Der Mensch als Mutant

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247px-Darwin2Die Biologie verdankt ihren Erfolg dem Evolutionsfaktor Mutation und Selektion. Die ständige Veränderung der Erbanlagen bringt neue Eigenschaften hervor, und die Selektion sorgt für survival of the fittest (Überleben der Angepasstesten, Bild: EricDiesel, Wikimedia Commons).

Darwin gebrauchte diesen Begriff, und schon damals gab es Streit um die "natürliche Selektion". Laut wiki vermeiden Evolutionsbiologen heute den Begriff der Fitness, da er die aktuelle Vorstellung von der Evolution nicht angemessen beschreibt. Zum einen suggeriert er eine Kontinuität in der Evolution hin zu immer größerer Fitness. Heutige Arten wären dann "fitter" als ausgestorbene, was nicht der Fall ist (Anmerkung: ob das wohl stimmt, dass die ausgestorbenen Arten gegen die modernen eine Chance hätten?). Zum zweiten ignoriert er das Prinzip der sexuellen Selektion.

Was aber unangefochten bleibt, ist das Grundprinzip von Mutation und Selektion. Laut wiki unterscheidet man nach der Auswirkung unterschiedliche Mutationsarten, letale, loss-of-function, gain-of-function, neutrale und stille Mutationen. Für die Mutationsraten gibt es unterschiedliche Zahlen. Nur Keimbahnmutationen zählen in dem Zusammenhang, und man nimmt an, dass beim Menschen ca. 10% bis 40% der Keimzellen mindestens ein mutiertes Gen besitzen. Die Mutationsrate wird grob auf 1/1.000.000 geschätzt, demnach hätten beim Menschen bei 30.000 Genen 3% der Keimzellen (also jede 33. Keimzelle) eine Mutation. Also hätte jeder 16. Mensch eine mutiertes Genom von seinen Eltern bekommen. Andere Quellen kommen auf 50…100 Mutationen per Generation.

So ganz stimmig sind die Zahlen nicht. Man sieht aber, die Mutationen sind permanent da, und nur ein geringer Teil von ihnen wirkt zum Besseren (gain-of-function). Bei hochkomplexen Organismen wie dem Menschen ist dieser Anteil sicherlich sehr gering, während die Mutationen in Richtung loss-of-function zahlreicher sind. Bei der zugrundeliegenden Methode des blinden Dreinschlagens ist das in einem ausgefeilten System kaum anders zu erwarten.

Bei Populationen von Pflanzen und Tieren werden die Mutationen in Richtung weniger Fitness durch die Selektion eliminiert. Beim Menschen war es in Urzeiten auch so. Wer schlecht sehen konnte, hatte keinen Jagderfolg, wer schlecht hören konnte, bemerkte nicht den Angreifer im Rücken, wer organisch kränkelte, konnte nicht überleben. In unserer modernen Welt ist diese Art der Selektion aber abgeschafft.

Es gibt Brillen, Hörgeräte, Prothesen, Operationen und Pillen, also Krücken für alle Zwecke. Kleinere Gebrechen hindern nicht mehr am Fortpflanzungserfolg. Einerseits ist das ein großer Erfolg für die Menschlichkeit, dass möglichst keiner ausgeschlossen wird.

Andererseits bedeutet das aber, dass die Genmutationen sich akkumulieren, weil sie ja nicht mehr wegselektiert werden, weil immer neue dazukommen, und weil sie sich immer weiter vererben. Irgendwann werden deshalb alle Menschen alle Arten von Defekten haben, und alle werden alle Arten von Krücken brauchen. Nach der Logik der Biologie bedeutet der Fortfall der Selektion einen Niedergang der Gene.

Solche Überlegungen sind stark tabuisiert, weil man nicht von Menschenzucht reden kann wie von Tier- und Pflanzenzucht. Sie waren auch durch die Nazi-Ideologie von der Euthanasie belastet, nach der "lebensunwertes Leben" (wie solches "falscher Abstammung") ausgerottet gehörte. Die Tabus sind auch religiösen Ursprungs, in dem Sinn, was der Schöpfer schuf,  darf nicht verändert werden, das ist Frevel. Auch in der humanistischen Szene sind diese Tabus stark verbreitet, da herrscht viel Irrationalität.

Wer sich jenseits der Denkverbote Gedanken um die Menschheit in 1000 Jahren macht, wird aber um solche Gedanken nicht herumkommen. Will die Menschheit wirklich die Akkumulation der Gendefekte ignorieren? Oder will sie Menschenzucht erlauben wie Tier- und Pflanzenzucht? Im Moment ist ja schon die pränatale Diagnose von schwersten Gendefekten umstritten. Geschweige denn, dass genetische Eingriffe ins menschliche Erbgut erlaubt sind. Selbst wenn sie wissen, was sie tun, erlaubt man das den Medizinern nicht.

