Der unverdiente Reichtum

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102px-Mcol_money_bag.svgIm März 2013 hat der Autor Leslie McCall ein Buch veröffentlicht, The Undeserving Rich, American Beliefs about Inequality, Opportunity, and Redistribution – der unverdiente Reichtum, amerikanische Fehlvorstellungen über die (dahinschwindende) Chancengleichheit. Am 19.1. hat Paul Krugman in der New York Times einen  Meinungsartikel mit genau diesem Titel veröffentlicht, The Undeserving Rich. Weil das ein maßgeblicher Text ist, der auch vielfach zitiert wurde, bringt wb den Inhalt in freier Nacherzählung (Bild: PD-OPENCLIPART, Wikimedia Commons).

Seit den 1970er Jahren haben die Reallöhne der unteren Einkommenshälfte stagniert, oder sie sind gefallen, während das obere 1% sein Einkommen vervierfacht hat und das obere 0,1% noch mehr zugelegt hat (wie fast alles weitere gilt das in Deutschland genauso, siehe auch Nie waren sie so wertvoll wie heute). Über die wachsende Ungleichheit sollte ernsthaft diskutiert werden, und man sollte einen Weg finden, den Kapitalismus davon abzuhalten, die Grundlagen der Mittelklasse zu unterminieren.

Aber es ist schwer, jemanden dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Gehalt davon anbhängt, dass er nicht versteht. Hinter dem Unverständnis steht auch der Klassenkampf, der bereits in Gang ist – und die Plutokraten sind in der Offensive. Als Ergebnis sieht man eine Kampagne der Statistikmanipulation. Auf der groben Seite geht das bis zur Fälschung, während die verfeinerten Methoden ein Gespinst von Täuschungen schaffen, bis hin zum Mythos der "deserving rich", des wohlverdienten Reichtums.

Ein Beispiel der de-facto-Fälschung liefert das Wall Street Journal, das zuerst Präsident Obama (fälschlicherweise) einer Faktenfälschung (in Bezug auf die wachsende Ungleichheit) beschuldigte, um dann mit der Versicherung fortzufahren, dass diese wachsende Ungleichheit keine große Sache wäre, weil ja jeder gewonnen hätte. Als Beweis sollte die Zunahme der unteren Einkommen um 186% seit 1979 gelten.

Aber in diese Zahl ist die Inflation nicht eingerechnet, es ist also Augenwischerei. In Wirklichkeit ist das Realeinkommen des unteren Fünftels deutlich gefallen, und die irreführende Zahl wird trotzdem nicht korrigiert. So sieht also die grobe Täuschung aus. Und die geschicktere Version?

Die Konservativen hängen dem Weltbild an, dass Armut das Ergebnis von Charakterproblemen der Armen wäre. Das mag mal ein Körnchen Wahrheit enthalten haben, aber in den letzten 30 Jahren hat sich das geändert. Da war die Hauptursache der Jobmangel, genauer, der Mangel an Jobs mit anständiger Bezahlung. Aber der Mythos der "undeserving poor", der selbstverschuldeten Armut, lebt genauso weiter wie sein Gegenstück vom wohlverdienten Reichtum.

Der Mythos besagt, die Reichen sind reich, weil sie die richtigen Karriereentscheidungen trafen. Sie verschafften sich eine gute Bildung in einer guten Universität, sie heirateten und blieben verheiratet usw., kurz:  der Reichtum ist der Lohn für den anständigen  Lebenswandel. Aber die Story stimmt nicht. Die Chancen sind ungleich verteilt, so dass die Armen gar nicht erst in die teuren Eliteuniversitäten reinkommen, in denen der Reichenklüngel ausgebrütet wird. Und die Stabilität der Ehen ist weniger mit der Moral korelliert als mit den Einkommensmöglichkeiten; der Mangel an Beschäftigung (bzw. an Lohn, der durch 2 oder 3 Jobs zugleich kompensiert wird) macht die Ehen kaputt.

