® Die Frage steht im Raum

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FragezeichenWarum steht die Frage im Raum? Na klar, die wird gestellt, also steht sie. Nur das Fragezeichen am Ende wird gesetzt, das darf sitzen (Bild: Wo ist dein Problem Logo, BPHD, Wikimedia Commons).

Die Frage steht, das Fragezeichen sitzt, und wenn zwischendrin eine Pause eingelegt wird, darf die sogar liegen; sie wird schließlich eingelegt.

Bei der Absicht, aus dieser Wirrnis Humor zu saugen, sind auch die Übersetzungen interessant. Auffällig ist, auf englisch gibt es keine klare Entsprechung. Da gibt es nichts, was im Raum steht, sondern es wird bestenfalls erhoben (raised). Es muss auch keine Frage (question) sein, sondern das Modewort issue passt auch. Und der Raum, in dem die Fragen stehen? Den gibt's nur bei uns:

  • the question is
  • the question arises
  • the issue of

Um so wertvoller wird der Fragenraum für uns. Das ist quasi ein Schutzbiotop, wo die Merkwürdigkeiten der deutschen Sprache ihre Urständ feiern. Beispielsweise stehen die Fragen sehr stabil. Sie fallen nicht um, nicht mal die Umfragen. Und wenn Fragen wiederholt werden, werden sie wiederholt gestellt, obwohl sie doch gar nicht fallen können. Das sind dann bohrende Fragen.

Manche Fragen stellen sich sogar von allein. Man sieht, die haben enormes Standvermögen. Es braucht einige Beharrlichkeit, um sie niederzuhalten. Man muss den Mund halten, denn bevor sie gestellt werden, liegen die Fragen auf der Zunge. Sobald sie mal gestellt sind, stehen sie im Raum herum, und nichts kann sie ungefragt machen.

Sie können höchstens verhallen, aber dafür brauchen sie einen Raum mit Hall. Sonst reicht ein Abstellraum. Dadrin können die Fragen im Raum stehen und verstauben. Für offene Fragen braucht es allerdings einen offenen Raum. Manche Fragen sind so global, dass sie eigentlich nur im Weltraum stehen können.

Das wirft die Frage nach der Raumzeit auf. Können Fragen nicht bloß im Raum stehen, sondern in der Raumzeit?

Ob das wohl geht? In der Zeit kann man doch nur liegen, wenn überhaupt. Man liegt in der Zeit, wenn man rechtzeitig fertig ist.

Mal angenommen, die Frage wird gestellt, und damit wird man rechtzeitig fertig? Sie steht dann im Raum, und sie liegt in der Zeit. Steht sie dann in der Raumzeit? Oder liegt sie in der Raumzeit? Oder gibt's womöglich eine Superposition von Stehen/Liegen?

Das führt auf das gleiche philosophische Paradox wie die Frage nach dem Vorstandsvorsitzenden. Steht der, oder sitzt der? (Oder sind Banker/Manager gemeint, die vor Gericht stehen, und danach sitzen die?)

Interessant sind noch die großen und die kleinen Anfragen, denn die werden eingereicht und nicht gestellt. Zwischendurch können noch Zwischenfragen kommen, die ihrem Platz im Zwischenraum finden, sobald man sie in einen Raum stellt. Bei den Abfragen ist der Fall nicht so klar. Die stellt man besser nicht in den Raum, denn das müsste der Abraum sein. Notfalls tut es aber auch ein Klassenraum, wenn Schüler abgefragt werden. 

Gibt's irgendwelche Nachfragen? Richtig, die Nachfragen stellt man auch nicht in den Raum, sondern man schiebt sie nach. Sollte jemand diese Aussage hinterfragen, dann bleibt ihm die Möglichkeit der Hinterfrage. Wo die landet, das weiß keiner. Hinterfragen ist sowieso unmodern, weil jeder seine eigenen Fragen in den Raum stellen will und meistens auch gleich die Antwort.

Das blöde ist nur, dass die Antworten so oft danebenliegen. Und wenn die da immer rumliegen, wie sollen sie dann an die im Raum stehenden Fragen drankommen? Das ist die naheliegende Frage, die im Raum steht …

 

(Dieser Artikel erschien zuerst am 29.12.13 und wurde am 23.9.18 überarbeitet und ergänzt.)

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Eine Antwort auf ® Die Frage steht im Raum

  1. Wolfgang Goethe sagt:

    Ja, die Fragen haben es nicht leicht! Wenn einzelne Fragen im Raum stehen, dann geht das ja noch – aber bei mehreren Fragen wird es schon etwas enger. Bei der Bundestagsdebatte sieht das schon anders aus, da ist der Andrang von Fragen groß, die im Raum stehen. Fragen werden da dementiert und beiseite gelegt. Fragen werden gedemütigt und ausgelacht. Ja, als Frage hat man es nicht leicht, zumal man ja noch das Fragezeichen mit sich rumschleppen muss. Am meisten tun mir die Fragen leid, wenn man sie nach der Debatte im Raum alleine stehen lässt, und keiner kümmert sich mehr um die Fragen. Ihr armen Fragen!

    JWG

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