® Globalisierter Vertrauensbruch

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Seit der Bankenwater-waves-2091854_1280krise und der Euro-Krise kommt die Finanzwirtschaft nicht mehr aus den Schlagzeilen raus. Darüber wird leicht vergessen, was für andere unheilvolle Kräfte walten. Da gibt's ja noch die Globalisierung, die nicht nur Gutes tut. Anlässlich des Artikels Globalisierungskritik in der Kritik wurde der vorliegende Text upgedated (29.11., Bild: geralt, pixabay).

Rückblick

Als die Welt noch in Ordnung war, wurde in Deutschland produziert, und viele wussten noch nicht mal, was ein Standort ist. Es wurde in die Hände gespuckt und drauflosproduziert, und die Firmen waren anständig und bodenständig. Pauschal gesagt, Umzugsgedanken gab es kaum. Dafür gab es Arbeit in Hülle und Fülle. Die Firmen gaben Geld und kein Fersengeld. Unausgesprochenermaßen war es für alle selbstverständlich, dass die Produktion am Ort blieb und für Arbeitsplätze sorgte. Angesichts des stabilen Aufschwungs diskutierten die Gewerkschaften über Lohnerhöhung oder Aktien-Beteiligung. Die Lohnerhöhung gewann, weil Cash auf die Hand bevorzugt wurde. Das brachte uns noch mehr Konsum und Wachstum, und alle waren zufrieden.

Nur die Science-Fiction-Autoren und die Teilnehmer von manchen wirtschafts-wissenschaftlichen Seminaren reflektierten darüber, was die technische Entwicklung alles ändern könnte. Einige sahen schon ganz gut voraus, was wir heute erleben. Sie sprachen von einer Robotersteuer. Dieses Thema Robotersteuer wurde nicht vor zehn Jahren diskutiert und nicht vor zwanzig, sondern vor fünfzig Jahren – und das war's dann auch. Seither wurden keinerlei politische Konsequenzen aus dem Fortschritt der Robotertechnik gezogen. Kaum jemand hat auf die Vorausschauenden gehört. Warum auch? Es gab Naheliegenderes, von der Fresswelle über die Reisewelle bis la ola. Für die Masse von uns war der ausufernde technische Fortschritt deshalb kein Thema. Die Erdverbundenheit der Unternehmen erschien unverrückbar. Dass bei den Unternehmen das Reisefieber genauso ausbrechen könnte wie unter den Normalverbrauchern, hat niemand im Kalkül gehabt. Wer in die Tarifver­träge etwas von »Arbeitsplätze in Deutschland lassen« geschrieben hätte, wäre ausgelacht worden, denn das war einfach eine Selbstverständlichkeit.

Bis sich dann Kommerz und Technik Bahn brachen und alles disponibel machten.

Aber auf dem Papier steht nichts von den Selbstverständlichkeiten drauf, son­dern in den Arbeitsverträgen steht im wesentlichen drin Maloche gegen Knete. Nun lösen sich die Selbstverständ­lichkeiten durch die technische Entwicklung auf, und die Balance ver­schiebt sich. Es gilt nur das, was auf dem Papier steht, und die vermeint­lichen Besitzstände von früher sind perdu. Unsere Ansprüche sind null und nichtig. Viele gute Jobs sind weg, und viel von unserer Würde auch.

Globalisierung

Weltweiten Handel gibt es schon lange, und er hat auch in der Vergangenheit zu Verwerfungen geführt. In der heutigen Form erleben wir das technisch/kommerzielle Spitzenprodukt Globalisierung als gewaltige Umwälzung. Die regionalen Märkte werden durch die globalen ausgelöscht; mit der entsprechenden Konzentration der Begehrlichkeiten. Globale Märkte heißt riesige Profitchancen, und das lockt die Skrupellosesten auf den Plan. Die gehen voran mit Billigmachen, Ausbeuten und Abzocken. Alle müssen folgen, sonst können sie nicht mehr konkurrieren und werden aus dem Markt gedrängt. Keiner kann ausweichen, weil es nur noch den einen globalen Markt gibt.

Der technische Fortschritt erlaubt immer neue Gemeinheiten, die früher noch nicht möglich waren, und die globale Marktlogik verlangt ihren Einsatz mit dem Argument »konkurrenzfähig bleiben; wenn wir es nicht tun, dann die anderen.« Als Betroffene müssen wir eine neue Logik der globalisierten Märkte lernen.

