliert wurde, ist die Regelbindung der Politik gegenüber den deregulierten Finanzmärkten, während die Bindung an die Prinzipien von Gerechtigkeit, Marktwirtschaft und Demokratie aufgeweicht  wurde. Kein rationaler Umgang mit Nutzen und Schaden des Euros. Keine Bremse für die entfesselte Zockerei. Keine Abschaffung der volksschädigenden Investmentbanken. Kein Ende des border hoppings, mit dem die Arbeitskräfte billiggemacht und die Finanzämter abhängt werden. Aber Bedienung der Schulden, die durch die Finanzspekulation enstanden sind. Und immer mehr Schulden häufeln und herumschieben. Und immer weitere Umverteilung zum reichen 1 % statt  Wiedergutmachung. Das alles wurde ohne Not eingeführt und immer weiter verfolgt, bis es die gegenwärtigen Nöte schuf.

Jetzt ist auch klar, was das Dogma, von der Erhaltung des Euros um jeden Preis in Wirklichkeit bedeutet: Das schwerstens missbrauchte und deshalb so profitable Finanzsystem soll um jeden Preis erhalten werden. Und damit auch die Machtposition der Euro-Politiker.

Globalisierung

Was dem Politiker in Wahrheit zusteht, ist der Status als Dienstleister und Sachwalter, der ordnungsgemäß für den Souverän Volk arbeitet, der belastbare Regeln schafft und die Staatsgeschicke unter Vermeidung von Katastropheneinsätzen lenkt. Was wir stattdessen haben, ist die Deregulierung (=feindliche Übernahme des Finanzsystems durch die Zocker) und die Globalisierung (=Überwindung aller Grenzen durch den Kommerz incl. der Grenzen von Anstand und Menschenrecht).

Seither werden die Staaten beim border hopping von der Wirtschafts- und Finanzelite genasführt. Die internationalen Organisationen sind hilflos, die Staaten werden gegeneinander ausgespielt und genauso die Arbeitskräfte. Nachdem das Know-How mal im Computer drinsteckte, konnte der Kommerz es in der ganzen Welt gegen uns einsetzen. Wissenschaft und Technik wurden exportiert, aber nicht die Menschenrechte, mit der die Technik sozial verträglich gemacht worden war. Das rächt sich jetzt, indem die billigen Arbeitsplätze zurückimportiert werden; und die Arbeiterrechte sind unterwegs verlorengegangen. Da haben wir die teuerste Errungenschaft unserer Altvorderen verspielt, und unsere Jugend ist arbeitslos (50 % in Spanien und Griechenland) bzw. in Lohnsklaverei und prekäre Jobs abgedrängt (in Deutschland).

Reload 1970

Die auskömmliche Perspektive mit Hausbau und Familengründung gibt es nur noch für eine Minderheit. Für die Mehrheit bedeutet es unkalkulierbare Risiken, wenn sie Kinder kriegen oder ein Haus bauen. Oder wird das kompensiert durch die viele neue Hi-Tec zum Streicheln? Wer den ganzen Tag sein smartphone befingert, braucht nichts anderes mehr? Wohl eher nicht.

Wer will es den Jugendlichen von heute übelnehmen, wenn sie verweigern? Eigentlich ist es schwer zu verstehen, dass sie nicht auf die Barrikaden gehen, wo man ihre Zukunft dermaßen beschädigt. Dass es gewaltig runtergeht, ist angesichts der Schuldenlasten unvermeidlich.

Man möchte fast meinen, dass es den Leuten möglichst gut gehen muss, damit sie einen Protest zustandebringen statt umgekehrt. Die Rückbesinnung sagt uns, dass wir bis zu den 1970er Jahren einen einmaligen Höhepunkt erlebt haben (jedenfalls die damals schon anwesenden). Die 68er-Generation mit den vielen Protestlern hat dann zugeschaut, wie das Aufgebaute und Erreichte dereguliert und runtergekommen ist. Als der Protest wirklich nötig war, blieb er aus.

