Über die religiöse Inkontinenz bekannter Partei-Politiker

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taufurkundeBei Freigeist Weimar finden wir am 4.12. eine Laudatio der anderen Art von Ralf Michalowsky. Bedenklich stimmt die Aussage über die SPD, dass selbst dort Karrieren nur mit Kotau vor der Religion möglich sind:

WEIMAR. (fgw) Hannelore Kraft (SPD) fühlte sich als Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen und nach 25 Jahren "wilder Ehe" ohne kirchlichen Segen bemüßigt, in Südafrika in den heiligen Stand der Ehe zu treten – ganz in weiß. Fremde Länder üben für diese Prozedur offensichtlich einen gewissen Reiz aus, denn auch der Protestant Bodo Ramelow (LINKER Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag) gab seiner Ehe einen übersinnlichen neuen Schub und ehelichte erst kürzlich seine Ehefrau erneut in Italien. (Ein Dokument wie in dem Bild befördert in Deutschland politische Karrieren ganz ungemein.)

Peer Steinbrück (SPD), der Gescheiterte, kehrte nach 40jähriger kirchlicher Abstinenz in deren Schoß zurück. Zwischen den "religiös-tumben" (Weimarer Attributierung) Thierse und seine Kirche passt kein Blatt Papier. Der blamable "Pippi-Langstrumpf-Verschnitt" (Weimarer Würdigung ihrer Gesangskünste im Bundestag) Andrea Nahles (SPD) meint gar, dass die Trennung von Staat und Kirche „weder eine hinreichende noch eine notwendige Bedingung von Demokratie" sei. Katrin Göring-Eckardt (GRÜNE MdB aus Thüringen), stellte in der Vergangenheit ihre Entscheidungen wiederholt auf religiös fundierte Gewissensentscheidungen ab. Manuela Schwesig, stellvertretende SPD-Vorsitzende aus Mecklenburg-Vorpommern, trat 2010 in die evangelische Kirche ein und ließ sich taufen. Immerhin, so auf ihrer Website, betet sie nicht vor wichtigen politischen Entscheidungen, sondern holt sich den präventiven Ablass im täglichen Morgengebet.

Und jetzt hat sich wieder so ein Gehirnakrobat geoutet. Der hessische SPD-Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel sagte bei einem kirchlichen Empfang zum neuen Kirchenjahr am 30. November: "Glaube ist keine Privatsache." Er sehe mit Sorge, dass sich gerade die evangelische Kirche in ihrer Arbeit nur auf ihre eigenen Gemeinden beschränke. Die Folge sei ein Verlust von Werteorientierung in der Gesellschaft, bedauerte er. Nach seinen Worten ist in keiner Partei der Anteil bekennender Christen unter den Mandatsträgern in Hessen größer als in der SPD. Schäfer-Gümbel ist, wie er sagte, als Katholik geboren, als erwachsener Mann aus der katholischen Kirche ausgetreten und dann „nach Jahren der Suche" in die evangelische Kirche eingetreten.

Die Liste der Wiederkehrer aus der Politik läßt sich beliebig verlängern. Was aber reitet diese Menschen? Auf Facebook schrieb ein SPD-Genosse: "In der SPD tritt einem Menschen, der in der Partei Karriere machen möchte, an einem bestimmten Punkt Gott in den Weg. Wenn man dann nicht glaubt, muss man dran glauben; dann wird man eiskalt abgesägt von den religiösen Seilschaften in den oberen Etagen."

An den Seilschaften arbeiten Kirchenlobbyisten kontinuierlich; ganz hochoffiziell gibt es sogar "Bevollmächtigte bei Regierung und Parlament". Beim Bundestag heißt der Mann Martin Dutzmann, er wechselte erst im Oktober vom Militärbischof zum "Seilschaftsbeauftragten" der evangelischen Kirche. Als DIE LINKE im Mai 2010 in den Landtag von Nordrhein-Westfalen einzog, konnte ich als Parlamentarischer Geschäftsführer die Bemühungen des Kirchenlobbyismus hautnah erleben. Dort hieß der Beauftragte des "Evangelisches Büros" Rolf Krebs. Evangelisches Büro ist die Kurzform für das Amt des Beauftragten der Evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung in den deutschen Bundesländern. Drei Wochen nach der Landtagswahl erreichte mich aus besagtem Büro die Anfrage, welchen Glaubensgemeinschaften unsere 11 Abgeordnete zuzurechnen seien. Fast täglich hielt der Mann sich im Landtag auf und eine seiner willigsten Helferinnen war die Parlamentarische Geschäftsführerin der GRÜNEN, Sigrid Beer. Ihr Studium der Theologie (Abschluß Dipl-Päd.) blieb nicht ohne Wirkung. Seit 2010 ist sie Mitglied der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Für Menschen wie mich als Atheist, der sich für die Trennung von Kirche und Staat einsetzt, scheint die Situation verfahren. Jahrelang hauen Politiker in unteren "Dienstgraden" auf die "atheistische Kacke", was ihnen noch beim Aufstieg hilft und sobald sie aufgestiegen sind, kommen die religiösen Kraken und drehen sie passend.