Wettbewerbsfähige Löhne heißt: Weil die anderen ausgebeutet werden, müssen wir auch ausgebeutet werden, und wir müssen uns solange billiger machen, bis die Maschinen endgültig noch billiger sind als wir.

Konkurrenzfähige Firmen heißt: Sobald eine Firma mit neuen Skrupellosig­keiten vorprescht, müssen alle anderen nachziehen und verschlanken und frei­setzen und umstrukturieren und outsourcen und offshoren. Nebenbei verschieben sie noch unser Know-how in die ganze Welt und nehmen uns damit unseren Standortvorteil.

Innovation ist technischer Fortschritt, und der technische Fortschritt steigert die Produktivität jedes Jahr um 0,5-2%. Indem die Computer und Roboter immer mehr Arbeit übernehmen, bleibt für die Menschen weniger Arbeit übrig. Inzwischen werden fünfzig Prozent der Wertschöpfung maschinell erbracht, und der Anteil der Menschen sinkt unter die Hälfte. Der technische Fortschritt ver­nichtet langfristig unsere Arbeitsplätze, so dass unsere Arbeit uns letztlich die eigene Existenzgrundlage raubt.

Weil wir brav daran arbeiten, uns langfristig selber überflüssig zu machen, werden wir mittelfristig mit Arbeitsplätzen belohnt. Wenn wir uns weigern, bei dieser Abart von Kannibalismus mitzutun, verkrümeln sich die Arbeitsplätze kurzfristig nach sonstwohin. Wenn wir's doch tun, können sie sich dessenungeachtet auch verkrümeln. Ob unsere Innovationen und unser Know-how uns überhaupt zugutekommen oder nicht, steht ganz im Belieben der Besitzenden.

Das Geschaffene steckt jetzt im Computer drin und kann leicht um die Welt herum verlagert werden, wo es dann gegen die Schöpfer eingesetzt wird. In den Arbeitsverträgen steht nichts Gegenteiliges drin, weil eben früher niemand auf die Idee gekommen ist, dass sowas möglich wäre, und jetzt hat sich die Machtverschiebung verfestigt.

Diese alarmierenden Wirkmuster basieren auf dem technischen Fortschritt und dem menschlichen Rückschritt. Der Fortschritt der Technik macht Dinge möglich, die früher noch nicht gemacht werden konnten, und der Verfall der Schamschran­ken lässt es zu, dass sie tatsächlich gemacht werden.

Wir werden armgemacht und entrechtet. Das ist es, worauf es hinausläuft. Globalisierung bedeutet, Ausbeuter aller Länder, vereinigt euch!

Innovationen

Seit ein paar Dezennien leben wir in einer Zeit der Technisierung, wo der Kommerz regiert. Zu den Auswüchsen gehört nicht nur der Arbeitsplatz­export, sondern auch die grassierende Steuerflucht. Was nutzen uns da Innovationen, die nur den Firmen gehören? Wenn deutsche Firmen mit Innovationen Erfolg haben, bedeutet das im Zwei­felsfall nur, dass deren (internationale) Besitzer lukrative Gewinne machen. Der deutsche Staat hat aber nichts davon, wenn die Steuern auf Bermuda anfallen. Die deut­schen Werktätigen haben nichts davon, wenn in Rumänien produziert wird. (Dazu wird unten das Beispiel Apple vorgeführt.)

Die Innovationen kommen uns zugute oder auch nicht, ganz wie es den Unter­nehmen gefällt. Wenn die Erfindung mal gemacht ist und die Verfahrenstechnik dafür entwickelt ist, dann braucht der Computer nur noch einen Knopfdruck für den Technologietransfer in die weite Welt. Unsere Innovationen werden dann woanders eingesetzt und wenden sich in­folgedessen gegen uns. Es ist wirklich wie beim Kannibalismus, wo die Leute sich gegen­seitig aufessen. Die alte Denkweise stimmt nicht mehr. Es hieß, aus Gewinnen werden Inves­titionen, und aus Investitionen werden Arbeitsplätze. Jetzt wird massiv wo­anders investiert, und so nebenbei wird unser Know-how in die ganze Welt getragen.

  • Der Arbeitsplatztransfer beendet unseren Wohlstand.
  • Der Technologietransfer beendet unsere Vorrangstellung.
  • Was wir an Exzellenz entwickelt haben, wird uns genommen, und wir müssen uns neu dafür abstrampeln.