Dem stehen achtenswerte Ideale entgegen. Die Frage ist nur, können wir uns die auf Dauer leisten? Mal angenommen der Fall, irgendwo fern der modernen Zivilisation findet noch menschliches Leben nach den alten Maßstäben statt, es gibt viele Kinder mit dem, was man euphemistisch als "hohe Sterblichkeitsrate" bezeichnet. Aus der Sicht der Evolution findet dort noch Selektion statt, und die Wirkung könnte sein, dass sich Fittere herausmendeln. Zum Beispiel Menschen, die Resistenzen gegen eine Seuche entwickeln, die der Rest der Menschheit nicht kennt.

Weil aber der Durchseuchungsgrad (Epidemologenslang) der Menscheit ständig steigt, kommen alle Seuchen irgendwann nach überall. Da besteht die reale Chance, dass ein Großteil der Menschen an einer exottischen Seuche zugrundegeht. Wenn tatsächlich so eine Seuche mit dem Potential einer neuen Pestepedemie daherkommt, könnte die Akzeptanz von genetischen Methoden der Erbgutmanipulation ganz schnell da sein.

Wahrscheinlich muss man gar nicht 1000 Jahre vorausdenken. Schon wenn man nur 100 Jahre vorausschaut, ist ein anderes revolutionäres Szenario denkbar. Ist es nicht lästig, das Handy 23 Stunden pro Tag am Ohr festzuhalten? Auch der Stöpsel im Ohr mit dem Mikrofontentakel ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Was liegt näher, als einen Chip zu implantieren, der für Neuro-Enhancement der technologischen Art sorgt? Das könnte ganz modern werden, so dass sich kein Mensch sich mehr menschlich fühlt, wenn er den Chip nicht hat.

Damit angefangen, könnten natürlich allerlei sonstige Robot-Implantate modern werden. Wenn die Menschen sich zu Roboter-Hybriden entwickeln, spielt der genetische Niedergang wohl keine Rolle mehr. Mal sehen, was die Tabus in dieser Richtung hergeben – Tabus wollen schließlich gebrochen werden. Die Zukunft dürfte spannend sein.
 

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2 Antworten auf Der Mensch als Mutant

  1. anonymus geheimnis sagt:

    Natürliche Selektion findet auf vielfältige Art statt. Die Mechanismen die sie ohne unseren medizinischen Fortschritt hatten stattfinden lassen sind jetzt zwar außer Kraft gesetzt, jedoch summieren sich die Mutationen und nachteiligen Eigensschaften irgendwann so weit hoch daß ein Mensch entweder nicht mehr lebensfähig ist oder als Fortpflanzungspartner gänzlich unattraktiv ist.Es geschehen immer noch Unfälle, Naturkatastrophen und zahlreiche weitere Situationen in denen die Stärkeren eine höhere Überlebenschance haben, Stärke kann ja auch sein wenn man in der jeweiligen Situation die höhere Intelligenz hat oder die bessere Reaktionsfähigkeit oder die bessere Teamfähigkeit, Stärke kann es sein wenn eine Gruppe die Fähigkeit hat zusammenzuhalten und so weiter. Es kommt immer auf die Situation und die gegebenen Umstände sowie die Verhältnisse an, das ist alles mal so und mal so und ganz relativ. Natürliche Selektion findet also immer statt, dagegen kann der Mensch überhaupt nichts tun. Allerdings kann und sollte der Mensch bestimmte Dinge vermeiden, die dazu führen daß nachfolgende Generationen, ob es nun einzelne Menschen oder eine ganze Bevölkerung sind, unnötig leiden müssen, auch wenn die natürliche Selektion immer noch greift, es muß ja nicht sein und wer weiß ob man davon nicht mal selbst betroffen ist, wer weiß schon zu 100 Prozent ob man nochmal wiedergeboren wird oder nicht und vielleicht hat man sich dann in der Vergangenheit selbst eine leidvolle Zukunft produziert. Ein Menschenleben kann sehr lang sein. Bestimmte Menschen sollten von diesem "Ich will auf Biegen und Brechen unbedingt Kinder haben" wegkommen, wenn man Erbschäden hat oder schlechte oder ungünstige Erbanlagen, sollte man doch besser darauf verzichten Kinder zu zeugen damit diese nicht krank werden und ein Leben lang darunter leiden müssen. Man muß eben das eigene Ego mal zurückstellen. Allerdings, wenn es denn eben einfach mal passiert daß Menschen krank oder behindert werden, sollte man auch Mitgefühl zeigen und diese Menschen human behandeln, ihnen helfen so gut es geht. Man muß sich das auch mal aus deren Perspektive vorstellen, wie das wäre wenn man selbst in so einer Situation wäre und keiner einem hilft oder man dann auch noch schlecht behandelt oder getötet werden würde. Oder man muß sich mal vorstellen wie das wäre wenn es zwar die Möglichkeiten gibt die Leiden dieser Leute zu lindern aber diese nicht angewendet werden, wie man das selbst in einer solchen Lage finden würde. Man staune nicht schlecht wie nützlich solche Menschen noch für die Gesellschaft sein können und wie stark diese noch werden können wenn man ihnen die Chance dazu gibt. Natürlich kann man nicht alle adäquat in die Gesellschaft integrieren, vor allem im Berufsleben kann das oft nicht funktionieren und man sollte vermeiden den gesunden Menschen unnötig das Leben schwer zu machen, da muß man abwägen was geht und was nicht. Für bestimmte Menschen ist dann eine seperate Unterbringung mit Betreuung dann doch besser aber wichtig sind dabei die humanitären Bedingungen, absolut humanitär muß es sein, das ist ganz wichtig! 