Wie das wohl die Nachwelt sehen wird? Vielleicht wird die Wirtschaftwunder-Generation viel mehr Wertschätzung erfahren, und der 68er-Generation wird man den Niedergang anlasten müssen. Damals hatte man sich diese heile Welt erarbeitet, wo jeder eine auskömmliche Lebensperspektive hatte. Die ist nun nachhaltig zerbröselt zu einer Welt der Umwälzungen, die standardmäßig zum Nachteil der Allgemeinheit ausgehen. Als ob wir es nicht in der Hand gehabt hätten, alles zum Besseren hin zu entwickeln. Aber vielleicht gibt es noch Chancen, die Fehlentwicklungen rückgängig zu machen? Reload 1970?

Link zum passenden Euro-Artikel: http://www.wissenbloggt.de/?p=18837

Link zum ergänzenden Ethosdefizit-Artikel: http://www.wissenbloggt.de/?p=18522

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27 Antworten auf ® Reload 1970

  1. Argutus sagt:

    Der vielgeschmähten schwäbischen Hausfrau, die jedes Schuldenmachen ablehnt und deshalb nur Geld ausgibt, das sie besitzt, und die auch davon noch möglichst viel spart, wäre das Disaster nicht passiert.

    Leider ist der Anteil der schwäbischen Hausfrauen in der Politik sehr gering … :-(

  2. Frank Berghaus sagt:

    Argutus sagt: 15. August 2013 um 11:06

    Leider ist der Anteil der schwäbischen Hausfrauen in der Politik sehr gering … :-(

    Und das ist auch gut so!  Die Politik der schwäbischen Hausfrau eigenet sich nämlich nicht einmal für die schwäbische Hausfrau – sofern diese investieren möchte. Leider macht die Politik bereits Schulden, um den Zinsdienst der bisherigen Schulden bedienen zu können.
  3. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Das hat ja nun nichts damit zu tun, dass "früher alles besser war". Dies dient ja nur als Vergleich zu normal empfundenen Zuständen. Zur heutigen ungehemmten Wirtschaftsweise, die der Artikel darstellt, wäre eine Menge zu sagen. Hier hängen einige Aspekte daran – angefangen von der Entwertung von Arbeit und der Methode, aus Luft Geld zu machen.

    Die schwäbische Hausfrau ist da nur Folklore. Natürlich braucht man Kapital für Investitionen, natürlich sind Verbindlichkeiten nicht per se unmoralisch. Doch darum geht es nicht.

  4. Argutus sagt:

    Frank Berghaus sagt: 15. August 2013 um 12:54

    Die Politik der schwäbischen Hausfrau eigenet sich nämlich nicht einmal für die schwäbische Hausfrau – sofern diese investieren möchte.

    Was spricht dagegen nur Geld zu investieren, daß man besitzt, anstatt solches, das man sich erst irgendwo borgen muß und dann, wenn die Investition fehlschlägt, nicht mehr zurückzahlen kann?

  5. Frank Berghaus sagt:

    Argutus sagt: 15. August 2013 um 14:41

    Alles, weil auf diese Art und Weise kein wirtschaftlicher Kreislauf in Gang kommt.

    Allerdings sollte – anders als beim Staat leider der Fall – genau festgelegt sein, in welchem Zeitraum ein solcher Kredit zurückzuzahlen ist.

    Ein möglicher Misserfolg widerspricht dem ja nicht. Dazu haben wir Konkursverfahren, die ebenso zum Wiirtschaftsgeschehen gehören wie der unternehmerische Erfolg.

  6. Argutus sagt:

    Frank Berghaus sagt: 15. August 2013 um 14:57

    Alles, weil auf diese Art und Weise kein wirtschaftlicher Kreislauf in Gang kommt.

    Wieso? Geld läuft doch immer im Kreis, auch wenn man keine Schulden macht.