Zum Dank dafür wird jetzt woanders produziert, sofern's nicht gleich die Ro­boter erledigen. Die Arbeitsplätze werden durch die Welt durchgereicht und dabei immer billiger gemacht, bis alle Welt auf das billigste Niveau reduziert ist. Zuerst werden die Arbeitsplätze aus den Hochlohnländern in die Billiglohnländer transfe­riert, dann werden sie aus den Billiglohnländern in die Superbilliglohnländer weiterverschoben, und zuletzt übernehmen die Roboter die Sache ganz. Das ist eine von den Umwälzungen, die unser Leben durcheinanderbringen.

Wir haben kaum Einfluss darauf, weil das Ganze im Belieben der Besitzenden steht. Die entscheiden, ob sie uns an den Früchten unserer Arbeit teilhaben lassen oder nicht. Wenn sie wollen, können die Besitzenden unser Werk genausoleicht gegen uns einsetzen. Viele von unseren Brötchengebern geben uns nur noch Krümel, und dann verkrümeln sie sich ganz. Weil dies mit den Innovationen der Vergangenheit ohne jede Scham ge­schieht (siehe Apple), spricht nichts für einen anderen Verlauf bei den Innovationen der Zukunft. Was wir den anderen Ländern voraushatten, ist weitgehend weg. Das Know-how der Zukunft wird uns genauso skrupellos genommen werden, weil es logischerweise mehr Rendite abwirft, sobald es uns nicht mehr zugutekommt. Andere Schätze als unser Know-how haben wir aber kaum. Wir haben weniger Rohstoffe, als wir brauchen, und wir haben noch keine ausreichenden Energiequellen für die Menschenmillionen in unserem Land.

Was uns bleibt, ist unsere Arbeits­kraft, mit der wir gegen die Billiglöhner der ganzen Welt anstrampeln sollen. Vielleicht gelingt es uns sogar, unsere Standortnachteile bei Rohstoffen und Energie durch besondere Schaffenskraft und Kreativität auszugleichen. Dann kopiert und plagiiert man uns, bis wirklich nichts mehr von unserem Vorsprung übrig bleibt. Das Fazit ist, wir müssen verarmen.

Vertrauensbruch

Am perfidesten ist die Tatsache, dass es alles erst durch die Arbeit der Werk­tätigen möglich wurde. Der Fortschritt ist ja von Menschen gemacht, und nun geht er nahtlos in den Kannibalismus über. Wenn man diese Entwicklung vorausgesehen hätte, wäre es anders ge­kommen. Die historische Arbeiterbewegung hat sich ein Gleichgewicht mit den Unternehmern erkämpft. Da hatte garantiert niemand vor, mit den Auswirkungen seiner Arbeit die Existenzgrundlagen seiner Nachkommen zu verzehren. Auf sol­che kannibalischen Errungenschaften hätten sich die damaligen Arbeitervertreter sehenden Auges nicht eingelassen. Dass es nun so kommt, ist ein historisches Ver­sagen der Gewerkschaften.

Weltweiter Handel, Fall der Zollschranken, europäische Verbrüderung usw. zeigen ihre Schattenseiten mit outsourcing, offshoring, border hopping, Lohndumping und Steueroasen. Das Geschaffene ist jetzt mobil. Es ist anderweitig verfügbar geworden, und die Vorteile liegen exklusiv bei der Unternehmerschaft. Immer mehr Know-how steckt in den Computern drin und wird somit nach sonstwohin transferierbar, wo es gegen uns eingesetzt werden kann. Das Wissen und Können, das nicht im Computer drinsteckt, geht mit den entschwindenden Arbeitsplätzen auch verloren. Die Fähigkeit, Dinge herzustellen und zu bearbeiten, wird woanders geschult und nicht mehr bei uns. Eine stillschweigende Übereinkunft ist gekündigt, und die meisten haben es noch nicht mal gemerkt.

Was da passiert ist, ist der größte Vertrauensbruch der Arbeitsgeschichte.

