Kirch-Pleite in Geld verwandelt

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Zunächst das aktuelle Geschehen, das in einem Triumph der Kirch-Nachfahren besteht, gespiegelt in den Berichten der Süddeutschen Zeitung (Bild: Organisationsstruktur der Kirch-Gruppe im Jahr 2002, ca. 75 Bausteine, Frank Murmann, Wikimedia Commons):

 

  • Vergleich angestrebt – Deutsche Bank will Kirch-Erben 800 Millionen Euro zahlen (SZ 19.2.): hier steht der inkriminierte Satz vom Deutsche-Bank-Chef Breuer zu der Frage, ob man Kirch helfen solle, weiterzumachen: "Das halte ich für relativ fraglich. Was alles man darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen. Es können also nur Dritte sein, die sich gegebenenfalls für eine, wie Sie gesagt haben, Stützung interessieren."
  • Angestrebter Vergleich – Deal zwischen Deutscher Bank und Kirch-Erben (SZ 19.2.): Die Deutsche Bank steht kurz vor einem Vergleich mit den Kirch-Erben – der Deal wird das Geldhaus wohl mehr als 800 Millionen Euro kosten. Für Breuer, ehemaliger Chef des Geldhauses, eine unglückliche Wendung.
  • Einigung mit Kirch-Erben – Deutsche Bank kauft sich frei (SZ 20.2.): Jetzt wird die Summe von  925 Millionen Euro incl. Zinsen genannt. Wer hätte gedacht, dass ein Satz so teuer werden könnte? Von alleine kam das nicht, wie der folgende Artikel zeigt.
  • Deutsche Bank – Das 800-Millionen-Interview – Kommentar von Andrea Rexer (SZ 20.2., nicht online): Die Anwälte von Kirch haben die Deutsche Bank von allen nur erdenklichen Seiten her angegriffen, blockierten die Hauptversammlungen mit bohrenden Fragen zu allen möglichen unangenehmen Themen, jede Kleinigkeit wurde als Anlass für eine Klage genutzt. Der Streit um das Interview stellte so die Reputation der Bank ständig in Frage.

Auch die Justiz hat mitgezogen, indem sie diesen Prozess mit größter Intensität pflegte. Wenn man sich anschaut, um wen es sich handelt, tauchen allerdings Fragen auf. Wieso wurden die Aktivitäten von Kirch nie mit der gleichen Intensität verfolgt? Wieso wurden die ganzen Affairen stillschweigend übergangen, obwohl die Medien stets neuen Verdacht weckten?

Dazu kann man den topaktuellen wiki-Artikel zu Leo Kirch anschauen, letztes Update vom 20.2.2014. Dort ist der Lebensweg von Kirch beschrieben, zuerst Filmrechtehändler, dann Medienunternehmer mit Free-TV-Firmen und superteuren Bundesligarechten, und laut wiki mit Finanzschwierigkeiten schon seit den 1990-er Jahren. Das Agieren am Rand der Insolvenz war damals noch etwas Besonderes, nicht so wie heute, wo die Wege mit Pleitebanken und -staaten gesäumt sind. Im Jahr 2002 kam dann die Insolvenz des Kirch-Imperiums von ca. 75 Firmen und Beteiligungen, ausgenommen die Schweizer Firmen, die erstaunlicherweise nicht in die Insolvenzmasse fielen.

In diese Zeit fiel das Breuer-Interview, an dem der endgültige Niedergang festgemacht wurde. Da begann dann die letztlich erfolgreiche Klagenprozession von Kirch und seinen Erben gegen die Deutsche Bank. Die war viel erfolgreicher als die Bemühungen des Konkursverwalters, der an die Gelder nicht herankam, die Kirch in seine Schweizer Firmen gebracht hatte. So war ein Comebackversuch Kirchs möglich, wo er mit einigen Hundert Millionen wieder in den Fernsehrechtehandel einsteigen wollte, aber vom Bundeskartellamt daran gehindert wurde. Jeder kann sich selber ausmalen, was die Bundesrichter dazu bewogen hat, vielleicht die Art, wie er das Geld über seinen Konkurs hinaus gerettet hat?

Das war ja zum gößten Teil gepumptes Geld, wie das Springer-Wort von Kirch als "Kapitalist ohne Kapital" besagt, dazu Friede Springer – "Mich zu formen, wie Axel Springer es getan hat, das würde heute nicht mehr gehen" (manager magazin online, 25.7.2001): Leo Kirch, der hiesige Medienmogul, war abgebrannt, auf den Hund gekommen, und es stand zum Verzweifeln schlecht um ihn. Aber er kämpfte um sein Lebenswerk, wie ein Berserker – und Friede Springer kämpfte um das ihre: die Mehrheit an der Axel Springer AG.

Mag schon sein, dass Kirch ein Kapitalist ohne Kapital war, was er aber reichlich hatte, waren konservativ-katholische "Männerfreundschaften", zuletzt angesprochen in Bitterer Beigeschmack – Wulff und seine reichen Freunde (EXPRESS.DE 21.12.11): Kanzler Kohl pflegte seine berüchtigten Männerfreundschaften zu Amtskollegen aus Frankreich (Mitterrand) oder Russland (Jelzin), aber auch zu Wirtschaftsbossen wie dem Medienmogul Leo Kirch.

Und was für Freundschaften das waren, dazu steht bei wiki u.a.: Im Rahmen von Presseveröffentlichungen zum Insolvenzverfahren der Kirch-Gruppe wurde im Jahr 2003 bekannt, dass Kohl umstrittene Beratungsverträge mit dem Unternehmen gehabt hatte. Kohl hatte nach seiner Kanzlerschaft drei Jahre lang jeweils 600.000 DM erhalten, während er als Abgeordneter im Bundestag saß. Von Seiten der Grünen wurde dazu der Verdacht der Vorteilsnahme ausgesprochen.