    Der Punkt, auf den es mir ankommt, ist, daß solides Wirtschaften kein Risiko beinhalten darf, weil sonst die Gefahr besteht, daß Verluste eintreten, die man nicht verkraften kann.

    Wer reich ist und genug überflüssiges Geld hat, das er gar nicht braucht, kann, wenn es ihm Spaß macht, mit diesem Geld spielen, spekulieren oder es sostwie risikobeaftet investieren. Aber mit Geld, das man braucht, wäre das Wahnsinn. Wovon soll man leben, wenn es dann weg ist?

    Und für eine Firma oder einen Staat gilt das ganz analog. Die Sicherheit nicht pleite zu gehen, ist doch wesentlich wichtiger als irgendwelche windigen Gewinne, die man vielleicht macht, vielleicht aber auch nicht.

  7. Frank Berghaus sagt:

    Argutus sagt: 15. August 2013 um 16:15

    Och nee, ich möchte jetzt wirklich nicht die Geschichte vom Schuster undem Leisten erzählen.

  8. Wilfried Müller sagt:

    Kein Wirtschaften ohne Risiko, auch wenn man solide ist. Kredite und Anteilsscheine (Aktien) sind von alten Zeiten her ein Erfolgsweg, Geld und Arbeit zusammenzubringen. Wenn jeder nur mit dem Geld wirtschaften kann, das er selber hat, tut sich die Wirtschaft schwer. Die schwäbische Hausfrau ist ökonomisch ineffizient. Wir brauchen einen Mittelweg zwischen ihr und dem totalen Risiko, das heute eingerissen ist, eben eine Regulierung.

  9. Argutus sagt:

    Frank Berghaus sagt: 15. August 2013 um 16:41

    ich möchte jetzt wirklich nicht die Geschichte vom Schuster und dem Leisten erzählen.

    Okay, ich habe verstanden. :-) Werde mich dazu nicht mehr äußern.

    Nur so viel möchte ich noch sagen: Ich bereue es kein bißchen bisher in meinem Leben von finanziellen Risiken jedweder Art konsequent Abstand genommen zu haben und das werde ich auf für den Rest meiner Tage so beibehalten und allen, die das hören wollen, weiterempfehlen.

  10. Frank Berghaus sagt:

    Argutus sagt: 15. August 2013 um 16:15

    Ich möchte dir gern ein hoffentlich einsichtiges Beispiel geben, dass dir klar macht, wieso die Aussage von Wilfried hier völlig korrekt ist. Bleiben wir bei deiner schwäbischen Hausfrau:

    Sie bewirtschaftet einen kleinen Hof, der aber zunehmend unrentabler wird angesichts der Konkurrenz. Reserven in nennenswertem Umfang sind nicht vorhanden. Sie kommt auf die Idee, das grosse, idyllische Bauernhaus in Ferienwohnngen für stadtmüde Städter umzuwandeln. Aus Eigenmitteln ist das nicht zu bewerstelligen. Also beantragt sie bei der Bank einen Kredit, um die Umbauarbeiten durchführen zu können. Die Bank prüft und genehmigt. Nach Fertigstellung hat sie die Möglichkeit, aus den neuen Einnahmen heraus den Kredit und die allfälligen Zinsen zurückzuzahlen.

    Was bitteschön ist an der Geschichte windig? Das ist grundsolide gehandelt.

    Gleiches gilt natürlich auch für Unternehmen, die sich neue Geschäftsbereiche erschliessen wollen/müssen.

    Dieselben (konservativen) Kriterien sollten natürlich auch für den Staat gelten.

  11. Argutus sagt:

    Frank Berghaus sagt: 15. August 2013 um 17:34

    Was bitteschön ist an der Geschichte windig? Das ist grundsolide gehandelt.

    Wenn sie sich in der Vorhersage über das Verhalten der "stadtmüden Städter" geirrt hat und dann doch keinen Gewinn macht, dann verliert sie auch noch ihr Wohnhaus, das sie der Bank als Sicherstellung für den Kredit verpfänden mußte, und steht auf der Straße.