Das ist es, was dahintersteckt. Wir haben nur gefühlsmäßige An­sprüche. Wir sind die Enterbten. Wir Normalbürger haben es versäumt, maßgebliche Anteile an den Firmen zu erwerben oder zumindest eine Rechtsposition für unsere Ansprüche zu erwirken, und nun lösen sich unsere Ansprüche in Luft auf. Im Grunde hat die Globalisierung schon gegen uns gewonnen. Mit herkömm­lichen Mitteln kommen wir aus der Falle nicht mehr raus:

  • National können wir den Marktkräften nicht beikommen, denn wenn wir dem Kapital nachgeben, wird die Arbeit billiger, und wenn nicht, dann wandert die Arbeit ins Ausland. So oder so sind wir die Verlierer.
  • Global gibt's auch keine absehbare Regelung, die unseren Stand erhält. Die Rückkehr zu allgemeinen Schutzzöllen wäre nur noch schädlich für uns, denn das Know-how, das unser Standortvorteil war, ist ja schon nach sonstwohin ex­portiert. Die Bodenschätze, die den Standortvorteil unserer Handelspartner bilden, sind aber zumeist noch dort. Wir haben weniger zu bieten als früher, wir sind nur noch ein übervölkertes Land mit zuwenig Energie und Rohstoffen, und unsere Position ist daher grundlegend geschwächt. Da brauchen wir nicht auf eine globale Übereinkunft zu hoffen, die unsere Privilegien zur Ausbeutung der billigen Dritte-Welt-Rohstoffe konserviert.

Wir sitzen also mitten in der Bredouille, wenn wir keine auskömmliche Regelung mit den Besitzenden treffen können. Ob das wohl möglich ist? Die Entwicklung geht genau in die andere Richtung.

Spielregeln

Eine gedeihliche Zusammenarbeit gibt's nur, wenn beide Seiten Vorteile daraus ziehen. Dafür werden die Gesetze gemacht, um jedem das Seine zu gewähren, und genau das ist nicht mehr der Fall. Wer das bestreiten will, kann behaupten, die Globalisierung schafft Märkte und hält unsere Wirtschaft am Laufen, also profitieren wir alle davon. Tja, wir müssen nur aufpassen, dass wir uns nicht bankrottprofitieren. Schließlich sind wir auf dem besten Weg in den allgemeinen Staatsbankrott. So richtig gut kann uns der globalisierte Fortschritt nicht tun – nicht mit einem Schulden­berg, der sich auch ohne crashträchtige Mitwirkung der Finanzwirtschaft dermaßen auftürmt.

Wenn wir die einzigen mit so vielen Schulden wären, könnte man dem Argu­ment der Wirtschaft vielleicht folgen. Dann wäre es die Überalterung oder eine sonstige spezielle deutsche Unfähigkeit, die uns arm macht. Wenn aber die Staats­haushalte überall in der Welt so tief in die Miesen geraten, zieht das Argument nicht mehr. Dann sind die Geldpumpen eben falsch gepolt, beschrieben in Arbeitsprofite für alle. Die Mär vom allseitigen Profit stimmt einfach nicht, so dass wir lieber andere Regelun­gen hätten.

Wir müssen uns doch fragen, wer macht denn die Spielregeln? Gebote fallen nicht vom Himmel, auch wenn Moses dermaleinst was anderes behauptet hat. Gesetze werden von Menschen gemacht. In einer Demokratie sollten die Gesetze doch bitte den Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Wenn sie jedoch unaus­gewogen sind und die eine Seite gegenüber der anderen bevorzugen, dann gehören die Gesetze geändert.

Leider schaffen unsere Politiker noch nicht mal die einfachen Aufgaben:

  • Bei denjenigen Unternehmen ordentlich Steuern kassieren, die nicht weg können, zum Beispiel bei den Versorgungsunternehmen.
  • Die öffentliche Geldverschwendung beenden, an der die Rechnungshöfe zahnlos herumkauen.
  • Die Schattenwirtschaft beenden, weil sich doch die Investitionen gegen Schwarzarbeit, Steuerflucht und Kriminalität enorm auszahlen.
  • Die Investitionen in aufgeblasene Finanzprodukte erschweren, und dafür dauerhafte Investitionen in reale Innovationen erleichtern.
  • Die Interessen des Volks vertreten, anstelle der Interessen der Volksvertreter.

Gar nicht zu reden von den schwierigeren Aufgaben, wie der Zähmung der Finanzwirtschaft, der Bändigung der Lobby und dem Trockenlegen der Steueroasen. Da liegt fast alles im argen, und das nutzt der Kommerz radikal aus.