Das Hauptelement der Mythen ist die Täuschung darüber, wo die Gewinner der wachsenden Ungleichheit sitzen. Die Gebildeten mit den intakten Ehen sind bloß gehobenes Mittelmaß. Die wirklichen Gewinner bestehen aus einer viel kleineren Gruppe, dem oberen 1%, wie es occupy propagierte. Doch  noch mehr sind es die oberen 0,1%, wo der wirkliche Profit gemacht wird – und wer sind diese Glücklichen? Das sind hauptsächlich Manager, speziell Finanzmanager, und die sind nicht dorthin gekommen, wo sie stehen, weil sie vorausschauend, sauber und nüchtern waren (das zielt jetzt auf Vitamin B, auf brutales Durchsetzungsvermögen oder auf den legalen Griff in die Kasse ab, d.h.letztlich auf den Profit an der Deregulierung).

Wie wird also der Mythos des wohlverdienten Reichtums aufrechterhalten? Hauptsächlich durch "distortion by dilution", Verfälschung durch Verwässerung. Man sieht nie einen Vertreter der Ungleichheit, der über das obere 1% redet, sondern da geht es immer um die oberen 20% oder bestenfalls um die oberen 5%. Das hört sich unverfänglich an, ist es aber nicht, weil die exteme Aussage über die Wall-Street-Wölfe weggemittelt wird durch eine größere Zahl von bessergestellten Anwälten, die auch in den Bereich fallen. Bezeichnend ist, dass der DiCaprio-Film über die Wall-Street-Wölfe unter ebendiesen populär ist, die lieben die miese Hauptrolle.

Gewiss bereiten diese Aussagen einigen Leuten Kopfschmerzen, und nicht alle davon sind "hired guns for the plutocracy", Mietmäuler, und sie würden lieber ein anderes Bild zeichnen. Aber die Faktenlage ist nun mal so – es gibt zuviel unverdienten Reichtum.

 

Kommenar auf der Seite der NYT dazu: Unverdient ist noch nicht mal das richtige Wort, die sind auch ganz schön inkompetent, man schaue sich nur den Zustand der globalen Ökonomie an.

Link zum NYT-Artikel The Undeserving Rich

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4 Antworten auf Der unverdiente Reichtum

  1. Argutus sagt:

    Falls das so ist, wie der Artikel beschreibt (ich selbst verstehe nicht viel von wirtschaftlichen Dingen und kann das deshalb nicht beurteilen), dann würde mich das nicht verwunden. Eines aber erscheint mir schwer glaubhaft, nämlich daß das in all den Jahrtausenden bis zu den 1970ern anders gewesen sein soll. Soweit ich die menschliche Geschichte überblicke, war Reichtum fast immer unverdient.

  2. Wilfried Müller sagt:

    Das ist sicher richtig, aber 1970 begann die Deregulierung. Bis dahin hat sich die Schere zwischen arm und reich geschlossen, und ab dann ging sie wieder auf, siehe dazu Reload 1970.

  3. pinetop sagt:

    Die Zeit von Mitte der 50er bis Mitte der 70er Jahre waren die goldenen. Eine Beschreibung liefert der marxistisch beeinflußte Historiker Eric Hobsbawm. Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1998.

  4. Wilfried Müller sagt:

    Dazu hat ZEIT ONLIINE am 27.1. einen Artikel gebracht,  Infografik – Wenige Reiche, viel Reichtum: Die Vermögen auf der Welt sind dramatisch ungleich verteilt. Wie sehr, zeigt ein Datenreport aus der Schweiz – und unsere Infografik:

    Da hat die Zeit bestechend gezeigt, wie die Verhältnisse liegen. Die Zeit-Zahlen kommen aus dem Global Wealth Databook 2013 vom Credit Suisse Research Institute (10/2013), wo diese Reichtumspyramide dasselbe in anderer Form ausdrückt:

    Links der Reichtum bzw. die Armut pro Person, in der Mitte die Anzahl Millionen Erwachsene, rechts die Reichtums-/Armutsumme der Schicht und ihr Prozentanteil am ganzen Reichtum – die oberen 0.7% haben 14 Mal soviel wie die unteren 68,7%!

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