    Solides Wirtschaften wäre gewesen, wenn sie in der Zeit, in der ihr Hof Gewinne abwarf, die nicht einfach verbraucht sondern einen Teil davon als Rücklage aufbewahrt hätte um für jene künftigen Zeiten gewappnet zu sein, in denen Investitionen nötig sind. Dann wäre ihr Wohnhaus nicht in Gefahr gekommen und Zinsen hätte sie auch nicht bezahlen müssen sondern auf die Spareinlagen sogar noch welche bekommen.

    Natürlich kann auch jemand, der solide (also ohne vermeidbares Risiko) wirtschaftet, mit viel Pech pleite gehen, aber wer Schulden macht, fordert dieses Schicksal geradezu mutwillig heraus.

    Okay, das war natürlich nicht mein "Leisten", aber du hast danach gefragt. :-)

  12. Frank Berghaus sagt:

    Argutus sagt: 15. August 2013 um 18:03

    Nach meinen Kenntnissen sind sicherlich schon mehr Unternehmen zugrunde gegangen wegen mangelnder Risikobereitschaft denn durch wohlkalkuliertes Risiko.

    Ein ganz typisches Beispiel (im Grossformat) in der deutschen Nachkriegsgeschichte war der Unternehmer Borgward, der keinerlei Schulden hatte und trotzdem oder gerade deswegen unterging. Er hatte es versäumt, stetig in modernere Produktionsanlagen zu investieren.

    Auf einem ganz anderen Blatt steht natürlich, dass man als Unternehmer seine Familie absichert. Das ist doch ganz selbstverständlich. Auch ich wäre als Unternehmer nie Risiken eingegangen, die wirklich ans Eingemachte für die Familie gegangen wären. Aber ohne diese Risiken müsste ich heute wirklich von der schmalen Rente leben.

  13. Argutus sagt:

    Frank Berghaus sagt: 15. August 2013 um 18:23

    Auch ich wäre als Unternehmer nie Risiken eingegangen, die wirklich ans Eingemachte für die Familie gegangen wären.

    Das hätte mich auch gewundert, denn ich halte dich für einen vernünftigen und verantwortungsbewußten Menschen.

    Genau  den Schutz dieses "Eingemachten" meinte ich, als ich weiter oben davon schrieb, daß man nur solches Geld einem Risiko aussetzen darf, das man nicht wirklich benötigt – das "Eingemachte" hingegen benötigt man wirklich.

  14. Frank Berghaus sagt:

    Argutus sagt: 15. August 2013 um 18:39

    Dieses "Geld, das man nicht wirklich benötigt", reicht aber in aller Regel nicht aus, um etwas von einigermassen Bedeutung in die Welt zu setzen. Dazu bedarf es einiger Kredite (oder Ausgabe von Anteilsscheinen, was auch immer). Dazu haben wir die GmbH (bei euch GesmbH), für die man nur in Höhe der Einlage haftet – also kalkuliertes, vernünftiges Risiko, sofern man keine Gesetzesverstösse begeht.

    Kredite sind nun einmal der Treibstoff der Wirtschaft. Sonst kämen wir nie zu Neuerungen.

  15. kantomas sagt:

    "Das hätte mich auch gewundert, denn ich halte dich für einen vernünftigen und verantwortungsbewußten Menschen."

    Hätte ja nur die GmbH getroffen und Frank hätte eine neue GmbH gegründet :)

    Allerdings wäre die ganze Mühe, um die GmbH überhaupt soweit zu bringen, dass die Bonität für einen großen Kredit ausreicht, einfach futsch. Die Werte in der GmbH wären auch weg. Aber das Private wäre sicher.