Apple

Ein schönes Beispiel dafür liefert eine Computerfirma. Apple ist die Computermarke mit dem Kultstatus, nur dass der Nimbus inzwischen angekratzt ist. Das liegt an der Aufklärung über Apples Geschäftsmethoden. Die Firma steht für eine neue Unternehmenskultur, wie es sie vor der Globalisierung noch nicht gab.

Die ganz modernen Firmen verändern sich auf eine nie gekannte Weise. Die Fertigung wird ins Ausland verlegt, und die Entwicklung nach Möglichkeit auch. Was bleibt, ist eine Agentur  für Entwicklung, Marketing und Design, wo die Ideologieproduktion stattfindet, die das Label teuer und profitabel macht.

Profitabel ist das Auslagern der eigentlichen Arbeit zum Beispiel nach China, wo zu Dumpinglöhnen produziert wird. Die Entwicklung wird in Indien kostensenkend betrieben, und der Service sitzt in billigen call centern irgendwo in der Welt. Mit diesem Lohndumping wird den heimischen Werktätigen der Ertrag an der Technik vorenthalten, die sie über Jahrzehnte hinweg entwickelt haben. Das Know-How steckt ja jetzt im Computer drin und kann überall in der Welt gegen sie eingesetzt werden. Dabei spielt außer Lohndumping auch Menschenrechtsmissachtung und Umweltzerstörung eine Hauptrolle. Ordentlich bezahlte Arbeiter mögen die fortschrittlichen Agenturen nicht haben, oder nur so wenig wie irgend möglich.

Zugleich bezahlen sie Scharen von teuren Lobbyisten, Anwälten und Steuerexperten, um die Firmen (und ihre CEOs) mit größter Expertise der Besteuerung zu entziehen. Apple ging mit Rekordwerten von weniger als 1% Steuer durch die Presse, mit abenteuerlichen Steuerflucht-Modellen durch irische Trickfirmen und um die halbe Welt herum.

Obendrein wird Patentmissbrauch betrieben, um die Konkurrenz niederzuhalten. Es ist normal, dass Innovationen sich in Patenten niederschlagen, nur dass es jetzt mehr juristische Innovationen sind als technische. Die modernen Agenturen beschäftigen Stäbe von Patentanwälten, die jeden Unfug patentieren, den die Patentämter durchgehen lassen (die wirklichen Innovationen werden lieber nicht patentiert, weil sie dann veröffentlicht werden und die Konkurrenz auf die Spur bringen). So raffen diese Firmen tausende von Patenten zusammen, mit dem einzigen Zweck, alle anderen zu blockieren.

Kleine und mittelständische Firmen können sich keine teuren Patentanwälte leisten. So reißen die Großen alles an sich, auch wenn gar kein Gehalt hinter ihren Patenten steckt oder bloß geklaute Ideen. Bei der Konkurrenzverdrängung leisten sich die Großen Titanenkämpfe mit ungeheuerlichem Aufwand an Material und Personal. Vor Zeiten errang Apple dabei einen Sieg über Samsung, der wohl eher den Juristenkniffen geschuldet ist als einer tatsächlichen Patentverletzung.  

Das wirkt sehr ungerecht, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Apple die Firma ist, die ihre basics selber geklaut hat (das Windows-System von Rank Xerox), und die auch sonst freizügig fremde Ideen kopiert. Gewiss werden auch viele Apple-Ideen andernorts verwendet, aber so ist das eben. Man kann der Konkurrenz doch nicht dreieckige Tablets vorschreiben, weil Apple das Recht auf die viereckigen hat.

Zu all dem kommt noch das unsoziale Prinzip, mit dem Apple seine Interessen gegenüber den anderen abgrenzt, die datenmäßige Abschottung. Die Software wird jenseits der apps als closed shop betrieben, Schnittstellen mit anderen sind nicht gewollt. Man kommt kaum an seine eigenen Dateien dran, wenn man sich keine jailbreaker-Software verschafft. Wer sich darauf einlässt – also die gesamte Kundschaft -, wird zur Markentreue gezwungen.

Das sind die Bestimmungsgrößen, die Apple zu einem besonders erfolgreichen profit center machen, in dem sich mehr unverdiente als verdiente Gewinne ansammeln. Anstatt noch länger auf den Apple-Kult einzusteigen, machen sich immer mehr Leute klar, dahinter steckt asoziales Verhalten von vorn bis hinten. Apple ist eine Agentur für Lohndumping, Steuerflucht, Patentmissbrauch, Konkurrenzverdrängung und Abschottung. Das ist das wahre Wesen von Apple – und von den anderen modernen Firmen auch. Die sind asozial, weil sie uns ihren Obolus zum Gemeinwohl vorenthalten.

