Bauernfänger oder Gesundmacher?

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799px-Graphit_01Wer ein Fernsehgerät hat und sich durch die Kanäle zappt, kann allerlei Werbung für unnütze Dinge sehen (Bild: ein Kohlebrocken, wie er in der Homöopathie als Arzneimittel verwendet wird, H. Zell, Wikimedia Commons).

Besonders auffällig tun sich im TV die Pillenverkäufer hervor, die Gesundheit zum Schlucken anbieten. Das Geschäft ist sehr umstritten und wird ungeachtet aller skeptischen Beurteilungen durch die Wissenschaft betrieben. Die Sache ist extrem profitabel, und da liegt der Verdacht nahe, dass Verkäufernutzen vor Verbrauchernutzen geht. Hier ist vor allem die "Gesundheits"-Industrie angesprochen, die zulassungsfreie Mittelchen an den Mann bringt.

Immer wieder kommt auch die spezielle Ausprägung der Bauernfängerei namens Homöopathie ins Visier. Ungeachtet aller wissenschaftlichen Untersuchungen, die ihr Unwirksamkeit bescheinigen (keinerlei Wirkung über den Placebo-Effekt hinaus), boomt der Markt der Wässerchen, die so weit verdünnt sind, dass die Wirkung nur noch in der Phantasie eintritt. Um diese Erkenntnis zu verbreiten, hat die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften GWUP eine Aktion 10:23 gemacht: Wo keine Wirkung, da keine Nebenwirkung. Nach diesem Motto demonstrieren Kritiker der Homöopathie im Rahmen der 10:23-Aktion, dass man ohne Weiteres eine ganze Packung eine hochpotenzierten Homöopathikums einnehmen kann, völlig ohne Wirkung oder Nebenwirkungen (man beachte: hochpotenziert bedeutet bei der Homöopathie besonders hohe Verdünnung und nicht etwa besonders hohe Konzentration).

Wie nötig solche Aufklärungsaktionen sind, zeigt diesseits.de am 13.12. mit seiner Warnung vor der „Apotheken Umschau“: In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) bezeichnet der Physiker und frühere Hochschullehrer an der Technischen Universität Berlin, Martin Lambeck, das populäre Ratgeber-Magazin als ein „Sprachrohr der Homöopathie“. Wie weit das geht, sieht man in den Schaufenstern der Apotheken. Die sind vielerorts mit Homöopathiepräparaten bestückt, mit Werbetexten, die eine Wirkung insinuieren. Weil dabei auch ernstzunehmende Erkrankungen angesprochen sind, die eine richtige Therapie erfordern, ist das fahrlässig und gesundheitsgefährdend.

Aber nicht nur die Produzenten von unwirksamen Mitteln wollen profitieren. Die richtige Pharmaindustrie muss ihre Produkte durch teure und langwierige Zulassungsprozeduren bringen, anscheinend verleitet das gewisse Anbieter zu Übergriffen. Die deutsche Gesellschaft für Rheumatologie e. V. (DGRh) hat am 3.12. den Stand ihres langjährigen Kampfes gegen einen Anbieter von Rheumatabletten veröffentlicht: Erneuter Rechtsstreit mit der Orthogen Lab Services GmbH wegen kritischer Stellungnahme zu Orthokin. Die DGRh musste bis zum Bundesgerichtshof gehen, um die Klage des Pharmaherstellers abzuweisen. Wer näheres sehen will, kann die Aktualisierte Stellungnahme zu "Orthokin" anschauen.

Über diesen Vorfall berichtete die Süddeutsche Zeitung am 17.12. in Umstrittene Rheuma-Therapie – Pharmafirma will kritische Mediziner mundtot machen. Dahinter stecken finanzielle Interessen, die die Unterlassungs- und Schadensersatzklagen bis in die letzte Instanz treiben. Falls die Pharmafirma recht hat, ist so ein Angriff eine lebensbedrohliche Attacke. Wenn aber die Kritiker recht haben, ist es gefährliche Geldschinderei. Aus dem SZ-Artikel: "Die Patienten erfahren über Jahre keine Kritik an so einem Verfahren, wenn der Anbieter damit so viel Geld verdient, dass er durch so viele Instanzen gehen kann."

Wenn früher nach den Ursachen für Unerklärliches gefahndet wurde, hieß es cherchez la femme. Heute müsste es heißen cherchez l'argent. Also nicht mehr die holde Weiblichkeit motorisiert das Unbegreifliche, sondern der schnöde Mammon.

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Eine Antwort auf Bauernfänger oder Gesundmacher?

  1. Argutus sagt:

    Die pharmazeutische Industrie ist sich der Nutzlosigkeit homöopathischer Medikamente voll bewußt. Meine Cousine ist Apothekerin und hat während ihres Studiums eine Zeitlang in einer Fabrik gearbeitet, die Homöopathica herstellt. Dort glaubte niemand daran und verschiedene Vorschriften (beispielsweise betreffend die Verschüttelung) wurden dort um Zeit und Geld zu sparen so salopp durchgeführt, daß wohl selbst ein gläubiger Homöopath der Meinung gewesen wäre, daß das so entstandene Endprodukt wirkungslos sein muß.

    Wichtig war denen nur, daß die dummen Patienten das Zeug kaufen und sich deshalb damit satte Gewinne erwirtschaften lassen.

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