    Mutationen sind immer destruktiv, niemals konstruktiv, deshalb können sie nichts bilden was in irgendeiner Art gut oder nützlich für einen Organismus wäre. Vergessen wird gerne die Rekombination der Gene, es kommt ja jedesmal 50 Prozent neues Material hinzu und so verschwinden Mutationen ja irgendwann wieder. Die Chance daß jetzt zwei Sexualpartner genau dieselbe Mutation an derselben Stelle haben und die sich dann auch noch finden, ist wirklich verschwindend gering so daß sie praktisch unmöglich ist. Die Überproduktion berücksichtigend bleibt da nur noch der Inzest aber der führt nach nur wenigen Generationen zu derartig schweren Erbschäden daß diese Lebensformen gar nicht überleben können.

    Der Mensch ist mit seinem Fortschritt definitiv auf einem falschen Kurs, er konzentriert sich auf die falschen Dinge und wendet seinen Fortschritt falsch an. Es spricht aber nichts dagegen und soll meiner Meinung nach auch so sein daß der Mensch sich im bereich medizinischer Fortschritt durchaus etwas einfallen läßt um seine Lebensqualität zu verbessern und Leid zu lindern, um zu heilen und zu helfen. Wir sind doch schließlich alle fühlende Lebewesen. Der Mensch sollte sich mehr auf natürliche Heilverfahren und altes Wissen konzentrieren und nicht Krankenhauswirtschaft betreiben mit der er sich selbst bereichert und viel kaputt macht, allerdings hat die Natur auch ihre Grenzen und für bestimmte Dinge brauchen wir nun mal den medizinischen Fortschritt, nicht alle Krankheiten und Behinderungen sind gesellschaftlich bedingt und man darf auch die Unfälle nicht vergessen etc. Also Fortschritt ist OK, was wir aber wirklich brauchen ist der medizinische Fortschritt und die Weltraumforschung, darauf sollte der Mensch sich konzentrieren und ansonsten sollte er anstreben wieder eine natürliche Lebensweise zu führen, den ganzen restlichen Blödsinn, mal abgesehen von der Bewahrung und Weitergabe unseres Wissens, brauchen wir nämlich nicht und er führt nur dazu daß wir uns unwohler fühlen. Nur auf unsere ursprüngliche, natürliche Lebensweise, für die wir letztenendes auch gemacht sind, können wir uns wirklich wohl und zufrieden fühlen. (Jagen, Sammeln, in der Natur leben im Einklang mit ihr und sie nutzend aber ohne zuviel zu nehmen oder sie zu schädigen.)

  2. Wilfried Müller sagt:

    Dazu nur soviel: Mutationen sind immer destruktiv, niemals konstruktiv – Das gilt für die meisten Mutationen, insgesamt stimmt es aber nicht, wie die Evolutionslehre besagt. Vergessen wird gerne die Rekombination der Gene – Man kann sich selber überzeugen, dass immer mehr Menschen nur mit Krücken leben können. Die Mutatuonen werden also nicht alle weg-rekombiniert.

    Als neuen Gesichtspunktt zu dem Artikel kann man die Kulturelle Evolution sehen, die durch Entwicklung der Krücken (Brillen, Pillen …) die Menschheit unterm Strich fitter macht.

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