    "Genau  den Schutz dieses "Eingemachten" meinte ich, als ich weiter oben davon schrieb, daß man nur solches Geld einem Risiko aussetzen darf, das man nicht wirklich benötigt – das "Eingemachte" hingegen benötigt man wirklich."

    Du wirst kaum einen Unternehmer finden, der so denkt. Denn würde er so denken, wäre er kein Unternehmer.

    "Kredite sind nun einmal der Treibstoff der Wirtschaft. Sonst kämen wir nie zu Neuerungen."

    So spricht ein Unternehmer.

     

  16. Indianerjones sagt:

    http://www.handelswissen.net/data/handel…mschlagsgeschwindigkeit.ph

    Geschäftskredite gehören natürlich auch vorsorglich verwendet, eine kleines Beispiel sei hier die Umschlagsgeschwindigkeit. :nerd:

     

  17. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Dass nun Kredite für kleine oder große Unternehmer eine nützliche Sache sein können, wenn man sie dosiert einsetzt, ist ja nun hoffentlich geklärt. Diese Erkenntnis verdanken wir der frühen Neuzeit.

    Wesentlicher Aspekt des Artikels von Wilfried Müller ist allerdings, dass die "Eliten" beginnen, die "Nichteliten" genau so hemmungslos auszuplündern wie zu allen Zeiten, in denen sie Gelegenheit und Macht dazu haben.

    Beispiele findet man hier

  18. kantomas sagt:

    @ Ilex

    "Beispiele findet man hier"

    Link funktioniert nicht.

  19. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Doch, macht er jetzt

    WordPress hat offenbar Zweifel, ob "http://" zum Link dazu gehört oder nicht.

  20. pinetop sagt:

    Subprime Papiere mit einem AAA zu versehen, widerspricht dem Anliegen von Ratings. Es ist schlicht und einfach ein krimineller Akt.

  21. pinetop sagt:

    Ein Wirtschaften ohne Kredite ist als Überlegung möglich. Als Folge würden sich jedoch alle Aktivitäten verlangsamen und das Wirtschaftswachstum würde sich reduzieren oder sogar schrumpfen. Angemessenes Wirtschaftswachstum ist nur zu erreichen durch die Kombination der Produktionsfaktoren Arbeit, (Fremd)kapital und Boden. Ein Wirtschaften ohne Kapital gab es in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts in China. 

    Als Richtlinie für solide Finanzen könnte man folgende Aussage betrachten: Investitionen, die nach sorgfältiger Abwägung der Chancen und Risiken, einen Überschuss erwarten lassen, sind mit Fremdkapital zu finanzieren. Ausgaben für den Konsum sind mit Eigenmitteln zu finanzieren. 

    Das bedeutet für Unternehmen, dass im Grundsatz alle Investitionen vollständig fremdfinanziert sein können, und zwar dann, wenn die Gesamtunternehmensrentabilität höher ist als die Höhe für die Zinsen. Die Forderung nach einer Stärkung der Eigenkapitalbasis entspringt einen notwendigen Sicherheitsbedürfnis, um Fehlinvestitionen abfedern zu können.

    Haushalte, also meistens Konsumgemeinschaften, haben alle Ausgaben mit Eigenmitteln zu finanzieren. Eine Ausnahme könnte sein, wenn man um den Arbeitsplatz zu erreichen auf ein Auto angewiesen ist.       

    Staaten haben sowohl Investitions- als auch Konsumausgaben. Ausgaben für Bildung und Infrastrukturmaßnahmen versprechen Wirtschaftswachstum und damit erhöhte Steuereinnahmen. Konsequent wären zwei Haushaltspläne für den Investitionsbereich und den Konsumbereich.

    Grundsätzliche Fehleinschätzung der letzten Jahrzehnte war, dass man die Möglichkeiten des durch Keynes inspirierten deficit spending´s maßlos überschätzte.   