Eigentlich könnte ich jetzt mit einem Stoßseufzer enden und Alfred Loisy zitieren. Der katholische Theologe und Historiker schrieb Anfang des 19. Jahrhunderts: „Jesus verkündete das Reich Gottes; aber es kam die Kirche."

Doch ich glaube fest daran, dass es weitere "Tebartz van Elst" geben wird, die die Trennung von Kirche und Staat weiter voran treiben, denn ganz wichtig ist die Aufklärung. Die haben wir nicht hinter uns, sondern sie ist in vollem Gange.

Zur Aufklärung beitragen wird ganz bestimmt das neue Projekt von Carsten Frerk (Violettbuch Kirchenfinanzen. Wie der Staat die Kirchen finanziert.). Er hat sich die Lobbyarbeit der Kirchen vorgenommen und wird in seinem nächsten Buch über politische Seilschaften und Verbindungen zur Kirche informieren.

Hoffen wir also weiter!

Ralf Michalowsky

Link zum Originalartikel bei Freigeist Weimar

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6 Antworten auf Über die religiöse Inkontinenz bekannter Partei-Politiker

  1. Natürlich ist die Motivation der Politiker für den Glauben wie beschrieben eindeutig. Betrachten wir aber allgemein einen religiösen Menschen und fragen nach seiner Motivation, nach einer  rationalen Begründung für seinen Glauben, so muss er die Antwort schuldig bleiben. Er antwortet höchstens darauf, dass es seiner Überzeugung nach einen Gott geben müsse, im Übrigen kann er auf seine Religionsfreiheit verweisen. Denn viele sind sofort bereit, solche Fragen als einen Angriff auf die Religionsfreiheit der betreffenden Person zu werten. Durch derartige Fragen werde seine Privatsphäre berührt und er damit sogar beleidigt. Wie kommt das?

    Lässt sich dieses eigenartige Verhalten vielleicht damit erklären, dass viele an irgendetwas glauben und es selber nicht rational begründen können? Jedenfalls wird ein religiöser Glaube in der Gesellschaft respektiert und weitgehend akzeptiert. Und warum hat der Glaube eines Menschen diesen hohen Stellenwert? Er ist doch von einer Sache überzeugt, von der er definitiv nichts weiß, da er nichts wissen kann. Außerhalb religiöser Fragestellungen würde niemanden ein Standpunkt, der nur auf der Basis des Glaubens beruht, ernsthaft interessieren, er würde als völlig aus der Luft gegriffen zurückgewiesen werden. Außerdem sind die (banalen) Widersprüche des Glaubens so häufig, dass man eigentlich gar nicht begreifen kann, dass überhaupt noch jemand glaubt.

  2. pinetop sagt:

    Ich warte schon brennend auf das neue Werk von Carsten Frerk. Das gibt mit Sicherheit noch mehr Argumentationskraft im Wahlkampf.

  3. pinetop sagt:

    Und einen Seitenhieb auf die "Frankfurter Schule" kann ich mir nicht verkneifen. Die Aufklärung ist nicht überholt, sie ist dringend notwendig und wird noch viel politisch bewirken.

     

  4. pinetop sagt:

    Hans Albert zum Dialog zwischen Joseph Ratzinger und Jürgen Habermas:

    "Dass ein katholischer Theologe wie Ratzunger eine positive Einstellung zur Aufklärung erkennen läßt, wird niemand erwarten. Habermas dagegen hat seine philosophische Karriere mit einer hermeneutischen Umdeutung des Marxismus und mit einer Betonung des Anspruchs der Aufklärung begonnen.Und er ist nun mit seinen Beiträgen zur Analyse der Religionsproblematik der Aufklärung buchstäblich in den Rücken gefallen. Der mehr oder weniger unverschleierte Fundamentalismus des deutschen Papstes scheint ihn dabei nicht zu stören. Damit hat er sich den Beifall der politischen und medialen Prominenz im deutschen Sprachbereich gesichert, die seit einiger Zeit ununterbrochen mit religiösen Parolen aufwartet und den Atheismus diffamiert."