Was bei der Art von Geschäftemacherei förmlich in der Luft liegt, ist eine datenmäßige Machtergreifung. Das sogenannte cloud computing ist nur ein Teil davon, der aber für viele Aspekte steht – meine Daten sind irgendwo im Internet, und ich komme von überall dran. Bald lebt jeder in Abhängigkeit vom jederzeitigen und allgegenwärtigen Datenaustausch. Man kann sich leicht vorstellen, wie das dahinterstehende Machtpotential die Entskrupelten umtreibt und die Abzocker elektrisiert. Die Freiräume sind groß, der Missbrauchsmöglichkeiten gibt es viele, und es sind reichlich Firmen vorhanden, die man einschlägig verdächtigen darf.

Wachstum

Von solchen Firmen gibt's immer mehr; das ist ein Wachstumsmarkt. Das ewige Wachstum ist das Credo unserer Wirtschaft, sein Ausbleiben wird bejammert, auch wenn jeder weiß, dass es nicht immer so weitergehen kann. Letztlich hat der kategorische Wachstums-Imperativ eine profane Verhüllungsfunktion: Er soll die Probleme der Wirtschaft bemänteln, sich an die tatsächlichen Bedürfnisse anzupassen. In der Realität verhält es sich nämlich genau andersrum, und die Menschen müssen sich an die Bedürfnisse der Wirtschaft anpassen.

Durch die Zunahme der Produktivität gilt – unabhängig von der Lohndrückerei – der Satz Wachstum her, oder Arbeitslosigkeit. Die Idee war eigentlich eine ganz andere, nämlich dass die Roboter für die Menschen arbeiten und nicht gegen sie. Oder dass die Besitzenden wenigstens halbe-halbe mit ihren Arbeitskräften machen. Die Einkommensverteilung sagt aber was anderes. Da sieht man stagnierende Arbeitseinkommen seit der 1980er-Jahren, während das oberste 1% die gesamten Wohlstandgewinne einkassiert. Die Finanzwirtschaft hat auch ihren Anteil daran, aber die darf momentan ausgeblendet bleiben. Der globalisierte Kommerz ist schon schlimm genug, und er entfesselt sich immer weiter.

Ethische Restriktionen kennt der Kapitalismus nun mal nicht – wozu auch? Der real existierende Kommunismus kannte ja auch keine. So werden die Arbeitsplätze von allen Seiten bedroht. Wenn Investitionen in die Realwirtschaft nicht genug Gewinn abwerfen, kann das Kapital dort abgezogen werden, um in der Finanzwelt auf Abenteuer zu gehen. Ansonsten werden die Arbeitenden weltweit gegeneinander ausgespielt, und immer mehr Arbeit kann von Robotern und Automaten übernommen werden.

Solange die Roboter nur für die Besitzenden arbeiten, sind die Profite enorm, und das steht einer Reform enorm entgegen. Es wäre sehr sinnvoll, sich diesem Dilemma zuzuwenden, statt noch länger das Mäntelchen des Wachstums drüberzubreiten. Das Wachstum findet bald nur noch bei den Robotern statt. In einer ersprießlichen Zukunft müssen die Roboter unvermeidlich für alle Menschen arbeiten, und nicht nur für einige wenige. In einer gedeihlichen Zukunft muss sich die Wirtschaft an den Bedarf der Menschen anpassen.

Ihr Zweck ist es nicht, uns in Existenznöte aus Arbeitslosigkeit, Sozialkürzung, Rentendefizit und Roboterdämmerung zu stürzen und von Crash zu Crash auf unseren Ruin hinzuarbeiten. Es ist auch nicht der Sinn der Sache, die Lebensqualität unter dem Diktat der Ökonomie wegzuoptimieren, und die verbliebene Arbeit zu reinen Stressjobs zu machen.

Der Sinn der Wirtschaft ist es, uns vom Überlebenskampf zu befreien und uns damit die materielle Freiheit zu bringen. Darum geht es, und nicht darum, ein paar entsozialisierte Profiteure stinkreich zu machen. Wir wollen nicht, dass unser Wohlstand über Gebühr geschmälert und in den Reichtum der Privilegierten umgewandelt wird. Bloß wer vertritt unsere Interessen?

