Meinungsbildung statt Meinungsmache – ein fataler Fall kunsthistorischer Verbildung

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Dieser Beitrag widmet sich der Kunst, es geht in einem erweitert verstandenen Sinn auch um politische Kultur. Wissenbloggt konnte Michael Lingner dafür gewinnen, der als Profesor für Kunsttheorie an der Hamburger Hochschule für bildende Künste lehrt. Er hat seinen ketzerischen Kulturkommentar für Nicht-Insider aufbereitet, wobei es ihm nicht primär um den Kollegen B. Wyss oder um das Ansehen von Beuys geht, sondern um die Kritik an der allenthalben verbreiteten Meinungsmache. "Die Bilder haben den Vorteil, dass sich hier jeder unmittelbar seine eigene Meinung bilden kann, wenn einfach hingeschaut wird und nicht etwas Aufoktroyiertes in die Bilder hineinprojiziert wird."

 

MEINUNGSBILDUNG STATT  MEINUNGSMACHE

Joseph Beuys „La rivoluzione siamo
Noi“,1972 (© bpk / Hamburger Kunst-
halle, Kupferstichkabinett / Elke Walford

Aus: Cicero, Magazin für politische Kultur, Oktober 2012, S.130 von Beat Wyss*:
Die Revolution sind wir. Deutschrömertum im Geiste des Sozialismus. Wie das Selbstporträt des Hitler-Jungen Joseph Beuys zu einer Ikone der Toskanafraktion wurde“
(*ist einer der bekannteren deutschen Kunsthistoriker und lehrt in Karlsruhe)

…“Der hier im Bild imaginär aufmarschiert,war begeisterter Hitler-Junge und freiwilliger Bordfunker in Görings Luftwaffe gewesen…Mit einer Stuka oder JU 87 war es auch ein Katzensprung in die Krim. Von der Pilotenkanzel konnte der nachmalige Künstlerschamane denn auch Zeuge werden, wie Sewastopol unter den Fliegerbomben der Deutschen in Flammen aufging. Davon hat Beuys nie geredet. Doch das, was er verschweigt, davon redet sein Habitus. Seine Fantasieuniform mit Hut ist das paradoxe Unikat einer Uniform. Beuys erscheint hier als der letzte Überlebende einer aufgeriebenen Armee. Ich bin froh, später als Beuys geboren zu sein. Vielleicht wäre auch ich ein guter Hitler-Junge geworden…“

 

Michael Lingner: CONTRA
Wenn das Bild eines Aufbruchs derart als Niedergang fehl interpretiert wird, siegt das Interesse politischer Diskreditierung über den Augenschein. Dabei rühmen sich die Kunsthistoriker für das Betrachten und Verstehen von Bildern Experten zu sein. Aber in diesem Fall erweist sich der Bildwissenschaftler, der sogar die Anglerweste von Beuys als Fantasieuniform verkennt, auch sonst als ein mit Blindheit geschlagener Demagoge.

Denn der Überlebende einer vor Stalingrad aufgeriebenen Armee sah beispielsweise so aus. Und das soll dem Beuysbild gleichen – worin denn? Darin, dass es sich bei diesem Soldaten auch um einen begeisterten ehemaligen Hitlerjungen handeln könnte? Doch das zeigt dieses Bild genau so wenig wie die auf das Beuysbild projizierten tendenziösen biografischen Versatzstücke, die dem Kunsthistoriker als Beweis für seine Vorurteile herhalten sollen. Allenfalls lässt sich im obigen Bild ein gewisser Vorgriff auf die künstlerischen Material- und Formvorlieben von Beuys erkennen – wenn man denn einen Zusammenhang zwischen ihm und Stalingrad unbedingt konstruieren will… (vgl.: Tamara Tolnai Joseph Beuys und seine Aktion Coyote; I like America and America likes Me

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