Woanders hört sich das auch nicht besser an, z.B. AFFÄREN – Kirchs Rentenkasse (DER SPIEGEL, 14.4.03): Bislang streng geheime Unterlagen belegen: Leo Kirch versorgte die Polit-Pensionäre Helmut Kohl, Theo Waigel und Wolfgang Bötsch mit lukrativen Verträgen. Außer dem Ex-Kanzler wurden laut Spiegel noch mindestens vier Mitglieder der damaligen schwarz-gelben Regierungskoalition mit lukrativen Verträgen versorgt, und zwar nach ihrem Ausscheiden aus der ersten Reihe der Bundespolitik. Der Spiegel ironisch: Hochkarätiger und vor allem umfassender ließ sich wohl kaum je ein Unternehmer beraten.

 Dazu noch ein Kirch-Artikel Der Ungeheure (taz, 23.02.02): Natürlich ist Kirch ein Freund des Bundeskanzlers a. D. Helmut Kohl. … Und wenn der bayerische Ministerpräsident und frisch gebackene Kanzlerkandidat Edmund Stoiber von "unseren deutschen Medienunternehmern" spricht und die "Aufgabe des Staates" darin sieht, "die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Medienunternehmen im internationalen Wettbewerb bestehen können" – wie im vorigen Oktober auf den Münchner Medientagen geschehen -, dann meint er als treuer Standortförderer damit natürlich eher Kirch als Bertelsmann.

Genaueres steht dann in Bilanz zu fünf Jahre Landesbank-Kommission – Das politische und finanzielle Desaster der Landesbank (Bündnis 90/Die Grünen in "Milliardengrab Landesbank", 11.7.13) unter Formel 1-Rechte: Obwohl die Risikoabteilung der BayernLB eindringlich davor warnte, zahlte die BayernLB auf Drängen Stoibers im Jahr 2001 einen zwei Mrd. DM Kredit an Leo Kirch, der nur ein Jahr später pleite war. Die BayernLB hatte dadurch einen Verlust von 1,1 Mrd. Euro zu verkraften und kam dafür in den Besitz der Formel 1-Rechte.

Man darf getrost davon ausgehen, dass Stoiber auch zu den "Männderfreundschaften" des Medienmoguls Kirch gehörte. Anders ist kaum zu erklären, warum er öffentliches Geld an eine konkursbedrohte Firma gab, die aus einem Konglomerat von ca. 75 Einzelfirmen und Beteiligungen bestand, die z.T. im Steuerparadies Schweiz angesiedelt waren. Ob für Stoiber auch ein Beratervertrag geplant war, das darf sich jeder selber ausmalen.

Bleibt die Frage, wieso die Justiz sich dermaßen für Kirch & Nachfahren ereifert hat, während es in der Frage Ex-Kanzler-Beratungsvertrag gar keinen Ansatz zur Strafverfolgung gab. Ebensowenig bei dem Stoiber-Übergriff auf das Landesbank-Geld zugunsten Kirchs. Auch nicht bei der Rettung der Kirch-Millionen in den Schweizer Firmen. Da staunen nicht nur die Laien.

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2 Antworten auf Kirch-Pleite in Geld verwandelt

  1. pinetop sagt:

    Die Entschädigung dürfte niemand in der deutschen Bank als pea nuts bezeichnen.

  2. Wilfried Müller sagt:

    Ein bisschen nuts aber schon. Ich überlege mir, ob das Gericht die Deutsche Bank vielleicht für die 25% Aktionärsrendite abstraft, die sie sonst nicht ahnden können? Bloß gegen den Kirch sind die Gerichte nie eingeschritten.

    Nachtrag 22.2.: Die SZ berichtet in Deutsche Bank und Kirch – Moralischer Ruin (21.2.) über den Banker Breuer:  Darüber hinaus entwickelten seine Leute zugleich Pläne, wie sie die strauchelnde Mediengruppe aufspalten und deren werthaltige Teile verkaufen könnten, zum Vorteil der Bank: Diese Parallelität, die erst später herauskam, war nicht nur eine große Niederträchtigkeit, sondern bekam jenseits dieser moralischen Kategorie nach Ansicht mancher Juristen im Verlaufe der Kirch-Prozesse auch noch kriminelle Züge.

    Also die DB hatte Pläne zum Aufspalten, na und? Die Zeitungen haben auch Nachrufe parat, man will doch vorbereitet sein. Von Niedertracht und kriminell könnte man nur reden, wenn die DB Pläne gehabt hätte, Kirch absichtlich in die Pleite zu treiben. Da haben die Banken ganz andere Sachen gemacht, z.B. gegen die eigenen Kunden spekuliert, weil deren Konkurs durch Konkursausfallversicherungen mehr Profit bringt als die Kreditzinsen. Damit sind sie unbehelligt durchgekommen, so dass sich wieder die Frage nach der Bevorzugung von Kirch stellt. Dann müsste man Kirch an denselben Maßstäben von Niedertracht und Kriminalität messen, z.B. sind die "Männerfreundschaften" zu hinterfragen.

    … und dann noch das besondere Kirchgeld …

    Na gut, Spaß beiseite, hier noch ein Nachtrag aus der SZ vom 27.2., Constantin Medien – Kirch-Firma will Schadensersatz von BayernLB: Der Streitfall könnte zum Politikum werden: Die BayernLB soll einstige Formel-1-Anteile von Leo Kirch zu billig verkauft haben – Constantin Medien fordert nun Schadensersatz, die Landesbank weist die Ansprüche zurück.
    Merkwürdig, dass nicht die Kirch-Firma angeklagt wird, weil sie Staatsknete für Privatzwecke  missbraucht hat.

     

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