Schöne Scharia

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Das in jüngster Zeit verstärkte Auftreten von Salafisten in der deutschen und österreichischen Öffentlichkeit (siehe Koranverteilung) hat ein Thema in den Vordergrund gerückt, von dem islamische Extremisten (aber nicht nur sie) behaupten, es sei mit unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung problemlos zu vereinbaren: die Scharia. Es lohnt daher, sich mit der Sache noch einmal auseinander zu setzen.

In der westlichen Welt gilt die islamische Gesetzgebung (grob gesprochen Scharia =  Koran + Sunna) als unzivilisiert, primitiv, grob, ungebildet, brutal, grausam, blutrünstig und gnadenlos, in einem Wort barbarisch. Dagegen sei okzidentales Recht fortschrittlich, zivilisiert, kultiviert, menschlich und mitfühlend. Die „Werte“ der einen Kultur scheinen jeweils die exakten Antonyme der anderen zu sein.

Unterschiedliche Kulturen haben also nicht nur völlig andere Strafsysteme, sondern vor allem konträre Ansichten darüber, wie welcher Untat, die Menschen von Menschen angetan werden kann, am besten geeignet begegnet werden kann. Was der einen als „menschlich“ gilt, wird von der anderen als „unmenschlich“ gegeißelt. Damit stehen wir unmittelbar vor der Frage, welchem Zweck Strafe dienen soll, und wie sich eine Gesellschaft effektiv vor Schaden durch Verbrechen schützen kann. Es kann davon ausgegangen werden, dass in der Historie des homo sapiens niemals Verbrechen einfach hingenommen wurden. Keine Gemeinschaft kann es sich leisten, dass an ihren Grundfesten genagt wird, wenn sie auf Dauer überleben will. So gehört eine angemessene Reaktion der Gesellschaft auf schädigende Aktivitäten einzelner ihrer Mitglieder zum Überleben elementar notwendig dazu. Die Methoden und Zielsetzungen der Verbrechensverhinderung allerdings haben sich im Laufe der Geschichte grundlegend gewandelt.

Abschreckung und Sühne, Rache, Wiedergutmachung des angerichteten Schadens, Wiedereingliederung in die Gemeinschaft (Resozialisierung) sind gebräuchliche Worthülsen in diesem Zusammenhang. Es schwingt auch immer die Frage mit, wie dem Gebot der Menschlichkeit am besten Rechnung getragen werden könne, wobei auch im westlichen Recht die Diskussion erlaubt sein muss, wem diese zumindest überwiegend zu gelten habe: dem Opfer oder dem Täter? In der modernen Rechtsprechung werden diese Prioritäten von den Betroffenen wohl nicht immer als sauber getrennt anerkannt. Je mehr sich das Gesetz vom reinen Rachegedanken löst, umso schwieriger wird diese Auseinandersetzung ganz offensichtlich.

Das islamische Recht stützt sich eindeutig auf Abschreckung, damit möglichst unkompliziert Frieden, Recht und öffentliche Ordnung gar nicht erst angetastet werden. Geschieht dennoch ein Unrecht, so wird ohne großen Aufwand an Gefängnissen und Strafvollstreckung gerichtet. In der ursprünglichsten Form treten die Hüter der Religion als Richter auf, da sie – anders als heute bei uns – gleichzeitig Rechtsgelehrte sind, was sich bereits aus der nicht vorhandenen Trennung von Religion und Staat zwingend ergibt. Rechtsprechung ist dabei eine Form der Umsetzung des Willens Allâhs. Keine Einzelregelung der praktischen Rechtsanwendung darf diesem Willen widersprechen, sie darf sich immer nur im vorgegeben Rahmen bewegen.

Und warum dann diese „Grausamkeiten“? Nehmen wir den Fall des Diebes, denn Diebstahl wird in allen Gesellschaften geahndet, doch auf völlig unterschiedliche Weise. Im alten germanischen Recht (zum Beispiel im vorchristlichen Island) stand in aller Regel die Wiedergutmachung im Vordergrund, der angerichtete Schaden musste in genau festgelegter Form kompensiert werden. Gefängnisse waren unbekannt. Allenfalls wurde eine Verstoßung aus der Gruppe angeordnet und der Täter musste sich forthin allein und ohne Gruppenhilfe durchs Leben schlagen. Heute wird bei uns – vor allem im Wiederholungsfall – der Täter für eine Weile hinter Gitter gesperrt mit dem Ziel, er möge doch nach seiner Entlassung so weit resozialisiert sein, dass er zukünftig keine Straftat mehr begehe. Nur zu häufig trügt diese Hoffnung und der Rückfall wird zur Regel.

Gemäß der Scharia wird demselben Dieb die Hand abgehackt – und das möglichst öffentlich. Strafe muss nach islamischer Auffassung streng und exemplarisch sein, denn: „Das Leben kann nicht sicher sein, wenn die gewohnheitsmäßigen Verbrecher unbearbeitet sich selbst überlassen werden. Es ist besser streng zu einem zu sein, als unnötigerweise nachsichtig und dadurch viele zu zerstören und das Leben von Millionen anderer einer Gefahr auszusetzen“.

