Kann ich meinem Hirn trauen? (2. Teil – reloaded)

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Dr. Peter Hank (Volkshochschule München) hat uns den zweiten Teil seines Vortrags über die Kognition zur Verfügung gestellt (Bild: Modell zur menschlichen Psyche, Kognition, OnkelDagobert, Wikimedia Commons):

 

 

Kann ich meinem Hirn trauen? (2. Teil – reloaded)

Im ersten Teil von „Kann ich meinem Hirn trauen?“ (http://www.wissenbloggt.de/?p=22453) wurde am Beispiel der optischen Täuschungen, aber auch anhand anderer bekannter Effekte wie dem Bestätigungsfehler gezeigt,

  • dass unser Hirn sehr gut dazu geeignet ist, Muster (wie z. B. Gesichter) zu erkennen,
  • dabei aber leicht über das Ziel hinausschießt und Muster auch dort findet, wo keine sind und
  • es sich sehr schwer dabei tut, falsch erkannte Muster wieder zu verwerfen, da wir dazu neigen, nur die bestätigenden Fakten zu registrieren (Bestätigungsfehler).

Im zweiten Teil soll nun behandelt werden, warum unser Hirn von der Evolution darauf programmiert wurde Muster zu finden und warum derselbe Mechanismus, der zu Urzeiten unser Überleben gesichert hat, heute für uns gefährlich ist. Es geht um die Frage:

Fürchtet sich unser Hirn vor den falschen Dingen?

Machen wir zuerst einen zeitlichen Rücksprung in die Steinzeit. Stellen wir uns dazu vor, ein Höhlenmensch fragt sich, ob Tiger gefährlich sind? Er denkt: „Mein Großvater, der Nachbar in der Höhle im zweiten Stock, der nervige Schwager mit seinem neumodischen Rad-Dings und die süße, kleine Schwester wurden von Tigern gefressen – also Tiger sind wohl gefährlich.
 

Statistik - vom Tiger gefressen
Also wenn ich einen Tiger sehe, dann frage ich nicht lange, sondern laufe!
Sehr schnell,
sehr weit,
nicht umsehen!

Das läuft unter dem Stichwort Häufigkeitsheuristik und hat zu Zeiten der Höhlenmenschen gut funktioniert. Damals war es auch sinnvoll, sich zur sicheren Seite hin zu irren und eher zu viele Gefahren zu sehen als zu wenige.
Jetzt stellen wir uns vor, der Höhlenmensch würde heute leben und die Zeitung lesen. Dann würde er von Gefahren lesen wie:

Bildzeitung 5.10.2013:         Bayer in Indien vom Blitz erschlagen
oder
Süddeutsche 19.1.2012:     Australier bei Haiangriff schwer verletzt
oder
Stuttgarter Zeitung 17.2.2014:     Flugzeugabsturz in Nepal: Alle 18 Insassen tot

Wenn er jetzt glaubt, dass sind die Gefahren des modernen Lebens, dann hat ihn sein Gehirn in die Irre geführt. Statt auf Haie zu achten sollte er lieber nach links und rechts schauen, bevor er über die Straße geht. Aber Autounfälle schaffen es nicht so oft auf die Titelseite, sondern nur als kleine Meldung in den Lokalteil.

Aber es hilft zu verstehen, warum es so viele Menschen mit Flugangst gibt. Nicht weil Fliegen so gefährlich ist. Das Risiko für einen tödlichen Autounfall für die gleiche Strecke ist 30x höher als beim Fliegen. Aber wenn es einen Flugzeugabsturz irgendwo auf der Welt gibt, dann wird dafür gesorgt, dass unser Hirn davon erfährt und es vermerkt auf seiner internen Strichliste „Fliegen ist gefährlich“.
Tote Fliegen und Fahren

Dazu noch mein persönliches Lieblingsbeispiel zu überschätzten Gefahren – ja, hier würde ich mit Fug und Recht von Panikmache sprechen.
Es gab in den Medien breit ausgewalzte Lebensmittelskandale zu Nitrofen, Gammel- und Pferdefleisch. War es Betrug?  – sicher; war es unappetitlich? – auf jeden Fall; war es gefährlich? – nein, man stirbt nicht an Pferdefleisch! Der einzige Lebensmittelskandal bei dem überhaupt eine deutliche Zahl von Menschen gestorben ist, war EHEC mit bedauerlichen 53 Todesfällen. Aber sehen Sie in die Graphik unten. Wissen sie, wofür die beiden anderen, noch höheren Säulen stehen? Welches die noch häufigeren Todesursachen beim Essen sind?
 Todesfälle beim Essen
Die Säule direkt neben EHEC sind Todesfälle durch Salmonellen (70-80 jedes Jahr in Deutschland – die 53 EHEC-Toten hingegen waren ein singulärer Fall). Die noch höhere Säule steht für die 130 Menschen in Deutschland, die jedes Jahr dadurch sterben, dass sie sich am Essen verschlucken.
Also hören sie auf das, was schon ihre Mutter Ihnen gepredigt hat:

 Schneid Dein Fleisch klein!  

Was können wir nun unserem Höhlenmenschen (und damit uns selbst, denn unser Hirn denkt immer noch ähnlich) raten, wenn er wissen möchte, was wirklich gefährlich ist.

Ein mächtiges Hilfsmittel gegen die interne Strichlist, Häufigkeitsheuristik und Bestätigungsfehler ist es eine ordentliche Statistik zu machen (zu Statistik möchte ich hier auch mal noch einen Beitrag schreiben). Besucht man z. B. die Webseite von Cancer Research UK , so findet man dort aufschlussreiche Informationen, welche Faktoren man selber in der Hand hat, um sein Krebsrisiko (für Herz-Kreislauferkrankungen kommt nicht viel anderes raus) zu vermindern (siehe http://www.cancerresearchuk.org/prod_consump/groups/cr_common/@nre/@hea/documents/image/cr_082588.pdf).

Kaum verwunderlich finden sich hier auf den Top 4, der vermeidbaren Risiken:

  • Rauchen.
  • Übergewicht
  • Zu wenig Obst und Gemüse
  • Alkohol

Derselbe Rat wie oben: Hören sie auf Ihre Mutter:

Iss Dein Obst und Gemüse!
Geh raus spielen!
Und Rauchen und Trinken sollst Du auch nicht.

 

Für mich ist das dann die frohe Botschaft:
Wenn man sich um die überschaubare Anzahl wirklich wesentlicher Themen (Rauchen, Alkohol, Übergewicht, Obst&Gemüse) kümmert, dann hat man die Hauptrisiken erledigt.
Die anderen Fragen: Butter oder Margarine, Salz oder nicht, Bio oder konventionell – das alles hat nur noch einen verschwindend kleinen Einfluss auf Ihre Gesundheit und oft ist noch nicht einmal klar in welche Richtung – davon braucht man sich nicht verrückt machen lassen. Und dann brauchen Sie auch keine Angst mehr vor der Frage haben:

Fürchtet sich unser Hirn vor den falschen Dingen?

Wer sich noch tiefer mit dem Thema beschäftigen will, dem empfehle ich das Buch „Die Angst der Woche: Warum wir uns vor den falschen Dingen fürchten“ von Walter Krämer (http://www.amazon.de/Die-Angst-Woche-falschen-f%C3%BCrchten/dp/3492054862).

 

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