  22. pinetop sagt:

    Das Problem ist nicht das Profitstreben. Das Streben nach Profiten ist sogar notwendig. Der Fehler ist das Streben nach einem kurzfristigen Gewinnstreben. Mehdorn konnte Aufwendungen extrem reduzieren und Investitionen unterlassen, da sein Auftrag war, die Bahn schnell profitabel und damit börsentauglich zu machen. Dass sich dies langfristig rächt und dann die Probleme seinen Nachfolgern auf die Füsse fallen, musste ihn nicht interessieren.

    Walter Eucken hat (soweit ich weiß) als Erster auf die zeitliche Perspektive in der Wirtschaft hingewiesen. So gab es in den letzten zweitausend Jahren Perioden in denen entweder ein Kurzfrist- oder Langfristdenken überwog. Zur Zeit erleben wir ein äußerst kurzfristiges Denken. Der Manager, der einen Staatsbetrieb sofort profitabel machen muss, der Start-up-Unternehmer im neuen Markt, der sich mit 35 als Multimillionär zur Ruhe setzen wollte oder die junge Familie, die im gleichen Jahr Wohnungseinrichtung und Sommerurlaub in den Tropen finanzieren will. Diese Gier beherrscht die Mehrheit der Menschen, und wer größeren wirtschaftlichen Einfluss hat, kann natürlich auch einen größeren Schaden hervorrufen.    

  23. Argutus sagt:

    pinetop sagt: 21. August 2013 um 16:25

    Investitionen, die nach sorgfältiger Abwägung der Chancen und Risiken, einen Überschuss erwarten lassen, sind mit Fremdkapital zu finanzieren. Ausgaben für den Konsum sind mit Eigenmitteln zu finanzieren. 

    Hört sich vernünftig an, aber der Teufel steckt in der Subjektivität der Erwartung. Die Wahrscheinlichkeit eines Überschusses (geschweige denn sein Ausmaß) läßt sich ja nicht objektiv quantitaitiv berechnen sondern ist – trotz aller Abwägungen – letztlich eine Sache des unternehmerischen Bauchgefühls. Und das kann sehr trügen!

  24. Frank Berghaus sagt:

    Argutus sagt: 21. August 2013 um 17:13

    Dafür gibt es in der Regel objektive Kriterien. Nur Schissbüxen erkennen die nicht. Wer ewig nur den Fall des Fehlinvestments vor Augen hat, wird es in der Wirtschaft nicht weit bringen :-)

  25. pinetop sagt:

    Argutus, Du hast vollkommen Recht. Und deshalb auch die Forderung nach einem Eigenkapitalpolster, falls eine Investition "in die Hose geht".

  26. Argutus sagt:

    pinetop sagt: 21. August 2013 um 16:49

    Der Fehler ist das Streben nach einem kurzfristigen Gewinn

    Dieser Fehler, nämlich das viel zu kurzfristige Denken, geht weit über die Wirtschaft hinaus und ist in jedem Lebensbereich schädlich.

    Ein gutes Beispiel dafür ist etwa die Gesundheit. Ohne kurzfristiges Denken gäbe es beispielsweise keine Drogensucht, denn auf lange Sicht richtet die einen Menschen garantiert zugrunde.

    Die Fähigkeit kurzfristige Nachteile im Interese langfristiger Vorteile in Kauf zu nehmen, gehört zu den wichtigsten Errungenschaften, mit denen die Evolution den Menschen ausgestattet hat. Diese Fähigkeit gehört individuell wie gesellschaftlich gepflegt und gefördert.

  27. Wilfried Müller sagt:

    U.a. sagte pinetop: Subprime Papiere mit einem AAA zu versehen, widerspricht dem Anliegen von Ratings. Es ist schlicht und einfach ein krimineller Akt.

    Das seh ich auch so, deshalb hab ich nie verstanden, warum diese Mehrfach-Verbriefungen von den dreiviertelfaulen US-Immo-Hypotheken nicht vor Gericht wieder aufgerollt wurden. Das war eine gigantische Umverteilung von ehrlich zu Betrug.

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