Es ist hier nicht der Ort zu diskutieren, welche der drei angerissenen Grundvorstellungen (Wiedergutmachung, Resozialisierung und Abschreckung) effektiver sind, oder welche mögliche Mischung am besten zum gewünschten Erfolg führt. Es geht weiter nur um den Punkt der Menschlichkeit in moslemischer Sicht. Islamisches Recht löste nach deren Vorstellung die vorislamischen Systeme radikal ab, in denen Unmenschlichkeit und Rache im Vordergrund standen. Menschlichkeit habe sich zuallererst denen gegenüber zu zeigen, die vor Verbrechen geschützt werden sollen. Doch selbst beim Verbrecher wird – zum Beispiel bei einer Auspeitschungsstrafe – jeweils ausführlich erörtert, wie die Peitsche beschaffen sein soll und welche Körperpartie getroffen werden muss. Wer die Verbrechensquote radikal reduzieren will, komme nicht darum herum anzuerkennen, dass das „göttliche“ Gesetz Allâhs jedem von Menschen gemachten Gesetz klar überlegen sei. Es sei auch nicht veraltet – so ein weiterer Vorwurf des Westens – sondern seit 1.400 Jahren modern und dynamisch, selbst wenn es nicht in allen islamischen Staaten gleichermaßen streng zur Anwendung gelange. Grundgedanke bleibe immer die „Opferung des Einzelnen zum Wohle des Ganzen“. Daran dürfe sich nichts ändern. Das sei auch nicht etwa antiquiert. Veraltetes Recht gäbe es lediglich in Gesellschaften, die je nach sich änderndem Empfinden fortwährend neue Gesetze einführten, und damit altes Recht obsolet werde.

Im Islam aber gibt es keinen sich irgendwelchen Trends unterwerfendes als Modernismus getarntes Recht vergleichbarer Art, sondern nur dynamisches, lebendiges Recht, das seit 1.400 Jahren noch immer modern und progressiv sei. Da dieses Gesetz von Allâh selbst stamme, steht es Menschen natürlich nicht zu, es zu ändern, aufzuheben oder es gar zu widerrufen. „Somit ist es an der Zeit, dass der fehlbare, abendländische Homo sapiens seine „modernen“ Standpunkte der Verachtung für das islamische Recht ändert, sodass er seinen geistigen und materiellen Wohlstand gewährleisten und eine geordnete Gesellschaft auf Gerechtigkeit basierend frei von Verbrechen schaffen kann“.

Die Gedanken zum islamischen Recht geben in etwa das wieder, was man in einem speziellen Land, nämlich Brunei, von dem Wirken der Scharia meint, und was der Sultan von Brunei in einer Konferenz vorgetragen hat. Mehr in der Brunei Times.

Unabhängig davon, wie man die Frage beantworten mag, ob diese Art der Abschreckung zielführend ist oder nicht, bleibt nachzuprüfen, welches denn nun die entsetzlichen Verbrechen sind, vor den abgeschreckt werden soll. Ganz oben an stehen nämlich nicht etwa Mord und Diebstahl, die in allen Gesellschaften geahndet werden, sondern Blasphemie, Ehebruch und Homosexualität. Die weitaus größte Zahl an drakonischen Bestrafungen fällt mithin ausgerechnet auf „Delikte“, die einem normalen Menschen nicht einmal ein verwundertes Lüften der Augenbrauen entringen würden. Da liegt die Crux: Nicht so sehr wie die Moslems bestrafen, sondern was sie bestrafen, ist in erster Linie verabscheuungswürdig, menschenfeindlich und mittelalterlich. Doch das hat sich in Teheran, Kabul, Islamabad oder Riyadh noch nicht herumgesprochen.

 

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4 Antworten auf Schöne Scharia

  1. Dr. Frank Berghaus sagt:

    Ich begrüsse ganz herzlich diejenigen Leser, die via Facebook auf diesen Artikel gestossen sind, und hoffe, dass ihnen auch der Rest unseres Blogs zusagt. Kritik ist herzlich willkommen!

  2. Det sagt:

    Das Bild des glücklichen Recht(s)gläubigen mit den soeben amputierten Händen ist von http://www.truthtube.tv, die seit mehr als einem halben Jahr nicht mehr erreichbar ist.

    Gibt es diese Seite wohl wieder oder hat sie eine neue Adresse?

    Oder gibt es eine ähnliche Seite?

    Bitte um Aufklärung, dankeschöööööön

  3. Dr. Frank Berghaus sagt:

    #48 Det am 20. Juli 2011 um 13:35

    Ich habe das Bild vor vielen Monaten herausgesucht und die Quelle vergessen, sorry Det :sad:

  4. Pingback: Der Durst nach Rache auf dem Weg zur Tränke | transatlantic annotations

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