    Hans Albert, Kritik des theologischen Denkens, Berlin 2013

    Hans Albert setzt sich hier mit mehreren Theolgen auseinander, u. a. mit Richard Schröder, Bischof Huber, Kardinal Schönborn, Abtprimas Wolf und Hans Küng.

  5. Uwe Lehnert sagt:

    Wenn Politiker wie Peer Steinbrück, Hannelore Kraft oder Manuela Schwesig, um nur Beispiele zu nennen, plötzlich wieder zu ihrem lieben Gott zurückfinden, dann soll das ihnen in ihrer Einfalt unbenommen sein. Merkwürdig ist nur, dass diese Wiederentdeckung des Übersinnlichen stets vor einer erhofften Karriere in der Politik erfolgte. Offenbar lässt sich der gute Mann im Himmel zu allem Möglichen missbrauchen. (Mahnende Worte, dass »er« als profaner Imageverbesserer sich nicht einspannen ließe, scheinen von oben nicht gekommen zu sein. Wie auch? Wenn da keiner wohnt.) Ich würde mir sogar wünschen, dass diese so plötzlich gott- und kirchengläubig gewordenen Politiker ihre öffentlichen Auftritte mit Gebeten und Lesungen aus der Bibel begleiten, damit ein jeder Bürger erkennen kann, aus welchen bronzezeitlichen Quellen diese Volksvertreter – angeblich oder tatsächlich – die Maßstäbe für ihr politisches Handeln beziehen.

    Nun muss man einem überzeugten Christen zubilligen, dass er für seinen Glauben eintritt und das auch zu erkennen gibt. Erlaubt ist aber nur, dass er seine Überzeugung kundtut und dafür wirbt. Gesetze und Verordnungen auf der Basis seiner religiösen Auffassung für alle verbindlich zu machen, kann nicht hingenommen werden, es ist schlicht verfassungswidrig. Aber genau das tun diese Damen und Herren, wenn sie z.B. den Schwangerschaftsabbruch, die Stammzellforschung, die Präimplantationsdiagnostik oder etwa die aktive Sterbehilfe für alle Bürger gleich welcher weltanschaulichen Orientierung bei Strafe verbieten, und dies mit christlichen Glaubenselementen wie Heiligkeit des Lebens, Beseeltheit schon des Embryos, Gottesebenbildlichkeit und anderen erfundenen Konstrukten begründen. Sie verstoßen gegen das Recht auf Selbstbestimmung, gegen die Glaubensfreiheit, gegen das Prinzip, politischen Entscheidungen, »vernünftige«, das heißt einsichtige und nachvollziehbare Begründungen zugrunde zu legen.

    Wenn Nichtgläubige, wie naturalistisch-humanistisch eingestellte Menschen, ihre Auffassungen dagegen setzen, berufen auch sie sich auf eine Weltanschauung, die im Letzten ebenfalls nicht rational begründet werden kann. Immerhin können sie sich auf die weltweit anerkannten Menschenrechte berufen und in vielen Fällen auch auf wissenschaftliche Einsichten. Im Zweifel haben auch naturalistisch-humanistische Begründungen für allgemeinverbindliche Gesetze zu unterbleiben und sind der persönlichen Gewissensentscheidung des Einzelnen zu überlassen. Die Trennung von Staat und Religion, die Trennung rationaler und religiöser Begründungen bei politischen Entscheidungen ist der einzige Weg, in einer zunehmend multiweltanschaulichen Gesellschaft friedlich miteinander auszukommen.

  6. Lieber Herr Lehnert,

    Sie schreiben von der "Einfalt" der Politiker, ein hartes Wort aber doch nur zu oft zutreffend. Die genannten Politiker reden vom Christentum und kennen es dabei gar nicht. Das Christentum ist nämlich eine so genannte Buchreligion, und das heilige Buch ist die Bibel. In diesem Buch ist alles zu finden, was den Glauben so lächerlich macht. Nun habe ich auch ein starkes Wort gebraucht, aber geht es anders?

     

     

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