Die Politik wurde widerstandslos von der Globalisierung überrollt. Eigentlich hätte die Entwicklung eine globalisierte Politik erforderlich gemacht, aber was wir an hochbezahlten internationalen Organisationen haben, hat versagt. Es gibt keine globalen Finanzmarktregeln, außer dass fast alles verboten ist, was die Finanzkünstler einschränkt. Die politischen Bemühungen gegen die Steuerflucht bleiben hilflos und unwirksam.

Die technisch-wissenschaftlichen Umwälzungen dürfen sich aber nicht länger einen regelfreien Raum schaffen. Ihre Auswirkungen führen zu enormen Verwerfungen, zu Missbrauch, zu Umschichtungen, zu Systemkrisen.

Jede Krise bietet wiederum die Chance dafür, dass sich doch mal was bewegt – und diese Chance wird immer wieder vertan. Es hapert also schon an den Voraussetzungen. Unter den Agendasetzern gibt es gar keinen Willen zu ernsthaften Reformen. Die tun nur so als ob. Und die Wähler lassen sich von anderen Themen ablenken – oder nicht?

 

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13 Antworten auf ® Globalisierter Vertrauensbruch

  1. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Sehr nachdenkenswerter Artikel von Wilfried Müller. Hier liegen die wahren Probleme statt bei ein wenig Katholen-Bashing. Jenseits aller Verschwörungstheorien über eine soganannte Neue Weltordnung sind diese Rntwicklungen die Ursache des Downgrading unserer Zivilisation. Dazu kommt das ungehemmte Anwachsen der Weltbevölkerung und deren Auswirkung auch auf unsere stagnierende Einwohnerzahl durch Einsickern.

    Unsere Politik folgt dieser Entwicklung "alternativlos".

  2. Argutus sagt:

    Der Inhalt dieses lesenswerten Artikels entspricht ziemlich genau dem, wie ich die Situation (als Laie eher gefühlsmäßig) bisher eingeschätzt habe.

    Leider habe ich keine Ahnung, wie man diese Fehlentwicklung wirksam bekämpfen könnte. Fallweise irgendwo aus Protest zu randalieren, wie das die Globalisierungs-Gegner gerne tun, ist wohl keine sinnvolle Maßnahme. Eher im Gegenteil, denn der Durchschnittsbürger bekommt davon den Eindruck, daß Globalisierungs-Kritik bloß eine Marotte gewaltbereiter linker Spinner ist.

    Von der Politik ist ja wohl auch nicht viel Sinnvolles zu erwarten. Hat also jemand eine gute Idee, wie man sich als Bürger gegen diese Zustände zur Wehr setzen kann?

  3. pinetop sagt:

    Das ist die Ursache der Globalisierung:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Komparativer_Kostenvorteil

  4. pinetop sagt:

    Nachdem das Scheitern der Keynes´schen Lehren in den 70er Jahren immer sichtbarer wurde, erlebten seine Gegner (vor allen Hayek) eine erneute Wertschätzung, die sich dann auch bei den Politikern zeigte (insbesondere Margaret Thatcher). Auch Deutschland folgte ab den 90er Jahren dem Ruf der Deregulierung.

    Diese Deregulierung bedeutete auch, dass man den Marktteilnehmern einen Vertrauensvorschuss einräumte, denn zur Freiheit gehört auch Verantwortung. Und genau diesen Kredit haben die Marktteilnehmer verspielt. Es ist aber auch illusorisch, von Menschen, die nur in Rentabilitäten denken können, gesamtgesellschaftliche Verantwortung erwarten zu können. Es spricht also nichts dagegen, die Hoffnungen, die mit der Deregulierung verbunden waren, neu zu überdenken. 

