Gunter Sachs und die Menschenwürde

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Der Pistolenschuss von Gstaad rührt aufs Neue ein Thema auf, bei dem es wohl niemals Einigkeit der Meinungen geben wird. Da erschießt sich ein Mensch im Alter von 78 Jahren und erklärt in einem Abschiedsbrief, dass er die vorhersehbare Entwicklung seiner Krankheit, Alzheimer oder Demenz, nicht ertragen wolle, um nicht sich selbst und seiner Umwelt zur Belastung zu werden. Gunter Sachs, Millionenerbe, anerkannter Photograph und einziger deutscher Playboy der Nachkriegszeit, beendet ein Leben, das von der Öffentlichkeit mit Glamour, Jet-Set und schönen Frauen in Verbindung gebracht wurde. Dass Gunter Sachs offenbar am Beginn einer Demenzerkrankung stand, wurde der Öffentlichkeit erst durch seinen Suizid bekannt. In seinem Abschiedsbrief schrieb Sachs: „Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten“.

Gut hundert Jahre ist es her, dass Alois Alzheimer erstmals die Hirnkrankheit beschrieb. Doch eine wirksame Behandlung gibt es auch heute nicht. Denn die komplexen Mechanismen, die bei der Alzheimerkrankheit das Massensterben von Hirnzellen verursachen, sind noch immer nicht entschlüsselt. Aber die Wissenschaftler kommen voran. Dank neuer Technologien verstehen sie die Krankheit immer besser und spüren Angriffspunkte für neue Therapien auf. Die Medikamente von morgen sollen den Nervenzelluntergang verlangsamen, stoppen oder sogar verhindern, einige werden bereits am Menschen erprobt.

Die Zeit schreibt dazu: Nach einer Schätzung der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft leben in Deutschland 1,2 Millionen Demenzkranke, von denen zwei Drittel an Alzheimer erkrankt sind. 2050 könnten es 2,6 Millionen sein, wenn kein Durchbruch bei der Behandlung erzielt werden kann, warnt die Gesellschaft

Mit der Frage, welche Risikofaktoren es gibt und wie man Alzheimer vorbeugen kann, hat sich vor kurzem im Auftrag der US-Regierung eine Gruppe unabhängiger Experten beschäftigt. Die Fachleute unter Leitung von Martha Daviglus von der Northwestern University Feinberg School of Medicine durchforsteten dazu die wissenschaftliche Literatur.

Der letzte prominente Fall für Alzheimer war wohl Ronald Reagan, der die letzten Jahre seines Lebens von seiner Frau Nancy gepflegt wurde. Diese hat ausführlich über den Verlauf berichtet. Es beginnt mit Erinnerungslücken (früher sagte man: „der Opa is halt a bisserl deppert worn“) und setzt sich fort bis zu einem vollständigen Verfall derPersönlichkeit. In diesem Endstadium erkennt der Patient nicht einmal mehr die nächsten Angehörigen, Frau und Kinder sind ihm wie Fremde. Das ist vor allem für die Verwandtschaft ein schwerer Schlag, weniger für den Erkrankten selber. Das Schlimme ist, dass die Krankheit (bisher) nicht heilbar ist, allenfalls kann die Entwicklung durch vernünftige Lebensweise und ein gewisses Training hinausgezögert werden. Der größte Risikofaktor bleibt aber das Altern und so wird diese Krankheit mit der steigenden Lebenserwartung ganz automatisch häufiger ins Bewusstsein der Menschen treten. Ein Heilmittel wäre also ein dringliches Desiderat.

Unser Thema soll jedoch nicht die schreckliche Krankheit sein, sondern die Frage, inwieweit jedermann ein Selbstbestimmungsrecht über sich selbst hat, mit anderen Worten: es geht um die unterschiedlichen Betrachtungsweisen des Suizids durch Humanisten gegenüber anderen, die dieses Selbstbestimmungsrecht verhindern wollen. So titelt kath.net heute: „Suizid kann nicht vorbildlich sein“ und sieht wieder einmal die modernen Zeiten als Verursacher des Untergangs der katholischen „Ethik und Moral“:

Das selbst bestimmte Lebensende ist eine derzeit in unserer Gesellschaft sich ausbreitende und systematisch propagierte Vorstellung, die teilweise illusionären Charakter angenommen hat.

Und weiter:

Es liegt an uns, das von Gunter Sachs gesetzte Zeichen richtig zu interpretieren, nämlich als den verzweifelten Hilferuf eines Menschen, der die Kontrolle über das eigene Leben zum ultimativen Daseinszweck erhoben hatte. Es ist an der Zeit, diesen höchsten Wert der Postmoderne angesichts seiner tödlichen Konsequenzen in Frage zu stellen.

Hinter all dem steht natürlich die urkatholische Vorstellung, dass dieses Leben von Gott „geschenkt“ sei, und niemand das Recht habe, dieses Geschenk zurückzuweisen. Damit wird der Freitod zur Undankbarkeit gegenüber dem Schöpfer und ist somit zutiefst verabscheuungswürdig. Sieht man das allerdings unter humanistischen Gsichtspunkten, so stellt sich automatisch die Frage: „Wem soll ich denn für meine Existenz dankbar sein?“ Niemand hat jemals darum gebeten, geboren zu werden. Wenn man ein glückliches und erfülltes Leben führt, kann man allenfalls daran denken, dass die eigenen Eltern die Mühsal (aber wohl auch die Freude) auf sich genommen haben, einem kleinen Wesen mit viel Geduld und Mühe ein selbstbewusstes Leben zu ermöglichen. Ich bin meinen Eltern jedenfalls dafür dankbar. Doch einem Gott? Was hat er damit zu tun?

Ähnlich sieht das die durchaus nicht komplett humanistisch ausgerichtete „Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben“ (DGHS):

Es muss wieder eine Rückbesinnung auf eine menschengerechte Alters- und Sterbekultur stattfinden. Die DGHS als Patientenschutz-Organisation setzt sich bundesweit ein für mehr Menschenrechte, mehr Bürgerrechte, weniger staatliche Bevormundung und die Beseitigung von Missständen im Umgang mit Sterbenden.

Die Frage nach Patientenverfügungen über ein selbst bestimmtes Sterben ohne unnötige Qualen durch so genannte lebensverlängernde Intensivmedizin sowie ein eindeutiges Bekenntnis zur Menschenwürde gehören unter anderem zum Programm der DGHS, wobei sie sogar einzelnen ganz konkrete Hilfe bis hin zu Rechtsberatung oder Begleitung vor Gericht zur Durchsetzung von Ansprüchen gegen Urteile anbietet, die der Würde des Menschen im Wege stehen. Wie immer schwammig auch der Begriff der „Würde“ formuliert sein mag –darüber ließe sich trefflich streiten – bleibt eines klar: Die eigene Verantwortung für sein Leben sollte man niemals in die Hände von Dritten delegieren, nicht einmal dann, wenn dieser Dritte sich „Gott“ nennt. So sagte ein guter Bekannter, der inzwischen im Alter von 84 Jahren als friedlicher Katholik verstorben ist, zu mir: „Wenn ich vom Hals abwärts vollständig paralysiert wäre, würde ich zum Bahnhof gehen und mir eine Pistole kaufen“.

Das wäre sein gutes Recht gewesen. 


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