Siegfried Vollman zu Der Ego-Tunnel

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Kommentar von Siegfried Vollman zu Thomas Metzingers Buch „Der Ego-Tunnel

Thomas Metzingers Buch  „Der Ego-Tunnel:Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewußtseinsethik“  ist wirklich ein großartiges Buch, das unser Verständnis erweitert, viele Mechanismen erklärt und viele Aspekte anspricht. Es ist eine echte Bereicherung, aber auch etwas mühsam zu lesen.. Aber das haben schon viele andere umfangreich kommentiert. Ich will nur  einen speziellen Aspekt kommentieren.

Irritierend finde ich  einige auch bei anderen Autoren häufig gebrauchte, negativ gefärbte Wörter, wie simulieren, einbilden, vortäuschen, Illusion, die auch mit diesem negativen Touch gebraucht werden. Sie alle suggerieren, dass  es das, was simuliert, eingebildet, vorgetäuscht wird, gar nicht gibt, dass wir einer Illusion aufsitzen. Das kann zwar manchmal sein, (z.B. Gummihand-Experiment) und die Gründe, warum wir einer Illusion aufsitzen, sind natürlich für Hirnforscher interessant und erlauben Rückschlüsse. Ursache für solche falsche (transparente) Wahrnehmung ist ein oft falsches inneres Modell, das aufgrund fehlender oder widersprüchlicher Wahrnehmung erzeugt und (falsch) ergänzt wird. Aber es gibt auch (transparente) richtige Wahrnehmung, das heißt, wir nehmen nicht alles wahr, was es  vielleicht gibt, aber das, was  im Moment für uns relevant ist und ergänzen es im Modell richtig durch Vorwissen. Auf einer nächtlichen Fahrt auf einer 3-spurigen Autobahn bei Nebel oder Schneetreiben (einer der anspruchsvollsten Gehirnleistungen) wissen wir sehr wohl, dass das was wir sehen – nämlich die Rücklichter anderer Autos, die weißen Streifen, die Lichter der Autos vor, hinter und neben uns, nicht alles ist. Trotzdem haben wir das transparente Bewusstsein, dass wir auf der Autobahn, auf einer bestimmten Spur  sind und dass wir aufpassen müssen. Obwohl das Gehirn auf Grund spärlicher Sinneseindrücke ein komplexes inneres Bild erzeugt, ist dies keine Illusion, sondern wir sind wirklich auf der Autobahn. (Illusion – siehe Wikipedia – suggeriert, dass wir eine falsche Vorstellung haben.)

Unser ganzes Verständnis der realen Welt (und auch der Welt der Ideen) beruht  auf Modellbildung, denn das ist der grundlegende Mechanismus des Verstehens überhaupt. Man braucht das also nicht zu beklagen.

Verstehen einer Sache  ist  immer verschieden von der Sache selbst.  Verstehen ist immer damit verbunden, dass man nicht alle möglichen Aspekte einer Sache berücksichtigt, sondern nur die momentan Relevanten. Und da zum Verstehen nicht nur das Verstehen des Soseins, sondern auch der funktionalen Möglichkeiten gehört, können wir glücklicherweise  Möglichkeiten auch mental simulieren.

Der in der realen Welt mit Ich bezeichnete Mensch wird vom denkenden Ich natürlich modelliert, denn das ist die Grundfunktion des Verstehens überhaupt. Deswegen ist aber weder der reale Mensch des Ichs, noch sein Modell im Gehirn (Ich-Gefühl) eine Illusion, es ist eben das (transparente aber nicht perfekte) EGO-Modell und Grundlage des Selbstverständnisses. Im Grunde soll das Wort Illusion nur deutlich machen, dass das was wir wahrnehmen, nicht die wirkliche Welt an sich ist, sondern unser („transparentes“) inneres Bild davon. Dieses Bild kann  manchmal auch falsch sein,  im allgemeinen aber gibt es das was für uns relevant ist, gut wieder, sodass wir dieses innere Bild für die Wirklichkeit selbst halten. Im normalen Leben ist das  sehr praktisch.

Manchmal habe ich den Eindruck, die Gehirnforscher sitzen zu nah dran. Betrachtet man die Einzelheiten eines (digitalen) Bildes zu genau, so sieht man nur noch Pixels. Das Bild als Ganzes erscheint dann als Illusion.

Trotzdem ist natürlich das Bild Realität und nicht nur die Pixels.Es ist ja die Absicht Bilder zu übertragen, die Pixels sind nur das technische Hilfsmittel. Wenn also eine Gehirnleistung aus dem Zusammenspiel vieler Komponenten und Mechanismen resultiert, so ist sie eine wirkliche Gehirnfunktion oder ein Konstrukt und nicht nur eine Illusion. Das Ganze ist nicht eine Illusion weil es aus (zusammenwirkenden) Teilen besteht.

Insgesamt aber  ein anspruchsvolles aber sehr empfehlenswertes Buch, das unser Wissen über uns erweitert.  (ISBN 978-3833307195),  € 11,95

Eine andere Rezension in der FAZ: Thomas Metzingers neues Buch Im Ego-Tunnel sind die Lichter an

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