    Auch ist mit einem Mißverständnis aufzuräumen. Unter dem Begriff "neoliberal" wird heute (als dieser Begriff von Alexander Rüstow geprägt wurde, wollte er eine sozial verpflichtete Marktwirtschaft beschreiben) ein Bündel verschiedener Vorstellungen verstanden. Deregulierung, Privatisierung, Angebotsorientierung, Markt und Laissez-faire, so ziemlich alles, was der Wirtschaft zu Diensten ist. Tatsächlich neigt eine sich selbst überlassene Wirtschaft zur Monopolbildung und Kartellisierung. Es entstehen Wirtschaftseliten, die sich abschotten und sich in Vorständen und Aufsichtsräten mehr oder weniger schlecht selbst kontrollieren. Der Markt wird mehr oder weniger ausgeschaltet, es entsteht eine sogenannte vermachtete Wirtschaft, vor der bereits Eucken stets gewarnt hatte. Wer das Marktsystem als beste Wirtschaftsform akzeptiert, ist geradezu gezwungen, sich für einen starken Staat einzusetzen. Ein Staat, der strenge Regeln durchsetzt, nach denen die Marktteilnehmer handeln müssen und die sicher stellen, dass das marktwirtschaftliche System nicht von den Wirtschaftsakteuren ausgehebelt wird.

    Schlagwortartig verkürzt muss die Parole lauten: Gegen Laissez-faire, für den Markt.      

  5. Argutus sagt:

    pinetop sagt: 27. August 2013 um 16:59

    Das ist die Ursache der Globalisierung … Komparativer Kostenvorteil

    Naja, nicht die ganze Ursache. Unabdingbar notwendig für die Globalisierung ist auch die politische Entscheidung die Autarkie eines Landes diesem Kostenvorteil zu opfern.

  6. pinetop sagt:

    Noch einige Anmerkungen zu F. A. v. Hayek.

    Hayek sah immer die Überlegenheit des Marktes gegenüber der Zentralverwaltungswirtschaft. Man hätte sich die kommunistischen Experimente sparen können, wenn man ihn verstanden hätte. Erst der Zusammenbruch der Kommunismus hat ihn 1989 empirisch bestätigt. Schön, dass er dies noch erleben durfte.

    Hayek war immer ein strikter Gegner der Keynes´schen Globalsteuerung und Schuldenpolitik. Die Schuldenkrise der letzten Jahre bestätigt ihn auch hier. 

    Aber in einem Punkt irrte Hayek. Laissez-faire führt nicht zu den gewünschten Zielen. Laissez-faire zerstört den Marktmechanismus. Der frühe Tod von Walter Eucken hätte hier mit Sicherheit zu fruchtbaren Diskussionen geführt.

  7. pinetop sagt:

    falsch formuliert: Der frühe Tod von Walter Eucken hat mit Sicherheit fruchtbare Diskussionen verhindert. smiley

  8. Indianerjones sagt:

    Es ist das falsche Vertrauen, zur " Obrigkeit" ..darum diese Fehlleitungen, denn und das wissen nun die Firmen, das sinken der Wert der Arbeit, senkt auch ihr Ergebnis und das auch nachhaltig!

    Denn billige Arbeitskräfte, bringen auch wenn sie gut ausgebildet sind…..keine wertvolle Arbeit, schon gar nicht nachhaltig! :nerd:

  9. Indianerjones sagt:

    Außerdem braucht man Motivation um zur Innovation zu kommen……Denn Motivation ist alles und ohne Motivation ist alles nichts!! :nerd:

  10. Wilfried Müller sagt:

    Die maßgebliche Bestimmungsgröße der aktuellen Globalisierung sind die technischen Umwälzungen und nicht die wirtschaftspolitischen Entscheidungen!

  11. pinetop sagt:

    Die Zeit der Deregulierung scheint beendet. Die Entwicklung geht bereits in die entgegengesetzte Richtung. Markantes Beispiel sind die Beschlüsse von "Basel III"

  12. Wilfried Müller sagt:

    Was ist denn bei Basel I und II groß passiert? Das wurde schnell an die Bedürfnisse der Finanzindustrie angepasst. Dasselbe Schicksal droht Basel III. Was neu reguliert wird, weicht sowieso in die Schattenbereiche aus, das ist bald der größte Bereich. Kein Grund zum Optimusmus.

  13. Wilfried Müller sagt:

    Dazu eine SZ-Meldung vom 7.2. Cash-Reserven Apple kauft eigene Aktien für 14 Milliarden Dollar: Der Konzern sitzt auf einem Berg von Cash. Nun kauft Apple seinen Aktionären innerhalb von knapp zwei Wochen Anteile im Wert von 14 Milliarden Dollar ab. Doch ein aggressiver Investor will noch mehr. … nämlich 50 Mrd. Dollar – das sind so die Beträge, die Apple an der Steuer vorbeigeschleust hat.

     

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